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Andreas Russenberger

Bahnhofstrasse

Roman


Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Katja Ernst

Herstellung: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Zoonar/Kelarius

ISBN 978-3-8392-6862-9

Zitat

Die Lüge ist so alt wie die Menschheit selbst. Dennoch überrascht sie uns immer wieder von Neuem.

Prolog

Deutschland, Herbst 1944

Die beiden Jugendlichen standen am Ufer und blickten auf das rasch vorbeiziehende Wasser. Die starken Regenfälle der letzten Tage hatten den Rhein bedrohlich ansteigen lassen. Doch die eigentliche Gefahr lag nicht vor, sondern hinter ihnen. In der Ferne bellte ein Hund. Wahrscheinlich patrouillierte die Grenzwache gerade. Lichtblitze erhellten den Abendhimmel über Süddeutschland. Ohne das dumpfe Grollen der Flakgeschütze, die sich verzweifelt, aber letztlich chancenlos gegen die Luftangriffe der Alliierten zur Wehr setzten, hätte man ein Wetterleuchten vermutet. Wo würde der nächste Bombenhagel niedergehen? Jetzt, im Herbst des Jahres 1944, konnte es jeden Ort treffen. Vor allem, wenn die Wolken wie heute keinen Schutz boten. Flüchtlinge hatten den Burschen erzählt, dass in den großen Städten im Norden das blanke Chaos herrsche. Nach den heftigen Bombardements brenne dort alles lichterloh, und dunkle Asche lege sich wie eine Decke über die Trümmer und die Toten. Der beißende Rauch versenge die Lungen und der Gestank nach Chlor und verbranntem Fleisch sei schier unerträglich. Alles nur eine Frage der Zeit, bis der Krieg auch hier Tod und Verderben bringen würde, waren sich die Jugendlichen sicher. Nur ein Dummkopf glaubte noch an den vielbeschworenen Endsieg. Der Krieg dauerte schon viel zu lange, weit über sein eigentliches Ende hinaus. Ein sinnloses Weiterkämpfen. Ein riesiges Durcheinander. Und eine einmalige Chance für sie.

In der Dämmerung konnte man die zwei Burschen kaum unterscheiden. Großgewachsen, breitschultrig und dennoch mehr Knaben als Männer. Sie trugen kurze Hosen, grobe Kniestrümpfe, Hemd und Pullunder. Während der eine sich ängstlich umsah, bückte sich der andere zum Wasser und wusch sich Hände und Gesicht. Das verkrustete Blut löste sich auf und verschwand im Rhein. Die Knöchel an seiner rechten Hand waren aufgeschlagen und ließen an einen Kampf oder eine Rauferei denken.

»Ist das Wasser kalt?«

»Nein, nicht kälter als gestern. Und gleich warm wie morgen.«

»Bist du sicher, dass wir …«

»Jetzt hör endlich auf zu heulen.«

Die Brüder blickten eine Zeit lang still auf die andere Flussseite. Die Schweiz. Dort kannten sie niemanden. Und niemand kannte sie.

Gut so.

Würde man sie aufgreifen und nach Deutschland, in den sicheren Tod, zurückschicken? Die Schweizer Grenzwache war diesbezüglich nicht immer zimperlich gewesen, vor allem als die Wehrmacht noch von Sieg zu Sieg gestürmt war. Aber diese Zeiten waren vorbei, was die Erfolgsaussichten der beiden deutlich erhöhte. Die Schweiz hatte begonnen sich anzupassen, sich neu zu orientieren. Zwei Jugendlichen Asyl gewähren und sie damit vor den Schergen des Dritten Reiches retten? Eine schöne Geschichte, die man den Amis unter die Nase reiben konnte: Schaut her, wir sind auf der Seite der Guten.

Und die Brüder waren nicht mittellos. Sie hatten vorgesorgt. Genau genommen war vorgesorgt worden. Namhafte Vermögenswerte warteten in Zürich bei einem Notar auf sie. Alles von langer Hand geplant und gut organisiert. Das würde helfen, ohne Zweifel. Geld half immer, vor allem in der Schweiz. Und getauft waren sie auch – katholisch. Dennoch war die Flucht gefährlich. Das rettende Ufer so nah und doch so fern. Die Strömung war das eine, die Wachtposten mit ihren Maschinengewehren das andere. Trotzdem war in Deutschland zu bleiben keine Option. Dort würde man sie eher früher als später schnappen und in einem Gefängnis verrecken lassen. Die Luft war dünn geworden. Der Moment, auf den sie so lange gewartet hatten, war gekommen. Er fühlte sich richtig und falsch an. Das alles spielte keine Rolle mehr. Die Brüder wollten leben. Die Angst und den Hass hinter sich lassen.

»Jetzt oder nie«, sagte der Bestimmtere der beiden. Sie blickten ein letztes Mal zurück. Dann zogen sie sich bis auf die Unterwäsche aus und steckten die Kleidung in einen Reisebeutel. Diesen banden sie an einem der morschen Holzstämme fest, der an der Uferböschung herumlag. Leise ließen sie den Strunk ins Wasser gleiten, klammerten sich mit ängstlicher Entschlossenheit daran fest und verschwanden unbemerkt in der Dunkelheit.

Erster Teil

Der Anruf

Zürich, 16. September

»Professor Humboldt, kommen Sie bitte sofort in mein Büro!«

»Guten Morgen, Frau Rektorin. Danke für die freundliche Nachfrage an diesem regnerischen Montagmorgen. Ich hoffe, Sie hatten erholsame und vor allem produktive Semesterferien.«

Für einen Augenblick herrschte Stille am anderen Ende der Leitung.

Volltreffer.

Höflichkeit, zumal richtig gesetzt, war immer eine wirkungsvolle Waffe. Philipps Mundwinkel zuckten nach oben. Aber nur kurz. In nicht einmal einer Stunde würde seine erste Vorlesung des Herbstsemesters beginnen, und was bis anhin feststand, waren Titel, Zeit und Ort. Philipp spürte, wie seine Hände feucht wurden. Er war gewohnt, unter Stress zu arbeiten, und das sogar ausgesprochen effizient, geradezu teuflisch fokussiert. Schon zu seiner Schulzeit hatte er sich den vorgegebenen Stoff immer erst auf den letzten Drücker ins Kurzzeitgedächtnis geprügelt und dann die Ablative und Subjunktive förmlich auf die Prüfungsunterlagen gespuckt. Im Studium hatte er sein Zeitmanagement weiter perfektioniert und seine schriftliche Abschlussarbeit in buchstäblich letzter Sekunde abgegeben. Diese Methode hatte sich als gleichermaßen nervenaufreibend wie erfolgreich erwiesen. Allerdings durfte nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommen – wie zum Beispiel ein Anruf der Rektorin. Und diese hatte ihre Sprache in der Zwischenzeit wiedergefunden.

»Ja, ja, ich war produktiv. Aber Ferien hatte ich keine. Jemand muss sich schließlich darum kümmern, dass alle Räder in diesem Moloch ineinandergreifen«, sagte sie mürrisch.

Philipp fütterte die Leiterin der Universität Zürich mit einer kleinen Schmeichelei – der süßen Medizin, auf welche Machtmenschen gut ansprechen. »Wir Professoren sind uns Ihres Engagements bewusst und wissen es zu schätzen. So können wir uns auf unsere Forschungen konzentrieren und irgendwann vielleicht den Nobelpreis gewinnen.«

»Hören Sie auf zu schleimen und machen Sie sich endlich auf den Weg. Sonst sehe ich schwarz für Ihre Forschungen …«

Wenn Höflichkeit das Florett war, so stand die Drohung für den Zweihänder.

Auch nicht zu unterschätzen.

Martha Fries, so hieß die Frau mit bürgerlichem Namen, war bekannt für ihre Wutausbrüche. Das machte sie Philipp durchaus sympathisch. Er mochte Menschen, die mit Leidenschaft bei der Sache waren und aus ihrem Herz keine Mördergrube machten. Doch dadurch wurde das Problem der Vorlesung nicht gelöst. Er versuchte ein letztes Mal zu parieren. »Können wir das Meeting nicht am frühen Nachmittag durchführen oder alles kurz am Telefon besprechen? In …«, er blickte auf seine Armbanduhr, »… 55 Minuten beginnt meine Vorlesung und ich würde mich gerne noch vorbereiten. Um präziser zu sein: Ich muss mich noch vorbereiten.«

»Ist nicht mein Problem. In fünf Minuten bei mir. Und Sie werden rechtzeitig zu Ihrer Vorlesung erscheinen. Versprochen.«

Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, hatte die Rektorin aufgelegt. Stille, bis auf den penetranten Summton. Was war der guten Frau über die Leber gelaufen? Philipp fluchte leise vor sich hin. Schließlich packte er die spärlichen Notizen zusammen und stopfte sie in seine Ledertasche. Er klemmte sich seine soeben erschienene Habilitation zur modernen Schweizer Bankengeschichte unter den Arm, hängte sich die Tasche um die Schulter und machte sich hastig auf den Weg.

Vor dem Institut zündete sich Philipp umständlich eine Zigarette an. So viel Zeit musste sein. Er nahm einen tiefen Zug. Sein Büro lag nur einen Steinwurf vom Hauptgebäude mit seiner markanten Kuppel entfernt. Die altehrwürdige Universität war 1832 gegründet worden, und mittlerweile wurden hier fast 30 000 Studenten in allen möglichen und unmöglichen Fachrichtungen unterrichtet. Ganz Zürich war stolz auf die lange Erfolgsgeschichte, die auch einige Nobelpreisträger hervorgebracht hatte. Die Universität war aber in den letzten Jahren, was Ruf und Forschungsgelder betraf, deutlich hinter die benachbarte Eidgenössische Technische Hochschule, kurz ETH, zurückgefallen. Es war ein offenes Geheimnis, dass dieser Umstand die Universitätsrektorin Fries zur Weißglut treiben konnte. In solchen Momenten ging man ihr besser aus dem Weg.

Der Wind hatte aufgefrischt und die kleine Seitenstraße, die zum Haupteingang der Universität führte, war mit goldenen Blättern bedeckt. Der heiße und viel zu trockene Sommer hatte die Bäume in Mitleidenschaft gezogen und sie begannen bereits, ihre farbige Pracht abzuwerfen. Der Nieselregen klebte das Laub am Boden fest. Philipp ärgerte sich, seinen Mackintosh-Mantel im Büro gelassen zu haben. Immerhin trug er das Tweed-Jackett – ein Geburtstagsgeschenk von Sophie. Jeder Professor, der etwas auf sich halte, brauche nun mal ein Tweed-Jackett, hatte seine Frau gemeint. Als langjährige Rechtsprofessorin musste sie es ja wissen. Auf jeden Fall war es ein praktisches Kleidungsstück, von welchem Philipp mittlerweile drei gut sitzende Modelle in leicht unterschiedlichen Farbtönen besaß: Schwarz, Anthrazit, Dunkelgrau. Was seine Kleidung betraf, war er konservativ.

Auf der anderen Seite des Weges kam ihm eine kleine Gruppe entgegen. Der kompakte Schwarm wurde von einer adretten eleganten Frau angeführt. Im Gegensatz zu Philipp hatte sie einen Regenmantel an und diesen eng um ihre Taille zugeknöpft. An ihrem angewinkelten Unterarm hing eine farblich abgestimmte Kelly Bag. Das schwere Gepäck wurde von ihrem Assistenten getragen. Sie winkte Philipp freundlich zu und dozierte weiter. Nadja Schelbert war ihres Zeichens Leiterin der betriebswirtschaftlichen Fakultät. Punkto Kompetenz, Auftreten und Ehrgeiz hätte Philipp seine Kollegin problemlos in einem Verwaltungsrat oder auf der obersten Managementstufe eines internationalen Finanzkonzerns vorstellen können. Aber auch so war sie über den Elfenbeinturm der Universität hinaus bekannt und ein gern gesehener Gast bei Radio, Presse und TV-Sendern. Sie leitete zudem das Prestigeprojekt von Rektorin Fries – »Fit for Future«, wie dieses unbescheiden hieß. Schelbert war ein ausgesprochenes Alphatier und karrierebewusst. Er hätte es ihr nicht übelgenommen, wenn sie ihn als ungebetene Konkurrenz betrachtet hätte. Bis anhin hatte sie sich ihm gegenüber jedoch immer korrekt verhalten, und Philipp wollte sich an der Universität sowieso nicht in politische Grabenkämpfe verwickeln lassen. Er nickte ihr ebenfalls freundlich zu und wartete mit dem nächsten Zug an der Zigarette, bis der Tross an ihm vorbeigegangen war.

