Читать книгу: «Interaktionsbeobachtung von Eltern und Kind»

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Der Autor

Dr. André Jacob, Diplompsychologe und Psychologischer Psychotherapeut, leitet aktuell eine Berliner Erziehungs- und Familienberatungsstelle und war langjährig nebenberuflich als familienrechtspsychologischer Gutachter tätig. Er lehrt, unter anderem an der Psychologischen Hochschule Berlin, und publiziert in den Fachgebieten der Entwicklungs-, Erziehungs- und Familienpsychologie.

André Jacob

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Für

Ralf-Rüdiger Bohn

und

Bärbel Derksen

3., erweiterte und überarbeitete Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-041448-8

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-041449-5

epub: ISBN 978-3-17-041450-1

Inhalt

1  Einleitung

2  Teil I: Theorie und Methodik

3  1 Begriffsbestimmungen, Problematisierung und Systematisierung

4  1.1 Inhaltlich-funktionale Kategorien

5  1.1.1 Perspektive »Kind«

6  1.1.2 Perspektive »Elternteil«

7  1.1.3 Perspektive der »Eltern-Kind-Beziehung« als Entität

8  1.1.4 Perspektive »Elternbeziehung«

9  1.2 Formale Operationalisierung

10  1.3 Beispiele für Indikatoren zur Beschreibung der Eltern-Kind-Interaktion

11  1.3.1 Perspektive des Kindes

12  1.3.2 Perspektive des Elternteils

13  1.3.3 Perspektive der Eltern-Kind-Beziehung

14  1.3.4 Perspektive der elterlichen Beziehung

15  1.4 Schlussfolgerungen für die Beurteilung von Instrumenten zur Beobachtung der Eltern-Kind-Interaktion

16  2 Methodik der Verhaltensbeobachtung

17  2.1 Beurteilungseffekte

18  2.2 Gütekriterien

19  2.3 Auswertungsmethodik

20  2.4 Beobachtung der nonverbalen und verbalen Kommunikation

21  2.5 Zur Methodik der videounterstützten Verhaltensbeobachtung

22  Teil II: Interaktionsdiagnostische Verfahren

23  3 Zur Systematik der interaktionsdiagnostischen Instrumente

24  4 Verfahrensübersicht in Steckbriefen

25  4.1 Ausführliche Steckbriefe (in alphabetischer Reihenfolge der Kurztitel)

26  4.2 Kurz gefasste Steckbriefe

27  4.3 Schlussfolgerungen

28  4.3.1 Verfahrensbeurteilung

29  4.3.2 Synoptische Betrachtung der Beurteilungskategorien

30  Teil III: Praxis der Interaktionsbeobachtung

31  5 Durchführung

32  5.1 Setting

33  5.1.1 Hochstrukturierte Interaktionsepisoden nach Marschak

34  5.1.2 Still-Face-Paradigma (SFP)

35  5.1.3 Strukturierte Interaktionsepisoden bei klinisch auffälligem Bindungsverhalten

36  5.2 Instruktion

37  5.3 Auswertung

38  5.3.1 Beurteilung des Schweregrades

39  5.3.2 Vorgehensweise

40  5.4 Kommunikation der Ergebnisse

41  6 Vorschläge zur Praxis der Interaktionsbeobachtung geordnet nach Altersgruppen

42  7 Vorschläge zur Praxis der Interaktionsbeobachtung bei verschiedenen Indikationsfragestellungen

43  7.1 Interaktionsbeobachtung bei Fragen zur Bindung des Kindes

44  7.2 Interaktionsbeobachtung bei Fragen zur elterlichen Erziehungsfähigkeit

45  7.3 Beobachtung der dyadischen Interaktion bei verschiedenen klinischen Fragestellungen

46  7.3.1 Interaktionsbeobachtung bei frühkindlichen Regulationsproblemen

47  7.3.2 Interaktionsbeobachtung bei postpartal depressiven Müttern und ihren Kindern

48  7.3.3 Interaktionsbeobachtung kommunikativer Schwierigkeiten des Kindes bei (Asperger-)Autismus, Störungen des Sozialverhaltens und Depression

49  7.4 Beobachtung der triadischen Interaktion

50  8 Ausgewählte Anwendungsfelder

51  8.1 Interaktionsbeobachtung zu primär diagnostischen Zwecken

52  8.1.1 Familienrechtspsychologische Untersuchung

53  8.1.2 Interaktionsbeobachtung zur Indikationsentscheidung bei Pflegeeltern

54  8.2 Interaktionsbeobachtung im Rahmen verschiedener Interventionsbereiche

55  8.2.1 Erziehungsberatung: Spezialfall »Eltern-Kind-Interaktionsberatung«

56  8.2.2 Interaktionsbeobachtung im Rahmen der stationären Eltern-Kind-Interaktionstherapie

57  8.2.3 Interaktionsbeobachtung im Rahmen der Video-Interventionstherapie (VIT) nach G. Downing

58  8.2.4 Interaktionsbeobachtung im Rahmen des Entwicklungs- und Erziehungstrainings mit Video: Marte Meo

59  8.2.5 Interaktionsbeobachtung im Rahmen der Frühen Hilfen: das STEEP-Programm

60  9 Literaturverzeichnis

61  10 Anhang

62  Anlage 1: Checkliste zu Konstrukt, Facetten und Indikatoren der Eltern-Kind-Interaktion

63  Anlage 2: Münchner klinische Kommunikationsskalen (MKK)

64  Übersicht – Kodiersystem für das spontane Zwiegespräch

65  Erläuterung des Kodiersystems für das spontane Zwiegespräch

66  Übersicht – Kodiersystem für die »Spielzeug-Sequenz«

67  Erläuterung des Kodiersystems »Spielzeug Sequenz«

68  Anlage 3: Fremdbeurteilungsskalen Eltern-Kind- Interaktions-Profil (EKIP)

69  Dokumentationsbogen

70  Anlage 4: Mannheimer Beurteilungsskalen zur Erfassung der Mutter-Kind-Interaktion im Säuglingsalter (MBS-MKI-S)

71  Manual

72  Literatur

73  Anlage 5: Kategorien zur Beschreibung interaktiver Episoden nach G. Downing, A. Jacob u. a. (Bearbeitungsstand: 2021)

74  Interaktionsbeobachtung nach Downing, Jacob u. a.

75  Anlage 6: Beobachtungskategorien zur Beschreibung elterlicher Erziehung mit dem Fokus auf »Interaktion« (nach Jacob und Wahlen 2006):

76  A: Elterliche Verhaltenssysteme

77  B: Interaktionsmechanismen

78  C: Elterliche Affektmuster

79  Anlage 7: Beavers Interaktionsskalen

80  Übersicht

81  Familienkompetenzskalen (FKS)

82  Familienstilskalen (FSS)

83  Stichwortverzeichnis

Einleitung

Im Juni 1999 erlebte ich am Kinderzentrum in München mein erstes und – wie sich leider bald zeigen sollte – auch eines der letzten noch vom Ehepaar Hanouš und Mechthild Papoušek1 gemeinsam veranstalteten Grundlagenseminare zu Regulationsproblemen der frühen Kindheit. Es eröffnete mir eine Welt in das Verstehen kindlicher Entwicklungsprozesse und ihrer Verwobenheit in Eltern-Kind-Interaktionen, wie dies bis dahin für mich kaum vorstellbar gewesen war. Einen besonderen Reiz übten die Untersuchungen zur »intuitiven Elternschaft« aus, bei der sich das Forscherpaar Papoušek nicht nur einer ausgefeilten Untersuchungsmethodik, sondern auch der damals neuesten technischen Möglichkeiten zur videografischen Aufzeichnung bediente. »Je jünger das Kind, um so unmittelbarer drückt es sich in seinem gesamten Verhalten aus, umso deutlicher erschließt das beobachtbare Verhalten den Zugang zur körperlichen, psychischen und sozialen Entwicklung und ihren Störungen« schrieben die Papoušeks bereits im Jahr 1981 (Papoušek & Papoušek, 1981, S. 20). Sie wiesen »außerdem darauf hin, dass der Einsatz von Film- und Videotechnik eine Ausdehnung des Gegenstandsbereichs bedeute. Sie ermöglicht auch eine Art mikroskopischer Betrachtung, eine Ausweitung der physiologischen Grenzen der Sinnesorgane bis in den Bereich des Unsichtbaren und Unhörbaren sowie eine hohe zeitliche Auflösung, die auch flüchtige, unwillkürliche Verhaltensweisen und feinste Interaktionsstrukturen verläßlich erfaßbar macht« (ebd.). Daraus ergäben sich entscheidende methodische Vorteile. Eine gute Aufzeichnung »ermöglicht dieselbe Szene einmal einfühlend, u. U. in wechselnden Rollen, mitzuerleben, einmal aus objektiver Distanz2 einzelne Elemente des Verhaltens auszuwerten, oder von mehreren Beobachtern unabhängig auswerten zu lassen. Was sich auf verschiedenen Ebenen oder bei mehreren Partnern parallel abspielt, kann nach und nach oder im zeitlichen Zusammenspiel bis ins Detail beschrieben werden. Und es ist möglich, zur selben Szene mit neuen Erkenntnissen und Fragestellungen zurückzukehren« (Papoušek & Papoušek, 1981, S. 21. zit. nach Thiel, 2011, S. 808).

Mir wurde allmählich klar, wie tiefgreifend diese Sicht- und Arbeitsweise die Untersuchung der frühkindlichen Entwicklung und ihrer Sozialisationsinstanzen beeinflussen dürfte und welche Konsequenzen dies für die Diagnostik und Beratung von Familien mit Säuglingen und Kleinkindern haben würde. Was ich im Jahr 1999 noch nicht ahnte, war, welch große Herausforderung an die eigene Fähigkeit zur Objektivierung, zur Systematisierung und zur theoretischen Reflexion ein solches Arbeiten mit sich bringt und wie sich immer wieder neue Fragen beim Lösen eines Problems in diesem Feld auftun. Um der eigenen inneren – nicht selten kaum auflösbar scheinenden – Verwirrung zu entgehen, entstand dieses Buch: Es zielt auf mehr Systematik und Vollständigkeit als bisherige Literatur; es ist jedoch vor allem dazu gedacht, diagnostisch Praktizierenden3 bei der Auswahl von Methoden und Instrumenten behilflich zu sein, indem von Kolleginnen und Kollegen als auch von mir selbst stammende Erfahrungen und Überlegungen als Praxisempfehlungen formuliert werden.

Das Praxisbuch beschränkt sich auf die Vorstellung und Analyse von verhaltensbeobachtenden interaktionsdiagnostischen Verfahren und schließt Verfahren und Methoden – nicht zuletzt auch wegen der kritischen Ausprägungen in den Gütekriterien (vgl. Gloger-Tippelt & Reichle, 2007, S. 404) – aus, die darüber hinausgehen, also beispielweise Fragebögen, Interviews oder szenisch-projektive Verfahren, die ebenfalls der Gruppe der interaktionsdiagnostischen Methoden zuzuordnen sind.

Zum Umgang mit dem Buch

Je nach Interesse der Lesenden kann das Buch auf unterschiedliche Weise rezipiert werden:

• Wer sich für theoretische und methodische Hintergründe interessiert, sollte den ersten Teil in die Lektüre miteinbeziehen.

• Wer sich zunächst nur einen Überblick über gängige Verfahren verschaffen möchte, sollte sich vor allem mit dem zweiten Teil beschäftigen.

• Wer Empfehlungen zur generellen Anwendung oder zu spezifischen Themen und Fragestellungen erhalten möchte, kann den Schwerpunkt auf den dritten Teil legen.

• Im Anhang finden sich einige Instrumente, die aufgrund ihrer Publikation oder durch freundliche Genehmigung der Autorinnen und Autoren für eine sofortige Nutzung zur Verfügung stehen.

Das Zustandekommen dieses Buches wäre nicht ohne die Hilfe einiger Menschen denkbar, denen ich an dieser Stelle ganz besonders danken möchte: Ursula Geißler, Anne Huber und Brit Bonin für ihre wertschätzend-kritische und anreichernde Durchsicht des Manuskriptes, George Downing für seine Ermutigung und seine hilfreichen Kommentierungen, Heike Morche und Brit Bonin für ihre jeweiligen Beiträge in diesem Buch und für ihre Hilfe beim Sichten der vielen Materialien sowie Peter Bertz und Sophia Kugler, die mich ebenfalls beim Recherchieren umfassend unterstützt haben.

