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Young Agents

In gefährlicher Mission

Band 2

eISBN 978-3-96129-157-1

Edel Kids Books

Ein Verlag der Edel Germany GmbH

Copyright © Edel Germany GmbH,

Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Text: Andreas Schlüter

Lektorat: Nina Schnackenbeck

Coverillustration: Max Meinzold

Covergestaltung: Antje Warnecke, www.nordendesign.de

unter Verwendung von Illustration und Gestaltung von

© Max Meinzold

ePub-Konvertierung: Datagrafix GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

INHALT

Probleme zu Hause

Unglaublicher Zufall

Zurück zu Hause

Die Jagd geht weiter

Alte Handys, neue Spur

Ein gefährlicher Zwischenfall

Unverhoffte Hilfe

Gefährliche Nacht – Erster Teil

Gefährliche Nacht – Zweiter Teil

Ein verwegener Plan

Letzte Vorbereitungen

Der Angriff


PROBLEME ZU HAUSE

Wo bin ich? Das Zimmer, in dem ich aufwache, ist mir fremd. Sofort läuten in mir sämtliche antrainierten Alarmglocken. Automatisch scanne ich den Raum mit meinen Augen nach Fluchtmöglichkeiten ab (das Fenster ist nicht zu öffnen, ich befinde mich in einer oberen Etage, also kann ich mich höchstens hinter der Tür verstecken, dann raus), ebenso nach Gegenständen, die ich als Waffen zu meiner Verteidigung verwenden könnte (Glaswasserflasche auf dem Schreibtisch, langer Schuhanzieher aus Metall am Garderobenhaken neben dem Schrank).

Erst nach diesem Check, der innerhalb weniger Sekunden abläuft, besinne ich mich.

Ich habe lange und tief geschlafen. Das habe ich schon ewig nicht mehr. Deshalb hat es ein wenig gedauert, ehe ich mich erinnere: Ich befinde mich in einem Hotelzimmer in Paris, außerhalb akuter Gefahr. Zimmerkategorie: vier Sterne. Nicht übel. Allemal besser als die Gästezimmer des Geheimdienstes oder die Jugendherbergen, die ich noch blöder finde, in denen wir sonst untergebracht werden – in Berlin, London oder Paris. Projekt »Milestone«. Ein streng geheimes Programm des europäischen Geheimdienstes zur Ausbildung speziell ausgesuchter Kinder zu Geheimagenten. Herausgekommen sind eine Handvoll YOUNG AGENTS, keiner älter als 15, verteilt über ganz Europa, die je nach Anlass und Aufgabe in Teams zusammengestellt und in den Einsatz geschickt werden. In unserem Fall sind das Naomi aus Paris, Charles aus London und ich, Billy (Agentenname Liam), aus Hamburg.

Gestern Nacht haben wir unseren Einsatz abgeschlossen mit einem – wie ich finde – recht ordentlichen Teilerfolg: Wir haben ein großes, internationales, illegales und gefährliches Waffengeschäft verhindert. Allerdings sind uns die Drahtzieher durch die Lappen gegangen: der Boss und sein Komplize, Shionas Vater Thorsten Maffei.

Ach ja, Shiona! Ein aufgeregtes, aufgetakeltes Girlie, das mit ihrer besten Freundin Kati eine Popband gegründet hat, zu der wir – also Naomi, Charles und ich – hinzugestoßen sind. Natürlich ahnt sie nicht, weshalb wir wirklich bei ihr mitmachen: um als Agenten an ihren Vater heranzukommen, einen der übelsten Schwerverbrecher Europas, und um möglichst gleich den Chef aller Gangsterbosse ebenfalls zu überführen. Den Boss, dessen Namen noch immer keiner kennt.

Ich schaue auf die Uhr. Erst acht! Und ich bin ausgeschlafen? Auch gut. Zum Glück bin ich gestern sehr früh ins Bett gegangen. So habe ich wenigstens genügend Zeit, mich frisch zu machen, gemütlich zu frühstücken und dann … Nein, leider noch nicht nach Hause zu fliegen. Unser Auftrag ist nämlich noch nicht abgeschlossen. Erst müssen wir die beiden Gangster schnappen. Statt Freizeit und anschließendem Flug nach Hause, haben wir gleich noch ein Treffen mit Shiona vor uns. Für ein angebliches Zeitungsinterview, das in Wahrheit gar keines ist.

Um Shiona hierher ins Hotel zu locken, hatten wir ihr gestern die Notlüge aufgetischt, dass uns angeblich heute Morgen der Redakteur einer wichtigen Musikzeitschrift treffen und interviewen wolle. Denn um zu uns kommen und das Interview wahrnehmen zu können, musste sie ihren Vater um Hilfe bitten: Er sollte ein Zimmer für »die Band«, also uns, buchen und veranlassen, dass Shiona von der Yacht abgeholt und zum Hotel chauffiert wurde. Genug familiäre Aufgaben, um Shionas Vater so lange abzulenken und zu beschäftigen, bis die Polizei vor Ort sein konnte, um das Waffenlager zu stürmen und die Drahtzieher festzunehmen.

Unser Plan ging auf. Zunächst. Doch als die Polizei zur Razzia anrückte, waren Shionas Vater und der Boss plötzlich auf wundersame Weise verschwunden. Minuten zuvor hatten sie sich noch auf dem Fabrikgelände aufgehalten. Ich habe sie selbst gesehen. Dann aus den Augen verloren. Und weg waren sie! Total irre!

Immerhin hatte Thorsten Maffei seiner Tochter den Gefallen getan, das Hotelzimmer für Shiona und uns gebucht und dafür gesorgt, dass sie ins Hotel gefahren wurde.

Und genau darum bin ich also in einem Vier-Sterne-Hotel aufgewacht, das einer der größten Gangster Europas für mich gebucht hat, während er mir gleichzeitig entwischt ist. Verrückt!

Okay, da sind wir also. Shiona sitzt vermutlich schon übernervös unten im Foyer und wartet auf einen Redakteur, den es in Wahrheit gar nicht gibt. Die Pariser Geheimdienstzentrale wird jemanden schicken, der sich als Redakteur ausgibt und uns »interviewen« wird.

In Wirklichkeit aber geht es uns einzig darum, über Shiona herauszubekommen, wohin ihr Vater abgehauen ist und wo er sich gerade aufhält.

Dieses »Interview« ist um zehn Uhr, eine Stunde früher treffen wir uns mit Shiona. Also raus aus dem gemütlichen King-Size-Bett, ab ins Bad. Ich will schließlich noch viersternefrühstücken.

Noch auf dem Weg zum Klo piept mein Smartphone. Soll ich nachsehen? Nein, erst mal pinkeln. Dann Zähne putzen, dann duschen, dann … Ich sehe nach.

Und bereue es sofort. Eine Nachricht meiner Eltern:

Billy, wo steckst du?

Wir haben ein Problem und brauchen deine Hilfe.

Dringend.

Melde dich.

Oh nein! Was ist denn bei denen schon wieder los?

Meine Eltern wissen zwar, dass ich YOUNG AGENT bin. Aber nicht das kleinste Detail über meine Einsätze. Deshalb rufen sie auch nie an, sondern melden sich – wenn überhaupt – immer nur per verschlüsselter Textnachricht.

Bevor ich antworte und mir erklären lasse, was los ist, mache ich mir lieber erst mal selbst ein Bild. Meine Eltern neigen nämlich dazu, einerseits maßlos zu übertreiben, andererseits stets das Wesentliche wegzulassen. Stattdessen lassen sie sich stundenlang über belanglose Kleinigkeiten aus.

Als YOUNG AGENT habe ich natürlich auch unsere eigene Wohnung restlos verkabelt. Genau für Fälle wie diesen, wenn zu Hause irgendetwas Blödes, Unvorhergesehenes passiert.

Ich schaue mir per Smartphone also die Webcamübertragung aus unserer Wohnung an: Im Wohnzimmer sitzen meine Eltern. Vor ihnen steht ein fremder Mann mit einer Aktentasche unter dem Arm. In den Händen hält er einen Stift und ein Klemmbrett und macht sich Notizen.

