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Paul Ott / Barbara Saladin (Hrsg.)
MordsSchweiz
Krimis zum Schweizer Krimifestival

Zum Buch
25 Verbrechen 25 Autorinnen und Autoren aus allen Regionen der deutsch- und italienischsprachigen Schweiz sind in „MordsSchweiz“ mit ihrem neusten Kurzkrimi versammelt. Die Kurzgeschichten führen auf eine Reise durch die facettenreiche Bandbreite des aktuellen Schweizer Krimischaffens, vom Cosy Crime über Detektivgeschichten, den historischen Krimi oder den Rachekrimi bis hin zum Agenten- und Psychothriller.
Die Mörderinnen und Mörder auf dem Papier sind: Nicole Bachmann, Daniel Badraun, Peter Beck, Christine Bonvin, Wolfgang Bortlik, Christine Brand, Andrea Fazioli, Regine Frei, Christof Gasser, Silvia Götschi, Stefan Haenni, Ina Haller, Petra Ivanov, Thomas Kowa, Paul Lascaux, Sunil Mann, Monika Mansour, Isabel Morf, Irène Mürner, Stephan Pörtner, Marcus Richmann, Sandra Rutschi, Barbara Saladin, Roland Voggenauer, Raphael Zehnder.
Paul Lascaux ist das Pseudonym des Schweizer Autors Paul Ott. Der 1955 geborene Germanist und Kunsthistoriker ist am Bodensee aufgewachsen und lebt in Bern. In den letzten 40 Jahren hat er vor allem Kriminalromane und kriminelle Geschichten veröffentlicht. Als Herausgeber von Krimi-Anthologien und Initiator des Schweizer Krimifestivals »Mordstage« hat er sich einen Namen gemacht.
Barbara Saladin wurde an einem Freitag, dem 13. geboren und lebt als freie Journalistin, Autorin und Texterin in einem kleinen Dorf im Oberbaselbiet. Sie schreibt Kriminalromane und Kurzgeschichten, Reiseführer und Theaterstücke, Sach- und Kinderbücher, Artikel und Reportagen, sie textet, fotografiert, recherchiert, lektoriert, moderiert und organisiert. 2017 erhielt sie den Kantonalbankpreis Kultur. www.barbarasaladin.ch
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Sven Lang
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © nazif / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6958-9
Inhalt
Zum Buch
Impressum
Inhalt
Vorwort
Eine schreckliche Familie (Bern)
Christine Brand
Erinnerungen einer Auftragskillerin an einem goldenen Herbsttag am Lago Maggiore
Peter Beck
Quitt (Zürich)
Isabel Morf
Der Fall Markovic oder: In Stein am Rhein macht eine Leiche noch kein Verbrechen
Daniel Badraun
Die betagten Schwestern von Hergiswil
Silvia Götschi
Dinner for Two – Liebe geht durch den Magen (Grenchen, Kanton Solothurn)
Christof Gasser
Schneewittchen und der böse Wolf von Spiez
Irène Mürner
Damaszenerstahl (Bern)
Paul Lascaux
Der Gartenzaun (köniz-liebefeld)
Nicole Bachmann
Auge um Auge (Bern)
Marcus Richmann
Die Rotte (Oberbaselbiet)
Barbara Saladin
Der Rhein in Basel
Wolfgang Bortlik
Helvetisches Fondue (Moosalp, Kanton Wallis)
Christine Bonvin
Matterhörnli
Thomas Kowa
Mit Scharf (Dübendorf)
Petra Ivanov
SWIMMINGPOOL (Zürich)
Sunil Mann
Ex Libris am Thunersee
Regine Frei
Die Glocken von Sils Maria
Roland Voggenauer
Das System – Anarchie in Zürich
Monika Mansour
Züribieter Wandervögel
Stephan Pörtner
Der rätselhafte Tod einer Berner Koryphäe
Sandra Rutschi
Der Schöne aus Boskoop (Thun)
Stefan Haenni
Aarauer Mordsnachbarn
Ina Haller
Bei Ankunft ein Toter in Zürich-West
Raphael Zehnder
Nachhilfestunden (Lugano-Paradiso)
Andrea Fazioli Übersetzung: Franziska Kristen
Viten
Lesen Sie weiter …
Vorwort
Hat es Sie schon immer interessiert, wie man einen Auftragsmord begeht, ob ein Urteil gerecht sein kann oder weshalb ein Pfarrer im Glockenstuhl hängt? Oder wollten Sie wissen, wie ein gealterter Punk beim Wandern stirbt, warum sich Wildschweine in finsterer Absicht zusammenrotten und ob ein Bankräuber seine Beute genießen darf? Soll man eine Leiche über die Kantonsgrenze hinweg entsorgen? Oder müsste man sich seine Verwandtschaft besser aussuchen, wenn man ein ängstlicher Mensch ist?
Sie wissen ja: Gestorben wird immer und überall, nur nicht im heimischen Bett.
Kommen Sie mit auf eine Reise durch die facettenreiche Bandbreite des aktuellen Schweizer Krimischaffens, vom Cosy Crime über die Detektivgeschichte, den historischen Krimi oder den Rachekrimi bis hin zum Agenten- und Psychothriller. Vom fingierten Tod über das Mordkomplott bis zum einsamen Henker lernen wir die dunklen Seiten der Schweiz in einer Tour de Suisse kennen, die vom Wallis ins Berner Oberland und über die Region Basel, das Mittelland und das Engadin bis ins Tessin führt.
Möglicherweise vermisst der eine Leser oder die andere Leserin die ganz großen Probleme, die die Welt beschäftigen. Das ist der Kürze der Texte geschuldet, denn nicht alles lässt sich auf wenigen Seiten abhandeln. Dafür empfehlen wir die Romane der beteiligten Autorinnen und Autoren, deren jüngste Veröffentlichungen Sie den Kurzbiografien im Anhang entnehmen können. Gerne weisen wir auch auf die Werke der hier nicht vertretenen Schreibenden hin, insbesondere auch auf die schnell wachsende Szene der Autorinnen und Autoren aus der französischsprachigen Schweiz, die wir in dieser Anthologie leider nicht berücksichtigen konnten.
Die vorliegende Sammlung von Kurzkrimis markiert einen Neustart der Schweizer Krimiszene. Das Buch erscheint zur Eröffnung des Schweizer Krimiarchivs und zum Krimifestival Grenchen im September 2021.
Der Kriminalroman hat in unserem Land bereits eine lange Geschichte, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Mit Friedrich Glauser und Friedrich Dürrenmatt weist die Eidgenossenschaft im 20. Jahrhundert zwei stilbildende Schriftsteller auf, die auch eine internationale Ausstrahlung haben. Dasselbe gilt für einige Autorinnen und Autoren aus der »neuen Welle« ab den 1980er-Jahren: Peter Zeindler, Sam Jaun, Alexander Heimann oder Milena Moser, Hansjörg Schneider und Martin Suter, um nur die bekanntesten zu nennen, die das Genre bis in unser Jahrhundert geprägt haben. Wer sich für die Geschichte des Schweizer Kriminalromans im Detail interessiert, sei auf das Buch von Paul Ott: »Mord im Alpenglühen« (Chronos Verlag, 2020) verwiesen.
Nun also formiert sich eine weitere Generation von Krimischreibenden, die ihre Leidenschaft in spannende Texte umsetzt. Die Szene ist jünger geworden und wird von deutlich mehr Frauen geprägt. Diese Entwicklungen widerspiegelt unsere Anthologie. Und am »Schweizer Krimifestival Grenchen« (krimifestival.ch) vom 17. und 18. September 2021 wird die erfreuliche Bandbreite der neuen Schweizer Krimiszene der Öffentlichkeit präsentiert.
Gleichzeitig feiert das Schweizer Krimiarchiv Grenchen seine Eröffnung. In dieser Präsenzbibliothek findet sich die bedeutende Sammlung zum Kriminalroman, wie er sich in den letzten zweihundert Jahren entwickelt hat. Originaltexte stehen neben Sekundärliteratur und Sammelstücken: eine Inspiration für Literaturforschende und Krimibegeisterte. Das aus verschiedenen Quellen zusammengestellte Archiv ist deswegen so wichtig, weil man schon heute kaum mehr Bücher findet, die vor 1950 erschienen sind, gar nicht zu reden von verschollenen Autorennachlässen oder Verlagsarchiven. Wenn Sie also die eingangs gestellten Fragen für sich beantwortet haben, sind Sie herzlich zu einem Rundgang eingeladen.
https://krimiarchiv-schweiz.ch
Paul Ott und Barbara Saladin
Eine schreckliche Familie
(Bern)
Christine Brand
Rudolf Wohlgemuth, Richter
Mein Wecker blökt. Er klingt nicht nur wie ein Schaf, er sieht auch aus wie eines. Ein Geschenk meiner Tochter, was will man machen, sie wäre beleidigt, wenn ich ihn nicht benutzen würde. Ich muss gar nicht erst auf die Leuchtziffern blicken, ich weiß auch so, dass es sechs Uhr früh ist, wie jeden Morgen, wenn er blökt. Heute hätte er getrost schweigen können, ich bin schon seit Stunden wach.
Der Fall, den ich heute zu beurteilen habe, raubte mir den Schlaf. Eigenartig, dass mir das noch immer passiert, nach all den Jahren am Gericht. Nach all den Morden und Verbrechen. Nach all den Abgründen, in die ich geblickt habe. Es kommt nicht mehr oft vor, aber dieser Fall … der kostet mich den letzten Nerv, schon bevor die Hauptverhandlung begonnen hat. Dabei geht es nicht einmal um einen Toten.
Es gibt eine Angeklagte, die zugleich als Opfer auftritt. Und ein Opfer, das zugleich angeklagt ist. Es geht um Vergewaltigung und Mordversuch, respektive um zwei Mordversuche, denn als der erste nicht gelang, kam es zu einem zweiten, der ebenfalls missglückte.
Klingt kompliziert, ich weiß. Ist es auch. Zwei Verfahren in einem, und natürlich erzählt jede und jeder eine andere Geschichte. Und ich bin mal wieder derjenige, der entscheiden muss, welche davon die wahre ist. Ich sollte nicht unerwähnt lassen, dass Opfer und Beschuldigte und Beschuldigter und Opfer miteinander verheiratet sind, seit vielen Jahren schon, das macht das Ganze nicht einfacher, im Gegenteil. Was wieder einmal zeigt: Wo die Liebe endet, steht oft jemand wie ich, ein Richter. Die Kinder sind die Zeugen und wahrscheinlich die Lebensretter. Wie gesagt, ein komplexer Fall. Eine schreckliche Familie. Würde ich an einen Gott glauben, würde ich dafür beten, dass ich dieses Verfahren ohne Probleme hinter mich bringe und mir ein gerechtes Urteil gelingt. Aber seien wir ehrlich: Welches Urteil ist schon gerecht?
*
Vor Gericht.
Befragung von Robert Büttikofer durch Richter Wohlgemuth
»Ich befrage Sie zunächst als Geschädigten. Darum weise ich Sie darauf hin, dass Sie sich strafbar machen, wenn Sie falsche Anschuldigungen aussprechen, die Rechtspflege irreführen oder jemanden begünstigen. Haben Sie das verstanden?«
»Ja, das habe ich verstanden.«
»Am 1. März sind Sie zu Hause ausgezogen, ist das richtig?«
»Ja.«
»Was war der Grund dafür?«
»Meine Frau und ich haben uns oft gestritten, ich wollte schon früher ausziehen. Aber ich wartete, bis unsere jüngste Tochter achtzehn wurde. Ich dachte, bis dahin gedulde ich mich, die meiste Zeit hielt ich mich sowieso bloß in meinem Zimmer auf.«
»Sind Sie zu diesem Zeitpunkt wirklich ausgezogen oder schliefen Sie noch immer hin und wieder im alten Zuhause?«
»Ich war bereits ausgezogen, bevor ich die neue Wohnung am 1. März bezog, ich lebte eine Zeit lang im Hotel. Zu Hause schlief ich schon lange nicht mehr.«
»Ihre Frau gab aber zu Protokoll, Sie hätten weiterhin jede Nacht bei ihr in der Wohnung verbracht.«
»Nein, das ist nicht so. Fragen Sie im Hotel nach, es liegt in der Wankdorfstrasse in Bern.«
»Wenn Sie schon ausgezogen waren – warum haben Sie sich dann in der Nacht auf den 11. April in der Wohnung Ihrer Frau aufgehalten?«
»Ich arbeite wie sie als Pflegeassistent und hatte Spätdienst. Nach der Schicht rief mich meine Frau an, sie habe eine Tasche mit den letzten Dingen gefüllt, die mir gehören. Sie drohte mir, wenn ich die Sachen nicht sofort abhole, würde sie sie wegschmeißen.«
»Was passierte, als Sie bei Ihrer Frau eintrafen?«
»Sie sagte, ich sähe müde und abgekämpft aus, sie habe mir mein Lieblingsgetränk zubereitet.«
»Und das haben Sie getrunken?«
»Ja, ex, in einem Zug.«
»Wollten Sie danach wieder nach Hause?«
»Ja.«
»Aber Sie blieben.«
»Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich nach etwa zehn Minuten die Orientierung verloren. Meine Frau hat mich am Arm gepackt und nach oben gebracht, ich sollte mich in meinem Zimmer hinlegen. Sie sagte, ich sähe nicht gut aus.«
»Sie hatten also doch noch ein Bett in der alten Wohnung.«
»Nur die alte Matratze. Ich hatte mir eine neue gekauft.«
»Und dann?«
»Danach erinnere ich mich an nichts mehr.«
»Können Sie sich erinnern, was passierte, als Sie am Morgen aufgewacht sind?«
»Ich spürte einen Druck am Hals, aber ich kann nicht sagen, warum und woher dieser rührte. Mir wurde schwarz vor Augen, ich kriegte keine Luft mehr. Ich dachte, ich müsste sterben. Da hörte ich Stimmen, Schreie, ich weiß nicht, von wem sie stammten.«
»Ihre Frau war aber mit im Zimmer?«
»Ich habe keine Ahnung, wer sich alles im Raum befand und ob es meine Töchter waren, die geschrien haben.«
»Aber da konnten Sie wieder atmen.«
»Ja, der Druck ließ nach, ich musste sehr stark husten.«
»Geht es Ihnen heute wieder gut?«
»Nein, es geht mir nicht gut. Ich verschlucke mich noch immer dauernd, zudem habe ich Schlafstörungen und heftige Albträume. Ich habe zwar überlebt – aber mein Leben ist nicht mehr dasselbe.«
*
Befragung von Miranda Büttikofer durch Richter Wohlgemuth
»Ich befrage Sie zunächst als Beschuldigte. Sie haben das Recht, die Aussage zu verweigern – wenn Sie Aussagen machen, können die als Beweismittel gegen Sie verwendet werden. Sie sind des versuchten Mordes angeklagt. Konkret werden Sie beschuldigt, Ihrem Mann seinen Lieblingsdrink mit Traubensaft und Honig angerührt und mit einer nicht bekannten Anzahl Tabletten Risperidal und Temesta versehen zu haben, in der Absicht, ihn zu töten. Haben Sie verstanden, was Ihnen vorgeworfen wird?«
»Ich habe verstanden, was Sie sagen. Aber so war es nicht! Gut, ich gebe zu, dass ich ihm die Medikamente in den Drink getan habe, das habe ich, das kann ich nicht leugnen, aber es war trotzdem ganz anders, als Sie sagen. Ich wollte ihn nicht töten – ich wollte nur meine Ruhe vor ihm haben! Damit ich in der Nacht ruhig schlafen konnte.«
»Wie viele Tabletten haben Sie ihm verabreicht?«
»Ich kann mich nicht erinnern, wie viele es waren. Aber es waren einige. Sie müssen wissen, ich war in panischer Angst und wusste nicht, was ich tat. Ich wollte doch nur meine Ruhe haben.«
»Warum hatten Sie Angst?«
