Читать книгу: «Wandlerin»
Buchbeschreibung:
Vor Jahren wurde Karina Wells brutalen Experimenten unterzogen, die schlafende Gene in ihr aktivierten. Seitdem befindet sie sich auf der Flucht und gilt als wandelnde Zeitbombe unter den geheimen Völkern. Denn Karinas Fähigkeiten sind außergewöhnlich und niemand weiß, welche Gaben noch in ihr geweckt wurden. Durch Zufall kommen die Wölfe auf ihre Spur und sie wird wieder zur Gejagten. Doch diesmal sind nicht nur Wölfe und Wandler hinter ihr her. Auch die Hexen sind an Karina interessiert.
Die Fantasy-Buchreihe "The Hidden Folks" spielt in der heutigen Zeit, in der neben den Menschen auch andere Völker existieren. Diese versuchen mit allen Mitteln ihre Existenz geheim zu halten und leben nach unerbittlichen Regeln. Die erste Regel lautet: Menschen, die von den Völkern erfahren, müssen sterben.
Bisher erschienen:
Fellträger
Aschenhaut
Seelenfresserin
Wächterin
Spurensucher
Seelenmalerin
Rebellen
Über die Autorin:
Ana Marna studierte und promovierte im Fach Biologie, bis sie sich neben Ehemann, Kindern und Hund dem Schreiben zuwendete. Schon als Kind las sie sich quer durch die städtische Bibliothek und ließ dabei kein Genre aus. Am liebsten waren ihr immer Fantasy und Science-Fiction Romane. Es lag nahe, dass sie sich irgendwann auch eigene Geschichten ausdachte und zu Papier brachte. Doch erst in den letzten Jahren entschloss sie sich, diese Erzählungen auch zu veröffentlichen.
Wandlerin
The Hidden Folks
Von Ana Marna
Gewidmet meiner lieben Schwiegermutter.
Eine Frau, die ich sehr bewundere
für ihre Stärke, ihre Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit.
1. Auflage, 2022
© Ana Marna – alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung: © Karen Zillmann – Ana Marna
Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin
anamarna@web.de
www.ana-marna.de
www.facebook.com/ana.marna.92372
Inhaltsverzeichnis
Prolog 5
Eine unfreiwillige Rekrutierung 16
Ein Zwangsurlaub 24
On the Road 33
Aufgeflogen 45
Die Jagd wird eröffnet 52
Erstkontakt der unangenehmen Art 60
Shadow Riders 67
Flucht 78
Keine Freunde 85
Ein Verbündeter 90
Ein Mord 99
Eine unerwartete Begegnung 111
Voller Einsatz 118
Ein erstes Wunden lecken 129
Ein Führungswechsel 136
Die Flucht geht weiter 162
Ein Kaninchen 170
Eine Treibjagd 181
Das wandelnde Rätsel 186
Ankunft 191
Vorbereitungen 197
Ein ernstes Gespräch 203
Überzeugungsarbeit 210
Eine unangenehme Befragung 228
Eine Kriegerin 239
Eine Hexe 247
Ein Fluchtversuch 257
Die nächste Jagd 270
Schlechte Nachrichten 272
Man lernt sich kennen 297
Ein harter Ritt 305
Konfrontation 309
Chinesen und Russen 330
Sorcière noire 337
Eine Hinrichtung 360
Ganz neue Perspektiven 386
Ein neuer President 393
Epilog 411
Anhang 413
Wie es weitergeht... 420
Nachwort 437
Prolog
Juni 2015

Rocky Mountains, Montana
Leises Stöhnen riss sie aus einem unruhigen Halbschlaf. Langsam richtete sie sich auf und versuchte, im schummrigen Licht etwas zu erkennen. Nur mühsam unterdrückte sie ein verzweifeltes Keuchen.
Sie war noch immer hier. Eingesperrt in diesem schrecklichen Käfig, umgeben von anderen Zwingern, in denen genauso geschundene Kreaturen hockten, wie sie selbst eine war.
Sie wusste nicht genau, wie lange man sie schon gefangen hielt, da das trübe Licht immer dasselbe war und die Zeit nur quälend langsam verstrich. Unterbrochen nur von unregelmäßigen Mahlzeiten und den Misshandlungen ihrer Bewacher.
Sie sah an ihrem nackten Körper hinunter, der übersät war mit Prellungen, Brandblasen und Schnitten.
Diesmal entfuhr ihr doch ein Keuchen.
Er hätte übersät sein müssen! Aber da war nichts! Keine Spuren der Misshandlungen. Ihre Haut war völlig makellos. Erst jetzt registrierte sie, dass sie auch keine Schmerzen verspürte.
Ihr Magen zog sich krampfartig zusammen. Das konnte nicht sein. So lange hatte sie nicht geschlafen. Das war hier in dieser Hölle gar nicht möglich. Wer beim Schlafen erwischt wurde, den rissen die „Wärter“ mit qualvollen Attacken wieder ins Bewusstsein.
Vorsichtig untersuchte sie sich, aber sie war tatsächlich völlig unverletzt. Sogar ihre verstauchten Knöchel, die noch vor wenigen Stunden schmerzhaft angeschwollen waren, wirkten geheilt.
„Herzlichen Glückwunsch, Kleine“, krächzte es von der Seite her.
Sie sah zum Nachbarkäfig, in dem ein nackter Mann hockte, der genauso ungewaschen und ungepflegt wirkte wie alle anderen Käfiginsassen. Lange Haare und ein wilder Bart klebten zottelig und verfilzt an seinem Kopf.
Eigentlich war er ein großer Mann. Sie konnte sich gut vorstellen, dass er sogar eine stattliche Erscheinung gewesen war. Doch im Moment wirkte er wie ein halbverhungerter Obdachloser mit flackernden irren Augen.
Er hatte schon so ausgesehen, als sie hier eingezogen war. Seinen Namen kannte sie nicht. Es war verboten zu reden. Wer sich daran nicht hielt – nun, ihre Bewacher hatten überzeugende Argumente.
Zum ersten Mal hörte sie ihn also reden und sah ihn überrascht an. Er verzog das Gesicht.
„Tut mir leid für dich. Du dürftest nicht hier sein. Niemand sollte das, aber du wirkst wie ein anständiges Mädchen.“
„Was passiert hier?“, wagte sie leise zu fragen.
Er grinste schräg. Doch die Grimasse wirkte verzweifelt.
„Nun, wir werden verbessert. Einer nach dem anderen. Wir sind die Monster der Zukunft. Bei mir hatten sie bisher ihre Schwierigkeiten, deswegen werde ich vermutlich bald den Abgang machen. Aber du – zumindest der erste Akt hat funktioniert.“
„Was passiert jetzt mit mir?“
Er schwieg kurz und schüttelte dann den Kopf.
„Das verrate ich dir besser nicht. Aber wenn du meinen Rat willst: Sieh zu, dass du von hier verschwindest. Und traue niemandem. Alle werden versuchen, dich entweder zu benutzen oder zu töten.“
„Warum?“ Sie flüsterte unwillkürlich.
„Weil du ab jetzt ein Monster bist, Süße.“
„Ah, noch ist es nicht so weit“, klang es aus dem Dunkeln und eine hochgewachsene Gestalt trat unter die trübe Glühbirne.
Er war schlank, wirkte noch jung und hatte eine gepflegte Erscheinung. Gutaussehend. Normalerweise sahen ihm mit Sicherheit die Frauen hinterher.
Sie hätte es vermutlich auch getan. Doch hier und jetzt empfand sie nur bleierne Furcht vor ihm. Seine blauen Augen schienen sie aufzuspießen.
„Komm her, meine Hübsche“, forderte er sie auf und trat ans Gitter.
Entsetzt spürte sie, wie sich ihr Körper aufrichtete und ohne zu zögern auf ihn zuging. Sie kam sich vor wie eine hilflose Marionette, gebannt von seinem Blick.
Sein Arm streckte sich durch die Gitterstreben und unbarmherzige Finger umschlossen ihren Hals, um sie nahe an sich heranzuziehen.
„Noch bist du kein Monster, Menschlein, aber heute Nacht wirst du eines werden. Ich bin schon sehr gespannt, wie du dich schlägst. Hast du Angst vor Schmerzen? Glaube mir, du fürchtest dich noch nicht genug.“
Er zog ihren Kopf brutal bis an die Stäbe, so dass ihr Gesicht schmerzhaft an das Metall gepresst wurde. Seine Lippen berührten sanft ihren Hals, dann ließ ein quälend stechender Schmerz sie unwillkürlich aufschreien.
Er hatte sich in ihrem Hals verbissen und trank in gierigen Zügen von ihrem Blut.
Panik ließ beinahe ihre Sinne schwinden. In was für einen Alptraum war sie hier nur geraten?
Es dauerte lange, bis er sie endlich losließ und sich die blutigen Lippen leckte.
Sie sank zu Boden und krümmte sich zitternd zusammen.
Metall kreischte auf.
„Komm!“
Ein Klatschen und ein lauter Schmerzschrei erklangen.
Vorsichtig wagte sie einen Blick zu ihrem Nachbarn.
Der stand offensichtlich ebenso gebannt wie sie vor diesem entsetzlichen Mann, das Gesicht schmerzerfüllt verzogen. Neben ihm befand sich ihr Bewacher, der seinen geliebten Metallprügel schwang und mit aller Gewalt in die Nieren des Gebannten schlug.
Ihr Nachbar stieß einen schmerzvollen Laut aus, der sie selbst wimmern ließ. Immer wieder knallte der Prügel in die Lendengegend. Haut platzte auf und Blut tropfte auf den Boden.
Es war unfassbar, dass der Gefolterte noch stand. Gehalten nur vom Blick eines Mannes.
Ein bizarrer Anblick, von dem sie wusste, dass er sie bis an ihr Lebensende verfolgen würde.
Das Ende kam plötzlich. Von einer Sekunde zur anderen hatte der Mann seine Zähne in den Hals ihres Nachbarn geschlagen. Nur lautes Schmatzen und das leise Röcheln des Sterbenden durchbrachen die ängstliche Stille, die den Raum beherrschte.
Sie erhaschte noch einen kurzen Blick in die verlöschenden Augen, bevor der tote Körper mit einem dumpfen Laut zu Boden fiel.
Tränen traten ihr in die Augen. So durfte niemand sterben.
Aber sie erhielt keine Zeit zu trauern.
Ihre Zelle wurde geöffnet und der blutige Metallprügel rammte sich schmerzhaft in ihre Seite.
„Steh auf, Missgeburt“, knurrte ihr Wärter.
Als sie panisch vor ihm davonkriechen wollte, packte er sie an den Haaren und riss sie hoch.
Diesmal waren sie zu zweit. Ihr Bewacher und ein weiterer, finster aussehender Kerl, der einen genauso irren Blick trug wie alle Männer, die sich um die Gefangenen kümmerten. Sie zerrten sie durch dunkle Gänge bis in einen kleinen Raum, in dem ein Metalltisch auf sie wartete.
Stählerne Ringe fixierten sie auf dem Tisch, dann trat wieder der gutaussehende Mann in ihr Blickfeld. Er musterte sie mit einem unergründlichen Lächeln, das ihr erneut tiefe Angst einjagte.
„Was ... was wollen Sie von mir?“, stammelte sie. „Wer sind Sie?“
„Ich bin dein Herr und Meister.“ Er hob eine Spritze und ließ einen Finger gegen das Glasgehäuse schnalzen. „Und du, Menschlein, trägst tatsächlich das Potenzial in dir, mein Meisterstück zu werden. Wenn du diese Nacht überlebst, wirst du mir dienen.“
„Das .... das werde ich ganz bestimmt nicht.“
Ihre Stimme brach beinahe vor Angst.
Er lachte leise und beugte sich über sie.
„Ganz bestimmt, Menschlein.“
Der Stich der Spritze tat weh, aber es ließ sich aushalten. Kein Vergleich zu den bisherigen Schlägen und Verletzungen, die man ihr zugefügt hatte. Doch es dauerte nicht lange und sie spürte, wie ein leichtes Brennen in ihren Adern einsetzte. Es rollte durch ihren ganzen Körper, erreichte jede ihrer Zellen und wurde immer stärker.
Panisch und beinahe blind vor Schmerzen riss sie an ihren Fesseln.
„Mach dir nicht allzu viele Sorgen“, drang die gefürchtete Stimme an ihr Ohr. „Ich konnte deine Regenerationsfähigkeit in dir wecken. Das wird dir helfen, diese Nacht zu überstehen.“ Er lachte leise. „Die Schmerzen wird es dir natürlich nicht nehmen, aber es heißt ja, dass man daran wachsen kann.“
Sie starb, das wusste sie einfach. Niemand konnte eine solche Pein überleben. Ihre Zellen standen in Brand, eine einzige Agonie der Schmerzen und der Zerstörung. Sie sah, wie ihre Haut schwarz wurde, verkohlte, und jede ihrer zuckenden Verrenkungen ließen Glut und Asche auffliegen.
Niemand konnte so etwas überstehen!
*
„Auf, Bestie, auf und zeig, ob du wieder hübsch bist!“
Der Elektroschocker brannte sich schmerzhaft in ihren Oberarm und sie schnellte auf die Beine. Mit einem Fauchen drehte sie sich ihrem Peiniger zu. Dieser lachte nur dreckig und trieb den Metallprügel gegen ihre Rippen.
Sie stolperte nach hinten und krachte scheppernd an das Metallgitter.
Diesmal war ihr Folterer nicht allein. Zwei weitere Männer standen vor ihr und betrachteten sie mit angewiderten Blicken.
Unwillkürlich sah sie an sich herunter. Sie war nicht besonders hübsch, das war ihr klar, aber warum ... Ihre hektischen Gedankengänge stockten und sie schnappte entsetzt nach Luft.
Ihre normalerweise blasse Haut flackerte in einem unsteten Farbmuster, durchzogen von roten und gelben Schlieren.
Ihr Blick fiel auf ihre Hände und sie hob sie ungläubig. Waren das Krallen? Genauso ihre Füße. Scharfe Krallen sprossen aus den einzelnen Zehengliedern und verwandelten sie in mörderisch aussehende Klauen. Dann bemerkte sie, wie ihre Zunge gegen die Zähne stieß. Spitze, scharfkantige Reißzähne.
Sie war ein Monster!
„Eine echte Schönheit“, spottete ihr Bewacher und spuckte angewidert vor ihr aus. „Der Meister wird begeistert sein.“
Er nickte einem der Männer zu. „Sag dem Meister, dass sie gesund und munter ist.“
Die drei zogen sich vorsichtig aus dem Käfig zurück und verschlossen ihn sorgfältig.
Sie registrierte das nur am Rande. Noch immer hing ihr Blick an den Klauen fest und pures Entsetzen machte sich in ihr breit. Was für ein Monster war sie geworden? Wie konnte das passieren? Ihr selbsternannter „Meister“ hatte gesagt, dass die Bestie in ihr gelegen habe, aber warum hatte sie nie etwas davon gespürt?
Sie sah hoch und blickte in die Nachbarzellen.
Ihre Mitgefangenen starrten ihr entgegen. In allen Augen las sie das Gleiche.
Furcht.
Ein verzweifelter Laut entrang sich ihren Lippen.
Was hatte man ihr angetan?!
*
Natürlich wollte sie fliehen. So wie vermutlich alle hier.
Doch wie sollte sie das anstellen? Er, der sie jetzt dazu zwang, ihn Meister zu nennen, hatte ihr verboten, die Gitterstäbe zu berühren. Und sein Wort war wie ein Gesetz.
Jedes Mal, wenn sie das Metall berührte, machte sich in ihr der Zwang breit, sich selbst zu verletzen. Inzwischen gelang es ihr zwar, zwischendurch ihre menschliche Gestalt anzunehmen, doch dieser Zwang löste sofort eine Wandlung aus und scharfe Krallen rissen in ihrem eigenen Fleisch, bis der Wärter sie mit seinem Elektroschocker in die Bewusstlosigkeit schickte.
Ihr Meister hatte sich darüber köstlich amüsiert und verkündet, dass sie es schon noch lernen würde, zu gehorchen.
Viermal hatte er sie aufgesucht, hatte sie begutachtet und ihr dann eine weitere Spritze verpasst. Das letzte Mal war vor zwei Tagen gewesen.
Gespürt hatte sie dieses Mal nichts. Keine Schmerzen, keine Veränderungen. Aber sie war sich nicht sicher, ob das gut war.
Ihr Bewacher war in den letzten Tagen besonders eklig gewesen. Ständig malträtierte er sie mit seinen Elektrostab und erklärte ihr kichernd, dass sie nun mal lernen müsse, sich schnell zu verwandeln.
Bisher gelang es ihr nur mit äußerster Konzentration, menschlich zu werden. Jeder Schmerz, jede Furcht ließ sie instinktiv zum Monster mutieren. Ihre Leidensgenossen mieden inzwischen jeden Blickkontakt. Und das war für sie das Schlimmste. Alle, ausnahmslos alle fürchteten sich vor ihr. Niemand sah in ihr den Menschen, der sie doch eigentlich war.
Doch sie war nicht die Einzige, die zu einem Monster mutierte.
Immer wieder wurden Männer aus ihren Käfigen gezerrt. Nur wenige kehrten zurück. Einige vegetierten still vor sich hin, andere verwandelten sich vor ihren Augen in fellbedeckte, wolfsähnliche Riesen, die knurrend und geifernd gegen die Metallgitter angingen, bis sie von den Elektroschockern gebändigt wurden. Einer der Männer blieb mitten in der Verwandlung stecken und wurde gnadenlos mit mehreren Kugeln niedergestreckt.
Sie verlor den Überblick, wie viele der geschundenen Kreaturen starben und wie viele von ihrem Meister in den Bann geschlagen wurden und ihm folgten.
Inzwischen hatte sie akzeptiert, dass ihr Meister so etwas wie ein Vampir war. Eine andere Bezeichnung fiel ihr einfach nicht ein. Dass er Blut trank, sprach ja schließlich dafür.
Doch viel mehr fürchtete sie sich vor seinem Bann. Dieser war so zwingend, dass man sich ihm nicht widersetzen konnte. Daher wunderte es sie nicht, dass die armen Kreaturen seinen Befehlen widerstandslos gehorchten.
Warum er sie selbst nicht dazu zwang, war ihr noch nicht klar. Der Bann funktionierte schließlich auch bei ihr, das hatte sie ja schmerzvoll erfahren.
Von ihrem Foltermeister hatte sie vor einigen Stunden gehört, dass der Meister gerade ein neues Spielzeug hatte und sich danach wieder voll und ganz ihr widmen würde. Anschließend hatte er sie gut gelaunt mit seinem Lieblingsgerät malträtiert und verspottet.
Sie wollte sich gar nicht ausmalen, was dieser arme Mensch, der als „Spielzeug“ bezeichnet wurde, gerade durchmachen musste. Wenn sie doch nur helfen könnte! Aber da waren diese verfluchten Gitterstäbe und dieser ekelhafte Bewacher.
In ihrem ganzen Leben hatte sie noch niemanden gehasst, doch sie war sich sicher, dass ihre Gefühle für diesen brutalen und sadistischen Kerl dem Hass ziemlich nahekamen.
Sie hatte zwangsläufig viel Zeit nachzudenken und sich in den letzten Tagen zu dem Entschluss durchgerungen, diesem Menschen den Tod zu wünschen. Vielleicht hatte er ebenso Schlimmes durchgemacht wie sie oder ihre Mitgefangenen. Vielleicht hatte er allen Grund, so brutal und herzlos zu sein. Doch in seinen Augen las sie jedes Mal, wie er diese Macht genoss. Die Macht, andere zu quälen, sie unter Kontrolle zu halten. Und er würde niemals damit aufhören, davon war sie mittlerweile überzeugt.
Als er an diesem Abend den Raum betrat, grinste er wie so häufig selbstgefällig in die Runde.
„Ah, der Meister ist heute gut gelaunt. Bald hat er wieder Zeit, sich mit euch zu beschäftigen.“
Er trat zu ihrem Käfig und zwinkerte ihr zu.
„Er will dich wieder testen. Das wird bestimmt ein Riesenspaß für dich.“
Sie schwieg. Das war im Moment die beste Strategie. Es würde sie zwar nicht vor Misshandlungen schützen, doch zumindest seine Reaktion weniger eskalieren lassen. Er mochte es, wenn man sich hilflos gab.
Doch dieses Mal kam er nicht dazu, ihr weh zu tun.
Lautes Heulen und Gebrüll drang durch die offene Tür aus dem Gang zu ihnen herein. Der Bewacher fuhr herum und wirkte mit einem Mal gar nicht mehr so fröhlich.
Fluchend eilte er nach draußen. Sie lauschte und war sich ziemlich sicher, dass die lauten Schreie auf einen Kampf hindeuteten.
War das ihre Rettung? Sie blickte auf ihre Hände, die gerade menschlich aussahen. Würde sie ihr Monster geheim halten können? Wohl kaum. Wer auch immer siegte, keiner würde ihr freundlich gesinnt sein.
Die plötzliche Veränderung in ihr war fast gar nicht spürbar, doch in letzter Zeit hatte sie ihren Körper und ihre Empfindung so gut kennengelernt wie noch nie. Atemlos lauschte sie in sich hinein. Konnte es sein? Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden.
Entschlossen trat sie vor und ihre Finger legten sich um die dicken Stahlstangen.
Nichts passierte.
Kein Drang, sich zu verletzen. Keine Wandlung.
Hoffnung durchflutete sie. Der Bann war verschwunden. Warum auch immer. Und dies war vermutlich die einzige Chance zur Flucht, die sie je haben würde.
Die Wandlung setzte übergangslos ein und sie spannte die Muskeln an. Sie war stark. Stärker als jeder hier im Raum, das hatte ihr Meister inzwischen herausgefunden. Nicht umsonst waren ihre Wächter immer zu dritt, wenn sie den Käfig betraten. Aber reichte es, um diese Stäbe zu verbiegen?
Ihre Muskeln spannten sich an und sie biss entschlossen die Zähne zusammen.
Es war knapp. Verzweifelt spürte sie, wie die Stäbe kurz davor waren, nachzugeben, doch der letzte Schub fehlte noch. Ihre Muskeln schrien vor Schmerz, aber sie gab nicht nach. Verzweiflung, Angst schwappten in ihr hoch.
Sie musste es schaffen!
Mit einem Mal flutete neue Energie durch sie hindurch und die Stäbe verbogen sich. Knirschend lösten sie sich aus den oberen Verankerungen und schafften Platz für ihren Körper.
