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Читать книгу: «Pauline»

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I

Gegen das Ende des Jahres 1834 waren wir eines Sonnabends Abends in einem kleinen, an den Fechtsaal des Herrn Grisier stoßenden Salon versammelt. Das Rappier in der Hand, die Zigarre im Munde, hörten wir die weisen Theorien unseres Professors, die von Zeit zu Zeit durch Anekdoten unterbrochen wurden, als die Türe sich öffnete und Alfred von Nerval eintrat.

Diejenigen, welche meine Reise in die Schweiz gelesen haben, werden sich vielleicht noch dieses jungen Mannes erinnern. Er begleitete damals eine Geheimnisvolle, verschleierte Dame und ich traf zum ersten Male mit ihm zu Fluelen zusammen, als ich mit Francesco nach der Barke eilte, die uns zum Steine Wilhelm Tell's bringen sollte. Sie werden sich dann auch noch erinnern, daß Alfred von Nerval, der, wie ich hoffte, mein Reisegesellschafter werden sollte, die Abfahrt des Fahrzeuges beschleunigte, ohne mich zu erwarten und vom Ufer abstieß, als ich wenigstens noch dreihundert Schritte davon entfernt war. Er gab mir aus der Barke mit der Hand ein Zeichen des Abschieds und der Freundschaft, welches ich so deutete: »Lieber Freund, es würde mir zum großen Vergnügen gereicht haben, dich wieder zu sehen, aber ich bin nicht allein und . . . Ich antwortete durch ein anderes Zeichen, welches sagen sollte: »Ich verstehe vollkommen, blieb stehen und verneigte mich zum Zeichen meines Gehorsams gegen diese Entscheidung, so streng sie mir auch erschien, weil ich aus Mangel eines Fahrzeuges erst den Tag darauf abreisen konnte. In's Gasthaus zurückgekehrt, fragte ich, ob Einer jene Dame kenne; allein man wußte nichts von ihr, als daß sie sehr leidend zu sein scheine und sich Pauline nenne.

Dieses Zusammentreffen hatte ich bereits wieder vergessen, als ich beim Besuch der warmen Quellen, welche die Bäder von Pfeffers mit Wasser versehen, in der langen unterirdischen Gallerie Alfred von Nerval auf mich zukommen sah. Er hatte dieselbe Dame am Arme, die ich schon mit ihm in Fluelen gesehen hatte, und die mir schon damals, wie ich bereits erzählt habe, deutlich den Wunsch zu verstehen gab, unerkannt zu bleiben. Auch diesmal schien sie ihr Incognito behaupten zu wollen, denn ihre erste Bewegung war, sich umzudrehen. Unglücklicher Weise erlaubte der Weg, den wir gingen, weder zur Linken noch zur Rechtes ein Ausweichen. Es war eine Art Brücke ans zwei feuchten, schlüpfrigen Brettern zusammengesetzt, die, anstatt quer über den Abgrund gelegt zu sein, in dessen Tiefe die Tamina in ihrem Bett von schwarzem Marmor hinbrauste, an einer der Wände dieses unterirdischen Ganges ungefähr vierzig Fuß über dem Strombette hinliefen, nur durch einige in den Felsen eingefügte Balken gestützt. Die Geheimnisvolle Begleiterin meines Freundes sah wohl ein, daß hier kein Entkommen möglich sei, und nahm ihre Maaßregeln. Sie ließ ihren Schleier herab und kam gerade auf mich zu. Ich erzählte bereits in meiner Reisebeschreibung den sonderbaren Eindruck, welchen die blasse, gleich einem Schatten Süchtige Dame auf mich machte, als sie am Rande dieses Abgrundes hinschritt, ohne Zagen, ohne Unruhe, wie ein Wesen einer andern Welt. Bei ihrer Annäherung lehnte ich mich an die Felswand, um so wenig als möglich Platz einzunehmen. Alfred wollte sie allein voranschreiten lassen, allein sie hielt seinen Arm fest, so daß wir uns in einem Augenblicke alle drei auf einem Raume von höchstens zwei Fuß Breite befanden. Aber dieser Augenblick war kurz wie das Leuchten eines Blitzes. Die Geheimnisvolle Dame, den Feen gleichend, die sich über die Ufer der Flüsse beugen und ihre Schleier in dem Schaume der Wellen spielen lassen, neigte sich über den Abgrund und passierte, wie durch ein Wunder, den engen schlüpfrigen Pfad, jedoch nicht schnell genug, um mich nicht einen Blick in ihr ruhiges, sanftes, obgleich durch Leiden gebleichtes und abgemagertes Gesicht tun zu lassen. Ich glaubte diese Figur jetzt nicht zum ersten Male zu erblicken, in meinem Geiste leuchtete eine dunkle Erinnerung auf, eine Rückerinnerung an Salons, Bälle und Feste; es dünkte mir, als habe ich diese Dame mit dem jetzt so abgezehrten, traurigen Gesichte schon gekannt, jedoch fröhlich, mit rosigen Wangen, geschmückt mit Blumen, davongetragen von einem langsamen Walzer oder einem stürmischen Galopp. Wo und wann? das wußte ich nichts Es war nur eine Vision, ein Traum, ein Echo meines Gedächtnisses, welches nichts Bestimmtes, nichts Wirkliches an sich trug, und mir entwischte wie ein Nebel, den man erhaschen will. Ich kehrte mit dem Entschlusse zurück, sie jedenfalls wieder zu sehen und hätte ich bei Erreichung meines Zweckes unbescheiden sein sollen. Allein weder sie, noch Alfred fand ich mehr in Pfeffers, obgleich ich nur eine halbe Stunde abwesend gewesen war.

Zwei Monate waren seit diesem zweiten Zusammentreffen verflossen und ich befand mich zu Baveno am lago maggiore. Es war ein schöner Herbstabend, die Sonne verschwand eben hinter den Alpen und die Schatten der Nacht stiegen am östlichen Himmel auf, welcher sich mit Sternen zu besäen begann. Vom Fenster meines Zimmers aus gewahrte man in der Ebene eine Terrasse, die ganz mit Blumen bedeckt war. Ich stieg auf dieselbe hinab und befand mich in einem Walde von Rosenlorbeeren, Myrthen und Orangen. Die Blumen sind für uns ein so angenehmer Gegenstand, daß wir uns selten begnügen, von ihnen umgeben zu sein, wir wollen sie in der Nähe genießen und wo wir sie auch finden, sei, es im Felde oder im Garten, ein innerer Trieb veranlaßt uns, sie zu pflücken, sie zu einem Strauße zu winden, damit ihr Geruch uns begleite, ihr Farbenglanz uns erfreue. Auch ich widerstand der Versuchung nicht. Ich brach einige der wohlriechenden Zweige und lehnte mich auf die Brustwehr von Granit, welche die Aussicht über den See gewährte, von dem sie nur durch die große Straße von Genf nach Mailand getrennt ist. Kaum war ich da, so tauchte der Mond auf der Seite von Sesto empor; seine Strahlen beleuchteten die Gebirge, die den Horizont begrenzten und erglänzten auf dem Gewässer, welches zu meinen Füßen ruhig schlief und die Strahlen wie ein unermeßlicher Spiegel zurückwarf. Alles war still, kein Geräusch ließ sich hören weder auf der Erde, noch auf dem See, noch am Himmel; die Nacht begann ihren Lauf mit majestätisch melancholischem Ernste. Da ertönte von einem dichtbelaubten Baume zu meiner Linken, dessen Wurzeln sich im Wasser des Sees badeten, harmonisch und zart der Gesang einer Nachtigall. Es war der einzige Ton, der erwachte; er erhielt sich einen Augenblick zierlich und tactmäßig und endete dann plötzlich in einem Laufe. Nun ließ sich, gleichsam als wenn dieser Ton einen an dem, ganz verschiedenen geweckt hätte, das ferne Rollen eines Wagens vernehmen, wie es schien, von Doma d'Ossola kommend. Der Gesang der Nachtigall begann von Neuem und ich vernahm wieder nur den Vogel Juliens. Als er endigte, hörte ich wiederholt das Rollen des Wagens näher und näher. Er kam schnell; so schnell er sich jedoch auch näherte, so hatte meine melodienreiche Nachbarin noch Zeit, vor seiner Ankunft wieder ihr nächtliches Gebet zu beginnen. Aber kaum hatte sie dieß Mal ihren letzten Ton entsandt, so erschien an der Krümmung der Straße eine Postchaise, von zwei Pferden gezogen, im Galopp, und nahm ihren Weg nach dem Gasthause. ungefähr noch zweihundert Schritte entfernt knallte der Postillon heftig mit der Peitsche, um den Kameraden seine Ankunft anzuzeigen, und in der Tat knarrte auch sogleich das große Thor in seiner Angel, aus welchem ein neues Gespann vorgeführt wurde. In demselben Augenblicke hielt der Wagen unter dem Altan, über dessen Geländer ich mich bog.

Die Nacht war, wie schon gesagt, so rein, klar und von Wohlgerüchen durchduftet, daß die Weisenden das Verdeck des Wagens zurückgeschlagen hatten, um die süßen Gerüche besser genießen zu können. Es waren deren zwei: ein junger Mann und eine junge Dame. Letztere, in einen Shawl oder Mantel gehüllt, hatte den Kopf zurückgelehnt auf den Arm des jungen Mannes, welcher sie unterstützte. In dieses Augenblicke trat ein Postillon mit einem Lichte an den Wagen, um die Laternen an demselben anzuzünden; ein heller Strahl fiel auf die Reifenden und ich erkannte Alfred von Nerval und Pauline.

Immer er und immer sie! Es schien, als wenn eine höhere Macht, nicht der Zufall, uns stets wieder zusammenführte! Immer sie, aber so verändert, seitdem ich sie zu Pfeffers sah, so blaß, so hinsterbend, daß sie nur noch ein Schatten zu sein schien; und dennoch riefen diese abgezehrten Züge meinem Geiste noch jenes dunkle Frauenbild zurück, welches gleichsam auf dem Grunde meines Gedächtnisses schlief, bei jeder dieser Erscheinungen emportauchte und über die Oberfläche desselben hinwegglitt wie ein Traum Offian's über die Nebel. Ich war in Begriff, Alfred anzurufen, allein ich erinnerte mich, wie sehr seine Begleiterin wünschte, nicht gesehen zu werden. Dennoch zog mich ein Gefühl von Mitleid zu ihr hin und veranlaßte mich, ihr wenigstens durch ein Zeichen bemerklich zu machen, daß es noch Jemand gebe, der inbrünstig zu Gott bete, ihre zum Entfliehen bereite Seele möge den wohl gebildeten Körper, den sie belebte, noch nicht sobald verlassen. Ich zog eine Visitenkarte aus der Tasche, schrieb auf deren Rückseite die Worte: »Gott schenke den Reisenden seinen Schutz, tröste die Betrübten und heile die Leidenden. Diese Karte legte ich zwischen die Myrthen, Orangen – und Rosenzweige, die ich gepflückt hatte, und ließ den Strauß in den Wagen fallen. In demselben Augenblicke fuhr der Postillon ab, doch bemerkte ich noch, wie Alfred sich aus dem Wagen bog und die Karte an das Licht der Laterne hielt. Er drehte sich hierauf nach mir um, gab mir mit der Hand ein Zeichen, und der Wagen verschwand.

Das Rollen der Chaise entfernte sich mehr und mehr, ohne jedoch diesmal von dem Gesange der Nachtigall unterbrochen zu werden. Umsonst wandte ich mich nach der Seite des Gebüsches und verweilte noch eine Stunde auf dem Altan; ich wartete vergebens! Tieftraurige Gedanken bemächtigten sich meiner; ich dachte mir, der Vogel, welcher soeben noch gesungen hatte, sei die Seele jener jungen Dame, die der Erde ihr Schwanenlied gesungen, und nun nicht mehr singe, weil sie bereits aufgestiegen gen Himmel!

Die bezaubernd schöne Lage des Gasthofes zwischen den Alpen, welche hier endigen, und Italien, welches hier beginnt, diese Gegend so still, und doch wieder so belebt durch den Iago maggiore mit seinen drei Inseln, deren eine einen Garten, die andere ein Dorf und die dritte einen Pallast trägt, dieser erste winterliche Schnee, welcher die Gipfel der Berge bedeckte, diese letzten warmen, herbstlichen Lufthauche, welche das mittelländische Meer entsandte, Alles dieses hielt mich acht Tage in Baveno zurück. Dann reiste ich nach Arona und von da nach Sesto Calende.

Hier erwartete mich eine letzte Erinnerung an Pauline; hier war der Stern erloschen, den ich hatte am Himmel vorüberziehen sehen, hier hatte der Fuß, der so flüchtig am Rande des Abgrundes dahin schritt, am Grabe gestrauchelt, und die verlorene Jugend, die verwelkte Schönheit, das gebrochene Herz deckte ein Stein. Dieser Schleier des Grabes, eben so Geheimnisvoll über den ganzen Körper gebreitet, als im Leben der Schleier nur das Gesicht verhüllt hatte, zeigte der Neugierde der Welt nichts als den Namen Pauline.

Ich ging, um dieses Grab zu sehen. Im Gegensatz zu den Gräbern Italiens, welche sich gewöhnlich in Kirchen befinden, erhob sich dieses in einem reizenden Garten, auf der Höhe eines mit Gebüsch bewachsenen Hügels, nach der Seite zu, welche die Aussicht nach dem See gewährt. Es war Abend; der Stein erglänzte in den Strahlen des Mondes, ich ließ mich an der Seite desselben nieder und strengte mein Gedächtniß an, noch ein Mal alle die zerstreuten und vorüberwogenden Erinnerungen an diese junge Dame zu sammeln. Aber auch dieß Mal war Alles vergebens. Ich konnte nichts finden als formlose Schatten, keine Gestalt mit festen Umrissen und entsagte endlich den weiteren Versuchen, in dieses Geheimnis einzudringen, bis ich Alfred von Nerval wieder sehen würdet

Man wird leicht begreifen, wie sehr sein unerwartetes Erscheinen in einem Augenblicke, wo ich seiner am wenigsten gedachte, meinen Geist und meine Einbildungskraft mit neuen Ideen erfüllte. In einem Nu schwebte mir Alles wieder vor meinen Gedanken vorüber: ich sah die Barke wieder, welche mir auf dem See entschlüpfte, die unterirdische Brücke, dem Vorhofe der Hölle ähnlich, wo die Reisenden wie Schatten erscheinen, das kleine Wirthshaus, an welchem der Sterbewagen vorüberfuhr, endlich den weißen Stein, auf welchem man beim Scheine des durch die Zweige von Orangen und Rosenlorbeeren schimmernden Mondes als einzige Grabschrift den Vornamen der jungen Dame liest, die so früh und wahrscheinlich sehr unglücklich starb.

Ich stürzte auf Alfred zu wie ein Mensch, der, lange in einem unterirdischen Gemache eingeschlossen, sich den Strahlen des Tageslichtes entgegen stürzt, die durch eine geöffnete Tür in seinen Kerker fallen. – Er lächelte traurig und reichte mir die Hand, zum Zeichen, daß er mich verstehe; ich zog mich jedoch schnell zurück und sammelte mich einigermaßen, damit Alfred, seit fünfzehn Jahren mein Freund, die Gefühle, welche mich so heftig zu ihm hinzogen, nicht als Bewegung einer bloßen Neugierde betrachte.

Alfred trat ein. Er war einer der besten Schüler des Herrn Grisier und seit drei Jahren nicht in seinem Fechtsaale erschienen. Das letzte Mal, als er da war, hatte er den folgenden Tag ein Duell zu bestehen, und noch ungewiß, mit welchen Waffen er sich schlagen solle, war er gekommen, sich mit dem Meister zu üben. Seit dieser Zeit hatte ihn Grisier nicht wieder gesehen, sondern nur erfahren, daß Alfred Frankreich verlassen habe und jetzt in London wohne.

Grisier, der auf die Ehre seiner Schüler wie auf die seinige hielt, hatte kaum die gebräuchlichen Begrüßungsformeln mit Nerval gewechselt, als er ihm auch schon ein Rappier in die Hand gab und unter den Anwesenden einen Gegner für ihn wählte, der ihm gewachsen war. So viel ich mich noch erinnere, war es der arme Labattut, der später nach Italien reiste, um in Pisa ein eben so unbekanntes als einsames Grab zu finden.

Beim dritten Gange stieß das Rappier Labattut's auf das Stichblatt der Waffe seines Gegners, zerbrach unter dem Knopfe und zerriß, die Parade durchdringend, den Hemdärmel Alfred's, der sich augenblicklich mit Blut färbte. Labattut warf sogleich sein Rappier weg, indem er, wie wir Übrigen glaubte, Alfred sei ernstlich verwundet.

Zum Glück war es nur ein leichter Riß; allein beim Aufstreifen des Hemdärmels ließ uns Alfred die Narbe einer andern, weit gefährlicheren Wunde bemerken; eine Pistolenkugel hatte die Muskeln der Schulter durchdrungen.

Siehe da, rief Grisier voll Erstaunen, das ist ja eine Wunde, von welcher ich bisher noch nichts wußte!

Grisier kannte uns nämlich so genau, wie eine Amme ihr Kind. Keiner seiner Schüler hatte eine Verletzung am Körper, deren Zeit und Ursache er nicht kannte. Er könnte eine sehr interessante, aber auch sehr anstößige Geschichte von Liebesabenteuern schreiben, wenn er die der ihm bekannten Degenstöße und dessen, was ihnen vorherging, erzählen wollte. Allein das würde zu viel Aufsehen erregen und als Gegenwirkung seinem Amte viel schaden; er wird jedoch seine Memoiren hinterlassen.

Ich erhielt sie, sagte Alfred, nach dem Tage, an welchem ich zum letzten Male mit Ihnen focht, und denselben Tag, an dem ich sie empfing, reiste ich nach England ab.

Ich habe Ihnen wohl gesagt, daß Sie sich nicht auf Pistolen schlagen möchten. Es ist ein angenommener Satz: der Degen ist die Waffe des Tapfern und des Edelmanns; er ist die werthvollste Reliquie, welche die Geschichte von großen, dem Vaterlande zum Ruhme gereichenden Männern aufbewahrt. Man spricht vom Degen Karl's des Großen, vom Degen Bayard's, vom Degen Napoleons, aber wer hat je von ihren Pistolen gesprochen? Die Pistole ist die Waffe des Räubers, mit der Pistole auf die Brust läßt man falsche Wechsel unterschreiben, mit der Pistole in der Hand hält man Postwagen an einer Waldecke an, mit der Pistole schießt sich der Banqueroutier die Kugel durch den Kopf. . . die Pistole! Pfui. . . ich lobe mir den Degen! Er ist der Begleiter, der Vertraute des Mannes; er beschützt seine Ehre oder rächt sie.

Alles gut, erwiderte Alfred, aber warum haben Sie selbst sich vor zwei Jahren gegen Ihre Überzeugung auf Pistolen geschlagen?

Bei mir ist das eine andere Sache, ich mußte mich auf jede Waffe schlagen, die man will, ich bin Fechtmeister, und überdieß giebt es Lagen, in denen wir die Bedingungen nicht ablehnen können, die uns auferlegt werden.

Nun wohl, ich bin in der nämlichen Lage gewesen, mein lieber Grisier, und Sie sehen, daß ich mich nicht schlecht aus derselben gezogen habe.

Ja, mit einer Kugel in der Schulter!

Immer besser, als eine Kugel im Herzen!

Und darf man die Ursache dieses Duells wissen?

Verzeihen Sie, mein lieber Grisier, die ganze Geschichte ist noch ein Geheimnis, später jedoch sollen Sie dieselbe erfahren.

Pauline?. . . fragte ich ihn leise.

Ja, erwiderte er.

Wir erfahren sie also gewiß? fragte Grisier. . . .

Ganz gewiß, versicherte Alfred, zum Beweise, daß ich mein Versprechen erfüllen werde, bitte ich Alfred, mich zum Abendessen zu begleiten, um sie ihm diesen Abend noch zu erzählen, damit Sie dieselbe einst, wenn ihr Kundwerden keinen der dabei Betheiligten mehr unangenehm berührt, in einem Bändchen, betitelt »Braune Erzählungen, oder »Blaue Erzählungen, selbst lesen können. Geduldigen Sie sich also bis dorthin.

Grisier mußte sich demnach fügen. Alfred führte mich mit sich zum Abendessen, wie er mir angeboten hatte, und erzählte mir dann die Geschichte Paulinens.

Jetzt ist jedes Hindernis ihres Erscheinens verschwunden. Die Mutter Paulinens ist gestorben und mit ihr erlosch die Familie und der Name dieses unglücklichen Kindes, deren Abenteuer einer Zeitepoche und einer Lokalität entnommen scheinen, die weit von der entfernt sind, in welcher wir jetzt leben.

II

Du weist, begann Alfred, daß ich mich der Malerkunst befleißigte, bevor mein braver Onkel starb und mir und meiner Schwester jedem eine jährliche Rente von 30000 Livres hinterließ.

Ich verneigte mich ein wenig, um meine Aufmerksamkeit auf das, was Alfred erzählte, und meine Achtung vor dem Schatten desjenigen zu bezeigen, welcher vor seinem Abschiede von dieser Welt noch ein so gutes Werk gestiftet hatte.

Von nun an, fuhr der Erzähler fort, betrieb ich die Malerei nur zum Vergnügen. Ich beschloß, zu reisen, Schottland, die Alpen und Italien zu sehen, traf deshalb mit meinem Notar ein Arrangement wegen meiner Geldangelegenheiten und reiste nach Havre ab, um von da aus meine Reise nach England anzutreten.

Zu Havre angekommen, erfuhr ich, daß Dauzats und Jadin sich in einem kleinen Dorfe am anderen Ufer der Seine, Namens Trouville aufhielten, und wollte Frankreich nicht verlassen, ohne zwei Kollegen meines früheren Ateliers die Hand zum Abschied gereicht zu haben. Ich mietete ein Boot, war in zwei Stunden in Honfleur und den andern Tag in Trouville; leider aber waren Beide den Tag, vorher abgereist.

Du kennst diesen kleinen Hafen mit seiner Bevölkerung von Fischern; er ist einer der malerischsten Punkte der ganzen Normandie. Ich blieb hier einige Tage, um Ausflüge in die Umgegend zu machen, Abends aber hörte ich am Kamine den Erzählungen meiner sehr ehrenwerten Wirtin, Madame Oseraie, von sonderbaren Ereignissen, deren Schauplatz seit drei Monaten die Departements Calvados, Loiret und la Manche geworden waren, zu. Es handelte sich um Räubereien, die mit außerordentlicher Geschicklichkeit und Kühnheit ausgeführt wurden. Reisende waren zwischen den Dörfern Buisson und Sallenelles verschwunden; man hatte den Postillon mit verbundenen Augen an einen Baum angebunden, den Postwagen auf der Chaussee und die Pferde ruhig weidend auf einer nahe liegenden Wiese gefunden. Dem Generaleinnehmer zu Caen erbrach man die Kasse und entwendete 70000 Francs, während er einem jungen Manne aus Paris, Namens Horaz von Beuzeval, und noch zwei Freunden auf dem Schlosse Burcy, ungefähr Lieues von Trouville, die dorthin gekommen waren, um das Vergnügen der Jagd zu genießen, ein Abendessen gab. Endlich war der Schullehrer von Pont l'Evêque auf dem Wege nach Lisieux, wo er 12000 Francs umwechseln wollte, ermordet worden. Sein Leichnam, von den Mördern in die Toques geworfen, von diesem kleinen Fluße aber wieder an's Ufer getrieben, hatte diese Mordthat enthüllt, deren Urheber jedoch bisher unentdeckt geblieben war, trotz der Tätigkeit der Pariser Polizei, die, durch diese Räubereien beunruhigt, mehrere ihrer geschicktesten Gehilfen in jene Departements gesendet hatte.

Diese Ereignisse und einer der häufigen Aufruhre, deren Ursachen unbekannt waren und damals von den Oppositionsjournalen der Regierung zur Last gelegt wurden, verbreiteten in der ganzen Normandie einen bisher in diesem guten Lande, bekannt durch seine Advokaten und Proceßführer, aber durchaus nicht pittoresk genug zum Aufenthalte für Räuber und Meuchelmörder, einen noch nicht gekannten panischen Schrecken. Was mich betrifft, so gestehe ich, daß ich Anfangs allen diesen Erzählungen keinen großen Glauben beimaß, weil mir dieselben mehr in die einsamen Schluchten der Sierra oder in die wilden Gebirge Calabriens, als in die reichen Ebenen von Falaise und in die fruchtbaren Thäler von Pont-Audemer, die mit Dörfern, Schlössern und Meiereien übersät sind, zu gehören schienen. Räuber konnten meiner Meinung nach nur mitten in einem Walde oder in der Tiefe einer Höhle sich finden. In allen drei oben genannten Departements gab es aber weder einen Schlupfwinkel, der den Namen einer Höhle verdient hätte, noch ein Holzgehäge, welches den eines Waldes hätte in Anspruch nehmen können.

Dennoch wurde ich bald genötigt, an die Wahrheit dieser Erzählungen zu glauben. Ein reicher Engländer, von Havre nach Alencon reisend, wurde eine halbe Meile von Dives, wo er die Pferde gewechselt hatte, angefallen. Man hatte den Postillon geknebelt und gebunden in den Wagen auf den Platz seiner Passagiere geworfen und die Pferde, den Weg wohl kennend, waren in ihrem gewöhnlichen Schritte zu Ranville angekommen, hatten am Posthause gehalten und ruhig bis zum Anbruche des Tages auf das Ausspannen gewartet. Ein Stalljunge, welcher früh die Türe öffnete, fand den Wagen, der weiter Niemand enthielt, als den armen geknebelten Postillon. Vor den Maire geführt sagte dieser aus, daß er auf der Straße von vier maskierten, Männern angehalten worden sei, die ihrem Äußern nach zu der niedrigsten Volksklasse gehörten. Sie hätten ihn gezwungen, zu halten und die Reisenden zum Aussteigen genötigt. Der Engländer hätte versucht, sich zu verteidigen, es sei, ein Schuß gefallen und im nämlichen Augenblicke habe er ein Stöhnen gehört; gesehen habe er aber nichts, weil man ihn mit dem Gesicht auf die Erde gelegt hätte. Dann habe man ihn geknebelt und in den Wagen geworfen, in welchem er geraden Wegs so sicher, als hätte er seine Pferde geführt, nach der Post gelangt sei,. Die Gendarmerie begab sich sogleich an den Ort, welchen der Postillon als denjenigen bezeichnete, wo das Verbrechen begangen worden war, und in der Tat fand man auch den Leichnam des Engländers in einem Graben von zwei Dolchstichen durchbohrt, von seiner Frau aber bemerkte man keine Spur. Dieses Ereigniß hatte sich kaum 10—12 Lieues von Trouville zugetragen und der Leichnam des Opfers wurde nach Caen gebracht. Ich konnte demnach nicht mehr an der Wahrheit zweifeln und wäre ich so ungläubig wie Thomas gewesen, denn in weniger als 5 bis 6 Stunden konnte ich hingehen und wie er die Finger in die Wunden legen.

Drei oder vier Tage nach dieser Begebenheit, den Tag vor meiner Abreise, beschloß ich, zum letzten Male die Küste zu besuchen, welche ich nun verlassen wollte. Ich ließ das Fahrzeug, das ich, für einen Monat gemiethet hatte, wie man in Paris einen Wagen miethet, gehörig in Stand setzen. Der Himmel war heiter und versprach einen schönen Tag; ich ließ also mein Mittagsbrot und meinen Zeichenapparat bringen und ging ganz allein an Bord. Meine Person machte die ganze Equipage des Fahrzeugs aus.

In der Tat, unterbrach ich ihn, ich kenne deine Ansprüche als Seemann und erinnere mich noch sehr wohl, wie du deine Lehre zwischen der Brücke der Tuilerien und der de la Concorde bei einer Einschiffung mit der amerikanischen Flagge bestanden hast.

Ja, erwiderte Alfred lächelnd,, allein diesmal wäre mir meine Anmaßung beinahe verderblich geworden. Anfangs ging Alles gut. Ich hatte eine kleine Fischerbarke mit einem einzigen Segel, welches ich vom Steuerruder aus regieren konnte. Der Wind kam von Havre und führte mich über das nur leicht bewegte Meer mit einer außerordentlichen Schnelligkeit. Auf diese Weise legte ich in Zeit von drei Stunden acht bis zehn Lieues zurück. Da trat plötzlich Windstille ein und das Meer war ruhig wie ein Spiegel. Ich befand mich gerade der Mündung der Orne gegenüber und hatte zu meiner Rechten die Ebene von Langrune und die Felsen von Lyon, zu meiner Linken die Ruinen einer Abtei, welche zum Schlosse Burcy gehört. Das Ganze bildete eine geschlossene Landschaft, die ich nur zu kopieren brauchte, um ein Gemälde zu entwerfen. Ich zog daher mein Segel ein und machte mich an die Arbeit.