»Weil er mich immer wieder belästigt hat. Weil er mich über Jahre vergewaltigt hat. Brutal vergewaltigt hat. Immer wieder hat er Pornofilme mit nach Hause gebracht und mich gezwungen, alles nachzuspielen. Er benutzte dafür eine Schlagrute und Zangen. Jahrelang musste ich unter ihm leiden. Er hat mich drangsaliert.«
»Darum haben Sie versucht, ihn umzubringen? Aus Rache?«
»Nein, ich wollte ihn nicht töten! Ich wollte doch bloß, dass er einschläft und mich in Ruhe lässt.«
»Sie sagen, Ihr Mann habe Sie jahrelang vergewaltigt. Wann begann das?«
»Schon früh, wenige Jahre nach unserer Hochzeit. Ich war 24, als ich ihn heiratete, das war 1993. Ich erinnere mich nicht, wann es genau begann. Aber die letzten zwanzig Jahre waren die Hölle.«
»Trotzdem sind Sie geblieben. Sie haben gemeinsam vier Kinder gezeugt.«
»Was hätte ich tun sollen? Er hat mir mit dem Tod gedroht, wenn ich mich weigerte. Er würde mich umbringen, wenn ich ihn verlasse.«
»Jetzt aber wollten Sie sich doch endlich trennen.«
»Ja. Er hat eine neue Freundin. Auf einmal wollte er von selbst gehen.«
»Ist es richtig, dass Ihr Mann bereits einen Monat vor der Tat eine eigene Wohnung gemietet hat?«
»Ja, aber er war immer noch ständig bei uns.«
»Ihr Mann sagt etwas anderes, er erzählte uns, er sei in jener Nacht nur zu Ihnen gekommen, weil Sie ihn aufforderten, die letzten Sachen abzuholen.«
»Nein, er kam, um zu Hause zu schlafen.«
»Wo hatte er seine Kleidung?«
»In der neuen Wohnung.«
»Also trug er immer dasselbe?«
»Unterhosen brachte er jeweils mit.«
»Warum haben Sie ihn nicht einfach nach Hause geschickt, statt zu versuchen, ihn umzubringen, wenn Sie Ihre Ruhe haben wollten?«
»Er hätte nicht auf mich gehört. Er sagte, er werde mir den Schlüssel nie zurückgeben.«
»Sie hätten das Schloss auswechseln können.«
»Das hätte 500 Franken gekostet! Herr Gerichtsvorsitzender, was ich sage, ist die Wahrheit, er hat jeden Tag bei uns geschlafen und gegessen, und er wollte mich weiter belästigen und vergewaltigen. Er ließ sein Messer und seine Schlagrute in unserer Wohnung, und eine Matratze in seinem Zimmer.«
»Auf dieser Matratze ist er nach dem Medikamenten-Cocktail eingeschlafen.«
»Ja.«
»Am Morgen danach haben Sie nachgesehen, ob er wirklich tot ist.«
»Nein! Ich habe nachgesehen, ob er noch schläft.«
»Unter Punkt zwei wirft Ihnen die Staatsanwaltschaft Folgendes vor: Als Sie festgestellt haben, dass Ihr Mann noch lebte, haben Sie versucht, ihn mit einem Stromkabel zu erdrosseln. Was sagen Sie dazu?«
»Es war nie meine Absicht, ihm etwas anzutun.«
»Wenn Ihre Töchter, aufgeschreckt durch den Lärm, nicht ins Zimmer gestürzt wären, wäre Ihr Mann jetzt tot. Warum wollten Sie ihn erdrosseln?«
»Ich wollte mich vor ihm schützen. Er hat mich angegriffen und gewürgt. Ich tastete nach etwas, fand das Kabel auf dem Boden und habe danach gegriffen.«
»Sie wollen also Notwehr geltend machen.«
»Ich war in Todesangst und musste mich wehren.«
»Obwohl er noch halb im Delirium gewesen sein muss nach dem Medikamenten-Cocktail, behaupten Sie, er sei gleich auf Sie losgegangen?«
»Er war wach. Wahrscheinlich wollte er sich rächen, weil ich ihn betäubt hatte.«
»Ihr Sohn sagte, das Kabel – ein Ladekabel – habe immer im Wohnzimmer gelegen, wo sich auch das Gerät befindet, das damit geladen wird. Haben Sie das Kabel mit ins Zimmer raufgenommen, als Sie nachschauen gingen, ob Ihr Mann noch lebte?«
»Nein, das Kabel war schon da.«
»Laut dem medizinischen Bericht wies Ihr Mann eine Strangulationsmarke am Hals und Punktblutungen im Kopfbereich auf. Frau Büttikofer, er wurde von hinten gewürgt. Das ist schwer mit Ihrer Schilderung in Einklang zu bringen, dass er Sie angegriffen hatte. Sie wollten ihn erwürgen.«
»Nein! Nein, so war das nicht. Ich wollte ihn nicht töten, ich musste mich verteidigen. Ich hatte Angst, dass er mich umbringen würde. Das war Notwehr.«
*
Befragung von Robert Büttikofer durch Richter Wohlgemuth
»Ich befrage Sie nun als Beschuldigter in diesem Verfahren. Sie haben das Recht, die Aussage zu verweigern – wenn Sie Aussagen machen, können die als Beweismittel gegen Sie verwendet werden. Sie sind der mehrfachen Vergewaltigung und der mehrfachen sexuellen Nötigung angeklagt. Haben Sie das verstanden?«
»Ja, das habe ich verstanden.«
»Was sagen Sie zu den Vorwürfen?«
»Die Anschuldigungen stimmen nicht. Ich wollte nichts mehr von meiner Frau. Sie wusste, dass ich mich scheiden lassen würde, dass ich eine neue Freundin habe, ich habe ihr das offen gesagt. Sie war es, die es immer wieder bei mir versuchte, die mir schmeichelte und mir sagte, ich sei ihr Herz und ihre Seele. Ich habe nur mit ihr geschlafen, wenn sie es wollte.«
»Ihre Frau erzählt etwas ganz anderes. Sie sagt, Sie hätten sie jahrelang vergewaltigt. Sie hätten sie gezwungen, Gewalt-Pornofilme nachzuspielen. Sie hätten sie gewürgt, mit der Rute geschlagen, obwohl Sie gewusst hätten, dass sie keinen Sex mit Ihnen haben wollte.«
»Das ist gelogen. Warum hat sie mich denn nie angezeigt? Warum ist sie bei mir geblieben? Warum ist sie nie ins Frauenhaus gezogen?«
»Ihre Frau sagt, Sie hätten ihr gedroht, sie umzubringen, wenn sie Sie verlasse.«
»Das stimmt nicht. Es war gerade umgekehrt. Sie war diejenige, die Gewalt ausgeübt hat. Einmal hat sie mir mehrfach mit der Fernbedienung des TVs auf meinen Kopf geschlagen und die gesamte Einrichtung des Wohnzimmers zerstört. Ich musste die Polizei rufen und habe sie angezeigt. Meine Frau wurde daraufhin für zehn Tage mit einem Kontaktverbot belegt und durfte nicht nach Hause kommen. Das finden Sie in den Akten.«
»Wenn ich Sie ansehe, muss ich sagen, dass ich das kaum glauben kann. Sie sind Ihrer Frau körperlich überlegen. Wie soll sie Sie misshandelt haben?«
»Sie kennen sie nicht. Ich bin nicht stärker als sie. Sie hat mit Gegenständen auf mich eingeschlagen, und ich habe mich nicht gewehrt, weil ich Gewalt ablehne, ich könnte nie eine Frau schlagen.«
»Ihre Frau kann die Vergewaltigungen sehr genau beschreiben, die Gewalt, die Sie ihr angetan haben sollen.«
»Ich habe nie etwas getan, was sie nicht wollte.«
»Wir haben auch mit Ihren Kindern gesprochen. Haben Sie noch Kontakt zu ihnen?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Das hat sich verloren.«
»Ihre Kinder haben sich hinter Ihre Frau und gegen Sie gestellt. Ihre jüngste Tochter hat sogar bestätigt, dass Sie Ihre Frau vergewaltigt haben sollen.«
»Hören Sie, ich liebe meine Kinder, die drei älteren sind gute Kinder. Aber meiner jüngsten Tochter dürfen Sie nicht glauben. Sie ist kriminell. Man hat sie mehrmals beim Stehlen erwischt, und sie lügt, wenn sie solche Dinge erzählt.«
»Warum sollte sie das tun?«
»Meine Frau hat sie dazu angestiftet. Ich hatte schon früher Angst, dass sie mich töten wollten. Zweimal fühlte ich mich seltsam, nachdem ich bei meiner Frau Tee getrunken hatte. Und dann war da noch die Sache mit dem Honig.«
»Mit dem Honig?«
»Meine jüngste Tochter brachte mir zehn Gläser Honig, teurer Honig, sie wollte ihn mir schenken, es war klar, dass sie ihn gestohlen hatte. Mir fiel auf, dass drei Gläser schon mal geöffnet worden waren, darum habe ich sie alle gewogen. Die drei Gläser hatten ein anderes Gewicht. Ich glaube, dass sie mich bereits da vergiften wollten.«
»Das höre ich zum ersten Mal. Warum haben Sie das bei der Polizei nicht ausgesagt?«
»Es ist mir gerade jetzt erst wieder in den Sinn gekommen.«
»Falls Sie, wie Sie behaupten, Ihre Frau nicht vergewaltigt haben – warum sollte Ihre Frau Sie umbringen wollen? Was wäre ihr Motiv?«
»Das Geld. Sie hat herausgefunden, dass ich zwei Liegenschaften besitze, von denen sie zuvor nichts wusste. Sie fürchtete, dass ich mein Geld und meinen Besitz mit meiner neuen Freundin teilen werde und sie durch die Scheidung alles verliert.«
*
Befragung Miranda Büttikofer durch Richter Wohlgemuth
»Frau Büttikofer, wussten Sie, dass Ihr Mann über zwei größere Liegenschaften und demnach über ein ziemliches Vermögen verfügt?«
»Ja, das ist mir bekannt.«
»Seit wann?«
»Seit sechs Monaten.«
»Ihr Mann hat Ihnen das verheimlicht?«
»Ja, er hat mir nichts davon gesagt.«
»Wie haben Sie davon erfahren?«
»Ich habe seine Unterlagen durchstöbert, bevor er ausgezogen ist.«
»Der Staatsanwalt geht davon aus, dass Sie Ihren Mann noch vor der Scheidung umbringen wollten, um sich das Vermögen zu sichern.«
»Hören Sie: Ich bin hierhergekommen, um die Wahrheit zu sagen. Mein Mann hat all die Jahre mit mir gespielt, er hat mich angelogen, er hat mich vergewaltigt, er hat mich fälschlicherweise bei der Polizei angezeigt. Das, was Sie hier behaupten, stimmt nicht. Es ging nicht ums Vermögen, die Liegenschaften würden sowieso an unsere Kinder gehen. Auch bezweifle ich, dass sie viel wert sind, sie sind in keinem guten Zustand. Doch das hat alles nichts mit diesem Fall zu tun. Ich habe meinen Mann angegriffen, weil ich mich verteidigen musste.«
»Nachdem Sie ihn zuvor beinahe mit einer Überdosis Tabletten umgebracht hatten.«
»Ruhiggestellt, damit er mich in Frieden ließ, damit ich endlich einmal schlafen konnte, damit er mich nicht wieder vergewaltigte.«
»Sie sagten, Sie erinnerten sich nicht, wie viele Tabletten Sie ihm verabreicht haben.«
»Nein.«
»Sie haben zwei Tage zuvor 20 Tabletten Risperidal und 14 Temesta gekauft. Gefunden hat die Polizei noch drei Temesta-Tabletten. 31 Tabletten sind verschwunden.«
»Ich weiß wirklich nicht mehr, wie viele es waren. Ich habe das ganz schnell gemacht, und ich bereue, dass ich es getan habe.«
»Wer wusste alles von den Medikamenten?«
»Nur ich!«
»Auf einer leeren Tabletten-Verpackung haben wir nicht nur Ihre, sondern auch die DNA Ihrer Tochter Samira gefunden. Können Sie uns das erklären?«
»Meine Töchter haben aufgeräumt, ich hatte die leeren Packungen im Kühlschrank gelassen.«
»Wann war das?«
»Am nächsten Morgen.«
»Nachdem die Töchter ihren Vater gerettet hatten? Was haben Sie getan, als die Töchter hereingestürzt sind?«
»Das war ein ganz schrecklicher Moment, es war, als wäre ich aus einem üblen Traum erwacht. Ich sagte ihnen, sie müssten sofort den Notruf wählen.«
»Ihre Tochter Samira sagte aus, sie hätten Sie regelrecht von Ihrem Mann wegzerren müssen.«
»Ich war nicht ich selbst. Sie musste mich ohrfeigen, damit ich zur Besinnung kam. Erst da realisierte ich, was geschehen war.«
»Was wäre passiert, wenn Ihre Töchter nicht hereingestürmt wären?«
»Ich hoffe, dass nichts Schlimmes passiert wäre. Wenn ich könnte, würde ich es ungeschehen machen. Ich sehe ein, dass das nicht gut war. Aber ich stand unter einer enormen seelischen Belastung. Ich wollte ihn nicht töten. Ich bin unschuldig. Das hier ist ein einziger, riesiger Irrtum.«
*
Rudolf Wohlgemuth, Richter
Ich habe es ja geahnt. Zwei Parteien, zwei verschiedene Wahrheiten, und ich musste es wieder einmal richten. Jeder hat ein Urteil zu seinen Gunsten erwartet, und keiner wird am Schluss zufrieden sein.
Miranda Büttikofer ist eine kleine, energische Frau. Rundes Gesicht, schwarze zähe Locken, ihr Pferdeschwanz gleicht einem Reisigbesen. Ihre Augen sind lauernd und anklagend, kleine, dunkle Stecknadeln. Sie ist etwas stämmig, untersetzt, sie wirkt vorlaut, spricht so, als würde sie der ganzen Welt einen Vorwurf machen für alles, was in ihrem Leben schiefgelaufen ist. Nur sie selbst trägt keine Schuld. Mehrmals ist sie mir ins Wort gefallen, es half kein Zurechtweisen.
Robert Büttikofer ist einen Kopf größer als sie, gräuliches Haar, der Hals zu kurz geraten, als würde er pausenlos die Schultern hochziehen. Seine Mimik ist grimmig, die Augen wirken leblos, als wäre ihm alle Freude verloren gegangen, falls sie überhaupt jemals in seinem Leben existiert hat. Er sieht aus, als könnte er jede gute Laune im Bruchteil einer Sekunde vertreiben.
Nicht, dass ich damit sagen will, dass ich mich von dem Äußeren und der Art der beiden habe beeinflussen lassen, bewahre. Ich will damit nur deutlich machen: Sie wirkt nicht wie eine hilflose, zerbrechliche Person, die sich nicht wehren kann. Er wirkt nicht wie ein naiver, verschupfter Ehemann, der vor seiner Frau kuscht.
Um es kurz zu machen: Ich glaube ihr nicht. Das mag jetzt hart klingen, es ist aber so. Ich nehme ihr nicht ab, dass sie ihren Mann nicht töten wollte. Nur zwei Tage vor der Tat hat sie sich von ihrer Ärztin die Tabletten verschreiben lassen. Ich bin gegen Zufälle. Die Dosis war massiv, damit will man niemanden zum Schlafen bringen, damit will man jemanden um die Ecke bringen. Ihr Mann muss am nächsten Morgen völlig belämmert gewesen sein. Undenkbar, dass er sie in diesem Zustand angegriffen hat. Und selbst wenn: Ich habe noch nie davon gehört, dass jemand in Notwehr von hinten erwürgt worden ist. Darum glaube ich ihr nicht.
Nun, auch ihm glaube ich nicht. Zumindest nicht alles. Aber die Vergewaltigungen können ihm nicht nachgewiesen werden. In diesem Anklagepunkt gibt es einzig die Anschuldigungen seiner Frau und die etwas krude Aussage der gemeinsamen Tochter. Andere Indizien sprechen dagegen. Für einen Schuldspruch genügt das nicht. Zu dünn.
Also habe ich Miranda Büttikofer zu einer Freiheitsstrafe von achteinhalb Jahren verurteilt. Sie hat versucht, ihren untreuen Mann erst zu vergiften und dann zu erdrosseln, weil sie eifersüchtig auf ihre Nebenbuhlerin war und das Vermögen der Familie sichern wollte. Ihren Mann Robert Büttikofer habe ich im Grundsatz »im Zweifel für den Angeklagten« vom Vorwurf der Vergewaltigung und sexueller Nötigung freigesprochen. Was aber nicht heißt, dass ich ausschließe, dass er es getan hat.
