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Andreas Nass

Vergnügen

Krisheena - Tor zum Abyss

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Dark Erotic Fantasy

Gelistet im Verzeichnis der verbotenen Schriften des Ordens der Weisen Männer zu Uben Aluk

Aus dem Buch »Von dunklen Mächten«, Geheimarchiv des Sonnentempels zu Ustan

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Danksagung

Impressum neobooks

Dark Erotic Fantasy

Krisheena — Tor zum Abyss – Vergnügen

Nur für erwachsene Leser und Leserinnen!

»Liebe ist grenzenlos – warum wollt ihr sie dann in eurem Herzen einsperren?«

Gelistet im Verzeichnis der verbotenen Schriften des Ordens der Weisen Männer zu Uben Aluk

Krisheena – Tor zum Abyss: Dunkelheit

Krisheena – Tor zum Abyss: Sündige Herrschaft

Krisheena – Tor zum Abyss: Vergnügen

Krisheena – Tor zum Abyss: Leidenschaft

Krisheena – Tor zum Abyss: Erwachen

Kurzgeschichten vom Treiben des Sukkubus Krisheena: Wollust

Kurzgeschichten vom Treiben des Sukkubus Krisheena: Verbotene Triebe

Kurzgeschichte vom Treiben des Sukkubus Krisheena: Haus der Sinne

Arkane Netzverknüpfung: http://www.torzumabyss.de

Aus dem Buch »Von dunklen Mächten«, Geheimarchiv des Sonnentempels zu Ustan

Abyss, der: auch Abgrund genannt. Chaos und Bosheit herrscht in dieser Welt, die aus unzähligen, übereinander liegenden Ebenen besteht. Er ist die Heimat der Dämonen.

Blutkrieg, der: Noch bevor Zeit einen Namen hatte, tobte zwischen den Dämonen des Abyss und den Teufeln der Hölle ein Krieg um die alleinige Herrschaft. Lange beschränkten sich die Schlachten auf die Felder ihrer Heimat, doch ihr Einfluss wuchs und so trugen sie den Kampf hinaus, unter die Sterblichen, und sie buhlten um deren Seelen, damit sie ihnen im Leben wie im Tode dienten.

Sukkubus, der: weiblicher Dämon mit der Fähigkeit, das Aussehen zu verändern, und dann in Gestalt einer attraktiven Frau gleichermaßen Männer wie Frauen verführt. Ihren Opfern entzieht sie während des Beischlafs deren Lebenskraft, was auch zum Tode führen kann. Sie ist nur durch Zauberkraft ernsthaft zu verletzen. Ihre Heimat ist der Abyss, zu dem sie zurückkehrt, wenn sie auf einer anderen Welt getötet oder verbannt wurde.

1. Kapitel

Wind toste in meiner rabenschwarzen Mähne. Um meine schlanke Taille lagen die hellhäutigen Hände einer Sirene, befreit vor den Invasoren der Ostküste. Ängstlich klammerte sie sich hinter mir fest und es waren nicht nur die Schrecken des Krieges, die sie zittern ließen.

Gemeinsam ritten wir dem Scharlachroten Tempel entgegen, dem Domizil meiner Mutter, der Königin und Gebieterin über diesen Landstrich, so weit ich blicken konnte.

Genau genommen ritten wir nicht sondern flogen über den Himmel, wenngleich ein Beobachter uns auf einem großen Ross sitzend erblickt hätte. Doch aus Mähne, Schweif und Fesseln des Rosses stoben Flammen des Abgrundes. Ein Geschöpf des Abyss, meiner Heimat. Und das konnte durch seine angeborenen, abgründigen Kräfte fliegen.

Gargarhaykal war ein Egniaygir, ein stolzer Hengst und durch thaumaturgische Kräfte seelisch mit mir verbunden. Davon abgesehen war ich in seinen Augen ein hübsches Weibchen, wenngleich keine Stute, dafür aber begattenswert.

Das schwarze Fell des Hengstes passte sehr gut zu meiner sonnengebräunten Haut. Mit den langen Beinen hielt ich mich mühelos auf seinen Rücken, Sattel und Zaumzeug benötigte ich nicht. Diese hätten auch feuerfest sein müssen.

Unser beider dämonisches Blut ermöglichte den Austausch von Gedanken und so brauchte ich mein Reittier nicht mit Schenkeldruck oder Zügelhilfen anzutreiben.

›Sachte, Gargarhaykal, wir sind nicht auf der Flucht und haben wertvolle Fracht‹, sandte ich ihm in Gedanken zu.

›Ja, Krisheena, genau diese Fracht zittert sich noch zu Tode. Wenn sie mein Feuer nicht schrecken würde, könnte sie sich daran wärmen. Jetzt hat sie nur dich. Dahingehend würde ich gerne mit ihr tauschen‹, wieherte sein Gedankenblitz. Für ihn war die Nennung meines wahren Namens selbstverständlich. Für andere hieß ich Crish.

›Na, na, und auf Jiulie reiten wäre wohl ebenfalls nach deinem Geschmack. Untersteh dich! Feuer und Wasser ergeben keine gute Verbindung.‹ Manchmal dachte ich, seine Männlichkeit würde durch mich erst recht angestachelt. Als Sukkubus war ich ein Wesen der Verführung, der ungezügelten Leidenschaft und hemmungsloser Begierde. Aber es gab natürliche Grenzen, zumindest hier auf der materiellen Ebene, der Welt der Verlorenen Reiche.

Natürlich gab es auch Magie und göttliche Kräfte, und diese machten vieles möglich.

»Sind wir bald da, Crish?«, hörte ich eine zarte Stimme hinter mir, dem Klang einer hellen Glocke ähnlich. Einer zittrigen Glocke.

Der Wind wehte einzelne blonde Haarsträhnen in meine Sicht. Ich sah über meine Schulter in die blauen Augen der Sirene. Wie hell ihre Iris doch war, die Farbe reinsten Wassers. So ganz anders als meine violett leuchtenden Augen, in denen rote Glutspritzer glommen. Sie wirkte kühl, unnahbar, verletzlich.

»Bald, Jiulie, bald. Ich glaube, die Dächer der Tempelanlage bereits am Horizont ausgemacht zu haben«, bekundete ich beruhigend.

Um meine eigene Aussage zu überprüfen, hob ich eine Hand an meine dunkel geschwungenen Augenbrauen und blickte in die Ferne. Tatsächlich, die ersten roten Dächer glitzerten im Sonnenlicht. Mehr und mehr Dächer folgten. Der Scharlachrote Tempel umfasste eine ganze Stadt mit Außenmauer, mehrstöckigen, miteinander verbundenen Gebäuden, schlanken Türmen mit phallusförmiger Spitze, ausgedehnten Parkanlagen, Stallungen, Badehäusern, Tavernen und Geschäften für alles nur Erdenkliche. Oder Unvorstellbare.

Hier kreuzten sich mehrere wichtige Handelsstraßen. Reisende aus allen Ländern machten hier Halt. Einige, um sich für die Weiterreise zu stärken. Andere, um Entspannung oder Befriedigung zu erfahren. Durch wen oder was auch immer.

Nicht weit von meinem eigenen Trakt entfernt befand sich der Marstall, den Reittieren des Königinnenhauses vorbehalten. Das war mein Ziel.

Problemlos ließ mich die Garde passieren. Meine Rückkehr wurde gemeldet. Das nahm mir zwar die Überraschung, meine Freude über die für mich als Prinzessin wohlig hergerichteten Unterkünfte wog jedoch schwerer.

Erleichtert atmete Jiulie aus, als sie von Gargarhaykal abstieg. Ich entließ mein Reittier in die Hände des grobschlächtigen Stallknechts. Dieser musste einst recht hübsch gewesen sein, doch nach mehreren Bissen der außerweltlichen Wesen war das Gesicht von Narben entstellt.

An der Hand führte ich meinen Fang in sein neues Heim. Vom Balkon aus sah eine Frau in der von Silberfäden durchzogenen Robe einer Magierin zu uns herab. Ich hob freudig winkend eine Hand und ein zauberte ein Lächeln auf das Gesicht der schwarzhaarigen Schönheit. Nicht nur sie kann zaubern, lachte ich in mich hinein.

»Wer ist das?«, fragte meine Begleiterin.

»Das ist Yana, Magierin des Königinnenhauses. Und meine Geliebte.«

»Aber, ich dachte, ich … wir haben doch …«, ein verwirrtes Glitzern stahl sich in ihre Augen. Ich legte meine Finger auf ihre schmalen Lippen.

»Was wir teilten war wundervoll, Jiulie. Und ich freue mich schon auf unser nächstes, ungestörtes Beisammensein. Doch ich bin ein Sukkubus, geschaffen um für Viele erotische Freuden zu bereiten. Yana weiß das.« Nach meinen beruhigenden Worten fügte ich heiter hinzu: »Und ich teile dich gerne mit ihr.«

»Oh«, sie kicherte verstehend und drehte den Spieß um, »vielleicht teile ich sie aber nicht mit dir!«

Lachend passierten wir Marmorstatuen sich liebender Schönheiten, durchschritten eine goldverzierte Flügeltüre und traten in das von bunten Butzengläsern farbenfroh ausgeleuchtete Foyer. Geschwungene Treppen führten hinauf in die Privatgemächer.

Die Sirene verdrehte den Kopf nach diversen Wandteppichen oder Mosaiken, die Szenen des Bades oder eines Liebesaktes zeigten. Einige rührten sie zu glockenhellem Kichern, andere bescherten ihr große Augen.

In mir staute sich die Aufregung des Wiedersehens mit meiner Liebsten, daher zog ich den Blondschopf ungeduldig hinter mir her.

Endlich erreichte ich die Wohnstube, wo mich Yana mit einer innigen Umarmung in Empfang nahm. Schmachtend tauschte ich mit ihr einen langen Zungenkuss, bevor ich meiner Begleiterin durch eine melodische Folge von Pfeiftönen wieder gewahr wurde.

Jiulie war eine freudige Überraschung. Sie bereicherte unser Zusammentreffen mit Witz und dem harmonischen Klang ihrer Stimme. Irgendwie flirtete mir mein Mitbringsel dann doch zu sehr mit Yana. Ich nutzte das Gebot der Gastfreundschaft und brachte sie in einem luftigen Gemach innerhalb meines Traktes unter, direkt neben dem Schwimmbad.

Dort sang die Sirene gerne bis tief in die Nacht. Anmutig lauschten wir den harmonischen Klängen und ich berichtete Yana von meiner Reise an die Ostküste. Wir blieben erst einmal lange im Bett, eng aneinander gekuschelt. Dabei konnten unsere Hände nicht von dem Körper der anderen lassen. Schmatzend hallten unsere Küsse durch das Gemach.

»Ich habe dich vermisst, Liebling«, beichtete ich mit Tränen in den Augen, »deine Nähe, deine Liebe.« Zitternd küsste ich die Magierin und schmeckte das Salz meiner Traurigkeit.

»Gelangweilt hast du dich sicherlich nicht«, merkte sie schnippisch an. »Und neue Eroberungen hast du auch mitgebracht.«

»Welch Nächte ich auch ein Bett mit anderen teilte, nur du bist mir von Bedeutung. Jetzt sei nicht eifersüchtig«, neckisch schlug ich auf ihren Schenkel, »und wenn du mir nicht glaubst, dann überprüfe doch den Inhalt dieser Phiole!« Ich reckte mich zu meinem Bündel neben dem Bett und zog das schmale Gefäß heraus. Bedeutungsvoll zeigte ich es ihr. »Hier sind genug Tränen der Sehnsucht für ein Dutzend Chaostränke drin! Und es ist die Sehnsucht nach dir, meiner süßesten Begierde.« Mein Blick wurde eindringlicher und meine Stimme wurde rauchig. »Ich will dich nicht länger missen. Zu lange habe ich mich nach dir verzehrt. Diese Nacht gehört nur uns. Uns allein!«

Zärtlich schob ich eine Strähne aus ihrem Antlitz und stupste ihre breite Nasenspitze. Stundenlang hätte ich Yana betrachten können. Hohe Wangenknochen und ein spitz zulaufendes Kinn zogen ihr Gesicht in die Länge. Ich schätzte ihr Wissen, das sich hinter der hohen Stirn verbarg. Volle, geschwungene Lippen lockten zum Kuss. Ihre samtweiche, goldbraun getönte Haut erweckte in mir die Sehnsucht nach Berührung. In ihren dunkelbraunen Augen glomm noch ein letzter Funke Groll, dann berührten sich unsere Nasenspitzen. Ihr Ärger verflog und machte dem Gefühl vertrauter Zärtlichkeit Platz. Unsere Lippen berührten sich nicht, und dennoch spürten wir uns, hauchten einander an und vereinten die Spitzen unserer Zungen, bevor wir im Kuss vereint der Leidenschaft nachgaben.

Am nächsten Morgen kam Luzius vorbei.

»Hallo Luzius«, zwischen den seidigen Laken liegend grüßte ich meinen Bruder. Yana schlief an mich gekuschelt und ich spielte in ihrem dichten Haar. Irgendwo zwischen unseren Füßen lag ihr schwarzer Kater und ich war sicher, das Gewicht auf meiner rechten Brust stammte von Imphraziel. Der kleine Dämon blieb unsichtbar und war ausnahmsweise still. Wegen seiner ständigen Schmähungen und Beschwerden bereute ich seine Beschwörung. Doch ich brauchte ihn für die Herstellung des Chaostrankes, ein wichtiges und mächtiges Magiegebräu.

