Читать книгу: «Das Meer, die Liebe, der Mut aufzubrechen»


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DIE AUTORIN
Andrea Marcolongo, geboren 1987 in Crema/Italien, hat Klassische Philologie studiert. Bereits ihr erstes Buch Warum Altgriechisch genial ist wurde zum internationalen Bestseller mit über 300.000 verkauften Exemplaren. Sie schreibt regelmäßig für „La Stampa“ und „La Repubblica“ und lebt derzeit in Sarajevo.
Andrea Marcolongo
DAS MEER, DIE LIEBE, DER MUT AUFZUBRECHEN
Was uns die Argonautensage erzählt
Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl

Inhalt
Heldentum
Das Meer, eine uralte Sprache
Mir kann das nicht passieren
Sei bereit
Zeit auszulaufen
Sich über Wasser halten
Wind und andere Zwischenfälle
Zur See fahren
Verzauberung
Wie man loslässt
Heldentum
Zärtlichkeit
Antikes Familienlexikon
Das Goldene Vlies, unser Ziel
Das Paradox der Einsamkeit
Unser Boot
Nostos oder die Heimkehr
Im Falle eines Schiffbruchs
Ein neuer Hafen
Epilog: Die Schiffe hinter uns verbrennen
How to Abandon Ship
Bibliografie
Heldentum
Für alle, die das Unglück ablehnen
Undden Mut haben, zum ersten Mal
Oder noch einmal in See zu stechen.
Für alle, die den Mut haben,
sich zum ersten Mal oder
noch einmal zu verlieben. Sie sind-Helden.
Für Sarajevo,
das nicht am Meer liegt,
für mich jedoch ein Hafen ist.
Οὐδεὶς οὕτω κακὸς ὅντινα οὐκ ἂν αὐτὸς ὁ Ἔρως ἔνθεον ποιήσειε πρὸς ἀρετήν, ὥστε ὅμοιον εἶναι τῷ ἀρίστῳ φύσει. Καὶ ἀτεχνῶς, ὃ ἔφη Ὅμηρος, μένος ἐμπνεῦσαι ἐνίοις τῶν ἡρώων τὸν θεόν, τοῦτο ὁ Ἔρως τοῖς ἐρῶσι παρέχει γιγνόμενον παρ᾽ αὑτοῦ.
Denn was den Menschen, welcher sein Leben schön und würdig zubringen will, durch sein ganzes Leben leiten muss, das vermögen ihm weder Verwandtschaft noch Ehrenstellen, noch Reichtum, noch irgendetwas anderes in dem Maße zu gewähren wie die Liebe. […] kurz, was Homer sagt, dass ein Gott diesem oder jenem Helden Mut eingehaucht habe, das gewährt Eros den Liebenden allen.
PLATON, Das Gastmahl
Warum treibt es den gesunden Menschen mit gesunder Seele nach dem Meere? Warum empfindet man auf der ersten Seereise eine geheimnisvolle Erschütterung, wenn man von dem Schiff aus das Land nicht mehr sieht?
HERMAN MELVILLE, Moby Dick
Übersetzt von WILHELM STRÜVER
Das Meer, eine uralte Sprache
Das Meer spricht zu uns in einer uralten Sprache.
Seine Worte sind eine zu entziffernde Landkarte.
Es hat kein Ende, sondern unendlich viele Anfänge, die sich Horizonte nennen.
Es kennt die Kunst der Verzauberung, des Staunens, der Angst, der Ungeduld und des Wartens.
Es verschluckt Schiffe, bietet Gaben an, überrascht mit Häfen, die auf Karten, die von anderen – nicht von uns – gezeichnet wurden, nicht aufscheinen.
Seine Wellen sind sanft und seine Stürme grausam; sein Wasser ist salzig wie der Schweiß der Mühsal, wie Lachtränen, wie Tränen der Trauer.
Das Schiff ist wunderschön und auf dem Rumpf steht in weißer Farbe dein Name. Auf dieser Reise bist du einfach du.
Bald wirst du deinen Hafen erreichen, er ist der Grund, warum du die lange Reise auf dich genommen hast. Bei der Ankunft erwartet dich ein neues Leben, ein Leben, das du dir immer gewünscht hast, bevor du die Herausforderung der Abreise auf dich genommen hast.
Ein Leben lang hattest du Angst zu fragen, was dir bevorsteht.
Aus diesem Grund bist du aufgebrochen: Um nicht länger inopportun, fehl am Platz zu sein, beziehungsweise ohne einen Hafen, einen portus, in dem du wirklich du sein kannst. Und um die, die du liebst, und das, woran du glaubst, nicht zu importunieren – nicht in Verlegenheit zu bringen, nicht zu verwirren. Um nicht länger entwurzelt herumzuirren, sondern um ein Land, einen Ort zu finden, wo deine Gedanken Wurzeln schlagen können.
„Du musst durchhalten.“ Alle legen dir die falsche Kraft der Resignation nahe, während du dir doch nur erlauben wolltest, schwach zu sein, nicht länger mögen zu müssen, was du nicht magst, was dich nicht glücklich macht.
„Du verlangst zu viel vom Leben“, sagen alle immer wieder zu dir, während du doch nur verlangst, als das ernst genommen zu werden, was du wirklich bist.
Da hast du eine Entscheidung getroffen, du hast das Richtige vom Leben verlangt und bist aufgebrochen.
Die Kraft zur Entscheidung rührt oft daher, dass man nicht weiterleben kann, ohne diese Entscheidung getroffen zu haben.
Unsagbar sind die Farben des Meeres, denn unbeschreiblich ist auch das Licht, das es tagsüber entzündet – transparent, blau, glasklar, perlfarben –, sowie das Licht, das es nachts zum Verschwinden bringt – schwarz, weinfarben, mondhell.
Das Meer kennt das Gesetz des Gleichgewichts zwischen Anwesenheit und Abwesenheit, das dir so oft entgeht und dich in Erwartung dessen, was du – noch – nicht kennst, zermürbt. Und was du noch nicht bist.
Im Italienischen ist das Meer ein Vater, il mare.
Im Französischen eine Mutter, la mer.
In den slawischen Sprachen ist es sächlich, more.
Alle Frauen, alle Männer, alle Gedanken bewohnen unsere Häfen, die, die am weitesten entfernt sind, und die, die uns am nächsten sind. Das Meer ruft und wir müssen uns in dem Fundus der Rollen, die wir jeden Tag gleichzeitig spielen, immer wieder neu einkleiden – als ungeduldige Männer, geliebte Kinder, besorgte Mütter, treue Freunde, frisch Verliebte, rebellische Jugendliche, weise Frauen, freche Kinder, als die Fantasien der anderen.
Unsere Ichs sind gleichzeitig aufgespannt wie ein Segel: Ich, io im Italienischen, wie das Suffix -io am Ende der Worte, die eine lange andauernde, noch nicht beendete Aktion beschreiben. Worte, die unseren Zustand beschreiben, den wir selbst nicht kennen, wenn wir unentschlossen etwas tun, was noch kein Ende gefunden hat – mormorio (Gemurmel), ronzio (Gesumme), logorio (Zerrüttung), brontolio (Murren).
Proust hatte unrecht, auf Reisen gibt es keine verlorene Zeit. Es gibt nur eine wiedergefundene Zeit, denn wir entdecken jeden Tag aufs Neue, was wir sind – nicht das, was wir waren oder was wir sein werden.
Die Wirklichkeit, die sich entfaltet und anknüpft und mit ihrer Veränderung auch uns verändert.
Das Bewusstsein dieser Wirklichkeit verbirgt sich hinter der Schattenlinie, die jede Entscheidung mit sich bringt.
Das Meer fordert von dir, dich zu entscheiden, wohin du fährst und warum.
Du kannst es ignorieren, du kannst erklären, du seiest zu beschäftigt, vielleicht siehst du das Meer nicht einmal, das mit fernen Worten zu dir spricht.
Vielleicht hast du Angst davor, vielleicht liegst du gemütlich auf einem Liegestuhl am Strand und lachst es aus.
Doch es wird immer ein Meer geben, das dich ohne Vorwarnung, ohne einen Veränderung ankündigenden Wind geduldig dazu bringt, die elementare Geste zu wagen, zu der jedes menschliche Wesen fähig ist: über die Schwelle zu treten und einen Schritt hinüber zu machen.
Beziehungsweise in dein Leben.
In dein Inneres.
Unweigerlich kommt die Reise, die die Menschen auffordert, aufzubrechen, schrieb Apollonios von Rhodos, der Verfasser von Die Fahrt der Argonauten.
Als junger Mann rechnete Jason nicht damit, aufgefordert zu werden, als Erster, mit dem ersten Schiff, das von Menschen gebaut wurde – der Argo –, übers Meer zu fahren. Medea, noch ein junges Mädchen, rechnete in ihrem fernen Hafen nicht damit, dass sie sich in einen Fremden verlieben würde.
Er brach auf, um nach Hause zurückzukehren und seinen Vater zu retten; sie stieß ihren Vater zurück, brach auf und kehrte nicht mehr nach Hause zurück. Beide entschieden sich für das Meer und kamen verändert an ihr Ziel: nicht mehr als Kinder, sondern als erwachsener Mann und erwachsene Frau, als Helden vielmehr.
Für die Griechen war ein Held jemand, der seine innere Stimme zu hören verstand, der Vertrauen zu sich hatte und die Prüfung bestand, die jedem menschlichen Wesen abverlangt wird: sich selbst treu zu bleiben.
Siege und Niederlagen sind absolut nicht der Maßstab des Heldentums: Seit Jahrtausenden ist der ein Held, der über sein Leben entscheidet. Und das ist ein hoher Anspruch, denn davon hängt sein Glück ab. Wenn Platon im Theaitetos schrieb, „Denken ist das Selbstgespräch der Seele“, dann besteht der revolutionäre Ansatz der griechischen Philosophie darin, das anzusprechen, was wir allzu oft zum Schweigen bringen. Zu unserem Inneren zu sprechen, um eine Entscheidung treffen zu können, uns so zu lieben, wie wir in unserer innersten Reinheit sind.
Heutzutage legen wir uns die Latte oft viel zu tief, ganz knapp über dem Boden, in der Überzeugung, dass uns nicht mehr zusteht, dass unsere Träume schon durch die äußeren Umstände – von der Wirtschaftskrise bis zum Urteil der anderen – bereinigt werden müssen, und so wünschen wir uns nichts mehr – im Namen einer falschen Ruhe, aufgrund der wir nichts ändern, nichts mehr planen wollen.
Der Begriff Held ist derart zur Floskel verkommen, dass er nur noch für Winner taugt, für die Protagonisten spektakulärer Events wie Ted Talks oder Reality Shows, und wir vergessen, dass wir alle das Zeug zum Helden haben. Das kann man allerdings nur wiederentdecken, wenn man übers Meer fährt. Gemeinsam mit der Liebe, die immer der zündende Funke des Heldentums jedes Einzelnen ist, denn sie legt unsere innere Latte ganz hoch.
Medea und Jason waren die ersten.
Sie sind Ausgangspunkt und Ziel jeder menschlichen Reise.