Philipp bemerkte aus dem Augenwinkel, wie die Studenten neugierig den Kopf nach ihm drehten. Wie so oft. Er wusste, dass er kein unbeschriebenes Blatt war. Als ehemaliger CEO der Zürcher Investment Bank war er Projektionsfläche für die abenteuerlichsten Vorstellungen. Für die einen verkörperte er den erfolgreichen Exoten, den Idealisten oder zukünftigen Starprofessor, für die anderen den raffgierigen Kapitalisten oder unliebsamen Konkurrenten. Philipp nahm es niemandem übel. Sein Lebenslauf war nun mal nicht 08/15.

Und das war gut so.

Vor dem Eingang zum Hauptgebäude schnippte er die Zigarette auf einen Gully, wo sie auf einer Stahlstrebe wie eine brennende Kinderschaukel die Balance suchte, dann allerdings ins Rollen geriet und mit einem leisen Zischen in der Dunkelheit verschwand. Philipp eilte ins Gebäude und ließ das garstige Wetter hinter sich.

Was mochte die Rektorin so dringend von ihm wollen?

Der Auftrag

Das Vorzimmer des Rektorats war das Reich des einzigen Sekretärs der Universität. Fast schon diskriminierend. Irgendwann würde es sicher dafür eine Quotenregelung geben. Der junge Mann hinter dem massiven Schreibtisch war jedenfalls ein Kind alter Schule. Loyal seiner Chefin gegenüber, herablassend gegenüber Assistentinnen und Assistenten, egal welcher Fakultät, neutral gegenüber Professoren und Professorinnen, wobei die Geisteswissenschaftler – also Historiker, Germanisten und Philosophen – eindeutig tiefer in seiner Gunst standen als die Ökonomen oder Juristinnen, was er sie auch spüren ließ, etwa in Form von längeren Wartezeiten oder dem vergeblichen Hoffen auf eine Tasse Kaffee. Als Philipp den Raum betrat, tat der Vorzimmerdrache so geschäftig wie jemand, der gerade nichts zu tun hatte. Er belegte Philipp mit einem vorwurfsvollen Blick. »Der Chef wartet schon auf Sie …«

Ein »Die Chefin, bitte« konnte sich Philipp gerade noch verkneifen. Er spürte, wie sich seine rechte Hand zu einer Faust ballte. Aber er hatte keine Zeit zu vergeuden. Um die Nervensäge würde er sich ein andermal kümmern.

Die Rektorin war klein und zierlich. Ihre funkelnden Augen und die aufrechte Körperhaltung ließen jedoch keinen Zweifel daran aufkommen, wer in diesem Büro das Sagen hatte. Fries strahlte eine Präsenz aus, die manchen einzuschüchtern vermochte. Und dies zu Recht. Es war schon vorgekommen, dass die Rektorin in Ungnade gefallenen Professoren und Professorinnen die undankbarsten Randstunden für deren Seminare und Vorlesungen zugewiesen hatte. Wenn man, verschuldet oder unverschuldet, auf ihre schwarze Liste geraten war, fand man seine Vorlesung im Semesterprogramm schnell ganz hinten, am Freitag um 19 Uhr. Fries hatte in der Vergangenheit einige Karrieren gefördert – und mindestens so viele vorzeitig beendet. Philipp musste bei ihrem Anblick immer an Judi Dench in der Rolle als Chefin des MI6 denken, was Philipp als alten James-Bond-Fan köstlich amüsierte. Er hatte im Tagesgeschäft nicht viel mit der Chefin der Universität zu tun, wusste aber zu schätzen, dass sie ihn als Quereinsteiger unterstützt und so seine Professur erst ermöglicht hatte. Auch bei diesem Vorfall mit dem besoffenen Studenten hatte Fries kein Theater veranstaltet. Philipp wusste natürlich, dass ihre Unterstützung nicht uneigennützig war und dass der gewiefte Machtmensch, welcher die Rektorin nun mal war, früher oder später eine Gegenleistung einfordern würde.

Quid pro quo.

»Nehmen Sie Platz, mein lieber Humboldt«, sagte die Rektorin mit gefährlicher Freundlichkeit und wies auf die dezent arrangierte Sitzgruppe. Philipp setzte sich in einen der bequemen schwarzen Ledersessel. An der gegenüberliegenden Wand hingen kleine Porträts von bekannten Dichtern, Musikern, Forschern und Politikern. Voltaire, Mark Twain, Goethe, Heine, Tucholsky, Lessing, Mozart und Haydn, George Washington, Benjamin Franklin, Roosevelt, Hoover und Churchill, dann auch Clark Gable und Josephine Baker. Eine bunte Mischung ohne erkennbares Schema.

»Interessante Bekanntschaften«, sagte Philipp und zeigte auf die Bildergalerie. »Sie sehen jünger aus als Ihre Freunde, Frau Rektorin.«

Fries war nicht zum Spaßen zumute. Stattdessen bestellte sie über eine altmodische Gegensprechanlage zwei Tassen Kaffee. Danach blätterte sie lustlos in einigen Unterlagen und wartete, bis ihr Assistent die beiden Tassen auf einem Tablett serviert und die schwere Holztür wieder hinter sich geschlossen hatte. Philipp hoffte inständig, dass es nicht das erste Heißgetränk war, welches an diesem Morgen durch das Gerät gelaufen war. Er hasste den fahlen Geschmack nach langem Wochenende, der sich zwangsläufig einstellte, wenn eine Kaffeemaschine einige Tage nicht in Betrieb gewesen war. Eine Fliege schwirrte an seinem Kopf vorbei, um dann mit einem Rückwärtssalto kopfüber an der Bürodecke zu landen. Mit ihren mikroskopisch kleinen Krallen und Haftpolstern drehte sie dort einige Runden. Zweifellos hielt sie sich in diesem Moment für das Zentrum der Welt.

Die Rektorin riss Philipp aus seinen Gedanken. »Sagt Ihnen der Name von Werdenberg etwas?« Dabei betonte sie das »von« überdeutlich.

Die Frage selbst war eine rhetorische. Mochte Alexander von Werdenberg zwar nicht die Klatschspalten der Boulevardpresse füllen und ein skandalfreies Leben führen, so war er trotzdem in der Schweizer Bankenszene und weit darüber hinaus ein Begriff, ja, eine große Nummer. Die von Werdenbergs – zwei Waisen, Flüchtlinge, die sich nach dem Krieg in der Schweiz hochgearbeitet hatten. Die beiden Brüder hatten in den 60er-Jahren des vorherigen Jahrhunderts ihre eigene Firma gegründet. Die Privatbank von Werdenberg war so verschwiegen wie erfolgreich. Die exakten Zahlen zum verwalteten Vermögen und Reingewinn der Bank wurden nie publiziert, aber in der einschlägigen Szene war bekannt, dass einige der wohlhabendsten und einflussreichsten Familien der Schweiz und aus dem Ausland sich bei den von Werdenbergs die Klinke in die Hand gaben. Einer der Brüder war in den 70er-Jahren auf tragische Weise bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Der andere, Alexander von Werdenberg, führte die Geschäfte bis heute äußerst erfolgreich. Er mied jedoch die Öffentlichkeit wie der Teufel das Weihwasser. Nach Philipps Wissensstand gab es keine offiziellen Fotos von ihm. Doch genau diese Tatsache machte von Werdenberg zu der bekannten und schillernden Persönlichkeit, die er war. Er verkörperte die wohltuende Antithese zu den modernen Managern, die keine Gelegenheit für eine peinliche Homestory oder einen medienwirksamen Auftritt an sich vorbeigehen ließen.

»Ja, der Name von Werdenberg ist mir ein Begriff«, antwortete Philipp kurz. Das sanfte »von« zeigte den Weltbürger. Es war ihm immer noch schleierhaft, was die Rektorin eigentlich von ihm wollte.

Fries ließ ihn weiter zappeln. Sie schien keine Eile zu haben. »Ich kenne Alexander von Werdenberg nur flüchtig. Wir haben zusammen an einigen, sagen wir mal, inoffiziellen politischen Gesprächen teilgenommen, und von Werdenberg hat die Bildungslandschaft der Schweiz immer wieder großzügig gefördert. Verschwiegen. Altes Geld. Mäzenatentum wie aus dem Bilderbuch. Wie Sie vielleicht wissen, ist Alexander von Werdenberg nicht mehr der Jüngste. Zwar ist er bis heute topfit, aber das Rad der Zeit kann auch er nicht anhalten.«

Die Rektorin machte eine Pause und rührte in ihrem Kaffee. Dabei wippte sie mit dem rechten Fuß. Ungewöhnlich für die sonst so kontrollierte Frau.

»Er muss fast 90 Jahre alt sein.« Philipp versuchte das Gespräch möglichst schnell zu beenden. Denn die Zeit bis zum Beginn seiner Vorlesung hielt auch niemand an. Die Rektorin machte keine Anstalten, die Katze aus dem Sack zu lassen. Stattdessen ermunterte sie Philipp durch ihr Schweigen weiterzureden.

»Obwohl man in der Öffentlichkeit nicht viel über ihn weiß, gilt sein Arbeitsethos bei den Angestellten der Privatbank von Werdenberg als legendär. Ich habe gehört, dass Alexander von Werdenberg 24 Stunden am Tag erreichbar sei und kaum Essen und Schlaf benötige. Also ein noch größeres Arbeitstier als Sie, Frau Fries.« Philipp wusste, wie er die Rektorin auf die Palme bringen konnte.

»Machen Sie nur Ihre Witze, Humboldt. Allerdings möchte ich Sie daran erinnern, dass ich in dieser Institution das Sagen habe und Sie im akademischen Bereich – mit Verlaub – nach wie vor ein Neuling sind. Ihre Professur, ich meine …«, ihre Lippen formten sich zu einem süffisanten Lächeln, »… Ihre Titularprofessur haben Sie ausschließlich mir zu verdanken. Außerdem habe ich Sie bei dieser unsäglichen Geschichte bei der letztjährigen Abschlussfeier gedeckt.«

Philipp hob entschuldigend die Hände. »Der besoffene Kerl hat mehrere Studentinnen betatscht und außer mir ist niemand eingeschritten. Eigentlich hätten Sie mir einen Orden für Zivilcourage verleihen müssen.«

»Für Zivilcourage muss man keinem Studenten die Nase brechen.«

»Vergessen Sie bitte nicht die Platzwunde auf meiner Stirn«, verteidigte sich Philipp.

Die Rektorin schüttelte den Kopf, konnte sich aber ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Es ist mir bis heute schleierhaft, wie der Student, notabene einen Kopf kleiner als Sie, mit seiner Nase gegen Ihre Stirn geschlagen haben soll. Von der gequetschten Rippe gar nicht zu reden.«

»Die Rippe war ein unglücklicher Unfall, als ich den Typen zur Tür begleitet und …«

»… ihn kopfüber auf den Gehsteig bugsiert haben. Nun gut, lassen wir das. Es ist ja nie zu einer Anzeige gekommen.«

Philipp trank seinen Kaffee, der zu seiner Erleichterung nach Koffein und nicht nach Montagmorgen schmeckte. Er blickte der Rektorin offen in die Augen und tippte auf die Uhr. Diesmal verstand Fries die Geste.

