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Alrun von Berneck
Marinas reicher Onkel
Roman
Saga
Marinas reicher Onkel
German
© 1957 Alrun von Berneck
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711507483
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
I.
„Haben Sie auch schon den Schriftsatz in der Mappe, den ich Ihnen in der Ehescheidungssache des Grafen Retberg diktiert habe, Fräulein Hilde?“ fragte der Anwalt, als er die Unterschriftenmappe von seiner Sekretärin entgegennahm.
„Nein, Herr Doktor, den habe ich noch in der Maschine! Im Manuskript war noch eine Unklarheit, ich wollte Sie lieber erst fragen.“
„Schön, dann holen Sie Ihr Manuskript herein! Sie wissen, der Schriftsatz muß heute noch hinaus, unser Mandant wartet drauf!“
Die Sekretärin nickte zur Bestätigung, sie hatte verstanden. Dann ging sie in ihr Büro zurück. Doktor von Notteck blieb für eine Weile allein. Er überflog die Briefe in der Unterschriftenmappe, und dann setzte er seinen Namen darunter. Das ging ihm sehr flott von der Hand, denn er brauchte die Briefe und Schriftsätze nicht mehr durchzulesen, weil er sich auf seine Sekretärin verlassen konnte. Und Notariatssachen, bei denen es auf eine gewissenhafte Ueberprüfung ankam, waren heute nicht dabei.
Er hatte die Mappe kaum zugeschlagen, als Fräulein Herberg wieder hereinkam. Er schob ihr die Mappe mit der Post zu, dann lehnte er sich in den Sessel zurück und wartete auf die Frage. Die Sekretärin begann auch ohne Umschweife, aus dem Stenogramm vorzulesen. Als sie geendet hatte, fragte er:
„Und was ist Ihnen unklar, Fräulein Hilde?“
„Nur der Satz, den ich Ihnen vorgelesen habe, Herr Doktor! Soll es wirklich heißen, Graf Retberg beantrage die Scheidung von seiner Frau wegen seelischer Grausamkeit?“
„Ganz recht, das ist auch einer der Scheidungsgründe! Bei dieser Person können wir nicht robust genug auftreten. Die bringt es sonst glatt fertig, ihren Mann abermals einzuwickeln!“
„Aber doch jetzt nicht mehr, Herr Doktor, wo Sie den Grafen vertreten!“ wandte Fräulein Hilde ein.
„Ihre gute Meinung in Ehren“, lachte Dr. von Notteck, „aber gerade in Scheidungssachen hat es schon die tollsten Dinge gegeben! Ich habe schon einmal erlebt, daß eine Ehefrau ihrem gerade von ihr geschiedenen Mann um den Hals fiel.“
„Das ist doch kaum zu verstehen, Herr Doktor!“ sagte Fräulein Hilde, die sich bei ihrem Chef ein Wort erlauben durfte, denn er schätzte die Meinung dieser unkomplizierten und unverbildeten jungen Dame.
„Die weibliche Psyche ist voller Geheimnisse, Fräulein Hilde“, erwiderte er mit einem wissenden Lächeln. „Die Frau hatte die Scheidung gar nicht ernst gemeint, sie wollte nur, daß Richter und Anwalt ihrem Mann einmal gründlich die Meinung sagten. Als sie dann sah, daß er ernst wurde und sie schon geschieden war, kamen ihr die Tränen.“
„Und was gab es dann?“
„Der Richter beschrieb dem gerade geschiedenen Paar den nächsten Weg zum Standesamt! Etwas anderes konnte er nicht mehr tun, sein Urteil hatte er bereits gesprochen.“
Die Sekretärin lächelte ob dieser Erklärung, nahm die Mappe vom Schreibtisch und wollte sich zurückziehen, als der Anwalt sie noch einmal zurückhielt.
„Einen Moment, Fräulein Hilde! Schauen Sie doch mal nach, ob meine Schwester in der Wohnung ist. Sagen Sie ihr, ich möchte sie sprechen!“
Jetzt erst ging Fräulein Herberg wieder hinaus. Dr. von Notteck blätterte ein wenig geistesabwesend in bunten Prospekten, die vor ihm auf dem Tisch lagen. Wahrscheinlich dachte er schon an das, was er seiner Schwester sagen wollte.
Doktor Igor Freiherr von Notteck, Sproß einer baltischen Adelsfamilie, groß und wuchtig von Gestalt, aber die Gutmütigkeit in Person, hatte sich gleich nach dem Staatsexamen in Wildungen als Rechtsanwalt niedergelassen. Trotz seiner jungen Jahre — er hatte gerade seinen dreißigsten Geburtstag hinter sich gebracht — erfreute er sich einer ständig wachsenden Beliebtheit und war vor allem in Adelskreisen bereits ein gesuchter Anwalt. Seine Klientel wuchs von Monat zu Monat, und so brauchte er sich in beruflicher Hinsicht keinerlei Zukunftssorgen zu machen. Ihm, dem Junggesellen, führte seine um sechs Jahre jüngere Schwester den Haushalt, und da er von Baronesse Kora aufs beste betreut wurde, hatte er noch nicht den Drang verspürt, eine eigene Familie zu gründen, wenn er auch, wie zum Beispiel gerade jetzt, oft mit einem Gedanken spielte, den er vor seiner Schwester bisher sorgfältig geheimgehalten hatte.
Als sich jetzt die Tür öffnete und Baronesse Kora des Privatkontor betrat, fühlte er sich ertappt und wurde rot wie ein Schuljunge. Kora musterte den Bruder eingehend, als sie nähertrat und sich in ihrer ganzen Größe vor ihm aufbaute. Auch sie war groß, aber dabei schlank und wohlproportioniert, und ihr Gesicht mit der geraden, doch etwas zu kurz geratenen Nase und den stahlgrauen Augen mußte hübsch genannt werden.
„Du wolltest mich sprechen, Igor?“
„Das hatte ich vor“, sagte er und war um einen forschen Ton bemüht. „Bitte, setz dich einen Augenblick!“
„Nanu, so feierlich? Das hat doch etwas zu bedeuten!“
Sie lächelte ironisch, um ihm zu zeigen, daß sie ihn durchschaut hatte. Sie glaubte immer, ihm gegenüber um ihre Position kämpfen zu müssen, obwohl er noch nie den Versuch gemacht hatte, sie zu bevormunden. Seiner selbstsicheren Männlichkeit gegenüber fühlte sie sich stets ein bißchen zurückgesetzt. Zu Unrecht allerdings, doch das hatte sie noch nicht erkannt. Und so herrschte zwischen ihnen, trotz des aus geschwisterlicher Liebe erwachsenen Vertrauens, immer ein latenter Spannungszustand, der niemals Gleichgültigkeit oder Langeweile aufkommen ließ.
„Ich wollte dich bitten, dir einmal diese Prospekte durchzusehen!“ sagte er möglichst gleichgültig und schob ihr die Papiere zu, in denen er bei ihrem Eintritt gedankenlos geblättert hatte.
Sie griff zu und warf einen Blick darauf.
„Das sind ja Prospekte von Autofirmen!“ Erstaunen und Ueberraschung lagen in ihrem Blick, den sie ihm blitzschnell zuwarf, um ihm seine Gedanken vom Gesicht abzulesen. Sie glaubte, wenigstens ihrem Bruder gegenüber diese Fähigkeit zu besitzen.
„Ganz recht!“ sagte der Baron leichthin. „Schau sie dir mal genau an! Ich möchte deine Meinung darüber hören.“
Aber die Schwester dachte nicht daran, sich die schönen Wagen anzuschauen, die in eleganter Linienführung und in bestechenden Farben auf den Reklamebildern prangten. Kora wollte zunächst einmal die Lage klären, der Wunsch ihres Bruders mußte schließlich einen Grund haben.
„Ich weiß ja noch nicht, unter welchen Gesichtspunkten ich mir die Wagen anschauen soll“, meinte sie mit einem kleinen Vorwurf in der Stimme, weil er sie noch nicht aufgeklärt hatte. „Willst du etwa einen neuen Wagen anschaffen?“
„Und wenn es so wäre?“
Nun war die Baronesse ehrlich verblüfft.
