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ANDREA DRUMBL

NARZISS
UND
NARZISSE

ROMAN


in

dein

auge

fällt meine

träne meine

träne für dich

meine träne

die mitten

in dein

auge

fällt

Inhalt

ERSTER TEIL SOMMER

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

ZWEITER TEIL HERBST

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

DRITTER TEIL WINTER

Kapitel XVI

Kapitel XVII

Kapitel XVIII

Kapitel XIX

VIERTER TEIL FRÜHLING

Kapitel XX

Kapitel XXI

Kapitel XXII

Kapitel XXIII

Kapitel XXIV

Kapitel XXV

ERSTER TEIL SOMMER

I.

Als Gisela Rosenblüm am Tag der Sommersonnenwende in ihrem schmucken kleinen Wochenendhaus am Land zur Mittagszeit unter größten Schmerzen und mit verhaltenen Schreien und nur mit einer Haushebamme an ihrer Seite ihr zweites Kind zur Welt brachte, zog sich draußen ein gelber Sonnenglanz durchs Baumgeäst vor dem Fenster mit den Spitzengardinen.

So ein großes Glück, hörte sie die Haushebamme dicht bei ihr sagen, während diese das Kind abnabelte: unter der Sonne am Tag der Sommersonnenwende geboren. Mit dünnen Lippen blies sie dem Mädchen ins Gesicht und horchte auf den ersten Schrei aus seinem Mund, dann wischte sie ihm das Blut aus dem kleinen Gesicht und legte es an die Brust der Gisela Rosenblüm. In dem Moment, in dem sie ihr Kind in den Armen hielt, ging ihnen beiden die Nabelschnur verloren.

Draußen wurden Schritte laut, dann knallte eine Tür. Jakob Rosenblüm stürzte mit Judith, der fünfjährigen Tochter, ins Zimmer herein, auf seine Frau und sein neugeborenes Kind zu und nahm Gisela in seine großen starken Arme. Ihm war, als würde er zum ersten Mal in seinem Leben seine Frau in den Armen halten, als würde er zum ersten Mal in seinem Leben überhaupt eine Frau festhalten. Es war das Paradies, dann der Himmel. Bis der zweite Lebensschrei des Kindes erklang.

Nurit, sagte er und malte seinem neugeborenen Töchterchen mit Rosenwasser eine Sonne auf die kleine Wange, sie soll Nurit heißen, unsere Butterblume, wie der Name in der Übersetzung aus dem Hebräischen heißt.

Judith klatschte in die kleinen Händchen und lachte entzückt über die Butterblume, ihr großes gemeinsames Familienglück. Es war ein Wunder. Ihr Wunder. Und das ganze Zimmer roch nach Rosenwasser.

Und irgendwann einmal, so flüsterte Jakob in Giselas Haar, wolle er ihr einen wunderschönen und mit bunten Perlen besetzten Leuchter schenken, wie einer Königin aus einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Es sollte ein wunderschöner Leuchter sein, der sein Licht über den Boden fließen ließe wie ein Wassersturz. Und in seinem Licht würden auf blaugrauem Untergrund weiße Wasserblumen erblühen und karminrote indische Elefanten zu sehen sein, die über diese Wasserblumen liefen wie über Wolken in einen Himmel hinein. Es sollte ein Leuchter sein, der einer Königin gebührte. Es sollte ein Leuchter für seine Königin sein. Er sollte für Gisela sein.

Und vielleicht, so träumte er, könnte sie sich dann in dieses magische Licht setzen und wie die kluge Scheherazade mit Sindbad dem Seefahrer und Ali Baba und den vierzig Räubern wie auf dem fliegenden Teppich von König Salomo und seinen Scharen mitten in den Himmel hineinsegeln – mit ihrem wunderschönen braunen Haar als Segeltuch. Jakob wusste, dass er sentimental war, aber es kümmerte ihn nicht, im Gegenteil, er genoss es einfach. Mehr war es nicht. Auch nicht weniger.

Judith fragte, wer denn diese kluge Frau gewesen war, die mit Sindbad dem Seefahrer und Ali Baba und den vierzig Räubern wie auf einem fliegenden Teppich von König Salomo und seinen Scharen mitten in den Himmel hineingesegelt war. Jakob setzte Judith auf seinen Schoß und erzählte ihr das Märchen von Tausendundeiner Nacht. Judith war beeindruckt. Später einmal, nahm sie sich vor, wollte sie unbedingt so klug werden wie die schöne Scheherazade aus Tausendundeiner Nacht, und genau das erklärte sie ihrem Vater mit der Andächtigkeit eines kleinen Kindes.

Die Haushebamme, die die ganze Zeit im Abseits gestanden war, verabschiedete sich nun freundschaftlich und empfahl Gisela Ruhe, damit sie sich von der Geburt erholen konnte. Dann ging sie mit ihrem luftigen Rock, der hinter ihr her wehte wie ein Sonnensegel, durch die Tür des Wochenendhauses nach draußen ins Freie.

Das Wochenendhaus war Jakobs Hochzeitsgeschenk für Gisela gewesen, die sich ein kleines Häuschen im Grünen mit einem Garten und Wiesen rundherum gewünscht hatte. Hinten gab es tatsächlich einen hübschen Garten mit Bäumen und sogar mit einem kleinen Bach mitten durch die Wiese hindurch. Querfeldein und -aus roch es sauer nach frisch umgegrabener Erde, Farn und Unkraut. Es war erholsam hier. Und so ruhig. Ein friedlicher Ausgleich zur Großstadt, die mit diesem Allerheiligen-Nebel in der Luft immer auch ein bisschen grau und unheimlich war.

Im Wochenendhaus, wie sie es beide nannten, weil sie nur ganz bestimmte Tage dort sein konnten und die restliche Zeit in ihrer Mietwohnung stadteinwärts lebten, hatten die beiden als junges Paar ihre Flitterwochen und später dann glückliche Stunden zu zweit verbracht. In diesem Haus war an einem Frühlingstag Judith gezeugt und ein wenig mehr als neun Monate später dann auf die Welt gebracht worden, nachdem das Paar über ein Jahrzehnt kinderlos geblieben war. Gisela hatte auf eine Hausgeburt bestanden, als Judith im Winter geboren werden sollte. In den Monaten danach waren sie die meiste Zeit im Wochenendhaus gewesen, denn das sei für das Kind besser, hatte Jakob gemeint, und Gisela hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt.

Jetzt küsste Jakob seine Frau auf den Mund und versprach ihr den Leuchter mit den wunderschönen bunten Perlen wie in Tausendundeiner Nacht. Den versprach er ihr hoch und heilig, damit sie dann in ihren Träumen auf seinem magischen Licht, das er warf, wie auf einem fliegenden Teppich mitten in den Himmel hineinsegeln konnte. Mit ihrem wunderschönen braunen Haar als Segeltuch.

Das war vor Giselas Kranksein, vor dieser vernichtenden Depression, die nach der Geburt über sie herfiel wie eine Erschütterung und in der sie sich mehr und mehr von Jakob abwandte, weil sie seinen Anblick nicht mehr ertrug. Den Kampf dagegen hatten sie beide verloren.

Früher, noch vor Nurits Geburt, hatten Jakob und manchmal auch Judith Gisela und dem Kind in ihrem Bauch alle Tage jeden Tag Sonnen vom Himmel gepflückt und den Sonnenglanz zu ihr und zu dem Kind in ihrem Bauch geschickt. Das war ein ungeheurer Liebesbeweis gewesen, und Gisela hatte sich immer zutiefst gerührt und glücklich gefühlt. Aber das hatte sich im Laufe der Zeit verändert, als Gisela so plötzlich nach der Geburt immer trauriger und unglücklicher mit sich und ihrem Leben wurde. Es überkam sie ganz plötzlich, es war grässlich, mit einem Mal nicht mehr der vergnügte Mensch zu sein, der sie früher einmal war.

Zwei Monate später dann, als Gisela frühmorgens an jenem Tag in diesem unseligen August an das rosenrote Kinderbettchen trat, um nach ihrem kleinen Baby zu schauen, fand sie Nurit leblos auf ihrem Pölsterchen liegend. In größter Panik riss Gisela an ihr, zerrte an ihr, packte sie, rüttelte sie und schrie sie an, schrie ihr mitten ins kleine Gesicht, bis sie keine Kraft mehr hatte. Bis Jakob aus dem Nebenzimmer kam und seine Frau aus ihrer Erstarrung ins Leben zurückholte. Er war es dann auch, der alles in die Wege leitete, was der Tod seines Kindes mit sich brachte. An diesem Tag machte sich zum ersten Mal ein stechender Schmerz in seiner Herzgegend bemerkbar.

