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Die Zweite Welt ... von Stein und Stahl

1  Die Zweite Welt ... von Stein und Stahl

2  Die Schöpfung

3  Der Händler und seine Söldner

4  Kein leichter Weg

5  Naars Auge

6  Die Stadt am Nordmeer

7  Der Wege viele

8  Brands Weg

9  Das Wesen Gomods

10  Weiter und weiter

11  Das Bildnis im Stein

12  Ein Weg findet sein Ende

13  Ein junger Heerführer

14  Der schwarze Hügel vor Naars Zweifel

15  Der Rat der Zwerge

16  Der letzte Tag

17  Unter Zwergen

18  Der Marsch der Zwerge

19  Egron und Oglan

20  Die Bleiknüppel

21  Egron

22  Und so befahl er, der Herr der Oger

23  Bolzen und Wasser, Wasser und Oger

24  Im Wald der kurzlebigen Freude

25  Ein Weg und einer ohne Sinn

26  Von roten Augen und dem alten James

27  Ein Reich macht sich bereit

28  Verweilen würden sie

29  Die Schlacht beginnt

30  Der Klang des Blutes

31  Vom Vergehen der Brüder

32  Kaal und die Bierbrauer

33  Das Ende und der Anfang

34  Das Ende des Weges

Die Zweite Welt ... von Stein und Stahl

Andreas Egger

Für Stein und Ehr! Für Bier und Wehr!

Die Schöpfung
Prolog

Gott erschuf die Erde und mit ihr die Grundlagen jeglicher Evolution. Erst Pflanzen und später Tiere tummelten sich zur Freude Gottes auf seinem Planeten. Irgendwann gediehen Lebewesen, die aufrecht gingen. Im Laufe der Zeit entwickelten sie Intelligenz. Gott freute sich, dass aufgrund dessen, wie er die Welt formte und den Gesetzen, die er ihr auferlegte, diese Wesen, nach seinem Ebenbild geraten waren. Er ersah bald, dass dies die Krönung seiner Schöpfung war und ergötzte sich an ihrem Treiben. Kulturen entwickelten sich, Zivilisationen, Zusammenhalt und Krieg, Schönes wie Schlechtes. Gott lachte und weinte mit seinem Volk, beobachtete diese Wesen und gab ihnen einen Namen: Menschen.

Eines Tages sah er ein weibliches Menschlein von solcher Reinheit und Schönheit, dass er beschloss, es zu sich zu holen. Ihr gemeinsames Glück war grenzenlos und bald erwuchsen Kinder aus ihrer Liebe. Ihr erster Sohn war Aran, den zweiten nannten sie Naar und den dritten Gomod. Die Zeit verging, und die Menschenfrau Gottes wurde älter. Dennoch wollten sie noch ein gemeinsames Kind. Sie wurde im Laufe der Schwangerschaft krank. Gott konnte nichts gegen das Älterwerden seiner Geliebten und ihre Krankheit unternehmen. Würde er Hand an die Gesetze legen, welche ihr Leiden hervorriefen, müsste er die Gesetze seiner ganzen Schöpfung brechen und ändern. Dies würde die Welt zwangsläufig in Chaos stürzen, wenn nicht gar zerstören. Seine Verzweiflung wuchs. Hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu seiner sterblichen Frau und der Freude und Verantwortung gegenüber seiner Schöpfung. Er beschloss darauf zu vertrauen, dass sie sich nach der Geburt ihres vierten Kindes erholen würde. Das Kind wurde geboren, doch die Frau war nicht stark genug. Ihre Krankheit und die Strapazen der Geburt töteten sie. Das Kind überlebte zwar, aber schon bald waren körperliche Verkrüppelungen zu erkennen. Gott war von Trauer zerfressen, die Liebe zu der von ihm geschaffenen Welt war gleichzeitig der Quell seines Zwiespalts und Schmerzes.

Seine Söhne wuchsen zu starken Halbgöttern heran. Doch Gott konnte seine Augen nicht in Freude auf sie richten, denn der vierte Sohn, den er Gror nannte, litt unter seinen körperlichen Mängeln. Er war kleiner als Naar, aufgedunsen und kraftlos. Er hatte kurze, krumme Beine, gelbe Zähne und ein blindes Auge. Sein Geist war von Kindesbeinen an von Hass geprägt. Alles Gesunde und Reine war ihm zuwider, konnte er doch selbst niemals so sein.

Die Freude an der von ihm geschaffenen Welt ging Gott verloren. Jedes Mal, wenn er auf sie niederblickte, erkannte er in seinem Volk sein totes Weib. Voller Gram wandte er sein Antlitz ab. Auch der Anblick seiner Söhne bereitete ihm immer größeren Kummer. Er liebte Aran und erfreute sich an der Unbekümmertheit des kleingewachsenen Naar. Doch der unnachgiebige Blick Gomods, der ihm nie verziehen hatte, dass er seiner Mutter nicht beigestanden hatte, und der unverhohlene Hass Grors machten ihn traurig und schwach.

Eines Tages saß Gott mit Aran, seinem Ältesten zusammen. Er war der einzige seiner Söhne, der je verstanden hatte, nach welchen Gesetzen Gott wirkte, wie er Materie verdichtete zu Stein und Wasser. Auch war er der einzige, der darum wusste, wie die universelle Energie sich ersehen ließ, wie das schwache Auge den Fluss der Energie wahrnehmen konnte, wie man sich ihrer, durch Manifestation, in verschiedenster Form bedienen mochte.

Sie sprachen über die beiden jüngsten Söhne und waren höchst bekümmert über die Bösartigkeit, mit der Gomod und vor allem Gror über Gott sprachen.

Auch Aran wurde von ihnen kaum gebilligt. Schließlich war er der Liebling Gottes, sein Erstgeborener und sicherlich auch jener, der ihm am ähnlichsten war. Auch über die Menschen sprachen sie und über das traurige Schicksal Gottes, das es ihm verwehrte, Freude an seiner Schöpfung zu empfinden. Nach vielen fruchtlosen Gedanken, kam Aran die Idee, gemeinsam mit seinen Brüdern und seinem Vater eine neue Welt zu schaffen. Er hoffte darauf, dass sein Vater neue Freude finden möge und seine Brüder etwas schaffen konnten, das ihre Gedanken in andere Bahnen lenkte, als Unmut und Hass. Er hoffte darauf, dass dieses gemeinsame Wirken die Brüder zusammenführen würde. Gott überlegte und gab zu bedenken, dass er nicht mehr die Energie und Stärke habe, die er einstmals darauf verwendet hatte, um die Erde zu schaffen, und lehnte den Vorschlag deshalb ab.

Die Zeit verstrich und die Situation änderte sich in keinster Weise. Im Gegenteil. Gomod sonderte sich spürbar ab und saß über dunklen Schriften, die weder seine Brüder noch sein Vater je zu Gesicht bekamen. Gror hingegen fing an, seine Wut und seinen Hass gegen Naar zu richten, da dieser der Schwächste der Brüder war. Damit war er das einfachste Opfer seiner verdorbenen Gedanken. Naar machte sich nicht viel daraus. Er war so bedenkenlos und frohgemut wie immer, vergalt den Hass Grors mit Belustigung und sarkastischen Witzen, was die Angespanntheit aller nur noch verstärkte.

Als Gott dieser Entwicklung gewahr wurde, rief er nach Aran und beriet sich wiederum mit ihm. Wieder machte sein Sohn den Vorschlag, eine gemeinsame Welt zu schaffen. Gott dachte lange nach und fragte Aran dann, wie er diese Welt schaffen wolle und wie er seine Söhne einbeziehen könne. Keiner von ihnen, nicht einmal Aran, verfügte annähernd über die Macht, wie sie Gott zu eigen war. Aran hatte sich bereits darüber Gedanken gemacht. So erläuterte er Gott seinen Plan. Seiner Ansicht nach solle Gott eine neue Welt schaffen, die der ersten ähnlich sei. Jedoch solle jeder seiner Söhne ein eigenes Volk erschaffen und ein eigenes Land, in dem sie lebten. Gott könne die Wünsche und Gedanken seiner Söhne in sich aufnehmen und ihre Pläne in der zweiten Welt verwirklichen. Wieder war Gott im Zwiespalt. Er war sich nicht sicher, ob er so viel Kraft aufbringen könne. Andererseits wollte er nicht länger mit ansehen, wie seine Söhne sich immer fremder wurden. Die Liebe zu einer gemeinsamen Welt würde sie einen, so dachte er. Er versprach Aran alles zu überdenken und zog sich zurück. Seine Entscheidung kam rasch, denn er wagte zu hoffen, diese Welt würde auch ihm wieder Freude schenken. Er vergaß seine Schwäche und freudige Erwartung trübte sein Denken. Aran wurde beauftragt, seine Brüder zu rufen und alsbald saßen sie alle zusammen und Gott sprach zu ihnen über die zweite Welt. Mit ausladenden Gesten umschrieb er sein Vorhaben und die Rolle eines jeden seiner Söhne darin. Aran kannte den Plan, stand nur mit freudigem Lächeln da und harrte der Reaktionen seiner Brüder. Naar lachte laut auf. Für ihn war dies ein Spiel und er liebte Spiele. Gomod ließ seine Gedanken nicht erkennen, doch er willigte bereitwillig ein und versicherte seine Freude über dieses neue Betätigungsfeld. Gror saß da und ein böses Kichern drang über seine Lippen. Er sagte nichts, nickte nur.

Durch seinen eigenen Enthusiasmus geblendet, erkannte Gott die Gefahr nicht. Aran jedoch hatte alles genau beobachtet und sprach am folgenden Tag zu Gott. Er berichtete von seiner Sorge darüber, dass ein Volk, geschaffen durch Gomods Hand, wahrscheinlich Probleme bereiten könne. „Möglicherweise führt er Übles im Schilde, vielleicht handelt er nicht im versöhnlichen Geist unserer edlen Absicht“, gab er zu bedenken. Auch hatte Gror mit Sicherheit keine guten Intentionen, dessen war sich Aran sicher. In diesem Punkt musste Gott ihm zustimmen. Wenn er sich auch über Gomods mögliche Vorhaben nur geringe Sorgen machte. Gott blickte Aran in die blauen Augen, sprach mit Bedacht zu ihm, beschwor ihn etwas zu ersinnen, was sicherstellen würde, dass das Gleichgewicht der zweiten Welt nicht über Gebühr strapaziert werde, etwa durch eine kriegerische Rasse, die Gror wohl erdenken mochte. Einmal entflammt für die Idee der zweiten Welt, wollte Gott nicht mehr davon ablassen. Das erkannte Aran, wenngleich er selbst nun nicht mehr so überzeugt war. Lange Zeit dachte er nach, sinnte über die Gesetze der Welt, überlegte sich Änderungen und neue Grundlagen. Nichts jedoch erschien ihm als ausreichend, als sicher genug, um es ohne Vorbehalt durchzuführen. Würde Gott die zweite Welt nach anderen Gesetzen erschaffen, waren die Folgen nicht abzusehen. Vielleicht würde die Natur selbst sich anders verhalten oder gar kein Leben dieser Art hervorbringen. Wahrscheinlicher aber war, dass die Rassen, die durch Gottes Kraft und den Vorstellungen seiner Söhne erschaffen werden sollten, sich anders verhielten als gedacht, oder andere Formen annehmen mussten. Auch war es schwer möglich, mehr als die grundlegenden Züge und Motivationen eines jeden einzelnen Volkes festzulegen, den Körperbau, den Glauben an ihren Erschaffer, das grundlegende Wissen um überleben zu können und die wesentlichen Fähigkeiten, die ihr Handeln und ihr Geschick prägen sollten. Alles Weitere musste jedes Volk für sich entdecken, sich entwickeln und gedeihen. Es war ohnehin schon alles kompliziert genug. Nein, die Gesetzte mussten bestehen bleiben. Überlegungen über die Motivationen seiner Brüder raubten Aran viel Zeit und Geduld. Immer unwahrscheinlicher erschien es ihm, dass diese Welt einfach Freude und Zusammenhalt schenken sollte. Zu sehr zweifelte er an Gomod, war sich sicher über Grors Hass, der durch dieses gemeinsame Wirken keinen Abklang fand. Im Gegenteil. Die zweite Welt würde ein Ventil für seine Wut sein. Hier könnte Gror zum ersten Mal Macht ausüben. Aran schauderte.

Der Schlüssel zum Gleichgewicht der zweiten Welt musste in der Rasse liegen, die er selbst erschaffen durfte. Nichts ersah er als genügend. Er hatte sich sehr gefreut, eine Rasse nach seinem Geist zu erschaffen. Nun aber sah er sich gezwungen, ein Volk zu ersinnen, das nur dem Zweck diente, die anderen Rassen im Zaum zu halten. Diese Vorstellung gefiel ihm gar nicht. Er sprach zu Gott über seine Sorgen und Zweifel. Gott legte die Arme auf die Schulter des geliebten Sohns, dachte kurz nach und riet ihm, in der Liebe die Antworten zu finden, derer er bedurfte. Aran verstand nicht, wohl aber sinnte er über die Worte Gottes und deren richtige Auslegung. Es musste einen Weg geben, ein Volk zu erschaffen, welches die schwere Bürde der Verantwortung tragen konnte und gleichzeitig für das Schöne, Friedliche und Reine stand, welches sein Herz erfüllte.

Eines Tages saß er da und beobachtete den Strom der Energie, der sich allumschließend, mal in materialisierter Form, mal in der Luft, durch ihn und in ihm ergoss. Behutsam verdichtete er mit seiner Hand Materie zu geistlosen Tieren und Pflanzen, nur um die Energie anschließend wieder in ihre ungebundene Form zurückgleiten zu lassen. So verbrachte er einige Zeit und sonnte sich in der ihn umschließenden, durchdringenden Kraft.

Da endlich kam ihm der Gedanke, nach dem er gesucht hatte, aus dem Nichts, völlig unerwartet. Eilends lief er erneut zu seinem Vater, stellte sich vor ihn und sprach voller Freude: „Mein Volk soll durchdrungen sein von Liebe zu den Bäumen und dem freien Leben. Lachend vor Freude über der Sonne Antlitz und weinend über die Schändung des kleinsten Lebewesens. Meines Volkes Liebe zu allem Leben wird es gegen jeden einzelnen vorzugehen mahnen, der Übles in der Welt vollbringt.“ So sprach er zu Gott und jener hieß seinen Plan gut.

„So will ich selbst ein Volk schaffen“, sprach er zu seinem Sohn. „Ein Volk, welches die Liebe zur Erde in sich trägt. Ein aufrechtes tapferes Volk, das keinen Schaden am Stein und der Erde zulässt. So werden unsere Völker gemeinsam das Gleichgewicht erhalten, getrieben durch ihre Liebe zur Welt.

Aran war begeistert, Alle Zweifel waren verflogen. Er machte sich auf, um die richtigen Gedanken zu finden um sein Volk zu gestalten. Gott lächelte, während er anfing, die zweite Welt in seinem Geist zu formen. Die Anstrengung missachtend, arbeitete er lange und hart, während seine Söhne, jeder für sich, ihr Volk ersannen.

Als der Tag anbrach, an dem Gott das letzte Gesetz um den Planeten gewoben hatte, das letzte Tier und die letzte Pflanze nach dem Vorbild der ersten Welt erschaffen hatte, war er müde und ausgezehrt. Es fehlte nur noch die Gestaltung des Landes selbst und die Rassen, die es nunmehr bevölkern sollten.

Er holte seine Söhne zu sich. Trotz seiner Schwäche wollte er vollbringen, was zu vollbringen war. Sich auf Gomod zu seiner Rechten und Aran zu seiner Linken stützend, schloss Gott die Augen. Stumm formte er durch seinen Geist ein einfaches Land voller Hügel und einem mächtigen Berg in der Mitte. Aran sah auf die zweite Welt und erkannte, wie sie sich nach Gottes Gebot wandelte und Form annahm. Freudig jauchzte er, lachte vor Glück. Gott sah kurz auf, lächelte angestrengt, schloss wiederum die Augen und formte weiter. Kleine untersetzte Gestalten bildeten sich zwischen Steinen und Hügeln. Mit breiten Schultern, derben Gesichtszügen, voller Mut und Kraft, durchdrungen von Liebe zum Stein und der Welt selbst. Gott blickte wieder auf, stöhnte leise und sah in die Runde. Seine Söhne standen um ihn, voller Erwartung. Jeder mit seinen eigenen Zielen und Hoffnungen. Gott nahm die Hände von den Schultern Gomods und Arans, öffnete seinen Geist den Gedanken eines jeden einzelnen seiner Söhne, kanalisierte die allumfassende Energie des Seins, durch seinen Geist auf die zweite Welt und ließ sie nach den ihm eingegebenen Bildern wirken. Einer nach dem anderen, vollbrachten sie so das gemeinsame Werk.

Nun war es an Aran. Er schuf ein herrliches Auenland mit riesigen dichten Wäldern, gesund und kraftvoll, sowie drei kleine Seen, klar wie der schönste Kristall, lebensspendend und rein. Das Volk, das er erdachte, war von mittlerer Größe, zierlich und schön, mit Augen, welche die Energie in der Luft ersehen konnten. Ein einfaches aber kluges Volk, voller Liebe zu den Bäumen, der Natur und allem was Leben in sich trug. Als er fertig war, machte er die Augen auf, blickte auf sein Werk und weinte vor Freude.

Gomod war als nächster an der Reihe. Sein Land war außerhalb. Nicht weit vom Festland entfernt, aber dennoch, getrennt für sich selbst. Eine große Insel war es, mit Vulkanen und weiten Teilen toten Bodens. Ein kleiner, dunkler Wald war darauf, ansonsten aber kaum Leben oder Schönheit. Sein Volk wirkte ungeschlacht und brutal, mit gewaltigem Brustkorb, tierischem Gesicht, angewinkelten Beinen und Hufen, anstelle von Zehen. Voller blindem Stolz in der cholerischen Natur. Wenig gab er ihnen zu lieben, außer Sieg und Kampf.

Gomod verspürte tief in seinem Herzen einen Zwiespalt, als er sein Volk erschuf. Er war unerwartet berührt durch die Energie und die Aufopferung, die sein Vater ihm angedeihen ließ. Er hatte nicht erwartet, dass diese versöhnliche Geste ihm etwas bedeuten könnte. Zum ersten Mal seit langem sah er in seinem Vater mehr, als den Mann der tatenlos zugesehen hatte, wie seine Mutter ein schmerzhaftes Ende fand. Insgeheim lachend hatte er dagestanden, als Aran und sein Vater ihm und seinen Brüdern von ihrem Plan berichtet hatten, eine zweite Welt zu schaffen. Damals hatte er vor, ein gewaltiges Kriegervolk zu erdenken, mit der Aufgabe durchs Land zu ziehen und dort Chaos und Verwüstung zu säen. Sollte es auch nur sein, um seinem Vater und seinem älteren Bruder die Freude an ihrer schönen kleinen Welt zu nehmen. So stand er nun da, manifestierte seine Gedanken durch Gottes Kraft. Er ließ seinem Volk Stolz und ein aufbrausendes Temperament als grundlegende Charakterzüge. Jedoch gab er ihnen keinen Antrieb. Weder Liebe noch Hass. Er gab ihrem Dasein keinen Sinn. Sein gerührtes Herz ließ nicht zu, dass er sie zu blinden Mördern formte. Er war zu verwirrt und unsicher und konnte ihnen nichts anderes eingeben. Zögerlich ließ er ab von seinen Gedanken und somit von seinem unvollständigen Werk. Er stand da, wartete und versuchte zu begreifen, was er angerichtet hatte.

Böse feixte Gror. Seine Augen waren geschlossen, sein Geist fixiert auf das zu vollbringende Werk. Er hielt sich nicht lange mit der Gestaltung seines Landes auf und verschwendete lediglich wenige ungenaue Gedanken daran. Es war ihm egal wie das Land aussehen würde. Er wollte nur eines: riesige Wesen, voller Kraft und Brutalität. Hass, so unnachgiebig wie grundlos, Mordlust und Gier nach Fleisch, sollten ihr einfaches Denken bestimmen. Hier konnte er mächtig sein. Durch seine Kreaturen konnte er Gewalt und Morde begehen, die seinen Hass befriedigen würden. Seine Brüder würden ihn verachten, für das was er ihrer gemeinsamen Welt antat. Ein herrlicher Gedanke, war Verachtung doch viel leichter zu ertragen als das Mitleid das sie, die Gesunden, für ihn, den Geschundenen, empfinden mussten. Nach getanem Werk sah er auf, und blickte seine Brüder und seinen Vater an. Sie würden ihm heute zum letzten Mal mit Mitleid begegnen.

Naar brütete die ganze Zeit in seinem Geist über allen möglichen Unfug, den er in diesem Spiel vollbringen konnte. Seine Brüder hatten ihre Gedanken gewirkt. Nur noch er war übrig. Er überlegte, kam jedoch zu keiner Entscheidung. Wahrlich, längst war Zeit genug verronnen, um sein Volk zu ersinnen. Dennoch war er zum Zeitpunkt, an dem er seine Gedanken wirken sollte, so weit wie er war, als Gott seine Söhne um sich sammelte und ihnen zum ersten Mal von der zweiten Welt berichtet hatte. Das Bild der ersten Welt erschien vor seinem inneren Auge. Naar sah die Bäume, die Menschen und den ganzen Planeten vor sich. Er wollte manche Elemente daraus entnehmen und in sein eigenes Land einbauen. Wollte sie mit irgendwelchen lustigen Dingen ergänzen, wollte Menschen mit riesigen Nasen und Ohren ersinnen, oder mit viel zu kurzen Beinen, oder sonst irgendwas. Wollte er in ihren Geist irgendwelche Flausen pflanzen, oder sie doch nur blöd grinsend durch die Welt toben lassen? Naar konnte sich nicht entscheiden. So sann er hin und her und mehr zurück als vor. Irgendwann vernahm er dumpf in seinem Geist Arans Stimme. Sie war sorgenschwer und mahnte ihn zur Eile. Gott konnte diesen riesigen Energiefluss nicht ewig aufrechterhalten. Das war sogar Naar verständlich, wiewohl es in seinem Leben wenig Verständliches gab.

Hektik befiel ihn. Panik. Mit dem Bild der ersten Welt in seinem Geist, riss er die Augen auf, um zu sehen ob mit seinem Vater alles in Ordnung war. Sein kindgleicher Geist, so unbedacht wie emotionsgeladen, beschwor die Katastrophe hervor. Gott schrie auf und sackte auf die Knie, während gewaltige Energien durch ihn auf die zweite Welt niederfuhren, um sie nach Naars Gedanken zu gestalten. Viel zu klein war das Land, viel zu riesig die Kopie der ersten Welt. Gewaltige Erdmassen bildeten sich. Berge, Seen, Sümpfe und unendliche Risse in der Erde. Mit brachialer Gewalt zerrütteten Erdbeben die sich bildenden Landmassen. Menschen sprudelten wie Regentropfen auf die im Entstehen begriffene, aber schon gebrochene Welt nieder. Viele schon tot, oder lebend, nur um den Naturgewalten zu unterliegen und qualvoll zu sterben. Das alles geschah innerhalb kürzester Zeit. Naars Land war im Bestehen begriffen, doch plötzlich hörte die Schöpfung auf. Nichts bildete sich mehr. Nur die Erdbeben verwüsteten weiterhin die Landmassen. Die Energie wich aus Gottes Körper. Wenige Augenblicke kniete er noch da, mit weit aufgerissenen Augen, leblos, ausgehöhlt durch die Macht, welche er nicht mehr in der Lage war, zu lenken. Dann klappte er nach vorne, schlug mit dem Gesicht auf.

Stille.

Naar wimmerte lautlos. Er verstand nicht, was passiert war. Sogar Gror blickte verdutzt und stumm auf die Leiche seines Vaters. Rache war süß, aber das hatte er niemals erwartet. Er musste erst noch begreifen, dass er einen Sieg errungen hatte. So krank und grotesk dieser auch sein mochte. Aran zerriss das Schweigen, schluchzte und weinte um seinen Vater. Er ging zu ihm, drehte ihn auf den Rücken, nahm seinen Kopf in die Hände, klagte um ihn und um sich selbst. Gomod blieb ruhig. Er war schon die ganze Zeit über verwirrt, nun halb paralysiert. Jetzt sah er Gott an. Sah seinen Mund so weit offen wie seine Augen, wie er auf und ab wiegte in Arans flehenden Händen.

„Das Werk ist vollbracht!“, sprach er stockend, fast emotionslos und fragte sich gleichzeitig, was er damit eigentlich sagen wollte.

Der Händler und seine Söldner
Kapitel 1

Die letzten wärmenden Strahlen des Tages legten sich über das saftige Gras der Hügel, nördlich von Naars Zweifel. Gesunde, vor Kraft strotzende Pappeln säumten den einfachen Fuhrweg zur Linken, in den Blättern schon den ersten orangen Schimmer des Herbstes. Die nördlichsten Getreidefelder der Menschenstadt verschwanden gerade hinter der zuletzt überwundenen Anhöhe. Ein ängstliches Feldkaninchen huschte zur Seite, als es dem sich nähernden Lärm gewahr wurde. Das konstante, monotone Rasseln von Kettenhemden, Plattenpanzern und klirrenden Waffen erfüllte die Luft rund um den Trupp von gut fünfundzwanzig Mann, die müde vor sich hin marschierten. In ihrer Mitte fuhr ein Wagen, quietschend und knarrend. Zwei Maultiere zogen schwer schnaufend das Gefährt.

Der Wagen selbst war aus einfachem, wenn auch solidem Eichenholz gefertigt. Der Händler Meisterlich saß auf dem Kutschbock und stierte ins Nichts, auch er müde vom langen Tag. Er drehte sich kurz um und schaute auf die offene Ladefläche. Die wertvolle Ladung war immer noch dort, wo er sie vor zwei Tagen in Naars Zweifel verstaut, mit Wolfsfellen bedeckt und mit geflochtenen Kuhlederbändern festgezurrt hatte. Es war schon fast zu einem Ritual geworden, sich umzudrehen. Meisterlich versicherte sich andauernd vom Vorhandensein seiner Fracht. Die grauen Haare wehten ihm in die Augen. Er strich sie stets mit der Linken zur Seite. Meisterlich war alt geworden und diese anstrengende Reise ließ ihn noch älter wirken. Vor gut zwei Mondwechseln war er von Naars Zweifel aus nach Westen in Richtung Rekars Ehr aufgebrochen. Der angeheuerte Söldnertrupp brachte ihn sicher zu den Zwergen. Dort machte er gute Geschäfte, denn er erwarb eine beträchtliche Anzahl an feinsten Schwertern und Äxten aus hartem Zwergenstahl. Auch die Rückreise nach Naars Zweifel verlief gut. Fast zu gut. Dies war Meisterlichs letzte Handelsreise. Er wollte nach Hause, nach Salzheim. Er wollte endlich seine Frau, seine Tochter und seine Freunde wiedersehen.

