Читать книгу: «Die erfundene Armut»
Alex Bergstedt
Die erfundene Armut
Wie machtgierige und populistische Politiker den Menschen einreden, sie seien arm
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Die erfundene Armut
Einleitung
Schockierende Zustände (?)
Wer ist arm?
Der Investor, der die gesamte Bevölkerung in bittere Armut stieß
Definition: Wer gilt als arm
Welches ist der Bezugsraum zur Berechnung der Armutsstatistik?
Was ist die angemessene Bezugsgröße zur Berechnung der Armut?
Das Beispiel Monaco
Eigene Berechnung
Das absolute Minimum zum Überleben
Lieber ein Reicher unter Armen sein als ein Armer unter Reichen?
Gefühlte Armut
Nico und Franz feiern Sylvester
Eine Parabel über den Neid
Der großzügige Bürgermeister
Das Kind auf dem Bergbauernhof
Wer hat Interesse daran, dass Menschen sich arm fühlen?
Fehlstart
Die armen westdeutschen Arbeiter in der Propaganda der DDR
Arme Reiche und reiche Arme
Meine eigene Situation
Töten oder vertreiben wir den reichen Insulaner!
Bist du reich oder arm?
Der Birnbaum
Was Gott herstellt ist billig, aber gesund?
Eine Mahlzeit unterwegs für 1 Euro
Kalorienangaben für normale Menschen oder nur für Reiche?
"Armut ist kein unausweichliches Schicksal"
Armut beeinträchtigt die Bildung?
Zwei Jungen am Sonntag
Eine Analphabetin macht ihre Kinder zu Leseratten
Lesen macht intelligent
Herausbildung der Intelligenz in den ersten Monaten
Ehrgeiz ja, Neid nein
Was kann ich machen, wenn ich arm bin?
Was ist mit Menschen, die sich nicht organisieren können und daher nicht mit 50 Euro für Lebensmittel auskommen?
Arme Familien
Gespräch in Belo Horizonte
Wie kann man armen Menschen helfen?
Was sind wirklich arme Menschen?
Wie kommt man fast ganz ohne Geld aus?
Pflicht zur Hilfeleistung endet wo?
Falsche Werte
Armenquote
Gewerkschaften für mehr Gleichheit oder für mehr Privilegien?
Welchem armen Kind kann ich sie schenken?
Ein Leserbrief
Nörgeln und Schwarzmalen als Beruf
Zufriedenheit
Juliane und der verlorene Koffer
Echte Armut
Echter Reichtum
Ungenutzter Reichtum und Ressourcen
Christliche Ethik und Kapitalismus
Anhang: Brief an eine verzweifelte Person
Über den Autor:
Impressum neobooks
Die erfundene Armut

Alex Bergstedt
Die erfundene Armut
Armut in reichen Ländern:
Eingebildetes Phänomen oder
tatsächliches gesellschaftliches
Problem?
Sassnitz
2018
Impressum
Texte: © Copyright by Alex Bergstedt
Umschlag: © Copyright by Alex Bergstedt
Einleitung
Die meisten Menschen würden, wenn sie einmal die Möglichkeit hätten, Deutschland zu besuchen, über den unwahrscheinlichen Reichtum staunen. Stattliche, solide Häuser, teure Autos, teure Handys, Markenkleidung, kostenlose Schulen und für mittellose Arme sogar kostenlose Krankenversorgung, Sozialhilfe, Wohnungen auf Staatskosten, kostenlose Parks, Wälder, Spielplätze und andere Einrichtungen, Sportangebote und Kultur, oft ebenfalls kostenlos, zumindest aber kostengünstig, kostenloses Internet und viele andere oft kostenlose Angebote von Chören über Wandergruppen bis hin zu Kinderbasteln oder Gottesdiensten. Berichtete man über ein solches Schlaraffenland in den armen Gegenden der Welt, würde man wohl oft für einen Lügner gehalten werden.
Auf der anderen Seite mehren sich immer dramatischer die Pressemeldungen, die über die stetig wachsende Armut in Deutschland berichten. Immer mehr Kinder sollen davon betroffen sein, sogar von Hunger ist die Rede.
Welche von den beiden Alternativen ist wahr? Oder gelten beide, weil die einen sehr viel reicher werden, die anderen aber in die Armut herabgesunken sind? So titelte ein Rundfunksender: „Die Wirtschaft wächst, die Armut auch.“
Schockierende Zustände (?)
„Schockierende Studie: Immer mehr Menschen in Deutschland von Armut betroffen“ lautete ein Zeitungsartikel, der anprangert, dass die reichsten zehn Prozent die Hälfte des Vermögens besitzen.
Zehn Prozent sind eine abstrakte Größe. In Deutschland wären das rund 8 Millionen Menschen. Ist das viel oder wenig? Meistens kann man es sich besser vorstellen, wenn man viel geringere Zahlen hätte, mit denen man eher gewohnt ist, zu hantieren. Daher hier ein überschaubares Beispiel:
Auf einer Insel leben zehn Leute. Zwei verdienen 10.000€ im Monat, einer von den beiden gibt 9000€ im Monat aus, der andere liebt keinen Luxus und lebt von 2000€. Den Rest legen sie jeweils an. Vier Leute verdienen 4000€, drei geben alles aus, einer gibt nur 2000 aus und legt den Rest an. Zwei Leute verdienen 2000 Euro, einer gibt alles aus, der andere spart monatlich 500€ an. Zwei Leute sind nicht berufstätig und verdienen nichts.
Nach zehn Jahren haben alle Insulaner zusammengerechnet ein Vermögen von rund 1,4 Millionen aufgebaut, mögliche Zinsen, Aktiengewinne usw. der Einfachheit halber nicht mitgerechnet. Die reichsten zehn Prozent entsprechen auf dieser Insel genau einer Person, (denn 10% von 10 Personen sind eine Person,) und diese ist natürlich diejenige, die monatlich 8000€ zurückgelegt hat und daher nach zehn Jahren 960.000€ besitzt. Damit sind die Zustände auf dieser Insel noch schockierender als in Deutschland, denn die reichsten zehn Prozent, also die eine Person, besitzen nicht nur die Hälfte des Vermögens, sondern zwei Drittel. Sollte man dem Typ sein Geld wegnehmen oder einen Teil wegnehmen, oder sollte man ihn zusätzlich auch noch mit Gefängnis o.a. bestrafen? Oder sollte man womöglich seinen Reichtum tolerieren, auch wenn sich die anderen vielleicht darüber ärgern und er somit die Lebensqualität der anderen durch seinen Reichtum beeinträchtigt? Oder müsste man ihn gerade umgekehrt dafür loben, dass er durch seine Sparsamkeit und bescheidene Lebensweise so viel angespart hat.
Wer ist arm?
Eines Tages trafen sich zwei Männer in einer U-Bahn-Station gerade an einer Stelle, an der ein Obdachloser zusammengerollt auf einer Bankschlief. Der eine sagte: „Es ist eine Schande.“
„Ja, diese Obdachlosen haben kein Benehmen.“
„Nein, ich meinte, es ist eine Schande für unsere Gesellschaft, dass wir es nicht schaffen, diesen Leuten zu helfen, damit sie wieder auf die Beine kommen.“
„Da kann unsereiner nichts machen. Oft sind das Alkoholiker oder wollen gar keine feste Wohnung. Was willste da machen? Dafür gibt es doch Kirchen und Wohlfahrtsverbände mit Sozialarbeitern, und die sollten sich da auskennen.“
„Ja, das stimmt, aber die Kirchen und Wohlfahrtsverbände haben viel zu wenig Mitarbeiter dafür. Wir Reichen müssten diese Verbände mehr unterstützen, damit sie Sozialarbeiter einstellen können.“
„Was heißt hier „wir Reichen“? Ich bin ein ganz normaler Lehrer und kein Millionär. Ich komme finanziell gerade so über die Runden.“
„Wie du weißt, bin ich seit einem Jahr arbeitslos und bekomme Hartz IV. Aber seitdem ich zwei Jahre in Afrika gearbeitet habe, weiß ich, dass ich reich bin, auch wenn ich nur ein Viertel von dem bekomme, was du verdienst.“
Arm oder reich – das ist hier die Frage. Immer häufiger erschrecken uns Zahlen, die von wachsender Armut berichten. So gab der Spiegel online am 22.8.2018 bekannt, dass 4,4 Millionen Kinder in Deutschland arm seien. Auf der anderen Seite gibt es viele Bürger, die Geld übrighaben und froh wären, einmal einem armen Kind zu helfen, ihm Klavierstunden zu ermöglichen, ihm einen Aufenthalt am Strand oder einen anderen Ausflug zu ermöglichen oder ihm mit Büchern zu helfen, aber sie finden keine hilfsbedürftigen Kinder. Was ist also los?
„Immer mehr arme Menschen in Deutschland“ titelten Medien in den vergangenen Jahren. Es gibt immer mehr arme Menschen in Deutschland - aber auch immer mehr Reiche. Die Schere zwischen arm und reich wird in der Gesellschaft immer größer. Parteien vom rechten und linken Rand hauen in diese Kerbe und prangern die Regierung an, die sie für die „grassierende Armut“ verantwortlich machen. Aber während sonst die Medien besonders zu den Parteien des rechten Rands Distanz halten, ziehen sie in diesem Punkt meistens am selben Strang und informieren ihre Leser darüber, dass sie zu einem großen Teil arm sind. Selbst gemeinnützige Organisationen und Kirchen verbreiten diese Propaganda, ungeachtet des einstmals propagierten Armutsideals, dessen zufolge die Armut dann ja eigentlich nicht verteufelt werden dürfte.
Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung informiert, wie viel die Menschen in Deutschland verdienen. Demnach leben 5,4 % der Befragten dauerhaft unter der Armutsgrenze, das bedeutet seit mehr als fünf Jahren. Als Armutsgrenze für eine alleinstehende Person wurde für diese Studie ein Einkommen von 12.192 Euro im Jahr angenommen, das sind rund 1016,00 Euro im Monat zum Leben. Als reich zählt man hingegen, wenn man allein 40.639 Euro im Jahr verdient (das sind im Schnitt 3.364 Euro im Monat). Dauerhaft reich sind rund 3,4 % der Bevölkerung. Es gibt also mehr arme als reiche Menschen - und die Zahl der Armen nimmt schneller zu. Das Problem ist, so schreibt die Studie, dass sich auch die Lebenswelten der Armen und Reichen immer mehr entfremden: Kinder werden auf unterschiedliche Schulen geschickt, die Häuser oder Wohnungen liegen in verschiedenen Vierteln, die Freizeitgestaltung und die Einkaufsmöglichkeiten sind andere.