Zehn Tage später fand dann die schlichte Beerdigung des Kindes am Friedhof stadtauswärts statt, der Judith und Gisela fernblieben, weil Gisela den Anblick des kleinen Kindersarges nicht ertrug und Jakob nicht wollte, dass Judith zugegen war, wenn man den kleinen Kindersarg in die Erde grub.

Und trotzdem sang die Luft im Wind, als man den kleinen Sarg so unbarmherzig in die Erde grub.

Daraufhin wurde Gisela allmählich wirr im Kopf.

Draußen dämmerte jetzt gerade der Abend herauf, und Glocken schlugen ihren lauten Glockenschlag. Letzte Sonnenstrahlen, spätes Licht. Wolken zogen auf. Dann wurde es auch wieder Nacht. In der Luft spürte sie den Herbst. Er kam früh in diesem Jahr. Im Baum und im Gebüsch vor Giselas Fenster draußen raschelte das Laub, raschelten die Blätter und berührten sich sacht im Wind.

Verzweiflung überkam Gisela, und in dieser ihrer größten Not fragte sie immerzu nach ihrem Kind. Immer fragte sie nach »ihrem Kindchen«, das ihres war mit diesem besitzanzeigenden, mit diesem besitzergreifenden Anspruch dabei, als wollte sie ihm dadurch das Leben zurückgeben, das es so früh verloren hatte. Irgendwann schlief sie dann trotzdem ein. Doch es brüllten Tiere in ihrem Kopf. Und wie sie aufblickte, war plötzlich ein Mann im Zimmer, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Lächelnd kam er auf sie zu. Sie sagte nichts, bewegte sich nicht, sie wollte nicht, dass ihr dieser Mann so nahe war, so sehr nahe war, viel zu nahe. Und doch regte sich etwas in ihr, als der fremde Mann zu ihr kam und auf sie einredete mit einer Zigarette im Mund. Etwas Kleines regte sich da in ihr, etwas Unscheinbares, Unbewusstes, etwas Ungewusstes. Es regte sich. Und dann wieder nicht. Er redete auf sie ein, und beim Sprechen hielt er seine Zigarette verächtlich zwischen den Lippen wie eine Beschimpfung. Plötzlich war es nicht mehr sie, die in diesem Zimmer war, sondern Judith mit Nurit, ihrem Kindchen, als Puppe in der Hand. Für Sekunden war die Szene wie erstarrt: der fremde Mann mit seiner Zigarette in seinem Mund, das kleine Mädchen in ängstlicher Erstarrung, dem fremden Mann so voll und ganz und ganz und gar schutzlos ausgeliefert und mit der Puppe in ihrem Arm. Da griff er ganz unerwartet und viel zu schnell für ein kleines Mädchen nach der Puppe und riss sie an sich. Dem Mädchen traten Tränen in die Augen, als es sah, wie er so dastand, mit der Puppe in seiner grobschlächtigen Hand. Ob er ihr die Puppe wegnehmen wird, fragte es in unschuldiger Verzweiflung. Natürlich, sagte er und grinste dabei so schaurig schrecklich wie ein verwester Totenschädel. Das Mädchen begriff nicht, warum, und es empfand nur mehr eine große Trauer um das, was man ihm genommen hatte, und wollte nur mehr weinen, Rotz und Wasser in die Bluse ihrer Mutter weinen, schluchzen und schreien, was denn das für eine Ungerechtigkeit war, was für eine Gemeinheit. Da traf dann so unmittelbar, so ganz und gar unmittelbar seine grobschlächtige Hand, zur Faust geballt, auf ihren kleinen Mädchenmund, traf seine Hand als Faust derart fest ihren kleinen Mädchenmund, dass sie taumelig schwankend und taumelig wankend hintenüberfiel, in Ohnmacht fiel. Es brüllten Tiere in ihrem kleinen geschundenen Mädchenkopf, viele wilde Tiere brüllten da in ihrem Kopf, trampelten ihr Bewusstsein nieder und schlugen Trommeln in ihrem Kopf, Trommeln zu einem wahnsinnig zuckenden Tanz in ihrem Kopf, bis Gisela aus dem Fiebertraum erwachte und nach dem kleinen Mädchen suchte, nach ihrem Kind, das sie am Tag der Sommersonnenwende zur Mittagszeit unter größten Schmerzen und mit verhaltenen Schreien geboren hatte. Aber es waren viel zu viele Schatten über ihrem Leben, es waren zu viele Schatten in ihrem Schoß. Langsam, ganz langsam zogen sich die Schatten zusammen. Allmählich verletzte es sehr. Da war der Tod dann überall. Und ihr war lebensmüdeübel. Weil der Kindstod eben lebenslänglich war.

Ein Tropfen zerrann in ihrem Mund.

Weil es ihre Schuld alleine war. Weil sie in ihrer Schuld so schuldig war. Weil es ihre Schuld war, ihre Schuld, ihre große, große, überlebensgroße Schuld. Einfach nur, weil sie war und ihr Kindchen nicht mehr war, sang es Sturm in ihrem Kopf, sang es: Kleines du, geh zur Ruh, mach meine Augen zu, und sang dann: übe mit mir das Sterben und brich den Augenblick auf, zerbrich die Stunden auf Morgen, es muss mein Leben sein, es muss mein Sterben mitten im Leben sein, es muss mitten im Leben sein, mitten im Leben, mittendrin, dann versprich mir die Sterne vom Himmel, erlösche sie und zerbrich sie an meinem Grab und stoße meinen Kopf ins feuchte nasse Gras, lass mich die Erde atmen, die Luft ist unter freiem Himmel wie geschliffenes Kristall, und Blutgeschmack staut sich im Mund, Blutgeruch liegt in der Luft, ich will die Stille hören, hörst du, ich will die Stille hören in dieser blutig braunen Nacht.

Aber wo hatte sie diese Melodie schon mal gehört und wo diese Worte gelesen, fragte sie sich, dann fiel es ihr wieder ein: Sie hatte das Gedicht als junge Frau in ihr Tagebuch geschrieben, als sie in jenem hochsommerheißen Juli in ihrem ersten einsamen und so todunglücklichen Liebeskummer verzweifelt am letzten Rest Hoffnung gehangen hatte, der ihr vom Leben noch geblieben war. Damals hatte sie gedacht, eine Welt würde für sie zusammenbrechen, und es bleibe ihr nur mehr das Sterben. Oder das Schreiben. In dieser Zeit hatte sie begonnen, Gedichte über die Liebe und deren Schmerz in ihr Tagebuch zu schreiben, unter anderem eben auch diese Zeilen, die ihr jetzt in ihrem Fieber wieder in den Sinn kamen. Was war sie doch für ein unglücklicher junger Mensch gewesen, bis ihr Jakob im Leben begegnet war, der sie aus ihrer Lethargie herausgeholt und ihr gezeigt hatte, was im Leben wirklich wichtig war. Mit ihm hatte sie angefangen, körperliche Lust zu empfinden und zu genießen, mit ihm hatte sie begonnen, endlich wieder glücklich zu sein. Trotzdem hatte es Jahre gedauert, bis sie sich dazu entschließen konnten, gemeinsam ein Kind zu gebären, und mit diesem Entschluss hatte sich so ziemlich alles geändert in ihrem Leben. Nichts war mehr so, wie es früher einmal gewesen war, alles wurde intensiver, stärker, unzertrennlicher. Und neu.

Mit Judith kam das größte Glück in unser Haus, hatte Jakob einmal gesagt, als sie nebeneinander im Bett lagen, nachdem sie sich leidenschaftlich geliebt und wie Ertrinkende aneinander festgeklammert hatten, als Jakob mit seiner ganzen Lust und Männlichkeit tief in Gisela eingedrungen und sie gemeinsam am Höhepunkt wie ein tausend funkelndes Feuerwerk explodiert waren. Das war so ungeheuerlich gewesen, dass beide danach eine Weile nur reglos nebeneinander liegen konnten, jeder für sich auf das gerade Erlebte fixiert. In dieser Nacht wurde tief in Giselas Bauch – mit all der schicksalshaften Zukunft dabei – Nurit gezeugt. In dieser Nacht wussten weder Jakob noch Gisela, was ein Jahr später auf sie zukommen sollte. In dieser Nacht waren beide einfach glücklich miteinander gewesen.

Kleines du, geh zur Ruh, mach meine Augen zu, sang Gisela jetzt mit dieser unheilvollen Stimme in ihrem Kopf, bis sie endlich wieder einschlief.

II.

