Читать книгу: «Der Abt vom Petersberg»

Шрифт:

Alice Frontzek

Der Abt vom Petersberg

Historischer Kriminalroman


Zum Buch

Es hat sich nichts geändert … Erfurt 1451. Auf dem Höhepunkt der Reformbewegung besucht Kardinal Nikolaus von Kues das Benediktinerkloster auf dem Erfurter Petersberg. Lange schon schwelt der Kampf zwischen den Ratsherren, den reformtreuen und den abtrünnigen Geistlichen, um Unzucht und Missstände in Stadt und Kirche. Das Laster aufzudecken, macht sich der aufstrebende Erfurter Mönch Günther von Nordhausen zur Aufgabe, der durch seinen Bruder Martin, Mitglied des städtischen Rates, unterstützt wird. Dabei bedient er sich nicht ganz fairer Mittel und unterschätzt das Gespür des jungen Mönches Werner aus dem Kloster Bursfelde, der seinerseits ein gefährliches Geheimnis hütet – die einvernehmliche Liebe zu einer Frau. Gelingt ihm trotzdem der Aufstieg? Der »Abt vom Petersberg« ist ein Sittengemälde der Gepflogenheiten und Zustände einer mittelalterlichen Handels- und Universitätsstadt. Glaubenssätze und Religiosität werden genauso beleuchtet wie das weltliche Leben, Liebe und dunkle Machenschaften.

Die Autorin Alice Frontzek, geboren 1966 in Berlin, wuchs in der Nähe der niedersächsischen Stadt Hildesheim auf. Nach einem Wirtschafts- und Übersetzerstudium und einigen Jahren Berufserfahrung als Schulungsleiterin einer großen amerikanischen Fluggesellschaft zog sie mit ihrem Mann ins thüringische Erfurt, wo sie freiberuflich als Englisch- und Deutschdozentin, Stadtführerin und Übersetzerin arbeitet. 2009 begann sie, ihre Stadtrundgänge zu veröffentlichen, schrieb als freie Autorin über Thüringer Spezialitäten und veröffentlichte ihren ersten historischen Roman. Als Mutter von vier Kindern und Oma einer Enkeltochter ist sie mittlerweile in Thüringen verwurzelt und widmet sich der Regionalliteratur.

Impressum

Immer informiert

Spannung pur – mit unserem Newsletter informieren wir Sie

regelmäßig über Wissenswertes aus unserer Bücherwelt.

Gefällt mir!

Facebook: @Gmeiner.Verlag

Instagram: @gmeinerverlag

Twitter: @GmeinerVerlag

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2021 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Susanne Tachlinski

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung der Bilder von: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rogier_van_der_Weyden_017b.jpg

und https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Erfurt-1740-Glaesser.jpg

ISBN 978-3-8392-6716-5

Dank

Ich bedanke mich bei meinen »Probelesern« Helma von Kieseritzky und Renate Stoff für ihre hilfreichen Kommentare und ganz besonders bei Werner Anisch, auf dessen Initiative dieses Buch überhaupt erst entstanden ist!

Kapitel 1

1437

Nikolaus von Kues empfahl sich, tupfte sich mit einer weißen Stoffserviette die Mundwinkel und verließ den großen Speiseraum ihrer Unterkunft. Die vier anderen Gesandten sahen ihm hinterher, blieben aber und diskutierten weiter über die bevorstehende Schiffsreise, die Wetterprophezeiungen und mögliche Widrigkeiten auf dem Weg und versuchten sich in Prognosen ihres Delegationserfolgs. Die Reise ging von Venedig nach Konstantinopel. Ihr Auftrag lautete, die byzantinische Kirche mit der römischen Kirche gegen die Osmanen zu vereinen. Papst Eugen IV. hatte sich wirklich um ihn bemüht, das musste Nikolaus zugeben. Er war auf dem Konzil von Basel, der Versammlung von Bischöfen und anderen hohen Geistlichen zum Zweck der Erörterung und Entscheidung theologischer und kirchlicher Fragen, im vergangenen Jahr sicher einer der Hauptredner zum Nachteil der päpstlichen Autorität gewesen und somit auch das Zünglein an der Waage gegen Eugens Interessen. Sein Standpunkt war es deshalb nicht, der ihn zum Gesandten machte, sondern seine Redekunst und Überzeugungskraft, auf die es nun an ihrem Reiseziel ankam. Eugen setzte auf ihn, den Deutschen, auf seine italienischen Kardinäle Giuliano Cesarini und Tommaso Parentucelli und die Griechen Erzbischof Basilius Bessarion und Georgius Gemistos, genannt Plethon, der seine Jugend in Konstantinopel verbracht hatte und sich gut an ihrem Reiseziel auskannte.

Nikolaus war müde. Es war schon lange dunkel. Erst heute hatten sie das große steinerne Haus im Hafen Venedigs erreicht, das eigens für ihre Delegation vorbereitet worden war. Der Weg von Rom nach Venedig verlief über gepflasterte Straßen, aber das Geschaukel der Kutschen, die für Anfang Mai ungewöhnliche Wärme und das Gefühl, ständig eine Unterhaltung führen zu müssen, hatten ihn angestrengt. Er wollte sich schlafen legen, seine Glieder strecken und seine Argumente noch einmal im Kopf hin und her bewegen. Er stieg die breite Steintreppe hinauf. Die Stufen waren flach und bequem zu nehmen. Er holte den großen eisernen Schlüssel hervor, den ihm der Hausverwalter gegeben hatte, steckte ihn in das verzierte gusseiserne Schloss und betrat das Zimmer zum ersten Mal. Seine lederbezogene Holzkiste mit der Kleidung, ein paar Büchern, einem Fernrohr, einer Schreibschatulle und seinem Essbesteck stand bereits neben dem Tisch am Fenster. Rechts davon befand sich ein großes, gemütlich aussehendes Bett mit grünem Leinenbezug und einem gleichfarbigen Bettvorhang. Er ging zum Fenster und zog den samtenen Stoff zurück. Draußen war nicht mehr viel zu sehen außer den Lichtern der Talglaternen an den Stegen des Hafens, an den Schiffen und am Leuchtturm in der Ferne. Er sah auf die Straße vor seinem Fenster, auf der vereinzelte Personen liefen und über die gerade eine Katze vor einem bellenden Hund flüchtete. In seinem Zimmer befand sich an einem Haken eine kleine Laterne, in der eine Kerze brannte. Es klopfte.

»Ja!«, sagte Nikolaus mit seiner tiefen Stimme.

Die Tür wurde geöffnet. Ein Diener des Hauses erkundigte sich, ob alles in Ordnung sei und er noch etwas brauche.

»Nein, danke. Doch, halt!« Kues machte eine nachdenkliche Geste, indem er seinen Daumen und den Zeigefinger an sein Kinn legte. »Eine Karaffe vom roten Muskateller bringe Er mir noch und etwas warmes Wasser in einer Wasserkanne samt Waschschüssel.« Er wollte sich vor der Reise auf dem Meer vom heutigen Straßen- und Pferdestaub befreien. Als er wieder für sich war, kleidete er sich aus und betrachtete sich im Spiegel auf dem Tisch. Er war nicht mehr ganz jung mit seinen 36 Jahren, aber groß und kräftig, hatte nur einen kleinen Speckansatz am Bauch, sonst dominierten Muskeln seinen Körper. Er las, betete und studierte nicht nur, er ritt und übte sich auch im Fechten. Hin und wieder, wenn niemand in der Nähe war, verfiel er auf seinen Spaziergängen durch Wald und Flur oder auf Fußwegen durchaus auch einmal in einen Laufschritt, den er mit schnellem Rennen abschloss. Morgens und abends machte er gymnastische Körperübungen, benutzte auch jedes Mal einen gefüllten Bier- oder Weinkrug als Gewicht, wenn er sich unbeobachtet fühlte. Nun nahm er sich Zeit zum Meditieren. Wie immer setzte er sich dazu in den Schneidersitz auf ein himmelblaues Tuch, das er dafür aus seinem Koffer nahm und auf den Boden legte, schloss seine Augen, faltete die Hände zum Gebet und atmete ruhig ein und aus. Dabei konzentrierte er sich auf den Raum in seinem Körper, auf den Raum, den sein Körper im Raum einnahm und auf den Raum im unendlichen Raum. Er befahl sich, zu einem reinen Gedanken zu werden in der Schwärze des Universums. Eins mit Gott. Denn am Anfang war das Wort. In der Thora hieß es sogar noch klarer: Am Anfang war der Gedanke. Und immer wenn sich ihm ein Gedanke aufdrängte, ließ er ihn vorbeiziehen. So verweilte er mindestens eine halbe Stunde. Das Läuten des Kampanile zu jeder Viertelstunde nahm er wahr und beschränkte seine Zeit, auch wenn er gewöhnlich viel länger im Nichts verweilen konnte.

Dann zog er ein weißes Leinenhemd zum Schlafen über und legte sich auf die feste Strohmatratze. Das Fenster hatte er einen Spaltbreit offen gelassen. Ein angenehm kühles Lüftchen zog herein. Trotzdem schloss er den Bettvorhang. Er wollte nicht von Insekten geplagt werden, die es hier auf dem südlichen Kontinent, zudem am Wasser, in fast unerträglicher Artenvielfalt gab. Schon summte etwas um ihn herum, das ihn vom Einschlafen abhielt. Seine Gedanken begannen zu kreisen. Nette Mitstreiter hatte er so weit. Man kannte sich ja von den diversen Kapiteln und Konzilien. Nikolaus war zufrieden. Natürlich auch stolz, dass man auf seine Person Wert legte und ihre Delegation sich gegen eine Gesandtschaft der Konzilsmehrheit durchgesetzt hatte. Der gesamte Klerus schaute auf sie und ihre Mission. Vereinigung hin oder her: Die Kirche musste sich erneuern! Ein einziger Sündenpfuhl – schlimmer als jede bürgerliche Gemeinschaft! Zu viel Privilegien und Macht verbunden mit den Entbehrungen eines normalen Familienlebens bei zu wenig Pflichterfüllung Gott zur Ehre. Das führte zwangsläufig zu Übel und Schandtaten. Auch ohne das Basler Konzil würde der Papst neue Wege gehen müssen. Über diese Gedanken glitt Nikolaus in tiefen und festen Schlaf, bis jemand am nächsten Morgen an seine Tür pochte.

»Aufstehen! Das Frühstück steht bereit, und in einer halben Stunde wartet die Kutsche, um unsere Sachen zum Schiff zu bringen. Kommst Du, Nikolaus?«

»Ach, Guiliano. Ja, ich bin gleich unten. Danke«, rief Nikolaus, reckte und streckte sich, setzte sich auf den Boden zur Meditation und erhob sich schon nach einigen Minuten wieder, um sich fertig zu machen und die anderen nicht warten zu lassen.