Angeblich war früher alles besser. In den Jahren nach dem Krieg waren fast alle arm, die Löhne waren sehr gering, aber man hat gemeinsam das Land wieder aufgebaut. Lehrer, Pastoren, Richter oder andere Beamte waren genauso zu einfachem Leben gezwungen wie Arbeiter und Angestellte. Somit hat es mehr Gerechtigkeit gegeben. Seit den 70ger Jahren ist die Schere zwischen arm und reich dann immer weiter auseinander gegangen. Der zunehmende Wohlstand machte Unternehmer, aber auch viele kleine Selbständige wohlhabend und der Staat erhöhte die Besoldung der Beamten und Angestellten stetig. Wer in den 70ger Jahren aus Deutschland ausgewandert ist und jetzt zurückkommt, wird es nicht mehr wiedererkennen. Alle Leute besitzen unheimlich viele Dinge. Die Anzahl der Autos ist unermesslich. Viele Familien besitzen mehrere Autos, teure Fernseher oder ganze Anlagen (Heimkino oder Home Cinema o.a.) in raumfüllender Größe, Handys für alle Familienmitglieder, kaufen Fertiggerichte, fahren überallhin mit Autos oder anderen kostenerzeugenden Verkehrsmitteln und leisten sich kostenpflichtige Dienste wie Netflix, Pay-TV, Streamingdienste und vieles mehr. Auf der anderen Seite sieht man Obstbäume und Sträucher, die niemand aberntet, und in der Landwirtschaft (z.B. auf den Erdbeerplantagen) verdienen sich nicht mehr Kinder, Hausfrauen oder Arbeitslose ein Taschengeld, sondern die Landwirte müssen sich ihre Arbeitskräfte aus dem Ausland holen.
Als ich in den 70ger Jahren selbst auf einem Erdbeerfeld pflückte, war ich 14 oder 15 und damit bei weitem nicht der Jüngste. Auch andere Kinder verdienten sich dort ein Taschengeld, und manchmal pflückten dort Mütter, oft auch türkische Gastarbeiterfrauen, und alle ihre Kinder bis zu den kleinsten halfen mit.
Als ich jedoch 2019 auf ein Feld zum Selbstpflücken fuhr, war ich mit 57 Jahren der Jüngste.
Die Hans-Böckler-Stiftung hat eine Grenze von rund 1000 Euro als Grenze definiert, unter welcher ein Mensch in Deutschland als arm gelten soll. Nun könnte die Regierung einfach allen Menschen, die weniger als 1000 Euro haben, etwas dazugeben, dann wäre die Armut ausgelöscht.
Organisationen, die daran ein Interesse haben, dass es so wirke, dass das Land von Armut gebeutelt sei und dass die Menschen glauben, dass sie arm sind, haben daher eine andere Definition erfunden. Danach gilt als arm, wer weniger als 60% des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. Mit dieser Definition ist die Existenz der Armut für immer garantiert, denn es ist praktisch unmöglich, sie auszurotten.
Denken wir zum Beispiel an eine exklusive Insel, auf der sich nur Schickeria tummelt, rund hundert Leute, von denen der ärmste 7 Millionen besitzt, der reichste 37 Milliarden. Der durchschnittliche Verdienst liegt wegen der hohen Einnahmen der Milliardäre bei 5 Millionen pro Monat. 60% davon sind 3 Millionen. Die meisten Millionäre kommen bei weitem nicht auf diese Armutsgrenze, so dass 70% dieser Multimillionäre als arm gelten müssen.
Der Investor, der die gesamte Bevölkerung in bittere Armut stieß
Ein anderes Beispiel: Auf einer Insel in der Südsee wohnten 20 Eingeborene ein primitives, aber glückliches Leben. Sie ernteten Kokosnüsse und andere Früchte, aber bauten auch ein wenig an, fischten und jagten. Alle verdienten für europäische Verhältnisse sehr wenig, so um die 100 Euro, wenn sie mal etwas an gelegentlich in Yachten vor der Insel ankernde Touristen verkauften, aber da sie für Nahrung kein Geld auszugeben brauchen, ihre Hütten selbst bauen und bei dem gleichmäßig warmen Klima kaum Kleidung brauchen und diese zudem oft selbst herstellen, brauchen sie im täglichen Leben gar kein Geld, so dass viele mehrere Tausend Euro in ihren Hütten angesammelt haben und sich sehr reich fühlen.
Eine Untersuchung einer gemeinnützigen Einrichtung kam sogar zu dem Ergebnis, dass es sich um eine der Regionen mit der geringsten Armut weltweit handelte. Als arm gilt dieser Einrichtung ein Mensch, der weniger als 60% des Durchschnitts verdient. Niemand verdiente weniger als 60% des Durchschnitts, da alle etwa gleich arm waren, und so war für die Statistiker alles auf der Insel im sozialen Sinne in Ordnung, denn laut ihrer Statistik war ja niemand arm.
Eines Tages hatte ein Tourist, der mit seiner Yacht die Insel kennengelernt hatte, eine Idee. Er verhandelte mit den Bewohnern, mietete ein Grundstück an und baute ein kleines Hotel für Touristen, die ein unberührtes Eiland zum Ausspannen suchen. Als Grundstücksmiete zahlte er jedem Bewohner 100 Euro pro Monat, außerdem nahmen auch fünf oder sechs Bewohner das Angebot an und arbeiteten für monatlich 200 € in dem Hotel, so dass fast jede Familie auch davon profitierte, und bald besaßen etliche Familien Fernseher, Handys, neue Kleidung und andere Artikel. (200 € waren nicht nur auf der Insel, sondern in der ganzen Gegend eine sehr gute Bezahlung, vor allem für einen ungelernten Job.)
Als die gemeinnützige Organisation im nächsten Jahr wiederkam, um die Statistik zu aktualisieren, kam sie allerdings zu einem schrecklichen Ergebnis. Der Investor war inzwischen auf die Insel gezogen. Er war reich, verdiente gut an seinem Hotel, vermietete seine Yacht und hatte sein zuvor bewohntes schönes Haus in Europa und sein dortiges Sommerhaus verkauft und sein gesamtes Vermögen gut angelegt, so dass er auf ein monatliches Einkommen von rund 100.000 € kam. Die auf der Insel wohnhaften Hotelangestellten verdienten mit Nebeneinnahmen so 400 €, die anderen kamen durch den stärkeren Touristenzustrom nun auf 200 € im Monat. Das verheerende Ergebnis ergab, dass das Durchschnittseinkommen der nunmehr 21 Bewohner nunmehr 5000 € betrug, aber 95% der Bevölkerung verdienten noch nicht einmal 10% des Durchschnittseinkommens, waren also jämmerlich arm. Da sieht man mal wieder, dass die Investition eines bösen Kapitalisten der Bevölkerung keinen Wohlstand bringt, sondern Elend! Karl Marx hat wohl doch recht, oder?
Die Inselbewohner selbst hatten allerdings weder von Marx noch von der Theorie, dass alle arm seien, die weniger als 60% des Durchschnitts verdienten, gehört und sagten in der Befragung, es gehe ihnen wesentlich besser als zuvor und sie seien glücklich mit ihrem Leben.
Traurig über das primitive Denken der Bewohner schickte die Organisation den Bewohnern daher einen politisch gebildeten Aufklärer, der den Bewohnern erklärte, dass der Hotelbesitzer zwanzig bis fünfzig Mal mehr verdiene als sie, ein Hotel besitze und über viele Aktien verfüge, von denen die Bewohner zwar keine Vorstellung hatten, die aber wohl wichtig für ein menschenwürdiges Leben sein mussten.
So kam es, dass die Bewohner sich mit der Zeit benachteiligt und als Bürger zweiter Klasse fühlten und traurig und depressiv wurden.
Definition: Wer gilt als arm
Laut Wörterbuch ist derjenige „arm“, „dem das Notwendige zum Leben fehlt“.
Die Berthelsmann-Stiftung dagegen definiert: „Als arm gelten laut Definition der Studie Kinder aus Familien, die mit weniger als 60 Prozent des mittleren Haushaltsnettoeinkommens auskommen müssen oder Hartz IV beziehen.”
So gilt ein Mensch als armutsgefährdet, wenn er weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. 2016 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 1064 Euro, für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2234 Euro im Monat. In Deutschland gilt dies für jeden Sechsten, das sind 16,5 Prozent der Bevölkerung. 3,7 Prozent müssen sich materiell erheblich einschränken. Das heißt, die Betroffenen waren nicht in der Lage, die Miete, Hypotheken oder die eigene Versorgung zu bezahlen oder die Wohnung angemessen zu beheizen. 9,6 Prozent der Bürger unter 60 Jahren lebten in einem Haushalt mit sehr niedriger Erwerbsbeteiligung.
Auf ähnlich lautende Berechnungen berufen sich auch andere Institutionen oder Parteien, die die Armut in Deutschland anprangern und das Thema „Armut in Deutschland” propagieren.
Nun kann man dabei allerdings einen großen Einwand erheben: Was wäre, wenn ein gigantischer Wirtschaftsaufschwung dazu führen würde, dass alle plötzlich doppelt so reich wären? Würde die Armut dann abnehmen? Antwort: Nach der obigen Definition, die die 60% zur Grundlage hat, würde die Armut danach genau so groß sein wie zuvor.
Um das genauer zu verstehen, könnten wir uns ein übersichtliches Beispiel vorstellen, zum Beispiel ein Dorf mit hundert Einwohnern. Einige Menschen wissen vielleicht nicht, dass es so kleine und doch selbständige Dörfer gibt, da sie in Gegenden wohnen, wo kleinere Dörfer ihre Selbständigkeit verloren haben und von einem Bürgermeister aus einem größeren Dorf im Rahmen einer Gesamtgemeinde regiert werden. In vielen Staaten und auch in einigen deutschen Bundesländern ist das die Regel. In Brasilien werden sogar mitunter zwei oder drei kleine Städte unter einem Bürgermeister (oder sollte man besser „Landrat“ sübersetzen?) zusammengefasst.
Das kleinste deutsche Dorf liegt auf einer Hallig und hat sieben Einwohner. Die Menschen regieren sich selbst und können selbst darüber abstimmen, wenn sie irgendetwas verändern wollen, zum Beispiel, ob sie in der Weihnachtszeit einen Weihnachtsbaum auf der Hallig aufstellen wollen, wo er stehen soll, wie lange er stehen soll, von wann bis wann er stehen soll, wieviel er kosten soll usw. Wäre es nicht im Grunde absurd, wenn so etwas andere Menschen in einer Stadt auf dem Festland für die Halligbewohner entscheiden würden?
Nehmen wir an, alle Bewohner wären Buddhisten oder Moslems, aber der Bürgermeister in der Stadt schreibt ihnen vor, dass sie im Zentrum der Insel einen Weihnachtsbaum aufstellen müssen.
Oder umgekehrt, alle sind Christen, aber der Bürgermeister in der Stadt ist der Meinung, dass man keine Kreuze und Weihnachtsbäume öffentlich aufstellen solle, da islamische und atheistische Mitbürger sich in ihrer Gemütsruhe gestört fühlen könnten.
In Schleswig-Holstein ist es übrigens zum Beispiel so, dass Dörfer unter 100 Einwohnern zwar einen Bürgermeister, aber keine Gemeindevertreter haben, sondern alle Belange in Vollversammlung entscheiden. Also eigentlich eine perfekte Demokratie.
Also, da wir nun wissen, dass es Dörfer mit hundert Einwohnern gibt, stellen wir uns einmal eines vor. Es liegt abgelegen, vielleicht sogar auf einer Insel vor Schleswig-Holstein.