Wer ist das? Was will der?

Das ist übrigens der Grund, weshalb meine Eltern so gut wie nichts über meine Agententätigkeit wissen. Die Gefahr wäre zu groß, dass sie – auch unwissentlich – irgendwelche Geheiminformationen ausplappern. Meine Eltern, das muss ich eingestehen, sind zwar äußerst lieb und herzlich, aber leider nicht besonders klug.

Ihr Hilferuf ist ganz aktuell. Das Problem steht noch in der Wohnung. Auch das ist typisch für sie. Sie erkennen meist erst, dass sie in Schwierigkeiten stecken, wenn es längst zu spät ist.

Ich zoome ran und sehe, wie der fremde Mann etwas aus seiner Aktentasche zuppelt. Dann geht er zum 75-Zoll-Flatscreen-Fernseher meiner Eltern und klebt etwas daran. Was ist denn mit dem los? Der kann doch nicht einfach einen Sticker auf den Fernseher meiner Eltern pappen!

Ich zoome noch weiter an den Sticker ran – und da wird mir sonnenklar, wer der Typ ist: ein Gerichtsvollzieher. Und er ist gerade dabei, Dinge meiner Eltern zu pfänden!

Oh Scheiße! Die Mietschulden! Die hatte ich ganz vergessen! Der Geheimdienst bezahlt unsere Wohnungsmiete, indem er meinen Eltern das Geld überweist. Über eine Tarnadresse, selbstverständlich: »Onkel Thomas aus Washington, USA«. Meine Eltern haben das leider irgendwie missverstanden beziehungsweise ganz wörtlich genommen (obwohl es gar keinen Onkel in den USA gibt!) und das Geld anderweitig ausgegeben. Seit drei Jahren! So lange sind sie nun im Mietrückstand. Vor Kurzem hab ich gerade noch verhindern können, dass wir aus der Wohnung fliegen. Aber bezahlt werden muss die Miete natürlich trotzdem. Ich wollte mich drum kümmern – und hab’s vergessen. Mist! Mist! Mist!

»Hey! Was ist? Bist du soweit?« Naomis Stimme dringt vom Hotelflur durch die Tür ins Zimmer. Sie klopft gleichzeitig an die Tür.

Nur in Unterhose und T-Shirt blinzle ich durch den Türspalt und sage zerknirscht: »Mir geht’s irgendwie nicht so gut. Könnt ihr das Interview bitte ohne mich machen?«

»Was?«, fragte Naomi erstaunt. »Wieso? Was ist mit dir los?«

Ich will gerade loslegen, ihr etwas vorzuflunkern von wegen Magen verdorben oder so. Aber obwohl ich als ausgebildeter Agent hervorragend lügen und täuschen kann und ich wirklich gut darin bin, mir aus dem Stehgreif irgendwelche Geschichten auszudenken, weiß ich genau: Naomi kann ich nichts vormachen. Noch von der Agentenakademie her kennen wir uns zu gut, als dass sie nicht sofort bemerken würde, dass ich sie belüge.

»Also schön«, gebe ich gleich wieder auf. »Ich kann nicht. Ich muss etwas erledigen.«

Naomi kräuselt die Stirn. »Spinnst du? Wir müssen …«

Sie bricht ab, schaut sich zu allen Seiten um und fährt im Flüsterton fort: »Du weißt genau, worum es geht.«

»Na klar weiß ich das!« Weit können Shionas Vater und der Boss nicht sein. Wir müssen dranbleiben. Trotzdem: Ich kann nicht. Die Zentrale darf niemals etwas von den Mietschulden erfahren, aber Naomi kann ich es sagen. Ich halte ihr mein Smartphone vor die Nase.

»Wer ist das?«, fragt sie.

»Gerichtsvollzieher. Bei uns zu Hause! Ich muss das regeln. Sofort!«

»Merde!«, flucht Naomi.

Ich nicke. Da hat sie so was von recht.

Naomi überlegt einen kurzen Moment, dann flüstert sie mir zu: »Aber krankmelden können wir dich nicht. Dann schickt die Zentrale sofort einen Arzt. Was hast du denn vor? Wo willst du hin?«

Ich schüttle den Kopf. »Das kann ich dir wirklich nicht sagen.«

»Okay!« Naomi zeigt Verständnis. »Dann sage ich, du verfolgst eine andere heiße Spur. Mehr müssen die erst mal nicht wissen.«

»Alles klar«, antworte ich. »Danke! Und was erzählst du Shiona?«

»Der erzähle ich, du bist am Kotzen. Fischvergiftung oder so.«

»Gut. Noch mal danke!«

Ich schließe wieder die Tür. Und muss immer noch pinkeln. Die Blase drückt. Aber zuvor tippe ich noch ein paar Tasten auf meinem Smartphone.

Als Erstes aktiviere ich mit einem speziellen Code die Geheimdienstfunktionen auf meinem Gerät. Dann öffne ich die Karte, auf der alle von mir versteckten GPS-Chips angezeigt werden. Der, den ich suche, blinkt grün. Volltreffer! Er ist noch – oder wieder? – in der Nähe. Es ist der Chip im Geldkoffer. Der Koffer, mit dem Shionas Vater den Transport der illegalen Waffen von Hamburg nach Paris per Schiff bezahlt hat. Genau diese Waffen haben wir gefunden und beschlagnahmt. Genauso wie der Boss und Shionas Vater war auch der Geldkoffer plötzlich von der Bildfläche verschwunden. Jetzt blinkt er also wieder. Wahrscheinlich war er in einem Safe untergebracht, der den GPS-Sender blockierte. Wird er gerade weitertransportiert, oder nimmt jemand das Geld sogar an sich? Eine Million Euro!

Ich muss mich beeilen, wenn ich davon etwas abbekommen will. Etwas mehr als vierzigtausend Euro brauche ich. Das wird im ersten Moment gar nicht auffallen. Ich hätte mir das Geld nehmen sollen, als ich den Sender im Koffer versteckt habe. Aber ich bin eben kein Dieb.

Das hier ist jedoch ein Notfall. Ich sehe keine Chance, die Mietschulden meiner Eltern anderweitig so schnell aufzutreiben. Außerdem wurde das Geld illegal beschafft, da schadet es doch nicht, die Gangster ein wenig um ihre Beute zu erleichtern. Was soll’s also? Ich schnapp mir das Geld. Nur die Zentrale darf davon niemals erfahren.

Wieder ein Blick auf die Karte: Wer immer den Koffer gerade hat, ich weiß, wo er sich in diesem Moment befindet. Endlich kann ich ins Bad und pinkeln.

Das Frühstück, auf das ich mich doch so gefreut hatte, muss ich sausen lassen. So ein Mist! Ich liebe es, im Hotel zu frühstücken. Leider habe ich nur selten Gelegenheit dazu, denn anders als erwachsene Agenten kann man uns YOUNG AGENTS nicht so einfach ohne Eltern oder Begleitung anderer Erziehungsberechtigter in einem Spitzenhotel unterbringen. Das würde sofort unangenehme Fragen aufwerfen. Da wohne ich endlich mal in einem guten Hotel, und schon wird es nichts mit meinem »reichhaltigen Frühstück«, wie ein Werbeaufkleber im Fahrstuhl verspricht. Rührei, Crêpes, Cornflakes, frische Brötchen, Nuss-Nougat-Creme zum Abwinken … Ich darf gar nicht dran denken. Es nützt nichts, ich muss los, wenn ich mir das Geld nicht entgehen lassen will. Denn der Koffer bewegt sich, wie ich an dem blinkenden, kleinen grünen Punkt auf meiner Karte erkennen kann, weg vom Schiff, Richtung … Ja, wohin? Direkt nach Paris? Das wäre zu weit. Über eine Stunde Fahrtzeit. Wird der Koffer im Hafenviertel bleiben? Der momentane Inhaber des Koffers wird das Geld doch wohl nicht zur Bank bringen? Schließlich ist es Schwarzgeld. Das zahlt man nicht bei einer Bank ein.