Miranda Büttikofer ist nach dem Verdikt zusammengebrochen, wir mussten die Ambulanz aufbieten. Die jüngste Tochter Samira, die mit ihren Geschwistern den Prozess mitverfolgt hatte, hat laut aufgeschrien und wollte auf mich losgehen. Wir mussten den Sicherheitsdienst alarmieren. Das hat mich alles nicht beeindruckt. So habe ich geurteilt und begründet. Dies ist im Sinne des Gesetzes das beste und gerechteste Urteil, zu dem ich in diesem Fall kommen konnte. Ich ziehe den Schlussstrich und gehe mit einem guten Gewissen ins Bett.
Mein Wecker blökt. Es ist sechs Uhr früh, wie jeden Morgen, wenn er blökt. Auch heute hätte er getrost schweigen können, denn ich liege schon seit Stunden wach. Dieser Fall … Erneut hat er mir den Schlaf geraubt. Das mit dem Schlussstrich hat nicht funktioniert. Die Sache rumort noch immer in meinem Kopf herum, etwas stört mich, aber ich komme einfach nicht darauf, was es ist.
Ich muss das zur Seite legen, muss mich auf den neuen Fall konzentrieren, der heute auf mich wartet; ein Mann wird von seiner Exfrau beschuldigt, sich an ihrer Deutschen Dogge sexuell vergangen zu haben. Das wird wieder ein Theater geben.
Aufstehen, frühstücken, rasieren, noch einmal die Anklageschrift durchgehen, schon bin ich wieder unterwegs zum Gericht. Ich gehe immer zu Fuß. Mein Arbeitsweg ist ein Spaziergang durch Berns Lauben, während die Altstadt erwacht. Dieser Moment der Ruhe tut mir gut, bevor sich neue menschliche Abgründe vor mir auftun.
Beim großen Brunnen in der Gerechtigkeitsgasse wechsle ich die Straßenseite, über mir auf dem Sockel steht die Statue der Justitia, die Augen verbunden, die Waage in der einen Hand. »Guten Morgen«, sage ich laut zu ihr, auch das ein Ritual. Sie antwortet mir nie.
So war das zumindest bis heute.
»Sie Arschloch!«, brüllt mir in dem Moment eine Frauenstimme entgegen.
Mein Herz setzt ein paar Schläge aus. Ich fahre zusammen und blicke erschrocken zu Justitia hoch.
»Sie haben die falsche Person verurteilt!«
Erst jetzt realisiere ich, dass nicht Justitia schreit, sondern eine junge Frau, die hinter dem Brunnentrog hervorspringt. Sie kommt mir bekannt vor.
»Mein Vater war ein Scheusal, er hat uns jahrelang gequält. Nicht meine Mutter, mein Vater sollte hinter Gittern sitzen.«
Samira. Die jüngste Tochter. Die gestern im Gerichtssaal auf mich losgehen wollte. Ich schaue mich um, ob ich jemanden zu Hilfe rufen kann. Doch da ist niemand, und auf Justitia kann ich nicht zählen.
»Beruhigen Sie sich«, sage ich zu der Frau, die fast noch ein Mädchen ist. Sie steht jetzt direkt vor mir und kommt mir zu nah, ich weiche zurück, stolpere um ein Haar.
»Und wenn, dann nicht meine Mutter, sondern ich! Ich habe ihm die Tabletten in den Drink getan, ich wollte ihn erwürgen! Und ich hätte es zu Ende gebracht, wenn meine Schwester und meine Mutter mich nicht zurückgehalten hätten.«
Sie will mich schubsen. Ich weiche aus. Mein Instinkt befiehlt mir, wegzurennen, doch etwas hält mich zurück. Was, wenn sie die Wahrheit spricht?
»Warum sagen Sie das erst jetzt, erst hier, wieso haben Sie das nicht früher gestanden?«
»Ich musste meiner Mutter versprechen, es niemandem zu sagen. Sie will die Strafe für mich tragen, damit mein Leben nicht zerstört ist. Das hier ist kein Geständnis, das werden Sie nie kriegen. Ich will nur, dass Sie eins wissen: Sie haben falsch geurteilt. Sie sind ein schlechter Richter.«
Sie speit mir die Worte ins Gesicht, stößt mich mit beiden Händen gegen die Brust, ich rudere mit den Armen, verliere das Gleichgewicht, stürze, bin am Boden, reiße die Hände vors Gesicht, doch der Schlag folgt nicht, sie dreht sich um und rennt davon, ist so schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht ist.
Verblüfft bleibe ich zurück. Ich stehe auf und klopfe meinen Anzug ab, blicke zu Justitia hoch und kann mir ein Ächzen nicht verkneifen. Die Glocken der Nydeggkirche schlagen die Viertelstunde. Ich muss weiter. Die nächste Verhandlung beginnt gleich. Wieder muss ich ein Urteil finden.
Doch welches Urteil ist schon gerecht?
Erinnerungen einer Auftragskillerin an einem goldenen Herbsttag
am Lago Maggiore
Peter Beck
Der Lago Maggiore flimmerte und glitzerte wie die Diamanten auf dem samtenen Tuch in meinem Luganeser Banktresor. Auf der anderen Seite des Sees leuchtete der Monte Gambarogno in seinem Herbstkleid. Nach den heftigen Niederschlägen der letzten Tage war der Himmel heute wolkenlos, die Sicht klar. Hier war der Indian Summer auszuhalten.
Wobei Indian Summer viel besser klang als Altweibersommer, vor allem wenn man nicht mehr die Jüngste war. Aber die Gelenke schmerzten hier im Tessin deutlich weniger als am Zürichsee. Es war eine gute Idee gewesen, von der Goldküste nach Ronco sopra Ascona in die Residenz zu dislozieren. Residenza. Tönte auch besser als Altersheim, gerade auf Italienisch.
Doch insgesamt war es ein gepflegtes Haus, mit Gourmetküche, Wellness-Spa, Schwimmbad, einem weitläufigen Park und angegliederter Arztpraxis, die, im Gegensatz zu den Heimen für Krethi und Plethi, rund um die Uhr besetzt war und auch Botox und so anbot. Nicht ganz billig, aber das letzte Hemd hatte ja keine Taschen. Und für die wöchentliche Pediküre musste man hier nicht mehr in ein Taxi mit klebrigen Plastiksitzen steigen. Das Sonnenlicht flutete das Appartement und wärmte die nackten Füße mit den frisch lackierten Nägeln. Dior Nagellack-Rouge Pandore mit Gel-Effekt.
Sie wackelte mit den Zehen und rekelte sich in der Chaiselongue.
Leider fanden hier nicht alle Möbel Platz, nur eine Handvoll Antiquitäten, einige Perserteppiche und die Ölbilder aus dem Schlafzimmer. Die Leichen lagen noch immer unter dem Weinkeller in der Villa. Niemand würde sie je finden. Sie schaute auf ihre Hände, mit denen sie diese noch eigenhändig einbetoniert hatte. Mittlerweile war die fast durchsichtige Haut voller Altersflecken. Sie berührte die edelsteinbesetzten Ringe an den von Gicht geplagten Fingern. Das Alter war ein Graus, aber wenigstens konnte man sich ab und zu etwas gönnen.
Ein Klopfen holte sie in die Gegenwart zurück. »Ja, bitte?«
Die Tür öffnete sich, und eine unbekannte Pflegerin im türkisfarbenen Kittel der Residenz schob einen Trolley herein. »Guten Tag, Frau Neidhart. Ich vertrete heute Doktor Mancini, der leider unpässlich ist. Mein Name ist Alessia Werffeli.«
Keine Pflegerin und ein bisschen jung für eine Ärztin, aber heute wirkten ja auch Vierzig-, Fünfzigjährige jung. Ab einem gewissen Alter konnte man sich allerdings nicht mehr einreden, man sei nur so alt, wie man sich fühle. »Guten Tag, Frau Doktor.«
Die Ärztin streifte sich blaue Plastikhandschuhe über. »Ich komme wegen Ihrer monatlichen Vitalzeichenkontrolle.«
Leichtes Kopfschütteln. Der September war wieder einmal nur so verflogen. Schon wieder Vitalzeichenkontrolle. Vitalzeichenkontrolle. Auch so ein Wort! Früher hatte es genügt, mit den Fingerspitzen den Puls zu nehmen, und man wusste, ob einer hinüber war oder ob man noch einmal abdrücken musste.
»Wie geht es uns heute denn so?«
Alessia hatte diesen forciert munteren Ton, der offenbar Voraussetzung war, um in der Residenz angestellt zu werden. Immerhin sprach die Ärztin Schweizerdeutsch, nicht so wie die Pflegerinnen aus der Lombardei, welche jeden Tag bei Brissago über die Grenze kamen, oder die Spanierinnen, die kein Wort Deutsch sprachen. Immerhin konnte man mit denen seine Sprachkenntnisse auffrischen. Sich in verschiedenen Idiomen zurechtzufinden, war eine wichtige Voraussetzung für die Erledigung der Auslandsaufträge gewesen. »Ich kann nicht klagen.«
»Wunderbar. Das ist gut zu wissen. Darf ich Ihren Blutdruck messen?« Alessia legte die kühle Manschette an und begann zu pumpen, studierte die Anzeige und ließ dann den Druck wieder ab. »Was haben Sie denn früher gemacht, Frau Neidhart?«
»Ich war Reiseleiterin.«
»Was Sie nicht sagen.«
»Doch, doch.«
»Ich reise auch gerne.«
»Ja, ja. Reisen bildet.«
Während Alessia das Blutdruckmessgerät verstaute, schaute sie sich um und wunderte sich wahrscheinlich, wie sich eine Reiseleiterin diese Residenz leisten konnte. Sie fragte schließlich. »Und wie sind Sie dazu gekommen? Ich meine, gibt es da eine Ausbildung oder so?«
Ein Lächeln huschte ihr übers Gesicht. Gute Frage. Die Erinnerungen an den ersten Auftrag mit dem stillen Tommaso vor über sechzig Jahren waren ungetrübt. Vieles andere war im Laufe der Jahre verschwommen, aber Tommasos verträumte Augen blieben unvergesslich. Er war extra mit dem Zug aus Kalabrien in die Schweiz gereist und hatte einen sexy Lockvogel gebraucht, um die Zielperson zu isolieren, einen Geschäftsmann, der bei jemandem in Ungnade gefallen war. Der Auftrag hatte gelautet, ihn zu erledigen und bei dieser Gelegenheit ein Exempel zu statuieren, zur Abschreckung. Leider waren sie nur halb erfolgreich gewesen, denn das Dolder Grand hatte es damals irgendwie geschafft, das Ganze unter den Teppich zu kehren. Jedenfalls waren in den Zeitungen keine Berichte aufgetaucht. Dabei hatte Tommaso die abgezwackten Finger des Geschäftsmannes doch extra überall in der Luxussuite verstreut. »Ach, da bin ich vor langer Zeit hineingerutscht. Einer meiner Cousins war auch Reiseleiter und hat mich gefragt, ob ich aushelfen würde.«
Alessia nahm das Handgelenk, fühlte den Puls und erkundigte sich nach einer Weile: »Und dann? Haben Sie im Geschäft Ihres Cousins gearbeitet?«
»Nein, nein. Wir haben nur einige Reisen zusammen arrangiert. Das war, als ich noch ein ganz junges Ding war. Aber damals waren die Zeiten ganz andere. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Die Männer waren noch anständig angezogen, haben Hut und Krawatte getragen und einem in den Mantel geholfen. Aber was sage ich da. Als mein Cousin zurück nach Italien ging, habe ich mich selbstständig gemacht. Wissen Sie, das Schöne an diesem Beruf ist ja, dass man selbst bestimmen kann, wie viel man arbeitet.«
»Selbstständig zu sein. Das könnte ich mir auch vorstellen.« Alessia notierte den Puls.
»Ja, wenn man einen guten Ruf hat, kann man sich die Kundschaft aussuchen. Meine Spezialität waren maßgeschneiderte Reisen für die gehobene Kundschaft.«
»In welches Land sind Sie denn am liebsten gereist, wenn ich fragen darf?«
»In den Jemen …«, ins Jenseits, »und die Indianergebiete«, in die ewigen Jagdgründe, »aber Indianer darf man heute ja nicht mehr sagen, heute heißt es Native Americans, nicht wahr?«
»Im Jemen war ich noch nie.«
»Sie sind ja noch jung.«
»Das muss aber aufregend gewesen sein.«
»Meist war es höllisch heiß.«
Alessia zeigte besorgt auf die Beine. »Was haben wir denn da? Sie haben an Ihrem Schienbein einen ziemlichen Bluterguss.«
Die Beine waren auf der Chaiselongue übereinandergeschlagen, das obere der Ärztin zugewandt, Körpersprache beeinflusste das Unterbewusstsein. Die Prellung war unschön, aber schließlich war niemand perfekt. Schulterzucken. »Ach, das ist nicht schlimm. Da habe ich mich wohl am Bett gestoßen.«
Die Finger von Alessia fuhren vorsichtig über das Schienbein. »Tut das weh?«
»Nein, nein. Das geht von allein vorbei.«
»Haben Sie schon von Herrn Rohde gehört?«
Desinteressiertes und unschuldiges Kopfschütteln. Lügen war simpel, wenn man es einmal gelernt hatte. »Nein, heute noch nicht.«
»Ihr Nachbar hatte einen Unfall …«
Die Augen weiten, die Lippen zu einem stummen O formen, die Stirn in Falten legen und die Augenbrauen zusammenziehen. Wahrscheinlich wäre auch eine Karriere als Schauspielerin in der Cinecittà möglich gewesen. Ein Leopard des Filmfestivals Locarno hätte sich auf der Anrichte gut gemacht. Sean Connery, Claudia Cardinale und … Wie hieß diese Schweizer Schauspielerin mit dem Bikini schon wieder, die Tierfreundin mit Schoßhündchen? Andrea? … Ursula Andress. Ja, so hieß sie!
Alessia sagte: »Herr Rohde hat uns leider verlassen.«
»Sie meinen, mit den Füßen voran?«
Schräger Seitenblick. »Leider ja.«
»Wie schrecklich.«
Die Ärztin nickte nachdenklich.