In meine Malerei vertieft, weiß ich nicht, wie lange ich gearbeitet hatte, als ich eine von jenen warmen Brisen über mein Gesicht streichen fühlte, die gewöhnlich die Annäherung eines Sturmes verkünden. Zugleich verwandelte sich die Farbe des Meeres aus Grün in Aschgrau. Ich wandte mich nach der offenen See um und ein Blitz durchzuckte den mit dichten schwarzen Wolken bedeckten Himmel, so daß es schien, als durchfurche er eine Gebirgskette. Da war kein Augenblick mehr zu verlieren. Der Wind hatte sich, wie ich am Morgen hoffte, mit der Sonne gedreht; ich zog also mein kleines Segel auf und richtete das Vorderteil meines Schiffchens gegen Trouville, um die Küste so eilig wie möglich zu erreichen und das Fahrzeug, im Falle der Gefahr, an derselben stranden zu lassen. Aber kaum hatte ich eine halbe Lieue zurückgelegt, so flatterte mein Segel schlaff am Maste herab. Sogleich nahm ich es ab, dieser scheinbaren Ruhe mißtrauend; und in der Tat, kaum war ein Augenblick vergangen, so kreuzten sich mehrere Windstöße, das Meer begann, Wellen zu schlagen und es krachte ein starker Donnerschlag. Das war eine zu beachtende Warnung; und wirklich nahte sich der Sturm mit der Schnelligkeit eines Renners. Ich legte nun meinen Rock ab, nahm in jede Hand ein Ruder und beeilte mich, nach der Küste zu steuern.

Noch war ich zwei Lieues vom Lande entfernt. Zum Glück war es die Zeit der Fluth, und trotz dem, daß ich Gegenwind oder vielmehr gar keinen Wind hatte, denn nur einzelne Windstöße kreuzten sich bisweilen, trieben mich doch die Wellen nach demselben hin. Ich that hinsichtlich des Ruderns mein Möglichstes; der Sturm war aber schneller und erreichte mich endlich doch. Um das Maaß meines Mißgeschicks voll zu machen, begann es Nacht zu werden und es blieb mir kaum Hoffnung, vor Eintritt der Finsternis das Land zu erreichen.

Ich durchlebte eine fürchterliche Stunde. Mein Fahrzeug wurde wie eine Nußschale von den Wellen geschaukelt, folgte allen ihren Bewegungen, stieg und fiel mit ihnen. Noch immer ruderte ich, sah aber endlich ein, daß ich meine Kräfte umsonst erschöpfte. Leicht konnte der Fall eintreten, daß ich mich durch Schwimmen zu retten suchen mußte; deshalb zog ich die Ruder ein, legte sie auf den Boden des Fahrzeuges zu dem Maste und Segel und entledigte mich, das Hemd und die Beinkleider ausgenommen, Alles dessen, was meine Bewegung etwa hindern könnte. Zwei oder drei Mal war ich im Begriff, über Bord zu springen, allein die Leichtigkeit meiner Barke rettete mich. Sie schwamm wie ein Kork und schöpfte keinen Tropfen Wasser, doch fürchtete ich jeden Augenblick, daß sie umschlagen möchte. Einmal glaubte ich, sie stoße an etwas an, allein das Gefühl war so vorübergehend und so leicht, daß die Hoffnung sogleich wieder verschwand. Indessen war es so finster geworden, daß ich nicht zwanzig Schritte weit sehen konnte, und ganz und gar nicht wußte, in welcher Entfernung vom Lande ich mich! noch befand. Plötzlich fühlte ich eine heftige Erschütterung. Es unterlag keinem Zweifel mehr, daß ich angestoßen hatte. War es aber gegen einen Felsen oder gegen das Sandufer der Küste? Eine Welle hatte mich wieder flott gemacht und ich fühlte mich während einiger Minuten mit neuer Heftigkeit fortgerissen. Endlich wurde die Barke mit solcher Kraft vorwärts getrieben, daß der Kiel sich in den Sand grub und das Meer zurückwich, ohne sie wieder mit sich fort zu nehmen. Ich verlor keinen Augenblick, ergriff meinen Palletot und schwang mich, alles Übrige im Stiche lassend, eiligst über Bord. Das Wasser reichte mir nur bis an die Knie und glücklich gelangte ich auf das flache Ufer, bevor mich die Welle erreichte, die sich wieder, wie ein Gebirge, heranwälzte.

Du begreifst wohl, daß ich keinen Augenblick verlor. Ich warf meinen Palletot über die Schultern und eilte, die Küste zu erreichen. Bald fühlte ich auch die kleinen runden Kieselsteine unter meinen Füßen, welche man Strandsteine nennt und die Grenzen der Fluth bezeichnen. Ich fuhr fort, noch eine Zeitlang aufwärts zu steigen. Der Boden änderte nochmals seine Natur; ich ging durch hohe Kräuter, welche auf den Dünen wachsen. Jetzt hatte ich nichts mehr zu fürchten und hielt an, um auszuruhen.

Es ist ein großartiges Schauspiel, das Meer m der Nacht zu betrachten, während Blitze es beleuchten und der Sturm es peitscht. ES ist das Bild des Chaos, der Zerstörung! Es ist das einzige Element, dem Gott die Macht gegeben hat, sich gegen ihn zu erheben, und mit seinen Wogen seine Blitze zu kreuzen. Der Ozean erschien wie eine Kette sich bewegender Gebirge, mit Gipfeln, die in die Wolken reichen und Thälern, tief wie Abgründe. Bei jedem Donnerschlag schlängelte sich ein bleicher Blitz von diesen Gipfeln herab in jene Abgründe und verschwand in den Schlünden, die sich eben so schnell schlössen, als sie sich geöffnet hatten. Ich betrachtete mit Schrecken und Neugierde dieß wunderbare Schauspiel, welches Vernet gern zu sehen wünschte und ohne Nutzen von dem Maste aus betrachtete, an welchem er sich hatte festbinden lassen; denn nie wird ein menschlicher Pinsel dieses erstaunlich großartige und schrecklich-majestätische Schauspiel nachbilden! Vielleicht würde ich die ganze Nacht, im Anschauen und Hören vertieft, stehen geblieben sein, hätte ich nicht gefühlt, daß große Regentropfen mir in's Gesicht schlugen. Obgleich noch mitten im September, waren die Nächte doch schon kalt; ich dachte also daran, wo ich wohl Schutz fände gegen den Regen, und erinnerte mich an die Ruinen, welche ich vom Meere aus gesehen hatte. Diese konnten nicht mehr weit von dem Punkte der Küste entfernt sein, auf welchem ich mich befand. Ich fuhr also fort, einen steilen Abhang hinaufzusteigen und gelangte bald auf eine Ebene. Immer fortschreitend bemerkte ich in der Ferne eine dunkle Masse, die ich nicht genau unterscheiden konnte, die aber, was sie auch sein mochte, mir jedenfalls ein Obdach gewähren sollte. Endlich erglänzte ein Blitz und bei seinem Schein bemerkte ich die verfallene Halle einer Kirche; ich trat ein und befand mich in einem alten Kloster. Nun suchte ich nach einem Orte, der am wenigsten beschädigt war und setzte mich endlich in einen Winkel an dem Fuße eines Pfeilers nieder, entschlossen, den Anbruch des Tages hier zu er warten, denn ich kannte die Küste noch zu wenig, um bei diesem Wetter zu wagen, eine menschliche Wohnung aufzusuchen. Über dem hatte ich auf Jagden in der Vendée und in den Alpen wohl zwanzig Nächte in bretagneschen Strohhütten und schweizer Sennhütten schlechter verbracht als diese. Das Einzige, was mich beunruhigte, war ein gewisses Knurren des Magens, welches mich erinnerte, daß ich seit zehn Uhr Morgens nichts genossen hatte. Doch fiel mir ein, daß ich Madame Oseraie aufgetragen habe, für die Taschen meines Palletot zu sorgen. Eilig griff ich in dieselben und fand, daß meine Wirtin den Auftrag gewissenhaft erfüllt hätte. In der einen Tasche fand sich ein kleines Brod, in der andern eine Flasche Rum. Das war ein den Umständen ganz angemessenes Abendbrot, und kaum hatte ich es genossen, so fühlte ich eine wohltätige Wärme sich durch meine Glieder verbreiten, die schon zu erstarren begannen. Mein Geist, der in der Erwartung einer hungrigen Nachtwache eine etwas traurige Färbung angenommen hatte, erheiterte sich sogleich wieder, nachdem das Bedürfnis des Körpers befriedigt war. Ich fühlte, durch die Anstrengung des Tages ermüdet, eine Anwandlung von Schlaf, wickelte mich in meinen Palletot, lehnte mich an den Pfeiler und schlief, eingewiegt durch das Tosen des Meeres, welches sich an der Küste brach, und durch das Pfeifen des Windes, der sich in den Ruinen verfing.

Ich mochte ungefähr zwei Stunden geschlafen haben, als ich durch das Geräusch einer Türe geweckt wurde, die in ihren Angeln knarrte und an die Wand schlug. Ich riß die Augen groß auf, wie man zu tun pflegt, wenn man aus einem unruhigen Schlafe gestört wird, erhob mich schnell und versteckte mich instinktmäßig hinter einen Pfeiler. Aber, so viel ich mich auch umsah, ich sah und hörte nichts. Indessen blieb ich nichts desto weniger auf meiner Hut, überzeugt, daß das Geräusch, welches mich geweckt hatte, keine Täuschung eines Traumes sei,.

III

Der Sturm hatte sich gelegt, und obgleich der Himmel noch mit schwarzen Wolken bedeckt war, so erglänzte doch bisweilen ein Mondstrahl durch dieselben. Während eines solchen hellen Zwischenraums, den die Finsternis jedoch bald wieder verdrängte, wandte ich meine Augen von der Türe ab, deren Knarren ich gehört zu haben glaubte, um meine nächsten Umgebungen zu betrachten. So viel ich trotz der Finsternis bemerken konnte, befand ich mich in einer alten verfallenen Abtei und zwar, den noch stehenden Resten nach zu urteilen, in der Kapelle derselben. Zu meiner Rechten und Linken liefen die beiden Korridore des Klosters hin, durch niedrige gewölbte Bogen gestützt, während vor mir einige zerbrochene, platt auf der Erde liegende, von Gras überwachsene Steine den kleinen Friedhof bezeichneten, auf welchem die früheren Bewohner des Klosters, am Fuße eines alten, wandelbaren, seines Christusbildes beraubten Kreuzes, von den Mühen, des Lebens ausruhten.

Du weißt es, fuhr Alfred fort, und Jeder, auch der Kühnste, wird zugeben, daß die äußeren Zustände des Körpers einen bedeutenden Einfluß auf die Seelentätigkeit ausüben. Kaum dem fürchterlichen Sturme entronnen, war ich halb erstarrt in diese mir gänzlich unbekannte Ruine gekommen und endlich, von Müdigkeit überwältigt, in einen unruhigen Schlaf gefallen, aus welchem mich ein in dieser Einsamkeit ungewöhnliches Geräusch erweckte. Bei meinem Erwachen endlich sah ich mich auf dem Schauplatze des Raubens und Mordens, wodurch seit zwei Monaten die ganze Normandie in Schrecken gesetzt wurde; ich war allein, ohne Waffen und, wie ich dir sagte, in einer Gemütsstimmung, welche, durch die vorhergegangenen Anstrengungen des Körpers hervorgerufen, die erschlaffte geistige Tätigkeit behinderte, ihre gewöhnliche Energie wieder zu gewinnen. Du wirst es daher auch gar nicht ungewöhnlich finden, daß alle die Erzählungen, die ich am Kamine meiner Wirtin gehört hatte, in meinem Gedächtnisse wieder erwachten, und daß ich unbeweglich hinter meinem Pfeiler stehen blieb, anstatt mich niederzulegen und wieder zu schlafen. Über dem war ich überzeugt, daß ein von Menschen ausgehendes Geräusch mich aus dem Schlafe gestört hatte. Meine Augen wandten sich unwillkürlich von den langen finstren Korridoren immer wieder nach jener in die Mauer eingefügten Türe durch welche, meiner Überzeugung nach, Jemand gegangen sein mußte. Wohl zwanzig Mal war ich Willens, hinzugehen und an dieser Türe zu horchen, ob nicht irgend ein Geräusch meine Vermutung bestätige, allein ich mußte, um dahin zu gelangen, einen Raum überschreiten, den der Mond ganz erhellte. Dann konnten ja aber auch Andere, so gut wie ich, in dieser Klosterruine eine Zuflucht gesucht haben und sich vor meinen Blicken ebenso wohl verborgen halten wollen, als ich mich vor den ihrigen, indem sie im Dunkeln blieben und sich ruhig verhielten. Gleichwohl verbreitete sich in der folgenden Viertelstunde eine solche Ruhe und Stille über die Einöde, daß ich mich entschloß, den nächsten Augenblick, in welchem eine Wolke den Mond bedecken würde, zu benutzen, um den mich von jener Vertiefung trennenden Raum von 15 – 20 Schritten zu überschreiten und an der Türe zu horchen. Dieser Augenblick ließ sich nicht lange erwarten. Der Mond verbarg sich alsbald und es trat eine so tiefe Finsternis ein, daß ich ohne Gefahr meinen Entschluß ausführen zu können glaubte. Ich entfernte mich also von meinem Pfeiler, an dem ich bis jetzt, gleich einer gotischen Verzierung, wie angeheftet gelehnt hatte, und mit verhaltenem Atem, von Pfeiler zu Pfeiler schleichend und bei jedem Schritte horchend, gelangte ich zur Mauer des Korridors. Ich ging einen Augenblick in diesen hin, mich an seiner Wand haltend, gelangte so an die Treppe, welche in die Wölbung führte, stieg drei Stufen hinab und befand mich an der Türe.

Schon lauschte ich an derselben wenigstens zehn Minuten, ohne irgend Etwas zu hören und schon regten sich Zweifel gegen meine frühere Überzeugung. Ich kam zu dem Glauben zurück, daß mich ein Traum getäuscht habe und ich der einzige Bewohner dieser Ruinen sei, die mir als Asyl dienten. Ich entfernte mich daher von der Türe, um nach meinem Pfeiler zurückzukehren, als der Mond wieder erschien und den Raum erhellte, den ich, um auf meinen Posten zu gelangen, nochmals überschreiten mußte. Eben im Begriff, meinen Weg fortzusetzen, löste sich ein Stein vom Gewölbe und fiel herab. Ich hörte das Geräusch, welches das Herabrollen dieses Steins verursachte, und, obgleich ich die Ursachen desselben kannte, überlief mich doch ein Schauder, der mich noch einen Augenblick in dem Schatten des über mir hervorragenden Gewölbes und von der Ausführung meines Entschlusses zurückhielt. Da war es mir plötzlich, als hörte ich hinter mir ein entferntes, aber anhaltendes Geräusch, dem ähnlich, welches eine Tür in einem unterirdischen Gewölbe von sich giebt, wenn sie geschlossen wird. Dann vernahm ich entfernte Schritte, welche sich mehr und mehr näherten. Man stieg die tiefe Treppe herauf, zu welcher die drei Stufen gehörten, auf denen ich hinabgestiegen war. In diesem Augenblicke verschwand der Mond wieder. Mit einem Sprung stürzte ich mich in den Korridor und rückwärts gehend, die Hände hinter mich haltend, die Augen auf die Vertiefung gerichtet, welche ich eben verlassen hatte, erreichte ich jenen schützenden Pfeiler wieder und nahm meinen vorigen Platz ein. Kaum einen Augenblick dort angelangt, vernahm ich das nämliche Knarren, welches mich geweckt hatte. Die Türe wurde geöffnet und wieder verschlossen. Dann erschien ein Mann, trat aus dem Schatten hervor, blieb einige Augenblicke stehen, um zu horchen und sich umzusehen, begab sich darauf, nachdem er Alles ruhig gefunden, in den Korridor und wandte sich nach dem mir entgegengesetzten Ende desselben. Er war kaum zehn Schritte gegangen, so verlor ich ihn aus dem Gesicht, so dicht war die Finsternis. Der Mond erschien jedoch nach einer kleinen Weile wieder und ich erblickte den Geheimnisvollen am Ende des Friedhofes mit einem Spaten in der Hand. Er grub ein oder zwei Schaufeln Erde aus, warf einen Gegenstand, den ich nicht erkennen konnte, in das Loch, welches er gegraben hatte, und legte dann einen Grabstein auf die Stelle, dem er sein Depositum anvertraut hatte, jedenfalls um vor den Menschen jede Spur seiner Handlung zu verbergen. – Nachdem er so seine Vorsichtsmaßregeln genommen hatte, sah er sich von Neuem um. Da er aber nichts Bedenkliches hörte und sah, lehnte er seinen Spaten an einen Pfeiler und verschwand unter einer Wölbung.

Alles dieß geschah in ganz kurzer Zeit und in nur geringer Entfernung von mir. Allein trotz der Schnelligkeit dieses Nachtwandlers, hatte ich doch in ihm einen jungen Mann von 28 bis 30 Jahren erkannt, mit blonden Haaren und von mittlerer Größe. Er war mit einfachen Beinkleidern von blauem Tuche bekleidet, wie sie die Bauern gewöhnlich Sonntags tragen, doch deutete ein Jagdmesser an seinem Gürtel, dessen Griff ich im Mondscheine erglänzen sah, darauf hin, daß er einem andern Stande als dem, welchen sein übriges Äußere ihm anwies, angehöre. Von seiner Figur eine genauere Beschreibung zu geben, bin ich nicht im Stande, würde jedoch dessen ungeachtet ihn bei einem künftigen Zusammentreffen wieder zu erkennen im Stande sein.

Du wirst wohl glauben, daß das, was ich gesehen, mir für den Rest der Nacht jede Hoffnung, jeden Gedanken an Schlaf benahm. Ich blieb, ohne eine Spur von Müdigkeit zu fühlen, aufrecht stehen, ganz in Gedanken versunken über dieses Geheimnis, welches zu erforschen ich fest entschlössen war. Für den Augenblick war dieß unmöglich. Ich war, wie schon gesagt, ohne Waffen, hatte keinen Schlüssel zu jener Türe, und kein Brecheisen, sie zu öffnen. Über dem mußte ich wohl überlegen, ob es geratener sei, Anzeige davon zu machen, oder das Abenteuer allein zu bestehen, wobei ich am Ende, wie Don Quixotte, nichts fand, als Windmühlen. Sobald der Tag graute, verließ ich meinen Aufenthalt auf demselben Wege, welchen ich gekommen war und befand mich bald wieder am Abhange des Hügels. Ein starker Nebel bedeckte das Meer. Ich stieg an den Strand hinab und ließ mich dort, um das Schwinden desselben abzuwarten, nieder. Nach einer halben Stunde ging die Sonne auf und ihre ersten Strahlen zerstreuten den Nebel, der den noch vom Sturme des vorigen Abends bewegten, tobenden Ocean bedeckte.

Ich hatte die Hoffnung, weine Barke wieder zu finden, welche die steigende Fluth an die Küste geworfen haben mußte, und in der Tat fand ich dieselbe zwischen den Steinen der Küste gestrandet, ohne sie jedoch zu meiner Rückkehr nach Trouville benutzen zu können. Das Meer hatte sich bereits zurückgezogen und die Entfernung war zu groß, das Fahrzeug flott machen zu können. Dann war auch, wahrscheinlich durch einen Stoß an die Felsen, ein Bret im Boden zerschmettert. Glücklicherweise ist die dortige Küste von vielen Fischern bewohnt und kaum war eine halbe Stunde verflossen, so bemerkte ich in einiger Entfernung ein Fahrzeug. Bald kam dasselbe ziemlich nahe; ich rief, gab Zeichen und wurde bemerkt und verstanden, denn das Fahrzeug richtete seinen Lauf nach mir zu. Ich legte nun den Mast, das Segel und die Ruder in das angekommene, damit nicht eine neue Flut sie hinwegspüle, das Fahrzeug selbst ließ ich zurück. Sein Eigentümer mochte selbst sehen, ob es zum ferneren Gebrauche noch tauglich sei, oder nicht, und ob ich nur die teilweise Ausbesserung oder das Ganze zu bezahlen habe. Die Fischer, welche mich wie einen neuen Robinson Crusoe aufnahmen, waren aus Trouville selbst, erkannten mich, und bezeigten mir ihre Freude, mich noch unter den Lebenden zu finden. Sie hatten mich den Tag vorher abfahren sehen und da ich nicht zurückkehrte, geglaubt, ich sei, ertrunken. Ich erzählte ihnen meinen Schiffbruch, sagte ihnen, daß ich die Nacht hinter einem Felsen zugebracht habe und erkundigte mich nach den Ruinen, die sich auf dem Hügel erhoben und uns, sobald wir uns vom Ufer entfernten, zu Gesichte kamen. Sie erzählten mir, daß es die Ruinen der Abtei Grand-Pré wären und zu dem Parke des vom Grafen Horaz von Beuzeval bewohnten Schlosses Burcy gehörten.

Dieß war das zweite Mal, daß mir der Name dieses Mannes genannt wurde welcher durch eine alte Erinnerung, die derselbe in mir hervorrief, mein Herz erbeben machte. – Der Graf Horaz von Beuzeval war der Gemahl des Fräuleins Pauline von Meulien.

Pauline von Meulien! rief ich, Alfred unterbrechend. Pauline von Meulien!. . . und nun erinnerte ich mich vollkommen. Ja, es war dieselbe. . . ja, es war die Dame, mit der ich in der Schweiz und in Italien zusammentraf! Wir waren in den Salons der Prinzessin B., des Herzogs von F., der Frau von M. zusammen gewesen. Wie war es möglich, daß ich sie nicht wieder erkannte, so blaß, so abgezehrt sie auch sein mochte? O! es war eine reizende Dame, voll Talente, voll Anmut und Geist! Sie hatte schöne schwarze Haare, sanfte glänzende Augen! Armes Kind! armes Kind! Ach, ich erinnere mich ihrer, ich erkenne sie jetzt wieder.

Ja, sagte Alfred, mit bewegter und unterdrückter Stimme, ja. . . sie war es. . . auch sie hatte dich wieder erkannt und deshalb floh sie dich mit großer Sorgfalt. Sie war ein Engel von Schönheit, Anmut und Sanftmuth: du weißt es selbst, denn wir haben sie mehr als einmal zusammen gesehen, wie du vorhin selbst geäußert hast, aber das weist du nicht, daß ich sie von ganzer Seele liebte, daß ich jedenfalls Alles aufgeboten hätte, sie zu der Meinigen zu machen, hätte ich damals das Vermögen besessen, welches ich jetzt mein eigen nenne. Aber ich schwieg, weil ich ärmer war als sie. Ich sah ein, daß ich mein Lebensglück auf's Spiel setzte, wenn ich sie länger sähe und reiste deshalb nach Spanien. Während ich in Madrid war, erfuhr ich, daß Fräulein Pauline von Meulien den Grafen Horaz von Beuzeval geheiratet habe.

Die neuen Ideen, welche der eben von den Fischern ausgesprochene Name in mir weckte, fingen an, die Eindrücke zu verwischen, welche bisher das sonderbare Abenteuer der vorigen Nacht in mir zurückgelassen hatte. Außerdem trugen der helle Tag, der heitere Sonnenschein und die geringe Übereinstimmung, in welcher dergleichen Abenteuer mit unserer gewöhnlichen Lebensnorm stehen, dazu bei, mich Alles wie einen Traum betrachten zu lassen. Der Gedanke, eine Anzeige zu machen, war ganz verschwunden und nur der Wunsch geblieben, einen Versuch anzustellen, dieses Alles selbst zu ergründen. Über dem machte ich mir Vorwürfe, daß ich mich einen Augenblick vom Schrecken hatte bewältigen lassen und wollte mir selbst ausreichende Genugtuung geben. »

Gegen elf Uhr Morgens kam ich in Trouville an. Jedermann beglückwünschte mich, denn man hatte allgemein geglaubt, ich sei, ertrunken oder ermordet und Alle freuten sich, daß ich mit einer Steifheit aller Glieder davongekommen war. Bald sank ich vor Müdigkeit nieder, legte mich sogleich zu Bette, befahl, mich um 5 Uhr zu wecken und mir einen Wagen nach Pont l'Evêque zu bestellen, wo ich die Nacht zubringen wollte. Meine Befehle wurden pünktlich vollzogen und um 8 Uhr war ich an dem Orte der Bestimmung. Des andern Morgens um 6 Uhr nahm ich Postpferde und ritt in Begleitung eines Führers nach Dives. Von da aus wollte ich als einfacher Spaziergänger nach der Meeresküste gehen, diese verfolgen bis ich die Ruinen der Abtei Grand-Pré erreichte und dort als Freund schöner Landschaften die Örtlichkeit in Augenschein nehmen, dieselbe mir tief einprägen, um sie in der Nacht wieder zu erkennen und dahin zurückzukehren. Ein unvorhergesehener Umstand zerstörte diesen Plan und führte mich auf einem andern Wege zum Ziel.

Beim Postmeister in Dives angekommen, der auch zugleich Maire war, fand ich die Gend'armerie vor der Türe versammelt und die ganze Stadt in Aufruhr. Ein neuer Mord war begangen worden und diesmal mit einer beispiellosen Kühnheit. Die Gräfin von Beuzeval, erst vor einigen Tagen von Paris angekommen, war im Park des Schlosses, welches sie mit dem Grafen und einigen seiner Freunde bewohnte, ermordet worden. – Verstehst du? – Pauline. . . die Dame, welche ich geliebt hatte und deren Andenken, in meinem Herzen wieder erwacht, ganz in demselben lebte. . . Pauline, ermordet,. . . ermordet, während der Nacht, im Parke ihres Schlosses, als ich mich gerade in der daran stoßenden Abtei befand, ungefähr 500 Schritte von ihr entfernt. Es war kaum glaublich. . . . Doch plötzlich erinnerte ich mich wieder an jene Erscheinung, an jene Türe, jenen Menschen; ich war im Begriff, zu sprechen, Alles zu erzählen, als mich, ich weiß nicht welches, Vorgefühl davon abhielt. Noch hatte ich nicht genug Gewißheit und beschloß, bevor ich etwas entdecke, meine Forschungen zu beendigen. —

Die Gensd'armes, welche bereits um 4 Uhr Morgens Nachricht von dem Morde erhalten hatten, suchten den Maire, den Friedensrichter und zwei Ärzte, um das Protocoll aufzunehmen. Der Maire und der Friedensrichter waren bereit, aber einer der beiden Ärzte war in Angelegenheiten seiner Praxis abwesend und konnte der Einladung,der Behörde nicht folgen. Ich hatte früher in der Charité Anatomie studiert, so weit sie für meine Kunst, die Malerkunst, mir von Nutzen sein konnte und erbot mich, als ein der Chirurgie Beflissener die Stelle des abwesenden Arztes auszufüllen. Aus Mangel eines bessern wurde ich angenommen und wir reisten nach dem Schlosse Burcy ab. Mein ganzes Benehmen war instinktmäßig: ich wollte Pauline noch einmal sehen, bevor sich der Deckel des Sarges für immer über ihr schloß, oder ich folgte vielmehr einer inneren Stimme, die mir vom Himmel kam.

Wir kamen im Schlosse an. Der Graf war denselben Morgen noch nach Caen abgereist, um vom dortigen Präfekten die Erlaubnis auszuwirken, die Leiche nach Paris schaffen zu dürfen, wo sich das Familienbegräbnis befand. Er hatte zu seiner Entfernung die Zeit benutzt, in welcher die Justiz ihr Amt mit jener kalten, für den Verzweifelnden so schmerzlichen Förmlichkeit verwaltete.

Einer seiner Freunde empfing und führte uns in das Zimmer der Gräfin. Kaum konnte ich mich aufrecht halten; die Füße zitterten unter mir, mein Herz schlug heftig; ich mußte bleich sein, wie das Opfer des Todes, welches uns erwartete. Wir traten in das Zimmer, das noch ganz mit dem Geruche des Lebens erfüllt war. Ich warf bestürzt den scheuen Blick umher, und bemerkte auf einem Bette eine menschliche Gestalt, welche das über sie gedeckte Tuch deutlich verriet. Jetzt schwand all' mein Mut. Ich lehnte mich an die Türe, während der Arzt mit jener Ruhe, jener unbegreiflichen Gefühllosigkeit, welche die Gewohnheit endlich mit sich bringt, auf das Bett zuschritt. Er hob das Tuch auf, welches den Leichnam bedeckte, und entblößte den Kopf. – Ich glaubte, noch zu träumen oder mich im Reiche der Zauberei zu befinden. – Der auf dem Bette ausgestreckte Leichnam war nicht der der Gräfin von Beuzeval! – die ermordete Dame, deren Tod wir erweisen sollten, war nicht Pauline!. . .

IV

Es war eine Dame mit blonden Haaren, blauen Augen, weißem Teint und zierlichen Händen; sie war jung und schön, aber es war Pauline nicht.

Die Wunde befand sich in der rechten Seite; die Kugel war zwischen zwei Rippen durchgegangen und hatte das Herz so durchbohrt, daß ein augenblicklicher Tod erfolgt sein mußte. Alles dieß war ein so sonderbares Geheimnis, daß ich mich ganz darin verlor. Ich wußte nicht, auf wen ich meinen Verdacht richten sollte, aber so viel stand fest, daß diese Frau, welche ihr Gemahl für tod erklärte, nicht Pauline war und man unter deren Namen eine Fremde begraben wollte.