Ohne zu zögern, quetschte sie sich durch die Gitterstäbe und sah zu ihren Mitgefangenen. Die betrachteten sie aus weit aufgerissenen Augen.
In diesem Moment stürzte ihr Bewacher in den Raum, Panik im Blick. Erst als er kurz vor ihr stand bemerkte er, dass sie frei vor ihm stand. Instinktiv streckte er seinen Stab aus, aber diesmal wischte sie ihn mit einer nachlässigen Bewegung zur Seite.
Auch in ihr machte sich der Instinkt breit.
Sie wollte leben! Und dieser Sadist stand ihr im Weg.
Mit einem Fauchen sprang sie ihn an und verbiss sich in seiner Kehle. Gurgelnde Schreie drangen aus seinem Mund und verstummten dann. Sie ließ den reglosen Körper fallen und sah wieder in die Runde.
Ausnahmslos alle drängten sich eng an die hinteren Gitterstäbe.
Sie trat an einen der Käfige heran und deutete auf die Stäbe. Der Gefangene schüttelte heftig den Kopf.
„Komm mir nicht zu nahe!“, krächzte er.
„Ich will helfen“, versicherte sie und versuchte, ihrer Stimme einen beruhigenden Klang zu geben. Doch ihr Anblick war offenbar nicht vertrauenerweckend genug. Sie schmeckte Blut und Gewebe an ihren Lippen und von ihren Klauen tropfte es dunkelrot auf den Boden.
„Verschwinde“, zischte er. „So wie sich das anhört, werden wir gleich gerettet.“
Wieder erklangen Schreie. Die Zeit lief ihr davon.
„Ich wünsche euch Glück“, flüsterte sie und rannte los, den Gang entlang, fort von den Schreien.
Sie gelangte in einen großen Raum, der offenbar als Lagerraum diente. Instinktiv griff sie nach einem dicken Mantel und Stiefeln, die auf einem Haufen vor einem Regal lagen. Gehortete Habseligkeiten der verlorenen Seelen in dieser Hölle, erkannte sie schaudernd. Eine weitere Tür führte in einen schmalen Gang, der schnurgerade durch nackten Fels getrieben war und vor einer dicken Stahltür endete.
Wieder flackerte Verzweiflung in ihr hoch, die sofort von Zorn überschwemmt wurde. Sie würde hier nicht sterben!
Ihre Krallen bohrten sich in das Metall, und sie riss und zerrte mit all ihrem Zorn und ihrer Kraft, bis die Tür mit einem Kreischen aus dem Stein brach und scheppernd zur Seite fiel. Dann starrte sie nach draußen in eine tiefdunkle Nacht. Nur weit oben konnte sie im Sternenlicht die düsteren Gipfel einer Gebirgskette ausmachen. Ein scharfer Wind schlug ihr entgegen und es roch nach kaltem Fels und Schnee. Wo war sie?
Ihre feinen Sinne nahmen Geräusche wahr, die ihr verrieten, dass man ihr auf den Fersen war. Kurz schwappten Trauer und Schuldgefühle in ihr hoch. Sie hatte einen Menschen getötet und ihre Mitgefangenen wehrlos zurückgelassen.
Auch wenn der eine gehofft hatte, gerettet zu werden, sicher war das nicht.
Entschlossen trat sie nach draußen. Wo auch immer sie jetzt war, sie würde sich nicht fangen lassen!
Eine unfreiwillige Rekrutierung
November 2020
Dark Moon Creek, Minnesota
Bernart Dierolf langweilte sich.
Und das war noch nie gut gewesen, das wusste er selbst. Nicht gut für ihn, eben weil er sich langweilte, und zwangsläufig auch nicht gut für seine Umwelt, da er in einer solchen Stimmung nach Abwechslung suchte und das meistens zu Ärger führte.
In seiner derzeitigen Lage war das eher lästig.
Seit einem Jahr wohnte er jetzt in der ehemaligen Jackson-Hütte, die ihren Namen irgendwie nicht loswerden wollte, obwohl sie inzwischen seiner Tochter Hannah O’Brian, gebürtige Riemann, gehörte.
Der Name und auch die Dauer seines Aufenthalts störten ihn nicht weiter. Er sah diesen Ort eh nur als Durchgangsstation an. Rudelführer Tucker O’Brian hatte ihm deutlich gesagt, dass er ihn erst ziehen lassen würde, wenn er davon überzeugt war, dass Bernart Dierolf keinen Ärger mehr machen würde. Aber natürlich war allen klar, dass er nur blieb, weil er es selbst so wollte. Dass er es eine Zeitlang sogar genossen hatte, sich nicht mehr vor anderen Wölfen verstecken zu müssen, würde er natürlich niemandem verraten. Es war zwar ärgerlich, dass er vom alten Kontinent verbannt worden war, doch dafür lebte er und hatte die Chance, noch viele Jahre mit Hannah zu verbringen. Und mit Tucker O’Brian. Leider.
Dierolf schnaufte unmutig und hob das Gesicht zur Sonne. Er hockte auf einer Holzbank vor dem Haus, während er seine düsteren Gedanken sortierte. Dies war sein Lieblingsplatz. Er hatte die Bank selbst zusammengebaut und an die sonnenreichste Stelle vor der Hütte gestellt. Im Laufe des Jahres war sie jeden Monat mit dem Sonnenstand gewandert. Und jetzt im November musste man jede Minute davon ausnutzen.
Der Gedanke an O’Brian war da eher störend.
Er mochte den Mann. Keine Frage. Und das lag nicht nur daran, dass Tucker O’Brian seine Tochter geheiratet hatte und jetzt sein verdammter Schwiegersohn war. Ehrlich gesagt gab es wohl kaum einen besseren Ehemann für die temperamentvolle Hannah. O’Brian war ein knurriger, besserwisserischer und kompromissloser Bastard und würde Hannah niemals fallen lassen, davon war Dierolf fest überzeugt. Allerdings wurmte es ihn gewaltig, dass dieser Jungspund einen Hauch dominanter war als er selbst und ihn das auch immer wieder spüren ließ. Normalerweise hätte er sich schon längst verkrümelt und diesen Kontinent erkundet, doch da war eben noch Hannah.
Sie genossen es, nach langen Jahren der Trennung wieder zusammen zu sein. Und er konnte ihr noch eine Menge beibringen, was frau besser wissen sollte, wenn sie einen Rudelführer als Ehemann hatte. Wölfe tickten in manchen Dingen eben doch anders als Menschen. Und die ersten, die das zu spüren bekamen, waren normalerweise ihre menschlichen Frauen.
Zu seiner Erheiterung schien Hannah den Rudelführer allerdings bestens im Griff zu haben. Dafür war sie eben doch zu sehr seine Tochter.
Er grinste zufrieden vor sich hin und überlegte, wie er O’Brian als Nächstes ärgern konnte. Ob er den Kids beibringen sollte, wie man auch eine Wolfsnase austrickste? Die kleinen Biester waren immer wieder bemüht, ihren Anführer mit dummen Sprüchen und Bildern zu ärgern, ohne dabei erwischt zu werden, scheiterten aber regelmäßig. Kinderspiele, doch sehr unterhaltsam für alle Dorfbewohner. O’Brian spielte mit. Er erwischte jeden, aber seine Strafen fielen immer milde aus und zeugten von erzieherischer Konsequenz.
Dierolf musste zugeben, dass er selbst mit Sicherheit nicht so viel Geduld gezeigt hätte. Aber er war ja auch kein Rudelführer. Eigentlich auch kein echtes Rudelmitglied. Nur ein geduldetes. Die meisten akzeptierten ihn und einige der Dorfbewohner halfen ihm, wenn es nötig war. Lediglich zu Theo und Ethan hatte sich so etwas wie eine Freundschaft entwickelt.
Theo war ein junger Wolf mit einer Leidenschaft für Automotoren. Seit einiger Zeit bastelten sie miteinander an einer alten Harley herum, die Dierolf auf einem Schrottplatz aufgetan hatte. Das schweißte zusammen.
Ethan, Koch und Verwalter der Siedlung, hatte ihn anfangs erst misstrauisch begutachtet, dann aber gegrinst und ihm auf die Schulter geschlagen.
„Freut mich, Wolf. Ich hab das Gefühl, du wirst unsere Langeweile vertreiben. Kannst du kochen? Ich will ein paar deutsche Rezepte ausprobieren, aber Hannah war da bisher eher keine Hilfe.“
Bernart Dierolf hatte gegrinst und genickt. Dass seine Tochter miserable kochte, war kein Geheimnis. Er selbst kochte ganz passabel und so hatten die Männer schnell einen Draht zueinandergefunden.
Aber mehr Freundschaften ließ er nicht zu. Er wartete lieber ab.
Seine Ohren zuckten und er lauschte konzentriert in die Höhe. War das ein Hubschrauber? Er flog Richtung Dark Moon Creek. Vermutlich wieder Besuch aus der Ranger-Zentrale. Ab und zu kam dieser Kriegerwolf Mort Byers vorbei, um seine Frau zu besuchen. Vor einigen Monaten war er Vater von einem strammen Jungen geworden, der alle Anzeichen in sich trug, ein genauso beeindruckender Krieger zu werden wie sein Vater. Seitdem kam Byers öfters, als es den Bewohnern von Dark Moon Creek vermutlich recht war. Ein Grund mehr, heute nicht ins Dorf zu laufen. Kriegerwölfe waren anstrengend und Mort war dazu noch ein Kaliber für sich. Dierolf hatte nicht schlecht gestaunt, als er diesem Wolf das erste Mal begegnet war. Im Laufe seines langen Lebens hatte er schon viele Fellträger getroffen. Mort Byers war mit Abstand der Größte, und das Aggressionspotenzial des Kriegers ließ jedes Mal Dierolfs Instinkte aufjaulen. Keine Frage, von diesem Ranger hielt er sich besser fern.
Und Byers Partner, dieser Henry, war noch spezieller.
Henry Graves. Er hatte den Namen schon einmal vor vielen Jahrzehnten gehört. In Europa. Das war noch zu Zeiten gewesen, als man ihn selbst nicht gejagt hatte.
Ein Blick hatte ihm genügt. Henry Graves war der zweitdominanteste Wolf, dem er je begegnet war. Und das hieß schon was. Er selbst war schließlich weit herumgekommen. Und die Intelligenz, die in den grünen Augen stand, war ihm Warnung genug. Niemals würde er diesen Krieger unterschätzen, das nahm er sich fest vor.
Noch besser, er lief ihm gar nicht mehr über den Weg.
Er schloss die Augen und überlegte, welches der Kids das meiste Potenzial hatte, O’Brian so richtig zu nerven.
Ein Automotor riss ihn aus seinen Überlegungen. Den Motor kannte er. Er hatte ihn schon oft mit Theo repariert.
Langsam stand er auf und sah dem Wagen angespannt entgegen. Es kam selten jemand vorbei. Und wenn, dann waren es meistens Hannah oder ihr nervender Ehemann. Selbst die Besuche von Theo und Ethan konnte er an einer Hand abzählen.
Der Wagen hielt kurz vor ihm. Theo saß am Steuer und grinste ihn schief an. Er wirkte nervös, was Dierolf nicht wunderte, als eine weitere Person auf der Beifahrerseite ausstieg.
Bernart Dierolf murmelte einen leisen Fluch. Von allen Wölfen auf dem Planeten musste er ausgerechnet diesem über den Weg laufen! Aber wenn er ehrlich war, war das nur eine Frage der Zeit gewesen.
Schweigend wartete er ab. Theo wendete den Wagen und gab mehr Gas, als nötig war. Dierolf konnte es ihm nicht verdenken. Am liebsten hätte er auch Fersengeld gegeben. Aber das ließ sein Stolz nicht zu.
Niemand würde ihn jemals von hinten sehen, auch nicht Chief Kale Bryan, Kriegerwolf und Anführer der Minnesota-Rangers.
„Hallo Bernart, lange nicht gesehen.“
Dierolf vermied es, in die stechenden Augen zu sehen. Er hatte vor einigen Jahrzehnten ein halbes Jahr mit Bryan in der französischen Fremdenlegion verbracht und bereits am ersten Tag hatte der Krieger klargestellt, dass er Widerspruch nicht duldete. Bis heute hatte Bernart keinen Wolf getroffen, der dominanter war als Kale Bryan. Dummerweise hatte dieser in jener früheren Zeit rangmäßig auch noch deutlich höher als Bernart gestanden und damit gab es keine Chance, seinen Anweisungen zu entgehen. Und Bryan war schon damals ein harter Knochen gewesen. Dierolf hatte unter ihm Blut und Wasser geschwitzt und ihn permanent verflucht.
„Von mir aus hätte es länger sein können“, knurrte Dierolf seine Antwort und starrte auf den breiten Brustkorb, der sich vor ihm aufgebaut hatte.
Bryan lachte leise mit einem spöttischen Unterton.
„Hast du ernsthaft geglaubt, dass du mir entgehst? O’Brian hat dich erstaunlich lange ruhig gehalten, aber wir wissen beide, dass das kein Dauerzustand ist.“
„Was willst du?“
„Dich!“
Das war eine deutliche Ansage. Dierolf ballte die Fäuste.
„Verdammt, Bryan, ich bin kein ...“
„Es gibt keine Alternative, Bernart.“
Der Chief klang beinahe sanft, aber Dierolf wusste, dass das täuschte. An diesem Kriegerwolf war nicht eine Zelle weich.
„Du wirst für mich arbeiten. Punkt. Alles andere lasse ich nicht gelten, und jeder Rudelführer hier in den Staaten wird bei diesem Thema hinter mir stehen. Dafür hast du bereits zu viel Ärger angezettelt.“
Dierolf schluckte hart. Dass ihn seine Vergangenheit irgendwann einholen würde, war ihm immer klar gewesen, aber dass er ausgerechnet bei Bryan landen musste ...
Das war echt nicht fair!
„Fuck, Bryan, ich könnte ...“
„Nein, kannst du nicht! Pack deine Sachen, du kommst gleich mit.“
Einem Kale Bryan widersprach man einfach nicht.
Dierolf stieß einen deftigen Fluch aus und wirbelte herum.
Wütend stapfte er in seine Hütte. Ein Rucksack war schnell gepackt. Viel besaß er ohnehin nicht. Um den Rest würde sich hoffentlich seine Tochter kümmern.
„Kann ich mich wenigstens von Hannah verabschieden?“, fragte er, als er wieder nach draußen trat.
Chief Bryan erwartete ihn mit verschränkten Armen. Er nickte knapp, drehte sich um und lief los. Dierolf entglitt ein weiterer Fluch und rannte hinterher.
Es war lange her, dass er mit Kriegerwölfen gelaufen war, und damals war er in deutlich besserer Form gewesen. Aber seinen Willen besaß er noch und der hielt ihn knapp hinter Bryan, auch wenn er wusste, dass er das am nächsten Tag mit Sicherheit bereuen würde. Überanstrengte Muskeln schmerzten bestialisch.
*
Dies war das erste Mal, dass Dierolf eine Zentrale von Kriegerwölfen betrat. In Europa war er zwar mit Kriegern gelaufen, doch das Hauptquartier der Europe Security hatte er nicht von innen gesehen. Chief Martinak hatte ihm noch nie richtig vertraut.
Und Chief Bryan? Der leitete die Minnesota-Ranger seit einigen Jahrzehnten und wie zu hören war, hatte er die Krieger sehr gut im Griff. Was Dierolf nicht wunderte, aber ziemlich wurmte.
Die Zentrale lag mitten im Wald, im Norden Minnesotas. Etwa vierzig Meilen von Dark Moon Creek entfernt. Nur eine befahrbare Straße führte hierher. Dafür war rund um die Anlage ein umzäunter, schwer gesicherter Bereich angelegt, der Platz für mehrere Transporthubschrauber bot. Und dort waren sie gelandet.
Das Gebäude war wirklich eindrucksvoll. Oberirdisch befanden sich die Fahrzeughalle und diverse Lagerräume, die vollgestopft mit Fahrzeugen, Maschinen und Kisten waren. Mit einem Fahrstuhl fuhren sie nach unten. Die wichtigsten Räumlichkeiten waren unterirdisch angelegt. Dierolf zählte sechs Untergeschosse.
Zunächst ging es in Bryans Büro.
Vor dessen Tür stand ein großer Schreibtisch, an dem eine äußerst attraktive Kriegerwölfin saß, die ihn interessiert musterte.
„Gib Morgan Bescheid, Betty“, befahl Bryan im Vorbeigehen. „Wir haben ein neues Mitglied.“
Dierolf verzog unwillkürlich das Gesicht, was ein äußerst gehässiges Lächeln in der Miene der Wölfin erscheinen ließ.
„Aber mit Vergnügen, Boss“, säuselte sie und griff nach einem Hörer.
Morgan war ein typischer Krieger: Riesig, breit, Finsterblick. Ein echter Sonnenschein also. Aber daran würde Dierolf sich wohl gewöhnen müssen. Er hatte noch keinen Krieger getroffen, der eine herzliche Art in sich trug.
Stoisch ließ Dierolf Morgans Musterung über sich ergehen.
„Du weißt, dass ich deine Entscheidungen selten in Frage stelle, Boss, aber bist du sicher, dass ein Regelbrecher hier reinpasst?“
Bryan hob fragend die Augenbrauen und nickte dann auffordernd zu Dierolf.
„Erzähl deinem zukünftigen Ausbilder, welche Regeln du gebrochen hast.“
Dierolf schnaufte ärgerlich. „Nur, dass ich meine Familie nicht in ein Rudel gesperrt habe. Alles andere ist erstunken und erlogen.“
„Wölfe lügen nicht“, wandte Morgan ein.
„Habe ich gerade die Unwahrheit gesagt?“, kam sofort die Gegenfrage. Morgan runzelte die Stirn. Die Antwort war klar. Dierolf hatte die Wahrheit ausgesprochen. Wölfe konnten das problemlos erkennen.
„Geh davon aus, dass der Ex-Rudelführer aus Deutschland, Albin Bolender, eine Menge Zeit investiert hat, um Bernart Dierolf schlecht dastehen zu lassen. Beinahe hätte es geklappt“, erklärte Bryan. „Abgesehen davon ist es die einzige Möglichkeit, unseren Wolf hier im Auge zu behalten.“
Er schenkte Dierolf ein wölfisches Grinsen.
„Und zufällig weiß ich in etwa, was für Potenziale in ihm schlummern. Er mag nicht die körperlichen Fähigkeiten eines Kriegers haben, aber allein sein sturer Dickschädel wird ihn mithalten lassen.“
Morgan zuckte die Schultern. „Wie du meinst. Also Komplett-Ausbildung?“
„Die Grundkenntnisse hat er. Ich schätze, ein wenig Auffrischung und Fitnesstraining werden erst einmal reichen.“
Dierolf verkniff sich ein Aufatmen. Noch wusste er nicht, was Auffrischung und Fitness bei nordamerikanischen Kriegerwölfen bedeutete.
Er sollte es schnell herausfinden.
Nachdem er seine kleine Wohnung im dritten Untergeschoss bezogen hatte, orderte Morgan ihn auch schon in die Trainingsebene.
Und Dierolf erfuhr, dass seine derzeitige Fitness bei Weitem nicht ausreichte, um diesen Krieger zufrieden zu stellen.
Unter den Augen einiger anderer Ranger wurde er dermaßen zusammengefaltet, dass er abends wie tot ins Bett fiel und den kommenden Tagen nur mit einem ganz miesen Gefühl entgegensah.
Zum ersten Mal verfluchte er seine Entscheidung, Europa den Rücken zuzukehren. Möglicherweise wäre eine Hinrichtung besser gewesen. Andererseits, er ballte die Fäuste, dann hätte er auch keine Zeit mehr mit Hannah verbringen können und sein Tod hätte sehr viel Leid in ihr geweckt.
Nein, er hatte sich entschieden und würde den Mist hier durchstehen.
In einem hatte Bryan recht. Er trug in sich den Willen zu überleben. Egal in welcher Situation. Und so ein paar verdammte Kriegerwölfe würden ihm das nicht ausreden!
Am nächsten Morgen stand ein grimmig blickender Wolf vor Morgan. Und er gab alles.
Abends nickte der Trainer ihm anerkennend zu.
„Ich revidiere meine Meinung. Der Boss hat wohl recht. Du bist ein Kämpfer. Morgen wirst du beim Training der Jungs mitmachen. Mal sehen, wie lange du durchhältst.“
Dierolf biss die Zähne zusammen.
Und wie er durchhalten würde!
Ein Zwangsurlaub
Ende Juni, 2021
Dornbach nahe Nürnberg, Deutschland
„Das ist jetzt ein schlechter Witz! Oder?“
Tiger starrte seinen President ungläubig an.
Big Man, National President des Road Bastards OMC, lümmelte sich lässig hinter dem riesigen Schreibtisch auf einem äußerst breiten Sessel und grinste ihn gehässig an.
„Mein Sohn, ich scherze nie, das solltest du doch wissen.“
„Ich bin nicht dein Sohn“, knurrte Tiger, obwohl Big Man in all den Jahren, die sie sich kannten, für ihn wohl zu einer etwas verqueren Art von Ersatzvater geworden war. Sie verband keine leibliche Verwandtschaft, aber in den letzten Jahren hatte Big Man ihn oft um seine Meinung gefragt und protegiert. Dazu kamen immer kniffligere Aufgaben und Einsätze, die nie ungefährlich waren. Es schien so, als würde der President der Road Bastards ihn testen wollen. Wofür auch immer. Aber vor allem lagen sie auf der gleichen Wellenlänge. Manchmal hatte Tiger sogar den Eindruck, dass sie sich nur ansehen mussten, um zu wissen, was im Kopf des anderen vor sich ging.
Tiger betrachtete sein Gegenüber aufmerksam. Der President war in den letzten Jahren sichtlich gealtert. Klar, übermäßiger Alkohol, hemmungsloser Konsum von Junk-Food und ungebremster Sex mit jungen, willigen Biker-Fangirls hinterließen ihre Spuren, obwohl Big Man behauptete, das würde ihn jung halten. Er war deutlich massiger und langsamer als früher, auch wenn er immer noch wie ein Dampfhammer zuschlagen konnte. Sein rechter Haken war in der Bikerszene legendär.
Doch Tiger ließ sich nicht so leicht täuschen.
Sein Boss wurde alt. Seine Bewegungen, sein körperlicher Zustand, alles deutete darauf hin. Trotzdem loderte immer noch das aggressive Feuer in ihm, das die Road Bastards zusammenhielt.