„Aber wir haben doch einen Wagen, Igor! Zugegeben, er ist nicht das neueste Modell, und gut im Lack ist er auch nicht mehr, aber er tut es doch noch eine ganze Weile!“
„Man behält einen Wagen aber nicht, bis er auseinanderfällt!“ widersprach er lebhaft. „Jetzt kann ich ihn noch günstig in Zahlung geben. Das wird mir in einem Jahr nicht mehr möglich sein.“
Sie betrachtete ihn skeptisch. Warum ereiferte er sich nur so? Bisher hatte ihm der Wagen noch genügt. Doch da fuhr er schon fort:
„Du mußt auch an eins denken, Kora: in meinem Beruf ist der Wagen, den ich fahre, meine Visitenkarte! Ich kann es mir einfach als Anwalt nicht leisten, einen so alten Schlitten zu fahren!“
„Komisch“, meinte sie zögernd, „du hast jetzt plötzlich Repräsentationspflichten?“
„Warum soll ich mir nicht das gleiche Argument zu eigen machen, das heute jeder kleine Bürgermeister für sich beansprucht, wenn er glaubt, die Steuergelder müßten sinnvoller angewandt werden?“
Seine Worte waren für Kora aber nur eine Ausflucht. Resolut fragte sie:
„Das ist doch nicht der einzige Grund, Igor? Du hast doch diese Repräsentation gar nicht nötig. Bei deiner Praxis!“
„Gerade wegen meiner Praxis!“ widersprach er lebhaft. „Wie oft ist es schon vorgekommen, daß ich einen Klienten mitnehmen mußte zum Landgericht oder zu einem Ortstermin. Ich habe mich immer geschämt, wenn ich dann mit meiner alten Mühle vorfuhr!“
„Ach!“ sagte sie und suchte seinen Blick. Als ihr das gelungen war, vertiefte sich das Lächeln in ihren Mundwinkeln. Ihr war plötzlich ein Gedanke gekommen, der ihr gar nicht so abwegig erschien. „Du genierst dich also, wenn du mal jemand mitnehmen mußt?“
„Na klar! Und darum habe ich mich entschlossen, den alten Wagen so schnell wie möglich abzustoßen. Ich bin mir nur nicht klar darüber, welchen ich jetzt nehme. Vielleicht bist du so freundlich, mir deine Meinung zu sagen. Schließlich willst du den Wagen ja auch hin und wieder fahren. Da ist es nicht mehr als recht und billig, daß auch deine Wünsche berücksichtigt werden.“
Sie wußte sofort, daß er ihren Argwohn erkannt hatte, sonst würde er nicht ins Dozieren geraten sein. Er wollte vermutlich nur darüber hinwegsprechen und sie ablenken.
Obwohl sie sein Eifer belustigte, zwang sie sich zu einer ernsten Miene. Dann fuhr sie sich mit der Hand ans Kinn, als ob ihr diese Geste das Nachdenken erleichtern könnte. Schließlich sagte sie:
„Ganz kann ich mich deinen Argumenten natürlich nicht verschließen, Igor. Es ist wirklich schon ein alter Schlitten. Und wenn du einmal jemand mitnehmen mußt ...!“
„Nicht wahr, das siehst du also ein?“
„Bestimmt! Und wenn du meinst, wir könnten es uns leisten, einen neuen Wagen anzuschaffen, ich will die letzte sein, die dir ein Hindernis in den Weg legt!“
„Bravo, ich habe es doch gewußt! Mein Schwesterchen hat Verständnis für alles!“ erwiderte er erfreut und mit einem Seufzer der Erleichterung.
„Ja, für alles!“ sagte die Baronesse, und in ihren Augen lag ein unergründliches Lächeln, das ihm sogleich wieder zu denken gab. Um sie diesmal abzulenken, deutete er nochmals auf die Prospekte. Und nun zögerte sie nicht länger und blätterte in den bunten Bildern.
Nach einer Weile trat er hinter sie und sah ihr über die Schulter. Kora hatte bereits zwei Prospekte an die Seite gelegt, sie zeigten die Wagen, die ihr besonders gut gefielen. Es waren ein Kabriolett und ein geschlossener Wagen.
„Was meinst du, Igor, sollte es dieser sein?“ sie zeigte auf das Kabriolett. „Einen geschlossenen Wagen haben wir nun lange genug gefahren.“
„Ich habe auch schon daran gedacht! Die Maschine ist ausgezeichnet!“
„An die Maschine dachte ich weniger“, warf Kora sofort ein. „Das sind männliche Ueberlegungen. Aber ich denke, in einem Kabriolett kommt ein junges Mädchen besser zur Geltung!“
Igor warf ihr einen prüfenden Blick zu. Aber sie ließ sich nichts anmerken, und vorsichtigerweise verzichtete er auch darauf, ihre Gedanken ergründen zu wollen.
Noch am Abend des gleichen Tages beschlossen sie, den neuen Wagen zu bestellen.
Dann aber gingen noch einige Wochen ins Land, denn das von ihnen ausgesuche Kabriolett sollte ja kein beliebiges sein, sondern Baronesse Kora hatte darauf bestanden, daß es burgunderrot lackiert und mit schwarzem Lederpolster versehen sein mußte. Wenn sie schon von ihrem Bruder aufgefordert worden war, nach ihrem Geschmack zu wählen, dann war es wohl auch recht und billig, wenn sie sich den Wagen so wünschte, wie sie ihn sich immer erträumt hatte.
Eines Tages um die Mittagsstunde erhielt Dr. von Notteck den Anruf des Autohändlers, der ihm mitteilte, daß der Wagen angekomemn sei. Diese Mitteilung versetzte den sonst so kühlen Anwalt in besondere Erregung, und er benahm sich nicht anders als ein Schuljunge, dem ein Wunsch überraschend in Erfüllung gegangen ist. Zunächst rief er seine Sekretärin zu sich.
„Fräulein Hilde, welche Sachen stehen für heute nachmittag noch auf dem Terminkalender?“
Sie nannte ihm zwei Besprechungen, die für diesen Tag angesetzt worden waren.
„Dann rufen sie die beiden Klienten an und vereinbaren Sie mit ihnen einen neuen Termin! Meinetwegen bestellen Sie sie für morgen früh.“
„Aber die Sache Kulenberg ist besonders wichtig, Herr Doktor!“ wagte Fräulein Herberg einzuwenden.
„Bis morgen läßt sie sich verschieben, Fräulein Hilde! Das werde ich schon verantworten. Ich muß heute nachmittag fort und bin auch erst am Abend wieder zurück. Sagen Sie Herrn Kulenberg, daß ich plötzlich abgerufen worden sei.“
„Gut, Herr Doktor! Und was soll ich heute nachmittag erledigen, wenn Sie nicht da sind?“
„Meinetwegen arbeiten Sie alte Akten auf oder heften Sie die Post ab“, erwiderte ihr Chef ungeduldig. „Sie sind doch schon über zwei Jahre bei mir, Fräulein Hilde, und müßten eigentlich selbst wissen, was wichtig ist!“
Fräulein Herberg sah ihn verdutzt an. War das nun ein Anpfiff oder war der Chef nur so nervös? Sie zuckte mit den Schultern und ging hinaus. Im stillen freute sie sich schon auf den geruhsamen Nachmittag, denn sie würde ganz allein im Büro sein, weil das Lehrmädchen Schule hatte.
Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, als sich Dr. von Notteck hastig erhob und hinausging, um seine Schwester aufzusuchen. Er fand sie in ihrem Boudior.
„Nanu, Igor, wo brennt es denn?“ fragte sie überrascht, denn er pflegte sonst die Privaträume während der Vormittagsstunden kaum zu betreten.
„Ich wollte nur nachsehen, ob du zu Hause bist“, erwiderte er in möglichst gleichgültigem Ton.
„Aber das weißt du doch, Igor!“ sagte sie lächelnd. „Schließlich willst du etwas zu Mittag essen, und das muß ich wohl um diese Zeit vorbereiten.“
„Ich will dich auch nicht darin stören, Kora.“ Er sagte es lächelnd, denn nun hatte er sich wieder völlig in der Gewalt. „Ich wollte nur wissen, ob du heute nachmittag etwas vorhast.“
„Nein, das habe ich nicht! Wieso?“
„Dann könntest du mich auf einer Fahrt begleiten.“
„Ach! Und wohin soll es gehen?“
„Damit werde ich dich überraschen“, sagte er geheimnisvoll. „Du kannst dir ja nach Tisch etwas Nettes anziehen!“
Kora schüttelte verwundert den Kopf. Bevor sie aber eine Frage an ihn richten konnte, war er schon wieder hinaus. Warum tat er nur so geheimnisvoll? So kannte sie den Bruder ja gar nicht. Und das lustigste war, daß er sie aufgefordert hatte, sich nett anzuziehen. So etwas hatte er noch nie gesagt. Sie hatte ihn sogar im Verdacht, daß er es überhaupt nicht merkte, wenn sie sich über Tag einmal umzog. Auf Äußerlichkeiten hatte er noch nie gesehen, denn er stand auf dem sehr vernünftigen Standpunkt, daß alle menschlichen Eitelkeiten nur vom Übel seien. Man müsse zwar auf sich halten, aber diese Selbstverständlichkeit war ihm dank seiner guten Erziehung in Fleisch und Blut übergegangen, was jedoch darüber war, lehnte er ab und nannte es eine Schwäche des Charakters.
Warum also seine plötzliche Bemerkung? Sie rätselte vergebens darüber nach. Bis sie es aufgab und sich entschloß, sich überraschen zu lassen.