Vor dem Hotel orientiere ich mich, um dem Signal zu folgen. Im Moment muss ich dazu sogar gar nicht viel tun, denn der Koffer kommt offenbar auf mich zu. Und zwar auf der Straße Quai George V. Da die in meine Richtung eine Einbahnstraße ist, kann der Träger des Koffers nicht mit dem Auto unterwegs sein. Vielleicht mit dem Fahrrad? Dafür bewegt sich der grüne Blinkepunkt jedoch auffällig langsam mit einer Geschwindigkeit von nicht mal fünf Stundenkilometern. Der geht zu Fuß! Dann kann auch ich zu Fuß gehen.

Ich warte noch. Vielleicht will der Kofferträger ins Hotel? Hält sich der Empfänger etwa genau hier auf? Wird das Bestechungsgeld für den illegalen Transport gleich an jemanden weiterübergeben? Ich halte das für die wahrscheinlichste Möglichkeit. Immerhin haben sich gestern einige »Geschäftsfreunde« des illegalen Waffenhandels hier im Hotel getroffen. Und um ein Haar wären wir von ihnen erwischt worden …

Genau genommen bräuchte ich einfach nur hier unten im Foyer sitzenzubleiben und abzuwarten, bis die Person mit dem Koffer eintrifft. Doch das ist mir zu gefährlich. Der Kofferträger kennt mich vermutlich gar nicht, aber hier ist das Risiko zu hoch, dass mir Shiona über den Weg läuft und sie unwissentlich alles vermasselt. Es wundert mich ohnehin, dass sie nicht schon längst im Foyer ist und alle verrückt macht. Umso besser für mich, dass sie nicht da ist. Aber sie wird bestimmt nicht lange auf sich warten lassen. Lieber verlasse ich schnell das Hotel, verstecke mich hinter der nächsten Straßenecke und behalte den Eingang im Auge. Es wird nicht so einfach sein, den Kofferträger zu identifizieren, wenn ich ihm vorher nicht schon mal begegnet bin. Denn Männer mit Aktenkoffern sind hier im Hotel nicht gerade selten. Da nützt mir selbst der GPS-Chip nichts, wenn zwei oder drei von denen mit ihren immer gleichen Koffern nebeneinanderstehen.

Doch halt! Der Punkt bewegt sich nicht mehr. Was ist passiert? Eine rote Fußgängerampel? Ich ziehe mit zwei Fingern die Karte auf dem Display größer, damit sie mir mehr Details anzeigt. Zum Beispiel die Caisse d’Epargne Le Havre les Halles. Eine Bank, klein nur, nicht größer als eine gewöhnliche Dorfsparkasse, aber eine Bank.

Also doch? Das ist ja irre, eine Million Euro Schwarzgeld auf ein Konto einzuzahlen! Das … Moment mal. Aber natürlich! Wer spricht denn von Einzahlen? Deponieren wird er es. In einem Bankschließfach. Da fragt kein Mensch nach dem Inhalt eines Aktenkoffers. Da guckt nicht mal einer zu. Kann man in einem normalen Schließfach denn mal eben so eine Million Euro verstauen? Mir kommen die viel kleiner vor. Vielleicht täusche ich mich. Der Punkt auf meiner Karte sagt mir jedenfalls: Die Person mit dem Koffer hat die Bank betreten.

Und ich stehe hier blöd neben dem Hotel rum und warte darauf, dass mir die Beute wie ein gebratenes Hähnchen im Schlaraffenland direkt in den Mund fliegt. Ich muss dorthin. Sofort renne ich los. Es sind anderthalb Kilometer, gerade Strecke. Dafür brauche ich, wenn ich gut durchkomme, rund sechs Minuten. Im normalen Fußgängerverkehr sicher länger. Aber mit etwas Glück komme ich rechtzeitig an. Ich rase den Bürgersteig entlang, vorbei an einem älteren Mann mit Rollator, kann gerade noch einem Kinderwagen ausweichen, stoße mit dem Knie schmerzhaft gegen einen Einkaufskorb und erreiche nach siebeneinhalb Minuten endlich die Bank, husche hinein und – was jetzt?

Ich bin stark außer Atem, muss erst mal verschnaufen, sehe mich dabei um und entdecke einen Mann mit Aktenkoffer. Es ist der Kapitän des Frachters, der die Waffencontainer verschifft hat. War ja klar!

Ein Bankangestellter mit einem Schlüssel winkt den Kapitän gerade mit sich. Beide gehen eine Treppe hinunter. Klare Sache, die gehen zu den Schließfächern. Nix wie hinterher!

Das ist natürlich ein Risiko. Eigentlich. Ein Erwachsener, der zwei anderen auf dem Weg zu den Schließfächern folgen würde, ohne sich vorher anzumelden, riefe sofort Argwohn hervor. Aber ich bin ein Kind. Zumindest in den Augen der Erwachsenen. Niemand achtet auf mich. Und selbst wenn, kann ich sagen, ich sei mit meinem Vater hier. Jeder würde mir glauben. Aber es fragt niemand. Die Leute gehen automatisch immer davon aus, dass ein Kind zu irgendeinem der anwesenden Erwachsenen gehört, und kümmern sich nicht weiter drum. So auch der Kapitän und der Bankangestellte. Sie drehen sich nicht mal zu mir um.

Jetzt hoffe ich nur, dass es hier unten … Bingo! Wir gehen einen Flur entlang. Die letzte Tür auf der linken Seite führt zu den Schließfächern. Davor gehen zwei weitere Türen ab, eine zur Damentoilette, die andere zum Männerklo. Eine gute Rückzugsmöglichkeit.

Ich verfolge die beiden weiter. Als sie den Raum mit den Schließfächern betreten, bleibe ich im Flur stehen und linse um die Ecke. Ich muss sehen, welches Schließfach der Kapitän hat. Doch die beiden verdecken mir mit ihren Rücken leider die Sicht darauf. Immerhin sehe ich, dass der Kapitän den gesamten Koffer ins Fach stellt, statt nur die Geldscheine herauszuholen. Ist ja klar, der Bankangestellte steht direkt neben ihm. Damit fallen die Fächer in den oberen Reihen schon mal aus, denn sie sind zu klein. Ich habe genug gesehen und verdünnisiere mich.

Ich renne in die Damentoilette, denn in die werden die beiden bestimmt nicht gehen. Hier warte ich ab und lausche.

Endlich höre ich Schritte, eindeutig von zwei Personen. Sie gehen wieder hinauf. Ein wenig warte ich noch ab. Dann schleiche ich von meinem Versteck aus in den Schließfachraum.

Zwei große Fächer in der unteren Reihe kommen infrage. Ich entscheide mich für das rechte Schließfach. Die Fächer haben Sicherheitsschlösser, aber besonders sicher sind die nicht, jedenfalls nicht für einen Profi. Das Öffnen von Schlössern haben wir in der Agentenakademie ausführlich durchgenommen. Es stellt für mich kein großes Problem dar. Die Kunst liegt in diesem Fall darin, es so zu knacken, dass ich es hinterher wieder sauber verschließen kann. Aber auch darin bin ich geschult.

Innerhalb von einer halben Minute habe ich die Tür geöffnet. Ich streife mir Gummihandschuhe über, um keine Spuren zu hinterlassen. Immerhin war ich selbst es, der die Scheine mit UV-Pulver markiert hat, um den zu überführen, der das Geld in Händen gehalten hat. Ich nehme mir geschätzt vierzigtausend Euro aus dem Koffer, verstaue sie in einer Plastiktüte, die ich mir unter das Shirt schiebe, schließe den Koffer wieder, schiebe ihn zurück ins Fach, verriegele die Tür und weg.

Und weg?

Geht nicht. Ich höre wieder Schritte. Und Stimmen.

Scheiße, da sind wieder zwei Personen auf den Weg hierher!

Bis zur Damentoilette schaffe ich es nicht mehr, dann lauf ich ihnen auf dem Flur direkt in die Arme. Hier drinnen aber gibt es keine Versteckmöglichkeit.