Kaum sind die Segel der Argo gespannt, stechen wir Tag für Tag in See, kämpfen gegen Wind und Sturm, um ans Ufer zu gelangen oder verändert zurückzukehren, wobei wir über die Schattenlinie treten oder unsere Schwelle überschreiten.
Schwelle wie das italienische Wort uscio; uscio wie uscire, hinausgehen. Dem entgegenzugehen, was passiert. Türen sind hauptsächlich dazu da, geöffnet zu werden, um Licht, Wind, die anderen hineinzulassen.
Segelst nicht auch du, wie wir alle – wir zeitgenössischen Argonauten – über die Meere, die uns, egal in welchem Alter, davon abhalten, erwachsen zu werden?
Mir kann das nicht passieren
Auf dem Meer fühlst du dich sicher.
Nichts von dem, was dich am Ufer beunruhigte, ist mehr da.
Du sagst zu dir selbst:
„Mir kann das nicht passieren.“
Diese Worte sind so tröstlich, dass sie einschläfernd wirken.
Langsam gleitest du in eine ruhige Apathie.
Alles ist so weit weg.
Nein, es kann nicht passieren.
Dir nicht.
In seinem Buch der Unruhe schrieb Fernando Pessoa, Wir leben alle in dieser Welt an Bord eines Schiffes, das aus einem Hafen ausgelaufen ist, den wir nicht kennen. Es ist unterwegs zu einem Hafen, von dem wir nichts wissen. Wir müssen füreinander die Liebenswürdigkeit gegenüber Reisebekanntschaften aufbringen.
Auch ich war immer schon unruhig. Ich mag das Gewellte – die Hügel am Meer, nicht die Ebene am See. Und auch ich bin viel gereist, bevor ich den Mut fand, dieses Buch zu schreiben: nicht nur in horizontaler Richtung durch unbekannte Städte und Länder, sondern vor allem in die Tiefe: ins Innere der Menschen, unter die Oberfläche ihrer Worte, Blicke, Gesten.
Mit dreißig Jahren befand ich mich an Bord eines Schiffes, das von einem unbekannten Hafen, der Literatur, ausgelaufen war.
Ich habe nur deshalb den Mut gefunden, über das unbekannte Meer zu fahren, weil ich der Liebenswürdigkeit begegnet bin, von der Pessoa schreibt und mit der mich meine Reisegefährten empfangen und unterstützt haben: meine Leser – auch Sie, die Sie mich zum ersten Mal lesen und erfahren, welche Bekanntschaften ich auf der Reise zwischen meinen beiden Häfen gemacht und was ich gelernt habe.
Aus Dankbarkeit für Ihre Neugier, für Ihre Diskretion, für die Bereitschaft, sich in der Gegenwart mithilfe dessen zu orientieren, was seit jeher als alt, also veraltet gilt, habe ich wieder zu schreiben begonnen. Um all die Fragen, die Sie mir gestellt haben, sorgfältig und ausführlich zu beantworten. Und um zu versuchen, die Antworten zu finden, die ich vielleicht auch jetzt nicht kenne und die nie endgültig sein werden, wie es bei den schönen und unergründlichen Dingen des Lebens immer der Fall ist.
Gibt es in unserer Zukunft noch Platz für die Vergangenheit? Was verwandelt die persönliche Erinnerung in kollektives Gedächtnis, das in der Lage ist, die zeitgenössische Einsamkeit zu besiegen? Warum wollen wir alle frei sein, haben jedoch eine seltsame Angst vor der Freiheit, wenn sie wirklich eintritt? Und warum muss die Angst unbedingt ein Gefühl sein, für das man sich schämt, warum akzeptieren wir sie nicht als wichtigen Überlebensinstinkt, der uns zwingt, uns zu verändern, um uns in Sicherheit zu bringen? Was soll man tun, wenn das Leben uns die Möglichkeit bietet, nach unserer Fasson und nicht nach der der anderen zu leben? Einen Beruf ausüben, heißt schließlich seinen Lebensunterhalt verdienen und nicht, sich im Namen einer Arbeit und einer von anderen definierten Perfektion das Leben mit Ängsten und Sorgen zu ruinieren. Welcher Unterschied besteht zwischen vernetzt und vereint sein und warum haben wir uns in der ganzen Geschichte der Menschheit noch nie so einsam gefühlt? Ist dies die Epoche der unbegrenzten Vernetztheit oder des ständigen Unterbrochenwerdens?
Diese Fragen haben Sie mir unter anderem gestellt. Ich habe beschlossen, den Faden, der mich mit Ihnen verbindet, festzuhalten, als wäre er das Kostbarste, was ich besitze. Und ich habe beschlossen, mich mit der Erfahrung der Veränderung auseinanderzusetzen, von der Überschreitung der Schattenlinie zu sprechen, die zwischen Kindheit und Erwachsensein liegt.
Dieses Buch handelt also nicht vom Meer, das ich unendlich liebe und ohne das ich nicht leben könnte, und auch nicht von der Schifffahrt, von der ich nur das weiß, was die Literatur darüber erzählt. Es handelt vielmehr von der schwierigen und doch so effektiven Kunst, sich auf eine Reise zu begeben und sich zu überwinden, um erwachsen zu werden, egal, wie alt man ist, denn das Leben kommt nie zum Stillstand – allenfalls kommen wir zum Stillstand.
Es handelt von dem, was passiert, wenn wir uns auf dem Festland des Lebens entscheiden müssen, das im Grund gar nicht so fest ist, sondern sich ständig verändert, auch wenn wir das nicht wollen – und wir mit ihm. Das tut es mithilfe moderner Worte, die alten Ursprungs sind, mithilfe von Mythen und Legenden, die seit jeher glasklar den Sinn der Dinge beherbergen, die alle menschlichen Wesen einen.
Ich möchte Sie im einzigartigen Augenblick der Entscheidung mit Metaphern im ursprünglichen Sinn des Wortes begleiten. Sie in der Art einer Metapher – eines altgriechischen Wortes, das aus der Präposition μετα (meta = durch) und dem Verb ϕέρω(féro = tragen) besteht – an der Hand nehmen und durch unsere alltäglichen, intimen Gefühle führen. Wie im Neugriechischen, in dem Fahrzeuge μεταϕοράς (metaphoràs) heißen – auf den Straßen von Athen bewegt man sich inmitten von Metaphern, die Blumen ausliefern.
Mithilfe der Argonautensage und der Worte des Meeres möchte ich Sie über diese Schwelle führen, die wir immer überschreiten müssen, wenn uns etwas Gewaltiges zustößt und wir uns für immer verändern. Wenn uns ein unbekannter Wind aus dem Dämmerschlaf weckt und wir uns immer wieder die Frage stellen: „Passiert das wirklich mir?“
Wir leben in einer Zeit, in der es nie genügend Worte zu geben scheint, in einer Zeit, in der wir Neologismen wie Münzgeld prägen, um einander zu verstehen und verstanden zu werden. Doch es sind armselige Worte, sie haben keinen Wert, sie rauben den Dingen ihren Sinn, anstatt ihnen einen neuen hinzuzufügen, und ihre unaufhaltsame Inflation macht uns immer nur ärmer statt reicher.
Nichtssagende Worte, reine Signifikanten, die einen Sommer lang funkeln wie ein Schlager, den wir im Radio hören und dabei etwas anderes tun – schon haben wir ihre Bedeutung vergessen, weil wir sie nie verstanden haben oder man sie uns nie erklärt hat.
Und so suchen wir atemlos neue Begriffe, um das zu bezeichnen, was im Grunde schon seit jeher da ist und das wir seit jeher erleben, von dem wir aber nicht mehr sprechen können.
Ständig heißt es, wir müssten die Sprachen erhalten und vor geheimnisvollen Feinden ohne Antlitz und Namen – Eindringlingen, Eroberern, Fremden – verteidigen.
Und während wir einen imaginären Saboteur von den Dimensionen eines Seeungeheuers bekämpfen und dabei Grammatikbücher schwenken oder dem Internet die Schuld geben, entgleiten uns die existierenden Worte immer mehr, als ob die Zeit des Sagens und des Wissens uns in der Sanduhr der Gegenwart entrinnt.
Die Pegel des Meeres, der Verwirrung, des chaotischen Lärms steigen immer weiter, und auf unserem Ufer gibt es immer weniger Sand, auf dem wir uns ausstrecken und endlich miteinander reden könnten.
Wir haben das Gefühl, die Worte entgleiten uns aus Sorglosigkeit oder Nachlässigkeit, wie ein Schirm, der an einem Regentag gleichgültig in einer Ecke stehengelassen wurde.
Die Schuld für unser armseliges Dasein geben wir den sozialen Netzwerken, den Emojis am Handy, wir bezeichnen die Kunst Homers als storytelling und Werbung als Kommunikation und verbuchen selbst Marketing unter lifestyle.
Gesenkten Hauptes akzeptieren wir ein modernes ipse dixit, doch wir erkennen nicht mehr, wer was gesagt hat, wir glauben alles und allen, ohne die Mühe auf uns zu nehmen, es zu überprüfen.
Wenn uns eine Information dennoch als unglaubwürdig erscheint, bezeichnen wir sie als fake news, gehen allerdings gleich zur nächsten Nachricht über, ohne zu ergründen, wie und warum sie falsch ist, und ohne sie mit einem Wort zu bezeichnen, das Kinder sehr früh lernen: Lüge.
Wir verwechseln die Politik mit der Verwaltung von Schlaglöchern und Müllcontainern, uns fehlt die Weltsicht, wir navigieren im Nebel, immer einsamer und ohne Steuermann, in Dantes Fegefeuer verbannt.
Wir trauen niemandem mehr, schon gar nicht uns selbst, wir suchen Lehrer, die uns erklären, wie wir uns zwischen den Tutorials auf YouTube zurechtfinden sollen, während wir denjenigen, die tatsächlich Erfahrung haben, misstrauen, weil sie alt sind.
Wir verhalten uns wie Autofahrer im Verkehr, mit der Hand ständig auf der Hupe, um uns Platz zu verschaffen, anstatt uns dem Nächsten zu nähern und ihn anzuhören. Wir gehen dem Unerwarteten aus dem Weg, um erleichtert sagen zu können, wir würden nichts Gutes oder Neues mehr erwarten, „denn es bringt ohnehin nichts, es bleibt ohnehin alles gleich“.
Wir zeigen anklagend mit dem Finger auf die Technik, als wäre sie mit dem iPhone und nicht vor Tausenden Jahren mit der Erfindung des Rades entstanden. Dabei vergessen wir, dass ein Handy nicht an unserer Stelle kommuniziert, so wie ein Wagen nicht ohne unsere Hilfe das Ziel erreicht – wir sitzen am Steuer und verfluchen das Navi, wenn wir uns verirren.
Wir brauchen Regeln, sogar Gesetze und Gerichtshöfe, um Liebe und Hass empfinden zu können – reine Gefühle, die die Griechen im Theater mithilfe von Tragödien und Komödien auslebten.