Nicht zuletzt gilt auch dem Kohlhammer Verlag mein Dank für die wohlwollende und zugleich aufmerksam-kundige Bearbeitung des Manuskriptes sowie für die Möglichkeit, nun auch die dritte, aktualisierte Auflage dieses Buches fertigstellen zu können.

1 Hanouš Papoušek verstarb leider schon ein Jahr darauf (1922–2000).

2 Anstelle des Begriffs der »Objektivität« sollte eher der Begriff der »Beurteilerunabhängigkeit« stehen, um eine Verwechslung mit dem erkenntnistheoretischen Terminus der »objektiven Wahrheit« zu vermeiden.

3 Es werden, wenn möglich, gendergerechte Begriffe oder die Doppelschreibweise verwendet. Geschlechtsspezifische Formulierungen in Quellen oder Fachbegriffe werden in ihrer Form belassen.

Teil I: Theorie und Methodik

1 Begriffsbestimmungen, Problematisierung und Systematisierung

Zwei wesentliche Quellen münden in den aktuellen Strom der Eltern-Kind-Interaktionsbeobachtung.

Entwicklungsdiagnostik als erste Quelle

Den ersten Quell bildet die auf eine lange Tradition zurückreichende Entwicklungsdiagnostik. Im deutschsprachigen Raum war hinsichtlich der Methode der Verhaltensbeobachtung der von Charlotte Bühler und Hildegard Hetzer 1932 publizierte Kleinkindertest (Bühler & Hetzer, 1932) ein erster Meilenstein. Durch eine 24-stündige Dauerbeobachtung des Verhaltens von Kindern unter sechs Jahren wurden diagnostisch wichtige Beobachtungsdaten generiert. Bis zum heutigen Tag verweisen die Autorinnen und Autoren von Entwicklungstests (im Überblick z. B. Esser & Petermann, 2010, Kastner-Koller & Deimann, 2009) auf die Bedeutung der Verhaltensbeobachtung während der diagnostischen Untersuchung insbesondere im Kleinkindalter, da sie oftmals die einzige Möglichkeit darstelle, »Einblick in die Kompetenzen des Kindes zu erlangen, solange das Sprachverständnis die Befolgung von Testinstruktionen noch nicht erlaubt und die expressive Sprache, aber auch die kognitiven Fähigkeiten ein diagnostisches Interview noch nicht ermöglichen« (Kastner-Koller & Deimann, 2009, S. 98).

Familiendiagnostik als zweite Quelle

Die Notwendigkeit von Verhaltensbeobachtung in der Entwicklungsdiagnostik begründet sich jedoch nicht allein aus der Einschränkung der symbolischen Kommunikation im frühkindlichen Alter. Sie gewinnt als entwicklungsdiagnostische Methode auch zunehmend an Bedeutung, weil sie den Zugang zu komplexen, qualitativen und dynamischen Aspekten (wie z. B. der Affektivität des Kindes und dessen sozialer Kommunikationsfähigkeit) verspricht. Bei den damit verbundenen Fragestellungen besteht eine Schnittmenge zwischen der Entwicklungsdiagnostik und der zweiten Quelle der Verhaltensbeobachtung. Diese wird durch die Familiendiagnostik gebildet, zu deren Repertoire die Interaktionsbeurteilung seit den 1980er Jahren gehört. Heute gängige Entwicklungstheorien gehen systematisch davon aus, dass sich die menschliche Persönlichkeit in sozialen Beziehungen entfaltet. Diese Ansicht fußt auf einer langen Tradition (Kreppner, 2005), welche durch die Entdeckung und den Ausbau der systemischen Perspektive einen großen wissenschaftlichen und methodologischen Auftrieb erhielt (Gloger-Tippelt & Reichle, 2007). Der Hinwendung zur Familie als Sozialisationsinstanz (z. B. Bronfenbrenner, 1974, 1981) folgten Versuche, familiäre Kommunikation zu diagnostizieren (ältere Literatur referiert beispielsweise Brunner, 1984, eine Zusammenschau jüngerer Literatur bieten z. B. Cierpka, 2008 und Schneewind, 2005). Rasch wurde deutlich, dass Familiendiagnostik verschiedene Ebenen miteinander verknüpfen muss (Belsky, 1981; Kreppner, 1984), indem das kindliche – entwicklungspsychologisch determinierte – kommunikative Verhalten in Bezug gesetzt wird zur elterlichen – auf das Kind bezogenen – Kommunikation und dies hinsichtlich Qualität, Quantität, Dynamik und Performanz. Letztendlich erkannte man, dass es sich bei der wissenschaftlichen Beschreibung und möglichst objektiven Abbildung von Eltern-Kind-Kommunikation um hoch komplexe und dynamische Vorgänge handelt. Dies dürfte auch einer der Hauptgründe dafür sein, weshalb es bis heute so zahlreiche diagnostische Versuche und Instrumentarien in diesem Bereich gibt.

Einen wissenschaftlich-methodischen Schub bekam die Familiendiagnostik zu Beginn der 1990er Jahre durch die Möglichkeit, kommunikatives Handeln praktikabel und kostengünstig zu videografieren. Damit schien das gesamte kommunikative Verhaltensrepertoire der Diagnostik zugänglich zu werden. Zugleich jedoch vermehrte sich auch die Menge der beobachtbaren Items und Daten exponentiell. Die Auswertung solcherart Interaktionsbeobachtungen verlangte demzufolge wiederum ein Mehr an Systematik und Verdichtung. Bis heute ist diese Entwicklung nicht abgeschlossen. Für die Praxis jedoch ergibt sich ein Dilemma: Wie kann es gelingen, im Dschungel der Vorgehensweisen und im Dickicht der Interaktionsbeobachtungsinstrumente das für die jeweilige Fragestellung Passende auswählen? Um dies ein wenig zu erleichtern, wurde dieses Buch – nicht zuletzt der selbst erfahrenden Not des Autors geschuldet – verfasst.

Nachfolgend wird nun zunächst der Versuch unternommen, einige zentrale Begriffe zu definieren und ggf. so zu problematisieren, dass die anschließenden Erläuterungen des diagnostischen Potentials von Interaktionsbeobachtung für die Lesenden plausibel nachvollziehbar werden.

Kommunikation

Der Begriff der »Kommunikation « wird im Allgemeinen als ein Prozess des Informationsaustausches verstanden. Menschliche Kommunikation ist demnach der Informationsaustausch zwischen Menschen. Interaktives Verhalten kann unter der Perspektive der Kommunikation als informationsaustauschendes, psychisch reguliertes Handeln zwischen Personen beschrieben werden. Es »beinhaltet die durch Zeichen vermittelte Abbildung von Bedeutungen zwischen Individuen. Damit ermöglicht sie die Weitergabe menschlicher Erfahrungen in und zwischen den Generationen« (Hiebsch & Vorwerg, 1980, S. 275).

Kommunikation ist der Informationsaustausch von Personen, die zueinander in einer sozialen Beziehung stehen, wenn sie durch mindestens ein stabiles Interaktionsmuster miteinander verbunden sind.

Interaktion

Interaktionen werden Sprach- oder andere Handlungen von zwei oder mehr Personen genannt, die sich unmittelbar aufeinander beziehen (Richtungs- und Zielbezug; vgl. z. B. Bales, 1972). Diese Handlungen sind operationalisierbar, mithin beobachtbar. Sie sind praktisch »bezogenes Handeln«. Sie lassen auf die Beziehungsschemata der Beteiligten schließen und, bei einer größeren Stabilität und Konsistenz, auf deren Beziehungseinstellungen.

Unter einem Interaktionsmuster werden wiederkehrende in zentralen Merkmalen ähnliche Handlungen oder Handlungsketten verstanden, die Beobachterinnen und Beobachter auf eine Beziehung zwischen den Akteuren schließen lassen. Die Definition von Ähnlichkeit bzw. die Überschreitung der Grenze zur Unähnlichkeit wäre eine Anforderung an die Konstrukteure und Konstrukteurinnen von interaktionsdiagnostischen Instrumenten.

Beziehung

Beziehung ist ein Konstruktbegriff, der sich in seinem Konstruktcharakter von der beobachtbaren, damit auch operationalisierbaren »Interaktion« unterscheidet. Welches theoretische Konzept (Konstrukt) von »Beziehung« in das jeweilige interaktionsdiagnostische Instrument einfloss, sollte in der Publikation expliziert werden.

Beziehung ist nicht statisch zu verstehen, auch wenn Begriffe wie »Muster« oder »Einstellung« eine relative Stabilität suggerieren. Ein Konzept, das der Dynamik im wechselseitigen interaktiven Geschehen gerecht zu werden verspricht, scheint das der »Wieder-Herstellung von Passung« zu sein. Darauf verweisen Thomas und Chess (1977), die ein kumulatives und wechselseitiges Verhältnis von Anlage- und Umweltfaktoren postulieren und auf »den ursprünglich von Henderson (1913) vorgeschlagenen Begriff der Übereinstimmung (›goodness of fit‹)« zurückgreifen (Resch, 2004, S. 37).

Will man diesem Konzept folgend Beziehung erkennen und beschreiben, muss es gelingen, nicht nur die Fits oder Misfits (Largo & Benz-Catellano, 2004) zu erfassen, sondern Beziehung als ein dynamisches autopoietisches System (im Sinne Luhmanns, 1984) als »Match-Mismatch-Repair-Circle« (Tronick, 2007) zu verstehen und abzubilden. Mechthild und Hanouš Papoušek entwickelten diesen Ansatz bereits im Jahr 1990. Mechthild Papoušek baut ihn – nach dem Tode ihres Mannes – bis zum heutigen Tag aus (z. B. Papoušek, 1999) und stellt immer wieder eine Kompatibilität zu neueren Forschungsergebnissen und Paradigmen her (Papoušek, 2004; Papoušek, 2015).

Beziehungseinstellung steht für die allgemeine stabile Haltung einer Person zu Beziehungen. Auf sie ist zu schließen mit Hilfe des explorierenden Gesprächs sowie über die Erfassung von Interaktionsmustern (vgl. auch Asendorpf, Banse & Neyer, 2017).

Interaktionsbeobachtung

Die Arbeitsdefinition der hier gemeinten Interaktionsbeobachtung umfasst die Beobachtung und Beurteilung von bezogenem (interpersonalem) Verhalten.

Kommunikationsbeobachtung bezieht sich demzufolge auf die Beobachtung und Bewertung einer Teilmenge interaktiven Verhaltens, nämlich dem Verhalten, das dem Informationsaustausch der Beteiligten dient.

Mithilfe der Interaktionsbeobachtung soll also nicht nur Verhalten beobachtet werden, sondern auch aus beobachteten interaktiven Handlungen Schlüsse auf Beziehungsmerkmale und von diesen wiederum auf die grundlegende dyadische Beziehung (z. B. auf den Bindungscharakter) oder auf Kompetenzen zur Interaktionsgestaltung der Akteure (z. B. Feinfühligkeit) gezogen werden. Wie bedeutsam die Wahl des theoretischen Rahmens für die Schlussprozesse ist, betonen beispielsweise Gloger-Tippelt und Reichle (2007, S. 402) mit Verweis auf die Heuristik des Bindungskonzeptes nach Bowlby.

In der Praxis ist sehr exakt darauf zu achten, ob es sich bei den Interaktionsbeschreibungen um beobachtbares Verhalten oder bereits um Zuschreibungen/ Deutungen handelt. So wird beim CARE-Index, der in Kapitel 4 vorgestellt wird, beispielsweise versucht einzuschätzen, welche Funktionalität das kindliche Verhalten hat. Streng genommen ist dies bereits ein Schlussprozess, der in vielen Urteilsbildungen jedoch nicht entsprechend expliziert wird, obwohl sich damit sprunghaft der Grad von Subjektivität in der Beurteilung erhöht.