Verdammt!

Die Ausrede mit meinem Vater dürfte hier unten in diesem leeren Raum nicht sehr glaubhaft sein.

Was jetzt?

Kurz darauf betreten die zwei Personen tatsächlich den Raum.

Ich sehe sie – von oben!

Denn ich klebe sozusagen direkt über der Tür an der Wand.

Nein, ich bin nicht Spider-Man. Aber ich besitze sehr praktische Handschuhe, die ich in der Seitentasche meines Rucksacks immer parat habe. Sie gehören neuerdings zur YOUNG AGENTS-Standardausrüstung und haben tatsächlich in etwa denselben Effekt wie die Superkraft von Spider-Man. Man kann damit nämlich Wände hochklettern. Nur nennen wir es nicht »Superkraft« oder »spezielle Fähigkeit« wie bei den Comicfiguren, sondern »Bionik«.

Bionik bedeutet, die Wissenschaft guckt sich etwas in der Natur ab und versucht es nachzubauen, um es für uns Menschen nutzbar zu machen. Wasser- und schmutzabweisende Wandfarbe zum Beispiel haben wir von der Lotuspflanze abgeguckt, weil ihre Blätter Wasser einfach abperlen lassen, das dabei jedes Staubkorn mitnimmt. Darum nennt man das auch »Lotuseffekt«. Vor einigen Jahren hat man es außerdem geschafft, so etwas wie künstliche Spinnenfäden herzustellen, also ein extrem dünnes, leichtes und dennoch äußerst reißfestes Seil, das wir zum Klettern auch in unseren Agentengürteln tragen.

Die Forschungsabteilung des Geheimdienstes hat nun brandneu für uns YOUNG AGENTS nach dem Bionikprinzip eben diese Handschuhe entworfen, die den Füßen von Geckos nachempfunden sind. Unsere Forscher nennen sie deshalb einfach nur »Geckis«. Es gibt sie auch als Überzieher für die Schuhe. Sie sind mit einer Struktur aus Milliarden feinster Härchen aus Keratin versehen, die mich an der Wand halten. Jedes einzelne Härchen ist dünner als ein Zehntel eines menschlichen Haars. Ein Wunder der Natur und der Wissenschaft. Diese Handschuhe funktionieren übrigens nur bei uns Kinderagenten, weil wir leicht genug sind. Erwachsene sind schlicht zu schwer für diese Technik.

Mein Problem im Moment: Damit man vernünftig an der Wand klebt, benötigt man vier Geckis, also Auflageflächen: zwei Handschuhe und zwei Überzieher für die Schuhe. Ich habe aber nur die Handschuhe, weil die Überzieher für die Schuhe noch in der Entwicklung sind. Wir durften sie während der Ausbildung nur mal als Prototypen tragen. Na toll! Ich kann darum jetzt nur für kurze Zeit an der Wand hängen und auch nicht cool an ihr entlanglaufen.

Ich klebe, äh, hänge also an der Wand über der Tür und kann die beiden von oben beobachten. Es sind – der Kapitän und der Bankangestellte! Offenbar hat der Kapitän etwas vergessen. Hoffentlich schauen sie nicht nach oben. Wobei: Um mich zu entdecken, würde es vermutlich schon reichen, sich einfach umzudrehen.

Ich muss hier weg. Der Kapitän zieht jetzt einige zusammengefaltete Zettel aus seiner Jackentasche und legt sie mit ins Fach. Den Koffer öffnet er dafür nicht. Er legt die Papiere einfach auf den Boden des Schießfachs und stellt den Koffer darauf.

Das ist mein Moment!

Gleich werden die beiden sich umdrehen.

Bis dahin muss ich weg sein!

Ich löse mich von der Wand, lasse mich zu Boden fallen, lande butterweich auf den Füßen. Aber immer noch hart genug, um ein Geräusch zu verursachen. Ich führe einen einzigen, geschmeidigen, x-mal geübten Bewegungsablauf durch: auf dem Boden aufkommen, sofort abspringen, durch die Tür seitlich nach draußen abrollen, weiter in den Flur hinein.

Die beiden werden sich zu langsam umdrehen, um mich noch sehen zu können. Sie werden nur zur offenen Tür blicken und sich wundern, was sie da wohl gehört haben.

In der Zeit bin ich mit schnellen, völlig lautlosen Schritten schon erneut hinter der Tür der Damentoilette verschwunden.

Es folgt die gleiche Prozedur wie eben: Warten, Lauschen, bis ich ihre Schritte höre, dann raus aus dem Klo. Dieses Mal aber werde ich die Treppe hochrennen, zurück in den Schalterraum der Bank.

Als ich oben ankomme, sehe ich gerade noch, wie der Kapitän die Bank verlässt.

Er hat mich nicht entdeckt, alles ist gut gegangen.


UNGLAUBLICHER ZUFALL

Ich warte ein, zwei Minuten ab, bevor auch ich die Bank verlasse.

Gerade will ich die Tür öffnen, als diese von außen aufgestoßen wird.

Zwei maskierte Männer stürmen herein! Der eine rennt mich fast um.

Die Männer sind bewaffnet und halten ihre Pistolen mit gestreckten Armen vor sich. Einer bleibt an der Tür stehen, der andere läuft auf den ersten Schalter zu.

»C’est un raid!«, brüllt der an der Tür. »Tous se coucher!«

Ich verstehe, was er ruft: »Dies ist ein Überfall! Alle hinlegen!«

Ich kann es nicht glauben! Da trage ich vierzigtausend Euro unter dem Shirt, die ich gerade eben einem wirklich üblen Gangster unbemerkt aus dem Safe geklaut habe, und jetzt gerate ausgerechnet ich in einen Banküberfall?!

Das darf doch wirklich nicht wahr sein!

Es sind außer mir noch zwölf Kunden in der Bank, die allesamt sofort den Anweisungen der Bankräuber folgen und sich flach auf den Boden legen. Die Arme weit von sich gestreckt, obwohl die Gangster davon gar nichts gesagt haben. Das haben die bestimmt aus irgendwelchen Filmen.

Drei Bankangestellte hingegen – zwei Männer, eine Frau – sind, wie ihnen befohlen wurde, hinter ihren Schaltern stehen geblieben und heben nun mit angsterfüllten Blicken ihre Arme in die Höhe.

Unter den Kunden ist eine Mutter mit einem kleinen Jungen, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, der sofort anfängt zu weinen. Ein paar Schritte weiter liegt ein älterer, grauhaariger Herr auf dem Boden, der sich immer wieder mit einer Hand ans Herz fasst. Hinter ihm eine Frau in einem teuren Business-Kostüm, die eisern ihr Smartphone in der rechten Hand hält.

Das bemerkt der Bankräuber vorn am Schalter und fordert nun brüllend die Geiseln auf, ihre Smartphones sofort in einen Papierkorb zu werfen. Der Komplize von der Tür schnappt sich den neben ihm stehenden Schirmständer und stellt ihn der Geschäftsfrau genau vor die Nase, damit sie die Telefone einsammelt. Die wimmert und klammert sich bis zuletzt an ihr Smartphone, als ob ihr Leben davon abhinge. Dabei dürfte das Gegenteil der Fall sein. Wenn sie es nicht gleich in den Schirmständer wirft, könnte es für sie gefährlich werden.

Ich dagegen schüttle den Kopf, zucke mit den Schultern, ziehe das Futter meiner Hosentaschen von innen nach außen. Soll heißen: Ich bin ein armer Junge, ich habe nichts.

Der Bankräuber glaubt mir. Die einfachsten Tricks sind immer noch die effektivsten. In meine Agentenhosen ist unter dem Gürtel eine doppelte Tasche eingenäht, genau für diesen Fall: um bei Überfällen leere Taschen vorzeigen zu können. Kommt ja gern mal vor, dass gerade Kindern und Jugendlichen die Handys zum Beispiel an Bahnhöfen abgezogen werden. Es ist einfach zu risikoreich, durch so einen zufälligen Blödsinn mein Agentenhandy zu verlieren. Also trage ich es in einer Spezialtasche unterm Hosenbund, hinter meinem Gürtel.