Nach einer warmen Milch mit Honig und einem Stück Gebäck verließen sie zu fünft das Haus, gefolgt von kirchlichen Bediensteten, die ihnen als Schreiber, Träger und Boten zur Hand gehen sollten. Ihre Gepäckstücke waren aufgeladen, alle nahmen sie in den zwei bereitgestellten Kutschen Platz und schaukelten über das Pflaster den kurzen Weg zur Anlegestelle ihres Schiffes. Die Sonne stand noch tief, aber der Himmel war wolkenlos, der Duft der Mandelblüten begleitete sie und die leichten Wellen des Meeres schwappten gleichmäßig ans Schiff, als sie an Bord gingen. Die Besatzung empfing sie und stellte sich den Gesandten vor. »Ich bin Euer Kapitän, Francesco Fortuna. Diese Herrschaften betreuen die Kombüse. Chefkoch Enrico Cerea wird Euch Eure Wünsche erfüllen. Steuermann Adriano Barbesca hält uns auf Kurs durch das Adriatische Meer, das Mittelmeer und hinauf den Bosporus bis zum Hafen von Konstantinopel. Die Reise dauert je nach Windstärke etwa acht Wochen. Weiter haben wir zwanzig Schiffsjungen, einen Quartiermeister, einen Segelmacher, unsere Barbiere, Trompeter, Feuerwerker, Zimmermänner, einen Schneider … Habe ich noch jemanden vergessen? Fragt mich einfach. Ich wünsche uns allen eine gute Reise und immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel oder ›Leinen los und Sorgen über Bord‹!« Er lächelte und machte eine einladende Geste, wobei er gleichzeitig die Augenbrauen nach oben zog und einigen Schiffsjungen durch Blicke und eine seitliche Kopfbewegung bedeutete, sich um die Gäste zu kümmern und ihnen ihre Kajüten zu zeigen.

Nikolaus folgte einem von ihnen und sah sich um. Das Schiff machte einen guten Eindruck. Es sah neu, groß und unsinkbar aus. Es war ein Zweimaster mit einem mächtigen Rahsegel, das sich quer zur Fahrtrichtung orientierte. Der Spähkorb befand sich in schwindelerregender Höhe. Das Deck war weitläufig. Bei der jahreszeitlich zu erwartenden guten Wetterlage würden sie sich viel hier aufhalten können. Seine Kajüte lag nur ein paar Holzstufen tiefer gleich rechts neben einer Treppe. Sie war etwa vierzehn mal zehn Ellen groß. Es gab einen Schreibtisch, ein Bücherregal, das mit einer Faltschiebetür bei starkem Seegang geschlossen werden konnte, und eine hölzerne Schlafkoje. Außerdem stand da noch ein kleiner runder Esstisch mit vier Stühlen daran. Für die Stühle wie auch für den Hocker vor dem Schreibtisch gab es Eisenringe im Boden, an denen die Sitzmöbel befestigt werden konnten. Nikolaus hoffte, dass das nicht allzu oft vonnöten sein würde. Über seinem Bett und an der Wand hinter dem Schreibtisch befand sich jeweils ein Jesuskreuz.

Es klopfte an seiner Tür.

»Herein!«

»Euer Kapitän. Ich möchte mich erkundigen, ob alles nach Euren Vorstellungen gerichtet ist. Ich empfinde es als besondere Ehre und außerordentliches Zeichen des Glücks, Euch an Bord zu haben.«

»Ach, ja? Wieso?« Nikolaus zog die linke Braue nach oben.

»Nun. Ihr Namenspatron, St. Nikolaus, Nikolaus von Myra, gilt als Schutzheiliger der Seefahrt. Er errettete einst Seeleute durch die Stillung des Seesturms aus ihrer Seenot. Habt Ihr schon den kleinen Altar in Eurer Kajüte entdeckt?« Der Kapitän deutete auf eine winzige Nische hinter der Koje. Dort befand sich ein kleiner Schrein, darüber an der Wand die Figur des Bischofs Nikolaus, des St. Erasmus, Bischof von Formia, und der Jungfrau Maria, Schutzpatronin des Apostolats des Meeres. Vor dem Schrein war eine Kniebank fest arretiert.

»Ah, natürlich. Sehr schön. Ich hoffe, ich bringe uns tatsächlich Glück. Ja, alles ganz hervorragend. Danke!«

»Das Mittagsmahl gibt es im Speiseraum gleich um die Ecke, wenn die Sonne am höchsten steht«, sagte Francesco und ging. Der Kapitän war ein hochgewachsener, kräftiger Mann mit einem dichten Seemannsbart. Nikolaus fühlte sich sicher und vertraute auf seine Segel- und Navigationskünste.

Nun wurde auch seine Kiste gebracht. Er stellte seine Bücher ins Regal, darunter eine Abschrift eines Werkes des Raimundus Lullus, des Albertus Magnus, zwei Bücher zur Astronomie, einen gregorianischen Kalender, die Regula Benedicti und eine Abschrift von Auszügen des Hermes Trismegistos, die Gedanken zu Reinkarnation und mystischer Vereinigung sowie zur Überwindung von Gegensätzen beinhaltete. Seine Bibel platzierte er auf dem Altar. Sie war ihm heilig. Nicht nur das Wort Gottes, sondern auch das Stück Pergament, das er säuberlich gefaltet hinten in den ledernen Umschlag geschoben hatte. Dabei handelte es sich um eine handschriftliche Auflistung all seiner Pfründe. Es waren an die zwanzig kirchliche Ämter, die seinen Lebensunterhalt und Lebensabend sichern sollten, vornehmlich in Koblenz, Trier, Altrich und anderen Orten. Seit seiner Priesterweihe im letzten Jahr würden noch weitere hinzukommen. Er seufzte: »Noch mehr Reisen – kein Ende in Sicht. Aber über Land gefallen sie mir besser.«

Er hörte die Hörner, die das Ablegen ankündigten, ihnen folgten Kommandos, und mit leichtem Schaukeln ging das Schiff auf große Fahrt. »Vater unser im Himmel. Bewahre uns vor Unheil auf dieser Reise. Lasse Dein Antlitz wachen über uns und schenke uns Frieden. Amen!« Nikolaus bekreuzigte sich auf der Bank kniend, erhob sich und beschloss, seine Mitreisenden zu suchen.

Er traf auf Guiliano, Plethon und Basilius. Einige Minuten später kam auch Tommaso hinzu. Gemeinsam schlenderten sie über Deck, hielten ihre Gesichter in den Wind und schauten dem Schauspiel des Meeres und der Schiffsmannschaft zu. Das mächtige Segel wurde gehisst und Venedig wurde kleiner und kleiner, bis es gar nicht mehr zu sehen war. Eine Gruppe Delfine sprang in Bögen aus dem Wasser und begleitete sie neugierig ein Stück.

»Nun, Kues. Was hat Euch dazu gebracht, Euch auf dem Basler Konzil so zu ereifern? Sicher, Ihr habt mächtig Eindruck gemacht. Aber wem nützt die Beschneidung der päpstlichen Befugnisse? Wer soll sonst entscheiden? Der Kaiser? Der Adel? Oder gar das Volk?«, begann Giuliano das Gespräch und schaute ihn fragend an.

»Es geht mir weniger darum, worüber der Papst entscheidet, als darum, dass er es ohne Kontrollinstanz tut. Lasst uns einmal die Päpste durchgehen, deren Verfehlungen zu einer Aufweichung sämtlicher Kirchenregeln, ja sogar der Gebote Gottes geführt haben. Nicht nur in der Bevölkerung, sondern vor allem in den Klöstern. Stadträte, Adelige, Patrizier, weltliche Herren, Kaiser machen sich lustig über den Machtanspruch der Geistlichkeit. Von Gottes Zorn, der zu befürchten ist, ganz abgesehen«, lud er die anderen ein und fuhr fort: »Nehmen wir Papst Clemens V., den sein Verhältnis mit der schönen Gräfin Perigord in Frankreich festhielt und den Grund zu dem Papstpalast von Avignon mit seiner düsteren Großartigkeit legte. Für die Masse die Demut, Armut und Entsagung, aber für sich selbst den Prunkpalast, das Lotterbett und die gefüllte Tafel, so ist es bei den Päpsten in Avignon. Und in Rom ist es nicht besser. Johann XXIII., Inkarnation von Wollust und Grausamkeit!«

»Oh ja, Inquisitionsführer in Spanien, unter dem Hus in Konstanz brennen musste!«, ergänzte Tommaso.

»Sein wüstes Leben hätte ihn fast an den Galgen gebracht, wovon er sich mit erkaufter Kardinalswürde errettete. Doch endlich wurde über ihn zu Konstanz Gericht gehalten. Es gab kein Verbrechen, dessen man ihn nicht mit Recht beschuldigt hätte. Der öffentliche Ankläger auf dem Konzil nannte ihn den Feind aller Tugend, den Pfuhl aller Schande, das Laster der Laster und einen eingefleischten Teufel. Er wurde abgesetzt und sollte lebenslänglich ins Gefängnis. Nach kaum zwei Jahren kaufte er sich frei. Papst Martin V. machte ihn zum Kardinal von Tusculum und ließ ihn im Kardinalkollegium zur Rechten seiner Person auf einem erhöhten Stuhl sitzen, weil er doch einmal Papst gewesen war.«

Alle vier lachten verächtlich. Bessarion fügte hinzu: »Macht sich nicht Habgier und Wollust breit, dann desto mehr die Fresserei und Völlerei oder eine weibische Eitelkeit. Schminke und Kleider, besetzt mit Edelsteinen und Goldstickerei. Und vergesst nicht die Trunksucht!« Sie nickten einhellig. »Nicht lange ist es her, dass die prunküberladenen Paläste der römischen Großen wie Bordelle waren. Die Hauptstadt des Reiches war der Tummelplatz einer ungeheuren Ausschweifung. Die Zahl der Prostituierten vom vornehmsten bis zum niedersten Schlage war riesengroß. Vor fast genau hundert Jahren hat Papst Johann XXII. Zahlungen zur Absolution festgesetzt. Man stelle sich vor: Wenn ein Geistlicher fleischliche Sünden beging, sei es mit Nonnen, sei es mit Beichtkindern, bezahlte er eine bestimmte Summe. Wenn es kleine Knaben waren, eine andere Summe und so weiter. Entjungferung, Nonnen, die sich Männern hingaben – alle zahlten sie. So kam eine ganze Menge Geld zusammen!«

»Jeder von uns weiß, was noch heute hinter verschlossenen Türen vor sich geht. Der Vatikan nicht ausgenommen, die Kirchen und Klöster schon gar nicht. Und deshalb habe ich mich in Basel ins Zeug gelegt. Dennoch bin ich schließlich für mich zu dem Entschluss gelangt, dass nicht die Befugnisse das Problem sind. Die Gesetze, die dem Einhalt gebieten, sind da! Sie müssen nur befolgt und durchgesetzt werden. Die Bibel ist das Gesetz! Wir brauchen eine Erneuerung der Kirche an Haupt und Gliedern!«, schloss Nikolaus das Thema ab, als die Glocke des Kombüsenmeisters zum Mittagessen rief. »Wenn Ihr mich fragt, ist der christliche Staat ebenso wie der islamische eine Fehlentwicklung und dem Untergang geweiht. Die Zukunft gehört einem griechischen Staat, der an die klassische Antike anknüpft und sich an platonischen, pythagoreischen und zoroastrischen Prinzipien orientiert«, führte Plethon aus, während sie zum Speiseraum gingen. Nikolaus fragte sich, ob er mit dieser Ansicht der richtige Mann war, um die christlichen Kirchen zu vereinen.