Ich weiß nicht, was ich eigentlich bei der ganzen chirurgischen Operation nützte, eben so wenig, was ich unter das Protokoll schrieb. Zum Glück schien der Arzt von Dives seine Überlegenheit über einen Studierenden und den Vorrang der Provinz gegen Paris beweisen zu wollen. Er versah alle Geschäfte allein und verlangte von mir nichts, als die Unterzeichnung. Die Operation dauerte beinahe zwei Stunden. Nachher begaben wir uns in den Speisesaal, wo einige Erfrischungen für uns bereit standen. Während meine Gefährten der höflichen Einladung entsprachen, und sich zu Tische setzten, lehnte ich mich an das Kreuz eines Fensters, welches die Aussicht in's Freie gewährte. Eine Viertelstunde mochte ich so gestanden haben, als ein Reiter, mit Staub bedeckt, im Galopp in den Hof Jagde, vom Pferde sprang, und, ohne sich darum zu kümmern, ob Jemand da wäre, der es in Empfang nähme, nach der Treppe eilte. – Eine Überraschung folgte bei mir der andern; dieser Mann, den ich nur halb gesehen hatte, wurde, obgleich er die Kleider gewechselt hatte, doch augenblicklich von mir erkannt. Es war derselbe, den ich aus dem Gewölbe kommen sah, es war der Mann mit den blauen Beinkleidern, mit dem Spaten und Jagdmesser. Ich rief einen Bedienten zu mir und fragte ihn, wer der eben angekommene Kavalier sei,. »Es ist unser Herr, erwiderte er mir, der Graf von Beuzeval, der eben von Caen zurückkommt, wohin er gereist war, um die Erlaubnis nachzusuchen, die Leiche nach Paris bringen zu dürfen. Ich fragte ihn ferner, ob er gesonnen sei, bald dahin aufzubrechen? »Heute noch, antwortete er, der Wagen, welcher den Leichnam der Frau Gräfin transportieren soll, steht bereit, und die Postpferde sind um 5 Uhr bestellt. Beim Herausgehen aus dem Speisesaale vernahmen wir Hammerschläge. Es war der Tischler, der den Sarg schloß. – Alles geschah in gehöriger Ordnung, aber, wie man sah, in großer Eile.

Ich reiste von Dives ab. Um 3 Uhr war ich in Pont l'Evêque, um 4 Uhr in Trouville. —

Mein Entschluß für diese Nacht war gefaßt. Ich wollte mir selbst Auskunft verschaffen und, im Fall mein Plan nicht gelänge, den andern Tag Alles anzeigen und es dann der Polizei überlassen, die Sache weiter zu verfolgen.

Das Erste, was ich demnach nach meiner Rückkehr that, war, daß ich eine Barke mietete und zwar diesmal mit zwei Männern, die sie leiten sollten. Dann ging ich in mein Zimmer, steckte ein Paar gute Doppelpistolen in meinen Gürtel, knöpfte meinen Palletot darüber, um meiner Wirtin diese schrecklichen Vorbereitungen zu verbergen. In die Barke ließ ich eine Fackel und ein Brecheisen bringen und stieg dann selbst, mit meiner Flinte bewaffnet, ein, indem ich als Vorwand meines Ausflugs den Wunsch äußerte, Möwen und Taucher schießen zu wollen.

diesmal war der Wind günstig. In weniger als 3 Stunden waren wir auf der Höhe der Mündung der Dive. Da angekommen befahl ich meinen Matrosen, bis zum gänzlichen Einbruch der Nacht anzuhalten. Nachdem Alles finster war, ließ ich nach der Küste zusteuern und landete.

Nun gab ich meinen Leuten die letzte Instruction. Sie sollten mich in einer Felsenhöhle erwarten. Einer um den Andern Wache halten und bereit sein, auf den ersten Wink abzureisen. Im Fall ich vor Tagesanbruch nicht zurück wäre, sollten sie nach Trouville eilen und dem Maire ein versiegeltes Packet übergeben. Dieß enthielt die von mir niedergeschriebene und unterzeichnete Anzeige, die Angabe der näheren Umstände der Expedition, die ich zu machen im Begriff war, und die Bezeichnung des Orts, wo man mich tot oder lebendig wieder finden würde. Nachdem ich so meine Vorsichtsmaßregeln genommen hatte, hing ich die Flinte über, nahm die Fackel, das Brecheisen und ein Feuerzeug mit, um nötigen Falls Feuer anzünden zu können, und suchte nun den Weg wieder zu finden, welchen ich das erste Mal eingeschlagen hatte.

Bald erkannte ich denselben, stieg den Berg hinauf und die ersten Strahlen des Mondes zeigten mir die Ruinen der alten Abtei. Ich durchschritt die Vorhalle und befand mich, wie das erste Mal, in der Kapelle.

Auch jetzt schlug mir das Herz heftig, aber mehr vor Erwartung, als Furcht. Ich hatte Zeit gehabt, einen festen Entschluß zu fassen, der nicht auf jene physische Aufregung, welche uns für den Augenblick einen tollkühnen Mut einflößt, sondern auf die moralische Reflexion gestützt war, welche unsern Vorsatz weise, aber auch unwiderruflich macht.

Bei dem Pfeiler angekommen, an dessen Fuße ich geschlafen hatte, stand ich einen Augen blick still, um einen Blick auf meine Umgebung zu werfen. Außer dem fortwährenden Rauschen, welches das Atmen des Meeres zu sein scheint, ließ sich kein Geräusch vernehmen. Ich entschloß mich nun, nach einer gewissen Ordnung fortzuschreiten und vorerst den Ort zu untersuchen, wo der Graf von Beuzeval (denn ich war überzeugt, daß dieser es war) einen Gegenstand verborgen hatte, den ich nicht erkennen konnte. Ich ließ die Fackel und das Brecheisen an dem Pfeiler, nahm meine Flinte von der Schulter, um zur Vertheidigung bereit zu sein, erreichte den Korridor, schritt den dunklen Säulengang entlang, fand den Spaten an einem der Pfeiler lehnend und bemächtigte mich desselben. Nun verhielt ich mich einen Augenblick still und unbeweglich, um mich von meinem Alleinsein zu überzeugen, und eilte dann, den Verwahrungsort zu erreichen. Ich hob den Grabstein auf, wie der Graf gethan hatte, fand die Erde frisch umgestochen, legte meine Flinte auf den Boden und stach nun mit dem Spaten in das bereits aufgelockerte Erdreich. Schon im ersten Wurf Erde sah ich einen Schlüssel glänzen. Ich füllte das. Loch wieder zu, legte den Stein darauf, nahm meine Flinte vom Boden auf und lehnte den Spaten an den Ort, wo ich ihn gefunden hatte. Dann verweilte ich einen Augenblick an der dunkelsten Stelle, um einigermaßen meine Gedanken zu sammeln.

Es unterlag keinem Zweifel, dieser Schlüssel öffnete die Tür, aus welcher ich den Grafen hatten kommen sehen. Demnach hatte ich das Brecheisen nicht nötig und ließ es hinter dem Pfeiler. Ich nahm bloß die Fackel, nahete mich nun der gewölbten Türe, stieg die drei Stufen hinab und versuchte, den Schlüssel in das Schlüsselloch zu stecken. Er paßte. Als ich zum zweiten Male herum drehte, öffnete sich der Riegel und ich trat ein. Im Begriff, die Tür wieder zu verschließen, dachte ich daran, daß mich ein Zufall verhindern könne, dieselbe mit dem Schlüssel wieder zu öffnen. Ich holte deshalb das Brecheisen noch und versteckte dasselbe tief unter der vierten und fünften Stufe dann verschloß ich die Tür wieder und befand mich nun in der tiefsten Finsternis. Nun zündete ich die Fackel an und erhellte so den unterirdischen Raum.

Der Gang, in welchem ich mich befand, glich dem Eingange in einen Keller, war 5 bis 6 Fuß breit und hatte Wände und Gewölbe von Stein. Eine Treppe von 20 Stufen lag vor mir, an deren Fuße eine abhängige Fläche immer tiefer unter der Erde fortlief. Einige Schritte vor mir befand sich eine zweite Tür. Ich ging nach ihr hin, legte mein Ohr an die eichenen Bohlen, hörte aber nichts; ich trat ein, wie durch die erste, ohne sie jedoch hinter mir zu verschließen, und befand mich nun im Grabgewölbe der Äbte. Die Mönche wurden auf dem Friedhof begraben.

Ich blieb einen Augenblick stehen, überzeugt, daß ich mich bald am Ziele befinden werde. Meine Maßregeln waren zwar zu gut genommen, als daß ich etwas zu fürchten gehabt hätte, doch wirst du mir wohl glauben, fuhr Alfred fort, daß die Örtlichkeit nicht ohne Einfluß auf mich war. Ich legte die Hand an meine mit Schweiß bedeckte Stirn Und blieb einen Augenblick ruhig stehen, um mich zu sammeln. Was werde ich finden? Gewiss einen Leichenstein, seit 3 Tagen errichtet! Plötzlich schauderte ich zusammen; ich glaubte einen Seufzer zu hören.

Dieses Geräusch gab mir meinen ganzen Mut zurück, statt ihn zu vermindern. Ich eilte schnell vorwärts. Aber woher war dieser Seufzer gekommen? Während ich noch so um mich schaute, ließ sich ein zweiter vernehmen. Ich stürzte nach der Seite hin, woher er zu kommen schien, suchte mit meinen Augen in jedem Grabgewölbe, ohne etwas zu bemerken als Leichensteine mit Inschriften, die die Namen derjenigen nannten, welche unter ihrem Schutze ruhten. Endlich beim letzten, verborgensten und entferntesten derselben angekommen, bemerkte ich ein weibliches Wesen, in einem Winkel sitzend, die Hände in einander gefaltet, die Augen geschlossen. Neben ihr auf einem Steine lag ein Brief, und daneben standen eine erloschene Lampe und ein leeres Glas. War ich zu spät gekommen? War sie schon tot? Ich suchte das Gitter mit dem Schlüssel zu öffnen, allein er passte nicht; bei dem Geräusch, welches ich machte, öffnete, die Frau die Augen, entfernte unter Zuckungen die Haare, welche ihr Gesicht bedeckten und stand nach einem Augenblick aufrecht vor mir, wie ein Gespenst. Ich stieß einen Schrei aus und den Namen – Pauline!

Da stürzte sie hinter dem Gitter auf die Kniee nieder.

O! schrie sie, mit dem Ausdrucke der fürchterlichsten Todesangst, befreien Sie mich aus diesem Orte! Ich habe nichts gesehen, ich werde nichts sagen, ich schwöre es bei meiner Mutter!

Pauline! Pauline! wiederholte ich, ihre Hände durch das Gitter ergreifend, Sie haben nichts zu fürchten. Ich komme zu Ihrer Hilfe, zu Ihrem Beistand, ich komme, Sie zu retten!

O! sagte sie, sich erhebend, mich zu retten – mich zu retten. . . ja, mich zu retten. Öffnen Sie diese Tür, öffnen Sie dieselbe schnell, denn so lange sie noch verschlossen ist, glaube ich nicht, was Sie mir sagen. Um's Himmels willen, öffnen Sie. – Bei diesen Worten ergriff sie das Gitter und schüttelte es mit einer Kraft, die ich einer Frau nie zugetraut hätte.

Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich, sagte ich zu ihr, ich habe keinen Schlüssel zu dieser Türe; aber ich besitze Mittel, sie zu öffnen; ich werde sie sogleich holen.

Verlassen Sie mich nicht! schrie Pauline, meinen Arm durch das Gitter mit ungeheurer Kraft ergreifend, verlassen Sie mich nicht, ich würde Sie sonst nicht wiedersehen!

Pauline, erwiderte ich, und beleuchtete mein Gesicht mit der Fackel, erkennen Sie mich nicht? O! betrachten Sie mich und sagen Sie, ob Sie dann noch glauben, daß ich Sie verlassen könnte.

Pauline heftete ihre großen schwarzen Augen auf mich, suchte sich einige Augenblicke zu entsinnen und rief dann plötzlich: Alfred von Nerval!

O, haben Sie Dank! haben Sie Dank! rief ich; Sie haben mich nicht vergessen! Ja, ich bin es, der Sie so innig liebte, der Sie noch liebt! Mir können Sie sich anvertrauen!

, Eine plötzliche Rothe überflog ihr blasses Gesicht, – so verschämt ist das weibliche Herz, – dann ließ sie meinen Arm los.

Werden Sie lange abwesend sein? frug sie mich.

Fünf Minuten.

So gehen Sie, aber lassen Sie mir diese Fackel, die Finsternis tödtet mich.

Ich reichte ihr die Fackel. Sie steckte den Arm durch das Gitter, ergriff dieselbe und lehnte ihr Gesicht zwischen zwei Gitterstangen, um mir mit den Augen so weit wie möglich folgen zu können. Ich eilte nun auf dem Wege zurück, den ich gekommen war. Bei der ersten Türe wandte ich mich um, und sah Paulinen noch in der nämlichen Stellung unbeweglich, wie eine Statue, die eine Fackel in ihrer marmornen Hand hält.

Noch fünf und zwanzig Schritte und ich fand die Treppe und auf der vierten Stufe das Brecheisen, welches ich dort verborgen hatte. Sogleich eilte ich zurück und fand Paulinen noch in derselben Stellung. Sie stieß einen Schrei der Freude aus und ich beeilte mich nun, das Gitter zu öffnen.

Das Schloß war so fest, daß ich mich vergebens bemühte. Ich mußte es also an dem Haspen versuchen und bearbeitete nun den Stein. Pauline leuchtete mir und nach fünf Minuten waren die beiden Bänder des einen Türflügels losgerissen; ich zog daran und er wich. – Pauline fiel auf die Knie. – Nun erst glaubte sie, daß sie frei sei.

Ich überließ sie einige Augenblicke ihrem Dankgebete und trat dann in das Gewölbe. Sogleich drehte sie sich lebhaft um, ergriff den offenen Brief und verbarg ihn in ihrem Busen. Diese Bewegung erinnerte mich an das leere Glas; ich ergriff es mit Bangigkeit und auf dem Boden desselben befand sich, ungefähr einen halben Finger hoch, eine weißliche Massen

Was war in diesem Glase? frug ich erschrocken.

Gift, erwiderte Pauline.

Und Sie haben es getrunken? rief ich entsetzt.

Wußte ich, daß Sie kommen würden? sagte Pauline, sich an das Gitter lehnend; denn jetzt erst erinnerte sie sich, daß sie dieses Glas ein oder zwei Stunden vor meiner Ankunft geleert hatte.

Haben Sie Schmerzen? sprach ich.

Noch nicht, war die Antwort.

Ich faßte Hoffnung.

Und war das Gift lange im Glase?

Zwei Tage und zwei Nächte ungefähr, ich kann die Zeit nicht genau bestimmen.

Ich betrachtete das Glas von Neuem. Der Niederschlag, welcher den Boden deckte, beruhigte mich einigermaßen. Während dieser zwei Tage und zwei Nächte hatte das Gift Zeit gehabt, sich zu setzen. Pauline hatte nichts getrunken als Wasser, zwar vergiftetes, aber vielleicht nicht in dem Grade, daß es tötete.

Es ist kein Augenblick zu verlieren, sagte ich zu ihr, sie auf meinen Arm nehmend, wir müssen eiligst fliehen und Hilfe suchen.

Ich kann gehen, erwiderte Pauline, und wand sich mit jener heiligen Scheu von mir los, welche schon früher ihr Gesicht rötete.

Wir machten uns nun auf den Weg nach der ersten Türe, die wir hinter uns schlossen, erreichten die zweite, welche sich ohne Hindernis öffnete, und befanden uns unter dem Kreuzgange. Der Mond glänzte am Himmel. Pauline breitete ihre Arme aus und fiel nochmals auf die Knie.

Eilen wir, eilen wir, sagte ich zu ihr, denn jede Minute Zögerung kann verderblich sein!

Ich fühle Schmerzen, sagte sie sich erhebend.

Ein kalter Schweiß trat mir auf die Stirne, ich nahm sie auf meinen Arm, wie ein Kind, durcheilte die Ruinen, trat aus dem Kloster und lief in vollem Lauf den Berg hinab. Auf der Ebene angekommen, sah ich in der Ferne das Feuer meiner beiden Begleiter.

Zur See! Zur See! schrie ich in befehlendem Tone, welcher anzeigte, daß kein Augenblick zu verlieren sei,.

Sie eilten nach der Barke und brachten dieselbe so nahe als möglich an's Ufer. Ich trat bis an die Knie in's Wasser, sie nahmen mir Paulinen aus den Armen und legten sie in die Barke. Ich stürzte neben ihr nieder.

Ist der Schmerz stärker geworden?

Ja, erwiderte Pauline.

Ich empfand eine Art Verzweiflung. Keine Hilfe, kein Gegengift. – Plötzlich dachte ich an's Meerwasser, füllte eine auf dem Boden des Fahrzeuges liegende Muschel halb voll und reichte sie Paulinen dar.

Trinken Sie, sprach ich zu ihr.

Sie gehorchte unwillkürlich.

Was machen Sie? rief einer der Fischer, Sie

verursachen dieser armen Dame Erbrechen.

Das wollte ich eben, nur ein Erbrechen konnte sie retten. Nach fünf Minuten fühlte sie ein Zusammenziehen des Magens, welches um so schmerzlicher war, da sie außer dem Gifte seit 3 Tagen nichts genossen hatte. Aber nach diesem Paroxysmus fühlte sie sich erleichtert; ich reichte ihr nun ein Glas frisches süßes Wasser, welches sie mit Begierde trank. Bald verminderten sich die schmerzen, es folgte ihnen eine außerordentliche Mattigkeit. Wir bereiteten nun auf dem Boden der Barke aus den Kleidern der Fischer und meinem Palletot ein Lager. Pauline legte sich, gehorsam wie ein Kind, auf dasselbe nieder und beinahe in demselben Augenblicke schlössen sich ihre Augen. Ich horchte auf ihren Atem; er war schnell, doch regelmäßig: sie war gerettet.

Eilen wir nun, sagte ich zu meinen Matrosen,, so schnell wie möglich nach Trouville. Nach unserer Ankunft erhaltet ihr von mir 25 Louisd'or.

Sogleich ergriffen die braven Schiffer die Ruder, indem sie das Segel für unzulänglich hielten, und die Barke flog über das Meer dahin, wie ein Seevogel, der sich verspätet hat.

V

Pauline öffnete erst die Augen wieder, als wir in den Hafen einfuhren. Ihre erste Bewegung war die des Schreckens. Sie glaubte einen beruhigenden Traum gehabt zu haben und streckte die Arme aus, als wolle sie sich überzeugen, daß sie nicht mehr die Mauern des Gewölbes berühre; dann sah sie sich unruhig um.

Wo führen Sie mich hin? frug sie.

Beruhigen Sie sich, antwortete ich ihr, die Häuser, welche Sie da vor sich sehen, gehören zu einem armen Dorfe, und die Bewohner desselben sind zu beschäftigt, als daß sie neugierig sein könnten. Sie werden da unerkannt bleiben, so lange es Ihnen gefällt. Wollen Sie jedoch von hier abreisen, so sagen Sie mir: wohin und Morgen, diese Nacht noch, ja in diesem Augenblicke reise ich mit Ihnen weiter, begleite Sie, bin Ihr Führer.

Auch außerhalb Frankreich?

Ueberall, wohin es auch sein mag.

Ich danke Ihnen, sagte Sie, lassen Sie mich nur eine Stunde darüber nachdenken. Ich will versuchen, meine Gedanken zu sammeln, denn in diesem Augenblicke ist mir der Kopf wüste und das Herz gebrochen; alle meine Kraft ist während der letzten zwei Tage und zwei Nächte geschwunden und ich fühle in meinem Geiste eine Verwirrung, welche an Wahnsinn grenzt.

Ich stehe ganz zu Ihren Diensten; wenn Sie mich sprechen wollen, so lassen Sie mich rufen. Sie gab mir ein Zeichen des Dankes, und in dem selben Augenblicke erreichten wir das Wirtshaus.

Sogleich ließ ich ihr ein Zimmer in Stand setzen, und zwar in einem Theile des Hauses, entfernt von dem, welchen ich bewohnte, um in keiner Weise Paulinens Zartgefühl zu verletzen. Dann empfahl ich meiner Wirtin, ihr vor der Hand keine andere Speise als schwache Bouillon zu reichen, da jede andere Nahrung bei dem Zustande der Schwäche und Erregung, in welchem sich der Magen der Kranken befand, jedenfalls nachtheilig sein mußte, und zog mich in mein Zimmer zurück.

Hier konnte ich mich endlich dem Gefühle der Freude, welches mich erfüllte, aber in Paulinens Gegenwart nicht laut werden lassen durfte, ganz überlassen. Pauline, die ich noch liebte und deren Andenken, trotz, einer Trennung von zwei Jahren, stets lebhaft in meinem Herzen fortgelebt hatte, Paulinen hatte ich gerettet; sie verdankte mir ihr Leben. Ich bewunderte die verborgenen Wege und die verschiedenen Verknüpfungen des Zufalls oder der Vorsehung, durch welche ich zu diesem Ziele geführt worden war. Ein tödlicher Schauer rieselte plötzlich durch meine Glieder, wenn ich bedachte, daß, wenn nur einer dieser glücklichen Umstände nicht gewesen wäre, wenn nur eins dieser Ereignisse, welche den leitenden Faden durch dieses Labyrinth bildeten, sich nicht zugetragen hätte, in dieser Stunde Pauline vielleicht, eingesperrt in das Grabgewölbe, die Hände im Todeskampfe durch Gift oder Hunger rang, während ich in meiner Unwissenheit vielleicht mit etwas Unbedeutendem beschäftigt, vielleicht dem Vergnügen nachgehend, sie dahinsterben ließ, ohne daß eine Ahnung, ein Vorgefühl, eine innere Stimme mir gesagt hätte: sie stirbt, rette sie!. . . Ein solcher Gedanke ist schrecklich, und die Furcht der Überlegung ist die schrecklichste! Doch auf der andern Seite ist sie auch das Tröstlichste; denn nachdem sie uns die Quellen des Zweifels hat erschöpfen lassen, führt sie uns zu dem Glauben zurück, welcher die Welt den Händen des blinden Zufalls entreißt, um sie in die der göttlichen Vorsehung zu legen.

So verbrachte ich eine Stunde und ich schwöre Dir zu, fuhr Alfred fort, daß kein unreiner Gedanke in meine Seele kam. Ich war glücklich, ich war stolz, sie gerettet zu haben; diese Handlung trug ihre Belohnung in sich und verlangte keine andere. Das Glück, sie vollbracht zu haben, war mir genug! – Nach einer Stunde ließ sie mich rufen. Ich erhob mich schnell, um nach ihrem Zimmer zu eilen, allein, vor der Türe angelangt, verließen mich die Kräfte und ich war genötigt, mich einen Augenblick an die Wand zu lehnen. Das Hausmädchen mußte erst zurückkommen, um mich nochmals einzuladen, bevor ich meine Kraft wieder sammeln konnte.

Sie hatte sich auf das Bett geworfen, ohne sich zu entkleiden. Ich näherte mich ihr, mit dem Scheine der größten Ruhe; sie reichte mir die Hand.

Noch habe ich Ihnen nicht gedankt, sprach sie: ich muß mich mit der Unmöglichkeit entschuldigen, Worte zu finden, die dem Ihnen schuldigen Danke nur einigermaßen entsprechend sind. – Denken Sie an den Schrecken und die Angst einer Frau, in der Lage, in welcher Sie mich finden, und verzeihen Sie mir.

Hören Sie mich, Madame, erwiderte ich, meine Bewegung verbergend und glauben Sie, was ich Ihnen sagen werde. Es giebt so unerwartete, so sonderbare Lagen, die von allen gewöhnlichen Formen, von allen konventionellen Vorbereitungen freisprechen. Gott hat mich zu Ihnen geführt und ich danke ihm dafür. Doch ist meine Sendung noch nicht vollbracht; ich hoffe Sie werden meiner noch weiter bedürfen. Hören Sie also und überlegen Sie jedes meiner Worte.

Ich bin frei. . . ich bin reich. . . Nichts bindet mich an einen Ort mehr, als an den andern. Ich war im Begriffe, zu reisen und ohne irgend einen Zweck nach England zu gehen. Ich kann also meinen Reiseplan ändern und mich nach dem Teile der Welt begeben, nach welchem mich der Zufall treiben will. Vielleicht wollen Sie Frankreich verlassen? Ich weiß es nicht, frage auch nach keinem Ihrer Geheimnisse und warte nur auf ein Zeichen von Ihnen, um Ihre Wünsche erraten zu können. Sei es aber, daß Sie in Frankreich bleiben, sei es, daß Sie es verlassen wollen, so disponieren Sie über mich, wie über einen Freund, einen Bruder. Befehlen Sie, daß ich Sie begleiten oder Ihnen von ferne folgen soll. Machen Sie aus mir einen Ihnen ganz ergebenen Beschützer, oder befehlen Sie, daß ich die Miene annehme, Sie nicht zu kennen, ich werde im Augenblicke gehorchen und zwar, glauben Sie es mir, ohne Rückhalt, ohne selbstische Hoffnung, ohne böse Absicht. Und nun, wie schon gesagt, vergessen Sie Ihr Alter, vergessen Sie das meinige, oder betrachten Sie mich als Bruder.

Ich danke Ihnen, sprach die Gräfin mit tiefbewegter Stimme. Ich nehme Ihr Anerbieten mit dem Vertrauen an, welches Ihre Biederkeit verdient. Ich vertraue mich ganz Ihrer Ehre an, denn ich habe Niemand auf der Welt, als Sie. Sie allein wissen, daß ich lebe.

Ja, Sie haben mit Recht vorausgesetzt, daß ich Frankreich verlassen muß. Sie gehen nach England und werden mich dorthin mitnehmen. Doch kann ich dort nicht allein und ohne Familie erscheinen. Sie haben mir den Namen Schwester angeboten und ich werde nun vor aller Welt Fräulein von Nerval sein.

O.' wie glücklich bin ich! rief ich aus. Die Gräfin gab mir ein Zeichen, sie weiter zu hören.

Ich verlange vielleicht mehr von Ihnen, als Sie glauben, fuhr Sie fort; auch ich war reich, allein die Toten besitzen nichts.

Aber ich bin es, mein ganzes Vermögen . . .

Sie verstehen mich nicht, sagte sie, und machen mich erröten, indem Sie meine Rede unterbrechen.

O! verzeihen Sie!

Ich werde Fräulein von Nerval sein, eine Tochter Ihres Vaters, wenn Sie wollen, . eine Waise, die man Ihnen anvertraut hat. Sie müssen Empfehlungsbriefe haben und werden mich also als Lehrerin in irgend einer Pensionsanstalt unterzubringen suchen. Ich spreche englisch und italienisch wie meine Muttersprache, ich habe gute Kenntnisse in der Musik, wenigstens hat man mir es sonst gesagt, und werde also Unterricht in der Musik und in Sprachen geben.

Aber das ist unmöglich, rief ich aus.

Das sind meine Bedingungen, erwiderte die Gräfin, verweigern Sie mir dieselben, mein Herr, oder nimmst du dieselben an, mein Bruder?

O! Alles, was Sie wollen, Alles, Alles, Alles!

Nun wohl, so ist keine Zeit zu verlieren. Wir müssen morgen abreisen. Ist dies möglich?

Gewiß!

Aber ein Pass?

Ich habe den meinigen.

Auf den Namen des Herrn von Nerval ausgestellt?

Ich werde hinzufügen »und seine Schwester

Sie wollen ein Falsum begehen?

Ein ganz unschuldiges. Wollen Sie lieber, daß ich nach Paris schreibe und einen zweiten Paß kommen lasse? . . . .

Nein, nein, das würde zu viel Zeit rauben. —

Von wo reisen wir ab?

Von Havre.

Auf welche Weise?

Mit dem Packetboote, wenn es Ihnen beliebt.

Und wenn?

Wenn es Ihnen gefällig ist.

Können wir sogleich?

Fühlen Sie sich nicht zu schwach?

Sie erinnern sich, ich bin stark. Sobald Sie zur Reise bereit sind, werden Sie auch mich bereit finden.

In zwei Stunden.

Sehr wohl. Adieu, Bruder.

Adieu, Madame.

Ach, rief die Gräfin lächelnd, schon verstoßen Sie gegen unsere Übereinkunft.

Lassen Sie mir Zeit, mich an einen Namen zu gewöhnen, der so süß für mich ist.

Hat es mir denn so viel Mühe gekostet? O! Sie . . . . rief ich, brach aber ab, weil ich fühlte, daß ich zu viel sagen würde. In zwei Stunden, fuhr ich fort, wird, nach Ihrem Wunsche, Alles bereit sein, verneigte mich dann und ging.