»Ich habe die Sterne befragen lassen und die Karten gelegt«, sagte der blond gelockte Adonis mit belegter Stimme. Er trug wie immer ausgewählte Kleidung, edel und doch praktisch, dem höfischen Müßiggang angemessen. »Sie berichten von keiner guten Kunde.« Eine längere Pause entstand. »Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass es besser für deine weiteren Aufgaben ist, wenn Permeyah befreit wird.«

»Das ist auch meine Meinung«, gähnte ich, »aber Mutter und Nephtis haben mir jegliche Aktionen untersagt. Es sei zu gefährlich, wenn ich mit dem Pascha in Verhandlungen treten würde.«

Die Nachtelbin gehörte zu einer Gruppe Abenteurern, die von Banndespoten gefangen und versklavt wurden. Auch der Gefährte der schlangenleibigen Nagkhalyi gehörte dazu.

»Ich bin da anderer Meinung«, entgegnete Luzius und ein kleines Grübchen stahl sich für den Moment eines Lidschlags auf seine Wange. »Außerdem muss unsere Mutter ja nichts davon erfahren.«

Der Scharlachroten Königin entging so gut wie nichts. Ich hatte Bedenken. Unsere Mutter konnte sehr wütend werden. Schmerzhaft wütend.

»Mutter geht davon aus, dass Permeyah an jemanden verkauft wird und sich von dort selbst befreien kann.«

»So viel Zeit haben wir nicht. Wir sollten der Käufer sein.«

»Aber dafür brauchen wir eine entsprechende Summe, immerhin hat sie sich nicht gerade beliebt beim Pascha gemacht, und ich verfüge kaum über die geeigneten Ressourcen, ohne Mutter darum zu bitten.«

»Oh, ich denke ich besitze mehr als genug Gold.« Süffisant zwinkerte er mir zu. »Ich werde die notwendige Summe vorstrecken. Du solltest aber nicht allein reisen. Nimm einen Söldner mit aus den Tavernen. Jemanden, der ehrlich genug ist, uns nicht zu betrügen, wenn du so viel Geld mit dir herum schleppst.«

Sehr zögerlich verließ ich das warme Bett, warf noch einen Blick auf meine samtige Geliebte und zog mir die Reisekleidung an. Ich wählte eine der von Durchreisenden bevorzugten Tavernen aus, wo nicht viele Fragen gestellt wurden und die Gäste nur kurz verweilten. Die dortige Wirtin trug eine Augenklappe und war sehr kräftig. In früheren Jahren war sie als Kriegerin durch die Lande gestreift, und ich war mir sicher, dass sie immer noch eine Waffe zu führen wusste. Nun führte sie das Gasthaus mit strenger Hand.

Gemütlich setzte ich mich an den Tresen und zog mit einer Geste die Aufmerksamkeit der Wirtin auf mich.

»Einen süßen Rotwein«, bestellte ich, der auch umgehend vor mir abgestellt wurde. Ich benetzte meine Lippen und sah mich nach Reisenden um, die allein an ihrem Tisch saßen.

Von seinem großen Met glotzte ein Ork zu mir hinüber und leckte seine dreckigen Zähne. In einer Ecke konnte ich, etwas vom Schatten verdunkelt, einen in weite Lederkleidung gehüllten Mann erkennen, der auf mich den Eindruck eines Schurken machte. Viel interessanter war ein schlanker Elf, dessen Gesichtszüge edel und freundlich wirkten. Auch wenn er sich über sein Abendmahl beugte, konnte ich grüne Augen aufblitzen sehen. Einen Bissen spülte er mit einem Schluck Rotwein hinunter und warf eine lange, blauschwarze Haarsträhne nach hinten. Seine Reisekleidung hatte einen ungewöhnlich eleganten Stil, der mich zur Vermutung führte, seine Reisen dienten ihm als Unterhalt für ein gepflegtes Leben. An einem breiten Gürtel trug er ein Langschwert und ein Kurzschwert. Davon ließ ich mich aber nicht täuschen, denn sein ganzes Wesen strahlte eine innere Kraft aus, die für mich nur ein Magiekundiger besitzen konnte. Ich hatte meine Wahl getroffen.

Mit dem Weinglas in der Hand näherte ich mich ihm, schnippte im Gehen gegen das Glas und überdeckte mit dem hellen Geräusch das Summen der psionischen Kraft, die ich wirkte, um den Gefühlen eine positivere Wirkung zu geben.

Er sah zu mir hin und war ganz von meinen schwingenden Hüften eingenommen. Sofort stand er auf und zog einen Stuhl zurück.

»Bitte, setzt Euch doch zu mir«, bot er mir galant an.

»Danke, die Einladung nehme ich gerne an.« Geschmeidig setzte ich mich auf den angebotenen Stuhl und wartete, bis er ihn an den Tisch heranrückte. Dann setzte auch er sich.

»Ich bin überrascht«, lächelte ich ihn an, »hier einen Gast zu treffen, der sich einer Frau gegenüber zu verhalten weiß.«

Er neigte dankend den Kopf.

»Mit wem habe ich das Vergnügen?«, zwinkerte ich ihm zu.

»Mein Name ist Kyriel.«

»Angenehm, ich bin Crish.« Ich hob mein Weinglas, wir stießen miteinander an und nahmen beide einen kleinen Schluck. Um seinen Blick weiter auf mich zu bannen, schleckte ich bedeutungsvoll einen Tropfen Rotwein von meiner Oberlippe.

»Wollt Ihr länger im Scharlachroten Tempel verweilen?«, begann ich meine Erkundigungen.

»Nein, ich bin auf der Durchreise.« Er hatte offenbar keinen Grund, mir Hoffnungen auf ein baldiges Wiedersehen zu machen, und diese Ehrlichkeit gefiel mir.

»Und woher stammt Ihr?«, setzte ich meine lockere Befragung fort.

»Ich komme aus dem Flüsterwald.« Wie nahezu alle Elfen heller Haut, dachte ich mir sofort. Aber nur wenige reisten in die Reiche des Ostens.

»Dann liegt ein weiter Weg hinter Euch.« Wir nickten gemeinsam. »Habt Ihr schon ein weiteres Ziel für Eure Reise?«

»Nein«, er zuckte mit den Schultern, »ich habe mir noch keine weiteren Gedanken gemacht.«

»Vielleicht habe ich dann einen interessanten Vorschlag, der auch Eure Reisekasse aufbessern könnte.«

»Um was geht es denn?« Interesse schwang in seiner Stimme mit.

»Oh, ich möchte einer Freundin helfen«, erklärte ich in beiläufigem Ton, »die seit einiger Zeit aus dem Tempel verschwunden ist, und dafür bräuchte ich jemanden, der mich auf meinem Weg begleitet.«

»Sieht sie denn auch so hübsch aus wie Ihr?«, schmeichelte er.

»Das fasse ich als Kompliment auf«, zwinkerte ich ihm zu, »und um die Frage zu beantworten …«, ich machte eine kleine Pause, »… sie braucht sich nicht zu verstecken.«

»Das hört sich alles sehr gut an. Wann soll es denn losgehen?«

»Besitzt Ihr ein Reittier?«

Er lächelte. »Ja, das besitze ich.«

»Bis wann könnt Ihr denn reisefertig sein?«

»Wenn ich den Wein auf getrunken habe, bin ich reisefertig.« Bestärkend hob er sein noch zur Hälfte gefülltes Glas.

»Das ist gut, dann leert Euer Glas, aber gebt mir noch etwas Vorbereitungszeit. Ich muss meine Ausrüstung noch holen. Wartet hier, ich bin bald wieder zurück.«

Er stand mit mir auf und ich verließ das Gasthaus, um zur Unterkunft zu gehen. Schon nach wenigen Schritten näherte sich eine von vier kräftigen Sklaven getragene Sänfte. Ich wartete, und sie hielten neben mir an. Vorsichtig schob ich den samtenen Vorhang zu Seite. Luzius blaue Augen begrüßten mich.

»Schon etwas gefunden?«, erkundigte er sich und stieg aus.

»Ich denke, ich habe einen brauchbaren Begleiter gefunden, einen Elfen mit guten Manieren, der aber auch ein Schwert zu führen weiß und über innere Kräfte verfügt.«

»Was ist sein Sold?«

»Oh, wir haben noch nicht über den Preis geredet, zumindest nicht, welche Bezahlung er will«, glitzerte ich mit meinen Augen.

»Ich will ihn mir ansehen.«

»Kein Problem, er wartet im Gasthaus. Komm mit.«

Gemeinsam kehrten wir in den Schankraum ein und hielten auf den Elfen zu.

»Darf ich dir Kyriel vorstellen?«, sagte ich an Luzius gewandt.

Der Elf verbeugte sich.

Luzius sah sich kurz um und erklärte mit lauter Stimme: »Es ist geschlossen!«

Die Wirtin zuckte nur mit den Achseln, sorgte schnell dafür, dass die Gäste den Raum verließen, und erhielt noch einen klimpernden Beutel aus der Hand meines Bruders und wir waren allein. Luzius hatte offensichtlich seine Zeit im Tempel gut genutzt, um seinen Einfluss geltend zu machen.

Die Augen des Elfen hatten sich geweitet. Ehrfürchtig richtete er sein Wort an Luzius. »Und wer seid Ihr, wenn ich fragen darf?«

»Ich bin Luzius, ein Prinz dieser Stadt.«

»Eure Gefährtin …«, der Elf stockte, »… Schwester … sucht jemanden …« Offensichtlich war Kyriel verwirrt durch unseren Auftritt und die Ähnlichkeit unseres Wesens, aber er erhielt keinen Hinweis, welche Beziehung wir nun zueinander hatten. Genau genommen hatte er mit beiden Vermutungen Recht.

»Wir suchen nicht, wir wissen wo sich Permeyah aufhält.« Luzius betonte seine Worte nachdrücklich. »Eure Aufgabe wird es sein, Crish sicher dort hin zu geleiten und sicher wieder mit Permeyah zurückzukommen.«

»Nun, wenn Ihr so viel Einfluss in der Stadt habt«, folgerte Kyriel, »wofür braucht Ihr dann mich?«

»Wenn einer aus dem Tempel Crish begleitet, könnte das zu politischen Verwicklungen führen, die ich vermeiden möchte«, erklärte Luzius.

»Die Reise wird nicht zu Eurem Nachteil sein«, warf ich ein.

»Sprechen wir über Euren Preis«, ergänzte mein Bruder.

Der Elf spitzte die Lippen, wagte aber nicht, einen Betrag zu nennen.

»Die Reise«, begann Luzius, »wird hin und zurück etwa zwölf Tage in Anspruch nehmen und vielleicht einen Tag Aufenthalt am Ort, das wären dreizehn.« Er ließ die Worte wirken. »Ich bin bereit, Euch für zwanzig Tage zu bezahlen, falls es zu Komplikationen kommt. Und eine Summe von zweihundert Goldmünzen pro Tag.«

Der Elf nickte bedächtig. »Ihr habt eine fürstliche Belohnung geboten. Wo befindet sich denn die besagte Person?«

»Sie befindet sich im Besitz des Paschas.« An den kurzfristig geweiteten Pupillen des Elfen erkannte ich, dass ihm der Banndespot ein Begriff war.

»Keine Sorge«, beruhigte ich ihn, »wir wollen Permeyah nicht stehlen, sondern freikaufen.«

»Die Spesen übernehme ich«, erklärte Luzius großzügig und lächelte, »das Gold gibt es natürlich erst bei der Rückkehr.«

Aus seinem edlen Gewand zog Luzius drei gesiegelte Briefe und hielt sie mir hin. Ich nahm sie entgegen und wartete auf eine Erklärung.

»Das sind Schatzbriefe im Wert von zwanzig, dreißig und fünfzigtausend Goldmünzen. Allerdings sind sie nur bei meinem Schatzmeister einzulösen, ein Stehlen daher nutzlos.« Er sprach betont genug, damit der Hinweis vom Elfen verstanden wurde. Ich steckte die Umschläge zwischen meine Brüste.

»Wo treffen wir uns zur Abreise?«, wandte ich mich an den Elfen. »Am Südtor?«

»Gut, ich werde dort warten«, verkündete er.

Ich holte meine noch vom letzten Ausflug gepackte Ausrüstung und verabschiedete mich von Yana. Meine Liebste kannte diese spontanen Ereignisse.

»Bleib nicht so lange weg«, drohte sie, »sonst muss ich mich nach einem Ersatz umsehen!«

»Ersatz?«, tat ich erschrocken. »Für mich? Den gibt es doch gar nicht! Und, außerdem, ich vermisse dich jetzt schon.«

»Dann bleib bei mir«, zwinkerte sie, rückte nahe an mich heran und küsste mich auf die Weise, die Sehnsucht schmerzhaft werden lässt.

Seufzend löste ich mich, zog meinen Reisemantel über und ging begleitet von Wiedersehenswünschen zum Stall.

Gargarhaykal hatte sich ein großzügiges Mahl gegönnt. Frisches Blut klebte noch an seinem Maul.

›Wir reiten wieder‹, grüßte ich ihn. Er schnaufte freudig.