Bei Tisch war er nervös, aber sie fühlte sehr genau, daß diese Unruhe keinem gehabten Ärger entsprang, sondern eher eine freudige, mühsam unterdrückte Erregung war. Und doch kam sie nicht darauf, was deren Ursache war.
So zog sie sich also ihr bestes Frühjahrskostüm an und stieg mit ihm die Treppe hinunter. Draußen stand ihr unscheinbarer Wagen abfahrbereit. Der Anwalt öffnete den Schlag und ließ seine Schwester einsteigen. Erst als beide Platz genommen hatten, konnte sie ihre Neugierde nicht mehr unterdrücken.
„Nun bin ich doch gespannt, wohin du mich fahren wirst“, sagte sie. „Hoffentlich über Land, denn jetzt, wo die Bäume blühen, ist es herrlich draußen!“
„Das habe ich mir auch gedacht“, meinte er, und nach einer kleinen Weile fuhr er fort: „Ob Marina wohl zu Hause ist?“
„Aber Igor!“ antwortete Kora und sah ihn freudig überrascht an. Marina war ihre beste Freundin, und sie hatte immer schon im stillen darauf gehofft, daß sich zwischen den beiden etwas anspinnen würde. Bisher hatte sie vergebens darauf gewartet. Wenn aber Igor jetzt nach ihr fragte, dann hatte das sicher etwas zu bedeuten. Doch er sagte kühl und gelassen:
„Na ja, warum sollen wir sie nicht mitnehmen, sie hat doch kaum Abwechslung, wenn sie immer in ihrer stillen Klause sitzt.“
„Ich finde es nett, daß du daran gedacht hast, Igor!“ lobte sie ihn. „Marina wird bestimmt gern mitfahren. Also holen wir sie ab!“
Er nickte und fuhr schneller. Da fiel ihr auf, daß er eine ganz andere Richtung einschlug.
„Aber wohin fährst du denn?“ fragte sie ein wenig ungehalten.
„Wir sind schon da!“ meinte er lachend und bog auf den Hof einer Tankstelle ein. „Bitte, auch du mußt hier aussteigen!“
Kopfschüttelnd kam sie dieser Aufforderung nach, und kaum hatte sie ihre Füße auf die Erde gesetzt, fiel ihr ein Wagen ins Auge, der direkt vor ihr stand. Begeistert deutete sie mit der Hand auf das Fahrzeug.
„Ist der schön!“
„Nicht wahr?“ meinte Igor lakonisch. „Darum sollst du ihn auch sogleich ausprobieren!“
Da blieb der Baronesse vor Staunen der Mund halb offen stehen.
„Ist das etwa unser Wagen?“ fragte sie verblüfft.
„Natürlich! Also bitte, steig ein!“ Er deutete mit der Hand auf das Kabriolett, und Baronesse Kora ging voller Ehrfurcht um das Fahrzeug herum und betrachtete es zunächst einmal von allen Seiten. Inzwischen sprach ihr Bruder mit dem Autovertreter, um die Papiere zu übernehmen. Als er sich endlich seiner Schwester wieder zuwandte, wurde sein alter Wagen bereits von einem Monteur in die Werkstatt gefahren.
Kora kauerte sich vorsichtig in die äußerste Ecke, als fürchte sie, der neue Wagen könnte unter der Benutzung seinen Glanz verlieren. Die Besitzergreifung ging ganz langsam und in sehr vielen Etappen vonstatten. Es war nicht so einfach, sich mit all dem Schönen und Neuen vertraut zu machen und sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß dies alles nun ihr Eigentum war.
Inzwischen hatte Igor vor dem Hause der Freundin gestoppt. Ohne ein Wort zu sagen, lief Kora die Treppe hinauf und klingelte Sturm. Marina kam selbst an die Tür.
„Du, Kora? Was ist denn los? Es ist doch nichts passiert?“
„Doch, es ist etwas passiert!“ jubelte Kora. „Schau nur aus dem Fenster!“
Marina tat ihr den Gefallen, schob die Gardine zurück und schaute auf die Straße hinunter.
„Aber das ist doch Igor!“ sagte sie.
„Und sonst fällt dir nichts auf?“
Marina mußte erst einen Augenblick nachdenken, dann sah sie noch einmal durch die Gardine.
„Das ist ja ein anderer Wagen“, sagte sie dann.
„Ja, wir haben ihn gerade abgeholt. Und darum komme ich auch zu dir. Wir wollen eine Probefahrt machen!“
„Und ich soll mit?“ fragte Marina, und ein unterdrückter Jubel klang in ihrer Stimme mit.
„Genau das! Igor wartet auf uns, also zieh dich schleunigst um!“
Marina sagte gar nichts mehr, aber schon hatte sie den Kittel losgebunden und abgestreift. Und während sie zum Kleiderschrank lief, erklärte sie der Freundin, daß sie eigentlich gar keine Zeit habe, denn ein eiliger Auftrag nehme sie stark in Anspruch. Marina von Uhde, die Generalstochter, war eine Pensionsfreundin Koras, sie hatte unter den jungen Mädchen im Pensionat, als sie das Porzellanmalen erlernten, ein besonderes Talent entwickelt und nach dem Tod des Vaters einen Beruf daraus gemacht. Zwar bekam sie von ihrem Onkel, den man wegen seines großen Reichtums allgemein den Kali-Baron nannte, ein Taschengeld, aber der Gedanke, von der Gnade eines Verwandten abhängig zu sein, war ihr so unsympathisch, daß sie sich lieber beruflich betätigte. Im letzten halben Jahr hatten sich die ersten Erfolge ihrer Arbeit eingestellt.
In weniger als fünf Minuten war sie fertig, und dann folgte sie Kora auf die Straße hinaus.
Völlig unbefangen reichte sie Igor die Hand.
„Nun, Mädchen, wie gefällt er dir?“ fragte er burschikos. „Bist du ebenso zufrieden wie Kora?“
„Wenn du mich hin und wieder mit diesem Fahrzeug spazieren fährst, bin ich sogar sehr zufrieden“, antwortete Marina unbefangen und stieg ein. Kora wollte ihr zuvorkommen und hinten einsteigen, doch da saß die Freundin schon, und ihr gutgemeintes Attentat fiel ins Wasser. Sie hegte in Bezug auf ihre Freundin ganz eindeutige Wünsche, und darum war sie auch so erfreut über Igors Vorschlag gewesen, die Freundin abzuholen und mit ihr spazieren zu fahren. Igor schien ihren Wünschen also entgegenzukommen. Nur bei Marina war sie nicht sicher. Manchmal schien es so, als ob der Bruder und die Freundin ein Herz und eine Seele wären, und dann erlebte sie wieder die herbe Enttäuschung, daß sich die beiden durchaus nicht wie Liebesleute, sondern wie gute Kameraden benahmen. Ob man die Entwicklung der Zukunft überließ? Oder sollte man sie nach Kräften fördern? Kora war sich selbst nicht klar darüber, was sie machen sollte. Und weil sie es nicht wußte, deshalb war sie unzufrieden mit sich selbst.
Heute allerdings war von dieser Unzufriedenheit nichts zu verspüren, denn heute nahmen sie der neue Wagen und die schöne Fahrt in den Frühling völlig gefangen.
„Würden die Damen wohl geruhen, mir ein Fahrtziel anzugeben?“ fragte Igor, als sie Wildungen bereits verlassen hatten.
„Mir ist alles egal!“ sagte Kora.
„Und wie ist es mit dir, Marina?“ fragte er abermals. „Als unser Gast hast du das Recht, unser Ziel zu bestimmen!“
„Wenn ich schon so frei sein darf“, erwiderte sie arglos und so selbstverständlich, als sei dies ihr gutes Recht, „dann möchte ich dich bitten, zur Edertalsperre zu fahren!“
„Und nach Schloß Waldeck!“ ergänzte Kora sogleich.
„Wir sind schon auf dem Wege!“ sagte Igor und deutete auf die Landstraße hinaus, die sie unter den Reifen hatten.
Zunächst gab sich Marina ganz dem Genuß des Fahrens hin. Sie lehnte sich in die Polster zurück und bot ihr Gesicht dem Fahrtwind dar. Igor betrachtete sie im Rückspiegel, und wenn Kora das Aufleuchten in seinen Augen gesehen hätte, würde sie darüber Genugtuung empfunden haben. Aber sie sah es nicht, denn auch sie schaute verträumt in die Weite.
Plötzlich lief ihnen in großen Sätzen eine Katze über den Weg. Um sie nicht zu überfahren, trat Igor heftig die Bremse. Die Reifen schrien auf ob der ungewohnten Behandlung, der Wagen schleuderte ein klein wenig, dann rollte er weiter und Igor gab erneut Gas. Marina war nach vorn geschleudert worden, Igor schaute sich besorgt nach ihr um. Als er sah, daß nichts passiert war, meinte er lachend:
„Die Bremsen sind ganz vorzüglich!“
„Gut, daß es keine schwarze Katze war!“ sagte Marina.