Wir, Männer und Frauen, laufen vor Worten davon, vermeiden sie, verwenden sie so wenig wie nur möglich, als ob sie gefährlich wären. Als ob wir uns die Hände verbrennen würden, wenn wir sie halten, oder den Empfänger damit verbrennen könnten. Als hätten wir Angst davor, dass wir zeitversetzt die Unwirklichkeit dessen übermitteln, was wir nicht sind, nicht die Wirklichkeit dessen, was wir wirklich sind. Wir sind die ersten, die absichtlich Worte vermeiden, denn sie würden uns zwingen, ehrlich, genau und gefühlvoll von uns zu sprechen.
Sind wir wirklich immer und ausschließlich total traurig oder total glücklich? Besitzen wir nur zwei Worte, um unsere Gefühle zum Ausdruck zu bringen?
Warum leben wir alle an Bord eines Schiffes, in dem es Verhältnisse statt Beziehungen und kein maßvolles Sprechen mehr gibt, sodass wir alle total reich oder total arm an Worten sind? Warum sind wir keine Menschen mehr, sondern im besten Fall Individuen und im schlimmsten Fall Individualisten?
Wohin ist die Liebenswürdigkeit der Reisegefährten verschwunden, in der die Liebe zum Nächsten – der ebenfalls ein Reisender ist – aufgehoben ist und durch die wir – auch wenn wir nur ein einziges Wort wechseln – herausfinden würden, dass wir im Grunde auf ein und demselben Schiff unterwegs sind?
Nein, ich glaube nicht, dass wir die Sprache verlieren, wie Sie in Ihren Briefen geschrieben haben, und auch nicht, dass man eine alte Sprache kennen muss, um nicht wortlos vor dem Schauspiel des Lebens zu stehen.
Und noch weniger glaube ich, dass wir die Intensität des Liebens, Begehrens, Leidens verlieren, die Fähigkeit, uns Fragen zu stellen und Zweifel zu beseitigen, wie Sie befürchten.
Wir verlieben uns, hoffen, empfinden Schmerz wie Medea und Jason, doch heutzutage machen wir das lautlos, um nicht zu stören. Warum fragen die wenigen, die den Mut haben, zu telefonieren, statt eine Mail zu schreiben: Störe ich dich, anstatt zu fragen: Wie geht’s dir?
Indem wir immer weniger Worte verwenden, um über uns zu sprechen, und wenn, dann immer dieselben, legen wir vielmehr eine Grenze für unsere Sprache fest. Die Grenzen unseres Sprechens werden immer enger und unsere Welt wird jeden Tag kleiner. Stummer.
Limes bedeutete im Lateinischen nicht nur Grenze, sondern auch Querweg, Weg, also nicht befestigte Straße. Heutzutage versuchen wir mit unseren Worten, sie nicht zu begehen. Aus Angst vor dem, was wir jenseits der Grenze finden könnten, überschreiten wir sie nicht.
Wir brausen auf der Autobahn der Banalität dahin.
Wenn das Reden die Macht hat, die Dinge wirklich zu machen, wer sind wir dann wirklich?
Lieber es nicht entdecken.
Und uns nicht entdecken lassen.
Keine Ahnung warum, aber wir haben mittlerweile Angst vor den Worten – nur dazu sind Grenzen gut.
Ausgesprochene, geschriebene oder auch nur gedachte Worte verbergen nicht.
Niemals.
Sie offenbaren.
Und mithilfe von Worten stellen wir uns nicht nur den anderen, sondern vor allem uns selbst dar, als würden wir uns immer, wenn wir einen Gedanken formulieren, bei einem sich ewig wiederholenden ersten Rendezvous einstellen.
Ich hoffe, dieses Buch hilft Ihnen, mehr zu lieben, mehr zu lachen, mehr vom Leben zu verlangen, die Angst vor Entscheidungen zu überwinden, wenn das Leben eine Stellungnahme von Ihnen verlangt. Und vor allem nicht die richtigen, sondern die eigenen Worte zu finden.
Im Grunde bedeutet Lesen, im Lateinischen lego, nichts anderes als auswählen. Nur dazu sind Worte gut: um sich auszuwählen.
Ich möchte Ihnen zwei Geschichten erzählen.
Die kürzere stammt aus einem englischen Handbuch vom Jahr 1942, How to Abandon Ship. Wie man von Bord geht.
In diesem Handbuch werden Ratschläge gegeben, wie man den Schiffbruch eines Frachters oder Ozeandampfers überlebt; während des Zweiten Weltkriegs waren derartige Schiffbrüche genauso dramatisch wie häufig.
Ich habe mich vor vielen Jahren auf einer Reise durch Kent in dieses Handbuch verliebt, ich habe es bei einem Trödler gekauft, es aus Liebe verschenkt, es mit der Liebe verloren.
Ich habe nicht klein beigegeben: Ich habe es noch einmal bei einem anderen Trödler gekauft.
Die Motti, die Sie in diesem Buch am Anfang eines jeden Kapitels finden, stammen aus diesem wunderbaren schmalen Buch, das ungeachtet des Titels für mich nicht ein Handbuch mit Ratschlägen zur Flucht, sondern vielmehr eine Sammlung von Strategien ist, wie man die Schiffbrüche des Lebens übersteht und überlebt.
In den zahlreichen Kapiteln werden alle möglichen ausführlichen Ratschläge gegeben, etwa wie man ein Rettungsboot zu Wasser lässt oder auf hoher See hervorragenden Whisky braut, doch der erste Satz dieses alten Ratgebers lautet nicht zufällig: This manual is concerned solely with human lives. In diesem Ratgeber geht es nur um Menschenleben.
Die zweite Geschichte ist um einiges größer und bedeutender – ein Mythos, der sogar noch älter ist als der von Troja –, den alle gut kennen, wie Homer über die Fahrt des Schiffes Argo in Buch XII der Odyssee sagt.
Es handelt sich um die Fahrt der Argonauten, Helden, auf einem Schiff namens Argo, deren Schatten Neptun staunen ließ (wie Dante in der Göttlichen Komödie, Paradies, dreiunddreißigster Gesang, Vers 96 schrieb), dem ersten Schiff, das den Mythenforschern zufolge in See stach.
In den Metamorphosen (Sechstes Buch, Verse 719–721) widmete Ovid der Fahrt der Argonauten wunderschöne Verse:
Nun, da die kindliche Zeit vor dem Jünglingsalter gewichen, zog mit den Minyern* aus das Paar auf dem ersten der Schiffe, über entlegenste Flut nach dem Vlies mit der strahlenden Wolle.
Ihre Abenteuer auf der Suche nach dem Goldenen Vlies wurden bereits in einem Mythos erwähnt, der aus der Zeit der Mykener, der ältesten griechischen Kultur, stammt.
Im Lauf der Jahrhunderte haben sich alle Leser von Die Fahrt der Argonauten, dem Epos des Apollonios von Rhodos, gefragt, was genau dieser geheimnisvolle, goldene Widder sei, auf dem die Geschwister Helle und Phrixos von Griechenland nach Kolchis geflogen waren – Helle war bei diesem Flug ins Meer gestürzt, ihr zu Ehren wurde diese Meerenge von nun als Hellespont bezeichnet.
Historiker, Philologen und Anthropologen vermuteten ein Bild für Kolonisierung, für Natur- oder Himmelsphänomene, religiöse Kulte oder Handelsbeziehungen.
Lauter plausible Antworten.
Lauter menschliche Antworten.
In diesen zynischen Zeiten, in denen Angst und Hass so geschickt benutzt werden, dass sie unsere Fantasie und unsere Liebe zum Versiegen bringen, habe ich eine der fantastischsten Geschichten der griechischen Mythologie, die der Argonauten, ausgewählt.
Heute, wo offenbar schon alles gesagt und gesehen wurde, ist die Fantasie ein zutiefst revolutionärer, wenn nicht gar politischer Akt. Und der Königsweg zur Fantasie ist ausschließlich die Liebe.
Um den Regisseur Guillermo del Toro bei den Filmfestspielen Venedig 2017 zu zitieren: Unmöglich, dass sich die Beatles und Jesus in Bezug auf die Liebe geirrt haben.
Und schon gar nicht die alten Griechen, füge ich hinzu.
Seitdem ich in einem Schulbuch die Geschichte von Jason und Medea gelesen habe, wollte auch ich eines Tages herausfinden, was das Goldene Vlies bedeutet – was für ein merkwürdiges Wort, wer sagt heute noch Vlies anstelle von Fell?
Natürlich habe ich es nicht herausgefunden.
Ich bin mir jedoch sicher, dass das Goldene Vlies das unbekannte Ziel einer jeden Fahrt darstellt, angefangen bei der ersten, jener der Argonauten. Denn Jason findet im fernen Kolchis nicht nur ein magisches Fell, sondern etwas noch Geheimnisvolleres: die Liebe Medeas.
Nur deshalb habe ich mich aufs Neue aufgemacht.
Und dieses Buch geschrieben.
Wieder einmal nur aus Liebe.
*Minyer: Beiname der Argonauten, weil sie großteils diesem Volk angehörten. (A.d.Ü.)
Sei bereit
B.A. Baker, der dritte Offizier des Frachters Prusa, rät: Das Wichtigste für einen Seenotretter ist, den Geist zu trainieren. Konzentrieren Sie sich darauf, nicht aus der Fassung zu geraten, und halten Sie daran fest. Sagen Sie niemals: „Ich habe keine Angst“, denn Sie werden Angst haben. Wenn das Schiff von einem Torpedo getroffen wird, verspüren Sie Panik in der Magengrube und die Knie werden weich. Dagegen gibt es nur ein Mittel: handeln.
Kolchis war so weit entfernt, wie man zwischen dem Untergang und dem Aufgang der Sonne schauen kann, erzählt Apollonios von Rhodos gleich am Anfang seines Epos.
Jason wusste weder, wo Kolchis lag, noch, wie er dorthin gelangen sollte, doch er wusste, warum er aufbrechen musste und wollte – ein Begehren treibt die Männer, mit dem Schiff über die Salzflut zu fahren.
Seine Aufgabe bestand darin, das Goldene Vlies, das im Besitz des grausamen Aietes war, der über ein fernes Reich im Osten, das heutige Georgien, herrschte, nach Griechenland zurückzubringen.
Jason war noch ein Junge und vor allem ein Sohn: Noch nie davor hatte er das Elternhaus verlassen.
Sein Vater war der große Aison, der König der Stadt Iolkos in Thessalien in der Nähe des heutigen Volos: Hier lebte er glücklich, bis sein Onkel, der grausame Pelias, den Thron an sich riss.
Kein Erwachsener hätte wohl Pelias’ Aufforderung Bring das Goldene Vlies zurück, dann lasse ich deinen Vater frei ernst genommen, nur ein Junge, der weder Lebenserfahrung besaß noch jemals Bekanntschaft mit dem Meer gemacht hatte, nahm sie ernst.
Pelias sagte, Schauen wir mal, ob es dir gelingt, doch das war bloß eine List, um diesen Jungen loszuwerden, der fest entschlossen war, den Thron seines Vaters zurückzuerobern, ein Scherz, den keiner sonst aufgegriffen hätte.