Endlich sind alle Handys eingesammelt, und der Bankräuber am Schalter widmet sich wieder den Bankangestellten, indem er einen von ihnen auffordert, alles Geld in einen mitgebrachten Stoffbeutel zu packen.

Es ist wirklich wie in einem Film.

Ich aber kenne solch eine Situation nicht nur aus Filmen, sondern auch aus meinem Training an der Agentenakademie. Dort haben wir zwar keinen Banküberfall simuliert, aber sehr wohl, was wir zu tun haben, wenn wir als Geiseln genommen werden. Ich wüsste also, was zu tun wäre …

Aber hier mische ich mich nicht ein.

Auf gar keinen Fall!

Niemals werden die beiden Räuber auf die Idee kommen, dass ein zwölfjähriger Junge vierzigtausend Euro unter seinem Shirt herumträgt.

Allerdings hatte ich mir beim Verstecken des Geldes nicht allzu große Mühe gegeben. Es war eher als Provisorium gedacht gewesen: alle Scheine hastig unters Shirt gestopft, und dann nichts wie raus hier.

Stattdessen stehe ich jetzt hier mit erhobenen Händen und spüre, wie unförmig sich mein Shirt in der Bauchgegend nach außen wölbt. Ja, tatsächlich. Ich bin, neben den Bankangestellten hinter ihren Schaltern, die einzige Geisel, die noch steht.

»Hé! Allonge-toi sur le sol!«, raunzt der Bankräuber mich von der Tür her an.

Ich folge schnell seiner Anweisung und lege mich auf den Boden, ehe ihm auffällt, dass ich etwas unter meinem Shirt verstecke. Allerdings muss ich sehr aufpassen, dass mir beim Hinlegen nicht der ein oder andere Geldschein aus der Tüte rutscht.

Verdammt! Ich kann immer noch nicht fassen, dass mir so etwas passiert. So viel Pech gibt es doch auf der ganzen Welt nicht!

Der Bankräuber vorn schnauzt jetzt den Bankangestellten an, weil er bemerkt hat, wie wenig Bargeld die hier oben an den Schaltern herumliegen haben. Aber das war doch klar! Was haben die denn gedacht? Meine Güte, was für Amateure!

Das Dumme ist, gleich werden sie vermutlich auf die Idee kommen, hinunter in den Tresorraum zu gehen und den auszurauben. Und bei der Gelegenheit sicher auch gleich die Schließfächer leerräumen. Vielleicht sogar nur die, denn erstens dürfte in dieser kleinen Filiale der Tresor nicht allzu üppig gefüllt und zweitens vermutlich trotzdem mit einem Zeitschloss versehen sein, das eine Öffnung gar nicht zu jeder Zeit möglich macht. Wenn sie die Schließfächer ausrauben, hätte das für mich zwar den Vorteil, dass dann auch der Geldkoffer des Gangsters geklaut werden und niemals jemand meinen Diebstahl bemerken würde. Der Nachteil aber ist: Das kostet Zeit. Würde mich nicht wundern, wenn längst automatisch der Alarm ausgelöst worden ist. Dann ist in wenigen Minuten die Polizei vor Ort, das Ganze artet in eine endlose Geiselnahme aus, und ich sitze fest.

Mehr noch: Wenn es der Polizei gelingen sollte, uns Geiseln zu befreien, würden wir danach natürlich betreut und zur Sicherheit medizinisch abgecheckt – und meine vierzigtausend Euro entdeckt werden!

Oh Himmel! Das darf ich nicht zulassen!

Ich muss doch aktiv werden und diesem Spuk hier ein Ende bereiten.

Zu meinem eigenen Schutz.

Und zwar sofort!

Aber wie soll ich das machen, ohne meine antrainierten Fähigkeiten als Agent zu offenbaren? Sowohl mein Prof, verantwortlich für uns YOUNG AGENTS in der Geheimdienstzentrale in Deutschland, als auch Le Patron, der Chef des französischen Geheimdienstes, würden mir die Hölle heiß machen. Ich würde das gesamte Projekt »Milestone« gefährden! Und das darf auf gar keinen Fall passieren.

Also heißt es für mich stillhalten, solange es irgend geht, brav die Geisel spielen und innerlich beten, dass diese amateurhaften Bankräuber hier schneller wieder raus sind, als ich es im Moment befürchte.

Prompt geschieht das, was ich vorausgeahnt hatte: Der Räuber am Schalter nimmt sich einen Bankangestellten als Geisel und geht mit ihm die Treppe hinunter.

Ich weiß aber, dass nicht dieser Bankangestellte den Schlüssel für die Schließfächer und somit vermutlich auch für den Tresorraum in seiner Schublade aufbewahrt, sondern sein Kollege von Schalter 3. Der Bankräuber hat sich den Falschen geschnappt. Und offenbar will der Angestellte den Irrtum aufrechterhalten, bestimmt, um Zeit zu gewinnen.

Aber ich habe keinerlei Interesse daran, dass wir hier so lange herumbummeln, bis die Polizei antanzt. Nun kann ich dem Bankräuber aber schlecht zurufen: »Du hast den falschen Mann!« Damit würde ich mich ja selbst verraten. Verflucht noch mal!

Der Bankräuber hier oben wird immer nervöser, weil er allein ist und sämtliche Kunden und Angestellten in Schach halten muss.

Unsicher schaut er sich um.

Dann trifft er eine Entscheidung. Das ist seinem Gesicht direkt anzusehen.

Entschlossen marschiert er auf den weinenden kleinen Jungen zu.

Ich begreife sofort, was er vorhat: Er will sich den Jungen schnappen, um sich Gehorsam bei den übrigen Geiseln zu verschaffen.

Damit ist für mich klar: Ab jetzt darf ich mich nicht mehr zurückhalten.

Einen kleinen Jungen zu bedrohen, das geht zu weit.

Ich muss handeln.

Als der Bankräuber an mir vorbeigeht, spreize ich mein rechtes Bein so, dass er über meinen Fuß stolpert und beinahe über mich fällt. Im letzten Moment kann er die Balance noch halten, schaut mich fassungslos an und kann wohl nicht glauben, was offensichtlich ist: dass ich ihm gerade ein Bein gestellt habe. Er legt kurz grübelnd seine Stirn in Falten und trifft eine neue Entscheidung, und zwar genau die, die ich ihm durch meine Aktion sozusagen aufgedrückt habe: Er lässt den Jungen zufrieden und schnappt sich mich als besonders aufmüpfige Geisel, um das Drohpotenzial für alle anderen zu erhöhen.

Wie ich vermutet habe, brüllt er den anderen nun zu, dass ich es auszubaden hätte, sollte irgendjemand auf dumme Gedanken kommen.

Entsetzte Gesichter bei den Geiseln: Wie kann er nur einen hilflosen Jungen von gerade mal zwölf Jahren – also mich – als Geisel nehmen?

Der Bankräuber glaubt, einen guten Plan zu haben. Er ahnt nicht, dass er gerade seinen eigenen Untergang vorbereitet hat.

Denn nun habe ich ihn genau dort, wo ich ihn haben wollte: in meiner unmittelbaren Nähe. Wir stehen dicht nebeneinander. Exakt dieses Szenario haben wir auf der Agentenakademie mehrfach durchgespielt.

Der Bankräuber zieht mich am Kragen mit sich und schleppt mich zurück zur Tür, wo er wieder seinen Posten einnimmt. Er wartet auf seinen Komplizen und hofft, dass dieser möglichst bald aus dem Tresorraum zurückkommt – mit einem Sack voller Bargeld.

Er ahnt nicht, dass ich ebenso auf seinen Komplizen warte.

Doch im Gegensatz zu ihm weiß ich, dass der nicht mit einem Sack Geld oder Schmuck auftauchen wird, sondern um sich den richtigen Bankangestellten zu schnappen, den nämlich, der den Schlüssel zum Tresorraum verwaltet.