Einige Einwohner sind Landwirte, andere arbeiten auswärts, andere sind bei Staat oder Kirche angestellt oder arbeiten als Fischer, manche sind Rentner. Manche haben kein eigenes Land oder kein eigenes Fischerboot, und erhalten als Helfer in der Landwirtschaft oder auf einem Fischerboot nur einen geringen Lohn.
Insgesamt sieht die gerundete Einkommensverteilung so aus: 10 Einwohner verdienen rund 1000 Euro, 10 rund 1500, 20 rund 2000, 30 rund 3000, 20 rund 4000, 10 rund 5000.
Das durchschnittliche Monatseinkommen beträgt also 2850 Euro. 60% davon sind 1710 Euro. Also verdienen 20 Einwohner weniger als 1710 und müssen als arm gelten.
Als das bekannt wird, macht der örtliche Pastor eine Kampagne in der Presse zur Bekämpfung der Armut und das Problem erscheint in den Medien. Die Menschen, die plötzlich als arm bezeichnet werden, hatten zuvor vielleicht nicht einmal den Eindruck, dass sie arm seien, nun aber wird ihnen erklärt, dass sie arm sind, und wenn sie darüber nachdenken, fällt ihnen auf, dass sie tatsächlich manche Dinge nicht besitzen, die andere haben. Manche von ihnen sind auch Rentner und besitzen bereits alles, was man sich vorstellen kann, was sie sich im Laufe des Lebens angeschafft haben, oder haben sogar beachtliche Ersparnisse, aber der Besitz geht ja nicht mit in die Rechnung ein und daher gelten sie weiterhin als arm.
Immer mehr Zeitungen schreiben über die Armut in dem Dorf und veröffentlichen Apelle des Pastors und nun auch des Bürgermeisters an die Bundes- und Landesregierung, aber die Regierungen verweisen auf die allgemeinen Maßnahmen, die es bereits gibt und sagen, für die Menschen in diesem Dorf könnten keine anderen Regeln gelten als für den Rest des Landes.
Da hört der reichste Mann Deutschlands von dem Dorf und seinen Problemen, und er beschließt, zu helfen. Er ruft den Pastor an und verspricht, dass er allen denjenigen, die arm seien, das Einkommen verdoppeln wolle. Die unteren zehn Prozent erhielten damit statt 1000 nunmehr 2000 Euro, die nächsten statt 1500 nunmehr 3000 Euro.
Euphorisch ruft der Pastor sogleich den Bürgermeister an und teilt ihm mit, dass das Problem Armut besiegt sei. Der Bürgermeister veröffentlicht das sogleich, aber der Oppositionsführer im Dorf verdirbt die Freude und attackiert den Bürgermeister. Der Oppositionsführer gehört nämlich zu denjenigen, die 2000 Euro verdienen, und er wird in Zukunft zu den Ärmsten gehören. Andere, die vorher weniger hatten, würden durch die Spenden mehr als er und andere seiner Einkommensklasse haben. Die 20 Bürger, die bereits zuvor 2000 Euro verdient hatten, machen zusammen mit einigen Sympathisanten so viel Druck, dass der Bürgermeister um ein Gespräch mit dem Spender bittet.
Als der spendable Milliardär von den Schwierigkeiten in dem Dorf hört, ärgert er sich zwar, aber er will seine Spenden nicht widerrufen, zumal er in allen Zeitungen gelobt und bereits fürs Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen wurde. Daher entschließt er sich spontan: „Damit niemand unzufrieden sein muss, werde ich die Einkommen derjenigen, die 2000 Euro verdienen, auch verdoppeln.“
Der Bürgermeister bedankt sich, gibt aber zu bedenken: „Ich fürchte, dass dann diejenigen, die jetzt 3000 Euro verdienen, protestieren werden, denn sie wären dann in Zukunft schlechter gestellt, als diejenigen, die jetzt 2000 Euro verdienen, denn diese werden ja in Zukunft 4000 Euro haben.“
Daraufhin seufzt der Milliardär: „Ich sehe schon, wenn ich Ihnen etwas Gutes tun will, muss ich die Einkommen aller Ihrer Einwohner verdoppeln. Was soll´s, ich habe genug Geld, ich werde es so machen, alle werden das Doppelte erhalten.“
Die Freude im Dorf ist riesig. Der einzige Anhänger der Linken im Dorf versucht jedoch, die Augen der Mitbürger zu öffnen, dass es sich ja nur um eine Augenwischerei eines Kapitalisten handelt, mit der er die Menschen betrügen wolle. Er rechnet vor: „Das durchschnittliche Monatseinkommen werde nunmehr 5700 Euro betragen, und somit würde die Armutsgrenze (also 60 Prozent davon) bei 3420 Euro liegen. Somit seien unverändert 20% der Einwohner arm.“
Der Pastor weigert sich jedoch, den Mann seine Sicht der Dinge im Kirchenblatt veröffentlichen zu lassen, und so tut er sich in dieser Not mit den drei AfD-Anhängern des Dorfes zusammen, und sie bezahlen eine Anzeige in der Lokalzeitung, in der sie die Rechnung veröffentlichen, mit der sie zweifelsfrei nachweisen, dass die Armut keineswegs abgenommen habe, wobei sie noch darauf hinweisen, dass die „Mainstreammedien“ (damit meinen sie das Kirchenblatt) diese Tatsache verschweigen.
Aber die Euphorie über das geschenkte Geld ist so groß, dass die Menschen nichts davon wissen wollen; stattdessen bestellen sie bereits Waren auf Kredit. Da sie Angst haben, der Milliardär könnte über die Anzeige der vier Nörgler verärgert sein und seine Spenden einstellen, veröffentlichen sie ihrerseits eine Anzeige, in der sie ihre tiefe Dankbarkeit ausdrücken, den Milliardär zu Besuch einladen und ihm die Ehrenbürgerschaft antragen. Einige Bürger taten sich sogar zusammen, besuchten die vier Nörgler und beschworen sie, still zu halten, damit der Milliardär auch weiterhin seine Spenden beibehalte.
Der Besuch des Milliardärs in dem Dorf ist ein voller Erfolg, und durch die Sympathie der Menschen, die Ehrenbürgerverleihung, die Blumenüberreichung und die damit verbundenen Umarmungen durch drei Kinder sowie ein Konzert in der Kirche zu seinen Ehren ist der Milliardär tief berührt, und einige Wochen später kündigt er an, das riesige historische Pfarrhaus, in dem zur Zeit kein Pfarrer mehr wohnt und welchem der Verfall droht, aufzukaufen und zu restaurieren. Er werde in einem Teil ein kostenloses Bücher- und Medienzentrum für das Dorf einrichten, und Bürgermeister und Kirche könnten die Räume im Erdgeschoss kostenlos für die Belange der Gemeinde nutzen.
Der Milliardär selbst würde das Obergeschoss bewohnen. Er ist alleinstehend, lebt relativ bescheiden, verpflichtet aber eine Frau aus dem Dorf, die ihm der Bürgermeister auf seine Bitte hin als zuverlässig empfiehlt, für ein großzügiges Gehalt als Haushälterin.
Als jedoch die nächsten Kommunalwahlen herannahen, gründen die vier Nörgler eine eigene Partei, die BfuD (Bürger für unser Dorf). Sie prangern die große Armut in ihrem Dorf an.
Die 100 Alt-Einwohner des Dorfes haben im Schnitt wie bereits früher berechnet 5700 Euro verdient, nur die Haushälterin erhält mit satten 10.000 Euro deutlich mehr als zuvor und ein Bauer, der dem Milliardär frische Produkte liefert, hat daran einige Hundert Euro verdient. Der Milliardär verdient hingegen mit seinem Großunternehmen 100 Millionen im Monat. Das durchschnittliche Monatseinkommen liegt, wie rechnerisch einwandfrei nachgewiesen werden kann, nunmehr bei rund 996.000 Euro. 60% davon sind 597.000 Euro, so dass alle Bürger dieses Dorfes mit Ausnahme des Milliardärs weit unter dieser Armutsschwelle liegen und als bitterarm gelten müssen.
Die neue Partei fordert eine gerechtere Verteilung des Geldes und gewinnt fünf neue Mitglieder.
Als Nächstes prangern die Kritiker die Tatsache an, wie der Bürgermeister der Haushälterin den lukrativen Job bei dem Milliardär verschafft habe. Anstatt die Stelle öffentlich auszuschreiben, so dass jeder sich hätte bewerben können, habe der Bürgermeister eine Frau empfohlen, die früher seine Schulfreundin gewesen sei, eine unerträgliche Kungelei und Vetternwirtschaft, man forderte den Rücktritt des Bürgermeisters.
Schließlich prangerte man noch an, dass ausdrücklich eine Frau angefragt war; damit sei das Gebot der Geschlechtergerechtigkeit verletzt worden, da Männer von vornherein ausgeschlossen gewesen waren. Alle Männer, so forderte man, müssen eine Entschädigung gezahlt bekommen.
Die Partei bekam Auftrieb und stellte fest, dass der Milliardär mehrfach in der Türkei und in anderen islamischen Ländern Urlaub gemacht habe. Dazu passte es, dass man bemerkte, dass in dem Medienzentrum auch ein Koran zu finden war. Vergeblich wies der Pastor darauf hin, dass es dort auch drei Bibeln, das Kapital von Marx und ein Buch über Zarathustra gebe. Viele Bürger bekamen Angst, dass der Milliardär heimlich eine islamische Unterwanderung des Ortes plane, und so geschah es, dass die BfuD die Wahl gewann und den neuen Bürgermeister stellte.
Dem Milliardär gefiel das nicht. Er verlegte seinen Hauptwohnsitz nach Monaco, entließ die Haushälterin und stellte seine Spenden ein. Damit verdienten alle Bürger wieder dasselbe wie früher. Sie hatten zwar in den vergangenen Monaten ihren Besitz durch viele Anschaffungen vergrößern können und verfügten nun über neue Boote, Fernseher usw., aber viele hatten sich an das viele Geld und das großzügige Ausgeben gewöhnt und oft auch auf Kredit größere Anschaffungen gemacht und hatten nun Schwierigkeiten, wieder mit der Hälfte des Einkommens auszukommen.
Die PfuD konnte hingegen nach einem Jahr eine positive Bilanz ihrer Arbeit veröffentlichen: „Armut in unserem Dorf bereits um 80% gesunken. Nur noch 20% liegen unterhalb der Armutsgrenze.“
Diese Geschichte ist sicherlich ein drastisches und daher satirisch anmutendes Beispiel, aber es wirft ein bezeichnendes Licht darauf, wie irreführend solche Statistiken sein können, wenn bestimmte Leute sie für ihre Zwecke benutzen, und wie unsinnig manche Methoden zur Berechnung der Armut sind. So kann es nach solchen Berechnungen in einem reichen württembergischen Dorf, in dem die Menschen zwischen 5000 und 20.000 Euro verdienen, mehr Arme geben als in einem abgelegenen armen pommerschen oder brandenburger Dorf, in dem die Menschen 1500 bis 2500 Euro verdienen.
Welches ist der Bezugsraum zur Berechnung der Armutsstatistik?