»Lassen Sie uns zur Sache kommen, Professor Humboldt. Sie machen einen tollen Job und die Universität ist außerordentlich zufrieden mit Ihnen. Ihre Vorlesungen erfreuen sich großer Beliebtheit, und Ihre Habilitation hat eine wichtige Forschungslücke gestopft. Die Bedeutung der Finanzindustrie für die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz wurde in der Wissenschaft lange vernachlässigt und nicht in der notwendigen Breite erforscht. Darum habe ich Ihren interdisziplinären Lehrstuhl geschaffen. Sie bringen frischen Wind auf die Gänge des Campus. Das gefällt mir. Andererseits ist da natürlich auch die finanzielle Komponente. So ein Lehrstuhl kostet viel Geld. Und da sind wir beim Grund unseres Gesprächs angelangt. Herr von Werdenberg ist an mich herangetreten. Er will seine Firmengeschichte in Auftrag geben. Sein Vermächtnis. Und er will, dass Sie es schreiben, Humboldt.«

Philipp hatte mit vielem gerechnet, aber nicht mit einer banalen Firmengeschichte. Es überkam ihn ein akuter Lachanfall, den er beim besten Willen nicht unterdrücken konnte. Er schüttelte sich vor Lachen und hob entschuldigend die Hände. Währenddessen stieg der Rektorin die Zornesröte ins Gesicht. Ein überhitzter Dampfkochtopf kurz vor dem Bersten. Der Druck entlud sich in einer wüsten Schimpftirade, die Philipp nur noch weiter anstachelte.

»Es ist mir natürlich klar, dass Sie als ehemaliger CEO glauben, etwas Besseres zu sein. Wir sind ja nur dämliche Beamte. Aber ich kann Ihnen jederzeit den Stecker ziehen, Humboldt. Und das werde ich tun, das schwöre ich bei Gott, wenn Sie nicht sofort mit Ihrem dämlichen Lachen aufhören! Ich löse noch heute Ihr kleines Institut auf, und dann können Sie sich Ihre verdammte Vorlesung sonst wo hinstecken!«

Ihr Wutanfall wurde durch ein Klopfen unterbrochen. Der Sekretär steckte seinen Kopf ins Zimmer. »Alles in Ordnung, Frau Fries? Sie wissen doch, dass Sie sich nicht so aufregen sollen. Ihr Arzt hat gemeint …«

»Ich rege mich nicht auf!«, schrie sie und wies ihren Adjutanten mit einer schroffen Handbewegung an, die Tür augenblicklich wieder von außen zu schließen. Fries zitterte wie eine angeschlagene Stimmgabel.

Philipp setzte sich in der Zwischenzeit gegen seinen Lachanfall zur Wehr. Er dachte im Schnelldurchlauf an seine verstorbenen Eltern, an längst vergangene Probleme mit Sophie und weitere dunkle Seiten seines Lebens, was den Lachkrampf milderte. Er schüttelte entschuldigend den Kopf, atmete tief aus und strich sich mit dem Ärmel seines Jacketts die Tränen aus dem Gesicht. »Sorry, Rektorin Fries. Mit einer Firmengeschichte hätte ich wirklich nicht gerechnet. Einmal mit von Werdenberg über das Bankgeschäft diskutieren oder ein Beratungsmandat übernehmen, gerne. Aber eine Firmengeschichte? Da gibt es kompetentere Kandidaten. Warum nicht einen Historiker damit beauftragen? Oder fragen Sie doch Frau Professorin Schelbert. Die freut sich sicher über einen öffentlichen Auftrag. Ich habe so etwas nie gemacht. Zudem hat gerade das Semester begonnen. Mit meiner Vorlesung, dem Seminar und der Betreuung der Doktoranden bin ich voll ausgelastet. Und forschen soll ich ja auch noch.«

Fries stand auf und blickte aus dem Fenster in den grauen Morgenhimmel über Zürich. Der Wind hatte weiter aufgefrischt und drückte nun dicke Regentropfen gegen die Scheiben. Ein feines Klopfen war zu hören, wie auf einer Tischplatte trommelnde Finger. Fries zuckte mit dem Kopf nach rechts, dann nach links. Ein Überbleibsel aus der Zeit, als sie lange Haare getragen hatte. Die Haarpracht war mittlerweile verschwunden, die Phantombewegung geblieben. »Bilden Sie sich nur nicht zu viel auf sich ein, Humboldt. Natürlich habe ich die Schelbert vorgeschlagen, allerdings hat von Werdenberg abgelehnt.«

Philipp wurde hellhörig. »Was hat meine Kollegin dazu gesagt?«

»Was meinen Sie denn?«, fragte die Rektorin gereizt zurück. »Sie hat sich natürlich teuflisch aufgeregt, dass ›der Krieger‹ den Auftrag bekommen hat.«

»Der Krieger?«

Fries verdrehte die Augen. »Ja, Sie – der Krieger. Professor Humboldt, der immer alles kriegt.«

Philipp lächelte böse in sich hinein. Sein Bauchgefühl hatte ihn also nicht getäuscht. Die Schelbert intrigierte gegen ihn. Er würde sie in Zukunft genauer im Auge behalten.

Fries fuhr fort. »Es geht natürlich nicht um eine profane Firmengeschichte. Es steckt mehr dahinter. Viel mehr.« Die Rektorin machte eine bedeutungsschwangere Kunstpause und drehte sich wieder zu Philipp. »Alexander von Werdenberg will seine Bank verkaufen. Und zwar an die Zürcher Investment Bank, die Sie als ehemaliger CEO bestens kennen. Der Gewinn aus dem Verkauf soll in eine Stiftung fließen, die von seiner Tochter geführt wird. Ich muss Sie nicht darauf hinweisen, dass diese Informationen nicht an die Öffentlichkeit gelangen dürfen. Es wird der Deal des Jahres an der Schweizer Börse. Die Privatbank von Werdenberg wird für immer verschwinden. Alexander von Werdenberg will, dass Sie sein Vermächtnis verfassen und ihm für Fragen zur Verfügung stehen.«

Philipp pfiff leise durch die Zähne. Das war wirklich eine große Sache. Die spektakulärste Übernahme seit Langem auf dem Finanzplatz, dazu von dieser diskreten, ja geheimnisvollen Bank.

Fries blieb die Veränderung in Philipps Körpersprache nicht verborgen und sie setzte nach. »Sie werden einmal unser Starprofessor, Humboldt. Darum will von Werdenberg Sie. Nur Sie und niemand anderen. Das passt wie die Faust aufs Auge. Sie beide sprechen dieselbe Sprache, zwei Experten auf Augenhöhe. Für die Detailarbeit bekommen Sie einen Journalisten oder was immer Sie brauchen.«

»Ich dachte, die Ressourcen der Universität seien knapp bemessen? Woher stammt auf einmal das Budget dafür?«

Fries zeigte ihr breitestes Lachen und die kräftigen weißen Zähne kamen zum Vorschein. Ein Raubtier, das jederzeit zubeißen und seine Beute in tausend Stücke reißen konnte. »Dafür ist gesorgt. Von Werdenberg wird alle Zusatzkosten übernehmen. Und nicht nur das: Wenn wir das Projekt nach seinen Wünschen ausführen, wird er uns – und damit auch Ihr Institut – mit einem großzügigen Legat unterstützen. Wir können die Universität voranbringen und unseren Kollegen von der ETH endlich wieder einmal so richtig vors Schienbein treten.«

Daher wehte also der Wind.

Es war der Rektorin ernst. Todernst. Philipp rutschte auf seinem Stuhl hin und her, fand aber keine passende Position. Das Knirschen des Leders, sonst ein Zeichen von Gemütlichkeit, war nun laut und unangenehm. Der angesprochene Deal war interessant, keine Frage. Andererseits war eine prominente Rückkehr in die Bankenwelt genau das, was Philipp unbedingt vermeiden wollte. Keine Steine umdrehen, die Vergangenheit ruhen lassen, und die Toten …

»Wenn es nur ums Geld geht, bezahle ich den Unterhalt meines Institutes aus eigener Tasche.« Philipp hoffte, dass er so von der Aufgabe verschont bliebe. Vergeblich.

»Professor Humboldt. Wir sprechen hier von Zahlen, die sogar Ihr Konto sprengen würden. Es dreht sich hier nicht um einige 10.000 Franken.« Fries kostete den Moment aus und machte sich keine Mühe, ihre Genugtuung zu verbergen.

»Sechsstellig?«

Die Rektorin schüttelte genüsslich den Kopf.

»Siebenstellig?«

Fries blickte zur Decke und ihre Daumen zeigten nach oben. Sie wippte dabei mit den Unterarmen, als würde sie einen Düsenjet auf die richtige Position lotsen. »Achtstellig, Humboldt. Und die erste Zahl ist keine Eins, so viel kann ich Ihnen sagen.«

Jetzt verstand Philipp die Anspannung der Rektorin. Alexander von Werdenberg gehörte zu den reichsten Einwohnern der Schweiz, wobei ein großer Teil seines Vermögens in der Bank steckte. Der Bankier schaffte es in der jährlichen Rangliste der Bilanz jeweils ganz nach oben. Lediglich einige Oligarchen und alteingesessene Industrielle hatten noch mehr auf der hohen Kante.

Aus der strengen Rektorin war nun eine begnadete Verkäuferin geworden und sie wickelte Philipp mit Zuckerwatte ein. »Wir könnten zusammen Ihr Institut auf Vordermann bringen, es mit allen nötigen Ressourcen ausstatten. In den nächsten zehn Jahren würde so der Nukleus der Schweizer Bankforschung hier in Zürich entstehen. Mit Ihnen an der Spitze, Humboldt. Und die Beförderung zum ordentlichen Professor wäre sowieso selbstverständlich – bereits im nächsten Jahr. Ich mag Sie, Philipp. Sie haben eine große akademische Karriere vor sich.«

Philipp war hin- und hergerissen. Was konnte denn schon passieren? Schließlich würde er in von Werdenbergs Vergangenheit stöbern – und nicht umgekehrt. Und über die alten Geschichten musste in der Zwischenzeit nicht nur Gras, sondern längst ein veritabler Wald gewachsen sein. Das Angebot war verlockend. Mit dem Legat könnte er sein eigenes Institut aufbauen. Hatte er das nicht immer gewollt, etwas Sinnvolles leisten, etwas Bleibendes hinterlassen, worauf er dereinst stolz zurückblicken konnte? Dennoch erbat sich Philipp eine kurze Bedenkzeit. Das Projekt höre sich zwar sehr attraktiv an, er müsse aber noch Rücksprache mit seiner Frau halten, da sie schließlich beide für die Erziehung der Kinder verantwortlich seien und mit der Annahme des Projektes ohne Zweifel Arbeitsstunden über das normales Pensum hinaus entstünden.

Die Rektorin gab sich vordergründig verständnisvoll. »Abgemacht. Ich respektiere Ihre Bedenkzeit und werde Herrn von Werdenberg informieren, dass Sie sich morgen für ein erstes Treffen an sein Büro wenden. Die Kontaktnummer werden wir Ihnen zukommen lassen. Jetzt sollten Sie sich aber beeilen, in wenigen Minuten beginnt Ihre Vorlesung.«

Nach einem Blick auf die Uhr blieb Philipp keine Zeit mehr, auf den geschickten Schachzug der Rektorin zu reagieren. Er griff nach seinen Unterlagen und eilte davon.

War er gerade über den Tisch gezogen worden?

Der Vorlesungsraum war zum Bersten voll. Das ganze Ausmaß wurde ersichtlich, als sich Philipp zum Rednerpult durchgekämpft hatte. Der Raum war maßlos überfüllt, vollgestopft wie ein Pendlerzug in Mumbai. Am Eingang hatte sich bereits ein längerer Rückstau gebildet. Die Scheiben waren von innen angelaufen und die Luft war feucht wie in einer Waschküche. Der Sauerstoffpegel lag deutlich unter dem Lärmpegel. Philipp konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen – die Menschenansammlung war seine Rettung. Unter solchen Umständen war an eine reguläre Durchführung der Vorlesung gar nicht zu denken. Er breitete die Arme aus, wie Jesus bei der Bergpredigt. »Guten Morgen. Ich muss Sie leider enttäuschen. Die Autogrammstunde von George Clooney wurde abgesagt. Hier wird nun stattdessen die Vorlesung ›Geschichte der Schweizer Banken seit 1945‹ abgehalten.«

Schallendes Gelächter.