„Du bist abergläubisch?“ fragte er und wandte sich halb zu ihr um. „Das habe ich ja noch gar nicht gewußt!“
„Durchaus nicht!“ verteidigte sich Marina sofort. „Aber trotzdem wäre es nicht schön gewesen, wenn uns gleich bei der ersten Ausfahrt eine schwarze Katze über den Weg gelaufen wäre!“
Igor hielt den Wagen an und drehte sich vollends herum. Was Marina da geäußert hatte, ging seiner männlichen Logik wider den Strich, und da er als Jurist die Manie hatte, alle Dinge klarzustellen, sagte er mißbilligend:
„Das war eine typisch weibliche Antwort, Marina! Du behauptest, nicht abergläubisch zu sein, und lieferst im selben Atemzug den Beweis dafür, daß du es doch bist!“
„Das ist eben Frauenlogik!“ fiel ihm Kora ins Wort. „Davon verstehst du nichts!“
„Und ich dachte immer, ich verstünde mich mit Marina sehr gut!“ erwiderte er und ließ die Freundin seiner Schwester nicht aus den Augen. Diese aber dachte nicht daran, hinter seinen Worten nach einem verborgenen Sinn zu suchen.
„Wir verstehen uns auch prächtig!“ gab Marina sofort zu, ohne mit der Wimper zu zucken. „Das heißt, nur dann, wenn ich nicht sein juristisches Gewissen beleidige“, fügte sie lachend hinzu.
Bald erreichten sie Schloß Waldeck hoch über dem Edersee. Igor fuhr den Wagen auf den Parkplatz, und während er noch damit beschäftigt war, die Türen abzuschließen, liefen die beiden Freundinnen schon bis an die Schloßmauer, von wo sie einen herrlichen Rundblick über die Talsperre und die umliegenden Berge hatten.
Um noch besser sehen zu können, kletterte Marina sogar auf die Mauerkrone hinauf und sah schwindelfrei hinunter in die Tiefe. In diesem Augenblick kam auch Igor herbei.
Er sah sie dort oben turnen und bekam einen gewaltigen Schreck. Das Herz schlug ihm im Halse, dann griff er, ohne sie anzusprechen oder zu warnen, einfach zu und hielt sie eisern mit beiden Händen fest.
Komm sofort herunter, Marina!“ befahl er unnachgiebig. „Oder bist du etwa lebensmüde?“
Sie stutzte und ließ sich in seine Arme gleiten, sanft sprang sie zur Erde, und erst jetzt, als sie dicht vor ihm stand, fragte sie:
„Was heißt lebensmüde? Du glaubst doch nicht etwa, daß das gefährlich war? Ich bin absolut schwindelfrei!“
„Und ob das gefährlich war!“ sagte er und nickte sehr ernst mit dem Kopf. „Ein einziger Fehltritt und es ist um dich geschehen!“
„Du hast wohl Angst um mich gehabt, nicht wahr?“ Der Blick, den sie ihm bei diesen Worten zuwarf, war ein wenig kokett. Sie war schon eine richtige Eva und nutzte die Situation, wo immer es anging. Der Tonfall ihrer Worte sollte darüber hinwegtäuschen, daß diese Frage ernst gemeint war, aber Kora, die dicht neben ihnen stand, kannte sie besser und wußte sehr wohl, daß eine bange Erwartung dahintersteckte.
„Muß man denn nicht Angst haben, wenn jemand so leichtsinnig ist?“ fragte er zurück und wich ihr aus. Ein wenig einsilbig geworden durch den kleinen Zwischenfall gingen sie ins Restaurant und suchten sich einen Platz. Weder Igor noch Marina war mit sich selbst zufrieden, und Kora merkte es und war ebenfalls ein wenig bedrückt.
Doch die dunkle Wolke ging schnell vorüber. Sie alle drei waren jung und lebensfroh, und dazu war draußen ein herrlicher Frühlingstag, die Obstbäume standen in voller Blüte, und in den Büschen ringsum jubilierten die Vögel.
Marina warf Igor einen beobachtenden Blick zu und wollte wahrscheinlich ergründen, ob er sich tatsächlich ihretwegen Sorgen gemacht hatte. Sie hätte zu gern gewußt, ob er nur Angst gehabt hatte, weil ausgerechnet sie auf der Mauer gestanden, oder ob ihn dieses Gefühl auch bei einer beliebigen anderen Person gepackt hätte. Aber sein Gesicht blieb undurchsichtig, das verbindliche Lächeln auf seinen Zügen war für jeden Beobachter eine Halt gebietende Mauer.
„Und jetzt bestellen wir Kuchen und Schokolade!“ sagte Igor, nachdem er die Karte studiert hatte. „Oder hat eine der Damen einen anderen Wunsch?“
„Ich nur ganz wenig Kuchen!“ sagte Marina. „Ich muß an meine Linie denken!“
„Ausgerechnet du!“ widersprach Igor, und es kam ihm gar nicht zum Bewußtsein, daß dies eigentlich eine Unhöflichkeit war. „Du solltest dich lieber freuen, daß du nicht dünn wie ein Hering geraten bist!“
„O lala!“ warf Kora ein, ohne gekränkt zu sein. „Das ging bestimmt auf mich! Aber das bin ich ja bei meiner brüderlichen Liebe gewohnt! Sobald man einen Mann in der engsten Verwandtschaft hat, verkümmert der Kavalier in ihm!“
„Bitte, Kora!“ erwiderte er gemessen. „Du kannst dich nicht über deine Figur beklagen! Wer so gewachsen ist wie du, sollte seinem Herrgott dankbar sein!“
„Das würde ich, wenn ich etwas naiver wäre, als Kompliment auffassen“, setzte Kora das Geplänkel fort. „Du mußt aber doch zugeben, daß dir Frauen wie Marina lieber sind als die von meinem Schlag!“
Igor wurde rot bei dieser Anspielung, faßte sich aber sehr schnell wieder und parierte:
„Das muß nicht unbedingt an der Figur liegen, Schwesterchen!“
Wenn er ‚Schwesterchen‘ zu ihr sagte, mochte sie ihren Bruder nicht sehr gut leiden, denn dann bekam er etwas Überhebliches und Ironisches, das er sich allenfalls in seinem Beruf leisten konnte, wenn er vor Gericht einen Gegner abfertigte, aber nicht im Privatleben. Sie war ihm schon oft bitterböse gewesen wegen seiner Haltung. Jetzt allerdings wurde ihre Kontroverse durch den Kellner unterbrochen, der gekommen war, um ihre Bestellung entgegenzunehmen.
Igor gab die Bestellung auf, auch trotz der warnenden Blicke Marinas.
„Einmal darfst du schon sündigen, Marina!“ beruhigte er sie. „Wir feiern doch heute die Jungfernfahrt unseres neuen Wagens, und dieser Anlaß rechtfertigt die einmalige Ausnahme!“
Nach dem Essen bestellte er für jeden ein Glas Wermut.
„Falls das werte Innenleben unsere Völlerei als Zumutung empfunden haben sollte!“ erklärte er lachend.
Neckend und plaudernd unterhielten sie sich noch eine ganze Weile. Als sie zum Wagen zurückgingen, stand die Sonne schon schräg am Himmel. Aber es war warm wie an einem Sommerabend, so daß kein Anlaß bestand, das Verdeck zu schließen. Als sie jedoch zum Wagen kamen, wartete eine unangenehme Überraschung auf sie. Der rechte Hinterreifen war platt.
Igor sah es zuerst und biß sich ärgerlich auf die Lippen.
„Schockschwerenot!“ rief er ärgerlich. „Da bin ich mit meinem alten Schlitten fast vierzigtausend Kilometer ohne eine einzige Reifenpanne gefahren, und hier muß mir das gleich bei der ersten Ausfahrt passieren!“
Die beiden Mädchen traten an seine Seite und betrachteten den Schaden.
„Ich habe es doch gewußt!“ sagte Marina. „Das war bestimmt die Katze!“
Verdutzt schaute Igor sie an. Dann lachte er plötzlich laut auf.
„Ich glaube eher, das war ein Nagel! Sollen wir wetten, daß ich Recht habe?“
„Was willst du tun, Igor?“ fragte Kora.
„So schnell wie möglich den Reifen wechseln!“ erwiderte er und öffnete die Wagentür, um die Werkzeuge zu holen.
Die beiden Mädchen sahen zu, wie er den Wagenheber ansetzte und das Ersatzrad abschraubte. Um auch das Rad mit dem defekten Reifen abschrauben zu können, mußte er zuvor die Radkappe lösen. Diese aber saß verteufelt fest. Da nahm er den Schraubenzieher zu Hilfe, um ihn in die Risse zu drücken.
Doch auch das hatte seine Schwierigkeiten. Plötzlich rutschte er ab, und der Schraubenzieher verletzte ihn an der linken Hand. Sie begann sofort heftig zu bluten.