Im kurzen Spurt durchquerten wir den Hof und ritten durch das Südtor, von wo aus wir den Elfen schon warten sahen. Allein. In einer Wolke aus Rauch, Feuer und Staub hielt ich neben ihm an.

»Wo ist Euer Reittier?«, wollte ich wissen.

Er musste sich noch von meinem Anblick auf dem Egniaygir erholen, bevor er antwortete.

»Wartet einen Augenblick.« Er drehte sich zur Seite und begann mit komplizierten Gesten und mir unverständlichen, arkanen Worten einen Zauber zu wirken. Allmählich bildete sich in der Luft ein grauer Wirbel, und nach mehreren Minuten verdichtete sich alles zu einem geisterhaften Ross, das er mühelos bestieg. Anhand der magischen Struktur erkannte ich die große Stärke der Magie des Elfen.

»Ich habe mich in Euch nicht geirrt«, bekundete ich ihm und wir erhoben uns gemeinsam in die Luft.

Gargarhaykal hatte keine Chance, dem schnellen Geisterross zu folgen, daher wartete Kyriel immer wieder auf uns.

Nach einigen Tagen ereignisloser Reise überquerten wir ausgedehnte Sumpflandschaften. Auf einem schmalen Damm konnten wir eine Karawane ausmachen, die aus vier von Ochsen gezogenen, vergitterten Sklavenwagen bestand. Vier kugelförmige Banndespoten mit ihren zweiunddreißig Wächtern unterschiedlicher, humider Rassen führten den Tross.

Ich deutete meinem Begleiter an, vor ihnen zu landen.

»Werden sie nicht ihr antimagisches Auge benutzen?«, rief er besorgt zu mir hinüber.

»Nicht, wenn wir uns freundlich verhalten«, sagte ich unbekümmert. »Ich habe nicht vor, ihnen einen Grund zu geben, und es wäre nicht sehr freundlich von ihnen, mögliche Kunden zu vergraulen. Es sind Händler, also werden wir handeln.«

Ein gutes Stück vor ihnen landeten wir. Ich gab mich als Händlerin zu erkennen und wartete.

Die Karawane hielt an und ein Banndespot löste sich mit vier Wachen aus der Gruppe. Er schwebte heran und schloss sein zentrales Auge, dafür bewegten sich die kleinen Stielaugen auf seinem Kugelkopf noch emsiger. Die vier Wachmänner verteilten sich um ihn, schienen mir jedoch keinem eigenen Willen zu folgen sondern unter seiner geistigen Kontrolle zu stehen.

»Warum versperrt Ihr unsere Straße?«, fragte der Kugelkopf in scharfem Ton.

Ich verbeugte mich lächelnd.

»Weder ist es unsere Absicht, die Straße zu versperren, noch Euch an der weiteren Reise zu hindern. Wir wollen lediglich in Verhandlung mit Eurer Gilde treten. Darum bitte ich, mit Euch zu reisen bis zu dem Ort, wo sich Euer Pascha aufhält. Es geht um eine Ware, die wir begehren.«

»Gut. Begebt Euch in die Mitte der Karawane«, wies er uns an.

Freundlich nickte ich, sah zu Kyriel hinüber und winkte mit dem Kopf.

»Weiter!«, befahl der anführende Banndespot der Karawane und sie setzte sich langsam in Bewegung.

Der Weg schlängelte sich durch den Sumpf. Wie ich erfuhr, befanden wir uns auf dem Knüppeldamm. Nach mehreren Stunden stießen wir auf einen großen See mitten im Sumpfgebiet, in dem sich eine kleine und eine große Insel befanden. Über Brücken gelangten wir zunächst auf die kleinere Insel und passierten mehrere Wachtposten. Dann trotteten wir auf die große Insel zu, auf der ich neben weiteren Wachen die Ruinen eines ehemals prächtigen Gebäudes ausmachen konnte. Mehrere Banndespoten schwebten hier umher und beäugten uns.

Der Karawanenführer verließ mit einem zweiten Banndespoten die Wagen und verschwand in einem Gebäude. Zahlreiche Helfer kamen unter der Knute der Banndespoten heran und begannen, die neue Ware zu verladen. Keiner nahm sich unser an und so hielt ich mich an einen Aufseher in meiner Nähe.

»Entschuldigt, wir sind mit der Karawane angereist, um mit dem Pascha zu reden. An wen muss ich mich wenden, um eine Audienz zu erhalten?«

»Danach wird soeben gefragt«, schnarrte der Angesprochene geschäftig. »Wartet hier.«

»Habt dank«, neigte ich lächelnd meinen Kopf und trat an die Seite von Kyriel.

»Es wird wohl etwas dauern. Entspannt Euch«, erklärte ich ihm und hatte bereits mein Auge auf andere Objekte gerichtet.

Inmitten der zahlreichen Sklaven fiel mir eine sehr ansehnliche Sklavin auf, die sich in einem äußerlich hervorragenden Zustand befand. Um ihre anmutig weichen Hüften hatte sie weiße Stoffbänder geschlungen. Ihre rotbraunen Haare waren leicht gelockt und fielen in sanften Wellen bis zum Ansatz ihrer Brüste, die sich unter dem engen Stoff anregend hervorhoben. Sie war schlank, aber keineswegs mager, sondern elegant gerundet. Auch auf die Entfernung hin konnte ich ihre leuchtend blauen Augen erkennen und zahlreiche kleine Sommersprossen, die ihr ein mädchenhaftes Wesen gaben. Was mir besonders gefiel, war ihr edles, harmonisches Gesicht, das hier völlig fehl am Platze wirkte. Ich konnte sie mir gut als Zofe vorstellen und hatte große Lust, ihre rosigen Lippen zu küssen. Ein nettes Einkaufsobjekt für einen späteren Besuch.

In meine träumerischen Gedanken kehrte der große Karawanenführer zurück und lenkte mich wieder auf den eigentlichen Grund meines Besuches.

»Folgt mir!«, verlangte er und schwebte auf einen großen Ruinenkomplex zu.

Geistig wandte ich mich an Gargarhaykal.

›Warte hier und pass auf das Geisterross auf.‹ Er schnaufte zustimmend.

Über eine breite Treppe betraten wir die Tempelanlagen und ich erkannte schnell einige der ziemlich zerfallenen Symbole. Kettenglieder und die liegende Acht, aus Ketten geformt, waren ein deutliches Zeichen für die frühere Bestimmung dieses Ortes. Er war Kachus geweiht, was auch der Elf erkannte und für ein kurzes Gebet verweilte. Der Gott über Ketten und Verließe wurde in dem Magierkrieg vor etwa dreitausend Jahren verraten und besiegt.

»Ihr betet Kachus an?«, fragte ich ihn offen.

»Nein, ich bin ein Anhänger von Algonthir Eldrian, aber dieser Ort hier wurde entweiht und dient nicht länger rechtmäßig Verurteilten bis zur Tilgung ihrer Schuld, sondern Sklavenhändlern zur Verwahrung ihrer unrechtmäßig Gefangenen.« In seiner Stimme lag Verbitterung. Er legte offensichtlich viel Wert auf Ordnung. Ich zuckte nur die Schultern.

»Lassen wir den Pascha nicht warten«, schlug ich vor.

Auf unserem Weg ins Innere bemerkte ich eine Klimaveränderung. Die Luft war trockener als im Sumpf, auch wenn sich am Boden Wasser sammelte.

Wir erreichten eine gewaltige Halle, die durch Rundbögen und Podeste geprägt war. In ihrer Mitte befand sich ein von Wasser umgebenes, sehr großes Podest, über dem in fünf Schritt Höhe der gewaltigste Banndespot schwebte, den ich mir überhaupt vorstellen konnte. Die dicken Augenstiele waren geschmackvoll und zugleich schützend mit Metallringen versetzt. Das Maul hätte mich mit einem Biss verschlingen können. Allein das zentrale Auge war so groß wie ein normaler Banndespot und leuchtete dunkelgrün. Beeindruckt zog ich eine Augenbraue hoch.

Vier Rampen führten über Kreuz zu dem Podest, doch ich hatte nicht vor, besonders nahe heran zu gehen und blieb in Rufweite stehen. Meine Verbeugung fiel sehr tief aus. Mit klarer, lauter Stimme brachte ich mein Ansinnen vor.

»Seid gegrüßt, ehrenwerter Pascha. Mein Name ist Crish und ich bin in Begleitung von Kyriel«, meine Hand deutete auf den Elfen, »zu Euch gereist, um zu unterhandeln.«

Er lachte wie aus tiefer Kehle, durch seine schiere Größe dunkel und beherrschend.

»Eine Tochter aus dem Tempel der Scharlachroten Königin kommt für Verhandlungen.« Seine Feststellung freute ihn.

»Ich bin an einer ganz besonderen Ware interessiert«, begann ich ohne Umschweife, »die sicherlich zu Eurem Besitz gehört. Elfischen Ursprungs, aber dunkel wie die Nacht.«

»Die Nachtelbin ist nicht zu verkaufen«, grollte der Pascha. Er wusste genau, von wem ich sprach.

Lächelnd fuhr ich fort. »Natürlich verstehe ich Euren Unmut, aber es existiert sicherlich ein Preis, der Euch die Ereignisse vergessen lässt und wohlwollend stimmt, den Handel abzuschließen.«

»Was bietet Ihr mir?«, forderte er dröhnend.

»Für die Nachtelbin bin ich bereit, dreißigtausend Goldmünzen zu bezahlen«, verkündete ich mein erstes Angebot. »Und ich möchte die Ware vorher sehen.«

Sein tiefes Lachen grollte über mich hinweg.

»Bringt die Nachtelbin her«, befahl er seinen Lakaien.

Wir warteten schweigsam.

Nach einiger Zeit wurde Permeyah herangebracht. Sie war sehr schwach. Mir fielen breite Bänder an Hals und Gelenken auf, die sicherlich jegliche Magie unterdrückten. Und somit auch ihr magisches Knochengerüst. Ihr schlaffer Körper schwebte langsam bis vor den Pascha. Von ihren stumpfen, silbernen Haaren tropfte Wasser auf den Boden. Ihr äußerer Zustand hatte in den Monaten gelitten, aber ich konnte keine Blessuren erkennen. Auch ihr künstlicher rechter Arm aus Adamant schien unversehrt. Ihm fehlte der Glanz, er wirkte unrein, wie auch die alabasterschwarze Haut.

Mühsam öffnete sie ihre Augen.

›Kein Ton!‹, sandte ich ihr in Gedanken zu.

»Ich fordere das Doppelte.« Der Pascha war aufgebracht. »Sie ist für den Tod eines meiner Kinder verantwortlich und trägt eine Mitschuld am Tod von zwei weiteren.«

»Wenn mit dieser Summe auch ihre Ausrüstung, mit der sie diesen Ort betreten hat, überreicht wird, bin ich einverstanden.«

Erneut lachte er.

»Da müsst Ihr schon etwas drauflegen«, forderte er blasiert.

»Achtzigtausend Goldmünzen sollten reichen, den Verlust auszugleichen«, bekundete ich.

»Warum interessiert sich der Scharlachrote Tempel für diese Nachtelbin?«, fragte der Pascha nach.

»Vielleicht ist es nicht der Tempel, der ein starkes Interesse an ihr hat.« Ich wollte auf keinen Fall den wahren Grund verraten, noch war ich mir sicher, unbemerkt eine Lüge aufzutischen. »Sie ist meine Geliebte.«

Ein zartes Lächeln huschte über Permeyahs Wangen.

»Und da ist sie Euch nicht mehr wert?«, wunderte er sich mit einem Mal interessiert.

»So gut ist sie nun auch wieder nicht!«, grummelte ich.

Der Pascha blieb stur. »Na, dann könnt Ihr ja ohne sie gehen.«

Ich schnaufte zornig, war allerdings weiterer Spiele leid. Gerne hätte ich diesem aufgeblasenen Patriarchen das große Auge herausgekratzt, doch seine Macht war spürbar und nicht zu unterschätzen. »Ich biete einhunderttausend Goldmünzen, aber das ist mein letztes Angebot. Und es schließt die Ausrüstung mit ein.«

»So sei es«, akzeptierte er den Handel.

Aufseher trugen die Ausrüstung in einem Korb herein. Ich zückte die Wechsel, der Pascha levitierte sie unter sich, wo sie in der Säule aus der Sicht verschwanden. Kyriel durfte die Ausrüstung tragen. Permeyah wurde in einen anderen Raum des Komplexes gebracht, wo ihr die Fesseln abgenommen wurden. Magisch wieder erstarkt fiel sie mir in die Arme. Ich drückte sie vorsichtig, da sie sicherlich von der Gefangenschaft ausgelaugt und erschöpft war.

»Es wird Zeit, dass du ein Bad bekommst«, merkte ich Nase rümpfend an. »Das ist übrigens Kyriel, er begleitet mich auf dieser Reise.«

Ohne den Elfen weiter zu beachten nahm Permeyah ihre Ausrüstung entgegen und zog sich an. Ihre bisherige Kleidung war stark zerschlissen. Sie brauchte dringend eine neue Garderobe.

Gemeinsam traten wir ins Freie hinaus.

»Wenn du Gargarhaykal nett bittest, nimmt er dich vielleicht mit auf seinen Rücken«, erklärte ich Permeyah.