Alle sagten, es sei ein unmögliches Unterfangen.
Niemand glaubte, dass Jason nach Thessalien zurückkehren würde: Zu viele Gefahren verbargen sich im Meer, zu viele unbekannte Völker befanden sich entlang des Weges, zu fremd und zu weit entfernt war Kolchis.
Alle dachten, er wäre auf immer verloren, und beweinten ihn schon jetzt.
Keiner hätte den Aufbruch gewagt.
Allerdings hatte ihn auch noch nie jemand versucht.
Das Schiff Argo war wunderschön, das vorzüglichste von allen Schiffen, welche auch immer es mit Ruderarbeit auf dem Meer versuchten, aber Athene hatte es nicht geschaffen, damit es im Hafen vor Anker lag.
Das erste von Menschenhand, von einem Zimmermann namens Argos gebaute Schiff wartete schon zu lange.
Die Göttin Hera würde über die Schifffahrt wachen, sie trieb der Mannschaft den Steuermann Tiphys zu, der tüchtig darin war, die Wirbel des Windes vorher zu bemerken und die Fahrt aus der Sonne und einem Stern vorauszusagen.
Argo war gebaut worden, um ins Unbekannte aufzubrechen und dann nach Hause zurückzukehren.
Sie wartete nur darauf, dass jemand bereit war, in See zu stechen.
Argo wartete auf jemanden wie Jason.
Aus Angst vor dem, was noch kein anderer vor ihm gewagt hatte, bat der Junge seine engsten Freunde um Hilfe. Und sie ließen ihn nicht im Stich.
Aus ganz Griechenland kamen ihm fünfzig Männer zu Hilfe. Unter ihnen die beiden Dioskuren, Kastor und Pollux, die Boreas-Söhne Zetes und Kalais, mit schwarzen Flügeln an den Füßen, die mit goldenen Schuppen glänzten, der Dichter Orpheus, der Seher Mopsos, der für seine Kraft und seinen Mut berühmte Herakles.
Auch Akastos, der Sohn des übelwollenden Pelias, beschloss, nicht im Haus seines Vaters zu bleiben.
Viele Jahrhunderte später würdigte Pindar in der Vierten pythischen Ode ihren jugendlichen Mut mit rührenden Worten:
Solchen all bewegenden Trieb zu dem Kiel
Argo facht’ in den Heldenherzen
Hera an, dass keiner der Männer daheim
bei der Mutter blieb’, ein bequemes gefahrlos
Leben fristend, sondern, und sei’s um den Tod,
seines Heldenthumes Befriedigung aufsucht’
unter Jugend-Kameraden. (303–309)
Am Ufer zu bleiben, während das erste von Menschenhand gebaute Schiff in See stach, hätte bedeutet, auf immer und ewig ein Kind zu bleiben.
Wenn sie darauf verzichtet hätten, sich zu beweisen, und sei es um den Preis von Angst und Schmerz, hätten sie ihr Leben wie Idioten vergeudet – ein eintöniges Leben, wie ungesalzenes Brot.
Sie wären nie erwachsen, sondern gleich alt geworden, ihre geschmeidigen Muskeln wären von der Wiederholung der ewig gleichen Schritte, der ewig gleichen Gesten schwach geworden.
Alle diese jungen Männer waren entschlossen, die Kraft zu entdecken, die man braucht, um erwachsen zu werden. Aufgrund ihres Elans stachen sie schimmernd wie die Sterne aus den Wolken hervor. So beschreibt Apollonios von Rhodos die Schönheit, die der Mut zum Aufbruch verleiht.
Manche wussten bereits aus dem Mund des Orakels, dass sie nicht nach Hause zurückkehren und auf der Irrfahrt über ferne Meere sterben würden. Doch sie entschieden sich trotzdem dafür, mitzufahren, anstatt auf immer kleine Kinder zu bleiben. Alle entschieden sich dafür, Helden zu sein.
Keiner von ihnen war bereits ein Held, sie waren allenfalls Halbgötter, Söhne eines Gottes und einer Sterblichen.
In der Antike gab es keinen unbestrittenen Heldenstatus, ἥρως (héros = Held) zu sein, war keine Gegebenheit: Tapferkeit, Kraft, Tugend, List mussten erworben und öffentlich unter Beweis gestellt werden. Die Herkunft, der gesellschaftliche Stand, die Vaterstadt, waren ohne Bedeutung: Man kam nicht als Held zur Welt.
Man entschied sich vielmehr dafür, ein Held zu werden, indem man eine Reihe von Aufgaben bewältigte, deren höchstes Ziel darin bestand, anderen zu helfen – das Unbekannte bekannt zu machen, dafür zu sorgen, dass eine Überfahrt möglich wurde, weil sie schon jemand gewagt hatte.
Das Heldenhafte bestand in der Erfahrung der Selbstüberwindung, nicht im Ergebnis.
Scheitern zählte nicht: Held war nicht der, der den Sieg davontrug, sondern der, der es zumindest versucht hatte. Wir erinnern uns an die Tapferkeit Hektors und Achills vor den Mauern Trojas, nicht an ihre Niederlage. Der Ruhm, für den sie kämpften, hat sie über ihren Tod hinaus unsterblich, auf immer zu Helden gemacht.
Held war, wer die Herausforderung annahm, sich an etwas zu messen, das größer war als er selbst, um auf immer groß zu sein.
Fragwürdig, aber bestechend ist die Etymologie des Wortes heros, die Platon im Kratylos entwirft. Dem Philosophen zufolge ist derἔρως (eros) – die Liebe – die Kraft, die die Menschen dazu bringt, ἥρως (heros) – Held – zu werden. Die beiden schönen altgriechischen Worte unterscheiden sich nur aufgrund der Länge des Vokals.
Vor seinem Aufbruch war Jason noch nie verliebt gewesen.
Eine Menge Volk lief im Hafen zusammen, um die Schar der mutigen Männer zu bewundern, und die Frauen hoben die Hände zu den Unsterblichen im Himmel und beteten, sie möchten ihnen eine glückliche Heimkehr gewähren.
Ihr Name wurde in jeder Straße der Stadt gerufen.
Die jungen Männer, die bereit waren, in See zu stechen, wurden auf immer und ewig nach dem Namen des Schiffes bezeichnet, auf dem sie fuhren: Argonauten.
Süß ist der Mut des Aufbruchs, sofern man weiß, warum man sich auf die Reise macht. Und Jason redete seiner alten Mutter, deren Herz von Unheil gefesselt war und die ihn heftig weinend hielt – so wie ein Mädchen klagt –, mit freundlichen Worten zu.
Ihre Angst war so groß, dass sie gar nicht alle ihre Tränen weinen konnte.
Dabei fürchtete seine Mutter Alkimedes nicht die Gefahren der Seefahrt. Sie fürchtete eine noch größere Gefahr: die Sehnsucht.
Sie fürchtete, vor Sehnsucht nach dem geliebten fernen Sohn zu sterben, bevor er zurückkehrte – jede Mutter empfindet diese Angst, wenn ihr Sohn zum ersten Mal das Haus verlässt, und sei es auch nur für eine Nacht.
Doch auch der Vater weinte.
Jason tröstete die Eltern, doch er ließ sich nicht von ihrer Traurigkeit erpressen. Er ließ sich nicht umstimmen, sagte vielmehr zu seiner Mutter.
Um meinetwillen! Belaste dich nicht, Mutter, so im Übermaß mit elenden Qualen! Denn du wirst mich nicht durch Tränen vom Unheil zurückhalten, sondern wirst sogar noch zu Schmerzen Schmerz erwerben. Unsichtbar verhängnisvolle Leiden teilen nämlich die Götter den Sterblichen zu; einen Teil davon – magst du auch beklommen sein – im Gemüt zu ertragen, gewinne dennoch über dich!
So trennte er sich zum ersten Mal von der Familie, bereit, aufzubrechen, um sie zu retten – und um all jene Lügen zu strafen, die sagten, er würde es nie schaffen.
Er würde beweisen, dass sie sich irrten, dass keine Reise ins Ungewisse unmöglich ist, solange man das Ziel kennt.
Und er wusste, wohin er die Argo führen musste: ins ferne Kolchis, auf der Suche nach dem Goldenen Vlies, dem magischen Widderfell, von dem alle schon gehört hatten, das aber noch keiner gesehen hatte.
Noch kannte er die Route nicht, die er nehmen musste, doch das war egal.
Das andere, was für ein Schiff zugerüstet werden muss, liegt ja alles wohl geordnet bereit für uns, die wir uns nun aufmachen. Also wollen wir darob die Schifffahrt nicht lange aufschieben.
Und Jason machte sich als Erster ans Werk, befestigte die Segel am Mast, umgürtete das Schiff mit einem Tau und legte dieses auf einen Felsen von Iolkos, der längst blank gespült war.
Die Freunde taten es ihm gleich.
Und abwechselnd […] stemmten [sie] zugleich Brust und Hände dagegen. Und hinein schritt also Tiphys, damit er die jungen Männer antreibe, im richtigen Moment zu ziehen.
Die Argo war bereit und mit ihr die Argonauten.
Und zum ersten Mal in der Geschichte des Menschen sollte ein Schiff ins Meer gleiten.
Zeit auszulaufen
Wenn alles wie am Schnürchen klappt, wenn alles bereit ist und die Fracht auf dem Rettungsboot gut verteilt ist, gibt es keinen Grund mehr, einen Rettungsring zu tragen. Werfen Sie ihn auf den Boden des Bootes und vergessen Sie ihn.
Laufen Sie aus.
Aber als die glänzende Eos* mit schimmernden Augen die steilen Kuppen des Pelion erblickte und die Klippen unter heiterem Himmel im Wind bespült wurden, weil die Salzflut in Bewegung ivar, da nun erwachte Tiphys.
Und sofort trieb er die Gefährten an, das Schiff zu besteigen. Es war Zeit auszulaufen.
Gewaltige Schreie erhoben sich im Hafen, und auch die Argo jubelte: Denn in sie war ein göttlicher sprechender Stamm aus der Dodonischen Eiche eingefügt, den Athene in der Mitte des Vorderstevens eingepasst hatte, um den jungen Männern die Einsamkeit der Schifffahrt erträglicher zu machen.
Die Argonauten nahmen ihren Platz an den Rudern ein. In der Mitte saß der mächtige Herakles, neben sich hatte er seine Keule gelegt. Und unter seinem Gewicht tauchte der Rumpf des Schiffes etwas tiefer ein.
Der Stapellauf eines Schiffes ist ein einzigartiger Augenblick: Sobald das Schiff zum ersten Mal das Salzwasser berührt, die Anker gelichtet sind, hat es seine Jungfräulichkeit verloren und wird auf immer zur See fahren.
Veränderungen müssen gebührend gefeiert werden, alles andere wäre Verrat oder Gleichgültigkeit.
Die Argo wurde dank ihnen erwachsen, erfüllte ihre Aufgabe, und die jungen Männer feierten ihren Übergang vom Land ins Meer. Manche träufelten reinen Wein ins Wasser, andere sangen zum Klang von Orpheus’ Leier.