Tiger wollte gar nicht darüber nachdenken, was passierte, wenn Big Man einmal nicht mehr sein würde. Der alte Teufel war der intelligenteste Stratege, den er je kennengelernt hatte. Big Man hatte nur knapp zehn Jahre gebraucht, um aus einem Haufen lockerer Motorradclubs einen eingeschworenen Verein zu machen, der sich über die Gesetze der üblichen Bevölkerung kaputtlachte und nach eigenen Regeln lebte. Zugegeben, nicht gerade gesetzeskonforme Regeln, aber das störte niemanden in ihren Reihen. Im Gegenteil. Tiger mochte es, den Gesetzeshütern eine lange Nase zu drehen, und ihnen immer einen Schritt voraus zu sein.
Etwas, das er mit Big Man teilte.
Deswegen glaubte er tatsächlich, sich verhört zu haben.
„Ich soll Deutschland verlassen? Fuck, Boss, das ist echt ein schlechter Scherz.“
„Sorry, Junge, aber es muss sein. Gestern stand die geballte Staatsmacht vor meiner Tür und wollte wissen, wo du dich aufhältst. Angeblich hast du vor drei Wochen den Sohn eines Staatsanwaltes ins Koma geprügelt. Es gibt einen Zeugen und einen äußerst angepissten Vater, der Blut sehen will.“
Tiger stöhnte leise, konnte aber nicht verhindern, dass ein breites Grinsen über sein Gesicht zog. An den Knaben erinnerte sich immer noch gerne. Dieser Großkotz hatte doch tatsächlich die Dämlichkeit besessen, ihn einen kriminellen Wichser zu nennen, der mit Sicherheit bald im Knast landen würde. Möglicherweise würde dieser Milchbubi recht behalten. Aber für den Ausdruck in seinen Augen, als Tiger ihm die Faust ins Gesicht gepflanzt hatte, wäre es das auf jeden Fall wert.
Big Man seufzte auf seine typisch theatralische Art.
„Tiger, ich will ja nicht behaupten, dass ich dich nicht verstehe. Vermutlich hätte ich dem Kerl den Schädel eingeschlagen und die Kosten für die lebenserhaltenden Maßnahmen würden die Krankenkassen deutlich weniger belasten, aber ich will meinen besten Mann nicht im Knast haben. Es wird etwas Zeit brauchen, bis wir die Situation bereinigt haben, und bis dahin wirst du den Kopf einziehen und von der Bildfläche verschwinden. Das ist übrigens ein Befehl!“
Tiger stieß ein unwilliges Schnaufen aus, auch wenn er das Kompliment durchaus verstanden hatte.
„Du weißt, dass ich viel von dir halte, Tiger“, fuhr Big Man fort. „Ehrlich gesagt, denke ich, dass du der Einzige in unserem Verein bist, der in der Lage ist, die ganze Scheiße hier zu überblicken.“
Innerlich stimmte Tiger ihm natürlich zu, trotzdem wandte er ein: „Da sind noch Sliver und Balboa ...“
Jetzt schnaufte Big Man empört.
„Das ist nicht dein Ernst. Balboa ist ein hervorragender Kämpfer, klar, aber dumm wie Bohnenstroh. Und Sliver ist zwar schlau, aber nicht hart genug.“
„Sie sind beide Presidents und bei ihren Leuten beliebt“, konterte Tiger.
„Was nicht für die Chapter spricht“, knurrte Big Man. „Aber egal, das ist heute nicht unser Thema. Du wirst Deutschland verlassen! Keine Sorge, wir verbinden das Ärgerliche mit dem Nützlichen. Ich schlage die guten alten Vereinigten Staaten vor. Da gibt es ein paar Outlaws, mit denen ich gerne den Kontakt intensivieren möchte.“
Er listete einige Biker-Clubs auf. Von den meisten hatte Tiger noch nie etwas gehört. Die, die er kannte, weckten jedoch sein Interesse. In dem Punkt hatte Big Man recht. Eine Annäherung konnte geschäftlich durchaus von Vorteil sein.
„Und wie stellst du dir das vor? Soll ich als Lonesome Rider über die Highways brettern und in Bikerhintern kriechen?“
„Besprich das mit deinen Jungs. Im Moment ist es, bis auf deine Anklage, recht ruhig hier. Die anderen MCs haben anscheinend begriffen, dass sie uns besser keinen Ärger machen.“
Tiger musste spontan grinsen. Dass ihre Konkurrenz stillhielt, war wohl hauptsächlich ihm und seinen Nomads zu verdanken. Ihm und dem politischen Geschick von Big Man.
„Grins nicht so selbstgefällig.“ Big Mans Stimme riss ihn aus seiner Erinnerung. „Verpiss dich und sieh zu, dass deine Anwesenheit in Germany in kürzester Zeit endet.“
Tiger murmelte einen leisen Fluch und verließ den Raum.
„Und bring mir gefälligst ein Souvenir mit“, klang es hinter ihm her.
„Du mich auch“, knurrte er zurück und stiefelte die Treppe hinunter in den Hauptraum.
Der Laden war rappelvoll. Überall flegelten Kuttenträger herum, viele mit einem aufgedonnerten Girl in den Armen. Tiger ignorierte das schamlose Treiben um sich herum und steuerte auf einen Ecktisch zu, an dem seine Männer hockten.
Das Nomad-Chapter.
Mit ihm zusammen sieben Mann stark und immer unterwegs. Es gab wohl kaum einen Fleck in Deutschland, den sie noch nicht angesteuert hatten, kein Clubhaus, das sie nicht kannten. Zumindest was die Häuser ihrer Verbündeten anging.
Ein Leben auf der Straße, das anstrengend aber auch aufregend war. Sie hatten es sich ausgesucht und liebten es genau so. Und es schweißte sie zusammen. Jeden Tag ein bisschen mehr.
Runners grüne Augen fixierten ihn als erste, aber das war nichts Neues. Dieser verfluchte Bastard hatte zweifellos die schärfsten Sinne von allen hier im Raum.
„Tja, Nomads“, knurrte er und ließ sich auf einen freien Stuhl fallen. „Wir haben da ein Problem. Obwohl, eigentlich habe nur ich eines.“
Damit besaß er die geballte Aufmerksamkeit der sechs Nomads.
„Die Bullen suchen nach mir, wegen diesem Großmaul von vor drei Wochen.“
„Dem Milchbubi?“, fragte Lincoln nach. Er war erst Mitte zwanzig, also im etwa gleichen Alter wie der Staatsanwaltssohn. Ihn würde man allerdings nicht als Milchbubi bezeichnen. Seine große und breite Figur unterstrich nur seine grimmige Miene.
Tiger nickte und griff nach der halbvollen Flasche Bier vor seiner Nase.
„Yep, irgendjemand hat sich als Zeuge zur Verfügung gestellt. Der Pres will, dass ich in die Staaten gehe und da Sight Seeing betreibe. Ich soll ihm ein Souvenir mitbringen.“
Er setzte die Flasche an und leerte sie in einem Zug.
Sie starrten ihn sprachlos an. Schließlich brach Flash das Schweigen.
„Das ist jetzt nicht dein Ernst. Und was ist mit uns? Sollen wir hier auf dich warten und Däumchen drehen?“
Er war der Jüngste in der Truppe und erst seit zwei Jahren dabei. Als Tiger ihn das erste Mal zu Gesicht bekommen hatte, konnte er ihn nicht ernst nehmen. Flash war einfach viel zu hübsch. Sein freundliches Gesicht wurde von blonden Locken umrahmt und machte ihn noch jünger, als er eigentlich war. Es gab kein Biker Girl, das ihm widerstehen konnte, das war von vorneherein klar gewesen. Doch Tiger hatte schnell bemerkt, dass in dem Kleinen eine Menge mehr steckte, als es den Anschein hatte.
Flash war nicht besonders groß und nicht so breit gebaut wie der Rest ihrer Truppe, doch er war ungemein wendig und schnell. Dazu kam, dass er schlau war. Tiger hatte begeistert zugesehen, wie der vermeintlich leicht zu besiegende Junge einen seiner Gegner erst verbal fertig machte und dann mit wenigen gezielten Tritten und Schlägen auf die Bretter schickte. Seitdem war Flash dabei. Tiger hatte es noch keine Sekunde bereut. Auf den Jungen war Verlass und er war Biker mit Leib und Seele. Im Moment wirkte er deutlich angepisst.
Und da war er nicht alleine.
Alle sahen Tiger an, als hätte er den Verstand verloren.
Er stieß einen theatralischen Seufzer à la Big Man aus, auch wenn er sich über die Reaktion seiner Männer freute.
„Jungs, ihr werdet es überleben. Sucht euch einen netten MC mit hübschen Girls und vögelt euch meinetwegen das Hirn raus. Mit etwas Glück bin ich nur ein paar Wochen weg.“
Der Ausdruck in ihren Augen war wirklich bemerkenswert. Wenn Blicke töten könnten, wäre er wohl umgefallen.
„Wer hat dir in dein verdammtes Gehirn geschissen?“, grollte Ork, der eindeutig hässlichste Mann in ihrer Truppe. „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass wir dich alleine Urlaub machen lassen, und wir hängen hier rum und langweilen uns!?“
Tiger grinste süffisant.
„Also als Langeweile würde ich das nicht bezeichnen. Ihr habt die Aussicht auf unzählige Stunden heißen Sex mit willigen Bikermuschis. Ich hingegen werde stundenlang mit meiner Harley dem Sonnenuntergang entgegenfahren, Staub schlucken, jede Nacht in einem anderen MC abhängen, nur fremde Gesichter vor mir haben und Englisch quatschen müssen.“
„Fuck“, murmelte Liberty. „Das ist sowas von unfair.“
Er war der Mechaniker in ihrer Truppe und Tiger wusste zufällig, dass Liberty schon immer davon geträumt hatte, eine Tour über die endlosen Highways der USA zu machen.
„Hat Big Man gesagt, dass du alleine fahren musst?“
Klar, dass die Frage von Flash kam. Der Knabe erkannte immer sofort, wo er nachhaken musste.
Tiger grinste ihn an.
„Nein. Er hat gesagt, dass ich mit euch darüber reden soll.“
Ork schnaufte verächtlich, während die anderen ihn empört ansahen. Nur Runner verschränkte die Arme und wirkte besorgt. Tiger ahnte warum, aber das musste warten. Zunächst wollte er seine Männer in Spur bringen.
„Es ist ein Arbeitseinsatz. Wir sollen Kontakte auffrischen und neue knüpfen.“
In allen Gesichtern las er jetzt Zufriedenheit und in sich selbst spürte er die beruhigende Bestätigung, dass er sich auf seine Männer verlassen konnte. Keiner würde zurückbleiben. Sie gehörten nun einmal zusammen.
Entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten nahm Tiger für die kommende Nacht kein Mädchen mit in sein Zimmer. Wie er erwartet hatte, klopfte es spät am Abend.
Runner trat wortlos ein und warf sich auf einen der wackligen Stühle. Die Gästezimmer des MCs waren nur mit dem Notdürftigsten ausgestattet. Stabiles Mobiliar gab es selten.
„Das wird Probleme geben“, verkündete er.
Tiger hob die Hände in einer unschuldigen Geste.
„Sorry, aber nicht meine Entscheidung. Wenn Big Man hustet, führt man besser seine Anweisungen aus.“
„Du wirst es Wulf melden müssen, und der wird es an Chief Martinak weiterleiten.“
Tiger hob die Schultern. „Und? Wo ist das Problem? Du wirst dabei sein. Ork auch. Wir sind eine Einheit und das wissen deine Leute.“
Runner verdrehte die Augen. „Verdammt, Tiger, es geht darum, dass die USA-Wölfe nicht eingeweiht sind. Lediglich O’Brian und Bryan wissen, dass du und Ork von der Existenz der Wölfe Kenntnis haben.“
„Nun ja“, grinste Tiger. „Das macht das Ganze doch umso spannender. Du weißt, dass wir bisher den Mund gehalten haben. Und ich zumindest habe nicht vor, das zu ändern. Und Ork würde sich eher die Zunge abbeißen, als dich in die Pfanne zu hauen. Also was soll das Problem sein?“
„Das Problem ist, dass es drüben deutlich mehr Wölfe gibt als hier.“
„Mag sein, aber soweit ich das verstanden habe, verteilt sich das. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir auf welche treffen, ist daher eher gering.“
„Du kennst meine Meinung zu Wahrscheinlichkeiten“, grollte Runner. „Ich hätte zum Beispiel nie geglaubt, dass Martinak dich und Ork am Leben lässt. Die Wahrscheinlichkeit tendierte gegen Null. Trotzdem sitzt du noch hier.“
„Ich habe eben ein einnehmendes Wesen“, grinste Tiger.
Runner schnaubte nur.
Natürlich wusste Tiger, dass sein Bruder recht hatte. Inzwischen war er bereits einige Male vom Chief der Europe Security kontaktiert worden. Dieser Mann war ein knallharter Vertreter seiner Art und ihm war durchaus bewusst, dass er diesem riesigen Wolf körperlich unterlegen war, obwohl er selbst mit seinen beinahe zwei Metern Körpergröße kein Zwerg war.
Kriegerwölfe waren nun mal eine Hausnummer für sich.
Es quälte ihn mehr, als er gedacht hätte, dass er Big Man nichts von seinen neuen Bekannten erzählen durfte. Seit er und Ork vor einem Jahr erfahren hatten, dass sein bester Mann ein Werwolf war, plagte ihn das schlechte Gewissen, nichts verraten zu dürfen. Doch Martinaks Drohung war unmissverständlich gewesen. Erwähnte Tiger diese Tatsache, würde Bikerblut fließen, und ihm war nur zu bewusst, dass auch seine kampferprobten Männer keine Chance gegen ein Rudel Kriegerwölfe hatten.
Also hielt er den Mund und nahm möglichst unauffällig Aufträge von Martinak entgegen. Meistens handelte es sich um Angelegenheiten, die Ork, Runner und er selbst problemlos allein ausführen konnten. Das Erkunden diverser Örtlichkeiten, das Überbringen von Informationen oder Päckchen und einmal auch das Einschüchtern eines kriminellen Kerls, der offenbar an einen Wolf Drogen vertickt hatte. Nichts Aufregendes also, und bisher hatte er den Rest seiner Truppe heraushalten können. Doch ihm war bewusst, dass sich das jederzeit ändern konnte.
„Ich werde die beiden informieren“, lenkte er ein. „Aber Tatsache ist, dass ich Big Man nicht davon abbringen kann. Also werde ich den Schwanz einziehen und in die Staaten reisen. Auch wenn mich das ankotzt.“
Runner nickte. Er wirkte beruhigter. „Glaub nicht, dass ich das nicht nachvollziehen kann. Aber ich denke, wenn du zuerst mit Wulf redest, hast du gute Karten, dass er dir mit Martinak helfen wird. Er mag dich irgendwie, obwohl er unsere Geschäfte zum Kotzen findet.“
Tiger grinste breit. „Nun ja, er selbst ist ja auch kein Sonnenschein. Immerhin hat er den vorherigen Rudelführer beinahe umgelegt.“
„Das war nach Rudelgesetzen sein Recht“, knurrte Runner. „Und es wurde verdammt nochmal Zeit, dass jemand dem Treiben von Bolender ein Ende gesetzt hat. Dieser Mistkerl war eine Schande für alle Wölfe.“
„Mag sein, ich habe ihn nie kennengelernt. Aber dein Wulf hat definitiv Eier in der Hose. Allerdings hat er noch zu viele Skrupel.“
„Er wird mit dir persönlich reden wollen.“
„Von mir aus, aber abreisen werden wir. Egal, was deine Leute davon halten.“
Runner sah ihn zornig an. „Ich gehöre zu dir, das weißt du, Tiger.“
Tigers Hand landete hart auf seiner Schulter. „Du bist mein bester Mann, Runner, und mein Bruder. Das weiß ich sehr genau. Wir haben uns nicht nur einmal gegenseitig den Arsch gerettet und ich will verdammt sein, wenn ich dir jemals misstraue.“
Runner nickte zufrieden. „Gut. Das wollte ich hören. Ich sage Wulf Bescheid, dass wir morgen vorbeikommen.“
Davor würden sie sich wohl nicht drücken können, das war Tiger inzwischen klar. Aber es änderte nichts an der Tatsache, dass er in die USA reisen würde.
Egal, was die Wölfe dazu sagten.
On the Road
Anfang Juli 2021
New York City, New York
Es kam selten vor, dass Bernart Dierolf einen Hafen betrat. Freiwillig eher nicht. Erst recht nicht, wenn es sich um den Hafenbereich von New York handelte.
Doch Bryans Anweisungen waren deutlich gewesen, und so postierte er sich mit mürrischem Gesicht am frühen Vormittag an dem ausgemachten Treffpunkt. Die Gerüche und der Lärm, die zu ihm herüberwehten, ließen seine Laune nicht gerade steigen.
Einzig die Aussicht, dass er New York nicht lange ertragen musste, ließ seine Stimmung nicht komplett abstürzen. Zudem war er, wenn er ehrlich war, mehr als gespannt, was die kommenden Wochen auf ihn zukommen würde.
Er betrachtete die Harley zwischen seinen Beinen und konnte sich ein selbstzufriedenes Grinsen nicht verkneifen. Theo und er hatten die Road King in mühevoller Arbeit restauriert, und jetzt strahlte sie in neuem, bronzefarbenem Glanz. Sie hatten es sogar geschafft, diesem Baby ein paar PS mehr unter die Haube zu pflanzen. Es hatte Monate gedauert, und Dierolf hatte jede freie Zeit dafür genutzt. Jetzt konnte er mit Recht behaupten, dass es sich gelohnt hatte.
Es war schon länger her, dass er mit einem Bike durch die Gegend gefahren war, aber er hatte diese Zeit noch sehr positiv in Erinnerung. Somit war die Aussicht, die nächsten Wochen auf der Straße zu verbringen, gar nicht mal so übel. Zumal er überhaupt nichts dagegen hatte, seine neue Heimat zu erkunden.
Von daher musste er Bryan für diesen Job sogar dankbar sein. Was er natürlich niemals zugeben würde.
Gespannt blickte er wieder Richtung Hafen. Es war etwa ein Jahr her, dass er Mitglieder der Road Bastards kennengelernt hatte. Damals halfen die drei seinem Enkel Wulf Riemann bei der Rettung einiger Rudelfrauen. Beinahe hätten sie dafür mit ihrem Leben bezahlt, doch O’Brians, Wulfs und seine eigene Fürsprache, und nicht zuletzt Bryans Argumente, hatten Chief Martinak dazu bewogen, die drei Outlaws nicht hinzurichten.
Seitdem hatte er nichts mehr von ihnen gehört. Bryan hielt sich mit Informationen über die Road Bastards sehr zurück. Umso neugieriger war Dierolf, was die Biker von seiner Kindermädchenrolle halten würden. Vermutlich nicht viel, aber Bryan hatte unmissverständlich klar gemacht, dass er nicht bereit war, die Nomads unbeobachtet zu lassen. Immerhin wussten zwei ihrer Mitglieder über Wölfe Bescheid, was eigentlich ein eklatanter Regelbruch war. Runner als alleiniger Aufpasser war wohl nicht vertrauenswürdig genug. Zumindest würden das alle anderen Rudelführer so sehen, da war sich Dierolf sicher. Wölfe wie Runner, die sich keinem echten Rudel anschlossen, wurden per se mit Misstrauen beäugt. Wenn es sich dann auch noch um Outlaws handelte, konnten sie erst recht nicht damit rechnen, dass man ihnen vertraute. Dierolf sah diese Situation sehr viel entspannter. Er kannte Runner nicht, aber der Bursche war seinem Anführer treu ergeben und hätte um das Leben seiner Bikerbrüder gekämpft, das hatte man ihm damals angesehen. So jemand verdiente Respekt, zumal er trotzdem bereit war, Wulfs Rudel zu unterstützen.
Dierolf wusste nicht, was Martinak mit dem Nomad-Anführer ausgehandelt hatte, aber dass der Chief die Biker nicht unbeobachtet ließ, davon konnte man wohl ausgehen. Und so, wie er Martinak kannte, würde dieser mit Sicherheit versuchen, aus einer solchen Verbindung auch Nutzen zu ziehen.
Ein ganz bestimmter Sound ließ ihn aufmerken und dem Geräusch entgegensehen.
Zwischen den Autos bewegten sich sieben Biker im Pulk auf ihn zu. Dierolf verschränkte demonstrativ die Arme und sah ihnen entgegen. Er nutzte die Zeit, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Alle Nomads trugen Lederhose, T-Shirt und ihre Club-Kutte, dazu schwere Bikerstiefel und die unterschiedlichsten Helme. Tiger, der President, fuhr vorneweg, direkt hinter ihm Runner und Rusty, der Vize-President. Ihnen folgten Ork, Flash, Lincoln und Liberty. Die Gesichter hatte er sich schon im Vorfeld eingeprägt. Orks hässliche Visage kannte er bereits, aber die anderen Männer waren ihm noch fremd. Er war ehrlich gespannt, wie er sich mit ihnen vertragen würde.
Die Nomads bremsten direkt vor ihm, ohne sich um den nachfolgenden Verkehr zu scheren. Wildes Gehupe und lautes Fluchen war die Folge, was die Biker überhaupt nicht zur Kenntnis nahmen.
Tiger schob das Visier seines Jet-Helms hoch und grinste Dierolf an.
„Du bist Dierolf. Ich glaube, wir hatten schon das Vergnügen.“
Bernart nickte und grinste zurück.
„Yep. Wenn auch nur kurz, aber das wird sich ja jetzt ändern.“
In den Augen des Bikers las Dierolf, dass diesem diese Situation überhaupt nicht passte. Es würde vermutlich länger dauern, bis er das Vertrauen von Tiger gewinnen konnte.
Wie schon vor einem Jahr war er von der Größe und der Präsenz des Outlaws beeindruckt. Tiger hatte die Statur eines Kriegerwolfes und mindestens die gleiche aggressive und furchteinflößende Ausstrahlung.
Dierolf vermutete, dass er es selbst mit seinen Werwolfkräften schwer gegen Tiger hätte, falls es jemals zu einem Kampf kommen würde. Aber er hatte nicht vor, einen solchen Zusammenstoß zu provozieren.