Ohnehin müsste als erstes definiert werden, welches der Bezugsbereich bei der Berechnung der Armut und der 60% sein soll. In der Geschichte von dem Hotelier und den zwanzig Eingeborenen war es eine Insel. Wenn die Insel abgelegen und abgeschieden ist, ist das ja eigentlich sinnvoll. Würde man stattdessen den gesamten Staat als Bezugsbereich zur Ermittlung der 60% vom Durchschnittseinkommen betrachten, hätten wir eine weitere absurde Situation für die Inselbewohner: Liegt sie in der Karibik und gehört zu Haiti oder Kuba, wären die Bewohner mit 100 oder 200 Euro monatlich keineswegs arm. Gehörte sie jedoch zu Frankreich oder England als kleiner Rest aus dem ehemaligen Kolonialreich, müsste man die Bewohner als bitterarm ansehen, obgleich sie genauso leben würden wie als Haitianer oder Kubaner. Sollten England oder Frankreich die Insel eines Tages an ein nahebei gelegenes Land übergeben, wie es mit Honkong geschehen ist, würden alle Bewohner plötzlich reich sein, obwohl sich de facto das Leben für sie keineswegs verbessert hätte. Würde Argentinien die Falklandinseln erobern, wie sie es bereits im Falklandkrieg gegen England versucht haben, könnten sich die Bewohner ebenfalls glücklich schätzen, denn sie wären zunächst einmal alle reich, da sie mehr verdienen als die Argentinier. Also ist es viel zu pauschal, den ganzen Staat zum Vergleich heranzuziehen.
In der letzten Geschichte war der Bezugsraum dagegen das Dorf. Der Bürgermeister hätte die Kritik des BfuD leicht durch Anwendung eines anderen Bezugsraumes kontern können, indem er z.B. das durchschnittliche Einkommen in Schleswig-Holstein zur Grundlage genommen hätte. Im Landesvergleich hätten dann die Bewohner seines Dorfes alle recht gut abgeschnitten. Das Gleiche gälte, wenn man den Bereich für die Statistik der Armut auf ganz Deutschland ausgeweitet hätte.
Noch besser hätte das Dorf abgeschnitten, wenn man als Bezug die Europäische Union oder gar die ganze Welt zugrunde gelegt hätte. Im letzteren Falle würden alle Dörfler zu den reichsten 10% der Weltbevölkerung zählen, also zu den Superreichen.
Welches ist dann aber eine angemessene Bezugsgröße zur Berechnung der Armut?
Was ist die angemessene Bezugsgröße zur Berechnung der Armut?
In unserer Geschichte im vorigen Kapitel wurde als Bezugsgröße das Dorf gewählt. Häufig liegen arme Dörfer aber direkt neben reichen Dörfern oder Städten. Wenn jemand als angestellter Lehrer 3000 Euro verdient, aber in so einem reichen Ort wohnt, dass er statistisch als arm gilt, bräuchte er nur in einen armen Nachbarort ziehen, und schon wäre er wie durch Zauberhand reich.
Nimmt man hingegen radikal die ganze Welt als Bezug, wären alle Deutschen steinreich, selbst wenn sie mit 500 Euro im Monat auskommen müssten.
Man muss aber dann natürlich sehen, dass die Lebenshaltungskosten in Deutschland hoch sind, so dass man mit 500 Euro nicht weit kommen kann, während etwa in Kuba viele Dinge billig sind und jemand mit 500 Euro im Monat Rente dort als reicher Ausländer leben könnte.
Sollte man dann als Kompromiss das Land zur Bezugsgröße wählen? Zunächst einmal wäre die Frage: Was ist das Land? Das Bundesland oder der Staat?
Innerhalb eines Staates und sogar eines Bundeslandes kann das Einkommen aber sehr variieren. In Brasilien, zum Beispiel, gibt es sehr arme Gegenden, in denen man mit 300 Euro Monatseinkommen bequem leben kann. Auf der anderen Seite gibt es die Hauptstadt Brasilia, in der alle Gehälter vielfach höher als anderswo sind, aber auch die Mieten an europäische Großstädte erinnern, so dass man selbst mit 1000 Euro nicht weit kommt. Würde man das ganze Land Brasilien zur Bemessungsgröße machen, wären fast alle Einwohner Brasilias reich, selbst wenn manche kaum über die Runden kommen. Wer in Brasilia arm ist, könnte in den anderen Landesteilen als reich gelten, sofern er dort dasselbe Einkommen erzielen würde.
Solche Unterschiede gibt es sogar auch innerhalb einer einzigen Stadt. Viele Städte haben luxuriöse Viertel für Reiche und Slums für Arme. Selbst in Deutschland gibt es arme und reiche Stadtviertel.
So kann ein junger Rechtsanwalt während der Ausbildung und am Anfang seiner Karriere vielleicht nur in einer Sozialwohnung in einer preisgünstigen Wohngegend seiner Stadt wohnen. Mit der Zeit verbessert sich sein Einkommen, und er gehört bald zu den Reichen in seinem Stadtteil. Eines Tages sterben seine Eltern, angesehene Richter, und der Mann erbt die elterliche Villa in einer vornehmen Wohngegend. Wie groß ist aber seine Enttäuschung, als er feststellen muss, dass die Villen in seiner Straße und Gegend fast alle von Unternehmern bewohnt werden, die weitaus mehr verdienen als er, so dass er sich nun wohl als arm ansehen muss.
Ohnehin müsste man auch definieren, ob die Meldeadresse oder der tatsächliche Aufenthalt zur Berechnung der Armut gelten soll. Wenn jemand in einem relativ armen brandenburger Dorf gemeldet ist, aber zwecks Studiums in Berlin wohnt und 2000 Euro monatlich zur Verfügung hat, ist er dann arm oder reich oder beides zugleich?
Man sieht, egal ob man eine Straße, ein Stadtviertel, eine Stadt, das Bundesland, den Staat oder die ganze Welt zur Bemessungsgrundlage macht, immer kann es zu Ergebnissen kommen, die der wahren Situation nicht entsprechen und Armut oder Reichtum nur vortäuschen.
Das Beispiel Monaco
Wenn man an Monaco denkt, denkt man an reiche und schöne Leute, an Luxus usw. Wer aber dächte, dass die Armut in Monaco nach den Berechnungen gewisser Leuten besonders schlimm ist?
Monaco ist eines der kleinsten Länder der Welt mit unter 40.000 Einwohnern. Die meisten Menschen verdienen in Monaco viel mehr als im benachbarten Frankreich und auch als in Deutschland. Lehrer, Kellner, Handwerker oder Hotelangestellte verdienen teilweise sogar das Doppelte. Aber das Durchschnittseinkommen liegt in Monaco bei über 12.000 Euro im Monat, da ein Drittel der Bevölkerung Millionäre sind und auch einige Milliardäre dort leben. Die mit 60% davon definierte Armutsgrenze liegt also bei 7200 oder 7300 Euro, das gilt wohlgemerkt pro Kopf. Verdient ein alleinstehender Lehrer 7400 Euro, liegt er knapp über der Grenze, hat er aber ein Kind, das noch nichts verdient, haben sie pro Kopf 3700 Euro, sind also weit unter der Armutsgrenze. Man kann also sagen, dass die Armut und besonders die Kinderarmut in Monaco weit verbreitet sind. Es gibt wesentlich mehr Armut in Monaco als in Deutschland, rund die Hälfte aller monegassischen Kinder gelten als arm. Sie leben zwar mit allem Komfort und ihre Eltern haben teure Autos, aber sie gelten als arm.
Eigene Berechnung
Wenn man solche Geschichten hört, muss man sich natürlich fragen, ob es wirklich angemessen ist, dass der Wohnsitz darüber entscheidet, ob jemand arm oder reich ist. Andererseits kann man auch nicht alle Bürger der ganzen Welt miteinander vergleichen, denn in manchen Gegenden ist es unmöglich, mit 300 Euro im Monat zu überleben, in anderen schon. In sehr kalten Gegenden muss viel Geld in Heizung und solides Wohnen gesteckt werden, während in immerwarmen Gegenden ein Häuschen im Stile eines gepflegten deutschen Kleingartens bereits vielen vollkommen genügt.
Man muss also differenzieren, aber nicht nach Wohnort, sondern danach, ob eine Person mit der ihr zur Verfügung stehenden Geldmenge ihren Lebensunterhalt bestreiten kann.
Dazu muss dann aber natürlich zunächst definiert werden, was zum Lebensunterhalt gehört. Unbestritten natürlich die Ernährung. Aber dürfen es nur Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln und einfaches Brot sein, oder kann auch ein Mensch als arm betrachtet werden, der sich teure Fertigprodukte kauft oder sein Essen beim Döner oder MacDonald holt, oder aber hochwertige Bioprodukte kauft?
Sollte man zudem berücksichtigen, dass manche Menschen, zum Beispiel Diabetiker oder Allergiker, oft teurere Lebensmittel benötigen?
Also was braucht ein Mensch, um sich so zu ernähren, dass man nicht denken muss, er sei arm, wenn man seine Ernährungsgewohnheiten sieht? In Deutschland sind die Einkaufspreise überall fast gleich, jedenfalls die Preise in den Supermärkten sind in entlegenen Gegenden die Gleichen wie in den Großstädten. Wo läge die Armutsgrenze bei der Ernährung in Deutschland? Hundert Euro? 300 Euro? 600 Euro?
Natürlich braucht der Mensch auch ein Dach über dem Kopf. Und da schwanken die Mietpreise natürlich von Region zu Region sehr stark. Mancher hat auch einfach Glück und ergattert etwas Preiswertes oder hat eine eigene Wohnung.
Welche sonstigen Bedürfnisse muss man noch berücksichtigen? Schulgeld? Kann ein Mensch als arm gelten, wenn er sein Kind auf eine Privatschule schickt? Versicherungen? Welche Versicherungen kann oder sollte ein Mensch haben, der aber trotzdem noch als arm gelten soll?
Wieviel Geld kann bzw. sollte er für Vergnügungen zur Verfügung haben, also Kino, Theater, Konzerte, Fernsehen, Gesellschaftsspiele, Handy, Streaming, Reisen, Freizeitspaß, Restaurants, neue Bücher usw.
Schließt das auch Vergnügungen ein, die von vielen anderen Menschen abgelehnt werden wie zum Beispiel Rauchen, Bordellbesuche, Tätowierungen, gesundheitsschädigende Süßigkeiten, Computerspiele usw.? Kann ein Mensch als arm bezeichnet werden, wenn er Waschmaschine, Geschirrspüler, Fernseher, Computer, Handy und mehr besitzt, oder gilt er nur als arm, wenn er per Hand wäscht und lediglich ein einfaches Radio besitzt? Erst wenn alle diese Faktoren abgeklärt sind, kann man überhaupt eine Grenze ziehen, unterhalb derer jemand in den Augen eines anderen als arm gelten könnte.
Jeder Mensch hat andere Erfahrungen gemacht. Ich persönlich habe zum Beispiel die Erfahrung gemacht, dass ein alleinstehender Mensch für Grundnahrungsmittel im Monat 50 Euro braucht. Ich persönlich komme sogar mit 30 Euro aus, allerdings werde ich oft von meinen Musikschülern zum Essen eingeladen, so dass ich bestimmt so vier bis fünf Mahlzeiten pro Woche spare.