Endlich stach die Argo in See.
Und durch den Schaum quoll hier und dort die schwarze Salzflut herauf, schrecklich wogend durch die Kraft der starken, mächtigen Männer. Und es blitzte unter der Sonne, einer Flamme gleich, das Gerät des fahrenden Schiffes. Und lange Wege zogen sich stets weißhin, wie ein Pfad, der sich durch eine grüne Ebene hindurch abzeichnet.
Auch die Götter schauten an jenem Tag vom Himmel auf das Schiff, das davor noch nie das Meer befahren hatte, und auf die halbgöttlichen Männer, die es mit eigenen Händen steuerten. Und auch die Nymphen staunten und seufzten fasziniert.
Ein hell sausender Fahrtwind fiel in das Segel und Argo nahm rasch Fahrt auf.
Alle Argonauten schauten kühn nach vorne, in Richtung der Häfen, die sie noch nicht sahen und nicht kannten, trunken vor Mut und vor Lust auf das Unbekannte.
Nur Jason, ihr Anführer, gestattete sich einen Augenblick der Trauer. In der Antike galt Weinen nicht als Schwäche, sondern als menschliche, wenn nicht gar heroische Geste.
Angst und Heimweh übermannten ihn: Würde er je nach Hause zurückkehren?
Aber Iason wandte unter Tränen seine Augen von seinem Vaterland ab.
Oft sind Tränen das beste Mittel, um sich auf das Neue vorzubereiten.
Egal ob Freuden- oder Schmerzenstränen, sie retten uns oft das Leben. Denn Tränen verschleiern den Blick und verhüllen so einen Augenblick lang den Anblick dessen, was man für immer verliert. Die Augen sehen nicht mehr den Verlust und verhindern so die Gefahr des Bedauerns, die Versuchung zu verzichten.
Doch wenn die Augen wieder trocken sind und man sie wieder aufschlägt, erblicken sie das, was man ohne Aufschub vollbracht hat, was vor einem liegt wie ein noch nie gesehenes Gemälde.
Wir sollten uns gestatten, öfter zu weinen: Weinen hilft, sich nicht umzublicken, es hilft, mit geschlossenen Augen ins eigene Innere zu blicken und dann mit geöffneten Augen nach vorne zu schauen.
Der Drang zur Veränderung, die Kraft zu entscheiden, der Mut zu lieben, die ehrenhafte Treue, vor allem zu sich selbst, die Fähigkeit, von sich zu sprechen: All das erlaubt dem Menschen in jeder Epoche, das Leben voll auszukosten und in Würde zu leben.
Tag für Tag, bis zum letzten, empfinden wir diesen Schauer.
Wir sollten jubeln, denn das ist der einzige unwiderlegbare Beweis, dass wir am Leben sind.
Und dass wir auf der Welt sind, um etwas Großes zu vollbringen, dessen Maßstab einzig und allein wir selbst sind.
Diese Aufregung empfinden wir seit unserer Kindheit, seit dem ersten Schultag, den wir nie ganz vergessen haben. Bei der Erinnerung daran empfinden wir unendliche Zärtlichkeit für das körnige Bild, auf dem wir sorgfältig frisiert auf der Schwelle stehen, bereit, vielfältigste Gefühle zu entdecken und sie alle gleichzeitig zu empfinden.
Man will unbedingt wissen, welche Bank man zugewiesen bekommt, man ist neugierig auf die Klassenkameraden, man hat Angst vor der Lehrerin, man ist für ein paar Stunden vom wachsamen Blick der Eltern befreit, man fürchtet sich vor dem Urteil der anderen, hofft, einen Freund zu finden – den besten Freund für den Rest des Lebens.
Wenn wir so zum ersten Mal allein in der Welt stehen, ergreift uns ein Schauder. Dieses Schaudern werden wir bei allen anderen unvorhergesehenen und überraschenden ersten Malen immer wieder empfinden – von dem Moment, wo wir das erste Mal das Klassenzimmer der ländlichen Volksschule betreten, bis zur Einschreibung an der Universität der großen Stadt, wenn wir nach vielen Bewerbungsgesprächen endlich in einem Büro arbeiten, bis wir uns plötzlich in jemanden verlieben, den wir erst einmal am Abend gesehen haben und unbedingt wiedersehen wollen.
Das ist die trunken machende Aufgabe, die man uns gegeben hat und die nur wir lösen können: uns selbst kennenzulernen und dafür zu sorgen, dass die anderen uns kennenlernen.
Doch je älter wir werden, desto komplizierter werden die Dinge, die Beziehungen werden komplexer, die Verantwortung wächst, die Wünsche werden größer, die Leidenschaften außergewöhnlicher – wir sind nicht mehr wie alle anderen in unserer Umgebung, wir haben Entscheidungen für uns getroffen und festgestellt, dass jeder von uns auf seine Weise seltsam ist.
Und so weisen wir aus Angst den Instinkt zurück, der uns jeden Tag – als wäre er der erste – infrage stellt, er ist nämlich immer der erste.
Wir hören lieber nicht auf ihn, tun so, als hätten wir ihn vergessen.
Du bist kein Kind mehr, sagen wir zu uns und zucken die Achseln.
Du hast ja schon genug erlebt.
Irgendwann wollen wir diesen Schauder nicht mehr spüren oder verwechseln ihn mit einem kalten Luftzug, der uns in unserem Alltagstrott stört.
Wir verschanzen uns, wappnen uns mit Ausflüchten.
Unsere Schritte werden vorhersehbar und schwer wie Schnee im Winter, bis wir nicht einmal mehr gehen.
Es geht so, antworten wir und bemerken gar nicht, dass wir rückwärts gehen.
Wir stöhnen über die Montage des Lebens, über Unerwartetes, über die ständigen ersten Male, wir sind nicht länger neugierig, wir wollen nichts Neues mehr – danke, mir geht es gut so –, wir wollen, dass jeder Tag Sonntag ist, da können wir in aller Ruhe auf unserem kleinen Sofa liegen und uns unseren Gewissheiten hingeben.
Wir laufen vor dem Instinkt zu leben davon und fordern einen Urlaub vom Leben – Urlaub, vacanza bedeutet jedoch Fernbleiben, Fehlen.
Wir bemühen uns inständig, den Ur-Instinkt des Aufbruchs zurückzuweisen.
Und am Abend sind wir zunehmend müde und leer.
Wenn wir bloß zur Kenntnis nähmen, wie viel Energie es kostet, unsere Wünsche Tag für Tag zu unterdrücken, zu lügen, nichts zu sagen, um nichts zu zeigen.
Wenn wir bloß einmal die schweren Schuhe auszögen, um barfuß zu gehen und das frisch gemähte, weiche Gras oder die sanfte Brise zu spüren.
Wenn wir bloß den Flügeln an den Füßen – die wir wie die Boreas-Söhne, die auf der Argo in See stachen, besitzen, auch wenn man sie nicht sieht – erlaubten, sich in die Lüfte zu erheben.
Wenn wir uns bloß daran erinnerten, dass wir alle einmal Argonauten waren, denen es egal war, wenn alle das ist unmöglich sagten – für uns war es nicht nur möglich, sondern eine Pflicht. Wir hatten ein Bedürfnis, wir wollten uns beweisen, um danach leben zu können.
Unzulänglichkeit: das trifft für uns alle zu, die wir Reisende ohne festgelegten Kurs sind.
Auch für dich.
Für dich, der du die Kontrolle über dein Schiff verloren hast.
Ein Sturm hat seinen Rumpf beschädigt.
Oder es ist an einem Ort gestrandet, der in deinen Karten nicht vorgesehen, nicht eingezeichnet war – jetzt kannst du nicht mehr sagen, das hängt nicht von mir ab, das ist nicht meine Schuld. Du hast zwar recht, aber es nützt nichts.
Oder du bist woanders gelandet, nicht in dem Hafen, den du dir vorgenommen hattest. Einem fremden Hafen, wo du dir immer fremd sein wirst.
Zum ersten Mal nimmst du zur Kenntnis, dass die Reise, die du unternimmst, nicht umkehrbar ist.
Sogar der große Gatsby ist gescheitert, konnte die Vergangenheit nicht zurückerobern.
Am Horizont kein Licht eines Leuchtturms.
Nicht einmal ein Fernrohr ist auf dich gerichtet.
Warum auch? Niemand kümmert sich mehr um die anderen.
Heutzutage ist der Blick nur noch nach innen gerichtet.
Ein Kurswechsel ist notwendig.
Am Bug, am Heck oder in der Mitte dringt Wasser ein. Du darfst entscheiden, wo.
Die beste Strategie, um sich für die Wirklichkeit zu rüsten, ist die Fantasie.
Aber seit allzu langer Zeit gönnst du dir nicht mehr den Luxus, dir das Unvorhergesehene vorzustellen – auf hoher See nennt sich dieser Luxus Vorsicht.
Plötzlich dringt Wasser ein, dasselbe Wasser, das du bis vor Kurzem noch lächelnd betrachtet hast, als ob es freundlich, vertraut, dein gewesen wäre.
Doch es war nicht freundlich, wie konntest du das nur glauben?
„Mir kann das nicht passieren.“
Richtig. Wahr. Sehr wahr.
Wenn du willst, kannst du weiterhin so denken, mach die Augen noch eine Zeitlang zu, atme, genieß die Reise, mach Fotos – wenn sie uns gefallen, liken wir sie mit einem Herzchen, wenn nicht, fügen wir ein weinendes Smiley hinzu, mehr können wir aus der Ferne nicht für dich tun.
Du kannst gern verleugnen, dass es im Leben U-Boote gibt, die plötzlich Torpedos abfeuern, die nicht auf deinem Radar sind – du kannst allerdings Gift darauf nehmen, dass du auf ihrem bist.
Außerdem gibt es Klippen, Untiefen, hinterhältige Strömungen, Seeungeheuer, Eisberge, die die Titanic zum Sinken gebracht haben, während das Orchester zur Katastrophe spielte.
Glatt wie Wasser. Viele verwenden diese Redewendung, allerdings nicht die Seeleute. Auch du hast diese Redewendung unendlich oft verwendet. Du hast dein Schiff mit einer Fähre verwechselt, hast wie ein Pendler gelebt, der von einem bekannten Ufer zum anderen übersetzt. Wie ein Tourist.
Jetzt liegt nur das Unbekannte vor dir.
Unbekannt, oder nicht gekannt, nicht erkannt, nicht zur Kenntnis genommen.
Die Verneinung dessen, was auf der Schwelle des Tempels von Delphi stand: γνῶϑι σαυτόν (gnothi sautön). Erkenne dich selbst. Eine Aufforderung an alle, die aus ganz Griechenland kamen, um vom Orakel eine Antwort zu bekommen. Bevor du jemand anderen zur Zukunft befragst, entdecke lieber das Einzige, was du schon weißt und was dir niemand anderer sagen kann: Erkenne dich selbst.
Zweitausend Jahre später: Wer erinnert sich an den Film Matrix?
In der Küche des Orakels befindet sich derselbe Spruch auf Latein: Temet nosce.