Und da kommt er auch schon, wutschnaubend und mit hochrotem Kopf, die Treppe heraufgestampft. Vor ihm der Angestellte, den er grob vor sich herstößt.

»Que s’est-il passé?«, fragt der, der mich am Schlafittchen gepackt hat.

Sein Komplize erklärt es ihm.

Ich sag ja: Amateure.

Aber dies ist mein Moment!

Der Bankräuber stampft auf Schalter 3 zu.

Mein Geiselnehmer schaut ihm etwas dümmlich hinterher. Und achtet nicht genug auf mich.

Ich aber vollziehe genau jetzt meine x-mal trainierten, superschnellen drei »Special-Agententricks«.

Erstens: einen gezielten Tritt in die Kniekehle – der Gangster sackt ab.

Zweitens: Ich schnappe mir seinen Arm, der die Waffe hält, und breche den Knochen wie einen Ast über meinem Knie.

Der Bankräuber lässt mit einem lauten Schmerzensschrei die Waffe fallen. Ich fange sie noch in der Luft auf, ziele mit ein und derselben Bewegung, drücke ab und zertrümmere dem zweiten Bankräuber mit einem Schuss, der perfekt sitzt, das rechte Knie. Der fällt nun ebenfalls laut schreiend zu Boden und hält sich winselnd das blutende Bein.

»Schnappen Sie sie!«, rufe ich der versammelten Mannschaft auf Französisch zu.

Das lässt die sich zum Glück nicht zweimal sagen. Zumindest einige darunter. Sofort eilt der Bankangestellte von Schalter 3 seinem Kollegen und einem Kunden zu Hilfe, die sich auf den blutenden Bankräuber am Schalter stürzen. Ein anderer Kunde und die Business-Frau fallen über den zweiten Gangster her. Die Business-Frau, die vermutlich immer noch sauer ist, dass man ihr das Smartphone weggenommen hat, tut sich dabei besonders hervor. Sie tritt dem Bankräuber mit ihren Stöckelschuhen brutal auf die Hand, während der andere Kunde ihn am Boden fixiert, bis die Polizei eintrifft. Die anderen acht stehen perplex da und trauen ihren Augen nicht.

Das kurze Chaos ist für mich groß genug, um aus der Bank zu verschwinden, ehe die anderen so richtig kapiert haben, was gerade geschehen ist: Ein zwölfjähriger Junge hat mit wenigen Handgriffen mal eben zwei bewaffnete Bankräuber außer Gefecht gesetzt.

Das Gute dabei: Obwohl die Mehrheit nachher genau das aussagen wird, werden die Polizisten es nicht glauben. Und durch ihr ständiges Nachfragen werden die Zeugen mit ihren Aussagen immer unsicherer, unpräziser und widersprüchlicher werden. Ich bin schon gespannt, was ich morgen dazu in der Zeitung lesen werde. Vielleicht: »Furchtlose 25-Jährige rettet Bankgeiseln das Leben!« – oder so.

Mir soll’s recht sein.

Vierzigtausend Euro unter dem Shirt zu tragen, ist kein schlechtes Gefühl.

Im ersten Moment.

Im zweiten Moment stellt sich die Frage: Wie wird man die wieder los? Ich kann das Geld ja schlecht einfach auf das Konto meiner Eltern einzahlen. Da taucht doch sofort die Frage auf, woher ich so viel Geld habe. Es bar mit nach Hause zu nehmen, birgt auch ein großes Risiko, weil wir sicher mit einem normalen Passagierflugzeug reisen werden und nicht etwa mit einer Sondermaschine des Geheimdienstes. Schließlich gibt es uns Kinderagenten offiziell gar nicht. Aber an einem stinknormalen Flughafen könnte das Geld sehr leicht während der Sicherheitskontrolle entdeckt werden.

Es sind achtzig Fünfhundert-Euro-Scheine.

Vielleicht kann ich sie zwischen Naomi und mir aufteilen? Immerhin ist sie eingeweiht. Vierzig Geldscheine ließen sich doch wohl von jedem von uns verstecken: zehn Stück in meinen Socken, zehn Scheine in meinem Kulturbeutel zwischen Zahnpasta und Shampoo, zehn Stück einfach in meinem Portemonnaie und jeweils fünf in je einem meiner Schuhe unter der Einlegesohle.

Ich kehre viel früher ins Hotel zurück, als ich gedacht habe. Dort angekommen, schaue ich mich im Foyer um, achte aber darauf, selbst von niemandem entdeckt zu werden.

In einer Ecke sehe ich Naomi mit Shiona sitzen. Der angebliche Journalist ist schon nicht mehr da. Shiona ist wild am Gestikulieren und Naomi sichtbar darum bemüht, sie zu beruhigen. Auf mich wirkt die Szene eher so, als wäre unser »Journalist« gar nicht erst aufgetaucht. Das wäre allerdings saublöd.

Eigentlich wollte ich mich geschickt an den beiden vorbeischleichen, aber es überwiegt doch meine Neugier.

»Hallo«, begrüße ich Shiona und frage, bevor sie irgendetwas fragen kann, zum Beispiel, wo ich gesteckt habe: »Wo ist denn Charles?«

Shiona hat ihren Mund schon geöffnet. Vermutlich wollte sie sich nur wegen der angeblichen Fischvergiftung nach meinem Magen erkundigen. Doch sie klappt ihn erst mal wieder zu, während Naomi mir antwortet: »Der holt was zu trinken.«

»Und? Schon fertig?«, setze ich gleich die nächste Frage hinterher, obwohl ich befürchte, die Antwort schon zu kennen: Unser Mann hat uns sitzen lassen!

Doch Shiona strahlt mich an: »Ja! War zwar nur kurz, aber stell dir vor: Er will ausführlich unsere CD vorstellen. Deshalb hat er auch gar keine Fragen gestellt. Er will lieber über unsere Musik schreiben statt über uns. Nicht schlecht, oder?«

»Unsere CD?«, frage ich nach. Habe ich das richtig verstanden? Mein Blick huscht unauffällig und fragend rüber zu Naomi, die kaum merklich mit den Schultern zuckt.

»Genau!«, ruft mir Shiona begeistert entgegen, obwohl ich direkt vor ihr stehe. »Ist das nicht cool?«

»Öhm …«, sage ich. Ich bin so perplex, dass es mir fast die Sprache verschlägt. »Aber …«, setze ich neu an, »wir … haben doch gar keine CD.«

»Das ist es ja!«, plappert Shiona sofort wieder los. »Was meinst du, was wir hier gerade so intensiv besprechen? Wir müssen eine aufnehmen. Bis zum Wochenende!«

»Heute ist schon Mittwoch!«, wende ich ein.

»Deshalb müssen wir uns ja auch echt beeilen«, schnattert Shiona weiter. »Ich hab schon meinen Vater angerufen. Unsere Maschine geht in zwei Stunden. Zurück mit uns ins Studio!«

»In … zwei Stunden?«, plappere ich nach, während mir durch den Kopf schießt, dass das wohl der Plan der Zentrale ist: Sie hat unserem Mann, dem angeblichen Journalisten, den Auftrag gegeben, Shiona heißzumachen, sofort in die CD-Produktion einzusteigen. Auf diese Weise führt Shiona uns ohne Umschweife zurück ins Haus des zweitgrößten Gangsters Europas, der uns gerade erst entwischt ist: ihr Vater!

»Super!«, antworte ich deshalb. Mein Blickkontakt mit Naomi verrät mir, dass sie längst den Plan der Zentrale begriffen hat, indem sie mir kurz zuzwinkert. Ich nehme mal an, dass auch Charles, der in diesem Moment auf uns zukommt, eingeweiht ist.