Das Essen schmeckte vorzüglich, die Sonne schien, die See war ruhig und der Wein versetzte sie in gute Stimmung. Dies war der Anfang endloser Gespräche und Diskussionen und einer wochenlangen Reise. Die Gesandten, die mittlerweile Freunde waren, strukturierten ihren Tag, indem sie regelmäßig zur selben Zeit beteten, gemeinsam die Mahlzeiten einnahmen, allabendlich nach Einbruch der Dunkelheit den Sternenhimmel mithilfe der astronomischen Schriften des von Kues beobachteten sowie kartierten und lasen oder schrieben. Darüber hinaus fanden sich manchmal interessante Meerestiere in den Fangnetzen. Einer der Schiffsjungen kannte sich mit der Farbherstellung aus und freute sich einmal über den Fang einiger Purpurschnecken. Er trocknete sie und machte sie zu einem roten Farbpulver, von welchem er einen kleinen Flakon an Nikolaus verkaufte, der damit die Initialen in seinen Handschriften zu verzieren beabsichtigte. Ab und an fielen brauchbare Möwenfedern auf das Deck, aus denen sie sich Schreibfedern schnitzten. Viele Mannschaftsmitglieder ließen sie bei ihrer Arbeit zuschauen. Manche Nacht lehrte sie das Fürchten, wenn die Wellen meterhoch gegen das Schiff schlugen und sie unter Deck Mühe hatten, sich in ihren Kojen festzuhalten. Dann, irgendwann, das erlösende »Land in Sicht!«. Sie hatten ihren Zwischenhafen erreicht und gingen in Griechenland für einige Tage im Hafen von Athen an Land, wobei Bessarion sie in eines seiner Klöster zur Übernachtung einlud. Das letzte Stück der Schiffsreise war im ruhigen Ägäischen Meer leicht zu bewältigen. Und endlich erreichten sie den Hafen von Konstantinopel.

Kapitel 2

Konstantinopel 1437/38

Die Sonne war gerade aufgegangen und die Schiffsbesatzung hatte vorerst ihr Ziel erreicht. Es mussten einige Formalitäten erledigt werden, das Schiff registriert, leere Fässer und Kisten von Bord gebracht, das Schiff und die Segel gereinigt sowie geflickt werden, und nicht zuletzt fühlte sich Kapitän Francesco verantwortlich, der Gesandtschaft Kutschen zu besorgen, diese mit dem Gepäck der Reisenden beladen zu lassen und sie zum Hauptsitz des byzantinischen Patriarchen Joseph II. zur Apostelkirche zu schicken. »Habt Ihr noch etwas Zeit? Gebt mir zwei Stunden. Ihr könntet Euch ein wenig umsehen, etwas frühstücken. Ein Bote könnte derweil Eure Ankunft vorausmelden«, schlug er vor.

Kues, Bessarion, Parentucelli und Cesarini waren einverstanden, genauso wie Plethon, der als Ortskundiger die Richtung vorgab. Es war ein milder Morgen. Es grüßten fremdländische Gerüche, buntgewandete Menschen und orientalische Klänge von Straßenmusikern. Vor kleinen Gasthäuschen saßen an ebenso kleinen runden Tischen Männer mit Pfeifen und winzigen Tässchen eines dampfenden Aufgusses.

Sie folgten dem Menschenstrom und erreichten einen Basar, wo das Gedränge nicht stärker hätte sein können. Unter steinernen eingewölbten Hallen fanden sich Konstantinopels Kaufmannswaren in engem Raume aufgetürmt vom Kostbarsten bis zum Wohlfeinsten und Größten – alle nur möglichen Dinge und Artikel. Gewürze in geöffneten Fässern aller Farben und Geschmäcker, kostbare Kräuter, Obst und Gemüse in Güte und Größe, wie man sie in der Heimat nur suchen konnte. Dann ertönte der Klang der Glocken – die Sarazenen hatten Konstantinopel noch nicht eingenommen. Aber auch arabische Gesänge riefen zum Gebet in die Gebetshäuser. In blendendem Weiß hoben sich die größeren Häuser wohlhabender Bewohner von den niedrigen Behausungen der einfachen Menschen ab und bildeten einen farblichen Kontrast zu den schattenreichen, dunkelgrünen Zypressen, die sich abwechselnd mit Pinien neben den Behausungen emporstreckten. Unter ihrem Schatten glitzerten hier und da die vergoldeten, die weißen und die bunt bemalten Grabsteine hervor, die auf den wahllos in der Stadt verteilten Ruhestätten Verstorbener mit Inschriften lagen. Die drei Reisenden gingen wieder in Richtung Kanal. Wasservögel aller Art, oft so zahm, dass sie zu nah an die Boote herankamen und fast unter die Ruderschläge gerieten, und die zu Tausenden auf den Dächern und Pfählen lagerten, erfüllten die Luft mit ihrem Geschrei.

»Gehen wir zum Schiff zurück und sehen wir, ob der Bote uns angekündigt hat. Ich glaube, es ist deutlich, dass die Türken eine Bedrohung für Byzanz sind. Das Osmanische Reich lässt sich schwer aufhalten. Der Kaiser wird nicht anders können, als die Einigung der Ost- und Westkirche zu befürworten«, stellte Kues fest. Auch den anderen schien das sicher.

Als sie sich dem Schiff näherten, kam schon der Kapitän auf sie zu. »Kaiser Johannes VIII. Palaiologos erwartet Euch. Dort drüben steht seine Kutsche, mit der er unseren Boten zurückbrachte und Euch mitnehmen wird. Wir warten auf Eure Anweisungen zur Vorbereitung der Rückreise. Viel Erfolg!«

»Danke, Francesco. Wir melden uns rechtzeitig.« Die Gesandten waren überrascht, dass der Kaiser sie zuerst begrüßen würde. Die Kutsche des Kaisers war mit blauen und goldenen Schnitzereien verziert. Zwei weiße Araber mit langen welligen Mähnen waren davor gespannt. Ein Diener hielt die Tür der Kutsche auf und bat die Gesandten, mit ihren Begleitern einzusteigen. Plethon war unterwegs bei einem großen Herrschaftshaus ausgestiegen, er wohnte bei einer Tante. Er würde erst zu den Treffen mit den Delegationspartnern hinzukommen.

Dann erreichten die anderen den Kaiserpalast. Die Dienerschaft führte sie in das Gästehaus und zeigte ihnen ihre Gemächer, in die ihre Kisten bereits gebracht worden waren. Von Kues, Bessarion, Parentucelli und Cesarini schauten den Diener erwartungsvoll an. »Natürlich … Ihr werdet zum Mittagsmahl in einer Stunde im Speisesaal des Palastes erwartet. Bis dahin stehen Euch einige türkische Dienerinnen für ein Bad zur Verfügung. Zum Badehaus geht es hier entlang. Wenn Ihr mir bitte folgen wollt!« Er verbeugte sich und deutete mit seinem Arm die Richtung. Nikolaus und Giuliano schauten sich fragend an, Basilius und Tommaso folgten dem Diener als Erste.

Des Kaisers Schloss ähnelte einem Sultanspalast. Das musste an den einheimischen Bauleuten sowie am wärmeren Klima und den sich daraus ergebenden praktischen Erwägungen liegen. Das Badehaus betraten sie durch einen offenen Torbogen. Dahinter fanden sie sich in einem Raum wieder, der mit blauen und goldenen Fliesen gestaltet war. Um ein großes Schwimmbecken mit türkis leuchtendem Wasser befanden sich Säulen mit Bänken oder Steinliegen dazwischen. Der eher dunkle Raum, der nur blau-grün verglaste kleine Lichtluken besaß, war mit Laternen ausgestattet, die ein warmes oranges Licht verbreiteten. Nun erschienen vier augenscheinlich junge Orientalinnen, die nichts trugen als einen Schleier um Haar und Mund, ein bauchfreies Oberteil, das die Brüste zur oberen Hälfte freigab, und fast durchsichtige Pluderhosen aus bunter hauchdünner Seide. Eine jede in einer anderen Farbe. Wenn sie liefen, klingelten die talerartigen Verzierungen an ihren schmalen, gebräunten Taillen, was ihnen das Aussehen von Bauchtänzerinnen verlieh. Jede von ihnen trug ein großes Tuch über dem Arm und nahm sich nun einem der Männer an.

Nikolaus merkte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. Er war überrascht von so viel Freizügigkeit und wunderte sich über die Art des Angebots an sie als geistliche Herren. War nicht das Hauptthema ihrer Reise, Versuchung und Laster aus der Geistlichkeit zu vertreiben? Und nun ertappte er sich, wie sich Begehren in ihm regte. Er nahm sich zusammen und schaute zu seinen Freunden, die ähnlich konzentriert wie er der Dinge harrten, die da kommen sollten. Keiner ließ sich etwas anmerken. Protestieren wollte ebenfalls niemand. Vermutlich wäre es eine Beleidigung gewesen, die freundliche Geste eines erfrischenden Bades abzuschlagen.

Seine Badedame verneigte sich vor ihm und zeigte ihm einen Umkleideschirm. Mit Gesten erklärte sie ihm, dass er das Tuch umlegen solle. Alle verschwanden sie hinter den Schirmen und kamen fast gleichzeitig wieder hervor, jeder mit einer anderen Wickeltechnik. Sie mussten lachen und die Situation entspannte sich. Nikolaus erahnte ein verschmitztes Grinsen hinter dem Schleier seiner Orientalin. Ihre Augen waren groß, dunkel und schauten ihn aufmerksam an. Dann wurden die Männer zu Zubern geführt, wo sie, geschickt und ohne ihre Männlichkeit zu offenbaren, ins Wasser glitten und dabei die Tücher abgenommen bekamen. Nun übergossen die Damen sie mit Kannen warmen Wassers und rieben sie mit wohlriechenden Seifen an Haupt und Körper ein. Nach dem Abspülen boten ihnen die Orientalinnen an, im Becken zu schwimmen. Alle nahmen an, und jeder war überrascht, dass sie allesamt das Schwimmen recht gut beherrschten. Beim Aussteigen aus dem Wasser wurden ihnen die Tücher aufgehalten und abschließend durften sie eine Massage mit duftenden Ölen genießen, wozu sie sich bäuchlings auf die gepolsterten Steinbänke legten. Dann konnten sie sich wieder ankleiden.

Als sie hinter den Schirmen hervorkamen, waren die Frauen verschwunden. Nikolaus sah sich suchend um und bedauerte, nur seine Freunde zu sehen.

Inzwischen war der Diener von vorhin erneut erschienen. »Ihr werdet nun im Speisesaal erwartet.«

Er ging wieder vorneweg. Die Männer folgten ihm durch lange Flure mit übergroßen Herrscherporträts, Gemälden von Frauen und Bildern vergangener Schlachten und Kreuzzüge. Dann öffnete sich eine große Holztür und sie traten in einen steinernen Saal, der mit prunkvollen Perserteppichen ausgelegt war. An einer langen Tafel saß am anderen Ende auf einem breiten Stuhl mit rot-samtenen Armlehnen Kaiser Johannes VIII. Palaiologos, hinter ihm stand sein Sekretär. Mit einer Handbewegung bedeutete er den Gesandten, sich direkt neben ihn an die vorbereiteten Plätze zu setzen. Er erhob sich zum Gruße auf Augenhöhe, wobei er freundlich nickte und die Geistlichen eine leichte Verbeugung andeuteten. »Seid herzlich willkommen. Ich halte nicht viel von Schaugeplänkel. Wir wollen dasselbe: Das Zentrum, der Ursprung der christlichen Kirche, die christlichen Stätten von Byzanz, müssen gegen die Osmanen verteidigt werden. Ich unterstütze Eure Mission, der Patriarch von Konstantinopel ist mit mir einer Meinung. Wir werden mit Euch gen Westen zu Verhandlungen aufbrechen. Wir benötigen Eure Armee gegen die Türken. Die Glaubenslehren besprecht mit ihm und den Bischöfen der Ostkirche. Wir werden uns gemeinsam mit Euch auf die Schiffsreise begeben. Bis dahin seid Ihr meine Gäste. Morgen werdet Ihr in der Apostelkirche erwartet.«

Die Delegierten waren sprachlos. Diese Direktheit hatten sie nicht erwartet. Auch nicht, dass die Ostkirche bereits Reisepläne hatte und sie ihre künftigen Mitreisenden in jedem Fall als Erfolg auf dem Weg zu einer geeinten Kirche verbuchen konnten.