Er soll den „Auserwählten“, Neo, daran erinnern, dass die Selbsterkenntnis die einzige Möglichkeit ist, ein höheres Niveau zu erreichen.
Verwirrt fragt Neo, wie er wissen könne, dass er wirklich auserwählt wurde, und ob es wirklich an der Zeit sei, aufzubrechen. Das Orakel lächelt bloß: Niemand muss uns sagen, dass wir verliebt sind. Wir spüren es und aus.
Und du, was spürst du?
Wie sehr kennst du dich selbst?
Und was von dir ist dir noch unbekannt?
*Morgenröte
Sich über Wasser halten
Kurz und gut, die Erfahrung und die Gesetze der Physik lehren, dass die Menschen für gewöhnlich mehr Zeit haben, sich bei einem Schiffbruch zu retten, als sie glauben.
Verlassen Sie Ihr Schiff erst, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt.
Vertrauen Sie dem Auftrieb, er erklärt, warum Dinge sich über Wasser halten.
Wie schön war doch die Argo auf ihrer ersten Fahrt, sobald sie mit vollen Segeln aus dem Hafen der Stadt Iolkos ausgelaufen war.
Und die Fische, die von unten aus der tiefen Salzflut heraufkamen, unendlich große, vermischt mit kleinen, folgten, durcheinander springend, den feuchten Pfaden. Und wie ivenn den Spuren eines ländlichen Aufsehers zehntausend Schafe zum Gehöft folgen, die sich genugsam am Gras satt gefressen haben, der aber geht voran und spielt mit der helltönenden Syrinx schön eine Hirtenweise: so begleiteten nun die Fische sie. Und das Schiff trug immer eine Brise nach der anderen.
Am frühen Morgen sahen die Argonauten den Berg Athos vor sich, der seinen majestätischen Schatten auf alle Inseln rundherum warf.
Den ganzen Tag lang wurden sie von günstigen Strömungen getragen, und als am Abend der Wind verebbte, landeten sie auf der Insel Lemnos, im nördlichen Teil der Ägäis, auf dem Weg zu ihrem Ziel, dem Bosporus.
Wie lebt man ohne Liebe?
Wie auf der steinigen und gefühllosen Insel Lemnos.
Seit geraumer Zeit konnte sich auf der Insel niemand mehr verlieben – wollte sich niemand mehr verlieben, weil die wirkliche Liebe zu anstrengend ist.
Aphrodite war zornig auf die Einwohner, weil sie zu sehr mit ihren alltäglichen Geschäften beschäftigt waren, sie vergessen hatten, es ihr gegenüber an Respekt mangeln ließen und ihr die Ehrengaben vorenthielten.
Auf der Insel herrschte nur noch Alltagstrott. Man arbeitete und erledigte die notwendigen Dinge, bevor man am Abend müde zu Bett ging: Auf Lemnos verlief die Zeit ohne Überraschungen und ohne Unbekanntes, Gefühle waren verbannt.
Ein schreckliches – erbarmungsloses – Unglück war über die Insel hereingebrochen. Die Männer waren ihrer Frauen überdrüssig geworden und liebten ihre Töchter nicht mehr, sondern hegten ein heftiges und irrationales Verlangen nach den jungen Frauen, die sie von den Küsten gegenüber der Insel raubten.
Da beschlossen die bejammernswerten und in ihrer Eifersucht schlimm unersättlichen Frauen von Lemnos, das ganze männliche Geschlecht auszurotten, damit sie von ihren Söhnen, Vätern, Ehemännern nicht länger gedemütigt und vernachlässigt werden konnten.
Sie brauchten sie nicht, um zu überleben, sie dachten: Wir können auch selbst Rinder und Schafe hüten, Felder pflügen und sogar Waffen tragen.
Anstatt die verlorene Liebe zurückzuerobern, beschlossen die Frauen, auf immer darauf zu verzichten; mit eigenen Händen brachten sie die um, die sie geliebt hatten oder hätten lieben können.
Sie glaubten, ohne Liebe in Sicherheit zu sein, doch mit jedem Tag wurde ihre Unsicherheit größer – das geschieht, wenn man Gefahren unter den Teppich kehrt, statt sich ihnen zu stellen.
Die Frauen von Lemnos fristeten einsam ihr Leben und vor allem hatten sie Angst, dass jemand ihr Verbrechen entdecken könnte.
Als sich die Argo der Insel näherte, strömten die Frauen bewaffnet ans Ufer, um herauszufinden, wer die Fremden waren, die auf ihrer Insel an Land gingen, und welche Absichten sie hatten – jeder Mann auf Erden erinnerte sie an die begangene Straftat und war gleichzeitig ein Versprechen, sich vor einem Leben in Einsamkeit und Entbehrung zu retten.
Und in Ratlosigkeit strömten sie dahin, sprachlos; eine derartige Furcht schwebte über ihnen.
Ahnungslos entsandten die Argonauten einen Boten, der den Frauen mitteilen sollte, dass sie nur eine Nacht in Lemnos bleiben und dann wieder abfahren wollten.
Doch am Morgen darauf konnten die Helden nicht auslaufen, weil der Boreas blies.
Die Frauen hatten sich derweil, unter der Führung ihrer Königin, der schönen, aber mittlerweile verhärteten Hypsipyle, in der Stadt versammelt, um zu entscheiden, was zu tun sei.
Sie setzte sich auf den steinernen Thron ihres Vaters, des alten Thoas, des einzigen Mannes, der der Katastrophe entgangen war. Hypsipyle hatte ihn in eine Holzkiste gesetzt und der Flut anvertraut; Fischer hatten ihn gerettet.
Nicht aus schlechtem Gewissen hatte das Mädchen dem Vater geholfen, sondern weil die Liebe trotz allem noch in ihr lebendig war, wenn auch unterdrückt, verleugnet, verachtet. Die Liebe lebt immer in uns, auch wenn wir ihre Stimme nicht hören wollen – und je mehr wir sagen nie wieder, desto lauter wird ihr Ruf.
Nervös und ängstlich schlug die Königin den Frauen vor, den Argonauten alle möglichen Gaben zu schicken; Speisen, süßen Wein, was auch immer auf dem Schiff fehlte, damit die Männer außerhalb der Mauern blieben und nicht wagten, sich ihnen zu nähern.
Wenn sie die Stadt betreten hätten, hätten sie nämlich herausgefunden, was die Frauen ihren Männern angetan hatten. Denn wir haben ein verwegenes Werk betrieben!
Aber vor allem hätten die Frauen von Lemnos dann nicht länger ignorieren können, dass das Schicksal ihnen eine Chance bot, wieder zu leben und zu lieben.
Hypsipyle schlug also vor, Glück vorzuspielen, um das reale Unglück zu verschleiern.
Sich zum Lächeln zu zwingen, während sie im Grunde aus Schmerz und über ihren Irrtum weinen wollten.
So zu tun, als ob nichts wäre, anstatt zu versuchen, alles zu ändern.
Sie sprach, und keine wagte zu antworten.
Traurig und schweigend saßen sie da, den Blick zu Boden geschlagen, die Hände im Schoß, und dachten daran, dass sie nie Kinder haben, nie die Liebe kennenlernen würden. Sie fantasierten wie kleine Kinder, denn sie waren kleine Mädchen geblieben, die sich dafür entschieden hatten, auf immer die Beständigkeit auszumerzen, die die Liebe erfordert, und in Ruhe, ohne Störung zu leben, doch ihre stillen Nächte waren von Alpträumen erfüllt und nicht von Träumen.
Plötzlich erhob sich eine Alte, hinkend und auf einen Stab gestützt.
Mitten in der Versammlung, mit gebeugtem Rücken, sprach sie zu den Frauen von Lemnos:
Wenn das aber einer der Seligen abwenden sollte, so bleiben doch hinterher zehntausend andere Leiden, größer als eine Schlacht. Wenn nun die alten Frauen dahingegangen sind und ihr jüngeren kinderlos ins verhasste Alter gekommen seid, wie werdet ihr dann leben, ihr Unglückseligen? Werden die Rinder sich von selbst ins Joch spannen und euch den die Erde zerschneidenden Pflug durch das Brachland ziehen und sogleich, wenn das Jahr sich erhebt, die Ernte abmähen? […] Die Rüstigeren aber fordere ich auf, das im Ganzen zu bedenken; denn jetzt liegt doch Abwehr bereit zu euren Füßen.
Befreiender Applaus brach aus, denn den Frauen gefiel die Rede: Endlich wagte es eine, die Schwächste von ihnen, zuzugeben, wie sie in Einsamkeit und Unabhängigkeit lebten.
Die Frauen von Lemnos waren allein, aber vor allem unglücklich.
Glück oder Unglück sind fast nie eine Gegebenheit, ein Preis oder ein Fluch des Lebens, ein unveränderlicher Zustand der Freude oder der Verzweiflung.
Ihr tieferer Sinn verbirgt sich vielmehr in der Veränderung: in dem, was wir, eben weil wir glücklich oder unglücklich sind, für uns oder die anderen in unserer Umgebung tun können oder nicht.
Glücklich, auf Lateinisch felix, hat denselben Wortstamm (fe-) wie fecundus: fruchtbar, produktiv, ergiebig.
Fruchtbar sind nicht nur die Weizenfelder. Wir sind fruchtbar, die wir dank des Glücks plötzlich Gesten oder Taten vollbringen, die wir uns nicht zugetraut hatten.
Glücklich zu sein bedeutet also nicht, keine Probleme oder Schwierigkeiten zu haben und in einem unerschütterlichen Zustand der Ruhe und Entspannung zu leben – oder gar des relax, wie es in Prospekten von Hotels an exotischen Stränden heißt.
Glück ist das reine Gegenteil davon: Es ist energisches Handeln, die Freude am Tun, die Lust an der Veränderung – fruchtbar zu sein, die Blumen blühen zu sehen, die wir sind.
Und Unglück ist das reine Gegenteil: die Unfähigkeit, sich in Bewegung zu setzen, unangenehme Gedanken abzuschütteln, die Unfähigkeit, auch nur einen weiteren Schritt zu tun.
Unglücklich zu sein bedeutet, nichts zu tun, nichts zu sagen, niemanden zu lieben – die Fruchtbarkeit des Lebens abzuweisen, das immer wieder ungeahnte Chancen bietet, und die Unfruchtbarkeit und Ereignislosigkeit vorzuziehen.
Das eine ist Tätigkeit, das andere Untätigkeit. Das eine ist eine Aufwärtsbewegung, das andere ein Absinken.
Sagt man nicht etwa „Freudensprünge machen“ und im Gegenteil dazu „sich hängen lassen“?
Es fällt uns schwer anzuerkennen, dass unser Glück oder unser Unglück kein Zustand, sondern ein ständiger Prozess, also Bewegung, sind.
Oft haben wir das Gefühl, dass unsere Traurigkeit ewig währt und das Glück nur ein kurzes, flüchtiges Intermezzo ist. Vor beidem haben wir Angst.