Einige interaktionsbeobachtende Instrumente erfüllen den Anspruch, nicht nur interpersonale (speziell kommunikative) Handlungen zu erfassen, sondern auch Schlussprozesse auf Handlungsmuster sowie auf diesen zugrunde liegende Einstellungen und Repräsentationen vorzunehmen. Dies ist für die Praxis von größtem Interesse, denn was soll man mit streng ausgezählten rein beobachtbaren Daten, wie z. B. den »Blickkontakten des Kindes zum Elternteil je Minute« anfangen, wenn ihnen kein inhaltliches Referenzsystem zur Verfügung steht?

Analysiert man die bisher vorliegenden Instrumente, so scheint es am angemessensten, die Beobachtungskategorien zur Einschätzung der Eltern-Kind-Interaktionen nach zwei Gesichtspunkten zu ordnen:

1. nach der Funktionalität der Interaktion möglichst aus vier Perspektiven: Kind, Elternteil, Elternteil-Kind sowie Elternbeziehung.

Der hier gemeinten Einschätzung von Funktionalität des interaktiven Verhaltens liegt bereits ein erster Deutungsprozess des Diagnostikers zugrunde. Daher ist es methodisch und psychologisch sinnvoll und erforderlich, diesen ersten Schlussprozess mit Hilfe eines Bewertungsinstrumentes auch plausibel4 zu begründen und methodisch so zu gestalten, dass eine möglichst große Übereinstimmung der Beurteilenden bezüglich Validität und Reliabilität erzielt wird.

2. Differenzierung der Kategorien zur Interaktionsbeobachtung unter formalen Gesichtspunkten

Diese beiden Aspekte der »Funktionalität« und der »formalen Operationalisierung« werden im folgenden Abschnitt in einer ersten Annäherung – und zwar jeweils geordnet nach der Perspektive »Kind«, »Eltern«, »Eltern-Kind-Beziehung als Entität« und »Elternbeziehung« – überblicksartig dargestellt. Auf diese Weise sollen die Lesenden die Möglichkeit erhalten, die dann im zweiten Teil folgenden inhaltlichen Bewertungen bei der Skizzierung einzelner Verfahren besser nachvollziehen zu können. Am Ende des 4. Kapitels ( Kap. 4.3) wird schließlich eine synoptische Betrachtung der Facetten und Indikatoren der ausgewerteten Beobachtungsinstrumente vorgestellt, die als Grundlage für weitere Forschung aber auch bereits zur praktischen Nutzung als eine Art Checkliste verwendet werden könnte ( Anlage 1).

1.1 Inhaltlich-funktionale Kategorien5
1.1.1 Perspektive »Kind«

Unter funktionalem Aspekt ist zu fragen, worauf die Eltern-Kind-Interaktion hinzielt? Entwicklungspsychologisch dient sie insbesondere:

1. der Befriedigung sinnlich-vitaler Bedürfnisse und der Regulation der Verhaltenssysteme des Kindes (vgl. z. B. Als & McAnulty, 2001; Ziegenhain & Fegert, 2018)

2. der Entwicklung der Mentalisierung des Kindes (vgl. im Überblick z. B. Fonagy, Gergely, Jurist, Target & Vorspohl, 2006; Bischof-Köhler, 2011; Kalisch, 2012; Taubner & Wolter, 2016)

3. der Entwicklung von »Autonomie« des Kindes (vs. Abhängigkeit) (vgl. z. B. Keller & Chasiotis, 2008; Keller, 2011)

4. der Entwicklung von Interdependenz (»Bezogenheit vs. Unbezogenheit«) (vgl. z. B. Keller & Chasiotis, 2008; Keller, 2011; Lohaus, Ball, & Lißmann, 2004)

5. der Entwicklung kognitiver und exekutiver Funktionen des Kindes (z. B. Berger, 2010; Lepach, Lehmkuhl, & Petermann, 2010; Pletschko et al., 2020)

6. der Entwicklung perzeptiver und motorischer Funktionen sowie der sensomotorischen Integration (z. B. Karnath & Thier, 2012; Pletschko et al., 2020)

7. der Entwicklung selbstregulativer Kompetenzen insbesondere der Impulskontrolle und der Affektregulation (z. B. Papoušek, 2012; Klinkhammer & von Salisch, 2015)

Diese zentralen entwicklungspsychologischen Themen sind teilweise verschränkt, jedoch (noch) nicht durch ein gemeinsames theoretisches Konzept gerahmt. Deshalb kann diese Aufzählung auch keineswegs als abgeschlossen gelten. Dennoch stellt sie den »Fluchtpunkt« interaktioneller Diagnostik in Bezug auf das Kind dar.

1.1.2 Perspektive »Elternteil«

Ebenfalls funktional betrachtet, denn dies wird quasi genuin aus dem Begriff »Elternschaft« definiert, stehen mit Blick auf ein Elternteil die folgenden – sich zum Teil ebenfalls überschneidenden – Themen im Fokus von Interaktionsbeobachtung:

1. Rahmung und Sicherung der Interaktionsepisode, insbesondere durch Strukturgebung in Raum und Zeit, Instruktion und Antizipation von Handlungen

2. Vermittlung von Sicherheit, insbesondere durch Gestaltung des affektiven Klimas (Wärme und Geborgenheit), durch Schützen und Trösten

3. Regulationshandlungen und Förderung selbstregulativer Handlungen des Kindes bei Stress, bei positiven, negativen und ambivalenten kindlichen Signalen, auch bei »Übergängen« (insbesondere durch affektregulierende Handlungen)

4. Unterstützung und Förderung des Kindes in Bezug auf dessen Autonomie- (Exploration), Bezogenheits- (Nähe) und Erholungswünsche

5. Unterstützung und Förderung des Kindes in Bezug auf dessen Mentalisierung; insbesondere durch Affektmarkierung und -spiegelung, durch Unterstützung des kindlichen Symbolspiels (im »Als-ob-Modus«) sowie die Kommunikation mit dem Kind über dessen Gedanken, Fantasien und die dadurch ausgelösten Empfindungen (dem sog. »psychischen Äquivalenzmodus« vgl. Kalisch, 2012; nach Gergely im Überblick z. B. Kohlhoff, 2018; Taubner & Wolter, 2016; Taubner, Fonagy & Bateman, 2019)

6. Unterstützung des prozeduralen Lernens (Papoušek & Papoušek, 1999, S. 121 f.)

7. Korrektur eigener kommunikativer Fehler und Missverständnisse

1.1.3 Perspektive der »Eltern-Kind-Beziehung« als Entität

Bei der Annäherung an diese Perspektive lassen sich mindestens drei verschiedene Zugänge voneinander unterscheiden.

1.1.3.1 Versuche, Beziehung mit Hilfe musikalischer Qualitäten zu beschreiben

Die Autorinnen des Eltern-Kind-Interaktionsprofils (EKIP) (Ludwig-Körner, Alpermann & Koch, 2006) und deren österreichische Vorgängerinnen (Cizek & Geserick, 2004) beschreiben das Eltern-Kind-Wechselspiel als eine eigene Qualität. Dass sie sich dafür an Metaphern aus der Musik bedienen, lässt den Ansatz einerseits nachvollziehbar und praktikabel scheinen, deutet aber zugleich auf ein begriffliches und damit auch theoretisches Defizit der Psychologie der Beziehung hin.

Die Autorinnen unterscheiden drei Beziehungsqualitäten, auf die weiter unten in Kap. 7.3. sowie in der Anlage 3 noch ausführlicher eingegangen wird:

1. Qualität der Grundmelodie bzw. Tonart: Tonalität vs. Atonalität, Balance, Harmonie vs. Disharmonie, Kongruenz vs. Dyskongruenz, Synchronizität vs. Dyssynchronizität

2. Grundrhythmus: Tempo (Allegro oder Adagio), »Speed«, Frequenz der Signalemission

3. Lautstärke: Wie laut und kräftig sind die Äußerungen? (Pianissimo bis Fortissimo), Temperament, Stärke, Kraft, Energielevel beider Dialogpartner

1.1.3.2 Beschreibung der »Eltern-Kind-Beziehung« mittels psychologischer Termini

1. Passung: Der Begriff der »Passung« kann nicht ohne seine funktionale Bedeutung definiert werden. Demnach ist jeweils die Frage zu beantworten, wozu denn die Passungsherstellung dient. Dies soll an einem Beispiel erläutert werden: Die Betrachtung einer Eltern-Kind-Fütter-Episode kann z. B. unter der Fragestellung erfolgen, ob es Elternteil und Kind gelingt, den Hunger des Kindes zu stillen. Die Beobachtung wird in diesem Fall auf Sättigungszeichen des Kindes gelenkt. Erst in zweiter Linie ist dann vielleicht von Interesse, wie effizient die Fütterung durch den Erwachsenen erfolgte. Eine Frage, die sich dagegen nicht selten bei essgestörten Eltern stellt, ist ob und inwiefern diese in der Fütter-Episode Schwierigkeiten haben, die kindlichen Affekte angemessen zu spiegeln. Weitere Fragestellungen sind denkbar. Ferner ist es erforderlich, die Passung in verschiedenen Situationen zu beobachten. Ritterfeld und Franke (1994/2009 und neuerdings: Franke & Schulte-Hötzel, 2019) inszenieren hierfür Aufgaben, die zum einen Stress evozieren und zum anderen emotionale Abstimmung und Kooperation erfordern. Die Passung kann dabei natürlich sehr unterschiedlich ausfallen. Mit Blick auf eine Gesamteinschätzung ist daher zu fragen, wie und wozu der Passungsbegriff verwendet werden kann. Ein einfaches quantitatives Urteil reicht nicht aus, da es unterschiedliche Interaktionshandlungen unzulässig miteinander verrechnen würde.

Passung

2. »Interaktionsverantwortung« legt den Fokus darauf, wer die Führung in welcher Interaktionsepisode sowie im gesamten Interaktionsprozess übernimmt (Franke & Schulte-Hötzel, 2019, in Weiterführung der Ideen von Ann M. Jernberg und Marianne Marschak).

Interaktionsverantwortung

3. »Kontakt« beschreibt, wer von beiden Interaktionsbeteiligten den kommunikativen Austausch auf welche Weise (Modus, Frequenz, Intensität) initiiert, aufrechterhält und beendet. Downing (2009) erweitert die Bedeutung um einen dynamischen Aspekt, nämlich den der Fehlerkorrektur (»match-mismatch-repair-cycles« in Anlehnung an Tronick, 2007; vgl. auch Favez, Scaiola, Tissot, Darwiche, & Frascolo, 2011). Es bleibt zu klären, ob dieser Aspekt nicht dem der »Passung« zuzurechnen ist, da diese die Wiederherstellung gelingender Kommunikation nach einem »Miss-Verstehen« impliziert.

Kontakt

4. Die Kategorie der »Entwicklungsadäquanz « (Kastner-Koller & Deimann, 2009) zielt auf die Einschätzung, inwieweit die Interaktion quantitativ für das Kind eine Unter- oder eine Überforderung bedeutet und ob sie qualitativ dem kindlichen Entwicklungsstand adäquat gestaltet wurde.

Entwicklungsadäquanz

5. Bindungsqualität: Diese Kategorie scheint in der Fachliteratur nicht vollständig ausdefiniert zu sein, weil in der Regel unklar bleibt, ob beobachtbares kindliches Bindungsverhalten beschrieben wird (was ja eher der Perspektive des Kindes zuzurechnen wäre) oder ob es sich tatsächlich um eine neue bidirektionale Gesamtqualität handelt, wofür die Autorinnen und Autoren auf die klassischen Bindungsmusterbegriffe bzw. die dazu passenden elterlichen Verhaltensweisen zurückgreifen.

Bindungsqualität

6. »Joint attention « (auch »geteilte Aufmerksamkeit«) »wird als Anzeichen einer triadischen Interaktion gewertet, weil Mutter, Kind und Objekt beteiligt sind, auf das beide fokussieren. […] Baron-Cohen […] interpretiert dies als einen Hinweis auf ein erstes Verständnis mentaler Zustände. Das Kind verstehe, dass die Mutter seine Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Objekt hinlenken möchte. Im umgekehrten Fall möchte das Kind die Mutter dazu bringen, dasselbe zu sehen wie es selbst, um ihre Aufmerksamkeit mit ihm zu teilen« (Bischof-Köhler, 2011, S. 248; vgl. auch Pauen, Frey & Ganser, 2012, S. 31; Siposova & Carpenter, 2019).