»Es nicht möglich ist, zu kaufen something to drink«, erklärt er. »Ein Kellner will come.«

Charles spricht kein perfektes Deutsch und er hat als Engländer noch immer Schwierigkeiten mit der korrekten Satzstellung im Deutschen, schon klar. Aber so einen schlechten Mischmasch kenne ich von ihm nicht. Shiona strahlt ihn an und sagt lächelnd: »Du musst jetzt nicht mehr im Ami-Slang sprechen, Charles. Der Journalist ist weg.«

Ich verstehe nicht ganz, muss aber schmunzeln. Denn: Charles spricht unüberhörbar mit einem britischen Akzent, der mit einem US-amerikanischen Slang nichts zu tun hat.

Naomi verdreht die Augen, als sie erklärt: »Shiona meinte, es wäre cooler, wenn Charles mit starkem englischsprachigen Akzent spricht. So wie die großen Popstars.«

Ich kann es mir nicht verkneifen, laut aufzulachen.

Doch Shiona sagt nur: »Ich weiß nicht, was ihr habt, Leute. Hat doch geklappt! Also los, holt eure Klamotten, in einer halben Stunde werden wir zum Flughafen gebracht.«

Das Beste an der Sache ist, dass wir mit dem Privatjet ihres Vaters fliegen. Wir müssen also nur eine kleine, fast schon privat wirkende Kontrolle durchlaufen, bei der wir zwar auch durch einen Metalldetektor gehen müssen, aber das war’s dann auch schon.

Pünktlich heben wir ab, und ich sitze grinsend auf meinen Platz. Denn ausgerechnet Shionas Vater hat dafür gesorgt, dass ich meine vierzigtausend Euro sicher und unbemerkt nach Hause bringen werde, obwohl ich das Geld letztlich auch ihm gestohlen habe.


ZURÜCK ZU HAUSE

Endlich wieder zu Hause! Nicht, dass ich nicht gern unterwegs wäre. Im Gegenteil, ich liebe das Abenteuer, reise gern und begebe mich sogar gern in Gefahr. Ich meine, sonst wäre es ja kein Abenteuer! Aber ich muss endlich regeln, dass wir nicht aus unserer Wohnung fliegen.

Auf dem Herd steht ein Topf Gulasch, eine meiner Lieblingsspeisen. Daneben ein kleinerer Topf mit spiralförmigen Nudeln ebenfalls genauso, wie ich sie am liebsten mag. Egal wie lange ich fort bin, meine Eltern kochen mir jeden Tag etwas zu essen und stellen es mir hin, nur für den Fall, dass ich überraschend nach Hause komme. Okay, genau genommen ist es meine Mutter, die täglich für mich kocht.

Bei uns herrscht noch eine strenge Geschlechteraufteilung aus längst vergangenen Zeiten: Meine Mutter kocht und macht den größten Teil des Haushalts wie Wäsche waschen und bügeln. Mein Vater ist dafür für alles Handwerkliche und Technische zuständig. Aber weil da nicht viel anfällt und er seit Längerem, genau wie meine Mutter, arbeitslos ist, muss er nun doch ein bisschen im Haushalt anpacken.

Im Moment, während ich mir das Gulasch samt Nudeln aufwärme, ist er mit dem Abtauen des Eisfachs beschäftigt.

Nachdem ich die zwei Herdplatten volle Pulle aufgedreht habe, beginne ich, mir Schein für Schein aus Portemonnaie, Socken, Schuhen und Kulturtasche zusammenzuklauben, bis die kompletten vierzigtausend Euro auf dem Küchentisch liegen.

Mein Vater unterbricht seine Arbeit und staunt mich an. »Was ist das?«

»Eure Mietnachzahlung. Vierzigtausend.«

Mein Vater nimmt sich einen Geldstapel und blättert ihn ehrfürchtig durch. Ich weiß, so viel Geld auf einem Haufen hat er noch nie gesehen.

»Woher hast du das?«, fragt er. Seine Stirn legt sich in sorgenvolle Falten.

»Mach dir keinen Kopf, Papa«, bitte ich ihn. »Dort, wo es herkommt, lag eine Million. Und die wurde nicht mit ehrlicher Arbeit verdient.«

»Na dann«, sagt mein Vater, »hättest du auch die ganze Million mitbringen können.«

»Hartmut!« Die scharfe Zurechtweisung kommt von meiner Mutter, die in der Küchentür steht. »Du kannst wohl nie genug bekommen.«

»Das war ein Scherz«, behauptet mein Vater – aber ganz so sicher bin ich mir da nicht.

Aus lauter Ehrfurcht vor so viel Geld tritt meine Mutter nur sehr vorsichtig an den Küchentisch heran.

Das passt mir ganz gut, so fällt meine Warnung auf fruchtbaren Boden: »Ihr solltet das Geld möglichst nicht mit bloßen Händen anfassen. Besser nur mit Handschuhen. Ich hab’s markiert.«

»Was?« Mein Vater lässt das Geld fallen und entdeckt mit Entsetzen, dass sich seine Fingerspitzen blau färben. »Verdammt!«

Er macht einen Satz zum Waschbecken.

»Man kann es nicht abwaschen«, erkläre ich ihm. »Aber nach zwei Wochen geht es von selbst weg.«

»Nach zwei Wochen?«, fragt mein Vater entgeistert. »Bist du verrückt? Ich hab übermorgen ein Bewerbungsgespräch. Mann, was ist das für eine Geheimdienst-Scheiße?«

Wider besseres Wissen fängt er doch an, sich wie ein Wilder die Hände unter dem Wasserhahn zu schrubben. Es wird ihm nichts nützen.

»Tut mir leid«, entschuldige ich mich.

Als ich es markiert habe, hatte ich ja noch keine Ahnung, dass ich selbst etwas von dem Geld nehmen würde.

»Es ist für eure Mietschulden«, wiederhole ich. »Ihr müsst sie bar abzahlen. Auf keinen Fall alles auf einmal, hört ihr? Vereinbart eine monatliche Ratenzahlung, gestreckt auf ein Jahr. Dann fragt niemand, woher ihr das Geld habt.«

Meine Mutter nimmt mich in den Arm und drückt mir einen Kuss auf die Wange. »Danke, Billy!«

»Aber nicht für etwas anderes ausgeben«, mahne ich sie.

»Natürlich nicht!«, verspricht meine Mutter.

»Wir könnten ein neues Auto brauchen«, ruft mein Vater dazwischen, dessen Kopf schon wieder im Kühlschrank steckt.

»Hartmut!«, schimpft meine Mutter wieder.

»War ein Scherz!«, kommt aus dem Kühlschrank.

Mein Gulasch ist heiß und schmeckt köstlich. Leider habe ich kaum Zeit, es zu genießen. Bei der Landung hat uns Shiona gleich den nächsten Übungstermin mitgegeben: »In einer Stunde bei mir!«

Ich habe protestiert und konnte wenigstens drei Stunden herausschlagen. Denn während des Flugs erreichte mich eine Nachricht der deutschen Zentrale. Charles, Naomi und ich sollen uns umgehend nach der Landung in der Hamburger Zentrale einfinden. Offenbar wartet ein neuer Auftrag auf uns. Was uns wundert. Wir sollten doch an Shionas Vater und dem Boss dranbleiben.

Ich schlinge also mein Gulasch schneller in mich hinein, als mir lieb ist, ziehe mir frische Klamotten an und renne schon wieder aus dem Haus.

Unten schließe ich mein Spezial-E-Bike auf und will gerade losdüsen, da höre ich von hinten: »Ah, der Schulschwänzer.«

O nein! Das ist Gonzos Stimme. Die größte Nervensäge nicht nur meiner Klasse, sondern der ganzen Schule. Einer, der keine Gelegenheit auslässt, andere zu mobben, zu demütigen oder zu verpetzen. Ein echter Kotzbrocken. Aber ich habe die Anweisung von der Zentrale, alles über mich ergehen zu lassen, den braven Schwächling zu spielen, weil das am Unauffälligsten sei.

»Gonzo, ich hab …«

… überhaupt keine Zeit, wollte ich sagen, da steht er schon vor mir. Mein Vorderrad klemmt zwischen seinen Beinen, und er hält mein Lenkrad fest.

Was tut der überhaupt hier?