Kues fasste sich als Erster. Der Kaiser hatte fast schon alles gesagt. Dem war kaum etwas hinzuzufügen. Doch Nikolaus wollte mit Berechtigung diese weite Reise auf sich genommen haben. »Eure Hoheit können Gedanken lesen und besitzen ein besonders feines Gespür für Diplomatie und Taktik. Es freut uns, dass wir keine Eulen nach Athen tragen müssen und die tatsächlichen Notwendigkeiten und ein gesunder Menschenverstand allein Euch zu überzeugen vermochten. Nun stehen wir hoch in Eurer Schuld, weil wir Eure Gastfreundschaft in Anspruch genommen haben, wofür ich mich stellvertretend für meine Mitreisenden bedanken möchte. Der Besuch Eures Badehauses hat unsere von der Reise strapazierten Glieder entspannt und mit neuer Kraft versorgt. Wir ziehen gerne noch heute in eine Unterkunft der Kirche. Bescheidenheit ist eine unserer Hauptforderungen an den Papst höchstselbst.« Der Kaiser lachte tief und sein Bauch wackelte. »Eure Zimmer sind bescheiden. Ich will Euch gerne die meinen zeigen. Nein, der Patriarch und ich haben miteinander gesprochen. So ist es unser Wille. Mein Diener wird Euch nach dem Essen in die Kapelle führen. Dort könnt Ihr beten. Die Palastbibliothek ist gleich daneben. Das Bad steht Euch den ganzen Tag zur Verfügung. Ihr werdet es in der Hitze hier gerne nutzen. Die Damen sind ebenfalls jederzeit verfügbar. Ihr müsst nur nach ihnen klingeln. Wozu heiliger sein als der Papst!« Nun lachte er erneut ein schallendes Lachen, von dem er sich kaum erholen konnte. »Verzeiht. Ich habe mich lange nicht so amüsiert.«

Tommaso und Nikolaus sahen sich ernst an. War das als Affront zu werten? Sollten sie sich diese Andeutungen verbitten, wenngleich sie nicht treffender hätten sein können? Sollten sie vielleicht sogar dankend auf die Mahlzeit und die Gastfreundschaft verzichten? Basilius legte seine Hand auf Nikolaus’ Unterarm. Giuliano deutete ein fast unsichtbares Nein an, indem er den Mund leicht spitzte, den Kopf kaum merklich schüttelte und beide eindringlich ansah. Nikolaus atmete durch und setzte sich. Die anderen folgten.

Der Kaiser räusperte sich. »Spaß muss sein. Im Süden ist man nicht so ernst wie in Deutschland, oder, Erzbischof Bessarion? Wie ist es in Griechenland?«

Der lachte und animierte die anderen, die Situation ebenfalls mit Humor zu tragen. Die Stimmung entspannte sich schnell auch bei den Gesandten. Man sprach nun über die Welt, Italien, Rom, den Vatikan; Deutschland, Köln, Erfurt, Hildesheim, Prag, Athen, Kaiser Sigismund, Papst Eugen, über die Sonne, das Meer, die Gesundheit, Früchte und nicht zuletzt Frauen.

»Wie kommt es, dass Türkinnen zu Eurer Dienerschaft gehören, Hoheit?«, wollte Tommaso wissen.

»Der Islam erlaubt dem Mann einen ganzen Harem! Sind sie gottesfürchtig, verschleiert und gehorsam, erhöhen sie den Wert des Mannes. Aber Ihr habt recht, was machen sie im Dienste eines Christen? Nun, ich zahle gut. Ihre Väter fühlten sich geehrt. Ich respektiere ihren Glauben. Lest doch in dem Koran, den ich auszugsweise ins Lateinische übersetzen ließ. Ihr findet die Handschrift in der Bibliothek!«

Nikolaus liebte Bücher und merkte sich dieses Angebot vor. Nach dem üppigen Mahl dankten sich alle gegenseitig für das anregende, gute Gespräch sowie die hervorragende Gesellschaft und freuten sich auf eine Wiederholung. Der Kaiser zog sich zurück. Die vier Gesandten, deren Helfer fast unsichtbar nie weit entfernt waren, gingen in den Park des Palastes, setzten sich in den Schatten einer Zypresse auf den Rand eines Wasserspiels und überlegten ihr weiteres Vorgehen.

»Es wird heiß. Ich gehe später noch einmal Schwimmen. Ich werde mir auch die Bibliothek anschauen. Vielleicht ist es eine gute Idee, wenn wir uns zum Abendgebet in der Kapelle treffen. Sehen wir uns das Messzeug an. Vielleicht gibt es auch einen Priester«, ordnete Nikolaus seine Gedanken.

»Das klingt gut. Lasst uns noch ein bisschen im Garten spazieren, dann will ich mich ausruhen. Morgen sehe ich zuversichtlich und mit Freude dem Treffen mit der byzantinischen Geistlichkeit entgegen«, ergänzte Basilius.

Eine Stunde später ging jeder von ihnen zunächst auf sein Zimmer. Nikolaus nur, um in den Spiegel zu schauen, seine halblangen Haare zu ordnen und sich den Mund auszuspülen. Fasern des Fasanenfleischs klemmten noch zwischen seinen Zähnen. Dann flanierte er alleine im Park des Palastes unter gleißender Sonne und steuerte das Badehaus an. Außer ihm hatte offensichtlich keiner der anderen die Idee. Er sah das kleine Glöckchen auf einer halben Säule gleich neben der Tür, nachdem er eingetreten war. Er läutete vorsichtig. Eine der Damen erschien. Es war zu seiner Enttäuschung nicht die, die sich zuvor um ihn gekümmert hatte. Die, deren kleine zarte Hände so kraftvoll seine Muskeln massiert und gelockert hatten. Ob er nach ihr fragen sollte? Gestikulierend erkundigte er sich nach seiner Badefrau. Die Dame verstand, verschwand in einen Raum am anderen Ende der Badehalle, und tatsächlich: Seine Orientalin, die, die die orangefarbene Tracht trug, kam auf ihn zu. Ihr Lächeln konnte er erkennen. Wieder trug sie ein großes Tuch über dem Arm und deutete an, dass er sich seiner Kleidung entledigen sollte. Das tat er. Diesmal schüttelte er den Kopf, als sie ihn zu einem Badezuber leiten wollte. Er ging zum Schwimmbeckenrand, setzte sich, ließ das Tuch fallen und rutschte schnell in das angenehm kühle Wasser. Er schwamm ein paar Runden und dachte, sie schaue ihm zu. Als er jedoch am Beckenrand kurz verschnaufte und sich umsah, war die Türkin nirgends zu sehen. Er schwamm weiter. Er wollte sich etwas verausgaben, um die unzüchtigen Gedanken loszuwerden, die sich ihm erneut aufdrängten. Dann verließ er über die Treppe das Wasser und ging zurück zu seinem Badetuch. So, wie Gott ihn schuf – er fühlte sich unbeobachtet –, kreiste er seine Arme, um seine Schultern zu lockern, dann seinen Kopf, um den Nacken zu entspannen, und machte ein paar Liegestütze, bevor er sich das Handtuch umlegte und zum Umkleideschirm ging. Er erschrak, als er die junge Frau auf einer Steinbank sitzen sah, von der aus sie ihn die ganze Zeit beobachtet zu haben schien. Ihm stieg die Schamesröte ins Gesicht und er beeilte sich, hinter den Schirm zu gelangen. Als er angezogen wieder hervorkam, stand sie vor ihm, ergriff seine geöffnete Hand und malte mit einem dünnen Stöckchen, an dem schwarzes Pulver zum Schminken der Augen haftete, eine Mondsichel und eine Bank mit einer Zypresse und einem Brunnen daneben auf die Innenfläche. Nikolaus überlegte und zeigte auf sich und anschließend auf sie. Er wiederholte diese Handbewegung und machte ein fragendes Gesicht.

Sie nickte.

»Wie heißt du? Ich heiße Nikolaus. NIKOLAUS.« Er zeigte auf sich, dann auf sie. »Und wie heißt du?«

»Melechsala. Mein Name ist Melechsala.«

Dann klingelte das Glöckchen am Eingang. Tommaso stand in der Tür.

»Ah, Tommaso! Gerade bin ich fertig. Du hast das Becken für dich!« Noch bevor der ihn in ein Gespräch verwickeln konnte, kam die gelb gekleidete Badefrau, die ihn heute früh massiert hatte, und überreichte ihm ein Badetuch. Nikolaus lächelte ihn an, zwinkerte unbemerkt Melechsala zu und verließ die Badehalle. Er fühlte sich glücklich und leicht. Was ist da gerade passiert?, fragte er sich. Mal sehen, ob ich im Koran schlauer werde, wie das Verhalten dieser jungen Schönheit zu werten ist, überlegte er und schlug den Weg zur Bibliothek ein.

Die Bibliothek war nicht sehr groß. Kein Vergleich zu der im Vatikan. Seine private Büchersammlung war nicht viel kleiner. Aber dort auf dem hölzernen Stehpult vor dem Fenster lag zugeklappt, an einer Kette befestigt, die besagte lateinische Übersetzung des Korans.

Er wusste nicht, wie lange er schon über das Buch gebeugt stand. Die Kernpunkte kannte er: der Glaube an einen Gott. Der Glaube an die Engel. Der Glaube an die Propheten – einschließlich Jesus. Der Glaube an die offenbarten Bücher Gottes. Der Glaube an den Tag des Gerichts. Der Glaube an das Schicksal und den göttlichen Erlass. Aber hier! Koran 9:17: »Und die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen sind einer des anderen Beschützer: Sie gebieten das Gute und verbieten das Böse und verrichten das Gebet und entrichten die Zakat, eine Spende für die Armen, und gehorchen Allah und seinem Gesandten. Sie sind es, derer Allah sich erbarmen wird. Allah ist erhaben, allweise.«

Seinem Gesandten … Das klingt gut, dachte Nikolaus und musste schmunzeln. Wieso kommt mir der Name Melechsala so bekannt vor? Er grübelte. Plötzlich fiel es ihm ein und er staunte: Die Geschichte, die man sich vom Grafen von Gleichen noch immer erzählte, handelte vom Grafengeschlecht aus Thüringen, das sich das Kloster Reinhardsbrunn als Hauskloster erwählt hatte. Kues erinnerte sich, dass einer der Grafenbrüder vor etwas über hundert Jahren in den großen Kreuzzug gegen die Sarazenen gezogen war, wobei er in Gefangenschaft geriet. Er entkam dem Henkersschwert, weil die Tochter des Sultans sich in ihn verliebte. Ihr Name war Melechsala. Sie floh mit ihm in seine Heimat und wurde seine zweite Frau. Ja, den Grabstein hatte er höchstpersönlich vor einigen Jahren in der Peterskirche des Erfurter Benediktinerklosters in Augenschein genommen und mit Verwunderung der Geschichte, die er zunächst für ein Märchen gehalten hatte, gelauscht. Welch ein Zufall! Vielleicht eine Fügung, ein Hinweis. Nun, er war fern der Heimat. Heute Abend würde er zum Treffpunkt gehen.