Joint attention

Diese Kategorien bilden – bis auf die der Entwicklungsadäquanz, die wohl eher der Elternperspektive zuzurechnen ist – eine erste Anregung zur weiteren Erforschung und fundierten Beschreibung der Eltern-Kind-Beziehung, wurden jedoch bisher wissenschaftlich noch nicht so weitgehend operationalisiert, dass eindeutige Beobachtungsindikatoren ableitbar sind.

1.1.3.3 »Beziehung« als »Gesamtindex«

Care-Index

Mit dem CARE-Index geht Patricia Crittenden (2005) schließlich einen dritten Weg, indem sie eine Art Gesamtindex aus verschiedenen Teilurteilen bestimmen lässt. Die entsprechenden Bewertungsvarianten der Beziehung lauten in diesem Fall: »sensitiv«, »adäquat«, »unbeholfen« oder »gefährdet«. Diese Beurteilungen scheinen deutlich aus der Perspektive der Eltern und mit dem Fluchtpunkt der kindlichen Entwicklung(-sgefährdung) formuliert zu sein ( Kap. 4.1).

Es scheint plausibel, will man die Beziehung als Entität beurteilen, ein Beurteilungsziel wie die »Förderung bzw. Behinderung dieser oder jener entwicklungspsychologischen Kategorie des Kindes« zu implementieren. Aus pragmatischer Sicht verweist ein solches Vorgehen deutlich auf die Auswahl von Interventionszielen und -methoden. Allerdings stellt sich dann auch die Frage, ob es überhaupt noch einer holistischen Beziehungseinschätzung bedarf oder ob diese Einschätzung in die Beurteilung des Elternteils mit aufgenommen werden kann.

1.1.4 Perspektive »Elternbeziehung«

In zahlreichen Veröffentlichungen werden »elterliche Erziehungspartnerschaft«, »Eltern-Allianz« oder »Co-Parenting« als Beziehungstypus beschrieben (z. B. Gabriel & Bodemann 2006, Asendorpf, Banse & Neyer, 2017; Teubert, 2011). Allerdings findet sich einzig im Lausanner Trilogspiel (Fivaz-Depeursinge & Corboz-Warnery, 1999; Schwinn & Borchardt, 2012; Schröck & Eickhorst, 2019) eine ausgefeilte Dramaturgie zur Durchführung und zur Beschreibung der elterlichen Interaktion in triadischen Kontexten. Zur Beurteilung gelangen bei diesem Vorgehen die folgenden Kriterien, die in den Kap. 4.1 und Kap. 7.4 noch ausführlicher vorgestellt werden:

1. gegenseitige Unterstützung und Kooperation, Co-Parenting

2. Konflikte und Interferenzen

3. kommunikative Fehler und ihre Reparatur, Dynamik der Interaktion in Bezug auf den Elternpartner

1.2 Formale Operationalisierung

Bisher sind inhaltliche Kategorien für die Eltern-Kind-Interaktion herausgearbeitet worden. Für deren formale Operationalisierung empfiehlt es sich nun, jede Kategorie möglichst in gleicher Art zu differenzieren. Ein aus Sicht des Autors geeigneter Vorschlag stammt von Patry und Perrez (2003), die vier Bewertungsaspekte unterscheiden:

1. Quantität: Ist das Beobachtete zu viel (Exzess) oder zu wenig (Defizit) ausgeprägt?

2. Modus: In welcher Art und Weise wird operiert (z. B. körperlich, verbal, mimisch)?

3. Angemessenheit: Ist das Handeln in Bezug auf das Ziel (z. B. altersentsprechende Beruhigung des Kindes) angemessen?

4. Kontinuität: Tritt das beobachtbare Verhalten kontinuierlich auf (i. S. von verlässlich bzw. ausrechenbar für das Kind) oder diskontinuierlich?

Diese Bewertungsaspekte eignen sich nunmehr, um aus den inhaltlich-funktionalen Kategorien beobachtbare Indikatoren zu operationalisieren.

Wie bereits mehrfach erwähnt, sind nicht immer eindeutige Zuordnungsregeln bestimmbar; entweder weil das gleiche Verhalten verschiedenen Zwecken dient oder aber weil Verhalten selbst mehrdeutig ist. Die bisher am häufigsten benannten oder die am plausibelsten gelisteten Indikatoren in den jeweiligen Perspektiven werden ausschnittsweise in der folgenden Übersicht zusammengetragen. Allerdings lassen sich Überschneidungen mit den zuvor aufgeführten funktionalen Kategorien nicht vollständig vermeiden.

1.3 Beispiele für Indikatoren zur Beschreibung der Eltern-Kind-Interaktion
1.3.1 Perspektive des Kindes

Die folgenden Indikatoren helfen, die beim Kind zu beobachtenden Verhaltensmerkmale zu erfassen:

• Vitalität: Aktivierung und Wachheit

• Augenkontakt: Vermeidung, Aufrechterhaltung, Beendigung

• Körpergestik (speziell soziale Gesten): Vermeidung, Aufrechterhaltung, Beendigung, Zielorientierung

• Lautsignale (verbal, paraverbal)

• Spiel: Initiative, Aufrechterhaltung, Beendigung, Spielarten

• Ausrichtung der Aufmerksamkeit

• Reaktivität (Folgeverhalten)

• Initiative

• Verhalten bei Übergängen

• Affektausdruck (mimisch/gestisch/vokalisierend/dynamisch…) in Bezug auf: Teilnahme, Interesse, Ärger, Traurigkeit, Ängstlichkeit, Unsicherheit, Irritation, Aufmerksamkeit, Zufriedenheit, Freude, Ekel, Scham usw.

• Affektsharing (Spiegelung und Abstimmung)

• Affektregulation

1.3.2 Perspektive des Elternteils

Indikatoren, die vorwiegend das elterliche Verhalten in Bezug auf das Kind markieren, enthält die folgende Aufzählung:

• Rahmung: Zeit- und Lagestrukturgebung

• Affektausdruck (mimisch/gestisch/vokalisierend/dynamisch/etc.) in Bezug auf: Teilnahme, Interesse, Ärger, Traurigkeit, Ängstlichkeit, Unsicherheit, Irritation, Aufmerksamkeit, Zufriedenheit, Freude, Ekel, Scham usw.

• Wärme: Zärtlichkeit in Körperkontakt, Berührung und Körperposition

• Lautäußerungen: Satzbau, Lautstärke, Tonhöhe, Tempo und Kontingenz der Äußerungen

• (verbale) Instruktion: Verständlichkeit, Wiederholung

• Verbale Restriktion: Häufigkeit und Ausprägung von negativen Äußerungen in Inhalt und Tonfall

• verbale Ermunterung: Häufigkeit und Ausprägung von positiven, ermunternden Äußerungen in Inhalt und Tonfall

• Authentizität: Passung von Verhalten (alle sichtbaren Äußerungen) und Erleben in Ton, Mimik, Sprache, Gestik

• Variabilität: Abwechslungsreichtum elterlichen Handelns zur Lenkung der Aufmerksamkeit/Aktivität des Kindes

• Sensitivität auf kindliche Signale (die Belastung indizieren bzw. Zeichen von negativem oder positivem Erleben sind)

• Reaktivität: Kontingenz des Verhaltens

• Validierung des eigenen Verhaltens (Rückbindung und -reflexion) und Selbstkorrektur (bei Fehlern)

• Stimulation: Ausmaß, Intensität und Häufigkeit

• Sprechinhalt: Vorhandensein von Aufforderung, Rufen, Fragen, Feststellungen

• Spiele: Vorhandensein von Imitation, Vormachen, Präsentieren, Berührungs- und Bewegungsspiele, idiosynkratrische Spiele

• Regulationsverhalten bei Übergängen (Instruktion, Abstimmung)

1.3.3 Perspektive der Eltern-Kind-Beziehung

(nach Ludwig-Körner et al., 2006) SoftReturn

Die nun folgenden Indikatoren markieren die gesamte Eltern-Kind-Interaktion:

• Qualität der Grundmelodie bzw. Tonart: Tonalität/Atonalität, Balance, Harmonie/Disharmonie, Kongruenz/Dyskongruenz, Synchronizität/Dyssynchronizität

• Grundrhythmus: Tempo (Allegro oder Adagio), »Speed«, Frequenz der Signalemission

• Lautstärke: Wie laut und kräftig sind die Äußerungen? (Pianissimo bis Fortissimo), Temperament, Stärke, Kraft, Energielevel beider Dialogbeteiligten

1.3.4 Perspektive der elterlichen Beziehung

(wenn beobachtbar) (nach Favez, Scaiola, Tissot, Darwiche, & Frascolo, 2011) SoftReturn

Schließlich sind noch die Indikatoren aufzuführen, die das elterliche Verhalten zueinander, also zwischen den Eltern, erfassen:

• gegenseitige Unterstützung und Kooperation, Co-Parenting

• Konflikte und Interferenzen

• kommunikative Fehler und ihre Reparatur, Dynamik der gegenseitigen Interaktion

Es bleibt nun zukünftiger Forschung überlassen, Indikatoren zu definieren, zu systematisieren, zu gewichten sowie – wenn möglich – deren Verknüpfungsregeln mit den funktional-inhaltlichen Kategorien, Dimensionen oder Bereichen in ihren jeweils spezifischen formal-operativen Ausprägungen (z. B. orientiert an Patry & Perrez, 2003) zu explizieren. Wie bereits erwähnt, soll jedoch am Ende des Kap. 4 und in vollständiger Weise in Anlage 1 eine Synopse auf Basis der untersuchten Instrumente und der bisher diskutierten Kategorien und Indikatoren vorgestellt werden, die zu Forschungs- oder Anwendungszwecken weiter genutzt werden könnte.

1.4 Schlussfolgerungen für die Beurteilung von Instrumenten zur Beobachtung der Eltern-Kind-Interaktion

Es bleibt zunächst festzuhalten, dass interaktionsdiagnostische Instrumente

• erkennen lassen sollten, welchem theoretischen Konzept von »Beziehung« bzw. »Interaktion« sie folgen und welche abgeleiteten Kategorien, Dimensionen oder Bereiche insbesondere in Bezug zu deren funktionaler Bedeutung sich aus diesem Konzept ergeben;

• unterscheiden sollten zwischen beobachtetem Verhalten und Schlussprozessen auf Interaktionsmuster sowie Repräsentationen, Einstellungen und Motive;

• die Verknüpfungsregeln zur (Interaktions-)Musterbildung und zum Folgern auf interne Konzepte explizieren sollten;

• die Herstellung von Passung nach Erfahrungen nicht gelingender Abstimmung oder aber deren Aufrechterhaltung erfassen sollten, um damit dem dynamischen Moment von Beziehungen gerecht zu werden;

• möglichst in allen vier, mindestens jedoch in den drei Perspektiven »Kind«, »Elternteil«, »Eltern-Kind-Beziehung«, Bewertungen ermöglichen und schließlich

• hinsichtlich der formalen Differenzierung in den Indikatoren und Kategorien stimmig sein sollten.

Zum Abschluss dieses Kapitels soll auf ein bisher noch nicht diskutiertes Problem aufmerksam gemacht werden.

Interpersonale Dimension von Störungen

Bei einer systematischen Durchsicht von Störungsdefinitionen im Kindes- und Jugendalter fällt auf, dass sich erstaunlich wenige Kriterien auf die interpersonale Dimension der Störung beziehen. In Kap. 7.3.3. wird dies anhand von drei ausgewählten Beispielen belegt. Mit Ausnahme der Störungen des autistischen Spektrums, für die als einzige dysfunktionales Kommunikationsverhalten als Kardinalsymptom definiert wird, weist keine andere Störung eine systematische Betrachtung interpersonaler Aspekte auf. Diese Feststellung ist umso erstaunlicher, da doch der interpersonalen Frage bei vielen Störungsbildern hinsichtlich ihrer pathogenen Bedeutung und in Bezug auf die therapeutische Intervention eine zentrale Rolle eingeräumt wird. Weshalb dann darauf verzichtet wird, die sich aus der interpersonalen Relevanz ergebenden Implikationen erstens zur Beschreibung von diagnostischen Kriterien und zweitens zu deren Operationalisierung für den diagnostischen Prozess zu verwenden, lässt sich logisch nicht erklären. Stattdessen wird auf wissenschaftlich viel weichere Indikatoren wie das subjektive Erleben der Diagnostikerin/des Diagnostikers oder der Therapeutin/des Therapeuten (z. B. bei der Analyse von Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen) verwiesen.