»Nun gut. Ein Versuch war es wert. Aber ich möchte Sie dennoch warnen. Grundlage meiner Vorlesung ist dieses Buch.« Philipp hob seine soeben veröffentlichte Forschungsarbeit in die Höhe. »500 Seiten. Trocken wie ein alter Zwieback.« Er legte den Schmöker vor sich auf das Pult und fuhr fort. »Ich freue mich natürlich außerordentlich über das rege Interesse an meiner Forschung. Mit diesen prekären Platzverhältnissen können wir heute allerdings keine reguläre Vorlesung abhalten. Ich werde versuchen, bis nächste Woche einen größeren Raum zu organisieren. Lesen Sie bis dahin die ersten beiden Kapitel meines Buches. Sie können es kostenlos auf der Webseite meines Instituts herunterladen.«

Anerkennendes Klopfen. Philipp klemmte sich seine Sachen unter den Arm und blickte dann nochmals ins Plenum. »Die zwei Kapitel beleuchten die Entstehung des Finanzplatzes. Ich lege in meinen Vorlesungen und Seminaren großen Wert auf ein profundes Verständnis der historischen Zusammenhänge. Man lebt das Leben zwar vorwärts, aber verstehen kann man es nur rückwärts. Ich wünsche allen einen guten Semesterstart.«

Philipp atmete erleichtert aus. Er konnte noch nicht ahnen, was auf ihn zukommen würde. Vorwärts gesehen.

Der Auftraggeber

»Hat er angebissen?« Seine Stimme klang tief und weich, wie eine Felldecke.

»Ja«, sagte die Rektorin. »Aber genau genommen habe ich zugebissen.«

»Gut, wir bleiben in Kontakt.« Er beendete zufrieden das Telefongespräch. Fries war zuverlässig. Wobei das bei der Summe, die er in Aussicht stellte, zu erwarten gewesen war. Er erhob sich aus seinem imposanten Bürosessel und drückte den Rücken durch. Die Schmerzen waren an diesem Morgen fast unerträglich. Die Bandscheibe und das schlechte Wetter – eine unheilvolle Allianz. Trotzdem fühlte er sich wohl in seiner Haut. Er hatte gelernt, mit dem Leiden umzugehen, und wollte es mittlerweile nicht mehr missen. Die Schmerzen waren das untrügliche Zeichen, dass er noch am Leben war. Nichts setzte so viel Adrenalin im Körper frei. Außer vielleicht Todesangst, das reinste Doping. Und wenn man in seinem Leben so viele Stresshormone durch den Körper gejagt hatte wie Alexander von Werdenberg, konnte man schon süchtig danach werden. Sorgfältig entfernte er einen Fussel am Ärmel seinen Jacketts, zupfte das weiße Einstecktuch zurecht und goss sich dann zufrieden ein Glas trockenen Sherry ein. Alles lief nach Plan.

Bis jetzt.

Bahnhofstrasse

Zürich, 17. September

Schon am nächsten Nachmittag stand Philipp an der Bahnhofstrasse und betrachtete den Eingang der Privatbank von Werdenberg. Zwischendurch ratterte eine der blau-weißen Trams vorbei und versperrte ihm für kurze Zeit die Sicht. Der geheimnisvolle Bankier hatte ihn bei ihrem Telefongespräch freundlich gebeten, gleich wenige Stunden später zu ihm ins Büro zu kommen. Der Hauptsitz der Bank lag, wie nicht anders zu erwarten, an der Straße mit den teuersten Uhren der Welt. Mit dem Einzug der beliebigen Kleiderketten und den weltweit bekannten Marken war die Exklusivität der 1,4 Kilometer langen Bahnhofstrasse zwar verschwunden, aber die gediegene Architektur und das schöne Panorama, vor allem dort, wo sich die Sicht auf den See und die Berge zu öffnen begann, waren geblieben.

Philipp betrachtete interessiert die Fassade des stattlichen Gebäudes, das die Privatbank von Werdenberg beherbergte. Vielleicht hatte hier vor hundert Jahren eine wohlhabende Familie gelebt, die ihr Geld in der Industrie gemacht hatte? Wer weiß. Heute gehörten die Gebäude an der Bahnhofstrasse Banken, Versicherungen, ausländischen Konsortien und vermehrt auch Pensionskassen, die ihr Geld im Betongold anlegten.

Philipp war früh dran und flanierte ein wenig durch die Gegend, die lange Zeit seine Heimat gewesen war. Es fühlte sich seltsam fremd und sogar etwas einsam an, wie wenn man nach vielen Jahren einen alten Freund wiedersieht und sich nichts mehr zu sagen hat. Philipp überquerte den fast menschenleeren Bürkliplatz. Die Mittagspause war schon vorbei und der Feierabend stand erst noch vor der Tür. Die meisten der kaufmännisch Angestellten arbeiteten also gerade oder taten zumindest so. Ein junges Elternpaar war mit seinen Kindern unterwegs, ein Hund schnupperte an einem Hydranten und wollte sich von seinem Herrchen partout nicht zum Weitergehen überreden lassen. Ein asiatisches Paar begutachtete die Einkäufe. Zwei Rentner genossen nach dem verregneten Wochenstart die milden Temperaturen auf einer Parkbank und unterhielten sich ruhig mit lauter Stimme. Das Gespräch drehte sich um die Misere eines Zürcher Fußballklubs. Philipp lächelte – sein Sohn David besaß ein Trikot des Rekordmeisters.

Am Seebecken blinzelte Philipp in die Sonne und genoss das herrliche Panorama. Die Berge schienen an diesem föhnigen Tag wie gemalt und zum Greifen nah. Der See roch nach Wasser mit einer Prise Tang. Laute Musik wummerte aus einem vorbeifahrenden Auto. Möwen kreischten und missgönnten sich jede Brotkrume.

Sehr menschlich, diese Tiere.

Philipp entschied sich, einen Kaffee im Hotel Storchen zu sich zu nehmen, und ging zum Weinplatz hinunter. Da Zürich durch keinen der großen Kriege versehrt worden war, konnte das Hotel Storchen auf eine über 600-jährige Geschichte zurückblicken. Es hatte schon illustre Persönlichkeiten wie Richard Wagner oder Grimmelshausen beherbergt. Dank des schönen Wetters und der milden Temperaturen standen einige Tische vor dem Hotel auf dem Weinplatz. Philipp setzte sich auf einen freien Platz und bestellte eine Tasse Kaffee. Genüsslich zog er die frische Luft tief in seine Lungen. Er überlegte kurz, sich eine Zigarette anzuzünden, ließ dann aber davon ab. Er wollte bei seinem ersten Treffen mit von Werdenberg nicht nach kaltem Rauch stinken. Stattdessen studierte er die Gegend und ließ die Seele baumeln. Das Grossmünster präsentierte sich auf der anderen Flussseite unter dem strahlenden Himmel in seiner ganzen Pracht und die beiden blau-weißen Fahnen auf den charakteristischen Doppeltürmen bewegten sich sanft im Wind. Philipp glaubte fast, ihr Flattern zu hören. Die Kirche soll der Legende nach von keinem Geringeren als Karl dem Großen gegründet worden sein. Und heute war Kaiserwetter. Postkartenidylle.

Vor dem Hotel herrschte Fahrverbot. Eigentlich. Ein Elektroradfahrer schoss ohne Rücksicht auf Verluste in halsbrecherischem Tempo an den Fußgängern vorbei. Er war dabei so auf die Beherrschung seines Gefährts konzentriert, dass er die eindeutige Geste des Kellners, den er beinahe überrollt hatte, nicht bemerkte. Die militanten Radfahrer waren zu einer regelrechten Plage geworden, fand Philipp. Was ihn vor allem ärgerte, war deren heuchlerische Selbstgerechtigkeit, das Gefühl moralischer Überlegenheit gegenüber allen, die sich anders fortbewegten. Dabei bleibt ein Idiot ein Idiot, egal ob er im Auto, auf einem Fahrrad oder sonst wo sitzt. Die Szene war aber in dem Moment schon wieder Geschichte, als Philipp den Kaffee serviert bekam. Sein Lieblingsgetränk, einmal von Rotwein abgesehen, war schon lange zu einer Sucht geworden. Er nahm sofort einen kleinen Schluck. Kaffee musste heiß sein. Kalter Kaffee war für ihn ungenießbarer als die Zeitung von gestern.

An einem Nebentisch saßen einige Banker in dunklen Anzügen. Sie tuschelten und schauten zu Philipp hinüber. Er nickte ihnen kurz zu. Wahrscheinlich hatten sie ihn erkannt oder sogar für ihn gearbeitet. Die Gesichter kamen ihm nicht bekannt vor. Als CEO hatte er viele tausende Mitarbeiter unter sich gehabt. Es konnte allerdings auch an diesen unsäglichen Hipsterbärten liegen, die sie allesamt trugen, dass er sie nicht unterscheiden konnte. Ursprünglich vielleicht einmal als Zeichen von Individualität gedacht, waren die Bärte mittlerweile nur noch Mainstream. Was mochte wohl die Botschaft sein: Hallo, ich bin eigentlich ein unerschrockener Hockeyspieler?

Nun gut.

Philipp schloss die Augen und atmete tief durch. Nicht negativ werden. Er hatte nach seinem Abschied als CEO der Zürcher Investment Bank vor rund vier Jahren einige Zeit gebraucht, um all den Stress und schizophrenen Verfolgungswahn loszuwerden. Er hatte nicht vor, sich wieder dort hineinziehen zu lassen, und zündete sich jetzt doch eine Zigarette an. Er war gespannt auf die erste Begegnung mit dem legendären von Werdenberg. Die Webseite der Bank hatte nicht viel preisgegeben. Es war von einigen hundert Mitarbeitenden zu lesen, die meisten davon arbeiteten in der Peripherie. Lediglich der innerste Zirkel hielt sich an der Bahnhofstrasse auf. Ansonsten fand man die üblichen Floskeln. Transparent wolle man sein. Nichts versprechen, was man nicht einhalten könne. Man konzentriere sich auf die Dinge, die man beeinflussen könne. Philipp kannte die Marketingsprüche bestens aus eigener Erfahrung. Schlussendlich kochten aber alle Finanzinstitute nur mit Wasser. Die einen besser als die anderen, keine Frage. Und die Privatbank von Werdenberg gehörte definitiv zu denen mit vielen Gault-Millau-Punkten.

30 Minuten, zwei Zigaretten und eine weitere Tasse Kaffee später machte sich Philipp auf den Weg zu seinem Termin. Vor dem Gebäude kontrollierte er Krawatte, Hemd, Jackett und Schuhe. Der anthrazitfarbene Anzug saß perfekt, wie gestern gekauft. Die Krawatte hatte er mangels Übung dreimal binden müssen, bis die Länge passte, bündig mit der Gürtelschnalle. Keinen Zentimeter länger, keinen kürzer. Er trat näher an den Eingang heran. Keine Tafel oder sonstige Beschriftung wies darauf hin, dass sich hier ein Geldinstitut befand. Offensichtlich war man nicht an Laufkundschaft interessiert. Und Diskretion hatte in diesem Geschäft bekanntlich noch nie geschadet.

Philipp drückte den unscheinbaren Klingelknopf, nachdem er vergeblich nach einer Klinke Ausschau gehalten hatte. Als habe man bereits auf ihn gewartet, öffnete sich die gusseiserne Tür und er betrat das Gebäude. Dort empfing ihn eine Sicherheitsschleuse mit Gegensprechanlage und einer kleinen Überwachungskamera.

»Sie wünschen?«, ertönte eine sonore Stimme aus dem Nichts.