In diesem Augenblick ging draußen, schon weit entfernt, Jakob durch die Gassen wie ein gehetztes Tier, lief fast, weil er sich fürchtete, weil er sich vor dem Nachtwerden fürchtete, weil dann die Albdrücke in sein Leben kamen wie welke Blätter. Wie schwarze tote Blütenblätter. Und der Nebel in dieser Jahreszeit war wie ein weißer, schweigender Dunst und die Stille wie ein tiefer Seufzer. Doch kein Mond. Aber diese fürchterlichen Schatten überall, sie schienen nicht mehr aufzuhören, schienen noch zusätzlich ihre eigenen Schatten vor sich hinzuwerfen. So viele Bilder in seinem müden Kopf. Er fühlte ein so großes Fehlen von Gisela in sich, und mit erstickten Tränen in seinen Augen stauten sich all seine Worte in seinem Hals.

Ein Tropfen zerrann auch in seinem Mund.

Dann fing sein Herz wieder an zu schmerzen, und er begann sich zu dehnen. Sich auszudehnen. Die langen Dunkelheiten in den Gassen gaben ihm Gelegenheit dazu. Ohne Licht und ohne Farbe folgte ein Schritt dem nächsten Schritt, Schritt auf Schritt. Und Schritt auf Schritt überkam ihn eine Einsamkeit, von der er nur mehr fort wollte und ihr doch nicht entkam.

Sein Kind war tot und seine Frau wahnsinnig geworden. Er hatte seine Frau verlassen. Er hatte sein totes Kind verlassen. Und Judith hatte er daraufhin auch noch im Stich gelassen. Weil er zu schwach für diese harte Prüfung in ihrem gemeinsamen Leben war und als Ehemann und Vater kläglich versagte.

Daran dachte er, als er jetzt seine Schritte, Schritt für Schritt, aneinanderreihte wie bei einer bleiernen Prozession, er dachte daran, wie er seine Frau verlassen hatte, wie er sein totes Kind verlassen hatte und wie er dann Judith bei Clara, einer entfernten Verwandten, gelassen, zurückgelassen hatte.

Nur vorübergehend, wie er betont hatte, es sollte nur vorübergehend sein, dass die Kleine bei dir leben kann, nur so lange, bis das Ärgste vorüber ist, und mach dir bitte keine Sorgen wegen des Geldes, das schicke ich dir wöchentlich, nur so lange, nur so lange darf die Kleine doch bei dir bleiben, nur so lange, bis das Ärgste dann endlich vorüber ist.

Das Geld hatte er ihr wöchentlich geschickt. Aber sehr viel mehr hatte er sich nicht um Judith bemüht.

Daran dachte er, als er jetzt mit dieser Furcht im Nacken und dem Stich im Herzen durch die Gassen in seine neue kleine Mietwohnung im Stadtzentrum ging, in die er sich, nur ein paar Straßen von der alten entfernt, nach der Trennung eingemietet hatte, die ihm aber auch keine Zuflucht mehr geben konnte, weil er ein kläglicher Versager war, den niemand, nicht einmal er selbst, mehr brauchte. Daran dachte er, als er jetzt sozusagen nach Hause ging, in ein Zuhause, in dem das Schweigen so schmerzhaft an den Wänden hing. In dieses Schweigen ging er direkt hinein. Es war sein Leiden. Sein Leiden für immer.

Gisela, seine große Liebe im Leben, sie war ihm so nahe und dann auch schon fort, einfach davongeglitten, aus den Fingern geglitten wie ein Fisch, den man mit bloßen Fingern fangen will. Das war ihre Krankheit, Giselas Gemütskrankheit, die sie einander fremd werden ließ. Daraufhin hatte er sie verlassen, feige hatte er seine Frau verlassen, feige hatte er auch sein totes Kind verlassen, und noch feiger hatte er Judith bei Clara gelassen, doch am feigsten hatte er seine Frau alleingelassen, hatte sie mit ihrem schweren Kummer im Stich gelassen. Und dabei wollte er doch einfach nur bei ihr sein und mit ihr sein, so wie früher, als ihr Leben noch in Ordnung war. Ein ungeheuerlicher Schmerz bohrte sich durch seine Brust, als er nach Luft rang, um sein Leben rang.

Plötzlich zog über ihm der Abendhimmel zu, und mit einem Mal gab es ein heftiges Gewitter, eine Explosion von einem Donnerwetter, das die Erde zittern ließ und die Luft mit grellen, hellen Blitzen verbrannte. Gerade rechtzeitig konnte sich Jakob noch unter einem Vordach in Sicherheit bringen.

Sein Kind war tot und seine Frau wahnsinnig geworden. Er hatte seine Frau verlassen und hatte damit auch sein totes Kind verlassen. Dann hatte er auch noch Judith bei Clara gelassen. Was ihm jetzt noch blieb, war einzig sein eigenes Leben. Und von diesem Leben blieb ihm nichts. Nichts. Außer diesem Stechen in seinem Herzen, das immer heftiger wurde und ihn ängstigte. Schon wieder Angst. Unsagbare Angst. Warum konnte er nicht endlich einmal so stark wie ein Mann sein, warum musste er so ein schrecklicher Schwächling sein, so ein Verlierer, ein verdammter Narr.

Er war der Narr und wusste, dass er als Narr ein echter Dummkopf war.

Von diesem Zeitpunkt an hasste er sich sehr.

III.

Ein paar Kilometer weiter zurück schaukelte sich die kleine Judith in einem großen Fernsehschaukelstuhl in ihrer kleinen Welt bei Clara, dieser netten Tante mit dem lieben Lächeln im Gesicht, vor und zurück, während sie sich einen Kinderzeichentrickfilm über Tiere im Fernsehen anschaute. Es war schon richtig spät, und trotzdem durfte sie noch auf sein. Das war wunderbar, denn das hatte sie zu Hause bei ihren Eltern früher nie dürfen. Draußen trommelte Regen gegen die Fensterscheiben, und auf den hübschen Vorhängen davor blühten kleine feine Margeriten. Das sah so schön aus, fand Judith, aber noch viel schöner waren die Vorhänge im Gästezimmer, das nun ihr Zimmer war, da wuchsen nämlich große gelbe Sonnenblumen auf grünem Untergrund, und das alles sah dann aus wie eine wunderschöne Sommersonnenblumenwiese.

Jetzt ist er tot, rief sie entzückt aus, als der böse Straßenköter in dem Kinderzeichentrickfilm, den sie gerade anschaute, in eine Falle geriet, die zuschnappte, als er einmal kurz nicht aufpasste. Tot war er trotzdem nicht, denn tote Tiere gab es in diesen Kinderzeichentrickfilmen nicht, die Clara der kleinen Judith zu schauen erlaubte.

Clara war eine so nette Frau, dachte Judith, als sie ihr kleines Händchen in die Schüssel mit den Keksen führte, so groß und so gescheit, wenn sie mit ihrer tiefen Stimme etwas sagte, so ernst und dann wieder lustig, wenn sie lachte, denn wenn sie lachte, dann warf sie den Kopf in den Nacken zurück und lachte lauthals heraus. Am schönsten aber fand Judith Claras Haar, das locker und weich über ihren Rücken fiel, wenn sie es bürstete und Judith ihr dabei zusehen durfte. Dann würde sie sich am liebsten hineinwühlen in diese Wellen ihres weichen Haares wie in ein Wasser, das sie ja auch so sehr liebte. Denn Judith liebte viele Dinge auf der Welt, da waren ihre hübschen Spielsachen, allen voran natürlich ihre Lieblingspuppe Berta mit dem blonden Puppenkopf und den blauen Augen, da waren aber auch all die Süßigkeiten, die sie niemals essen konnte, weil es viel zu viele waren und ihr dann bestimmt übel wurde, da waren lustige Kinderzeichentrickfilme, die liebte sie heute am meisten – und da war Clara mit ihrem wunderschönen Haar, die immer so nett zu ihr war, und ihre Mutter, der es nicht so gut ging, weil das kleine Schwesterchen so plötzlich gestorben war, und da war ihr Vater, den liebte sie heute nur ein bisschen, weil er sie weggegeben hatte, das verzieh sie ihm nicht. Wenn sie daran denken musste, und das kam immerhin öfter vor, als sie wollte, dann kamen ihr die Tränen in die Augen, weil sie es als eine Gemeinheit empfand.

Richtig gemein, schimpfte sie in den Fernseher hinein und stopfte sich eine Handvoll Kekse in den kleinen Mädchenmund.