Es gab bis jetzt nur einen einzigen Überfall. Nichts wirklich Bedrohliches. Ein kleiner Trupp schlecht bewaffneter Räuber hatte ihnen aufgelauert und war wenige Augenblicke später geflüchtet. Noch nicht einmal einen Oger hatte er in den vergangenen drei Mondwechseln gesehen. Und das, obwohl er mitten durch die Toten Sümpfe gezogen war. Dies war nicht nur die letzte, sondern auch die wichtigste Handelsreise seines Lebens. Noch nie waren so viele Goldmünzen im Spiel wie dieses Mal. Die Vorstellung, dass alles so einfach verlaufen würde, machte ihn unruhig. So einfach konnte es nicht sein. Nicht in diesen Zeiten.

Durch eine leichte Linkskurve wollte der Weg nun um eine kleine Anhöhe herumführen. Die Schatten wurden immer länger. Die Nacht würde bald hereinbrechen. Der Zwerg, ein äußerst ruhiger, gleichwohl besonnener Mann, welcher den Trupp anführte, hob die Hand ohne sich umzudrehen und rief: „Halt!“

Verwundert knurrend kamen die Männer zum Stehen. Meisterlich hielt seinen Wagen an und blickte auf. Mit zusammengekniffenen Augen sah er nach vorne, konnte aber nicht mehr erkennen, als dass sich sein besoldeter Anführer mit einem seiner Gefolgsleute unterhielt. Wenig wurde gesagt, dann kurz genickt. Der Zwerg drehte sich zu seinen Männern und brüllte mit tiefer Stimme: „Wir lagern auf dem Hügel. Scheint der sicherste Platz weit und breit. Alle an ihre Aufgaben, und das nicht zu langsam! Cebrid! Warte! Nimm dir zwei Mann und hilf dem Händler, seinen Wagen auf den Hügel zu bringen. Die Maultiere haben genug geschunden.“

Der Mann, den der Zwerg Cebrid nannte, salutierte lässig, wobei sein schwerer Plattenpanzer laut schepperte. Dann fing er selbst an, nach einigen Männern zu brüllen und Befehle zu geben.

Das Lager war schnell aufgebaut. Einige Männer brachten Holz und gingen dann anderen Beschäftigungen nach. Der Anführer selbst entfachte mit geübter Hand zwei Feuer mit einfachen Steinen, welche er von der Erde auflas. „Zwergisches Geschick für Feuer und Stein“, sinnierte der Händler anerkennend.

Cebrid und zwei weitere Männer schoben den schweren Wagen langsam auf den Hügel. Meisterlich tat die ganze Zeit über nichts anderes, als die müden Tiere mit seiner Peitsche anzutreiben. Als sie endlich oben waren, streckte sich Meisterlich träge, spannte dann die Maultiere ab und gab ihnen zu fressen. Anschließend begab er sich langsam zu einer der lodernden Feuerstellen. Er grübelte ein wenig vor sich hin, seinen müden Blick auf den Zwerg gerichtet. Dieser stand einfach da, jeweils einen der Steine, die er zum Feuer machen benutzt hatte, in jeder Hand. Erschöpft blickte er in die Flammen. Oder war es Wehmut, die Meisterlich in seinem Gesicht sehen konnte? ‚Egal‘, dachte der Händler bei sich. Er hatte wenig Lust sich zu unterhalten und dann schon gar nicht mit dem schweigsamen Zwerg. Die wenigen Versuche, die er bis jetzt in diese Richtung unternommen hatte, unterband Garantor, wie jener sich nannte, gemeinhin mit wenigen Worten. Zu sehr schien er stets in seine Pflichten versunken.

Die ersten Söldner hatten ihre täglichen Aufgaben erfüllt und saßen rund um eines der Feuer. Auf dem anderen zischten einige Fleischstücke in kleinen Pfannen. Zwei der Männer bereiteten dort ein karges Abendmahl. Drei Mann entzündeten Fackeln, postierten sich rings um das Lager und begannen die erste Wachschicht. Einer von ihnen, mit jugendlichem Gesicht und viel zu gut gekleidet für einen Söldner, teilte Wasserrationen aus. Auch diese waren knapp bemessen. Ein weiterer saß ein wenig abseits und präparierte im Halbdunkel einige Pfeile mit Harz.

Begierig aßen die Mannen ihre spärlichen Rationen, welche aus Fleisch und getrocknetem Brot bestanden. Auch die Wachen holten sich ihren Anteil und verzehrten ihn auf ihren Posten.

Es war eine laue Nacht. Kein Wind störte die Streiter. Nur hin und wieder von einzelnen Nebelschwaden verdeckt, leuchtete der Vollmond mild und beruhigend. Die Wachen der ersten Schicht weckten die Ablöse, legten die Waffen ab und begaben sich zur Ruhe.

Meisterlich schlief schon lange. Er hatte in der vorangegangenen Nacht kaum Rast gefunden. Deswegen hatte er sofort nach dem Essen sein Lager bereitet und war sofort in einen tiefen Schlaf gefallen.

Im Lager war Ruhe eingekehrt. Alles schlummerte regungslos oder ruhte sich aus, so gut es eben ging. Ab und zu war eine Eule zu hören, oder das weit entfernte Jaulen eines einsamen Wolfes. Einige der Männer schnarchten leise, andere wälzten sich von einer Seite zur anderen. Abgesehen von den Wachablösungen tat sich nichts mehr.

Meisterlich erwachte beim ersten Tageslicht, reckte sich und gähnte laut. Die anderen im Lager waren noch nicht auf den Beinen. Er war einer der ersten, die wach geworden waren. Der bittersüße Geruch von abgebranntem Kirschholz stieg ihm in die Nase. Dünne Rauchschwaden zogen von den erlöschten Feuerstellen gen Himmel. Ein metallisches Schnarren, leise aber stetig, drang an sein Ohr. Meisterlich schaute sich um, und sah den Hünen Cebrid und seinen noch größeren Bruder Brube. Die beiden saßen an der Nordseite des Lagers. Offensichtlich gehörten sie zur dritten und letzten Wache. Das Schnarren kam von Brubes Schleifstein. Mit Geduld, ja gar zärtlicher Fürsorge, schärfte er seine Hellebarde. Cebrid saß daneben und putzte seinen Zweihänder liebevoll mit einem feinen Lappen. Sie unterhielten sich, während sie ihr Werk verrichteten und auf die Weiterreise warteten. Alle Knochen schmerzten Meisterlich, als er sich erhob. Das graue Haar aus den Augen wischend, begrüßte er den Tag mit erschöpftem Knurren. Er nickte den Wachen zu, welche ihn nunmehr bemerkt hatten, ging zu seinem Wagen und überprüfte die Fracht. Die morgendliche Schwere vertreibend, stand er einen Augenblick da. Danach machte er sich daran, die Maultiere wieder anzuspannen und seine spärlichen Habseligkeiten zu verstauen. Während er seine Decke um sein kleines Kissen rollte und auf den Wagen legte, hörte er das Brüllen des Zwergs.

„Auf! ... Die Sonne steht schon am Himmel!“ Allzu lange Monologe waren nicht das, wofür sich ein Mitglied des kleinen Volkes rühmen konnte.

Traumschwere Gesichter mühten sich auf die Füße, packten mit unwilligen Händen, fast mechanisch, das wenige an Ausrüstung zusammen. Murren und Gähnen lag in der Luft. Einige brauchten länger, andere waren schon marschbereit. Ein großer Krug machte die Runde. Jeder stärkte sich unmittelbar vor dem Abmarsch ein wenig mit Wasser und trockenem Brot.

Der Trupp setzte sich wieder in Bewegung und marschierte schnell den Hügel hinab.

Zrak der Minotaurus bremste den Wagen von Händler Meisterlich ein wenig, indem er ihn mit seinen gewaltigen Armen am Ende der Ladefläche hielt und sich mit seinen stämmigen behuften Beinen gegen die Fahrtrichtung lehnte. So verhinderte er das Schnellerwerden des Gefährts. Mehrere Männer beobachteten sein Tun. Sicher, es war leichter, einen abwärts fahrenden Wagen zu bremsen, als ihn bergauf zu schieben. Dennoch war ein Schimmer von Neid oder Anerkennung in manchem Gesicht zu erkennen. Nun ließ Zrak den Wagen aus, schnaubte geräuschvoll durch seine breiten Nüstern und streckte seine Schultern. Knirschende Steine kündeten vom Ankommen des schweren Wagens auf dem schmalen Fuhrweg. Meisterlich machte es sich auf seinem Kutschbock so bequem wie möglich. Ein langer Tag wartete auf ihn.

Die Sonne strahlte schon bald ruhig vom Himmel. Weder Wolken noch Wind wollten dem schönen Tag seinen spätsommerlichen Glanz rauben. Nach kurzem Marsch waren die letzten Hügel im Norden von Naars Zweifel überwunden. Weite Ebenen taten sich auf. Sie versprachen einen einfachen und vor allem sicheren Weg, bis hin zu Naars Auge, dem Mittelpunkt des Landes, dem manifestierten Versagen Naars, dem unendlichem Loch im Herzen der Welt. Mit allerlei Fährnissen behaftet, würde Naars Auge das schwierigste Teilstück ihrer Reise sein. Nahe den weit gestreckten Hängebrücken, welche die gewaltigen Klüfte um das „Auge“ passierbar machten. Mitten im Toten Land, mussten sie unweigerlich auf Oger treffen.

Naars Auge lag aber noch in einiger Ferne. Mit lustigen Liedern über Frauen zweifelhaften Rufs, vertrieben sich einige der Männer die Zeit. Die Stimmung war gut, weit besser als am Tag zuvor. Mittlerweile, drei Tage nach dem Aufbruch aus Naars Zweifel, der Hauptstadt der Menschen, waren fast alle Mitglieder des Trupps wieder in bester körperlicher Verfassung. Die Stadt bot viel Abwechslung für Reisende. Zwei Tage war der Trupp dort verblieben. Während Garantor und der zweite die Ressourcen auffrischten, hatten die Menschen genügend Zeit, um ihre Familien zu besuchen. Vor allem aber, um alle möglichen leiblichen Genüsse auszukosten. So mancher wusste am Morgen der Weiterreise nicht mehr, ob er seinen Sold versoffen oder im Freudenhaus gelassen hatte.

Zur Mittagszeit machten sie eine kleine Rast unter einem einsamen Apfelbaum. Ein wenig Wasser machte die Runde und mit großer Freude aßen die Mannen die vermutlich letzten Wildäpfel dieses Herbstes. Einige davon wanderten auch in ihre Rucksäcke. Als sie sich erhoben um ihren Weg fortzusetzen, erschien Brand aus westlicher Richtung. Der alte Bogenschütze trug ein leichtes Lächeln auf seinen schmalen Lippen. Keiner hatte überhaupt bemerkt, dass er aus dem Lager verschwunden war. Sein knorriger Eichenholzbogen lag locker über seiner linken Schulter. In der rechten Hand hielt er ein saftiges Wildhuhn und einen kleinen Rotfuchs, beide tot. Die Männer applaudierten bei diesem Anblick und johlten freudig. Viele klopften Brand auf die Schulter und gratulierten ihm zu seinem treffsicheren Auge. Freudige Erwartung auf das Abendessen trieb den Trupp an. So blieb die Stimmung den ganzen Tag über ausgelassen.

Der Händler Meisterlich saß wie immer auf seinem Kutschbock und stierte von Zeit zu Zeit auf seine Ladung. Er war unruhig. Nur wenig der allgemein guten Stimmung färbte auf ihn ab. Er war immer noch müde. Schon viel zu lange müde. Sein Alter und der von ihm befürchtete Angriff von Räubern machten ihm zu schaffen. Zudem würden sie in einigen Tagen die östlichsten Ausläufer des Toten Sumpfes kreuzen. Es gab keinen anderen Weg nach Salzheim. Nur über die Brücken, welche dies unwirtliche Stück Land zusammenhielten. Meisterlich schauderte beim Gedanken an das Bevorstehende. Er hatte sie schon oft überquert, jedoch nur selten ohne Kampf oder eine wilde Flucht. Zu einfach war alles gelaufen. ‚Zu einfach’, dachte er immer wieder bei sich.

Als sich die Sonne vom immer noch wolkenfreien Himmel verabschiedete, befahl Garantor das Lager ein wenig abseits des Weges aufzuschlagen. Wachen bezogen ihre Posten, lange Holzstöcke wurden mit Harz eingestrichen, um als Fackeln zu dienen. Der alte Bogenschütze Brand zog dem erlegten Fuchs das Fell ab und weidete ihn sorgfältig aus. Neben ihm saß der kleingewachsene Thef und rupfte das Wildhuhn. Der Zwerg entzündete die Feuerstellen, blickte sich dann im Lager um, und überprüfte, ob alle Arbeiten ordnungsgemäß durchgeführt wurden. Alles lief bestens. Einige der Söldner hatten ihre Arbeiten schon erledigt und ruhten sich aus. Garantors breite Brust hob sich, als er anfing neue Befehle zu brüllen. „Kalad, Bloj, macht mal ´ne Halterung und zwei Spieße, damit wir die Viecher über‘s Feuer legen können! Dimite, sieh zu, dass du noch ein wenig Holz auftreibst!“

Sofort gingen die Genannten ans Werk. Dimite murrte ein wenig in seinen Bart, was ihm allerdings nichts half. Trotz seiner langen Zeit als Söldner hatte Dimite immer noch Probleme mit fremder Autorität. Er war nun seit gut dreißig Mondwechseln bei diesem Haufen und eines hatte er mittlerweile gelernt: Schreit der Zwerg, halt’s Maul und tue was er sagt. Eine wahrlich hilfreiche Grundregel.

Blass und durchsichtig zeigten sich die ersten Sterne. Die Feuer loderten mit Zischen und Knistern ruhig unter einem gütigen Vollmond. Meisterlich saß an der großen Feuerstelle und bat Thef darum, das Wildhuhn grillen zu dürfen. Thef klopfte dem alten Händler auf die Schulter und stand auf. Es war nicht das erste Mal, dass Meisterlich ihm eine derartige Arbeit abnahm. Auf diese Weise konnte der alte Mann sich ein wenig ablenken. Außerdem verbesserte der Anblick des saftigen Tieres seine Stimmung. Gutes Essen war immer willkommen. Neben ihm saß Brand, immer noch mit seinem Fuchs beschäftigt. Auch dieser brutzelte über dem Feuer. Einer der jungen Rekruten stimmte ein Lied an und mehrere sangen mit. Brube lachte lauthals über einen mittelmäßigen Witz von Thef.

Der Minotaur Zrak saß an der kleineren Feuerstelle und unterhielt sich nachdenklich mit Mauran Falkenflug, dem zweiten Mann im Lager. Lediglich Garantor saß abseits alleine da und stierte aus einigen Schritt Entfernung in die lodernden Flammen. Das Licht des Feuers reflektierte auf seinem Stahlhelm. Zuckende Lichtflecken erhellten die Schatten in seinem Gesicht. Seine derben Züge lagen unter buschigen, zusammengezogenen Augenbrauen versteckt. Keiner hätte seine Emotionen deuten können. Oder war er einfach nur müde und nachdenklich?

Das Abendmahl hielt, was es versprach. Jeder erhielt neben Trockenfleisch und Brot, eine Portion des frischen Wilds. Genügend Wasser machte die Runde. Kurz vor der zweiten Wache schliefen die meisten der Mannen. Auch Meisterlich hatte sich, hoffend auf eine ruhige Nacht, hingelegt. Cebrid schürte zum Ende seiner Wache nochmals die Flammen und begab sich zur Ruhe.

Obwohl er unruhig geschlafen hatte, erwachte der Händler erst spät. Die Sonne war schon halb aufgegangen und das Lager zum größten Teil zusammengeräumt. Eines der Feuer war erloschen, das andere züngelte noch schwach auf verkohltem Holz. Schnell stand er auf. Mit einem lauten Fluch fing er an, seine Sachen zu packen. Sein Rücken schmerzte ihn. Unverhofft kam Cebrid scheppernd zu ihm gerannt und half, die Maultiere anzuspannen. Kurz darauf waren sie wieder auf ihrem Weg. Ein leichter Wind zog von Osten her auf. Der Tag war sichtlich kälter als die vorangegangenen. Zwar leuchtete die Sonne immer noch von einem wolkenfreien Himmel, richtig wärmen wollte sie jedoch nicht mehr. Bis zum Horizont war nichts Ungewöhnliches zu erkennen. Die einfache Straße zog sich durch die Landschaft wie ein Schwertstreich. Das Gras, zum großen Teil gesund, wurde von immer mehr braunen Stellen durchzogen. Sträucher wehten im Wind. Vogelgezwitscher war rar. Nur einige Krähen saßen auf einer abgestorbenen Trauerweide, welche den Weg zur Linken säumte.

Der Trupp kam in Bewegung. Es ging wieder konstant, aber nicht wirklich schnell voran. Dazu war Meisterlichs Karren zu schwer. Die Maultiere würden ein höheres Tempo nicht durchhalten. Auf jeden Fall waren die Mannen gut erholt, gut genährt und nicht allzu sehr gefordert. Die gute Stimmung des vergangenen Tages herrschte auch heute wieder unter ihnen. Kleinere Gruppierungen bildeten sich, Gespräche verschiedenster Art wurden geführt.

Der alte Brand entfernte sich in nordwestliche Richtung von der Gruppe. Vielleicht konnte er irgendwas erbeuten.

Mit gewaltigem Brüllen und weit ausholender Gestik, veranschaulichte Brube, wie er einst in einer Kneipe fünfzehn Mann zur Strecke gebracht hatte, weil einer von ihnen eine unangebrachte Bemerkung über seine Mutter gemacht hatte. Thef, seinen schwarzen Mantel lässig über die Schulter geschwungen, lachte laut. Veoen, ein junger Mann mittlerer Statur und ebensolchen Aussehens, wollte Brube gar bezichtigen, ihnen eine Lüge aufzutischen. Daraufhin wurde die Unterhaltung natürlich noch heftiger und mehrere Männer brachten sich und ihre Meinung mit ein. Die Diskussion währte den ganzen Vormittag. Enden sollte das ganze damit, dass Brube Veoen mit beiden Händen packte, den gut achtzig Stein schweren Mann von den Beinen riss und ihn auf seine, nicht unmaßgebliche, Augenhöhe hob. Hernach erklärte er nochmals eindringlich, dass er nicht lügen würde, wobei spürbarer Zorn in der Luft lag und die dicken Venen am Hals des Hünen hervortraten. Damit war die Sache vom Tisch. Keiner schien mehr die Intention einer Widerrede zu hegen.

Meisterlich hörte dem Ganzen von Anfang an mit mildem Lächeln zu. In seinem langen Leben hatte er so manche Prahlerei miterlebt. Gerade überlegte er sich, ob er die Frage einbringen sollte, wie viel Bier Brube denn in der Kneipe konsumiert habe. Als Auftraggeber und zahlender Kunde, könnte er sich diese Dreistigkeit erlauben. Während er sich noch den passenden Wortlaut zurechtlegte, kam Zrak an seine Seite. Meisterlich drehte den Kopf zur Linken und grüßte ihn freundlich. Der Minotaur blähte die Nüstern, schnaubte laut aus. Mit dumpf tönender Stimme gab er zurück: „Naars Sohn, sei gegrüßt!“

Ein breites Grinsen lag nun auf Meisterlichs Gesicht. Den Hang der Minotauren zu den Göttern der Welt, hatte er nie verstanden. Zrak entging Meisterlichs Grinsen nicht. „Du lachst mich aus?!“, fragte er scharf nach, wobei sein mächtiges Organ sich noch einen Hauch gedämpfter vernehmen ließ.

Schlagartig verschwand der belustigte Ausdruck des Händlers. „Nein mein Freund, nein. Ich habe mit den Göttern nur sehr wenig gemein, so wenig wie ich über sie weiß. Ich empfinde die Ansprache als Naars Sohn ungewohnt. Das ist alles.“

Zrak wand seinen Kopf nach vorne auf die Straße und nickte nachdenklich. Der Minotaur trug von einem Ohr zum anderen eine Bleikette aus einfachen kleinen Ringen. Sie schwang im Rhythmus seines Nickens zwischen Hals und Kopf, vor und zurück. Kurze Zeit verging, dann sprach der Minotaur wieder, ohne sich direkt an Meisterlich zu wenden: „Du fühlst dich nicht als Naars Sohn ... dennoch bist du Mensch ... dennoch lebst du das Leben, das er dir zugedacht ... auf die Art wie er es dich lehrte.“

Meisterlich war verwirrt. Das war doch keine Frage. Oder verstand er sie nur nicht? Unbehagen machte sich in ihm breit. Wie sollte er reagieren? Sollte er überhaupt reagieren? Nein, beschloss er. Was sollte er auch sagen? Das Beste war, still zu sein. Zrak ging noch eine Weile neben dem Wagen her und stierte auf Meisterlich. Irgendwann jedoch verstand er, dass er hier keine Antwort bekommen würde. So begab er sich in die Mitte des Trupps, marschierte jedoch für sich allein weiter. Mit erleichtertem Aufatmen sackten die Schultern des alten Händlers ein wenig ab, als er sich aus dieser unangenehmen Situation befreit sah.

Im Laufe des Vormittags wurde der Wind ein wenig stärker, die Luft rauer. Die Straße blieb unverändert. Immer wieder knarrte der Wagen, als er einen Stein überwand. Als die Sonne ihren Zenit erreicht hatte, trat Mauran Falkenflug an Garantors Seite.

Bei ihm angekommen, richtete er seinen Blick nach unten, hin zum Zwerg. „Seht“, sagte der gut gekleidete Mann und zeigte mit der Rechten in nordöstliche Richtung.

„Hmmm ...“, erwiderte Garantor, während er den Horizont in der angegebenen Richtung mit den Augen absuchte. Schnell hatten seine scharfen Zwergenaugen das Ziel ausgemacht. In der tiefen Stimme Garantors schwang ein leicht besorgter Unterton mit, als er sprach: „Verdammt ... das ist Brand. Er rennt in unsere Richtung und hat kein Wild bei sich. Das könnte Ärger bedeuten.“

Mauran antwortete: „Ich kann ihn noch kaum erkennen, doch in der Tat, dieser unstete Lauf mag von Unannehmlichkeiten künden …“

Brand hatte schon viele Mondwechsel gezählt, war aber noch immer erstaunlich behände. Bald hatte er das Lager erreicht. Der Trupp blieb stehen, alle Augen waren auf ihn gerichtet. Ein wenig außer Atem, fing er an zu berichten: „Direkt auf der Straße ... ein Trupp Menschen nähert sich. Sie haben mich nicht gesehen. Es sind mindestens dreißig Mann, alle bewaffnet.“

Mauran wandte sich knapp an Garantor: „Ein Risiko! Was obliegt uns zu tun?“

Der Zwerg strich sich mit der Hand über den Bart und blinzelte nach Norden. „Kann sie noch nicht erkennen. Sind wahrscheinlich eh Händler.“

Mauran erwiderte: „Bedenkt die Möglichkeit einer Falle. So mancher Räubertrupp bedient sich derlei Spielereien.“

Mit dem üblichen Geschepper trat Cebrid vor und ergriff das Wort: „Reicht die Zeit für einen Umweg?“

Brand schüttelte den Kopf. Gleichzeitig brüllte Brube von hinten: „Ach, mein kleiner Bruder wieder, hehe. Brauchst keine Angst zu haben! Ich pass‘ ja auf dich auf.“ Der Riese grinste breit bei dieser Spöttelei, schnallte seine Hellebarde vom Rücken und marschierte demonstrativ zu seinem Bruder. Cebrid kniff nach Brubes Aussage Augen und Mund zusammen, um seinen Bruder nicht beleidigt anzuschreien.

„Ruhe!!“, wetterte Garantor. „Verdammt ... wenn ich wen brauche der den Chef spielt, meld‘ ich mich!“, schrie er dann im selben Tonfall.

Meisterlich saß unruhig auf seinem Kutschbock und beobachtete angespannt die Ereignisse.

Garantor kam in Fahrt und brüllte mit der vollen Wucht seiner Befehlsgewalt mitten in den Trupp hinein: „Kampfformation! Aber keiner killt irgendwen oder irgendwas, bevor ich es befehle! Ist das klar?! Das ist eine reine Sicherheitsmaßnahme, also dreht hier nicht durch!“

Augenblicklich brachte sich der Trupp in Gefechtsstellung.

Jeder war sich über seine Aufgabe im Klaren. Alles ging schnell und reibungslos vonstatten.

Mauran Falkenflug sammelte die ihm unterstellten Mannen um sich, und bildete den rechten Flügel. Er bezog mit ihnen Position, ungefähr zehn Schritt von Garantor entfernt und einige Schritt nach vorne versetzt. Cebrid formte mit seinen Leuten den linken Flügel. Auch dieser war zehn Schritte entfernt vom Zwerg und ein wenig weiter vorne. Waffen rasselten. Das Stampfen schwerer Stiefel erfüllte die Luft. Meisterlich drehte auf Anordnung Brands seinen Wagen nach Süden und stellte sich zu seinen Maultieren. Die Unruhe in ihm nahm rapide zu. Brand selbst begab sich mit drei Bogenschützen des Trupps auf die Ladefläche des Wagens. Dort knieten er und ein anderer Schütze namens Gaal sich nieder und fingen an, Pfeile vor sich auszubreiten. Die beiden anderen standen hinter jenen, die knieten. Die Köcher gefüllt mit Pfeilen, die Bögen fest in den Händen und den ersten Pfeil leicht aufgelegt. Garantor stand einfach da. Er hatte nichts mehr zu befehlen. Zu seiner Linken stand Brube. Der rammte den Schaft seiner mächtigen Stangenwaffe vor sich in den Boden, wohl nur, um überflüssige Energie abzubauen. Rechts von Garantor stand Zrak, eine schwere zweischneidige Streitaxt aus einfachem Stahl in der rechten Hand. Lautes Schnauben brach konstant aus seinen Nüstern. Des Öfteren trat er mit dem linken Huf hart auf das steinige Erdreich.

Hinter den dreien brachte sich Thef in Stellung. Seinen schwarzen Mantel legte er ruhig über die Schultern. Vom Hals bis zum Becken lief ein breiter Gürtel über seine schmale Brust. Eine hohe Anzahl feinster Wurfdolche aus Zwergenstahl war darin verborgen. Zwei einfache, gekrümmte Stahldolche hingen an der linken und rechten Hüfte.