Ich kann es mir denken: Er ist der Neffe unseres Hausmeisters, also dem unseres Wohnblocks. Vermutlich macht er einen kurzen Verwandtenbesuch. Ausgerechnet jetzt muss er dabei auf mich stoßen.

Mir fällt auf, dass Gonzo eine dunkle Sonnenbrille trägt, obwohl es heute stark bedeckt ist. Vermutlich will er cool aussehen, denke ich gerade so bei mir, als Gonzo die Brille abnimmt. Zum Vorschein kommt ein dick geschwollenes Veilchen.

»Was ist denn mit deinem Auge los? Boxt du neuerdings?«, frage ich.

»Sehr witzig!«, zischt Gonzo mich an. »Das …« er zeigt auf sein geschwollenes rechtes Auge, »… hab ich dir zu verdanken.«

»Ach ja?« Im Moment weiß ich wirklich nicht, wie er darauf kommt.

»Du hast Murat erzählt, ich mobbe seine Schwester«, erinnert Gonzo mich netterweise.

Stimmt! Jetzt fällt es mir auch wieder ein. Es schien mir eine gute Möglichkeit, Gonzo einen Denkzettel zu verpassen, ohne selbst Hand anlegen zu müssen. Offenbar hat es funktioniert.

»Und?«, frage ich scheinheilig. »Stimmt das etwa nicht?«

»Nein!«, brüllt Gonzo mich an. »Ich kenne die dumme Kuh gar nicht.«

»Wer ist eine dumme Kuh?«

Wir beide drehen uns um. Da steht Murat. Ein Geschenk des Himmels!

»Deine Schwester«, antworte ich schnell, ziehe die Augenbrauen hoch und zeige auf Gonzo. »Hat er gerade gesagt. Ich finde Zehra sehr nett.«

»Was? Ich? Nein! Moment!«, stottert Gonzo. Aber da packt Murat ihn schon am Kragen.

»Hatten wir die Sache nicht geklärt?«, fragt er mit drohendem Unterton.

»Äh … Tschuldigung«, mische ich mich höflich ein. »Darf ich mal?« Vorsichtig schiebe ich Gonzo beiseite, weg von meinem Fahrrad. »Ich muss dann auch los.«

Ich steige in die Pedale, stelle mein Rad auf höchste Geschwindigkeit – und die liegt weit höher als die offiziell erlaubte, nämlich bei sechzig Kilometern die Stunde.

Und schon bin ich weg. Das Problem »Gonzo« hat Murat für mich übernommen, natürlich ohne es zu wissen.

Gerade noch rechtzeitig erreiche ich die Tankstelle, lasse mir den Schlüssel für eine spezielle Toilettentür aushändigen, den sonst keiner bekommt (außer Charles und Naomi natürlich), betrete die Kabine, betätige die angebliche Spülung – und schon fährt mich die Toilettenkabine als Fahrstuhl hinunter in die geheimen Kellerräume unserer Geheimdienstzentrale.

Charles und Naomi sind schon da, als ich das Büro unseres Chefs betrete. Der Prof sitzt wie immer hinter seinem riesigen Schreibtisch im englischen Stil. Würde man es nicht wissen: Die Bücherregale und Flatscreens an den Wänden lassen nicht erahnen, dass wir tief unter der Erde in einem bunkerähnlichen, hässlichen Betonkeller hocken.

Der Prof schaut missbilligend auf seine Armbanduhr, die vermutlich mehr als doppelt so alt ist wie er selbst, mit seinen noch nicht mal vierzig Jahren wohl einer der jüngsten Geheimdienstchefs überhaupt. Aber von seinem Stil und Geschmack her hat er vieles mit Charles gemein. Allein die Klamotten, die beide tragen, lassen sie um Jahre älter erscheinen. Hätte der Prof graue statt schwarze Haare, würde man annehmen, er ginge streng auf die sechzig zu.

Ich weiß, dass ich nicht zu spät bin, und bleibe gelassen. Der Prof bemerkt es auch und kann sich so eben gerade noch eine Mahnung verkneifen.

»Glück gehabt«, sagt er stattdessen nur.

Ich verziehe das Gesicht. Das sagt nämlich Gonzo auch immer zu mir, wenn er mir eins auswischen will, aber nicht dazu kommt.

»Wir haben einen wichtigen Auftrag für euch«, kommt der Prof ohne Umschweife zur Sache.

Charles und Naomi sitzen auf den beiden schlichten, harten Besucherstühlen, während der Prof es sich in seinem dicken, weichen Chefsessel bequem gemacht hat. Mehr als zwei Stühle gibt es nicht, also setze ich mich einfach im Schneidersitz auf den Boden, von wo aus ich gerade noch so an den kleinen Glastisch gelange, auf dem drei Gläser mit Sprudel stehen, von denen ich mir gleich eins greife. Nun kann der Prof mich nicht mehr sehen, was ihm sichtlich nicht zu passen scheint. Verärgert räuspert er sich, erhebt sich kurz, um mir einen vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen.

Ich muss aufstehen und stehen bleiben.

»Wir haben ein Problem«, setzt der Prof wieder an. Seine Stimme so ernst wie seine Miene. Der Prof war noch nie ein Spaßvogel, wirklich nicht, aber so bitterernst habe ihn noch nie gesehen. »Unser Trinkwasser ist in Gefahr.«

Gerade wollte ich einen Schluck aus meinem Wasserglas trinken. Schnell führe ich es vom Mund weg und stelle es wieder neben mich.

»Das hier nicht«, beruhigt mich der Prof. »Zumindest noch nicht.«

Er klickt auf die Fernbedienung in seiner Hand. Auf einem der Bildschirme an der Wand erscheint eine Karte der Stadt Hamburg. Es sind darauf nur grob die Bezirke und Stadtteile skizziert. Zwei Stadtteile sind rot eingefärbt: Rahlstedt und Großlohe heißen die.

»Aber hier«, sagt der Prof und zeigt auf die rot markierten Stadtteile. »Proben haben ergeben, dass das Wasser an diesen Orten einen zu hohen Anteil an Schwermetallen aufweist: Cadmium, Zink, Kupfer, Nickel. Und – besonders alarmierend: Quecksilber!«

»Dort ist das Trinkwasser vergiftet?«, frage ich entsetzt nach. Ich denke natürlich sofort an einen terroristischen Anschlag. Schließlich erfahre ich diese Information gerade nicht während des Vortrags einer Umweltinitiative, sondern von einem Chef des Geheimdienstes höchstpersönlich.

Wieder hebt der Prof beruhigend die Hände. Aber so beruhigend ist seine Antwort dann gar nicht: »Noch nicht.«

Er fügt auch sogleich an: »Mit der Betonung auf noch! Denn die Werte steigen. Nicht rapide, aber doch in besorgniserregendem Tempo.«

Er zeigt auf einen großen See, der östlich von Hamburg gelegen ist und seinem Namen alle Ehre erweist: Großensee. Er gehört zum Trinkwasserreservoir der Metropole Hamburg.

Die beiden markierten Stadtteile liegen verdächtig nah an diesem See.

Ich verstehe: Es besteht nicht nur die Gefahr, dass sich die Werte weiter erhöhen, bis das Trinkwasser in den betreffenden Gegenden wirklich als vergiftet angesehen werden muss, sondern auch, dass sich das Gift weiter ausbreitet und vielleicht schon bald den gesamten Großensee und damit die Trinkwasserreserve der 1,8-Millionen-Stadt verseucht.

Ein weiterer Klick auf die Fernbedienung, und die Karte wechselt. Statt Hamburg sehen wir jetzt Berlin. Ebenfalls nur eine grobe Karte. Ebenfalls mit zwei markierten Stadtteilen: Steglitz-Zehlendorf und Wannsee, in der Nähe des Düppeler Forsts gelegen, an dessen Rand die Havel fließt und der Große Wannsee liegt. Das gleiche Problem: Großstadt. Nahegelegener See. Und genau dort: Schwermetallbelastung.

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Дата выхода на Литрес:
11 октября 2024
Объем:
182 стр. 4 иллюстрации
ISBN:
9783961291571
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
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