„Um Gottes willen, Igor, hör auf!“ rief Marina entsetzt, als sie merkte, daß er abermals den Schraubenzieher ansetzte.
„Aber Mädchen, das ist doch halb so schlimm! Diese kleine Schramme!“ wehrte er ab.
Doch da kam er bei ihr an die falsche Adresse. Heftig entgegnete sie:
„Nein, das wird sofort ausgewaschen! Sonst bekommst du bestimmt Blutvergiftung!“
Und ehe er sich’s versah, hatte sie ihre Handtasche geöffnet und ein Taschentuch herausgerissen. Dann holte sie ein Fläschchen mit Kölnisch Wasser hervor und feuchtete das Taschentuch an.
„So, jetzt gib mir deine Hand, Igor!“ kommandierte sie, und gehorsam kam er ihren Befehl nach. Schmerzhaft verzog er das Gesicht, als sie ihm die Wunde auswusch, denn das nicht für solche Zwecke gedachte Wasser brannte recht scharf.
„Tut gut!“ sagte er, um seine Standhaftigkeit zu beweisen.
„Das macht nichts“, erwiderte sie leichthin, ohne sich stören zu lassen. Dann wiederholte sie den Prozeß, bis ihrer Meinung nach die Wunde sauber war. Er biß die Zähne zusammen und sah trotz allem liebevoll auf ihren Scheitel herab. Es war doch prächtig, wie sie sich um ihn bemühte. Kora wäre das vermutlich gar nicht in den Sinn gekommen.
Als er das dachte, warf er einen Blick auf seine Schwester. Sie sah aufmerksam zu und erwiderte seinen Blick. Er hatte das Gefühl, als ob sie Marina und ihn mit ganz besonderer Neugier beobachtete. Da nahm er sich zusammen und setzte eine betont neutrale Miene auf.
Marina warf das beschmutzte Taschentuch fort. Doch schon hatte sie ein zweites hervorgezaubert, das sie ohne zu überlegen in Streifen riß.
„Was machst du denn jetzt noch?“ fragte er. Es war ihm peinlich, daß wegen dieser Kleinigkeit solche Umstände gemacht wurden und er dazu auch noch stillhalten mußte.
„Nur einen kleinen Verband“, erklärte sie ihm. „Damit stillen wir das Blut, und Schmutz kommt dann auch nicht mehr in die Wunde!“
Als sie fertig war, beugte er sich über ihre Hand.
„Vielen Dank, kleine Samariterin!“ sagte er leise. Um aber seine Rührung nicht offenkundig werden zu lassen, fügte er schnell hinzu: „Du solltest dich wirklich um eine Stelle im Roten Kreuz bewerben! Deine leichte Hand wäre eine Wohltat für die leidende Menschheit!“
„Ich werde es mir überlegen!“ gab sie ihm zur Antwort. Seine burschikose Art hatte ihr schnell über die Verlegenheit, die über sie gekommen war, hinweggeholfen.
Igor wandte sich wieder seiner Arbeit zu, und jetzt klappte der Reifenwechsel wie am Schnürchen. Zehn Minuten später saßen sie schon wieder im Wagen. Diesmal hatte sich Kora zuerst hineingesetzt und der Freundin damit den Platz neben ihrem Bruder eingeräumt. Marina sah sie erstaunt an, als auch sie einsteigen wollte.
„Entschuldige bitte“, entgegnete Kora, die den Blick sehr wohl verstanden hatte. „Das ewige Hinausstarren auf die Straße macht mich ganz nervös. Hier hinten läßt es sich so gut träumen.“
Diese Erklärung mußten die beiden anderen wohl hinnehmen. Sie freuten sich über diese Lösung, aber weder Igor noch Marina kam der Verdacht, daß Kora mit ihrer Platzwahl etwas Besonderes bezweckt haben könnte.
Es wurde kaum etwas gesprochen auf der Rückfahrt durch den sinkenden Abend. Jeder hing seinen Gedanken nach, und die beiden jungen Menschen auf den Vordersitzen fürchteten insgeheim, daß der Nebenmann sein Herzklopfen hören könnte. Es war ihnen sehr eigen zumute, aber keiner hätte zu sagen vermocht, ob das an dem lauen Lenzabend lag oder an der berauschenden Fahrt in dem starken Wagen, dessen Motor beruhigend sein kraftvolles Lied sang.
Oder sollte etwa ein Funke übergesprungen sein von Mensch zu Mensch und einen Kontakt geschlossen haben zwischen den beiden Herzen, die plötzlich in eine beklemmende und doch so beglückende Unruhe versetzt worden waren?
II.
Sie hatten Marina nach Hause gebracht und gingen die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf. Der neue Wagen stand schon wieder in der Garage, und draußen war es bereits dunkel geworden. Als Igor das Licht anknipsen wollte, machte er das so ungeschickt, daß er mit dem Verband am Schalter hängenblieb.
Erst wollte er ärgerlich werden, doch dann lächelte er und sagte zu Kora:
„An soviel Fürsorge muß man sich erst gewöhnen! Wäre es nach mir gegangen, hätte ich mir höchstens ein Heftpflaster auf die Hand geklebt.“
„Und hättest wahrscheinlich morgen die schönste Blutvergiftung“, fuhr Kora fort. „Du solltest froh sein, daß Marina so schnell bei der Hand war.“
„Zwei Taschentücher hat sie mir auch geopfert“, sagte er und schloß die Etagentür auf. „Die muß ich ihr natürlich ersetzen.“
„Selbstverständlich!“ meinte Kora. „Und wenn du sie ihr bringst, nimmst du auch einen Blumenstrauß mit!“
„Ich bin meinem Vormund zu unendlichem Dank verpflichtet!“ erwiderte er voller Ironie und machte vor Kora eine linkische Verbeugung. „Wie kommt es eigentlich, daß du dich so sehr bemühst, sobald es sich um Marina handelt?“
Kora wurde verlegen und wußte nicht sogleich zu antworten. Sie konnte doch in diesem Augenblick nicht mit der Tür ins Haus fallen.
„Na ja“, sagte sie leichthin, „bei euch Männern muß man immer achtgeben, daß ihr nichts anstellt oder etwas Wichtiges versäumt.“
Er verzichtete darauf, ihr eine Antwort zu geben, denn dann hätte er zu diesem Thema vielleicht mehr gesagt, als ihm wünschenswert erschien. Oben angekommen, ging er sofort in sein Privatkontor, um nachzuschauen, ob etwas Wichtiges eingegangen war. Kora aber begab sich zu ihrem Hausmädchen in die Küche, denn es war an der Zeit, das Abendbrot vorzubereiten.
Während sie in der Küche beschäftigt war, ging ihr aber das mit Igor geführte kurze Gespräch nicht aus dem Kopf, und sie beschloß, sich irgendwie Gewißheit darüber zu verschaffen, wie Igor denn nun eigentlich zu ihrer Freundin stand. Gerade weil er ein Mann war, mußte er doch längst Stellung bezogen haben, sie verkehrten nun schon im dritten Jahr mit Marina, und seit ihrem letzten Geburtstag duzten sich Igor und Marina sogar, was Kora nicht ohne Hintergedanken so arrangiert hatte.
Als sie später bei Tisch saßen, hatte sie sich, wie sie glaubte, genügend auf das vorbereitet, was sie den Bruder fragen wollte. Dennoch schien es ihr nicht angebracht zu sein, direkt auf das Ziel loszusteuern. Kleine Umwege gehörten nun mal zur Diplomatie der Frau, und so sagte sie in möglichst gleichgültigem Ton:
„Marina hast du mit deiner Einladung eine sehr große Freude gemacht. Das arme Kind hockt den ganzen Tag auf ihrem Malschemel und hat ein bißchen Abwechslung wirklich verdient.“
„So, hat sie dir gesagt, daß es ihr gefallen hat?“ fragte Igor und war ganz Aufmerksamkeit und kaum verhohlene Neugierde.
„Das brauchte sie nicht zu sagen, das sah man ihr doch an. Sie lebte doch richtig auf, als sie mit uns im Wagen saß!“
„Den Eindruck hatte ich auch. Ob wir sie wohl öfter einmal mitnehmen? Ich meine, wird ihr das recht sein?“
„Da fragst du noch, Igor? Sag mal, lebst du eigentlich hinter dem Mond, weil du gar nicht merkst, was mit den Menschen um dich herum los ist?“
„Das sagst du mir? Dem Rechtsanwalt?“ fragte er und schaute sie maßlos erstaunt an. Er ließ sogar Messer und Gabel sinken, setzte die Ellenbogen auf den Tisch und verschränkte die Hände ineinander.
Sie belächelte sein Erstaunen und mehr noch seine Unmöglichkeit, ihre Worte zu verstehen. Sein Gesicht schien schon fast beleidigt, weil es jemand wagte, seine Menschenkenntnis und die dazu gehörende Beobachtungsgabe in Zweifel zu ziehen.