Vorsichtig lächelnd tätschelte sie den Egniaygir. Der Hengst schnaufte. Ich stieg auf und zog die Nachtelbin hoch. Zusammen mit dem Elfenmagier erhoben wir uns in die Luft.

»Zu viele Banndespoten hier, lasst uns schnell von hier verschwinden«, meinte ich zu beiden.

Wir flogen in die Nacht hinein. Ich wollte den Sumpf noch an diesem Tage verlassen, und so reisten wir weiter, bis wir mitten in der Nacht auf einem grasbewachsenen Hügel direkt hinter dem Sumpfgebiet landeten und uns für eine Rast vorbereiteten. Das Geisterross löste sich auf, die Magie war verbraucht.

»Du warst ganz schön teuer«, warf ich Permeyah vor, »du kannst dich bei Luzius bedanken.«

»Luzius? Ja, das könnte ich machen«, nickte sie.

Ich baute ein kleines Lager auf. Kyriel ging erfolglos Feuerholz suchen, während ich schon ein kleines Feuer anzündete und Permeyah Wegzehrung gab.

»Wo hast du denn deinen schmucken Begleiter aufgetrieben?«, erkundigte sich die Nachtelbin. Der Angesprochene horchte auf.

»Ich habe ihn in einer Gaststätte des Tempels angeheuert. Kyriel kann dir selbst erzählen, wohin er unterwegs ist, jetzt, wo er seiner Belohnung sicher sein kann.« Mein Lächeln war vieldeutig.

Permeyah bedrängte den Elfen mit ihren Fragen und wollte mehr über ihn erfahren. Dabei entging mir nicht ihr abschätziger Blick dem hellhäutigen Elfen gegenüber.

»Woher ich komme?«, begann der Elf, »ich stamme aus dem Flüsterwald und möchte gerne meine Familie wiedersehen. Meine Reisen führten mich mal hier hin, mal dort hin.«

Viel mehr hatte Kyriel nicht über sich zu sagen.

»Wenn ich eine Anmerkung machen darf«, bat der Elf und sah vorsichtig zu mir hinüber, »war es nicht von Vorteil, dem Pascha zu sagen, dass Permeyah Eure Geliebte ist. Das hat den Preis nur erhöht.«

»Dafür hat es den Pascha von weiteren Fragen abgehalten, die weit unangenehmere Antworten erfordert hätten«, erläuterte ich meine Entscheidung.

»Ist ja nicht mein Geld«, kommentierte er und stocherte im Feuer.

»Oh, meines auch nicht«, lachte ich und Permeyah fiel zustimmend darin ein. In ihren Gedanken konnte ich ihre Phantasien lesen, wie intensiv das Liebesspiel zwischen einem Sukkubus, also mir, und einem Inkubus, in diesem Fall Luzius, ausfallen konnte, um eine Schuld zu begleichen. Sie war noch weit von der Wahrheit entfernt.

»Ich werde die erste Wache übernehmen«, erklärte Kyriel.

»Das ist gut. Ich muss mich etwas ausruhen«, gähnte ich.

»Wir können uns ja gemeinsam hinlegen«, schmachtete Permeyah. Ich spielte an ihrem Bauch und griente.

»Woran hat meine süße Permeyah denn da gedacht?«, neckte ich sie und steigerte mit zarten Berührungen ihr Verlangen.

Eifrig packte sie ihren Schlafsack aus, schlüpfte hinein und warf ihre wenigen Stofffetzen heraus.

»Kommst du mit in meinen Schlafsack? Er bietet genug Platz für uns beide«, bot sie mir an und schlug eine Seite auf.

»Gern, dann ist es schön warm.« Ich zog meine Kleidung aus und krabbelte zu ihr. Ihre Haut war kühl und hitzig zugleich, wie immer eine Sünde, allein die Berührung alle Mühen wert. Ich schmiegte mich an sie und wartete, genoss ihr aufgeregtes Zittern und hielt sie ein wenig hin. Sie war sehr bedürftig und ich forderte sie mit Blicken auf, den Anfang zu machen, doch sie war aus der Übung und drängte zu sehr – sie konnte sich nicht beherrschen. An ihren Fingern knabbernd heizte ich ihr weiter ein.

Kyriel begab sich derweil auf den Hügel und schaute sich dort um, dabei konnte er unser lustvolles Spiel nicht überhören.

Mit meinen geistigen Kräften verstärkte ich Permeyahs Bedürfnis nach meiner Zunge. Sie wehrte sich nicht gegen meine Kräfte, ergab sich mir und bettelte um Befriedigung. Die lange Einzelhaft hatte sie ausgehungert. Ich hatte Vergnügen an ihrem Leiden, ihrer Sehnsucht nach meiner Berührung, ihrem hörigen Schmachten. Dann gab ich ihr die Befriedigung, die sie brauchte, und sie verging an meiner Hand. Ihr Unterleib war nass und willig, zuckte erwartungsvoll. Mit zwei Fingern tauchte ich in ihre Scheide ein, mein Handballen kreiste über ihren Kitzler. Eifrig wie ein kleines Baby saugte ich an ihren harten Brustwarzen, knetete mit der zweiten Hand ihre kleinen, festen Titten.

»Oh, Crish, ja«, Permeyah entlud ihr aufgestautes Verlangen in kehligem Stöhnen.

Dann brüllte Gargarhaykal schmerzhaft auf.

Ich sprang hoch. ›Was ist los?‹, fragten meine Gedanken.

Erneut ein schmerzhaftes Wiehern.

›Ich habe Schmerzen!‹, presste er panisch hervor.

›Verschwinde von hier, wechsle auf die Ätherebene!‹, und sein Körper verblasste.

Dann wurde ich von einem Pfeil in den rechten Arm getroffen. Noch während ich schmerzhaft aufschrie, wirkte ich dämonische Dunkelheit um mich herum. Ich versetzte meinen Blick und suchte nach dem Angreifer. Weitere Pfeile schwirrten heran, zu nah für jemanden, der mich in der Dunkelheit nicht sehen sollte. Permeyah schlich mit dem Bogen in der Hand aus der Dunkelheit. Auf der Grasfläche sah ich niedergedrückte Halme, dort musste sich jemand befinden, auch wenn dieser nicht sichtbar war. Ich sammelte meine geistigen Energien und schleuderte sie in Form einer heißen Plasmakugel auf die Stelle. Als sie zerplatzte, wurde eine humanoide Form im Feuerschein sichtbar. Dann verschwand auch sie in Dunkelheit, diesmal offenbar von der Nachtelbin selbst gewirkt.

Kyriel konnte ich nur erahnen. Auch er hatte sich unsichtbar gemacht und befand sich im Nahkampf mit einem zweiten Angreifer. Ein Klappern war zu hören, als sein Stahl auf etwas traf. Ich feuerte weiter auf die Grasfläche. Permeyah reichte das kurze Aufblitzen der Gestalt und sie gab mehrere Schüsse mit ihrem Bogen in die Dunkelheit ab. Ihre zielsuchenden Pfeile trafen den erkannten Gegner und entfalteten ihre magische Wirkung. Mein dritter Glutball flog, Permeyah hob die Dunkelheit auf und gab drei weitere Pfeile in schneller Folge ab, von denen ein Treffer das Ziel in Eis verwandelte und mit Blitzen überzog. Ich hörte ein lautes Knacken und das sichtbar gewordene Skelett zerbarst in Tausend Stücke.

Von Kyriel war immer noch nichts zu sehen, aber anhand der Geräusche konnten wir seinen Standort ausmachen. Permeyah nutze die natürliche Kraft ihres Volkes und legte Feenfeuer über die Unsichtbaren, wodurch ihre Umrisse blau aufleuchteten und sie so für uns sichtbar wurden.

Meine geöffneten Handflächen richtete ich auf das Skelett, das einen Knochenbogen führte. Sengendes Licht ging von meinen Händen aus und traf die bleichen Gebeine. Permeyah hatte ein neues Ziel, was ein schnelles Ende für das Gerippe bedeutete.

Ich kannte unsere Angreifer und musste erschrocken feststellen, dass sich der Pfeil ziemlich tief in meinen Muskel gebohrt hatte. Auch Gargarhaykal mussten mindestens zwei Pfeilen getroffen haben. Sorgenvoll biss ich auf meine Unterlippe. Auch Permeyah hatte das Problem erkannt.

»Hast du eine normale, nicht verzauberte Waffe? Mit einer Schneide?«, fragte ich die Nachtelbin und sah den Elfen nahen. Seine Haut hatte einen gräulichen Ton, ich sah keine Verletzung an ihm.

»Wurdet Ihr von einem Pfeil getroffen?«, erkundigte ich mich bei ihm.

»Nein, wieso?«, fragte er verwirrt.

»Könnt Ihr Untote vertreiben?«, hakte ich nach.

»Nein, aber was ist denn los?« Er wurde nervös.

»Bei den Pfeilen handelt es sich nicht um normale Pfeile. Es sind Untote«, erläuterte ich.

»Na, dann zieht sie doch heraus«, schlug er vor.

»Das nützt nichts«, erklärte Permeyah, »dann bricht der Kopf ab und gräbt sich bis zum Herzen durch, was den Tod bedeutet.«

»Im Tempel gibt es Kleriker«, folgerte ich, »aber ich kann nicht schnell genug wieder hier sein. Wir müssen den Pfeil komplett herausschneiden. Ich brauche einen großen Dolch.«

Kyriel reichte mir sein Kurzschwert. Permeyah half mir, den Arm ruhig zu halten. Vorsichtig schnitt ich in das Fleisch, vertraute auf meine körperliche Resistenz, und löste schmerzhaft den kompletten Pfeil mit viel Fleisch heraus. Dunkles Dämonenblut und allzu menschliche Tränen tropften zu Boden. Auch meine Lippen bluteten, so sehr hatte ich darauf gebissen.

Trotzig wischte ich die Tränen mit einem Handrücken fort und prüfte, ob ich auch keinen Widerhaken vergessen hatte. Die Wunde schloss sich bereits mit der Macht des Abgrundes. Zusätzlich konzentrierte ich mich auf meine psionischen Gaben, nutzte meine geistigen Kräfte zur Heilung. Die Haut sah nun frisch aus, ohne die Spur einer Narbe.

In Gedanken nahm ich Kontakt zu Gargarhaykal auf und rief ihn aus dem Ätherraum zurück auf unsere materielle Ebene. Als er im fahlen Licht erschien, kniff ich meine Lippen zusammen. Aus seiner Flanke ragten zwei Pfeile.

›Wir werden die Pfeile herausschneiden müssen‹, erklärte ich meinem Vertrauten.

›Na, dann leg mal los mit dem kleinen Dolch‹, scherzte er.

Das Kurzschwert konnte dem großen Egniaygir nicht wirklich viel anhaben, aber die Verletzung, die ich ihm zufügen musste, um die beiden Pfeile zu lösen, war ernst zu nehmen. Ich berührte die kaum unter seinem schwarzen Fell erkennbaren Tätowierungen und aktivierte ihre heilende Wirkung. Zum Glück hatte ich diese zuvor bei ihm eingebracht und mit psionischen Kräften gestärkt. Auch meinen Körper zierte dieser nützliche und ansehnliche Hautschmuck.

Die Wunden schlossen sich. Kraftvoll hob Gargarhaykal sein Bein, stampfte auf und verteilte Rauch und Funken.

Die herausgelösten Pfeile zerfielen zu Staub. Ich jagte wütend einige Flammen in die grauen Haufen.

»Das waren nur Späher«, erklärte Permeyah, »da müssen noch mehr sein.«

Ich nickte. Wenn sich andere Skelette in der Nähe aufhielten, konnten wir sie nicht sehen, und wir waren nicht geübt darin, nach Spuren zu suchen. Ich sah zu unserem Begleiter.

»Und nun zu Euch, Kyriel«, funkelte ich, »ich dachte, Ihr hieltet Nachtwache. Habt Ihr nichts bemerkt?«

»Ich habe Geräusche in der Entfernung gehört, sehr dunkel«, erzählte der Elf.

Auf meinen Fingerzeig hin wurden wir alle leise und lauschten. Ein dumpfes, entferntes Dröhnen klang seitlich vom Sumpf an mein Ohr. Dort lag der Süden, und in weiter Ferne die Ostmark.

»Ich frage mich, warum mich die Skelette sehen konnten«, rätselte Kyriel. »Jemand muss sie verzaubert haben.«

»Nein«, erklärte ich, »sie haben selbst gezaubert.« Er sah mich verständnislos an. »Bei diesen Skeletten handelt es sich um freiwillige Untote, die einem eigenen Kult dienen und besondere Kräfte von ihrem Gott erhalten. Sie dienen Xorin, und was wir dort in der Ferne grollen hören, ist eine ganze Armee aus Untoten unter der Kontrolle von Landru, auch einem freiwilligen Untoten, einem Salmagur, der zwar ein Gläubiger von Laird ist, aber nicht minder über die Untoten gebietet.

Und über eine gewaltige Armee aus Konstrukten verfügt, deren Tritte nun die Erde zum Beben bringen. Wir müssen sofort zum Tempel reiten. Los!«

Kyriel erschuf mit seinen Zauberkräften ein neues Geisterross und ich nahm Permeyah mit auf den Rücken von Gargarhaykal. Kaum dass wir über den Boden dahin flogen, sahen wir unzählige Tiere an und unter uns vorbei flüchten. Der Feind war nah.