Kaum eine Viertelstunde war vergangen, seit ich mich ihr als Bruder angeboten hatte und schon fühlte ich alle Schwierigkeiten, die für mich aus diesem Verhältnisse entspringen würden. Der Adoptivbruder einer jungen schönen Dame zu sein, ist schon eine schwierige Sache, allem, wenn man diese Dame schon geliebt hat, wenn man sie verloren hat und dann einsam und verlassen wieder findet, ohne andern Schutz, als den, welchen man ihr gewährt; wenn das Glück, das man nie erwartet hätte, das man wie einen Traum betrachtet, so nahe ist, daß man bloß die Hand auszustrecken braucht, um es zu ergreifen, dann ist es trotz aller Entschlüsse, trotz des gegebenen Wortes unmöglich, das Feuer, welches in unserem Herzen glimmt, zu verbergen, und es entsprühen stets einzelne Funken entweder durch die Augen oder durch den Mund.

Ich fand meine Schiffer beim Essen und Trinken und eröffnete ihnen mein neues Vorhaben, während der Nacht nach Havre zu reisen, um zur Zeit der Abfahrt des Packetbootes dort einzutreffen. In dem Fahrzeuge, welches uns hierher gebracht hatte, wollten sie jedoch die Fahrt nicht unternehmen. Sie verlangten eine Stunde Zeit, um ein anderes in Stand zu setzen. Wir wurden bald des Handels einig, oder sie überließen es vielmehr meiner Freigebigkeit, sie für ihre Mühe zu belohnen. Ich fügte zu den 25 Louisd'or, die sie bereits empfangen hatten, noch fünf hinzu, und für diesen Preis hätten sie mich nach Amerika gefahren.

Ich untersuchte nun die Kleiderschränke meiner Wirtin, denn die Gräfin hatte, außer dem Kleide, welches sie trug, als sie eingesperrt wurde, gar Nichts. Bei ihrem schwachen leidenden Zustande fürchtete ich den nächtlichen Wind und den Nebel. Am Ehrenplatze fand ich eine große schottische Tartane, deren ich mich sogleich bemächtigte. Ich bat Madame Oseraie, dieselbe auf meine Rechnung zu setzen, und hoffte, daß, durch sie und meinen Mantel geschützt, meine Reisegefährtin die Überfahrt ohne Gefahr werde wagen können. Sie ließ nicht auf sich warten und erschien sogleich, nachdem sie benachrichtigt war, daß das Fahrzeug bereit sei. Die Zeit, welche sie mir gelassen hatte, war von mir zur Berichtigung meiner kleinen Rechnung benutzt worden und wir hatten demnach nichts weiter zu tun, als uns nach dem Hafen zu begeben und uns einzuschiffen.

Die Nacht war, wie ich vorausgesehen hatte, kalt, doch ruhig und schön. Ich verbarg die Gräfin unter die Tartane, und wollte sie in ein von meinen Fischern auf dem Hinterteile des Fahrzeuges aufgeschlagenes Zelt führen. Die Heiterkeit des Himmels und die Ruhe der Nacht hielten sie jedoch auf dem Verdecke zurück. Ich zeigte ihr eine Bank, und wir ließen uns auf derselben nebeneinander nieder.

Uns war beiden das Herz so voll, daß wir lange neben einander sitzen blieben, ohne ein Wort zu reden. Ich hatte meinen Kopf auf die Brust sinken lassen und dachte mit Erstaunen an die Reihe sonderbarer Abenteuer, die sich für mich eröffnet hatte und deren Kette sich wahrscheinlich noch weit in die Zukunft erstrecken werde. Ich brannte vor Begierde, die Ereignisse kennen zu lernen, durch welche die Gräfin von Beuzeval, jung, schön und wenigstens scheinbar von ihrem Manne geliebt, dahin gelangt war, in einem der Grabgewölbe der verfallenen Abtei den Tod zu erwarten, dem ich sie entriß. In welcher Absicht hatte der Graf das Gerücht ihrer Ermordung verbreitet und auf das Sterbebett an ihrer Stelle eine andere gelegt? War es Eifersucht? Das war der erste Gedanke, der sich mir aufdrängte. Es wäre schrecklich gewesen . . . . Pauline einen Andern liebend. . . . O! dieß entzauberte alle meine Träume. Denn für denjenigen, den sie liebte, war sie in's Leben zurückgekehrt; wohin sie sich auch habe wenden mögen, sie würde sich doch bemühen, wieder mit ihm zusammen zu treffen. So hätte ich sie für einen Andern gerettet; sie würde mir indeß danken, wie man einem Bruder dankt und damit wäre Alles abgemacht. Dieser Mann würde mir die Hand drücken und mir versichern, daß er mir mehr als das Leben verdanke, denn sie genössen dann ein um so sichereres Glück, da es unbekannt bleiben würde. . . . Und ich, ich würde nach Frankreich zurückkehren, um zu leiden, wie ich schon gelitten hatte und noch tausend Mal mehr. Denn das Glück, welches ich Anfangs nur in der Ferne sah, hatte sich mir genähert, um mir auf eine noch grausamere Weise wieder zu entweichen. Nun würde vielleicht die Zeit kommen, wo ich die Stunde verfluchte, in welcher ich diese Frau gerettet hatte, wo ich es beklagen würde, daß sie, tod für alle Welt, nur für mich lebte, aber entfernt und für einen Andern, der das Glück hätte, ihr nahe zu sein . . . War sie über dem strafbar, so war die Rache des Grafen gerecht . . . An seiner Stelle . . . ich hätte sie nicht sterben lassen . . . aber gewiss .. ich hätte sie getötet . . . sie und den Mann mit ihr, den sie liebte! . . . Pauline einen Andern lieben! . . . Pauline strafbar! . . . O! dieser Gedanke zog mir das Herz zusammen. Ich erhob, langsam mein Haupt; Pauline hatte den Kopf zurückgelegt und betrachtete den Himmel. Zwei Tränen glitten über ihre Wangen.

O, mein Gott, rief ich, was fehlt Ihnen?

Glauben Sie, erwiderte sie mit derselben Unbeweglichkeit, glauben Sie, daß ich mein Vaterland, meine Familie, meine Mutter für immer verlassen könne, ohne daß mir das Herz bräche? Glauben Sie, daß, wenn ich auch nicht aus dem Glücke, doch aus einem ruhigen Leben zur Verzweiflung übergehe, mir nicht das Herz blute? Glauben Sie, daß ich in meinem Alter den Ozean durchsegeln könne, um den Rest meines Lebens in einem mir ganz fremden Lande zuzubringen, ohne eine Träne mit den Wellen zu vermischen, welche mich weit davon tragen von Allem, was ich liebte? . . .

Aber, sagte ich, ist es denn ein ewiger Abschied?

Ein ewiger! murmelte sie, den Kopf ein wenig schüttelnd.

Und Sie wollen Niemand von jenen Personen wieder sehen, die Sie liebten?

Niemand. . . .

Und soll es aller Welt unbekannt bleiben und zwar für immer und. . . ohne Ausnahme, daß diejenige, welche man als tod betrauert, noch lebt und weint?

Aller Welt. . . für immer. . . ohne Ausnahme. . .

O! rief ich aus. . . wie glücklich bin ich, und welchen Stein nehmen Sie von meinem Herzen!. . .

Ich begreife Sie nicht, sagte Pauline.

O! errathen Sie gar nicht, welche Zweifel, welche Befürchtungen in meinem Herzen erwacht sind?. . . Sollten Sie kein Verlangen tragen, zu wissen, durch welche Verkettung von Umständen ich zu Ihnen gelangt bin?. . . Werden Sie dem Himmel für Ihre Rettung danken, ohne sich durch mich unterrichten zu lassen, welcher Mittel er sich bediente?. . .

Sie haben Recht, ein Bruder darf keine Geheimnisse vor seiner Schwester haben. . . Sie werden mir Alles erzählen und ich meinerseits werde Ihnen auch nichts verhehlen. . .

Nichts?. . . O, schwören Sie mir es zu!. . . Sie werden mich in Ihrem Herzen lesen lassen, wie in einem offenen Buche?. . .

Ia. . . und Sie werden in demselben nichts finden, als Unglück, Entsagung, und Gebet. . .

Aber hier ist weder Zeit noch Ort; auch sind mir alle diese traurigen Ereignisse noch zu neu, als daß ich den Mut hätte, sie jetzt zu erzählen. . .

O! wenn Sie wollen,. . . zu welcher Zeit. . . zu welcher Stunde Sie dazu geneigt sind. . . Ich werde warten. . .

Sie erhob sich und äußerte das Bedürfnis nach Ruhe. Haben Sie mir nicht gesagt, daß ich unter diesem Zelte schlafen könne?

Ich führte sie nach demselben und breitete meinen Mantel auf den Boden. Darauf gab sie mir ein Zeichen mit der Hand, mich zu entfernen; ich gehorchte und kehrte nach der Bank zurück, mich auf demselben Platze niederlassend, den sie so eben verlassen hatte, legte meinen Kopf auf dieselbe Stelle, wo der ihrige gelegen hatte und blieb in dieser Stellung bis zu unserer Ankunft in Havre.

Den andern Abend stiegen wir zu Brighton an's Land und sechs Stunden später waren wir in London.

VI

Meine erste Sorge nach unserer Ankunft betraf eine passende Wohnung für meine Schwester und mich. Ich machte deshalb noch denselben Tag dem Bankier, bei welchem ich akkreditiert war, einen Besuch und dieser nannte mir ein kleines ganz möbliertes Haus, welches gerade für zwei Personen und zwei Diener hinreichend sei,. Ich trug ihm nun auf, den Mietvertrag für mich abzuschließen, und schon am andern Tag schrieb er mir, daß das Häuschen zu meiner Disposition stehe.

Sogleich ließ ich mich in eine Leinwandhandlung führen, deren Eigentümerin mir in wenig Augenblicken eine vollständige und geschmackvolle Ausstattung zusammenstellte. Zwei Stunden später war Alles mit dem Namen Pauline von Nerval gezeichnet und in den für sie bestimmten Schränken im Schlafzimmer aufbewahrt. Dann ging ich zu einer Modehändlerin, welche mich, obgleich Französin, mit gleicher Schnelligkeit bediente; da ich jedoch zu den Kleidern kein Maß geben konnte, so kaufte ich nur einige der schönsten Stoffe, die ich finden konnte und ersuchte sie, mir noch diesen Abend eine Näherin zuzuschicken.

Gegen Mittag kehrte ich in's Hotel zurück und man sagte mir, daß meine Schwester bereits aufgestanden sei und mich zum Tee erwarte. Sie trug einen ganz einfachen Anzug, den sie sich während unseres zwölfstündigen Aufenthaltes zu Havre hatte fertigen lassen. Er kleidete sie vortrefflich. Sehen Sie, sprach sie bei meinem Eintritt in's Zimmer, habe ich nicht schon das Kostüm meines künftigen Standes und tragen Sie noch Bedenken, mich als Unterlehrerin vorzustellen?

Ich werde Alles tun, was, Sie befehlen, erwiderte ich.

O! das ist nicht die Weise, in welcher Sie zu mir sprechen müssen! Wenn ich meiner Rolle folge, scheinen Sie die Ihrige zu vergessen. Die Brüder, vorzüglich die älteren, unterwerfen sich überhaupt nicht so blindlings den Wünschen ihrer Schwestern. Sie werden sich verraten; sein Sie auf Ihrer Hut.

Wahrlich, ich bewundere Ihren Mut, sagte ich zu ihr, indem ich meine Arme sinken ließ und sie anblickte, da Ihr Herz so traurig, Ihr Geist so krank, Ihr Gesicht wegen Ihres körperlichen Leidens so bleich ist; für immer entfernt von Allem, was Sie lieben, haben Sie doch noch die Kraft zu lächeln. Weinen Sie! weinen Sie! weinen Sie; dieß ist mir lieber und beunruhigt mich weniger.

Ja, Sie haben Recht, sprach sie, ich bin eine schlechte Schauspielerin. Nicht wahr, man sieht die Tränen durch mein Lächeln hindurch? Ich habe geweint, während Sie abwesend waren und das hat mir wohlgethan, und zwar so, daß ich ein weniger durchdringendes Auge, einen weniger aufmerksamen Bruder hätte glauben machen wollen, ich habe Alles vergessen.

O! sein Sie ruhig, Madame! sagte ich mit einiger Bitterkeit, denn mein Argwohn kehrte zurück, sein Sie ruhig, ich werde es nie glauben!

Glauben Sie, daß ich meine Mutter vergesse, da ich weiß, daß sie mich für tot hält und meinen Tod beweint?. . . O! meine Mutter, meine arme Mutter! rief die Gräfin in Tränen ausbrechend und in das Sofa zurücksinkend.

Sehen Sie, welch' ein Egoist ich bin, Ihre Tränen sind mir angenehmer als Ihr Lächeln. Die Tränen sind vertrauensvoll, das Lächeln ist verstellt. Das Lächeln ist der Schleier, unter welchem sich das Herz verbirgt, um zu lügen. Dann scheint es mir auch, als bedürften Sie meiner, um Ihre Tränen zu trocknen. . . So lange Sie weinen, habe ich noch die Hoffnung, daß ich Sie nach und nach durch meine Sorgfalt, Aufmerksamkeit und Achtung trösten werde; wenn Sie aber schon getröstet wären, welche Hoffnung bliebe mir noch?

Aber Alfred, sagte die Gräfin mit Wohlwollen, mich zum ersten Male bei meinem Vornamen nennend, führen wir nicht einen bloßen Wortkrieg? Zwischen uns sind so sonderbare Dinge vorgegangen, daß Sie aller Umschweife gegen mich entbunden sind, so wie ich jeder Täuschung gegen Sie. sein Sie offen, fragen Sie mich; was wollen Sie wissen? Ich werde Ihnen antworten.

O! Sie sind ein Engel, rief ich, und ich bin ein Narr! Ich habe kein Recht, nach Etwas zu fragen, Etwas zu verlangen. War ich nicht glücklicher als ein Mensch je sein kann, als ich Sie in jenem Grabgewölbe fand? als ich Sie auf meinen Armen jenen Berg hinab trug? als Sie sich in jener Barke auf meinen Arm stützten? So weiß ich denn eigentlich selbst nicht, was ich will, aber ich wünschte Sie von steter Gefahr umgeben, um Sie stets an meinem Herzen erzittern zu fühlen. Eine Existenz voll solcher Gefühle würde unstreitig eine schnell aufreibende sein; man würde höchstens ein Jahr so leben können, dann würde das Herz brechen. Aber würde ich nicht gern ein langes Leben für ein solches Jahr vertauschen? Dann wären Sie ganz Ihrer Furcht überlassen und ich wäre Ihre einzige Hoffnung! Ihre Erinnerungen an Paris würden Sie nicht quälen, Sie würden sich nicht zum Lächeln zwingen, um mir Ihre Tränen zu verbergen. Ich wäre glücklich. . . Ich wäre nicht eifersüchtig!

Alfred, erwiderte die Gräfin ernst, Sie haben genug für mich getan, um mich zu veranlassen, auch meinerseits etwas für Sie zu tun. Sie müssen leidend, sehr leidend sein, weil Sie so sprechen, denn Sie beweisen dadurch, daß Sie sich nicht erinnern, wie ich ganz von Ihnen abhängig bin. Sie beschämen mich einerseits, und tun mir weh in Hinsicht auf Sie.

O verzeihen Sie! Verzeihen Sie, rief ich, ihr zu Füßen fallend. Sie wissen, daß ich Sie als junges Mädchen liebte, obgleich ich es Ihnen nie gesagt habe, Sie wissen, daß mich nur der Mangel an Vermögen abgehalten hat, nach Ihrer Hand zu streben und Sie wissen auch, daß diese Liebe, die wohl eingeschlummert, aber nicht erloschen war, heftiger und lebhafter erwacht ist, seitdem ich Sie wieder gefunden habe. Sie wissen es, denn so etwas braucht man nicht erst zu sagen, um es einzusehen. Nun wohl! das ist es, was mir gleiche Leiden verursacht, ich mag Sie lachen oder weinen sehen. Denn wenn Sie lachen, so verbergen Sie mir etwas, wenn Sie weinen, so gestehen Sie mir Alles. Ach! Sie lieben, Sie betrauern Jemand!

Sie irren sich, antwortete die Gräfin; wenn ich je geliebt habe, so liebe ich jetzt nicht mehr, und wenn ich Jemand betrauere, so ist es meine Mutter!

O, Pauline! Pauline! rief ich aus, sagen Sie mir die Wahrheit? Täuschen Sie mich nicht? Mein Gott! Mein Gott!

Halten Sie mich für fähig, Ihren Schutz durch eine Lüge zu erkaufen?

O, behüte der Himmel! . . . . Aber woher entstand die Eifersucht Ihres Gemahls? Denn nur Eifersucht kann ihn zu einer solchen Schandtat veranlasst haben.

Hören Sie, Alfred, einmal hätte ich Ihnen doch das schreckliche Geheimnis entdecken müssen, denn Sie haben das Recht, es zu kennen. Diesen Abend noch sollen Sie Alles wissen. Diesen Abend sollen Sie über mehr als mein Leben verfügen können, denn ich stelle nicht allein meine, sondern die Ehre meiner Familie zu ihrer Disposition, aber unter einer Bedingung.

Welche ist es? Nennen Sie mir dieselbe, ich nehme sie im Voraus an.

Sprechen Sie nie mehr von Ihrer Liebe zu mir. Ich verspreche Ihnen dagegen, es nie zu vergessen, daß Sie mich lieben. – Sie reichte mir die Hand, ich küßte dieselbe mit einer Verehrung, die an Religion grenzte.

Setzen Sie sich zu mir, sprach sie weiter, wir wollen nun davon nicht mehr reden bis zum Abend. Was haben Sie heute gemacht?

Ich habe ein kleines einfaches und einsam liegendes Haus gesucht, wo Sie frei und Herrin sind, denn in einem Hotel können Sie nicht bleiben.

Und haben Sie ein solches gefunden?

Ja, zu Piccadilly. Wenn es Ihnen gefällig ist, gehen wir nach dem Frühstück hin, um es zu besehen.

Nun, so nehmen Sie Ihre Tasse.

Wir tranken unsern Tee, stiegen dann in einen Wagen und begaben uns nach dem Hause.

Es war ein kleines niedliches Gebäude mit grünen Jalousien und einem kleinen Garten voll Blumen, ein echt englisches Haus von nur zwei Stock Höhe. Das Erdgeschoss sollte uns gemeinschaftlich gehören, die erste Etage sollte für Pauline eingerichtet werden, die zweite hatte ich für mich bestimmt.

Wir stiegen zu ihren Gemächern hinauf, die in einem Vorzimmer, einem Salon, einem Schlafzimmer und einem Arbeitszimmer bestanden. In letzterem war Alles vereinigt, was zur Musik und zum Zeichnen erforderlich ist. Ich öffnete die Schränke, die Händlerin hatte Wort gehalten.

Was ist das? sagte Pauline.

Wenn Sie in eine Pensionsanstalt kommen, erwiderte ich, so verlangt man, daß Sie eine ordentliche Ausstattung haben. Diese hier ist mit Ihrem Namen: P und N., Pauline von Nerval, gezeichnet.

Ich danke Ihnen, mein Bruder, sagte sie und drückte mir die Hand. Es war das erste Mal, daß sie mir diesen Titel wieder gab, seitdem wir uns erklärt hatten, aber diesmal tat er mir nicht weh. Wir traten in's Schlafzimmer. Auf dem Bette lagen zwei Hüte, ganz nach Pariser Geschmack, und ein ganz einfacher Cachemirshwal.

Alfred, sagte die Gräfin, Sie hätten mich allein in diese Zimmer gehen lassen sollen, da ich in ihnen alle diese Dinge finden sollte. Sehen Sie nicht, daß ich mich schäme, Ihnen solche Mühe verursacht zu haben? Und in der Tat weiß ich nicht, ob es schicklich ist. . .

Sie werden mir Alles von dem Honorare für Ihren Unterricht wieder erstatten, unterbrach ich sie. Ein Bruder kann doch wohl seiner Schwester Etwas leihen?

Er kann ihr selbst Etwas schenken, wenn er reicher ist als sie, sagte Pauline, denn in diesem Falle ist derjenige der Glücklichere, welcher giebt.

O! Sie haben recht, rief ich, und keine zarte Empfindung des Herzens entgeht Ihnen. Haben Sie Dank. . . .

Wir traten in das Arbeitszimmer: auf dem Piano lagen die neusten Romanzen von Madame Duchamge, von Labarre und Plantade, die neuesten Modestücke von Bellini, Meyerbeer und Rossini. Pauline öffnete ein Heft und versank in tiefes Träumen.

Was haben Sie, fragte ich, bemerkend, daß ihr Auge noch immer auf derselben Seite ruhe, und daß sie meine Anwesenheit ganz vergessen zu haben schien.

Sonderbarer Zufall, sagte sie leise, indem sie zugleich ihre Gedanken und meine Frage beantworten zu wollen schien, es ist kaum eine Woche, daß ich dieses Stück bei der Gräfin M. sang. Da hatte ich noch eine Familie, einen Namen, ein Dasein. Acht Tage sind kaum verflossen und ich besitze von Allem dem nichts mehr. . .

Sie erbleichte und fiel mehr, als sie sich setzte in einen Lehnstuhl; man hätte glauben können, sie sei im Begriff zu sterben. Ich näherte mich ihr, sie schloss die Augen und ich bemerkte, daß sie ganz in Gedanken versunken war. Ich setzte mich neben sie und stützte ihren Kopf durch meine Schulter.

Arme Schwester, sagte ich zu ihr.

Da fing sie an, zu weinen, aber ohne Zuckungen und Schluchzen. Es waren sanfte melancholische Tränen eines stillen Schmerzes, deren Fließen diejenigen, die es bemerken, niemals hindern sollen. Nach einigen Augenblicken öffnete sie die Augen wieder und lächelte. —

Ich danke Ihnen, sprach sie, daß Sie mich haben weinen lassen.

Ich bin nicht mehr eifersüchtig, erwiderte ich. Sie erhob sich. Giebt es nicht auch eine zweite Etage? fragte sie.

Ja, sie besteht aus einem Logis, das diesem ganz gleich ist.

Und wird es bewohnt?

Sie werden darüber entscheiden.

Wir müssen die Stellung, welche uns das Schicksal angewiesen hat, mit aller Unbefangenheit einnehmen? Sie sind in den Augen der Welt mein Bruder und so nach ist es nicht auffallend, daß Sie mit mir dasselbe Haus bewohnen. Man würde es ohne Zweifel sogar sonderbar finden, wenn Sie an einem andern Orte wohnten. Dieses Logis werden Sie für sich nehmen. Und nun wollen wir in den Garten gehen.

Sehen Sie diese armen Rosen, sprach sie, wie blass sie sind und fast ohne Geruch. Haben sie nicht ganz das Aussehen von Verbannten, die sich nach ihrem Vaterland zurücksehnen? Glauben Sie, daß auch sie eine Idee haben von dem, was das Vaterland ist und daß sie, indem sie leiden, ihre Leiden auch empfinden?

Sie irren sich, erwiderte ich ihr, diese Rosen sind hier einheimisch, diese Luft ist ihnen zuträglich. Es sind Töchter des Nebels und des Thaues, eine heißere Sonne würde sie versengen. Über dem sind sie da, um blonde Haare zu schmücken und mit dem blassen Teint der Töchter des Nordens zu harmonieren. Ihnen und Ihrem schwarzen Haar sind Rosen nötig von jener brennenden Farbe, wie sie Spanien hervorbringt. Wir wollen reisen, wenn es Ihnen gefällt, um solche zu suchen.

Pauline lächelte traurig. Ja, sagte sie, nach Spanien, Italien, der Schweiz. . . überall hin, nur nicht nach Frankreich. . . Dann ging sie, ohne mehr zu sprechen, weiter, indem sie unwillkürlich die Rosen zerzupfte und ihre Blätter auf den Weg streute.

Aber haben Sie denn für immer die Hoffnung aufgegeben, nach Frankreich zurückzukehren?

Bin ich nicht tot?

Aber unter fremdem Namen. . .

Dann müßte ich auch das Gesicht wechseln.

Ist denn dieß Geheimnis so schrecklicher Art?

Es ist eine Münze mit zwei Seiten, die eine trägt das Bild des Giftes, das andere das Bild des Schaffots. Hören Sie, ich will Ihnen Alles erzählen. Sie müssen ja doch Alles wissen und zwar je eher, desto besser. Aber Sie sagen mir erst, durch welche Wunder der Vorsehung Sie zu mir gelangt sind, nicht wahr?

Wir ließen uns auf einer Bank nieder unter einer großen Platane, welche mit ihrem Blätterdache einen Teil des Gartens beschattete. Ich begann nun meine Erzählung mit meiner Ankunft zu Trouville, erzählte ihr, wie mich der Sturm überraschte und an die Küste warf, wie ich Schutz suchend in die Abtei gelangte, wie ich durch ein Geräusch aus dem Schlafe, geweckt wurde und einen Mann aus dem unterirdischen Gewölbe treten sah, wie dieser Mann Etwas unter den Leichenstein verbarg und ich auf den Gedanken kam, daß hier ein Geheimnis zu Grunde liegen müsse, welches ich erforschen wollte. Dann erzählte ich ihr meine Reise nach Dives, die traurige Nachricht, welche ich dort empfing und den verzweifelten Entschluss, sie nochmals zu sehen, mein Erstaunen, meine Freude bei der Entdeckung, daß nicht sie, sondern eine andere es war, welche das Leichentuch bedeckte, endlich meine nächtliche Expedition, den Schlüssel unter dem Grabsteine, meinen Eintritt in das Gewölbe, mein Glück und meine Freude bei ihrem wiederfinden. Alles dieses erzählte ich ihr mit jenem Ausdruck der Seele, welcher, ohne das Wort Liebe auszusprechen, sie doch aus jedem Worte erkennen läßt. Während ich sprach, fühlte ich mich glücklich und belohnt, denn ich sah deutlich, daß meine leidenschaftliche Erzählung sie in dieselbe Bewegung versetzte und sich meine Worte im Geheimen in ihr Herz schlichen. Nachdem ich geendigt hatte, nahm sie meine Hand und drückte sie in der ihrigen, ohne ein Wort zu sprechen. Sie betrachtete mich einige Zeit mit einem engelgleichen Blick voll Erkenntlichkeit und brach dann ihr Schweigen.

Leisten Sie mir einen Eid, sagte sie.

Welchen?

Schwören Sie mir, bei dem, was Ihnen das Heiligste ist, daß Sie Niemanden, wer es auch sei, entdecken wollen, was ich Ihnen erzählen werde, wenigstens nicht eher, bis ich, meine Mutter und der Graf gestorben sind.

Ich schwöre es bei meiner Ehre, antwortete ich.

Nun hören Sie.

VII

Meine Familie brauche ich Ihnen nicht erst zu nennen, da Sie dieselbe bereits kennen; meine Mutter, weitläufige Verwandte und einiges Vermögen, das war Alles, was ich besaß.

Ach, ja! unterbrach ich sie, wollte der Himmel, Sie wären arm gewesen.

Mein Vater, fuhr sie fort, ohne auf meine Unterbrechung zu achten, hinterließ mir beinahe 40000 Livres Rente und da, ich einzige Tochter war, so war dieß ein annehmliches Vermögen. Ich genoss demnach in der Gesellschaft den Ruf einer reichen Erbin.

Sie vergessen, sprach ich, daß Sie auch den Ruf einer großen Schönheit und einer vollkommenen Erziehung genossen.

Wenn Sie mich stets unterbrechen, erwiderte, Pauline lächelnd, kann ich meine Erzählung nicht fortsetzen.

O! Sie kennen das Aufsehen, welches Sie in der Pariser Welt machten, nicht so genau als ich. Das ist ein Theil Ihrer Geschichte, den ich besser kenne, als Sie selbst. Sie waren die Königin aller Feste, eine Königin mit der Krone der Huldigungen gekrönt, die Ihrem eigenen Blicke unsichtbar blieb. Damals sah ich Sie, und zwar das erste Mal bei der Prinzessin Bel. . . Alle ausgezeichneten Talente, alle Celebritäten waren um diese schöne Verbannte aus Mailand versammelt. Man sang, alle Salon virtuosen setzten sich nach und nach an's Piano. Alle Kunst des Gesanges wurde aufgeboten, um die zahlreichen Dilettanten zu entzücken, die erstaunt waren, in der Gesellschaft jene vollendete Ausführung zu finden, welche man beim Theater so oft vergebens sucht und findet. Da sprach Jemand von Ihnen und nannte Ihren Namen. Warum schlug mein Herz heftiger beim Nennen dieses Namens, den ich noch nie vorher gehört hatte? Die Prinzessin erhob sich, nahm Sie bei der Hand und führte Sie, fast wie ein Opfer an jenen Altar der Melodien. Sagen Sie mir, warum sich meiner, der ich Sie doch erst seit einer Viertelstunde sah, ein Gefühl von Furcht und Teilnahme bemächtigte, da ich Ihre Bestürzung bemerkte, als wären Sie meine Schwester? O! ich zitterte mehr als Sie selbst und gewiss waren Sie weit entfernt, zu glauben, daß in diesem ganzen Menschenhaufen sich ein Ihnen verschwistertes Herz befand, welches bei Ihrer Furcht heftiger schlug und dann in Ihrem Triumphe sich berauschte. Ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln, die ersten Töne Ihrer Stimme ließen sich zitternd und schwach vernehmen, allein bald erschollen sie rein und wohlklingend. Ihr Auge erhob sich vom Boden und richtete sich gen Himmel, der Schwarm, der Sie umgab, zog sich zurück und ich weiß nicht, ob die Beifallsbezeugungen zu Ihnen drangen, so hoch schien mir Ihr Geist über Ihnen zu schweben. Es war eine Arie von Bellini, so melodisch und einfach und doch so rührend, wie er allein nur sie komponieren kann. Ich applaudierte nicht, ich weinte. Man führte Sie unter Beglückwünschungen an Ihren Platz zurück; ich allein wagte es nicht, mich Ihnen zu nähern, setzte mich jedoch so, daß ich Sie stets im Auge behielt. Die Abendgesellschaft nahm wieder ihren gewöhnlichen Gang. Die Musik fuhr fort, die Honneurs zu machen, indem sie über ihr bezaubertes Auditorium ihre harmonisch wechselnden Flügel ausbreitete. Aber ich hörte nichts mehr. Seit Sie das Piano verlassen hatten, waren alle meine Gedanken in einen verschmolzen. Ich sah bloß Sie. – Erinnern Sie sich noch jenes Abends?