Ich esse gerne Müsli, und zwar in großen Portionen von über 1000 kcal pro Mahlzeit. Dazu kaufe ich im Monat etwa 10 Packungen Haferflocken und 10 Liter Vollmilch. Das kostet alleine schon 13 Euro. Die Milch ist Vollmilch und kann daher mit Wasser 1 zu 1 verdünnt werden, so wie es das Kochbuch von Dr. Oetker ohnehin empfiehlt. Das schmeckt allerdings nur gut, finde ich, wenn Obst ins Müsli geschnitten wird, dann macht das Wasser den Geschmack frischer, ähnlich wie bei mit Wasser gemischtem Saft.
Obst kann man in Deutschland kostenlos bekommen, indem man zum Beispiel die frei herumstehenden Obstbäume nutzt und die Früchte einlagert. Allerdings gibt es Leute, die so gebrechlich sind, dass sie kein Obst selbst ernten können, oder die über keinen Ort verfügen, an denen sie das im Herbst geerntete Obst kühl genug lagern können. So sollte man sicherheitshalber jeden Tag zwei Stücke Obst kaufen können, das würde jedoch mit 15 Euro im Monat zu Buche schlagen, selbst wenn immer günstige Angebote genutzt würden. Dazu kommen etwa 7 Kilo Brot, normalerweise so 9 Euro. Davon alleine könnte man bereits satt werden, und die Ernährung wäre sogar vitaminreich und gesund, aber man würde sicherlich als arm gelten, wenn man sich so ernährte. Zwei Stücke Obst sind auch nicht gerade viel für eine gesunde Ernährung, auch wenn viele Menschen noch viel weniger Obst essen.
Zum Brot sollte auch Aufschnitt gehören, man bräuchte also einen Topf Margarine oder Butter sowie Aufschnitt. Das Billigste wären drei Packungen Frischkäse. Wir lägen jetzt schon bei 40 Euro, hätten also noch 10 Euro für Gemüse oder mal eine Abwechselung wie Fleisch, Honig, Fisch usw.
Wer lieber warmes Essen möchte, kann natürlich auch Kartoffeln, Nudeln oder Reis kaufen, aber dafür würde er weniger Brot und Haferflocken brauchen.
Die aufgelisteten Nahrungsmittel reichen für 3000 Kilokalorien pro Tag, viele Menschen brauchen sogar weitaus weniger.
Natürlich kann man sagen, dass ein Deutscher sich nicht so spartanisch ernähren muss. Zum Beispiel geht mein Beispiel davon aus, dass man Wasser trinkt, so dass keine Getränke gekauft werden müssen. In Deutschland hat das Leitungswasser in der Tat fast überall eine Qualität, die gleich oder höher als die von gekauften Mineralwassern ist, so dass der Kauf von Mineralwasser eigentlich Verschwendung ist, und natürlich erst Recht der Kauf von ungesunden Zuckerwassern wie Cola, Energiedrinks, sogenannten Fruchtsaftgetränken und anderen schädlichen Getränken. Aber vielleicht sollte auch ein armer Mensch gelegentlich mal eine Flasche Saft (oder wenn er es eben anders liebt, meinetwegen auch Cola oder Bier) trinken dürfen, oder wäre das schon ein Zeichen dafür, dass er eigentlich gar nicht arm ist und sein Geld für Überflüssiges ausgibt?
Das ist sicherlich Ansichtssache. Man sollte aber sicherlich nicht auf den 50 Euro beharren. Legen wir doch noch einen Hunderter drauf, dann kann die Person davon kaufen, was sie eben möchte. Zum Beispiel auch Tee oder Kaffee oder Zutaten, um gekochte Gerichte geschmacklich mit Soßen und Beilagen zu verfeinern. Damit wären wir bei 150 Euro.
Dazu kämen die Wohnungskosten. Im ungünstigsten Fall wohnt unser Beispiel alleine, also nicht mit einem Freund oder Lebenspartner. Dann muss er je nach Region in Deutschland 200 bis 1000 Euro Miete bezahlen. Aus einer so großen Spanne kann man unmöglich eine Regel ableiten, aber nehmen wir einmal der Einfachheit halber 700 Euro an.
Je nach familiärer oder beruflicher Situation wird er zudem Versicherungen brauchen; auch hier kann man kaum einen Wert schätzen, sagen wir also 100 Euro.
Eine Person, die so am unteren Rand der deutschen Einkommen lebt, hat sicherlich keinen oder zumindest keinen aufwendigen Beruf, der ein eigenes Auto erfordert; sofern die Person arbeitet, fallen aber mehr Fahrtkosten an als etwa bei einem Rentner, der lediglich für Arztfahrten, Besorgungen oder Besuche Transportmittel nutzt. Nicht immer kann man ja kostengünstig mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen. Rechnen wir vorsichtshalber 100 Euro für Fahrten ein.
Gerade bei Rentnern muss natürlich auch mit Kosten für Medikamente gerechnet werden. Es gibt natürlich Regeln, nach denen Personen mit geringem Einkommen nicht zuzahlen brauchen, aber auch das klappt nur ab einer gewissen Menge und auch dann nicht immer, zum Beispiel, wenn die Person ihr Einkommen nicht nachweisen kann. Auch die Befreiung von der Rundfunkgebühr ist nicht immer möglich, zum Beispiel dann nicht, wenn keine Sozialleistungen gewährt oder beantragt worden sind.
Unter Umständen wird so eine Person auch eigenes Internet brauchen. Oft kommt man mit einem Handy aus, für das monatlich ab 8 Euro Verträge mit Internet inclusive angeboten werden, außerdem gibt es fast in allen Städten und größeren Orten Stellen, an denen man kostenloses Internet nutzen kann, aber wer einen Laptop oder Computer ans Internet anschließen muss, weil er beruflich oder ehrenamtlich damit arbeitet oder nur so privaten oder behördlichen Verpflichtungen nachkommen kann, muss mindestens 20 Euro im Monat berechnen, wobei oft noch zusätzlich ein Vertrag für das Handy abgeschlossen werden muss. Billiger wird es nur, wenn er sich das Internet mit Nachbarn teilen kann.
Rechnen wir also noch einmal für alle diese eventuell anfallenden Kosten ganz pauschal weitere 100 Euro ein.
Wir liegen somit bei 1150 Euro, und somit tatsächlich bereits über der weiter oben benannten Armutsgrenze von 1054 Euro. Wer also eine relativ hohe Miete von 700 Euro zahlen muss (wobei in manchen Gegenden nur wenige Wohnungen billiger sind und nicht jeder nur wegen der Miete seinen Wohnsitz ändern kann) und noch andere Nebenkosten hat, kommt mit 1150 Euro tatsächlich nur gerade so über die Runden, es bleibt kein Geld für Vergnügungen wie etwa Restaurant, Theater, Konzerte, Netflix, Bier, Zigaretten usw., oder es muss regelrecht „vom Munde abgespart“ werden.
Wer unabhängig von gesellschaftlichen, familiären oder sonstigen Verpflichtungen ist, hat natürlich mehr Möglichkeiten, sich einen finanziellen Spielraum zu verschaffen. Hierzu ein Beispiel:
Gerda hat mit ihrem Mann im Ausland gelebt und nicht gearbeitet. Als sie 55 ist, stirbt er. Sie beschließt, nach Deutschland zurückzukehren, um Sozialhilfe zu beantragen.
Da Gerda aber noch ein Sparkonto mit Hunderttausend Euro besitzt, erhält sie keine Sozialhilfe. Wenn sie 67 ist, erhielte sie eine kleine Rente, die dann auf Antrag gegebenenfalls von der Sozialhilfe aufgestockt würde. Da ihr Mann hauptsächlich im Ausland gearbeitet hat und dort nichts in die deutsche Rentenkasse eingezahlt wurde, erhält sie an Witwenrente nur 300 Euro.
Die 100.000 Euro bringen an Zinsen oder Kapitalerträgen nur 1 bis 3 Prozent im Jahr, also im Schnitt ganz grob weitere 200 im Monat. Wenn sie die Ersparnisse allmählich aufbrauchen wollte, würde sie monatlich weitere 200 Euro entnehmen können und würde auch bei durch die Kapitalentnahme schwindenden Zinseinnahmen und ggf. allmählich höheren Bedarf durch die Inflation noch etwa 25 bis 30 Jahre insgesamt 400 Euro zusätzlich zu ihrer Witwenrente ausgeben können.
Da sie aus den zurückliegenden Jahrzehnten keine Berufserfahrungen hat, kann sie sich höchstens für einen Nebenjob bewerben, aber dazu müsste sie in eine Gegend ziehen, in der Arbeitskräfte gesucht werden. Dann hätte sie aber höhere Mieten zu zahlen, Fahrtkosten und andere Nebenkosten. Daher beschließt sie, sich stattdessen in einer schönen aber wirtschaftlich unterentwickelten Gegend wie z.B. dem Emsland, Nordwestniedersachsen oder einige Gebiete in Ostdeutschland niederzulassen, wo sie für 300 Euro bereits eine schöne Wohnung mieten kann, mit Glück sogar noch billiger.
Dann hätte sie noch 400 Euro übrig, also fast ebenso viel, wie ein Sozialhilfeempfänger, aber da sie in einer schönen Umgebung wohnt, entfallen viele Kosten, mit denen sich etwa ein Sozialhilfeempfänger in einer Großstadt plagen muss. So könnte sie also durchaus mit 700 Euro über die Runden kommen, vielleicht sogar mit weniger?
Das absolute Minimum zum Überleben
Vielleicht hat Gerda den Ehrgeiz, ihre Ersparnisse nicht anzutasten und nur von den Zinsen zu leben, da sie damit rechnet, sehr alt zu werden oder das Geld vererben möchte. Dann hätte sie nur 500 Euro zur Verfügung, wobei die Witwenrente wohl ab und zu inflationsbedingt angepasst (also erhöht) werden dürfte, nicht aber der Kapitalertrag. Dieser kann zwar auch bei höherer Inflation zu höheren Zinsen und Einnahmen führen, aber das ist nicht immer so.
Wenn Gerda bei den Wohnungskosten sparen wollte, müsste sie in eine WG ziehen, mit einem Partner zusammenziehen, eine kostenlose Hausmeisterwohnung oder etwas Ähnliches suchen, aber das ist nicht immer möglich, und da Gerda eher konservativ ist, wollen wir sie nicht in eine alternative WG hineinzwingen. Sie hätte also nur 200 Euro zur Verfügung für Essen und andere Ausgaben. Sie sollte also auf Versicherungen verzichten. Da sie einen ruhigen Vorruhestand lebt, ist es unwahrscheinlich, dass sie einmal eine Haftpflichtversicherung braucht. Noch weniger Unfallversicherung oder Hausratversicherung, zumal wenn sie keinen wertvollen Hausrat besitzt. In Deutschland kann gebrauchter Hausrat ohnehin sehr leicht umsonst oder fast umsonst beschafft werden, wohltätige Organisationen und Kirchen haben Lager mit hochwertigen gebrauchten Möbeln aus Spenden, und viele Leute stellen bei Wohnungsauflösungen alles an den Straßenrand oder erlauben, dass man sich holt, was man braucht.