Philipp bückte sich leicht in Richtung des Mikrofons. »Humboldt. Herr von Werdenberg erwartet mich.« Mit einem lauten Summen, gefolgt von einem metallenen Klicken, wurde die Glastür entriegelt. Auf einer massiven Bronzeplatte stand geschrieben, was alle, die es bis hierhin geschafft hatten, ohnehin schon wussten: »Privatbank von Werdenberg«. An der weißen Wand war ein herrliches Bergrelief abgebildet, wahrscheinlich eine Szenerie aus dem Engadin. Die Werdenberg-Brüder, so viel hatte Philipp in Erfahrung bringen können, hatten dort ein Internat besucht. Das Bild mochte daher eine Reminiszenz an diese Jugendzeit sein. Oder die Marketingabteilung versuchte mit einer guten Portion Swissness davon abzulenken, dass die Privatbank von Werdenberg deutsche Wurzeln hatte.

Philipp ging zum Empfang im ersten Stock. Seine Schritte hallten laut durch das Gebäude. Zu seiner Überraschung wurde er oben an der Treppe nicht von einer der für das Private Banking sonst üblichen ansehnlichen Empfangsdamen begrüßt. Stattdessen nahm ihn ein imposanter älterer Herr mit dem Händedruck eines Holzfällers in Empfang.

»Grüß Gott, Herr Professor Humboldt. Alexander von Werdenberg. Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

»Die Freude ist meinerseits«, erwiderte Philipp freundlich. Neugierig betrachtete er den geheimnisvollen Bankier. Von Werdenberg musste in seiner Jugend eine geradezu furchteinflößende Erscheinung gewesen sein, denn noch heute war er kräftig, vital und strotzte vor Gesundheit. Er war trotz seines Alters immer noch gleich groß wie Philipp, der mit seinen 1,90 Meter nicht zu den Kleinsten gehörte. Die Augen des Patrons leuchteten klar und wach, ohne Anzeichen einer Eintrübung. Die Körperhaltung aufrecht, Rücken und Schultern durchgestreckt. Das scharfe Rasierwasser von Werdenbergs stach Philipp sofort in die Nase, keine Spur von dem leicht süßlichen Geruch, der bei Menschen ab einem gewissen Alter oft wahrzunehmen war. Von Werdenberg war ohne Zweifel der rüstigste Senior, den sich Philipp vorstellen konnte. Was mochte wohl sein biologisches Alter sein? 65? Höchstens. Seine Konstitution war geradezu beängstigend.

Von Werdenberg war sich seiner Wirkung zweifellos bewusst und kam dem obligaten Kompliment zuvor: »Ich war Schwimm- und Fechtmeister an der Universität. Aber das ist lange her. Mittlerweile bin ich auf der falschen Seite der 80. Mein Gelenke knacken am Morgen wie ein antiker Holzstuhl.« Seine Stimme war tief und warm.

Philipp quittierte seine Aussage mit einem ehrlichen Lachen.

Von Werdenberg legte die Hand schwer auf Philipps Schulter und schob ihn vom Treppenhaus in den offiziellen Empfangsbereich. Das Gebäude war in einem Topzustand, als wäre erst gestern eine umfassende Renovierung abgeschlossen worden. Frisch gebohnerte Holzböden, weiße Steinwände, schwarze Designermöbel. An den Wänden hingen Bilder des sonst so fotoscheuen Bankiers, die von Werdenberg mit bekannten Persönlichkeiten zeigten: von Werdenberg kaffeetrinkend mit Helmut Kohl, von Werdenberg in einer Bibliothek neben Johannes Paul II., von Werdenberg zigarrerauchend mit Franz Josef Strauß, von Werdenberg lachend in einer größeren Gruppe um Ronald Reagan, der noch junge von Werdenberg mit sieben älteren Herren, Philipp erkannte Willi Ritschard und Kurt Furgler. Daneben gab es noch kleinere Bilder mit Willy Brandt, François Mitterrand, Margaret Thatcher, Prinzessin Diana und Elizabeth Taylor. So viel Intimität war ungewöhnlich für die sonst auf Diskretion bedachte Privatbank.

Von Werdenberg stellte sich neben Philipp. »Zugegebenermaßen etwas eitel von mir. Alles Unikate. Die Negative liegen in meinem Safe und es gibt keine weiteren Abzüge. Ich habe immerhin gewartet, bis die Damen und Herren von uns gegangen sind. Also eine zweifelhafte Ehre, hier zu hängen.«

»Da haben wir ja dann schon einige Seiten für Ihre Firmengeschichte«, sagte Philipp.

»Sie kommen ja gleich zur Sache, junger Mann. Das gefällt mir. Keine Lebenszeit vergeuden. Vor allem, wenn – wie bei mir – der obere Teil der Sanduhr bald leer ist.« Von Werdenberg sprach ohne Wehmut, eher wie ein Wissenschaftler, der nüchtern ein Faktum erklärt. »Aber diese Persönlichkeiten werden natürlich nicht in unserem Buch auftauchen. Glauben Sie mir, Professor, ich hätte nicht viel Spannendes über die Herrschaften zu berichten, im Gegensatz zu den Damen.« Für einen kurzen Augenblick huschte ein Ausdruck von Melancholie über sein Gesicht.

Von Werdenberg erinnerte Philipp an einen Schauspieler, dessen Name ihm partout nicht einfallen wollte. Es blieb keine Zeit nachzudenken, denn zwei Frauen traten aus einem der Sitzungszimmer, die sternförmig um den Empfangsbereich angeordnet waren. Beide waren dunkel gekleidet. Die eine trug ein elegantes schwarzes Deux-Pièces. Mit den hohen Schuhen und kurzgeschnittenen blonden Haaren hätte sie auf das Titelbild jeder Bankbroschüre gepasst. Die andere wirkte in ihrem schwarzen Hosenanzug und mit den offenen langen Haaren eher wie eine Künstlerin oder Journalistin.

Von Werdenbergs Augen strahlten noch heller. Er winkte die Frauen zu sich. »Darf ich Ihnen vorstellen: Da wäre einmal Julia von Werdenberg, meine Tochter, und Frau Loppacher, freischaffende Journalistin, aber de facto schon fast eine feste Mitarbeiterin bei uns. Frau Loppacher wird Sie beim Schreiben unserer Firmengeschichte unterstützen. Sie ist quasi Ihre Ghostwriterin und wird die relevanten Informationen rasch in eine gut leserliche Form bringen.«

Philipp nickte den Damen zu. »Na dann, auf eine gute Zusammenarbeit«, sagte er freundlich zu der Frau mit den offenen Haaren. Diese quittierte mit einem verlegenen Lächeln und schielte zu ihrer Begleiterin. Philipp bemerkte seinen Fauxpas.

Von Werdenbergs Tochter reagierte souverän. »Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, Herr Professor Humboldt. Wir lassen Sie jetzt in der Obhut meines Vaters. Sie haben sicher einiges zu besprechen.« Sie drückte den Knopf des Personenaufzuges. Julia von Werdenberg hielt offensichtlich wenig von Smalltalk.

Sehr sympathisch.

Sie verabschiedeten sich und Philipp betrat mit von Werdenberg den Lift. Der Patron hielt eine Karte an den Sicherheitssensor und drückte auf den Knopf neben der Aufschrift »Privat«. Danach verschwanden die Damen hinter der Fahrstuhltür, die sich mit einem sanften Summen schloss.

Der Privatraum des Firmenchefs beherbergte eine stattliche Bibliothek. Die schwarzen Regale mit den glänzenden Chromstahlverstrebungen waren perfekt auf das moderne Design des Raumes abgestimmt. Von Werdenberg war offensichtlich jemand, dem die Details wichtig waren. Er schätze hier oben, hoch über der hektischen Bahnhofstrasse, die Kraft der Ruhe, erklärte von Werdenberg. Das habe nichts mit seinem Alter zu tun, schob er rasch nach. Schon zu Beginn seiner Karriere habe er Menschenansammlungen nach Möglichkeit gemieden. Diesen Wunsch nach Diskretion teile er mit vielen seiner Kunden. Leider hätten in letzter Zeit eitle Selbstinszenierung und schlechte Manieren die Oberhand gewonnen. Er selbst habe sich immer an den Maximen orientiert, die Marc Aurel in seinen Aphorismen formuliert habe: hart an sich arbeiten und die einem auferlegten Pflichten erfüllen. Er ging zur Bücherwand, die sicher einige hundert Werke umfasste, und winkte Philipp zu sich. Mit sichtlichem Stolz wies er darauf. »Alles Erstausgaben. Einige datieren bis ins Mittelalter zurück.«

Philipp war ehrlich beeindruckt. »Nach welchen Kriterien haben Sie Ihre Sammlung angelegt?«

Von Werdenberg nickte zufrieden. »Endlich jemand, der die richtigen Fragen stellt und nicht mit irgendwelchen Gemeinplätzen seine Unwissenheit zu kaschieren versucht.« Beinahe zärtlich strich er mit der Hand über die ledernen Buchrücken. »Der Schwerpunkt der Sammlung befasst sich mit den verschiedensten Aspekten der Macht und des Bösen. Ein erfolgreicher Manager, der nicht mindestens einmal Machiavelli gelesen hat? Undenkbar. Ein CEO, der nicht mit den Schattenseiten des Lebens Erfahrungen gesammelt hat? Unwahrscheinlich.« Der Patron war in seinem Element. Sei es denn nicht die Kraft und die Vitalität des Bösen, die uns Menschen fasziniere? Hätten nicht alle eine dunkle Seite in sich, der man nur zu gerne einmal Auslauf gewähren würde? Wer wolle nicht aus den tristen Routineabläufen ausbrechen, die einem von Kindesbeinen an durch Eltern, Schule, Staat und Kirche vorgegeben würden? Die Beschäftigung mit dem Bösen bedeute doch nur, dass man sich selbst auf der Spur sei. Man stelle sich Faust ohne Mephisto vor oder den Fledermausmann ohne den Joker. Kafka habe mit Fug und Recht behauptet, dass das Gute allein trostlos sei. »Aber verzeihen Sie, Herr Professor. Ich langweile Sie sicher mit dem dummen Geschwätz eines alten Mannes.«

Philipp war elektrisiert. Er hatte den Ausführungen von Werdenbergs nichts hinzuzufügen. Jeder hat seine dunkle Seite, niemand wusste das besser als er selbst. Philipp zeigte sich als guter Zuhörer. »Nein, Sie langweilen mich gar nicht, im Gegenteil. Ich muss gestehen: Machiavelli habe ich mehrmals gelesen. Bücher haben mich immer fasziniert. Schon mein Deutschlehrer am Gymnasium hat uns geraten, niemandem zu trauen, dessen Fernseher größer ist als die Bibliothek.«

Der Patron lachte herzhaft.

Damit war das Thema abgehakt. Von Werdenberg setzte sich ohne weitere Worte in einen modernen italienischen Designerstuhl und wies Philipp an, ebenfalls Platz zu nehmen. Er goss beiden einen Whiskey ein und trank nach britischer Manier, ohne anzustoßen. Das Getränk roch nach Torf und Holz. Das lodernde Feuer in von Werdenbergs Augen war verschwunden und professioneller Nüchternheit gewichen. Der Verkauf seines Lebenswerks an die Zürcher Investment Bank sei für ihn, so von Werdenberg, nach langer Überlegung die beste Lösung. Er wolle »die vom Paradeplatz« aber noch etwas zappeln lassen und den Preis in die Höhe treiben. Die Schallgrenze von einer Milliarde Schweizer Franken sei durchaus realistisch. Er zeigte sich jetzt als der knallharte Geschäftsmann, der er war. Das Geld sei ihm so wichtig, weil der größte Teil des Erlöses in die Stiftung seiner Tochter fließen solle. Eine fundierte Publikation über sein Unternehmen käme ihm und vor allem seiner Tochter gelegen.