Die Frau Doktor war noch jung. Trotz ihrer Ausbildung an der Universität hatte sie sich offenbar noch nicht an den Tod gewöhnt, aber das würde schon noch kommen. »Früher oder später müssen wir alle gehen.«
Alessia murmelte zustimmend. »Mhm.«
»Was ist denn passiert?«
»Ich weiß es nicht genau. Ich habe nur gehört, dass er heute Morgen nicht in seinem Zimmer war. Ein Pfleger, der nach dem Frühstück jemanden in den Park begleitete, hat ihn gefunden. Herr Rohde lag im Seerosenteich, samt Rollstuhl.«
Der Deutsche hatte vom ersten Tag an mit seiner lauten Musik genervt. Zu jeder Tages- und Nachtzeit hatte der alte Nazi irgendwelche Arien und Symphonien gehört, wegen seines schlechten Gehörs immer in voller Lautstärke. Ein bisschen Mozart, eine Entführung aus dem Serail, war ja nicht zu verachten, aber stundenlang Wagners Donnergrollen war unerträglich, vor allem bei offenem Fenster. Fort mit Schaden. Hoffentlich war der Nachmieter von Rohde erträglicher. »Was Sie nicht sagen.«
»Ja, wahrscheinlich ist er mit dem Rollstuhl in den Teich gekippt und hat sich unglücklich den Kopf gestoßen. Dummerweise ist der Teich nicht gesichert. Er ist ja auch nicht tief, aber das ist wie mit Kleinkindern im Planschbecken. Die sollte man auch nie unbeaufsichtigt darin spielen lassen.«
Rohde war eines dieser traurigen Gewohnheitstiere gewesen. Der Langweiler rollte jeden Morgen zum Seerosenteich und gaffte mit triefendem Maul in den Sonnenaufgang, sodass man die Uhr nach ihm stellen konnte. Ein knackiger Schlag mit der Krücke von hinten an den Hals hatte genügt, dann den Rollstuhl noch mit einem kleinen Schubs in den Teich befördern, fertig war der Unfall. Alles locker, noch vor dem Frühstück. Niemand hatte etwas gesehen. Wahrscheinlich hatte Mancini den Totenschein im Halbschlaf unterschrieben. Todesursache: Ertrinken. Manchmal war es wirklich fast zu einfach. Nur das Schienbein, das vom umkippenden Rollstuhl getroffen wurde, hatte für einen Moment höllisch geschmerzt. »Tragische Sache.«
»Man kann nicht vorsichtig genug sein. Passen Sie auf, wenn Sie dort spazieren gehen. Wir wollen ja nicht, dass Sie sich etwas brechen. So ein Unfall ist schnell passiert, nicht wahr, Frau Neidhart?«
Nicken. Da konnte man nur beipflichten, denn Unfälle waren meine Spezialität. Es war erstaunlich, mit was man davonkam, wenn man es geschickt anstellte, gerade in der Schweiz. Herzinfarkt? Normal. Fehltritt im steilen Gelände? Pech gehabt. Autounfall mit Alkohol am Steuer? Kann passieren. Niemand schaute genau hin. Die Notärzte unterschrieben alles. Die waren überarbeitet und machten meist nur widerwillig Pikett. Manchen fehlte auch die Fantasie oder die Erfahrung, schließlich war die Schweiz nicht Mexiko mit seinen Drogenkriegen, wo die Leichen an Straßenlampen hingen, oder Südafrika, wo man für ein paar Rand erstochen wurde. Hier konnte man am Kiosk einen Hunderter wechseln, ohne dass man schräg angeschaut wurde. »Sie sind neu hier, nicht wahr, Frau Doktor?«
»Ja, ich habe erst gerade angefangen. Wenn es Ihnen recht ist, nehme ich noch Blut fürs Labor. Ich habe gesehen, dass Sie es ein wenig mit den Nieren haben. Es ist wichtig, dass wir Ihr Kalium, Natrium und Kreatin im Auge behalten.« Sie nahm das Handgelenk, drehte den Unterarm zurecht und desinfizierte diesen mit einem Wegwerftupfer. »Machen Sie bitte die Faust.«
»Woher kommen Sie denn?«
»Aus Zürich.« Alessia stöberte im Trolley, zog eine Plastiktüte hervor, riss diese auf und nahm eine Einwegnadel mit Kanüle und Konnektor heraus. Sie suchte die Vene und setzte an. »Ich habe dort studiert und konnte dann auch am Kispi assistieren. Jetzt gibt es gleich einen kleinen Stich. Falls Ihnen das unangenehm ist, schauen Sie einfach einen Moment aus dem Fenster. Das Wetter ist heute ja wunderbar, vor allem nach dem vielen Regen, nicht wahr?«
Es pikte. Das Blut floss. Professionell gemacht. »Aber Sie sprechen keinen reinen Zürcher Dialekt, oder täusche ich mich da?«
»Nein, da haben Sie recht. Als ich sechs war, ist meine Mutter mit mir und meiner Schwester nach Zürich gezogen. Geboren wurde ich im Engadin.« Alessia stoppte mit dem Daumen kurz das Blut, drehte das erste Röhrchen fürs Labor heraus und ersetzte es mit einem zweiten.
»Ah, das Engadin! Da bin ich auch immer gern hingefahren, vor allem im Winter. Die Berge dort haben es mir angetan.« Vor etwa dreißig Jahren ließ sich dort einmal das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Die Zielperson war jeweils am Morgen in seinem Baugeschäft, am Nachmittag auf den Skipisten des Piz Corvatsch und am Abend zu Hause gewesen, wo er den treu sorgenden Familienvater gemimt hatte. Trotz seines Ranzens hatte er immer diesen grässlichen, orangen Skidress von Bogner getragen, die damals der letzte Schrei gewesen waren. Aber Skifahren hatte er gekonnt, das musste man ihm lassen.
Der Auftrag selbst hatte sich nach ein paar Tagen Beschattung fast von alleine erledigt. Er hatte sich nachmittags immer im gleichen Restaurant ein Bier gegönnt und dazu zwei gekochte Eier verdrückt, wahrscheinlich, weil er glaubte, das Protein sei gut für seine Muskeln. Die bunten Eier standen auf allen Tischen herum, zu viert, in einem dieser Eisengestelle mit Gewürzen. Da er jedes Mal nach der Bestellung auf der Toilette verschwand, war es ein Kinderspiel gewesen, das Aromat auszutauschen. Das Gift im gelbroten Gewürzstreuer war so dosiert gewesen, dass er eine halbe Stunde später in der Gondelbahn einen Herzinfarkt erlitten hatte. Aromat sei Dank!
Dummerweise hatte sich der Auftraggeber, ein Baulöwe aus St. Moritz, der seinen Konkurrenten hatte entsorgen lassen, als Idiot entpuppt. Der war nicht nur ein Angeber, sondern auch ein notorischer Schürzenjäger. Er hatte sich schon während des Begräbnisses an die junge Witwe herangemacht, die ihm daraufhin vor versammelter Trauergemeinde eine Ohrfeige verpasst hatte. Danach war ein kleines Tête-à-Tête nötig geworden, das ihn schnell zur Vernunft gebracht hatte. Wie hatte der nur schon wieder geheißen? Das Namensgedächtnis verkalkte immer mehr, aber man sollte ja sowieso nur die schönen Erinnerungen behalten.
Vor dem Panoramafenster der Residenz flogen Krähen vorbei. Es klickte, als Alessia das dritte Röhrchen mit dem Konnektor verband. »Gleich haben wir’s.«
Bei den Brissago-Inseln legte das Kursschiff ab. Halb elf und schon wieder müde, aber es war ein ziemlich ereignisreicher Morgen gewesen. Rohde entsorgt. Nägel lackiert. Monatliche Vitalkontrolle. Ein kleines Schläfchen bis zum Mittagessen würde guttun. Die Ärztin hatte mittlerweile das Stethoskop hervorgekramt und angesetzt. Sie horchte konzentriert.
Das Herz schlug laut und klopfte wild. Eine der sporadischen Panikattacken? Ein Herzinfarkt? Nicht doch! Es war ein sonniger Tag und viel zu früh, um abzutreten. Und die Ärztin war da. Im Korridor hing ein Defibrillator. Die Residenz hatte eine Arztpraxis. Einfach tief einatmen und es würde schon wieder werden. Der Blick fiel auf die Spritze, die groß und leer war, immer noch im Konnektor steckte und deren Kolben ganz am Anschlag war. »Was haben Sie da gemacht?«
Alessia ließ das Stethoskop baumeln und erklärte lächelnd: »Luft injiziert. Einen Deziliter. Die Luftblase ist jetzt in Ihrem Herz. Dort bringt sie das Blut zum Schäumen, wie in einem Whirlpool, deshalb das Herzklopfen. Das Blut gelangt nicht mehr in genügender Menge in Ihre Lunge, und als Folge davon bekommen Sie nicht mehr genug Sauerstoff, aber das wissen Sie ja selbst.« Die Ärztin drückte die behandschuhte Hand auf Neidharts Mund. »Schschsch. Nicht schreien. Sie werden jetzt müder und müder. Es dauert nicht mehr lange.«
Neidhart strampelte etwas, dann war sie still, ihre Lippen schimmerten bereits blau, die verwunderten Augen wurden glasig.
»With love from St. Moritz.« Alessia prüfte mit dem Stethoskop das Herz. Vitalzeichen? Keine. Sie räumte auf und schob den Trolley aus dem Zimmer. Nachdem der alte Bauunternehmer aus St. Moritz auf dem Totenbett reines Gewissen gemacht hatte, hatte das Schicksal nun endlich auch die Auftragskillerin eingeholt. Lieber spät als nie. Zeit für eine Pause, Zeit für zwei gekochte Eier mit Aromat. Papa wäre stolz auf seine Tochter.
Quitt
(Zürich)
Isabel Morf
Meinen Entschluss, kriminell zu werden, nahm ich nicht auf die leichte Schulter. Es war für mich ein äußerst ehrgeiziges Vorhaben, und ich hegte anfangs auch Zweifel an meinem Talent. Denn ich gehörte nie zu jenen Menschen, denen im Leben alles in den Schoß fiel. Auch war ich mit einem eher geringen Selbstvertrauen ausgestattet. Dennoch hatte ich Wünsche, entwarf Luftschlösser, stellte mir vor, was ich aus meinem Leben gern gemacht hätte.
Im beruflichen Bereich etwas Außergewöhnliches zu leisten hielt ich für aussichtslos. Ich übe eine der unauffälligsten Tätigkeiten aus, die es überhaupt gibt: Ich bin Sekretärin. Mein Chef – kein hohes Tier – ist mit mir ganz zufrieden, ich habe meine Arbeit im Griff, aber als »Perle« würde er mich wohl kaum bezeichnen. Besondere Begabungen sucht man bei mir vergeblich; ich bin eher unsportlich, manchmal ziemlich ungeschickt, meine Kochkünste sind mittelmäßig, und meine Versuche, Topfpflanzen zu Wachstum und Blüte zu bringen, blieben erfolglos. Ich bin mittelgroß, war bis vor Kurzem ziemlich mollig, in mein stumpfbraunes Haar hatten sich bereits graue Fäden gemischt, was ich eine Weile lang – ohne überzeugendes Ergebnis – mit einer selbst aufgelegten kastanienfarbenen Tönung zu überdecken versuchte. Ich hatte, frei heraus gesagt, nie den Ehrgeiz, mich hübsch zu machen, denn wenn ich mich im Spiegel betrachtete, schien mir, dass es ohnehin vergebliche Liebesmüh wäre.
Vielleicht neigte ich jedoch dazu, meine Träume besonders ehrgeizig auszugestalten, denn – so fantasierte ich zuweilen – wenn mir irgendwann etwas Großartiges, Einmaliges gelingen würde, dann wäre mein ganzes Leben gleichsam auf ein höheres Niveau gehoben, herausgelöst aus dem Klima der Mittelmäßigkeit und Erfolglosigkeit, in dem es sich seit jeher bewegt hatte. Mag sein, dass es im Grunde genommen diese entschlossene Sehnsucht war, die mich dazu antrieb, ein Verbrechen zu begehen.
Ich lebe in Zürich, an der Röschibachstrasse, in einer kleinen Wohnung, zwei Zimmer, 50 Quadratmeter. Von der Rosengartenstrasse her ist unablässig Verkehrslärm zu hören, den Balkon kann ich kaum benützen. Wegen der Hellhörigkeit des alten Hauses bekomme ich auch unweigerlich mit, wenn die Zweijährige im oberen Stock in einem Trotzanfall explodiert. Aber ich fand die Wohnung, ohne lange suchen zu müssen, sie ist bezahlbar, und ich habe sie nett eingerichtet.
Vor drei Jahren verließ mich mein Mann, nach vierzehn Jahren Ehe. Marc ging nicht einmal wegen einer Jüngeren, nein, sie war sogar ein Jahr älter als ich: Madeleine. Ein affiger Name, wenn man mich fragt, und Marc sprach ihn immer übertrieben betont französisch aus. Ich heiße Edith – wie soll man da mithalten, fragte ich mich erbittert. Die Scheidung ging schnell und zivilisiert über die Bühne, ich machte kein Theater. Marc und mich hatten, wie soll ich sagen, bestenfalls lauwarme Gefühle verbunden, mein Liebeskummer hielt sich in Grenzen. Aber sein Ausstieg aus unserer Ehe verletzte meinen Stolz, ich fühlte mich verraten; meine geheime Wut richtete ich gegen meine Nebenbuhlerin. Ich wusste praktisch nichts von ihr. Ein einziges Mal sah ich sie, und zwar als Marc und ich nach vollzogener Scheidung aus dem Gerichtsgebäude traten. Damit hatte ich halb gerechnet und war vorbereitet auf einen feindseligen oder triumphierenden Blick. Was jedoch geschah, war fast noch schlimmer: Sie übersah mich komplett. Sie streckte die Arme nach Marc aus, formte ihre pink angemalten Lippen zu einem süßen Lächeln – ich wandte mich augenblicklich ab und machte mich davon. So ersparte ich mir, den offiziellen Auftakt zu Marcs und Madläääns Liebesglück mitansehen zu müssen. Dennoch, diese Szene bildete eine solide Basis für meinen Hass. Ich schwor mir, diese Frau zu töten. Zunächst war es nur eine Gewaltfantasie, ein hasserfüllter Gedanke, ein ohnmächtiger Wunsch nach Rache, doch ganz langsam wandelte er sich zu einer Absicht, zu einem Plan.
Natürlich sah ich mich vor immense Schwierigkeiten gestellt. Als Erstes musste ich mich für eine Mordmethode entscheiden. Mich entscheiden – das klingt, als ob ich vor einer Auswahl gestanden hätte. Aber dem war ganz und gar nicht so. Es war eher eine Art Ausschlussverfahren. Erschießen, das wäre eine elegante Methode gewesen, kam jedoch für mich nicht in Frage. Ich hatte nie in meinem Leben eine Schusswaffe in den Händen gehalten. Ich wusste vage, dass man eine Pistole oder einen Revolver (Was war überhaupt der Unterschied zwischen den beiden Dingern?) vor dem Schießen entsichern musste und dass das präzise Zielen eine Kunst darstellte, die geübt werden sollte. Ich erinnerte mich an die Filmversion eines meiner Lieblingskrimis, in dem die Heldin – nun ja, die Mörderin – in ihrem paillettenbesetzten Abendhandtäschchen eine zierliche Waffe mit sich führte, mit der sie die Kontrahentin sauber erledigte. Hübsch, aber das musste ich mir aus dem Kopf schlagen, wie ich bedauernd einsah. Die Idee, Marcs Neue zu erwürgen beziehungsweise zu erdrosseln (Machte man das eine mit bloßen Händen, das andere mit einem Hilfsmittel, etwa einem Seidenschal oder einer Nylonschnur?), stieß mich ab. Eigentlich wollte ich sie lieber gar nicht anfassen. Die unbehagliche Vorstellung beschlich mich, wie ich ihren Hals zudrücken würde und sie würde einfach nicht sterben – stattdessen widerwärtige Geräusche von sich geben, mit den Armen fuchteln, mich womöglich aus hervorquellenden Augen vorwurfsvoll anschauen. Was für eine grässliche Vorstellung! Auch Erstechen und Vergiften schieden aus mehreren Gründen aus.
Schließlich entschied ich mich für Erschlagen mit einem stumpfen Gegenstand. Das hat mir in den Kriminalromanen immer gut gefallen. Ein stumpfer Gegenstand, das kann vieles sein, es ist ein Ausdruck, der Bilder von einer vagen Gefährlichkeit, aber auch einer beruhigenden Anonymität evoziert.
Problem Nummer zwei: mit welchem stumpfen Gegenstand? Ich erinnerte mich an eine Story, in der eine Frau ihren Mann mit einer tiefgefrorenen Lammkeule erschlug, die dann im Backofen weich vor sich hin brutzelte, während die Polizisten die Wohnung nach einem passenden stumpfen Gegenstand absuchten. In einem anderen Roman schraubte der Täter aus einem Messingbettgestell eine Verzierung heraus, eine Messingkugel, die er nach getaner Arbeit gelassen wieder hineinschraubte. Ich besaß kein Messingbett mit massiven Verzierungen, sondern nur eine einfache, schmale Liege mit elastischem Lattenrost, die ich mir nach der Scheidung gekauft hatte. Unser Ehebett ließ Marc von einem Gebrauchtmöbelhändler abholen; auch er hatte – aus naheliegenden Gründen – kein Interesse daran. Ich trieb mich ratlos in Warenhäusern, Sportgeschäften und Do-it-yourself-Shops (»do it yourself«, kicherte ich in mich hinein) herum und entschied mich schließlich für einen einfachen Hammer.
Schritt Nummer drei bestand in der Auskundschaftung des Opfers. Hier griff ich zu einer List. Marc und ich pflegten einen losen telefonischen Kontakt. Alle paar Monate einmal rief er mich an, fragte, wie es mir ginge, erzählte so dies und das, Belanglosigkeiten aus seinem Alltag. Diese Gespräche waren meistens eher kurz, da ich keine besondere Lust hatte, mir sein ödes Geplauder anzuhören. Und mit Neuigkeiten aus meinem doch eher ereignislosen Leben aufzuwarten, nein, darauf konnte ich verzichten. Aber nun sagte ich mir, weshalb nicht einmal selbst zum Hörer greifen und, die Konversation unauffällig steuernd, ganz bestimmte, für mich nun höchst interessante Belanglosigkeiten abhören? Ich erwischte ihn in einem günstigen Moment. Madeleine war weg, in einem Italienischkurs, den sie, so hörte ich mit Wohlgefallen, jeden Donnerstag von acht bis zehn Uhr abends in der Migros Klubschule Wengihof besuchte. Mehr brauchte ich nicht.