Es bleibt zu hoffen, dass künftige Störungs- und Interventionsklassifikationen die interpersonale und damit auch interaktionelle Dimension in das Untersuchungsgeschehen systematisch und theoretisch begründet einbeziehen, was bei den so überarbeiteten Verfahren dann eine wesentlich verbesserte ökologische Validität, eine höhere Reliabilität sowie nicht zuletzt eine fachlich fundiertere und personalisiertere Indikationsempfehlung zur Folge hätte.

4 Die Plausibilität wurde jedoch bisher so gut wie nie beforscht. Eine interessante Ausnahme stellt die Untersuchung von Jörg et al., 1994 zur Blickvermeidung des Säuglings und dessen entwicklungspsychologische Relevanz dar.

5 Der Begriff der »Kategorien«, wird verwendet, um die inhaltliche Abgrenzung eines Aspektes oder Themas zu betonen, wohl wissend, dass dies bei vielen Aspekten oder Themen auch »dimensional« dargestellt werden kann. Später werden diese Begriffe durch den der »Facette« ersetzt.

2 Methodik der Verhaltensbeobachtung

Unter wissenschaftlicher Beobachtung (vgl. ausführlich insbesondere Spinath & Becker, 2011; Gehrau, 2002; Schaller, 1999; Döring & Bortz, 2016) wird die zielgerichtete und methodisch kontrollierte Erfassung sinnlich wahrnehmbarer Tatbestände wie z. B. konkreter Systeme, Ereignisse (zeitliche Änderungen in konkreten Systemen) oder Prozesse (Sequenzen von Ereignissen) verstanden. Der Beobachtungsgegenstand wird entweder zeitlich vor der Beobachtung deduktiv aus vorhandenen (theoretisch oder empirisch) begründetem Wissen oder aber induktiv und dann zeitlich der Beobachtung nachgelagert (z. B. nach Plausibilität) beschrieben. Die Datenerhebung erfolgt entweder als Selbst- oder aber als Fremdbeobachtung.

Selbstbeobachtung

Selbstbeobachtung umfasst den breiteren Informationskreis, da sie nicht nur Verhalten sondern auch das Erleben erfasst. Nachteilig allerdings ist die Beeinflussung des zu beobachtenden Verhaltens durch die implizit erfolgende Selbstkontrolle. Neuere Instrumente zur Selbsteinschätzung der Eltern-Kind-Beziehungsqualität durch Kinder und Jugendliche sind z. B. das »Strukturierte Interview zur Erfassung der Kind-Eltern-Interaktion« (Roll, 2013) sowie der »Elternbildfragebogen für Kinder und Jugendliche« (Titze & Lehmkuhl, 2010). Die Selbstbeurteilung der Eltern-Kind-Beziehung sowohl aus der elterlichen als auch aus der Kinderperspektive erfragt z. B. der »Familienidentifikationstest« (Remschmidt & Mattejat, 1999).

Fremdbeobachtung

Die Fremdbeobachtung (und die soll hier ausschließlich Gegenstand des Interesses sein) wird unterschieden in teilnehmende und nicht teilnehmende Beobachtung, wobei die teilnehmende Beobachtung die unterschiedlich intensive Involvierung der Beobachtenden in das zu beobachtende Geschehen meint. Ein wichtiges Kriterium stellt die möglichst hohe »Unvermitteltheit« des Untersuchungsgegenstandes dar, die der videografierten Teilnahme noch »erlaubt«, sich der Verhaltensbeobachtung zuzurechnen, während die Anhörung Dritter als Befragung und nicht mehr als Beobachtung zählt (Spinath & Becker, 2011, S. 326). Weiterhin lassen sich experimentell kontrollierte Beobachtungen von natürlichen Beobachtungen differenzieren, wobei auch Sonderfälle - wie z. B. geplante, jedoch als natürlich maskierte Beobachtungssituationen – in einigen sozialpsychologischen Experimenten existieren.

Im Feld der Familiendiagnostik scheinen im Übrigen Beobachtungsverfahren und Fragebögen unterschiedliche Aspekte abzudecken. Interpersonelle Grenzen und emotionales Engagement sind demnach besser mit videogestützten Interaktionsverfahren, Konflikthaftigkeit dagegen eher mit Hilfe von Fragebögen zu eruieren (Steininger, 2010).

Verhalten kann durch seine Häufigkeit, seine Dauer, seine Intensität oder als Ganzes quantifiziert werden. Dabei wird in der Literatur zwischen Defizit, Normalität und Exzess unterschieden. Qualitativ kann es modusbezogen im Sinne der Angemessenheit bezüglich einer definierten Erwartung beurteilt werden. Und schließlich lässt sich beobachten, inwieweit das Verhalten kontinuierlich oder diskontinuierlich auftritt (Kontinuität).

2.1 Beurteilungseffekte

allgemeine Beurteilungseffekte

In der Datenauswertung lässt sich eine Reihe von Effekten beschreiben, die einen mehr oder weniger starken Einfluss auf die Beurteilung haben können. Zu den allgemeinen Beurteilungseffekten gehören beispielsweise:

• der Hof-Effekt/Überstrahlungseffekt: Schlussfolgerung von bekannten auf unbekannte Eigenschaften

• Positionseffekte: Erster oder letzter Eindruck steuert die Beurteilung,

• der Milde-Effekt/Strenge-Effekt: Tendenz generell günstig/ungünstig zu bewerten,

• die zentrale Tendenz: Bevorzugung von neutralen und Vermeidung von extremen Urteilen,

• Kontrastfehler/Ähnlichkeitsfehler: Bei der betrachteten Person werden Eigenschaften erkannt, die die Beobachterin/der Beobachter sich selbst abspricht oder sich selbst zuschreibt und

• der Erwartungseffekt: Die Beurteilenden lassen sich in ihren Schlussfolgerungen von ungeprüften Hypothesen leiten.

spezielle Beurteilungseffekte

Als spezielle Beurteilungseffekte sollte man insbesondere die Tendenzen

• zu einer überfordernden Differenzierungsfähigkeit (die Fülle der Beobachtungsdaten kann die auswertende Person überfluten),

• zur unscharfen Definition von Beobachtungsitems mit einem zu weiten Interpretationsraum sowie

• zur Unvertrautheit mit den Beobachtungsinhalten oder dem Beobachtungscode berücksichtigen.

2.2 Gütekriterien

Objektivität

Die Güte von Beobachtungsverfahren wird erstens bestimmt durch deren Objektivität6, die insbesondere als Beobachterübereinstimmung messbar ist und durch Trainings sowie durch Sprachübereinkünfte verbessert werden kann.

Reliabilität

Zweitens verbessert sich die eng damit verzahnte Reliabilität durch hohe Präzision der Beobachtungsinstrumente, durch die Episodenkürze, durch Episodenwiederholungen und durch den Einsatz mehrerer (geschulter) beobachtender Personen.

Validität

Die Gültigkeit, als das Kriterium, welches Auskunft gibt zur Frage, inwieweit das Instrument auch tatsächlich das misst, was es vorgibt zu messen, wird schließlich drittens insbesondere durch die Untersuchung des Zusammenhangs mit anderen auf den gleichen oder ähnlichen Gegenstand zielenden Verfahren als Konstruktvalidität bestimmt. Ferner lassen sich die Zustimmung der beobachteten Person oder anderer Fachkräfte zur Validierung des Verfahrens heranziehen.

Vorteile

Vorteile von Beobachtungs- gegenüber anderen diagnostischen Verfahren werden in der Erfassung komplexer und nicht reduzierter Verhaltensstichproben gesehen, die Raum für die Entdeckung neuer und bisher nicht erwarteter, vielleicht auch spontaner Verhaltensweisen bietet. Zudem lässt sich die Stabilität von Verhalten durch Veränderung der Verhaltensbedingungen gezielt beobachten.

Nachteile

Nachteile gegenüber anderen Verfahrensklassen liegen in der recht hohen Subjektivität der Beurteilenden, dem vergleichsweise hohen Zeitaufwand und in der nicht immer stringenten theoretischen Begründung der Beurteilungskriterien.

Dass die bis hierher erwähnten – der nomothetischen Vorgehensweise zuzurechnenden – Gütekriterien nur eingeschränkt verwendet werden können, ist augenscheinlich. Insofern sollte man die Beobachtung zukünftig eher als qualitativen Beschreibungsprozess ausweisen und nicht versuchen, dessen Methodik in vollständige Übereinstimmung mit dem quantitativ orientierten nomothetischen Paradigma zu bringen. Stattdessen bieten sich folgende Merkmale für die Bestimmung und Verbesserung der Güte qualitativen Vorgehens an:

• die strukturierte Verfahrensdokumentation

• regelbezogene Datenverarbeitung

• argumentative Absicherung der Interpretation

• profunde Kenntnis und Kompetenz in Bezug auf den Untersuchungsgegenstand sowie

• Triangulation7 (Flick, 2011; Klein & Sauer-Kramer, 2017 und im Überblick: Mayring, 2016; Döring & Bortz, 2016).

2.3 Auswertungsmethodik

• Timesampling: Bei diesem Verfahren wird der Zeitstrom in kurze, kontinuierlich aufeinanderfolgende Zeiteinheiten, deren Grenzen für den Beobachter klar erkennbar sind, aufgeteilt. Diese Intervalle nennt man Einheitsintervalle. Entschieden wird bzgl. jedes Einheitsintervalls, ob im Voraus definiertes Verhalten in dem Intervall auftritt oder nicht und dies unabhängig von dessen Auftretenshäufigkeit nach dem Alles-oder-Nichts Prinzip codiert.

• Eventsampling: Es wird die Auftretenshäufigkeit eines vorher definierten Verhaltens in einer festgelegten Zeitspanne erfasst.

• Rating-Verfahren: Die Auswertenden schätzen den Ausprägungsgrad einzelner oder komplexer Verhaltensweisen ab und bewerten diesen anhand einer Messskala. Das Rating-Verfahren ist in der Interaktionsbeobachtung die am häufigsten angewandte Methodik, da dessen Vorteile, nämlich die relativ leichte Handhabung und die meistens hohe Plausibilität bei einem ansonsten hoch komplexen und dynamischen Geschehen, in der Praxis überzeugen. Dennoch oder gerade deshalb soll an dieser Stelle auch auf die kritischen Aspekte eingegangen werden.

Diskussion der Skalenniveaus

Aus messmethodischer Sicht ist zu konstatieren, dass die Skalenniveaus häufig nicht expliziert sind und sich in der Regel kaum anspruchsvoller als ordinalskaliert erweisen. Dennoch kommt es nicht selten zu Verrechnungen von Itemwerten, die eigentlich für andere Skalenniveaus bestimmt sind. Beschäftigt man sich mit der Bedeutungshaltigkeit der Ratings (Semiotik) fällt die oft stark variierende Interraterbeurteilung trotz Trainings und Instruktion auf. Dies schränkt die Generalisierbarkeit, Prognose und Stabilität des Urteils erheblich ein. Einige Ratingskalen bleiben zudem unklar in der Unterscheidung von zu beobachtendem Verhalten und dessen Interpretation. Nicht nur das Verhalten, sondern auch die daraus abgeleiteten Schlussprozesse auf zugrunde liegende Einstellungen o. ä. müssten daher möglichst eindeutig in den Anleitungen beschrieben und in Trainings geübt werden, um Bedeutungsverzerrungen und vorschnellen Schlüssen entgegenzuwirken.

2.4 Beobachtung der nonverbalen und verbalen Kommunikation

Systematische Beobachtung erstreckt sich auf die Erfassung der nonverbalen sowie der para- und verbalen Kommunikation.