Von dem dumpfen Dröhnen begleitet entschwanden wir in die Nacht.

2. Kapitel

Noch in meiner Reisekleidung suchte ich meine Gemächer auf, in denen ich Yana und Laana fand, die einem Lied von Jiulie lauschten. Während ich durch das Zimmer ging, verteilte ich meine Ausrüstung und einen großen Teil meiner Kleidung, lockerte mein Haar und schnappte mir ein Glas mit Rotwein. Dann setzte ich mich zu den dreien.

Nachdem das Lied geendet hatte, die bezaubernden Klänge verebbten, begrüßten wir uns freudig.

»Konntest du Permeyah befreien?«, fragte Yana.

»Ich konnte sie freikaufen«, nickte ich, »aber es war ein sehr kostspieliges Vergnügen. Dennoch denke ich, es hat sich gelohnt.«

»Hat ja eh Luzius bezahlt«, lachte sie und wir fielen in ihr Lachen ein. Wir drückten uns und rieben die Nasenspitzen aneinander. »Während du unterwegs warst«, führte Yana fort, »habe ich die kleine Fürstin beobachtet. Sie studiert eifrig Magie.« Sicherlich hatte meine Gefährtin mich auch beobachtet, als ich mit der jungen Adligen im Bett war, und das nagte an ihr.

»In ihr ruht ein großes Potential. Und sie ist sehr ehrgeizig«, erklärte ich eher beiläufig.

»Der Wille allein reicht nicht«, erwiderte die Magierin leicht eifersüchtig, »ich denke, bei deinem nächsten Besuch werde ich mitkommen und sie ausbilden.«

»So viel ich erfahren konnte«, ergänzte ich, »hat Alanja sich auf die gleiche Magie spezialisiert wie du, dieses Anrufen und Beschwören.«

»Hervorrufung, mein Schatz«, korrigierte sie mich schnippisch.

»Ach ja, Hervorrufung und Beschwörung. Ich kann mir das nicht merken. Ich hoffe, wir kommen noch zu diesem Besuch, denn auf meiner Rückreise vom Pascha wurden wir angegriffen. Von Untoten, den unsichtbaren Bogenschützen, mit denen wir schon in den Narbenlanden konfrontiert wurden. Sie waren aber nur eine Vorhut für die Armee, die Landru anführt. Ihr Stampfen war unüberhörbar.«

»Hm, dieser Magier aus der Ostmark, wie hieß er noch?«, sie überlegte kurz, »ach ja, Asanael! Er hat Kontakt mit mir aufgenommen. Vor gut einem Zehntag hat er eine Beobachtung gemacht.«

»Befindet er sich denn noch in der Ostmark?«, fragte ich mit hochgezogener Augenbraue.

»Nein«, antwortete meine Partnerin, »er hat mittlerweile die Ostmark verlassen, aber seine Beobachtungen stammen von dort.«

»Und was hat er gesehen?«

»Seine Beobachtung ähnelte der, die du gemacht hast, als du Jiulie gerettet hast. Ein geflügelter Teufel mit verbundenen Augen rief die Kreaturen des Ozeans.«

»Ich kenne nur Lieder«, meldete sich Jiulie zu Wort, »die über Kriege der Aquaides berichten. Ihre Schrecken habe ich nicht selbst erlebt, aber die Festungen sind nicht ohne Grund entlang der Küste gebaut worden.«

»Und nun sind nur noch wenige davon übrig«, sagte ich, »und diese sind auch noch kaum mit ausreichend Truppen besetzt. Einem Angriff können sie nicht standhalten.«

»Zudem«, ergänzte Yana, »unterstehen die Festungen drei Regierungen, die kaum zu einer gleichen Aktion zu bewegen sind.«

»Es ist zu spät, weiter darüber zu spekulieren«, schloss ich, »denn der Angriff vom Meer hat bereits begonnen und unsere Armeen befinden sich auf ihrem Kriegszug im Westen.«

»Die Machtgier«, sagte Yana ernst, »wird noch einige Veränderungen bewirken, so oder so, zum Guten oder Schlechten.«

»Zum Glück kommen die Angreifer nicht so schnell voran«, lächelte ich fade.

»Ja«, stimmte Yana zu, »wir sind nicht die einzige Stadt auf ihrem Weg, und auch nicht die erste. Das wird sie noch etwas aufhalten. Und ich habe mir etwas einfallen lassen, um Landru aufzuhalten.« Sie blickte verschwörerisch zu Laana herüber.

»Ich stelle gerade eine Gruppe zusammen«, berichtete die Schattentänzerin, »und werde mit ihr ins Land des Xorin aufbrechen. Durch meine Erkundungen habe ich herausgefunden, wo sich Landrus Festung befindet. Wir werden dort eindringen und sein Seelengefäß zerstören.«

»Als wir in Ustan mit diesem Nefflon zu tun hatten, habe ich erfahren, dass sich die Essenzen auf mehrere Gefäße verteilen. Wird dann diese Mission ausreichen?«, fragte ich.

»Er hat nur ein Gefäß«, berichtete Yana, »da bin ich mir sicher, denn er ist ein Salmagur, kein Teschisalmagur.«

»Gibt es da denn einen Unterschied?«, erkundigte ich mich. »Für mich sind das alles Stinker!«

»Ja, mein Schatz«, lächelte sie verständnisvoll und belehrte mich schnippisch, »bei den stinkenden, die nur noch aus einem Kopf bestehen, handelt es sich um Teschisalmagure, und die können mehrere Gefäße haben. Landru hat einen Körper, der zwar auch faulig ist, bei dem aber nur ein Gefäß existiert.«

»Ach so«, nickte ich und überlegte. »Hm, was Nefflon macht, ist sowieso fraglich. Seine Truppen in der Unterstadt von Ustan warten noch. Ich frage mich, worauf?«

»Das stimmt, er hat sie noch nicht bewegt. Ich kontrolliere es ständig«, bekundete Yana.

»Wann soll denn der Aufbruch sein?«, wandte ich mich an sie.

»Die Auswahl des Gefolges ist noch nicht abgeschlossen, aber im Laufe dieses Zehntages sollte alles vorbereitet sein.« Yana sah mich aufmunternd an. »Ich habe mich mit hiesigen Magiern unterhalten. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass die Golemarmee stehen bleiben wird, wenn Landru vernichtet ist.«

»Und was ist mit den Untoten?«, warf ich ein.

»Von welchen Untoten sprichst du jetzt?«, fragte sie verdutzt.

»Nun«, sagte ich bedeutungsvoll, »als Moi’ra nach Ostmark zurückkehrte, traf sie auf untote Bürger. Diese wird Landru auch kontrollieren.«

»Sind sie denn mitgezogen?«, gab Yana zu bedenken. »Und selbst wenn, Landru kontrolliert die Golemarmee, er wird allein damit genug zu tun haben. Du musst wissen, die Dinger sind goblinsdämlich.«

»Unseren Spähern zufolge«, fügte Laana hinzu, »wird Landru in zwei Zehntagen vor unseren Toren stehen.«

»Das gibt uns ausreichend Zeit für seine Festung«, sagte Yana.

»Ich will keinen von euch dahin mitnehmen«, erklärte die Gildenführerin mit einem drohenden Funkeln in den Augen, »ihr seid mir alle nicht heimlich genug dafür.« Ihr Blick wanderte umher. »Ich habe zurzeit schon Caelios und Mirtek ausgewählt.« Die beiden Anhänger der Diebesgilde des Mondschatten waren Meister der Verkleidung. Ich kannte sie von meinem Aufenthalt in Ustan. Eine gute Wahl, wie ich fand.

»Ich vertraue ganz auf deine Fähigkeiten«, grinste ich zustimmend.

»Das ist weder eine Aufgabe für Kämpfer«, setzte sie fort, »noch für Magiebegabte. Schnell rein und wieder raus.«

»Lass mich wissen, wenn du losziehst«, forderte ich besorgt. Sie nickte zustimmend.

»Ich werde bei unserer nächsten Trennung nach Djugast gehen und mir die kleine Magierin ansehen«, teilte Yana mit und sah mich an. »Bist du schon bei Luzius gewesen? Er ist sehr nervös.«

»Nein«, schüttelte ich meinen Kopf, »ich wollte zuerst euch sehen, das war mir wichtiger.« Sie grinsten alle. Dann klopfte ich auf meine Beine und stand auf. »Ich werde Luzius dann mal nicht länger warten lassen.«

»Sie wollte mich auf der Burg vergiften!«, tönte Imphraziel überraschend und heischte um Aufmerksamkeit, »mit einem uralten Keks! Jawohl, misshandelt hat sie mich!« Anscheinend versuchte er bei den anderen Frauen ein Mitgefühl zu erzeugen.

»So alt war der Keks gar nicht, außerdem stehen dort doch ganz frische«, bedeutete ich ihm und zeigte auf eine kleine Schüssel.

»Oh«, gab er sich überrascht und hüpfte auf den Tisch, »na, die sehen ja lecker aus!« Mit seinem spitzen Schwanz piekte er mehrere Kekse auf.

Ich nutzte seine Ablenkung, um meinen Geliebten innige Abschiedsküsse zu geben, die freudig erwidert wurden.

Dann machte ich mich auf zu den Prinzengemächern.

»Hey, warte!«, rief Imphraziel mir nach und hüpfte hinter mir her. »Diesmal lasse ich dich nicht aus den Augen!« Nach zwanzig Schritten nutzte er seine Flügel und flog auf meine Schulter, wo er weiter an den Keksen knabberte. Zahlreiche Krümel landeten auf meiner geknoteten Bluse.

»Pass doch auf«, ärgerte ich mich, »wo du hin krümelst! Wenn du schon etwas auf den Weg mitnimmst, dann iss wenigstens vernünftig.«

»Was denn?«, nuschelte er mit vollem Mund, weitere Brösel landeten auf dem Stoff. Ich wischte sie mühsam ab.

»Was bist du nur für ein Krümelmonster!« Er horchte auf. »Dabei solltest du bedenken, dass jeder Krümel ein verlorenes Stück Keks darstellt!«

Zunächst zuckte er nur mit den Schultern, als er jedoch den letzten Keks von seinem Schwanz knabberte, besann er sich und stierte nach den Resten, die sich um ihn herum und auf meiner Kleidung verteilten.

»Nicht!«, kreischte er, als meine Hand einige Brocken zu Boden beförderte. »Welch eine Verschwendung!« Eifrig hechtete er den Resten hinterher.

»Hier sind noch ein paar«, deutete ich mit der Nasenspitze und hob meine Brust an. Gierig leckte er sie von dem straff gespannten Stoff. »Oh, ich glaube, einige sind in meinen Ausschnitt gefallen …«

Kaum hatte ich meine Anmerkung gemacht, sprang er auch schon hinterher und brachte mein Hemd beinahe zum Platzen.

»Uh, eng hier«, konstatierte er und versuchte, sich zwischen meinen Brüsten nach oben zu arbeiten. Mit den Oberarmen drückte ich sie etwas weiter zusammen. »He! Lass das, ich bekomme ja keine Luft mehr! War deine Bluse eigentlich teuer?«

Verwirrt zog ich meine Augenbraue hoch. »Natürlich ist sie von guter Qualität, was erwartest du?« Langsam hatte ich Sorge, sie würde unter seiner Last tatsächlich reißen.

»Iiieh, du stinkst ja!«, rümpfte er die Nase, als er sich Platz verschaffte. »Hast du dich noch nicht gewaschen?«

Tatsächlich hatte ich noch keine Gelegenheit gefunden, nach dem Ausflug zum Pascha ein Bad aufzusuchen. Prüfend roch ich an meinen Achseln.

»Scheiße«, fluchte ich, »du hast recht!« Auf meinem Absatz machte ich kehrt.

»Puh, was ist das? Banndespotenspeichel?«, stichelte Imphraziel. »Das ist ja kaum auszuhalten! Hat dich der Pascha abgeleckt, oder was? Was für ein Gestank, schlimmer als Lemurenpisse. Pah!« Er krabbelte auf meine Schulter und hielt seine Nase zu, machte so an uns vorbei eilende Bedienstete auf meinen unreinen Zustand aufmerksam. Ich berührte meine Schulter und beschwor eine kugelförmige Dunkelheit, die seinen Anblick verbergen sollte. Er kletterte auf die andere Seite. Noch bevor er dort ankam, hüllte ich den Bereich ebenfalls in Dunkelheit. Kurzerhand hüpfte er auf meinen Kopf. Um mich nicht völlig der Lächerlichkeit preiszugeben, teleportierte ich mich direkt in mein Bad und zog mein Oberteil aus. Kurz darauf erschien auch Imphraziel und rümpfte seine Nase.

»Wird das wieder länger dauern? Dann werde ich jetzt zu Luzius gehen und mich mit ihm beratschlagen«, versuchte er, mich zur Eile zu bewegen.

»Nur zu«, seufzte ich und tauchte einen Schwamm in das warme Wasser, »es ist vielleicht besser, wenn ihr Männer unter euch seid.«

Er kniff seine Augen zusammen und betrachtete mich abschätzig. »Nein, nein, ich bleibe hier«, bedeutete er, »und halte ein Auge auf dich. Dieses wollüstige Treiben muss ein Ende haben!« Theatralisch hob er einen Arm an seine Stirn. »Dass ich das sagen muss!«

»Stell dich nicht so an«, sagte ich und pustete Schaum in seine Richtung. »Bleib hier und leiste mir Gesellschaft. Ich bade nicht gerne allein.«

»Pah, bemühe dich nicht.« Er wich einer Schaumflocke aus und setzte sich an den Rand des Beckens. »Woran du jetzt nur wieder denkst«, fragte er rhetorisch.