Warum ist der doofe Straßenköter nicht endlich mausetot, schimpfte sie weiter, als der doofe Straßenköter im Kinderzeichentrickfilm blöde vom Bildschirm grinste, bis ihm die Spucke aus den Mundwinkeln sabberte.

Immer wenn sie an ihren Vater und an diese große Gemeinheit von ihm denken musste, wurde sie zornig auf sich und auf die ganze übrige Welt, und immer kamen diese Gedanken so ganz plötzlich in ihren Kopf. Sie kamen ohne Vorwarnung, sie waren einfach da. Sie kamen, wenn sie fernschaute, sie kamen, wenn sie naschte, sie kamen, wenn sie Clara beim Haarebürsten zuschaute, und sie kamen, wenn sie mit ihren vielen hübschen Spielsachen spielte. Und das empfand sie dann auch wieder als eine große Gemeinheit, weil sie diese Wut in sich ja gar nicht mochte, sie fühlte sich schlecht dabei und würde viel lieber froh und heiter über lustige Dinge lachen und nicht mehr wütend sein.

Alles war so eine große Gemeinheit, und doch liebte sie die »Tante« sehr, so nannte sie Clara nämlich insgeheim, obwohl Clara ihr erklärt hatte, dass sie keine Tante sei, bloß die Clara, so hatte sie gesagt, aber Judith gefiel der Gedanke an eine liebevolle Tante, das gab ihr eine gewisse Sicherheit, nachdem sie ihr Vater im Stich gelassen hatte.

Und auch ihre Mutter.

Aber die war ja krank, weil ihr ja schließlich Judiths Schwesterchen im Schlaf einfach gestorben war. Ihr Vater jedoch – was hatte der schon damit zu tun, der wusste ja nicht, was das bedeutete, wenn einem das Schwesterchen einfach so von einer Minute auf die andere wegstirbt und man keine Spielgefährtin mehr hat zum Puppenspielen oder zum lustige Hüpfliedersingen, obwohl die kleine Schwester eigentlich noch viel zu klein war zum Puppenspielen und zum Hüpfliedersingen, aber trotzdem war sie da und schaute Judith zumindest aus ihren Babyaugen zu, wie diese mit den Puppen spielte und ihre Hüpflieder sang. Was wusste ihr Vater schon, was Judith das bedeutete! Feige war er, jawohl! Und ein feiger Mann ist ein Narr. Er war der Narr. Weil er als Narr der Dummkopf war.

Judith wollte nicht mehr länger den Kinderzeichentrickfilm über Tiere im Fernseher anschauen, sie wollte lieber rausgehen und mit den anderen Kindern draußen auf der Straße spielen. Ein kurzer Blick aus dem Fenster zeigte ihr, dass es schon viel zu spät dafür war und es immer noch vom Himmel regnete wie aus vollen Kübeln. Sie ging zum Fernseher und legte einen anderen Kinderfilm ein, der von einem kleinen Mädchen handelte, das nicht in die Schule gehen wollte und stattdessen viele Abenteuer erlebte. Das war spannend. Mit weit aufgerissenen Augen verfolgte Judith die Geschichte von dem abenteuerlustigen Schulmädchen auf dem Fernsehbildschirm. Dabei vergaß sie ganz, im Fernsehschaukelstuhl zu wippen.

Unwillkürlich musste sie daran denken, wie ihr Vater, kurz nachdem ihr Schwesterchen am Tag der Sommersonnenwende auf die Welt gekommen war, ihr die Geschichte von der klugen Scheherazade aus Tausendundeiner Nacht erzählt hatte, wie diese den persischen König Schahrayâr durch ihre Erzählungen von Sindbad, dem Seefahrer aus Bagdad, von Ali Baba und den vierzig Räubern mit ihren kostbaren Schätzen, vom Kalifen Harun al-Raschid mit seinem indischen Elefanten und von Aladin mit der Wunderlampe über tausend und eine Nacht hindurch überlistete und auf diese Weise überlebte.

Das hatte so unglaublich spannend geklungen, so etwas wollte auch Judith unbedingt einmal erleben, wollte einen Geist wie Dschinn von Aladins Lampe haben, der ihr immer half, wenn sie Hilfe brauchte, und wollte vierzig Räuber wie Ali Baba haben, die ihr ebenfalls halfen, wenn sie Hilfe brauchte, wollte dann unbedingt irgendwann einmal einen knallebunten Elefanten aus Indien haben und dabei wollte sie so schlau wie Scheherazade sein, die bestimmt genauso schönes Haar wie Clara hatte.

Und mit dem eisernen Ehrenwort eines Kindes gab sich Judith das Versprechen, genauso tapfer und mutig und klug zu sein wie Scheherazade aus Tausendundeiner Nacht und niemals so feige und dumm wie ihr Vater, dieser Narr, der sie im Stich gelassen hatte, als sie ihn am notwendigsten gebraucht hätte. Trotzdem hatte er ihr nach Nurits Geburt jeden Abend aus Tausendundeiner Nacht vorgelesen, wenn sie schon schlaftrunken im Bett gelegen war, dann blieb er zuerst immer vor dem großen Bücherregal auf der linken Seitenwand im Wohnzimmer stehen, richtig geheimnisvoll war das immer, wenn er dort stand und ihn Judith durch die Verbindungstür dabei beobachtete, wie er überlegte und dann nach einem Buch im Bücherregal fischte.

Tausendundeine Nacht, sagte ihr Vater dann immer sanft zu Judith hin, und sie klatschte entzückt in die Hände und freute sich sehr.

Warum konnte es das jetzt nicht mehr geben, fragte sie sich mit einem tief gefurchten Grübeln in der Stirn, das ihr das Aussehen einer reifen Frau verlieh, die alle Erfahrungen im Leben bereits gemacht zu haben schien und die sozusagen nichts mehr erschüttern konnte. Aber, und das unterschied Judith mit dieser weltgewandten erwachsenen Frau in ihrer kleinen Stirn, sie wusste leider keine Antwort darauf, und niemand konnte sie ihr geben, die Antwort auf diese Frage, die sie so unbedingt brauchte, um zu verstehen, was ihre Eltern zu solchen Entschlüssen gebracht hatte.

Im Fernsehen spielte das kleine Mädchen, das nicht in die Schule gehen wollte, gerade mit Hasen, und unwillkürlich verfolge Judith das Geschehen am Bildschirm, vergaß ihren Ärger, ihren großen Groll und klatschte begeistert in die Hände, als ein dressierter Hase Kunststücke machte.

Irgendwann, nahm sich Judith vor, wollte auch sie kleine Hasen haben und sie dressieren wie die Äffchen im Zoo, die zu gewissen Zeiten in ihrem Gehege für die Gäste ihre Aufführungen machten. Einmal war sie schon mit Clara dort gewesen und hatte noch Tage danach davon geschwärmt, und in der Nacht hatte sie davon geträumt, wie sie selbst mit einem Äffchen in einem kleinen Haus lebte, nur sie und das Äffchen und Clara lebten in diesem Haus in ihrem Traum. Es war bis jetzt Judiths allerschönster Traum gewesen. Tags darauf hatte sie Clara gefragt, ob es denn möglich sei, so ein kleines Äffchen zu bekommen, worauf diese prompt Nein gesagt hatte, weil ihr Mann, der Peter, das sicher nicht erlauben würde.

Das war bislang das erste Mal gewesen, dass ihr Clara einen Wunsch ausgeschlagen hatte. Aber vielleicht ließ sie sich ja zu Hasen überreden? Oder zu einem Elefanten? Zu so einem knallebunten Elefanten wie in Tausendundeine Nacht, ihrem Lieblingsmärchenbuch?

Das wäre schön, weil sie sich dann fast wie eine indische Prinzessin fühlen würde.

Aber Claras Mann, der Peter, würde wahrscheinlich auch das nicht erlauben, weil ihr Mann, der Peter, nämlich auch so ein gemeiner Rüpel war, streng und laut, wenn er sprach, und so riesengroß wie ein Hüne, dass Judith insgeheim sogar ein bisschen Angst vor ihm hatte. Der Peter arbeitete tagsüber in einer Bank und brauchte am Abend seine Ruhe, hatte Clara erklärt, weshalb Judith abends immer leise in ihrem Zimmer spielen musste. An den Wochenenden war der Peter aber lieb, da nahm er sich Zeit für die Damen, da waren sie alle drei sogar schon einmal Eis essen gewesen in so einem richtig schicken italienischen Eissalon in der Stadt, das war wahnsinnig aufregend gewesen, an diesem Wochenende. Aber unter der Woche war er ein Narr. So wie auch ihr Vater einer war.

IV.