Ja, ich glaube mich zu entsinnen, erwiderte Pauline.

Seitdem, fuhr ich fort, ohne daran zu denken, daß ich ihre Erzählung unterbrach, hörte ich noch einmal, zwar nicht diese Arie selbst, aber das Volkslied, welches ihr zu Grunde liegt. Es war in Sizilien am Abende eines Tages, wie sie Gott nur für Italien und Griechenland gemacht hat. Die Sonne versank eben hinter Girgenti, dem alten Agrigent, und ich saß am Rande eines Weges. Zu meiner Rechten dehnte sich die große mit Ruinen bedeckte Ebene aus, in deren Mitte sich nur noch drei Tempel erhoben. Jenseits dieser Ebene lag das Meer ruhig und eben, wie ein Spiegel. Zu Meiner Linken lag die Stadt, sich auf goldenem Grunde erhebend, wie jene Gemälde der ältesten florentinischen Schule, welche man Gaddi zuschreibt, oder die mit den Namen Cimabuê oder Giotto bezeichnet sind. Vor mir hatte ich ein junges Mädchen, die, vom Brunnen zurückkehrend, auf ihrem Kopfe antike Amphora von köstlicher Form trug. Sie ging singend an mir vorüber. – Sie sang den Gesang, den ich Ihnen eben nannte. O! wenn Sie wüßten, welchen Eindruck er auf mich machte! Ich schloß die Augen und stützte den Kopf in meine Hände. Meer, Stadt, Tempel, Alles verschwand, bis auf diese griechische Jungfrau, welche mich, wie eine Fee, um drei Jahr zurück zauberte in den Salon der Prinzessin Bel. . . Da sah ich Sie wieder. Ich hörte von Neuem ihre Stimme, ich betrachtete Sie mit Entzücken. Dann aber bemächtigte sich meiner ein tiefer Schmerz, denn Sie waren nicht mehr jene junge Dame, die ich so innig geliebt hatte, die sich Pauline von Meulien nannte, ach! Sie waren leider, ach! die Gräfin Beuzeval!

Ja, ja, leider! lispelte Pauline!

Wir blieben einige Augenblicke stumm. Pauline sammelte sich zuerst.

Ja, das war eine schöne Zeit, die glücklichste meines Lebens, fuhr sie fort. O! die jungen Mädchen kennen ihr Glück nicht! Sie glauben es nicht, daß das Unglück den keuschen Schleier, den der Mann ihnen raubt, nicht zu berühren wagt! Ja, ich bin drei Jahre glücklich gewesen! Während dreier Jahre hat sich der heitere Sonnenschein kaum einmal verdunkelt, wenn eins jener dunkeln Gefühle, welches junge Mädchen so oft für Liebe halten, wie ein Gewölk vorüberzog. Den Sommer brachten wir auf unserem Schlosse Meulien zu, den Winter kamen wir nach Paris zurück. Der Sommer verfloß unter ländlichen Festen und der Winter reichte kaum hin für die Vergnügungen der Stadt. Ich dachte nicht daran, daß ein so vergnügtes heiteres Leben je getrübt werden könne. Ich durchlebte es freudig und vertrauensvoll und so erreichten wir den Herbst des Jahres 1830. . . .

Unsere nächste Nachbarin auf dem Lande war Madame von Lucienne, deren Gemahl ein intimer Freund meines Vaters gewesen war. Sie lud uns eines Abends ein, den nächsten Tag auf ihrem Schlosse zuzubringen. Ihr Gemahl, ihr Sohn und einige junge Leute aus Paris waren dort zur Eberjagd zusammengekommen und ein großes Mittagsmahl sollte den Sieg des neuen Meleager verherrlichen. Wir nahmen die Einladung an.

Bei unserer Ankunft waren die Jäger bereits aufgebrochen, allein wir konnten sie leicht einholen, da der ganze Park mit einer Mauer umgeben war. Überdem hörten wir von Zeit zu Zeit die Töne der Hörner, und indem wir diesen folgten, genossen wir das Vergnügen der Jagd, ohne deren Strapazen zu teilen. Herr von Lucienne war zurückgeblieben, um seiner Frau, seiner Tochter und uns Gesellschaft zu leisten. Sein Sohn leitete die Jagd.

Gegen Mittag näherten sich die Töne des Horns auffallend. Wir vernahmen öfter dieselbe Melodie. Madame von Lucienne erklärte uns, dieß sei, das Zeichen, daß der Eber ermüdet und daß es Zeit sei, die Pferde zu besteigen, wenn wir wollten. In diesem Augenblicke kam einer der Jäger im Galopp herbei gesprengt, um uns in Paul's Auftrage aufzusuchen und uns zu melden, daß der Eber es nun nicht länger vermeiden könne», sich den Hunden zu stellen. Herr von Lucienne nahm einen Karabiner und hing ihn an den Sattelbogen, wir stiegen alle drei zu Pferde und ritten davon. Unsere Mütter begaben sich in einen Pavillon, um welchen herum sich die Jagd bewegte.

Wir säumten nicht, uns mit der Jagdgesellschaft zu vereinigen, und, wie groß auch mein Widerwille gegen dieses Vergnügen war, der Schall der Hörner, die Schnelligkeit des Renners, das Gebell der Hunde und das Geschrei der Jäger zogen uns an und Lucie und ich galoppierten halb lachend halb zitternd gleich den geschicktesten Reitern dahin. Zwei oder drei Mal sahen wir den Eber die Alleen durchkreuzen und immer näher folgten ihm die Hunde. Endlich lehnte er sich an eine starke Eiche und stellte sich ihnen. Es war am Rande einer Lichtung, nach welcher gerade die Fenster des Pavillons die Aussicht gewährten, so daß Madame Lucienne und mir nichts von dem Ausgange des Kampfes entgehen konnte.

Die Jäger waren in einem Halbkreise aufgestellt, in einer Entfernung von ungefähr 40 bis S0 Schritten von dem Kampfplatze. Die Hunde, vom langen Laufen erhitzt, hatten sich alle auf den Eber geworfen, der fast unter dieser beweglichen bunten Masse verschwand. Von Zeit zu Zeit wurde einer der angreifenden 10 bis 12 Fuß in die Luft geschleudert, und stürzte heulend und mit Blut bedeckt auf den Boden, um sich, trotz seiner Wunden, wieder unter die Meute zu mischen und seinen Feind von Neuem anzugreifen. Der Kampf dauerte kaum eine Viertelstunde und schon waren zehn bis zwölf Hunde tödlich verletzt. Dieses blutige und grausame Schauspiel war für mich eine Pein und schien auch auf die andern Zuschauer denselben Eindruck zu machen, denn ich hörte die Stimme von Frau von Lucienne, welche rief: Genug, genug, ich bitte dich, Paul, laß es gut sein. – Paul sprang sogleich von seinem Pferde, ging mit dem Karabiner in der Hand einige Schritte auf den Eber los, zielte mitten unter den Hunden auf ihn und gab Feuer.

In demselben Augenblicke, denn es geschah mit der Schnelligkeit des Blitzes, öffnete sich die Meute, der verwundete Eber brach durch und noch ehe Madame Lucienne einen Schrei des Entsetzens ausstoßen konnte, stürzte er auf Paul, warf diesen rücklings nieder und das wütende Thier, anstatt seinen Lauf fortzusetzen, stürzte sich nun blutgierig auf seinen neuen Gegner.

Ein schreckliches Schweigen trat ein. Madame Lucienne, blaß wie der Tod, die Arme nach ihrem Sohne ausgestreckt, versuchte zu sprechen und stammelte mit fast unhörbarer Stimme: Rettet ihn! Rettet ihn! Herr von Lucienne, der einzige Bewaffnete, ergriff seinen Karabiner und wollte auf das Tier zielen, allein Paul lag unter ihm. Die Kugel durfte nur ein wenig vom Ziel abweichen und der Vater tötete den Sohn. Ein konvulsivisches Zittern bemächtigte sich seiner; er sah, daß Paul ohnmächtig wurde, ließ die Waffe fallen und lief, nach Hilfe rufend, auf ihn zu. Die andern Jäger folgten. In diesem Augenblicke sprang ein junger Mann vom Pferde, eilte nach der Flinte und rief mit seiner festen starken Stimme, welche Gehorsam erheischt: Platz hier! Die Jäger wichen zurück, um diesen Boten des Todes der ihnen voranschreiten sollte, vorbei zu lassen. Alles dieß, was ich eben erzählte, trug sich in einem Zeitraum von kaum einer Minute zu.

Aller Augen richteten sich sogleich nach dem Schützen und nach dem furchtbaren Ziele, welches er sich gewählt hatte; er dagegen war gefaßt und ruhig, als stände er einer einfachen Scheibe gegenüber. Der Lauf des Karabiners erhob sich langsam, dann, in einer gewissen Höhe, blieb er und der Jäger so unbeweglich, als wären sie von Stein. Der Schuß fiel und der Eber, tödlich getroffen, wälzte sich zwei oder drei Schritte von Paul in seinem Blute. Dieser, nun von seinen Gegner befreit, erhob sich mit dem Jagdmesser in der Hand auf ein Knie, allein es war nicht mehr nötig; die Kugel war von zu sicherer Hand entsendet worden, sie war tödlich. Madame Lucienne stieß einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht, Lucie sank auf ihrem Pferde zusammen und würde herab gestürzt sein, wenn nicht einer der Jäger sie unterstützt hätte. Ich sprang von dem meinigen herab und eilte auf Madame Lucienne zu; die Jäger waren alle um Paul und den toden Eber beschäftigt, mit Ausnahme des Schützen, der, nachdem der Schuß gefallen, seinen Karabiner ruhig an einen Baumstamm lehnte.

Madame Lucienne kam in den Armen ihres Sohnes und ihres Gemahls wieder zum Bewusstsein. Paul hatte nur eine leichte Wunde am Schenkel. Die Zeit, in welcher sich Alles dies zugetragen, war so kurz als die, in der ich es Ihnen eben erzählte. Nachdem nun der erste Schrecken vorüber war, sah sich Madame Lucienne nach dem Manne um, dem Sie ihre ganze mütterliche Dankbarkeit zu bezeigen hatte. Sie suchte den kühnen Schützen, der ihren Sohn rettete. Herr von Lucienne erriet ihren Wunsch und führte ihn herbei. Sie ergriff seine Hand, brach in Tränen aus und konnte nur die Worte stammeln: O! Herr von Beuzeval!. . .

Er war es also? rief ich.

Ja, er war es. Ich sah ihn das erste Mal von den Danksagungen einer ganzen Familie überschüttet und mich hatte diese Scene, deren Held er war, in meinem Gemüte auf's Tiefste erschüttert. Es war ein junger blasser Mann, von mittlerer Statur, mit schwarzen Augen und blonden Haaren. Beim ersten Anblick schien er kaum zwanzig Jahre alt; doch näher betrachtet bemerkte man einige leichte Runzeln, die aus den Winkeln der Augenlider hervorgingen und sich über die Schläfe ausbreiteten, während eine unmerkliche Falte die Stirn durchschnitt, eine düstere Stimmung seines Geistes oder Herzens verkündend. Blasse kleine Lippen, schöne Zähne und Frauenhände machten das Ganze vollständig, welches mich beim ersten Anblick eher abstieß, als mir Sympathie einflößte. So kalt blieb die Gestalt dieses Mannes, mitten in der allgemeinen Aufregung, während eine Mutter ihm ihren Dank aussprach für das gerettete Leben ihres Sohnes.

Die Jagd war nun geendet. Man kehrte zum Schlosse zurück. Beim Eintritt in den Saal entschuldigte sich der Graf von Beuzeval, daß er nicht länger bleiben könne, indem er bereits eine Einladung zum Mittagsessen in Paris angenommen habe. Man machte ihm bemerklich, daß er noch 16 Lieus zu machen und kaum noch 4 Stunden vor sich habe, um dort zur rechten Seit einzutreffen. Der Graf erwiderte lächelnd, daß sein Pferd in seinem Dienste sich an dergleichen Schnellreisen gewöhnt habe und gab seinem Bedienten Befehl, es vorzuführen.

Dieser Bediente war ein Malaie, den der Graf von einer Reise nach Indien, wo er eine bedeutende Erbschaft zu erheben hatte, mitbrachte. Er hatte sein Nationalkostüm beibehalten und sprach, obgleich bereits drei Jahre in Frankreich, nur seine Muttersprache, von welcher der Graf einige Worte verstand, mit deren Hilfe er ihm seine Befehle erteilte. Er gehorchte mit außerordentlicher Pünktlichkeit und bald sahen wir durch die Fenster des Salons die beiden Pferde über deren Race alle Herrn der Gesellschaft erstaunten, stolz daher schreiten. Es waren in der Tat, so viel ich beurteilen konnte, zwei prächtige Thiere. Auch hatte der Prinz von Condé den Wunsch geäußert, sie zu besitzen, allein der Graf Horaz verdoppelte die Summe, welche Seine Hoheit dafür geben wollte und entzog sie ihm auf diese Weise.

Alle begleiteten den Grafen bis zur Treppe. Madame Lucienne schien noch nicht Zeit genug gehabt zu haben, ihm ihre Dankbarkeit zu bezeigen, drückte ihm nochmals die Hände und bat ihn, bald wieder zu kommen. Der Graf versprach es, einen schnellen Blick nach mir werfend, welcher mir gleich einem Blitze die Augen blendete und mich nötigte, sie niederzuschlagen; warum, weiß ich nicht, allem es schien mir, jener Blick gelte mir. Als ich den Kopf wieder, erhob, war der Graf bereits zu Pferde, verneigte sich nochmals vor Madame Lucienne, grüßte uns insgesamt und gab Paul mit der Hand ein Zeichen der Freundschaft; dann ließ er seinem Pferde den Zügel schießen, welches ihn im Galopp davon trug und in wenigen Sekunden war er hinter einer Krümmung des Weges verschwunden.

Jeder war an seinem Platze geblieben, ihn stillschweigend betrachtend, denn es lag in diesem Manne etwas Außergewöhnliches und er erregte allgemeine Aufmerksamkeit. Man ahndete in ihm eins jener mächtigen Wesen, welche die Natur, gleichsam aus Laune, in einen Körper einschließt, der zu schwach scheint, ihn zu fassen. Ebenso schien der Graf eine Zusammensetzung mannigfacher Kontraste zu sein. Für diejenigen, welche ihn nicht näher kannten, schien er von schwächlicher hinfälliger Konstitution, wie ein Mensch, der an einend organischen Fehler leidet; für seine Freunde und Gefährten dagegen war er ein Mann von Eisen, der allen Strapazen widerstand, alle Gemütsbewegungen beherrschte, alle Bedürfnisse entbehren konnte. Paul hatte ihn ganze Nächte beim Spiel oder an der Tafel zubringen sehen; während seine Tisch- und Spielgenossen schliefen, ging er, ohne eine Stunde Schlaf genossen zu haben, zur Jagd oder zu einer Zusammenkunft mit andern seiner Freunde, welche er, wie die ersten, verließ, ohne daß bei ihm die Müdigkeit sich auf andere Weise zeigte, als durch eine größere Blässe und durch einen trockenen Husten, welchen er gewöhnlich hatte, der sich aber in solchen Fällen verstärkte.

Ich weiß nicht, warum ich auf alle diese näheren Umstände mit ungewöhnlichem Interesse hörte. Ohne Zweifel war die Szene, deren Zeuge ich gewesen war, die Kaltblütigkeit, welche der Graf bewies, die noch ganz frische Gemütsbewegung, die mich ergriffen hatte, Veranlassung zu dieser Aufmerksamkeit, die ich Allem dem schenkte, was von ihm erzählt wurde. Über dem konnte die geschickteste Berechnung nichts Klügeres auffinden, als diese plötzliche Abreise, die gewissermaßen das Schloß verwaist ließ, sobald sich derjenige aus demselben entfernte, welcher einen so großen Eindruck auf seine Bewohner gemacht hatte.

Man rief zur Tafel. Die Konversation, für einige Zeit unterbrochen, wurde beim Dessert mit neuer Lebhaftigkeit begonnen, und der Graf war wieder, wie den ganzen Vormittag, der Gegenstand derselben. Sei es nun, daß diese fortwährende Aufmerksamkeit für diesen Einzigen als unhöflich gegen die Andern erschien, sei es, daß in der Tat einige der Eigenschaften, die man dem Grafen beilegte, in Zweifel gezogen wurden, kurz, es erhob sich ein leichter Wortwechsel über sein seltsames Leben und Treiben, über sein Vermögen, dessen Quellen man nicht kannte, über seinen Mut, welchen einer der Tischgenossen seiner großen Fertigkeit in Handhabung des Degens und der Pistolen zuschrieb. Paul warf sich, wie natürlich, zum Verteidiger dessen auf, der ihm das Leben gerettet hatte. Das Leben des Grafen Horaz war kein anderes als das eines Modeherrn. Sein Vermögen stammte, von einem Onkel seiner Mutter, der fünfzehn Jahr in Indien gewesen war. Was seinen Mut betraf, so war dieser, seiner Meinung nach, eine Sache, die am wenigsten bestritten werden konnte, denn er hatte nicht allein in einigen Duellen, aus denen er stets unverletzt hervorging, sondern auch in andern Fällen Proben davon geben. Paul erzählte mehrere, von denen sich einer meinem Gedächtnisse besonders tief eingeprägt hat.

Der Graf Horaz, in Goa angekommen, fand seinen Onkel bereits tod, zugleich aber auch zu seinen Gunsten ein Testament, welches auf keine Weise angefochten werden konnte. Obgleich noch zwei junge Engländer sich dort befanden, die im gleichem Grade der Verwandtschaft mit dem Onkel standen wie er, – seine Mutter war nämlich eine Engländerin, – sah er sich doch allein im Besitz der Erbschaft, die er auch erhob. Die beiden jungen Engländer waren übrigens reich, dienten in der britischen Armee und standen zu Bombay in Garnison. Sie empfingen demnach ihren Cousin, wenn auch nicht mit Liebe, doch mit Höflichkeit und luden ihn vor seiner Abreise nach Frankreich mit ihren Kameraden, Offizieren aus demselben Regiment, in welchem sie standen, zu einem Abschiedsessen ein, welche Einladung Graf Horaz auch annahm.

Damals war er noch vier Jahre jünger als jetzt und obgleich er schon 25 zählte, schien er doch kaum 18 alt zu sein. Sein schlanker Wuchs, sein blasser Teint, seine weißen Hände gaben ihm das Ansehen einer in einen Herrn verkleideten Dame. Die englischen Offiziere beurteilten beim ersten Anblicke den Mut ihres Tischgenossen nach seiner äußern Erscheinung, und der Graf erkannte sogleich durch jene schnelle Beurteilungsgabe, welche ihn auszeichnete, den Eindruck, den er gemacht hatte und überzeugt, daß seine Wirte sich über ihn lustig machen würden, beschloss er, auf seiner Hut zu sein und nicht von Bombay abzureisen, ohne ein Andenken seines Dortseins zurückgelassen zu haben. Als man sich zu Tische setzte, fragten die beiden jungen Offiziere ihren Verwandten, ob er englisch spreche; der Graf, obgleich er die Sprache so gut sprach, wie die unsrige, antwortete, daß er kein Wort davon verstehe und bat die Herrn bescheiden, sie möchten die Konversation, wenn sie wünschten, daß er daran Theil nähme, in französischer Sprache führen.

Diese Erklärung gab den Tischgenossen große Freiheit und schon beim ersten Gange bemerkte der Graf, daß er der Gegenstand ihrer steten Witzeleien sei. Doch nahm er Alles, was er hörte, mit lächelndem Munde und heiterer Miene hin, nur seine Wangen wurden blässer und zwei Mal zerknirschten seine Zähne das Glas, welches er, um zu trinken, zum Munde führte. Beim Dessert verdoppelte sich mit dem französischen Weine der Lärm, und die Unterhaltung fiel auf die Jagd. Man fragte den Grafen, was für Wild und auf welche Art er in Frankreich jage. Der Graf, entschlossen seine Rolle bis zu Ende zu spielen, antwortete, das er theils in der Ebene mit dem Hühnerhunde Rebhühner und Hasen, teils zu Pferde und auf dem Anstande Füchse und Hirsche jage.

Ah! ah! rief lächelnd einer der Tischgenossen, Sie jagen Hasen, Füchse und Hirsche? Wir hier, wir jagen Tiger!

Und auf welche Weise? fragte der Graf Horaz mit großer Gutmütigkeit.

Auf welche Weise? antwortete der andere; nun auf Elefanten und mit Sklaven, von denen einige, mit Piken und Äxten bewaffnet. Front gegen das Tier machen, während andere unsere Flinten laden, mit denen wir nach denselben schießen.

Das muß ein prächtiges Vergnügen sein, erwiderte der Graf.

Es ist Schade, sagte Einer der jungen Leute, daß Sie so bald abreisen, mein lieber Cousin, wir hätten Ihnen dasselbe gewähren können. . . .

Es ist wahr, sagte Horaz, ich bedaure sehr, daß mir eine solche Gelegenheit entgeht und wenn ich nicht zu lange warten müßte, so möchte ich wohl noch bleiben.

Aber, nahm der Erste wieder das Wort, das trifft ja prächtig. Es hält sich gerade in einem Sumpfe längs dem Gebirge, das sich nach Surate hin erstreckt, drei Meilen von hier, eine Tigerin mit ihren Jungen auf. Indianer, denen sie Schafe geraubt hat, haben mir es hinterbracht und ich wollte nur warten, bis die Jungen größer geworden wären, um eine regelrechte Jagd anzustellen. Weil wir nun aber eine so gute Gelegenheit haben, Ihnen gefällig zu sein, so wollen wir die Jagd vierzehn Tage früher anstellen.

Ich bin Ihnen sehr verbunden, sagte der Graf sich verneigend. Ist man aber auch gewiss, daß sich die Tigerin da aufhält, wo man sie glaubt?

Es ist kein Zweifel.

Und kennt man ihr Lager genau?

Das ist leicht zu erkennen, wenn man auf einen Felsen steigt, der über dem Moraste liegt. Ihre Wege sind durch zerbrochenes und niedergetretenes Rohr bezeichnet und alle gehen nach einem Mittelpunkte, wie die Strahlen eines Sterns.

Nun wohl, sagte der Graf, sein Glas füllend und sich erhebend, um eine Gesundheit auszubringen, – Demjenigen, welcher allein zu Fuße, ohne andere Waffen als diesen Dolche hingehen und die Tigerin in ihrem Schilflager mitten unter ihren Jungen töten wird! Bei diesem Worte nahm er aus dem Gürtel eines Sklaven einen malaiischen Dolch und legte ihn auf die Tafel.

Sind Sie närrisch? sagte einer der Gäste.

Nein, meine Herren, erwiderte der Graf, mit Bitterkeit und Verachtung, ich bin nicht närrisch, und um Ihnen dieses zu beweisen, wiederhole ich meinen Toast. Hören Sie also nochmals, damit Derjenige, welcher es etwa annehmen will, wisse, wozu er sich verbindlich macht, wenn er sein Glas leert: Demjenigen, sage ich, der allein, zu Fuße und ohne andere Waffen als diesen Dolch, hingehen wird, um die Tigerin in ihrem Schilflager mitten unter ihren Jungen zu töten.

Eine augenblickliche Stille trat ein, während welcher der Graf Jedes Augen befragte. Alle schlugen sie nieder.

Antwortet Niemand? sagte er lächelnd. Wagt Niemand, meinen Toast anzunehmen? . . . Hat Niemand den Mut, mir Bescheid zu tun?. . . Nun wohl, so werde ich selbst gehen, und wenn ich nicht gehe, so sollen Sie sagen, daß ich ein Elender sei, wie ich sage, daß Sie Feiglinge sind.

Bei diesen Worten leerte der Graf sein Glas, setzte es ruhig auf den Tisch und ging nach der Türe. Auf Morgen also, meine Herrn, sagte er sich entfernend.

Den andern Morgen um sechs Uhr war er zu dieser schrecklichen Jagd bereit, als seine Tischgenossen in sein Zimmer traten. Sie baten ihn, von dem Unternehmen abzustehen, dessen Endresultat doch nur sein Tod sein könne. Der Graf wollte aber davon nichts hören. Sie gestanden zu, daß sie ihm am Tage vorher Unrecht getan, daß sie sich wie junge Laffen gegen ihn betragen hätten. Der Graf dankte für ihre Entschuldigung, die er aber anzunehmen sich weigerte. Endlich machten sie ihm das Anerbieten, Einen von ihnen zu wählen, der sich mit ihm schlage, wenn er sich zu sehr beleidigt glaube, um die Sache auf diese Weise beizulegen. Der Graf erwiderte ironisch, daß seine religiösen Grundsätze ihm verböten, das Blut eines seiner Mitmenschen zu vergießen, daß er seinerseits so gern die beleidigenden Worte zurücknähme, die er gegen sie geäußert habe, daß ihn jedoch, was die beschlossene Jagd beträfe, kein Mensch in der Welt abhalten solle, dieselbe auszuführen. Zugleich lud er die Herrn ein, zu Pferde zu steigen und ihm zu folgen, versichernd, daß, wenn sie ihn auch nicht mit ihrer Gesellschaft beehren würden, er nichts desto weniger allein gehen werde, die Tigerin anzugreifen. Diese Erklärung wurde mit so entschiedener Stimme gegeben, daß jene nicht weiter versuchten, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Sie stiegen also zu Pferde und trafen mit ihm vor dem gegen Morgen liegenden Tore der Stadt zusammen, vor welchem sie sich zu treffen beschlossen hatten.

Die Gesellschaft begab sich schweigend auf den Weg nach dem angegebenen Orte. Jeder der Reiter hatte sich mit einer Doppelflinte oder mit einem Karabiner bewaffnet, nur der Graf war ganz ohne Waffen. Sein sehr eleganter Anzug war der eines jungen Mannes von Welt, welcher einen Morgenspaziergang in das Boulogner Holz macht. Alle ihn begleitenden Offiziere sahen sich mit Verwunderung an und glaubten nicht, daß er diese Kaltblütigkeit bis zu Ende bewahren werde.

An der Grenze des Morastes angekommen, versuchten es die Offiziere von Neuem, ihn vom weiteren Vordringen abzuhalten. Noch während sie ihn zu überreden suchten, ließ sich gleichsam, um ihre Worte zu unterstützen, in einer Entfernung von kaum einigen hundert Schritten ein Gebrüll vernehmen. Die Pferde wurden unruhig, bäumten sich und wieherten.

Sie sehen, meine Herrn, sagte der Graf, es ist zu spät, wir sind bemerkt, das Tier weiß, daß wir hier sind; doch will ich, im Begriff Indien zu verlassen, welches ich wohl nie wieder sehen werde, keine falsche Meinung von mir zurücklassen, selbst nicht bei einem Tiger. Vorwärts also, meine Herrn! – Der Graf gab seinem Pferde die Sporn, um den Hügel zu erreichen, von dessen Spitze aus man das Rohrgebüsch übersehen konnte, in welchem die Tigerin ihr Lager aufgeschlagen hatte.

Am Fuße des Felsen angekommen, ließ sich ein neues Brüllen hören, aber diesmal so stark und so nahe, daß eins der Pferde einen Seitensprung machte und seinen Reiter beinahe aus dem Sattel hob. Alle Übrigen standen, Schaum vor dem Munde, mit geöffneten Nüstern und stieren Augen, zusammen schauernd und zitternd auf ihren vier Füßen als wenn sie eben aus eiskaltem Wasser kämen. Die Reiter stiegen nun ab, übergaben die Pferde den Dienern und der Graf begann zuerst, den Gipfel zu ersteigen, von dessen Höhe er das Terrain untersuchen wollte.

In der Tat konnte er von der Spitze des Felsen mit den Augen durch das zerbrochene Rohr den Spuren des Tieres folgen, welches er bekämpfen wollte; eine Art Wege, ungefähr 2 Fuß breit, waren durch das hohe Gras gebahnt, und alle führten, wie es die Offiziere vorhergesagt hatten, nach einem Mittelpunkte hin, auf welchem das Gras gänzlich niedergetreten war und sich so eine Lichtung gebildet hatte. Ein Gebrüll, welches sich zum dritten Male hören ließ und von jenem Orte ausging, benahm allen Zweifel und der Graf wußte nun, wo er seinen Feind zu suchen habe.