Sein Blick glitt zu Runner, der ihn mit verkniffener Miene ansah. Dierolf war sich nicht sicher, wie viel der Wolf von ihm wusste und wie er zu ihm stand. Immerhin hatte er das Deutschland-Rudel einige Jahrzehnte gemieden und war in Europa als Regelbrecher und Unruhestifter verschrien. Nun, auch das würde er wohl bald herausfinden.
Die anderen Bastards betrachteten ihn mit Skepsis, aber auch mit einer Portion Neugierde. Lediglich Ork schenkte ihm ein hässliches Grinsen.
Tiger drehte sich zu seinen Leuten um.
„Jungs, das hier ist Dierolf. Er ist im Good Old Germany ein paar Leuten auf die Zehen getreten und hat sich spontan entschlossen auszuwandern. Er wird uns auf unserer Tour begleiten.“ Er nickte Richtung Dierolfs Harley. „Niedlich. Frisch gekauft?“
Dierolf bleckte reflexartig die Zähne.
„Frisch repariert, Bastard. Hat mich ‘ne Menge Zeit gekostet.“
Seine Hand strich liebevoll über den Tank, ohne dass er dem Blick des Bikers auswich. Daher entging ihm die Überraschung nicht, die in Tigers Augen aufflackerte.
Der President nickte anerkennend. „Hat sich wohl gelohnt. Na dann, du kannst dich hinten dranhängen.“
Dierolf fügte sich ohne Widerspruch. Tiger hatte das Sagen, das musste er wohl oder übel akzeptieren, und da er selbst maximal den Status eines Hangarounds besaß, konnte er sich wohl darauf einstellen „Mädchen“ für alles zu spielen.
Also reihte er sich ein und folgte den Nomads durch New York. Ein leises Grinsen überzog sein Gesicht, während er unter dem Gedröhn der schweren Motorräder durch die Straßen fuhr. Auch wenn sie mit acht Personen keine besonders große Gruppe waren, erregten sie Aufmerksamkeit. Er selbst war sicher nicht der Auslöser. Mit seiner Jeans und der stinknormalen Lederjacke wirkte er wohl eher wie ein normaler Biker. Die Nomads waren da ein ganz anderes Kapitel. Kuttenträger wurden immer misstrauisch beäugt und das Colour der Road Bastards war nicht gerade unauffällig. Auf dem Rücken prangte groß ein blutroter Totenkopf, der von gelben Flammen umzüngelt wurde. Darüber stand fett die Aufschrift „Road Bastards“, rechts darunter MC und unter dem Logo „Nomad, Germany“. Jeder der sieben Biker trug zusätzlich eine Menge unterschiedlicher Patches auf der Vorderseite. Eines war ihnen allen gemeinsam: das Onepercenter-Logo. Dierolf wusste inzwischen, dass dieses Patch von Bikern verwendet wurde, die sich nicht um die Regeln und Gesetze anderer scherten, sondern nach ihrem eigenen Codex lebten. Hier in den Staaten wurde dieses Patch nur bei echten Outlaws toleriert. Nun, soweit er informiert war, stand es den Road Bastards durchaus zu. Wieweit ihre kriminellen Aktivitäten gingen, konnte er nur erahnen. Ob er mehr erfahren würde, wagte er zu bezweifeln. Clubinterna wurden nicht an Außenstehende weitergegeben. Aber das störte ihn nicht weiter. Seine Aufgabe war es, zufällige Kontakte mit Wölfen möglichst ohne Stress und Aufmerksamkeit über die Bühne gehen zu lassen. Am besten so, dass es die uneingeweihten Mitglieder der Nomads mitbekamen!
Sie verließen New York noch am gleichen Tag, was Dierolf sehr entgegenkam. Offenbar hatte Tiger schon ein Ziel vor Augen. Lediglich ein kurzer Tankstopp hielt sie noch auf. Dann fuhren sie gen Westen, direkt nach Pennsylvania hinein.
Bloomsburg, Pennsylvania
Als sie am Abend Tigers erstes Ziel erreichten, war Dierolf mehr als froh, dass er sein Gesäß schon auf der Tour von Minnesota nach New York „eingeritten“ hatte. Trotzdem war er steif, während er sich von seinem Bike schwang.
Sie waren zu Gast bei den Crazy Eagles, Pennsylvania. Das Clubhaus des MCs lag am Stadtrand von Bloomsburg, einer Kleinstadt im Osten des Bundesstaates. Es war eine alte Fabrikhalle, die von einem stabilen Metallzaun geschützt wurde. Nur ein größeres Tor erlaubte den Zutritt und dieses wurde von zwei finster blickenden Rockern gesichert.
Dierolf registrierte die fette Bewaffnung der beiden mit leichtem Unbehagen, ließ sich aber nichts anmerken. Auch bei diesen Männern war das Onepercenter-Patch nicht zu übersehen.
Offenbar waren sie angemeldet, da Tiger nur wenige Sätze benötigte, bis man sie einließ und sie ihre Maschinen vor dem Gebäude zu den anderen Bikes stellen konnten.
Instinktiv öffnete Dierolf all seine Sinne, um etwaige Bedrohungen zu registrieren, was er aber sofort bereute, sobald sie das Clubhaus betraten. Ungefiltert strömten die vielfältigsten Gerüche auf ihn ein: Adrenalin, Testosteron, Sexualhormone und intensiver Schweiß bildeten lediglich die Spitze davon. Nur mit Mühe verhinderte er ein gestresstes Knurren. Ein bekannter Geruch ließ ihn kurz zur Seite blicken. Runner stand neben ihm und grinste ihn an.
„Keine Sorge“, spottete der Wolf leise. „Man gewöhnt sich schnell dran. Schon mal mit ‘nem MC gefahren?“
„Nein“, knurrte Dierolf missmutig. „Normalerweise hab ich‘s nicht so mit Gruppendynamik.“
Runner lachte leise. „Na, dann viel Spaß.“
Dierolf unterdrückte einen Fluch. Das würde mit Sicherheit anstrengend werden.
Sie blieben zwei Tage bei den Crazy Eagles.
Dierolf teilte sein Zimmer mit Ork, was eine weitere Herausforderung war. Das Aussehen des Nomads störte ihn dabei weniger. Ork trug seinem Namen tatsächlich Ehre. Er war etwa so groß wie Tiger, also eher ein Riese, und genauso breit. Der Bizeps seiner Arme war gewaltig und wurde durch breitflächige Tattoos, die sich über den kompletten Oberkörper zogen, noch besser in Szene gesetzt. Sein Gesicht war dagegen ein anderes Kapitel. Es war mit fetten Narbenwülsten überzogen, die nur von einem wilden Zottelbart verdeckt wurden. Seine Glatze war genauso gezeichnet und Dierolf fragte sich nicht nur einmal, was diesen Mann so verunstaltet hatte. Der Blick des Bikers zeugte allerdings von wacher Intelligenz. Die hellblauen Augen waren ununterbrochen in Bewegung und schienen die Umgebung abzuscannen.
Dierolf mochte ihn. Ork war zweifellos ein Außenseiter in der normalen Gesellschaft und für solche Leute hatte er schon immer Sympathien gehegt. Dass der Biker bei den Outlaws eine Familie gefunden hatte, war vermutlich unvermeidlich gewesen. Hier strandeten viele gescheiterte und verstoßene Existenzen.
Wie gesagt, das störte Dierolf nicht weiter. Sein Problem war das gemeinsame Bett. Dierolf selbst war eher der zähe, asketische Typ, also schlank. Ork dagegen entsprach mehr einem Panzerschrank und entsprechend beanspruchte sein Körper den Platz auf der Matratze.
Das Doppelbett war zwar breit, trotzdem wurde Dierolf an die Bettkante gedrängt und sah sich mehrmals in der Nacht gezwungen, den Biker mit aller Kraft zur Seite zu schieben. Ork grunzte dabei lediglich und sah keine Veranlassung, aufzuwachen.
Nach der ersten Nacht knurrte Dierolf ihn leicht übermüdet von der Seite an.
„Brauchst du immer ein Ehebett oder geht es auch mit weniger Ausdehnung?“
Ork schnaufte amüsiert, während er sich überraschend sorgfältig den Zottelbart durchkämmte – was nicht besonders viel nützte.
„Ich nutze das, was da ist“, kam die erhellende Antwort nach einiger Zeit.
Diesmal schnaufte Dierolf, beschloss aber, nicht auf diesem „Problem“ herumzureiten. Mit etwas Glück bekam er beim nächsten Mal einen anderen Zimmerpartner und bisher hatte sich Ork ihm gegenüber korrekt verhalten.
Der Tag gestaltete sich für ihn erfreulich abwechslungsreich. Die meiste Zeit hockte er im Clubraum und beobachtete die anwesenden Biker. Es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Dierolf konnte circa dreißig verschiedene Gesichter ausmachen. Dazu kamen mehrere Clubmädchen, die unentwegt um die Biker herumwuselten und sich ihnen schamlos anbiederten. Gekleidet waren die meist jungen Frauen äußerst freizügig und der Anblick von nackten Brüsten und diversen anderen Geschlechtsteilen war nichts Ungewöhnliches. Das wiederum gefiel ihm. Da er nicht den Eindruck hatte, dass die Mädchen dazu gezwungen wurden, fand er die Aussichten eher anregend, auch wenn sich keines der Girls an ihn wandte. Sie waren Clubeigentum und er ein Fremder. Ein Freebiker ohne MC.
Dafür beäugten ihn die Biker umso gründlicher.
Immer wieder hockte sich jemand zu ihm und durchlöcherte ihn mit Fragen. Dierolf bemühte sich, so nahe wie möglich an der Wahrheit zu bleiben. Dass auch die Nomads bei seinen Antworten die Ohren aufsperrten, war nicht verwunderlich. Im Großen und Ganzen erzählte er von seinen früheren Touren durch Deutschland. Dass diese nicht immer auf dem Bike stattgefunden hatten, ließ er dabei unter den Tisch fallen.
Der Ton unter den Männern war rau, aber ehrlich.
Klar, ab und zu roch es auch nach Lügen, aber meistens handelte es sich dabei um Aufschneidereien.
Hin und wieder kam es zu kleineren Rangeleien, doch diese konnte man unter Kraftprobe verbuchen. Etwas, was auch bei Wölfen weit verbreitet war. Dierolf begann sich langsam, aber sicher wohl zu fühlen.
Tiger hockte die meiste Zeit bei Moses, dem President des MCs. Obwohl Dierolf die Ohren spitzte, bekam er nur wenig von den Gesprächen mit. Offenbar ging es um irgendwelche Deals, vermutlich illegaler Natur. Er bemühte sich nicht, mehr darüber zu erfahren. Die Geschäfte der Bastards interessierten ihn nicht. Sein Auftrag war ein anderer.
Spannend wurde es, als der Alkoholkonsum gegen Abend zunahm und die Biker enthemmter wurden.
Auch die Clubmädchen ließen jede Zurückhaltung fallen und warfen sich den Männern immer schamloser an den Hals. So manches Pärchen trieb es ungeniert auf der Couch, auf einem Tisch oder an der Wand im Stehen. Für Dierolf war das eher unterhaltsam, bis sich eine der Frauen auf seinem Schoß niederließ.
„Hallo, hübscher Mann“, gurrte sie und drückte ihren Schambereich gegen seinen Schritt. Reflexartig schlang Dierolf die Arme um die junge Frau und hielt sie fest. Die Kleine war höchstens Zwanzig und etwas nuttig geschminkt, aber zweifellos hübsch. Dierolfs Männlichkeit regte sich sofort. Es war schon ziemlich lange her, dass er eine Frau im Bett genossen hatte, was für einen Wolf eher ungewöhnlich war. Aber bevor er etwas sagen konnte, wurde das Mädchen unsanft von ihm heruntergezogen.
Einer der Biker schüttelte sie grob.
„Kümmer dich um die Eagles und nicht um so einen abgefuckten Freebiker“, raunzte er das Mädchen an. Die Kleine quiekte schmerzvoll auf. Dierolf runzelte die Stirn und richtete sich langsam auf. Wenn er etwas überhaupt nicht leiden konnte, dann war es die Misshandlung von Frauen.
„Hör zu Biker“, knurrte er. „Von mir aus kann die Kleine sich um jemand anderen bemühen, aber das ist kein Grund, ihr wehzutun. Lass sie los!“
Sein Tonfall war eindeutig und alle Umstehenden wandten sofort ihre Aufmerksamkeit den beiden Männern zu.
Der Eagle ballte die Fäuste und grinste ihn höhnisch an. Er stank deutlich nach Alkohol, aber Dierolf beging nicht den Fehler, ihn zu unterschätzen. Der Kerl war breiter als er selbst und seine Arme zeigten eine ausgeprägte Muskulatur. Mehrere Narben zeugten von diversen Schlägereien. Vor ihm stand ein kampferprobter Mann.
Ein kurzer Blick in die Runde zeigte Dierolf, dass er keinen Rückzieher mehr machen konnte. Die Eagles warteten eindeutig auf eine Show. Auch die Nomads waren inzwischen aufmerksam geworden und traten in die Runde.
Der Eagle schubste das Mädchen zur Seite. Es schlüpfte sofort hinter die Biker, bevor es sich umdrehte und ebenfalls zusah.
Die beiden Männer umkreisten sich langsam. Dierolf freute sich beinahe auf den Kampf. Das war eine ausgezeichnete Gelegenheit, den Frust der letzten Monate loszuwerden. Gegen Kriegerwölfe anzutreten, war selten mit Erfolgserlebnissen verbunden.
„Los, Digger“, rief einer der Umstehenden. „Mach den Krautfresser fertig.“
Digger ließ prompt die rechte Faust vorschnellen. Dierolf hatte keine Mühe, ihm auszuweichen. Bereits nach wenigen Ausweichmanövern erkannte er, dass der Biker ihm weit unterlegen war. Er selbst war schon immer ein ausgezeichneter Kämpfer gewesen, doch das intensive Training der letzten Monate hatte ihn noch sehr viel stärker und schneller werden lassen. Jetzt war nur die Frage, wie lange er das Unvermeidliche herauszögern sollte.
Kurz erhaschte er einen Blick auf Tigers gerunzelte Stirn. Das gab den Ausschlag. Eine rasche Drehung, ein Hieb in den Magen und der Biker sackte mit einem überraschten Grunzen auf die Knie, wo er nach Luft schnappend hocken blieb. Dierolf hatte seinen Schlag bewusst abgebremst. Trotzdem konnte er nur hoffen, dass er seinem Gegner keinen echten Schaden verursacht hatte.
Doch er sorgte sich umsonst. Nach einigen langen Sekunden sah Digger zu ihm hoch.
„Fuck“, grunzte er. „Hast du Beton in der Faust?“
Dierolf grinste und hielt ihm die Hand hin.
„Heute nicht“, entgegnete er. „Den heb ich mir für den Ernstfall auf.“
Digger ließ sich hochziehen und nickte ihm anerkennend zu. Die umstehenden Biker wirkten ebenfalls beeindruckt und gönnten ihm einige respektvolle Blicke. Auch die Nomads schienen zufrieden. Flash ließ sich sogar dazu herab, den Daumen zu heben, bevor er sich wieder abwandte.
Dierolf bekam eine Bierflasche in die Hand gedrückt und etliche derbe Schläge auf die Schulter. Dann drängte sich wieder die Kleine von vorhin an ihn.
„Digger sagt, ich soll mich um dich kümmern“, strahlte sie ihn an. Er sah zu dem Biker, der ihm zuprostete und sich dann schwer auf einen Stuhl fallen ließ.
„Wie heißt du?“
Bernart nahm einen Schluck aus der Flasche und legte einen Arm um sie.
„Kiki.“
„Wunderbar, Kiki. Was hältst du von ein bisschen Privatsphäre?“
„Du bist ja süß“, kicherte sie und zog ihn mit sich.
Dierolf folgte willig. Ein solches „Geschenk“ durfte man nicht ausschlagen.
*
„Hast die Jungs gestern Abend beeindruckt.“
Tiger prostete ihm zu. Dierolf erwiderte die Geste und zuckte mit den Schultern.
„Schien angebracht“, brummte er. Der Nomad grinste nur.
Sie hockten zu zweit vor dem Clubhaus auf einer Bierbank. Es war später Vormittag und sie gehörten zu den ersten, die aus dem Bett gekrochen waren.
Diese Nacht hatte Dierolf sehr viel angenehmer, weit weg von Ork, verbracht. Kiki hatte erst seine „schicken“ neu erworbenen Ranger-Tattoos bewundert, die seit drei Monaten seine Oberarme und den Hals verzierten, bevor sie ihm eine unterhaltsame Nacht schenkte. Entsprechend kurz war diese ausgefallen, aber das war es wert gewesen. Dierolf fühlte sich so entspannt wie schon lange nicht mehr.
„Das war nicht dein erster Kampf“, kam es von Tiger. „Aber das war zu vermuten. Warum hast du am Anfang mit ihm gespielt?“
„Das wäre sonst langweilig gewesen. Und die sahen alle so aus, als wollten sie ‘ne Show genießen. War ja dann doch kürzer als erst gedacht.“
„Hm, was wäre passiert, wenn du durchgezogen hättest?“
Dierolf betrachtete seine Finger und ballte sie zu einer Faust. „Dann wäre er wohl nicht so schnell aufgestanden.“
Tiger nickte langsam und verschränkte die Hände hinter den Kopf, um nach oben in den blauen Himmel zu starren.
„Du hast getötet?“
Dierolf seufzte genervt. „Was willst du hören? Eine Zahl? Kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall zu viele. Der Letzte wollte meine Tochter zerlegen. Da fand ich es angebracht. Aber ich werde jetzt mit Sicherheit keine umfassende Beichte vor dir ablegen.“
Der Biker lachte leise. „Keine Sorge, das erwarte ich auch nicht von dir. Aber ich weiß gerne, wer mit mir fährt. Und was ich von demjenigen erwarten kann.“
Dierolf lehnte sich ebenfalls zurück. „Kommt ganz darauf an was du erwartest. Wenn es um die Unterstützung eurer sogenannten Geschäfte geht: Das kannst du vergessen. Ansonsten halt ich euch gerne den Rücken frei. Solange es sich mit meinem Auftrag vereinbaren lässt.“
„Ist angekommen.“ Tiger streckte die Beine aus. „Ich hab den Jungs gesteckt, dass du an einem Prospectstatus interessiert bist. Das macht deine Anwesenheit glaubhafter, beinhaltet aber diverse Tätigkeiten.“
Ein gehässiges Funkeln blitzte in seinen Augen auf.
Dierolf verzog das Gesicht.
„Hab ich mir beinahe gedacht“, knurrte er. „Und wie ich dich einschätze, ist dir schon was eingefallen.“
Tiger grinste. „Kluger Mann. Siehst du diese schicke schwarze Harley da vorne mit dem sympathischen Totenkopf-Logo? Das Schätzchen hat nach der langen Seereise eine liebevolle Politur nötig.“
„Lass mich raten: Der Rest der Truppe sieht das genauso.“
Jetzt lachte der Nomad laut auf. „Ich sehe, wir verstehen uns.“
Dierolf fügte sich ins Unvermeidliche und stand auf. Es gab Schlimmeres als das Polieren von Motorrädern, das wusste er nach den über dreihundertdreißig Jahren seines unsteten Lebens ziemlich genau.
Aufgeflogen
Ende Juli 2021

Morton, Illinois
Die Nacht war angenehm warm, trotz einer leichten Brise, die durch die Straßen von Morton wehte. Dennoch schloss Karina ihre Strickjacke, während sie auf den Bürgersteig trat. Um diese Zeit fiel man als Frau besser nicht mit weiblichen Reizen auf, wenn man nicht dumm angequatscht werden wollte.
Nicht dass sie oft nachts unterwegs war. Normalerweise vermied sie so späte Wanderungen durch die Stadt. Doch heute hatte sie sich nicht davor drücken können.
Es war Kolleginnenabend gewesen. Und wer nicht außen vor bleiben wollte, der besuchte diesen Stammtisch ab und zu. Es gab den neuesten Klatsch über Kollegen, neue Storys von einschlägigen Schülern und nicht zuletzt jede Menge Alkohol. Von Letzterem hielt sie sich üblicherweise fern. Alkohol setzte ihre Selbstkontrolle außer Kraft, und das war etwas, was sie sich nicht leisten konnte.
Doch heute hatte sie zwei Bier zu sich genommen. Der Schultag hatte sich frustrierend in die Länge gezogen. Morgens der übliche Unterrichtsbetrieb und nachmittags Elterngespräche. Und diese waren, wie so häufig, anstrengend gewesen. Die meisten Gespräche drehten sich um Problemschüler und leider ging der Trend zurzeit dahin, dass die Eltern dieser Kinder die Schuld für das Fehlverhalten ihrer Sprösslinge nicht bei sich, sondern bei den Lehrern sahen. Also hatte sie die meiste Zeit damit verbracht, sich zu rechtfertigen und, möglichst diplomatisch, besagten Eltern Tipps für den Umgang mit pubertierenden Jugendlichen zu geben. Leider fiel das selten auf fruchtbaren Boden und da Diplomatie nicht zu ihren Stärken gehörte, war sie entsprechend genervt.
Also hatte sie sich an dem Kolleginnenabend zwei Bier gegönnt, was nicht unbedingt viel war. Doch da sie selten trank und seit dem Mittag keine ordentliche Mahlzeit genossen hatte, spürte sie den Alkohol in ihren Adern kreisen. Ein Grund mehr, schnell nach Hause zu gehen, auch wenn sie wusste, dass die Wirkung von Alkohol bei ihr nie lange anhielt.
Ein Gähnen ließ sie ihre Schritte beschleunigen. Es war Zeit, ins Bett zu kommen. Zwar war morgen keine Schule, doch sie war noch nie eine Langschläferin gewesen. Und den Samstag nutzte sie gewöhnlich, um ihre Wohnung auf Vordermann zu bringen, einzukaufen und den Unterricht für die kommende Woche vorzubereiten.
Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass sie noch ein wenig Zeit hatte. Der nächste Bus ließ eine halbe Stunde auf sich warten. Trotzdem wurde sie nicht langsamer, sondern sperrte all ihre Sinne auf. Sie war nicht nur einmal belästigt worden, obwohl sie sicherlich nicht wie ein Opfertyp wirkte.
Mit knapp eins achtzig war sie groß für eine Frau. Schlank, aber nicht dürr. Eher athletisch. Und das war durchaus gewollt. Mehrmals in der Woche stemmte sie Gewichte und lief auf dem Laufband kilometerweit. Alles in ihrer Wohnung unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Mit Sicherheit sah sie nicht aus wie ein schwaches, hilfloses Weibchen. Doch manche Männer waren blind, dämlich oder betrunken genug, um es trotzdem bei ihr zu versuchen.