Fast immer erkennen wir den Mechanismus nur, wenn wir zurückblicken, nie, wenn wir nach vorne blicken – wenn unser Gedächtnis uns einen Zeitraffer vorgaukelt wie in einem Dokumentarfilm, in dem Samen in Sekundenschnelle zu Früchten werden, wobei die Zeit, die Jahreszeiten und all die Schmetterlinge, die dafür nötig sind, ausgespart werden.
Doch eine sternenklare Nacht oder ein grauer, wolkenverhangener Morgen sind nie ewig und kein statisches Bild des Himmels: Die Wolken haben den Zweck, Regen zu bringen, danach scheint wieder die Sonne.
Die Königin senkte das Haupt und antwortete leise:
Wenn nun doch allen dieser Wunsch gefällt, möchte ich jetzt auch einen Boten zum Schiff senden!
Und sofort brach eine Sprecherin auf, um den Seefahrern zu sagen, sie dürften als Freunde die Stadt betreten, ohne Angst. Und dass die Königin sich freue, den Anführer des Zuges zu empfangen.
Hypsipyle wusste nicht, dass der Anführer des Zuges kein Mann war.
Er war ein Junge, Jason, der sich noch nie verliebt hatte, der vielmehr die Liebe aus Angst zurückgewiesen hatte, bevor sie sich ereignen konnte.
Als die wunderschöne, unerschrockene Jägerin Atalante vorgeschlagen hatte, die Argonauten zu begleiten, hatte Jason sie aus Angst vor dem, was die Leidenschaft bei Menschen auslöst, davon abgebracht – er wollte keine Frau an Bord, er wusste nicht, was er sich von ihr erwarten sollte, er glaubte, Eros sei Krieg und nicht Bündnis.
Jetzt würden sich der Anführer der Argonauten und die Königin von Lemnos zum ersten Mal treffen.
Sie einte dieselbe Einsamkeit und dieselbe Feigheit – und das Bedürfnis zu lieben und geliebt zu werden.
Eines Sommermorgens unterhielt ich mich mit einem Freund, der mich schon seit langer Zeit im Handwerk der Sanftheit unterrichtet, einem Handwerk, bei dem ich noch ein Lehrling bin.
Ich erzählte ihm, ich sei unfähig zu weinen und verspüre stets Trauer und Müdigkeit. Ich fühlte mich immer so.
„Dich beschwert vieles“, hat er gesagt.
„Und wie werde ich es los?“, fragte ich umgehend.
Er hat mit einem einzigen Wort geantwortet, einem Wort mit einem wunderbaren Klang, das keinen Widerspruch duldet:
„Liebe.“
Ahnungslos machte sich Jason in die Stadt auf, einem schimmernden Stern gleich – wie der Vollmond, den Frauen und Männer in Sommernächten staunend betrachten, um sich lebendig zu fühlen.
Und nachdem sie also durch die Tore und in die Stadt getreten waren, drängten sich die Frauen des Volkes von hinten heran, voll Freude über den Fremden. Der aber ging, die Augen auf die Erde gerichtet, ohne Scheu, bis er zum prangenden Palast Hypsipyles kam.
Die Königin saß auf ihrem Thron.
Als sie ihn sah, errötete sie und ihre Wangen färbten sich in der Farbe des Granatapfels. Hypsipyle war lebendig wie eine nature morte: eine Gattung der Malerei und der Fotografie, die auf Deutsch und Englisch mit einem entgegengesetzten, wunderbaren Namen bezeichnet wird: Stillleben, still life. Wortwörtlich „regloses Leben“, nicht Tod, sondern noch Leben, denn in diesen saftigen Früchten ist noch viel Leben, sie liegen jedoch unbeweglich vor einem undefinierten Hintergrund und niemand kann in sie hineinbeißen. Ihren Geschmack kann man nur anhand des Spiels von Licht und Schatten erahnen, so wie sich die Gefühle der Frau zunächst nur durch ihr Erröten offenbarten.
Doch nun redete sie ihn mit sorgfältig gewählten Worten an.
Aus Scham zog die Königin es vor zu lügen.
Sie zog es vor, fast die Wahrheit zu sagen – unter diesem fast verstecken wir aus Verlegenheit oder aus Angst vor dem Urteil der anderen unsere Aufrichtigkeit, weshalb wir letzten Endes nicht mit leidenschaftlicher Genauigkeit, sondern mit einstudierter Beliebigkeit von uns sprechen.
Hypsipyle erzählte dem Fremden zwar von der Einsamkeit und der Traurigkeit der Frauen auf der Insel, sagte jedoch, dass die Männer ausgewandert seien, um das schneereiche Ackerland Thrakiens zu pflügen. Auch die Söhne seien ihnen in die Fremde gefolgt.
Gleich darauf bot sie Jason das Königsamt auf der Insel an, sofern er sich bereit erklärte, gemeinsam mit seinen Gefährten hierzubleiben und sie zu bewohnen: Lemnos würde ihnen gewiss gefallen, denn die Insel hat hohe Saat, mehr als andere Inseln, so viele im Ägäischen Meer bewohnt sind.
Die Königin rühmte also die Fruchtbarkeit ihres Landes, verschwieg aber die Unfruchtbarkeit eines Lebens ohne Liebe.
Tatsächlich sprach sie nicht in Worten über das Unglück Lemnos’, sondern in Form von Andeutungen, die die Worte verbergen.
Wir, die wir keine Worte mehr haben, sind heutzutage aufgerufen, uns zu dekonstruieren statt aufzubauen. Unseren Nächsten in Einzelteile zu zerlegen, um ihn besser zu verstehen – als ob er ein Puzzle oder ein Legoturm wäre – ein Turm aus Bausteinen, die die Fantasie in eine Form pressen. Nicht zufällig erinnert mich der Name immer an ein unregelmäßiges griechisches Verb λέγω (lègõ), das reden bedeutet.
Wie der Philosoph Wittgenstein sagte, sind die Grenzen unserer Sprache auch die Grenzen unserer Welt, unsere Worte schaffen sie, machen sie klein oder riesig groß, wie die bunten Landschaften, die wir als Kinder bauten.
Wir müssen uns selbst und die anderen anhand winziger, fast unbedeutender Gesten interpretieren, denn die Andeutung ist mittlerweile die einzige wirklich aufrichtige Sprache, während wir bewusst stumm bleiben.
Wir seufzen allein und glauben, niemand würde uns im Nebenzimmer hören.
Wir entschuldigen uns übermäßig, auch wenn gar nichts Schwerwiegendes vorgefallen ist – in Wirklichkeit entschuldigen wir uns für etwas, von dem der andere nichts wissen kann.
Ein Schweigen, das nicht Friede, sondern eine Kriegserklärung ist.
Eine neue Kunst macht sich breit, die Philologie der SMS, sie wird von Freunden praktiziert, die wir wie in ein Konklave rufen, damit sie die Botschaften unserer Lieben entziffern. Die Worte, die auf dem Bildschirm leuchten, bringen nie und nimmer die Gedanken des Absenders zum Ausdruck – wir vertrauen ihnen nicht, wir suchen das Gesagte im Nichtgesagten, denn das wollen wir hören.
Oft haben wir recht. Und tun gut daran, nicht zu vertrauen.
Aufgrund einer merkwürdigen Ironie vertrauen wir unsere wahren Gedanken den Postskripta an, als ob sie uns abhandengekommen wären wie ein abgerissener Knopf – denen wir dann weitere ungesagte Worte, weitere P.P.S. usw. hinzufügen.
Post Scriptum ist ein lateinischer Begriff, der hinzugefügt bedeutet, danach geschrieben, nachdem der Brief bereits unterzeichnet wurde, nachdem man sich bereits verabschiedet hat, danke und auf Wiedersehen.
Als ob wir davor nicht reden wollten und konnten und die Realität uns instinktiv entglitte – erst danach, nie davor. Vor allem.
‚Hypsipyle, gern möchten wir die herzfreuende Hilfe annehmen, die du uns, die wir deiner bedürfen, gewährst. Ich aber werde wieder zur Stadt zurückkommen, wenn ich alles im Einzelnen der Reihe nach berichtet habe. Um die Herrschaft aber und um die Insel sollst du selbst besorgt sein!
Ich jedenfalls leiste ohne Geringschätzung auf sie Verzicht, doch mich drängen traurige Mühsale.‘ Sprach’s und berührte ihre rechte Hand.
Jason war der Königin für ihr Angebot dankbar, doch er war entschlossen, nach dem kurzen Aufenthalt auf der Insel weiterzufahren.
Das ferne Kolchis und das Goldene Vlies warteten auf ihn, er konnte nicht den Thron von Lemnos besteigen, der nicht der seine war: Er war unterwegs, um den Thron von Iolkos zurückzuerobern.
Doch er zögerte nicht, die Königin mit einer zärtlichen Geste zu trösten, einer Geste, die besser tröstet als tausend Worte: Er berührte zart ihre Hand.
Eine Liebkosung. Die erste in Hypsipyles Leben.
Erinnern Sie sich noch daran, als jemand zum ersten Mal Ihre Hand in die seine genommen und Sie fortgeführt hat?
Egal, ob er Sie über den Gang einer Schule, in einen kleinen Park oder im Sommer an einen Strand geführt hat, Sie haben seinen selbstsicheren Blick geliebt, Sie haben sich von jemandem irgendwohin führen lassen.
Jason kehrte zu seinen Gefährten auf die Argo zurück, während die jungen Frauen ihn voller Freude umdrängten.
Gleich darauf brachten sie Gastgeschenke an den Strand, Südfrüchte und einladende Liebesbriefe.
Endlich verstanden die Argonauten die Aufforderung der Mädchen. Apollonios von Rhodos stellt nahezu ironisch fest:
Aber auch die Gefährten selbst führten sie mit Leichtigkeit zu ihren Häusern, um sie gastlich aufzunehmen. Denn Kypris* hatte süßes Verlangen erregt.
Es wurde Abend und die ganze Stadt erfreute sich an Reigentänzen und Festgelagen. Und vor allem stimmten sie Aphrodite, die Göttin der Liebe, mit Gesängen und Opfern milde.
Nur ein Argonaut war auf dem Schiff geblieben, hatte sich aus Vorsicht abgesondert und dachte an die bevorstehende Fahrt.
Herakles, der stärkste von allen, war der Einzige, der die Nacht allein verbrachte.
Die Tage vergingen, einer nach dem anderen, endlich fruchtbar. Endlich glücklich.
Der Wind war wieder günstig, doch die Argonauten ignorierten ihn und verschoben von Tag zu Tag den Aufbruch.
Am liebsten wären sie auf der Insel bei den verliebten Frauen geblieben, doch Herakles versammelte die Gefährten und rüttelte sie mit spöttischen und vorwurfsvollen Worten auf:
Unselige, schließt uns das vergossene Blut eines Verwandten vom Vaterland aus? Oder sind wir aus Mangel an Ehen von dort hierher gekommen, weil wir die Frauen unseres Volkes tadeln? Und gefällt es uns, hier zu wohnen und das fruchtbare Ackerland von Lemnos zu durchfurchen? Wahrlich, wir werden jedenfalls in keinem guten Ruf stehen, wenn wir uns so lange mitfremden Frauen einschließen. Auch wird durchaus nicht von selbst ein Gott das Vlies nehmen und es uns auf unsere Gebete hin geben. Wir wollen ein jeder wieder zu seinem Besitz gehen! Diesen [Jason] aber lasst den ganzen Tag über in den Betten Hypsipyles, bis er Lemnos mit Kindern männlichen Geschlechts bevölkert hat und großen Ruhm erwirbt.