»Du kennst doch meine Wünsche«, beichtete ich ihm.

»Ja«, seufzte er, »leider.«

Belustigt trällerte ich beim Baden ein Lied.

»Och, lieber, lieber Imphraziel«, bettelte ich mit vollen Lippen, »sei doch so nett und schrubbe meinen Rücken. Da ist eine Stelle, da komme ich einfach nicht heran.« Er sah mich verkniffen an. »Bitte, bitte«, gab ich so hinreißend von mir, dass er nicht umhin kam, mit seinem Schwanz eine Bürste zu fassen und anfing, über meinen Rücken zu reiben. »Oh, ja«, frohlockte ich, »noch ein wenig tiefer, dort, ja.«

»Wie tief bin ich gesunken«, bedauerte er sich selbst.

Freudig räkelte ich mich, drehte mich dann zu ihm um und hauchte ein »danke«, bevor ich ihm einen Kuss gab. Er sah leicht errötet weg. Vergnügt griff ich zu den diversen Duftölen, wählte einige passende aus und erhob mich, um die Haut zu trocknen. Sorgfältig cremte ich mich ein.

»Huh, deine Duftaura ähnelt einer dicken Amöbe«, beschwerte sich mein Rückenschrubber.

»So lange sie angenehm ist«, konstatierte ich.

»Na, wohl eher aufdringlich und Atem raubend«, stänkerte er weiter. Ich lächelte nur und zuckte mit den Schultern.

»Dann habe ich doch den Zweck erfüllt. Jetzt noch die passende Kleidung, dann können wir meinen Bruder aufsuchen.« Ich widmete mich noch meinen Füßen, überprüfte den richtigen Schnitt der Nägel und suchte dann die für den Tempel geeigneten, knappen Kleidungsstücke aus. Über den bis zum Oberschenkel reichenden Schnürstiefeln trug ich einen schwarzen, seitlich geschlitzten Rock. Für den Oberkörper begnügte ich mich mit einem knappen Brusthalter aus rotem Stoff mit goldener Verzierung. Den ebenfalls gesäuberten Schmuck drapierte ich zu einem Kurven betonenden Augenschmaus.

Mit mir selbst zufrieden schlenderte ich zu dem Trakt meines Bruders und wurde von seinen Bediensteten in das Gesellschaftszimmer geführt. Luzius saß bequem in einem Sessel. Er trug einen Gehrock und hatte seine Weste geöffnet. Nachdenklich sah er in Richtung einer Wand und hielt dabei ein Weinglas ruhig in der Hand. Ich störte ihn nicht weiter und setzte mich auf eine gemütliche Couch, legte ein Bein hoch und beobachtete Imphraziel, der sich auf den Boden nieder gelassen hatte und krampfhaft konzentriert sein Gesicht verkniff. Zunächst geschah nichts, dann wuchsen seine Beine, es folgten die Arme und nach einigen weiteren Augenblicken stand ein menschlicher Mann vor mir, der recht annehmliche Züge aufwies, wenn nicht sein dämonisches, breites Grinsen alles zu einer Fratze entstellte. Ich zog fragend eine Augenbraue hoch. Er schnippte ein Mal mit seiner Hand und wurde in die bunte Kleidung eines Narren samt Schellenmütze gehüllt. Mir fiel sein Stab auf, an dessen Ende ein Harlekinkopf lachte.

»Da guckst du, was?«, griente er.

»Ich wusste immer schon, dass ein ganzer Mann in dir steckt«, konterte ich, »aber wen willst du damit unterhalten?«

Imphraziel achtete nicht weiter auf mich und machte einen Salto rückwärts, hakte sich mit den Kniekehlen am Kronleuchter ein und schaukelte vergnügt. Dabei lugte er immer wieder zu dem Stab, bis er seinen inneren Willenskampf verlor, in den Raum zielte und die Magie des Zepters aktivierte.

Noch bevor ein Effekt eintrat, erkannte ich die chaotische Natur des Gegenstandes. Ein Schwall von unzähligen, bunten Schmetterlingen ergoss sich aus dem Narrenkopf und füllte den ganzen Raum. Imphraziel quiekte.

»Imphraziel, du Idiot!«, schrie ich und hielt einen Arm vor mein Gesicht. Nach einigen Sekunden verteilten sich die Schmetterlinge und lösten sich auf. Mit glühenden Augen spähte ich zum Narren hoch, schüttelte dann mein Haar durch und sah zu meinem Bruder herüber.

Luzius hatte seine Überlegungen beendet und schaute ungehalten zum Kronleuchter.

»Dein Glück, dass es nicht meine Art ist, Luxus zu zerstören«, drohte er in Richtung des baumelnden Mannes.

»Hallo, Luzius, schön dich zu sehen«, lächelte ich begrüßend. Der Zorn in seinen Augen verflog und ich hatte seine Aufmerksamkeit, die meinen ganzen, ausgestreckten Körper einschloss.

»Es ist auch schön, dich zu sehen, Schwesterherz. Hast du Permeyah schon weitergeschickt?«

»Ja«, nickte ich, »sie sollte schon auf dem Weg sein. Ich befand es für das Beste, wenn keine weitere Zeit aufgeschoben wird und sie sich um die Beschaffung des Mondweins kümmert. Es hat sich einiges zugetragen. Von der Küste nähert sich eine neue Armee und auf unserem Rückweg wurden wir von untoten Bogenschützen angegriffen, sicherlich eine Vorhut der Armee aus dem Süden.«

»Wie lange ist das her?«, hakte er nach.

»Das war vor vier Tagen«, berichtete ich.

»Die Hauptstreitmacht wird zehn Tage dahinter zurück sein. Alles bereitet sich auf den Angriff vor. Ich werde alsbald keine Zeit mehr für dich haben.«

»Auch ich werde den Tempel öfter verlassen müssen, um die Gegenstände für den Zaubertrank zu besorgen.«

»Was nichts direkt mit der nahenden Armee zu tun hat. Ich habe ein neues Ziel für dich, du solltest aber niemanden darüber informieren, wohin du reist.« Als ich zum Kronleuchter sah, ergänzte er: »Bis auf die Unvermeidlichen, natürlich. Es ist eine mehr persönliche Angelegenheit.« Er machte eine kleine Pause. »Kurz vor den Narbenlanden, in Asuria, gibt es einen Kult, der dem unseren nicht unähnlich ist, allerdings ist er geschützt durch Regeln.«

»Was für den Glauben an Ghorrn spricht, ähnlich dem Kloster, wo Moi’ra her kam.« Luzius nickte, zog eine Karte hervor und markierte die Stelle.

»An dem Ort«, sagte er, »wirst du den Tempel einer kleinen Halbgöttin finden. Die Göttin heißt Anu Sens und ist dem Gefolge der Eryna zuzuschreiben.«

»Steht sie in irgend einem Zusammenhang mit Ghorrn?«, hakte ich nach.

»Nein, eigentlich hat diese Religion überhaupt keinen großen Einfluss. Der Tempel ist mit dem unsrigen nicht vergleichbar und ist sehr ländlich geprägt mit umliegenden Arealen. Doch ob der relativen Unwichtigkeit wird dort ein legendäres Buch aufbewahrt, das schon einige Jahrhunderte alt ist. Es ist ein magisches Werk und soll Geheimnisse der Lust in seinem Inneren hüten. Ein Buch der Liebe, manche nennen es auch Buch der Lust, in der Sprache des Landes als 'Kamasutra' bezeichnet. Daraus sollst du lernen.«

»Aber werden sie mich denn so einfach lernen lassen?«, zweifelte ich.

»Das weiß ich nicht«, sagte er offen. »Ich habe von Reisenden darüber gehört, als wir noch in Ustan waren. Die Liebeskunst der Kurtisanen dort soll unübertroffen in allen Reichen sein, was nicht zuletzt mit dem Buch im Tempel zusammenhängt. Nach allem, was ich aus den Erzählungen erfuhr, werden dort Tanz, die Etikette und die Liebeskunst gelehrt. Mehr weiß ich darüber auch nicht. Und soweit ich in Erfahrung bringen konnte, werden nur Frauen aufgenommen.«

»Dann werde ich wohl wieder packen müssen«, zwinkerte ich.

»Sobald wir dein nächstes Ziel kennen, werden wir dich kontaktieren«, versprach er.

Ich reckte mich. »Dann werde ich dich nicht länger bei deinen Überlegungen stören.«

»Du störst nie«, bekräftigte er. Ich lächelte und nahm die Karte auf.

»Eine ganz schöne Wegstrecke, die ich da zurücklegen muss«, befand ich.

»Du solltest Gargarhaykal auf deiner Reise nicht mitnehmen. Ein Egniaygir ist zu auffällig, insbesondere wenn du damit reist. Teleportiere dich so nah wie möglich heran, den Rest kannst du fliegen.«

Ich stimmte ihm zu, beugte mich zu ihm hinab und versank in unseren langen Abschiedskuss.

Der irre Harlekin folgte meinen Schritten zurück in meine Gemächer.

»Sieht so aus, als könnte ich nicht mitkommen, was?«, tönte mein Begleiter frech.

»Wirst du einige Zeit auf mich verzichten können?«, fragte ich mitfühlend.

»Na, ich werde etwas spionieren und diese fachlichen Trottel von der Wache in der Kriegskunst unterweisen.« Prahlerisch machte er einige Fechtbewegungen.

»Leg dich nicht mit Fahatmanephtis an«, riet ich ihm ernst. Allein der Gedanke an unsere sechsarmige, schlangenleibige Heerführerin erzeugte ein unruhiges Kribbeln auf meinem Rücken. »Sie versteht keinen Spaß!«

Beiläufig zuckte er mit den Schultern. »Ich frage mich eh, wie sie diesen Ort verteidigen wollen.«

»Soweit ich das beurteilen kann: gar nicht.« Ich seufzte. »Aber was soll es, ich werde mich schon irgendwie durchschlagen.«

»Oh, ist die arme Crish ganz allein?«, neckte er und sein Grinsen wurde breiter. »Ich glaube, ich werde mit Yana gehen, sie wird mich hegen und pflegen – ich werde sie fragen, ob sie mich mitnimmt«, und er verschwand vor meinen Augen.

Ich fand Imphraziel als kleinen, süßen Dämonen in meinem Schlafzimmer. Yana lachte und ihr Kater beäugte das geflügelte Wesen.

»Dich mitnehmen?«, hörte ich die heitere Stimme.

»Keiner will mich haben«, kam es traurig zurück, dann wandte sich die Bettelstimme an Laana.

»Vergiss es!«, erklärte sie kurz angebunden.

»Niemand weiß meine Qualitäten zu schätzen!« Imphraziel quengelte selbstgefällig und drohte sogar, meinen wahren Namen an die Arkane Bruderschaft zu verraten.

»Was wollen die schon mit mir machen?«, feixte ich und fuhr mit den Händen über meinen Leib. »Ich bin doch nur für eins nütze …«

Er verdrehte die Augen, stemmte seine Fäuste in die Seite und erklärte: »Ich komme doch mit dir! Wenigstens eine, die einen klaren Gedanken fassen kann!«

»Da hast du wohl Recht«, säuselte ich.

»Oh, je, wie kann man nur so stolz darauf sein, so hohl zu sein«, er meckerte weiter, ich sah zornig darüber hinweg und packte aufgebracht die Gegenstände ein, die ich auf meiner Reise mitnehmen wollte. Mein nimmervoller Beutel wurde gänzlich ausgenutzt.

Yana kam hinzu und reichte mir ein neues Ölfläschchen voll Ektoplasma und eine neue Kette mit psionischen Liebeskunstanhängern.

»Sag mal, Schatz«, sagte ich beiläufig, während ich die Gegenstände entgegen nahm, »kannst du mir in der Kristallkugel den Ort zeigen, an den ich teleportieren will?«

»Natürlich, komm mit«, sie nahm mich an der Hand. Wir gingen in ihren Zauberraum und setzten uns an den Tisch mit dem Kristall. Nachdem sie den Zauber gewirkt hatte, bildete sich langsam eine sonnige Landschaft, deren heißes Klima von Savannen geprägt war. Wir konnten einen Tiger erkennen, der sich zwischen einigen Büschen versteckte. Menschen mit goldbrauner Haut und dunklen Haaren betrieben Ackerbau und lebten hinter verschnörkelten Mauern mit Zinnen. Es musste ein sehr künstlerisches Volk sein. Ab und an konnte ich einen Rakshasa ausmachen. Ich hatte genug gesehen.

Da ich mich vor der Reise ausruhen musste und einige neue Kräfte vorbereiten wollte, verbrachte ich mit meinen Geliebten die Nacht und bezog sie in das morgendliche Ritual zu Ehren meines Patrons mit ein. Die Macht des Abgrundes strömte kraftvoll in meinen Körper, stärkte meine dunkle, dämonische Aura.