„Ja, mein Lieber, darüber brauchst du dich gar nicht zu wundern!“ erwiderte Kora ungerührt. „Deine Klienten vermagst du sehr richtig und sicher einzuschätzen, weil da nur dein Berufsinteresse im Spiel ist, aber wenn es um die Personen geht, die dir nahestehen, versagt leider dein juristischer Instinkt.“
„Das mußt du mir beweisen, Kora!“ antwortete er heftig, in seinen heiligsten Bezirken angegriffen und verletzt. An seiner Urteilsfähigkeit zweifeln hieß doch wohl, an den Grundlagen seiner Existenz rütteln.
„Nehmen wir das Beispiel Marina, es bietet sich ja geradezu an, wo du sie nun doch schon einmal erwähnt hast!“ sagte Kora geschickt, obwohl nicht er, sondern sie es gewesen war, die Marina zuerst erwähnt hatte. Aber das merkte er überhaupt nicht.
„Wieso ist Marina ein Beispiel für meinen Mangel an Menschenkenntnis?“ fragte er, setzte seine ironische Miene auf, welche seine Überlegenheit demonstrieren sollte und setzte sein Besteck wieder in Tätigkeit.
„Du bemerkst nicht einmal ihre primitivsten Seelenregungen, wie deine Frage mir vorhin bewiesen hat. Und dabei steht sie uns doch recht nahe. Oder ist sie dir etwa vollkommen gleichgültig?“
„Aber durchaus nicht!“ widersprach er lebhaft. „Ich weiß gar nicht, wie du darauf kommst. Wir sind doch nun schon seit Jahren gute Freunde, und es ist doch lächerlich von dir, zu behaupten, ich kennte mich mit Marina nicht aus.“
„Es hat fast den Anschein, jedenfalls bemühst du dich immer, diesen Anschein zu erwecken. Da soll nun einer dahinterkommen, daß diese Gleichgültigkeit nur gespielt ist!“
Sie beobachtete ihn bei ihren Worten scharf, und sie war eine gute Beobachterin. Vielleicht lag es aber auch daran, daß sie den Bruder in vielen Dingen besser kannte, als er sich selbst, jedenfalls bemerkte sie zu ihrer Genugtuung, daß die Maske des aufmerksamen aber kritiklosen Zuhörers, die er seines Berufs wegen fast ständig zur Schau trug, mit einem Ruck von ihm abfiel. Und was zum Vorschein kam, war die echte Leidenschaftlichkeit seines Temperaments, der er jetzt die Zügel schießen ließ.
„Wie kannst du nur von Gleichgültigkeit sprechen, Kora! Und das ausgerechnet bei Marina! Aber ich kann mich ihr doch unmöglich aufdrängen und ihr meine Verehrung möglichst geräuschvoll zu Füßenlegen. Du kennst sie doch auch und mußt wissen, daß sie das eher abschrecken als anziehen würde. Und was heißt überhaupt Gleichgültigkeit, wenn man mit einem Menschen befreundet ist? Das gibt es doch überhaupt nicht!“
„Ich weiß gar nicht, warum du dich so aufregst, Igor!“ sagte Kora lächelnd. „Jedenfalls hast du mir gerade sehr deutlich bewiesen, daß du uns Frauen völlig verkennst. Du meinst, wenn du mit Marina befreundet bist, müßtest du auch deine männlichen Maßstäbe anlegen. Das ist falsch, mein Lieber, grundfalsch!“
„Was willst du damit sagen, Kora?“ Abermals unterbrach er seine Beschäftigung. Das Gesprächsthema erregte ihn anscheinend so sehr, daß er darüber sogar das Essen vergaß.
„Nun, eine Frau sieht es gern, wenn sie verehrt wird, und sie ist nicht einmal böse darüber, wenn auch andere Leute das merken. Du glaubst doch nicht im Ernst, daß du Marina abschrecken würdest, wenn du ihr etwas deutlicher zeigtest, wie es um dich steht!“
Wieder warf sie dem Bruder einen lauernden Blick zu. Was sie ihm da gesagt hatte, war sehr deutlich. Sie hatte ihm zu verstehen gegeben, daß sie ganz genau wußte, daß sich sein Gefühl für Marina nicht auf kameradschaftliche Zuneigung beschränkte.
„Und selbst wenn sie nicht zurückschrecken würde, so weißt du doch ganz genau, daß ich nur ganz behutsam vorgehen kann. Denk doch an das, was sie alles hat durchmachen müssen!“
„Du möchtest ihr also zu verstehen geben, daß du ihr nicht nur ein guter Freund bist? Ich meine, du fühlst mehr für sie, als man gemeinhin für einen Freund empfindet? Sag, Igor, liebst du Marina?“
Nun war sie ausgesprochen, die heikle Frage, die ihr schon seit Monaten auf der Zunge brannte. Bisher hatte sie sie stets scheu umgangen, aber weil sie absolut keinen Fortschritt bemerkte in dem Verhältnis der beiden, mußte sie sich Klarheit über die wahren Gefühle ihres Bruders verschaffen. Anders wäre es ihr ja nicht möglich, ihm die Wege zu ebnen und vielleicht seine Fürsprecherin bei der Freundin zu sein.
„Ob ich sie liebe?“ Sein Gesicht nahm einen verklärten Ausdruck an. Er wich ihrem Blick aber aus und schaute zum Fenster hinaus, wo die Kastanien in voller Blüte standen. Fast andächtig sagte er: „Sie ist eine wundervolle Frau!“
Kora kämpfte mit ihrer Rührung, als sie diese Worte aus seinem Munde hörte. Ihr Empfinden hatte sie also nicht getäuscht, Igor liebte ihre Freundin, liebte sie mit der behutsamen Zartheit, mit der man eine schöne Blüte oder eine kostbare Vase liebt.
„Und du hast nie daran gedacht, ihr deine Liebe zu gestehen?“
Da sah er sie voll an und entgegnete fest:
„Nein, Kora! Dazu ist es noch zu früh! Erst will ich ihrer sicher sein! Unser Gefühl soll uns zueinander führen, wenn es soweit ist! Aber eine solche Entscheidung kann ich doch nicht mit Worten herbeiführen!“
Kora sah gedankenvoll vor sich hin und wiegte den Kopf hin und her. Schließlich sagte sie, ihn von unten herauf anschauend:
„Ich weiß nicht, Igor, welch seltsame Vorstellung du dir von uns Frauen machst. Aber richtig ist sie auf keinen Fall! Wir wollen doch nicht unter einen Glassturz gestellt und angebetet werden! Wir sind doch keine Heiligenbilder, sondern Menschen von Fleisch und Blut mit einem Herzen in der Brust!“
Igor schaute sie an und lächelte, ein wenig skeptisch, ein wenig überlegen.
„Das mag alles stimmen, im großen und ganzen gesehen. Aber bei Marina ist das etwas anderes. Verlaß dich darauf, Kora, hier irre ich mich nicht!“
„Und warum soll ausgerechnet Marina unter allen Frauen die große Ausnahme sein?“
„Du mußt ihre Lage verstehen, Kora! Denk an die große Enttäuschung, die sie durchgemacht hat! Solche Frauen wollen nicht im Sturm genommen werden. Sie würden zurückschrecken vor jedem Ungestüm und sich nun erst recht abkapseln.“
Kora seufzte und hob die Augenbrauen. So sehr sie sich auch bemühte, den Standpunkt des Bruders zu verstehen, recht konnte sie ihm doch nicht geben.
„Das hat alles nichts zu bedeuten, sobald der Richtige vor ihr steht! Dann zerstieben alle Bedenken wie Spreu im Sturm, und die Erinnerung an böse Stunden verlischt wie der Morgentau im Strahlenglanz der Sonne!“
„Möglich, daß es so sein kann“, räumte er ein. „Aber wer sagt mir, daß ich für Marina der Richtige bin? Darüber müßte ich erst Gewißheit haben!“
„Sagt dir das denn nicht dein Gefühl?“ fragte Kora.
Igor zuckte mit den Schultern. Fast ein wenig resigniert sagte er:
„Ich habe das Gefühl, wir reden im Kreise herum, Kora! Wollen wir nicht lieber noch ein Weilchen warten und zusehen, was uns die nächste Zeit bringt?“
Sie nickte ihm lächelnd zu. Dann erhob sie sich und stellte die Schüsseln zusammen. Als sie in seine Nähe kam, fuhr sie ihm mit der Hand durchs Haar.