Es war ein Mörder in ihrem Haus, der schnitt Herzen aus den Leibern der Menschen, die darin wohnten, und warf sie ihr zu Füßen. Gisela fürchtete sich sehr, fürchtete um ihr Leben, fürchtete um ihr Sterben, fürchtete sich panisch, und ihr war unheimlich bange ums Herz. Sie lief durch das ganze Haus und kam in ein Zimmer, in dem alles üppig und extravagant in Samt und in Seide gehalten war. Gelb, orange und rosenrot donnerten ihr die Farben aus jeder Ecke und aus allen Richtungen entgegen, als wollten sie ihr spotten. Da waren Spitzengardinen am Fenster und Leuchter an der Zimmerdecke, alles war mit Goldstaub bedeckt. Und mit Perlen, überall waren Perlen, perlmuttern schillernde Perlen, lose lagen sie herum oder hingen, zu einer Kette geknüpft, an den Wänden und über den Lichtern im ganzen Zimmer. Und der Mörder saß zwischen all dem Gold und Glitter in einem großen Sofawiegestuhl, neben ihm ein wunderschöner und mit bunten Perlen bestückter Leuchter, der sein Licht über den Boden fließen ließ wie ein Wassersturz. In dessen Licht erblühten auf blaugrauem Untergrund weiße Wasserblumen, und karminrote indische Elefanten waren zu sehen, die über diese Wasserblumen wie über Wolken in einen Himmel hineinliefen. Daneben wiegte sich der Mörder im großen Sofawiegestuhl, wiegte sich hin und wiegte sich her. Gisela ging auf ihn zu, denn sie kannte ihn, wusste aber nicht, wer er war, er zog sie einfach magisch an, und der Duft an ihm roch hier in diesem Raum besonders gut. Er roch nach Rosenwasser.

Im Hintergrund spielte verhaltene Walzermusik. Der Mörder stand auf und nahm sie in die Arme, um mit ihr, butterblumengleich, zu tanzen. In seinen Armen fühlte sich Gisela plötzlich wieder jung und schön und ohne Sorgen, wie er sie so durch das Zimmer führte, zwischen all dem Samt und all der Seide hindurchführte, wie er sie entführte. Da blickte sie auf und sah ihm ins Gesicht, sah ihm ins Gesicht hinein, mitten ins Gesicht hinein, mittenhinein, und sie erschrak fürchterlich, als sie erkannte, wer er war.

Er war Nurit, ihr Kindchen, ihr Sommersonnenkind, das sie am Tag der Sommersonnenwende in ihrem schmucken kleinen Wochenendhaus am Land zur Mittagszeit unter größten Schmerzen und mit verhaltenen Schreien zur Welt gebracht hatte. Der Mörder in ihrem Haus, der Herzen aus den Leibern der Menschen schnitt und ihr zu Füßen legte, war Nurit. Die Erkenntnis traf Gisela wie ein Schlag, und mit einem lautstarken Schrei erwachte sie aus dem schrecklichen Traum.

Der Albdruck wirkte noch lange nach.

ZWEITER TEIL HERBST

V.

Fast zwei Monate war es jetzt schon wieder her, als Jakob ausgezogen war, aus seinem Leben ausgebrochen war, nachdem er sich zuvor noch ein letztes Mal mit Gisela getroffen hatte und wie ein Kreisel über eine von diesen mörderischen Wendeltreppen in das pseudobarocke Kaffeehaus in der Innenstadt gekreiselt war, um dann mit seiner Frau, an einem dieser alten Tische auf einem verschnörkelten Stuhl sitzend, eine Tasse starken Kaffee zu trinken, weil Gisela zu dieser Zeit nur mehr starken Kaffee vertrug, alles andere half ihr nicht mehr. Auf diesem Stuhl in jenem Kaffeehaus sitzend, war dann so vieles in ihm aufgebrochen, so vieles, das er Gisela gerne gesagt hätte und noch immer gerne sagen würde. Immer noch. Und doch fand er nicht die richtigen Worte dafür, niemals konnte er sie finden, weil es die richtigen Worte dafür nicht gab, die Worte, die für das, was er ihr sagen mochte, richtig waren, keine banalen und schlechten Floskeln, sondern Worte, die die Magie um das, was er ihr so gerne sagen mochte, nicht zerstörten, nicht verstörten.

Es müssten Worte sein, die es nicht gibt, hatte Jakob traurig gedacht, und hätte man zu diesen Worten finden können, die es nicht gibt, so wäre er sie in diesem Moment suchen gegangen.

Aber so war wieder nur ein Geschehnis, eine Episode zu Ende gegangen, so wie jede Episode immer einmal zu Ende geht. Und das würde er allen erzählen, die es hören wollten.

Wenige Tage später war er dann ganz alleine mit seinen Koffern und Reisetaschen zwischen den Umzugskisten in seiner neuen Wohnung gestanden. Und mit einem großen und ungestillten Hunger nach Verständnis im Bauch.

Die Einsamkeit war so überwältigend, dass ihm fast übel wurde und er die Tränen unterdrücken musste, um nicht auf der Stelle loszuheulen. In diesem Augenblick wollte er nur mehr nach Hause, wollte er unbedingt nach Hause, um dort Gisela so dicht an sich gedrückt zu spüren. So dicht wie noch nie in seinem Leben, nicht einmal wie nach Nurits Geburt. Er wollte zu seiner Familie nach Hause gehen, weil er immer nach Hause gehen wollte, weil er bei seiner Familie zu Hause sein wollte, weil seine Familie sein Zuhause war.

Aber es gab keine Familie mehr, weil er seine Frau verlassen hatte und damit auch sein totes Kind verlassen hatte und weil er dann auch noch Judith bei Clara gelassen hatte. Bei Clara, die keine eigenen Kinder hatte, weil mit ihrer Fruchtbarkeit etwas nicht stimmte, aber sie hatte sich immer so sehr Kinder gewünscht, die sie hätte wiegen können, die sie hätte lieben können. Sie war bestimmt eine gute Ersatzmutter, zumindest das war ein kleiner Trost.

Mittlerweile, dachte Jakob, hat sie sich wohl damit abgefunden, keine eigenen Kinder bekommen zu können, denn mittlerweile war sie mit ihren neununddreißig Jahren vielleicht schon zu alt für eigene Kinder.

Zumindest, so vermutete Jakob, redete sie sich das wahrscheinlich ein.

Und dann war plötzlich die kleine Judith für sie da. Für alle war die Situation am Anfang schwierig gewesen: Judith war verwirrt und ängstlich gewesen, Jakob am Boden zerstört, Peter hatte die ganze Szenerie mehr oder weniger ignoriert und sich empfohlen, und Clara wusste im Grunde genommen gar nichts. Es war ein einziges Desaster.

Doch dann blickte Clara in das kleine Gesicht des Mädchens, und in diesem Blick war mit einem Mal eine so tiefe, eine so innige Zuneigung gelegen zu diesem fremden Kind, das ihr eigenes hätte sein können, und sie sagte Jakob zu, für Judith zu sorgen.

Vorübergehend, wie Jakob betonte, als er sie in ihre Arme schloss und sie auf die Wange küsste, nur vorübergehend. Bitte.

Es dauerte nicht lange, da hatte Clara das Kind ganz tief und fest in ihr Herz geschlossen, wo sie es hegte und wo sie es pflegte, als wäre es ihr eigenes Kind, das sie jetzt endlich wiegen konnte, das sie jetzt endlich lieben konnte. Auch Judith war sicher gerne bei diesen netten Leuten, vermutete Jakob, sie liebte wahrscheinlich Clara und Peter und deren schicke Wohnung in einer dieser ruhigen Randbezirke schon über alles und vielleicht sogar bereits schon mehr als ihre eigenen Eltern. Und irgendwie hatte sie ja auch recht. Trotzdem musste Jakob bei diesem Gedanken weinen. Er fürchtete sich vor dem Tag, an dem Clara ihm Judith ganz wegnahm, an dem sie ihm Judith aus ihrem Leben nahm, ihm damit alles nahm.

Als Jakob jetzt an seinen Auszug vor zwei Monaten dachte, mit dem er sein Leben ändern wollte und doch nur feige aus seinem Leben ausgebrochen war, schnürte es ihm die Kehle mehr und mehr zu. Die Gedanken daran kamen meistens in der Nacht, da suchte er dann so ganz und gar traumverloren unter seinem Federbett nach Gisela, suchte ihre Haut auf seiner Haut und griff doch nur ins Leere, fand weder seine Frau noch ihre Haut, fand nur Nacht, tiefe dunkle, schwarze Nacht.