Jetzt hörte er ein Glockenläuten. Das musste der Ruf zum Abendgebet in der Kapelle sein. Auf dem Weg dorthin kamen aus verschiedenen Richtungen Basilius, Giuliano, Tommaso und die drei vatikanischen Bediensteten dazu. Nach dem Gebet wurden sie vom Diener des Kaisers zu einer kleinen Abendmahlzeit in den Innenhof eines Nebengelasses gebeten. Sie waren dort unter sich, aßen sich satt, tranken vom besten Wein und beobachteten den Sonnenuntergang. Nikolaus war der Erste, der sich verabschiedete. Basilius erhob sich ebenfalls und letztlich gingen sie alle ein jeder in sein Zimmer.

Nikolaus wartete, bis der Mond, und tatsächlich war es ein abnehmender Mond in Form einer Sichel, hoch am Himmel stand. Dann ging er zu der Steinbank am Brunnen mit der Zypresse. Melechsala trat hinter der Zypresse hervor, bedeutete ihm mit dem Zeigefinger, ihr zu folgen, und führte Nikolaus in eine kleine Nische, die von Hecken umgeben war. In der Mitte hatte sie eine Decke ausgebreitet und eine kleine Karaffe Wein auf ein Tablett gestellt. Sie bot ihm einen Kelch. Er trank und gab ihr den Kelch zurück. Melechsala nahm ebenfalls einen Schluck. Dann legte sie ihren Schleier ab und öffnete ihr Haar. Sie hatte wunderschöne volle Lippen, weiße Zähne, ein bezauberndes Lächeln, eine kleine Nase und diese wunderbar dunklen Augen. Ihr gewelltes volles Haar umspielte ihre hohen Wangenknochen. Nun öffnete sie ihr Oberteil. Ihre Brüste sprangen weich und voll aus ihrer Halterung. Dann öffnete sie auch ihre Pumphose, setzte sich, lüftete seinen Umhang, zog seine Hose herunter, lehnte sich zurück und spreizte leicht ihre Schenkel. Er vergaß seine Pflichten und dachte an den Satz: »… und gehorcht Gottes Gesandten.« Er drang in sie ein, sog ihren Duft auf, sie liebten sich bis zum Sonnenaufgang, jeder in seiner Sprache. Dann beeilten sie sich, halfen sich gegenseitig, sich ordentlich herzurichten, gaben sich einen Kuss und verließen den Ort der Liebe in entgegengesetzte Richtungen.

Am nächsten Tag verzichtete Nikolaus auf ein gemeinsames Frühstück und die Gesellschaft seiner Reisegefährten. Stattdessen stand er mit dem Sonnenaufgang auf und meditierte eine gefühlte Ewigkeit. Sein Gewissen plagte ihn und er wollte seine Gefühle sortieren. Danach sah sich Nikolaus alleine die Stadt an und durchwanderte stundenlang die endlosen Gassen, die sich mehr und mehr mit Leben füllten. Er und die anderen waren erst zur Mittagszeit in der Apostelkirche angekündigt und vorher konnte er noch niemandem unter die Augen treten. Er hatte nachzudenken. Die Sophiakirche genügte ihm vorerst von außen, später würden sie sie sicher gemeinsam besuchen. Wie wenig dieser vermauerte Raum doch dem Vergleich der Peterskirche in Rom standhielt! Die Apostelkirche, in der sie sich mit ihren byzantinischen Brüdern später trafen, verdiente jedoch seinen Respekt. Er ging schon einmal hinein. Den Grundriss bildete ein ungleichmäßiges griechisches Kreuz, wobei der westliche Arm breiter und länger war. Nicht nur die Vierung war überwölbt, auch über den Kreuzarmen thronten Kuppeln. Die Kuppel im Westen war größer, genauso wie die Vierungskuppel. Hier, in der Mitte, kamen Erde und Himmel zusammen. Nikolaus blieb in der Mitte des Quadrats stehen und sah nach oben. Zwischen den Fenstern der lichtdurchfluteten Kuppel waren die zwölf Apostel als Engel dargestellt. Kues schloss die Augen und versuchte an nichts zu denken. Er spürte, wie ihn eine unsichtbare Energie durchflutete, die ihn wissen ließ, dass er nicht alleine war. Wieder draußen, waren die Gassen voll, niemand nahm von ihm Notiz. Aber genau so war es ihm recht. Er war verliebt und wusste nicht, wie er jemals der Alte sein sollte, nachdem er so intensive Gefühle erlebt hatte. Doch mit jedem gelaufenen Kilometer wurden seine Gedanken nüchterner. Der Wein, das Klima. Kein Wunder. Ja, er würde sich diesen Genuss hier erlauben, um dann gestärkt und ohne das Gefühl, etwas verpasst zu haben, für die Reformen zu arbeiten. Schließlich musste man erlebt haben, wovon man sprach! Und überhaupt – bei näherem Nachdenken schien auch Tommaso Gefallen am Bad gefunden zu haben. Und nicht nur am Bad … Doch was, wenn die sarazenischen Frauen jedem zu Diensten waren? Er konnte nur hoffen, dass dies nicht gar im Auftrag des Kaisers geschah, um sie zu seiner Belustigung zu verspotten. Sei’s drum! Ich gewinne jedes Wortduell, dachte er.

Und so vergingen die folgenden Wochen wie im Flug: Gebet, Baden, Lektüre, Verhandlungen, Reisevorbereitungen und fast jede zweite Nacht ein Stelldichein mit Melechsala. Er war schon fast süchtig nach ihren Treffen und den fleischlichen Genüssen. Hin und wieder träumte er, er würde sein Gewand ablegen, sich ein Häuschen am Wasser bauen und Melechsala freikaufen und zur Frau nehmen. Doch der Respekt, der ihm von ihren Verhandlungspartnern und auch von seinen Delegationsfreunden entgegengebracht wurde, ließ ihn jedes Mal wieder Vernunft annehmen. Sie waren in höchster Angelegenheit hier. Es ging um Himmel und Hölle, um Weltmacht, um etwas Großes! Worüber sollte er sich mit dieser Frau unterhalten? Sein Geist brauchte Nahrung und Gott hatte ihm eine verantwortungsvolle Aufgabe angetragen. Man kann kein Geistlicher sein und eine Frau lieben. Das verträgt sich nicht. Eine Erkenntnis, die ich nie wieder in Zweifel ziehen werde!, resümierte er.

Die Nachricht vom Tod des römischen Kaisers Sigismund und die Verlegung des Konzils nach Ferrara, wie erwartet, ließen ihn aufgrund der Entfernung verhältnismäßig kühl. Am 27. November desselben Jahres brachen der byzantinische Kaiser Johannes VIII., der Patriarch Joseph II. von Konstantinopel und zahlreiche Bischöfe der Ostkirche mit den päpstlichen Gesandten nach Westen zum Unionskonzil auf. Hier wird meine Geschichte sich von der Geschichte des Grafen von Gleichen unterscheiden. Ich werde Melechsala nicht mitnehmen, bedauerte Nikolaus im Stillen. Am Vorabend der Abreise übergab er ihr einen goldenen Ring mit einer Mondsichel zur Erinnerung. Ein Goldschmied im Bazar hatte ihn ihm verkauft. Nikolaus versprach wiederzukommen. Beide hatten sie Tränen in den Augen. Tränen logen nicht.

»Finde einen anderen Mann!«, versuchte Nikolaus, Melechsala zu verstehen zu geben. »Ich liebe dich! In Deiner Nähe könnte ich kein Geistlicher mehr sein.« Er war sicher, dass Gott diese Worte hörte.

Am 8. Februar 1438 erreichten sie gemeinsam mit den Vertretern der Ostkirche nach stürmischer Seereise den Heimathafen. Zeitweise meterhohe Wellen und ein stark schwankendes Schiff, dazu die nervös machenden, dicht aufeinanderfolgenden Order zum Hissen oder Reffen der Segel und der Bedienung des Steuerrades an die Matrosen schweißten die Reisenden als Gefahrengemeinschaft zusammen. Nikolaus und Tommaso verstanden sich noch besser als bereits schon zu Anfang ihrer Reise. Offensichtlich teilten sie ein unausgesprochenes gemeinsames Geheimnis. Sie hatten unendliche Gespräche geführt und währenddessen fasziniert dem Spiel der Wellen zugesehen. Dabei hatte Nikolaus festgestellt, dass die Wogen aus der Einheit des großen Ozeans emporstiegen, um für kurze Zeit als selbstständige Gebilde aus dem Meer herauszuragen. Dann fielen sie wieder zusammen. Eine jede Welle in ihrer unterschiedlichsten Ausdrucksform wurde wieder eins mit dem großen weiten Meer. Das war das Grundprinzip allen Seins!

Tommaso hatte ihn sofort verstanden. Sie waren sich einig: Das war das Sinnbild ihrer Mission. Die Ost- und die Westkirche mussten zusammenfallen.

Begeistert wurden sie am Zielhafen empfangen. Ihr diplomatischer Erfolg galt als Sensation, und Papst Eugen versprach Nikolaus, ihn bei nächster Gelegenheit zum Kardinal zu machen.

Kapitel 3

Erfurt 1444

Fast 20.000 Seelen zählte die große Handelsstadt Erfurt am Kreuzungspunkt der Via Regia und der Nürnberger Geleitstraße. Man nannte sie die türmereiche, denn alle Orden mit ihren Klosterkirchen waren in ihr vertreten. Es gab fünfundzwanzig Pfarrbezirke, ebenso viele Kirchhöfe, Kapellen und natürlich die mächtigen Wachtürme der langen Stadtmauer. Marktplätze, Gasthäuser, Ausspannen. Es war ein Getümmel auf den Straßen. Die reichen Waidhändler, die aus der Waidpflanze ein wertvolles blaues Farbpulver herstellten, Bierbrauer, Futterer, die die Ausspannen betrieben und als Getreidehändler die Pferde der vielen Fernhändler fütterten, Kaufleute, Goldschmiede, Tuch- und Gewürzhändler und die Ratsherren darunter und alle anderen, die zum Patriziat gehörten, protzten mit ihren großen Anwesen und verzierten steinernen Hausfassaden. Alle anderen versuchten, auch die kleinsten Häuserlücken mit Holzkonstruktionen und Lehm zu bebauen, sodass die Gassen enger und die Häuser höher wurden. Dort war das Leben elender. Die Breite Straße, die Wege zu den Märkten vor dem Rathaus, auf dem Anger, bei der Allerheiligenkirche und auf dem Platz vor den Graden, den Stufen, die auf den Domhügel führten, zu den Kirchen, zum Rathaus auf dem Fischmarkt, zum Kauf- und Waaghaus und zur Universität waren grob gepflastert, die Nebengassen hatten ungepflasterten Boden, der bei Regenwetter in ein Schlamm- und Kotbett verwandelt wurde, sodass die Bürger beim Passieren der Gassen meist schwere Holzschuhe anzogen. In die winkligen Gassen drangen nur spärlich Sonnenstrahlen und der Boden blieb wochenlang in seinem ekelhaften Zustand. Aus Gewohnheit entleerten die Bewohner allen häuslichen Unrat vor dem Haus. Stallmist, Scherben, Stroh und Kot häuften sich in den schmalen Durchlässen zwischen den einzelnen Häusern auf. In übel riechenden Pfützen standen die Abwässer in den verstopften Gassen, sickerten in den Boden, drangen in die Brunnen und durchsetzten das Trinkwasser mit Krankheitskeimen oder gelangten über die schmalen Wasserklingen in den großen Fluss. Da fast alle Stadtbewohner zur Deckung ihres Fleischbedarfs Vieh hielten, wälzten sich tagsüber die Schweine im Gassenkot, drückten ihn breit und trugen ihn weiter. Doch als fast noch unsauberer galten die Pfaffen und die Mönchsklöster. Die Mönche, die durch die Bürgerhäuser kamen, trugen auch ihre Unreinlichkeit in diese hinein. Häufig auch Krankheiten. Denn der Bettelmönch bettelte nicht nur, er pflegte auch den Kranken, in dessen Haus er trat. Vom Kranken ging er wieder zum Gesunden, setzte sich an seinen Tisch, berührte seine Kinder und seine Hausgenossen und verbreitete die Keime. Der Bürger aber küsste noch in Demut und Unwissenheit die Hand, welche sein Haus mit Unglück belastete.