Beobachtung nonverbalen Verhaltens

Die Beobachtung des nonverbalen Verhaltens orientiert dabei auf die Aspekte von Körperhaltung, Bewegung und Gesichtsausdruck. Auf Haltung und Bewegung fokussiert beispielsweise William Donaghi (1989, S. 298–300) und unterscheidet zwischen »generischen« Kodierungen (beziehen sich auf alle wichtigen Gesten und Verhaltensweisen), »restriktiven Kodierungen« (Erfassung vorher festgelegter, ausgewählter und sehr differenziert beschriebener Gesten und Verhaltensweisen) und der »direktiven Evaluation« (welche nicht mehr das direkt beobachtbare Verhalten erfasst, sondern dessen Interpretation – wie z. B. Traurigkeit anstelle von herabgezogenen Mundwinkeln). Diese Vorgehensweisen beschreiben und bewerten in der Regel die Verhaltensweisen einzelner Personen.

Frey und Hirsbrunner (nach Gehrau, 2002, S. 176) entwickelten dagegen das Berner Time-Series Notation System (TNS), das nicht die Ausdrucksweisen des Einzelnen, sondern die Veränderung der Situation erfasst. Mit Hilfe dieses Kodiersystems werden die Körperpositionen dann festgehalten, wenn sie sich verändern. Dieses Verfahren reduziert die Kodes erheblich und bewertet diese zusätzlich anhand einer siebenstufigen Skala. SoftReturn

Fast alle diese Verfahren sind sehr aufwändig und erhielten bisher kaum Einzug in die Praxis.

Der Analyse des Gesichtsausdrucks wurde bis heute bei der Bewertung kommunikativ bedeutsamer nonverbaler Handlungen das größte Augenmerk geschenkt, gilt dieser doch als Spiegel der Emotionen. So entwickelten beispielsweise die Emotions- und Ausdrucksforscher Paul Ekman und Wallace V. Friesen Ende der 1980er Jahre die »Facial Affect Scoring Technique« (FAST), die sie im weiteren Verlauf modifizierten. Die neueste Variante ist als »Facial Action Coding System« (FACS) bekannt (Kurzbeschreibung z. B. in Gehrau, 2002; Original: Ekman, Friesen & Hager, 2002). Sachkundige, die nach diesem System arbeiten, werden sehr intensiv geschult und erst nach dem Erreichen eines Reliabilitätswertes von 0,8 für die selbständige Beurteilung zugelassen.

Die nicht-inhaltlichen Aspekte der verbalen und paraverbalen Kommunikation werden über die Stimm- sowie die Interaktionsanalyse untersucht.

Beobachtung verbalen Verhaltens

Stimmanalyse: Da Stimmqualität, Stimmhöhe, Stimmumfang und Timbre sehr invariante Merkmale einer Person mit zugleich hohem emotionalem Gehalt darstellen und zudem erheblich zwischen den Personen variieren, lassen sich Veränderungen beim Einzelnen verhältnismäßig eindeutig abbilden und auch interpretieren. Die Analysen können durch Menschen oder mit Hilfe von elektro-akustischen Techniken erfolgen (Kaufmann & Baumann, 2015). Bisher verwendete Analyseverfahren sind nach Kenntnisstand des Autors bisher nicht für die Praxis außerhalb der Forschung entwickelt worden.

Interaktionsanalyse: Die nicht inhaltsbezogene verbale Interaktionsbeurteilung erfasst in der Regel formale Parameter von Sprechakten, wie z. B. Häufigkeit und Länge der Rede (Chappel, 1940). Einen Übergang zu semantischen Relationen der Sprache unternahm Robert Bales seit Beginn der 1970er Jahre (Bales, 1972). Nach mehreren Reduktionsstufen liegt heute ein Analyseinstrument mit insgesamt 12 Ausprägungen in vier Bereichen vor, das vorwiegend zur Beurteilung des Gesprächsverhaltens in Kleingruppen eingesetzt wird. Weil es in diesem Feld bemerkenswerte Anregungen liefert, sei es an dieser Stelle kurz (nach Gehrau, 2002, S. 185 f.) skizziert:

• positive Reaktionen im sozialemotionalen Bereich mit den Ausprägungen: (1) zeigt Solidarität, (2) entspannte Atmosphäre, (3) stimmt zu,

• Versuch, Fragen zu beantworten, mit den Ausprägungen: (4) Vorschläge machen, (5) Meinung äußern, (6) orientieren,

• Fragen mit den Ausprägungen: (7) erfragt Orientierung, (8) fragt nach Meinung, (9) erbittet Vorschläge,

• negativer sozialemotionaler Bereich mit den Ausprägungen: (10) stimmt nicht zu, (11) zeigt Spannung, (12) zeigt Antagonismus.

Jeweils zwei der 12 Verhaltensweisen bilden die Pole einer Dimension.

• (1) und (12): Probleme der Integration

• (2) und (11): Probleme der Spannungsbewältigung

• (3) und (10): Probleme der Entscheidungsfindung

• (4) und (9): Kontrollfragen

• (5) und (8): Bewertungsfragen

• (6) und (7): Probleme der Orientierung

Möglicherweise kann diese Analysemethode in ein zukünftiges Instrument zur Eltern-Kind-Interaktionsbeschreibung integriert werden, denn bis heute erfolgt die Beurteilung sprachlichen Verhaltens entweder zu undifferenziert oder zu unsystematisch.

2.5 Zur Methodik der videounterstützten Verhaltensbeobachtung

Verhaltensbeobachtung ohne Videografie wäre als wissenschaftliche Methode in der Gegenwart nur höchst unzulänglich, denn die beobachteten Tatbestände müssten entweder aus dem Gedächtnis repliziert oder aber im Beobachtungsprozess selbst verschriftlicht werden, um einer späteren Analyse zur Verfügung zu stehen. Beides aber unterliegt starken Informationsdefiziten bzw. -verfälschungen. Erst mit der Möglichkeit, Handlungen so zu speichern, dass sie unendlich oft, zeitlich gedehnt oder auch gestaucht und qualitativ verändert (vergrößert, verkleinert, ausgeschnitten usw.) betrachtet werden können, wurde die Verhaltensbeobachtung wissenschaftlich quasi salonfähig. Das Erfordernis der Objektivierbarkeit, also des von der beobachtenden Person unabhängigen Nachvollzugs der Beobachtungs- und Bewertungsprozesse, war damit erfüllt. Der besondere Boom in der Kleinkind-Entwicklungspsychologie hängt vor allem – wie Thiel (2011, S. 793) herausarbeitet – damit zusammen, dass Säuglinge und Kleinkinder ihr Erleben zum größten Teil nicht-sprachlich, sondern durch körperliches Verhalten mitteilen, welches jedoch erstens oft mehrdeutig und zweitens häufig sehr flüchtig ist: »Da die Film- bzw. Videotechnik das Geschehen selbst in einem ikonisch äquivalenten Abbild fixieren kann, ist es möglich, die Fixierung eines auszuwertenden Materials von seiner Auswertung zu trennen« (Thiel, 2011, S. 796). Die Videotechnik ermöglichte es also, weitgehend aus dem Reich der Spekulation in das Reich der Erkenntnis durch Beobachtung zu wechseln. Allerdings stellt die bloß gespeicherte Abbildung noch keinen Erkenntnisprozess dar. Wie und womit das gespeicherte audiovisuelle Material ausgewählt und beurteilt wird, hängt von den Hypothesen sowie den Beobachtungs- und Interpretationsmethoden ab (vgl. auch König, 2013).8

6 Der hier verwendete Begriff der »Objektivität« ist als Übereinstimmung in der Urteilsbildung durch verschiedene beobachtende Personen zu lesen und nicht zu verwechseln mit dem erkenntnistheoretischen Begriff zur Bestimmung von Wahrheit über den Realität-Abbild-Abgleich.

7 Triangulierung bedeutet, die Validität der Ergebnisse durch Anwendung verschiedener Methoden oder auch Forschungsgruppen zu erhöhen.

8 Zu den erkenntnistheoretischen Auseinandersetzungen und Implikationen sowie zur Geschichte der Videografie vgl. ausführlich Thiel (2004; 2011) und auch Huhn (2005).

Teil II: Interaktionsdiagnostische Verfahren

3 Zur Systematik der interaktionsdiagnostischen Instrumente

Die Beschreibung der Verfahren aber auch deren Systematik folgt verschiedenen Kriterien. Kötter und Nordmann (2003) definieren z. B. folgende Merkmale zur Klassifikation von interaktionszentrierten Diagnoseverfahren.

1. Makro- vs. mikroanalytische Verfahren

Makroanalytische Methoden »beruhen auf langen und damit auch meistens komplexen Kodiereinheiten« (Kötter & Nordmann, 2003, S. 446), die eher auf der »Ebene des Gesamtausdrucks und der Ausprägung/Intensität von Verhaltensmerkmalen im größeren Zeitfenster« (Sidor, 2012, S. 468) angesiedelt sind, während mikroanalytische Verfahren eher kurze und einfache Kodiereinheiten nutzen. Sie »stellen eine sehr detaillierte Analyse der Dauer und Häufigkeiten der Verhaltenskategorien in kurzen Zeitintervallen (meist im Sekundenbereich) dar« (ebd.). Mikroanalytische Verfahren, wie z. B. ICEP (Weinberg & Tronick, 1998), kommen in der Regel wegen ihres hohen Arbeitsaufwandes nur zu Forschungszwecken zum Einsatz, während makroanalytische Verfahren zeitökonomischer und damit praxisnäher sind.

2. Formale oder inhaltsbezogene Kodierung

Formale, also scheinbar inhaltsfreie, Analyseeinheiten sind beispielsweise Unterbrechungen, Redezeit, Anzahl der Äußerungen oder des Blickkontaktes (vgl. in der Übersicht Kötter & Nordmann, 2003, S. 449).

3. Ereignis- vs. zeitbezogene Kodierung

Zeitbezogene (oder intervallartige) Kodierung wird vorgeschlagen, wenn die Interaktionsprozesse schwer überschaubar und sehr komplex sind. Ereignisbezogene Kodierung wird dagegen empfohlen, wenn der Bedeutungsgehalt eine größere Rolle spielt.

4. Setting

Hinsichtlich des Settings lässt sich unterscheiden, ob die Diagnostik in naturalistischer Umgebung oder im Labor erfolgt.

5. Verhalten: inszeniert vs. frei (naturalistisch)

Verfahren können ebenfalls danach differenziert werden, ob die Beteiligten Anweisungen des Versuchsleiters folgen sollen (inszeniert)9 oder ob sie sich in freier und natürlicher Art bewegen und austauschen.

6. Technik der Datenerhebung

Die Datenerhebung kann mithilfe von Fragebogenverfahren, bei denen Selbst- oder Fremdbeurteilungsinstrumente zu unterscheiden sind, oder aber mittels Videoanalyse auf der Basis mehr oder weniger normierter mikro- oder makroanalytischer Kodierverfahren erfolgen.

7. Inhaltliche Dimensionen

Die Verfahren unterscheiden sich in Bezug auf die der Interaktionsbeurteilung zugrundeliegenden Zielstellung. Zunächst ist zu differenzieren zwischen Verfahren, die auf die Erfassung der Kompetenzen einer beteiligten Person mit Hilfe von beobachtbaren Interaktionen zielen. Der Prototyp ist hierfür die Erfassung der mütterlichen Feinfühligkeit mit Hilfe der entsprechenden Skala nach Mary Ainsworth (Grossmann & Grossmann, 2008, S. 116–122). Sodann gibt es Verfahren, die beziehungsrelevante Merkmale der Beteiligten erfassen sollen. Hierfür stehen v. a. der CARE-Index (Crittenden, 2005) sowie die Münchner Klinische Kommunikationsskala MKK (nach Mechthild Papoušek vgl. im Überblick dazu Domogolla, 2006). Und schließlich unternehmen die Autorinnen und Autoren einiger Verfahren den Versuch, die Beziehung »an sich« zu beschreiben, wofür als Prototyp das Eltern-Kind-Interaktionsprofil (EKIP: vorgestellt von Alpermann & Koch, 2007; Ludwig-Körner et al., 2006) stehen dürfte. Die meisten Verfahren jedoch bilden eine Mischung aus kind-, eltern- und beziehungsbeschreibenden Faktoren.