Die Zeit wollte nicht recht verstreichen. Garantor brüllte über die Schulter hinweg: „Meisterlich! Holt eure Handelsflagge raus und hisst das Ding!“

Erschrocken reagierte der Händler: „Natürlich ... natürlich ...“, pflichtete er hastig bei.

Kurz darauf war der sich nähernde Trupp zu erkennen. Garantor ging zum Wagen und damit zu Meisterlich. Jener hatte seine grüne Flagge auf einem langen, dafür vorgesehenen Holzstock angebracht. „Gut“, sagte Garantor. Ohne weitere Worte nahm er das Banner aus Meisterlichs Händen und ging wieder nach vorne, an seine Position. Verhaltenes Schweigen und grimmige Gesichter prägten das Bild. Einige der unerfahrenen Rekruten fühlten sich sichtlich unwohl und warfen ihren Blick unsicher nach beiden Seiten. Der junge Bloj zitterte gar ein wenig. Er hielt sein Schwert krampfhaft in der Scheide umschlossen. Das konstante metallische Knacken von Schaft und Scheide verriet ihn. Bloj war im Flügel von Cebrid, und stand direkt neben ihm. Cebrid war ein Veteran vieler Schlachten. Väterlich legte er dem Jüngling die Hand auf die Schulter. Er drückte sie leicht, und gab Bloj zu verstehen, dass er nicht alleine war. Jener vergalt es mit einem dankbaren, wenn auch ein wenig gezwungen wirkendem Lächeln.

Der Zwerg brummte in seinen Bart. Zrak blickte ihn fragend an. Als keine Antwort kam, fragte er schließlich: „Nun?“

Garantor murrte erneut und antwortete dann: „Hmmm ... entweder die sehen uns nicht, oder sie wollen sich nicht als Händler ausweisen.“

Zrak schnaubte laut und entgegnete mit erstaunlicher Gelassenheit: „Gib ihnen Zeit. Sie verfügen nicht über die Schärfe deiner Augen.“ Für ihn schien es einerlei, ob es einen Kampf auf Leben und Tod geben würde, oder nicht.

Es dauerte nicht lange, bis alle den sich nähernden Trupp erkennen konnten. Meisterlich zitterte ein wenig, stand unruhig da und stierte nach vorne. Garantor drehte sich um und sprach bestimmt: „Sie haben die Handelsflagge gehisst!“

Entschlossen stand der Zwerg da. Nichts konnte ihn wirklich beunruhigen. Dafür hatte er schon viel zu viel erlebt. Auch Meisterlich hatte in den vielen Jahren als Händler so seine Erfahrungen gemacht. Dennoch stellte er nun das genaue Gegenteil zu dem entschlossenen Zwerg dar. Schnell atmend und zitternd ging er zu ihm und zusammen schritten sie nun aus, in Richtung des anderen Trupps. Langsam, ohne Hast.

Ihnen direkt gegenüber, näherten sich zwei Personen. Würde sich alles als korrekt herausstellen, waren es der Händler und der Söldnerführer des anderen Trupps.

„Alles klar?“, fragte Garantor seinen Auftraggeber, während er von den Lederschlaufen an seinen Schenkeln seine Kriegsaxt und den Streitkolben feinster zwergischer Machart löste. Der alte Händler zitterte immer noch, schaffte es jedoch, sich zu Garantor zu wenden und zu nicken.

Meisterlich hatte den Zwerg nie im Kampfeinsatz gesehen. Dennoch traute er ihm viel zu und erwartete in ihm den gleich guten Kämpfer wie Führer.

Nun waren die sich nähernden Männer kaum zwanzig Schritt von ihnen entfernt. Nur noch wenige Momente und beide Parteien würden stehenbleiben. Die Nahenden waren beide Menschen, als Händler und Söldner schon rein äußerlich zu erkennen. Der eine war großgewachsen und muskulös. Bewaffnet war er mit einem schweren Zweihänder, welchen er locker in beiden Händen vor seiner schwer gepanzerten Brust hielt. Der andere war eher hager und gut gekleidet. Dem Aussehen nach ein Händler, wenn auch bei weitem nicht so unruhig wie Meisterlich. Es war soweit. Die vier blieben stehen. Garantor stand kampfbereit da. Bald würden sie Gewissheit erlangen. Ruhig atmete er, seine Augen auf die vermeidlichen Gegner gerichtet. Es gab nichts zu sagen. Das war auch nicht nötig. Die Beine hatte der Zwerg leicht angewinkelt, als wolle er nach vorne springen. Er würde seiner Aufgabe gerecht werden. „Und?“, fragte er, ohne den Blick vom gegnerischen Krieger zu nehmen. Einen Moment geschah nichts. Garantor wollte eine Bewegung beim Händler gegenüber gesehen haben. Das konnte aber auch vom wehenden Wind herrühren.

Meisterlich hatte seine Stimme wieder gefunden. „Es sind Händler.“ Erleichtert atmete er auf, sein Zittern ließ nach, und seine Schultern entspannten sich.

Garantor lachte sein seltenes Lachen und schnallte die Waffen wieder an die Hüften. Die Stimmung war auf einmal wie umgekehrt. Von Angst oder Vorsicht keine Spur. Freundschaftlich nährten sich die vier einander. Mit gewichtslosem Schulterklopfen trafen sich die Händlerkollegen. Schwer schlugen die Handflächen der Söldner zusammen, als sie sich begrüßten. Der menschliche Söldner sagte erleichtert: „Ich versteh‘s nicht. Hast du was mitgekriegt?“

Noch einmal lachte Garantor laut und antwortete dann: „Nein, verdammt, nein. Mach die Arbeit, seit mehr Mondwechseln als die beiden Händler zusammen. Hab immer noch keine Ahnung was das für ´ne Zeichensprache, oder was auch immer ist!“

Beide Söldner lachten laut. Der Mensch mit dem Zweihänder packte selbigen weg und schrie seinen Mannen zu, dass sie kommen sollten. Garantor brüllte ebenfalls nach seinen Leuten.

Bald standen alle zusammen und begrüßten sich gegenseitig. Informationen wurden ausgetauscht und es wurde viel gelacht. Meisterlich befragte seinen Kollegen nach möglichen Problemen, welche der weitere Marsch wohl bereithalten mochte. Jener konnte nur antworten, dass sie auf keine Hindernisse gestoßen waren seit sie aus Salzheim aufgebrochen waren. Ungläubig fragte Meisterlich nochmals nach. Er wollte wissen, wie sie ohne Schwierigkeiten an Naars Auge vorbeigekommen waren. Mit dem Lachen eines Mannes, der darum wusste, dass die größte Gefahr seiner Reise schadlos überstanden war, entgegnete der hagere Händler: „Nichts. Kein verdammter Oger ließ sich blicken. Wir sind einfach durchmarschiert.“

Meisterlich nahm diesen Umstand als schlechtes Omen auf. Nichts verlief so, wie er es erwartet hatte.

„Keine Oger ...“, sagte Meisterlich und schüttelte leicht den Kopf ohne irgendjemanden anzusehen. In seinem Geist malte sich der alte Händler aus, wie sich alle Oger des Landes irgendwo versammelt hatten, dem einzigen Ziel folgend, ihm aufzulauern. Mit Absicht rührten sie sich nicht. Ihrer Dummheit und Kampflust zum Trotz, hielten sich alle zusammen irgendwo verschanzt, bis er ihnen endlich in die Arme laufen würde.

Für einige Momente hatte er gar nicht registriert, was um ihn herum geschah. Zu sehr war er in seine paranoiden Gedanken vertieft. Der andere Händler hatte wohl irgendwas gesagt. Auf eine Antwort wartend, stand er nun da. Mit den Worten „Nicht normal ... viel zu einfach ...“, drehte sich Meisterlich um, und ging langsam zurück zu seinem Wagen. Der jüngere Händler stand perplex da, kratzte sich am Kopf, sagte noch: „Der spinnt!“, wandte sich zur Seite und fing eine Unterhaltung mit Mauran Falkenflug an, welcher eben freundlich grüßend an ihn herangetreten war.

Ruhig zog die Sonne ihre Bahn und kam ein gutes Stück voran, ehe sich die Mannen lösen konnten. Der menschliche Söldnerführer hatte drei Flaschen Kartoffelbrand dabei. Von den Barbaren, wie er sagte. Sehr stark, dafür umso schlechter im Geschmack. Selbst Garantor konnte sich nicht lösen, bevor die Flaschen leergetrunken waren. Die Diskrepanz zwischen Pflicht und Schnaps war überhaupt eine oft diskutierte Frage bei den Zwergen. Und noch einmal lag eines seines seltenen Lächeln auf dem Zwergengesicht, als sie sich verabschiedeten. Irgendwie passte dieser Ausdruck gar nicht in das derbe Antlitz. Zu sehr waren die tiefen Furchen der Verantwortung und die schwere Bürde der Vergangenheit eingebrannt.

Wieder waren sie in Bewegung und marschierten weiter. Weit würden sie nicht mehr kommen, ehe die Sonne untergehen würde. Dennoch versuchte Brand sein Glück nochmals auf der Jagd. Schnell entfernte er sich nach Nordwesten. Meisterlich tat, was er immer tat Er saß da und grübelte über die Begebenheiten. Ab und zu sah er kurz nach hinten auf die Ladefläche. Das war aber auch schon alles. Der Trupp marschierte locker voran. Einige unterhielten sich, andere schritten monoton aus, waren versunken in irgendwelche Gedanken. Die Nacht war schon angebrochen, als Brand zurückkam. Ihm war kein Glück beschieden. Mit leeren Händen betrat er das halb aufgebaute Lager und setzte sich hin, ohne etwas zu sagen. Keiner fragte ihn, warum er nichts erlegt hatte. Das würde auch nichts bringen. Dass er keinen Erfolg gehabt hatte, konnte man sehen und es war nicht nötig, ihn mit unnützen Fragen zu bedrängen. So verrichtete jeder seine Arbeit mit dem Wissen um ein kärgliches Abendmahl.

Es war eine kalte Nacht. Der Wind frischte merklich auf. Jene die nicht Wache schieben mussten, wickelten sich in ihre Decken und schliefen unruhig. Garantor hatte eine zusätzliche Feuerstelle entzündet, um seinen Männern ein wenig mehr Wärme zu spenden.

Lange saß der Zwerg da und betrachtete seinen Rekar-Stein.

Dieses Wort, Rekar, stellte gleichermaßen den Namen für den Gott der Zwerge wie für den Stein, den ein jeder von ihnen bei sich trug. Es war der Stein, mit dem das Zwergenkind am liebsten spielte. Dieser Stein war das Symbol der Liebe zu Stein und Erdreich, Feuer und Metall. Es war der wichtigste Besitz eines jeden Zwergs. Niemals würde er freiwillig weggegeben werden. Garantors Rekar-Stein war ein einfacher Klumpen Eisenerz. Er trug ihn normalerweise an einer Lederschlinge um den Hals. Nun hielt er ihn in seiner Linken, fest umschlossen. Dumpf stierte er in die Flammen, die buschigen Augenbrauen zusammengezogen, die Lippen geschürzt. Die rechte Hand fuhr langsam, mit mechanischer Konstanz, über seinen Bart. Wie so oft saß er alleine da, und wie so oft wusste keiner um seine Gedanken. Es war keineswegs so, dass sich niemand zu ihm setzten wollte. Im Gegenteil. Ein jeder seiner Mannen hegte größten Respekt für ihn. Alle die mehr als einige Mondwechsel im Trupp waren, schätzten Garantor als hervorragenden Strategen und Kämpfer. Viele würden ihn sogar als Freund bezeichnen. Dennoch setzte sich keiner zu ihm. Der Zwerg schätzte keine Gesellschaft; schon gar nicht, wenn er am Feuer saß. Und alle wussten das. Irgendwann, kurz vor der dritten Wache, begab sich Garantor zur Ruhe und legte sich auf eine große Steinplatte mitten im Lager. Er streckte sich auf dem kalten Basalt, legte seine Handflächen auf den rauen Untergrund und schlief ein.

Auch Meisterlich schlief. Wenn auch lange nicht so gut wie der Zwerg. Finstere Gedanken schlichen sich in seinen Geist. Visionen von Tod und Verderben ließen ihn immer wieder aufschrecken. Schweißgebadet quälte er sich durch die kalte Nacht.

Am Morgen stand er sehr früh auf und entfernte sich ein wenig vom Lager in Richtung Naars Auge. Die Wachen im Norden und Nordosten verrichteten zu diesem Zeitpunkt Dimite und Kalad. Die beiden Söldner sahen zwar, wie sich Meisterlich aus dem Lager entfernte, unternahmen aber nichts dagegen. „Egal“, raunte Dimite durch seinen Bart an Kalad gerichtet. Auch jener hatte nichts dagegen. Der Tag war angebrochen und etwaige Gefahren der Nacht waren nicht mehr zu fürchten.

Meisterlich blieb stehen und sah zu, wie die Sonne aufging. Die Nacht hatte ihn müde zurückgelassen. Getroffen stand der alte Mann da. Der Wind fuhr ihm in die Haare, blies sie ihm in die Augen. Das war Meisterlich egal. Er wischte sie nicht, wie gewöhnlich, aus dem Gesicht. Leichtes Fieber hatte ihn befallen, gesellte sich zu Angst und Ermattung. Keine aufmunternde Mischung für ein desolates Nervensystem wie das seine.

Wolken zogen von Osten her auf. Es würde wohl bald regnen. Immer noch waren seine Augen nach Norden gerichtet, so als wolle er ersehen, was sich bei Naars Auge tat. Das Brüllen Garantors nach seinen Mannen zog an Meisterlichs Ohren vorbei. Das Lager machte sich zum Aufbruch bereit.

Mit kräftiger Stimme gab der muskelbepackte Cebrid Anweisungen. Der Hüne war nach Mauran Falkenflug der dritte Mann der ziehenden Schar. Neben seinen erstklassigen kämpferischen Fähigkeiten zeichnete er sich vor allem durch ein beobachtendes Auge aus. Oft war er der erste, der einen Missstand erkannte und meistens behob er ihn ohne größeres Aufsehen. Auch jetzt war er es, der Meisterlichs seelische Verfassung richtig einschätzte und ihn auf die bestmögliche Art versuchte zu unterstützen. Schnell spannte er die Maultiere des Händlers an und übergab den Wagen samt Gespann an Kalad. Kurz bevor die Mannen weitermarschierten, ging Cebrid voran, um mit Meisterlich zu reden.

„Morgen ...“, sagte er. Meisterlich antwortete nicht.

Wenige Momente verstrichen. Immer noch wehte der Wind, unangenehm und stetig. Nachdem Cebrid den Händler eindringlich gemustert hatte, sprach er mit fester Stimme: „Wir werden durchkommen, sorgt euch nicht. Ihr habt den besten Trupp, den man für Geld kriegen kann.“

Der Händler sagte nichts, drehte sich aber langsam zu Cebrid. Er sah ihm in die Augen, die eigenen glasig und matt. Durchdringend musterte er Cebrid einige Zeit, als wolle er den Wahrheitsgehalt der Aussage prüfen. Cebrid begegnete dem Blick mit einem zuversichtlichem Lächeln.

Nun sprach Meisterlich: „Es scheint alles so unwahrscheinlich. Der Händler, der uns begegnete ... er zog durch Naars Auge, ohne einen einzigen von Grors verfluchten Ogern zu treffen.“

Cebrid wollte antworten, aber Meisterlich war noch nicht fertig mit seinen Ausführungen.

„Wir sind nach Rekars Ehr gezogen und wieder zurück. Ich hab die wertvollste Fracht, die sich je in meinem Besitz befand bei mir und keiner will sie mir nehmen ... das gibt es nicht!“ Die letzten Worte stieß er leicht hysterisch hervor.

Cebrid nickte und erwiderte: „Ja, es ist höchst ungewöhnlich. Wir hatten praktisch keinen Kampf bis jetzt.“ Schnell fügte er noch hinzu: „Das will nicht heißen, dass wir bei Naars Auge auf eine Übermacht Oger treffen werden.“

Meisterlich straffte die Schultern, wie zum Trotz: „Ich habe mich mit allem abgefunden. So oder so, diese Reise wird ihr Ende bald finden.“ Mit diesen Worten drehte er sich nach Süden und wollte zum Lager zurückkehren.

Cebrid packte den Händler an der Schulter und bedeutete mit festem Wort: „Wir sollten unser Glück schätzen, anstatt nach Grors Kreaturen zu flehen!“

Meisterlich wollte sich losreißen. Cebrid hielt ihn fest und sprach weiter: „Und eines sag ich euch. Gnade dem Oger, der auf uns trifft! Seit vollen achtzig Mondwechseln bin ich zusammen mit meinem Bruder Brube unter Garantors Söldnern. Kein Oger, den wir trafen hat überlebt, kein ...“

Unvermittelt unterbrach ihn der Händler: „Einen verdammten Oger ... ich fürchte mich vor …“ Nun stoppte Cebrid den Händler: „Das braucht ihr nicht!“

Meisterlich hielt inne. Ein Funke Hoffnung keimte in seinen Augen. Er ließ seinem Gegenüber die Zeit, um weiterzusprechen. Cebrid war sich nun seines Zuhörers sicher und setzte an, mit bedächtiger Stimme, tief und klar: „Es gibt keine großen Ogerhaufen. Sie sammeln sich niemals in größeren Gruppierungen.“ Nun gedachte er seine Ausführungen mit einer rhetorisch anrührenden Frage zu unterstreichen. „Was ist die größte Sippschaft, von der ihr gehört habt?“

Der alte Händler sprach ohne nachzudenken: „Eine Familie von gut vierzig Ogern, mehr als die Hälfte von ihnen ausgewachsen, bei Naars Auge und sagt jetzt nicht, das wären nicht genug, um uns auszulöschen!“

Cebrid antwortete nicht sofort, sah verlegen nach hinten. Der Trupp würde sie in wenigen Augenblicken eingeholt haben. Meisterlich sah den Hünen noch kurz an, und ging dann zurück zu seinem Wagen. Nun stand Cebrid da und stierte ins Nichts. Er wollte dem Händler Trost spenden, Mut einflößen. Er hatte versagt. Ohne ein weiteres Wort schloss er sich den anderen Mannen an, und marschierte ebenso stumm wie gedankenverloren weiter.

Die näher kommenden Wolken kündeten mit Donner und vereinzelten Blitzen vom nahenden Gewitter und schon bald versanken Tag und Nacht im unbarmherzigen Treiben der Natur.

Kein leichter Weg
Kapitel 2

„Was für ein Ausblick ... bei Naar ...“ Kalad war mit dem jugendlich aussehenden Bogenschützen Gaal ein wenig über den verschlammten Steppenboden vorausmarschiert. So waren sie die ersten, die direkt neben dem Ausläufer von Naars Auge standen. Eine kalte Mittagssonne beleuchtete die Ebene und den Riss in der Welt. Die gewaltige Schlucht lag kaum fünf Schritt vor ihren Füßen und schlängelte sich südöstlich weiter ins Land hinein. Nach Norden wand sie sich hin zum Herzen der gespaltenen Welt, zu Naars Auge.

Auch Gaal war sichtlich überwältigt und stierte mit offenem Mund auf den scheinbar unendlichen Abgrund. Die beiden jungen Söldner sahen zum ersten Mal in ihrem Leben eine der Klüfte im Land. Kalad ging bedächtig zwei kleine Schritte nach vorne und beugte sich leicht vornüber, um nach unten zu spähen. Leise sprach er, fast ehrfürchtig: „Mein Vater hat mir von Naars Auge erzählt, auch von den Schluchten, die zu ihm führen, hat er mir berichtet. Nie ... niemals hätte ich etwas derart Gewaltiges erwartet.“

Gaal hatte dem nichts hinzuzufügen. Er folgte mit seinen Augen dem schier unendlichem Nichts, das sich nach Norden wandte.

Der restliche Trupp hatte sie beinahe eingeholt und mehrere der Männer kamen zu Kalad und Gaal. Brube war einer der ersten, die sich zu ihnen gesellten. Dunkel brummend, baute er sich hinter Gaal auf. Brube überragte den Bogenschützen um weit mehr als einen Kopf. Über Gaal hinweg betrachtete er den Abgrund. Ein faustgroßer Steinbrocken lag in seiner mächtigen Hand. Immer wieder warf er ihn hoch und fing ihn wieder auf. Nachdenklich stand er da, warf den Stein hoch und fing ihn wieder.

Mit den Worten, „Das wollt‘ ich schon immer mal machen“, trennte er sich von dem Stein und schleuderte ihn über Gaal hinweg in den Abgrund. Andächtiges Schweigen breitete sich aus. Nichts passierte. Weitere Gefährten gesellten sich zu ihnen, aber kein Laut ertönte.

Nur das leichte Säuseln des Windes war zu hören. Vom schweren Regen oder den krachenden Blitzen der letzten Tage war nichts mehr auszumachen. Einige wenige Wolken hingen noch vereinzelt am Himmel. Befreit von ihrer Last, verzogen sie sich langsam nach Süden.

„Habt ihr gehört? ... Hört ihr?!“, flüsterte Kalad mit belegter Stimme. Keiner antwortete. Offensichtlich hatte keiner etwas gehört. Irgendwann riss Brube der Geduldsfaden. „Pahh!“, ließ er vernehmen, drehte sich um und folgte dem Rest des Trupps, welcher mittlerweile schon an ihnen vorbeigezogen war. Bald warteten nur noch jene, die als erste angekommen waren, vergebens auf den scheinbar unendlich fallenden Stein. Leise flüsterte Kalad: „Ich dachte ich hätte ihn aufkommen hören ... du nicht?“

Mit ebensolcher Stimme antwortete Gaal: „Nein, der fällt noch immer. Wenn du mich fragst, der kommt niemals an.“

Die beiden sahen sich kurz in die Augen und verließen dann ihren vergeblichen Horchposten. Geräuschvoll folgten sie den anderen auf dem matschigen Weg.

Müde trotteten die Maultiere voran. Die großen Wagenräder waren von Schlamm und zum Teil schon verkrustetem Erdreich überzogen. Widerwillig schienen sie ihrer Aufgabe nachzukommen, knarrten und ächzten unentwegt.

Auf dem Kutschbock saß Meisterlich und blickte müde auf die Söldner, die vor ihm marschierten.

Selten benutzte er seine Peitsche. Ebenso träge wie seine Maultiere, schien Meisterlich Verständnis für die lethargische Ausführung ihrer Arbeit aufzubringen. Müde saß er da und wurde von Tag zu Tag immer erschöpfter. Es war nun der fünfte Morgen, seit sie den nach Naars Zweifel reisenden Händler mit seinen Söldnern getroffen hatten. Dennoch konnte er seinen Berufskollegen nicht aus seinem Geist drängen. So sehr er es auch versuchte, immer wieder dachte er an ihn und an Naars Auge. Immer schlechter schlief er in der Nacht und heute würde er mit Sicherheit auch keine Erholung finden. Spätestens morgen mussten sie Naars Auge erreichen.

Es wurde allgemein wenig gesprochen. Schwer lag die gewaltige Schlucht auf der rechten Seite des Weges auf den Gemütern. Der träge Marsch ließ nunmehr wenig Freudiges zurück.

Plötzlich riss Garantor den rechten Arm hoch und murrte über die Schulter nur ein dumpfes „Oger!!“

Die wenigen Wortwechsel verstummten, und die Mannen blieben ruckartig stehen. Bis auf Meisterlich. Er hatte wohl nichts gehört und fuhr stetig weiter. Mauran Falkenflug war einer der Hintersten im Trupp. Gerade hatte er sich noch mit Brand unterhalten. Nun lief er behände die wenigen Fuß zu Meisterlich, zerrte an den Zügeln der Maultiere und gab dem Händler ein Zeichen, dass er sich ruhig verhalten solle. Meisterlich erschrak, riss die Augen panisch auf. Seine Gesichtszüge erstarrten. Er verstand jedoch, um was es ging und bremste die murrenden Tiere mit festem Ruck ab.

Dann lief Mauran nach vorne, an die Seite Garantors.

Der Zwerg stand einfach da, schnüffelte in der Luft und blickte konzentriert geradeaus. Alles war ruhig. Keiner sprach. Alle sahen nach Norden und versuchten etwas zu erkennen.

„Verdammtes Biest ... ich sehe dich“, raunte Garantor und richtete den Zeigefinger nach Norden, auf einen Punkt, den außer ihm wohl keiner ausmachen konnte. Das weite Land schien bis zum Horizont nichts als ein paar Felsen und einige wenige hagere Fichten zu beherbergen. Mauran blickte konzentriert nach Norden. „Wie viele an Zahl zeigten sich euch?“

Der aristokratische Zungenschlag Maurans schien genauso fehl am Platz, wie die Schnörkel und Strickmuster an seiner Kleidung.

Garantor antwortete zögernd, jedoch keineswegs unsicher: „Es ist einer ... nur einer. Er ist ausgewachsen.“ Der Zwerg hob seinen Kopf ein wenig mehr in die Höhe, schnüffelte erneut. Kurz darauf sprach er weiter: „Ein Mann. Und wenn ich meinen Augen trauen kann, sitzt er einfach nur da, hinter einem Felsblock. Ich kann nur den Schädel erkennen. Er überragt den Fels.“

Mehrere Mannen standen um Garantor herum. Ein jeder wusste um seine gute Nase in Bezug auf Oger und an seiner Sehschärfe hatte schon längst keiner mehr Zweifel.

Cebrid hatte seinen Zweihänder aus der Scheide gezogen und lehnte sich leicht auf ihn. Offensichtlich wusste er nicht recht, was zu tun war, oder was er sagen sollte. Ähnliche Gesichtsausdrücke waren in so manchem Antlitz festzustellen. Der Wind änderte leicht die Richtung. Garantor senkte seinen Kopf wieder auf normale Höhe und drehte sich zu Mauran Falkenflug. Mit der Rechten kratzte er sich am Bart während er sprach: „Verdammt! Was sucht ein einzelner Oger hier? Was macht er einen halben Tagesmarsch von seinem verdammten Sumpf entfernt?“

Von hinten meldete sich Brube: „Ich wette, der fette Trottel hat sich verlaufen.“ Ein kindliches Grinsen lag auf seinem Gesicht und mehrere Männer konnten sich ein bescheidenes Lächeln nicht verkneifen. Kurz blickte Garantor nach hinten, und sah grimmig in Brubes Augen. So schnell wie das Lächeln gekommen war, verschwand es wieder.

„Verdammt ...“, murmelte der Zwerg nochmals. Cebrid hatte nun genug gegrübelt. „Du bist sicher, dass es nur einer ist?“, hakte er nach.