Die Kleriker wüteten gegen die Fleischesteufel und erzogen ihre Gläubigen zur Heuchelei in fleischlichen Dingen. Das enge Zusammenwohnen in den Gassen und der Mangel an höherer geistiger Zerstreuung nährten jedoch die Sinnlichkeit. Die Notzucht war selbst durch Rädern und Vierteilen nicht zu besiegen, sodass Frauenhäuser eine unverzichtbare Angelegenheit waren. Obrigkeitliche Verordnungen regelten genau den Preis und die Ausübung des Gewerbes, schrieben den Dirnen die Kleidung vor, damit sie sich von den Frauen der städtischen Ehrbarkeit unterschieden. Die Liederlichkeit des Klerus hatte mit dem Zölibat zugenommen und immer häufiger sah man Kutten durch die Dirnengässlein streichen. Ein Mumenhaus, in dem Frauen für Geld ihre Körper anboten, befand sich ganz in der Nähe des Domes St. Marien, ein anderes zwischen Kaufmannskirche und Johanneskirche in der Sperlingsgasse. Die käuflichen Frauen verdienten hier ihren Lebensunterhalt.

Der Rat der Stadt hatte sich zu einer Besprechung im Rathaus versammelt. Martin von Nordhausen, Johannes von Allenblumen, Tilmann Ziegler, Hermann von Denstedt, Heinrich Lange, Johann Nafzer und Walter Ludolf waren die Anwesenden.

»Die Zustände in unserer Stadt sind fast unerträglich. Wir werden dem Laster kaum noch Herr, wenn nicht endlich die Klosterregeln erneuert werden und Zucht und Ordnung nicht nur gepredigt, sondern auch gelebt werden. Ich habe Angst um meine Verlobte, wenn sie bei Dunkelheit auf die Gasse geht. Die Bürger erwarten, dass wir handeln«, begann Martin.

»Nicht nur das. Der Schmutz und die Unzucht auf der einen Seite, die über alles erhabenen Juden auf der anderen Seite. Wir demütigen uns selbst dadurch, dass wir ein Bier- und Hurenhaus sind, und dazu kommt die Demütigung, uns von den Wucherern Geld leihen zu müssen. Bald haben uns die Juden in der Hand. Die Unzufriedenheit nimmt zu, die Zünfte raten ihren Mitgliedern, gegen die Steuerlast zu protestieren. Sie sagen, das Geld werde nicht klug ausgegeben«, ergänzte Allenblumen.

»Und denkt daran, dass wir eine der renommiertesten Universitäten haben. Hier werden Kirchenrecht und Theologie gelehrt. Diese Zustände schrecken die Gelehrten ab und machen die Fakultäten unglaubwürdig«, sagte Ziegler.

»Habt ihr gehört, dass das nächste Generalkapitel der Benediktiner dieses Jahr in Erfurt auf dem Petersberg stattfinden wird? Es geht um die Klosterreform. Bis dahin müssen wir Weichen stellen, Maßnahmen ergreifen, einen Plan haben und uns einmischen! Martin, dein Bruder ist doch bei den Benediktinern – sprich mit ihm. Vielleicht gibt es Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Abt Herling scheint nicht der richtige Mann für Reformen zu sein, wenn man den Gerüchten Glauben schenkt.« Ludolf machte ein ernstes Gesicht.

Martin von Nordhausen nickte. »Ja, wir müssen uns einbringen. Es geht nicht nur um die Klöster, es geht um unsere Stadt, um unsere Kinder und unseren Besitz. Wir müssen der höheren Gewalt gehorchen, und die gehört dem Konzil, das sich im Unterschied zu den Päpsten noch nie geirrt hat.«

Allenblumen ergänzte: »Alles richtig, schön und gut. Nicht zuletzt geht es natürlich auch um die Pest. Ist sie einmal da, breitet sie sich ohne Ansehen des Standes aus. Wie oft hatten wir sie in Erfurt? Die Ausgehverbote wurden unterwandert, Wachen vor den Häusern ausgetrickst. Wenn die Moral nicht strikt gepredigt, vorgelebt und überwacht wird, wird der Schwarze Tod immer wieder leichtes Spiel haben. Und die Folgen? Eine Handelsstadt wie unsere lebt vom Geschäft, von den Steuern. Nach der letzten Pestilenz war die Not groß, und es hat lange gedauert, bis wir wieder eigenständig wirtschaften konnten. Dörfer mussten wir verpfänden, Kredite bei den Juden aufnehmen. Und … Ihr wisst, dass gerade sie komischerweise vor der Pest gefeit zu sein scheinen!«

»Ja, Spielsucht, Trinkgelage in den Gasthäusern und Unzucht in den Schlafstuben, das alles hat stets die Pest verschlimmert. Eine Strafe Gottes, ganz einfach, wenn ihr mich fragt!«, ergänzte Martin.

Ziegler fügte hinzu: »Nur gut, dass wir den Freydelschen Turm gleich hier am Rathaushof erworben haben und sein Untergeschoss ein Gefängnis wird. Wie wollten wir es nennen? ›Zum Paradies‹?«

»Ja, ›Zum Paradies‹!« Alle lachten.

Martin von Nordhausen beeilte sich, nach der Ratssitzung nach Hause zu kommen. Es war schon Nachmittag, vielleicht saß sein Bruder Günther, der Mönch, noch beim Vater, bevor er zum Abendgebet zurück im Kloster sein musste. Sie besaßen ein großes steinernes Haus mit Pferdestall und Kutschenremise, mit Innenhof für den Bierausschank, wenn sie wieder brauten, und mit einem Waidspeicher, dessen spitz zulaufendes hohes Dach über drei Böden mit je vier Belüftungsluken verfügte. Es war April, die erste Ernte getrockneter Waidblätter befand sich im Speicher. Die Waidknechte hatten alle Hände voll zu tun mit dem Zerschlagen der Ballen, dem Befeuchten derselben mit dem gesammelten Urin des letzten Ausschanks, mit ständigem Umschaufeln und damit, fertige Waidasche in Tongefäße zu füllen und für den Verkauf vorzubereiten und zu lagern. Der Urin diente dem Gärungsprozess. Er durfte nur von Männern stammen, denn der Urin von Frauen war unrein. Bald würden sie wieder brauen und ein Extrafass nur für die Waidpinkler aufstellen.

Sie wohnten im Georgsviertel, das direkt an die Michaeliskirche grenzte, wo der Heilige Michael, der Drachentöter, als der Pfahl im Fleische des Juden galt. Über die unsichtbare Grenze dieser Kirche hinaus wohnte kein Jude mehr. Es war vielen schon ein Dorn im Auge, dass die wichtigen Handelsplätze um die Krämerbrücke und um das Rathaus von Spitzhüten und Geldwechslern beherrscht wurden. Martin grüßte den Juden Alexander Schmuck, der wohl gerade von der Synagoge kam. Die Stadt hatte vor Kurzem mit seinem Geld die Futterstraße neu gepflastert. Martin wünschte, sie hätten das Angebot ausschlagen können. »Wir sind das Aushängeschild der Stadt als Ausspann für die auswärtigen Marktbesucher, zahlen hohe Steuern und müssen im Sumpf versinken!« Ziegler selbst wohnte dort und forderte, auch in seiner Eigenschaft als Ratsmitglied, Abhilfe.

Die Glocke der Georgskirche schlug Viertel. Martin ging über den Innenhof durch den hinteren Eingang, der gleich über eine kleine Stufe in die Küche führte. Auf dem Herd stand ein Topf Suppe, der noch dampfte. Seine Mutter erhob sich vom großen Holztisch, an dem sein Vater und seine Brüder Günther und Hermann mit Bierkrügen saßen. »Martin! Magst du noch etwas Kohlsuppe? Günther sagt, sie wäre viel besser als die, die er im Refektorium bekommt!« Sie lächelte zufrieden.

Er bejahte, setzte sich und die alte Dame stellte eine Schüssel mit einer Scheibe Brot vor ihn hin.

»Grüßt Euch! Schön, Günther, dass ich dich noch antreffe. Wir hatten gerade Sitzung im Rathaus. Es geht um das Generalkapitel, von dem du mir erzählt hast. Ein wichtiger Anlass, kommt es doch nur alle sechs Jahre zusammen. Auch werden wichtige Ämter besetzt. Und natürlich geht es uns um die Missstände in der Stadt. Es geht so nicht mehr weiter! Weißt du, was man auf der Straße über die Geistlichkeit sagt?«

»Nein, nur raus damit!« Günther lehnte sich gelassen zurück. Er war der kühlere Gegenpol zu seinem eifrigen Bruder.

»Die Mönche mästen sich mit Sünden und werden fett von Aas. Oder: Lass den Mönch ins Haus, so kommt er in die Stube; lass ihn in die Stube, so kommt er ins Bett. Ich könnte noch weiterreden. Wie’s den Mönchen eigen, Essen, Trinken, Schweigen.« Günther zuckte verächtlich mit den Schultern. Ihn betraf das nicht.

»Martin, es reicht!«, mischte sich Vater Hans ein. »Worum geht’s?«

»Es geht um die Zustände in der Stadt. Die Kirche lebt’s vor, das Volk macht’s nach. Das Volk treibt’s bunt und niemand wird ihm habhaft.«

»Günther, dein Bruder hat recht. Seit zehn Jahren gehörst du dem Orden an. Was sagst du dazu? Oder du, Hermann. Du bist auch schon ein paar Jahre auf dem Petersberg?«

Hermann schaute betreten auf den Boden. »Der Abt lässt alles zu. Zudem hat er auch nichts unter Kontrolle. Er wohnt außerhalb der Klausur und lässt es sich gut gehen!«

Günther fügte hinzu: »Ich könnte so einiges berichten. Doch wer will es hören? Wer kann es ändern, wenn der Abt selbst der Schlimmste ist? Hier kommt ein Spruch von mir: Alles mit der Zeit, sagte der Abt, wie man ihn ob der Magd ertappte.«

Sie mussten lachen.