Bisher hatte sie nur einmal unter Beweis stellen müssen, dass sie nicht an Männerbekanntschaften interessiert war. Es lag schon einige Jahre zurück und war ihr erster „Männerkontakt“ gewesen. Drei Kerle hatten sie verfolgt und waren handgreiflich geworden. Karina benötigte nur wenige Sekunden, um einem die Hand zu brechen, dem Zweiten die Kniescheibe zu zertrümmern und den Dritten quasi zu entmannen. Zumindest vermutete sie, dass er nach ihrem gezielten Tritt keine Kinder mehr zeugen würde.
Sie selbst war noch in der gleichen Nacht weitergezogen. Es schien ihr zu gefährlich in dieser Stadt zu bleiben, falls die Männer auf die Idee kamen sie anzuzeigen. Im Nachhinein war sie froh, dass alles so glimpflich ausgegangen war, auch wenn das schlechte Gewissen sie noch monatelang plagte.
Immerhin hatte sie daraus gelernt und sich einige Strategien zurechtgelegt, wie sie einer solchen Konfrontation zukünftig aus dem Weg gehen konnte. Am besten war es immer noch, so früh wie möglich potenzielle „Gefährder“ zu erkennen. Sie war deutlich schneller als alle, die ihr bisher hinterhergerannt waren, und hatte schon zweimal solche Verfolger mühelos abschütteln können, ohne auch nur ins Keuchen zu kommen.
Also sperrte sie auch heute all ihre Sinne auf. Und diese waren außergewöhnlich, das hatte sie inzwischen akzeptiert. Wenn sie es zuließ, hörte sie das Rascheln von Mäusen und das Trippeln der Kakerlaken in den Nebengassen. Schon vor einem Sichtkontakt roch sie, ob sich vor ihr ein Mann, eine Frau, ein Kind oder ein Tier befand. Sie wusste nicht, ob ihre Nase so gut wie die eines Hundes oder Wolfes war, aber sie vermutete, dass sie denen zumindest sehr nahekam.
Noch krasser war ihre Fähigkeit, im Dunkeln zu sehen. Diese hatte sich nach und nach gezeigt und es dauerte etwa ein halbes Jahr, bis ihr klar war, dass sie im Infrarotbereich sehen konnte. Für Nächte wie heute war das natürlich sehr praktisch.
Doch dieses Mal war es nicht ihre Nachtsicht, die zuerst Alarm schlug, sondern ihr Gehör. Ihr Kopf ruckte automatisch in die Richtung des angstvollen Schreis. Irgendwo, einige Straßen weiter, schrie eine Frau, und sie klang nicht nur panisch. Auch Schmerz lag in ihrer Stimme.
Instinktiv rannte Karina los. Es ging nicht anders. Sie musste einfach helfen. So war es schon immer gewesen. Und genau deshalb geriet sie auch immer in Schwierigkeiten.
Die Frau in Not entpuppte sich als ein junges Mädchen, das von einem bulligen Mann bedrängt wurde. Er hielt sie mit der linken Hand am Hals gegen eine Hauswand gedrückt und erstickte so weitere Schreie, während die andere Hand ihre Jeans herunterzerrte.
Karina roch Schweiß, Blut, Angst und Erregung. Letzteres ging von dem Mann aus. Seine Absicht war völlig klar.
„Lass sie los!“ Karina trat neben ihn und legte ihre Hand mit einem festen Griff auf den Arm, der das Mädchen an die Wand drückte. Karina schätzte es auf höchstens siebzehn und sein bleiches Gesicht war vor Panik und Schmerz verzerrt.
Der Mann stieß ein überraschtes Grunzen aus und ließ sofort los. Doch anstatt zurückzuweichen, griff er an seinen Gürtel und schwang ein bedrohlich aussehendes Messer in Karinas Richtung.
Sie wich zurück, konnte jedoch nicht verhindern, dass die Klinge über ihren Bauch ratschte. Der Schmerz war so heftig, dass ihr für einen Moment der Atem stockte.
„Miststück“, knurrte der Angreifer und wandte sich ihr ganz zu. Nur nebenbei registrierte sie einen verfilzten Vollbart, den schwammigen Bierbauch und einen unangenehmen Atem, der ihr entgegenwehte. Der ganze Kerl wirkte ungepflegt, doch trotz seines Schmerbauchs besaß er eine eindrucksvolle Armmuskulatur. Der nächsten Messerattacke entging sie durch eine geschickte Drehung, doch noch während sie ihm auswich, spürte sie schon, wie sich das Unausweichliche anbahnte.
„Ich mach dich fertig, Schlampe“, brüllte der Mann und hob erneut die Waffe. Dann weiteten sich seine Augen. „Was zum Teufel ... Fuck!“ Sein Schrei wurde abgewürgt, als sich Karinas Finger um seinen Hals krallten und ihn gegen die Wand drückten.
„Und? Fühlt sich das gut an?“, fauchte sie. Diesmal stand die Panik in seinen Augen. Seine Hände versuchten vergeblich, ihre Klaue zu lösen.
In Karina brodelte ein Cocktail aus unbändigem Zorn über diesen Vergewaltiger und dem Drang, das Mädchen zu schützen. Gleichzeitig stieg in ihr die Verzweiflung hoch versagt zu haben. Sie hatte sich nicht unter Kontrolle! Hätte sie nicht selbst ihre eigene Hand vor Augen gehabt, hätte spätestens die Furcht in seinem Gesicht ihr verraten, dass sie sich gewandelt hatte. Noch nicht ganz, doch mit Sicherheit glühten ihre Augen in einem unmenschlichen Gelb und ihre Krallenhand zeigte die typisch roten Farbmuster auf der Haut. Mit einem verzweifelten Laut schleuderte sie den Mann quer durch die Gasse. Er krachte gegen einen Müllcontainer und sank dann leblos zu Boden.
Karina wandte sich dem Mädchen zu. Es blickte mit einem glasigen Blick zu ihr hoch.
„Bist du ein Dämon?“, lallte seine Stimme, bevor es anfing zu husten. Karina brauchte lange Sekunden, bis sie sich so weit im Griff hatte, die Wandlung zu stoppen und umzukehren. Erst dann beugte sie sich nach unten.
„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte sie leise.
Die Kleine fing an zu kichern. Irritiert sog Karina ihren Duft durch die Nase. Erst jetzt registrierte sie den Alkoholgeruch und noch etwas anderes. Sie hatte es schon bei einigen ihrer Schüler wahrgenommen. Oh Herr im Himmel, dieses Kind stand eindeutig unter Drogen. Immerhin schien es bis auf ein paar Blutergüsse im Gesicht und an den Armen unverletzt zu sein.
„Wie heißt du?“, fragte sie, während sie gleichzeitig ihr weiteres Vorgehen überlegte.
„Fanny“, kam die kichernde Antwort. „Wie hast du das gemacht?“
Ein erneutes Husten.
„So glühende Augen sehen echt geil aus.“
„Ich weiß nicht, was du meinst.“
Karina beschloss spontan, es mit der Strategie der Verleugnung zu probieren. Da sie inzwischen wieder normal aussah, war es zumindest einen Versuch wert.
„Hast du irgendwas gebrochen? Hat er dich geschlagen?“
„Ich glaub schon“, murmelte Fanny. „Mein Gesicht tut weh. Und mein Hals. Und mein Bauch.“
Sie blinzelte. „Bist du Superwoman?“
„Um Himmels Willen“, entglitt es Karina. „Ganz sicher nicht. Warte kurz. Ich muss nachsehen, wie es diesem Schwein geht.“
Sie richtete sich auf und ging auf den Mann zu, der reglos neben dem Müllcontainer lag. Der Container hatte eine beachtlich tiefe Delle an der Seitenwand. Offenbar war dieser Widerling mit dem Kopf gegen das Metall geknallt, denn blutige Schlieren zogen sich durch seine Haare und über sein Gesicht hinweg. Karina tastete nach seinem Puls und war erleichtert, dass er noch lebte. Zumindest hatte sie kein Menschenleben auf dem Gewissen. Auch wenn das die Lage verkomplizierte.
Sie griff nach ihrem Handy und wählte den Notruf.
In knappen Worten gab sie ihren Standort durch und erwähnte zwei Verletzte. Als nach ihrem Namen gefragt wurde, zögerte sie erst, doch dann gab sie ihn an. Es war sowieso nicht ihr richtiger. Seit Jahren lebte sie unter falschem Namen. Es wäre zwar ärgerlich, wenn sie wieder einen neuen annehmen müsste, vor allem teuer, aber Fanny alleine zu lassen, kam nicht in Frage. Das Mädchen war verletzt und stand unter Drogen. Wer wusste schon, was für Typen hier noch vorbeikamen. Jetzt konnte sie nur hoffen, dass niemand auf das Geschwätz einer Drogensüchtigen hörte.
Krankenwagen und Polizei waren erfreulich schnell vor Ort. Karina gab an, dass sie den Mann mit einem Schlag hatte überraschen können und er unglücklich gegen den Abfallcontainer gekracht war. Sein Messer hatte sie vorher in besagten Container geworfen und ihre Jacke um den Bauch gebunden, so dass der blutige Schnitt nicht zu sehen war. Sie hatte kein Interesse, ebenfalls im Krankenhaus zu landen. Die Ärzte hätten sich mit Sicherheit sehr gewundert, dass die Schnittwunde bereits zu heilen begann. Eine der wenigen ihrer unheimlichen Eigenschaften, die sie als positiv empfand.
Zu ihrer Erleichterung gaben sich die Cops mit einer kurzen Zusammenfassung zufrieden, notierten aber ihre Adresse und forderten sie auf, am nächsten Tag aufs Revier zu kommen, um eine genauere Zeugenaussage abzugeben.
Sie sagte natürlich zu. Normale Bürger taten so etwas. Und sie war seit sechs Jahren sehr bemüht, diesen Eindruck zu vermitteln. Bisher erfolgreich, doch sie war sich mehr als bewusst, dass sie dabei viel Glück gehabt hatte.
Auch dieses Mal würde sie welches benötigen. Alles hing davon ab, wie glaubwürdig die kleine Fanny war und was der verletzte Mann erzählte, wenn er wieder das Bewusstsein erlangte.
Vorsichtshalber würde sie ihre Notfalltasche bereitstellen. Auch wenn es ihr dieses Mal sehr schwerfallen würde, die Stadt zu verlassen. Seit vier Jahren lebte sie hier, hatte sich eine neue Existenz aufgebaut und liebenswürdige Bekannte gefunden, die ihr zumindest einen Hauch von Normalität in ihrem Leben schenkten. Das zu verlieren, würde sie tief treffen.
Die Jagd wird eröffnet
Asher Hunters Haus, Nähe Springfield, Ohio
Das Telefon klingelte zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Asher Hunter ließ den Blick zwischen dem Apparat und dem derzeitigen Objekt seines Ärgers hin und her pendeln.
Dr. Nathalie Bates stand mit verschränkten Armen vor ihm und ihre grauen Augen blitzten ihn herausfordernd an. Ihre langen, silbergrauen Haare umrahmten ein attraktives Gesicht und sie war eine große Frau. Asher musste nicht allzu tief nach unten sehen, um Blickkontakt herzustellen. Und das gefiel ihm außerordentlich gut. Er mochte große, selbstbewusste Frauen. Allerdings mochte er sie noch mehr, wenn sie auf ihn hörten und seine Entscheidungen nicht in Zweifel zogen. Dies wiederum war ein anstrengendes Talent dieser hochintelligenten Frau.
Nathalie Bates war zweifellos ein Prachtweib und normalerweise würde er diese Auseinandersetzung auf die einzig akzeptable Art beenden. Doch diesmal ging es um seine Tochter und da war es wohl nicht angebracht, Nathalie Bates über den Schreibtisch zu werfen und gründlichst durchzuvögeln.
„Sophia ist alt genug, um selbst zu entscheiden, mit wem sie zusammenleben möchte“, beharrte diese. „Du kannst sie nicht ewig von allem abschotten.“
„Sie ist gerade mal zwanzig Jahre alt“, knurrte Asher und versuchte, das beharrliche Klingeln zu ignorieren. „Und Medon ist Achtundsechzig!“
„Du selbst bist über dreitausend Jahre alt und ich bin erst Anfang vierzig. Das ist also kein Argument. Außerdem hast du selbst gesagt, dass du ihm vertraust und er ein guter Mann ist. Der wirkliche Grund, warum du sie nicht gehen lässt, ist dein Kontrollwahn.“
Nathalie zwang sich sichtbar zu einer Ruhe, die in ihrem Inneren nicht gegeben war. Asher konnte ihren Adrenalinpegel nicht nur riechen, sondern inzwischen auch sehr gut einordnen. Diese Frau, seine Frau, war noch lange nicht bereit, nachzugeben. Und wenn er ehrlich war, hatte sie natürlich recht.
Es fiel ihm mehr als schwer, Sophia aus seiner Verantwortung zu entlassen. Auch wenn er wusste, dass Medon seine Tochter vergötterte und sie niemals unbewacht lassen würde, war sie in seinen Augen immer noch Kind und hatte noch so viel zu lernen.
Wieder schrillte das Telefon und Asher stieß ein genervtes Fauchen aus, während er zum Apparat griff.
„Die Diskussion ist noch nicht beendet“, warf er in ihre Richtung, bevor er in den Hörer bellte. „Was?“
„Asher Hunter?“
Er benötigte nur eine Sekunde, bis er die Stimme eingeordnet hatte, und holte tief Luft. Dann zwang er sich zur Ruhe.
„Chief Bryan. Was kann ich für Sie tun?“
„Hm, die Frage ist wohl eher, was ich für Sie tue.“
Klang dieser Kriegerwolf etwa belustigt? Sie redeten eher selten miteinander und dann auch nur, wenn es um ernste Angelegenheiten ging. Doch die nächsten Worte klangen alles andere als heiter.
„Sie müssten noch eine unerledigte Akte bei sich liegen haben. Aufschrift Karina Wells.“
Asher straffte sich unwillkürlich und sah zu Nathalie, die ihn aufmerksam beobachtet hatte und jetzt mit einem kurzen Nicken den Raum verließ. Wieder zwang er sich, ruhig zu bleiben. Dieses Weib brachte sein Blut zum Kochen und forderte ihn mit ihrer Intelligenz und Sturheit täglich heraus. Gleichzeitig war sie die Einzige, die seine Stimmungen sofort erfasste und genau wusste, wie weit sie gehen konnte, ohne ihn zu weit zu treiben. Genauso, wie sie gerade sofort erkannt hatte, dass er nun alle Aufmerksamkeit für dieses Telefongespräch benötigte.
Um nichts in der Welt würde er diese Frau wieder hergeben.
Er konzentrierte sich auf seinen Gesprächspartner.
Karina Wells. Dieser Name hatte ihn schon etliche schlaflose Nächte gekostet. Seit dem Tag vor sechs Jahren, in den Rocky Mountains, an dem sie diesen größenwahnsinnigen Vampir Breda zur Strecke gebracht hatten, verfolgte ihn der Name und er war sich sicher, dass er da nicht der Einzige war.
Karina Wells war Sprengstoff in ihrer Welt, der ihnen jederzeit um die Ohren fliegen konnte. Ein Geschöpf, das die Existenz aller Wandler, Wölfe, Hexen und Vampire gefährdete.
Ein Jahr lang waren sie ihr durch das Gebirge und dann quer durch die Staaten gefolgt, bis sich ihre Spur verflüchtigt hatte. Und das war mehr als ungewöhnlich. Wolfsnasen waren normalerweise beharrlich und bisher hatten die Ranger noch jeden gefunden, der auf ihrer Fahndungsliste stand. Doch irgendwie hatte diese Frau es geschafft, unterzutauchen. Seitdem war es, als würde sie nicht existieren.
Henry Graves, der Stellvertreter von Bryan, vermutete, dass sie den Namen gewechselt und möglicherweise Magie eingesetzt hatte, um das zu schaffen. Möglich war es.
Der Akte, die sie aus Bredas Versteck gerettet hatten, konnten sie entnehmen, dass die Frau nicht nur gewandelt worden war, sondern auch Wolfs- und Hexengene in ihr aktiviert wurden. Über ihre Fähigkeiten war leider nichts vermerkt gewesen. Aber wenn sie sich gewandelt hatte, dann war sie zumindest mit einigen Kräften ausgestattet, die ihr ein Untertauchen erleichterten. Das war das Talent eines jeden Wandlers.
„Sie haben eine Spur!“ Er hoffte, dass er nicht allzu erwartungsfroh klang, sondern so nüchtern, wie es angebracht war.
„Möglicherweise.“ Bryan klang jetzt ebenfalls gewohnt sachlich. „Mein Mitarbeiter Hicks, Sie kennen ihn ja bereits, hat diverse Pressemeldungen gefunden, die interessant sein könnten.“
Das klang zwar nicht nach einem Durchbruch, doch immerhin war es seit langem wieder eine Spur.
Bryan räusperte sich, bevor er weitersprach. „Bestehen Sie immer noch darauf, dass das Ihre Angelegenheit ist?“
Asher Hunter brauchte nicht zu überlegen. „Diese Frau ist eine Wandlerin! Und das, weil meiner Tochter dasselbe angetan wurde wie ihr! Damit ist sie definitiv meine Angelegenheit!“
„Akzeptiert.“ Immerhin, dieser Wolf war nicht so stur wie die verdammten Hexen. „Hicks schickt Ihnen die entsprechenden Dateien. Und – nur, um es noch einmal gesagt zu haben: Meine Männer stehen Ihnen jederzeit zur Verfügung.“
„Das weiß ich zu schätzen“, knurrte Asher. Und das war nicht einmal gelogen. Seit Jahrhunderten konnten sich Wandler und Wölfe im wahrsten Sinne des Wortes nicht riechen. Doch in den letzten Jahren war es tatsächlich zu einer Art Annäherung gekommen. Man respektierte sich. Und wenn es sich nicht vermeiden ließ, half man sich sogar.
Noch misstraute er diesem wackeligen Frieden, doch er musste zugeben, dass er ohne die Hilfe der Fellträger seine Tochter verloren hätte. Das allein war schon Grund genug, den Wölfen eine Chance einzuräumen.
„Danke, ich melde mich, wenn sich etwas Neues ergibt.“
Sobald er aufgelegt hatte, wandte er sich dem Computer zu. Kaum hatte er sein Mailprogramm aufgerufen, da trafen auch schon mehrere Nachrichten ein.
Gespannt öffnete er die Dateien und las die Texte mit höchster Konzentration. Nach und nach steigerte sich seine Unruhe.
Dieser Hicks, oder Freaky, wie ihn seine Kollegen nannten, hatte eine Meldung aus einigen Zeitungen herausgefiltert.
Das Grundgerüst war immer das Gleiche, nur zwei Artikel gingen ein wenig mehr ins Detail.
Offenbar war eine Siebzehnjährige von einem achtunddreißigjährigen Mann misshandelt und beinahe vergewaltigt worden. Nur das Eingreifen einer Lehrerin hatte Schlimmeres verhindert. Der Mann lag seitdem aufgrund einer Kopfverletzung im Koma. Die Siebzehnjährige befand sich zurzeit auf Drogenentzug und litt an schweren Halluzinationen. In zwei Klatschzeitungen wurde detailliert ausgebreitet, dass die Kleine ihre Retterin im Drogenwahn als Superwoman mit glühend gelben Augen und Superkräften beschrieb.
Das Ganze hätte amüsant sein können, doch Asher verspürte eine deutliche Anspannung in seinem Bauch. Gelbe Augen und außergewöhnliche Kräfte passten genau ins Bild von Karina Wells. Und wenn auch die Wölfe diese Spur interessant fanden, konnte er sie nicht ignorieren. Das Bauchgefühl dieser Fellträger trog selten.
Seine Hand langte erneut zum Telefon. Es wurde Zeit, die Jagd wieder aufzunehmen.
*
„Rolf schickt euch alle Dateien und auch die Telefonnummer von diesem Ranger Hicks. Ihr wisst, dass die Zeit drängt. Ich will dieses Weib so schnell wie möglich hier haben. Und zwar ohne dass die ganze Welt mitbekommt, dass sie kein Mensch mehr ist!“
„Und wenn sie sich weigert?“ Leo Rollins sah seinen Boss fragend an.
Asher seufzte innerlich und zwang sich zur Ruhe. Leo stand schon lange in seinen Diensten und hatte sich immer wieder als treuer Mitarbeiter und zuverlässiger Kämpfer bewährt. Doch Denken war nicht gerade seine Stärke.
Er sah zu dem zweiten Mann vor seinem Schreibtisch. Erdil Jadoon war da ein ganz anderes Kaliber.
„Sie darf nicht entkommen! Wenn sie sich wehrt, habt ihr freie Hand sie unschädlich zu machen. Lieber wäre es mir aber, wenn sie unverletzt bleibt. Letztendlich ist sie auch nur ein Opfer und vielleicht können wir sie integrieren.“
Erdil Jadoon nickte knapp. Von ihm wusste Asher, dass er die Lage richtig einschätzen konnte. Erdil war einer der wenigen Wandler, die sich beinahe so gut im Griff hatten wie Asher Hunter. Mit weit über dreihundert Lebensjahren hatte Erdil die Zeit und die eigene Stärke genutzt und seine Selbstbeherrschung in die richtigen Bahnen gelenkt. Natürlich trug er immer noch eine gewisse cholerische Ader in sich, das konnten Wandler nie abschütteln, doch in den letzten zweihundert Jahren hatte er definitiv niemanden mehr im Affekt getötet. Und das war bemerkenswert. Aber Asher hatte auch viele Jahre in diesen Mann investiert. Er war froh, dass es nicht umsonst gewesen war. Erdil war sein bester Mann und genoss sein absolutes Vertrauen. In den letzten Jahren hatte er vor allem als Leibwächter für Nathalie und Sophia gearbeitet, doch Letztere war inzwischen hoffnungslos in Medon verknallt und dieser hatte mit Begeisterung ihren Schutz übernommen.
Und Nathalie – nun ja, dieses Weib war in seiner Nähe sowieso am besten aufgehoben.
Es sprach also nichts dagegen, Erdil eine neue Aufgabe zu übertragen.
Besagter Wandler schien der gleichen Meinung zu sein, denn in seinen Augen blitzte bereits das Jagdfieber.
*
Endlich war es wieder so weit. Die Jagd ging weiter.