Nach einem ausgiebigen Bad und den langen Verabschiedungen teleportierte ich gemeinsam mit Imphraziel in die Nähe des Tempels. Schlagartig veränderte sich das Klima. Mir wurde schwindelig und ich blinzelte in die grelle Sonne. Frische Luft half, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Von der Nähe zu den Narbenlanden mit ihrer verdorbenen Magie konnte ich nichts spüren. Ich passte mein Äußeres der Umgebung an, gab meiner Haut eine goldene Tönung, das schwarze Haar glänzte seidig und meine Augen brannten nun in einem tiefen, fast schwarzen Violett. Der ansonsten schlanken Figur gab ich deutlichere Rundungen und ich verringerte meine Körperlänge um eine Handbreit.

Jetzt konnte ich los marschieren. Dazu versuchte ich zunächst, mich anhand der mitgenommenen Karte zu orientieren. Da mir dies nicht gelang, musste Imphraziel helfen. Verbunden mit abfälligen Bemerkungen über meinen nicht vorhandenen Orientierungssinn zeigte er zunächst auf einen Feigenbaum.

»Du hast doch eben erst gegessen«, meinte ich.

»Die Reise war so lang«, quengelte er, »gib!«

Ich verdrehte die Augen, pflückte eine Feige und fütterte ihn.

»Eine für die liebe Crish«, er kaute munter, »eine für die liebe Yana, und eine für die böse Fahatmanephtis.«

»Oh, ich glaube, jetzt habe ich Bauchschmerzen«, simulierte er lachend.

Hinter mir hörte ich das Geräusch eines Fuhrwerkes und wandte mich um. Entlang eines staubigen Weges rollte der Wagen eines Händlers. Ich ging näher heran und sah ein Katzenwesen auf dem Kutschbock. Bald war ich mir sicher, es handelte sich um Shirkan. Der Anblick des Rakshasa aus meiner früheren Markgrafschaft Ostmark löste das Gefühl von Verfolgungswahn in mir aus. Was suchte der Knilch hier?

»Hallo«, rief ich den Nahenden an, »wäret Ihr so nett, eine müde Frau ein Stück weit auf Eurem Wagen mitzunehmen, damit sie ihre Füße erholen kann?«

»Diese Stimme kenne ich doch, ist das nicht die werte Crish?«, erkannte er mich mühelos. Seine Zauberfähigkeiten der Erkenntnis waren ungebrochen.

»Na, der Schnurrbart und diese Worte, wenn das mal nicht Shirkan ist! Ich grüße Euch. Ihr fahrt nicht zufällig in diese Richtung?«, ich zeigte auf den Feigenbaum.

»Nein, das ist nicht mein Weg.«

»Lasst Ihr mich dennoch aufsteigen?«

»Natürlich, kommt herauf.« Er half mir. »Darf ich Euch einige meiner Waren anbieten?«

»Was habt Ihr denn anzubieten?«, fragte ich interessiert.

»Kommt darauf an«, maunzte er spekulierend, »was ihr kaufen wollt.«

»Alles, was das Leben einfach und angenehm macht«, lachte ich.

»Oh, da habe ich gerade ein gutes Geschäft gemacht. Ich komme vom Tempel der Anu Sens, dort konnte ich Einiges verkaufen.«

»Ihr kommt vom Tempel? Dort hin wollte ich mich gerade begeben. Was gibt es von dort zu berichten?«

»Ich habe gutes Gold verdient. Ihr Prachtzepter war leer, was mir ein hübsches Sümmchen eingebracht hat.« Zufrieden strich er entlang seiner Schnurrbarthaare.

»Ein Prachtzepter?«, fragte ich erstaunt. »Wozu haben sie das genutzt?«

»Im Tempel der Anu Sens wird es für die Abschlussfeierlichkeiten gebraucht, wenn ein neuer Schwung Schülerinnen durchgelaufen ist. Ein wahrer Luxusartikel. Fünfundzwanzigtausend Goldmünzen, wenn Ihr einen erstehen wollt.« Es hörte sich nach einem ehrlichen Angebot an.

»Ich fürchte«, sagte ich belustigt, »das ist zu viel für meine Reisebörse.«

»Nun ja, der Tempel kann es sich jedenfalls leisten.«

»Und wohin zieht es Euch nun?«, lenkte ich auf ein anders Thema.

»Ich bin Händler, also werde ich sehen, wo sich das nächste Geschäft ergibt. Und Ihr? Was führt Euch in diese Gegend?«

»Ich will das Land und die Leute kennen lernen.«

Er fuhr durch seine Schnurrbarthaare. »Dann wünsche ich noch einen angenehmen Aufenthalt. Wir sehen uns sicherlich wieder.«

»Das hoffe ich doch, und dann kommen wir vielleicht ins Geschäft«, leichtfüßig hüpfte ich vom Wagen.

»Was für ein prunkvoller Angeber«, quäkte Imphraziel leise und sah dann zu Shirkan hinauf. »Nimm mich mit!« Sein Betteln wurde nicht erhört.

»Wo müssen wir lang?«, erkundigte ich mich bei meinem Begleiter, der recht ungehalten über seine Aufgabe als Führer war, mir aber dennoch den Weg wies. Eine Stunde später kam die Tempelanlage in Sicht. Sie lag an einer Oase und war mit einer Karawanserei vergleichbar, dabei aber kunstvoll verziert mit rundlichen Formen.

Als ich näher kam, sah ich Wächterinnen in luftig geschnittenen Gewändern mit breiten Säbeln an ihren Seiten. Über der Eingangstüre war ein großer, roter weiblicher Mund als Wappen eingelassen.

Ohne aufgehalten zu werden betrat ich das Innere des Hofes. Imphraziel verbarg sich unsichtbar in meiner Nähe. Eine Wächterin kam direkt auf mich zu.

»Anu Sens zum Gruße«, sagte sie freundlich.

»Anu Sens zum Gruß«, antwortete ich und verbeugte mich leicht.

»Was führt Euch hierher?«, erkundigte sie sich.

»Ich möchte in den Tempel aufgenommen werden.«

»Ihr wollt eine Klerikerin der Anu Sens werden?«, fragte sie überrascht.

»Nein, nein«, beschwichtigte ich, »mir liegt daran, hier Unterricht zu bekommen, von dem überall mit freudigen Worten gesprochen wird. Gibt es denn da einen Unterschied?«

»Natürlich, die Schule, die Ihr sucht, befindet sich zwar im Tempel der Anu Sens, ist aber ein eigener Bereich.«

»Dann möchte ich dort als Schülerin aufgenommen werden. An wen muss ich mich wenden?«

»Für die Ausbildung ist Màjidamira zuständig.«

»Führt Ihr mich zu ihr?«

»Das darf ich leider nicht. Ich darf meinen Posten nicht verlassen, aber ich kann Euch das Gebäude zeigen, in dem Ihr Màjidamira sicherlich finden werdet«, sie wies auf einen niedrigen Komplex, der seitlich der anderen Tempelgebäude gelegen war. »Ihr habt Glück«, ich hob fragend eine Augenbraue, »der letzte Kurs hat gestern seinen Abschluss gefeiert, der nächste beginnt in wenigen Tagen.«

»Wie lange dauert so ein Kurs?«

»Zwei Monate. Aber jetzt solltet Ihr nicht länger in der Hitze stehen bleiben und Euch anmelden.«

Dankend wandte ich mich dem gezeigten Gebäude zu, dessen Wände mit verschlungenen Mustern verziert war. Ein Vorhang befand sich im Eingang, hinter dem ich auf den Duft schwerer Öle und Parfum traf. Fackeln erhellten den inneren Bereich und ich blickte in eine weitläufige, offene Halle, an dessen Ende eine große Statue stand, die eine aufreizende Frau darstellte, eine Hand angewinkelt zum Boden gestreckt, die andere nach oben gerichtet. Daumen und Zeigefinger bildeten einen Kreis, die anderen Finger waren abgespreizt.

Auf dem ersten Blick konnte ich niemanden sehen und ging weiter in die Halle hinein. Dann hörte ich Schritte von der Seite und wandte mich ihnen zu. Zwischen den großen Säulen trat eine attraktive Frau hervor, deren schwarze Haare kunstvoll hochgesteckt waren. Ihre fein geschwungenen Augenbrauen zierten dunkelblau glühende Augen und ein Nasenflügel wurde von einem kleinen Edelstein geschmückt. Ihren schlanken Hals umschmeichelte edler, goldener Schmuck. Sie trug ein schwarzrotes Gewand – der obere Teil bedeckte lediglich einen Teil der Arme und ihre sehr weiblichen Brüste. Auf den freien Fingern, Händen und Armen waren farbige Verzierungen in schwarz und rot aufgemalt. Ihren Bauchnabel schmückte ein kleiner, roter Edelstein und bettete sich in ein verschachteltes Ornament. Einladende Hüften und Beine steckten in einem bauschigen Hosenrock, um die Fußgelenke trug sie goldenen Schmuck und ein Zehenring glitzerte auf dem ebenfalls bemalten Fuß. Als sie sich näherte, erkannte ich ein längliches, schwarzes Rankenwerk am Kehlkopf. Ihre Lippen waren dunkelrot geschminkt, lange Wimpern und hohe Wangenknochen rundeten ihren schönen Anblick ab. Ihr Gang erinnerte mich an den einer Katze und hatte viel von einem Tanz.

Meine Verneigung fiel tiefer aus, wobei ich die Hände vor meiner Brust aneinander drückte. Sie verneigte sich ebenso.

»Anu Sens zum Gruße«, sagte sie mit melodischer Stimme.

»Anu Sens zum Gruß. Màjidamira, nicht wahr?« Sie antwortete mit einem sanften Nicken. »Ich bitte untertänigst darum, als Schülerin im Tempel aufgenommen zu werden.«

»Wie ist dein Name?«

»Crish werde ich genannt.«

»Nun, Crish, um aufgenommen zu werden, musst du eine der Zulassungsvoraussetzungen erfüllen. Entweder du hast ein Empfehlungsschreiben mitgebracht, oder Gold, um die Ausbildung zu bezahlen. Als dritte Möglichkeit wirst du aufgenommen, wenn du deine Begabung beweisen kannst. Das gibt allen Schichten die Gelegenheit, in die Schule einzutreten.« Sie musterte mich von Kopf bis Fuß. »Wenn ich dich recht betrachte, hast du sicherlich ausreichend Gold, denn du trägst edles Geschmeide.«

»Was wird mich der Unterricht kosten?«

»Für die vollen zwei Monate einschließlich der Bereitstellung einer Unterkunft und der täglichen Kost sind eintausendzweihundert Goldmünzen zu zahlen.«

Ich schürzte die Lippen, wog den Preis ab und erklärte: »Das ist akzeptabel.« Ein verwegenes Lächeln stahl sich auf meine Lippen. »Kann ich auf die Zahlung des Goldes verzichten, wenn ich mich in einer anderen Voraussetzung beweise?«

»Nein«, gab sie zu verstehen, »die Regelungen wurden getroffen, um anderen Schichten die Möglichkeit zu geben, in die Schule aufgenommen zu werden. Unsere Regeln sind ausnahmslos zu befolgen.«

»Nun, dann müsst Ihr vorerst mit meinem Gold vorlieb nehmen«, betonte ich.

»Dann folge mir«, sie wies den Weg mit ihrer Hand und führte mich in eine kleine Stube mit flachem Tisch und mehreren Sitzkissen, auf die wir uns im Schneidersitz nieder ließen. Sie zog ein Buch hervor und schlug es auf, um mich darin einzutragen. Dann strich sie das Gold ein, was meinen Barbestand nahezu völlig auflöste.

»Folge mir, ich werde dich herumführen.« Sie stand auf.

Ich verneigte mich und folgte ihr. Hüfte schwingend zeigte sie mir den Bereich, wo die Schulungen stattfinden würden. Wir begannen bei der Halle.

»Die Halle«, erklärte sie mir, »dient dem Unterricht im Tanz und dem Musizieren.« Von dort aus betraten wir den sanitären Bereich mit großen Bädern, dahinter lag ein Raum mit vielen Spiegeln, dessen Boden übersät war mit Farbtöpfen, Pinseln und Kissen. »Der Raum dient zum Unterrichten in allen Dingen, die mit Schreiben und Körpermalerei zu tun haben.« Es folgten ein Raum mit Instrumenten und ein Speisesaal. Dann gelangten wir in einen großen Raum mit weichen Kissen und Teppichen, Betten und Pritschen. In der Mitte der Nordwand stand eine lebensgroße Statue männlichen Geschlechts aus schwarzem Stein, deren Hände ein Buch präsentierten. Ein mir sehr vertrauter Duft schwebte in der Luft. »Hier lernen wir die Vereinigung des Fleisches. Nun gut, jetzt hast du alle Schulungsräume gesehen, ich bringe dich zur Unterkunft.«

»Was ist das für ein Buch?« Ich wies zu der Statue. »Hat das auch etwas mit der Schulung zu tun?«

»Ja, das ist das Kamasutra, in dem ist aufgeführt, was wir hier unterrichten. In die Gemeinsprache übersetzt bedeutet Kamasutra 'Die Verse des Verlangens'. Das Erlangen von Kama, dem sinnlichen Verlangen, ist ein Ziel zur Aufnahme in die Göttlichkeit, dem Streben nach Vollkommenheit, um letztlich Moksha zu erreichen, die Erlösung. Wir konzentrieren uns bei den Lehren auf das Kamashastra, die Kunstfertigkeit der Erotik.« Ich nickte verstehend.