»Mein Sohn, Günther, du hast in diesem Jahr dein Grundstudium des geistlichen Rechts als Magister Artium abgeschlossen. Denkst du nicht, du könntest Einfluss nehmen? Der Titel gibt dir zweifelsfrei Autorität. Das Amt des Priors stünde dir gut. Danach solltest du streben. Versuche, dich beim Generalkapitel einzubringen. Auch wenn du bei den Gesprächen nicht dabei bist, könntest du dich in privaten Unterhaltungen hervortun, durch eine vorbildliche Haltung auf dich aufmerksam machen.«

»Ja, Günther, strebe den Prior an, und du, Hermann, du kannst schreiben und rechnen, versuche, in die Verwaltung zu kommen!«, riet Martin. »Da du gerade zu mehr Mitsprache rätst. Wie steht es um deine Chancen, in den Viererrat gewählt zu werden?«, erinnerte der Vater an Martins diesbezügliche Ambitionen.

»Es geht immer um Einfluss und Verbindungen. Wenn man mir zutraut, etwas bewegen zu können, so wird man mich wählen. Mein Amt verpflichtet euch alle. Unsere Familie muss im rechten Licht stehen.«

»Wir müssen zurück ins Kloster. Zur Komplet dürfen wir nicht zu spät sein. Gehabt euch wohl!« Der ältere Mönch Günther und sein jüngerer Bruder Hermann verließen in ihren schwarzen Kutten das Elternhaus, liefen bis zur Pergamentergasse, wo aus den Werkstätten der Papiermacher die Geräusche der Pressen zu hören waren, zum Severiviertel, das sich rechts unterhalb der Severikirche auf dem Domberg erstreckte. Dann ging es ein Stück bergan, an den Weinbergen des Klosters vorbei, auf den Petersberg.

Rechts außerhalb der Klausur befand sich das Gasthaus zum Grünen Hagen. Hier wohnte Abt Hartung Herling mit seinen Familiaren in dem eigentlich für Gäste bestimmten Gebäudekomplex. Es waren Laienmitglieder, die außerhalb des Klosters die Spiritualität des Benediktinerordens leben wollten, die bei ihm Rat und Vorbild suchten. Er selbst führte daher auch eher das Leben eines weltlichen Herrn und stellte seine aufwendige Haushaltung gerne zur Schau. Nur wenige Schritte und der Erfurter Benediktiner befand sich inmitten städtischen Lebens und Treibens. Einige Brüder aus dem Kloster tafelten ausgiebig und nach ihrem Geschmack in der Wohnung des Abtes und entzogen sich so der Verpflichtung zu Pünktlichkeit, Tischdienst, Gebet und Lesung sowie dem kargen Essen.

»Die Mönche verneigen sich nicht vor dem Abt, sondern vor seinen vollen Schüsseln. Merk dir das, Hermann! Hörst du das Gelächter und das schnelle Spiel der Geige? Es scheint schon wieder lustig zuzugehen.«

Günther und Hermann machten ein angewidertes Gesicht. Sie erreichten das große Holztor und klopften. Der Pförtner öffnete. Rechts war der Abteihof mit der großen Abtei. Links von der Pforte die Stallungen und der Wirtschaftshof, der sich die ganze Nordseite entlang erstreckte, mit dem Brau- und Malzhaus am Ende. Im Klosterinneren lagen nördlich des Kreuzgangs die Küche, das Laienrefektorium für die Brüder ohne Priesterweihe, das Sommerrefektorium, die Sprachstube und die Bibliothek, östlich das Winterrefektorium, das Archiv, der Kapitelsaal, in dem sich jeden Freitag die Mönche versammelten, südlich grenzte die Kirche an, und im Westen, wieder in Richtung Eingang, befanden sich die Kellnerei und die Böttnerei, die Fässer putzte, band und herstellte. Außerhalb des Klostergemäuers gelangte man nördlich zum Holzstadl, östlich zur Infirmerie, der Krankenstation, und zur Annenkapelle. Zwischen Annenkapelle und den Osttürmen der Peterskirche lag der Kirchhof mit der kleinen Fronleichnamskapelle. Die Brüder liefen durch die große Abtei über den Eingang im Westen in die Kirche zum Gebet. Dreiundzwanzig Altäre zählte die Kirche, wobei die mittleren, der Barbara-Altar, der Kreuz-Altar, der Benedikts- und der Peter-und-Paul-Altar im hohen Chor die wichtigsten waren. Der Bonifatius-Altar war eine Stiftung von Heinrich Brun, der schon seit Jahrzehnten im Stadtrat vertreten war. Der Barbara-Altar war von den Grafen von Gleichen vor circa hundert Jahren gestiftet worden. Sie hatten hier ihre Familiengruft.

An die achtzig Mönche, überschlug Hermann, hatten sich im Hohen Chor eingefunden. Weniger als die Hälfte aller Klosterinsassen. Sie nahmen ihre Plätze stehend im Chorgestühl ein. Mit gesenktem Kopf sprachen sie ein stilles Gebet. Der Prior saß rechts neben den Chorschranken. Die Kantorenbrüder Konrad von Kreuzburg und Friedrich Goldschmied stimmten den Psalmengesang an, in den die Anwesenden einstimmten. Die unterschiedlichen tiefen Tonlagen wurden ergänzt durch glockenhelle Stimmen, die zeitversetzt erklangen. Die Schwingungen erfüllten den ganzen Raum und durchfluteten das Innerste der Klosterbrüder. Günther stieß Hermann mit dem Ellenbogen unauffällig in die Seite und deutete mit den Augen auf Bruder Walter, der, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, offensichtlich die Augen geschlossen hatte und nun leicht hin und her wankte. Als der Gesang verstummte, vernahm man von ihm ein leises Schnarchen. Hermann flüsterte in seine Richtung: »Walter! Aufwachen!«

Der schrak zusammen und stieß so ungünstig gegen seinen hochgeklappten Sitz, dass die Stuhlklappe krachend nach unten fiel und man meinte, der Kirchenraum werfe das Krachen als Echo zurück.

»Halt die Klappe und sammle dich!«, wurde er vom Prior ermahnt.

Während der Komplet, dem Nachtgebet, sah Günther sich nach Abt Hartung um. Er war nicht überrascht, ihn nicht zu sehen.

Hartung Herling befand sich im Grünen Hagen, hatte seine jüngste Bedienstete, die 15-jährige Tochter des Böttchers Schmalfuß, in sein Zimmer kommen lassen, als es in der Gaststube laut und lustig zuging, und sie gefragt, ob sie etwas zu beichten hätte. Sie verneinte.

»Schönes Kind, komm setz dich mir gegenüber. Ich weiß, du musst Vertrauen zu mir fassen, um mir deine sündigen Gedanken zu gestehen.« Er zog einen Stuhl dicht vor den seinen, bedeutete ihr, sich zu setzen, und nahm ihre Hände. »Hör mal, Gott sieht alles und weiß alles. Ob eine Sache getan oder nur gedacht, ist das Gleiche. Denkst du manchmal an einen unbekleideten Mann?«

»Eigentlich nicht, oder vielleicht«, gab das Mädchen schüchtern zu.

»Hast du schon einmal einen beobachtet?«

Nun fühlte sie sich ertappt. Gott sah alles. Leugnen half nicht. »Ich habe schon einmal durchs Schlüsselloch geschaut, als meine Schwester und ihr Mann sich liebten.«

»Und, was hast du gesehen, mein Kind? Und welche Wünsche kamen in dir auf?« Hartung Herling merkte, wie seine Fragen, ihre Antworten und vor allem ihre Unschuld, die leicht erröteten Wangen und ihr tiefer Atem ihn erregten. Als sie dann sagte, wie ihr Schwager sich entkleidete und in ihre nackte Schwester eindrang und sie sich an ihre Stelle gewünscht hatte, zog der Abt sie zu sich und legte ihre Hand in seinen Schoß. »Gott will dich nicht unerfüllt und vor allem unerfahren von mir, seinem Diener, gehen lassen. So, wie du mir dienen musst, muss ich ihm dienen. So ist für alles gesorgt. Er begann, sie zu entkleiden, entledigte sich seines Beinkleides, ließ sie einen großen Schluck von seinem Gebrannten nehmen und begann sie am ganzen Körper zu streicheln. »Schäme dich nicht, es ist Gottes Wille. Er kennt dich sowieso.«

Der starke Alkohol machte des Böttchers Tochter willig, der Abt zog die Vorhänge zu und vergnügte sich an dem Mädchen, das er erst nach über einer Stunde mit der Ermahnung gehen ließ, dass die Beichte für beide dem Schweigegebot unterlag. Eine mehr, die mir hin und wieder das Leben versüßt, dachte er zufrieden bei sich.

Als sie das Zimmer verlassen hatte, richtete er seine Kleidung, zog seine Kutte über, setzte seine runde Kappe auf, die genau seine Tonsur bedeckte, und verließ den Grünen Hagen durch die Hintertür. Er musste ins Kloster, um nach dem Rechten zu sehen. Der Weg war zwar kurz, doch half er ihm, seine Gedanken an das Mädchen abzuschütteln. Er konzentrierte sich auf die Umgebung. Hinter der Mauer auf dem Klostergelände fingen die ersten Knospen an zu blühen. Ja, auch in ihm regten sich die Frühlingsgefühle immer wieder – an sich ein gutes Zeichen, dachte er, das von Jugendlichkeit und Gesundheit zeugte. Der Vorgarten eines Ordens symbolisierte eigentlich das Paradies. Er sah sich auf den Beeten um. Schlechtes Gewissen machte sich in seiner Magengegend breit. Angesichts der soeben erlebten Freuden erinnerte er sich an den Sündenfall. Die Frauen sind Verführerinnen und Schlangen! Was soll ich machen, Gott?, fragte Hartung in Gedanken. Morgen werde ich den Gärtner beauftragen, das Unkraut zu jäten, die Bäume in Form zu bringen und den Rasen zu schneiden.

Gerade als er seinen Schritt zur Abtei lenken wollte, kam ihm der Konventuale Otto Konrad Pfefferkorn entgegen. »Abt Hartung, ich grüße Euch. Ich wollte mit Euch sprechen. Es geht um Ichtershausen.«

Der Abt forderte ihn auf, mitzukommen. In der Abtei gingen sie in Hartungs Arbeitszimmer, wo dieser Konrad einen Hocker anbot. »Was ist es, Pater?«

»Ihr wisst, dass ich schon mehrmals Sorge geäußert habe wegen der Zisterzienserinnen in Ichtershausen, deren Beichtvater ich bin. Nicht nur, dass ich immer wieder Schoßhündchen antreffe, die, wie man mir sagt, den Besitzerinnen zum Zeitvertreib im Bett dienen oder gerade letztens wieder ein Kind geboren wurde, dessen Vater möglicherweise ein Erfurter Ordensbruder ist, auch der Kerzenverbrauch recht hoch ist aus mir zugetragenen unschicklichen Gründen und ich mir freiwillig einen Keuschheitsgürtel anlege, um nicht überfallen zu werden …«

»Entspannt Euch und kommt zum Punkt!«, ermahnte ihn der Abt mit ungeduldigem Gesichtsausdruck.