Nun wurde es langsam ernst. Am nächsten Donnerstagabend rekognoszierte ich die Situation vor Ort – Zielperson, Weg, den sie einschlug, Ausmaß der Belebtheit des Gebiets, Festlegung des geeignetsten Tatortes –, dann ging es an die Detailplanung. Ich beschloss, mich wie eine strenggläubige Muslimin zu kleiden, mit langem Regenmantel und Kopftuch. Beides kriegte ich für wenig Geld in einem Warenhaus. Ich ging absichtlich nach Feierabend hin; in dem Gewusel von Kundinnen, die sich umschauten, Sachen anprobierten und an der Kasse über den Tresen schoben, konnten die Verkäuferinnen garantiert keine einzelnen Gesichter im Gedächtnis behalten. Eine solche Verkleidung macht einen unkenntlich, und Madeleine würde sich garantiert nicht bedroht fühlen und davonrennen, wenn eine unauffällig wirkende Frau hinter ihr herging.
Ich geriet in jener Zeit in einen eigenartigen Zustand von höchster Konzentriertheit. Im Büro tat ich mechanisch meine Arbeit, aber innerlich war ich stets bei meinem Vorhaben. Meine übliche Unsicherheit, überhaupt alles Gefühlsmäßige, war weg, nur das logische Denken war da, kühl wägte ich Details und Eventualitäten ab.
Dann war der Tag da. Kurz vor zehn Uhr war ich auf dem Posten. Mein Opfer ließ auf sich warten. Gruppen von Schülern strömten aus dem Gebäude und entfernten sich in alle Richtungen; Madeleine war nicht darunter. Sieben Minuten nach zehn sah ich sie endlich herauskommen. Sie bog in den schmalen, kurzen Fußweg ein, der in die Engelstrasse führte. Ich näherte mich von der Wengistrasse her und achtete darauf, dass sie mich – und damit meine Harmlosigkeit – bemerkte. Es klappte. Hinter ihr hergehend, den Hammer fest in der rechten Hand, beschleunigte ich auf dem ansonsten menschenleeren Fußweg, schloss auf und schlug zu. Aber richtig! In dieser einen Sekunde war nichts anderes in mir als Hass, Gewalt und Triumph. Ohne einen Ton von sich zu geben, brach die Frau zusammen. Augenblicklich legte sich mein innerer Aufruhr, ich fühlte mich ganz ruhig und wusste genau, was zu tun war. Ich ging weiter, bog in die Engelstrasse ein, entsorgte den Hammer in einem Abfallsack, den ich fest zuband und in einen Container warf, und machte mich auf den Heimweg; am Hardplatz nahm ich den 33er. In weniger als einer halben Stunde war ich zu Hause. Den wichtigsten Teil hatte ich geschafft. Alles war nach Plan verlaufen, keine Störung von außen hatte mein Unternehmen durchkreuzt, und ich hatte die Nerven bewahrt. Nun hieß es abwarten.
Würde ich befragt werden, in Verdacht geraten? Hatte ich irgendwelche Spuren zurückgelassen? Sehr unwahrscheinlich. Den Regenmantel, das Kopftuch und die Schuhe warf ich am nächsten Tag in getrennten Tüten mit anderen alten Kleidern, die ich für diesen Zweck in einem Brockenhaus gekauft hatte, in Kleidersammelcontainern ein. Jene muslimische Frau und ich hatten keinerlei Ähnlichkeit miteinander.
Madeleine wurde erst spät gefunden, gegen drei Uhr morgens, wie es in den Morgennachrichten des Lokalradios hieß. Von einer Frau mit langem Regenmantel und Kopftuch war keine Rede. Ich wunderte mich etwas, dass Marc sich erst so spät nachts Sorgen um sie gemacht hatte. Um zwei hatte er eine Vermisstenmeldung aufgegeben, und die Polizei war ihren Heimweg von der Sprachschule aus abgegangen. Diese Meldung klang für mich ganz gut, aber es hieß weiter abwarten. Die Polizei sagt den Medien oft nicht alles, sondern verschweigt gerade die interessantesten Dinge.
Am nächsten Tag rief Marc an. Ich reagierte schockiert und ungläubig. Was, seine Frau sei das gewesen? Entsetzlich! Ja, entsetzlich, aber er schien mir nicht ganz bei der Sache zu sein. Er druckste ein wenig herum, dann fragte er, ob wir uns treffen könnten. Er müsse sich aussprechen, sagte er ein wenig unsicher. Ob er zu mir kommen dürfe? Das missfiel mir. Plötzlich geriet ich da in eine Verbindung mit dieser Sache, und ich fragte mich, ob ich am Morgen nach der Tat gleich hätte auf eine Städtereise nach Rom oder Helsinki aufbrechen sollen.
Marc kam um halb neun. Ich stellte ihm ein Bier hin. Er war von der Polizei befragt worden. Verschiedenes erschien ihnen ungereimt. Warum war die Frau erschlagen worden, fragten sie sich. Es war kein Raubmord, und auch für ein Sexualdelikt gab es keine Anhaltspunkte. Wo er denn an jenem Abend gewesen sei, hatten sie Marc gefragt. Und warum er erst so spät gemeldet habe, dass seine Frau nicht heimgekommen sei.
Es dauerte eine Stunde, bis die Geschichte draußen war. Marc betrog Madeleine, er hatte eine Freundin. Das hörte ich, ich gebe es zu, mit heimlicher Genugtuung, auch wenn es mich leicht verwunderte. Marc war alles andere als der Typ Herzensbrecher, dem die Frauen zu Füßen lagen. Die Freundin wollte er der Polizei unbedingt verheimlichen, denn sie war von ihm schwanger und drängte ihn zur Heirat. Marc aber wollte sich keinesfalls wieder scheiden lassen, denn seine Frau hatte ein hübsches kleines Vermögen (Sieh an, dachte ich, das hatte er mir verschwiegen), und das wollte er nur ungern gegen ein lärmiges Baby eintauschen, das Geld kostete. Marc war realistisch, ihm war rasch klar, welche Schlüsse die Ermittlungsbehörde aus dieser unkomfortablen Konstellation ziehen würde: untreuer Ehemann, seiner Frau überdrüssig, erschlägt sie, erbt und beginnt ein neues Leben mit einer Jüngeren. An dem Abend hing er in ein paar Spielsalons und Bars herum und ertränkte seine Probleme. Allein. Dass die Freundin schwanger war, wusste er erst seit einer Woche.
Marc rutschte unbehaglich auf meinem Sofa hin und her. Ich ahnte, was kommen würde: Ein Alibi wollte er von mir. Ausgerechnet von mir. Gut, wenn ich es ihm geben würde, wäre das auch ein Alibi für mich. Aber gleichzeitig könnte es mich auch verdächtig machen. Was, wenn es aufflog? Wie sollte ich meine Motivation, ihn zu decken, begründen? Mitleid? Nicht bei einem Mordfall, nicht für einen Mann, der mich drei Jahre zuvor verlassen hatte. Für eben diese Frau. Nein, das war mir zu riskant. Das war nie Bestandteil meines Plans gewesen.
Ich sah Marc in die bittenden Augen und schüttelte langsam den Kopf.
»Edith, nimmst du denn wirklich an, ich hätte es getan?«, fragte er mit erstickter Stimme.
»Ich kann keinen Meineid auf mich nehmen«, sagte ich tugendhaft. »Wie kann sich die Wahrheit herausstellen, wenn eine Lüge am Anfang steht?«
»Ich habe mit diesem Mord überhaupt nichts zu tun«, begehrte er auf. »Ob ich hier lüge oder nicht, spielt nicht die geringste Rolle.«
Ich schwieg.
»Ich weiß, es war gemein, wie ich mich dir gegenüber vor drei Jahren benommen habe«, begann er sich selbst anzuklagen, »ich war eben verliebt. Das war vielleicht ein Fehler. Aber Edith, du kannst doch deswegen nicht wollen, dass ich wegen Mordes verurteilt werde.«
»Wieso gibt deine Freundin dir kein Alibi?«, fragte ich.
Leider hatte sie an dem Abend Besuch gehabt von ihrer Schwester. Wirklich Pech. Da war als letzter Rettungsanker ich ihm eingefallen, und dass wir uns doch immer so gut verstanden hatten. Außer dass er mich verlassen hatte. Wegen dem Geld, das er erben würde, stotterte er, er würde sich natürlich erkenntlich …
»Das Beste ist, du gehst jetzt nach Hause«, unterbrach ich ihn freundlich, aber bestimmt.
Hinterher saß ich ein Weilchen allein im Wohnzimmer, genehmigte mir ein Gläschen Weißen – ich hatte vorher nur Orangensaft getrunken – und ließ mir durch den Kopf gehen, wie wunderbar sich alles fügte.
Marc wurde verhaftet. In den Bars konnte sich niemand an ihn erinnern. Er ist, wie gesagt, von unauffälligem Äußeren, ein Typ, der gern übersehen wird. Dass er die Geschichte mit seiner schwangeren Freundin verheimlichte, bis die Polizei sie selbst entdeckte, machte ihn verdächtig.
Auch ich als seine »Ex« (wie ich diesen Ausdruck hasste) wurde befragt. Was er für eine Persönlichkeit gewesen sei? Ob ich gelegentlich Angst vor ihm gehabt hätte? Ich sprach nicht schlecht über Marc, musste aber, der Wahrheit verpflichtet, doch jenen Abend erwähnen, an dem er mich hatte dazu bewegen wollen, ihm ein falsches Alibi zu geben und mich dafür zu bezahlen. »Aus Verzweiflung natürlich«, wie ich begütigend anmerkte. Auch das sprach gegen Marc.
Nach dieser Befragung, bei der ich glaubwürdig wirkte und, das merkte ich, sympathisch rüberkam, fühlte ich mich beschwingt, fast schon übermütig. Vielleicht war es tatsächlich so, dass ich mich mein Leben lang unterschätzt hatte, dass ich zu viel mehr fähig war, als ich immer geglaubt hatte? Durch die ganze Aufregung der letzten Wochen hatte ich einige Kilos abgenommen, und ich war plötzlich in der richtigen Stimmung, mir ein paar neue Anziehsachen zu kaufen – und zwar etwas anderes als das unscheinbare Mauerblümchenzeug wie sonst. Laura, meine Coiffeuse, war entzückt, als ich ihr Carte blanche gab – und das Ergebnis ließ sich sehen.
Am Tag von Marcs Verurteilung buchte ich abends last minute eine Städtereise nach Nizza und saß am nächsten Morgen im Flugzeug, während mein Ex seine neue Zelle bezog; man hatte ihn vom Bezirksgefängnis in die Strafanstalt überführt.
Nun sitze ich in einer kleinen Bar in der Altstadt, einen Kir Royal vor mir. Ich fühle mich entspannt und glücklich: Ich habe wirklich sehr, sehr gut gearbeitet. Aus dem Augenwinkel nehme ich schon seit einer Weile wahr, dass ein ziemlich attraktiver Mann gelegentlich zu mir herüberschaut.
Der Fall Markovic oder:
In Stein am Rhein macht eine Leiche noch kein Verbrechen
Daniel Badraun
Die Geschichte, die ich Ihnen erzählen möchte, spielte sich vor einigen Jahrzehnten im kleinen Städtchen Stein am Rhein ab, in der Gegend, in der der Rhein den Bodensee, genauer den Untersee, verlässt. Die Altstadt mit der Burg Hohenklingen befindet sich, wie Sie vielleicht wissen, auf der rechten Seite des Flusses. Linksrheinisch gehört noch ein schönes Stück Land in Form eines Rechtecks zum Städtchen. Hier befanden sich damals der Bahnhof, einige Wohnblocks, Einfamilienhäuser und etliche Industriebauten. Dieses Rechteck, das zum Kanton Schaffhausen gehört, wird vom Kanton Thurgau umschlossen.
Wir schreiben das Jahr 1989. Es ist Abend auf dem Posten der Schaffhauser Kantonspolizei in Stein am Rhein. Der Filterkaffee … Die Älteren unter Ihnen wissen vielleicht noch, dass man nicht nur Nikotin durch einen Filter ziehen kann, sondern auch Koffein, was eine für Geschmacksnerven des 21. Jahrhunderts ziemlich ungenießbare Brühe ergibt, an die man sich durch jahrelangen Konsum jedoch gewöhnen kann. Das Kaffeemachen war damals noch eine wirkliche Tätigkeit und brachte Struktur in den Büroalltag. Nicht so wie heute. Da klemmt man eine Kapsel in der Maschine ein, drückt einen Knopf und schon dröhnt der Kaffee in die Tasse.
Aber wo waren wir stehen geblieben? Genau, im Jahr 1989. Die Polizistin Claudia Schwarz hat eben den Filter mit Kaffeepulver gefüllt und stellt nun zwei Tassen bereit, während Postenchef Andi Engeler sorgfältig die Zeitung auf seinem Pult glatt streicht und sich nochmals den Sportresultaten vom Wochenende widmet. Außer dem Glucksen beim Durchlauf des heißen Wassers ist nichts zu hören. Plötzlich zerschneidet das Klingeln des Telefons die Stille. Hiermit möchte ich in Erinnerung rufen, dass es eine Zeit gab, in der man nicht überall angerufen werden konnte, sondern nur dort, wo ein Telefon mittels eines Kabels mit einem realen Netz verbunden war. Die Apparate dienten einzig und allein der Telefonie, der Spaßfaktor bewegte sich gegen Null. Aus Kostengründen rief man nicht einfach irgendjemanden an oder schickte Kussmünder in der Gegend herum, jeder Anruf hatte seinen Grund.
Der Postenchef zeigt auf seine Zeitung, dann auf die Armbanduhr und hebt bedauernd die Schultern. Die Polizistin setzt sich an ihren Schreibtisch und nimmt den Hörer ab.
»Polizeiposten Stein am Rhein, Schwarz am Apparat.«
Sie hört kurz zu und nimmt dann Haltung an. »Guten Abend, Herr Doktor. Natürlich, gleich, selbstverständlich. Er ist da. Ich verbinde.«
Engeler schüttelt den Kopf.
Sie hält die Hand über die Hörermuschel. »Der Kommandant.«
Nun nimmt auch er Haltung an und versucht gleichzeitig, den Bauch einzuziehen.
»Engeler am Apparat. Guten Abend, Herr Dr. Steger. Nein, bei uns ist alles ruhig, heute keine nennenswerten Vorkommnisse.« Er schüttelt den Kopf. »Die Bevölkerung? Ich glaube nicht, dass das Sicherheitsempfinden abhängig ist von … nein, ganz im Gegenteil. Sicher, aber … verstehen Sie mich nicht falsch, aber …«
Polizistin Schwarz hört dem Gestammel eine Weile zu, holt dann einen Spitzer aus der rechten Schublade ihres Pultes und beginnt, die Bleistifte, die sauber aufgereiht auf ihrer Tischplatte liegen, zu spitzen. Das Gespräch dauert genau drei Stifte. Dann haut Engeler den Hörer auf die Gabel.
»Willst du einen Kaffee?«
»Keine Zeit. Wir haben einen Einsatz!«
»Wo?« Sie legt den Spitzer in die Schublade.
»Irgendwo. Der Chef will einen Fall von uns. Sofort.«
»Wie soll das gehen?« Die Schwarz schnallt sich das Halfter mit der Dienstpistole um.
»Wir sollen ein Delikt aufklären. Dr. Steger will Erfolge sehen.«
»Jetzt haben wir doch immer alles getan, um Verbrechen zu verhindern, haben geschaut, dass die Kriminellen einen großen Bogen um die Region machen. Unsere Präventionsbemühungen wirken. Die Kinder werfen keine Steine, die Jugendlichen frisieren kaum noch Mofas und seit dem letzten geklauten Kaugummi sind drei Jahre vergangen. Wo sollen wir jetzt plötzlich einen Fall hernehmen?«
»Markovic«, sagt Engeler und zieht die Jacke an.