Er dachte daran, wie er seiner älteren Tochter, nachdem Nurit auf der Welt gewesen war und Judith angefangen hatte, sich für Märchen zu begeistern, Abend für Abend aus Tausendundeiner Nacht vorgelesen hatte, einer alten Buchausgabe, die er auf einem Flohmarkt zwischen anderen alten und weniger alten Büchern gefunden und gekauft hatte. Jeden Abend – und das war ihr gemeinsames Zeremoniell gewesen – war er dann vor dem großen Bücherregal auf der linken Seitenwand im Wohnzimmer geheimnisvoll stehen geblieben und hatte die erwartungsvollen Blicke von Judith im Rücken gespürt, die bereits in ihrem Zimmer im Bett gelegen und ihrem Vater durch die Verbindungstür ins Wohnzimmer zugesehen hatte. Dann hatte er jedes Mal mit einer ungemein langsamen Bewegung, als überlegte er, welches Buch er nehmen sollte, einen dicken alten Band herausgezogen, der schon so abgegriffen war, dass er sogar dort, wo die Abnutzungen waren, gelblich vergilbt war und ein bisschen säuerlich schmeckte, wenn man daran roch.

Tausendundeine Nacht, hatte Jakob dann immer zärtlich über den Buchumschlag zu Judith hin gehaucht und verheißungsvoll entrückt gelächelt, und mit dieser Tausendundeinen Nacht in seiner Hand hatte er sich dann neben seine Tochter auf den Bettrand gesetzt und begonnen, ihr darin vorzulesen, bis sie von den Geschichten müde geworden und eingeschlafen war.

Ihm selbst hatte als Kind niemand Geschichten vorgelesen, damit er besser schlafen konnte, und schon als kleiner Junge hatte er es sich zu seinem heiligen Gebot gemacht, genau das bei seinen eigenen Kindern, sollte er jemals welche haben, anders zu machen, nämlich richtig zu machen. Erst viel später hatte er verstehen können, dass seine Eltern mit ihren sechs Kindern die Kraft und Energie andernorts gebraucht hatten, und er verzieh ihnen. Sein Vorsatz, bei seinen Kindern das richtig zu machen, was seine eigenen Eltern bei ihren Kindern verabsäumt hatten, war dennoch geblieben, obwohl er schlussendlich doch daran scheitern sollte.

Er musste Judith wieder zu sich holen! Aber würde sie es wollen? Was, wenn er ihr fremd geworden war, hatte sie doch schon so viel mitgemacht in ihrem kurzen kleinen Mädchenleben. Was würde sie wohl von ihm denken? Dass er feige war? Ein Narr?

Jakob verbot sich solcherlei Gedanken, musste doch gerade er jetzt stark sein und dem kleinen Mädchen ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit geben. Zwar vertraute er Clara von tiefstem und ganzem Herzen, doch war es seine Aufgabe, für seine Tochter zu sorgen. Und auch seine Verantwortung als guter Vater, der er Judith sein wollte. Es würde nicht einfach sein, aber er musste es zumindest versuchen, musste seine Familie – oder was noch davon übrig war – wieder auf gesunde Beine bringen, musste alles versuchen und durfte nichts, aber schon gar nichts dabei verabsäumen, ermahnte er sich streng. Er würde kämpfen, würde alle Kämpfe in und um sich mutig zu Ende kämpfen und niemals aufgeben. Niemals. Nie.

Und wenn er dennoch verlieren würde, dann hätte er zumindest alles verloren.

VI.

Judith träumte von Zuckermelonen und freundlichen Elefanten, auf denen sie durch fröhliche Glitzerwelten ritt, wie in Tausendundeiner Nacht ritt sie durch diesen Glitter-Glitzer ihres Traumes und war nur in bunte Seidentücher gehüllt und mit einem Kopfschmuck aus goldenen Perlen und ins Haar geflochtenen Blumen bedeckt. So ritt sie auf dem Rücken eines rot und blau geschmückten Elefanten an orientalischen Tempeln vorbei bis in regengrüne Wälder hinein, ritt hocherhobenen Hauptes wie eine indische Prinzessin mit dem Punkt auf der Stirn, und alles jubelte ihr zu. Es war ein großartiges Gefühl, Prinzessin zu sein. Es war ein Fest, ihr Fest, wie sie meinte.

In den Blumen grummelte eine späte Hummel, und Fliegenpilze flogen durch die Luft und surrten und sirrten wie Bienen, als sie selber hocherhobenen Hauptes wie eine indische Prinzessin mit dem Punkt auf der Stirn auf dem Rücken eines rot und blau geschmückten Elefanten ritt und ihr, der schönen Prinzessin, alles und jeder zujubelte. Aber dann brach plötzlich ein Feuer aus, und Judith bekam große Furcht und noch größere Angst, weil sie nicht absteigen konnte, weil die Elefanten plötzlich allesamt verschwunden waren, weil sie mit einem Mal ganz alleine war, ganz alleine am Boden lag, dann in einem Zimmer lag. Da erst bemerkte sie, dass sie sich im Haus ihrer Mutter befand und dass sie an Händen und Füßen gefesselt war. Sie konnte sich nicht mehr bewegen und schrie verzweifelt in das Feuer hinein, atmete aber nur bitteren Rauch ein, der ihr die Luft zum Schreien mehr und mehr abschnürte.

Dann sah sie Blumen aus dem Feuer wachsen. Wie ungewöhnlich, dachte sie im Traum, dass Blumen aus dem Feuer wachsen und nicht verbrennen. Aus den Blumen im Feuer wurden Narzissen, wunderschöne gelbe und weiße Narzissen, die Judith so gerne mochte, wenn nämlich die Narzissen blühten, dann war der Frühling nicht mehr weit – und mit dem Frühling auch immer schon ein möglicher Sommer, deshalb hatte sie Narzissen ja auch so wahnsinnig gern, und deshalb sah sie auch wie gebannt auf diese Narzissenpracht, aus der Narzisse für Narzisse im Feuer der Frühling erblühte.

Aber mit einem Mal verwandelten sich die Narzissen in einen Menschen, in einen Mann, es war ihr Vater, der dort im Feuer stand und zu ihr herübersah.

Sie entfernte sich rückwärts von ihm wie von einem König. Und war er es in diesem Augenblick nicht auch ein bisschen, in diesem Feuermeer aus gelben und weißen Narzissen? Er der König und sie seine Prinzessin?

Ihr Vater rief ihr durch das Feuer etwas zu, aber sie verstand es nicht sofort, horchte genauer hin, aufmerksamer, und hörte dann, was er sagte, was er ihr zu sagen hatte.

Ich bin der Narziss, rief er ihr zu, ich bin der Narziss und du meine Narzisse. Dann ging er in Flammen auf und verbrannte im Feuer lichterloh. Judith war sprachlos und machte die Augen ganz weit auf, als sie, aus diesem Traum vom Schlaf aufgeschreckt, blind auf ihre Hände schaute.

Als Judith am nächsten Morgen wie jeden Morgen zum Frühstück in die Küche ging, wo sie zwar Clara noch nicht hörte, aber immerhin wusste, wo sie ihr Frühstücksmüsli fand, um es in ihr Schälchen zu schütten, erschrak sie fürchterlich, als sie am Küchentisch ihren Vater sitzen sah. Ihr Vater war tatsächlich da, ganz echt und nicht als Albtraumbild. Judith schaute ihn verängstigt an, saß der Traum von letzter Nacht doch noch viel zu tief in ihren Gliedern.

Ihr Vater sprach sie an und schaute ihr mit großem Ernst in die Augen. Judith fragte sich, wie ihr Vater in die Wohnung gekommen war, traute sich aber nicht, ihn anzusprechen. Er sagte gerade, dass sie so etwas so schnell nicht mehr machen dürften, und damit meinte er wohl, dass sie sich so lange nicht gesehen hatten und das nicht wiederholen sollten. Er sagte ihr, wie sehr er sie vermisst hätte und fragte sie, wie es ihr ging. Judith wusste in diesem Augenblick weder so richtig, wie es ihr tatsächlich ging, noch, was sie zu der ganzen Situation hier meinen sollte, was sie dazu meinen müsste. Sie dachte an die Blumen in ihrem Traum und wie sich die Blumen in ihren Vater verwandelt hatten, der dort im Feuer stand und zu ihr herübersah. Unwillkürlich entfernte sie sich schon wieder rückwärts von ihm wie von einem König. Und war er in diesem Augenblick nicht auch wieder ein bisschen so wie ein König aus Tausendundeiner Nacht? In diesem Moment riss sie wie in ihrem Traumgefüge von letzter Nacht die Augen sperrangelweit auf und sah, wie ihr Vater in Flammen aufging und im Feuer lichterloh verbrannte. Und doch war es nicht ganz so wie in ihrem Traum, denn jetzt sprach ja ihr Vater mit ihr.