8. Altersspanne des Kindes

Viele Verfahren sind begrenzt auf einen Altersbereich, wie z. B. der CARE-Index oder auch die MKK. Daneben existieren aber auch wenige Verfahren, die ein größeres Altersspektrum – dann meistens modifiziert bezüglich der Interaktionsaufgaben und/oder der Beobachtungkriterien – abdecken. Hierfür steht z. B. die Heidelberger Marschak Interaktionsmethode (H-MIM), die von Marianne Marschak in den USA entwickelt und von Ritterfeld und Franke (1994/2009) für den deutschsprachigen Raum übersetzt und weiterentwickelt worden ist (Franke & Schulte-Hötzel, 2019).

Weitere Kriterien zur Beschreibung und Unterscheidung interaktionsdiagnostischer Instrumente sind die Dauer des Verfahrens, seine Praktikabilität, wozu unter anderem die Durchführungsobjektivität und die Verfügbarkeit (z. B. im deutschsprachigen Raum) zu zählen sind und natürlich die Ausprägung der Gütekriterien (Reliabilität, Objektivität und Validität).

9 sog. Interaktionsaufgaben (vgl. im Überblick Kötter & Nordmann, 2003, S. 441) oder auch das sog. Still-Face-Paradigma (Tronick, Als & Brazelton, 1978; eine praxisnahe Variante des Fremde-Situations-Tests nach M. Ainsworth).

4 Verfahrensübersicht in Steckbriefen

Im folgenden Kapitel wird nun anhand eines verfahrensbezogenen »Steckbriefs« versucht, wesentliche interaktionsdiagnostische Verfahren zu beschreiben. Dieser Steckbrief soll neben den gängigen Beschreibungsmerkmalen auch Aussagen enthalten zur inhaltlichen Orientierung in Anlehnung an die w. o. vorgestellten funktional-inhaltlichen Kategorien sowie zur Praktikabilität des Verfahrens. Interaktionsdiagnostische Instrumente, die deutschsprachigen Fachkräften nicht ohne Weiteres zugänglich sind, die für einen fachlich sehr eng umgrenzten Einsatz konstruiert wurden oder deren Verwendbarkeit fachlich überholt scheint, folgen im Anschluss in einer Art »Kurzstreckbrief«. Der Umfang der dargestellten Verfahren erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit und gibt im Wesentlichen auch nur die mehr oder weniger begründete Meinung des Autors wieder. Zum Ende des Kapitels werden einige Schlussfolgerungen gezogen, die sich auf die Auswahl von Verfahren für die eigene Praxis beziehen sowie die hauptsächlich verwendeten Kategorien und Dimensionen im Überblick zusammengefasst.

4.1 Ausführliche Steckbriefe (in alphabetischer Reihenfolge der Kurztitel)

Tab. 4.1: Beavers Interaktionsskalen



Tab. 4.2: Bonner Modell zur Interaktionsanalyse



Tab. 4.3: CARE-Index




Tab. 4.4: Eltern-Kind-Interaktionsprofil




Tab. 4.5: Feinfühligkeit versus Unfeinfühligkeit gegenüber den Signalen des Kindes



Tab. 4.6: Heidelberger Marschak Interaktionsmethode



Tab. 4.7: INTAKT


Tab. 4.8: Lausanner Trilogspiel (mit Family Alliance Assessment Scale)



Tab. 4.9: Mannheimer Beurteilungsskala zur Erfassung der Mutter-Kind-Interaktion im Säuglingsalter



Tab. 4.10: Münchner klinische Kommunikationsskala


Tab. 4.11: Spielfeinfühligkeit (SCIP: Sensitive Challenging Interactive Play)



Die Video-Interventions-Therapie von George Downing (2010) ist im engeren Sinne kein ausschließlich für die Diagnostik zu verwendendes Verfahren. Dennoch sollen die veröffentlichten Beurteilungskategorien hier aufgrund ihrer heuristischen Potenz vorgestellt werden.

Tab. 4.12: Video-Interventions-Therapie




4.2 Kurz gefasste Steckbriefe10

In diesem Abschnitt werden Beurteilungsverfahren vorgestellt, die für die deutschsprachigen Praktikerinnen und Praktiker eher kompliziert einzusetzen sind – entweder, weil sie bisher nicht in die deutsche Sprache übersetzt worden sind, weil sie sich als schwierig verfügbar bzw. anwendbar erwiesen haben oder aber, weil sie fachlich und methodisch zu spezifisch oder überholt scheinen.

Tab. 4.13: Maternal Behavior Rating Scale


Tab. 4.14: DC:0-5. Diagnostische Klassifikation seelischer Gesundheit und Entwicklungsstörungen der frühen Kindheit (vormals: Zero to Three: Diagnostische Klassifikation 0–3)


Tab. 4.15: Bethlem Mother-Infant Interaction Scale


Tab. 4.16: Parental-Child-Relationship-Inventory


Tab. 4.17: Kategoriensystem zur Beschreibung familialer Interaktion


Tab. 4.18: Systematische Interaktionsbeurteilung


Tab. 4.19: Practice Parameter of American Academy of Child and Adolescent Psychiatry


Tab. 4.20: Emotional Availability Scale



Tab. 4.21: Feeding Scale


Tab. 4.22: Auswertungsmanual zur dyadischen Mutter-Kind-Interaktion: Umgang mit kindlichen Gefühlen in einer Distress-induzierten Situation



Tab. 4.23: NCAST Caregiver/Parent-Child Interaction Feeding/Teaching Manual



4.3 Schlussfolgerungen
4.3.1 Verfahrensbeurteilung

Zur leichteren Orientierung bei der Verfahrensauswahl in der Praxis wurden drei Beurteilungskriterien zusammengestellt, die der folgenden Tabelle entnommen werden können:

Tab. 4.24: Beurteilungskriterien


Bezieht man diese Beurteilungskriterien und ihre Ausprägungen auf die interaktionsdiagnostischen Verfahren, die eher einen »Breitbandcharakter« aufweisen und die in einem ausführlichen Steckbrief vorgestellt wurden, so lässt sich trotz der erwähnten Einschränkungen und mit größter Vorsicht beim Versuch, die Bewertungen zu generalisieren, eine gewisse Rangfolge in Bezug auf die inhaltliche Verwendbarkeit und die Praktikabilität abbilden. Folgende Übersicht listet die Bewertungsergebnisse auf:

Tab. 4.25: Verfahrensbeurteilungen

Eine relativ hohe Bewertung erhalten damit das Eltern-Kind-Interaktionsprofil (EKIP), der CARE-Index, die Mannheimer Beurteilungsskalen (MBS-MKI), die Heidelberger Marschak-Interaktionsmethode (H-MIM), die Münchner klinische Kommunikationsskala (MKK), das Bonner Modell zur Interaktionsanalyse (BMIA) sowie das Lausanner Trilogspiel (mit FAAS).

Die Verwendbarkeit dieser Instrumente wird in den Kap. 6 und 7 anhand unterschiedlicher Fragestellungen diskutiert.

4.3.2 Synoptische Betrachtung der Beurteilungskategorien

In einer ersten Version soll hier – einem Vorschlag von Westhoff, Terlinden-Arzt und Klüber (2013) folgend – der Versuch unternommen werden, sog. »Konstruktfacetten« zusammenzutragen und diesen – soweit möglich – Indikatoren zuzuordnen. Die Facetten sind qualitativ bestimmte, »regelgeleitete Operationalisierungen« eines Konstrukts (ebd., S. 202). Dieser Begriff löst die bisher im Text verwendeten Begriffe »Kategorie«, »Dimension« und »Bereich« ab. Die folgende Tab. 4.26 zeigt – stark verkürzt – diesen Ansatz.

Tab. 4.26: Facetten des Konstruktes »Eltern-Kind-Interaktion« in vier Perspektiven


Im Anhang ( Anlage 1) findet sich eine um Definitionen dieser Facetten und deren Indikatoren angereicherte Fassung dieser Übersicht, die sich auch als eine Art Checkliste für die Praxis oder als eine Forschungsvorform für weitere Untersuchungen verwenden ließe. Die w. o. vorgeschlagene Operationalisierung der Indikatoren nach den vier Bewertungsaspekten Quantität, Modus, Angemessenheit und Kontinuität nach Patry und Perrez (2003) findet in dieser Facetten-Indikatoren-Liste noch keinen systematischen Eingang, sondern bleibt späteren Entwicklungen vorbehalten.

10 Es wird kein Anspruch auf Vollständigkeit bzw. Systematik in der Reihenfolge erhoben.

11 Ein Gesamturteil lediglich durch die Summierung der Beurteilungsnoten zu bilden, ist sicherlich hoch problematisch und sollte daher nur einer ersten Orientierung dienen.

Teil III: Praxis der Interaktionsbeobachtung

5 Durchführung

Dieses Kapitel stellt die Durchführung der Interaktionsbeobachtung in den Mittelpunkt. Es umfasst die Darstellung von Untersuchungssettings, Vorschläge zur Formulierung von Instruktionen, Aspekte der Auswertung und berührt abschließend Fragen der Kommunikation von Beobachtungsergebnissen an die Eltern.

5.1 Setting

Wie bereits erwähnt, gibt es hinsichtlich Setting und Verhalten verschiedene Varianten der Interaktionsbeobachtung, die auch miteinander kombinierbar sind. Zu unterscheiden sind beispielsweise die Verhaltensbeobachtung im natürlichen Kontext gegenüber der Verhaltensbeobachtung im Labor bzw. einem professionell eingerichteten Untersuchungsraum. Die Interaktion selbst kann mittels Interaktionsaufgaben inszeniert oder aber als durch die Beteiligten frei zu gestaltende Episode angelegt werden.

Die folgende Tab. 5.1 verdeutlicht diese Möglichkeiten, die in der Praxis allerdings nicht immer so klar unterschieden werden können oder sollten:

Tab. 5.1: Wahl der Instrumente nach Setting und Interaktionsverhalten


Der erhebliche Gewinn reliabler Bewertungen stellt den größten Vorzug einer stärker strukturierten und im professionell eingerichteten Raum stattfindenden Diagnostik dar. Als größter Nachteil ist sicherlich die erhebliche Befangenheit der beobachteten Personen, welche der ungewohnten Situation entspringt, zu erwähnen. Letztere führt bei den Eltern häufig zu Diskussionen, inwieweit die Beobachtungsergebnisse auch typisch und damit valide seien.

Der Abbau von Hemmungen kann durch nachvollziehbare Erläuterungen des diagnostischen Handelns und eine klare, wiederholte Instruktion unterstützt werden. Dem Argument der mangelnden Validität bei inszeniertem Vorgehen in nicht naturalistischer Umgebung lässt sich mit dem Hinweis begegnen, dass die Situation möglicherweise erst einmal verunsichernd wirkt, diese jedoch Beobachtungen hinsichtlich der Kompetenzen, das Kind und sich selbst zu beruhigen, ermöglicht. Darüber hinaus sollten die durch das diagnostische Vorgehen hervorgerufenen Ängste und Fragen (auch in Bezug auf die Vertraulichkeit) ernstgenommen sowie sachkundig und aufrichtig beantwortet werden (vgl. auch Kap. 5.2 sowie Morche in diesem Band Kap. 8.2.2).

Falls die Reliabilität der Ergebnisse von erheblicher Bedeutung ist, empfiehlt es sich, zeitlich und inhaltlich strukturiert vorzugehen sowie einen – entsprechend der Fragestellung – speziell eingerichteten Raum mit ausgewählten Materialien zu nutzen. Marschak (und im deutschsprachigen Raum; Franke & Schulte-Hötzel, 2019) entwickelten hierfür die wohl ausgefeilteste Dramaturgie. Exemplarisch für andere Verfahren soll dies nachfolgend nun etwas ausführlicher dargestellt werden.