»Wie konnte ich den vergessen.«
Dass die Polizei von Stein am Rhein kaum etwas zu tun hat, ist nicht ganz korrekt. Richtig ist, dass es die Beamten in den letzten Jahren geschafft haben, sich die Fälle vom Leib zu halten. Kaum ein Rapport musste getippt, kaum ein Täter verhört oder die Anzeige eines Opfers aufgenommen werden.
Die von Claudia Schwarz erwähnte Präventionsstrategie beruht nicht wie üblich auf Information oder Einsicht, sondern vielmehr auf Abschreckung. So wurde ab und zu ein nicht fahrtüchtiges Mofa in den Rhein geworfen, mutmaßliche Einbrecher stolperten und landeten in der Jauchegrube eines nahen Bauernhofes. Man munkelte auch, dass ein Betrüger alle von ihm gefälschten Banknoten einzeln aufessen musste und erst danach den Polizeiposten verlassen durfte. Das sprach sich herum. So gab es im Einsatzgebiet der Kantonspolizei Stein am Rhein dank der konsequenten Überzeugungsarbeit der Beamten kaum mehr nennenswerte Delikte. Mit den übrig gebliebenen Bagatellfällen und den Parksündern durfte sich die Stadtpolizei herumschlagen.
Und nun soll das alles nicht mehr gut genug sein und der neue Kommandant will Taten statt Sicherheit.
Von Boris Markovic also soll die Rettung kommen. Kurze Rückblende, wir schauen ein paar Stunden zurück. Früh am Morgen rief Adrian Kobler an. Der Bauunternehmer wollte, dass Schwarz und Engeler unverzüglich vorbeikommen. Sie nahmen den Dienstwagen, umrundeten die Altstadt, fuhren über die Rheinbrücke am Bahnhof vorbei ins Industriegebiet und an die Hofwiesenstrasse zur Baustelle einer neuen Halle für irgendeinen Betrieb. Und daneben lag Boris Markovic im Gras. Mit seltsam abgewinkeltem Kopf. Mausetot. Kobler ging nervös hin und her, zündete sich eine Zigarette nach der anderen an, um diese nach wenigen Zügen wieder auszutreten. Das Gerüst bei seiner Baustelle, das sah Claudia Schwarz sofort, war nicht ausreichend gesichert. Das würde ohne Zweifel Probleme mit der Versicherung geben.
Markovic, das roch man 20 Meter gegen den Wind, musste ziemlich viel getrunken haben. Wie Engeler annahm, war Markovic in der Nacht auf das Gerüst geklettert, vielleicht wollte er sich von da oben den Mond und die Sterne anschauen oder in Ruhe seinen Rausch ausschlafen. Jedenfalls war er gestolpert, in die Tiefe gestürzt und hatte sich dabei das Genick gebrochen.
Um Kobler Scherereien und sich selbst einen unnötigen Papierkrieg zu ersparen, wurde der Tote kurzerhand an den Beinen gepackt und über die Kantonsgrenze in den Thurgau gezerrt, wo er am Rande eines Feldes eine ordentliche Ruhestätte bekam. Sollten sich doch die Thurgauer Kollegen aus Eschenz um den Fall kümmern. Nach so viel Einsatz bei dieser freundnachbarlichen Intervention hatten sie sich ein paar freie Stunden verdient. Claudia Schwarz brachte erst den Streifenwagen nach Schaffhausen in den Service und ging dann einkaufen. Engeler wollte ans Wasser und ein wenig fischen. Zum Abschluss des Tages trafen sie sich im Büro, um in Ruhe Zeitung zu lesen, Kaffee zu trinken und Bleistifte zu spitzen.
Und nun will der Chef Action sehen? Die soll er haben.
Schwarz und Engeler verlassen den Posten. »Wo ist der Streifenwagen?«
»Schon vergessen? In Schaffhausen im Service. Das Getriebe lahmt.«
Andi Engeler startet sein Mofa, Claudia Schwarz nimmt ihr Damenrad. Es dämmert bereits, als die beiden bei Rot über den Rathausplatz hinunter zur Brücke rasen, weil dies ein von oben befohlener Einsatz ist. Dann die Rampe hinauf, die Brücke wieder hinunter, und nun der steile Stutz, der mit dem Streifenwagen so viel einfacher zu bewältigen gewesen wäre. Der Bahnhof, die Schranke, dann biegen sie bei der Stuhlfabrik in die Hofwiesenstrasse ein. Es ist bereits dunkel, als sie die Baustelle erreichen.
»Wo ist jetzt dieser Markovic hingekommen?», brummt Engeler, als sie die Grenze zum Thurgau überschreiten.
»Genau hier haben wir ihn doch hingelegt.« Claudia Schwarz beleuchtet ein Gebüsch und zeigt auf die Fläche mit dem niedergedrückten Gras.
»Die Kollegen haben ihn geholt, da kann man eben nichts machen. Diese Thurgauer haben wirklich Arbeitsmoral.« Engeler atmet tief durch. »Nun müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen.«
»Riechst du das, Chef?«
Er schüttelt den Kopf.
Schnüffelnd marschiert die Polizistin hin und her, dann dreht sie ab und geht auf eine Hecke auf Schaffhauser Kantonsgebiet zu.
»Hier ist er!«, ruft sie erfreut.
Aus dem Gebüsch ragen die Füße von Boris Markovic. Nun nimmt auch Engeler den süßlichen Leichengeruch wahr. »Diese Faulpelze von Thurgauern«, zetert der Postenchef, erbost über das mangelnde Engagement der Kantonspolizei Thurgau. »Die haben uns doch tatsächlich die Leiche untergejubelt.«
»Wieder«, sagt die Schwarz.
»Was wieder?«
»Wieder untergejubelt, besser gesagt zurückgejubelt.«
»Keine Spitzfindigkeiten«, brummt der Postenchef. »Wenigstens haben wir jetzt eine Leiche, die wir dem Kommandanten präsentieren können.«
»Eine Leiche macht noch kein Verbrechen«, gibt die Polizistin zu bedenken.
»Da hast du auch wieder recht. Was machen wir nun?«
Nach einigen Überlegungen wird Boris Markovic hinten aufs Mofa gesetzt, Arme und Beine werden mit Stricken befestigt. »Halt dich gut fest, Boris«, schreit der Postenchef und brettert los, dicht gefolgt von der munter tretenden Polizistin. Die wilde Jagd geht durch die Nacht und über die Felder von Eschenz, dann hinunter zum Untersee und bis zu den ersten Häusern von Stein. Hier wird der arme Alkoholiker ins Wasser gelassen, damit er seiner Bestimmung als Wasserleiche entgegendümpeln kann.
»Und jetzt?«
»Wenn er nass genug ist, holen wir ihn wieder raus.«
Allerdings scheint Markovic nicht gewillt zu sein, so schnell wieder an Land zu kommen. Eine leichte Strömung erfasst den leblosen Körper und treibt ihn in sicherem Abstand dem Ufer entlang. Abwechslungsweise erscheinen seine weiß schimmernden Hände an der Wasseroberfläche, so als würde er schwimmen.
»Wo willst du hin, verdammt noch mal«, flucht Engeler und bereut, sein Angelzeug nicht mitgenommen zu haben.
Markovic bleibt kurz an einem vor Anker liegenden Motorboot hängen, treibt dann weiter und auf die Brücke zu. Nun muss alles ganz schnell gehen, einen Menschenauflauf am Geländer darf es nicht geben. So werden die Fußgänger von den Polizisten angewiesen, das Bauwerk rasch zu überqueren, einige gemurmelte Bemerkungen, die nach Statik, Bombe und Epidemie tönen, reichen aus, um die spärlichen Passanten zur Eile zu bewegen.
Wenig später startet beim Schwimmbad Espi die Geheimaktion mit dem Decknamen Boris, bei der sich eine Polizistin nasse Füße holt und sich ein etwas übergewichtiger Polizist fast einen Bandscheibenvorfall einfängt. Der seit Langem aufwendigste Einsatz der Kantonspolizei Stein am Rhein läuft schnell, diskret und routiniert in absoluter Dunkelheit ab. Nachdem Markovic etwas abtropfen konnte, wird er wieder aufs Mofa geschnallt und mit Vollgas über die Brücke und hinauf zum Posten gekarrt. Fünf fröhliche Weinliebhaber, die eigentlich auf dem Heimweg waren und von diesem Spektakel erschreckt wurden, machen rechtsumkehrt. Zur Beruhigung ihrer Nerven und um das Gesehene zu vergessen, werden sie sich sicher eine weitere Flasche gönnen. Mindestens.
»Nun haben wir also unsere Leiche«, sagt der Postenchef, nimmt vier Formulare und drei Durchschlagspapiere (Damals konnte man ein Dokument nicht einfach so ausdrucken, auch standen nicht in jedem Büro Fotokopierer herum) und spannt alles in die Schreibmaschine ein. Schreibmaschinen sind Geräte, die man eventuell noch im Brockenhaus bekommt. Übrigens ist es ein weitverbreiteter Irrtum, dass die Firma Apple die Schreibmaschine erfunden haben soll, auch sind Tasten und Programm nachgewiesenermaßen nicht von Microsoft.
»Was willst du schreiben?«
Engelers Finger, die adlergleich über den Tasten aufgestiegen sind, landen wieder neben der mit der abgestandenen Filterbrühe gefüllten Tasse Kaffee.
»Von der Wasserleiche eben.«
»Es ist aber keinesfalls ein Verbrechen, als Wasserleiche im Städtchen vorbeizutreiben.«
»Natürlich nicht.« Engeler nimmt einen großen Schluck und verzieht das Gesicht. »Wo holen wir bloß ein Verbrechen her?«
»Wie wäre es mit Einbruch?«
Das Gesicht des Postenchefs hellt sich auf. »Super Idee. Ich weiß auch schon wo.« Er nimmt den Hörer in die Hand und wählt.
Es ist bereits zehn Uhr vorbei, als Armin Kleiner den Polizeiposten betritt. Claudia Schwarz hat in der Zwischenzeit neuen Kaffee aufgebrüht, bei ihren zehn Bleistiften die Spitzen abgebrochen und ihre Schreibgeräte mit Inbrunst neu gespitzt. Engeler hat die Schreibarbeiten erledigt. Die fertig getippten Protokolle und die ausgefüllten Formulare liegen auf seinem Schreibtisch bereit und warten darauf, von den Beteiligten unterschrieben zu werden.
»Was ist mit dem?« Der Uhrmacher zeigt auf Markovic, der neben dem Eingang auf dem feuchten Teppich liegt. »Wieder mal zu viel gesoffen?«
»Heute nicht. Auf dem Programm steht Einbruchdiebstahl, dann ins Wasser gefallen und auf der Flucht unglücklich gestürzt. Genickbruch.«
»Und wo soll er eingebrochen sein?«
Kleiner muss nicht lange von der Idee überzeugt werden. Da sein Geschäft in der Steiner Altstadt nicht sonderlich gut läuft (»Man müsste Bratwürste verkaufen und Kuchen«, sagt er zu jedem, der sich in seinen Laden verirrt, »dann könnte man sich vielleicht eine goldene Nase verdienen. Qualitätsprodukte sind heutzutage nicht mehr gefragt«) und er sich auch schon die eine oder andere Überlegung gemacht hatte, ist er sofort begeistert. Markovic würde in dieser Nacht in sein Geschäft einbrechen und seine Uhren mitgehen lassen.
»Wie ist es mit der Versicherung, Armin?«, fragte Engeler.
»Kein Problem.«
»Hast du diese Fliegeruhr noch? Ich meine, die mit dem speziellen Zeiger.«
Kleiner nickt.
»Gut. Dann musst du hier noch die Anzeige unterschreiben.«
Gegen Mitternacht machen sie sich auf den Weg. Das Mofa samt Markovic nehmen sie in die Mitte. Mit einem Brecheisen, das schon seit Urzeiten auf dem Posten herumliegt, hebelt Claudia Schwarz die Hintertür des Hauses auf. Kleiner zeigt ihnen den Sicherungskasten. Engeler zieht Handschuhe an, dann schraubt er die Sicherung der Alarmanlage raus und steckt sie Markovic in die Hosentasche. Vom Hausflur aus kommen sie zu Kleiners Geschäft. Es ist ein Kinderspiel, hier einzudringen. Seit einem Präventionskurs kennt die Polizistin die Schwachstellen von Türen und Fenstern.
Kleiner räumt die wertvollsten Uhren aus dem Gestell und lässt sie im Kellerabteil des Hauses verschwinden. Einige billige Aufschneidermodelle werden Markovic in die Jacke gesteckt. Andere Uhren kommen in eine Tasche, mit der der Einbrecher abgehauen sein soll.
Zum Schluss darf Markovic noch überall Textilfasern und Fingerabdrücke hinterlassen, der kriminaltechnische Dienst soll nicht umsonst aus Schaffhausen kommen müssen.
»Und jetzt?«
»Du bist oben in der Wohnung und hörst Geräusche«, erklärt der Postenchef. »Im Schlafanzug kommst du die Treppe hinunter und stößt fast mit Markovic zusammen.«
»Und dann?«, fragt Kleiner.
»Dann das!« Ohne Vorwarnung landet Engelers Faust auf dem Auge des Uhrmachers. »Das gibt ein schönes Veilchen.«
»Bist du verrückt geworden?«
Die Polizistin Schwarz kann sich ein Lachen kaum verkneifen.
»Markovic flieht, du rufst bei der Polizei an.« Engeler reibt sich die Faust. »Das steht übrigens alles im Protokoll, du hättest es vor dem Unterschreiben lesen sollen.«
Wenig später ist im Städtchen der Teufel los. Die Polizei braust auf Moped und Fahrrad durch die Gassen und bremst auf dem Rathausplatz. Bei Armin Kleiner sei eingebrochen worden. Im Schlafanzug und mit einem ordentlichen Veilchen steht der Uhrmacher vor seinem Geschäft und zeigt den Beamten die Richtung, in die der Täter geflüchtet ist. Sofort machen sich Claudia Schwarz und Andi Engeler an die Verfolgung.
Im Polizeibericht kann man später Folgendes nachlesen: »Der Beschuldigte Markovic Boris wurde von uns in der Nähe des Hotels Chlosterhof entdeckt. In der Hand trug er eine Tasche mit dem Diebesgut. Bei der anschließenden Verfolgung sprang er vom Garten des Hotels in den Rhein und stieg auf der Höhe des Parkplatzes am Fischmarkt wieder aus dem Wasser. Als wir dort ankamen, fanden wir Markovic Boris im Hof des Klosters Sankt Georgen. Es scheint, dass er beim Versuch, die Klostermauer zu übersteigen, abgestürzt war und sich dabei unglücklich das Genick gebrochen hatte. Bei der Leibesvisitation wurden einige Uhren gefunden. Die Tasche mit dem restlichen Diebesgut ist wohl im Rhein geblieben.«
Angeheftet ist eine Liste der gestohlenen Uhren mit genauer Wertangabe, die der Geschädigte am Morgen auf dem Posten abgegeben hat. Dann der Totenschein des Amtsarztes, der, weinselig aus dem Roten Ochsen kommend, noch auf der Unfallstelle den Tod und die Ursache bestätigt.
Der kriminaltechnische Dienst schreibt, dass er im aufgebrochenen Geschäft an mehreren Orten die Fingerabdrücke von Markovic Boris feststellen konnte. Ebenfalls angehängt ist der Bericht der Polizeitaucher. Sie haben im Rhein einige Uhren von eher geringem Wert gefunden. Die Tasche mit den übrigen Uhren wurde wohl von der Strömung mitgetragen, eine Suchaktion verlief ergebnislos.
Das alles geht im Doppel an den Kommandanten in Schaffhausen.
Gezeichnet Engeler Andreas, Postenchef, Schwarz Claudia, Polizistin.
Auf dem Polizeiposten ist wieder Ruhe eingekehrt. Polizistin Schwarz macht Kaffee und ordnet ihre Bleistifte, Postenchef Engeler breitet die Zeitung aus. Als er den Sportbericht glatt streicht, rutscht sein Hemd etwas zurück und sein Blick fällt auf die neue Fliegeruhr an seinem Handgelenk.