Garantor antwortete schnippisch: „Du meinst die Frage ernst, oder?“

Verlegen kratzte sich Cebrid an der linken Wange. „‘tschuldigung ... ich versteh‘ bloß nicht, was ein Oger allein so weit im Süden tut. Ich dachte halt, ich frag nochmal ... Hätte ja sein können ...“

Cebrid sprach nicht mehr weiter. Wozu auch? Nichts Treffliches wollte sich in diese unsichere Ausführung einschleichen.

Thef kam lautlos heran und stand auf einmal unbemerkt vor Garantor. Er war nur um weniges größer als der Zwerg und blickte ihm auf gerader Linie in die Augen, als er sprach: „Wo liegt das Problem? ... Gehen wir und schlachten das Schwein!“

Garantor schien diesen Plan als befriedigend zu erachten. Zustimmendes Nicken und geschürzte Lippen zeugten von seinem Einverständnis. „Guter Plan“, sagte er, und fügte nach kurzer Pause noch hinzu: „Ich hab zwar keine Ahnung was der Oger da macht, aber er ist alleine ... und er hat es nicht verdient zu leben!“

Garantor gab Anweisung, den Oger einzukreisen und ihn in die Zange zu nehmen. Mauran Falkenflug marschierte mit seinen Leuten zur Rechten und Cebrid zur Linken des Zwergs. Brand befand sich mit seinen Bogenschützen direkt hinter Garantor und prüfte während des Marschs einige Pfeile. Meisterlich fuhr ein Stück hinter seinen Söldnern. Hier war er sicher, so hoffte er wenigstens. Es war allgemein bekannt, dass Oger einfach blindlings angriffen, wenn sie auf andere Lebewesen des Landes trafen. Egal ob es Tod oder Sieg bedeuten sollte. Zielsicher führte Garantor seine Leute voran. Der Fächer seiner kleinen Armee wurde immer breiter. Immer weiter zogen sich die Söldner auseinander und immer näher kamen sie ihrem Ziel.

Das Rasseln der verschiedensten Rüstungen lag in der Luft und ließ sich weithin vernehmen. Kräftig schnaubte Zrak durch seine Nüstern, spannte seinen breiten Nacken und lockerte die Muskeln wieder. Die Männer waren bereit und immer näher kam der Felsblock, hinter dem der Oger sich verbarg. Sie waren noch ein gutes Stück entfernt, als das gewaltige Wesen sie bemerkte und aufschrak. Mit dumpfem Grollen rappelte der Koloss sich auf die Füße und sah sich um. Schnell erblickte er seine Gegner. Er ballte die wulstigen Fäuste und brüllte, was sich eher wie grollender Donner anhörte. Sein riesiges Maul war weit aufgerissen, sein ovaler Schädel leicht nach vorne gebeugt. Die breite, unbehaarte Brust des über zweieinhalb Schritt großen Ogers hob und senkte sich mit seinem dumpfen Gebrüll. Man konnte nicht wirklich von einem muskulösen Monster sprechen, wenn man dieses Wesen genauer ins Auge fasste. Viel mehr schien er wie ein viel zu großer Mensch. Fett, mit wahrlich dummem Gesichtsausdruck, spärlichem Haarwuchs und vereinzelten schrägen Zähnen im weit offen klaffendem Maul. Ein Schimmer von Intelligenz war jedoch in den milchigen Augen zu erkennen. Gehüllt in ein vor Schlamm stehendes Bärenfell, stand er da. Stinkend und schmutzig. An einem Gürtel aus geflochtenem Hanf hing eine verschwindend kleine Keule, verglichen mit der Größe des Ogers.

Entschlossen brummte Garantor in seinen Bart. Plötzlich jedoch geschah etwas, mit dem wohl keiner gerechnet hatte. Der Oger wand sich um in Richtung Norden, Richtung Naars Auge und fing an zu laufen.

Garantor traute seinen Augen nicht, schrie: „Verdammt, was soll das? ... Brand!!!“

Der alte Schütze hatte schon längst verstanden und feuerte mit seinen Mannen eine Salve auf den fliehenden Oger ab. Keiner der vier Schützen konnte einen Treffer landen. Zu groß war die Entfernung.

„Nochmal! Verdammt schießt!!!“, brüllte der Zwerg. „Der scheucht uns den ganzen Sumpf auf! Lasst ihn nicht entkommen!!“

Während der Anführer brüllte, flog die zweite Salve über seinen Kopf hinweg in Richtung des sich entfernenden Ogers. Vergebens. Wütend schnallte Brube seine Hellebarde wieder auf den Rücken und knurrte: „Den hol‘ ich ein, wenn du willst ...“

Garantor gestikulierte mit beiden Händen, während er seine Befehle gab: „Cebrid und deine Leute, Brand und der Rest der Schützen bleiben hier mit mir beim Händler.“ Daraufhin wandte er sich an Mauran Falkenflug: „Du ... Falke, verfolgst mit dem Rest den Oger. Du musst ihn einholen. Wer weiß, wo in dem verdammten Sumpf seine Sippe haust!!“

Schon rannten sie los, mit wildem Geschepper und Kampfgebrüll. An Thef hatte Garantor keinen Befehl gerichtet. Er war neben dem Zwerg geblieben. Sie waren wohl beide der Ansicht, dass eine Verfolgungsjagd dieser Art nicht zu seinen Aufgaben gehörte.

„Verdammt, verdammt ...“, brummte der Zwerg und überdachte noch angespannt die Situation. Er machte sich Gedanken darüber, ob er die vier Bogenschützen, oder wenigstens zwei von ihnen, mit dem Verfolgungstrupp hätte mitschicken sollen. Bald hatte er diesen Gedanken jedoch verworfen. Zum einen hatte der unmittelbare Schutz des Händlers oberste Priorität und zum anderen waren Oger recht plump. Nicht schnell genug, um den menschlichen Streitern entrinnen zu können. Kurz blickte er auf Meisterlich. Der schien zwar nervös, aber anscheinend hatte er sich unter Kontrolle.

Grimmig packte Cebrid seinen Zweihänder in die Scheide. Ebenso wie die anderen Männer war er enttäuscht und nervös. Nervös, weil er um ihrer aller Sicherheit bangen musste und enttäuscht, weil er hierbleiben musste, anstatt seinem Bruder zur Seite zu stehen. Dennoch stellte er Garantors Einschätzungsvermögen nicht infrage. „Marschieren wir weiter?“, fragte er schnell. Sein Drang voranzukommen war offensichtlich.

Mit der Rechten gab Garantor das Signal zum Aufbruch. So schnell es der schwere Händlerwagen zuließ, setzten sie die Reise fort. Etwas später kam Brand zu Garantor und entschuldigte sich für sein Unvermögen und dem seiner Männer. Freundschaftlich entgegnete der Zwerg: „Hör auf Brand. Für solches Gewäsch kennen wir uns schon viel zu lange. Vergiss es einfach.“

Der verständnisvolle Tonfall Garantors beruhigte Brand sichtlich.

Nach kurzer Zeit war der Verfolgungstrupp sogar für die geschärften Sinne des Zwergs außer Sichtweite geraten.

Thef grübelte die ganze Zeit vor sich hin und schritt lautlos aus, als sei er ein Schatten. Irgendwann äußerte er seine Gedanken an Cebrid gerichtet: „Glaubst du, das war ein Späher oder irgendwas in der Richtung? Ich meine … warum sonst sollte ein Oger weglaufen? Oger laufen nicht weg ... niemals!“

Cebrid sah Thef nur mit verdutztem Gesicht an, als habe ein derartiger Gedanke keine Antwort verdient.

Fest in seinen schwarzen Mantel gehüllt, richtete Thef den Blick nach vorne und verwarf diese irrwitzige Vorstellung.

Schwerer Atem und klatschende Stiefel erfüllten die Luft unter der ruhigen Nachmittagssonne. Mauran Falkenflug hatte nur eine ungefähre Ahnung davon, wie weit sie nun wirklich von Naars Auge und dem Toten Sumpf, in dem die Oger lebten, entfernt waren. Recht viel mehr als ein halber Tagesmarsch konnte es jedoch nicht mehr sein. Immer breiter wurde die Schlucht zur Rechten der Mannen und wirkte immer kolossaler und bedrohlicher.

Nichts war mehr vom Kampfgebrüll der mutigen Verfolger zu hören. Ja selbst Brube sparte sich seinen Atem für den anstrengenden Dauerlauf. Zu schnell und ungestüm waren sie dem vermeintlich langsamen Oger hinterhergestürmt. Der Oger bewegte sich noch immer mit großem Abstand vor seinen Verfolgern und schien nicht langsamer zu werden. Konstant und eigentlich zu behände für seine wuchtige Gestalt, schritt er aus. Die Mannen rannten schon ein beachtliches Stück des Nachmittags und mehrere unter ihnen würden dieses Tempo nicht mehr länger durchhalten, geschweige denn in der Lage sein, schneller zu laufen, um den Oger endlich einzuholen.

Mauran Falkenflug war sich dessen durchaus bewusst und es lag an ihm, eine Entscheidung zu treffen. Er selbst rannte ganz vorne und gab zusammen mit dem unermüdlichen Zrak das Tempo an. Des Öfteren blickte er sich um, nach denen die hinter ihm folgten und versuchte abzuschätzen, wie viele von ihnen ein schnelleres Tempo durchhalten würden.

Mauran selbst hatte mit der momentanen Geschwindigkeit aufgrund seiner sehnigen Statur und den wenigen leichten Rüstungsteilen, die er trug, kein Problem. An Zrak verschwendete er gar keinen Gedanken. Mauran war überzeugt, der Minotaur würde auch mit der doppelten Geschwindigkeit fertig werden. Leicht sarkastisch dachte er bei sich ‚in der Tat … ein Stier ist er ...‘

Der schwere Atem Brubes drang konstant an Maurans Ohr. Dennoch würde Brube es schaffen. Und sei es nur, weil Mauran nicht glauben konnte, dass diesen Mann irgendetwas aufhalten könnte.

Die jungen Rekruten Kalad und Klai waren leicht gerüstet und beide schienen den Strapazen standzuhalten. Veoen, einer der jüngsten im Trupp, trug einen leichten Plattenpanzer. Sein roter Kopf und der unregelmäßige Atem würden ihn bald zum Aufgeben zwingen. Auch Ypek und zwei weitere Männer atmeten schwer und fingen schon an zurückzufallen. Der letzte der zehn Verfolger war Dimite. Er war soeben stehen geblieben. Mit der einen Hand stützte er sich schwer auf sein rechtes Knie. Speichel rann ihm über den Bart. Gänzlich verausgabt, hob er die linke Hand in Richtung seiner Gefährten, als wolle er sich entschuldigen. Außer Mauran hatte noch niemand bemerkt, dass Dimite zurückgeblieben war und Dimite selbst fand sich wortlos damit ab. Mauran hatte an Dimites Haltung erkannt, dass es ihm unmöglich war, weiter zu laufen, ja sogar unmöglich, durch seine überforderten Lungen ein Wort der Entschuldigung zu pressen.

‚Fünf Mann bleiben übrig‘, dachte Mauran. Kurz machte er sich noch Gedanken darüber, ob sie den Oger überhaupt einholen würden, über den Druck, der ihn zwang, mit lediglich vier weiteren überanstrengten Kriegern gegen dieses Monster anzutreten, über die Gefahr, die unweigerlich aus dem Sumpf bei Naars Auge auf sie niederbrechen musste, sollten sie den Oger nicht stellen.

Es musste sein. Mauran wusste es. „Wir müssen unser Tempo erhöhen! … So wir das Untier ... einholen wollen … Zrak ... gebt das Tempo an. Alle die es schaffen, folgen ... Der Rest trifft uns im Kampf ...“

„Gut!“, sagte Zrak und zog dabei mit Nachdruck Luft in seine Lungen.

Mehr war nicht zu sagen. Unverzüglich beschleunigte er seinen Schritt und die anderen zogen nach. Es dauerte nicht lange, bis Veoen aufgab. Ohne ein Wort reduzierte er seinen Lauf auf ein langsames, fast qualvolles Gehen. Die Überanstrengung und der Schmerz waren in sein Gesicht geschrieben. Er sank auf die Knie. Sie platschten in den schweren Schlamm und Veoen rang um Atem.

Nur langsam näherten sich die Recken dem immer noch gleichmäßig vorankommenden Oger. Zu langsam. Ebenso wie die Anstrengung des Laufens, war den Männern die Verwunderung über diesen Oger ins Gesicht geschrieben. Zu schnell und vor allem konstant war er für sein Volk. Außerdem würde ein Oger eigentlich nicht die Flucht ergreifen. Dieses Volk hatte keine Vorstellung von Strategie, Übermacht oder Unterzahl. Es ging lediglich um den Kampf und um das Töten. Auch wenn dies den eigenen Tod bedeuten sollte.

Die Zeit verstrich und der Nachmittag wand sich gen Abend. Bald würde die Sonne versinken und alles würde sich noch um einiges schwieriger gebaren. Wie es Mauran vorausgesehen hatte, waren sie nur noch zu fünft. Einer nach dem anderen musste aufgeben und immer noch war der Oger ein gutes Stück entfernt. Zudem war Mauran seit einiger Zeit bewusst, dass die anderen sie nicht mehr einholen würden. Jedenfalls nicht, bevor der Kampf entschieden war.

Mit einem feinen Spitzentuch fuhr sich Mauran des Öfteren über die Stirn. Verschwitzt und voller Schlamm trieb er sich weiter voran. ‚Was würde Garantor wohl machen?‘, dachte er bei sich. Nach kurzem Nachdenken wusste er es und trotz der Anstrengung konnte er sich ein angedeutetes Lächeln nicht verkneifen. ‚Fluchen ... Garantor würde einfach nur fluchen‘. Diese Erkenntnis brachte Mauran zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich weiter. Dennoch kreisten seine Gedanken um den Zwerg und sein notorisches Fluchen. Kurz darauf jedoch kam der Geistesblitz, auf den Mauran wartete. ‚Fluchen ... Ärgern ... Zorn ...‘

Das war es! Händeringend sammelte er Atem, formte abgehackte Worte: „Zrak, bringt den Oger zum Stehenbleiben. Macht ihn wütend! Ihr müsst es schaffen. Ihr könnt ihn einholen, auf ein paar Schritt ... er wird euch töten wollen. Kein Oger könnte dieser Verlockung widerstehen ... so können wir an ihn herankommen. Ihr weckt seine Instinkte!“

Die kugelrunden Augen des Minotaurs stierten fragend auf Mauran Falkenflug, während er seinen Plan schilderte. Nun verstand Zrak und schnaubte belustigt. So etwas wie ein tierisches Grinsen entblößte seine stumpfen Mahlzähne. Zraks schwerer Brustkorb hob und senkte sich kaum mehr als bei einem Spaziergang und mit den Worten „Die Kinder Naars haben viel Phantasie“, rammte er seine Hufe noch fester in den Matsch und beschleunigte seinen Lauf in Richtung Norden.

Mauran atmete innerlich auf. Er hatte befürchtet, Zrak würde ablehnen. Jeder Mensch würde diese Aufgabe als Selbstmordkommando ansehen. Einen Oger alleine verfolgen und ihn ärgern, bis er dich zerfleischt. Im Nachhinein erschien ihm der von ihm selbst gefasste Plan verrückt, aber was sonst sollte er machen?

Zwischen zwei schweren Atemzügen röchelte Brube: „Der macht das ...“ Mit nachdrücklichem Nicken unterstrich er seine Überzeugung.

Mit geblähten Nüstern stampfte der bullige Minotaur voran, wobei ihm der schnelle Lauf weniger Probleme bereitete, als das Finden einiger beleidigender Worte. Das war irgendwie nicht das Ressort der “suchenden” Stiermenschen.

Mit stetem Lauf und donnernden Hufen näherte er sich dem schwer atmenden Oger. Als Zrak bis auf einen Steinwurf an seinen Gegner herangekommen war, bemerkte ihn der Verfolgte. Der Oger schnaubte wütend, was sich aber eher wie ein Röcheln nach Luft anhörte. Speichel triefte ihm aus dem riesigen Maul. Kurz drehte er seinen Schädel, blickte nach hinten und brüllte eine kurze Warnung: „Kaal sagen!! Nicht kämpfen! ... Nicht töten ... Geh weg ... Weg!“

Der Oger setzte seinen Weg fort, lief mühsam, aber konstant. Schwer spritzte der Matsch bei jedem Schritt zur Seite. Ebenso schwer wie sein massiger Körper erzitterte und bebte.

Auch Zraks Mund öffnete sich ... stand kurz offen und schloss sich wieder. Es passierte nichts. Die beiden liefen einfach, konstant und gleichmäßig. Wieder schien es, als wolle Zrak etwas sagen. Seine stumpfen Zähne waren kurz zu sehen, dann jedoch schloss er erneut den Mund, ohne einen Laut von sich zu geben. Unveränderlich und monoton hob und senkte sich die Brust des Minotaurs, obwohl nun auch bei ihm Anzeichen von Erschöpfung zu sehen waren. Der Schweiß rann ihm über die breiten Stierbacken und gelegentlich drang ein tiefes Grunzen aus seinen Nüstern. Er würde das Tempo des Ogers halten, aber das war nicht seine Aufgabe.

Etwas musste passieren, und so war es dann auch. Verbal fand sich nichts Passendes in seinem Geist. Doch konnte er diese Lücke auf andere Weise schließen. Im Lauf bückte sich Zrak und packte einen faustgroßen Stein mit der Rechten, holte weit aus und warf ihn mit aller Wucht nach seinem Gegner. Platschend und schlitternd ging der Stein neben dem Oger nieder. Jener strauchelte kurz und schien in seinem trägen Hirn etwas abzuwägen, rannte dann jedoch weiter.

Laut schnaubte Zrak, brüllte vor Ärger und fand in sich endlich passende Ausführungen. „Verdammtes Ogerschwein! Ich dachte, dein kranker Schöpfer hat dich zum Töten verdammt. Derweil fliehst du deinem Schicksal. Es scheint, Grors Schöpfung ist noch bemitleidenswerter, als er uns glauben machen wollte!“

Das Schreien war sehr anstrengend und zeigte dennoch keine Wirkung. Noch einmal griff Zrak einen Stein aus dem Lauf. Mit Schlamm bedeckt und ein wenig größer als der vorherige, lag er unausgewogen in der wuchtigen Hand des Stiermenschen. ‚Ein wenig näher‘, dachte Zrak bei sich und näherte sich dem Oger auf kaum fünfzehn Schritt. Nun galt es. Geräuschvoll atmend fasste er den schweren Stein mit beiden Händen, zog ihn dann, in der Rechten liegend nach hinten und schleuderte den Brocken mit all seiner Kraft nach vorne.

Mit einem schmerzerfüllten „Wraaahh!!“, blieb der Oger stehen. Der Stein hatte ihn am Rücken getroffen. Wenn auch keine wirkliche Verletzung entstanden war, schien das Ungetüm nun seinen Instinkten nicht länger Herr. Es drehte sich dröhnend prustend um. Die Wut schien das wenige an Intelligenz, welche dem Oger innewohnte, ausgelöscht zu haben. Er brüllte. Wie Donner rollte sein Schrei über die aufgeweichte Öde. Weit riss er die Arme auseinander und bot seine gewaltige Größe gegen den Verfolger. Speichel triefte ihm aus dem Maul und die massige Brust hob und senkte sich, stockend und zuckend vor Wut. Seine Linke fuhr an sein Becken, wo sich die einfache Holzkeule aus Buche befand. Krumm, voller Dellen und Risse, hing sie nicht länger, sondern befand sich nunmehr in seiner linken Hand. Sein groteskes Brüllen zeugte von unstillbarem Hass, welcher dieses Wesen in Besitz genommen hatte. Der Oger warf sich nach vorne, die Keule hoch erhoben. Schlamm spritzte nach allen Seiten, doch seine Schritte waren sicher und zielstrebig.

Zrak hatte wenig Zeit zu denken. Mit der Rechten packte er die schwere Streitaxt, die auf seinen Rücken geschnallt war, riss sie über seinen Kopf hinweg vor sich und fasste sie fest mit beiden Händen. Er schnaubte noch einmal, verzog entschlossen die Miene. Seine Mahlzähne bleckten auf und er stürmte auf seinen Gegner zu.

„Verdammt“, keuchte Brube „Wir müssen uns beeilen!“

Mauran Falkenflug hatte nichts Besseres zu entgegnen, als ein abgehacktes „In der Tat ...“

Die kleine Gruppe mühte sich voran. Das Kampfgebrüll des Ogers war bis zu ihnen gedrungen, obwohl sie noch gut dreihundert Schritt zurücklagen. Lediglich schwache Umrisse der zwei kämpfenden Kreaturen waren in der Dämmerung zu erkennen. Kalad keuchte lautstark, unkoordiniert kamen seine Füße ihrer Arbeit nach. Unbarmherzig zerrte der spritzende Schlamm der aufgeweichten Erde an den Reserven der vier entkräfteten Verfolger. Die Schatten der vereinzelten Sträucher und Bäume waren bereits weit länger als ihre Erzeuger. Jeder Schritt schien ewig zu währen. Atem holen und weiterlaufen, nichts weiter zählte. Die Sonne glich einer riesigen Sanduhr, entleerte sich langsam hinter einem kleinen Hügel, wollte vom Versagen der Mannen künden.

Grunzen und Schnauben von Oger und Minotaur war zu hören. Gelegentlich ein Brüllen oder das Klatschen einer Waffe auf dem Matsch. Die Umrisse der beiden waren nun gut zu erkennen. Sie standen sich gegenüber, suchten nach der richtigen Attacke, dem finalen Hieb.

Es schepperte. Kalads Kettenrüstung und Scheide rieben unmelodisch aneinander, als er vornüber in den Schlamm fiel. Zu träge waren seine Beine, wollten oder konnten dem kleinen Stein im Schlamm nichts entgegenhalten und versagten ihren Dienst.

‚Vier‘, dachte Mauran bei sich, während er tief Atem holte.

Ohne ein Wort zu verlieren, beschleunigte Brube seinen Lauf zu einem Sprint, ignorierte seinen Körper, zwang ihn zu jeder erforderlichen Anstrengung. Sollte es noch etwas zu kämpfen geben, würde er da sein. Egal ob er dann noch die Kraft dazu hatte, oder nicht. Seine Hellebarde hatte Brube schon vor einiger Zeit vom Rücken geschnallt. Der lange Schaft hatte ihn beim Laufen behindert. Er hielt sie fest umschlossen in seiner Rechten, gleich oberhalb des schweren Blattes. So ragte die Waffe weit hinter ihn zurück und wiegte sich im Lauf. Mauran und Klai folgten dichtauf. Beide zogen im Laufen ihre Waffen. Die Arme überkreuzt, zog Mauran Dolch und Degen bester zwergischer Machart, aus seinem so dezent wie kostbar verzierten Gürtel. Feineres oder teureres Stahl gab es nicht. Weit weniger wertvoll war die Ausrüstung des jungen Klai. Ein ausgewogenes Langschwert in der Rechten und einen kleinen Rundschild aus gehärtetem Eisen in der Linken. Dennoch machte er einen stolzen Eindruck. Entschlossen und kampfbereit, wenn auch schweißüberströmt, mit stechendem Schmerz in der Brust. Die Zuversicht der Jugend und das Vertrauen auf seine Gefährten lagen blitzend in seinen kastanienbraunen Augen.

Zrack spannte seine Muskeln und warf sich zur Seite. Mit dumpfem Krachen ging die schwere Keule neben ihm nieder. Es war nicht das erste Mal, dass er einem dieser wuchtigen Hiebe gerade noch ausweichen konnte. Sein rechter Arm hing schlaff an seiner Seite. Die schwere Doppelaxt lediglich mit der Linken führend, hielt er die Stellung, mehr schlecht als recht.

Entkräftet rappelte er sich auf, um die nächste Attacke abzuwehren. Surrend sauste die Keule eine Handbreit vor seiner flachen Stirn vorbei. Als Rechtshänder konnte Zrak nicht viel mit der schweren Waffe in der Linken anfangen, doch er hatte keine Wahl. Mit der ihm verbliebenen Kraft, führte er eine schwere Gegenattacke. Er drehte sich im Kreis, nach links verlaufend, die schwere Waffe in der horizontalen, am hintersten Ende des Schaftes gepackt. Mit dem Gewicht seines Körpers und der Wucht der Fliehkraft, krachte die Axt mit dem vollem Blatt gegen Hand und Keule des Ogers, welche jener gerade zurückzog, um eine neue Attacke zu starten. Laut heulte der Getroffene auf. Die Keule flog mehrere Schritt nach hinten. Der Oger blickte auf seine verletzte Hand, dann auf Zrak. Mit aller Gewalt brüllte er und breitete die Arme aus, wobei er seine getroffene Linke zur Faust ballte und wieder öffnete, wohl um sich zu versichern, dass sie noch einsatzbereit war. Kurz schien es, als wolle er sich auf den Minotaur werfen. Dann jedoch blickte er an ihm vorbei auf Brube, der wie ein wilder Büffel angerannt kam, dicht gefolgt von Klai und Mauran.

Schnell wand sich der Oger um. Mit einem weiten Satz war er wieder bei seiner Keule und ergriff sie ungeschickt mit seiner tauben Hand. Dann richtete er sich auf, brüllte seinen Hass gegen seine Gegner laut heraus, griff jedoch nicht wieder an. Erschöpft stand er da, brüllte und keuchte abwechselnd, massierte mit der Rechten seine Schlaghand und schöpfte Atem.

„Haltet ... ein!! ... Brube!!“, rief Mauran stockend. „Die Zeit ... arbeitet nun für uns ... Haltet ein ...“ Wenn man sich den ansonsten gutaussehenden Mann näher anschaute, konnte man nachvollziehen, was er eigentlich sagen wollte. Komplett außer Atem stolperte Brube heran, die Miene verzogen, schweißüberströmt und vom Schlamm besudelt. Gefolgt von Klai, der keineswegs einen besseren Eindruck erwecken mochte. Zudem hielt er sein Schild bedenklich niedrig in der kraftlosen Linken, so, als könne er es nicht mehr länger tragen.

Dermaßen geschwächt in den Kampf zu gehen, war keineswegs ratsam. Dieser Oger würde hier seinem Leben entsagen. So oder anders. Doch lag es nicht im Interesse Maurans, Verletzte, oder gar Gefallene zu beklagen.

Brube war nie ein Mann von Vernunft. Zu diesem Zeitpunkt jedoch geschwächt genug, um Mauran Gehör zu schenken. Er wurde langsamer und kam keuchend neben Zrak zu stehen, legte die Hände auf die Knie und rang nach Atem, ohne jedoch den Oger aus den Augen zu lassen.