Weißt du, sagte er ganz feierlich, es ist kein gutes Gefühl, dich so lange nicht sehen zu können, weil dann dieser Schmerz im Herzen so bedrohlich wird, zur Bedrohung für mich wird. Und das will ich nicht, weil ich ja nur mit dir zusammen sein will, weil wir ja zusammen gehören, weil du mein kleines Mädchen bist. Und deshalb müssen wir gerade jetzt so gut auf uns schauen, ja, ich will so gut auf uns schauen, will auf dich schauen, will auf mein kleines Mädchen schauen, das versprech’ ich dir. Ich versprech’ es dir, versprech’ es dir.

Judith verstand kaum die Hälfte von dem, was ihr Vater zu ihr sagte, und trotzdem hörte sie ihm zu, weil seine Stimme für sie so schön klang.

Willst du das, fragte ihr Vater sie nun.

Judith wusste nicht, was sie wollte oder nicht wollte oder wollen sollte oder nicht, und trotzdem nickte sie ihm freundlich zu. Da nahm sie ihr Vater in seine Arme und drückte sie fest an seine Brust.

Bin ich der Schmerz in seinem Herzen, dachte Judith, weil er mich so fest an sein Herz drückt, dass es ihm fast wehtun muss?

Sie sah zu ihm auf, und in diesem Augenblick traten Tränen aus seinen Augen. Da wusste Judith, dass sie der Schmerz in seinem Herzen war.

In diesem Moment ging die Tür auf und Clara kam herein. Erschrocken blickte sie von Jakob zu Judith zu Jakob zurück. Judith sah, dass Clara am ganzen Körper zitterte, als wäre ihr kalt. Überhaupt war sie anders als sonst, gar nicht freundlich, fand Judith.

Wie er hier hereingekommen sei, fragte ihn Clara mit zittriger Stimme.

Die Tür sei offen gewesen, meinte Jakob nur, Peter hatte wohl vergessen, sie zu schließen, als er außer Haus ging. Da war es naheliegend, einfach so einzutreten, ohne erst schrecklichen Lärm machen zu müssen.

Jakob sah schuldbewusst auf seine Hände, weil er wusste, dass er wie ein Eindringling wirken musste, was er schlussendlich irgendwie ja auch war.

Dann fragte ihn Clara, was er hier wolle. So plötzlich, wie sie sich ausdrückte.

Warum gerade jetzt, fragte sie ihn mit einer Angst, die tief in ihrer Kehle saß.

Judith wollte nicht hören, was die Erwachsenen sprachen, das fand sie alles langweilig, und sie wollte ja nur Spaß haben, fröhlich sein und lachen können. Deshalb ging sie hinaus und hörte nicht, wie Clara und Jakob sich aussprachen, dass Jakob in einer Woche kommen sollte.

In einer Woche würde sie, Clara, es dann mehr oder weniger begriffen haben, meinte Clara, als ihr Jakob vorsichtig sagte, dass er Judith wieder zu sich holen wollte.

Das Mädchen braucht einen Vater, sagte er im Tonfall eines Patriarchen, auch wenn ich vielleicht nicht der allerbeste Vater bin, möchte ich doch für meine Tochter sorgen können, so viel Verantwortungsgefühl, ja, so viel Verantwortungsgefühl besitze ich gerade noch.

Eine Woche, sagte Clara, dann kannst du Judith wieder zu dir nehmen, ich verspreche es.

Jakob zeigte sich einverstanden, wenn auch nicht überzeugt von dieser Idee, wollte Clara aber doch noch die Möglichkeit einer Woche mit Judith geben. Er trat zu Judith, gab ihr einen Kuss auf die Wange und sagte zu ihr, dass sie ihren Koffer und ihre Spielsachen zusammenpacken sollte, weil er sie nächste Woche abholen kommen würde. Und zwar mit dem großen gelben Auto, das sie doch so gerne hatte, weil es so lustig brummte, wenn ihr Vater auf das Gaspedal trat.

Judith wusste zwar nicht, warum es noch eine Woche – und das waren immerhin noch ganze sieben Tage mit ganzen sieben Mal schlafen –, warum es also noch eine ganze Woche dauern sollte, bis sie ihre Spielsachen in die große Umzugskiste packen sollte, aber die Aussicht auf das große gelbe Auto, mit dem sie abgeholt werden würde, ließ sie es vergessen.

Und Mutter, fragte sie ihren Vater noch, bevor er ging, wird Mutter auch wieder bei uns sein?

Ich weiß es nicht, war seine Antwort, ich weiß es leider wirklich nicht. Und damit schloss er langsam die Türe hinter sich.

VII.

Clara wurde zunehmend panisch.

In ihrem ganzen Leben hatte sie noch niemals solche Angst gehabt. In ihrem ganzen Leben war sie aber auch noch niemals so bedroht worden, und als Bedrohung sah sie Jakob, der ihr Judith wegnehmen wollte. Sie spürte, wie sie immer mehr die Kontrolle über sich verlor, spürte, wie sie kopflos reagierte, blindlings fast und ganz ohne Verstand, und spürte eine Lähmung, die sich vom Kopf aus in den Nacken vorarbeitete bis ganz hinunter zu ihren Zehenspitzen, da saß sie, die Angst, in ihren Zehenspitzen saß sie und lähmte sie von innen heraus. Sie spürte Herzrasen, Schwindel, Atemnot und griff sich in panischer Angst mit den Fäusten ins Gesicht und drückte ihre Finger tief in die Wangen hinein.

Was sollte sie tun? Was konnte und musste sie tun? Und was nicht? Wo sollte sie mit Judith hin? Was würde Jakob machen? Wie sollte sie weiterleben? Wie sollte sie so noch weiterleben? Wie denn? Wie? Und wer war sie überhaupt? Und was? Und wo? Wie? Wer? Die Fragen drehten sich wie ein Karussell in Claras Kopf, drehten sich schneller und immer schneller, drehten sich vorwärts und rückwärts und gerieten schier außer Kontrolle – wie auch ihr Verstand mehr und mehr außer Kontrolle geriet.

Flucht, dachte sie, weg von allem. Flucht. Fliehen. Flucht. Wirr wechselten die Gedanken zusammenhanglos in ihrem Kopf, schmiedeten einen Fluchtplan, dann eine Entführung auf Leben und Tod, Kindesraub, Kidnapping, was auch immer.

Clara atmete schwer. Sie kam sich vor wie in einem tiefen trüben Wasser, bekam noch weniger Luft und wollte nur noch auftauchen, an die Wasseroberfläche tauchen, mit Algen und Schlingpflanzen um ihren Hals, die sie nicht mehr aus dem Wasser ließen, immer weiter in die Tiefe rissen. Und immer panischer werden ließen.

Da kam Judith ins Zimmer gelaufen und taumelte ein bisschen vor Schreck, als sie Clara sah, denn die Angst, die um Clara war und die in Clara war, wurde zunehmend spürbar, greifbar. Und ansteckend. Sie verbreitete sich seuchenartig oder wie ein schwelendes Feuer, das sich mit seinen züngelnden Feuerszungen in das Gras um sich herum verbiss. Und in Bezug auf diese Gefahr hin waren mit einem Mal Clara und Judith miteinander verbunden, spürten sie doch beide eine Bedrohung, die sie aber trotzdem nicht benennen konnten, weil sie nicht sichtbar war, nur spürbar war, greifbar. Und ansteckend.

Clara rannte auf Judith zu, die sie wie versteinert anstarrte, packte das Kind am Arm und zog es an dem kleinen Arm in ihrer Hand aus dem Zimmer in den Vorraum. Dort riss sie einen Kinderregenmantel vom Bügel und warf ihn um die Schultern des Mädchens, das sie immer noch wie in Stein gemeißelt anstarrte und nur ganz langsam in die Ärmel des Kinderregenmantels schlüpfen konnte. Dann lief Clara, nur mit Hausschuhen bekleidet und ohne Jacke, mit dem Kind blindlings aus dem Haus auf die Straße hinaus, wusste nicht wohin, wusste nicht warum, wusste gar nichts mehr.