Erdil wäre am liebsten sofort losgezogen, aber er kannte seinen Boss inzwischen gut genug. Es war nie schlau, in dessen Gegenwart Ungeduld zu zeigen. Im Laufe der letzten Jahrhunderte war die Selbstbeherrschung eines Wandlers ein wichtiges Bewertungskriterium geworden bezüglich seiner Stellung in der Wandlergemeinschaft. Wobei Gemeinschaft sicherlich das falsche Wort war. Von ihrer Natur her waren Wandler absolute Einzelgänger, die die Nähe anderer Wandler mieden. Und das nicht ohne Grund. Ihr Aggressionspotenzial war ungewöhnlich hoch und Ursache für manch blutige Auseinandersetzung.
Erdil war mehr als froh, geradezu stolz, ein Mitglied von Asher Hunters Haus zu sein. Er kannte kaum einen Wandler, der nicht ehrfürchtig zu dem Ältesten aufsah. Und Hunters Haus war mit Abstand das größte weltweit. Zurzeit vereinte es zweiunddreißig Wandler, was eine beeindruckende Zahl war. Das zweitgrößte Haus wurde von Lennart Silver in Nebraska geführt und besaß lediglich fünfzehn Mitglieder – was auch eine stattliche Anzahl war.
In Gedanken packte Erdil schon sein Reisegepäck. Die Fahrt nach Morton hatte Ashers Berater Rolf bereits organisiert. Es war erstaunlich, wie schnell man mittlerweile von A nach B gelangen konnte. Aber das hieß auch, dass weniger Zeit zum Planen blieb.
Unbewusst ballte Erdil die Fäuste. Schon einmal war er hinter Karina Wells her gewesen. Doch trotz der Unterstützung der Minnesota Ranger hatte sich ihre Spur verloren und sein Frust darüber war hoch gewesen. Es kam nicht oft vor, dass er versagte, und in diesem Fall war es besonders ärgerlich. Immerhin hing davon die Existenz aller geheimen Völker ab. Dass auch Wolfsnasen Karina Wells verloren hatten, besänftigte ihn nicht. Schließlich fiel sie in die Verantwortung der Wandler.
Seine Nase war natürlich nicht so sensibel wie die von diesen Fellträgern, doch auch ihm war der typische Wandlergeruch nicht entgangen, der von ihren Spuren ausging. Sie roch nach Wandler, Angst und Zorn. Nach Asche und Weiblichkeit.
Es gab nur noch eine Frau auf diesem Planeten, die ähnlich roch. Und das war Sophia Hunter. Noch immer empfand er es als ein Wunder, dass Ashers Tochter eine Wandlung überstanden hatte. Vor allem, da diese von skrupellosen Wissenschaftlern künstlich herbeigeführt worden war. Genauso wie bei Karina Wells. Doch Ashers Tochter hatte zumindest geahnt, was sie überstehen musste. Dass man solche Höllenqualen überleben konnte.
Karina Wells war unvorbereitet und ohne jegliches Wissen in eine Wandlung geschickt worden. So wie er selbst auch. So wie viele vor ihm und noch etliche nach ihm. Er wusste also sehr genau, was diese Frau durchgemacht hatte.
Lennart Silver, der Historiker unter den Wandlern, hatte ihm einmal vorgerechnet, dass auf eine erfolgreiche Wandlung mindestens zwanzig gescheiterte kamen. Sprich: zwanzig tote Wandler. Und das waren die Zahlen der Neuzeit! Früher waren vermutlich mehr als doppelt so viele Wandlungen fehlgeschlagen. Doch aus diesen Zeiten gab es natürlich keine verlässlichen Zahlen.
Umso erstaunlicher, dass Karina Wells die Kraft und das Durchhaltevermögen gehabt hatte, eine Wandlung zu überstehen. Aber das machte sie vermutlich auch umso gefährlicher. Ihre Akte kannte er inzwischen auswendig. Doch in dieser stand lediglich, dass die Frau sehr stark und sehr schnell war. Zudem hatte sie die Regenerationsfähigkeit eines Wolfes. Womöglich war dies ein mitentscheidender Faktor für die gelungene Wandlung gewesen, aber das konnten sie nur vermuten.
Genauso unklar war, wie viele von ihren eigenen Fähigkeiten Karina Wells inzwischen weiterentwickelt hatte. Und was sie von den anderen Völkern wusste.
Dass sie Angst hatte, war ihren Verfolgern natürlich nicht entgangen. Verständlich, wenn man bedachte, was ihr angetan wurde. Doch ängstliche Menschen neigten zu panischen und unüberlegten Handlungen. Und dieses Verhalten war bei verängstigten Wandlern vermutlich noch ausgeprägter.
Erdil Jadoon war durchaus klar, was das bedeutete. Im besten Fall konnten sie die junge Frau von der Menschenwelt unbemerkt einfangen und in das Volk der Wandler integrieren. Im schlimmsten Fall würde die Welt der geheimen Völker auffliegen. Dazwischen lagen viele Möglichkeiten.
In den meisten würde Karina Wells sterben.
Möglicherweise durch seine Hand.
Erstkontakt der unangenehmen Art
Morton, Illinois
Es war mitten in der Nacht als Erdil und Leo das Haus erreichten, in dem sie Karina Wells vermuteten.
Offiziell wohnte hier eine Carol Vaughan, und zwar bereits seit vier Jahren. Carol Vaughan galt als beliebt an der örtlichen High School und hob sich bisher allenfalls durch ihre Unauffälligkeit hervor. Erdil hatte während des Flugs die alten Fotos von Karina Wells mit dem Lehrerbild der High-School-Homepage verglichen und war zum gleichen Schluss gekommen wie Freaky, alias Martin Hicks. Karina Wells trug vor ihrer Entführung lange, blonde Haare, war etwa eins achtzig groß, schlank und durchaus attraktiv. Carol Vaughans Bild zeigte braunes, stufig geschnittenes Haar. Ihre Personalakte bezeugte die gleiche Größe wie von Karina Wells, doch ihre Schultern waren breiter, nahezu athletisch. Die Gesichter ähnelten sich sehr. Beide hatten braune Augen. Doch Carols Gesichtszüge waren hagerer, schärfer ausgeprägt. Und während Karina meistens fröhlich und freundlich der Linse entgegensah, blickte Carol ernst und verschlossen.
Erdil hatte das Bild lange betrachtet. In ihm war kein Zweifel, dass diese Personen identisch waren. Und die Unterschiede ließen sich sehr gut nachvollziehen. Die Erlebnisse dieser Frau hatten mit Sicherheit ihre Spuren hinterlassen.
Jetzt betrachtete er das Haus, in dem Carol Vaughan wohnte. Es war eines der kleineren Gebäude in diesem Viertel und eingeschossig. Rundherum ragten die Nachbarhäuser auf, alle deutlich größer und moderner.
Erdil wusste, dass das Haus zwei Eingänge besaß. Nach hinten ging es in einen winzigen Garten hinaus. Trotz der nächtlichen Stunde brannte noch Licht im Schlafzimmer.
„Sie ist wohl noch wach“, brummte Leo ihm ins Ohr.
Erdil nickte knapp. Offensichtliches kommentierte er ungern.
Ihm wäre es lieber gewesen, wenn sie die Frau im Schlaf überrascht hätten. Doch noch länger warten wollte er auch nicht.
„Du überwachst den Hinterausgang“, befahl er. „Ich werde klingeln und versuchen, mit ihr zu reden. Wenn sie flieht, halte sie fest. Aber sei vorsichtig, sie soll sehr stark sein.“
Leo schnaufte verächtlich, nickte aber und setzte sich in Bewegung.
Erdil sah ihm ärgerlich hinterher. Leo war ein guter Mann, doch er dachte selten weit genug. In seiner Vorstellung waren Frauen nicht stark, sondern schutzbedürftig.
Das war ein Fehler, wusste Erdil. Er hatte in seinem langen Leben schon viele starke Frauen kennengelernt. Exzellente Kämpferinnen, gegen die er nur schwer bestehen konnte. Zumindest in seinen jüngeren Jahren.
Von Karina Wells wussten sie im Prinzip gar nichts. Nur, dass sie auf der Flucht war. Wäre er selbst in ihrer Situation, würde er dafür sorgen, kein leichtes Opfer zu sein. Es gab viele Möglichkeiten, sich körperlich fit zu halten und das Kämpfen zu lernen, ohne großartig aufzufallen. Von Carol Vaughan war nichts in der Richtung bekannt, doch das hieß noch lange nicht, dass sie harmlos und hilflos war.
Er gab Leo ein paar Minuten Zeit, sich in Position zu bringen. Dann ging er langsam über die Straße auf das kleine Haus zu.
Die Klingel war schrill und ließ ihn unwillkürlich zusammenzucken. Gespannt lauschte er nach Geräuschen.
Leise Schritte klangen auf. Erst zügig, doch dann wurden sie langsamer. Erdil schluckte einen Fluch hinunter.
Ihr Geruch war überall wahrnehmbar und eindeutig. Noch nie war er ihr so nahegekommen. Er musste sich zwingen, ruhig zu bleiben. Doch wenn er sie witterte, konnte sie auch seinen Geruch wahrnehmen. Ob sie diesen zuordnen konnte?

Karina verharrte wenige Meter vor der Haustür und witterte nervös nach dem Besucher. Der Geruch war ihr fremd. Und doch auch wieder nicht. Draußen vor der Tür stand ein ihr unbekannter Mann, der nicht nur nach Testosteron und Adrenalin stank. Es dauerte einige Sekunden, bis sie erkannte, was sie verwirrte. Von ihm ging ein eigentümlicher Geruch aus, der sie an Asche erinnerte.
Sie selbst trug ihn auch.
Seit sie zu einem Monster geworden war.
Angst kroch in ihr hoch. War dieser Mann ein Monster so wie sie? Jagte er sie? Seine Ausdünstungen ließen darauf schließen. Männer stanken genau so, wenn sie kurz vor einem Kampf standen.
Die Erkenntnis, dass sie aufgeflogen war, ließ sie kurz die Augen schließen. Ein verzweifelter Laut entglitt ihr.
Langsam bewegte sie sich wieder rückwärts zum Schlafzimmer, ohne die Haustür aus den Augen zu lassen.
Ein lauter Fluch von draußen ließ sie zusammenzucken. Eine Sekunde später zersplitterte die Haustür mit einem Krachen.
Karina drehte sich um und rannte los, quer durch die große Wohnküche zur Hintertür.
Kaum hatte sie diese aufgerissen, da nahm sie auch schon den zweiten Mann wahr, der gerade auf sie zu hechtete. Er war etwas größer als sie und von athletischer Gestalt. Und er bewegte sich sehr schnell.
Ihre Sinne erkannten sofort, dass vor ihr kein normaler Mensch stand. Sein Infrarotbild war gedämpfter und die Hitzeverteilung in seinem Körper völlig untypisch für einen Menschen.
Und auch er trug diesen Asche-Geruch an sich.
Zögern war keine Option. Mit jedem Schritt mehr nahm sie Fahrt auf. Sie versuchte gar nicht erst, ihrem Angreifer auszuweichen. Mit geballten Fäusten rannte sie ungebremst in ihn hinein.
Ihr Schlag traf punktgenau sein Kinn. Gleichzeitig krachte ihr Bein in seinen Schritt.
Die Augen des Mannes glommen gelb auf und mit einem Ächzen ging er in die Knie, um dann langsam nach hinten zu kippen.
Gerade noch rechtzeitig vernahm sie den Luftzug des Schlags, der sie von hinten treffen sollte, und wich zur Seite aus, direkt in den zweiten Hieb. Er traf sie hart gegen die rechte Schulter und ließ sie nach vorne taumeln. Beinahe wäre sie über den am Boden liegenden Mann gestolpert. Es gelang ihr gerade so, sich abzurollen und wieder auf die Beine zu springen.
„Bleib stehen!“
Die Stimme klang hart und unbarmherzig. Karina wirbelte herum und starrte den Mann an. Sein Gesicht war im Dunkeln nicht zu erkennen, doch seine Augen flammten in einem bekannten Gelb. Er war größer als sie und seine Körperspannung verriet den Kämpfer.
Nur für einen Moment überlegte Karina, ob sie tatsächlich aufgeben sollte. Vor ihr stand ein Krieger, das spürte sie instinktiv, und sie selbst hatte nie kämpfen gelernt. Vielleicht war sie ihm an Kraft überlegen, doch ihre Angst überwog. Alles an ihm, sein Geruch und seine Haltung, wirkten bedrohlich.
In dem Moment, in dem sie sich zur Flucht entschloss, sprang er vor. Es gelang ihr nur knapp, ihm auszuweichen. Er war unglaublich schnell. Schneller noch als sein Mitstreiter, der immer noch am Boden lag. Seine Bewegungen waren fließend und kontrolliert. Sie sah den Schlag erst im letzten Moment und reagierte beinahe zu spät. Die Faust streifte ihre Schläfe und ließ sie zurücktorkeln.
Eine Hand umfasste ihren Knöchel und brachte sie zu Fall. Der zweite Mann rappelte sich mit einem ächzenden Fluch hoch, während er versuchte, sie an sich heranzuziehen.
Mit einem verzweifelten Schrei schwang sie das andere Bein herum und traf ihn an der Brust. Er flog mit einem wütenden Brüllen etliche Meter weit nach hinten. Gerade noch rechtzeitig rollte sie herum, um dem Tritt des Zweiten zu entgehen. Wieder trat sie zu, mit all ihrer Verzweiflung.
Erdil sah das Bein auf sich zu kommen und drehte sich instinktiv zur Seite. Doch diese Frau war so verdammt schnell, dass sie ihn trotzdem erwischte. Ein höllischer Schmerz schoss durch seine Hüfte und er wurde heftig herumgewirbelt.
Die Wucht des Treffers ließ ihn, ebenso wie Leo, einige Meter über den Boden schlittern und raubte ihm schlichtweg den Atem. Es dauerte etliche Sekunden, bis er sich wieder aufrichten konnte.
Von Karina Wells war nichts mehr zu sehen.
Mit einem Wutschrei torkelte er zu Leo, der sich ebenfalls bemühte, auf die Beine zu kommen.
„Zur Hölle“, keuchte Leo. „Dieses Weib hat echt ‘nen Tritt drauf.“
„Du sagst es“, knurrte Erdil mit deutlicher Frustration in der Stimme. Seine Hüfte schmerzte immer noch abscheulich und ließ ihn humpeln. Keine Chance, Karina Wells zu verfolgen.
„Shit“, fluchte er und stützte sich schwer atmend mit den Händen auf seinen Oberschenkeln ab. „Dieses Miststück ist wirklich stark.“
„Und schnell“, legte Leo nach. „Die ist losgerannt wie der Teufel.“
„Verdammt!“ Erdil richtete sich auf. „Wir hatten sie schon!“
Leo grinste ihn schräg an.
„Das bist du nicht gewöhnt, nicht wahr? Ich ehrlicherweise auch nicht. Dass ein Weib so stark ist, ist echt nicht normal.“
Erdil konnte ihm nur zustimmen. Diese Niederlage kratzte arg an seinem Selbstbewusstsein. Karina Wells hatte ihn allein durch Körperkraft ausknocken können. Und ihre Bewegungen und ihre Ausdünstungen hatten ihm sofort verraten, dass sie solche Auseinandersetzungen nicht gewöhnt war. Eine ausgebildete Kämpferin war sie definitiv nicht.
Daher war es umso frustrierender, dass ihr trotzdem die Flucht gelungen war.
„Wir brauchen Hilfe!“ Leo sprach aus, was Erdil ebenfalls durch den Kopf geschossen war. Doch es schmeckte zu sehr nach Niederlage, diese Worte in den Mund zu nehmen.
„Immerhin waren wir noch nie so nahe an ihr dran“, grinste Leo und rieb sich die schmerzende Brust. „Zur Hölle, mir ist noch nie dermaßen die Luft weggeblieben.“
„Ist was gebrochen?“
„Ich glaube nicht, aber es war knapp daran.“
Ob diese Frau all ihre Kraft eingesetzt hatte? Oder hatte sie sich zurückgehalten? Erdil griff zu seinem Smartphone. Es hatte keinen Zweck zu warten. Karina Wells Spuren waren so frisch wie nie. Sie durften sie nicht wieder verlieren.

Sie rannte sprichwörtlich um ihr Leben. Hinaus in die Nacht, über die Straßen, durch Gärten und Höfe, bis ihre Lungen brannten. Erst dann wurde Karina langsamer. Irgendwann blieb sie schließlich vornübergebeugt stehen und rang nach Atem.
Nur kurz blitzte Triumph in ihr hoch. Sie hatte es geschafft, diesen Männern zu entkommen! Und das, ohne dass jemand nennenswert verletzt worden war. Ihr Hochgefühl hielt nicht lange an und wurde von Verzweiflung abgelöst.
Wieder war sie auf der Flucht. Und wieder würde sie bei null anfangen müssen. Keine Kleidung, kein Geld und keine sichere Identität mehr.
Karina ballte entschlossen die Fäuste. Was sie einmal geschafft hatte, würde auch ein zweites Mal gelingen. Doch zunächst musste sie Abstand zu ihren Verfolgern schaffen. Alles andere würde sich ergeben. Ob sie es wagen konnte, bei dem gleichen Mann neue Papiere zu kaufen wie vor fünf Jahren? Das barg gewisse Risiken in sich. Allerdings konnte es dauern, bis sie einen anderen Fälscher fand, da ihr schlichtweg die Kontakte zu solchen Leuten fehlten. Damals hatte sie einfach nur das Glück gehabt, in einer heruntergekommenen Bar an dem richtigen Tisch zu sitzen. Pierre Gaubert besaß anscheinend den passenden Riecher, was potenzielle Kunden anging, und hatte sie ungeniert angesprochen. Karina hatte seine schmierige Art nicht gemocht und die Preise, die er verlangte, waren horrend.
Keine Frage, Pierre Gaubert besaß neben Menschenkenntnis auch Geschäftssinn – und wenig Skrupel, beides zu seinem Vorteil zu nutzen.
Karina hatte damals keine Wahl. Also zahlte sie und betrat ihr neues Leben als Carol Vaughan.
Doch jetzt ... Sie sah an sich herunter. Ihr Outfit würde sie wieder verändern müssen. Barfuß und in einen kurzen Pyjama gekleidet erregte sie mit Sicherheit Aufsehen.
Für einen Moment überlegte sie, ob sie heimlich zurückkehren sollte, um zumindest das Notwendigste einzupacken. Aber der Gedanke an die beiden großen Männer ließ sie diese Idee sofort wieder verwerfen. Noch einmal würden die nicht so leicht zu überrumpeln sein. Und sie machte sich nichts vor: Es war pures Glück gewesen, dass sie allein durch ihre Kraft und Schnelligkeit entkommen war.
Sie stieß einen Seufzer aus. Also würde sie wieder stehlen müssen. Etwas, was sie hasste wie die Pest.
Doch dieses Mal würde sie organisierter vorgehen. Sie war wild entschlossen, jedes Diebesgut bei passender Gelegenheit zu ersetzen.
Nun, ihr erstes Ziel war klar: Entkommen.
Entschlossen trabte sie los.
Shadow Riders
August 2021
Mitten in den USA
An die Vereinigten Staaten von Amerika würde er sich gewöhnen können. Tiger genoss es, den Fahrtwind zu spüren, während sie die schnurgerade Fahrbahn entlang brausten. Die Weite der Landschaft war beeindruckend und die Straßen schienen nie ein Ende zu nehmen.
Gelegenheit genug, die Gedanken schweifen zu lassen.
Seit etwa drei Wochen kurvten sie quer durch die Staaten. Die grobe Richtung war westwärts, doch seine Liste der MCs, die sie abklapperten, zwang sie immer wieder zu Kursänderungen. Entsprechend abwechslungsreich gestaltete sich die Fahrt, und die Stimmung der Road Bastards war ziemlich gut.
Auch Bernart Dierolf hielt sich wacker. Für einen Hobby-Biker fuhr er einen heißen Reifen und scheute kein Wagnis. Nun, wenn man Wolf war, konnte man sich wohl einige Risiken leisten. Tiger hatte sich inzwischen an den Gedanken gewöhnt, dass es Werwölfe gab. Das hieß aber nicht, dass er diese Biester sympathisch fand.
Runner war sein Bruder. Das war klar. Ihm vertraute er, wenn nötig, auch sein Leben an. Doch die Kriegerwölfe in Europa waren ein anderes Kapitel. Sie waren eindeutig gefährlich und lebten nach eigenen Regeln und Moralvorstellungen. Nun ja, das taten die Road Bastards natürlich auch. Weswegen sie vermutlich so gut mit den Wölfen zusammen arbeiteten. Freundschaft verband sie aber keinesfalls. Sie respektierten sich, das war auch schon alles.
Bernart Dierolf war ihm dagegen immer noch ein Rätsel. Dieser Wolf war genauso knurrig und brummig wie Runner und strahlte eine düstere Seite aus, die Tiger noch nicht ergründen konnte. Runner hatte ihm verraten, dass Dierolf ein Außenseiter in seinem Volk war, und lange Zeit von seinen Artgenossen gejagt wurde. Außerdem war er wohl ziemlich alt. Runner hatte ihn auf über dreihundert Jahre geschätzt, und Tiger würde dem nicht widersprechen. In den Augen des Wolfes konnte man lesen, dass er schon viel erlebt und mit Sicherheit auch durchlitten hatte.
Trotzdem wirkte er nicht verbittert oder lebensmüde.
Aber er hielt Abstand. Und beobachtete.
Tiger fing an, Dierolf trotz seiner Rätselhaftigkeit zu mögen. Zumal dieser sich nahtlos in die Hierarchie und die Aktivitäten der Outlaws einfügte. Die Jungs genossen es, den „Alten“ zu piesacken, und drückten ihm sämtliche ungeliebten Arbeiten auf. Er schluckte es ohne Murren, so wie es sich für einen angehenden Prospect gehörte. Manchmal hatte Tiger sogar den Eindruck, dass der Wolf sich amüsierte.
Er war gespannt, ob das so bleiben würde. So manch gestandener Mann hatte schon nach wenigen Wochen aufgegeben und die Anwärter-Zeit abgebrochen. Oder sie schlichtweg nicht überlebt. Dierolf traute er es zu, durchzuhalten. Der Mann wirkte wie einer, der, einmal angefangen, alles durchzog. Egal wie. Und das imponierte Tiger.