„Es wird schon werden!“ sagte sie tröstend. „Auf jeden Fall werden wir Marina in den nächsten Wochen recht häufig abholen und mit ihr ausfahren!“
Kora wußte nun genau, wie es um ihren Bruder stand. Aber in Gedanken beschäftigte sie sich noch ohne Unterlaß mit dem Problem, wie den beiden zu helfen wäre. Sie hatte einen wachen Verstand mitbekommen und ging gern den Dingen auf den Grund. Sie tat nichts lieber, als mit ihrem Bruder über juristische Fragen zu diskutieren und Meinung und Gegenmeinung gegeneinander abzuwägen. Und so versuchte sie jetzt, dem Standpunkt ihres Bruders Verständnis abzugewinnen. Aber sie mußte es bald aufgeben, Igor blieb ihr ein großes Rätsel.
Oder war es etwa eine Selbstverständlichkeit, daß er in allen Lebensfragen eine betont männliche Haltung einnahm, aber ausgerechnet Marina gegenüber eine Scheu an den Tag legte, die schon beinahe mädchenhaft war. In ihrem ersten Aerger darüber, daß er ihr diese Nuß zu knacken aufgegeben, nannte sie sein Benehmen sogar ausgesprochen unmännlich. Erst als sie tiefer in dieses Problem eingedrungen war, wurde sie sachlicher und versuchte, ihn zu verstehen. Aber trotzdem war sie weit davon entfernt, sein Verhalten etwa gutzuheißen.
Und darum beschloß sie, dieses heikle Thema zur Sprache zu bringen, sobald sie wieder einmal mit Marina zusammentraf. Sie dachte zwar nicht daran, etwa als Anwältin ihres Bruders oder gar als dessen Brautwerberin aufzutreten, aber es konnte nicht schaden, wenn sie wenigstens den Boden sondierte und tastend ihre Fühler ausstreckte.
Es war seltsam: Die drei jungen Menschen waren fast jede Woche einmal beisammen und verstanden sich so prächtig, aber ausgerechnet das Nächstliegende berührten sie mit keinem Wort und keiner Geste. Das Problem einer doch immerhin möglichen Liebe zwischen Marina und dem Bruder ihrer Freundin war zwischen ihnen tabu. Sie berührten es einfach nicht. Ob aus Angst oder aus Vorsicht oder auch nur aus Zartgefühl, wer vermöchte das zu sagen?
Aber sie schafften es damit nicht aus der Welt, wie sich sehr bald erweisen sollte. Doch bevor es von einer gänzlich überraschenden Seite aufgerollt wurde, blieb es Kora vorbehalten, ihrerseits einen Vorstoß zu machen, von dem sie sich wenigstens den Erfolg versprach, über Marinas Gefühle Klarheit zu gewinnen.
Was sich Kora in den Kopf gesetzt hatte, das führte sie auch aus. Und wenn sie ein Problem ausfüllte, und mit Uebermaß beschäftigte, so suchte sie möglichst schnell mit ihm fertig zu werden. Schon am Tage nach ihrer ersten Ausfahrt mit dem neuen Wagen fand sie einen Vorwand, Marina in ihrer Wohnung aufzusuchen.
Aber sie wußte, daß sie bei Marina noch vorsichtiger vorgehen mußte als bei ihrem Bruder Igor. Denn die Freundin hatte Schweres hinter sich und in der Liebe eine Enttäuschung erlebt, die sie vielleicht niemals im Leben ganz verwinden würde. Es sei denn, es käme jemand, der ihr ein strahlendes Glück zu schenk ken vermöchte, das imstande war, alle Schatten der Vergangenheit auszulöschen.
Bei Igor war es nur die Achtung vor dem vielleicht vorhandenen Herzensgeheimnis des anderen gewesen, das ihr so lange zu schweigen gebot, bei Marina aber kam noch etwas hinzu, das ihr bisher den Mund verschloß. Was ihr den Mut gab, überhaupt zwischen diesen beiden Menschen Schicksal zu spielen, war ihre feste Ueberzeugung, daß sich die beiden liebten, ohne es eigentlich zu wissen, und daß sie miteinander sehr glücklich werden würden. Denn sie waren direkt füreinander geschaffen, das war Koras feste und unumstößliche Ueberzeugung.
Marina war überrascht, als sie Kora vor sich sah, als sie ihrer Besucherin auf ihr Klingeln die Tür öffnete.
„Nett von dir, daß du mich besuchst!“ begrüßte sie die Freundin und streckte ihr herzlich die Hand hin. „Komm herein, ich habe mir gerade eine gute Tasse Kaffee gemacht!“
„Dann komme ich selbstverständlich gern!“ sagte Kora und trat ein. Marina besaß ein großes Zimmer mit guten, alten Möbeln, das ihr als Wohnzimmer diente. Hier empfing sie ihre Kundschaft, hier hatte sie aber auch einen Teil ihrer fertigen Sachen ausgestellt. Die Bettcouch fiel in dieser Umgebung gar nicht auf. Nebenan war noch ein Raum, in dem sie arbeitete, dort gab es auch eine Kochnische und sogar ein Bad. Marina hatte es verstanden, aus allem ein wahres Schmuckkästchen zu machen und reine Aesthetik mit echter Behaglichkeit zu vereinen. So hatte sie sich mit selbstverdienten Mitteln ein gemütliches Heim geschaffen, das sich im Kreis ihrer Bekannten eines besonderen Rufes erfreute.
Kora machte es sich in der Sitzecke gemütlich und zündete sich eine Zigarette an, während Marina den Kaffee einschenkte. Sie hatte ein japanisches Service aus hauchdünnem Porzellan ausgesucht, das sie sonst nur bei festlichen Gelegenheiten deckte. Aber sie wußte, wie empfänglich Kora für schöne Sachen war, und darum wollte sie ihr eine Freude machen.
„Ich möchte aber nicht nur bei dir Kaffee trinken“, leitete Kora das Gespräch ein, „ich möchte auch etwas von deinen Schätzen kaufen. Dabei sollst du mich beraten Marina!“
„Was soll es denn sein? Oder sage mir lieber, für wen du es haben willst, dann kann ich dir vielleicht einen Rat geben.“
„Graf Retzlaf hat Geburtstag, und da er zu Igors besten Klienten zählt, sind wir ihm eine kleine Aufmerksamkeit schuldig.“
„Da ist allerdings schwer zu raten, denn im gräflichen Haushalt wird bestimmt alles überreich vorhanden sein“, sagte Marina zögernd.
„Aber handgemaltes Porzellan von dir wird er bestimmt noch nicht haben!“
„Da käme höchstens eine Vase in Frage!“ Und schon sprang Marina auf und holte drei Vasen verschiedener Größe von einem Wandgestell.
Kora wurde die Wahl sehr schwer, denn alle drei waren schön.
„Ich lasse sie dir natürlich zu einem Vorzugspreis!“ ermunterte sie Marina.
„Das schlag dir aus dem Kopf, Marina!“ wehrte Kora heftig ab. „Wenn du so handelst, kommst du doch zu nichts! Und außerdem macht es Igor nichts aus, es geht ja doch aus der Geschäftskasse!“
„Richtig!“ lachte Marina. „Geschenke an Geschäftsfreunde kann man ja von der Steuer absetzen!“ Dann nannte sie der Freundin den Preis, den sie für angebracht hielt.
Kora drehte die Vase herum und sah nach dem Etikett, das unter den Fuß geklebt war. Dort stand ein höherer Preis.
„Aber hier steht doch ...“
„Das gilt nur für ganz reiche Kunden!“ sagte Marina.
„Nun, Igor ist ja auch nicht gerade arm! Also ich zahle, was hier steht, oder ich lasse dir die Vase überhaupt hier.“
Seufzend schickte sich Marina darein. Sofort zog Kora ihre Handtasche und legte das Geld auf den Tisch. Da aber einem Geschäft unter Freundinnen immer eine kleine Peinlichkeit anhaftet, wechselte sie sofort das Thema.
„Für übermorgen mußt du dich übrigens freihalten, Marina! Igor hat einen Termin am Landgericht in Limburg und möchte uns mitnehmen.“
„Schon wieder?“ fragte Marina, aber es war kein Erschrecken, sondern ein freudiges Erstaunen.
„Ich finde, man sollte diese Gelegenheit nutzen, so oft sie sich bietet!“ meinte Kora gelassen. „Wer weiß, wie lange das schöne Wetter noch anhält. Und schließlich fährt Igor ja auch nicht jede Woche nach Limburg.“
„Du hast schon recht, nur ...“
„Nun sage nur nicht, du hättest keine Zeit!“ unterbrach Kora die Freundin sofort, bevor sie einen Einwand vorbringen konnte. „Oder hast du einen Eilauftrag, der zu einem bestimmten Termin erledigt werden muß?“
„Das nicht, aber ich weiß nicht, ob ich das Igor zumuten darf, mich immer mit sich herumzuschleppen.“
Da drückte Kora energisch ihre Zigarette in den Aschenbecher, setzte sich in Positur und sah die Freundin kampflustig an.
„Ich will dir mal etwas sagen, mein liebes Kind! Wenn einer sich über deine Gesellschaft freut, dann ist es Igor! Ich freue mich natürlich auch. Aber meinem Bruder willst du doch nicht mit Gewalt den Spaß verderben? So grausam kannst du doch gar nicht sein!“
Ueber diesen Ausbruch war Marina nun wirklich erschrocken. Verdutzt schaute sie die Freundin an.