Jetzt nahete sich der älteste Offizier nochmals dem Grafen; aber dieser, seine Absicht durchschauend, gab ihm kalt ein Zeichen mit der Hand, daß Alles vergebens sei, knöpfte seinen Rock zu, bat einen seiner Cousins um die seidene Scherpe, welche derselbe um den Leib trug, um den linken Arm damit zu umwickeln und gab dem Malaien ein Zeichen, ihm seinen Dolch zu bringen. Diesen ließ er sich mit einer angefeuchteten seidenen Schnur an der Hand fest binden, legte dann seinen Hut ab, strich seine Haare zierlich in die Höhe und schlug den kürzesten Weg nach dem Rohrgebüsch ein, in welchem er im Augenblicke verschwand. Seine Gefährten blieben, sich unter einander erstaunt ansehend, und noch immer nicht an eine solche Tollkühnheit glaubend, zurück.

Er selbst schritt indessen langsam und mit Vorsicht auf dem Wege fort, den er betreten hatte und von welchem er weder zur Rechten noch Linken abweichen konnte. Nachdem er ungefähr 200 Schritte gegangen war, vernahm er ein dumpfes Knurren, welches ihm anzeigte, daß sein Feind auf der Huth war, und er, obgleich noch nicht gesehen, doch schon gewittert wurde; dessen ungeachtet hielt er nur eine Sekunde an und setzte, sobald das Knurren aufhörte, seinen Weg fort. Nach fünfzig Schritten stand er wieder still. Es schien ihm, daß wenn er auch noch nicht am Ziele, demselben jedoch sehr nahe sei,; er mußte sich also fertig halten, denn er stand an der Lichtung. Diese Lichtung war mit Knochen übersät, an denen teilweise noch Fetzen blutigen Fleisches hingen. Er sah sich rings um und bemerkte in einer in dem hohen Grase gemachten Vertiefung, die einer 4 oder 5 Fuß tiefen Höhle glich, die Tigerin halb liegend, mit offenem Rachen, die Augen auf ihn gerichtet: ihr Jungen spielten unter ihr, wie junge Katzen.

Was bei diesem Anblicke in seiner Seele vorging, kann nur er sagen, aber seine Seele ist ein Abgrund, aus dem Nichts hervorgeht. Er und die Tigerin sahen sich einige Zeit an; da er aber sah, daß dieselbe, ohne Zweifel um ihre Jungen nicht zu verlassen, in ihrem Lager bleiben werde, so ging er auf sie los.

Er nahete sich ihr so bis auf vier Schritte und bemerkend, daß sie endlich eine Bewegung machte, sich zu erheben, stürzte er auf sie zu. Diejenigen, welche von Weitem horchten und lauerten, hörten auf einmal ein Gebrüll und einen Schrei, sahen das Rohr sich einige Sekunden bewegen, dann folgte Schweigen und Ruhe. Es war Alles vorbei.

Sie warteten nun einige Zeit, um zu sehen, ob der Graf zurückkäme; aber er erschien nicht. Dann bemächtigte sich ihrer eine Scham, daß sie ihn allein hatten gehen lassen, und sie beschlossen, da sie sein Leben nicht gerettet hatten, wenigstens seinen toten Körper in Sicherheit zu bringen. Sie schritten demnach alle mutig in dem Moraste vorwärts, blieben von Zeit zu Zeit stehen, um zu horchen, und, sich dann wieder auf den Weg machend, kamen sie endlich an der Lichtung an und fanden die beiden Gegner einen über dem andern liegend. Die Tigerin war tot, der Graf ohnmächtig. Die beiden Jungen, zu schwach, um den Körper zu zerreißen, leckten das Blut.

Die Tigerin hatte siebzehn Dolchstöße empfangen, der Graf einen Biss in den linken Arm, der zerbrochen war und einen Schlag mit der Tatze, welcher ihm die Brust zerfleischt hatte.

Die Offiziere trugen beide mit sich davon. Tier und Mensch hielten ihren Einzug in Bombay neben einander liegend und auf einer und derselben Tragbahre getragen. Die jungen Tiger hatte der malaiische Sklave mit dem um seinen Turban gewundenen Tuche geknebelt und an beide Seiten seines Sattels gehängt.

Als der Graf sich nach vierzehn Tagen von seinem Krankenlager erhob, fand er das Fell der Tigerin vor feinem Bett, mit Zähnen von Perlen, Augen von Rubinen und Klauen von Gold. Es war ein Geschenk der Offiziere des Regiments, in welchem seine beiden Cousins dienten.

VIII

Diese Erzählungen machten tiefen Eindruck auf mich. Mut ist diejenige Eigenschaft des Mannes, welche am Leichtesten das Herz der Frauen gewinnt. Kommt es vielleicht daher, weil wir schwach sind, nichts durch uns selbst vermögen und stets einer Stütze bedürfen? Was man auch Nachteiliges über den Grafen sagen mochte, die einzige Erinnerung, welche in meinem Geiste zurückblieb, war die an jene beiden Jagden, an deren einer ich selbst Theil genommen hatte. Übrigens dachte ich nicht ohne Furcht an jenes kalte Blut, welchem Paul sein Leben verdankte. Welche fürchterlichen Kämpfe mußte das Herz bestanden haben, ehe die Willenskraft dahin gelangte, seine Pulsschläge so zu beherrschen? Ein langer Brand mußte in dieser Seele gewütet haben, bevor seine Flamme sich in Asche und seine Lava in Eis verwandelte.

Das größte Unglück für unsere Zeit ist das Suchen nach Romantischem und die Verachtung des Einfachen. Je prosaischer die Welt wird, desto mehr Jagd die stets tätige Einbildungskraft nach Poesie, die jeden Tag mehr und mehr aus der Welt verschwindet, um sich auf's Theater und in die Romane zu flüchten. Daher kommt der bezaubernde Einfluss, welchen ungewöhnliche Charaktere auf Alle ausüben, die sie umgeben. Sie werden sich demnach nicht wundern, daß das Bild des Grafen Horaz, das sich dem Geiste eines jungen Mädchens einprägte, welches noch von diesem Zauber umstrickt war und in dem noch so wenig Eindrücke ihre Spuren zurückgelassen hatten, in ihrer Phantasie fest gebannt blieb. Als wir daher einige Tage nach dem Ereignisse, welches ich Ihnen erzählte, zwei Kavaliere die Allee nach unserem Schlosse heraufkommen sahen und uns Paul von Lucienne und der Graf Horaz von Beuzeval angemeldet wurden, fühlte ich zum ersten Male in meinem Leben mein Herz bei Nennung eines Namens heftig schlagen; ein Gewölk zog über meine Augen und ich wollte entfliehen; meine Mutter jedoch hielt mich zurück und die Herren traten ein.

Was ich ihnen damals sagte, weiß ich nicht mehr, aber sicher mußte ich ihnen sehr schüchtern und linkisch erscheinen, denn als ich meine Augen erhob, waren die des Grafen Horaz mit einem so ungewöhnlichen Ausdruck auf mich gerichtet, daß ich ihn niemals vergessen werde. Doch nach und nach überwand ich meine Befangenheit und kam wieder zu mir selbst; ich konnte ihn nun ansehen und ihm zuhören, als sähe und hörte ich Paul.

Ich fand an ihm dieselbe Unempfindlichkeit, denselben starren tiefen Blick, der einen so starken Eindruck auf mich gemacht hatte, eine sanfte Stimme, die, wie seine Hände und Füße, eher einer Dame, als einem Herrn anzugehören schienen. Doch nahm seine Stimme, wenn er lebhaft wurde, eine Stärke an, die fast unvereinbar schien mit den ersten Tönen, die sie hervorgebracht hatte. Paul, als erkenntlicher Freund, hatte das Gespräch auf ein Thema gebracht, ganz geeignet für den Grafen, sich geltend zu machen; er sprach nämlich von seinen Reisen. Der Graf zauderte einen Augenblick, sich von der verführerischen Eigenliebe hinreißen zu lassen; man könnte wohl sagen, er fürchtete, sich der Konversation zu, bemächtigen, und das Ich den Allgemeinheiten unterzuschieben, in welchen sich die Etiquette bei einem ersten Besuche bewegt. Aber bald tauchten die Erinnerungen an die durchreisten Gegenden in seinem Gedächtnisse auf. Das malerische Leben in den unzivilisierten Ländern im Gegensatz zu der monotonen Existenz in unseren zivilisierten riß ihn hin, bald befand sich der Graf ganz wieder zwischen jener üppigen Vegetation Indiens und jenen merkwürdigen Aussichten der Maldiven. Er erzählte uns seine Streifereien in dem Meerbusen von Bengalen, seine Kämpfe mit den malaiischen Seeräubern; er ließ sich hinreißen, uns dieses rege Leben mit glänzenden Farben zu malen, wo jede Stunde etwas den Geist oder das Herz Erregendes bringt. Er ließ vor unsern Augen alle Phasen jenes Urlebens Vorbeipassiren, wo der Mensch in seiner Freiheit und Kraft, je nachdem er will, König oder Sklave ist, wo er keine Fessel kennt als die seiner Laune, keine Grenzen als die des Horizonts, wo er, wenn ihm die Landluft zu schwül wird, die Segel seines Fahrzeuges aufspannt, wie der Adler seine Flügel und auf dem Ozean die Einsamkeit und Unermesslichkeit sucht. Dann kam er mit einem Sprunge auf unsere sozialen Verhältnisse zurück, wo Alles so kleinlich ist, das Verbrechen wie die Tugend, Alles gekünstelt, das Gesicht wie die Seele, wo wir, Sklaven der Gesetze, gebunden durch die Fesseln der Konvenienz jede Stunde kleine Pflichten zu erfüllen haben, wo wir gezwungen sind, für jede Zeit des Morgens andere Kleider anzulegen und Handschuhe von bestimmter Farbe anzuziehen und zwar bei Strafe, lächerlich zu erscheinen, das heißt, bei Todesstrafe, denn das Lächerliche befleckt in Frankreich einen Mann mehr als Kot und Blut.

Ach kann Ihnen nicht beschreiben, welche bittere Beredsamkeit, welche tödliche Ironie gegen unsere gesellschaftlichen Verhältnisse in dem Schlusse seiner Rede lag; er war in der Tat, der Gotteslästerung nahe, eine jener poetischen Schöpfungen, wie Manfred oder Karl Moor, einer jener stürmischen Charaktere, welche sich gegen die platten alltäglichen Anforderungen unserer Gesellschaft auflehnt, es war das Genie, im Kampfe mit der Welt, welches, trotz des Schutzes ihrer Gesetze, ihre Konvenienzen, ihre Gewohnheiten mit sich fortreißt, wie der Löwe die schwachen Netze mit sich fortreißen würde, die für einen Fuchs oder Wolf gestellt sind.

Ich hörte dieser schrecklichen Philosophie zu, als läse ich eine Seite in Byron oder Goethe; es war dieselbe Energie des Gedankens, noch erhöht durch die Macht des Ausdrucks. Diese so gleichgültige Gestalt hatte jetzt ihre Maske von Eis abgelegt, sie entzündete sich an der Flamme des Herzens und ihre Augen sprühten Blitze: diese so sanfte Stimme nahm nach und nach einen düsteren hinreißenden Ausdruck an, dann zeigte sich plötzlich Enthusiasmus oder Bitterkeit, Hoffnung oder Vernichtung, Poesie oder Wirklichkeit, Alles in einem Lächeln, wie ich es noch nie gesehen habe und welches schon allein mehr Verzweiflung und Abscheu enthielt, als die schmerzlichsten Tränen je enthalten konnten.

Nach einem Besuche von einer Stunde verließen uns Paul und der Graf. Meine Mutter und ich sahen uns, nachdem sie gegangen waren, noch einen Augenblick stillschweigend an und ich fühlte mein Herz von einem sehr beängstigenden Gefühle befreit. Die Gegenwart dieses Mannes war für mich so drückend, wie Margarethen die des Mephistopheles. Der Eindruck, den er auf mich gemacht hatte, war so sichtlich, daß meine Mutter ihn zu verteidigen begann, ohne daß ich ihn angegriffen hatte. Sie hatte schon lange von dem Grafen sprechen hören, und es waren die entgegengesetzten Urteile über ihn geäußert worden, wie dieß jedem außergewöhnlichen Manne widerfährt. Meine Mutter betrachtete ihn übrigens von einem ganz von dem meinigen verschiedenen Gesichtspunkte aus. Alle jene Sophismen, welche er so kühn äußerte, schienen ihr nichts weiter als ein Spiel des Geistes, eine Art Medisance gegen die Gesellschaft, wie sie täglich gegen Einzelne geäußert wird. Sie stellte ihn weder zu hoch, noch zu tief, wie ich in meinem Innern, und daraus entsprang eine Meinungsverschiedenheit zwischen uns, die ich nicht bestreiten wollte. Ich beschloß daher zu tun, als wenn ich mich nicht mehr mit ihm beschäftige. Nach ungefähr 5 Minuten schützte ich einen leichten Kopfschmerz vor und ging in den Park hinab. Dort störte mich nichts in meinen Gedanken und ich war kaum hundert Schritte gegangen, so mußte ich mir selbst gestehen, daß ich nur dem Gespräche über den Grafen ausgewichen war, um desto ungestörter an ihn zu denken. Diese Überzeugung erschreckte mich: ich liebte den Grafen nicht, denn bei der Ankündigung seines Erscheinens schlug mein Herz mehr vor Furcht als vor Freude, doch fürchtete ich ihn nicht mehr oder durfte ihn vernünftiger Weise nicht fürchten, denn welchen Einfluß konnte er am Ende auf mein Schicksal haben? Ich hatte ihn ein Mal zufällig, ein zweites Mal bei einem gewöhnlichen Höflichkeitsbesuche gesehen, vielleicht sah ich ihn nie wieder; bei seinem abenteuerlichen Charakter und seinem Geschmack am Reisen konnte er Frankreich jeden Augenblick verlassen, dann war sein Durchgang durch meine Lebensbahn eine Erscheinung, ein Traum, weiter nichts. Vierzehn Tage, ein Monat, ein Jahr, und ich hatte ihn vergessen. Indessen als die Glocke zum Mittagsessen schlug, überraschte sie mich mitten in meinen Träumereien und ich erschrak, daß sie so bald schlug. Die Stunden waren vergangen, wie Minuten.

Bei meinem Eintritt in den Salon überreichte mir meine Mutter eine Einladung von der Gräfin M. . . , die während des Sommers in Paris geblieben war, und zum Geburtstage ihrer Tochter eine große Abendgesellschaft mit Tanz und musikalischer Unterhaltung geben wollte. Meine gegen mich stets vortreffliche Mutter wollte erst mich zu Rate ziehen, ehe sie auf die Einladung antwortete. Ich nahm sie mit Eifer an; es war eine gute Gelegenheit, die Gedanken zu zerstreuen, welche meinen Kopf einnahmen. Wir hatten in der Tat nur drei Tage Zeit, um uns vorzubereiten, und diese drei Tage reichten so knapp für alle Vorbereitungen zum Balle aus, daß ich sicher glaubte, die Erinnerung an den Grafen werde sich verlieren oder doch wenigstens während der so wichtigen Beschäftigung mit der Toilette in den Hintergrund treten. Ich that Alles, um zu diesem Resultate zu gelangen; ich sprach mit einem Eifer von dieser Soirée, wie meine Mutter noch nie bei solchen Gelegenheiten an mir bemerkt hatte; ich wünschte, noch denselben Tag nach Paris zurückzukehren unter dem Vorwande, daß wir kaum noch Zeit hätten, unsere Kleider und Blumen zu bestellen, in der Tat aber nur weil die Veränderung des Aufenthaltes, wie ich glaubte, mir in dem Kampfe gegen mein Gedächtnis; beistehen sollte. Meine Mutter gab mit ihrer gewöhnlichen Gutmütigkeit allen meinen Launen nach und wir reisten nach Tische wirklich ab.

Ich hatte mich nicht getäuscht. Der Eifer, welchen ich auf die Vorbereitungen zu dieser Soirée verwendete, ein Rest jener jungen Mädchen eigentümlichen fröhlichen Sorglosigkeit, der mir noch geblieben war, die Hoffnung auf einen Ball in einer Jahreszeit, wo dieses Vergnügen ungewöhnlich ist, leiteten meine unsinnige Furcht ab und verscheuchten das Phantom, welches mich verfolgte. Der ersehnte Tag brach endlich an. Er verging mir unter einer Art Arbeitsfieber, welches meine Mutter noch nie an mir bemerkt hatte. Sie war ganz glücklich über das Vergnügen, welches ich mir versprach. Arme Mutter!

Es schlug zehn Uhr, und ich war seit fünf Minuten fertig; wie dieß geschah, weiß ich nicht: ich wartete heute einmal auf die Mutter, die ich sonst stets auf mich warten ließ. Endlich fuhren wir ab; fast unsere ganze Wintergesellschaft war zu diesem Feste nach Paris gekommen. Ich fand meine Freundinnen aus der Pension, meine gewöhnlichen Tänzer und jene jungen Mädchen eigene muntere und heitere Laune, welche sich jedoch bei mir schon einigermaßen zu trüben begann.

Eine ungeheure Menschenmenge drängte sich in den Tanzsaal. Während einer Pause ergriff die Gräfin M. . . meine Hand und führte mich, um der drückenden Hitze zu entfliehen, in das Spielzimmer. Wir hielten bei dieser Gelegenheit zugleich eine neugierige Inspektion, denn alle Celebritäten der Künste, Wissenschaften und der Politik dieser Zeit waren gegenwärtig. Viele kannte ich bereits, einige jedoch waren mir noch fremd. Madame M. . . nannte mir alle mit großer Gefälligkeit und fügte jedem Namen einen Kommentar bei, um welchen sie mancher der geistreichste Feuilletonisten beneidet haben würde. Plötzlich, beim Eintritt in einen Salon, fuhr ich erschreckend zusammen und stieß die Worte aus: der Graf Horaz! —

Ja wohl! der Graf Horaz, sagte Madame M. . . lächelnd. Kennen Sie ihn?

Wir sind mit ihm auf dem Lande bei Madame Lucienne zusammengetroffen.

Ach, ja! erwiderte die Gräfin, ich habe von einer Jagd, von einem Unglücksfalle reden hören, der den jungen Herrn von Lucienne betroffen hat, nicht wahr? In diesem Augenblicke erhob der Graf den Blick und bemerkte uns. Ein schwaches Lächeln überflog seine Lippen.

Meine Herrn, sprach er zu den drei Mitspielenden, erlauben Sie mir wohl aufzustehen? Ich werde einen Andern als vierten Mann einsetzen lassen.

Ei, das wäre schön, sagte Paul, du gewinnst uns 4000 Francs ab, und sendest uns einen Stellvertreter, der sich hüten wird, zehn Louisd'or zu verlieren. Nein, nein, das geht nicht.

Der Graf, schon halb aufgestanden, ließ sich wieder nieder und setzte bei der ersten Tour, als ein anderer der Spieler sein Spiel begann, ein. Es wurde gehalten. Sein Gegner schlug; der Graf warf seine Blätter, ohne sie zu zeigen, weg und sprach: Ich habe verloren, steckte das Gold und die vor ihm liegenden Banknoten zu sich und sprach, sich von Neuem erhebend, zu Paul:

Steht es mir nun frei, mich zu entfernen?

Mein lieber Freund, noch nicht, erwiderte Paul, der indessen die Karten aufgehoben und betrachtet hatte, du hast fünf Carreaux und der Herr hat nur vier Piques.

Madame, sagte der Graf sich nach uns umdrehend und an die Gräfin wendend, ich weiß, daß Fräulein Eugenie heute Abend für die Armen einsammeln wird; erlauben Sie mir wohl, daß ich ihr zuerst meinen Beitrag anbiete? Bei diesen Worten ergriff er ein Arbeitskörbchen, welches neben dem Spieltische auf einem Gueridon stand, that die 4000 Francs hinein und überreichte sie der Gräfin.

Ich weiß in der Tat nicht, antwortete die Gräfin M. . . , ob ich es annehmen kann; diese Summe ist doch zu bedeutend.

Ich biete sie Ihnen auch nicht in meinem Namen allein an, sagte der Graf lächelnd, diese Herrn haben reichlich dazu beigetragen; ihnen also mehr als mir hat Fräulein M. . . im Namen ihrer Schützlinge zu danken. Bei diesen Worten trat er in den Ballsaal und ließ das mit Gold und Banknoten angefüllte Körbchen in den Händen der Gräfin zurück.

Das ist wieder eine von seinen Eigenheiten, sagte Madame M. . . zu mir; wahrscheinlich hat er eine Dame bemerkt, mit welcher er zu tanzen Lust hat, und das ist der Preis dieses Vergnügens. Doch ich muß dieses Körbchen einschließen; erlauben Sie mir also, daß ich Sie in den Ballsaal zurückführe.

Madame M. . . führte mich zu meiner Mutter, wo ich kaum angekommen war, als der Graf auf mich zukam und mich engagierte.

Sogleich fiel mir ein, was mir die Gräfin eben gesagt hatte; ich fühlte, daß ich errötete, ich fühlte, daß ich stammeln würde, und reichte ihm daher meine Tanzbüchlein. Sechs Tänzer waren bereits angemerkt, er wandte das Blatt um und schrieb seinen Namen für den siebenten Contretanz obenan, gleichsam als wünsche er, daß derselbe nicht mit denen der übrigen vermischt werde. Dann gab er mir das Blättchen mit einigen Worten zurück, die ich in meiner Bestürzung nicht verstand, und entfernte sich, um sich an die Pfoste einer Tür zu lehnen. Ich war nahe daran, meine Mutter zu bitten, den Ball mit mir zu verlassen, denn ich zitterte so, daß ich mich kaum aufrecht halten konnte. Glücklicher Weise erscholl auf einmal ein brillanter Accord. Der Ball war ausgesetzt; Listz setzte sich an's Piano.

Er spielte Weber's Aufforderung zum Tanze.

Noch nie hatte der geschickte Künstler sein wundervolles Spiel zu einer solchen Vollkommenheit gesteigert, oder ich hatte mich vielleicht noch nie in einer so günstigen Gemütsstimmung befunden, um diese so melancholische, leidenschaftliche Komposition recht zu empfinden. Es war das erste Mal, daß ich dieses Flehen, diese Seufzer einer schmachtenden Seele verstand, welche die Melodien des Verfassers des Freischütz aushauchten. Alles, was die Musik, diese Sprache der Engel, an Ausdruck, Hoffnung, Traurigkeit und Schmerz in sich faßt, schien in diesem Stück vereinigt zu sein, und die Variationen, die der Vortragende nach seiner Inspiration hinzufügte, folgten dem Thema wie erklärende Anmerkungen. Ich hatte diese herrlichen Phantasien oft selbst gespielt und heute, da ich sie durch einen Andern ausführen hörte, erstaunte ich, in ihr Dinge zu finden, die ich nie darin gesucht hatte. War es das bewunderungswürdige Talent des Künstlers, welches sie mir offenbarte? war es eine neue Stimmung meines Geistes? Hätte die künstlerische Hand, welche über die Tasten glitt, ihre Mienen so tief gelegt, daß sie bis jetzt unbekannte Gänge fand? oder hatte mein Herz eine so starke Erschütterung erlitten, daß bis jetzt noch schlafende Fiebern dadurch erweckt worden waren? Jedenfalls war die Wirkung großartig. Die Töne schwammen in der Luft wie Hauche und überschwemmten mich mit Wohlklang. In diesem Augenblicke erhob ich die Augen, die des Grafen waren fest auf mich gerichtet. Ich senkte schnell den Kopf, allein es war zu spät; ich sah zwar seine Augen nicht mehr, allein ich fühlte, wie sein Blick auf mir lastete. Das Blut stieg mir unwillkürlich zum Kopfe, ein unfreiwilliges Zittern ergriff mich. Bald erhob sich Listz; ich hörte das Geräusch der Menge, die sich um ihn drängte, um ihn zu beglückwünschen, und hoffte, daß auch der Graf seinen Platz verlassen haben möchte. Ich erhob schnell den Kopf und fand in der Tat, daß er nicht mehr an der Tür lehnte; ich atmete wieder frei, wagte jedoch nicht, mein Forschen weiter fortzusetzen, indem ich seinen Blicken wieder zu begegnen fürchtete. Ich wollte lieber sein Hiersein ganz ignorieren.

Endlich trat ein Augenblick der Ruhe ein. Eine andere Person hatte sich an's Piano gesetzt; ich schloß aus dem Bst! Bst! welches sich bis in die nächsten Zimmer fortpflanzte, daß die Neugier sehr gespannt war, aber ich wagte noch nicht, die Augen aufzuschlagen. Ein ergreifender Accord lief über die Tasten, dem ein langes melancholisches Vorspiel folgte, dann sang eine zitternde sonore und tiefe Stimme folgende Worte nach einer Melodie von Schubert:

 
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerey und Medicin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studiert, mit heißem Bemüh'n.
Da steh' ich nun, ich armer Thor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar.
Und ziehe schon an die zehen Jahr,
Herauf, herab und quer und krumm,
Meine Schüler an der Nase herum —
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.
Zwar bin ich gescheiter als alle die Lassen,
Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
Mich plagen keine Scrupel noch Zweifel,
Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel —
Dafür ist mir auch alle Freud' entrissen
Bilde mir nicht ein, was rechts zu wissen.
 

Beim ersten Worte erkannte ich die Stimme des Grafen Horaz. Man wird leicht erraten, welchen sonderbaren Eindruck diese Worte des Faust aus dem Munde dessen, der sie sang, auf mich machen mußten. Der Eindruck war übrigens ein allgemeiner. Ein tiefes Schweigen folgte dem letzten Tone, welcher davon flog, wie eine verzweifelnde Seele, dann folgten von allen Seiten rauschende Beifallsbezeugungen. Ich wagte es, den Grafen anzublicken. Allen Übrigen erschien vielleicht seine Haltung ruhig und kalt, aber mir verriet das leichte Zusammenziehen seines Mundes jene fieberhafte Bewegung, von welcher er auch während seines Besuches auf dem Schlosse befallen wurde. Madame M. . . näherte sich ihm, um ihm auch Glück zu wünschen, und sogleich nahm sein Gesicht wieder jenes lächelnde und gleichgültige Äußere an, welches die Konvenienz auch dem befangendsten Geiste anzunehmen auferlegt. Der Graf bot ihr den Arm und war wieder ein Mensch, wie andere Menschen. Nach der Art, wie er sie betrachtete, schien er ihr Artigkeiten über ihren Anzug zu sagen und während er so mit ihr schwatzte, warf er einen Blick nach mir, der dem meinigen begegnete. Ich hätte beinahe einen Schrei ausgestoßen, so war ich erschrocken. Ohne Zweifel bemerkte er meinen Schrecken und bemitleidete mich, denn er führte Madame M. . . nach dem anstoßenden Zimmer und verschwand dort mit ihr. Zugleich gaben die Musiker von Neuem das Zeichen zum Tanz; der erste meiner Tänzer stürzte auf mich zu; ich ergriff maschinenartig seine Hand und ließ mich an den von ihm gewählten Platz führen. Ich tanzte, das ist Alles, dessen ich mich erinnere; zwei oder drei Contretänze folgten auf einander, und ich gewann wieder einige Ruhe, dann folgte eine neue Pause, die wieder mit einem musikalischen Intermezzo ausgefüllt werden sollte.

Madame M. . . kam auf mich zu und ersuchte mich, die eine Partie des Duetts aus dem ersten Acte des Don Juan zu übernehmen; ich schlug es ab, denn ich fühlte mich in diesem Augenblicke unfähig, nur eine Note zu singen. Meine Mutter bemerkte unsern Streit, und die mütterliche Selbstliebe veranlaßte sie, ihre Bitten mit denen der Gräfin zu vereinigen, die sich zum Accompagnemenr erbot. Durch längeres Widerstreben fürchtete ich den Argwohn meiner Mutter zu erregen, denn ich hatte dieses Duett so oft gesungen, daß ich eigentlich keinen wichtigen Grund für meine Weigerung anfuhren konnte. Ich gab also nach. Die Gräfin faßte mich bei der Hand, führte mich zum Piano und setzte sich nieder. Ich stand mit niedergeschlagenen Augen hinter ihr und wagte nicht aufzusehen, aus Furcht, seinen mir überall hin folgenden Blicken zu begegnen. Ein junger Mann nahm an der andern Seite der Gräfin Platz; ich erhob flüchtig meine Augen, um zu sehen, wer mein Begleiter sei; ein Fieberschauer überlief meinen ganzen Körper: es war der Graf Horaz, welcher die Rolle des Don Juan sang.