Bisher war der Wolf auch in den MCs gut angekommen. Er hatte sich bei Bedarf ein Mädchen gekrallt, einige Schlägereien mühelos überstanden und war respektvoll geblieben. Gute Voraussetzungen für ein Leben bei den Bastards.
Das Einzige, was nervte, war, dass Dierolf inoffiziell Babysitter spielte. Er mischte sich nicht in die Geschäfte der Bastards ein, doch für Tigers Geschmack bekam er trotzdem zu viel mit.
Kriminalität war auch bei Wölfen nicht erwünscht, das hatte Tiger von Chief Martinak mehrfach unter die Nase gerieben bekommen. Natürlich hielt ihn das nicht davon ab, seinen Geschäften trotzdem nachzugehen. Sie waren schließlich Teil seines Jobs. Doch je weniger die Wölfe erfuhren, desto besser.
Und Bernart Dierolf war ein Unsicherheitsfaktor, da gab er sich keinen Illusionen hin. Je mehr der Wolf erfuhr, desto mehr Ärger konnte er machen. Aber noch war Tiger nicht eingefallen, wie er seinen „Babysitter“ unauffällig loswerden konnte. Und Runner war in dem Fall auch keine Hilfe, zumal er sich mit Dierolf immer besser verstand. Die zwei Wölfe hatten zunächst Abstand gewahrt. Aber das Zusammenfahren schweißte automatisch zusammen und die beiden schienen sich inzwischen zu respektieren.
Tiger warf einen Blick auf sein Navi. Zwei Stunden Fahrt lagen noch vor ihnen. Zeit für einen Tankstopp.
Bei dem nächsten Hinweisschild gab er das entsprechende Handzeichen. Kurze danach fuhren sie auf den ausgewiesenen Rastplatz, direkt vor die Zapfsäulen.
Wie immer fielen sie auf. Neugierige, vor allem aber furchtsame Blicke glitten über die Biker.
Tiger nickte Dierolf zu, während er abstieg, und grinste dabei zufrieden. Doch, es war äußerst angenehm, wieder einen Anwärter in seiner Truppe zu haben.
Bis auf Dierolf marschierten alle Richtung Shop.
Der Wolf fing kommentarlos an, die Maschinen zu betanken.
Eine halbe Stunde später waren die Bikes mit Sprit und die Biker mit Kaffee abgefüllt.
Auch Dierolf konnte einen Becher der schwarzen Plörre ergattern, mit dem er sich sofort wieder nach draußen verzog, um auf die Bikes aufzupassen. Zwar war es äußerst unwahrscheinlich, dass irgendjemand es wagen würde, den Motorrädern zu nahe zu kommen, aber Tiger ging kein Risiko ein. Die Gepflogenheiten dieses Landes waren ihm noch zu fremd, und sie konnten sich keinen unnötigen Ärger leisten.
Runner stieß ihn von der Seite an und zeigte mit dem Kinn nach draußen.
Tiger folgte seinem Blick und erhob sich dann langsam.
Bernart Dierolf hatte seine lässige Haltung verloren und stand wachsam mit verschränkten Armen vor den Bikes. Jetzt sah Tiger auch den Grund für seine Anspannung.
Acht schwere Motorräder rollten auf die Zapfsäulen zu. Ihre Fahrer wirkten wie aus einem finsteren Bikerfilm. Schwarzes Leder von oben bis unten, schwarze, geschlossene Helme und eine ebenso schwarze Kutte. Auf dem Rücken stand der Schriftzug „Shadow Riders MC“. Das Logo darunter zeigte einen schwarzen Harleyfahrer auf weißem Grund. Tiger vermisste die Orts-Kennzeichnung. Ob das auch Nomads waren? Ein wanderndes Chapter?
„Fuck!“, murmelte Runner neben ihm.
„Warum?“
„Wölfe!“, kam die leise gezischte Antwort.
Tiger hob überrascht die Augenbrauen. „Alle?“
„Sieht so aus!“
Runner wirkte ebenso überrascht wie er selbst.
Der Clubname sagte Tiger nichts, was nicht viel heißen musste. MCs gab es wie Sand am Meer. Allerdings bezweifelte Tiger, dass es viele Clubs gab, deren Mitglieder aus Werwölfen bestanden. Auch Runners Gesicht ließ ihn das bezweifeln.
Inzwischen waren auch die anderen Nomads aufmerksam geworden und sie stiefelten geschlossen nach draußen.
Dass Ärger in der Luft lag, rochen sogar Menschennasen.
Die Shadow Riders waren mittlerweile abgestiegen und hatten sich vor Dierolf aufgebaut. Dieser ließ sich ganz offensichtlich nicht davon einschüchtern, was ihm in Tigers Augen einen weiteren Pluspunkt einbrachte. Ohne ein Wort stellte er sich neben Dierolf und verschränkte ebenfalls die Arme. Runner begab sich auf Dierolfs andere Seite, während die restlichen Nomads sich hinter ihnen positionierten.
Niemand sprach ein Wort, aber die Luft war geschwängert mit Aggressivität und Misstrauen. Eine gefährliche Mischung.
Schließlich zog sich der Anführer der Biker den Helm vom Kopf und Tiger blickte in wolfsgrüne Augen. Die anderen Biker folgten dem Beispiel.
Tiger zwang sich, nicht zu blinzeln. Runner hatte tatsächlich recht (nicht, dass er es eine Sekunde bezweifelt hätte). Alle Biker hatten Wolfsaugen. Und alle wirkten, freundlich ausgedrückt, ziemlich angefressen. Der President der Truppe ließ seinen Blick zwischen Runner, Dierolf und Tiger schweifen und schien unentschlossen zu sein, wen er anzusprechen hatte.
„Ich bin Tiger“, nahm dieser ihm schließlich die Entscheidung ab. „President der Nomads von den Road Bastards. Gibt es irgendein Problem?“
„Sag du es mir“, knurrte der andere zurück. Seinen Patches auf der Kutte hatte Tiger längst entnommen, dass vor ihm Storm, President der Shadow Riders und ein ganz böser Junge stand. Patches waren da sehr informativ, wenn man sie lesen konnte. Genauso war für Storm zu sehen, dass Tiger auch kein Waisenknabe war. Zumindest was die Menge an Patches anging, waren sie sich ebenbürtig. Und dass sich beide zu den Outlaws zählten, war ebenso ersichtlich.
Storm war groß. Nicht ganz so groß wie Tiger, aber er kam nahe heran. Breite Schultern und dicke Oberarme verrieten, dass er kein leichter Gegner sein würde. Der President trug lange schwarze Haare und einen genauso schwarzen Zottelbart. Das Misstrauen quoll aus jeder seiner Poren.
„Wir haben keins“, grinste Tiger und hielt dem Blickduell stand.
„Was machen deutsche Bastards hier?“
„Wir sind geschäftlich unterwegs.“
Das war nicht gelogen, und Tiger wusste, dass der Wolf vor ihm das riechen konnte. In diesem Fall sehr praktisch. Ansonsten ziemlich lästig.
Storm sah zu Runner und Dierolf.
„Und was machen die beiden bei euch?“
„Runner ist schon seit Jahren unser Bruder. Und Dierolf ...“ Tiger warf einen amüsierten Blick zu Bernart. „Nun, er versucht sich seit ein paar Tagen als Biker.“
Storm sah auf die Tätowierungen an Dierolfs Armen und stieß ein genervtes „Fuck“ aus, was Tiger noch breiter grinsen ließ. Offensichtlich hatte der Biker jetzt erst erkannt, dass vor ihm ein Ranger stand. Er wirkte nicht gerade glücklich darüber. Tiger hatte vollstes Verständnis dafür.
Er beugte sich vor.
„Sagt dir der Name Martinak was?“
Dierolf murmelte einen leisen Fluch, der irgendwie nach „Biker-Idiot“ klang.
Storm ließ eine Augenbraue nach oben wandern.
„Du meinst nicht zufällig den Chief der Europe Security?“
„Genau den. Er hat mir höchstpersönlich die Erlaubnis erteilt, einen Trip durch euer reizendes Land zu machen. Und Chief Bryan hat ebenfalls zugestimmt.“
Storm sah zu Dierolf, der nicht eine Miene verzog. Dann blickte er zu den anderen Nomads, die mit verkniffenen Gesichtern die Shadow Riders im Blick behielten.
Tiger war klar, dass er ein gefährliches Spiel betrieb. Bis auf Ork waren seine Männer ahnungslos. Den Namen Martinak kannten sie zwar, die Hintergründe jedoch nicht. Und es war eindeutig besser, wenn das auch so blieb.
Allerdings wirkten die Shadow Riders hochgradig nervös. Vermutlich weil zwei Wölfe mit ihm fuhren. Sicher war er sich aber nicht. Also galt es herauszufinden, was Storms Problem war. Und dieser sah das offenbar genauso.
„Ich schätze, wir sollten reden.“ Storm wies mit dem Kinn zu einer Bank, die einsam auf dem Parkplatz stand. Weit genug weg, um selbst Wolfsohren auszuschließen.
Tiger nickte und die beiden Männer stiefelten nebeneinander los. Zu Tigers Erleichterung blieb Dierolf zurück.
Guter Mann. Er beschloss, dem Wolf bei nächster Gelegenheit mindestens ein Bier zu spendieren.
Sie hockten sich einander gegenüber und starrten sich wieder an.
Diesmal brach Storm das Schweigen. „Jetzt bin ich echt gespannt.“
Tiger grinste dünn. „Kann ich mir vorstellen. Also gut. Ich fasse mich kurz. Seit etwa eineinhalb Jahren weiß ich, dass Runner Wolf ist.“
„Und du lebst noch, weil ...?“
„Ork und ich haben ihm und seinem Rudel geholfen, ein paar miese Frauenschänder zu stellen. Martinak war davon zumindest so angetan, dass er uns eine Chance eingeräumt hat. Ab und zu übernehmen wir für ihn Drecksarbeit, dafür lässt er uns in Ruhe.“
„Was ist mit deinen anderen Männern?“
„Die sind ahnungslos.“
Storm hob zweifelnd die Augenbrauen. „Und du glaubst, das bleibt so?“
Tiger zuckte mit den Schultern. „Bis jetzt hat es funktioniert. Alles andere wird sich zeigen.“
„Und was macht der Ranger in deiner Truppe?“
„Dierolf?“ Tiger stieß ein amüsiertes Grunzen aus. „Er spielt für die Dauer unseres Aufenthalts den Babysitter. Euer Chief Bryan traut mir wohl nicht allzu sehr. Aber ich will mich nicht beschweren. Der Mann scheint in Ordnung zu sein. Und er erfüllt seine Pflichten als Anwärter tadellos.“
Storm entglitt ein ungläubiges Schnauben.
„Anwärter? Im Ernst? Fuck, das höre ich zum ersten Mal. Normalerweise machen die Kerle so einen Scheiß nicht mit. Zumindest die Krieger nicht.“
„Ich vermute mal, ihr seid keine Freunde.“
Storm verzog das Gesicht. „Wohl wahr.“
„Wenn die Ranger so drauf sind wie Martinaks Leute, kann ich das sehr gut verstehen.“
„Also gut, das wäre geklärt. Jetzt verrate mir noch, was du in den Staaten zu suchen hast.“
Tiger lehnte sich zurück und betrachtete seine Fingernägel.
„Nun, sagen wir mal so. Ich muss für einige Zeit ein paar Meilen zwischen mich und das Good Old Germany legen. Eine hervorragende Gelegenheit, um alte Geschäftskontakte aufzumöbeln und neue zu knüpfen. Mein Pres, Big Man, hat mir entsprechende Vollmachten erteilt.“
„Big Man, hmm?“ Offenbar kannte Storm den Namen und er wirkte beeindruckt. „Hab gehört, dass dieser Bastard ein ziemlich abgefuckter Arsch ist.“
Tiger lächelte schmal.
„Mag sein. Aber er ist ein ausgesprochen intelligenter abgefuckter Arsch. Und zufällig mein Boss.“
„Sorry, aber wenn du kein Problem damit hast für einen abgefuckten Arsch zu arbeiten, was sagt das dann über dich aus?“
„Na was wohl?“ Tigers Lächeln verzog sich zu einem breiten Grinsen. „Ich habe mir sagen lassen, dass ich ein noch größerer Arsch sein kann. Aber jetzt weißt du das Wichtigste von mir. Was ist mit dir und deinen Jungs? Probleme mit den Rangers?“
Es war ein Schuss ins Blaue, aber er saß.
Storm verzog wieder das Gesicht.
„Wir sind definitiv keine Freunde“, gab er dann zu. „Unsere Babysitter tauchen ab und zu auf und machen Stress. Nichts, womit wir nicht klarkommen.“
Das glaubte Tiger ihm sofort. Ihm war nicht entgangen, dass die Mitglieder der Shadow Riders schwerstes Kaliber waren. Dafür hatte er eine gute Nase. Mit Sicherheit hatten alle eine Menge Dreck am Stecken. Das machte sie geradezu sympathisch. Er bohrte nicht weiter nach. Wölfe waren ein misstrauisches Volk, das hatte er inzwischen gelernt. Und noch waren sie keine Freunde.
„Wo wollt ihr als Nächstes hin?“, fragte der Rider.
„Den Rebel Corps einen Besuch abstatten.“
„Geschäftspartner?“
„Noch nicht. Aber was nicht ist, kann ja vielleicht werden. Kennst du die Jungs?“
„Hab nur von Memphis, ihrem Pres gehört. Hat nen hohen Frauenverschleiß und steht auf Whiskey.“
Tiger entglitt ein amüsiertes Auflachen. „Hört sich an, als könnte Big Man ihn mögen. Ich werde es wohl bald wissen. Was ist mit euch? Habt ihr ein Ziel?“
„Kein Clubhaus, kein Ziel.“
Storm schien nachzudenken. Seinem Gesicht sah man es nicht an, doch in den grünen Augen las Tiger umso mehr. Der Mann vor ihm war hochgradig neugierig.
„Normalerweise gehen mir andere MCs am Arsch vorbei“, meinte der Rider schließlich. „Aber dass Kerle wie du mit der Erlaubnis der Chiefs Geschäfte tätigen, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Wissen die wirklich, was du hier treibst?“
Wieder musste Tiger grinsen. Das reichte, um Storm auflachen zu lassen.
„Dachte ich‘s mir doch. Und dieser Dierolf? Peilt er die Situation?“
Tiger sah zu besagtem Wolf, der mit finsterer Miene und verschränkten Armen die beiden Presidents nicht aus den Augen ließ. Als sich ihre Blicke trafen, hob Dierolf nur kurz den Mittelfinger. Auch Storm entging das nicht.
„Anscheinend schon“, grinste er. „Aber du solltest ihm nicht trauen. Ranger sind verdammt beschissene Moralapostel.“
Tiger zuckte die Schultern. „Ich schätze mal, er ist ein Sonderfall. Wenn du mehr wissen willst, frag Runner. Der kann dir eine Menge Storys über Bernart Dierolf erzählen. Der Mann scheint in Europa eine Legende zu sein.“
„Und warum ist er hier?“
Wieder hob Tiger die Schultern. „Hat sich wohl mit so ziemlich jedem Leitwolf angelegt. Die wollten ihn loswerden. Und da er seit kurzem der Schwiegervater von Tucker O’Brian ist, hat es ihn irgendwie hierher verschlagen.“
„Fuck!“ Der Rider sah ihn ungläubig an. „Du redest nicht von dem Tucker O’Brian?“
„Ich kenne nur einen“, antwortete Tiger trocken. „Und der ist Rudelführer in Minnesota.“
„Fuck“, wiederholte Storm. „Der Mann ist eine Legende.“
„Möglich, das kannst du wohl besser beurteilen. Ich habe ihn nur kurz getroffen. Vermutlich verdanke ich ihm sogar mein Leben. Runner meint, dass er Martinak dazu gebracht hat, Ork und mich nicht zu Frischfleisch zu verarbeiten.“ Er verzog das Gesicht zu einer grimmigen Miene. „Nicht, dass ich es ihm leicht gemacht hätte.“
Storms Neugier war jetzt deutlich zu erkennen. Er lehnte sich zurück und betrachtete Tiger mit verkniffener Miene.
„Okay“, meinte er schließlich. „Ich gebe zu, das klingt interessant. Ein Outlaw, der Kriegerwölfen eine lange Nase dreht und mit Legenden auf Du und Du steht. Das schreit geradezu nach Ärger. Ihr braucht nicht zufällig noch ein paar Fremdenführer?“
Tiger konnte ein zufriedenes Grinsen nicht unterdrücken.
Halleluja. Das versprach interessant zu werden. Wenn er sich nicht täuschte, genossen diese Wölfe einen einschüchternden Ruf bei den örtlichen MCs. Mit ihnen im Gefolge würde er mit Sicherheit schneller das Vertrauen anderer Outlaws gewinnen. Und das hieß: weniger Zeiteinsatz und weniger Stress.
„Ich denke, Fremdenführer kann man nie genug haben.“
Er streckte ihm die Hand hin und Storm schlug ein. Sein Händedruck war schmerzhaft, aber Tiger verzog keine Miene. Solange es bei dieser Art von Kräftemessen blieb, war alles bestens.
Als sie ihre Männer erreichten, war die Stimmung bereits deutlich entspannter. Sofern sich die Anführer einig waren, herrschte Frieden.
Tiger war gespannt, wie lange das anhalten würde.
„Ich hoffe sehr, du weißt, was du da tust“, murmelte Dierolf, als Tiger an ihm vorbeiging.
„Was ist dein Problem, Hangaround? Solltest du nicht eher froh sein, dass wir noch mehr Babysitter am Hals haben?“
Dierolf ignorierte seinen Spott und erwiderte den Blick ungerührt. „Halte mich nicht für dämlich, Tiger! Dass du deine kriminellen Geschäfte hier abwickelst, finde ich zum Kotzen. Aber die Kerle hier ... Dir sollte klar sein, dass die Jungs der Abschaum unserer Gesellschaft sind. Die leben nur noch, weil sie geschworen haben, niemanden mehr zu töten, und weil sie sich von den Rangers kontrollieren lassen.“
„Na, da haben wir ja ziemlich viel gemeinsam“, lächelte Tiger böse. „Da steht doch einer Freundschaft wenig im Weg. Außer vielleicht gewisse Babysitter, die ihre Ohren zu weit aufsperren.“
Dierolf schnaufte verächtlich. „Spar dir deine unsubtilen Drohungen. Solange kein Mensch zu Schaden kommt, höre ich weg. Aber ich lass mich nicht verarschen.“
„Das ist mir klar, ob du’s glaubst oder nicht.“ Tiger nickte ihm zu. Er wollte den Ranger nicht verärgern. Schließlich brauchte er ihn als Alibi. „Und falls es dich beruhigt: Ich habe nicht vor, jemanden umzubringen. Zumindest nicht, wenn es sich vermeiden lässt. Abgesehen davon werden die Riders durchaus nützlich sein. Die kennen hier viele MCs und können uns den Kontakt erleichtern. Und das bedeutet: mehr Muschis und mehr Bier.“
Dierolf schnaufte unwillig. „Euer größter Lebenszweck, nicht wahr? Ficken und saufen.“
„Alles zu seiner Zeit“, grinste Tiger. Er klopfte ihm auf die Schulter. „Sobald die Riders getankt haben, brechen wir auf. Du könntest solange unsere Vorräte kontrollieren und aufstocken.“
Dierolf schüttelte genervt den Kopf. „Ehrlich, Biker. Irgendwann trete ich dir persönlich in den Arsch. Das wird mir ein echtes Vergnügen sein.“
Tiger sah ihm amüsiert hinterher. Vielleicht war es Dierolf nicht bewusst, aber zumindest was seine Ausdrucksweise anging, passte er sich den Outlaws immer mehr an. Und nach außen hin war kein Unterschied zwischen ihm und den Bastards auszumachen. Er redete wie sie, bewegte sich wie sie und verhielt sich nach den gleichen Mustern. Tiger war gespannt, wann Dierolf bemerkte, dass er der geborene Biker war. Die Reaktion würde interessant sein.
Eine halbe Stunde später röhrten sechszehn schwere Maschinen die Straße nach Westen. Vorneweg fuhren Tiger und Storm. Das Schlusslicht bildete wie immer Bernart Dierolf.
Niemand stellte sich diesem Pulk in den Weg. Jeder war bestrebt, möglichst schnell viel Abstand zwischen sich und die Biker zu bringen.
Flucht

Interstate 70, Nähe Wilson, Kansas
Der Rastplatz war ungewöhnlich leer, fand Karina, aber das lag vermutlich an der Uhrzeit. Aufmerksam musterte sie die Fahrzeuge, während sie auf den Shop zuging.
Es dunkelte bereits und einige Trucks parkten auf dem großen Parkplatz neben der Tankstelle. Auch ein paar kleinere Wagen standen in der Nähe. Nichts wirkte auffällig.
Die letzten zwei Stunden hatte sie als Beifahrerin eines Truckers verbracht, der ihr gutmütig seine ganze Lebensgeschichte aufgetischt hatte. Von Schule über Beruf und Familie war alles dabei gewesen. Karina hatte ihn reden lassen. Das war ihr sehr viel lieber als unangenehmes Betatschen und schlüpfrige Bemerkungen. Er war zwar erregt gewesen, das stach ihr deutlich in die Nase, doch er besaß immerhin so viel Anstand es nicht zu zeigen. Dafür war sie ihm sehr dankbar und hatte beschlossen, früher als geplant auszusteigen, um ihn nicht allzu lange auf die Probe zu stellen.
In den letzten Stunden hatte sie ihre Flucht aktiv vorangetrieben. Stehlen war mittlerweile keine Herausforderung mehr für sie. Vor vier Jahren noch war das anders gewesen. Jeder Einbruch war ein Risiko gewesen, da sie ihre Fähigkeiten noch nicht unter Kontrolle hatte.
Das hatte sich geändert. Sie erinnerte sich noch sehr genau, wie geschockt sie war, als sie das erste Mal bemerkte, dass ihre „Monsterhaut“ nicht nur seltsam aussah. Die rotgelben Muster, die sich unentwegt zu bewegen schienen, versetzten sie in die unglaubliche Lage, sich zu tarnen. Nach einigen Versuchen schaffte sie es, sich wie ein Chamäleon völlig ihrem Hintergrund anzupassen, so dass sie sich selbst im Spiegel kaum erkennen konnte. Sie war nahezu unsichtbar. Ganz gelang es ihr noch nicht, doch sie war zuversichtlich, dass sie das mit mehr Übung irgendwann hinbekommen würde. Für Diebstähle reichte es schon aus. Und so hatte sie sich innerhalb kürzester Zeit neu eingekleidet und etwas Geld besorgt. Sie hoffte, dass sie in Jeans, kariertem Hemd und Lederjacke wie eine normale Tramperin aussah. Zumal sie auch noch einen Rucksack bei sich trug. Er enthielt zwei Flaschen Wasser, Trockenfleisch, eine Karte der Vereinigten Staaten und ein kleines Buch, in dem sie die ersten Adressen vermerkt hatte, wo sie auf Raubzug gegangen war. Akribisch notierte sie hier ihre Beute. Wie gesagt, sie wollte es gründlich angehen – und ohne Schuldgefühle.