In diesem Moment kam zum großen Glück Peter nach Hause, sah gerade noch, wie Clara in höchster Eile um die Häuserecke verschwand, dachte sich zunächst nichts dabei, wurde aber unruhig, als er merkte, dass Clara aus dem Haus gegangen war, ohne zuzusperren. So etwas tat die stets bedachte Clara sonst nie, so etwas tat nur Peter, wenn er es eilig hatte. Die Besorgnis wuchs, als er sah, dass Clara ihre Straßenschuhe und ihre Jacke zurückgelassen hatte. Da musste etwas geschehen sein, und Peter zögerte keine Sekunde, sondern rannte Clara und Judith mit größtem Tempo, das er aufbringen konnte, hinterher, rannte so schnell wie schon lange nicht mehr, rannte fast um sein Leben.

Was war passiert, dass Clara so plötzlich wegmusste? War etwas mit Judith? Aber wenn es einen Unfall gegeben hätte, wäre doch der Krankenwagen gekommen und hätte das Mädchen ins Spital gefahren. Auch hätte ihn Clara zumindest angerufen.

Peter wurde nicht schlau daraus, da konnte er noch so viel nachgrübeln, was, wo, wie, als er etwa hundert Meter vor sich Clara über eine Straße sprinten sah, das erschöpfte Kind im Schlepptau hinter ihr. Er setzt nochmals zum Endspurt an und hatte die beiden schon fast erreicht, als er von einem vorbeifahrenden Radfahrer beinahe niedergefahren wurde, weil dieser, ohne zu schauen, nach links abbiegen wollte. Peter gab einen lauten schrillen Schrei von sich und konnte so den kopflosen Radfahrer auf sich aufmerksam machen. Das hatte wiederum zur Folge, dass der Radfahrer so sehr erschrak, dass er ins Schwanken kam und auf den Beton knallte. Clara und Judith hatten das Ganze scheinbar nicht mitbekommen, denn sie eilten weiter in Richtung Innenstadt.

Peter fluchte, half dem Radfahrer auf die Beine, schimpfte ein wenig und fragte ihn dann, ob er sich wehgetan habe.

Er glaube nicht, sagte der Radfahrer ein wenig eingeschüchtert. Es war ein junger Bursche um die Zwanzig, der daraufhin eine Entschuldigung vor sich her murmelte und seine Utensilien am Boden einsammelte, die er beim Sturz auf die Straße verstreut hatte. Ein bisschen hinkte er, und über dem rechten Auge hatte er längs der Stirn eine kleine Abschürfung. Aber Peter konnte sich jetzt nicht um die Bedürfnisse des Jungen kümmern.

Er sei in Eile, sagte er, schüttelte dem verunglückten Radfahrer die Hand zum Gruß und rannte dort weiter, wo er Clara und Judith in ihrer Tollheit vermutete. Dass es sich um so etwas wie eine Tollheit bei den zweien handeln musste, wusste er bereits genau, denn ansonsten hätten sie den Schrei aus seiner Kehle und den Sturz des Radfahrers bemerken müssen.

War es der Wahnsinn bei seiner Frau, der plötzlich ausgebrochen war und sie so unvernünftig handeln ließ? Eine Geisteskrankheit? Eine Störung ihrer Psyche, bei der sie unberechenbar wurde und sich eigenartig verhielt? Oder hatte das Ganze vielleicht eine ganz logisch nachvollziehbare Erklärung?

Hinter der nächsten Kurve blieb Clara stehen und schaute Judith an, die mittlerweile blind vor Tränen nur mehr schluchzte und hickste und immer wieder den Rotz zurückzog, der ihr jetzt schon fast über die Lippen bis in den Mund lief. Clara holte ein Taschentuch hervor, und gerade als sie damit Judith übers Gesicht wischen wollte, schoss Peter um die Kurve und blieb so abrupt stehen, dass er fast ins Schleudern kam und nur mit seinen rudernden Armen wieder zu Halt und Balance fand.

Überrascht sah ihn Clara, die scheinbar nicht mit ihm gerechnet hatte, an, fiel dann aber sofort in Abwehrstellung, weil sie ihre Fluchtdistanz zu Peter sinken spürte. Und auf einmal fing sie zu schreien an, schrie in einem hysterischen Anfall alles aus ihr heraus, schrie Schmerz und Schreck und Angst von sich, schrie Judith an, schrie Peter an, schrie ihren kaum enden wollenden Schrei, bis sie in ein klägliches Weinen verfiel, hintenüber sank und wie ein Embryo am Boden liegen blieb.

Langsam trat Peter zu ihr und strich ihr vorsichtig über den Arm, dann lockte er Judith zu sich, der er zu verstehen gab, dass Clara vielleicht krank war, vielleicht Fieber hatte, so wie ihr Kopf glühte, und dann zurück ins Bett müsste.

Warum hatte sie auch keine Jacke angezogen, sagte er zu Judith, damit diese nichts von Claras Wahnsinn und der Gefahr, in die sie das kleine Mädchen gebracht hatte, mitbekam.

Sogleich sah er Erkenntnis auf dem kleinen Gesicht aufleuchten und bewunderte insgeheim den Verstand des kleinen Mädchens, aber zu Clara hinzugehen traute sie sich trotzdem noch nicht, zu tief saß noch der Schreck in ihren Gliedern, zu tief war noch die Angst in ihr, die Angst vor Clara vielleicht, die sich ihr gegenüber so wunderlich verhalten hatte, als sie gemeinsam über die Straßen liefen. Clara lag noch immer zusammengekrümmt wie ein Ringelwurm in einem Kringel im Kreis am nackten Boden und schluchzte vor sich hin.

Peter holte sein Mobiltelefon aus der Hosentasche und wählte die Nummer der Rettung, die sie ins nächste Spital zu einer Untersuchung bringen sollte.

Seine Frau liege auf der Straße, sagte er ins Telefon hinein, sie habe wahrscheinlich einen panischen Anfall erlitten und er wisse nicht, was tun.

Wenige Minuten später kamen die Sanitäter, um Clara zu holen, nahmen ihre Personalien auf und brachten sie ins nächste Krankenhaus, wo sie ein paar Tage in stationärer Beobachtung bleiben müsse, dann werde man Peter bestimmt schon Näheres sagen können. Er brauche sich keine Sorgen zu machen, sagte der eine Rettungsmann in seiner roten Rettungskleidung zu Peter, sobald irgendetwas über Claras Zustand diagnostiziert sei, würden sie ihn umgehend informieren. Es sehe aber generell eher harmlos aus, meinte der andere, der seine rote Rettungsjacke ausgezogen hatte.

Vorsichtig halfen sie Clara in den Wagen und schlossen sie an einen Tropf an. Peter und Judith sahen nur noch eine Silhouette von Claras Hinterkopf, als das Rettungsauto sich immer weiter entfernte und dann ganz verschwand. Erst jetzt sah Peter, dass Judith weinte und nahm sie in seine großen breiten Arme, drückte sie an sich und strich ihr die Haare aus der Stirn.

Sternenstirn, hatte ihre Mutter früher immer gesagt, als sie Judith mit ihren sanften Händen über das Haar strich. Noch nie in ihrem Leben, seit ihr Geschwisterchen gestorben war, hatte Judith solche Sehnsucht nach ihrer Mutter gehabt, die immer so liebevoll gewesen war, bis dann Nurit geboren wurde. Von diesem Zeitpunkt an hatte sich ihr Leben verändert, hatte sich alles verändert. Weil sich ihre Mutter von diesem Zeitpunkt an verändert hatte. Und als das Baby dann gestorben war, hatte ihr Vater sie verlassen, hatte sie bei Clara gelassen, bei dieser Tante mit dem schönen Lächeln im Gesicht. Judith hatte sich bei ihr immer wohlgefühlt und wusste nicht, warum Clara plötzlich so komisch geworden war. Das machte ihr Angst, und das wollte sie Peter auch sagen, der sie so liebevoll in seine großen Arme genommen hatte, als er ihre Tränen sah. Er ließ ihr aber gar nicht die Zeit dazu, sondern brachte sie wieder zurück nach Hause, während er ununterbrochen am Telefon mit verschiedenen Kollegen sprach und ihnen Verschiedenes zu erklären versuchte.

In der Zwischenzeit sammelte Judith, immer noch ein Kind, das schnell auch wieder umgestimmt und beglückt werden konnte, viele herbstlich bunte, grelle Blätter und Kastanien vom Boden auf, die sie zu Hause dann mit Holzspießchen zu einem tausend-bunten Tiere-Zoo zusammenstecken wollte. Das hatte sie schon letztes Jahr unglaublich gerne gespielt. Und, ja, jetzt freute sie sich schon sehr auf dieses wundervolle Spiel in ihrem Zimmer, dass sie ihre Tränen dabei ganz vergaß.

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142 стр. 4 иллюстрации
ISBN:
9783903005532
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