»Sie sehen also, Herr Professor, ich will etwas Positives hinterlassen. Es geht um nichts Geringeres als mein Vermächtnis.« Von Werdenberg machte eine kurze Pause und drückte den Rücken durch. »Meine Tochter will das Familienunternehmen nicht weiterführen. Nicht aufgrund fehlender Fähigkeiten, sondern weil sie andere Interessen hat. Das Sein war für sie schon immer wichtiger als das Haben. Ganz die verstorbene Mutter. Ich muss den letzten Schritt nun initiieren, solange ich den Prozess noch selber in der Hand habe. Ich konnte mich bis jetzt auf meine robuste Gesundheit verlassen, aber machen wir uns nichts vor. Ich bin in einem Alter, in dem man bei jeder Todesanzeige unwillkürlich auf den Jahrgang des Verstorbenen blickt.«

Es wurde kurze Zeit still wie in einem vollbesetzen Wartezimmer. Dann nahm von Werdenberg den Faden wieder auf. »Bitte erzählen Sie mir doch einmal, warum Sie vor vier Jahren die Zürcher Investment Bank als CEO verlassen haben. Ihr mutiger Schritt hat für einigen Wirbel gesorgt auf dem Bankenplatz. Gibt es irgendwelche Leichen im Keller der Bank, von denen ich wissen müsste?«

»Nein, es sind keine Leichen begraben«, log Philipp, ohne zu zögern. »Die Zürcher Investment Bank ist kerngesund«, ergänzte er wahrheitsgetreu. »Ich wollte damals aus meiner Komfortzone ausbrechen. Etwas Neues ausprobieren, Adrenalin spüren, spannende Dinge lernen. Und vor allem mehr Zeit für meine Familie haben. Bereut man dereinst nicht die Dinge, die man nicht getan hat?«

Von Werdenberg nickte kaum wahrnehmbar. »Sie haben so recht, mein lieber Professor. Die meisten Menschen kleben in ihrer Komfortzone wie die Fliege im Netz. Und erst die Ausreden, warum man nicht das Leben führen kann, von welchem man als Kind geträumt hat: Immer ist es gerade zu heiß, zu kalt, zu früh, zu spät, zu einfach oder zu kompliziert, um sein Leben in die eigene Hand zu nehmen.«

Eine Frage brannte Philipp unter den Nägeln: »Warum ist Ihre Wahl auf mich gefallen? Es gibt sicher Professoren und Journalisten, die mindestens so gut, wenn nicht sogar besser für die Aufgabe geeignet wären.«

Von Werdenberg zögerte keine Sekunde mit der Antwort. »Sie kennen die Zürcher Investment Bank und deren Führungsetage wie kein Zweiter. Ich kann mir beim besten Willen keinen idealeren Sparringspartner vorstellen. Und als ehemaliger Topmanager können Sie mit Zeitdruck umgehen. Die Arbeit muss Ende Januar fertiggestellt sein. Besser schon früher. Wir wollen ja nicht den Pulitzer-Preis gewinnen.«

Philipp legte die Stirn in Falten. »Das wird sehr knapp werden.«

Von Werdenberg machte deutlich, dass der Termin nicht verhandelbar sei. »Alle Informationen liegen auf dem Tisch. Wir werden uns so oft treffen, wie Sie es für nötig halten. Bei diesen Meetings werde ich Ihnen alle Fragen beantworten. Ihr Team wird Zugang zu meinem Bankarchiv erhalten. Wir haben bereits viele Unterlagen aufgearbeitet. Alle bekannten Hintergrundinformationen findet man in den üblichen Pressearchiven. Darüber hinaus werden wir Ihnen ja Frau Loppacher zur Seite stellen. Sie werden von ihr begeistert sein. Und Sie haben sicher einen Assistenten, den Sie abkommandieren können. So werden Sie in kurzer Zeit ein Manuskript verfassen. Ich besitze einen eigenen Verlag in Deutschland, der die Abschlussarbeiten übernehmen wird. Ich will das Projekt vorantreiben, solange ich noch kann. Jeder stirbt an einem Tag.«

»Aber an allen anderen nicht«, dachte Philipp laut.

»Schön gesagt! Von wem ist dieser Satz? Shakespeare?«

»Nein. Snoopy …«, antwortete Philipp trocken.

Von Werdenberg hob die Augenbrauen und zögerte einen Moment. Dann lachte er schallend und nahm einige Dokumente aus einer Ledermappe. »Hier sind die üblichen Formulare hinsichtlich Vertraulichkeit. Ich bitte Sie, diese zu unterschreiben und an uns zu retournieren. Es wartet leider ein Kunde auf mich. Haben Sie sonst noch Fragen, Herr Professor Humboldt?«

»Nein. Aber ich möchte mich nochmals für Ihr Vertrauen und die großzügige Spende bedanken. Ich hoffe, ich werde alles zu Ihrer Zufriedenheit erledigen.«

»Daran habe ich keine Zweifel. Wir haben Ihre Karriere mit großem Interesse verfolgt, Herr Humboldt. Wir sind uns ähnlich. Ähnlicher, als Sie ahnen.«

Philipp nahm diese Aussage als Kompliment. Dass sie auch eine versteckte Drohung sein könnte, wäre ihm zu diesem Zeitpunkt nie in den Sinn gekommen.

Das Spiegelbild

Alexander von Werdenberg stand am Fenster und beobachtete mit dem nachgefüllten Whiskeyglas in der Hand, wie Philipp Humboldt das Gebäude verließ und um die Ecke des Hotel Savoy verschwand. Er bemerkte gerade noch rechtzeitig die kleine Biene, die – angezogen vom intensiven Geruch des Getränks – in ebendiesem um ihr Leben strampelte. Von Werdenberg befreite das emsige Arbeitstier mit dem Zeigefinger, öffnete das Fenster und beförderte die Biene vorsichtig auf den Fenstersims, wo sie sich nach einer kurzen Verschnaufpause aus dem Staub machte.

Zufrieden ging von Werdenberg in den Nebenraum, in dem er über die Jahre unzählige Nächte verbracht hatte. Boxspringbett, Waschraum, Ankleide, ein ultramodernes Kinesis-Trainingssystem, was zum Teil seine kräftige Statur erklärte. Hinter einer weiteren Tür verbarg sich eine schmale Wendeltreppe, die das Réduit mit der privaten Tiefgarage unter dem Gebäude verband. So konnte von Werdenberg ungesehen kommen und gehen, wann er wollte. Der Bankier wusch sich sorgfältig Hände und Gesicht. Dann drehte er sich um und blickte in die Augen seines Gegenübers. In seine Augen.

»Was ist, wenn er es herausfindet? Dieser Humboldt ist nicht auf den Kopf gefallen. Und seine Visage gefällt mir gar nicht. Müsste mal bearbeitet werden.« Alexander von Werdenbergs Ebenbild hatte etwas Sardonisches, Grobes. Und die Hautfarbe war fahler als beim Original.

»Ich muss Gewissheit haben, dass unser Geheimnis nie an die Öffentlichkeit gelangt. Es ist an der Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen. Julia kann mit ihrer Stiftung viel bewirken. Aus Bösem wird so Gutes entstehen. Wir beide sind dem Namen von Werdenberg etwas schuldig. Glaub mir, der Professor ist unser Mann.« Alexander von Werdenberg schloss die Augen und versuchte, sich an die Geschehnisse jener Zeit zu erinnern. Es war ein Abgrund, der ihn jederzeit verschlingen konnte. Hastig katapultierte er sich in die Gegenwart zurück.

Der Fahle war nach wie vor nicht überzeugt. »Um unser Geheimnis zu schützen, soll Humboldt die Firmengeschichte schreiben? Das macht keinen Sinn! Lassen wir die schlafenden Hunde ruhen. Du wirst im fortgeschrittenen Alter noch zum Reichsbedenkenträger.«

»Kann sein«, murrte von Werdenberg zurück. »Doch nur dank meiner Kunst des Zweifelns ist unser Geheimnis bislang unentdeckt geblieben. Und so soll es auch bleiben. Durch den Verkauf der Bank wird unser Name sowieso an die Öffentlichkeit gezerrt. Sollte es also wirklich schlafende Hunde geben, die unser Geheimnis kennen, will ich sie aufstöbern, bevor sie zu kläffen beginnen. Jetzt können wir noch angemessen reagieren, sie zum Schweigen bringen. Vertrau mir. Ein letztes Mal. Wenn dieses Kapitel geschrieben ist, sind wir sicher. Und wenn Humboldt uns tatsächlich auf die Spuren kommen sollte, dann hat er mindestens so viel zu verlieren wie wir. Wenn nicht mehr. Er ist wie eine Marionette in unserer Hand. Und für den Notfall haben wir ja Horowitz.«

»Es ist dein Plan. Aber er beginnt mir zu gefallen. Wenn nötig, kann ich auch selber Hand anlegen. Es wäre nicht das erste Mal!« Das Ebenbild verzog sein Gesicht zu einem bösartigen Grinsen.

Der Notar

Zürich, Winter 1952

»Da kann ich leider nichts für euch tun, Jungs. Die Bank braucht einen Totenschein. Ohne das Dokument ist nicht bewiesen, dass eure Eltern wirklich im Konzentrationslager gestorben sind. Und ohne Totenschein keine Erbübertragung. Aber macht euch deswegen mal keine Sorgen. Ich werde weiterhin im Sinne der Familie von Werdenberg agieren und euch nach bestem Wissen und Gewissen unterstützen.« Die geröteten Augen und die feisten Wangen des Notars erinnerten an einen Schweinekopf.

George Orwell lässt grüßen.

Genüsslich schloss der Wanst sein üppiges Mittagessen mit einem Schluck Portwein ab. Der Schweinekopf war durch ein imposantes Doppelkinn mit dem Körper verbunden, welcher die Nähte des maßgeschneiderten Anzugs aus edler englischer Seide arg strapazierte. Draußen pfiff ein eisiger Wind um die herrschaftliche Villa, und auf den Fensterscheiben hatten sich skurrile Eiskristalle gebildet.

Der Notar stand wankend auf und balancierte auf seinen dürren Beinen. Schulmeisterlich legte er seine fettigen, feuchten Hände auf die Schultern der beiden konsternierten Brüder und schob sie sanft ihn Richtung der herrschaftlichen Treppe. Er pflegte sein Mittagessen in der Bibliothek im ersten Stock einzunehmen. Der Salon im Parterre war für seine exklusiven Abendempfänge reserviert. »Meine Haushälterin hat Zimmerstunde. Ich bringe euch noch zur Tür. Dann müsst ihr mich aber entschuldigen. Ich hatte gestern einen strengen Abend und möchte mich ein wenig hinlegen. Das schreckliche Wetter ist Gift für meine Gelenke«, jammerte der Wanst weinerlich.

Alexander von Werdenberg blieb abrupt stehen und schüttelte den Kopf. Er konnte seinen Ärger nicht mehr zurückhalten. »Wie stellen Sie sich das denn vor? Mein Gott – unsere Eltern wurden von den Nazis umgebracht. Meinen Sie etwa, man hätte in den Konzentrationslagern feinsäuberlich Totenscheine ausgefüllt?«

Der Notar lächelte scheinheilig und legte theatralisch seine Handgelenke übereinander. »Mir sind leider die Hände gebunden. Der Bankdirektor der Schweizerischen Bankgesellschaft war diesbezüglich unmissverständlich. Ich begreife ihn. Da könnte ja jeder kommen und …«

Er war nicht in der Lage, den Satz zu Ende bringen. Der jüngere der von Werdenbergs hatte den selbstherrlichen Gauner am Kragen gepackt und schrie ihn an. »Du verdammter Kriegsgewinnler! Wir sind nicht irgendwelche Dummköpfe, die sich von dir noch länger an der Nase rumführen lassen. Du hast lange genug auf unsere Kosten gefressen und rumgehurt! Dir werde ich es zeigen …«

Der Notar war tot, bevor er unten an der Treppe ankam. Wahrscheinlich hatte er sich bereits beim ersten Aufprall das Genick gebrochen. Fett schützt nun einmal weniger gut als eine robuste Muskulatur. Das rechte Bein stand in einem unnatürlichen Winkel ab. Die Brille lag zerschlagen ein Stück weiter Richtung Tür, und um den leblosen Körper bildete sich rasch eine Pfütze mit gelber Flüssigkeit.