Bei der Auswahl der Schuhe hatte sie lange hin und her überlegt, was sinnvoll war. Schließlich hatte sie sich für ein paar Laufschuhe entschieden. Sie konnte nie ausschließen, dass sie wieder wegrennen musste, und da mochte das passende Schuhwerk entscheidend sein.
Im Laufe des Tages wechselte sie mehrfach das Transportmittel. Zum Schluss war sie bei diesem Trucker gelandet.
Er war nicht die schlechteste Wahl gewesen. Vielleicht fand sie hier auf diesem Rastplatz ja einen weiteren freundlichen Menschen, der sie nach Westen mitnahm.
Der Shop war erstaunlich groß, wirkte aber etwas schmuddelig. In den Regalen gab es reichlich Auswahl an Verpflegung, Zeitschriften und sogar diverse Haushaltsgegenstände. Karina beschloss, einige Energieriegel zu kaufen. Proviant war wichtig. Vor allem haltbarer.
An der Kasse schob sie an die zwanzig Riegel über den Ladentisch. Die junge Frau hinter dem Tisch wirkte müde und etwas unwirsch. Sie gönnte ihrer Kundin nur einen kurzen Blick, bevor sie sich der Kasse widmete. Karina war das nur recht.
Nachdem sie bezahlt hatte und sich umdrehte, erstarrte sie.
Gerade hatten zwei Männer den Ladenraum betreten und ihr Geruch ließ alle Warnglocken in Karinas Innerem aufschrillen.
Die beiden lachten anscheinend über einen Witz und kamen näher. Dann erstarb das Lachen und sie starrten Karina an.
Grüne Augen, registrierte diese und versuchte vergeblich, die Angst niederzuhalten, die sich in ihr breitmachte. Und in den flackernden Augen las sie, dass das nicht unbemerkt blieb.
Sie wirkten harmlos. Beide mittelgroß, der eine etwas breiter und kleiner als der andere. Beide blond, der Kleinere mit Schnurrbart. Gekleidet waren sie in Jeans und T-Shirt. Der breitere Mann wirkte etwas älter und grobschlächtiger, während die Gesichtszüge des Jüngeren weich und freundlich waren. Jetzt blickten die Männer eher verblüfft und verwirrt auf sie.
Karina wusste nicht, wem sie gegenüberstand. Aber dass es keine Menschen waren, konnte sie riechen. Ganz unbekannt war ihr der Geruch jedoch nicht. Erinnerungen stiegen in ihr hoch. Erinnerungen an ihre Käfigzeit. Einige ihrer Mitgefangenen hatten diese Duftkomponenten verströmt, als sie sich wandelten. Die Wesen, die dabei entstanden, hatten erschreckend viel Ähnlichkeit mit Wölfen gehabt. Nur dass sie weitaus größer und ihre Pfoten mit gefährlichen, sehr beweglichen Krallen ausgestattet waren. Killer auf vier Beinen hatte ihr Gefangenenwärter ihr einmal zugeflüstert, während er sie folterte. Und genauso hatten diese Untiere auch ausgesehen.
Sie bezwang ihre Angst und ging auf die Männer zu. Die Energieriegel hielt sie fest umklammert.
Wenn das tatsächlich Killermonster waren, hatten sie sicherlich auch kein Interesse, hier in aller Öffentlichkeit ihre Masken fallen zu lassen. So hoffte sie jedenfalls inständig.
Mit unbewegter Miene drängte sie sich an den Männern vorbei und verließ den Shop. Tatsächlich wichen die zwei hastig aus und starrten ihr lediglich hinterher.
Karina verlor keine Zeit und joggte los. Währenddessen stopfte sie die Riegel in ihren Rucksack und schwang ihn sich auf den Rücken. Also gut, dann hieß es jetzt wohl erst einmal einige Meilen zu Fuß zurückzulegen. Vielleicht fand sie ja unterwegs eine andere Mitfahrgelegenheit.
Auf diesem Rastplatz konnte sie keinesfalls bleiben.
Jenson Porter starrte der Frau mit leicht geöffnetem Mund hinterher, bis sein Freund ihm kurz den Ellbogen in die Rippen stieß.
„Geht‘s noch auffälliger?“, zischte es in seinem Ohr. Marshall Bishop schubste ihn zur Theke. „Lass uns schnell bezahlen.“
Keine Minute später standen sie wieder draußen und sahen sich um. Von der Frau war nichts mehr zu sehen.
„Mist“, murmelte Bishop. „Wo ist sie hin?“
Jenson zuckte ratlos mit den Schultern. „Keine Ahnung. Dem Geruch nach in diese Richtung.“ Er zeigte nach Westen. „Verrat mir mal lieber wer, oder besser was sie war? Sowas habe ich noch nie gerochen.“
„Ein bisschen nach Wolf“, knurrte sein Freund. „Aber nicht nach Rudel.“
„Sie ist kein Wolf.“ Jenson schüttelte den Kopf. „Hast du ihre Augen gesehen? Für einen kurzen Moment waren sie gelb.“
„Quatsch!“
„Ehrlich. Außerdem hatte sie einen sehr merkwürdigen Geruch an sich. Irgendwie nach ...“
„Nach was Verbranntem?“, schlug Marshall vor.
„Möglich. Aber ein Mensch war die nicht.“
„Sie hatte Angst“, knurrte Marshall und rieb sich nachdenklich das Kinn. „Also hat sie erkannt, dass wir auch nicht normale Menschen sind. Wer außer Wölfen kann sowas riechen? Hexen doch nicht, oder? Und wie ein Blutsauger wirkte sie auch nicht. Diese Biester kennen angeblich keine Angst.“
„Bleibt nur Wandler“, überlegte Jenson. „Dazu passen auch gelbe Augen. Aber soweit ich weiß, gibt es keine weiblichen Wandler. Echt seltsam.“
Er wechselte einen ratlosen Blick mit seinem Freund. „Was sollen wir machen?“
Marshall steuerte auf ihren Wagen zu, der noch vor der Zapfsäule stand. „Wir fahren weiter. Schließlich wollen wir heute noch im Rudel ankommen.“
„Und was ist mit der Frau? Meinst du nicht, dass wir irgendjemandem Meldung machen sollten?“
„Du kannst es ja Dylan erzählen“, fauchte Marshall und schwang sich hinters Steuer. „Ich für meinen Teil halte mich da lieber raus. Dieses Weib stank geradezu nach Ärger. Und den kann ich gerade nicht gebrauchen.“
Jenson presste die Lippen zusammen. Dylan Mason war zwar ihr Rudelführer, aber Jenson hatte das unbestimmte Gefühl, dass er die falsche Adresse war. Marshall hatte zwar recht, auf Ärger hatte er auch keine Lust. Andererseits konnte es genauso gut sein, dass diese Frau Hilfe brauchte. Entschlossen griff er nach seinem Smartphone.
„Was soll das?“, knurrte Marshall und sah ihn misstrauisch von der Seite an. „Wen rufst du an?“
„Die Ranger“, kam die knappe Antwort.
„Fuck!“
Jenson konnte seinen Freund gut verstehen. Von den Kriegerwölfen der Minnesota-Rangers hielt man sich am besten weit entfernt. Diese Kerle waren riesig, furchteinflößend und aggressiv. Genau die Sorte Wolf, die nötig war, um Ärger aus dem Weg zu räumen und alles Unangenehme von den Rudeln fernzuhalten.
Interessanterweise hatte er vor ein paar Jahren eine junge Frau kennengelernt, die ebenfalls für die Minnesota-Ranger arbeitete. Erst hatte er es nicht glauben wollen, doch ihre Tätowierungen und auch ihre Erzählungen waren eindeutig gewesen. Wie hieß sie noch einmal? Raven! Na egal. Er tippte die Notfallnummer ein, die jedem Wolf in den Vereinigten Staaten von klein auf ins Hirn gebrannt worden war.
Die Frauenstimme, die seinen Anruf entgegennahm, hatte ein angenehmes Timbre. Wolf, erkannte er sofort.
„Minnesota-Rangers, am Apparat Betty Simpson.“
„Ähm, hallo.“ Er räusperte sich. „Ich ... also mein Name ist Jenson Porter. Ich gehöre zum Kansas-Rudel, und mein Freund und ich haben gerade jemanden getroffen.“
„Aha“, kam es trocken zurück. „Und hat dieser jemand auch einen Namen?“
„Keine Ahnung ... äh ... ich meine natürlich, ich weiß nicht, wie sie heißt.“
Hastig erzählte er von der seltsamen Begegnung. Anschließend beschrieb er die Frau so gut es ging.
„Sie hatte Angst“, schob er dann hinterher. „Aber ich glaube, sie wusste nicht, wer beziehungsweise was wir sind.“
„Sehr gut, Jenson Porter.“ Betty Simpson klang inzwischen äußerst sachlich. „Ich habe mir deine Nummer notiert. Es kann sein, dass Rückfragen kommen. Schalte dein Telefon also auf keinen Fall aus. Wo kann man euch finden?“
„Ähm, wir sind auf dem Weg zum Rudel.“
„Ihr wohnt dort?“
„Nur kurze Zeit. Wir renovieren gerade ein paar Gebäude. Marshall ist ein ziemlich guter Handwerker, und ...“
„So viel Information war jetzt nicht nötig“, knurrte es durch den Hörer und Jenson zuckte zusammen. Aus dem sachlichen Tonfall war mit einem Mal ein sehr ungenießbarer geworden.
„Sorry“, stieß er hastig hervor. Vor seinem inneren Auge entstand das Bild einer riesigen zähnefletschenden Wölfin. „Äh ... bist du eine Kriegerin?“, entglitt es ihm. Marshall warf ihm einen fassungslosen Blick von der Seite zu und Jenson hätte sich am liebsten selbst auf die Zunge gebissen.
„Allerdings“, knurrte es zurück. „Und jetzt wirst du deinen kleinen Schwanz zurechtrücken, auflegen und dich für einen Rückruf bereithalten!“
„Geht klar!“
Jenson legte auf und stieß langsam die Luft aus.
„Du bist echt ein Knaller“, kicherte Marshall mit einem Mal los. „Hast du da eine Kriegerin angemacht? Mann, ich dachte, du hängst an deinen Eiern.“
„Dachte ich auch“, murmelte Jenson. „Erzähl das bloß nicht Susan.“
„Ach, ich weiß nicht“, grinste Marshall. „Vielleicht ist das ja inspirierend für sie und sie schnappt sich ein paar Gewichte für mehr Muskelmasse.“
„Du bist echt ein Arsch“, schnappte Jenson zurück. Nach kurzem Nachdenken fand er die Idee allerdings gar nicht mehr so abwegig. Susan hatte nach den beiden Schwangerschaften deutlich zugelegt. Er mochte zwar ihre Rundungen, doch ein paar mehr Muskeln konnten seiner Frau durchaus nicht schaden. Es war nur bedauerlich, dass er vermutlich nie erfahren würde, wie Betty Simpson aussah. Ob sie so attraktiv war, wie ihre Stimme anfangs geklungen hatte. Andererseits, er hing tatsächlich an seinen Eiern. Und von Kriegerwölfen hielt man ja bekanntlich besser Abstand. Egal ob männlich oder weiblich.
Keine Freunde
Missouri
Ungeduldig starrte Erdil auf das Flugfeld und versuchte, seine schlechte Laune in den Griff zu bekommen.
Die Anweisungen von Asher Hunter waren eindeutig gewesen: Holt die Wölfe vom Flugfeld ab und setzt sie auf die Spur!
So weit so gut. Doch offenbar kam die versprochene Unterstützung von weit her, denn sie hockten jetzt schon über zwei Stunden in der ungemütlichen Baracke und versuchten, sich gegenseitig nicht auf den Geist zu gehen.
Leo wirkte ebenso schlecht gelaunt, was das Ganze nicht erträglicher machte. Sie hatten Karina Wells Geruch bis außerhalb von Morton verfolgen können. Dort war sie offenbar in einen Bus gestiegen und die Wandler blieben chancenlos zurück. Manchmal verfluchte Erdil die Tatsache, dass sein Geruchssinn zwar besser war als der von Menschen, dem der Wölfe aber deutlich unterlegen.
Die Aussicht, die kommenden Tage mit zwei Fellträgern verbringen zu müssen, war alles andere als motivierend.
Wölfe und Wandler konnten sich sprichwörtlich nicht riechen. So war es schon immer gewesen und von Erdils Seite aus konnte das auch so bleiben. Sie hatten nur eine Sache gemeinsam: Beide Arten waren potenziell aggressiv. Wandler sogar aggressiver noch als Wölfe. Ansonsten gab es nur Unterschiede. Wandler waren Einzelgänger, Wölfe Rudelwesen. Wandler waren, wenn sie sich überhaupt eine Partnerin nahmen, monogam. Wölfe neigten eher zu Polygamie. Entsprechend mehr Nachwuchs zeugten sie, weshalb es auch deutlich mehr Wölfe als Wandler gab. Ein Punkt, der Erdil besonders ärgerte.
Wölfe machten sich keine Sorgen über Fortpflanzung. Zwar wurden nicht all ihre Kinder zu Wölfen, doch auch nicht gewandelte Familienmitglieder blieben im Rudel und genossen dessen Schutz.
Wandler fanden nur selten eine Partnerin, da ihre aggressive und cholerische Art nur schwer zu ertragen war. Und dieser Unbeherrschtheit fielen auch so manche Kinder zum Opfer. Dass die meisten Knaben die Wandlung nicht überstanden, war umso schwerer zu akzeptieren.
Erdil hatte sich bisher bewusst gegen eine Familie entschieden. In den letzten dreihundert Jahren hatte er zu oft mit angesehen, wie Artgenossen unter dem Verlust geliebter Menschen gelitten hatten.
Als Sophia Hunters Gene aktiviert wurden, hatte vermutlich nicht nur er kurz überlegt, ob sie eine passende Partnerin sein könnte. Doch Erdil sah in der jungen Frau eher eine Ersatztochter, denn eine Lebenspartnerin. Er hatte sie aufwachsen sehen und mochte sie. Mehr aber auch nicht. Dass Medon bei der Kleinen zum Zug gekommen war, hatte ihn trotzdem zunächst geärgert. Doch Sophia schien glücklich zu sein und das war vermutlich alles, was zählte.
Er sah wieder aufs Flugfeld und richtete sich unwillkürlich auf. Ein Hubschrauber näherte sich und setzte kurz darauf zur Landung an.
Erdil beobachtete aus zusammengekniffenen Augen, wie zwei breitgebaute Männer heraussprangen. Das Outfit kam ihm irgendwie bekannt vor. Schwarzes Leder von oben bis unten.
Der blonde Hüne beugte sich noch einmal in das Innere der Maschine und Erdil erhaschte einen kurzen Blick auf rotschimmernde Locken und schlanke Arme, die sich um den breiten Kriegernacken legten. Dann zog der Mann sich wieder zurück und stapfte zusammen mit dem anderen auf das Fluggebäude zu.
Nach wenigen Metern wusste Erdil, wer sich da näherte, und murmelte eine leise Verwünschung.
Henry Graves und Mort Byers.
Das hätte er sich eigentlich denken können. Vor ungefähr zwei Jahren hatten sie sich in Italien kennengelernt. Zu der Zeit war Erdil noch Leibwächter für Sophia und Nathalie Bates gewesen. Die Wölfe nutzten damals Sophias Wandlerfähigkeiten, um an Informationen über einige kriminelle Wilderer zu kommen. Es war Sophias erster Job gewesen und sie hatte ihn mit Bravour gemeistert. Was sicher auch Erdils Verdienst war. Immerhin hatte er sie mit ausgebildet.
Die beiden Ankömmlinge betraten das Gebäude und kurz darauf standen sich Wandler und Wölfe gegenüber.
Sie beäugten sich mit dem üblichen Misstrauen, dann grinste Henry Graves Erdil an.
„Lange nicht gesehen. Wie geht es der kleinen Sophia?“
„Bestens“, knurrte Erdil. Das Interesse des Wolfes an Hunters Tochter gefiel ihm nicht.
Henry Graves lachte leise. „Nur nicht zu viel geplaudert.“
Dann nickte er auch Leo zu. Dieser kannte die beiden Wölfe besser, so viel wusste Erdil. Immerhin hatten sie zusammen mehrere Tage auf Hunters Landsitz verbracht, wo dieser zum ersten Mal auf Nathalie Bates getroffen war. Freunde waren sie natürlich nicht geworden. Man akzeptierte sich, mehr nicht. Doch das war schon eine ganze Menge.
Erdil riss sich zusammen. Diese Gedanken waren verschwendete Zeit. Sie mussten Karina Wells aufspüren.
In kurzen Sätzen erläuterte er die Situation.
Die Wölfe hörten konzentriert zu. Dann brummte Henry zustimmend. „Okay, wir fangen da an, wo ihr aufgehört habt.“
Sie fuhren bis zu besagter Bushaltestelle und Erdil war mehr als froh, dass er einen großen SUV gemietet hatte. Die beiden Kriegerwölfe füllten die komplette Rückbank aus.
Erdil fühlte sich äußerst unwohl auf dem Beifahrersitz. Zwei Kriegerwölfe hinter sich zu wissen, zerrte erheblich an seinem Nervenkostüm. Und Leo schien es nicht anders zu gehen. Er steuerte den SUV mit verkniffenem Gesicht und sah alle paar Sekunden in den Rückspiegel.
Irgendwann stieß Graves ein genervtes Schnauben aus.
„Wandler, wir haben nicht vor, euch von hinten zu meucheln. Könntet ihr einen Gang runterschalten? Mein Partner wird schon ganz unruhig.“
„Na, das beruhigt ja außerordentlich“, knurrte Erdil zurück, versuchte aber, seinen Herzschlag zu verlangsamen. Der Wolf hatte natürlich recht, doch Instinkte waren nun mal schwer abzulegen.
Endlich erreichten sie ihr Ziel und die Wölfe verließen den Wagen kurz, um die Witterung aufzunehmen. Dann stiegen sie wieder ein.
„Wir halten an jedem Bus Stopp“, wies Henry Leo an. „Das dauert jeweils nur ein paar Sekunden.“
Leo nickte und gab Gas. Sie benötigten etwa eine Stunde, dann war klar, dass Karina Wells ausgestiegen war und den Bus gewechselt hatte.
Erdil wurde immer unruhiger. Zwar war es bemerkenswert, dass die Wolfsnasen so etwas überhaupt erkennen konnten, doch es kostete sie viel zu viel Zeit. Karina Wells konnte inzwischen wer weiß wo gelandet sein.
Henrys Telefon zerriss mit seinem Klingeln die Stille.
Der Wolf lauschte ein paar Sekunden und stieß dann ein zufriedenes Brummen aus.
„Interstate 70, Kansas“, meinte er dann. „Da ist sie gerade gesehen worden. Gib Gas, Wandler. Im Moment scheint sie zu Fuß unterwegs zu sein. Das schenkt uns ein wenig Zeit.“
Erdil atmete erleichtert aus. Kansas war zwar noch weit entfernt, doch zumindest kannten sie jetzt die Richtung.
„Sie ist besser geworden“, kam es nach einiger Zeit von Mort Byers. „Zielgerichteter.“
Henry brummte nur, aber Erdil sah sich kurz nach dem Riesen um. Mort Byers war wohl der größte Wolf, der je geboren worden war, und Erdil wusste, dass dieser Krieger eine besondere Gabe in sich trug. Er konnte Magie riechen.
„Hast du Hexenmagie bemerkt?“, fragte er.
Mort schüttelte den Kopf. „Nein. Nur Wandler und Wolf.“
So weit war Erdil auch schon gewesen, aber er war trotzdem erleichtert. Gegen Magie anzutreten, war noch eine ganz andere Nummer als gegen Körperkraft.
„Sie ist wirklich außergewöhnlich stark und schnell“, meinte er schließlich. „Und in ihrer Wohnung waren einige Trainingsgeräte. Sie hat sich fit gehalten. Aber sie ist keine Kämpferin.“
„Du sagtest, sie hatte Angst.“ Das kam von Henry.
Erdil nickte. „Ja. Das war eindeutig zu riechen. Doch ich vermute, es war nicht ihre erste Auseinandersetzung. Sie wusste genau, wohin sie zielen musste.“
„Und sie hat nicht durchgezogen“, behauptete Leo.
„Bist du dir sicher?“ Erdil war skeptisch.
„Verdammt sicher! Es ging zwar alles sehr schnell, aber sowohl bei mir als auch bei dir hat sie den Tritt abgebremst. Sonst wären wir nicht so schnell wieder aufgestanden.“
„Na super“, murmelte Erdil. Aber wenn er sich den ganzen Vorgang noch einmal vor Augen führte, musste er Leo recht geben.
„Also zumindest scheint sie keine Killerin zu sein“, grinste Henry. „Das hört sich doch schon mal gut an. Vielleicht streichelt sie euch beim nächsten Mal.“
Erdil versuchte, den Spott zu überhören. Eine Schlägerei im Inneren eines SUVs war vermutlich keine gute Idee. Dass es irgendwann zu einer kommen würde, davon konnte man wohl ausgehen. Dieser Henry schien es geradezu herauszufordern.
Vier Stunden später fuhren sie auf den Rastplatz, an dem Karina Wells zum letzten Mal gesichtet worden war. Die Wölfe stiegen sofort aus und hoben die Köpfe. Dann joggten sie unisono los.
Erdil seufzte ergeben. Es war wohl zu viel verlangt, Erklärungen zu erwarten.
„Bleib an ihnen dran“, wies er Leo an und beobachtete wie die Ranger immer schneller wurden und dann ins Gelände abbogen.
„Mist“, fluchte Leo. „Soll ich ...“
„Nein, bleib auf der Straße und behalte die grobe Richtung bei. Die werden sich schon melden, wenn sich was ändert.“
Бесплатный фрагмент закончился.