Würde ein unbeteiligter das Szenario erblicken, mochte er wohl lachen oder weinen. Beides schien in gleichem Maße angebracht. Der Oger und seine Verfolger standen sich gegenüber. Alle schwitzend, dreckig und keuchend. Keiner schien irgendetwas anderes zu tun, als nach Atem zu ringen. Abgesehen von Zrak und dem Oger selbst. Die massierten zusätzlich ihre verschiedenen Quetschungen und Prellungen. Ja selbst die Götter würden wohl voller Unverständnis auf dieses Szenario blicken.

„Gror soll dich holen, Kaal ... Wrahhh ...“, raunte der Oger nun, mehr zu sich selbst, als zu sonst jemandem. Sein träges Gehirn schien mit sich selbst zu ringen. Die Gefährten hatten dafür wenig Interesse. Zu sehr waren sie mit sich selbst beschäftigt.

Es war Mauran, der die Initiative ergriff. Er bewegte sich nach rechts, langsam, kräfteschonend, doch bestimmt und wachsam. Klai folgte seinem Beispiel und wich nach links aus. Zrak schüttelte den Schädel, knurrte wütend und versuchte, seinen rechten Arm zu bewegen. Einen Schmerzensschrei unterdrückend, unterließ er seine Anstrengungen und blickte zu Brube. Nur kurz trafen sich die Augenpaare der beiden Waffenbrüder. Brube verstand, brachte sich in die Senkrechte und fasste seine Hellebarde fest mit beiden Händen. Nun rappelte sich auch Zrak träge auf. Unsicher stampfte er seine Hufe in den spritzenden Untergrund. Fast kampfunfähig aber zu allem bereit, fasste er die Axt fester mit der Linken und ließ sie in weiten Kreisen um seinen Kopf wirbeln.

„Wrahhhhhhh!!!“, brüllte der Oger. Offensichtlich war er mit der Beweglichkeit seines Schlagarmes nicht zufrieden. Dennoch erkannte er die Zeichen, und wollte zum Angriff übergehen. Kurz blickte er in die Runde und bewegte sich langsam rückwärts, um nicht zwischen drei Fronten zu geraten. Seine Augen fixierten die Gegner. Offensichtlich verfügte er über die Fähigkeit, den Kampf nach gewissen Kriterien einzuschätzen.

Nun ging alles sehr schnell. Er griff nicht einfach blindlings an, sondern warf sich mit wütendem Gebrüll ruckartig nach links, gegen Mauran. Jener erschrak kurz und sprang katzengleich nach links, in Richtung seiner Kampfgefährten, während er einen gezielten Stich mit dem Degen gegen das Knie des Ogers führte. Mit lautem Aufbrüllen stand der nun da, wo sich einen Augenblick zuvor der sehnige Mensch befunden hatte. Er nahm sich nicht die Zeit, die Stichwunde an seinem Unterschenkel zu begutachten, holte weit aus und drehte sich, um Mauran mit einem wuchtigen Hieb zuzusetzen. Der hatte sich jedoch nicht ohne Grund vor Brubes Füße geworfen. Brube hatte schon in weitem Bogen ausgeholt und rammte das Blatt der Hellebarde tief in das Fleisch unterhalb der rechten Schulter des Riesen, noch ehe dieser seinen geplanten Hieb ausführen konnte.

Blut spritzte nach allen Seiten. Schmerzerfüllt heulte der Oger auf. Im gleichen Moment stürmten Klai und Zrak mit Gebrüll los, um dem vermeintlich bezwungenen Gegner den Garaus zu machen. Brube wollte seine Waffe lösen und zog am Schaft, um das Blatt aus dem Fleisch zu befreien. Immer lauter heulte der Oger. Nun klang es jedoch mehr nach Mordlust, als nach Schmerz. Mit seiner monströsen Pranke fasste er den Stiel der Hellebarde, riss sie aus seinem Körper und dann zu sich heran. Brube, ein Koloss von gut hundertfünfundzwanzig Stein, flog förmlich gegen die Keule des Ogers. Mit dumpfem Krachen ging sie auf die ungeschützte Stirn des Hünen nieder. Ohne einen Ton sackte Brube in sich zusammen und löste seine Hände kraftlos vom Schaft der Hellebarde.

In dem Moment als Mauran auf die Füße kam, zischte Zraks Axt an ihm vorbei und rammte schwer das linke Schulterblatt des Ogers. Die Keule fiel ihm aus der Hand, während er brüllte, als wolle er das Erdreich zum Bersten bringen. Nun kam Klai von der Rückseite. „Friss Stahl!“, fluchte er im Kampfrausch und bohrte sein Langschwert in den Rücken der Bestie.

Mauran machte einen Satz zurück, ließ seine Waffen fallen und versuchte, Brube vom Kampfplatz wegzuziehen, jedoch ohne Erfolg. Der leblose Körper seines Freundes war einfach zu schwer. Mauran konnte keinen Halt zu finden, rutschte aus und setzte sich auf den Hosenboden.

„Zrak!!“, rief er noch, dann griff Mauran wieder nach seinen Waffen. Zrak hörte ihn, war aber damit beschäftigt, einen erneuten ungeschickt geschwungenen Angriff gegen den schwer verwundeten Oger zu starten. Der jedoch drehte sich unter Schmerzen zur Seite, wobei er zum einen dem Angriff Zraks ausweichen konnte und zum anderen Klai samt seinem Schwert zu Boden warf. Die Axt des Minotaur, die nun ziellos durch die Luft sauste, nahm ihrem Träger beinahe das Gleichgewicht. Knurrend ließ er die schwere Waffe los. Sie flog ein gutes Stück und landete in einem toten Brombeerstrauch.

Klai kämpfte sich unterdessen ungeschickt auf die Beine. Auch Mauran richtete sich auf, den Dolch in der Linken und den Degen in der Rechten. Zrak hastete zu Brube, um ihn fortzuzerren.

Der Oger stand wackelig auf seinen Füßen und stöhnte vor Schmerz und Wut. Die erbeutete Hellebarde lag nun in seiner Rechten. Sie wirkte trotz ihrer Größe zu zierlich für die mächtige Faust, die sie umschloss. Der Oger holte weit aus, und fixierte Klai. Mit lautem Zischen zerschnitt die Hellebarde die Luft. Der Jüngling sah die Waffe kommen, konnte aber nicht mehr reagieren. Das leichte Kettenhemd, das er trug, war kein ausreichender Schutz. Von links nach rechts riss ihm der gewaltige Streich die Bauchdecke auf.

In der Zwischenzeit hatte Zrak den immer noch reglosen Brube unter großen Mühen ein Stück weggezogen und wand sich suchend in die Richtung, in der seine Axt entschwunden war. Mauran hingegen sprang von hinten auf den Rücken des Ogers, vergrub blitzschnell seinen Dolch im Nacken der Bestie, suchte daran Halt und trieb den Degen auf Brusthöhe durch den Körper des Monsters. Dann sprang er ab, ließ seine Waffen wo sie waren und ging rückwärts in Richtung des schwer getroffenen Brube.

Nichts war mehr geblieben vom Kampfgebrüll der Bestie, außer einem schwachen Gurgeln. Dafür wimmerte Klai umso erbärmlicher, lag hilflos und schwer verletzt auf dem Rücken. Mit abgehackten Atemstößen blickte er auf seinen zerrissenen Bauch und krümmte sich vor Schmerz. Mit der Linken hielt er die Därme in seinem blutüberströmten Körper, mit der Rechten schob er sich stoßweise nach hinten, weg vom sterbenden Oger.

Das Gurgeln des Monsters erstarb. Aber noch immer stand es da, als wäre es überzeugt, nicht zu sterben, so lange es nicht umfallen würde.

„Verdammnis“, keuchte Mauran, „Das Untier wird Klai unter sich begraben!“, rief er so laut er konnte. Dann rannte er auch schon los, um Klai zur Seite zu zerren. Der Minotaur war schon auf halbem Weg zu seiner Axt, drehte sich zum Geschehen und erkannte sofort, was zu tun war. Mit kehligem Knurren setzte er sich in Bewegung. Er beschleunigte seinen wuchtigen Körper so schnell es ging, ignorierte Schmerz und Schwäche, und wurde schneller.

Der Oger fing an zu wanken. Mauran würde bei weitem zu langsam sein. Klai fand einen weiteren Grund zum Winseln. Er weinte mit aufgerissenen Augen vor Schmerz und ob der Gewissheit, dass der Oger auf ihn fallen würde.

Der Oger fiel. Im gleichen Moment rammte ihn Zrak mit aller Gewalt, der er mächtig war, mit seinem ganzen Körper, die linke Schulter voran.

Fast gleichzeitig spritzte der Matsch zweimal neben Klai auf. Der tote Oger ging schwer links von ihm nieder, und der Minotaur lag ein wenig rechts auf dem Rücken und rang nach Atem. Zrak kämpfte um seine Besinnung.

Es wurde still. Klai lag leise wimmernd in seinem Blut. Zrak bewegte sich kaum mehr als Brube, welcher gar nicht zu atmen schien.

Mauran sank auf die Knie. Das alles war zu viel für ihn. Seine Kameraden blickte er nur kurz an, dann begrub er die Hände im Schlamm und weinte. Die Nacht legte sich wie ein Leichentuch über das tote Land. So, als wolle es versuchen, dies Leid zu verbergen.

Irgendwann, körperlich überfordert und mental getroffen, schluchzte Mauran kaum hörbar, verloren zwischen Tränen und Dreck: „Wir ... haben ... wir haben den Sieg errungen …“

Naars Auge
Kapitel 3

Meisterlich war angespannt, wie immer, wenngleich ein Hoffnungsschimmer in ihm keimte. Naars Auge und die erste der drei zu überquerenden Schluchten lag nun in Sichtweite. Sollte er bei deren Überquerung nicht um Gold und Leben kommen, würde er es wohl schaffen, seine Heimat zu erreichen und einen glücklichen Lebensabend zu verbringen. Der Fuhrweg lag ungepflegt und steinig vor ihnen, die gewaltige Schlucht immer noch zu ihrer Rechten. Das Land um das Zentrum der Welt war öde und leblos. Matsch und das damit verbundene Klatschen der Stiefel, waren immer noch die treusten Begleiter der Männer.

Die freundliche Mittagssonne und die Gedanken an seine Familie, wärmten das Herz des alten Händlers. Er dachte an seine Frau und an die beiden Töchter, die sie ihm geschenkt hatte. Sie waren beide schon erwachsen. Wirklich gute Töchter. Die ältere hatte ihn bereits zum Großvater gemacht und er freute sich, seinen kleinen Enkel in den Arm zu nehmen, so er es nach Hause schaffen würde.

Die Stimmung der Söldner war der des Händlers ähnlich, jedoch gedrückt durch den Gedanken an die Verwundeten in ihren Reihen. Klai wurde auf einer Bahre transportiert, abwechselnd getragen von jedem einzelnen der Mannen, abgesehen von Thef und Garantor selbst. Klai hatte die Nacht nur schwer überstanden und lag im Schüttelfrost. Der alte Brand verstand viel von Kräutern und Pflanzen sowie vom richtigen Umgang mit ihnen. Ständig schweiften seine Augen auf der Suche nach frischem Grün umher, aber in dieser Ödnis wuchs nichts, das Linderung schenken konnte. So lag Klai da, in blutgetränkte Verbände gewickelt, mit verdrehten Augen und klappernden Zähnen. Man konnte nichts für ihn tun.

Brube war gegen Morgengrauen aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht. Halb geistesabwesend hatte er nach seiner Hellebarde gebrüllt. Er müsse noch den Oger schlachten, lamentierte er mehrmals. Schon bald jedoch verließen ihn die Nebel in seinem Geist, um Platz für unerträgliche Kopfschmerzen zu machen. Der Hüne war damit beschäftigt zu murren, seine Schläfen zu reiben und den Kameraden zu folgen.

Zraks rechter Arm war immer noch geschwollen und weitgehend gefühllos. Er schnaubte ab und zu seinen Schmerz durch seine zusammengebissenen Zähne in die Welt. Davon abgesehen, befand er sich jedoch in einer guten Verfassung.

Garantor bildete mit Cebrid und Mauran Falkenflug die Spitze der Truppe. Mauran hatte berichtet, was sich zugetragen hatte. Schon seit geraumer Zeit diskutierten der Söldnerführer und seine Flügelführer über das Geschehene. Garantors linke Hand befand sich in seinem Bart, wo sie mit immergleichen Bewegungen das Kinn massierte. Cebrid sprach gerade über das unnatürliche Verhalten des Ogers. Seine schwere Rüstung knarrte währenddessen ununterbrochen. Der massive Zweihänder rieb auf seinem Rücken am schweren Plattenpanzer und unter seinem Stahlhelm zog die ansonsten glatte Stirn Furchen.

Nachdem Cebrid geendet hatte ergriff Mauran das Wort: „Und ich sage euch, dieser Oger war kein schlichter Späher. Geschult schien er mir. Instruiert. Ja gar bewandert in taktischer Vorgehensweise!“

Garantors Geduldsfaden riss, und das nicht zum ersten Mal im Zuge dieser Diskussion. „Niemals! Das glaub ich einfach nicht.“ Seine Rechte vollführte eine wegwerfende Geste in der Luft, während seine Linke immer noch fest in seinem Bart verankert schien.

„Wenn ich es euch sage“, begann Mauran und sprach schnell weiter. „Zrak fand sich kaum in der Lage, das Untier in Rage zu versetzen. Im Kampf selbst, konnten wir den Oger nicht einkreisen. Er wich nach hinten aus und warf sich dann gegen mich, obwohl ich weit zu seiner Linken stand. Den fernsten Gegner stellte ich!“

Durch das Ballen seiner sehnigen Fäuste, verlieh er seinen Worten Nachdruck. Weder Cebrid noch Garantor fielen ihm ins Wort, so sprach er weiter. „Ich schwöre euch: mein alter Lehrmeister, Meister Geb, begann auch bei mir die grundlegenden Regeln der Kampftaktik mit derlei Lehren. Er mahnte mich, den Rücken frei zu halten, überraschende Angriffe zu führen, wenn möglich auf jenen, welcher die Rede, welcher den Kampf anführt.“

Fragend blickte Cebrid Mauran ins Gesicht. Der bemerkte es und erklärte in bestimmtem Ton: „Der Oger hat die Situation eingeschätzt, Überlegungen angestellt und Entscheidungen getroffen. Ich kenne nicht die Gesichtspunkte, nach denen er dies tat, aber ich versichere euch, er hat es getan.“

Die Diskussion währte noch lange. Dies bedeutete aber nicht, dass sie Früchte trug.

Der alte Brand gesellte sich zu Zrak, nachdem er eine Weile an der Seite des zitternden an Klai verbracht hatte. „Geht’s dir gut Zrak?“, fragte er mit nachdenklicher Stimme.

„Macht es einen Unterschied?“, antwortete Zrak trocken.

Leise lachte Brand, und strich sich mit beiden Händen die halblangen, grau melierten Haare aus dem Gesicht hinter seinen Nacken. „Wieso lache ich eigentlich? ...“ sprach er dann weiter, leise, mehr zu sich, als zu sonst jemandem. Die kugelrunden, gelben Augen des Stiermenschen blickten auf Brand, als er antwortete: „Ich wüsste, was ich mit jemandem meines Volkes tun würde, wäre er in dieser Situation.“

Stille herrschte. Brands buschige Augenbrauen zogen sich zusammen. Was wollte der Minotaur ihm sagen? Zrak fügte kein Wort hinzu. Ganz im Gegenteil. Gleichmütig lag sein Blick auf dem alten Waldläufer. Geduldig, aber nicht gleichgültig.

„Er wird sterben ... es gibt keine Hoffnung ...“ Brand war sich nicht sicher, warum er seine Gedanken einfach so offenbarte. Er war sich noch nicht einmal sicher, ob der Minotaur über das gleiche sprach, wie er selbst.

Zrak nickte bestimmt. „So ist es. Wie jeder andere auch, wird er sterben. Seine Zeit ist gekommen, so wie unsere kommen wird. So oder anders, heute oder morgen …“

Wütend antwortete Brand: „Pahh! Bist du ´n Priester oder ´n Stier, dass du solche Sprüche von dir gibst?“

Mit fester Stimme und ohne Emotionen antwortete der Befragte: „Weder noch, mein Freund. Du missverstehst meine Worte. Mir liegt es fern, dich zu beleidigen oder zu belehren. Du solltest wissen, dass wir Minotauren die Dinge anders sehen, als ihr Menschen.“

Brand spuckte aus, und versuchte zu verstehen, was der Gehörnte ihm zu sagen versuchte.

Derweil sprach Zrak weiter: „Jeder stirbt, aber kaum einer, einen so guten Tod wie Klai.“

„Stimmt“, keuchte Brand voller fassungsloser Entrüstung. „Ich würde mich auch freuen, tagelang mit aufgerissenem Bauch auf den Tod zu warten.“

Geduldig schüttelte Zrak seinen Schädel, wobei die schmale Kette aus Bleiringen, die von einem Ohr zum anderen unter seinem Hals hing, leise rasselte. „Noch immer verstehst du mich nicht. Klai focht einen heldenhaften Kampf gegen den Feind des Landes und zudem darf er sterben, wo sein Gott ihn geboren hat.“

Ein Augenblick verstrich, dann fügte er noch hinzu: „Das ist eine große Ehre, so wie ich die Dinge sehe. Werft ihn in das Auge Naars, auf dass er seinem Schöpfer gegenübersteht.“

Brands Blick verlor kein bisschen seiner Entgeisterung.

Zrak sprach weiter: „Wir Minotauren leben, um zu suchen. Menschen leben um zu leben. Also um ihr Leben nach ihrem Gutdünken zu führen und danach zu sterben. Geht es nicht nur darum, wie der Mensch stirbt?“

Brand wollte und konnte das nicht verstehen und wollte sich schon gar nicht um eine Antwort bemühen, welche nun offensichtlich von ihm erwartet wurde. „Pahh ...“, entgegnete er wütend und machte sich von dannen. Wieder an die Seite von Klai, blickte er unentschlossen und nachdenklich auf den zitternden Körper.

Unverstanden wollte Zrak mit den Achseln zucken, nur um schmerzlich an seinen verwundeten rechten Arm erinnert zu werden. Getroffen schnaubte er, und rieb sich die Schulter mit dem gesunden Arm. In Gedanken versunken, hatte er gar nicht bemerkt, dass sie bereits bei Naars Auge angelangt waren.

Garantor hatte angeordnet das Lager hier aufzuschlagen, obwohl die Nachmittagssonne noch mehrere Stunden Licht spenden würde. Es war nicht ratsam, zwischen den Schluchten zu lagern, welche zur Nordseite von Naars Auge führten. Im Falle eines Zusammentreffens mit Ogern, wären sie zwischen den Brücken gefangen. Auszuweichen und eine geeignete Position für einen Kampf zu finden, war dann kaum möglich. Es war das Beste, an einem Tag wenigstens zwei der drei Brücken zu überwinden, die im Halbkreis um das Auge der Welt herumführten. Auf diese Weise mussten sie nur einmal innerhalb der Übergänge lagern.

Wasser machte die Runde und ein paar Stücke trockenes Brot. Nur wenige blieben beim Lager. Vor allem die Jüngeren eilten ehrfurchtsvoll an den ewigen Abgrund, den die Menschen Naars Auge getauft hatten. Auch Zrak begab sich dorthin. Obwohl er hier schon einige Male vorbeigezogen war, konnte er nicht davon ablassen, das gewaltige Loch in der Welt selbst zu bewundern. Wie immer blickte er weit in die Ferne und versuchte, am Horizont das Ende der Leere auszumachen. Dann stellte er sich an den Rand der senkrecht abfallenden Schlucht und blickte hinunter. Ein roter Punkt war trotz des Nebeldampfes unendlich tief zu erkennen, der schwache Geruch von Schwefel wahrnehmbar. „Naar sieht uns an“, sagte er voller ehrfürchtiger Bestimmtheit. Ohne ein Wort der anderen um sich, war er sich ihrer Zustimmung dennoch sicher.

Ein kleines Stück entfernt im Nordwesten, lag die erste Brücke, die Naars Auge passierbar machte. Gut zweihundert Schritt lang, zog sie sich wie eine Narbe über die Schlucht, welche sich, so schien es, unendlich weit nach Westen reckte. Mitten in das unwirtliche Moor und Sumpfgebiet, in dem das Volk der Oger lebte. Vor langer Zeit errichtet, sah die schwere Brücke nicht sonderlich vertrauenerweckend aus. Zu weiten Teilen mit Moos bewachsen, lag sie lautlos im windstillen Herbsttag. Schwere Ketten aus faustgroßen Eisenringen, trugen die Planken aus eisenbeschlagener, fester Eiche. Sie schienen seit längerem nicht gewartet. Braun-grüner Rost war an einigen Stellen zu sehen. Auch die Planken selbst hatten ihre besten Tage offensichtlich hinter sich. Gut zwei Schritt breit und fast einen Fuß dick, waren sie doch alt und zeugten betroffen vom feuchten Klima und der Ermangelung an Pflege und Reparatur.

Salzheim hatte eine lange Blüte erlebt, da ihre Bewohner die ersten und bis vor Kurzem die einzigen waren, die um die Kunst der Salzgewinnung aus dem Meer wussten.

Die wirtschaftliche Stellung als Salzlieferant für Naars Zweifel, der Menschen im Süden und der anderen Völker, war jedoch praktisch ausgelöscht, seit sich mehrere Salzsiedlungen am Südmeer gebildet hatten.

Seither lebte die einstmals prunkvolle Nord-Stadt hauptsächlich von dem, was sie von den Barbarenstämmen im Osten erhandeln konnte und weiter vertrieb. So war es bald um Wohlstand und Ansehen geschehen. Schon seit mehr als hundert Mondwechseln wollte niemand mehr die Aufgabe übernehmen, die Brücken zu warten. In Salzheim hatte man andere Sorgen und die Menschen-Hauptstadt und die Siedlungen im Süden rechtfertigten sich einfach damit, dass dies schon immer die Aufgabe der Salzheimer war und auch bleiben sollte.

Die Zeit verstrich langsam, die Stimmung war gedrückt. Kein Feuer brannte, um die Mannen zu wärmen. Rauch könnte Aufmerksamkeit erregen. So bereitete sich jeder auf eine unangenehme Nacht vor, so gut er eben konnte. Manche saßen in kleinen Gruppen zusammen. Die jungen Schwertkämpfer Ypek und Bloj hatten sich zu ihrem Freund Klai gesellt, der immer noch zitternd dalag. Brand legte gerade einen frischen Verband an, und schürte danach aller Vorsicht zum Trotz ein kleines Feuer, um Wasser zu erwärmen. Garantor hatte es stumm gebilligt, da es noch hell war. Wenngleich sinnlos, wollte er Brand nicht seinen guten Willen verbieten. So standen die Jünglinge bedrückt und hilflos neben dem alten Waldläufer. „Kannst du ihm helfen?“, fragte Ypek schließlich, obwohl er sich vor der Antwort fürchtete. Brand sah nicht auf und legte ein kleines Scheit des halbtrockenen Holzes nach, welches er unterwegs von einem abgestorbenen Walnussbaum abgerissen hatte. „Tja ... Sein Inneres scheint in Ordnung, obwohl ich das nicht so genau feststellen kann. Aber ich fürchte, bei der Menge Blut die er verloren hat, ist das einerlei.“ In der Hocke sitzend, sah er die beiden nun an als er weitersprach: „Ich habe vor, es zu versuchen. Ich werde die Wunde auswaschen und zusammennähen. Ihr könnt mir dabei helfen.“

Blojs Augen weiteten sich. Ypek nickte und fragte dann: „Kannst du das denn?“ Mit müdem Achselzucken antwortete Brand: „Ich hatte mal einen Hund, da hat‘s geklappt. Ein wilder Eber hatte ihn ähnlich zugerichtet.“

Ypek nickte wieder entschlossen, verzog dabei jedoch den Mund.

Als das Wasser anfing zu brodeln, wies Brand die beiden an, den geistesabwesenden Klai an Beinen und Händen festzuhalten. Mit sicheren Bewegungen begann er das Vorhaben.

So wie mehrere andere, stand Thef wenige Schritt entfernt vom Geschehen und sah mit verschränkten Armen zu, wie Brand sein Werk verrichtete. Klai zuckte und keuchte, als seine klaffende Wunde mit einem einfachen, doch sauberen Stück Stoff ausgewaschen wurde.

Ein unangenehmes Gefühl nagte tief in Thef.

Er trug einst eine annähernd identische Wunde aus einem Kampf davon, als er in seiner Jugendzeit einen kleinen „Auftrag“ für eine hochgestellte Persönlichkeit aus Naars Zweifel ausführen sollte. Nur mit knapper Not überlebte er damals. Noch heute erinnerte ihn eine lange Narbe auf seinem Bauch an das Geschehene. Beim Gedanken daran, presste er seine schmalen Lippen aufeinander. Sein eingefallenes Gesicht wirkte noch blutleerer als sonst. Die Augen auf Klai gerichtet, setzte er sich auf einen umgefallenen Apfelbaum. Dieser war zwar feucht, doch verschont vom klebrigen Schlamm der Erde um ihn, lag er fast einladend da. Während er sich setzte, schrie Klai, von Schmerz und Fieber überwältigt, sein Leiden in die Welt. Der erste Stich war getan und viele weitere würden folgen.

Brand schwitzte. Mit starren Gesichtszügen und sicherer Hand, nähte er die Wunde grob zusammen. Der Junge winselte ein letztes Mal, dann fiel er in Ohnmacht. Ohne Gegenwehr ging alles einfacher. Bald richtete sich Brand steifbeinig auf. Mit der Linken fuhr er sich über die schweißnasse Stirn, atmete tief ein und blieb einen Moment ruhig und regungslos. Sorgsam hatte er Klai verbunden und in eine schwere Felldecke gehüllt. Brand glaubte selbst kaum daran, dass sich die Anstrengung lohnen würde. Dennoch hatte er es versucht. Und sei es nur um seiner selbst willen. Mehr konnte nicht für Klai getan werden. Nichts hätte er sich vorzuwerfen.

Die Dämmerung brachte leichten Nebel mit sich. Ohne Eile begab sich die Sonne weit im Osten zur Ruhe. Zwei der jüngeren Rekruten, Gaal und Veoen, verrichteten die erste Wache. Mehr als ein Wachposten war nicht nötig. Aus dem Süden waren sie gekommen; das Land lag offen hinter ihnen, frei von Hügeln oder Wäldern. Keine Räuber waren hier zu vermuten, und alle anderen Himmelsrichtungen führten in die Leere des ewigen Abgrunds. So war nur die Brücke zu bewachen und die würde schon frühzeitig von allem künden, was sich nähern mochte.