Nicht jedem ist ein so schneller und schmerzloser Tod vergönnt.

Die beiden Windhunde des soeben verstorbenen Notars trotteten aus dem Salon, schnupperten an dem leblosen Bündel und schlichen mit eingezogenem Schwanz zu ihren Wolldecken neben der Eingangstür. Dort legten sie sich ruhig und elegant hin, als wären sie Komparsen eines Filmsets, die auf ihren Einsatz warteten.

»Na, bravo, kleiner Bruder! Gut gemacht. Glaubst du, wir kommen jetzt schneller an unser Geld?« Alexander von Werdenberg schaute seinen Bruder tadelnd an.

Dieser zuckte nur mit den Schultern. »Dir wird schon etwas einfallen. Lass uns schnell verschwinden, bevor die Haushälterin auftaucht. Ich würde die nette Dame nur ungern ins Jenseits befördern.«

Sie traten hinaus, schlugen den Mantelkragen hoch und verschwanden im heftigen Schneesturm.

Stöck, Stich, Wyss

Kilchberg, 3. Oktober

»Vierblatt«, sagte Martin laut und deutlich. Es war kurz vor Mitternacht und es ging nun um alles oder nichts. »Alles« war in diesem Fall die Ehre, »nichts« der Abwasch. Er warf die Karte mit einer schwungvollen Handbewegung auf den grünen Spielteppich.

Philipp atmete laut aus. »Nein, das darf doch nicht wahr sein. Jetzt schnappen die uns den Sieg vor der Nase weg.« Resigniert spielte er seine Karte.

Vincent, Martins Spielpartner, ballte seine freie Hand euphorisch zu einer Becker-Faust. »Endlich! Ich habe schon geglaubt, nur die anderen beiden schnorren ihre Punkte heute Abend … Aber Qualität setzt sich eben langfristig immer durch. Auch beim Jassen!«

Er knallte seine Karte genussvoll auf den Tisch, und Armand, der Vierte im Bunde, folgte ihm, wenngleich weniger theatralisch.

»So, das sollte reichen«, griente Vincent zufrieden. Er zählte sorgfältig die Punkte auf der schwarzen Schiefertafel zusammen und blickte triumphierend in die Runde. »Geschafft! Meine Herren, viel Spaß beim Abwaschen!«, sagte er schadenfreudig.

»Stopp, stopp, stopp. Nicht so eilig«, intervenierte Armand mit ruhiger Stimme, fast schon staatsmännisch. »Ich will ja nicht den Spielverderber geben, aber hier und heute gilt doch die Regel: ›Stöck, Stich, Wyss‹ – oder habe ich mich da vor fünf Stunden verhört?«

Er versuchte, seine Euphorie zu unterdrücken, was ihm misslang. Er strahlte über das ganze Gesicht. Der Staatsmann war dem Kinde im Mann gewichen. Vincent sah ihn ungläubig an und rechnete nach. Seine Mundwinkel zeigten gegen Süden. Sein Körper verlor an Spannung und sank leicht nach vorne, als wollte er Abbitte leisten. Die Euphorie war so rasch verschwunden, wie sie gekommen war.

»Das darf nicht wahr sein. Sag mir, dass das nicht wahr ist. Bitte!«, flehte Vincent seinen Freund an.

Doch alles Bitten half nichts. Armand hielt den Trumpfkönig und den passenden Ober in die Luft, was zum Sieg reichte. Er bedankte sich nun seinerseits, was beim Jassen so viel bedeutet wie: »Wir haben gewonnen!«

Philipp und Armand sprangen auf und klatschten sich ab. Nur wer mit dem traditionellen Schweizer Kartenspiel vertraut ist, kann diese spontane Emotion nachvollziehen. Am ehesten ist sie vergleichbar mit dem Siegestor in letzter Sekunde bei der Fußballweltmeisterschaft. Obwohl das Glück einen maßgeblichen Einfluss auf das Spiel hat, ähnlich wie beim Fußball, wo oft lediglich Zentimeter über Glück oder Unglück, Sieg oder Niederlage, ewigen Ruhm oder Depression und dies notabene einer ganzen Nation entscheiden – also trotz oder vielleicht gerade wegen all dieser Zufälligkeiten, die man sicherlich mit Können und geschickten strategischen Winkelzügen beeinflussen kann –, ist für einen eingefleischten Kartenspieler an einem kompetitiven Abend nichts so wichtig wie der Sieg. Ein Sieg, der zu genau diesem Zeitpunkt alles andere in den Schatten stellt – Karriere, Familie, Stress, Probleme jeglicher Art – und der sich in ebendieser kurzen Euphorie entlädt, die von der Dauer her in etwa mit einem Feuerwerksvulkan mittlerer Größe (Modell Everest) vergleichbar ist.

Nachdem diese Zeit verstrichen war, zeigten sich Vincent und Martin – beides enge Freunde Philipps aus der gemeinsamen Studienzeit – als gute Verlierer und machten sich zügig an den Abwasch, wobei die größte Arbeit die Spülmaschine übernahm, die nichtsdestotrotz sorgfältig gefüllt werden musste.

Währenddessen schenkte Philipp sich und Armand den letzten Schluck Guado al Tasso ein. Die drei leeren Flaschen zeugten von einem gemütlichen Abend im Freundeskreis und hatten das Rinderfilet mit Risotto perfekt begleitet. Der Kartenabend fand heute turnusgemäß bei Philipp zu Hause statt. Da er der beste Koch der Männerrunde war und sich bei der Weinauswahl nie lumpen ließ, war dieser Anlass für sie ein Jahreshighlight. Sophie und die Kinder hatten den Abend in den anderen Räumen des großzügigen Hauses verbracht.

Armand hielt seinem Freund eine Zigarette hin, und die beiden gingen in den Garten hinaus, um im Schutz der Lounge zu rauchen. Armand trat kurz ans Küchenfenster, klopfte und hob jubelnd die Arme in die Höhe. Vincent quittierte, über die Spülmaschine gebückt, mit dem Wetzen von zwei Fleischmessern.

»Lass es gut sein, Armand, sonst macht unser Vinc heute Abend kein Auge zu.«

Philipp öffnete nochmals die Verandatür, um den Beagle rauszulassen, der an der Scheibe gekratzt hatte. Philipp erinnerte sich gerne daran, wie er die kleine Bella vor einigen Jahren im Appenzellerland zum ersten Mal gesehen hatte. Diese Rasse sei, so die Leiterin des Tierheims, ausgesprochen familienfreundlich, intelligent und treu. Bella im Speziellen sei immer fröhlich, spielbereit und pflege einen äußerst harmonischen Umgang mit ihrem Herrchen. Sogar von einer unglaublichen Problemlösungskompetenz war die Rede. Alle Attribute stellten sich als wahr heraus, einmal abgesehen von der Problemlösungskompetenz. Bella war jedenfalls zu einem festen Bestandteil der Familie geworden. Das nasskalte Wetter behagte der alten Hundedame wenig, sodass sie nach einem kurzen Abstecher ins Gras sogleich wieder in die warme Stube verschwand.

»Schwupp und weg. Schläft neuerdings bei unserem Jungen im Bett. Dort hören sie zum Einschlafen zusammen die Geschichten der Drei ???. Wir haben den Widerstand aufgegeben. Chancenlos.«

»In meinem nächsten Leben wäre ich auch gerne ein Hund. Aber nur bei euch. Fressen, saufen, schlafen, ein bisschen die Beine vertreten und rund um die Uhr verwöhnt werden. Und zum Einschlafen dann sogar noch Justus, Peter und Bob! Was will man mehr …«

Philipp lachte laut auf. Er hielt die Zigarette in der hohlen Hand, um sie vor dem Wind zu schützen, nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch in den trüben Nachthimmel.

»Gehe ich recht in der Annahme, dass du und Verena nach wie vor Stress habt? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, warum du sonst aus einem Napf unter meinem Tisch fressen willst.«

Ein trauriges Lächeln huschte über Armands Gesicht. Er blickte gedankenverloren auf die andere Seeseite. Nur wenige Lichter brannten um diese Zeit, sodass sich dunkle Löcher in die exklusiven Hügel der Goldküste fraßen.

»Gut geraten, Sherlock. Ich glaube, Verena wird mich verlassen. Vielleicht hat sie das schon getan und ich habe es einfach nicht gemerkt. Wer kann es ihr verdenken? Sie hat sich in einen Priester verknallt und einen Bullen bekommen. Früher habe ich den armen Teufeln die Beichte abgenommen, heute jage ich sie.«

Philipp suchte nach tröstenden Worten für seinen Freund. Den Gemeinplatz, dass jede zweite Ehe geschieden werde und die Trennungsquote von unverheirateten Paaren wie bei ihnen noch wesentlich höher liege, nahm Armand schweigend zur Kenntnis. Auch die Vorschläge, es mit einer längeren gemeinsamen Reise zu versuchen, hellten seine Stimmung nicht auf. Trübsinnig fuhr er fort.

»Als wir uns in meiner Priesterzeit kennenlernten, hat Verena etwas in mir gesehen, etwas in mich hineininterpretiert, was ich nun mal nicht bin. Vielleicht hat auch das Verbotene damals einen gewissen Reiz ausgeübt. Gereist sind wir übrigens zur Genüge: Argentinien, Kanada, Japan, Paris, Rom, London, Lissabon … Du hast mich ja finanziell gut unterstützt.«

Philipp wiegelte ab. Die Sache mit der Tasche hatte ihr erstes gemeinsames Abenteuer beendet. Philipp hatte sich damals bei Armand großzügig für dessen Hilfe bedankt. Mit einer Sporttasche – gefüllt mit Tausendernoten. Die beiden Freunde sprachen selten darüber. Eine informelle Abmachung.

»Versteh mich richtig, Philipp, Verena und ich werden hoffentlich Freunde bleiben. Aber unsere Beziehung hat keine Zukunft. Sie muss ihr Leben neu sortieren und ich meines.«

Sie standen eine Weile still unter dem Vordach und lauschten dem Geschirrgeklapper in der Küche.

»Genug Trübsal geblasen«, sagte Armand und drückte seine Zigarette im Gras aus. »Wie geht es der Familie? Die haben sich ja gut versteckt heute.«

Philipp nickte schmunzelnd. »Gut erzogen halt.« Dann drückte er seine fast runtergerauchte Zigarette ebenfalls aus, hielt Armand die offene Hand hin und entledigte sich beider Kippen in einem leeren Blumentopf. »Die Kleine ist Zucker. Mit zwölf zwar kurz vor der Pubertät, aber da mache ich mir keine Sorgen. Michelle ist gut im Gymnasium, weiß, was sie will, und kommt ganz nach ihrer Mutter. Die zwei sind ein Herz und eine Seele. Ich könnte sie tagelang nur ansehen und es würde mir keine Sekunde langweilig werden. Und Sophie als Rechtsprofessorin hat zu Hause natürlich immer Recht. Na ja, das kennst du ja.«

»Und der kleine Wildfang?«

Philipp atmete laut aus und schnorrte vor der Antwort eine weitere Zigarette von Armand. Ratlos zog er die Schultern und Augenbrauen hoch. »David kommt definitiv nach mir! Mit neun ist er natürlich noch voll in der Persönlichkeitsentwicklung. Er steht sich manchmal selbst im Weg und ist unkontrollierbar wie eine V2-Rakete. Er hat zwei Gesichter. Einmal farbig, dann wieder schwarz-weiß, wie die Seiten bei den alten Micky-Maus-Taschenbüchern. Neulich hat er den Sohn des Dorfmetzgers verdroschen, der notabene einen Kopf größer ist als er selbst. Anscheinend hat der Junge unsere Michelle auf dem Schulhof gehänselt, und das kann David nicht leiden. Weckt seinen Beschützerinstinkt.«

»Ist doch super, wenn er seine Schwester verteidigt«, sagte Armand und versuchte, sein Patenkind in Schutz zu nehmen.