»Wie spät ist es, Claudia?«
Sie blickt ebenfalls auf eine neue Damenuhr im gehobenen Preissegment und lächelt. »Zeit für einen Kaffee, Chef.«
Die betagten Schwestern
von Hergiswil
Silvia Götschi
»Hast du gesehen?« Barbara saß in der Nähe des Fensters, dort, wo sie sich die meiste Zeit des Tages aufhielt, und deutete mit ihren Gichtfingern zu den Scheiben. Alfred, ihr hilfsbereiter Neffe, hatte eben die Doppelverglasung angebracht. Der Winter hatte sich vor Tagen mit einem heftigen Schneesturm angemeldet. »Die Krähen kommen immer näher. Das ist kein gutes Omen.«
»Ja, ja«, sagte Alfred. »Und mein Vater hat gestern eine Hartbox auf das Autodach montiert.«
»Was ist eine Hartbox?« Barbara verabscheute die modernen Wörter, dazu noch im Zusammenhang mit ihrem Schwager Heiri, der im Haus links nebenan wohnte und Alfreds Vater war. Sie widmete sich wieder ihrer Strickarbeit und hatte das seltsame Wort bereits vergessen.
»Die Kiste auf dem Autodach, die wie ein Sarg aussieht«, sagte Alfred. »Man kann Skier und den Krempel reintun, der im Wageninnern keinen Platz findet.«
Auch eine Leiche, dachte Barbara, die sich plötzlich an eine solche Kiste erinnerte. Bergers am Anfang der Straße besaßen auch eine. Die nahmen sie immer mit, wenn sie an den Gardasee fuhren.
Sie hatte Mühe mit dem Stricken. Die Wolle glitt ihr nicht mehr so leicht durch die Finger wie früher und die Stricknadeln waren ihr schon besser in den Händen gelegen. Sie war alt geworden und spürte es.
Alfred stemmte sich vom Küchentisch hoch und stellte den schmutzigen Teller und das Besteck in die Spüle. Er ließ Wasser einlaufen.
»Du musst nicht abwaschen.« Barbara legte das angefangene Vorderteil des Pullovers auf die Chaiselongue. Bis Weihnachten musste dieser zu Ende gestrickt und zusammengenäht sein. Ein Geschenk für Cornelia, ihre jüngere Schwester, die rechts von ihr in einem eigenen Haus wohnte. Den Pullover für Anna hatte sie bereits fertiggestellt. Es blieben noch zwanzig Tage. Barbara war in Verzug. Sie hatte Mühe, vom Stuhl bis zum Abwaschbecken zu gehen. Alles in diesem Haus hatte einen mühsamen Anstrich bekommen. Die Schlafzimmer lagen im oberen Stock. Einen Aufzug gab es nicht. Manchmal schlief sie deswegen unten in der Wohnküche. Im Winter war es hier wärmer. Alfred kam jeden Tag vorbei, um den Herd zu beheizen. Etwas, das sie auf Teufel komm raus nie selbst hatte bewerkstelligen können. Als ihr Mann noch gelebt hatte, war das seine Aufgabe gewesen. Nun machte es Alfred. Als Anerkennung für seine Hilfe kochte Barbara dem ewigen Junggesellen zu Mittag, wenn dessen Mutter Anna unpässlich war, oder wärmte die Reste des Vortages auf. Alfred hatte sie mehrmals vergeblich zu überreden versucht, sie möge sich endlich eine kleine, pflegeleichte Wohnung im Dorf suchen. Doch Barbara hing an ihren alten Sachen und vor allem an den Erinnerungen an ihren verstorbenen Mann Hans, mit dem sie, wenn sie ehrlich mit sich selbst war, auch gute Zeiten erlebt hatte.
»Ich gehe jetzt«, sagte Alfred, augenscheinlich nicht unglücklich darüber, den Abwasch Barbara überlassen zu können. »Wenn du möchtest, komme ich heute Abend noch einmal vorbei.« Er ließ seinen Blick durch die Wohnküche schweifen, als müsste er damit seinem Unmut Luft machen. »Das hier ist doch viel zu groß für dich. Irgendwann wirst du nicht mehr gehen können. Du könntest das Haus verkaufen und dir damit einen Herzenswunsch erfüllen. Zum Beispiel vier Wochen auf einem Luxuskreuzer auf hoher See.«
Das war eher umgekehrt. Barbara ahnte, dass es der fünfundfünfzigjährige Alfred auf ihr Erspartes abgesehen hatte. Weil sie selbst keine Kinder hatte, hatte sie ihn in ihrem Testament bedacht, und er wusste davon. Er gehörte nicht zu den sparsamen Menschen, pflegte ausgefallene und teure Hobbys, die er allein mit seinem Lohn als Hauswart nicht zu finanzieren vermochte. Ab und zu steckte Barbara ihm einen Geldschein zu, wusste sie doch, wie knauserig ihre Schwester Anna war.
»Mir ist es hier nach wie vor sehr wohl. Und was soll ich auf einer Dreckschleuder, zusammen mit dreitausend Eingesperrten?«
Ihr Haus, oberhalb des Vierwaldstättersees, war das erste in einer Häuserzeile, die mit den Jahren immer länger geworden war. Ein altes, vom Verfall bedrohtes Schindelhaus aus den 1930er-Jahren mit zwei Veranden unter dem Dach und zwei Eingängen – einem Eingang, den sie nur am Sonntag benutzte, und dem alltäglichen, der zur Scheunenseite lag. Früher hatte Barbara zusammen mit ihrem Mann Hühner und Hasen gehabt. Und einen Zwetschgenbaum.
»Im Winter frierst du dir die Füße ab«, sagte Alfred. »Holz und Briketts sind teuer, und die Arbeit erst … Du könntest deinen Lebensabend genießen.« Er griff nach dem Autoschlüssel und trat in den frostig kalten Nachmittag hinaus. »Bis bald dann.«
Barbara stellte sich vor das Fenster und sah ihm nach, wie er sich in seinen Sportboliden setzte, den Motor startete und so schnell davonpreschte, dass er Schnee aufwirbelte. Barbaras Blick blieb am Haus gegenüber hängen. Der Vorhang am Wohnzimmerfenster sah aus, als bewegte er sich. Anna hatte nichts anderes zu tun, als ihre Maulaffen feilzuhalten. Manchmal hörte Barbara sie streiten, wenn Schwager Heiri von der Arbeit zurückkehrte. Dass sich hinter den Mauern etwas anderes abspielte, als es gegen außen schien, ahnte Barbara schon lange. Sie brauchte Anna nur anzusehen, wenn sie ihr begegnete. Ihre Augen waren stets verquollen und nicht selten mit den trügerischen Farben umrandet, welche kaum vom Make-up stammten. Ihr Mann schlug sie, da war sich Barbara sicher. In letzter Zeit war Anna nicht mehr vor das Haus getreten. Möglicherweise schämte sie sich. Unter den zwei älteren Schwestern herrschte ein ambivalentes Verhältnis. Keine traute der anderen, wenn es jedoch ums Kochen ging, waren sie wie Pech und Schwefel.
Vor Heiris Haus parkte der Wagen, ein silbergrauer Subaru, ein vorsintflutliches Modell. Von einer Hartbox fehlte jede Spur. Ob sich Alfred getäuscht hatte? Barbara nahm sich vor, wieder eine Weile beim Fenster zu sitzen. Sie griff nach der Strickware und setzte ihre Arbeit fort.
Sie war eingenickt und schrak hoch, als jemand an die Tür des Werktageingangs klopfte.
»Lass niemanden rein, wenn du allein bist«, hatte Alfred sie gewarnt. »Es gibt genug Gesindel, das in den Wintermonaten um die Häuser streicht. Eine betagte Frau ist ein gefundenes Fressen für solche Widerlinge.«
Barbara empfand keine Angst und wusste sich stets zu wehren.
Ja, da war noch Cornelia von rechts gegenüber, die einsame Witwe, die, da war sich Barbara sicher, ihren Berni ins Nirwana katapultiert hatte. Trotzdem oder gerade deshalb mochte sie ihre jüngere Schwester. So sehr, dass sie ihr auch dieses Weihnachten einen Pullover strickte und sie ebenfalls in ihre Weihnachtstradition einschloss.
Das Poltern war nun heftiger.
Barbara bemühte sich aus dem Sessel, nachdem sie einen Blick auf die Straße geworfen hatte. Der Tag hatte sich verabschiedet. Die letzten hellen Flecke verschwanden und machten einer undurchdringlichen Schwärze Platz. Auf dem Land waren die Nächte dunkel und unheimlich. Und wenn, wie jetzt, der Wind aufkam, verkroch man sich vorzugsweise in den Häusern und Wohnungen, machte ein Feuer im Cheminée oder einen Orangen-Punsch und vergaß, dass es ein Morgen gab. Barbara verabscheute diese Jahreszeit. Sie bedrückte sie und holte schreckliche Bilder aus dem Fundus ihrer Erinnerungen. Hans, wie er röchelnd vor ihr zusammensackte, an Silvester vor zwei Jahren, nachdem er aus dem Krankenhaus zurückgekommen war. Jedoch auch die Freude darüber, wie ruhig und selbstbestimmt ihr Leben danach geworden war.
Anfang Dezember. Der Herbst war vorbei und der Winter noch nicht da. In der Ebene kroch der Nebel und verschwand auch am Nachmittag nicht. Eigentlich wurde es nie hell. Von Süden drückte der Lopper. Die Sonne, wenn sie denn schien, zog ihre Bahn nicht höher als die Kirche, die siebenhundert Meter nördlicher lag. Der erste Schnee haftete auf dem Boden bis zur Grenze, wo der schattige Dorfteil endete. Hier hinten war es immer um zwei Grad kälter als vorn. Der kalte Hauch des Todes wehte durch diesen Landstrich.
Barbara blieb vor der Tür stehen. Sie hatte den Vorhang vor die Glasscheibe gezogen. Sie vermochte nicht zu sehen, wer draußen stand.
Wieder polterte es. »Babsi, mach endlich auf. Ich weiß, dass du da bist. Willst du mich in der Kälte verrecken lassen?«
Cornelia! Nur Cornelia hatte einen so groben Wortschatz, und nur sie nannte sie Babsi. Barbara drehte den Schlüssel um, drückte den Türgriff nach unten. Schon schob sich Cornelia in die Küche. »Bist du taub?«
»Auch dir einen guten Abend.« Barbara bat ihre jüngere Schwester, sich an den Küchentisch zu setzen. »Etwas zu trinken? Ich kann dir Punsch anbieten.«
»Ich bin nicht zum Vergnügen hier.«
»Nicht?« Barbara wunderte sich etwas. In der Regel kam Cornelia zu einem Schwatz und zum Kaffeetrinken vorbei. Manchmal brachte sie Kekse mit. Dann konnte es länger dauern, bis sie wieder verschwand. Cornelia hatte vor einem halben Jahr ihren Mann verloren, nachdem er sich an Salat vergiftet hatte. An Salat. Barbara versuchte, es sich gerade bildlich vorzustellen.
»Mir müssen etwas unternehmen. Anna geht sonst vor die Hunde.«
»Das ist nicht unser Problem.« Barbara knetete ihre Fingerknöchel, bis sie weiß wurden.
»Wir können nicht wegschauen. Sie ist unsere Schwester. Oder hast du vergessen, wie sie uns zusammenhielt, als unsere Eltern starben? Letzthin hat sich Anna bei mir beklagt und ausgeweint. Ihr Mann ist ein brutales Ungeheuer. Seit er pensioniert ist, schikaniert und misshandelt er sie aufs Übelste.« Cornelia legte eine Sprechpause ein, in der sie ihren Blick durch die Küche schweifen ließ. »Alfred sagte mir, dass du das Haus bald verkaufen willst?«
Natürlich war dies eine Frage und keine Feststellung. Wie kam Alfred dazu, sich mit Cornelia über das Haus zu unterhalten? »Er war also auch bei dir?«
»Du kennst ihn doch.« Cornelia griff in ihre kurzen weißen Haare. »Er wartet darauf, dass er ernten kann. Nicht umsonst hegt und pflegt er seine zwei Tanten.«
»Solange ich noch einigermaßen gehen kann, muss er sich das abschminken.«
»Ja, ja, die Männer … Ohne sie wäre alles viel einfacher.« Barbara entfuhr ein tiefer Seufzer. »Du kannst froh sein, dass dein Hans vor Jahren das Zeitliche gesegnet hat.«
»Auf Hans lasse ich nichts kommen. Er war ein anständiger Mann.« Und ein hinterhältiger, aber das sagte Barbara nicht laut. Noch ließ sie ihre jüngere Schwester im Glauben, dass er eines natürlichen Todes von ihnen gegangen war.
»Er hat es mit seiner jungen Therapeutin getrieben.« Cornelia plusterte sich auf. »Jetzt kann ich es dir ja sagen: Der Kerl hat dich nach Strich und Faden betrogen.«
»Mich nimmt wunder, wie.« Barbara verdrängte die Bilder, die sich in ihren Kopf einnisteten. Hans und die Frau, die seine Tochter hätte sein können. Immer mittwochs hatten sie sich im Sportzentrum getroffen, zur Massage, wie Hans ihr versichert hatte. Barbara hatte großzügig über diese Schwärmerei hinweggesehen. Sie hatte ihren Mann und seine Gebrechen gekannt. Er war ein bellender Hund gewesen, der nicht biss.
»Wir sollten Annas Mann beseitigen. Selbst wird sie es nicht bewerkstelligen können. Sie kann sich kaum bewegen.« Cornelia sagte es so beiläufig, als würde sie über das Wetter sprechen oder ihr sagen, dass es am nächsten Sonntag Braten mit Kartoffelstampfer gab.
»Du meinst, mit Salat?«
»Wie kommst du da drauf?« Cornelias Augen weiteten sich. Dann griff sie mit beiden Händen an die Schläfen. »Ach, das …« Sie lachte verschmitzt. »Berni sagte immer, man könne alles essen, was auf den Teller kommt. Schließlich war er ein begnadeter Koch … nur eben blind auf dem linken Auge. Ich habe ihn bloß beim Wort genommen. Er liebte Enziane. Ich kann nichts dafür, dass ich die Blüte mit dem Blauen Eisenhut verwechselt habe.«
»Da besteht aber ein frappanter Unterschied.«
»Du kennst meine Sehschwäche. Ich kann Hans nicht von Heiri unterscheiden. Wie sollte ich da den Unterschied zwischen Enzian von Blauem Eisenhut kennen?«
Heiri, Annas Mann, besaß einen Schrebergarten außerhalb des Dorfes. Obwohl es genügend Umschwung um ihr Haus gab, hatte er darauf bestanden, einen Garten zu bewirtschaften. Anna war darüber nicht begeistert gewesen. Sie selbst hatte keinen grünen Daumen, saß lieber auf dem Balkon, löste Kreuzworträtsel und aß Maiskuchen und Schokoladenpudding.
»Sag nicht, dass Heiri dir mal den Hof gemacht hat.« Barbara verwunderte nichts mehr. Cornelia war bekannt dafür gewesen, den Männern den Kopf zu verdrehen. Als sie jung gewesen war, hatte sich die gesamte männliche Nachbarschaft in sie verguckt. Von der einstigen Schönheit war nicht viel übrig geblieben. Dafür hatte sie an Boshaftigkeit zugelegt. Und etwas abgründig Mörderisches erhalten. Barbara traute ihr nicht. Sie war hier, weil sie etwas Schreckliches ausheckte. Aber sie würde es nicht allein durchziehen können. Cornelia brauchte Barbara. Wahrscheinlich für ihr Alibi.
»Wann hast du Anna zum letzten Mal gesehen?« Cornelia rutschte auf dem Stuhl hin und her, was ein seltsames Geräusch verursachte.