»Verzeihung. Nicht also nur das, sondern nun trage ich gar ein Panzerhemd unter meiner Kutte, weil ich von der Äbtissin Hildegard gewarnt wurde, dass bewaffnete Verwandte im Kloster auftauchen könnten, wegen der Klosterzucht, die ihren gutbürgerlichen oder adeligen Töchtern neuerdings zuteilwird. Ich bitte um Eure Unterstützung in dieser Angelegenheit!«

»Was erwartet Ihr?«

»Nun, viele Familien sehen es gern, wenn ihre Kinder den Umgang mit Nonnen pflegen, sich mit ihnen unterhalten und sogar die Feiertage im Kloster verbringen, fromm Gebete schreiben und lesen lernen und sich ein ehrbares Benehmen angewöhnen. Die Eltern sind bereit, dafür zu bezahlen oder wenigstens für die Unkosten aufzukommen. Doch ich fürchte um die Seelen der Nonnen, wenn Mädchen aus reichem Hause mit ihren roten und gelben Kleidern, mit Perlen und kostbarem Schmuck und bunten Borten die Sinne der Schwestern auf weltliche Freuden lenken.«

Weltliche Freuden. Der Abt sah für eine Sekunde das Bild des jungen Mädchens von eben vor sich, besann sich aber sofort seines Amtes. »Ich werde Euch das nächste Mal begleiten und mit der Äbtissin das Problem erörtern und auch zu beseitigen wissen. Seid unbesorgt!«

»Vielen Dank!« Konrad verließ die Stube des Abts. Hartung atmete tief durch. Er fühlte, dass er in mancher Angelegenheit nicht mehr der richtige Ansprechpartner war.

Schon klopfte der Nächste. »Herein!«

»Abt Hartung, gut, dass ich Euch antreffe. In meinem Amt als Cellerarius fühle ich mich verpflichtet, Euch darauf hinzuweisen, dass das bevorstehende Generalkapitel unter Umständen unsere Finanzen übersteigt. Die Bücher weisen nur geringe Mittel aus und mir wurden schon einige Beträge der Küche und des Gästehauses mitgeteilt, die sie für Besorgungen benötigen. Ich befürchte auch, dass der Erzbischof höchstpersönlich Einsicht in die Bücher nehmen wird und bei der Gelegenheit den Anteil des Erzbistums einfordert. Ich kann ihm schlecht erklären, dass wir mittlerweile für zwanzig Bälger zahlen. Vielleicht wird auch Ihre Wohnung außerhalb des Konvents wieder angesprochen. Ihr wisst, wie kritisch er sich im Oktober vor vier Jahren in unserer Abtei umgesehen hat und ihm auch nicht verborgen blieb, dass Ihr nicht innerhalb der Klausur lebt, wie es die Reformbulle von Basel vorsieht. Diese Urkunde mit der Verkündung der päpstlichen Rechtsakte ist absolut verbindlich, wie Ihr wisst.«

Der Cellerarius Jonas Eisenkraut war ein selbstsicherer und pflichtbewusster, aber auch gehorsamer Mönch, der sich um alle wirtschaftlichen und finanziellen Belange kümmerte. Abt Hartung wusste ihn auf seiner Seite. Gut, dass er ihn warnte. »Ich werde mir Gedanken machen. Danke für deine Offenheit!«

»Und nicht nur das. Im Vertrauen: Die Reformabsichten werden künftig Eigentum verbieten. Es aufheben, einziehen, wie auch immer – die Güterverwaltung wird sich ändern.«

»Woher wisst Ihr das?«, wurde Hartung hellhörig.

»Ich habe eine liebe Freundin unter den Nonnen von St. Martin im Brühl. Sie weiß vieles, was noch nicht in aller Munde ist.«

Hartung nickte nachdenklich und verständig. Als Jonas sein Arbeitszimmer verlassen hatte, schaute er vor der Tür, ob sich jemand auf dem Flur befand. Alles blieb still. Es war Zeit für die Prozession im Kreuzgang, worauf die Mönche in ihre Zellen zum Bibelstudium gingen. Auch Jonas war in Richtung Kreuzgang gelaufen. Hartung schlich durch die leere Kirche, schlüpfte durch eine Verbindungstür zum Kapitelsaal und ins daneben befindliche Archiv. Hier gab es einen kleinen Raum mit einer sehr schweren, durch eiserne Riegel verschlossenen Tür, zu der er als Abt den Schlüssel hatte. Er nahm sich eine Kerze und trat ein. Der fensterlose Raum war stockdunkel. Im Schein der Flamme konnte er die kostbaren Kelche, Insignien und die wertvollen Schmuckstücke, Geschenke von Gläubigen, betrachten, die dort auf samtenem Stoff in Regalen lagen oder standen, genauso wie die Reliquienbehälter. Hartung holte unter seiner Kutte ein Stoffsäckchen hervor, das an seinem Gürtel befestigt war. Nun ließ er diverse Ringe und Ketten, ein mit Edelsteinen besetztes Kästchen, ein durch Goldstickerei verziertes Tuch und einen kleinen goldenen Becher darin verschwinden. Er ordnete die Schatzstücke neu, sodass die frei gewordenen Stellen wieder gefüllt waren. Dann suchte er die Inventarliste, fand das Stück Pergament in einem Schubfach und steckte es sich in sein Obergewand. Das kalte Pergament lag steif auf seiner Haut. Er versicherte sich noch mal, dass alles unberührt aussah, schloss ab, stellte die Kerze an ihren Platz und verließ eiligst das Kloster, um seine Beute in sein privates Zimmer im Grünen Hagen zu bringen. Erst als er alles gut im hintersten Winkel unter seiner Matratze versteckt wusste, atmete er auf. Am nächsten Tag würde er seine Schwester besuchen und sie zum Wohle des Klosters und zum Schutz vor dem Zugriff Unberechtigter um Verwahrung der Gegenstände bitten. Der Klosterschatz ist nicht zuletzt aufgrund meines persönlichen Einsatzes gewachsen. Die Früchte meiner Arbeit nimmt mir niemand! Mit diesem Gedanken ging Hartung zu Bett und entglitt sofort ins Land der Träume.

Während der Abt schlief, verließen einige Mönche das Kloster. Zwei trieb es in die Gaststube, Pater Georg hatte einen kranken Mann zum Ziel. Seit zwei Wochen besuchte er ihn fast jeden Abend, um mit ihm für Genesung und das Erwachen am nächsten Morgen zu beten. Der Mann, dessen Kräfte schwanden, hielt dann seine Hand, dankte ihm mit einer Münze und trug seiner Frau auf, dem Mönch einen guten Schluck einzuschenken, bevor er wieder hinaus zum Kloster musste. Danach schlummerte er sofort selig ein und man hörte ihn von der Küche aus laut schnarchen.

An den ersten zwei Tagen blieb es beim Schluck des guten Weinbrands. Schon am dritten Tag wollte sich die junge und hübsche Frau des Hausherrn dankbar zeigen, indem sie ihr langes Haar offen trug, die Haube absetzte und Einblicke in ihr Dekolleté gewährte. Georg hatte die Einladung verstanden, sich aber nur zu einem heißen Abschiedskuss hinreißen lassen. Der Gedanke an diesen Kuss ließ ihn jedoch nach mehr verlangend unruhig schlafen, sodass er es am nächsten Tag kaum erwarten konnte, wieder zum Krankengebet zu gehen. Dieses Mal ließ er sich verführen und landete mit der Schönen im Stroh des frisch gemisteten Kuhstalls im Raum hinter der Küche außer Reich- und Hörweite des Krankenbettes. Die junge Frau war nicht nur dankbar für das Gebet, sie schien auch liebesdurstig, konnte ihr der wesentlich ältere und nun schon länger gebrechliche Mann in dieser Hinsicht wohl kaum etwas bieten.

Auch Pater Heinrich Holt frönte regelmäßig den fleischlichen Genüssen. Sein Gewissen belastete ihn hierbei wenig. Er ging zu den Pfaffenhuren im Mumenhaus hinter St. Marien in der Halben Monds Gasse. Eigens für die Geistlichen, um sie von anderen Sünden fern und damit im sonstigen Tun anständig zu halten, wurde das Haus eröffnet. Auf Reinlichkeit wurde geachtet, die Frauen verdienten sich damit ihr Geld. Der Mönch fand daran nichts Sündhaftes. Selbst bei der Beichte jeden Freitag im Kapitelsaal gab er seine Schwäche für das weibliche Geschlecht offen zu und erntete kaum Entsetzen. Heute war ein besonders lauer Frühlingsabend. Die Sonne war fast hinter dem Horizont verschwunden und schaffte gerade noch, einen dunkelroten Lichtstreifen hinter die Stadtkrone, den Türmen von St. Marien, St. Severi und St. Peter, zu zaubern. Einige bunt gekleidete Damen mit knallroten Lippen saßen auf einer Bank vor dem Frauenhaus oder standen davor. Er wollte immer zu einer bestimmten. Sie war vielleicht gerade siebzehn Jahre alt, hatte lange blonde Haare, blaue Augen, war ein bisschen füllig mit überdimensionalen Brüsten. Manchmal machte er nicht viel mehr, als sich nur an ihren weichen Körper zu schmiegen. Sie schien ihn schon zu erwarten, denn sie erhob sich von der Bank, als sie ihn nahen sah. »Bruder Heinrich, ich freue mich, Euch zu sehen. Gleich in die Badestube oder wollt Ihr erst essen und trinken?«

»Gehen wir rein. Eine Kleinigkeit essen, dann baden und trinken, anschließend ins Bett wäre heute genau richtig.«

Sie betraten das große Haus, dessen Fensterläden immer geschlossen waren. Drinnen gab es Laternen mit rotem, blauem und grünem Glas. Die Kupplerin stand am Eingang und überprüfte, wer mit wem die Räume betrat, um dann später abzurechnen.

»Wir gehen erst in die Gaststube, dann in den großen Zuber und hinterher ins Zimmer – mit einem Krug Wein, bitte!«

Die Kupplerin nickte zufrieden.

In der Gaststube ging es bereits lustig zu. Er war nicht der einzige Mönch. Ein Karthäuser und ein Dominikaner waren ebenfalls da. Sonst machte er noch einen fremdländischen Händler aus, des Weiteren zwei Auswärtige und drei Hiesige, der eine jung, die zwei anderen älter. Ein Musikant spielte einen schnellen Rhythmus und es wurde gebrüllt, gekreischt und gelacht. Heinrich aß ein schönes Stück Schweineschulter mit gebratenem Kamm. Ihm tropfte das Fett aus den Mundwinkeln, das ihm seine Hure mit der Zunge ableckte. Dann führte sie ihn in den Baderaum, wo diverse größere Wannen nebeneinanderstanden. Sie legten ihre Kleidung ab und stiegen in das lauwarme Wasser, dem nun von einer anderen fast unbekleideten Dame heißes Wasser aus einem Bottich hinzugegossen wurde. Mit dem Waschvorgang begann das Liebesspiel, wobei sich der Mönch nicht nur von seiner Gespielin erregen ließ, sondern auch von dem, was in den anderen Zubern zu erahnen war. Da es nur vier Badebottiche gab, mussten sie dem nächsten Paar Platz machen und begaben sich nun in das kleine Privatzimmer, in dem schon ein Krug Wein wartete. Dort fuhren sie mit Zärtlichkeiten fort, bis der Mönch sich erschöpft ein kurzes Nickerchen erlaubte. Nach zwei Stunden wachte er alleine wieder auf, zog sich an und ging zum Bezahlen.

Бесплатный фрагмент закончился.

990,92 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
25 мая 2021
Объем:
214 стр. 7 иллюстраций
ISBN:
9783839267165
Издатель:
Правообладатель:
Автор
Формат скачивания:

Похожие книги