»Schön und gut. Aber deshalb muss man ja nicht gleich zuschlagen. Weißt du, was er zu dem Metzgersohn gesagt hat, als dieser mit blutiger Nase unter ihm am Boden lag? Ob es denn gern noch ein bisschen mehr sein dürfe …«

Sie mussten laut lachen. Die Erinnerungen an die Metzgereibesuche in ihrer eigenen Jugendzeit waren noch sehr präsent. Armand klopfte seinem Freund auf den Rücken.

»Mach dir mal keine Sorgen, das wird alles gut mit dem Kleinen. Und sonst hat er ja einen strengen Patenonkel! Apropos Sorgen.« Armand dämpfte die Stimme. »Mir gefällt dein neuer Nebenjob bei dieser Werdenberg Bank überhaupt nicht. Als du vor einigen Jahren die Zürcher Investment Bank verlassen hast, war das der richtige Schritt zum idealen Zeitpunkt. Du führst jetzt das Leben, das du immer wolltest. Warum etwas riskieren? Lass deine Vergangenheit hinter dir. Ich habe echt ein ungutes Gefühl. Es ist gefährlich, in trüben Gewässern zu fischen, man weiß nie, was man an Land zieht.«

Philipp hatte geahnt, dass sein Freund ihm bei der erstbesten Gelegenheit ins Gewissen reden würde. Armand war es damals gelungen, Philipp zu helfen, seine Dämonen zu kontrollieren. Philipp hatte ihn dafür aus der scheinheiligen Welt der Engel befreit, in der er sich als Priester bewegt hatte. Daraus war eine tiefe Freundschaft entstanden. Er vertraute seinem Freund blind. Beide hatten den Schritt aus ihrer Komfortzone gewagt und ihr Outfit getauscht – Philipp den Anzug gegen die Tweedjacke und Armand den Talar gegen die Polizeiuniform. Die Kriminalpolizei Zürich hatte ihren ehemaligen Beamten gerne wieder aufgenommen, trotzdem musste sich Armand wegen seines Abstechers in die klerikale Welt so einige Sprüche anhören.

Die zwei Freunde betrachteten eine Weile die Lichter auf der gegenüberliegenden Seeseite. Die Löcher in der weihnachtlichen Lichterkette waren noch größer geworden. Philipp versuchte, seinen Freund zu beruhigen.

»Ich habe mir das Projekt nicht ausgesucht. Die Rektorin hat mir sozusagen die Pistole auf die Brust gesetzt. Aber die Vorteile sprechen für sich. Die Universität bekommt ein riesiges Legat und ich mein eigenes Institut. Das ist eine einmalige Gelegenheit, bei der ich einfach zugreifen muss. Und vor allem geht es bei diesem Projekt ja nicht um meine Vergangenheit, sondern um die der Familie von Werdenberg. Da wird schon nichts passieren. Alexander von Werdenberg ist ein Patron alter Schule, der könnte keiner Fliege etwas zuleide tun. Aber ich werde vorsichtig sein. Versprochen.« Er legte seinem Freund die Hand auf die Schulter. »Und glaub mir, ich habe nicht vor, die alten Geister wiederauferstehen zu lassen.«

Armand nickte nachdenklich, war allerdings nicht wirklich beruhigt. »Vielleicht habe ich auch eine kleine Paranoia entwickelt, seit ich wieder bei der Polizei bin. Déformation professionnelle. Ich habe mich jedenfalls ein bisschen umgehört und außerdem meine Assistentin auf die Privatbank von Werdenberg angesetzt.«

»Und?«

»Die Bank scheint tatsächlich nie in große Skandale verwickelt gewesen zu sein. Keine Bußen wegen Geldwäsche, keine Berichte über nachrichtenlose Vermögen, keine Kartellabsprachen. Einzig im Zusammenhang mit einigen verschwundenen Personen ist sie indirekt erwähnt worden.« Armand legte eine Kunstpause ein. Mit Erfolg.

»Das musst du mir erklären«, sagte Philipp prompt.

»Meine Assistentin ist nicht nur Profilerin, sondern auch ein richtiger Computerfreak. Sie ist zufällig darauf gestoßen, als sie alle Personen, die im Zusammenhang mit der Bank von Werdenberg irgendwo elektronisch erfasst sind, mit unserer Datenbank bei der Kriminalpolizei abgeglichen hat. Frag mich bitte nicht, wie sie das gemacht hat. Auf jeden Fall sind zwischen 1980 und 2016 vier vermögende Personen spurlos verschwunden, die als großzügige Spender bei der Werdenberg Stiftung verdankt worden sind. Wahrscheinlich hat das nichts mit der Bank zu tun. Jedenfalls wurden die Fälle damals von den jeweiligen Staatsanwaltschaften untersucht, die Erben bekamen ihr Geld und es gab keine Verdachtsfälle irgendwelcher Art gegen die Bank. Wo kein Motiv, da keine Tat. Lektion eins in der Polizeischule.«

Philipp schüttelte den Kopf. »Multimillionäre und Milliardäre können exzentrisch sein. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Muss wirklich nichts bedeuten. Vielleicht wurden sie von ihren korrupten Regimen aus dem Weg geräumt und leben heute irgendwo in der sibirischen Tundra.«

Armand lachte. Die Unbeschwertheit seines Freundes hatte ihn beruhigt. »Wenn es dir recht ist, werde ich weiterhin die Ohren offenhalten. Nur für den Fall, dass dieser von Werdenberg doch etwas im Schilde führt.«

Die Freunde nickten sich zu und gingen wieder ins Haus. Im Wohnraum zog sich Vincent gerade seine Jacke über. Martin und Armand taten es ihm gleich. Armand klopfte Vincent dabei kräftig auf den Rücken.

»Glück im Spiel, Pech in der Liebe – oder umgekehrt. Ich gehe jetzt in meine verwaiste Bude und Vincent zu seinem Unterwäschemodel.«

Der Angesprochene griente über beide Ohren. »Und weißt du, was das Beste ist? Sie schläft nie in ihrer Arbeitskleidung.«

Lachend verabschiedeten sie sich von ihrem Gastgeber.

Philipp hatte es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht und unvernünftigerweise noch eine Flasche Wein geöffnet. Er wusste, dass er es am nächsten Tag bereuen würde. Bereits der letzte Schluck war einer zu viel gewesen und der davor ebenfalls. Aber es ging ihm zu viel durch den Kopf. Ruhig schwenkte er die dunkle Flüssigkeit in dem tiefen Glas und sog den würzigen Duft ein. Die letzten Jahre waren die glücklichsten in seinem Leben gewesen. Obwohl viel passiert war und seine Kinder unglaublich schnell heranwuchsen, spürte Philipp ein behagliches Gefühl von Zeitlosigkeit, als wenn sein Leben immer so bleiben würde. Es ging stetig bergauf, vorwärts. Sein Rucksack füllte sich mit Erfahrungen und Eindrücken, positiven und negativen, wurde dabei jedoch auf seltsame Weise leichter. Philipp war dankbar für sein Leben. Nicht auf eine religiöse Art und Weise, es war einfach nur eine tief empfundene Zufriedenheit, sein Glück auch als solches wahrzunehmen und sich nicht an unbedeutenden Kleinigkeiten aufzureiben. Neid oder Unzufriedenheit hatte er seit Ewigkeiten nicht mehr verspürt. Konnte man sich das antrainieren oder wurde einem diese Gabe in die Wiege gelegt? Philipp wusste es nicht.

Er nahm einen großen Schluck Rotwein. Seine Gedanken schweiften zur Privatbank von Werdenberg. Philipp hatte die Bankenwelt mit ihren Statussymbolen und Eitelkeiten nie vermisst und die Kontakte seiner alten Netzwerke über die Zeit einschlafen lassen. Alle seine Erinnerungen lagen im Keller in einer kleinen Kartonschachtel: Visitenkarten mit seinen vielen Beförderungsstufen, Präsentationen aus der Anfangszeit, Erinnerungsstücke von exotischen Geschäftsreisen, einige Werbegeschenke. Dennoch freute er sich auf das zeitlich beschränke Projekt in seinem alten Milieu. Er hatte der Bankenwelt schließlich einiges zu verdanken, was er nie vergessen hatte. Und wie er bereits Armand gesagt hatte – das Projekt ermöglichte ihm, auf dem Weg zum Professorenolymp einige Etagen zu überspringen.

Sophie gesellte sich zu ihm und setzte sich auf seinen Schoß. Sie nahm seinen Kopf in beide Hände und küsste ihn auf die Stirn.

»Die Kinder schlafen tief und fest. Und Bella ist wieder in Davids Bett gehüpft …«

Philipp lachte. Als Sophie einmal ein Wochenende mit den Kindern zu ihren Eltern gereist war, hatte er den Hund zu sich in Bett gelassen. Das war aber sein Geheimnis geblieben. Er konnte die kindliche Freude seines Sohnes über die Gesellschaft des treuen Vierbeiners daher nur zu gut verstehen.

Sophie nahm Philipp das Weinglas aus der Hand und trank einen Schluck. Ihr Pyjama fühlte sich warm und flauschig an. Philipp liebte den Geruch ihrer Bodylotion – er musste dabei immer an Zuckerwatte denken.

»Na, wie geht es meinem schlagfertigen Professor Jones?« neckte Sophie ihn und zeigte dabei die kleine Zahnlücke zwischen ihren Schneidezähnen, die bei Philipp auch nach so vielen Jahren noch ein wohliges Kribbeln auslöste – wie bei ihrem ersten Date in der Oper. Das sanfte, kaum wahrzunehmende Lispeln erinnert ihn an das Summen einer Honigbiene.

Er sah seine Frau ehrlich überrascht an. »Von wem hast du das denn? Ist dir unsere gute Rektorin zufälligerweise über den Weg gelaufen? Sie nannte mich neulich sogar einen Krieger.«

»Nein, aber anscheinend wirst du von deinen jungen Verehrerinnen Indiana Jones genannt. Habe ich gehört. Irgendwo auf dem Flur. Du kennst ja die Uni – überall gibt es Augen und Ohren, wie in einem mittelalterlichen Schloss. Hast du dich nie gefragt, warum so viele Studenten und vor allem Studentinnen deine Vorlesungen besuchen? Am Thema kann es ja nur schwerlich liegen.«

Philipp küsste seine Frau innig und lang. »Ist da jemand eifersüchtig?«

»In your dreams. Aber warum nennt Fries dich einen Krieger? Du hast doch nicht schon wieder jemanden verprügelt?« Sie sah Philipp sorgenvoll an.

»Nein, nein«, antwortete dieser wahrheitsgetreu. »Schelbert, die Ökonomieprofessorin, nennt mich so, weil ich gemäß ihren Aussagen alles kriege, was ich will.«

»So, so, die Schelbert. Wenn sie dir zu nahe kommt, kriegt sie auch etwas. Nämlich ein Problem – mit mir!« Sophie lachte laut.

»Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Ich bin der Schelbert sicher ein Dorn im Auge und traue ihr nicht so richtig über den Weg. Du arbeitest doch in dieser interdisziplinarischen Kommission mit ihr zusammen. Verhält sie sich dir gegenüber korrekt? Sonst kriegt sie es mit mir zu tun«, sagte er schmunzelnd. Es war ihm ernst. Für seine Familie würde er alles tun.

»Danke, dass du mich verteidigen würdest, mein kleiner Raufbold. Aber ich kann mich gut selber wehren und bis jetzt hat sie sich immer freundlich verhalten.«

Sie küssten sich lange und innig. Philipp liebte es, in den dunkelblauen Augen seiner Frau zu versinken.

»Dafür weiß ich jetzt, was ich dir zu Weihnachten schenke.«

»Eine Peitsche wie Indiana Jones?«, fragte Philipp freudig.

»Nein, einen Filzhut«, antwortete Sophie fröhlich und zog ihn an sich.

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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243 стр. 6 иллюстраций
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9783839268629
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