Sie können sich leicht meine Aufregung denken; doch war es nun zu spät, zurück zu treten. Aller Augen waren schon auf uns gerichtet; Madame M. . . präludirte, dann begann der Graf. Das war ein anderer Mensch, welcher sang, und als er begann: lá ci darem 1a mano, zitterte ich, in der Hoffnung, mich getäuscht zu haben, denn ich konnte nicht glauben, daß die Stimme, welche uns eben durch die Melodie Schubert's hatte erzittern lassen, so biegsam sein könne, um Melodieen mit so feiner Grazie und Heiterkeit zu singen. Schon bei den ersten Worten lief ein Murmeln des Beifalls durch den Saal. Es ist wahr, als ich zitternd die Worte sang: vorrei e non vorrei mi trema un poco il cor, lag in meiner Stimme ein solcher Ausdruck von Furcht, daß ein langanhaltendes Applaudiffement erscholl; dann trat schnell wieder Stille ein, um uns weiter zu hören. Ich kann Ihnen nicht beschreiben, welcher Ausdruck von Liebe in der Stimme des Grafen lag, als er fortfuhr: vieni, mi bel deletto, und wie verführerisch und lockend die Worte waren: io cangieró tua sorte. Alles war so anwendbar auf mich, das ganze Duett schien für die Lage meines Herzens so gut gewählt, daß ich bei den Worten: presto non son piú forte eine Ohnmacht nahen fühlte. Gewiß hatte die Musik hier den Ausdruck modifiziert, denn anstatt der koketten Klage der Zerline, war es ein Schrei der tiefsten Verzweiflung. Ich bemerkte in diesem Augenblicke, daß sich der Graf mir genähert hatte, daß er meine schlaff herabhängende Hand ergriff; ein Flammenschleier senkte sich auf meine Augen Herab, ich griff nach dem Stuhle der Gräfin M. . . und klammerte mich an diesen fest; allein, als wir zusammen die Worte sangen andiamo, andiam mio bene, fühlte ich seinen Atem durch meine Haare dringen, sein Hauch strich über meine Schulter, ein Frösteln durchlief alle meine Adern, ich stieß das Wort amor mit einem Schrei aus, der alle meine Kräfte erschöpfte, und fiel in Ohnmacht.

Meine Mutter stürzte auf mich zu, allein sie würde zu spät gekommen sein, wenn mich nicht die Gräfin schon in ihre Armen aufgefangen gehabt hätte. Meine Ohnmacht wurde der Hitze zugeschrieben; man brachte mich in ein Nebenzimmer, wo man mich durch das Einathmen von Salmiak, durch Öffnung der Fenster, durch Besprengen mit Wasser bald wieder in's Leben zurückrief. Madame M. . . bestand darauf, mich wieder in den Ballsaal zu führen, ich wollte jedoch nichts davon hören, und auch meine sehr bestürzte Mutter war diesmal meiner Meinung. Sie ließ den Wagen vorfahren und wir begaben uns in unser Hotel.

Ich zog mich sogleich in mein Zimmer zurück. Beim Ausziehen meines Handschuhes fiel ein Papier zur Erde, welches während meiner Ohnmacht hineingeglitten sein mußte; ich hob es auf und fand auf demselben die mit Bleistift geschriebenen Worte: Sie lieben mich!. . . Dank! Dank!

IX

Ich durchwachte eine schreckliche Nacht, eine Nacht voll Seufzer und Tränen. Ihr Männer kennt nicht die Todesangst eines jungen Mädchens, welches, unter den Augen seiner Mutter erzogen, mit einem Herzen, rein wie ein Spiegel, der noch nie durch einen Hauch getrübt wurde, dessen Mund noch nie das Wort Liebe ausgesprochen hat, sich auf einmal, wie ein armer, vertheidigungsloser Vogel, von einem Willen, der mächtiger ist als sein Widerstand, ergriffen und bestrickt sieht, welches sich von einer so starken Hand fortgerissen fühlt, daß alles Sträuben vergebens ist, und eine Stimme zu hören vermeint, die ihr sagt: Sie lieben mich, bevor sie selbst gesagt hat: ich liebe Sie.

O! ich schwöre Ihnen, ich weiß nicht wie es kam, daß ich während dieser Nacht nicht wahnsinnig wurde; ich hielt mich für verloren. Ich wiederholte mir heimlich fortwährend die Worte: ich liebe ihn! ich liebe ihn! und zwar mit einem solchen Entsetzen, daß ich noch heute nicht weiß, ob ich nicht ganz etwas Anderes empfand, als ich zu fühlen glaubte. Doch ist es wahrscheinlich, daß alle jene Gemütsbewegungen, welche ich zeigte, Anzeigen von Liebe waren, weil der Graf, dem keine derselben entgangen war, sie für solche erkannte. Was mich betrifft, so waren dieß die ersten Gefühle der Art, welche ich empfand. Man hatte mir immer gesagt, daß man nur Diejenigen fürchten und hassen solle, die uns Böses zugefügt hätten: ich konnte also den Grafen weder hassen noch fürchten, und wenn die Gesinnung, die ich für ihn hegte, weder in Haß, noch in Furcht bestand, so mußte sie wohl Liebe sein.

Am andern Morgen beim Frühstück wurden meiner Mutter zwei Karten des Grafen Horaz von Beuzeval überreicht, welcher sich hatte erkundigen lassen, wie ich mich befinde und ob mein Unfall weitere Folgen gehabt habe. Diese so früh erfolgte Erkundigung erschien meiner Mutter als bloße Höflichkeitsbezeugung. Der Graf hatte mit mir gesungen, als jener Zufall mich betraf; dieser Umstand entschuldigte seine Eile. Meine Mutter bemerkte nur, daß ich sehr matt und leidend aussah und war darüber sehr besorgt. Ich beruhigte sie einigermaßen mit der Versicherung, daß ich keine Schmerzen empfinde und daß die Luft und Ruhe auf dem Lande mich bald wieder herstellen würden, wenn es ihr sonst genehm sei, dahin zurückzukehren. Meine Mutter kannte keine anderen Wünsche, als die meinigen; sie befahl, daß man anspanne. Gegen zwei Uhr reisten wir ab.

Ich floh Paris mit derselben Eile, mit welcher ich vor vier Tagen dem Landleben entfloh; denn mein erster Gedanke beim Anblick der Karten des Grafen war, daß er sich selbst einfinden würde sobald die Stunde käme, wo es gebräuchlich ist, Besuche zu machen. Ich wollte ihn fliehen, ich wollte ihn nie wiedersehen. Nach der Meinung, die er von mir gefaßt hatte, nach dem Briefe, welchen er mir geschrieben hatte, schien es mir unmöglich, vor ihm zu erscheinen, ohne vor Scham, zu vergehen. Diese Gedanken, welche sich in meinem Kopfe kreuzten, trieben mir auf meinen Wange eine so brennende fliegende Hitze aus, daß meine Mutter glaubte, es fehle mir im verschlossenen Wagen an Luft. Sie ließ den Kutscher halten, damit der Bediente das Verdeck des Wagens zurückschlagen könne. Es war an einem der letzten Tagen des Septembers, das heißt in der schönsten Seit des Jahres. Der Herbst hat etwas dem Frühlinge Ähnliches, indem die Düfte desselben den im Frühjahre ausströmenden beinahe gleichen. Die Luft, der Anblick der Natur, jene Geräusche des Waldes, welche in ein einziges, dauerndes, melancholisches, unerklärbares zusammenfließen, fingen schon an, meinen Geist zu zerstreuen, als ich plötzlich bei einer Krümmung des Weges vor uns einen Reiter bemerkte. Obgleich noch weit von ihm entfernt, ergriff ich doch schon den Arm meiner Mutter in der Absicht, sie zur Umkehr nach Paris zu veranlassen – denn ich hatte den Grafen erkannt, – ließ ihn aber sogleich wieder los. – Welchen Vorwand sollte ich für meine plötzliche Willensänderung anführen, welche als bloße Laune ohne irgend einen triftigen Grund erscheinen mußte? Ich sammelte also all' meinen Mut.

Der Reiter ritt Schritt, wir holten ihn also bald ein. Es war der Graf, wie ich schon gesagt habe.

Kaum hatte er uns erkannt, so ritt er an unsern Wagen und entschuldigte sich, daß er so früh zu uns gesandt habe, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Im Begriff, für diesen Tag auf das Gut des Herrn von Lucienne zu reisen, habe er Paris nicht verlassen wollen, ohne Nachricht über mein Befinden zu erhalten, welches ihn so sehr beunruhigt habe. Wenn die Zeit passend gewesen wäre, würde er selbst seine Aufwartung gemacht haben. Ich stammelte einige Worte, meine Mutter dankte ihm für seine Aufmerksamkeit. Auch wir wollen auf das Land zurückkehren, sprach sie zu ihm, und den Rest des Jahres dort zubringen. – Sie werden mir nun erlauben, erwiderte der Graf, bis zum Schlosse Ihr Begleiter zu sein. Meine Mutter verneigte sich lächelnd. Die Sache war ganz natürlich. Unser Schloß war 3 Lieues näher als das des Grafen von Lucienne und zu beiden führte ein und derselbe Weg.

Der Graf ritt also während der 5 Lieues, die wir noch zurückzulegen hatten, neben unserm Wagen her. Die Schnelligkeit, mit der wir fuhren, und die Schwierigkeit, sich dem Kutschenschlage zu nähern, beschränkte jedoch die Unterhaltung auf wenig Worte. Wir kamen am Schlosse an. Der Graf sprang vom Pferde, half meiner Mutter aus dem Wagen und bot dann auch mir den Arm. Ich konnte ihn nicht ausschlagen und reichte ihm zitternd meine Hand. Er ergriff sie gleichgültig, wie er die jeder andern Dame ergriffen haben würde, aber ich fühlte, daß er ein Briefchen in ihr zurückließ. Noch ehe ich ein Wort sagen oder irgend eine Bewegung machen konnte, hatte sich der Graf wie der nach meiner Mutter gewendet, grüßte sie und stieg wieder zu Pferde. Ohne die Bitten meiner Mutter, sich ein wenig bei uns auszuruhen, zu berücksichtigen, schlug er den Weg nach Lucienne ein, wo man ihn, wie er sagte, erwartete, und verschwand in wenig Sekunden.

Ich war unbeweglich auf derselben Stelle stehen geblieben. Meine krampfhaft geschlossene Hand hielt noch das Briefchen in sich, das ich nicht fallen zu lassen wagte und doch nicht zu lesen fest entschlossen war; meine Mutter rief mich, ich folgt ihr. Was sollte ich nun mit dem Briefchen anfangen? Ich hatte kein Feuer, um es zu verbrennen; zerriß ich es, so konnte man die Stückchen finden. Ich verbarg es also in dem Gürtel meines Kleides.

Ich kenne keine größere Pein, als die, welche ich bis zu dem Augenblicke erduldete, wo ich mich endlich in mein Zimmer zurückziehen konnte. Das Briefchen brannte mir auf der Brust, es schien mir, als ob eine übernatürliche Macht jede Zeile desselben meinem Herzen lesbar mache, das es beinahe berührte. Das Papier hatte eine magnetische Kraft. Gewiß hätte ich es im Augenblicke, wo ich es empfing, zerreißen oder verbrennen können, aber, ach! als ich in meinem Zimmer war, hatte ich nicht mehr den Mut dazu. Ich schickte meine Kammerfrau weg, unter dem Vorwande, daß ich mich selbst entkleiden wolle; dann setzte ich mich auf mein Bett und blieb so wenigstens eine Stunde unbeweglich sitzen, starr vor mich hinsehend, das Briefchen fest zusammengedrückt in meiner geschlossenen Hand haltend.

Endlich öffnete ich es und las:

»Sie lieben mich, Pauline, denn Sie fliehen mich. Gestern verließen Sie den Ball, wo ich war, heute die Stadt, in der ich mich befinde, aber Alles umsonst! Es giebt für einander bestimmte Menschen, welche nie zusammentreffen, aber, wenn sie sich begegnet sind, sich nie wieder trennen dürfen.

»Ich stehe nicht mehr, wie andere Männer, in den Jahren des Vergnügens, der Sorglosigkeit, der Freude, ich habe bereits viel gelitten, viel nachgedacht, viel geseufzt. Ich bin acht und zwanzig Jahre alt. Sie sind das erste Mädchen, welches ich liebe, denn ich liebe Sie, Pauline.

»Durch Ihre Liebe, wenn Gott die letzte Hoffnung meines Herzens gewährt, werde ich die Vergangenheit vergessen und von der Zukunft hoffen. Die Vergangenheit ist das Einzige, über welches Gott keine Macht und für welches die Liebe keinen Trost hat. Die Zukunft steht in Gottes Hand, die Gegenwart gehört uns, aber die Vergangenheit ist nichtig. Wenn der allmächtige Gott uns die Gabe schenkte, das Vergangene zu vergessen, so würde es weder Gotteslästerer noch Materialisten, noch Atheisten mehr geben.

»Ich habe Ihnen nun Alles gesagt, Pauline; denn was könnte ich Sie noch lehren, das Sie nicht schon wüßten, was Ihnen noch sagen, das Sie nicht schon erraten hätten? Wir sind beide jung, beide reich, beide frei; ich kann Ihnen, Sie können mir angehören, ein Wort von Ihnen, ich halte bei Ihrer Mutter um Sie an und wir sind vereinigt. Wenn mein Betragen, sowie mein Wesen, nicht ganz mit den Gewohnheiten der Welt übereinstimmt, so entschuldigen Sie das Abweichende und nehmen Sie mich, wie ich bin, Sie werden mich besser machen.

»Wenn Sie im Gegenteil, was ich jedoch nicht hoffe, aus irgend einem Grunde, den ich nicht wissen, der jedoch da sein kann, fortfahren, mich zu fliehen, wie Sie es bis jetzt zu tun versucht haben, so wissen Sie, Pauline, daß Alles vergeblich sein wird. Ich werde Ihnen folgen, wie ich Ihnen bis jetzt gefolgt bin; Nichts bindet mich an einen Ort mehr, als an den andern; nur dahin, wo Sie sind, zieht es mich unaufhörlich. Vor Ihnen hergehen oder Ihnen folgen wird mein einziges Streben sein. Ich habe viele Jahre meines Lebens geopfert und wohl hundert Mal mein Leben auf's Spiel gesetzt, um zu einem Resultate zu gelangen, welches mir nicht das Glück versprach, wonach ich jetzt strebe.

»Leben Sie wohl, Pauline! ich drohe Ihnen nicht, ich beschwöre Sie! Ich liebe Sie, Sie lieben mich. Haben Sie Mitleid mit sich selbst und mit mir. zu verbergen und mich in Dunkelheit zu begraben. Doch ach! wie fest ich auch im Dunkeln die Augen schloß, wie stark ich auch die Hände an meine Stirn drückte, trotz dieses doppelten Schleiers sah ich doch Alles wieder; der verhängnisvolle Brief war an die Wände des Zimmers geschrieben. Obgleich ich ihn nur einmal gelesen, hatte er sich doch meinem Gedächtnisse so tief eingeprägt, daß jede Seile, wie von unsichtbarer Hand geschrieben, zu erscheinen schien, so wie die vorhergehende entschwand. So wurde dieser Brief zehn Mal, zwanzig Mal, die ganze Nacht hindurch von mir gelesen. O! ich versichere Ihnen, daß von diesem Zustande zum Wahnsinn nur eine kleine Schranke zu überspringen, ein dünner Schleier zu zerreißen war.

Endlich gegen Morgen schlief ich, von Müdigkeit übermannt, ein. Als ich erwachte, war es schon spät, meine Kammerfrau benachrichtigte mich, daß Frau von Lucienne und ihre Tochter auf dem Schlosse seien. Da durchzuckte mich plötzlich der Gedanke: ich müsse Frau von Lucienne Alles sagen.

Sie war mir stets sehr gewogen. Bei ihr hatte ich den Grafen Horaz gesehen, er war der Freund ihres Sohnes, sie war die beste Vertraute für ein Geheimnis, wie das meinige; Gott sandte mir sie. In demselben Augenblicke wurde die Tür meines Zimmers geöffnet und sie trat ein. O! nun glaubte ich fest an diese Sendung. Ich erhob mich Im Bette und reichte ihr schluchzend die Hand. Sie setzte sich neben mich.

Nun, mein Kind, sagte sie nach einigen Augenblicken, indem sie die Hände, mit denen ich das Gesicht bedeckte, hinwegzog, was sehe ich, was haben Sie?

O! ich bin sehr unglücklich, rief ich.

Das Unglück in deinem Alter, mein Kind, ist wie ein Sturm im Frühling. Er geht schnell vorüber und macht den Himmel nur heiterer.

O! wenn Sie wüßten!

Ich weiß Alles, sagte Frau von Lucienne.

Wer hat es Ihnen gesagt?

Er.

Er hat Ihnen gesagt, daß ich ihn liebe! Er hat mir gesagt, daß er wenigstens die Hoffnung habe. Täuscht er sich?

Ich weiß es selbst nicht. Ich kannte von der Liebe bis jetzt nichts als den Namen. Können Sie glauben, daß ich bei der Unruhe, die ich empfinde, deutlich in meinem Herzen lesen und die Ursache erforschen könne, die sie hervorrief?

Ei, ei, ich sehe, daß Graf Horaz besser darin liest als Sie. – Ich fing an zu weinen. – Run, nun, fuhr Frau von Lucienne fort, ich finde darin keinen triftigen Grund zum Weinen. Wir wollen sehen, was zu tun ist; sprechen wir vernünftig. Der Graf Horaz ist jung, schön, reich, das ist mehr als hinreichend, um das Gefühl zu entschuldigen, welches er in Ihnen erregt hat. Der Graf Horaz ist frei, Sie sind achtzehn Jahre, es würde in jeder Hinsicht eine sehr passende Verbindung sein.

O! Madame!. . .

Es ist gut; sprechen wir nicht mehr davon. Ich weiß nun Alles, was ich erfahren wollte; ich gehe nun wieder zu Madame Meulien hinunter und schicke Ihnen Lucie.

O!. . . aber sie sagen kein Wort, nicht wahr?

sein Sie ruhig: ich weiß, was ich zu tun habe. Auf wiedersehen, mein liebes Kind. Nun, trocknen Sie ihre schönen Augen und umarmen Sie mich. . .

Ich warf mich noch einmal an ihre Brust. Nach fünf Minuten erschien Lucie, ich kleidete mich an und wir gingen hinunter.

Ich fand meine Mutter ernst, aber noch zärtlicher gegen mich, als sonst. Während, des Frühstücks betrachtete sie mich mehrmals mit einer Miene voll Unruhe und Trauer, und ich fühlte stets wie mir Scham das Gesicht rötete. Um 4 Uhr verließen uns Frau von Lucienne und ihre Tochter. Kein Wort wurde über ihren Besuch und dessen Ursache gesprochen. Bevor ich Abends zu Bette ging, umarmte ich, wie gewöhnlich, meine Mutter, küßte sie auf die Stirn und bemerkte, daß sie Tränen vergoß. Ich fiel vor ihr auf die Knie und verbarg mein Gesicht an ihrer Brust. Meine Bewegung bemerkend, schloß sie leicht auf das Gefühl, welches diese hervorrief; sie legte ihre Hände auf meine Schultern, drückte mich an ihr Herz und sprach: Sei glücklich, meine Tochter, das ist Alles, um was ich Gott bitte.

Zwei Tage darauf hielt Frau von Lucienne im Auftrag des Grafen förmlich um meine Hand an. – Sechs Wochen später heiratete ich ihn.

X

Die Hochzeit wurde zu Lucienne in den ersten Tagen des November gefeiert, von, wo wir zu Anfang der Wintersaison nach Paris zurückkehrten.

Wir bewohnten mit meiner Mutter ein und dasselbe Hotel. Meine Mutter hatte mir beim Abschluß des Ehekontraktes 25000 Livres Rente angewiesen und der Graf hatte beinahe dieselbe Summe angegeben. Ihr blieben noch 15000. Unser Haus konnte sich, wenn auch nicht zu den reichsten, doch zu den angesehensten der Vorstadt St. Germain zählen.

Horaz stellte mir zwei seiner Freunde vor, welche er wie seine Brüder zu empfangen bat. Seit 6 Jahren verband sie eine so innige Freundschaft, daß man sie gewöhnlich nur die Unzertrennlichen nannte. Ein Vierter, den sie noch jeden Tag betrauerten, hatte sich im Oktober des vorigen Jahres in den Pyrenäen, wo er ein Schloß besaß, auf der Jagd erschossen. Ich kann Ihnen die Namen dieser beiden Männer noch nicht nennen, Sie werden am Ende meiner Erzählung die Ursache leicht erraten; da ich jedoch bisweilen genötigt sein werde, sie zu bezeichnen, so will ich den einen Heinrich, den andern Max nennen.

Ich kann nicht sagen, daß ich glücklich war: die Gefühle, welche ich für den Grafen Horaz hegte, waren und sind mir noch unerklärlich; man könnte sie eine mit Furcht gemischte Achtung nennen. Auf Alle, die ihn umgaben, machte er übrigens denselben Eindruck, selbst seine beiden Freunde, so frei und ungezwungen sie sich auch gegen ihn benahmen, widersprachen ihm selten und räumten ihm, wenn auch nicht die Rechte eines Herrn, doch die eines altern Bruders ein. Obgleich in allen körperlichen Hebungen geschickt, standen sie ihm in Hinsicht der Kraft weit nach. Der Graf hatte den Bildersaal in einen Fechtsaal umgewandelt und eine Allee des Gartens zum Schießplatz geweiht. Diese Herren kamen alle Tage, sich in der Führung des Degens oder der Pistolen zu üben. Bisweilen wohnte ich diesen Kämpfen bei. Horaz war dann stets mehr ihr Lehrer als ihr Gegner. Er bewahrte bei diesen Übungen immer jene bewunderungswürdige Ruhe, von welcher er bei Frau von Lucienne eine Probe gab, und mehrere Duelle, die für ihn rühmlich endigten, bestätigten, daß jenes kalte Blut, im wichtigsten Augenblicke so selten, ihn keinen Augenblick verließ. Horaz blieb also, trotz aller Vertraulichkeit, ein für mich höheres, über den Standpunkt der gewöhnlichen Menschen erhabenes Wesen.

Was ihn betrifft, so schien er glücklich zu sein, wenigstens pflegte er sehr oft zu sagen, daß er es sei, obgleich seine von Sorgen umdüsterte Stirn für das Gegenteil zeugte. Bisweilen störten schreckliche Träume seinen Schlaf, und dann gab es Augenblicke, wo dieser am Tage so ruhige und tapfere Mann beim Erwachen aus einem solchen Traume vor Schrecken zitterte wie ein Kind. Er schrieb diese Zufälle einer Begebenheit zu, welche sich mit seiner Mutter während der Schwangerschaft zugetragen hatte; diese war nämlich auf einer Reise in die Sierra von Räubern angehalten und an einen Baum gebunden worden, von wo aus sie die Ermordung eines Reisenden, der denselben Weg machte, mit angesehen hatte. Daher kam es, daß es gewöhnlich Raub- und Mordscenen waren, die sich während des Schlafes seinem Geiste darstellten. Deswegen und wohl mehr um der Wiederkehr solcher Träume zuvorzukommen, als aus wirklicher Furcht, legte er stets, wo er auch war, beim Schlafengehen ein Paar Pistolen zur Hand. Dieß setzte mich Anfangs in große Furcht, denn ich dachte mit Zittern daran, daß er in einem Anfall von Somnambulismus Gebrauch von diesen Waffen machen möchte; doch nach und nach wurde ich ruhig und gewöhnte mich daran, ihn diese Vorsichtsmaßregeln nehmen zu sehen. Eine andere noch auffallendere Erscheinung, die ich mir erst jetzt erklären kann, bestand darin, daß Tag und Nacht ein gesatteltes, reisefertiges Pferd bereit stand.

Der Winter verstrich unter Festen und Bällen. Horaz hatte eine ausgebreitete Bekanntschaft, so daß sich, da seine Gesellschaftszimmer mit den meinigen verbunden waren, der Kreis unserer Bekanntschaften verdoppelte. Er begleitete mich mit außerordentlicher Gefälligkeit überall hin, und, was alle Welt in Erstaunen setzte, hatte gänzlich aufgehört zu spielen. Im Frühjahr gingen wir auf's Land.

Hier fanden wir alle alten Erinnerungen wieder. Die Zeit verging, theils zu Hause, theils bei unsern Nachbarn. Wir besuchten fortwährend Frau von Lucienne und ihre Kinder und betrachteten diese als eine uns verwandte Familie. Kaum schien eine Veränderung mit meinem Zustande als Mädchen eingetreten zu sein und mein Leben war fast dasselbe. Wenn dieses Verhältnis kein glückliches war, so hatte es doch wenigstens ganz den Anschein, es zu sein, so daß man sich leicht täuschen konnte. Nur jene unerklärliche Schwermut, die sich des Grafen mehr und mehr bemächtigte, trübte es. Jene Träume wurden immer häufiger und schrecklicher. Oft ging ich zu ihm, wenn er am Tage unruhig war, oft weckte ich ihn des Nachts aus seinen Träumen; sobald er mich jedoch erblickte, nahm er jene kalte ruhige Miene an, welche so großen Eindruck auf mich gemacht hatte. Dock konnte man sich nicht täuschen, der Abstand dieser scheinbaren Ruhe vom wahren Glück war zu groß.

Im Monat Juni fanden sich Heinrich und Max, die beiden jungen Leute, von denen ich bereits gesprochen habe, wieder bei uns ein. Wir wußten, welche große Freundschaft sie mit Horaz verband und empfingen sie daher, meine Mutter wie ihre Kinder, ich wie meine Brüder. Sie bewohnten die Zimmer, welche fast an die unsrigen stießen; mein Mann ließ Klingeln von einem besonderen Klange anbringen, deren Züge aus seinem Zimmer in die ihrigen und aus den ihrigen in das seinige gingen, und befahl, daß statt eines jetzt stets drei gesattelte, Pferde bereit gehalten werden sollten. Meine Kammerfrau sagte mir unter Anderem, daß, wie sie von der Dienerschaft gehört habe, jene Herrn die nämliche Gewohnheit hätten, wie mein Mann, und nie schliefen, ohne ein Paar geladene Pistolen auf den vor dem Bette stehenden Tisch zu legen.

Seit der Ankunft feiner Freunde lebte Horaz fast nur für sie. Ihre Vergnügungen waren dieselben, wie zu Paris, Reiten, Fechten, Pistolenschießen. So verstrich der Juli. Gegen die Mitte des August kündigte mir der Graf an, daß er in einigen Tagen genötigt sei, mich auf zwei oder drei Monate zu verlassen. Dieß war die erste Trennung seit unserer Hochzeit, und ich erschrak daher bei diesen Worten. Der Graf versuchte, mich zu beruhigen. indem er mir sagte, daß das Ziel dieser Reise, wie ich vielleicht glaube, nicht weit, sondern eine der nächsten Provinzen, nämlich die Normandie sei,; er wolle mit seinen Freunden nach dem Schlosse Burcy reisen. Jeder von ihnen besäße ein Landhaus, der eine in der Vendée, der andere zwischen Toulon und Rice. Der bereits Verstorbene besaß ein solches in den Pyrenäen und der Graf Horaz in der Normandie, so daß, jedes Jahr zur Zeit der Jagd wechselweise Einer die Andern auf seinem Landsitze empfing, wo sie dann drei Monate mit einander zubrachten. Dieses Jahr war die Reihe, seine Freunde zu bewirten, an Horaz. Ich erbot mich sogleich, ihn zu begleiten und die Honneurs seines Hauses zu machen, allein der Graf erwiderte mir, daß das Schloß weiter nichts sei, als ein Rendezvous zur Jagd, und zwar schlecht erhalten, schlecht möbliert, wohl gut genug für Jäger, die gewohnt seien, zu leben, so gut es eben gehe, aber nicht für eine Frau, die an alle Bequemlichkeiten, an allen Luxus des Lebens gewöhnt sei,. Er werde übrigens während seines Aufenthaltes dort Befehl geben, daß Alles in den gehörigen Stand gesetzt werde, damit ich, wenn ihn die Reihe wieder träfe, als ehrsame Burgfrau die Honneurs seines Hauses machen könne.

Dieser Fall, so einfach und natürlich er auch meiner Mutter erschien, beunruhigte mich doch entsetzlich. Ich hatte ihr noch nie von dem Trübsinn, von dem Entsetzen erzählt, welches den Grafen so oft befiel, aber welche Auslegungen er denselben auch zu geben suchte, ich legte ihm stets einen andern Grund unter, den er mir nicht sagen konnte oder wollte. Dennoch würde es meinerseits als lächerlich erschienen sein, wenn ich wegen einer Abwesenheit von drei Monaten hätte verdrießlich sein, und anderseits sonderbar, wenn ich hätte darauf bestehen wollen, dem Grafen zu folgen. Ich verschloß also meine Unruhe in mir und sprach nicht mehr von jener Reise.

Der Tag der Trennung erschien. Es war der 27te August. Die Herrn wollten zur Eröffnung der Jagd, welche auf den 1ten Sept. angesetzt war, in Burcy eintreffen. Sie reisten mit Extrapost ab und ließen sich ihre Pferde durch den Malaien nach bringen, der sie auf dem Schlosse treffen sollte.