Keiner wagte, den Blick zu heben oder etwas zu sagen.
Jason schämte sich mehr als alle anderen: Er wusste, wenn sie nicht aufbrachen, würden sie nie ihr Ziel erreichen.
Er hatte vergessen, dass man das Ziel nicht erreicht, wenn man die Fahrt nach wenigen Tagen angesichts der ersten verführerischen Bequemlichkeit am Festland unterbricht, die einen den Grund des Aufbruchs vergessen lässt.
Niemand anderer würde das Goldene Vlies erobern.
Niemand außer ihm würde die Heldenhaftigkeit unter Beweis stellen, die jeden Menschen ruft.
Schon zwei Tage nach dem heldenhaften Aufbruch hatten die Argonauten ihre Fahrt auf der Insel Lemnos unterbrochen.
Verlockt von der trügerischen Sicherheit der Monotonie hatten sie sofort angehalten.
Sie ließen sich treiben, wie die Argo vergessen im Hafen trieb.
Kaum hatten sie Herakles schneidende Worte gehört, machten sie sich geradewegs von der Versammlung aus bereit, eilends abzureisen.
Jahrelang hatte ich riesengroße Angst davor, Schriftstellerin zu werden.
Ich hatte Angst vor dem Schreiben.
Und ich war wütend auf mich, weil ich Angst hatte.
Ich wollte unbedingt schreiben, das war mein persönliches Goldenes Vlies.
Aber ich verstand nicht, dass ich vergebens kämpfte, dass ich den Grund für meinen Kampf falsch formuliert hatte. Ich hatte nie darüber nachgedacht, was mich daran hinderte. Ich änderte ständig den Kurs, verirrte mich bei der ersten Flut.
Heute kenne ich den Namen dessen, was mich daran hinderte: es war ein Alibi, eine Ausrede, eine Ausflucht.
Oder ein Anderswo, denn alibi besteht aus der Verbindung zweier lateinischer Worte, alius, anderer, und ubi, hier.
Ich wollte unbedingt schreiben, doch immer, wenn ich in Richtung Schreiben aufbrach, fand ich tausend Ausflüchte, um woanders zu landen, ich flüchtete mich in den ersten sicheren Hafen und vergaß bald darauf, wieder aufzubrechen.
Wenn mich jemand auf meine Unzulänglichkeit aufmerksam machte, zeigte ich ihm stolz das Auto, das ich mir gerade gekauft hatte, und das Inventar aller meiner zukünftigen Pläne – doch gleich darauf ließ ich mich ablenken und legte sie beiseite.
Ich verschob das Schreiben im Namen einer vorgeblichen Ernsthaftigkeit, als ob Worte bloß Spiel und Zeitvertreib wären.
Ich war schrecklich streng zu mit – manchmal bin ich das noch immer.
Und ich war unglücklich.
Eines Sommers kam einer meiner wertvollsten Freunde, der ebenfalls seine eigenen Wege geht, in meine damalige Heimatstadt und sagte zu mir, ich vergeudete mein Leben.
Er war mein Herakles.
Ich wünsche allen, einen Freund zu haben, der sich die Mühe macht, zu euch nach Hause zu kommen und euch aufzurütteln, wenn ihr euch verirrt habt.
Natürlich schämte ich mich, genau wie Jason. Aber ich verstand, dass ich mich vor allem von meinen Ausreden befreien musste, um aufbrechen zu können.
Wenn ich an meiner Angst festhielt, fühlte ich mich unabhängig, und verwechselte die Unabhängigkeit mit Freiheit.
Als Kompromiss hatte ich eine Zeitlang für andere geschrieben, das Schreiben ist mir immer sehr leichtgefallen.
Heute weiß ich, ich war feig.
Die Worte waren schon immer mein Leben, meine Art und Weise gewesen, die Welt zu verstehen und sie Wirklichkeit werden zu lassen.
Als Ghostwriter erzählte ich nicht von meiner Welt, sondern von der von Menschen und Unternehmen, für die ich arbeitete. Es war eine irreale Welt.
Ich hatte kein Gesicht und keinen Namen, niemand kam und zog mich zur Verantwortung, niemand schickte mir Briefe, um mir seine Freude oder seinen Schmerz anzuvertrauen, die schwer waren wie Felsen.
Ich schrieb und durfte nicht antworten, das lag nicht in meiner Verantwortung.
Ich verweigerte mir das Recht, das in der Antike den befreiten Sklaven als Erstes gewährt wurde, das erste Recht des freien Mannes: einen Namen zu haben.
Jahrelang habe ich mich verleugnet.
Ich habe mich von der Angst und aus der Anonymität befreit, ich habe meinen Namen wiederentdeckt.
Ich habe mich erkannt und habe aufgehört, wie ein Orakel von mir zu sprechen.
Ich habe Verantwortung übernommen und das Risiko auf mich genommen, ein Publikum zu haben, denn das war mein wahres Ziel.
Da habe ich begonnen, zur See zu fahren und mich nicht immer anderswo über Wasser zu halten.
Fahr davon, und mögen dich die Götter wiederum mit den unversehrten Gefährten bewahren, während du das Goldene Vlies für den König bringst, so wie du willst und es dir lieb ist! […] Denke freilich, zugleich wenn du doch abivesend und wenn du schon zurückgekehrt bist, an Hypsipyle!
Mit diesen Worten verabschiedete sich die Königin von Jason – und endlich konnte sie einen Wunsch an die Götter richten: wieder lieben zu können und Mutter zu werden.
Die Frauen von Lemnos begleiteten die Helden weinend zum Ufer – doch das waren keine Tränen der Trauer, sondern der Aufrichtigkeit.
Ihr Weinen galt den Göttern, damit sie den Argonauten eine glückliche Rückkehr ermöglichten.
Jason betrat als erster das Schiff, die Gefährten taten es ihm nach, setzten sich in Reih und Glied und ergriffen die Ruder.
Das Meer kennt weder Straßen noch Richtung, nur Schwellen, die man überschreiten muss.
Und du allein hast die Aufgabe zu entscheiden, wohin du fährst, der du zur See fährst wie wir alle.
Am Festland kannst du tagelang oder jahrelang zögern und so tun, als würdest du nicht verstehen, während du in Wirklichkeit nicht verstehen willst.
Du kannst dich weigern, dich an die zu erinnern, die du nicht lieben konntest, weil dir der Mut dazu fehlte, oder die du betrogen hast.
Du kannst den Gedanken an all das verdrängen, was hätte sein können und nicht war, weil du es nicht wolltest – Dinge und Menschen passieren nicht einfach, man muss sie suchen und dann lassen sie sich auch finden.
Du kannst deine Leidenschaft kleinreden, dich darüber lustig machen, um nicht gezwungen zu sein, wirklich daran zu glauben – und dich als dumm oder verblendet bezeichnen, wenn du wagst, daran zu glauben.
Du kannst jeden Morgen, wenn du in den Spiegel schaust, schummeln, die Karten der Realität und der Irrealität beliebig mischen, die Karten dessen, was bereits zu Ende ist, und dessen, was gerade angefangen hat, obwohl du es nicht wolltest, du es nicht erwartet hast.
Deine Liebesgeschichten, deine Arbeit, deine Reisen, deine Tränen – das alles ist für dich nichts Besonderes, wenn du anderen davon erzählst, auf diese Weise verhinderst du, dich ernst zu nehmen und ernst genommen zu werden.
Die Gesetze der Physik sind nicht die des Lebens.
Ein menschlicher Körper hat die Fähigkeit, sich über Wasser zu halten, ohne dass er sich bewegt – man muss nicht schwimmen können.
Doch das archimedische Prinzip gilt nicht für das Leben: Wenn man sich Tage, Monate, manchmal sogar Jahre über Wasser hält und sich trügerischen Gewissheiten, falschen Überzeugungen, billigen Wortspielen hingibt, bedeutet das, unglücklich und ohnmächtig zu sein – in diesem Fall muss man wirklich schwimmen können.
Wenn wir ruhig am Festland verweilen, genauso starr und unbeweglich wie dieses, können wir uns bücken, wenn wir uns nicht auf der Höhe unserer Leidenschaften fühlen, uns klein machen, uns wegducken und in einem Winkel verstecken, anstatt uns auf die Zehenspitzen zu stellen, die Hände auszustrecken und den Blick zu heben, sobald uns das Leben mit Namen ruft.
Auf dem Meer nicht.
Die Entscheidung lässt sich nicht mehr aufschieben wie etwas Lästiges, Nebensächliches.
Man kann nicht antworten, so was passiert eben, und mit den Schultern zucken.
Es ist bereits passiert.
Die Traurigkeit, das Gefühl der Unzulänglichkeit werden morgen nicht verschwinden, auch wenn man dir das angesichts deiner labilen Psyche immer prophezeit hat – du wirst schon sehen, morgen ist alles anders, sicher, doch es kommt darauf an, was zurückbleibt.
Die Griechen kannten einen Begriff für diese Frustration.
Als Ἀμηχανία (Amechanìa) bezeichneten sie die Unfähigkeit, die jeglichen Elan lähmt. Das personifizierte Unvermögen war Schwester und Freundin einer der schmerzhaftesten menschlichen Zustände, der Armut: Sie hieß Πενία (Penìa).
Elend und Unzufriedenheit galten im antiken Griechenland als größte Gefahr für die Menschen, denn sie brachten sie dazu, sich klein zu machen, anstatt sich zu erheben.
Den Griechen zufolge machte Amechanìa den Wunsch zunichte, den alle Irdischen haben: sich nach eigenen Maßstäben als Held zu erweisen.
Alkaios von Lesbos schrieb in seinem Fragment 364:
Penìa, die Armut, ist etwas Schlimmes, ein unbeherrschbares Übel. Und gemeinsam mit ihrer Schwester Amechanìa schwächt sie ein großes Volk.
Zweitausend Jahre später denke ich: Wie hoch legen wir unsere persönliche Latte für unsere Erwartungen an das Leben, und vor allem für das, was wir bereit sind zu akzeptieren?
Was für ein Volk sind wir geworden?
Sich von den alten Gewissheiten zu lösen, ihnen mit einem weißen Taschentuch nachzuwinken und dabei den Blick in Richtung der endlosen Überraschungen des Lebens zu wenden: Das ist eine uralte, überaus befreiende Geste, die ein erfülltes Leben verspricht.
Sie ist notwendig, um zu verstehen, um den Menschen kennenzulernen, der du geworden bist – sie ist letztendlich notwendig, um dich zu akzeptieren und dich aufrichtig zu fragen, wie geht es dir?
In Lemnos bricht der Morgen an, es ist Zeit, in See zu stechen.
Und die Hecktaue löste ihnen Argos vom meerumflossenen Felsen.
*= Aphrodite
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