Sie geleitete mich in den Unterkunftsbereich, wo die einzelnen Räume durch Vorhänge voneinander getrennt waren.

»Vor jeder Mahlzeit ertönt ein Gong, auch der Tag beginnt mit einem weckenden Gong. Nach der morgendlichen Wäsche wird im Speisesaal gefrühstückt. Alle anderen Zeiten werde ich am ersten Unterrichtstag bekannt geben.« Sie zeigte auf den Durchgang. »Es sind immer zwei Personen in einem Zimmer untergebracht. Ich habe dich mit Adjuna zusammengelegt Am besten, ihr macht euch miteinander bekannt und du richtest dich hier ein. Wir sehen uns später beim Abendessen.«

Folgsam verneigte ich mich und ging in das Zimmer. Darin brannte eine Öllampe, zwei weiche Schlafmatten lagen an jeder Wandseite, Korbtruhen für die Habseligkeiten standen daneben und weiche Kissen lagen verteilt. In der Außenwand am Kopf des Raumes befand sich ein kleines Fenster, das die Hitze draußen lassen und Tageslicht einlassen sollte. Auf der rechten Schlafmatte saß eine junge Frau im Schneidersitz. Sie war noch keine zwanzig Sommer alt und von ihrer Kleidung her der mittleren Schicht zuzuordnen. Ihr schwarzes Haar umrahmte ein hübsches Gesicht mit einem roten Punkt auf der Stirn.

»Hallo Adjuna, ich bin Crish«, begrüßte ich meine Mitbewohnerin.

»Hallo! Wir werden also die nächsten zwei Monate das Zimmer teilen. Setz dich doch. Es ist schön, dich kennen zu lernen.« Umgehend kamen wir ins Gespräch. »Ich bin seit zwei Zehntagen verheiratet. Mein Mann hat mich her gesandt, um eine gute Ehefrau zu werden.«

»Dann beglückwünsche ich dich zur Heirat.«

»Danke. Und was hat dich hierher verschlagen?«

»Ich nutze das Geld meiner Familie, um hier Unterricht zu bekommen.« Was sogar der Wahrheit entsprach. Ich schmunzelte angesichts der Tatsache, wie leicht mir glaubhafte Erklärungen einfielen.

»Du stammst nicht von hier, nicht wahr?«

»Nein, meine Familie lebt weiter östlich. Sie möchte nicht, dass ihr Name hier bekannt wird. Ich werde hier für mich lernen.«

»Nun ja, wer versteht schon die aus dem Osten«, sagte sie heiter.

»Hast du schon weitere Schülerinnen getroffen?«, lenkte ich das Thema von meiner Herkunft ab.

»Nein«, sie schob eine Strähne hinter ihr Ohr, »ich weiß aber, wie viele wir sein werden. Ein Dutzend Schülerinnen werden erwartet.«

»Sind es immer so viele?«

»Ja. Wenn eine Klasse die Zahl erreicht hat, werden keine weiteren Schülerinnen aufgenommen.«

»Hast du denn schon vorher etwas gelernt?«

»Nein, das konnte sich meine Familie nicht leisten. Aber mein Mann ist sehr wohlhabend, und hier lerne ich alles, was ich brauche, um ihm eine gute Frau zu sein.« Neugierde stahl sich in ihre Augen. »Bist du hier, um einen Mann zu finden, oder um eine Kurtisane zu werden?«

»Um eine Kurtisane zu werden«, antwortete ich eifrig, »für eine ganz besondere Person.«

»Eine Kurtisane ist doch immer für besondere Personen, dachte ich.«

»Das stimmt, aber ich denke da an sehr mächtige Personen«, ich zwinkerte ihr zu, »einen Herrscher.«

»Du hast dir ja viel vorgenommen.« Sie grinste breit.

»Dazu musst du wissen, dass viele in unserer Familie des Geldes wegen einheiraten wollen. Daher bin ich mehr darauf bedacht, einen mächtigen Partner zu finden, durch den ich Einfluss bekomme.«

»So spricht eine wahre Kurtisane!«, sagte sie und ich fiel in ihr Lachen ein.

Während unseres Gespräches verteilte ich meine Ausrüstung, dann ertönte der Gong. Es war Zeit für das Abendessen. Voller Elan zog ich Adjuna an der Hand mit. Wir setzten uns an die reich gedeckte Tafel. Es gab frisches Wasser und mehrere Säfte, sowie viel Obst aus der Region, vorwiegend Feigen und Datteln. Mit uns saßen fünf weitere Schülerinnen am Tisch, mit denen wir uns bekannt machten.

Am nächsten Tag trafen weitere Frauen ein und ich machte mich mit der Umgebung vertraut. Alle Bereiche des Lebens konnten auch zur Ausbildung genutzt werden, so standen im Hygieneraum auch Massagetische samt der notwendigen Öle bereit.

Aus der Klasse stach eine Frau Anfang zwanzig heraus, die auf dem Namen Nemya hörte und ebenso wie ich Kurtisane werden wollte. Sie stammte aus einer niederen Schicht und war so lange freundlich zu mir, bis sie erfuhr, dass auch ich es auf einflussreiche Personen abgesehen hatte. Ihr Ehrgeiz loderte durch unsere gemeinsamen Ziele auf.

Dann begann der erste Unterrichtstag mit dem morgendlichen Gong. Wir gingen in das Bad und machten uns kurz frisch, damit wir reinlich das Frühstück einnahmen. Dort begann auch schon der Unterricht im Reichen der Speisen und wie eine Frau zu essen hat. Màjidamira erklärte uns den sehr strengen Tagesablauf, der nach dem Aufstehen und Säubern sich eine Stunde lang mit Frühstück und Etikette befasste. Durch kurze Pausen getrennt folgte der Unterricht im Schminken und das weit in den heißen Nachmittag reichende Baden einschließlich Massagen und was sonst noch mit Körperpflege zu tun hatte. Anschließend wurde eine Mahlzeit eingenommen. Eine lange Pause diente zur Vorbereitung des Tanzunterrichts, für den am Abend zweieinhalb Stunden vorgesehen waren. Es folgte eine Stunde Pause, dann nahmen wir das Abendessen ein und lernten, die Wasserpfeife und verschiedene Rauschmittel zu benutzen. Eine freie Stunde wurde uns gegönnt, bevor wir bis zur Mitternachtsstunde aus dem Kamasutra lernten.

Nur die kühleren Abendstunden ermöglichten größere körperliche Aktivitäten, und während ein Teil der Gruppe musizierte, tanzte der andere Teil. Zu Beginn lernten wir nur die Grundlagen, und als wir in der Nacht uns um Màjidamira scharten, erklärte sie uns die Bedeutung des Kamasutra, die Möglichkeiten, die sich durch sein Erlernen ergaben und alles über die Geschichte des Buches. Eine Kurtisane hatte es seinerzeit begonnen und neben den Erklärungen Illustrationen eingebracht, die für nahezu alle Kulturen sehr ungewöhnlich anmuteten. Aufmerksam lauschte ich ihren Ausführungen und legte großen Lerneifer an den Tag, auch wenn mich der stringente Stundenplan störte. Ich musste mir jedoch eingestehen, dass auf diese Weise sehr schnell Fortschritte erzielt wurden und ich auch viel Neues lernte. Alle Bereiche waren für mich von großem Interesse, und so verliefen die Tage sehr kurzweilig.

In Gedanken wanderte ich immer wieder zum Tempel der Scharlachroten Königin. Jede Nacht lag ich wach und nutzte die Kraft der Hellsicht, um mir ein eigenes Bild zu machen. Wenn Laana keinen Erfolg hatte, wäre dieses neue Heim verloren. Und was noch viel mehr wog, meine Liebste war in größter Gefahr.

Am zehnten Tag meiner Ankunft hatte sich die Golemarmee so weit angenähert, dass ich ihre stampfenden Schritte im verlassenen Trakt meiner Gemächer hörte. Meine Mutter konnte keine offene Schlacht wagen, und so wurden auch keine Truppen ausgesandt, um sich der Bedrohung zu stellen.

Dann erlebte ich vor meinem geistigen Auge den Angriff.

Unermüdlich schlugen die Konstrukte gleich übergroßen Rittern in voller Rüstung mit stählernen Fäusten gegen die Tempelmauern. Magie und die vergleichbaren Kräfte des Abgrundes waren unnütz oder erwirkten lediglich eine Verzögerung, wenn eine neue Wand aus Eisen den Weg versperrte oder Tentakeln aus der Schwärze der Schatten nach eisernen Armen und Beinen griffen. Unter den zermalmenden Schlägen bröckelte das Mauerwerk, die mechanischen Truppen brachen durch die Außenmauern und trampelten alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte.

Panisch flüchteten mehrere leicht bekleidete Frauen in das Gästebadehaus. Ein ganzes Dutzend der metallenen Konstrukte stampfte hinter ihnen her. Unter den schweren Tritten splitterte der Mosaikboden. Ich sah zwei Konstrukte in ein Becken rutschen. Eins fiel direkt auf einen mir bekannten Sukkubus namens Leyadana, die nicht rechtzeitig zur Seite hechten konnte. Der Schlag raubte ihr das Bewusstsein und sie wurde in die Tiefe gerissen. Luftblasen und blutige Wolken zerplatzten an der Wasseroberfläche. Sie war verloren.

Emotionslos fanden die Hände der Konstrukte ihre Opfer, wirbelten die wehrlosen Frauen durch die Luft oder schlugen die hübschen Köpfe gegen gekachelte Wände. Überall verteilten sich Blutflecke oder lag ein abgerissener Arm. Eine blonde Frau mit fehlendem Bein zog eine breite, rote Spur hinter sich her, als sie sich in Richtung einer seitlichen Kammer zog. Ihr Mühen endete jäh, als aus dem Durchgang ein Golem trat und ihren Kopf mit seinem platten Fuß zerquetschte. Eins ihrer schönen, blauen Augen kullerte in ein Becken, dann stampfte die Mordmaschine weiter.

Noch tödlicher waren die waffenführenden Konstrukte. Sie durchschlugen die zu Abwehr erhobenen Klingen, achteten dabei kaum auf ihre Verteidigung, da zahlreiche Waffen an ihrem dicken Panzer abprallten. Ihre Hiebe waren von solcher Kraft, dass ihre Schneiden und Hämmer die nun ungeschützten Köpfe und Arme der Verteidiger zermalmten.

Alles überragend bahnte sich der riesige Koloss aus der Festung in den Narbenlanden seinen Weg in das Innerste der Anlage und ich sah schon das Ende aller Glorie dieser Stätte der Lust. Hinter ihm befand sich eine Schneise der Verwüstung. Und sein Meister, der in zerschlissene Roben gehüllte Landru. Ich hörte sein lebloses Gackern. Wut und Tränen brannten in meinen Augen. Der Tempel war verloren, meine Liebsten dem Untergang geweiht.

Da sah ich Yana, allein auf unserem Balkon. In ihren Haaren klebte Staub, ihre Wange war von einem Bluterguss blau gefärbt und geschwollen. Sie trug ihre Magierrobe und um ihre erhobenen Hände knisterte arkane Energie. Ein greller Strahl löste sich von ihren Fingern und schlug unterhalb des Kolosses in den Boden des Gartens ein. Einen Augenblick lang geschah nichts und die mächtigen Schritte ließen die Erde erbeben. Dann versank ein Bein des Giganten im Schlamm. Doch Landru lachte nur und formte mit seinen dürren Fingern einen Gegenzauber. Er griff meine Liebste nicht direkt an, nein, dafür hatte er seine Maschine. Diese steckte jetzt in fester Erde, was sie aber nur einen kurzen Moment lang aufhielt. Prasselnd fielen dicke Lehmbrocken herab, als sich das eiserne Wesen aus seiner irdenen Befestigung löste und einen sicheren Schritt auf den Balkon zu machte. Yana wollte sich umdrehen, doch hinter ihr schimmerte eine Wand reinster Energie.

»Jetzt, meine süße kleine Magi«, kicherte Landru, »gehörst du mir!« Er richtete sein Wort an das überdimensionale Mordwerkzeug. »Zerquetsche sie vor den Augen ihrer Geliebten!«

Mein Atem stockte bei seinen Worten und ich fühlte mich beobachtet.

»Ja! Ich weiß, dass du mich siehst, KRISHEENA!« Schrie er entzückt. Die Nennung meines wahren Namens erinnerte mich schmerzhaft daran, dass ich von den hohen Priestern des Scharlachroten Tempels aus meiner Heimat, dem Abyss, beschworen wurde, um ihm zu dienen. Zu meinem Glück hat er selbst mich nach dem Fund des Kolosses in den Narbenlanden von seinen Diensten entbunden. »Mir wird es eine Freude sein, eine deiner Freuden zu vernichten.« Sein hohles Lachen erzeugte in mir Übelkeit. »Und, bevor ich es vergesse«, das Scheusal brachte es fertig, sich in meine Hellsicht zu verneigen, »danke für dieses wundervolle Geschenk. Dieser Koloss wird mir noch viele treue Dienste leisten. Sieh zu, wie dein Liebchen ausgequetscht wird. Ich werde mich an ihren Innereien laben. Dann hole ich mir dich!«

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9783738043228
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