Die Nacht war jung, ein Zwischenfall unwahrscheinlich und die Ablöse noch weit. So würfelten die beiden um Geld, das keiner von ihnen besaß. Es entspannte, lenkte von den nächsten Tagen ab und verdrängte die Gedanken an Klai, der die Nacht möglicherweise nicht überstehen würde.

„Hah!!“, stieß Gaal siegessicher aus. Sein Wurf zeigte eine Sieben und somit das zweitbeste mögliche Ergebnis beim „Poschn“, wie ihr Spiel genannt wurde. Unbeeindruckt griff sich Veoen den Würfelbecher. „Vergiss es!“, war sein Kommentar zum Übermut seines Gegners. In schneller Folge machte er drei Würfe und fluchte dann übertrieben, fast schon melodramatisch. Schon wieder hatte Gaal gewonnen, welcher sich sichtlich darüber freute.

„Deinen Sold kannst du vergessen! Hehe! ... Bis wir in Salzheim sind, hab‘ ich dir alles abgespielt! Dann sauf ich für dich mit.“

Sie spielten nicht um viel Geld. Schon gar nicht um Beträge in dieser Größenordnung. Fünfzig Silberstücke würde jeder von ihnen erhalten, sobald sie Salzheim erreicht haben mochten. Genug für Wein, Gesellschaft und einiges mehr. Es ging einfach um den geselligen Zeitvertreib, um das Prahlen und Fluchen, Ärgern und Jubilieren. Veoen konterte: „Ich bin ja nicht so und leih dir das Geld für ´ne Hure, sobald wir angekommen sind. Allerdings nur für ´ne bärtige Zwergenfrau ... ´ne andere ist zu gut für dich!“

Am liebsten hätte Gaal lauthals losgelacht, aber Garantor würde eine johlende Wache vermutlich persönlich über die Brücke werfen. Deshalb begnügte er sich mit einem unterdrückten Kichern, zeigte dabei allerdings so viele seiner krummen Zähne, wie sein schiefes Grinsen es ihm erlaubte.

So verstrich die Zeit bis zur Wachablöse. Die zweite und dritte Wache war ebenso ruhig und der Augenblick des Aufbruchs rückte näher. Die Luft frischte auf. Ein leichter Wind blies von Süden, als wolle er die Mannen zum Weiterziehen mahnen. Langsam, fast unbemerkt, warf die aufgehende Morgensonne die ersten zaghaften Strahlen über einen kleinen Hügel im Osten und schon bald regte sich das Lager. Schlaftrunkenes Murren und knackende Knochen, der sich streckenden Männer, prägten das Bild. Bewegung kam in das Lager. Blasen wurden entleert, das immergleich trockene Brot gekaut, Wasserflaschen weitergegeben. Die Maultiere wurden angespannt und Decken zusammengerollt.

Brand war schon eine Weile auf den Beinen und hatte einige Zeit bei Klai verbracht. Sein Zustand hatte sich nicht verändert. Zitternd lag er im Fiebertraum. Seine Verbände waren rot und aufgeweicht. Mit sicherer Hand wechselte er die Leinentücher um seine Wunde. Er bereitete ihn auf einen harten Tag auf der Tragbahre vor, indem er ihn fest in die schwere Felldecke einwickelte und auf der Bahre zurechtlegte. Garantor machte kurz vor dem Aufbruch noch eine Runde durch das Lager, legte die Marschordnung fest, und ebenso die Gruppen, die helfen mussten, Meisterlichs schweren Wagen auf dem sumpfigen Untergrund voranzubringen. Nachdrücklich mahnte er jeden seiner Männer zur Eile. Zwei Brücken mussten heute bewältigt werden. Ein Gewaltmarsch stand bevor. Ein jeder war sich der Strapazen bewusst und dennoch drängten sich mehrere Freiwillige um Klai. Keiner würde sich um die kräftezehrende Aufgabe drücken, die schwere Bahre durch den Schlamm zu schleppen. Zufrieden murrte der Zwerg. Wie schlecht die Chancen um Klai auch stehen mochten, niemand betrachtete die Bürde, ihn zu tragen, mit Unwillen. Dieser Umstand erfüllte Garantor mit Stolz. Genau das machte einen guten Trupp aus. Jeder stand für seine Gefährten ein. Dies war sein Abzeichen. Seine Bestätigung, gute Arbeit zu verrichten.

Meisterlich spuckte aus und machte es sich auf dem harten Kutschbock so bequem wie möglich. Er rutschte unruhig hin und her, nachdem er seine Ware kontrolliert und sich vergewissert hatte, dass mit Maultier und Wagen alles in Ordnung war.

Der Befehl zum Aufbruch kam bald. Fünf Mann zu beiden Seiten, gaben dem schweren Wagen einen Ruck, um ihn aus dem matschigen Untergrund zu lösen. Unwillig drehten sich die großen Holzräder. Mit lautem Schnauben zogen die Lasttiere an ihren Riemen und bewegten sich alsbald mit bestmöglicher Geschwindigkeit.

Der alte Brand war schon ein gutes Stück voraus und betätigte sich als Kundschafter. Die ersten Mannen kamen an die Brücke, als er schon nicht mehr zu sehen war. Mit sicheren Schritten und ernsten Mienen betraten sie das größte aller Bauwerke der Menschen: eine der Brücken um das Herz der Welt, um Naars Auge, dem Anfang und Beginn, der Geburtsstätte der ersten Menschen. Ehrfurcht einflößend lag das Nichts unter ihnen. Lediglich der Geruch nach Schwefel zeugte davon, dass unter den Nebeln irgendwo ein Ende der Tiefe zu erwarten war. Niemand sprach, Stille übermannte das Szenario. Die schwere Brücke hatte ihren Besuchern, abgesehen von monotonem Knarren, nichts zu sagen. Die Reisenden selbst antworteten mit hallenden Schritten und dem Klacken der Wagenräder, wenn sie von einer Planke auf die nächste überschlugen.

Lediglich der leise säuselnde Wind schien eine Geschichte zu erzählen. Unmerklich hob und senkte sich die Tonlage des kaum hörbaren Pfeifens. Es war die Geschichte der Ewigkeit. Der Ton des Lebens lag unverstanden in jedem Ohr, aber niemand hörte zu. Alles Sein konzentrierte sich auf den Moment, auf den Schritt, auf das Sehen des Nichts, auf das Deutlichwerden des nicht Vorhandenen.

Der Schrei einer Krähe aus den Sümpfen durchbrach weithin hörbar und vom dumpfen Widerhall der Schlucht getragen, den Augenblick. Unterstrich ihn mit seinem markanten Ton, nur um langsam wieder zu verklingen.

Eine Stimmung, die in ihrer Eigenartigkeit nur hier entstehen konnte, hatte von jedem einzelnen der Mannen Besitz ergriffen. Es schien, als würde der Schöpfer Naar selbst, in stiller Präsenz mit ihnen ausschreiten, sie mit durchdringenden Blicken ansehen und beobachten. Die Zeit schien in eine andere Form gepresst. Sie wurde relativ, verging, oder eben nicht. Es machte keinen Unterschied. Dies war das Manifest des Seins, nicht jenes des Vergänglichen. Die Sonne hatte weder Grund noch Recht, sich zu bewegen und ihr Voranschreiten preiszugeben.

Allein Garantor schien unberührt. Die einzige Art von Ehrfrucht die in seinen Augen zu erkennen war, rührte vom Respekt vor diesem gewaltigen Bauwerk her. Nichts liebten Zwerge mehr, als verarbeitetes Erz, gute Arbeit, imposante Bauten und perfekte Handwerkskunst. Gefühlvoll beschritt er die Planken unter ihm, ließ seine Rechte an der Kette entlanggleiten, fühlte die massiven Ringe und huldigte durch sein Tun und Denken seinem eigenen Gott Rekar. Nicht dem Gott der Menschen.

Schlamm spritzte auf, als Mauran Falkenflug unerwartet geräuschvoll in den dickflüssigen Morast trat. Er blickte nach unten und realisierte erst jetzt, dass er die Brücke hinter sich gelassen hatte. Die Wirklichkeit holte ihn abrupt und unerwartet ein. Die Bilder wurden klar, der Geist frei, die Welt wieder fest und spürbar.

Der Wagen rollte klatschend von der letzten Planke der Brücke und gab sie wieder frei. Meisterlichs Augen waren weit geöffnet und suchten die Umgebung ab. Dies waren die östlichen Ausläufer des großen Sumpfes. Die Luft wurde spürbar feuchter, jetzt, da sie die erste Brücke Naars überwunden hatten. Die Erde war aufgeweicht, aber nicht wirklich morastig. Erste Pflanzen, Farne und Bäume lagen vor ihnen. Das Weiterkommen war noch nicht sehr schwierig. Cebrid, Brube und einige weitere schoben dennoch mit vereinten Kräften den schweren Wagen. Die Maultiere mussten geschont werden. Vier Mann trugen Klais Bahre mit Schweißperlen im Gesicht. Der reglose Körper des Verwundeten selbst, zeigte außer monotonem Zittern keine Reaktion.

So ging es weiter. Noch immer wurde kaum gesprochen; von Marschgesängen und Unterhaltungen keine Spur. Die Sonne folgte ihrer Bahn, friedlich, aber zielstrebig. Man kam gut voran, schwitzte und fluchte gelegentlich, als Füße und Wagen sich tiefer in das Erdreich gruben und stecken blieben. Die Schicht wurde gewechselt und auch Zrak trug nun seinen Teil bei. Ein Arm war genug, um einen der vier Männer zu stellen die Klai trugen. Das tat er auch, obwohl ihn Garantor abschätzend anblickte. Mehr als ein kurzes Schnauben war nicht nötig, um zu signalisieren, dass dies auch sein Weg war und er durchaus in der Lage war, ihn zu beschreiten.

Die beiden Brüder blieben trotz der Ablöse beim Wagen und unterstützten das Vorankommen. Von Brube hätte niemand etwas anderes erwartet, aber auch Cebrid trieb sich unbeirrt voran. Trotz der schweren Plattenrüstung, die er praktisch nie abnahm, der wuchtigsten der ganzen Truppe, ließ er von seinem Handeln nicht ab und verrichtete beharrlich seinen Dienst. Ungeachtet der Einwände Kalads und Ypeks, die Teil der zweiten Mannschaft am Wagen waren und versicherten, es wäre nicht nötig, er solle sich doch besser ausruhen.

Zeit. Dies war der Faktor, der erfolgsbestimmend war und Sicherheit gab. Nichts anderes. So ging es voran, unter schwerem Schnaufen. Der Sumpf wurde verflucht und gemeistert.

Sie marschierten am Schlund von Naars Auge entlang. Dieser klaffte unbeeindruckt zu ihrer Rechten. Der Weg bis zur nächsten Brücke war hier zwar länger, aber mindestens eine Meile quer durch tieferen Morast konnte vermieden werden. Die schnellere Marschgeschwindigkeit machte dieses Defizit wieder wett. Sogar mehr als wett.

Als die Sonne am höchsten stand, lag die zweite Schlucht bereits vor ihnen. Die Brücke selbst befand sich ein gutes Stück weiter westlich. Je weiter sie kamen, umso morastiger wurde der Sumpf, umso feuchter die Luft, umso anstrengender jeder Schritt.

Die Vegetation wurde dichter, der Weg beschwerlicher. Sumpfmücken machten sich verstärkt bemerkbar. Ununterbrochen schlug sich irgendwer auf den Hals oder eine andere ungeschützte Körperstelle. Dies war ärgerlich und kräfteraubend. Mit eintöniger Konstanz war das Klatschen von Händen auf nackter Haut zu vernehmen. Mal leiser, mal lauter und nicht selten begleitet von ärgerlichem, entkräftetem Fluchen.

Mehrere Male konnte der wuchtige Wagen des Händlers nur mit großem Kraftaufwand aus dem Schlamm befreit werden. Des Öfteren mussten jene Söldner, die gerade nichts anderes zu tun hatten, als sich selbst am Vorankommen zu halten, zu Hilfe gezogen werden.

Die Moral sank, die Kräfte schwanden. Trotz der kurzen Zwergenbeine, die ihn gehörig behinderten, beteiligte sich Garantor selbst so gut es ging an allem was vollbracht werden musste. Der einzige der nichts tat als sich selbst voran zu quälen, war Thef. Sein Körperbau und seine nicht allzu stabile Gesundheit, gestatteten es ihm nicht, Kräfte zu verschwenden. Niemand machte ihm einen Vorwurf daraus, oder sagte es wenigstens nicht offen.

Langsam verstrich der Tag. Wenigstens quälte die matte Sonne den Trupp nicht mit großer Hitze.

Die knappen Wasserrationen durften nicht allzu sehr strapaziert werden und noch mehr Mücken würden wohl so manchen in die Knie zwingen. Es waren jedoch nicht allzu viele davon. Garantor war für diesen Umstand dankbar. Musste er diese Strecke doch schon einige Male im Hochsommer bewältigen, was wahrlich eine Tortur für Mensch und Tier war.

Die Schatten wurden schon länger, als die zweite Brücke ins Sichtfeld rückte. Der alte Waldläufer Brand saß an ihrem Fuße. Er hantierte an seinem Bogen, kontrollierte die Waffe und die sorgsam gearbeiteten Pfeile in seinem Köcher. Keinerlei Gefahr war ersichtlich, und das gelassene Verhalten des Waldläufers bekräftigte diesen Eindruck. Von Ogern oder anderen Gefahren war noch immer keine Spur. Garantor unterhielt sich kurz mit Brand. „Und? ...“, wollte der Zwerg wissen. Schulterzuckend antwortete Brand: „Nichts. In der ganzen Gegend gibt es keine Anzeichen von Ogern. Die einzigen Spuren die ich gefunden hab, sind mindestens zwei Wochen alt. ´ne Sippe von ungefähr zehn von ihnen, die etwas weiter westlich von hier gelagert haben und nach Südwesten weiterzogen. Mehr gibt’s nicht zu sagen.“

Zufrieden nickte Garantor, brummte und gab Anweisung, die zweite Brücke zu überqueren. Sie befand sich in ähnlich schlechtem Zustand wie die zuvor überwundene. Um einiges länger, machte sie diesen Ausläufer Naars Auge passierbar. Sie zog sich von Süden nach Norden über die Schlucht, welche sich in gerader Linie nach Westen erstreckte.

Die Dämmerung setzte ein. Übermüdet, schwitzend und zum Teil strauchelnd, wurde die letzte Strapaze des Tages in Angriff genommen. Zum ersten Mal machte Cebrid eine Pause. Völlig entkräftet überließ er es anderen, den Fuhrkarren voranzutreiben. Er war schweißüberströmt und nass. Der wattierte Waffenrock unter dem Plattenpanzer gab mittlerweile lautstarke Geräusche zum Ausschreiten seines Trägers von sich und wog beinahe ebenso viel wie der Panzer selbst. So durchtränkt war er vom Schweiß und der feuchten Luft des Sumpfes.

Tief einatmend strich er sich die braunen Haare zurück. Sie waren glatt und dicht, und ebenso nass wie der Rest. Nun klebten sie hinter seinen Ohren. Im Zuge dieser Bewegung sahen seine Augen gen Himmel. Ein Schatten streifte sein Sichtfeld. Am äußersten Rand seines linken Auges bewegte sich ein Schleier.

Langsam drehte er seinen Kopf nach Westen, dann weiter nach Südwesten. Nun sah er genauer, was sein Auge, nach Norden blickend, nur knapp erhaschen konnte. Er blieb mitten auf der Brücke stehen, schnaufte monoton weiter, und verarbeitete was er sah. Er begriff es nicht wirklich, obwohl es zu klar war, um es nicht zu verstehen. Das Zwielicht machte ersichtlich, was bis dahin nicht zu sehen, oder nicht vorhanden war.

Ypek lief ihm von hinten in den Rücken und wankte benommen zurück, als er mit der nackten Stirn gegen die Plattenrüstung seines Vordermannes lief. „Zum Teufel!“, rief er erschrocken aus.

Cebrid reagierte nicht. Nach kurzem Zögern wand auch Ypek seinen Kopf in die Richtung, in welcher Cebrids verharrte. Ein weiteres Mal, war „Zum Teufel ...“, zu vernehmen. Diesmal gedämpfter und kaum verständlich, rührte die Aussage eindeutig von größerem Schrecken.

Rauchschwaden überzogen den Horizont, wurden dichter und nahmen an Zahl zu, noch während die Letzten sie bemerkten. Ypek sprach wieder: „Der ganze verdammte Sumpf brennt ...“ Doch schon der Ton und die Art wie er es aussprach, strafte ihn Lügen. Es zeugte von der Hoffnung, das Richtige zu sagen, hielt aber die Wahrheit verborgen. Es dauerte einige Zeit, bis er die Auflösung erhielt, die er nicht hören wollte. „Nein ...“, Garantor war durch die Schärfe seiner Zwergenaugen der erste, der die Wirklichkeit mit Sicherheit erkannte und weitergab. „Das sind Lagerfeuer. Jede Menge Lagerfeuer. Bei Rekar, es sind Dutzende und es werden immer mehr …“

So mancher hätte gerne widersprochen und sich etwas ermutigerendes vorgestellt. Der Zwerg brummte wie immer nachdenklich in seinen Bart. Der Waldläufer Brand nickte nur mit verzogener Miene.

Mehr Bestätigung konnte keiner verlangen. „Meiner Treu“, ließ sich Mauran Falkenflug vernehmen, „Dergleichen musste ich noch nie erblicken.“ Sorgenschwer erklang seine Stimme.

Der immer kampfhungrige Brube hatte nicht mehr zu sagen als „Scheiße ...“, und das noch nicht einmal laut oder fordernd, was ja typisch für ihn gewesen wäre. Ähnliche Feststellungen und Aussagen machten die Runde, in eben derselben Manier und Tonlage.

Noch einmal ergriff Mauran Falkenflug das Wort, ernsthaft aber nicht belehrend. „Zweifelt ihr immer noch daran, dass mit den Ogern derzeit Merkwürdiges geschieht, Garantor?“

Eine Antwort war nicht erforderlich. Nach kurzer Pause gab der Zwerg die Befehle, die bitter, aber notwendig waren. „Stärkt euch, fasst Wasser und Nahrung, hier und jetzt.“ Dann drehte er sich um, und blickte in die Runde. Sein Bart bebte vor Entschlossenheit, als er weitersprach. „Wir haben keine Wahl. Wir werden nicht lagern!“

Leises Raunen und Murren kam auf, jedoch kein Widerwort. „Zrak! Ich brauche dich mit Brand bei mir an der Spitze. Schaffst du das?“

Dem immer noch angeschlagenen Minotaur hatte der harte Marsch schwer zugesetzt. „Würde es einen Unterschied machen?“, antwortete er, was gleichbedeutend mit einer Zustimmung war.

Der Zwerg nickte. „Wir brauchen deine Kraft, meine Augen und das Geschick und Wissen von Brand, sonst schaffen wir es niemals, mitten in der Nacht quer durch die Sümpfe.“

Brube wollte sich beschweren, wurde aber schon vor dem ersten Wort von Garantor belehrt. „Dich brauchen wir beim Wagen, Brube. Du und Cebrid, ihr kümmert euch um ihn“ Jeden einzelnen sah der Zwerg an, dann folgte so etwas wie eine Ansprache. „Ich verlange viel. Möglicherweise zu viel. Gebt alles! Wer rasten muss, soll rasten, wer Wasser braucht soll es sich nehmen. Aber gebt nicht auf. Wir halten erst, wenn wir die dritte Brücke überquert und den verdammten Sumpf verlassen haben ...“

Ein letztes Mal wischte Brand den Schweiß von Klais Stirn. Er verabschiedete sich mit dieser Berührung und begab sich zu Zrak und Garantor. Mauran koordinierte die Männer und teilte sie ein.

Jeder erfrischte sich, während er auf seinen Posten ging.

Nach kurzer Zeit waren schwere Stiefel, knarrende Räder und schnaufende Maultiere wieder in Bewegung.

Sogar Thef hatte sich am schweren Wagen eingefunden und schob und zerrte an dem Gefährt so gut es ging. Sogar einen passenden Kommentar hatte er gefunden, sagte ihn für sich selbst auf, während sich die Abendsonne in dunkle Nacht wandelte. „Die Schwäche Naars wird mich nicht aufhalten, der Hass Grors nicht stoppen und wenn ich keuchend verrecken muss, dann wenigstens in den Armen einer wohlriechenden Hure ... Salzheim ... ich komme ...“

Die Stadt am Nordmeer
Kapitel 4

Holger Abendstern schlenderte nachdenklich über den sorgsam gepflasterten Markplatz von Salzheim. Bewegte sich, verglichen mit seiner beachtlichen Größe, mit verdächtig kleinen Schritten. Es war ein schöner Tag. Einer der letzten des Herbstes. Die meisten Blätter des alten Walnussbaums in der Mitte des Platzes waren schon abgefallen. Der Wind machte sich ein Spiel daraus, sie mal auf die eine, mal auf die andere Seite zu wehen. Die matte Nachmittagssonne gab nicht mehr viel Wärme ab. Holger Abendstern rückte den kostbaren Hermelinmantel sorgsam zurecht, und verschränkte danach seine kräftigen Finger, in sich verschlungen, hinter dem breiten Rücken. Sein einstmals starkes Gesicht blickte müde durch die Gassen, die sich von allen Seiten der Stadt zum Marktplatz hin ergossen. Nur wenige Händler boten ihre Waren feil. Die meisten davon waren Salzheimer, die Kleidung, Obst, Gemüse, Fleisch und andere Nahrungsmittel anpriesen.

Die Zeiten waren schwierig und Besserung war nicht in Sicht. Holger wusste das, wusste es nur zu gut. Viele der reichen Familien waren weggezogen. Nach Süden, neuen, ertragreicheren Geschäften entgegen. Fast alle der ehemaligen Bediensteten verschwanden mit ihnen. Jene die blieben, hatten sich als Bauern oder Fischer sesshaft gemacht.

Er selbst hatte mit seinem Vater, aber mehr noch mit seiner Frau zu kämpfen. Sie wollten weg. Wollten irgendwo hin, wo die Zukunft ersprießlichere Aussichten für sie bereithielt. Aber wie könnte er? Als gewählter Salzmeister? Die Menschen in Salzheim vertrauten ihm. Sie hatten ihn erkoren, zu dem Mann, der über ihre Geschäfte und ihr Zusammenleben wachen sollte. Er vertrat das Recht und den Stolz der einstmals reichen Stadt und führte den Vorsitz im Rat. Nein, die Bürde der Zeit mochte ihn brechen, aber beugen würde er sich nicht.

Einer der Händler grüßte, als Holger an ihm vorüberschritt. Einige Worte wurden gewechselt, nichts Bedeutendes. Mutmaßungen über einen möglicherweise kalten Winter, eine halb ernst gemeinte, rhetorische Phrase über das kaum ausreichende Geschäftstreiben und einige weitere Fragen, die einfach nur gestellt wurden, um sie gestellt zu haben.

Mit knappem Nicken verabschiedete sich Holger und spazierte weiter. Während er ging, inspizierte er noch einmal die Straßen vor und neben sich. Die breite südliche Marktstraße und die weit engere Handelsgasse, die sich nach Südosten erstreckte. Es tat sich nicht viel. Vom hektischen Treiben aus seiner Jugendzeit, war nichts geblieben. Kleinere Gruppen standen hier und da, einzelne Menschen gingen ihres Weges. Manche mit Waren beladen, andere nicht. Langsam näherte er sich dem Stadttor. Die wuchtigen Flügel strahlten bedingungslose Stärke aus. In wenigen Augenblicken war es durch schwere Ketten, welche ohne sichtbare Macht an einem kraftvollen Gewinde zerrten, verschließbar.

Der Durchgang bot ausreichend Platz für zwei sich kreuzende Wagen und erstreckte sich gut zehn Schritt in der Breite, von Turmwehr zu Wachhaus. Die einstmals zahlreiche Stadtwache wurde darin untergebracht. Ein riesiges Gebäude. Die Zahl der Wachen war mittlerweile verschwindend gering. Nur noch ein Trakt des vielräumigen Hauses wurde genutzt.

Die wuchtigen Mauern rund um die Stadt standen stumm und dunkel, verrichteten ihren Dienst und würden es in alle Ewigkeit tun. Aus massivem Granit gefertigt, fast zwanzig Schritt dick und ebenso hoch, trotzten sie der Zeit seit mehr als fünftausend Mondwechseln. Kaum Spuren des Verfalls waren zu erkennen. Anders sahen jedoch die Wohnhäuser rund um das Stadttor aus. Verzierungen und kunstvoll geschnitzte Holzrahmen säumten fast jedes Haus. Hier war zu erkennen, dass der frühere Reichtum schwand. Salzheim hatte anderes zu tun, als diese Überbleibsel besserer Tage zu pflegen und zu erhalten. So fehlte oder faulte hier und da ein Stück der Verzierungen, begünstigt durch die feuchte Meeresluft. Viele Dächer waren in schlechtem Zustand und so manche Wand oder Tür zeugte von der Armut.

Holger Abendstern wärmte sich an den Sonnenstrahlen, von denen er wusste, dass sie bald nicht mehr wärmen würden. Tief atmete er ein. Brust und Bauch wölbten sich unter dem fein bestickten Leinenhemd. Sein Bauchansatz hatte sich in letzter Zeit stark vergrößert, aber das war nicht wichtig. In gesetztem Alter zeugte ein Bauch von Männlichkeit und Stärke. Davon abgesehen, liebte er das Gerstenbier, welches sein Schwager braute und ihm stets einige Fässer abgab. All seine Sorgen und Gedanken schienen im Rausch an Bedeutung zu verlieren und ließen ihn des Nachts schlafen. Zudem hörte er die Vorwürfe seiner ach so geliebten Frau kaum noch, was die Nachtruhe wiederum begünstigte.

Das Tor war erreicht. „Hallo Leen“, grüßte Holger. „Egran“, fügte er mit freundlichem Nicken hinzu. Die beiden Wachen gaben den Gruß zurück, änderten jedoch wenig an ihrer lässigen Haltung. Gelangweilt stützten sie sich auf ihre langen Speere und warteten auf die Ablöse. Fast jeden Tag inspizierte Holger Abendstern die beiden Tore im Süden und Osten der Stadt, welche die gut vierundzwanzigtausend Einwohner Salzheims im Ernstfall schützen sollten. Immer war es dasselbe Bild. Gelangweilte Wachen, jeglicher Moral beraubt. Als würden sie nur noch auf den Tag warten, an dem er sie nicht mehr bezahlen konnte und sie weiterziehen würden.