5.1.1 Hochstrukturierte Interaktionsepisoden nach Marschak

( Tab. 4.6. zit. nach Franke & Schulte-Hötzel, 2019 sowie www.theraplay-institut.de):

5.1.1.1 »Das Setting«

Ein Elternteil (Mutter oder Vater) und das Kind setzen sich an einen Tisch – entweder um eine Ecke oder nebeneinander. Die beiden sollen bequem körperlichen Kontakt miteinander aufnehmen können. Bei Rechtshändern sollte das Kind rechts von der Mutter bzw. dem Vater, bei Linkshändern links von diesen sitzen. Im Raum befindet sich eine Videokamera zur Aufzeichnung der Interaktion. Eine Einwegscheibe, hinter der die Beobachtenden sitzen, ist eine hilfreiche, aber nicht notwendige technische Voraussetzung.

5.1.1.2 Die Spielaufgaben

Die Eltern werden gebeten, mit dem Kind vorgegebene (Spiel-)Aufgaben umzusetzen. Sie kennen die Aufgaben zuvor noch nicht. Dem Eltern-Kind-Paar wird ein Korb mit farbigen Plastikumschlägen gegeben. In jedem dieser Umschläge befindet sich eine Anweisungskarte für die jeweilige Aufgabe/das Spiel sowie Spielmaterial, sofern es für die Aufgabe erforderlich ist. Größere Materialien (z. B. Puppe, Bär, Hüte) befinden sich in Sicht- und Greifweite der Protagonisten. Die erwachsene Bezugsperson wird gebeten, die Umschläge Aufgabe für Aufgabe in der vorgegebenen Reihenfolge zu öffnen, die Anweisungskärtchen zu lesen und das Vorgegebene mit dem Kind zu spielen. Sie spielen ohne zeitliche Vorgaben. Ist das gemeinsame Spiel beendet, verlassen sie entweder den Raum von sich aus, oder die beobachtende Fachkraft betritt den Raum und verabschiedet das Paar. Natürlich können Mutter und Vater zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit dem Kind getrennt voneinander videografiert werden.

5.1.1.3 Die elizierten Beobachtungsbereiche

Die Aufgaben der H-MIM sind so konzipiert, dass sie unterschiedliches, alltagsnahes Interaktionsverhalten hervorrufen. Die drei zu beobachtenden Bereiche, die sich als relevant für die Eltern-Kind-Beziehung herausgestellt haben, sind:

1. Emotionalität in der Interaktion,

2. Führung des Kindes durch die Bezugsperson,

3. Stress und der Umgang mit dem provozierten Stress.

Ausgewählt wird eine Reihe von Aufgaben aus dem vorhandenen Aufgabenpool - je nachdem, welcher Schwerpunkt für die Beobachtung gesetzt wurde.

Zur Diagnose der Emotionalität zwischen Kind und Bezugsperson lautet z. B. eine Aufforderung: Lassen Sie Ihr Kind auf Ihren Knien reiten! Oder: Singen Sie gemeinsam ein Lied!

Für den Bereich der Führung des Kindes existieren bspw. Aufgaben, wie: Diktieren Sie Ihrem Kind drei Sätze! Oder: Sagen Sie sich gegenseitig die Zukunft voraus!

Schließlich gibt es noch Aufgaben für den Bereich Stress und Umgang mit Stress, so z. B.: Machen Sie drei Runden »Armdrücken«! Oder: Gehen Sie fünf Minuten aus dem Raum und lassen Sie das Kind zurück!

Aber auch die nach Altersgruppen konkretisierten Lern- und Spielaufgaben bspw. der Mannheimer Beurteilungsskala (Esser & Scheven, 1989; Tab. 4.9) gewährleisten eine gute Strukturbildung.

Wer die Beobachtungssituation weniger strukturiert, aber dennoch nicht vollkommen frei gestalten möchte, kann sich beispielsweise an folgendem Vorgehen orientieren.

5.1.2 Still-Face-Paradigma (SFP)

Für die weniger strukturierte Beobachtung bietet sich das Vorgehen nach dem Still-Face-Paradigma (Tronick et al., 1978 sowie 2009) an. Dabei wird der Elternteil aufgefordert, je nach Alter des Kindes zunächst fünf bis zehn Minuten frei mit dem Kind zu spielen, sich danach - auf ein Klopfzeichen hin - von diesem zu lösen und sich abwendend an einem Tisch im Spielraum mit etwas anderem zu beschäftigen. Abschließend wendet sich die Bezugsperson dem Kind erneut zu und nimmt das gemeinsame Spiel wieder auf, sodass es beiden Spaß bereitet. Die Dauer der drei Phasen kann und muss je nach Alter spezifiziert werden. Im ersten Lebensjahr wird die Situation praktisch oft so gestaltet, dass sich das Kind in einem Kindersitz auf einem Tisch und der Elternteil ihm frontal gegenüber befinden. Anstatt aus der Situation zu gehen, sollen die Eltern in der Trennungsepisode lediglich den Kopf vom Kind wegdrehen und auf Lautäußerungen verzichten (vgl. auch Domogolla, 2006 sowie Kap. 7.3.1). Diagnostische Ziele sind sowohl die Erfassung der elterlichen und kindlichen Interaktionen während des Spiels als auch die Beobachtung des durch die Trennung aktivierten kindlichen Interaktionsverhaltens. Denn – so die Annahme – über das SFP wird das Kind seiner Interaktionsperson und damit auch der reziproken Kommunikation beraubt. Dies irritiere das Kind erheblich und habe zur Folge, dass das Kind in der Bewältigung des Konfliktes auf sich selbst zurückgeworfen wird. Das Kind erlebe dieses Geschehen in der Regel negativ, »weil es die reziproke Interaktion zur eigenen Emotionsregulierung brauche. Eltern helfen als wichtige Modulatoren bei der Regulation des kindlichen Verhaltens. Wenn nun aber der wechselseitige Austausch plötzlich unterbrochen werde, ändere sich auch der emotionale und physiologische Zustand des Kindes und es hat zugleich den Eindruck, damit allein fertig werden zu müssen. Seine Selbstregulationskompetenz werde dadurch aktiviert und zugleich der Beobachtung zugänglich gemacht« (Nabhan, 2015, S. 72; vgl. auch Tronic, 2005).

5.1.3 Strukturierte Interaktionsepisoden bei klinisch auffälligem Bindungsverhalten

Zur Diagnostik von klinisch auffälligem Bindungsverhalten (insbesondere bei Verdacht auf Bindungsstörungen) empfiehlt es sich, die Untersuchung nach den Richtlinien der American Academy of Child and Adolescent Psychiatry (AACAP) (deutsch: Ziegenhain, 2009, S. 323) in Anlehnung an die Fremde Situation nach Ainsworth (2003) zu gestalten:

Das aufwändige Prozedere ist allerdings nur dann zu empfehlen, wenn die damit verbundene Aussage auch für die sich eventuell anschließenden Interventionen gebraucht wird (z. B. Kostenübernahme durch die Krankenkasse oder die Jugendhilfe), denn diese Untersuchung bedeutet sowohl für das Kind als auch für die Eltern eine erhebliche emotionale Belastung.

Es ist sicherlich müßig, darauf hinzuweisen, dass bei jeder der hier vorgestellten diagnostischen Vorgehensweisen die Videografie eingesetzt werden sollte. Ohne die Möglichkeit, die Interaktionsepisoden mehrfach und detailliert nachträglich anschauen zu können, ist weder eine reliable noch eine valide Bewertung denkbar. Die entsprechend erforderliche Instruktion und die Einführung der Beteiligten in den diagnostischen Prozess soll im nächsten Abschnitt erläutert werden.

Tab. 5.2: Klinische Beobachtung von Bindungsverhalten nach Empfehlung der AACAP (AACAP Practice Parameter, 2005; deutsch in: Ziegenhain, 2009, S. 323; Zeanah et al. 2016)

5.2 Instruktion

Die Instruktion orientiert sich an der Zielstellung und an der Aufgabe. Dies ist insofern keine Banalität, da videounterstützte Diagnostik nicht nur zur Indikationsstellung oder zur Begutachtung verwendet wird, sondern auch Bestandteil von längerfristigen Interventionen sein kann und zur Prozessoptimierung sowie zur Wirkungserfassung von Therapien oder Beratung eingesetzt wird.

Im Weiteren soll sich prototypisch an einer Eingangsdiagnostik entweder mit dem Ziel der Begutachtung oder der Indikationsstellung für eine nachfolgende Intervention orientiert werden (videounterstützte Interaktionstherapie vgl. weiterführend z. B. Downing, 2010 sowie Kap. 8.2.3).

Generell ist zu beachten, dass videounterstützte Diagnostik – wie auch andere nicht diagnostische bildaufzeichnende Interventionen – zum Schutz der Beteiligten eines sehr hohen Maßes an Vertraulichkeit und Transparenz bedürfen. Aus diesem Grund ist die Klärung des vertrauensbildenden Kontextes durch die Diagnostikerin oder den Diagnostiker vor dem Einstieg in die Arbeit zu prüfen und sicherzustellen.

Die Aufklärung der Familien über Sinn und Zweck, insbesondere über die auf keinem anderen Weg zu erreichenden, diagnostisch relevanten Aspekte sollte mit viel Akribie erfolgen. Die Erörterung der gestellten Fragen bedarf großer Ernsthaftigkeit und eines ausreichenden Zeitrahmens. Gerade in dieser die Diagnostik gründenden Phase sollte auf ausreichend Redundanz geachtet werden, da sich ungeklärte Fragen, Zweifel und Widerstände sonst in der Diagnostik selbst ihren Raum schaffen.

Die Einführung in die videounterstützte Arbeit sollte auch auf die Prozedur der Auswertung nach Beendigung der Aufzeichnungen sowie auf den Schutz der Daten (Aufbewahrung erfolgt analog zur Aufbewahrung der schriftlichen Daten) eingehen; dies jedoch in knapper Form.

Das praktische diagnostische Handeln sollte prägnant und nachvollziehbar erläutert werden. Bei inszeniertem Vorgehen hat es sich als günstig erwiesen, die einzelnen Schritte so lange vorab zu besprechen, bis die Eltern deren Reihenfolge verinnerlicht haben, sodass während der videografierten Szene nur noch per Klopfzeichen der Übergang in die nächste Phase angekündigt werden muss. Je weniger während der Aufnahme durch die Diagnostikerin oder den Diagnostiker gesprochen und gestikuliert wird, desto besser. Eine andere Methode schlagen Franke & Schulte-Hötzel (2019) sowie Esser und Schewen (1989) vor, die mit einem akustischen Signal die Probanden darauf hinweisen, das nächste bereitliegende Briefkuvert zu öffnen, in welchem sich die schriftliche Instruktion zur Durchführung der nachfolgenden Aufgabe befindet. Bei komplexer diagnostischer Dramaturgie ist dies sicherlich die Methode der Wahl, da ansonsten nicht ausreichend sicherzustellen ist, dass alle Aufgaben den Instruktionen entsprechend umgesetzt werden. Eine nachträgliche Korrektur durch die Fachkraft bedeutet stets eine Verfälschung der diagnostischen Situation. Allerdings ist die schriftliche Instruktion immer auch mit dem Nachteil behaftet, die Prozedur durch das Lesen zu unterbrechen, was bei den Kindern durchaus zu Irritationen führen kann und von der Bezugsperson eine zusätzliche Regulierungsleistung verlangt. Ferner muss zuvor sichergestellt werden, dass die Probanden das Lesen eines Textes problemlos bewerkstelligen können.

Nach Beendigung der videografierten Szenen sollte sich die Diagnostikerin oder der Diagnostiker bei den Akteuren (übrigens auch beim Kind) bedanken. Dem folgt die Orientierung auf den nächsten Schritt, nämlich die Auswertung. Ein umfassender Austausch über das Erlebte und über die dabei aufgekommenen Fragen, Probleme usw. scheint direkt im Anschluss an die Aufnahme ungünstig, da sie die innerlich unvoreingenommene Auswertung stark einfärben könnte. Vielmehr sollten Eltern und Kind bei Bedarf freundlich und warmherzig beruhigt und mit dem Ausblick, sich »für all das beim nächsten Treffen ausreichend Zeit und Raum zu nehmen«, verabschiedet werden.

Im Anschluss sollten die Auswertenden– falls dies nicht während der Aufnahme erfolgte – ihre Erfahrungen und Beobachtungen notieren.

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Дата выхода на Литрес:
19 декабря 2025
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342 стр. 121 иллюстрация
ISBN:
9783170414501
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