In so ruhigen abgelegenen Gegenden kann man nicht nur die schöne Natur jederzeit kostenlos genießen, sondern man wird auch kulinarisch besser versorgt als etwa in einer Großstadt. Überall finden sich Obstbäume, die niemand aberntet, Brombeeren, Himbeeren, Pilze, ganz zu schweigen von Wildkräutern wie wildem Knoblauch oder zahlreichen Pflanzen, um Salate zu machen. Für einen symbolischen Beitrag wie zum Beispiel 50 Euro im Jahr könnte Gerda auch einen Kleingarten mieten und selbst anbauen.
Sie könnte also das ruhige Leben eines Müßiggängers führen, etwa im vergleichbaren Niveau wie ein alter Graf im Mittelalter. Jeden Tag könnte sie einen herrlichen Spaziergang oder eine Radtour machen oder schwimmen oder am Strand bleiben, Bücher lesen, fernsehen, am örtlichen kulturellen Leben in Kirche o.a. teilnehmen, ein Buch schreiben, musizieren oder sonst etwas machen.
Wenn sie wollte, könnte sie aber auch etwas unternehmen, um gelegentlich eine besondere Ausgabe tätigen zu können. Da sie immer zur Verfügung stünde, könnte sie einen Nebenjob suchen oder zumindest saisonal arbeiten. In strukturschwachen Gegenden wohnen wenig Leute, aber wenn zum Beispiel Touristen kommen, werden plötzlich Arbeitskräfte gesucht, zum Beispiel als Fremdenführer, und sei es als gelegentlicher Springer, wenn andere krank sind. So ein gelegentlicher Arbeitseinsatz sollte eigentlich eine willkommene Abwechselung sein, auch lernt man dadurch neue Leute kennen. Von Arbeitsbelastung kann also eigentlich nicht die Rede sein.
Wer Ausländer ist und für einige Jahre in Deutschland lebt und arbeitet, ist in einer ähnlichen Situation. Er versucht oft, möglichst so gut wie gar kein Geld auszugeben und alle Einnahmen zu sparen oder an seine Familie im Ausland zu schicken. Oft mietet er keine Wohnung, sondern wohnt bei anderen umsonst oder für einen geringen Mietanteil. Ansonsten kauft er nur sein Essen, so dass er oft mit monatlich 300 Euro oder weniger auskommen und über 1000 Euro an seine Familie schicken kann.
Lieber ein Reicher unter Armen sein als ein Armer unter Reichen?
Die modernen Definitionen der Armut suggerieren, dass ein Mensch, der 2000 Euro verdient, als arm anzusehen ist, wenn er in Monaco wohnt, aber als reich, wenn er in einer armen Gegend wohnt wie zum Beispiel in Afrika. Aber ist das eigentlich richtig?
Gefühlt ist ein Mensch, der 2000 oder gar 3000 Euro verdient, sicherlich arm, wenn er in Monaco wohnt, denn er sieht seine Nachbarn mit Luxusautos fahren, während er vielleicht auf die Busse angewiesen ist. Die Nachbarn tragen Uhren für mehrere Tausend Euro, ihre Frauen tragen edlen Schmuck und besuchen Schönheitsstudios. Alles das erregt den Neid vieler Durchschnittsbürger, so dass sie sich arm fühlen.
Ein selbstbewusst und selbstbestimmt lebender Mensch, der traditionelle Werte achtet und nicht dem Besitz protziger Uhren, Autos und anderem „nutzlosem Tand“, wie man sagt, hinterherjagt, würde dagegen keinen Neid kennen und genauso vergnügt in Monaco leben wie etwa im Emsland oder gar in Russland.
Im Gegenteil. Reiche Nachbarn zu haben, hat doch eigentlich nur Vorteile! Wer mit 2000 Euro Monatseinkommen in Monaco lebt, könnte vieles abstauben. Seine Nachbarn würden sich alles ständig neu kaufen und ihre hochwertigen Fernseher, Handys, E-Bikes, Kleidung oder Möbel vom Vorjahr verschenken oder auf die Straße stellen. Wenn fast alle reich sind, wird kaum einer Interesse an diesen gebrauchten Dingen haben, und jemand, der mit 2000 Euro auskommen müsste, könnte unter den besten Sachen auswählen.
Da dort auch die Regierung, die Kirchen und Vereine wohlhabend sind, bieten sie vieles umsonst an und auch eine nicht reiche Person kann so zumindest an einem Teil des kulturellen Lebens teilnehmen.
Ganz anders in Russland oder anderen ärmeren Gegenden. Wenn überhaupt einmal jemand etwas weggibt, interessieren sich gleich sehr viele Menschen dafür, so dass der Einzelne kaum einmal das Glück hat, hochwertige neuere Produkte umsonst zu ergattern. Und wenn im Herbst das Obst reift, machen sich Tausende auf, um etwas zu ergattern. Selbst für gebrauchte Kleidung müsste man wegen der hohen Nachfrage relativ viel bezahlen.
Durch seinen Beruf oder auch Teilnahme am gesellschaftlichen Leben lernt eine Person in Monaco oder einer anderen reichen Gegend schnell reiche Leute kennen, was natürlich zahlreiche Vorteile haben kann, denn einige reiche Leute sind spendabel und lassen andere, weniger wohlhabendere Menschen gerne an ihrem Reichtum teilhaben, geben Trinkgelder, gute Empfehlungen usw. Wird so ein Mensch etwa nach einem Gottesdienst, Konzert oder Sport zum Abendessen in ein Restaurant eingeladen, bezahlen oft reiche Leute für ihn mit. Lebte er hingegen in Russland oder Indien, würden die viel ärmeren Freunde umgekehrt erwarten, dass er sie freihält. Ich selbst habe auch in unterschiedlichsten Gegenden gelebt und genau dieses Phänomen in beiderlei Formen häufig erfahren.
Darüber hinaus gibt es noch einige andere Nachteile, wenn man arme Nachbarn hat. Ich wohnte oft in Mehrfamilienhäusern. Wenn ich viele arbeitslose Nachbarn oder Sozialhilfeempfänger hatte, wurde das Leben teurer für mich. Denn solche Leute bekommen die Heizkosten vom Amt bezahlt und brauchen daher nicht an der Heizung zu sparen. Ich selbst spare natürlich, schon aus umweltpolitischen Gründen und heize meine Wohnung so wie in den 70ger Jahren empfohlen nur auf 18 Grad und nicht auf 23 oder 25 Grad, wie viele Menschen es heutzutage machen. Aber die Heizungsumlage hängt nicht nur vom eigenen Verbrauch ab, sondern meistens wird ein Teil, oft sogar die Hälfte, nach dem Gesamtverbrauch des Hauses berechnet, da ein sparsamer Mieter ja von der Wärme seiner Nachbarn mitprofitiert, die durch die Wände zu ihm dringt. So wurde ich an den hohen Heizungskosten der arbeitslosen Nachbarn beteiligt.
Kommt natürlich noch hinzu, dass die Arbeitslosen viel zu Hause sind, vor dem Fernseher sitzen und frieren, während arbeitende Menschen die wenigen Stunden daheim oft in Bewegung sind, wenn sie kochen, sauber machen und andere Dinge erledigen. Während ich ohnehin nur heize, wenn ich zu Hause bin, läuft bei vielen die Heizung den ganzen Tag, wobei die Fenster oft dauerhaft gekippt sind, besonders, wenn dort Raucher wohnen.
Ein Nachbar lässt sein Küchenfenster sogar gekippt, wenn er in den Winterurlaub fährt, so dass die Heizung kräftig weiterheizt und zwar nicht sein, aber dafür mein Geld und natürlich das anderer Nachbarn und des Arbeitsamtes verbraucht. (Pech war noch dazu, dass die Wärme der Nachbarwohnungen weniger meinem Wohnzimmer zugutekam, sondern vor allem meiner Küche und meinem Schlafzimmer. Diese beiden Räume hätte ich aber gerne kühl, um mit offenem Fenster zu schlafen und damit sich Lebensmittel in der Küche länger halten.)
Gefühlte Armut
Wer sich arm fühlt, obwohl sein Einkommen eigentlich gar nicht so gering ist, er aber in einer Gegend wohnt, in der er von noch reicheren Menschen umgeben ist, ist oft ein Opfer von Neid und anderen Gefühlen, die die Freude am Leben verderben können.
Wie sehr die Gefühle die objektiven Tatsachen verändern können, hat bereits die Geschichte von dem Hotelier gezeigt, der auf einer kleinen Insel ein Hotel baute und damit scheinbar alle anderen bitterarm machte. Wie wichtig die Gefühle dabei sind, auch unabhängig von den verzerrenden Eigentümlichkeiten von Statistiken, zeigt folgende Geschichte:
In einer Ortschaft lebten zwei kleine Handwerker, ein Maurer und ein Zimmermann. Beide besaßen ein kleines Häuschen, dessen Raten sie mühselig abstotterten.
Eines Tages lag der Vater des Zimmermanns im Sterben, und er rief seinen Sohn zu sich und sagte ihm: „Im Garten unseres Hauses liegt ein Schatz aus dem Weltkrieg vergraben. Mein Vater hat ihn nach dem Abzug der Nazis gefunden und aufbewahrt. Nie hat sich ein Eigentümer gemeldet. Ich habe ihn immer aufbewahrt, falls wir einmal in Not geraten sollten. Nun, da ich sterbe, verrate ich dir das Geheimnis. Hüte den Schatz gut und gib ihn nur aus, wenn es mal wirklich wichtig wird.“
Als der Vater tot war, grub der Zimmermann den Schatz aus und stellte fest, dass er mehr als eine Million Euro wert war. Da er nicht wollte, dass seine Verwandten und Freunde erführen, dass er nun reich sei, und ihn mit Bitten um Geld nerven, grub er den Schatz wieder ein. Er beschloss, die Raten für das Haus wie bisher abzustottern und den Schatz nur in einem wirklich wichtigen Fall oder Notfall anzurühren.
Aber auch ohne dass er das Geld benutzte, machte der Schatz sein Leben viel besser, denn er wusste ja nun, dass er in Wirklichkeit sehr reich war und keine Angst mehr vor der Zukunft zu haben brauchte und konnte daher gelassen und ohne Angst vor plötzlicher Armut durch Erwerbslosigkeit, Krankheit oder Unfall in die Zukunft blicken.
Er wusste indes nicht, dass jemand ihn bei der Grabung beobachtet hatte, und zwar der jugendliche Sohn des Maurers. Dieser war drogensüchtig und nutzte die einmalige Chance, kletterte nachts über den Zaun, grub den Schatz aus, verschloss das Loch, hinterließ alles ansonsten so wie vorher und flüchtete mit dem Schatz.
Da er kein besseres Versteck wusste, vergrub er ihn erst einmal im Garten seiner Eltern, lediglich zwei Goldmünzen entnahm er, um Drogen kaufen zu können.