„Gibt es etwas zu vermelden?“, fragte er jenen, welcher Leen genannt wurde. Der schüttelte den Kopf. „Nichts, Salzmeister“, lautete die Antwort.

Wie erwartet. Holger wollte sich schon gen Osten umdrehen, um das zweite Tor zu inspizieren, doch eine melancholische Anwandlung ließ ihn verweilen. Er hatte keine Lust mit jemanden zu reden, um noch mehr gebrochene Moral und unterdrückten Frust zu erfahren.

Ein wenig Ruhe würde ihm guttun. So stieg er die Treppen hoch, welche gleich neben dem Wachhaus, nach links und rechts in flachem Lauf nach oben führten. Hinauf auf die breiten Mauern der Stadt, deren verlorenen Stolz und Reichtum sie immer noch repräsentieren und verteidigen wollten. Der feste leicht angewärmte Stein fühlte sich gut an. Beruhigend und friedlich. Die wulstigen, aber dennoch kräftigen Ellenbogen auf der massiven Brüstung aufgestützt, blickte der Salzmeister über das Land. Die weiten Ebenen südlich seiner geliebten Stadt taten sich vor ihm auf, und zeigten sich in ihrer vollen Pracht. Ein leicht oranger Schimmer lag über Wiesen, Hügeln, Feldern und Häusern. Die vereinzelten Bäume wiegten sich gemächlich, mit aller Ruhe des stillen Landes. Kleinere und größere Bauernhäuser lagen verstreut rings um die Stadt. Weite Flächen ertragreicher Felder lagen leer im lauen Wind. Die letzte Ernte des Sommers war eingebracht, und den Bauern stand eine ruhige Zeit bevor.

Holger fühlte sich schon viel besser. Auf seinem Gesicht fand sich ein leichtes Lächeln. Jedoch zeigte all die Idylle dennoch eine breite, unbefahrene Straße, die in gerader Linie nach Süden führte. Wie so oft.

Eben jene Straße ließ ihn nun aufmerken. Da war etwas. Holger kniff die Augen zusammen und stierte nach Süden. Ein Schatten womöglich nur, oder Reisende. „Hmm ...“, brummte er und beobachtete weiter. Langsam erkannte er, was sich da näherte. Ein Fuhrkarren war es und mit ihm zwanzig bis dreißig Mann, welche langsam, aber stetig den breiten Weg beschritten. Der Salzmeister freute sich in diesen Tagen über jeden Handelswagen. Er stieg die Stufen, die er vorher erklommen hatte, schnell wieder hinunter und begab sich zu den beiden Wachen am Tor.

„Haltung Männer“, sagte er in befehlendem Ton. „Ein Händler nähert sich. Also bemüht euch gefälligst um ein ordentliches Bild!“

Langsam verstrich die Zeit. Holger wartete ungerührt. In letzter Zeit begrüßte er die meisten ankommenden Handelsreisenden selbst. Der persönliche Kontakt tat ihm gut, und zeigte, dass der Handel in und um Salzheim immer noch vorhanden war. Lediglich Frequenz und Konstanz dieser Besuche hatten nachgelassen.

Allmählich konnte man die Karawane besser erkennen. Sie wurde angeführt von einem Zwerg, einem Minotaur und einem jungen Mann, den Holger schon aus dieser Entfernung zu kennen glaubte. Leen, der zur Linken des Salzmeisters stand, sagte leise: „Bei Naar, was für ein dreckiger Haufen.“

Holger herrschte ihn streng an: „Ruhe! Siehst du besser aus, wenn du durch die Sümpfe stolperst?!“

Die Stadtwache reagierte betroffen, entschuldigte sich und verblieb stumm. Wieder blickte Holger auf die Truppe vor ihm, die nun schon deutlich näher war. Bei näherer Betrachtung des gebotenen Bildes, schollt sich Holger selbst für seine raue Stimme. Es war wirklich ein schmutziger Haufen. Vor allem der Zwerg war von oben bis unten in verkrusteten Matsch gehüllt. Nur sein Gesicht war einigermaßen sauber. Der lange Bart, zu zwei Zöpfen geflochten, mochte wohl einmal braun gewesen sein. Dessen war sich Holger aber nicht sicher, so steif und schmutzig war er.

Nun war auch der Händlerwagen mit seinem Lenker gut zu erkennen. „Meisterlich!“, bemerkte Holger Abendstern. „Es ist Markre Meisterlich!“ Ein breites Lächeln zeigte sich im Gesicht des Salzmeisters, wobei seine Wangen wie zwei rote Kugeln hervortraten.

Die beiden kannten sich seit vielen Jahren und waren in ihrer Kindheit eng befreundet gewesen. Als Meisterlich zu seinen ersten langen Handelsreisen aufbrach, flaute die Freundschaft ein wenig ab. Dennoch war es ein schönes Gefühl, ihn wieder zu sehen. Gerade wollte Holger sich aufmachen, um ihnen entgegenzugehen, da drang der Ruf des Zwergs zu ihm. Kehlig und trocken, aber weithin hörbar. „Wir brauchen einen Heiler! Schnell! Wir haben einen schwer Verwundeten bei uns!“

Holger erschrak, sah nun erst die Bahre, welche von vier Mann getragen wurde. Sofort gab er Anweisung und schickte Leen um Wasser und Egran nach einem Heiler. Beides war zur Stelle, als die Reisenden die Stadtmauern passierten.

Der alte Heiler sah sich Klai kurz an, welcher reglos auf der Bahre lag. Kein Lebenszeichen war ersichtlich. Sofort trug er den beiden Wachen auf, ihn in sein Haus zu bringen. Ohne ausgekochtem Wasser, seinen Salben und Kräutern war nichts zu machen, erklärte er.

Schnell waren sie verschwunden. Brand und Zrak gingen mit ihnen. Jeder hatte dafür seine eigenen Gründe. Zraks verwundeter Arm war stark geschwollen und zeugte von Anstrengungen, die er sich nicht hätte auferlegen dürfen. Mit fiebriger Stirn und schwerem Atem folgte er Klai und dem Heiler.

Der alte Brand hingegen, nun, er hoffte auf das Wunder, an das er seit zwölf Tagen verbissen glauben wollte. Nicht zuletzt auf sein Drängen hin, wurden auch nach den unglaublichen Strapazen der Sümpfe kaum nennenswerte Pausen gemacht. Seine Mahnungen zur Eile würden Klai nun möglicherweise doch das Leben retten. Brand wollte bei ihm bleiben. Er hatte Klai die ganze Strecke über mit Wasser und vereinzelten Stücken vorgekautem Brot am Leben gehalten. Mit unerwarteter, äußerst ungewöhnlicher Zähigkeit, hielt der Jüngling an seinem Leben fest.

Nachdem Holger Abendstern beobachtet hatte, wie es um die Verwundeten stand und noch einmal einen Blick auf den entkräfteten Haufen geworfen hatte, begab er sich zu Meisterlich. Er drückte ihm die Hand und fragte mit mitfühlender Stimme nach, was denn geschehen war.

Müde, aber erlöst, blickte der Händler seinem Freund in die Augen und fing an, von den Vorfällen um Naars Auge zu berichten.

Als das Wort „Ogerspäher“ fiel, schrak Holger auf, hob ungläubig die Augenbrauen und unterbrach die Ausführungen Meisterlichs. „Ogerspäher?!“, stieß er hervor.

Der Salzmeister sah in die Runde, und verlangte durch seinen Blick nach Aufklärung. Es reagierte niemand. Alle um ihn schienen damit beschäftigt, sich irgendein Körperteil zu massieren oder Wasser zu trinken. Auch Meisterlich hatte keinerlei Intention, seine Geschichte weiterzuerzählen und sagte knapp: „Ich habe Ungewöhnliches zu berichten. Der Rat sollte davon erfahren. Dennoch ist dies nicht der Zeitpunkt für derlei Gespräche. Wie du siehst, bedarf es uns an Stärkung und Ruhe.“

Verständnisvoll nickte Holger Abendstern, tat dies aber nur um der Etikette willen, denn seine Augen sprühten vor dem Verlangen nach Informationen.

Leicht drückte er mit seinen großen Händen die Schultern Meisterlichs. „Geht nach Hause, stärkt euch und ruht euch aus. Doch sobald der morgige Tag anbricht, erwarte ich dich und deine Gefolgsleute im Haus des Rates.“

Meisterlich nickte zustimmend und bedeutete seinen Männern zu folgen. Das Versprechen von warmem Wasser, frischem Braten und weichen Betten in der entkräfteten Stimme.

Holger ließ ab, verbeugte sich knapp vor den Söldnern und entfernte sich mit bestimmtem Schritt. Er machte sich daran, die sechs weiteren Ratsmitglieder aufzusuchen und für den kommenden Tag einzuladen.

Der Abend kam, schnell verstrich die Nacht und der Morgen brach mit kühl wehendem Wind und wolkenbehangenem Himmel an. Der erste Schnee würde wohl bald fallen, gerade hier im Norden. Holger zog seine Stiefel an, streifte sich eine kunstvoll gewobene Weste über das feine Hemd und zog darüber einen festen Pelz aus Wolfsfell an. Dieser passte zwar nicht so richtig zum Rest seiner teuren Kleidung, aber er wärmte sehr gut und war außerdem sein Lieblingsmantel. Er liebte es, seine Beine eingehüllt zu haben, wenn der Wind vom Meer her blies. Es war ein gutes Gefühl, wenn sie an der rauen Innenseite des Fells rieben. Nach kurzer Überlegung entschied sich Holger für einen breitkrempigen Hut, welcher frei von Stickereien oder gar Quasten war und vorzüglich zum schlichtem Schwarz seines Mantels passte.

Der Salzmeister hatte keine Eile. Ganz im Gegenteil. Seine Frau hatte das Haus vor ihm verlassen, um einer ihrer unangenehmen, fetten Schwestern einen Besuch abzustatten. Jene lebte am westlichen Ende der Stadt. So war sie früh aufgebrochen, um den Tag zu nutzen. Kein Gemeckere, keine Vorwürfe. Trotz der bevorstehenden Ratsversammlung würde dies ein schöner Tag werden. Holger lächelte für sich, als er die Treppen vom Schlafgemach herunterstieg und in die Küche ging. Sie hatte Frühstück gemacht. Damit hatte er nicht gerechnet. Er wusste nicht was ihn mehr freute. Das unerwartete Mahl oder die Tatsache, dass er es alleine und in Ruhe einnehmen konnte. Mit breitem Grinsen setzte er sich zu Tisch und schmierte sich eines der beiden Fladenbrote, die bedeckt mit einer dicken Schicht Butter einfach köstlich schmeckten. Nach dem Essen trank er ein großes Glas Milch in einem Zug aus und begab sich, gestärkt für den Tag, auf den Weg zum Haus des Rates.

Noch waren die Straßen menschenleer. Ruhig und gleichmäßig schritt Holger aus. Ein verwahrloster Köter trottete ihm hinterher, wohl in der Hoffnung, einen Knochen zu ergattern. Er stieß ihn zur Seite. Für derlei Betteleien hatte er keinen Sinn. Ein streunendes Tier war unerwünscht in seiner Stadt.

Das Haus des Rates befand sich nordöstlich von seinem Wohnhaus, inmitten des Gründerviertels. Wie der Namen schon verriet, befanden sich hier die großen und prunkvollen Villen der ersten Menschen, die hier siedelten und bald Reichtum und Wohlstand erlangten. Die Häuser waren in einem Halbkreis angeordnet, welcher zur Küste hin offen dalag. Hier wohnten die großen Familien der Stadt. Die Familie der Salzfinder, der Meerfreunds, der Falkenflugs und noch etliche weitere hochgestellte Bürger.

Im Zentrum des Halbmondes ruhte das Ratshaus. Es war umgeben von einer gepflegten Wiese, welche nun kaum noch grün war. Im Sommer war dies ein herrlicher Platz, voller Ruhe und einfacher Schönheit. An mehreren Stellen standen breite Holzbänke, die einluden zu verweilen, und die Stille zu genießen.

Es war der schönste Ort Salzheims, dachte Holger Abendstern beinahe jedes Mal, wenn er dem geradlinigen Weg hin zu seinem Amtssitz folgte. Das Ratshaus selbst strahlte Kraft und Sicherheit aus. Zu großen Teilen aus fein gehauenem weißen Marmor gefertigt, war es eingerahmt von prächtigen Säulen aus sorgsam geschliffenem und verziertem Obsidian. Ein majestätisches Bauwerk, machtvoll gestaltet durch den Kontrast der Farben der Welt, schwarz und weiß. Dies war das offensichtliche Zeichen dafür, dass hier Recht gesprochen wurde.

Am schweren Flügeltor angekommen, zog Holger einen großen vergoldeten Schlüssel aus seiner Jackentasche und öffnete mit sicherer Hand das Schloss.

Sogleich schwang die Pforte auf. Ein leerer Raum lag vor ihm. Dieser erstreckte sich in der vollen Breite des Ratshauses vor ihm. Der Boden bestand aus kalt wirkenden viereckigen Schieferplatten. Sie waren gefertigt aus je zwei Schritt langen und breiten Stücken, in allen Grautönen. Sie lagen dumpf und schwer da. Zum Teil rau, zum Teil glatt, mal dunkler mal heller. Niemals einheitlich gehalten, waren sie das Symbol des Konflikts des Menschen, der hin- und hergerissen war zwischen Gut und Böse. Niemals ganz glatt, niemals vollständig in einem der Grautöne, wiesen sie niemals eine durchgehende Gleichmäßigkeit auf.

Der Sitzungssaal des Rates lag dem Haupttor gegenüber. Eine helle Tür aus Fichtenholz gab, da unverschlossen, durch das Drücken der Klinke und einem leichten Ruck, den Weg zum geräumigen Saal frei.

Im Saal selbst befand sich nichts außer zwei großen Fenstern und einem ovalen Tisch aus fester Eiche, welcher insgesamt ausreichend Platz für zwanzig Mann bot. Auf der hinteren Seite des Tisches standen sieben Stühle, wobei sich nur einer den anderen gegenüber unterschied. Dies war der Stuhl des Salzmeisters, Holgers Stuhl. Er war um einiges höher und ein wenig breiter, mittig platziert. Auf der vorderen Seite standen die Stühle für jene, die vor dem Rat erschienen. Sei es um rechtens willen, oder - wie in diesem Fall - um ein, für Salzheim vermeintlich wichtiges Geschehen vorzutragen. Holger Abendstern nahm Platz, und tat dies nicht ohne Befriedigung. Es war sein Lebenstraum, diesen Stuhl auszufüllen. Er hatte schon als junger Mann danach getrachtet und befand sich nun seit knapp vierzig Mondwechseln in dieser ehrbaren Position.

Die Mitglieder des Rates erschienen als erste. Freundlich und mit festem Händedruck begrüßte er jeden von ihnen. Sie alle waren gewählt aus den verschiedenen Gesellschaftsklassen der Stadt. Der Adel wie das Handwerk, Salzmeister wie Fischer waren vertreten. Diese Zusammenstellung des Rates garantierte die bestmögliche Rechtsprechung, unparteiisch und uneigennützig. Salzheim war die einzige Stadt der Menschen, in der das Zusammenleben auf diese Art geregelt war. Damit bot sie einen krassen Gegensatz zum Königtum, welches die Hauptstadt und größte Stadt der Menschen stellte: Naars Zweifel.

Der Rat hatte Platz genommen. Das freundschaftliche Gespräch unter den Mitgliedern ebbte ab, als es an der Tür klopfte. Markre Meisterlich öffnete sie und trat ein, gefolgt von den meisten der Söldner, die ihn sicher nach Salzheim und damit nach Hause gebracht hatten.

Holger begrüßte die Männer freundlich und bat sie darum, Platz zu nehmen. Der Salzmeister musste sich eingestehen, dass er vergessen hatte, ausreichend Stühle bereitzustellen. Es war ihm unangenehm und er zeigte dies mit Worten der Entschuldigung. Meisterlich saß ihm gegenüber. An beiden Seiten des Händlers nahmen Söldner Platz. Es dauerte einige Zeit, bis jene die sitzen sollten, dies getan hatten. Der Rest stand hinter ihnen in willkürlicher Anordnung. Zum ersten Mal betrachtete der Salzmeister die Söldner genauer. Eine interessante Anordnung wie er fand. Interessant und ungewöhnlich.

Ein Zwerg als Anführer. Im Gegensatz zu den anderen, war er immer noch nicht sauber, wenn auch gewaschen und ein wenig gekämmt. Die Liebe zur Erde war ihm wohl hinderlich gewesen, sich die letzten Reste Schlamm von seiner Kleidung zu schaben. Daneben ein Salzheimer. Ja, nun erkannte ihn Holger. Gestern fand er nicht die Zeit, sich den wohlgekleideten, gutaussehenden Mann genauer anzusehen. Nun hatte er dies nachgeholt und ihn erkannt. Voller Trauer dachte Holger an den Tag, an dem der Vater dieses Jungen auf so tragische Weise starb. Bald danach ward der junge Mauran nicht mehr gesehen. Nun wusste Holger, welchen Weg der letzte männliche Falkenflug eingeschlagen hatte.

Zur Rechten Maurans saßen zwei wahre Hünen. Sie waren wohl Brüder. Beide überragten mit Sicherheit den größten und kräftigsten Mann Salzheims. Der eine war in schwere Platten gehüllt. Das was verwunderlich, weil keinerlei Bedrohung hinter den gesicherten Mauern Salzheims bestand. Der andere war noch einen halben Kopf größer. Ein Riese, bepackt mit ausladenden Muskeln, wahrlich beeindruckend. Noch während Holger dies dachte, drängte sich das Bild des breitschultrigen Minotaurs in seinen Geist. Wo war der geblieben? Dieser Gedanke machte ihm nicht nur bewusst, dass nicht alle erschienen waren, sondern auch der verwundete Söldner auf der Tragbahre fiel ihm wieder ein. Ein guter Ansatz für das folgende Gespräch.

Sobald Ruhe eingekehrt war und jeder seinen Platz eingenommen hatte, bedankte sich der Salzmeister dafür, dass seiner Bitte Folge geleistet worden war und beinahe alle Geladenen gekommen waren. Dabei konnte der Teil mit den nicht erschienenen Männern als dezent vorgetragene Anspielung verstanden werden. Sogleich fragte er freundlich nach, wie es dem verletzen Mann ergangen sei, und ob die fehlenden Söldner noch kommen würden.

Meisterlich räusperte sich und wollte antworten, doch Garantor kam ihm zuvor. Dadurch gab der Zwerg zu verstehen, dass seine Leute nun nicht mehr im Dienste des Händlers standen. Als Anführer und Betroffener der gestellten Fragen, war es an ihm, zu sprechen.

„Klai hat die Nacht nicht überlebt. Noch vor Sonnenaufgang hat er den Kampf aufgegeben.“

Die Worte klangen bitter und kamen dumpf aus seinem Mund. Bitter, weil sie es bis hierhin geschafft, und trotzdem die Mühen umsonst gewesen waren.

„Was den Rest angeht“, sprach er weiter, „Der Minotaur kuriert seine Wunde aus, und die anderen vergnügen sich irgendwo in der Stadt. Thef kennt ein vorzügliches Bordell, und einige sind mit ihm gegangen.“

Ob jetzt Entrüstung oder Beileid angebracht war, wusste Holger nicht. Wohl aber wusste er, dass Söldner ihren eigenen Regeln folgten. Da sie ihren Auftrag erfüllt hatten und ihr Anführer ihnen offensichtlich freigestellt hatte, hier zu erscheinen, taten sie wohl das, was ihnen am liebsten war. So beschränkte sich Holger darauf, sein ehrliches Beileid auszudrücken. Über die fehlenden Männer verlor er kein weiteres Wort.

Danach wurde dem Verstorbenen ein Augenblick der stummen Trauer zugestanden. Ein Zeichen des Respekts, welches in Salzheim üblich war und ohne Aufforderung vollzogen wurde.

Nun räusperte sich Holger und bat Meisterlich darum, die Geschehnisse zu schildern, welche ein Zusammenkommen des Rates erforderlich machten. Meisterlich tat dies ohne Umschweife. So sprach er von dem höchst ungewöhnlichen Verhalten des Ogers, den sie verfolgt und zur Strecke gebracht hatten. Kurz wurde darüber diskutiert, wobei der Unglauben über einen Oger, der eigenständig Entscheidungen treffen konnte, auf beiden Seiten des Tisches spürbar war.

Meisterlich erklärte nochmals, dass sich alles so abgespielt habe, wie er es vorgebracht hatte. Mauran Falkenflug und Cebrid bestätigten dies mit Nachdruck.

Diskussionen und weiterführende Berichte wechselten sich ab, wobei die Berichterstattung Meisterlichs endete, als er über die unzähligen Lagerfeuer sprach, welche auf eine unglaubliche Anzahl der verhassten Oger schließen ließ. Alle möglichen Mutmaßungen wurden angestellt, und verworrene Theorien über eine mögliche andere Erklärung aufgestellt. Aber nichts hatte Bestand.

Der Vormittag verstrich langsam, voller Mühsal und ohne ersichtliches Ergebnis. Zur Mittagszeit erklärte Holger Abendstern, dass er dankbar für die Informationen war und der Rat sich weiter damit beschäftigen werde. Mit freundlichen Worten begleitete er Meisterlich aus dem Saal. Söldner und Ratsmitglieder folgten.

Mit gemischten Gefühlen und nachdenklichem Gesicht ging ein jeder heim an seinen gedeckten Tisch. Der Rat würde am nächsten Tag wieder zusammenkommen. Die Söldner gingen ihres Weges, wohl einem neuen Auftrag entgegen, oder einigen ruhigen Tagen. Das war Holger Abendstern einerlei.

Zwar hegte er Zweifel an den vernommenen Worten, aber dennoch würde man sich noch genauer mit dieser Geschichte befassen müssen. Sicher würden Kundschafter ausgesandt, um größeres Wissen und Sicherheit zu erlangen. Morgen würde man entscheiden, was zu unternehmen war. Bis dahin war aber noch ein nebliger Nachmittag zu genießen. Da seine Frau immer noch nicht heimgekehrt war, setzte sich Holger in seinen Lieblingssessel, steckte sich eine Pfeife an und gönnte sich einige Humpen des köstlichen Gerstenbiers seines Schwagers.

Der Wege viele
Kapitel 5

Garantor war zufrieden. Abgesehen von Klais Tod, welcher immer noch auf einigen der Mannen lastete. Dennoch, der Aufenthalt in Salzheim hatte ihnen allen gut getan. Zrak hatte Zeit, um seine Verletzung auszukurieren und der Rest konnte einiges von dem frisch erworbenen Sold auf den Kopf hauen. Meisterlichs Auftrag hatte einiges abgeworfen und mit Geld in der Tasche war die Moral eines jeden Söldners besser. Das Angenehmste aber war, dass sie bereits nach einer Woche einen neuen Auftrag annehmen konnten. Nichts wirklich lukratives, aber immerhin ein Auftrag. Ein Grund, um wieder nach Süden zu reisen und dort einen anderen Auftraggeber zu finden.

Mit einem jungen Händler, der sich Almud nannte und aus einer Bauernfamilie stammte, waren sie nach Nordwesten gezogen, um die Ladung bei ihm zu Hause aufzunehmen. Es handelte sich dabei um grobe Lederarbeiten und gesponnene Schafwolle.

Der Weg hatte sich länger hingezogen als geplant. Gut zwei Tage vergingen, bis sie das große Bauernhaus erreicht hatten. Ein weiterer Tag verstrich ungenutzt bei der Bauernfamilie selbst. Almuds Mutter ließ es sich nicht nehmen, die Gäste für den Tag einzuladen. Das selbstgebraute dunkle Bier und das freundlich angebotene geräucherte Schweinefleisch waren zu verlockend, um das Angebot auszuschlagen. So aßen und schliefen sie in einer geräumigen Scheune, gleich neben dem Haupthaus. Gestärkt und satt standen sie im Morgengrauen auf. Sie bedankten sich für die ungewohnte Gastfreundschaft und verließen die Eltern des Händlers. Gut gelaunt machten sie sich auf den Weg nach Süden. Die Strecke führte sie ein gutes Stück fernab der Hauptstraße, vorbei an leeren Feldern entlang eines schmalen Trampelpfads.

Der Tag lag unter einer kalten Sonne. Wie an den vorangegangenen Tagen, war es auch an diesem neblig. Vereinzelte Hügel und weite Ebenen brachten sie auf gerader Linie ihrem Ziel entgegen, der Hauptstadt der Menschen: Naars Zweifel. Unbeschwerte Gespräche wurden geführt, es wurde gelacht und gesungen. Selbst Garantor zeigte sich redselig und unterhielt sich mit Cebrid über die richtige Pflege seines Zweihänders.

Der Hüne wusste um die Liebe des Zwergs zu allen Waffen und dem Metall, aus dem sie gefertigt waren. Cebrids Verlangen war es, mehr über Stahl zu lernen und das Metall besser zu verstehen. Er pflegte seine Waffe mit allem Wissen und aller Liebe, der ein Mensch fähig war. Dennoch, er würde dieses Material nie begreifen, wie ein Zwerg es tat. Niemals wäre er in der Lage, das Erz mit seinem Herzen zu erkennen und seine Urform zu sehen. Dies schmerzte ihn tief in seinem Inneren.

Am hinteren Ende des Zugs führte man Gespräche anderer Natur, über Liebesabenteuer und ausschweifende Trinkgelage. Die verschiedenen Erlebnisse in Salzheim wurden laut und übertrieben erzählt. Auch Brand beteiligte sich an der einen oder anderen Unterhaltung. Noch gestern hatte er sich sehr zurückgezogen verhalten, hatte gegrübelt und war meist alleine. Es war verwunderlich, dass gerade ihm der Tod Klais so viel bedeutete. In Menschenjahren war Brand der älteste der Söldner. Er hatte unzählige Tote und viele Verluste ertragen müssen. Er hätte eigentlich nicht so sehr betroffen sein dürfen. Nicht durch den Tod eines Mannes, den er erst seit Kurzem kannte. Was wirklich dahinter steckte, konnte man nicht ergründen. Mauran hatte ihn darauf angesprochen. Erfolglos.