»Ich sehe sie jeden Tag. Sie steht meistens am Fenster und schaut durch die fadenscheinigen Vorhänge. Eigentlich steht sie dort ununterbrochen. Mich nimmt wunder, wann die kocht.«
»Hast du dich zeitnah mit ihr unterhalten?«
»Du stellst Fragen. Natürlich nicht. Ich müsste mich sonst zusammenreißen, um ihr nicht ins Gesicht zu sagen, wie schrecklich ich unseren Schwager finde. Und stell dir vor, er hat jetzt eine …« Barbara suchte nach dem seltsamen Wort, »Hartbox gekauft.«
»Genau um die geht es.« Cornelia erhob sich, schritt zum Fenster, auf dessen Doppelscheiben sich ein Fragment der Wohnküche spiegelte. »Die Box sieht aus wie ein Sarg. Dieser Vergleich hat mich erst auf die Idee gebracht.«
»Das hat schon Alfred gesagt … das mit dem Sarg. Was meinte er damit?«
»Denk doch mal nach. Wir legen Heiri um und transportieren ihn in der Hartbox aus dem Dorf. Niemand käme auf die Idee, darin eine Leiche zu vermuten. Wenn du mich fragst, hat sich Heiri mit dem Kauf der Box sein eigenes Grab geschaufelt.«
»Und wo, bitte schön, willst du ihn hinbringen?« Barbara graute vor dem Gedanken. Cornelia würde den Leib kaum aus eigener Kraft in diese Schale hieven können. Dazu brauchte es vier starke Arme. Ihre nicht mit eingerechnet.
»Zum See. Erinnerst du dich, als vor fünfzig Jahren an dem Reisebus die Bremsen versagten und er mit achtzig Kilometer pro Stunde über die Uferböschung krachte? Der See ist an dieser Stelle sehr tief. Dort könnten wir die Hartbox bedenkenlos versenken.«
»Und der Auftrieb?«
»Papperlapapp. Heiri ist über hundert Kilogramm schwer. Der taucht unter wie ein Stein. Mitsamt der Box.«
Barbara war es nicht geheuer. Ihre Beziehung zu Cornelia war nicht innig genug, um ihretwegen einen Mord zu begehen. Sie traute ihr nicht hundertprozentig. Aber hatte sie nicht auch bei Hans nachgeholfen? Mit ihren fiesen kleinen Briefchen, die sie ihm ins Krankenhaus geschickt hatte? Sie hatten einen Herzinfarkt ausgelöst. Und dann war da noch das Rattengift, welches sie in kleinen Dosen der Suppe beigemischt hatte. Sie hatte Hunderte von Menschen sterben sehen, auf der Krankenstation, wo sie bis zu ihrer Pensionierung gearbeitet hatte. Da kam es auf einen Toten mehr in ihrem Leben nicht an. Irgendwann musste jeder sterben. Wenn sie, zusammen mit Cornelia, ihrer ältesten Schwester das restliche Leben lebenswerter machte, war doch nichts Verwerfliches dabei. Sie half bloß dem Karma nach.
Barbara stöhnte auf. Das Problem waren ihre Beine. Diese würden sie kaum zum Nachbarhaus tragen. Ob sie Alfred einweihen sollte? Sie wusste, wie wenig ihr Neffe von seinem Vater hielt.
»Was ist?« Cornelia kam an den Tisch zurück. »Hast du es dir überlegt?«
»Ich weiß nicht.«
»Ha, tu doch nicht so. Bei deinem Hans hast du doch auch nachgeholfen. Keine von uns ist besser als die andere.«
»Dann ist das mit dem Blauen Eisenhut also nicht aus der Luft gegriffen?«
»Das habe ich nie dementiert. Und bevor es dir einfallen sollte, mich zu verzeigen, erinnere ich dich an den Karton mit dem Rattengift. Ich war oft in eurem Keller, als Hans noch lebte.«
»Was habt ihr in unserem Keller gemacht?« Bei Barbara schellten die Alarmglocken.
»Er hat mir seine Briefmarkensammlung gezeigt.«
»Die Briefmarken … ach so. Diese könnte ich verkaufen.«
»Das tun wir, wenn die andere Sache erledigt ist.« Barbara schritt entschlossen zur Tür. »Heute Nacht um halb zwölf. Dann müsste Heiri von seinem Schrebergarten-Vereinshock zurückkommen, wenn ich mich nicht täusche.«
»Meine Beine …« Barbara deutete auf ihre Oberschenkel. »Ich weiß nicht, ob ich es nach draußen schaffe.«
»Dann reiß dich zusammen.« Cornelia nahm den Türgriff in die Hand. »Nicht vergessen! Ich werde mir etwas einfallen lassen, wie wir Heiri in die Garage lotsen.«
»Und von dort auf das Autodach.« Barbara blieben weitere Worte im Hals stecken. Die ganze Angelegenheit war bereits jetzt zum Scheitern verurteilt.
Ein Geräusch schreckte sie auf. Es kam aus der Richtung des Fensters. Draußen herrschte tiefste Nacht. Annas und Heiris Haus lag komplett im Dunkeln. Ob Heiri bereits daheim war und im Bett lag? Hatte Cornelia sich verrechnet? Die Fensterscheibe klirrte. Und plötzlich sah sie den Schatten eines Vogels, wie er mit schlagenden Flügeln davonflog. Die Vorscheibe wies ein Loch auf, durch das es unangenehm zog.
Kein gutes Zeichen. Irgendetwas geschah gerade, auf das Barbara keinen Einfluss hatte.
Sie wartete. Der große Zeiger auf dem zerkratzten Zifferblatt des Regulators ruckelte auf die Sechs zu. Es war Zeit, sich in den Mantel zu werfen und die Winterstiefel zu schnüren, wollte sie pünktlich sein. Kurz darauf verließ sie das Haus über den Sonntagseingang. Das, was heute geschehen würde, hatte etwas mit einem feierlichen Akt zu tun.
Cornelia stand bereits unten. »Wir sollten uns verstecken. Heiri wird bald eintreffen.« Sie schwang einen Hammer in ihrer rechten Hand.
Barbara zeigte auf das Mordwerkzeug. »Du wirst ihn doch nicht damit umbringen?«
»Nein, nur bewusstlos schlagen. Dann legen wir ihn in die Hartbox, schließen den Deckel und ab an den See. Bis der zu sich kommt, ist er schon tauchen. Auf dem Grund wird er nicht der Einzige sein. Dort soll es bereits einen Friedhof haben.«
Das Ganze hatte nach Barbaras Ermessen einen gewaltigen Haken: Wie würden sie den schweren Heiri auf das Autodach laden können?
Keine Zeit für Überlegungen.
Am Anfang der Straße tauchte ein Auto auf. Die grellen Scheinwerfer stachen durch den Nebel wie fluoreszierende Raubtieraugen.
»Auf die Minute genau.« Cornelia versteckte sich neben der Garage. »Können wir nur hoffen, dass er den Wagen hineinfährt.«
Barbara drängte sich in die Ecke, wo die Grüntonne stand. Das Auto kam näher, hielt an. Niemand stieg aus. Doch das Garagentor ging auf. Heiri hatte ein automatisches Tor einbauen lassen, zu Alfreds Leidwesen. Er meinte, es sei hinausgeworfenes Geld.
Das kalte Neon drang auf den Vorplatz, ließ den Restschnee aufleuchten.
Barbara und Cornelia standen im Schatten. Es war nicht möglich, von Heiri gesehen zu werden. Warum stieg er nicht aus?
Barbara entdeckte die Hartbox auf einer Galerie, was sie seltsam fand.
Cornelia war ihrem Blick gefolgt. »Siehst du«, flüsterte sie. »Das nennt man Glück. Wir brauchen die Box bloß auf das Dach zu schieben und sie darauf zu befestigen … sofern der Kerl endlich in die Garage fährt.«
»Wir sollten vorsichtig sein.« Barbara hatte ein ungutes Gefühl. »Was, wenn Anna aufwacht und in die Garage kommt?«
Der Motor heulte auf. Heiri legte den Rückwärtsgang ein, fuhr zurück.
»Glaubst du, er hat etwas vergessen?« Cornelia kauerte sich hinter der Grüntonne. »Hühnerkacke! Was tun wir jetzt?«
Der Subaru wendete. Alsbald sah man bloß die Rücklichter aufleuchten, bis sie in der Ferne verschwanden.
Barbara zitterte am ganzen Leib. Sie wusste nicht, ob der Kälte oder der Angst wegen. »Vielleicht ahnt er unser Vorhaben.«
Cornelia stieg über die Treppe auf die Galerie, von wo aus sie den Wohnungseingang erreichte. Barbara hatte ihren Schwager oft darum beneidet. Seine Haustür lag im Trockenen.
»Okay, wir können schon mal die Hartbox öffnen. Ich bin sicher, Heiri wird nach ein paar Minuten zurückkommen. Ich weiß von Anna, wie löchrig sein Gedächtnis ist. Er hat in seinem Schrebergarten bestimmt etwas vergessen und will es nun holen.«
Barbara ging über die Treppe nach oben und kauerte neben der Box. Diese war kaum einen Meter vierzig lang. »Wie sollen wir ihn dort hineinlegen?«, rätselte sie und hantierte an der Vorrichtung, die an einen alten Flaschenverschluss erinnerte. Sie zog den Bügel nach hinten und … »Oh mein Gott!« Der Stich in ihrer Brust war so brutal wie eine glühende Speerspitze und sie selbst wie von Sinnen. In der Hartbox lag etwas.
Barbara knallte den Deckel zu.
»Was ist?« Cornelia sandte ihr einen fragenden Blick zu.
»Schau selbst.« Barbara kämpfte gegen aufkommenden Brechreiz.
Cornelia schien beherzter. Sie näherte sich der Hartbox und vergewisserte sich über den makabren Fund. Sie schrie so laut, dass Anna bestimmt erwachte. »Das ist Heiri … zerstückelt …«
»Mit abgetrenntem Kopf. Logisch, oder? Der Platz hätte sonst nicht ausgereicht.«
»Jemand muss uns zuvorgekommen sein.«
»Aber wer war die Person im Subaru?« Barbara hatte sich etwas beruhigt. »Anna stand heute am Fenster wie jeden Tag. Was machen wir jetzt?«
»Wir rufen die Polizei.« Cornelia zeigte sich von der pragmatischen Seite.
»Was willst du zu deiner Verteidigung sagen?«
»Das lass mal meine Sorge sein.« Sie sah Barbara stirnrunzelnd an. »Geh du nach oben. Die haben bestimmt ein Telefon.«
»Ich gehe da auf keinen Fall hoch.«
»Tu nicht so geziert.« Cornelia prüfte den Verschluss an der Hartbox. »Okay, der kann nicht raus.«
Im Treppenhaus hinter der Tür roch es nach Moder. Barbara suchte nach einem Schalter, kippte ihn nach unten. Mattes Licht warf Schatten an die Wände, zeichnete unheimliche Figuren darauf. Cornelia ging weiter ins nächste Geschoss. Barbara folgte ihr angewidert. Der Geruch erinnerte sie an Verwesung, an tote Vögel auf dem Fenstersims, die sie regelmäßig von dort beseitigen musste. Sie prallten gegen die Scheiben, blieben liegen, bis sie sich zersetzten. Bereits der Herbst hatte viele Tote angekündigt. Oben stieß Cornelia die Tür auf, die ins Wohnzimmer führte. Hier musste das Fenster sein, an dem Anna täglich stand.
Barbara schrak zurück. Auch Cornelia blieb wie angewurzelt stehen. Der Lichtkegel reichte gerade so weit, um die Gestalt am Fenster zu entdecken.
»Anna!«
»A… aber …« Barbara vermochte bloß zu stottern. »W… Wer war der Chauffeur im Auto?«
»Alfred?«
»Der fährt keinen Subaru. Zudem hat er geschworen, sich niemals ins Auto seines Vaters zu setzen.«
Anna wandte sich nicht um. Sie war beim Fenster erstarrt, eingekleidet in ein schwarzes schickes Kostüm, welches sie an Hans’ Beerdigung getragen hatte. Sie stand dort wie eine dunkle Figur auf dem Rechteck des Fensters. Einen Moment lang glaubte Barbara, eine Statue zu betrachten.
Cornelia ging näher. Sie, die zeitlebens die Mutigste unter den Schwestern gewesen war. »Anna?«
Die Frau antwortete nicht.
Cornelia stieß sie in die Seite. »Hey … Schwesterherz. Was ist los mit dir? Hast du Heiri gekillt? Er liegt in der Hartbox. Musste mal so kommen. Aber keine Angst, wir stehen auf deiner Seite.«
Anna kippte um. Starr wie eine Säule. Es entstand ein schepperndes Geräusch.
Cornelia fuhr heftig herum. »Das ist eine Schaufensterpuppe, vermaledeit.«
»Ob sie schon lange hier gestanden hat?«, fragte sich Barbara und suchte nach einem Telefon. »Dann hat Anna Heiri umgebracht, wer weiß, wann.«
»Hat er deshalb die Hartbox gekauft?«
Barbara griff nach dem Telefonhörer auf der Festnetzstation und wählte die Nummer der Polizei. Ihre Stimme zitterte, während sie von den Ereignissen am hinteren Dorfende erzählte. »Ich wohne im letzten Haus, im ältesten, das mit den beiden Veranden, neben den zwei Tunnels, die durch den Lopper führen. Und der Tote liegt im Sarg, ehm … in der Hartbox im Haus gleich links gegenüber.« Als sie aufgelegt hatte, sagte sie: »Sie schicken jemanden vorbei.«
»Und, wie fühlst du dich?« Cornelia streifte ihren Arm.
»Ehrlich gesagt bin ich froh, so hat sich das Problem von selbst gelöst. Ich habe mir andauernd die Frage gestellt, wie wir Heiri in die Kiste bringen.«
»Alfred wird bald schon in dieses Haus einziehen und uns in unserem Alltag behilflich sein.«
»Anna, die Nervensäge, sind wir jetzt auch los. Immer hat sie uns wie ein Kleinkind behandelt. Sie wird im Knast schmoren.«
»Ja, ja, und Alfred …« Barbara fühlte sich gut. »Im Keller hat es genügend Rattengift für den schlimmsten Fall.«
Cornelia verzog ihren Mund zu einer Schnute. »Und Salat mit blauen Blumen mag er, glaube ich, auch sehr.« Ein Lächeln umspielte ihr Gesicht. »Irgendwann werden wir zwei alle drei Häuser besitzen.«
»Freut euch nicht zu früh.« Die Stimme kam von der Tür her.
Barbara und Cornelia wandten sich beide gleichzeitig um. »Anna!«
»Warst du das im Auto?« Barbara wünschte, der Boden unter ihren Füßen würde sich öffnen und sie verschlingen. Und wie sie dastand, ihre älteste Schwester, der sie zu jeder Weihnacht einen Pullover strickte. Wie sie sie ansah, wie bösartig sie war, durchtriebener als Cornelia, hinterhältiger als sie selbst.
»Wer denn sonst?«
»Alfred sagte uns, sein Vater habe die Hartbox gekauft.«
»Nein, das war ich.«
»Hast du Heiri umgebracht?«
»Ich mache mir doch die Hände nicht schmutzig.« Annas Augen funkelten.
»Wer war es dann?« Cornelias Stimme tönte wie ein heiseres Krächzen, als ahnte sie, ihr Neffe könnte der Täter gewesen sein.
»Die Polizei ist auf dem Weg.« Seelenruhig war Anna. »Sie wird auf der Hartbox eure Fingerabdrücke finden. Ihr werdet verurteilt und ins Gefängnis kommen. Dort kommt ihr nicht mehr raus, so lange werdet ihr nicht mehr leben. Pech gehabt.« Anna lächelte vor sich hin. »Aber wir können darüber diskutieren. Kommt, folgt mir.« Sie ging voraus in die Küche, die ein Stockwerk tiefer lag.
Auf dem Küchentisch stand ein aufgeschnittener Kuchen, hübsch dekoriert mit blauen Blüten.
»Ich weiß um eure kriminelle Ader. Ihr könnt wählen zwischen Knast oder einer Henkersmahlzeit. Die Zutaten sind nicht unbekannt. Ich kenne meine Schwestern, war ihnen jahrelang eine Ersatzmutter.«
Cornelia griff nach einem Kuchendreieck. Die blauen Blüten ließ sie auf dem Stück liegen. Sie schob es sich in den Mund, mutig, wie sie war. Die Furchtloseste unter allen. Es vergingen keine drei Minuten, bis sie das Bewusstsein verlor.
In Barbaras Kopf brauste es. Nein, kampflos würde sie nicht aufgeben. Sie langte nach Cornelias Hammer, erhob sich und schwang diesen über Annas Kopf. Sie zählte auf drei und ließ ihn niedersausen. Es gab ein schmatzendes Geräusch. Draußen klang das Martinshorn durch die Nacht. Und im toten Winkel unter der Treppe stand Alfred und lachte sich ins Fäustchen.
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