Am nächsten Tag kaufte er bei einem Dealer eine große Portion Drogen. Der Dealer wunderte sich über die Goldmünzen und wollte wissen, woher sie stammten. Der Jugendliche erzählte von einem Schatz, aber um das Versteck nicht zu gefährden, verdrehte er die Tatsachen und sagte, der Schatz sei im Garten des Bürgermeisters vergraben. Der Dealer fragte nach, und als die ersten Unstimmigkeiten zu Tage kamen, erschoss er den Jugendlichen zur Abschreckung für andere, die es wagen sollten, einen Dealer zu belügen.
So wusste niemand von dem Versteck des Schatzes. Der Vater des Jugendlichen wurde bald Rentner und starb ziemlich verbittert, da er unglücklich darüber war, dass andere zu Wohlstand gekommen waren, während er als ehrlicher kleiner Maurer den Gürtel so eng schnallen musste. Da er nicht wusste, dass er einen Schatz im Garten besaß, wähnte er sich arm.
Anders hingegen der Zimmermann. Er hielt mit seinem Geld Haus und hatte niemals den Schatz gebraucht, daher hatte er nicht bemerkt, dass er längst nicht mehr in seinem Besitz war. Er glaubte all die Jahre, dass er reich sei und starb glücklich und zufrieden, obwohl er in Wirklichkeit genauso wenig Geld wie der Maurer ausgeben konnte.
Diese Geschichte ist ein besonders krasses Beispiel, das zeigt, dass es oft reicht, lediglich zu glauben, dass man reich sei. Beispiele dafür, dass die Gefühle schwerer wiegen als die nackten Tatsachen, finden sich viele in der Geschichte der Menschheit.
Nehmen wir zum Beispiel die Apartheid, die Rassentrennung, die Vermischung verhindern sollte und daher die Rassen in Schulen und anderen Orten trennte, wobei die Einrichtungen regelmäßig für die herrschende Rasse deutlicher besser waren. Besonders in Südafrika und Rhodesien wurden früher die Schwarzen, die zwar die Mehrheit stellten, aber von Weißen regiert wurden, anders als die Weißen behandelt. Sie verdienten meistens weniger, durften nicht auf denselben Sitzplätzen wie die Weißen im Bus, auf Parkbänken usw. sitzen, hatten schlechtere Schulen und viele andere Nachteile. Sie waren natürlich sehr aufgebracht darüber und mit der Zeit protestierten sie immer lautstärker und auch gewaltsamer. Konfrontiert mit zusätzlichen Schwierigkeiten durch internationalen Druck gaben die Weißen ihre Vorherrschaft schließlich auf und bei freien Wahlen errangen die schwarzen Parteien die Herrschaft.
Besonders in Rhodesien führte das allerdings zu neuen Ungerechtigkeiten, Korruption, Unterdrückung, Gewalt und großer Armut, allerdings gleichermaßen unter den Schwarzen wie den Weißen. Den allermeisten Schwarzen ging es bald wesentlich schlechter als zuvor unter der weißen Herrschaft, während die Weißen größtenteils auswanderten.
Würde man die Schwarzen, die beides erlebt haben, nämlich die totale Armut, die bis heute andauert, und das etwas bessere Leben unter den Weißen, an dem sie sich aber nicht freuen konnten, da sie sahen, wie die Weißen ungerechterweise viel mehr besaßen, fragen, ob sie lieber wieder in der Apartheid leben wollten, würden sie bestimmt mehrheitlich verneinen, denn sie würden lieber arm sein, wenn alle arm sind, als unter Zurücksetzung und Ungerechtigkeit zu leiden.
Apartheid ist natürlich ein krasses Beispiel, denn weder Begabung noch Fleiß noch Charakter können die Rassenschranken niederreißen. Wer heute in Europa arm ist, kann immer hoffen, sein Schicksal zu ändern. Auch ein Schwarzer unter der Apartheid konnte reich werden, auch wenn er es schwerer als die Weißen hatte, aber selbst als Reichem blieben ihm viele Türen verschlossen, er hatte keine politische Gleichberechtigung, er durfte auf bestimmten Bänken nicht sitzen, bestimmte Einrichtungen nicht benutzen usw.
Diese Unzufriedenheit ist wohl leicht nachzuvollziehen. Auch heute noch sind Schwarze unzufrieden, wenn sie weniger als Weiße verdienen, selbst wenn das Gehalt eigentlich ganz gut ist. Das würde auch den Weißen so gehen, wenn es irgendwo umgekehrt wäre. So beklagen weiße Frauen in reichen europäischen Ländern nicht, dass sie generell zu wenig verdienen, aber sie ärgern sich, wenn sie feststellen, dass sie in ihrer Branche weniger als Männer verdienen, wobei auch hier natürlich die Art und Weise, wie die Statistik angelegt wird, das Ergebnis bestimmt und die Unzufriedenheit von bestimmten Gruppen bewusst geschürt wird.
Wenn die Unzufriedenheit erst geschürt wird, wie etwa in der Geschichte von dem Hotelier, der auf einer kleinen Insel mit 20 Bewohnern ein Hotel baut und damit angeblich alle in bittere Armut stürzt, wird den Bewohnern mit der politischen Agitation kein Gefallen getan. Auch viele Populisten, Rechtsradikale und Linke machen die Leute oft aus Eigennutz unzufrieden und verderben ihnen somit die Lebensqualität. Sie wissen, dass Unzufriedene viel eher populistische, rechtsradikale oder linke Politiker wählen. So machen sie Wählerstimmen, und Wählerstimmen bedeuten außer Macht meistens auch Gehälter und andere geldliche Zuwendungen für diese Parteien und ihre Politiker, die aus Spenden und staatlichen Töpfen kommen.
In Ostdeutschland gibt es etliche Menschen, die sich heute schlechter fühlen als zur Zeit des Kommunismus, obwohl ihr Lebensstandard eindeutig deutlich höher ist als damals und sie dazu alle möglichen Freiheiten besitzen. Vielleicht halten sie gerade ein Handy in der Hand und ärgern sich, dass ihr Handy nur 100 Euro wert ist, sie wissen aber, dass andere Menschen, vor allem in den teuren Städten wie München oder Stuttgart, Handys im zehnfachen Wert in der Hand halten.
Man könnte ihnen entgegenhalten: „Wenn es den Kommunismus noch gäbe, hättest du wahrscheinlich gar kein Handy. Vielleicht gäbe es nicht einmal ein Handynetz.“
Er würde aber vielleicht entgegnen: „Na und? Dann hätten wenigstens alle kein Handy.“
Ja, so lernen wir allmählich den Kern des Problems kennen: Es ist besser, wenn niemand ein Handy hat, als wenn ich ein einfaches Handy habe, bei anderen aber ein wesentlich teureres entdecke.
Das Gleiche gilt fürs Auto, den Fernseher, das Haus usw.
Das heißt allerdings auch, dass dieser Mann das alles gar nicht so richtig braucht, denn er könnte sich durchaus vorstellen, ohne diese Dinge zu leben, aber um nicht hinter den anderen zurückzubleiben muss er sie auch haben, und zwar möglichst in der gleichen Luxusausgabe.
Aber ist das noch selbstbestimmtes Leben, wenn mein Wohlbefinden und meine Zufriedenheit davon abhängt, was andere besitzen?
Nico und Franz feiern Sylvester
Nico und Franz sind die beiden Söhne einer alleinerziehenden Mutter, die nur über ein kleines Einkommen verfügt. Nachdem beide Jungs von einem Bekannten ihren Weihnachtswunsch erfüllt bekamen, indem er jedem einen niedlichen Hundewelpen schenkte, gerieten die Finanzen der Familie allmählich außer Kontrolle, denn plötzlich mussten Hundenahrung gekauft und Tierarztkosten und Hundesteuer bezahlt werden. So musste die Familie auf andere Dinge verzichten, zum Beispiel hatten die beiden Jungs seit drei Jahren keine Feuerwerkskörper mehr zu Sylvester mehr kaufen können, obwohl sie das sehr gerne gemacht hätten.
Um sie zu trösten, las ihre Mutter ihnen vor, was sie in den Nachrichten gelesen hatte: Es gab eine Stadt, auf der das Abbrennen von Feuerwerkskörpern grundsätzlich verboten war.
Franz sagte daraufhin: „Ach, wenn wir doch dort wohnten!“
Die Mutter wunderte sich und bemerkte: „Nanu, ich denke du feierst so gerne Sylvester mit Knallern?“
„Ja, schon“, antwortete Franz. „Aber wenn alle gleich wären und keiner Knaller hätte, würde es auch mir nichts ausmachen, keine zu haben. Dann würde man eben etwas anderes machen und die Knaller daher gar nicht vermissen.“
Nico hingegen widersprach: „Was redest du denn da für einen Unsinn? Hier kann man doch wenigstens am Fenster stehen und die vielen Feuerwerkskörper der anderen Leute beobachten. Wenn du in der anderen Stadt wohntest, hättest du gar keine Lichter zu Sylvester.“
Eine Parabel über den Neid
Am berühmten Strand Copacabana in Rio de Janeiro sollte das Bestehen des größten brasilianischen Fernseh- und Medienkonzerns mit einem öffentlichen Fest gefeiert werden. Die mit der Durchführung beauftragte Firma hatte eine berühmte Band eingeladen, Zelte aufgestellt, ein Feuerwerk geplant und vieles mehr. Erst kurz bevor das Fest begann, stellte man fest, dass ein unverzeihlicher Fehler begangen worden war.
Der Medienkonzern hatte mit dem Ausschenken der Getränke eigentlich Jugendliche beauftragen wollen, die bereits mit dem Sender gearbeitet hatten, aber der Plan war fallengelassen worden. Jedoch hatte niemand den Catering-Service, der das Fest organisierte, darüber informiert, und so hatte dieser keine Bedienung verpflichtet. Als die Sache erst kurz vor dem Fest ans Tageslicht kam, versuchten die Verantwortlichen, noch spontan Kellner zu verpflichten, indem sie per Lautsprecherdurchsage Menschen, die sich an der Copacabana aufhielten, dazu ermunterte, sich gegen ein gutes Honorar (100 Dollar) zur Verfügung zu stellen.
Die meisten Gäste hatten daran natürlich kein Interesse, aber es waren auch Neugierige aus den Favelas (Wohngebiete der Armen mit einfachen Häusern und Hütten) gekommen, und von denen nutzten etliche das unverhoffte Angebot und waren sehr froh darüber, ein Zubrot verdienen zu können.
Dennoch waren es viel zu wenige Arbeitskräfte, man hatte eigentlich 300 Helfer zum Servieren der Getränke haben wollen, und rund 40 hatten sich gemeldet. Einige boten sich daher an, noch Verwandte oder Freunde aus den Favelas herbeizurufen, und als dieser Vorschlag freudig aufgenommen wurde, riefen sie mit ihren Handys weitere Helfer herbei, und eine gute Stunde später war die Zahl der Helfer bereits auf 100 gestiegen. Da das immer noch zu wenig war, schickte die Firma einen Wagen in eine Favela und warb mit Lautsprecherdurchsagen weitere Mitarbeiter an. So trafen nach einer weiteren guten Stunde nochmals 80 Arbeitswillige ein. Der Wagen fuhr später sogar noch in eine andere Favela und warb weitere 70 Personen an, die um Mitternacht an der Copacabana eintrafen und noch bis 2 Uhr nachts arbeiteten.