Gegen Abend lichteten sich die Nebel. Eine flache Talsenke bot einen geeigneten Platz für das Nachtlager. Garantor war gerade dabei, ein kleines Feuer zu schüren, als er plötzlich aufsprang und sich umsah. Es wurde schnell ruhig um ihn. Brube war der erste, der verwundert nachfragte. „Was ist los Garantor?“

Der Zwerg hob die Hände, die Handfläche offen vor sich, mahnte mit dieser Geste zur Stille und verharrte mit angespanntem Gesichtsausdruck. Kein Laut war zu hören. Mehrere standen auf, und griffen nach ihren Waffen, einige blieben einfach sitzen versuchten zu vernehmen, was Garantor wohl hören mochte. Der Händler Almud wurde unruhig. Er malte sich alle möglichen Gefahren aus und schmiegte sich eng an einen seiner beiden Maulesel. Es dauerte viel zu lange, bis sich etwas tat. Dann endlich sprach der Zwerg. „Donner. Entfernter Donner. Nein, es klingt ähnlich, zu konstant ... die Erde ... ich verstehe es nicht.“

Die Männer und vor allem der Händler entspannten sich. Weit entfernter Donner war nichts, was irgendjemanden wirklich interessieren musste.

So stand der Zwerg mit seinem undurchsichtigen Gedankengang alleine. Einen weiteren Augenblick später fügte er hinzu: „Osten, aus dem Osten kommt es!“

Brube setzte sich wieder hin. „Was soll schon sein?“, sagte er, legte seine Hellebarde neben sich auf die Erde und wärmte seine Hände am Feuer. Seinem Beispiel folgten einige, aber nicht alle. „Salzheim“, sagte Mauran Falkenflug. Seine Sinne reichten nicht an die des Zwergs heran, waren für einen Menschen jedoch sehr gut ausgebildet. Sein Gesicht wurde weiß. Auch er hörte nun den Donner. Oder bildete es sich nur ein? Es war egal.

Garantor nickte langsam.

Mauran Falkenflug sagte nichts. Ohne ersichtlichen Grund lief er los in Richtung Osten. Garantor erteilte hastig einen Befehl: „Thef und Dimite, Zrak, Kalad und die Bogenschützen; ihr folgt mit dem Wagen, der Rest mir nach, wir müssen Mauran folgen.“ Dann rannte auch er los, ohne sich umzusehen.

„Ja spinnt ihr oder was soll der Mist?“, brüllte Brube, bevor er sich in Bewegung setzte. Für derlei Abendsport hatte er nichts übrig. So mancher teilte diese Ansicht, aber was half es? Keiner missachtete den Befehl.

Es dauerte nicht lange, bis sich die Gruppe in monotonem Dauerlauf gefunden hatte. Garantor schnaufte schwer. Die kurzen Beine und sein hohes Körpergewicht waren auch hier wieder von Nachteil. Normalerweise wäre er nicht gerannt, hätte Cebrid und Mauran die Verantwortung übertragen. Jedoch nicht in diesem Fall. Keine Sekunde hatte er daran gedacht, beim Wagen zu bleiben und gemächlich zu folgen. Die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit mahnten als Vorboten des Unheils. Offensichtlich hatte Mauran die Zeichen als erster gedeutet und Garantor würde dabei sein, bei allem was sich zutragen mochte. Seine Entscheidungsgewalt und Autorität könnte sich als ausschlaggebend erweisen.

Es wurde nicht gerastet. Die Nacht wurde erst dunkler, dann wieder heller und als der erste Sonnenstrahl die Hügel überwand, wurde das Elend mit voller Gewalt ersichtlich. Der Horizont war rußgeschwärzt. Bis hinauf zur Sonne hatte sich die Welt in das Gewand des Todes gekleidet. Je näher sie kamen, desto deutlicher waren Schreie zu vernehmen. Schreie des Schmerzes und der Qual, des Verlusts und des Leids.

Doch noch lauter hallten das Grölen und die Wutschreie des Volkes zu ihnen, welches all dies Leid verursacht hatte. Oger. Mit beängstigender Konstanz drang das Entsetzen durch Luft und Erde. Vibrationen, hervorgerufen durch unzählige Stiefel und Kehlen, waren deutlich zu spüren.

Nur noch ein Hügel trennte Mauran von der freien Sicht auf Salzheim. Als der überwunden war, fiel er auf die Knie. Tränen rannen ihm über die Wangen und seine Hände gruben sich in die Erde, überwältigt vom Unfassbaren, das er sah. Nur ein kurzer Marsch trennte die Gefährten vom entsetzlichen Gemetzel.

Eine unglaubliche Anzahl an Ogern drang durch die geborstenen Mauern Salzheims. Tausende hatten sie schon überwunden. Die Zahl der Angreifer war unvorstellbar groß. Die Stadt seiner Kindheit, seiner Familie, so klein und schutzlos. Ein Streifen der westlichen Mauer, mindestens tausend Schritt breit, war zusammengebrochen. Mauran weinte und schluchzte, konnte und wollte die Tränen nicht stoppen. Feuer, überall Feuer. Das ganze westliche Viertel bis hin zum Marktplatz war verkohlt oder niedergerissen. Nichts konnte die Grausamkeit stoppen. Enorm wuchtige Rammböcke lagen da, wo die Schutzwälle geborsten waren. Niedergerissen durch die Wucht von wenigen Rammstößen. Hundert Oger oder mehr mussten jeden einzelnen davon geführt haben.

„Bei Rekar ...“ Mehr brachte Garantor im Moment nicht hervor. Was könnte er sonst sagen? Noch nie hatte er eine Armee erblickt, die an Kampfstärke, ja noch nicht einmal an Zahl mit dieser hier vergleichbar war. „Das gibt es nicht ... so viele ...“, stammelte er.

Auch die restlichen Mannen standen nun stumm auf dem Hügel. Keiner von ihnen sprach. Schwerer Atem, verzweifelte Gesichter; keiner brachte mehr hervor, als das bloße Entsetzen in aufgerissenen Mündern.

Die beiden Brüder standen nebeneinander. Brube sah Cebrid an. Der reagierte nicht. Mit bleichem Gesicht stand er da. Er hatte noch nicht einmal die Kraft, seinen Zweihänder zu ziehen. Brube hatte es geschafft, aber was sollte weiter geschehen? Entgeistert blickte er umher, die schwere Hellebarde in beiden Händen. Die Knochen seiner mächtigen Fäuste standen bleich hervor, vom Druck, den er auf den Griff seiner Waffe ausübte.

Der Walnussbaum in der Mitte des Marktplatzes brannte lichterloh. Die Feuersäule des Baums unterschied sich vom Rest des Brandes und war deutlich zu erkennen. Die Feuerwalze, genährt vom dürren Holz des alten Baumes, zielte senkrecht in den Himmel.

Das Lied des Leids wollte nicht verklingen, die Schreie nicht verhallen, das Waffengeklirre nicht verebben. Überall waren Oger. Sie stürmten gerade in die Stadt oder waren als Schemen irgendwo und überall darin zu erkennen. Brube stand noch immer regungslos da, so wie Garantor und alle anderen. Mechanisch erhob sich Mauran Falkenflug. Den Blick starr auf das Unheil gerichtet, die Hand des Wahnsinns auf seiner Schulter und eben jenen Blick in den Augen. „Mauran!“, rief Garantor. Keine Antwort. Noch einmal rief er den Namen seines Freundes, jedoch ergebnislos. Mauran wollte sich in Bewegung setzen, doch Garantor hatte ihn bereits am Arm gepackt, mit einer Kraft, die der des drahtigen Menschen weit überlegen war. Blitzschnell fuhr die Hand Falkenflugs an seinen Ledergürtel und zog den kostbaren Zwergendolch mit der Klinge aus feinstem Diamant. Garantor reagierte noch schneller. Ehe der Mensch zustechen und sich somit befreien konnte, grub sich die geballte Faust des Zwergs schwer in die Magengrube Mauran Falkenflugs. Der sackte zwar zusammen, kam aber nicht zur Ruhe und wollte sich hochrappeln. Garantor versetzte dem ungeschützten Kopf seines Freundes einen Schlag mit seiner bewehrten Stirn. Ein leises Stöhnen war alles, was Mauran von sich gab. Dann sank er vornüber und blieb regungslos liegen.

Der Blick des Zwergs lag mitfühlend auf ihm. „Dein Tod würde nichts bewirken, mein Freund. Damit hilfst du niemandem ...“ Garantor sprach diese Worte und verblieb dann stumm.

Es gab weder etwas zu sagen, noch zu unternehmen und jeder wusste das.

Die schwachen Sinne der Oger machten es unwahrscheinlich, entdeckt zu werden. So verweilten sie lautlos, blickten auf Salzheim und grämten sich vor Trauer über den unaufhaltsamen Untergang der einstmals glänzenden Stadt. Und immer noch standen sie da, als die Sonne ihren Zenit längst erreicht hatte. Immer noch gellten die Schreie der Sterbenden, welche vom unbarmherzigen Wind zu den Mannen hochgetragen wurden. Ja, noch immer standen sie da, als es keine Todesschreie mehr zu hören gab, kein Waffengeklirr zu vernehmen und kein Haus mehr unversehrt war. In nur einem Tag wurde Salzheim überrannt, und in Schutt und Asche gelegt. Überall zwischen den Trümmern waren Oger. Sie suchten bluthungrig nach weiteren Opfern oder schwelgten in den Leichen der Besiegten. Für die dunklen Wesen war dies ein Festtag und sie zelebrierten ihn mit all ihrem Sein.

Seit einiger Zeit schon, beobachtete Garantor genau was sich abspielte und vor allem wie. Der Zwerg hatte sich schneller aus der allgemeinen Lethargie gelöst als seine menschlichen Begleiter. Er hatte einiges gehört und gesehen und es verlangte ihn danach, seine Erkenntnisse mitzuteilen und neue zu erlangen.

Mit energischer Stimme befahl er: „Ypek, du bleibst hier. Setzt dich hin und beobachte weiter. Melde dich sofort, wenn sich irgendetwas ändert.“ Der kräftige Söldner nickte stumm. Nun sah Garantor zu Brube. „Pack deine Hellebarde weg und zieh Mauran zu uns rüber.“

Ein Stück weit hinter dem Hügel setzte sich der Zwerg im Schneidersitz hin. Seine Männer taten es ihm gleich. Sie setzten sich zusammen, die meisten bleich im Gesicht und zum Teil mit zitterndem Körper. Ausgezehrt blickten viele Augenpaare in die Runde des gerade entstandenen Kreises. Viele sahen jetzt, zum ersten Mal seit Stunden, in ein anderes Gesicht. Ein jedes war ein Spiegel der eigenen unverhohlenen Trauer und Ratlosigkeit. Nur wenige waren bereits in der Lage, Wut oder Rachegelüste zu empfinden. Vereinzeltes Knacken, Krachen und Brüllen drang leise über den Hügel, als Garantor sprach: „Die Welt liegt im Krieg. Das war der Anfang, kein zufälliger Schlag.“ Niemand antwortete. Das hatte er auch nicht erwartet. Cebrid nickte langsam, welches die einzige ersichtliche Reaktion des gesamten Trupps auf diese todverheißende Aussage darstellte.

„Sie kämpfen koordiniert, geführt und mit klaren Zielen. Diese Geschwindigkeit ist sonst nicht zu erklären!“

Kaum hatte der Zwerg dies gesagt, rührte sich so mancher und wurde wach. Wieder nickte Cebrid. Aus seinem Blick war zu ersehen, dass er Ähnliches beobachtet und nun die Bestätigung für seine schlimmsten Befürchtungen erhalten hatte. Endlich ließ sich Brube vernehmen. „Verdammt! ...“, was eher wie eine zweifelnde Frage anmutete, als der Ausdruck von Wut.

„Richtig Brube, richtig ...“ Der Zwerg gab diesen Worten Gewicht, durch die monotone Art, wie er sie aussprach. „Ich weiß nicht wie, ich weiß nicht wann, aber irgendetwas oder jemand, hat die Oger geeint. Und nicht nur das. Sie wurden gedrillt, ausgebildet und an Befehle gewöhnt.“

Cebrid warf ein: „Ich habe gesehen, wie ein kleiner Trupp einer Richtung folgte und dann wieder umkehrte. Gesammelt und geschlossen. Sie marschierten an der gebrochenen Westmauer entlang nach Norden, drehten um und verschwanden zwischen Rauch und Staub im Osten.“

„Ja“, bestätigte Garantor. „Das ist eines der auffälligsten Verhaltensmuster, aber es gibt auch andere.“ Kurz hielt er inne und holte Luft. „Die Mauern wurden an mindestens zwei Stellen durchbrochen. Zwei getrennte Armeen stürmten in die Stadt. Im Westen und Süden. Sie taten es mehr oder weniger zur gleichen Zeit. Ich würde sogar sagen, dass sie auch im Osten eingefallen sind.“

Cebrid schien die Worte abzuwägen, nickte wie so oft. Dann fügte er hinzu: „Die gewaltigen Rammböcke. Kein Oger könnte sich so etwas ausdenken, geschweige denn bauen.“ Zustimmendes Gemurmel machte die Runde.

„Und dann ist da noch was …“ Der Zwerg hielt inne und kratzte sich am Bart. „Sie haben viele Versorgungswagen dabei, aber es sind keine Kinder da. Keine Halbwüchsigen und kaum Ogerfrauen. Ein weiterer Hinweis auf eine organisierte Armee. Keine Sippen, kein Ballast. Nur Kämpfer.“

Auch diese Feststellung fand Zuspruch. „Gror hat einen Weg gefunden, um sein Volk mit dem zu stärken, was ihm fehlte ... genug Verstand, um alles Leben zu vernichten.“

Noch immer blieben alle still. Was sollte auch gesagt werden? Die gehörten Worte ließen keine Zweifel offen. Niemand hatte etwas hinzuzufügen. Offensichtlich hatte Garantor weitere Beobachtungen erwartet. Er wollte von seinen Männern Aufschluss über das Geschehen, welchen sie jedoch nicht geben konnten. Eine Weile saßen sie da und keiner sprach. Sie waren bestürzt und mutlos. Irgendwann stand der Zwerg auf, ging wieder auf den Hügel und beobachtete weiter.

Die Oger hatten keine Eile. Der Tag verging und ließ die blutrote Sonne rußgeschwärzt in einem Meer aus Leid vergehen. Das Szenario wandelte sich kaum. Große Feuer wurden entfacht, als der Abend nahte. Müde und nachdenklich standen immer noch viele der Gefährten auf dem Hügel vor den Ruinen Salzheims. Und immer noch zogen die Rauchschwaden in den nächtlichen Himmel. Der Blick nach Osten war des Nachts beinahe beeindruckender als am Tag. Hunderte Lagerfeuer brannten, dazu noch unzählige Häuser in Salzheim. Viele der Untiere waren ihres Treibens noch nicht müde und zündeten an, was noch nicht brannte. Immer neue Feuer entstanden. Sie vernichteten, was es noch zu vernichten gab, was immer das auch sein mochte.

Übermüdet durch die vorangegangene Nacht, schliefen die Gefährten einen unruhigen Schlaf. Oft schreckte jemand schaudernd auf. Abwechselnd standen die Männer Wache. Zusätzlich verbrachte immer einer der Gefährten seinen Dienst bei Mauran, der seit seinem Erwachen apathisch dasaß. Als der Tag anbrach, hatte sich wenig geändert. Der einzige Unterschied lag darin, dass die Verwüstung, vorher vom dichten Rauch kaschiert, nun deutlicher zu erkennen war. Die Oger plünderten und johlten, grunzten und stritten untereinander um ansehnliche Waffen und Beutestücke. Doch sogar hier war eine grundlegende Ordnung zu erkennen. Gewisse Dinge wurden zum Lager gebracht und wechselten dort den Besitzer. Streitigkeiten wurden oft von Dritten geschlichtet. Alles lief zum größten Teil unblutig ab, soweit man es vom erhöhten Aussichtspunkt erkennen konnte

All dies beobachtete Garantor genau. Er hatte kaum geschlafen. Sein Ziel war, herauszufinden, wer die Fäden zog. Wer anführte und wer folgte. Das war fast unmöglich. Es mussten an die zwanzigtausend Oger sein, die sich vor der zerstörten Stadt aufhielten und das in Anbetracht dessen, dass der größere Teil von ihnen immer noch plünderte. Garantor schauderte. Lange stand er da und sah dem Treiben zu, aber er konnte keine Antwort auf diese wichtige Frage finden. Keiner der Oger kristallisierte sich als die Führungsperson heraus, die der Zwerg zu erkennen suchte.

Einige Zeit später erreichten der Händler Almud und die restlichen Söldner den Hügel. Auch sie konnten kaum fassen, was sich zugetragen hatte. Almud selbst konnte mit der Welt, in der er lebte, nichts mehr anfangen. Er musste erst realisieren was sich zugetragen hatte und sorgte sich panisch um seine Familie.

Es war an der Zeit, Entscheidungen zu treffen. Sie alle versammelten sich erneut hinter dem Hügel und standen sich gegenüber. Bis auf Zrak. Er hatte die Aufgabe, das Geschehen weiter zu beobachten. Garantor hatte ihn ausgewählt, weil der Minotaur, getrieben von einer fast beleidigenden Neugierde, auf die Oger blickte, verschiedenes nachfragte und an seinem eigenen Weltbild bastelte. Er teilte die Bestürzung, das Entsetzen und den Hass nicht. Für ihn war es eine Entwicklung. Eine Entwicklung, die er zu ergründen suchte. Schon aus diesem Grund war es besser, ihn ein wenig abseits zu halten. Männer wie Brube und Dimite könnten in seiner Gleichgültigkeit ein Ventil für ihre Wut sehen. Dann mochte mehr als nur einer grundlos sterben.

„Wir müssen etwas unternehmen“, setzte Garantor an. Dabei blieb es eine gute Weile, bis er endlich weitersprach, da kein anderer etwas sagte. „Wir wissen nicht wie, wir wissen nicht wann. Sicher ist nur, dass sich das Volk der Oger geeint hat. Wir wissen nicht unter wem oder was ... Krieg liegt auf der Welt und niemand wird davon verschont bleiben.“

Es widersprach niemand. Zu offensichtlich war all das, was vor wenigen Tagen noch nicht möglich schien.

Endlich setzte Brand an zu sprechen. „Die Völker müssen gewarnt werden. Wir müssen nach Naars Zweifel. König Aegon muss davon erfahren.“

„Ja“, sagte Thef, „aber sind wir da sicher?“ Alle Blicke lagen auf dem schweigsamen kleinen Mann. „Garantor hat recht. Wir sind im Krieg. Aber was soll das für uns bedeuten? ... Wohin sollen wir? ... Ich werde meinen Arsch retten und Naars Zweifel scheint mir nicht der richtige Ort dafür zu sein.“

Brube wurde rot im Gesicht und fuhr Thef an: „Ach davonlaufen? Du feige Ratte!!“

„Sag was du willst, es ist mir einerlei“, entgegnete Thef.

Dimite sprang aufgebracht auf. „Es ist unsere Pflicht, König Aegon zu berichten, was passiert ist! Sonst werden sie überrannt wie Salzheim. Die Stadt muss gesichert und vorbereitet werden. Die Zeit drängt!“

Alle stimmten zu, nur Thef blieb ungerührt, und setzte nochmals an: „Ihr denkt wirklich, damit wäre eure Pflicht getan?“ Seine Gesichtszüge zeigten ein ebenso spöttisches Grinsen wie das Wort „Pflicht“, welches er wie in einem Fluch geäußert hatte.

Garantor stand auf und sprach ruhig, aber bestimmt: „Ich sehe schon, hier macht jeder seine eigenen Pläne ...“ Tiefe Entrüstung war die Folge. Cebrid unterbrach ihn, beteuerte seine Loyalität. Der Zwerg winkte ab, „Nein, nein, seid still!“ Schnell war es wieder ruhig. Garantor führte seine Augen im Kreis und kratzte sich am Bart. „Wir stehen am Scheideweg. Ein jeder muss für sich entscheiden, welche Richtung er einschlagen will. Ich werde von niemandem verlangen, nach Naars Zweifel zu ziehen und ich für meinen Teil, werde das auch nicht tun.“

Verwunderung machte sich breit. Brube wollte gerade zur Frage ansetzten, was denn dann unternommen werden solle, als plötzlich Mauran Falkenflug aufstand. Ganz langsam. Ruhig. Zu ruhig. Allein dies Tun sorgte für Stille. Seine Augen waren feucht. Die Trauer hatte ihn gezeichnet. Leise, monoton, mit gebrochener Stimme begann er zu sprechen.

„Der Wege sind viele und ein jeder muss begangen werden. Wo anfangen? ... Das ist die eigentliche Frage. Denn wo der Weg aufhört, weiß ein jeder von euch ... ein jeder ...“ Die letzten Worte presste er hervor. Wieder rannen ihm die Tränen über die Wangen, doch er sprach weiter. „Und keiner wird seinem Weg entrinnen. Auch Ihr nicht Thef, denn wohin wollt Ihr fliehen? ... Wo wärt Ihr sicher? ... Wo würde euer Schicksal Euch nicht einholen?“

Mauran schüttelte träge den Kopf. Er sah niemanden direkt an und blickte auf einen weit entfernten Punkt, den wohl niemand außer ihm sehen konnte.

Verwunderung war in dem einen oder anderen Gesicht zu erkennen. Doch keiner wollte Maurans wirre Ausführungen unterbrechen; und sei es nur, aus Respekt vor seiner Person.

„Ich bin vor mir selbst geflohen, hab mich versteckt und verleugnet“ ... Er grinste als wäre er verrückt. „Meine Familie war reich. Von der Welt selbst mit kostbarem Salz beschenkt. Doch mein Vater tötete sich, im Rausch ... Grundlos wählte er den leichtesten aller Auswege und verließ uns. Ja ... ich selbst bin wie er. Auch ich habe alles hinter mir gelassen, zog fort und ließ alle und alles im Stich. Meine Familie ... alle tot ...“

Kurz stockte er, holte Luft und zitterte dabei.

„Und wo stehe ich heute? ... Mitten im Nichts ... oder in allem? ... Wo liegt der Unterschied? Wo der Sinn? Wir können verzweifeln, oder unseren Weg gehen. Können davonlaufen, oder uns dem Leben stellen. Ich für meinen Teil ... Ich laufe nicht mehr davon.“

Mit jedem Wort wurde er sicherer und die Stimme stärker. „Mein Weg ist der Garantors. Denn eines ist gewiss: sein Weg wird sich mit dem der Oger kreuzen. Wir sind keine Söldner mehr. Wir sind die ersten Krieger im Kampf für das Leben und mein Ende des Weges wird sich erst mit dem Ende der Oger erfüllen ...“

Bei weitem nicht jeder hatte verstanden, was Mauran überhaupt sagen wollte. Garantor jedoch nickte und sprach: „Ja ... es gibt viele Wege und einige davon werden wir beschreiten. Aber nicht alle gemeinsam.“

Schwer atmete der Zwerg, drehte sich um und entfernte sich einige Schritt von der Gruppe. Dann blieb er stehen und wandte sich zu ihnen. „Die mit mir kommen wollen, sollen dies tun. Ich verlange es von niemandem und genauso wenig hoffe ich, dass sich jeder für meinen Weg entscheidet ... Wie gesagt, ich werde nicht nach Naars Zweifel gehen.“

Kaum hatte er das gesagt, standen Cebrid und Brube auf und gingen demonstrativ zu ihm. Während sie sich näherten, sprach Garantor weiter: „Kalad, Veon, Ypek und fast alle anderen haben ihre Familie in Naars Zweifel. Sie sind dort aufgewachsen und lebten dort, bis sie sich mir anschlossen. Ich weiß, dass ihr dorthin wollt ... ich bitte euch sogar darum, denn die Königsstadt muss gewarnt werden. Und je mehr nach Süden ziehen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die lebenswichtige Nachricht überbracht wird.“

Das war alles, was er zu sagen hatte. Er stand betroffen da, die rechte Hand in seinem Bart vergraben und harrte dem, was geschehen mochte. Unerwartet stand Brand auf, entfernte sich ein wenig und stand Garantor gegenüber. Verdutzt schaute der Zwerg in das derbe Gesicht seines langjährigen Freundes. Damit hatte er nicht gerechnet. Niemals. Diese Meinung teilte wohl so mancher, denn unsichere, unverständige Blicke wanderten umher.

„Ich bin müde Garantor“, begann Brand, „Viel zu müde. Ich habe zu viele Tote gesehen, zu viel Leid.“ Sein Blick sank auf den Boden, als er weitersprach: „Ich stand an deiner Seite Garantor. Ich war bei dir, als du Flügelführer in Kramn Rotbards Truppe wurdest. Ich war bei dir, als wir aufgerieben wurden von diesen hinterhältigen Räubern und nur fünf von uns überlebten. Meine Hand lag auf deiner Schulter, als Schwarzarm starb und dich bat, den Auftrag zu vollenden ... und so vieles folgte ...“

Garantor unterbrach ihn und wurde beinahe überwältigt von seinen Gefühlen. Er suchte mit seinem Blick die Augen des alten Waldläufers. „Rechtfertige dich nicht Brand, lass es.“

So viel Gefühl war im Blick des Zwergs. So viel Freundschaft und Anerkennung. Niemals würde er eine Entscheidung anzweifeln, die von Brand getroffen wurde. Im Gegenteil. Er war froh. Wusste er doch, dass es keinen besseren als ihn gab, um die wichtigen Worte in die Königsstadt zu tragen. Es schmerzte ihn lediglich, diesen Mann nicht mehr unter den seinen zu wissen.

Dankbar erwiderte der Waldläufer den Blick. Ein leichtes Lächeln lag auf seinen rauen Lippen. „Du weißt, meine Familie lebt in Naars Zweifel ... Ich danke dir.“

Auch diese letzten Worte drückten viel mehr aus, als den Dank für Verständnis, den Dank für den freundlichen Blick seines Anführers. Es war der Dank für ein halbes Leben. Der Dank für Respekt und Freundschaft. Der Dank für einen Abschied, der kaum ein Wiedersehen beinhalten konnte. Der Dank dafür, dass kein Wort nötig war, um all dies gesagt zu haben. Die Gruppen teilten sich. Aus den Söldnern, die unter Garantor dem Zwerg ihr Geld verdienten, wurden Streiter für das Gute. Für das Land. Getrennt in zwei Gruppen, würden sie ihr Heil und jenes der Lebenden suchen.

„Was werdet ihr unternehmen?“, fragte Brand, als sich die beiden neu formierten Einheiten gegenüberstanden, beide zum Abschied bereit.

Der Zwerg kratzte sich am Bart und antwortete knapp: „Beobachten, fürs erste …“ Brand nickte und stimmte ein letztes Mal mit Garantor überein. Nun nicht mehr als Freund und Gefolgsmann, sondern als gleichgestellter Führer im Kampf gegen das unausweichliche Unheil.

Ohne ein weiteres Wort sah sich der alte Bogenschütze um, und sah in die Gesichter jener Männer, die mit ihm nach Süden ziehen würden. Er verzog kurz die Mundwinkel und schritt stumm den Hügel hinab.

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9783754149966
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