„Aber ich will ihn doch nicht kränken“, sagte sie gedehnt.
„Dann ist es ja gut!“ meinte Kora schnell versöhnt. „Das wäre auch nicht nett von dir gewesen. Igor mag dich nämlich recht gern!“
Sie wußte genau, was sie sagte, und sie hatte ihre Worte mit voller Absicht so gewählt. Vielleicht ließ sich Marina auf diese Weise ihr Herzensgeheimnis entlocken — wenn es überhaupt ein solches Geheimnis gab.
„Ich mag ihn auch gern!“ antwortete Marina unbefangen. „Er ist ein ganz prächtiger Kamerad!“
„Ja, das ist er! Man kann sich in jeder Beziehung auf ihn verlassen. Ich bin sehr froh, daß er mein Bruder ist!“
Bei diesen Worten beobachtete sie Marina scharf, aber der Freundin war nichts Außergewöhnliches anzusehen.
„Ihn als Freund zu haben, ist auch ein wunderbares Gefühl“, fuhr Marina fort, sein Loblied zu singen. „In seiner Nähe fühlt man sich so geborgen!“
„Ich glaube, die Frau, die ihn einmal bekommt, hat das große Los gezogen. Ich könnte mir vorstellen, daß er auch als Ehemann ganz ideal sein muß.“
„Dieser Frau kann man bestimmt gratulieren!“ erwiderte Marina mit der gleichen Unbefangenheit, mit der sie bisher das Gespräch geführt hatte. Es kam ihr einfach nicht in den Sinn, Koras Worte in Beziehung zu ihre eigenen Person zu bringen. War sie nun begriffsstutzig oder brachte sie Igor wirklich nicht mehr entgegen als ein kameradschaftliches Gefühl?
Kora war ein wenig verzweifelt, weil sie trotz ihrer sehr deutlichen Anspielung keine befriedigende Antwort erhalten hatte. Sie war jetzt nicht klüger als zuvor. Weiter aber konnte sie unter keinen Umständen gehen, wenn sie Marina nicht kopfscheu machen wollte. Sie kannte den offenen und geraden Sinn der Freundin, und weil sie nicht dumm war, zog sie aus dem Gespräch die einzig mögliche Lehre: Marina war sich über ihre Gefühle offenbar selber nicht im klaren.
Als sie sich später verabschiedet hatte, ging Kora auf einem großen Umweg nach Hause. Die Klarheit, die ihr das Gespräch nicht gegeben hatte, hoffte sie durch Nachdenken und logische Schlußfolgerungen zu bekommen. Aber ihre Gedanken gerieten immer wieder in eine Sackgasse. Mit dem, was sie heute erfahren hatte, konnte sie Igor weder erfreuen noch zufriedenstellen. Gut, daß sie ihm nichts von ihrem Vorhaben gesagt hatte, das nach ihre Meinung so kläglich mißglückt war. Nun würde sie schweigen müssen.
Aber damit durfte ihre Aktivität nicht erschöpft sein, sie mußte versuchen, auf irgendeine Weise ein Zusammensein der beiden zu arrangieren, das sie einander näherbringen sollte. Sie war sicher, daß ihr rechtzeitig etwas einfallen würde.
Als sie ihrem Bruder die bei Marina gekaufte Vase auf den Schreibtisch stellte, sagte sie:
„Ich habe übrigens Marina für übermorgen eingeladen. Es ist dir doch recht?“
„Und sie hat zugesagt?“ fragte er hastig, ohne Koras Frage zu beantworten.
„Natürlich! Es blieb ihr doch gar nichts anderes übrig!“ erwiderte Kora. „Du weißt doch, wenn ich mir vorgenommen habe, jemand zu überreden, gibt es kein Ausweichen mehr!“
„Das weiß ich!“ meinte er und lachte laut auf, denn er kannte die Hartnäckigkeit der Schwester. „Du hättest Marktfrau werden sollen, die wären bestimmt keine Apfelsinen schlecht geworden!“
„Vielen Dank für das Kompliment!“ sagte sie und setzte eine hoheitsvolle Miene auf, als habe sie seine Worte ernst genommen. Doch dann fuhr sie fort: „Das war übrigens das einzige, was ich für dich tun konnte. Alles andere mußt du schon selber in die Hand nehmen!“
„Untersteh dich, dich in meine Angelegenheiten zu mischen!“ drohte Igor. „Du weißt, wie ich darüber denke, und ich möchte nicht, daß da etwas verpatzt wird!“
Kora schürzte die Lippen und sah ihn ironisch an.
„Na, Brüderchen, ob du aber der richtige Mann für so etwas bist — ich wage daran zu zweifeln! Du hast ja Hemmungen wie ein Primaner!“
„Nun aber hinaus!“ rief er und griff nach einem Kissen, das neben ihm auf dem Stuhl lag. Kora wartete den Wurf nicht ab und zog schleunigst die Tür hinter sich zu. Mit sturem Ernst kam man der Sache nicht bei, das hatte sie längst eingesehen. Vielleicht war es gut, Igors Ehrgeiz ein wenig anzustacheln. Beim Manne wirkte das oft Wunder, hatte sie sich sagen lassen, wenn es um den Besitz einer Frau ging.
Am übernächsten Tag holten sie Marina zur Fahrt nach Limburg ab. Diesmal saßen die beiden Mädchen hinten, denn Kora wußte, daß ihr Bruder auf der Fahrt zum Gericht nicht gern gestört sein wollte. Er stellte sich schon unterwegs auf die Verhandlung ein und wäre für Marina gewiß kein guter Gesellschafter gewesen. Die Freundinnen aber unterhielten sich während der Fahrt großartig. Und als Igor dann im Gericht zu tun hatte, schlenderten sie durch die Straßen, betrachteten die Schaufenster und gingen schließlich in die Konditorei Haas am Ende des Marktplatzes, wo sie mit Muße die vielen Vorübergehenden betrachten konnten. Denn es war ihr besonderes Vergnügen, den Menschen bei ihrem Alltagsleben zuzuschauen.
„Das kann sich entweder nur ein Krösus erlauben oder ein Rentner, der sein Leben schon gelebt und seinen Existenzkampf hinter sich gebracht hat“, erklärte Kora lachend, als sie Igor bei seiner Rückkehr wegen dieser Vorliebe zu hänseln versuchte.
Nachdem er sich zu ihnen gesetzt hatte, fragte er Marina:
„Es gefällt dir doch hier in Limburg? Oder bist du nur mitgefahren, weil dich Kora dazu überredet hat?“
„Oh, es gefällt mir großartig!“ antwortete sie begeistert. „Es ist ein wunderbares Gefühl, mitten in der Woche, wenn die anderen arbeiten müssen, einen freien Tag einlegen zu können. Leider muß ich das am Samstag und Sonntag, wenn die anderen spazieren gehen, wieder nachholen.“
„Hast du denn soviel zu tun mit deiner Malerei?“
„Im Augenblick habe ich ein ganzes Service in Arbeit, das zu einem Hochzeitstermin Anfang Juni fertig werden muß.“
„Und ich hatte mich schon der Hoffnung hingegeben, dich in den nächsten Wochen öfter einmal mitnehmen zu können. Jetzt wirst du mir sicher einen Korb geben, nicht wahr?“
„Ich muß ja wohl, wenn ich fertig werden will!“ antwortete sie und schenkte ihn ein reizendes Lächeln. „Aber wenn du zufällig einmal in der nächsten Zeit nach Wetzlar fährst, darfst du mich mitnehmen. Ich will dort nämlich Malerfarben einkaufen, die ich nur dort bekommen kann.“
„Das soll ein Wort sein!“ stimmte er freudig zu. „Kora wird dir rechtzeitig Bescheid geben. Ich glaube, ich kann es schon am nächsten Dienstag einrichten.“
„Stimmt das auch, Igor?“ fragte Marina skeptisch.
„Aber gewiß, daß stimmt! Warum sollte ich dir denn etwas vorschwindeln?“
„Ich habe dich in Verdacht, daß du eigens für mich nach Wetzlar fahren würdest, wenn ich den Wunsch äußerte!“
„Igor ist eben Kavalier!“ warf Kora lachend ein, bevor sich Igor melden konnte.
„Das weiß ich! Und darum scheue ich mich auch, einen Wunsch zu äußern. Man soll doch immer mit den Beinen auf der Erde bleiben, auch als Kavalier!“
„Das sowieso“, meinte Igor lakonisch. „Man muß schließlich einen festen Halt haben, wenn man die Dame seines Herzens auf Händen tragen will!“
„Geht das auf mich?“ fragte Marina schelmisch.
„Das zu beurteilen, überlasse ich deiner weiblichen Klugheit!“ parierte Igor geschickt.
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