Als das Fest um 2 Uhr zu Ende war, rief der Einsatzleiter der Firma zuerst die 70 Personen zu sich, die zuletzt gekommen waren, und gab jedem 100 Dollar. Dann rief er die 80, dann die 60 und zuletzt die 40, die seit dem Nachmittag fast 10 Stunden gearbeitet hatten.
Diese meinten natürlich, sie würden sicherlich entsprechend mehr bekommen, und als sie ebenfalls „nur“ 100 Dollar erhielten, murrten sie.
Der Leiter der Fernsehgesellschaft erklärte daraufhin den erbosten Arbeitern: „Wir hatten doch 100 Dollar vereinbart, oder? Wenn ich aus freien Stücken denen, die weniger verdient hätten, auch 100 Dollar gebe, damit auch deren Familien mal was Gutes zu essen kaufen können, ist das doch meine Sache? Was regt ihr euch darüber auf?“
Dieses ist eine Parabel, die Jesus erzählt hat. Es dürfte in seinem Sinn sein, dass ich ihr ein modernes Gewand verpasst habe, so wie er immer aktuelle Dinge in seine Parabeln verpackt hat. Genauso wie die Silvestergeschichte von Nico und Franz zeigt sie, wie Neid die Freude zerstört, wenn der Mensch nicht in der Lage ist, den Neid in sich abzustellen.
Der großzügige Bürgermeister
Es war einmal eine kleine Insel mit zehn Familien, die hatte ihren eigenen Bürgermeister, der Multimillionär war. Er hatte im Internet eine gutgehende Plattform aufgebaut, die von Facebook für viele Millionen aufgekauft worden war. Nun lebte er in Ruhe auf der Insel, hatte keinerlei Verpflichtungen, aber engagierte sich für Umweltschutz und andere gemeinnützige Dinge, weswegen er schließlich von den Mitbürgern zum Bürgermeister auserkoren worden war.
Als die Corona-Krise ausbrach, wurde die Insel wie viele andere auch isoliert. Der Bürgermeister fühlte sich verantwortlich für seine Leute, die plötzlich teilweise ohne Einkommen dastanden, und beschloss, mit seinem vielen Geld den Familien unter die Arme zu greifen.
Er besuchte seinen besten Freund, einen Musiker, und gewährte ihm monatlich 6000 Euro, damit er seine Familie erhalten konnte, aber auch weiterhin seine Musik an die Hörer bringen konnte, wozu er sich aufs Streamen verlegen und erst einmal die dazugehörigen Geräte anschaffen musste.
Dann besuchte er die Lehrerin der winzigen Inselschule und sagte ihr monatlich 3000 € zu. Dann besuchte er den Küster der kleinen Inselkirche, der auch gleichzeitig das Kirchenbüro besetzte und derart Mann für alles war, dass er bei stürmischen Sonntagen, wenn der Pastor vom Festland nicht herüberkommen konnte, sogar die Predigten hielt. Der Küster war überrascht und begeistert über das Engagement, bot Kaffee an und sie klönten bis in die Nacht hinein.
Am nächsten Tag besuchte der Bürgermeister auch die sechs Bauernhöfe. Da Bauern wenigstens zu essen haben und daher die Not nicht so groß ist, gewährte er ihnen, je nach Bauchgefühl, zwischen 400 und 2000 € pro Familie. Alle waren freudig überrascht über diese beispiellose private Initiative.
Nur die Lehrerin war total verärgert. Sie hatte gehört, dass der Musiker 6000 € bekam, sie aber gerade einmal die Hälfte, obwohl sie auch zwei Kinder hatte und als Lehrerin ebenfalls Geräte brauchte, um ihren Unterricht fortan online anbieten zu können. Sie ging daher zu den anderen Familien und hetzte gegen den reichen Mann. Der habe sie gegenüber dem Musiker benachteiligt, weil er persönliche Freundschaften über Gerechtigkeit stelle, also himmelschreiende Vetternwirtschaft betreibe. Auch gehe es nicht an, dass sie als Frau weniger bekäme als ein Mann.
Sie schrieb Briefe an Behörden und an die Gleichstellungsbeauftragte des Kreises, aber als selbst die antwortete, dass sie nichts machen könne, wenn es sich um die freiwillige Verteilung von Geschenken handele, war die Lehrerin so über die Reaktionen ihrer Mitmenschen und die ungerechte Behandlung ihrer Person verbittert, dass sie sich das Leben nahm.
Ihre Beerdigung musste der Küster halten, da der Pastor wegen der Isolation der Inseln nicht auf die Insel durfte. Als er bei der Vorbereitung der Predigt so über das Leben der Frau und die Gründe ihres Selbstmordes nachdachte, fiel ihm plötzlich auf: Die Einzigen auf der Insel, die ihr Gehalt in voller Höhe behalten hatten, waren er und die Lehrerin gewesen. Eigentlich hätten sie beide gar keine Hilfe von dem Bürgermeister zu kriegen brauchen. Den Bauern ging es viel schlechter, sie standen tatsächlich auf einmal ohne Geld da, da sie nichts auf dem Festland verkaufen konnten. Warum nur hatte ausgerechnet die Lehrerin sich ungerecht behandelt gefühlt?
Natürlich sagte er nichts davon in seiner Predigt, obwohl es sicherlich eine gute Lehre für die anderen gewesen sein könnte, aber er wollte nicht für pietätlos gehalten werden und erzählte nur von den guten Seiten der Verstorbenen.
Wer ein selbstbestimmtes Leben führt, sollte unabhängig von äußeren Einflüssen sein. Er kauft sich nur das, was er wirklich braucht und nicht das, was er im Fernsehen, Internet oder Zeitschriften und Prospekten sieht. In diesen Medien wird der Kaufreiz mit psychologischen Tricks angeregt. Geschickt wird der Mensch von Werbefachleuten so manipuliert, dass er den Gegenstand haben möchte, obwohl er zuvor nie diesen Wunsch gehabt hat. So trinken zum Beispiel junge, attraktive und glückliche Menschen in der Werbung Coca-Cola. Jeder Mensch möchte auch jung, attraktiv und glücklich sein, er möchte wie diese Menschen in der Werbung sein und daher kauft er Coca-Cola.
Oder es wird ein Kleidungsstück von einer hübschen Person getragen gezeigt, und daher findet man das Kleidungsstück auch hübsch und möchte es haben, um so wie die Person auf dem Bild zu sein.
Der Wunsch, ein teureres Handy, ein tolles Auto oder Markenklamotten zu besitzen, ist nichts Natürliches, sondern wird durch die Werbung andere Medien in den Menschen erzeugt.
Das Gegengewicht dazu bilden Organisationen wie die Kirche, die den Menschen feste und bleibende Werte anbieten. Die Kirchen lehren, dass das Trachten nach Luxus und äußerem Protz falsch sei. In der religiösen Sprache ausgedrückt ist es Sünde. Man muss sich frei machen von solchen Süchten nach teuren Dingen und soll sich stattdessen um edle Werte bemühen, anderen Menschen helfen und ethisch korrekt leben. Es hat auch viele christliche Unternehmer gegeben, die es zu großem Reichtum gebracht haben, aber nie mit Luxus geprotzt haben.
Auch Menschen wie der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt könnte man dazu als Beispiele nehmen. Er war zwar kein eifriger Kirchengänger, aber ganz von christlicher Ethik geprägt und durchaus in der Lage, eine Bibelstunde zu leiten oder eine Predigt zu halten.
Eine Rolex oder andere Luxusuhr an seinem Handgelenk wäre völlig absurd, denn eine einfache Uhr zeigt genauso die Zeit an, und ein durch christliche Ethik geprägter Mensch würde niemals eine Uhr für 30.000 Euro kaufen, wenn eine Uhr für 20 oder 100 Euro die Zeit genauso zuverlässig anzeigt.
Als in Deutschland das Christentum noch stark war, hätte ein Lehrer oder anderer Mann keine Rolex oder andere Luxusuhr getragen, selbst wenn er sie geerbt hätte, da dann ja andere Menschen, die nicht wissen, dass er sie nicht gekauft, sondern geerbt hat, denken würden, er sei ein Protzer.
In den Medien, besonders in den Musikvideos, die für heutige Kinder und Jugendliche produziert werden, sieht man nicht nur die Verherrlichung von Gewalt, sondern vor allem Protz. In der Kirche würden die Kinder und Jugendlichen hingegen Geschichten hören, in denen gegenteilige Werte vermittelt werden, so dass sie Gefühle wie Neid abbauen, bis sie so etwas nicht mehr spüren können und Protz und Luxus keine Anziehungskraft mehr auf sie haben. Dadurch sind sie freier und glücklicher.
Natürlich ist ein gewöhnlicher Jugendlicher glücklich, wenn er ein Luxushandy bekommt, sei es geschenkt, selbst gekauft oder geklaut. Aber dieses Glücklichsein hält nicht lange an.
Christliche Menschen sind hingegen sehr glücklich nach einem schönen Konzert oder Gottesdienst, einem Bibelkreis oder anderen Ereignissen, oder wenn sie in der Natur oder ihrem Garten sind, wenn sie ein gutes Buch lesen oder einfach mit Freunden zusammen sind. Darüber hinaus sind sie von einem dauerhaften Glücksgefühl erfüllt, weil Gott ihnen gnädig ist, weil Jesus für sie gestorben ist, weil sie anderen helfen können usw.
Dadurch, dass die meisten Deutschen beschlossen haben, nicht mehr in die Kirche zu gehen, ohne darüber nachzudenken, womit sie die fehlende ethische Erziehung ersetzen können, sind sie den Einflüssen der Medien schutzlos ausgeliefert. Wer als Kind zur Kirche gegangen ist und es als Erwachsener nicht mehr tut, ist dagegen noch gefeit, denn die inneren Werte sind in ihm noch verankert. Seine Kinder hingegen wachsen ohne diese Werte auf und werden später von Neid und Sucht nach materiellen Dingen geplagt und manchmal regelrecht zerfressen, so dass sie unglücklich sind, wenn sie mangels Reichtums diese Wünsche nicht befriedigen können.
Als kleines Kind habe ich natürlich auch materielle Wünsche in mir verspürt. So fand ich einmal einen Prospekt von Fiat. Den größten und sportlichsten Wagen fand ich toll, wollte so einen Wagen haben und nervte meine Eltern damit, dass sie sich so einen kaufen sollten.
Heute bin ich völlig frei von materiellen Wünschen. Wenn ein Millionär mir sagte „Ich bin von Ihrer Musik begeistert und möchte Ihnen daher etwas schenken, sagen Sie, was sie haben möchten!“, wüsste ich keine Antwort. Ich würde mir höchstens etwas für Andere wünschen, beispielweise eine Wohnung für eine Bekannte, Hilfe für Flüchtlinge im Libanon oder ein neues Dach für eine kaputte Dorfkirche.
Бесплатный фрагмент закончился.