Im Augenblicke der Abreise konnte ich mich der Tränen nicht enthalten; ich zog Horaz in ein Nebenzimmer und bat ihn nochmals inständig, mich mitzunehmen. Ich erzählte ihm meine sonderbare Angst, ich erinnerte ihn an seinen Tiefsinn, an jene unbegreiflichen Schreckbilder, die ihn so oft beunruhigten. Das Blut stieg ihm in's Gesicht und zum ersten Male sah ich ihn ein Zeichen der Ungeduld von sich geben. Doch unterdrückte er es sogleich und mit der größten Sanftmut versprach er, mir zu schreiben, wenn das Schloß irgend bewohnbar sei, woran er jedoch zweifle, daß ich dahin nachkommen solle. Bei diesem Versprechen und mit dieser Hoffnung faßte ich mich wieder, so daß ich bei seiner Entfernung ruhiger war, als ich geglaubt hätte.

Gleichwohl waren die ersten Tage nach seiner Abreise schrecklich für mich. Es war kein Liebesschmerz, ich wiederhole es Ihnen, der mich beunruhigte, sondern vielmehr das unbestimmte anhaltende Vorgefühl eines großen Unglücks. Den zweiten Tag nach seiner Abreise empfing ich einen Brief von ihm aus Caen datiert; er hatte sich in dieser Stadt kurze Seit aufgehalten, um da zu essen, und sich des Zustandes von Unruhe erinnernd, in welchem er mich verlassen hatte, hatte er mir schreiben wollen. Die Lektüre dieses Briefes that mir einigermaßen wohl, allein das letzte Wort desselben erneuerte meine Befürchtungen, die mir um so schrecklicher vorkamen, als sie für mich allein wirklich da waren, während sie jedem Andern als nur in der Einbildung existierend erscheinen mußten; anstatt mir zu schreiben »auf Wiedersehen, sagte mir der Graf »Lebewohl. Der Geist, wenn er einmal befangen ist, legt Kleinigkeiten eine große Bedeutung unter; ich glaubte in Ohnmacht sinken zu müssen, als ich dieses Wort las.

Einen zweiten Brief des Grafen empfing ich aus Burcy selbst. Er hatte das Schloß, welches er seit 3 Jahren nicht besucht hatte, in einem schrecklichen Zustande gefunden: kaum gab es ein Zimmer, in welches Regen und Wind nicht eindrangen, und es war also nicht möglich, für dieses Jahr nur im Entferntesten an eine Reise dahin zu denken. Ich erwartete einen solchen Brief, warum? weiß ich nicht; er machte daher auch weniger Eindruck auf mich, als der erste.

Einige Tage später lasen wir in der Zeitung die ersten Nachrichten von den Raub- und Mordanfällen, welche die Normandie beunruhigten. Ein dritter Brief von Horaz brachte uns gleichfalls diese Nachrichten von ihm, allein er schien diesen Ereignissen nicht die Wichtigkeit beizulegen, die ihnen die öffentlichen Blätter gaben. Ich antwortete ihm, um ihn zu bitten, so schnell als möglich zu uns zurückzukehren, denn diese Gerüchte schienen mir der Anfang zur Verwirklichung meiner Befürchtungen zu sein.

Bald wurden die Nachrichten immer schrecklicher. Nun ward ich von Trübsinn und abscheulichen Träumen heimgesucht. Ich wagte nicht mehr, dem Grafen zu schreiben, mein letzter Brief war ohne Antwort geblieben; ich begab mich zu Frau von Lucienne, die seit dem Tage, wo ich mich ihr entdeckte, meine Ratgeberin geworden war; ich erzählte ihr meine Angst und meine Ahndungen. Sie wiederholte mir, was mir meine Mutter schon zwanzig Mal gesagt hatte, daß den Grafen nur die Befürchtung, ich möchte dort wenig Bequemlichkeit finden, abgehalten habe, mich mitzunehmen, sie wüßte am besten, wie sehr er mich liebe, ihr habe er sich vertraut und seit der Zeit so oft für das Glück gedankt, was er, wie er sagte, ihr allein zu verdanken habe. Diese Gewißheit, die mir über des Grafen Liebe wurde, führte endlich einen Entschluss herbei. Ich beschloß, wenn die nächste Briefpost mir seine Rückkehr nicht melden sollte, selbst abzureisen und zu ihm zu eilen.

Ich empfing einen Brief, aber statt seine Rückkehr zu melden, zeigte er mir an, daß er genötigt sei, noch sechs Wochen oder zwei Monate entfernt von mir zu bleiben. Der Brief war voll von Liebesbeteuerungen. Er schrieb, daß nur jene alte Verbindlichkeit gegen seine Freunde ihn von seiner Rückkehr abhalten könnte und nur die Überzeugung, daß ich mich in den alten Räumen sehr unwohl befinden würde, ihn verhinderten, mich dahin kommen zu lassen. Wenn ich noch unschlüssig gewesen wäre, so würde mich dieser Brief vollends bestärkt haben. Ich ging zu meiner Mutter hinab' und sagte ihr, daß Horaz mir erlaubt habe, zu ihm zu kommen und ich den andern Tag Abends abreisen würde. Sie wollte mich durchaus begleiten und ich hatte große Mühe, ihr begreiflich zu machen, daß, wenn er für mich fürchte, er noch viel mehr Ursache haben müsse, für sie zu fürchten.

Ich reiste mit der Post ab, meine Kammerfrau, die aus der Normandie war, begleitete mich. Bei unserer Ankunft zu St. Laurent-du-Moni bat sie mich um Erlaubnis, drei oder vier Tage bei ihren Verwandten, die zu Crévecoeur wohnten, zubringen zu dürfen, und ich gab ihr dieselbe, ohne daran zu denken, daß ich ihrer Dienste in dem Augenblicke, wo ich in einem bloß von Männern bewohnten Hause absteigen würde, am meisten bedürftig sein würde. Doch wollte ich auch Horaz beweisen, daß er sehr unrecht habe, an meiner Standhaftigkeit zu zweifeln.

Gegen sieben Uhr Abends kam ich in Caen an. Der Postmeister, welcher gehört hatte, daß eine allein reisende Dame Pferde nach dem Schlosse Burcy verlange, kam selbst an den Schlag meines Wagens und drang so in mich, die Nacht hier zu bleiben und meine Reise erst den andern Morgen fortzusetzen, daß ich endlich nachgab. Ich wäre über dem zu einer Zeit auf dem Schlosse angekommen, wo Alles schlief und wo in Folge der Ereignisse, die sich in der Umgegend zutrugen, die Tore vielleicht so fest geschlossen waren, daß sie, mir gar nicht geöffnet werden konnten.

Die Abende wurden bereits kühl, ich trat daher einstweilen in das Zimmer des Postmeisters, bis man mir ein eigenes in Stand gesetzt haben würde. Die Wirtin erzählte mir da, wahrscheinlich um mir jede Reue über meinen Entschluß und die daraus entstehende Verzögerung meiner Reise zu benehmen. Alles, was sich seit vierzehn Tagen oder drei Wochen in der Umgegend zugetragen. Der Schrecken hatte den höchsten Grad erreicht; Niemand wagte mehr, eine Viertelstunde weit aus der Stadt zu gehen, sobald die Sonne untergegangen war.

Ich brachte eine schreckliche Nacht zu. Je näher ich dem Schlosse kam, desto mehr verließ mich meine Zuversicht. Vielleicht hatte der Graf andere Gründe, sich von mir entfernt zu halten, als diejenigen, die er mir angab; wie mußte er mich dann empfangen? Meine plötzliche, unerwartete Ankunft war ein Ungehorsam gegen seine Befehle, ein Eingriff in seine Rechte. Jenes Zeichen von Ungeduld, welches er nicht zurückhalten konnte und welches das erste war, das ihm je entschlüpfte, verkündigte es nicht einen unwiderruflichen Entschluß? Ich hatte einige Augenblicke die Absicht, ihm von Caen aus zu schreiben, daß ich da sei, und zu warten, bis er mich abhole. Aber alle meine Befürchtungen, erregt und unterhalten durch das Wachen in meinem fieberhaften Zustande, verschwanden, nachdem ich einige Stunden geschlafen hatte und der anbrechende Tag mein Zimmer erhellte. Ich sammelte allen meinen Mut und verlangte Pferde. Nach zehn Minuten reiste ich ab.

Um neun Uhr Morgens, zwei Lieues von Buisson, hielt der Postillon an und zeigte mir das Schloß Burcy. Man sah deutlich den Park, der sich bis auf zwei hundert Schritte der Straße näherte. Ein Seitenweg führte an ein Gitterthor. Er fragte mich: ob es dieses Schloß wäre, nach welchem ich wolle? ich bejahte es und wir fuhren nun durch das Gehege.

Das Thor war verschlossen. Wir klingelten mehrmals, ohne daß man uns hörte. Ich begann schon zu bereuen, daß ich meine Ankunft nicht vorher gemeldet hatte; es konnte leicht sein, daß der Graf mit seinen Freunden auf einer Jagdpartie abwesend war, was sollte dann auf einem so einsamen Schlosse aus mir werden, dessen Tore ich mir vielleicht nicht einmal öffnen lassen konnte? Mußte ich nicht am Ende in einer schlechten Dorfschenke ihre Rückkunft erwarten? Das wäre mir unmöglich gewesen. Endlich stieg ich voller Ungeduld aus und läutete mit aller Kraft. Ein lebendes Wesen erschien endlich hinter dem Gebüsch bei der Biegung einer Allee. Ich erkannte den Malaien und gab ihm ein Zeichen, daß er sich beeilen möchte. Er kam und öffnete.

Ich nahm mir nicht erst die Mühe, wieder einzusteigen, sondern eilte die Allee hin, durch welche ich den Malaien hatte kommen sehen; bald erblickte ich das Schloß. Beim ersten Anblick schien mir dasselbe in sehr gutem Zustande zu sein. Ich eilte die Treppe hinauf, trat in ein Vorzimmer, hörte sprechen, stieß noch eine Tür auf und befand mich im Speisesaale, Horaz gegenüber, welcher mit Heinrich frühstückte. Jeder hatte zu seiner Rechten ein Paar Pistolen auf dem Tische liegen.

Als der Graf mich bemerkte, erhob er sich und wurde so blaß, daß man Hütte glauben sollen, er werde unwohl. Ich dagegen zitterte dermaßen, daß ich nicht im Stande war, ihm die Hand zu reichen. Ich war im Begriff zu fallen, als er herzusprang und mich aufhielt.

Horaz, sagte ich zu ihm, verzeihe mir, es war mir nicht möglich, länger entfernt von Dir zu bleiben. . . ich war zu unglücklich, zu unruhig. . . ich bin ungehorsam gewesen.

Und daran thatest Du sehr unrecht, sprach er mit dumpfer Stimme.

O! wenn Du es wünschest, rief ich, erschrocken über den Ton seiner Stimme, so werde ich im Augenblicke wieder abreisen. . . Ich habe Dich wieder gesehen. . . weiter bedarf ich nichts. . .

Nein, sagte der Graf, nein, weil Du nun einmal hier bist, so bleibe. . . bleibe und sei, willkommen.

Bei diesen Worten umarmte er mich und sich Gewalt anthuend, nahm er sogleich wieder jenen Schein der Ruhe an, der mich oft mehr schreckte als das zornigste Gesicht.

XI

Doch allmälig schmolz der Eisschleier, welchen der Graf über sein Gesicht gezogen zu haben schien. Er hatte mich in ein Zimmer geführt, welches für mich bestimmt und ganz im Geschmack Ludwigs des XV. meublirt war.

Ja! ich kenne es, unterbrach ich sie, es ist dasselbe, in welchem ich gewesen bin. O, mein Gott! mein Gott! ich fange an, mir Alles zu erklären!. . .

Hier, fuhr Pauline fort, bat er mich um Verzeihung wegen seines Benehmens bei meinem Empfang; die Überraschung über meine so unerwartete Ankunft, die Besorgnisse wegen der mannigfachen Entbehrungen, die ich während eines zweimonatlichen Aufenthaltes in diesem alten Gemäuer erdulden müsse, hätten ihn hingerissen. Indessen da ich allen Hindernissen getrotzt, so sei es ihm lieb, daß ich da sei, er werde sich bemühen, mir den Aufenthalt auf dem Schlosse so angenehm als möglich zu machen; unglücklicher Weise habe er aber für diesen oder den folgenden Tag eine Jagdpartie zugesagt und werde mich deshalb für einen oder zwei Tage verlassen müssen, werde jedoch ferner keine neuen Verbindlichkeiten der Art mehr eingehen, denn meine Gegenwart solle ihm als Entschuldigungsgrund dienen. Ich erwiderte, daß er ganz frei und ich nicht gekommen sei, ihm in seinen Vergnügungen hinderlich in den Weg zu treten, sondern vielmehr, um mein durch die Gerüchte von den vielen Mordtaten beunruhigtes Herz zu beruhigen. Der Graf lächelte.

Ich war von der Reise ermüdet, legte mich daher nieder und schlief ein. Am zwei Uhr trat der Graf in mein Zimmer und fragte mich, ob ich geneigt sei, eine Luftfahrt auf dem Meere mitzumachen; das Wetter war ausgezeichnet schön, ich nahm die Einladung an.

Wir stiegen in den Park hinab, den die Orne durchströmte. An dem einen Ufer dieses kleinen Flusses lag eine niedliche Barke von sehr langer fremdartiger Bauart. Horaz sagte mir, daß sie nach dem Muster der malaiischen Barken gebaut sei und diese Konstruktion besonders viel zu ihrer außerordentlichen Schnelligkeit beitrage. Wir stiegen ein, Horaz, Heinrich und ich. Der Malaie setzte sich an's Ruder, und wir fuhren mit Hilfe des Stromes schnell dahin. Nachdem wir das Meer erreicht hatten, entfalteten Horaz und Heinrich das lange dreieckige Segel, welches um den Mast geschlungen war, und nun eilte die Barke auch ohne Hilfe des Ruders mit reißender Schnelligkeit über die Wellen.

Zum ersten Male sah ich den Ozean und dieser großartige Anblick nahm mich so sehr in Anspruch, daß ich gar nicht bemerkte, wie wir auf eine kleine Barke zusteuerten, die uns Signale gab. Erst die Stimme des Grafen, der einen der Männer jener Barke anrief, erweckte mich aus meinen Träumereien.

Holla! He! Schiffer, schrie er ihm zu, was giebt es Neues in Havre?

Meiner Treu, nichts von Bedeutung, antwortete eine Stimme, die mir bekannt war, und in Burey?

Ein neuer unerwarteter Besuch, wie Du siehst, ist angekommen, eine alte Bekanntschaft von Dir, Madame Horaz von Beuzeval, meine Frau.

Wie! Frau von Beuzeval? rief Max, den ich nun erkannte.

Sie selbst; solltest Du noch zweifeln, so komm' heran und mache ihr Dein Compliment.

Die Barke näherte sich: Max und zwei Matrosen befanden sich darin; er trug ein elegantes Fischerkleid und auf der Schulter ein Netz zum Auswerfen in's Meer. An unserer Seite angekommen, wechselten wir einige höfliche Worte; dann ließ Max sein Netz fallen, stieg an Bord unseres Schiffchens, sprach heimlich einige Worte mit Heinrich, grüßte mich und sprang wieder in sein Fahrzeug.

Glücklicher Fang! rief ihm Horaz zu.

Glückliche Reise! antwortete Max, und die Barke und das Boot trennten sich.

Die Stunde des Mittagsmahles nahte und wir trafen wieder an der Mündung des Flusses ein. Die Flut hatte sich jedoch zurückgezogen, das Wasser war nicht tief genug, um bis in den Park zu gelangen, wir mußten deshalb am Ufer aussteigen und über die Dünen gehen.

Ich machte denselben Weg, den Sie drei oder vier Nächte später zurücklegten, gelangte auf die Strandsteine, dann zwischen die großen Kräuter, erstieg den Hügel, erreichte die Abtei, sah das Kloster und seinen kleinen Friedhof, ging den Corridor entlang und gelangte durch eine dichte Baumgruppe in den Park des Schlosses.

Am Abende trug sich nichts Bemerkenswertes zu. Horaz war sehr aufgeräumt, sprach von den Verschönerungen, die er für künftigen Winter in unserem Hotel anbringen wollte und von einer im Frühjahr zu machenden Reise. Er wollte meine Mutter und mich nach Italien führen und in Venedig vielleicht einen jener Marmorpalläste kaufen, um die Zeit des Karnevals dort zuzubringen. Heinrich war weniger aufgeräumt, schien befangen und bei dem leisesten Geräusch unruhig. Alle diese Einzelheiten, die ich im Augenblicke kaum bemerkte, vergegenwärtigten sich später meinem Geiste wieder mit allen ihren Veranlassungen, die mir damals noch verborgen waren und sich mir erst aus den fernern Erfolgen erklärten.

Wir zogen uns in unsere Zimmer zurück; Heinrich allein blieb im Salon. Er wollte noch aufbleiben, um zu schreiben. Es wurde ihm Tinte und Feder gebracht und er setzte sich an das Kamin.

Den andern Morgen beim Frühstück hörten wir auf eine ganz eigene Art die Klingel an der Parktüre ziehen. Max!. . . sagten Horaz und Heinrich zu gleicher Zeit, und in der Tat derjenige, den sie genannt hatten, sprengte sogleich im Galopp in den Hof.

Ah, bist Du da, sagte Horaz lachend, ich bin sehr erfreut, Dich zu sehen, aber ein andermal schone meine Pferde ein Bisschen mehr; sieh' einmal, in welchen Zustand Du den armen Pluto versetzt hast.

Ich fürchtete, nicht zur rechten Zeit zu kommen, antwortete Max. – Madame, wandte er sich an mich, entschuldigen Sie', daß ich mich Ihnen so gestiefelt und gespornt vorstelle; allein Horaz hat, was sich leicht erklären läßt, vergessen, daß wir für heute eine Hetzjagd mit Engländern verabredet haben, fuhr er, das Wort Engländer besonders betonend, fort, und diese sind bloß deshalb gestern Abend mit dem Dampfboote angekommen. Es ist also nötig, daß wir nicht zurückbleiben, sondern unser Wort halten.

Sehr wohl, sagte Horaz, wir werden da sein.

Doch weiß ich nicht, ob wir jetzt unser Versprechen noch halten können, entgegnete Max, sich nach mir wendend. Diese Jagd wird zu ermüdend sein, als daß uns Madame begleiten könnte.

O, sein Sie ohne Sorge, meine Herrn, antwortete ich schnell, ich bin nicht hierher gekommen, ein Hindernis für ihre Vergnügungen zu sein. Gehen Sie, ich werde Ihrer Abwesenheit die Festung bewachen.

Du siehst, sagte Horaz, Pauline ist eine brave Burgfrau aus alter Zeit, es fehlen nur die Zofen und Pagen, denn sie hat jetzt nicht einmal eine Kammerfrau, da die ihrige auf der Reise zurückgeblieben ist und erst in 8 Tagen ankommen wird.

Willst du jedoch zurückbleiben, Horaz, sagte Heinrich, so will ich dich bei den Insulanern entschuldigen; das geht ja ganz leicht.

Nein, rief der Graf lebhaft, ihr vergeßt, daß ich mich ganz besonders verpflichtet habe. Es ist durchaus nötig, daß ich selbst dabei bin; Pauline wird uns, wie schon gesagt, entschuldigen.

Vollkommen, erwiderte ich, und um Dich ferner nicht zu stören, will ich mich in mein Zimmer begeben.

Ich werde im Augenblicke dahin folgen, sagte Horaz, und, sich mir mit außerordentlicher Artigkeit nähernd, führte er mich bis zur Tür und küßte mir die Hand.

Ich begab mich in mein Zimmer; in wenig Minuten folgte mir Horaz dahin. Er war schon im Jagdkleide und kam, um Abschied von mir zu nehmen. Ich begleitete ihn bis an die Treppe, wo ich mich den andern beiden Herren empfahl. Diese drangen von Neuem in den Grafen, bei mir zu bleiben, ich aber verlangte dringend, daß er sie begleite. Sie reisten endlich ab und versprachen, den andern Morgen zurückzukehren.

Ich blieb mit dem Malaien allein im Schlosse; diese sonderbare Gesellschaft würde vielleicht jede andere Frau erschreckt haben, allein ich wußte, daß derselbe dem Grafen seit dem Tage, wo er ihn mit seinem Dolche die Tigerin in ihrem Lager hatte angreifen sehen, ganz ergeben war. Hingerissen von jener mächtigen Bewunderung, welche Menschen im Naturzustande für den Mut hegen, war er dem Grafen von Bombay nach Frankreich gefolgt und hatte ihn seitdem keinen Augenblick verlassen. Sein wildes Ansehen und seine fremdartige Kleidung würden durchaus keinen Grund der Beunruhigung für mich abgegeben haben; allein ich befand mich in einem Lande, welches seit Kurzem der Schauplatz der unerhörtesten Ereignisse war. Obgleich ich weder Horaz noch Heinrich, welche als Männer diese Gefahren verachteten oder wenigstens sich das Ansehen gaben, sie zu verachten, nie davon hatte sprechen hören, so traten doch alle jene beklagenswerten, blutigen Begebenheiten, sobald ich allein war, wieder vor meinen Geist. Da ich übrigens am Tage wohl nichts zu befürchten hatte, so ging ich in den Park hinab und beschloss, den Vormittag die Umgebungen des Schlosses zu besehen, welches ich nun 2 Monate bewohnen sollte.

Meine Schritte richteten sich natürlich nach der Gegend hin, die mir schon bekannt war; ich besah mir nochmals die Ruinen der Abtei und zwar, diesmal genau. Sie haben sie selbst durchforscht, ich brauche sie Ihnen also nicht erst zu beschreiben. Ich trat durch das verfallene Portal und befand mich bald auf dem Hügel, der über das Meer ragt.

Dieß war das zweite Mal daß ich jenes großartige Schauspiel genoss, es hatte also noch nichts von seinem Reize verloren. Ich blieb hier zwei Stunden unbeweglich sitzen, es mit starren Augen betrachtend. Nach Verlauf dieser Zeit verließ ich den Hügel ungern, doch hatte ich mir vorgenommen, auch die andere Partien des Parks zu besuchen. Ich stieg herab an das Ufer des Flusses, dem ich einige Zeit folgte, fand die Barke, in welcher wir Tags vorher unsere Spazierfahrt gemacht hatten, dort angelegt und zwar so, daß sie jeden Augenblick bestiegen werden konnte. Bei diesem Anblick fiel mir, ich weiß nicht, warum? das stets gesattelte Pferd im Stalle ein. Dieser Gedanke erweckte einen andern: ich dachte an das stete Misstrauen, welches Horaz hegte und seine Freunde teilten, an jene Pistolen, welche stets auf dem Tische vor seinem Bett bereit lagen, an jene Pistolen, die auf dem Tische lagen, als ich ankam. Wenn sie die Gefahr verachteten, warum trafen sie solche Vorsichtsmaßregeln? und wenn zwei Männer nicht zu frühstücken wagten, ohne die Waffen in Bereitschaft zu haben, wie konnten sie mich allein lassen, ohne irgend eine Verteidigung? Alles dieß war unbegreiflich; und wie sehr ich mich auch anstrengte, diese trüben Gedanken zu verscheuchen, sie kehrten immer wieder. Während sie mich beschäftigten, ging ich immer weiter und befand mich bald in einem finsteren Dickicht. Hier, mitten in einem wirklichen Walde von Eichen, stand ein Pavillon, ganz einsam und fest verschlossen. Ich umging ihn, aber Türe und Laden waren so fest zu, daß es mir trotz meiner Neugier nicht gelang, mehr als das Äußere zu sehen. Ich nahm mir vor, bei dem ersten Spaziergange, den ich mit Horaz machen würde, den Weg hierher zu nehmen, denn ich hatte mein Augenmerk auf den Pavillon geworfen und wünschte, ihn zu meinem Arbeitszimmer zu machen, zu welchem er sich durch seine Lage ganz eignete.

Ich kehrte in das Schloß zurück. Auf die Untersuchung der Umgebungen folgte nun die des Innern; das Zimmer, welches ich bewohnte, stieß auf der einen Seite an einen Salon, auf der andern an die Bibliothek. Ein Korridor lief durch das ganze Gebäude hin und teilte es in zwei Theile. Meine Wohnung war die vollständigste, der übrige Teil des Schlosses war in kleine, von einander getrennte Logis getheilt, bestehend aus einem Zimmer, einem Vorzimmer und einem Ankleidekabinett; ich fand alle sehr wohnlich eingerichtet, was auch der Graf mir früher darüber gesagt und geschrieben haben mochte.

Da die Bibliothek mir wohl am ersten ein Gegengift gegen die Einsamkeit und Langeweile darbieten konnte, so beschloss ich, mich vor allen Dingen mit den Hilfsmitteln bekannt zu machen, die sie mir zu gewähren hatte. Sie bestand größtenteils aus Romanen des 18ten Jahrhunderts, welche bewiesen, daß der vorige Besitzer des Schlosses eine besondere Vorliebe für Voltaire und Crebillon gehabt habe. Einige neuere Bände zeichneten sich vor den übrigen aus und schienen erst von dem jetzigen Besitzer angekauft zu sein. Sie bestanden aus Werken über Chemie, Geschichte und Reisen. Ich bemerkte unter andern eine schöne englische Ausgabe des Werkes von Daniel über Indien und beschloss, dasselbe für die Nacht zu meinem Gefährten zu wählen, da ich während derselben wenig zu schlafen fürchtete, zog daher einen Band aus dem Bücherbrett und trug ihn auf mein Zimmer.

Fünf Minuten später trat der Malaie ein und gab mir durch Zeichen zu verstehen, daß das Abendessen bereit stehe. Ich ging hinunter und fand die Tafel in dem ungeheuren Speisesaale gedeckt. Ich kann Ihnen nicht sagen, welches Gefühl von Furcht und Traurigkeit mich anwandelte, als ich mich genötigt sah, so allein in diesem weiten Raume zu speisen, der nur durch zwei Lichter erhellt war, deren Strahlen den Hintergrund des Gemaches nicht erreichten und so die Schatten der Gegenstände, die sie erhellten, die abenteuerlichsten Formen annehmen ließen. Dieses Gefühl wurde mehr durch die Gegenwart des schwarzbraunen Dieners erregt, dem ich meine Wünsche nur durch Zeichen zu verstehen geben konnte. Er gehorchte übrigens mit einer Pünktlichkeit und Einsicht, die diesem Mahle einen noch mehr phantastischen Anstrich gaben. Wiederholt hatte ich Lust, ihn anzureden, obgleich ich wußte, daß er mich nicht verstand, aber es ging mir wie den Kindern, die im Dunkeln nicht zu schreien wagen; ich fürchtete mich vor dem Tone meiner eigenen Stimme. Nachdem er das Dessert aufgetragen hatte, deutete ich ihm durch Zeichen an, daß er in meinem Zimmer ein großes Feuer anmachen möchte. Das Feuer des Kamins ist der beste Gesellschafter für Diejenigen, die keinen andern haben; auch wollte ich mich so spät als möglich zu Bett legen, denn ich empfand eine Furcht, an die ich den Tag über nicht gedacht hatte und die erst mit der Finsternis mich überwältigte.

Diese Furcht wuchs noch, als ich mich in diesem großen Saale allein befand. Es schien mir, als wenn sich die weißen Vorhänge, die vor den Fenstern hingen, wie Leichentücher bewegten. Dennoch war es keine Furcht vor den Toten, welche mich so schreckte; die Mönche und Äbte, deren Gräber ich heute im Vorbeigehen betreten hatte, schliefen ihren seligen Schlaf, die einen im Klostergewölbe, die andern in ihren Gräbern; aber Alles, was ich auf dem Lande gelesen, Alles, was man mir in Caen erzählt hatte, tauchte in meinem Gedächtnisse wieder auf und ich erzitterte beim geringsten Geräusch. Übrigens vernahm ich nichts als das Rascheln der Blätter, das entfernte Rauschen des Meeres und jenes monotone Sausen des Windes, der sich an den Winkeln großer Gebäude bricht und in den Schornsteinen gleich einem umher flatternden Nachtvogel niederstürzt. 10 Minuten lang blieb ich unbeweglich sitzen und wagte weder zur Rechten noch zur Linken zu blicken, dann vernahm ich ein leises Geräusch hinter mir; ich drehte mich um, es war der Malaie. Er kreuzte die Hände über die Brust und verneigte sich. Dies war die Art, wie er anzeigte, daß die erhaltenen Befehle ausgeführt seien. Ich erhob mich: er ergriff die Lichter und schritt mir voran; ich fand mein Zimmer von meiner sonderbaren Kammerfrau ganz für die Nacht eingerichtet, welche die Lichter auf den Tisch setzte und mich dann allein ließ.—

Mein Wunsch war buchstäblich erfüllt. Ein ungeheures Feuer brannte in dem großen, von weißem Marmor erbauten, auf vergoldeten Amoretten ruhenden Kamine. Es erhellte das ganze Zimmer und gab ihm einen heiteren Anstrich, welcher mir meiner nach und nach schwindenden Furcht sehr kontrastierte. Dieses Zimmer war mit rotem, von Blumen durchwirktem, Damast ausgeschlagen, die Decke und die Türen waren mit einer Menge Arabesken und Schnörkeln ausgeschmückt, die einander an Sonderbarkeit übertrafen und Tänze von Faunen und Satyrn darstellten, deren Gesichter beim wiederschein der Flamme von einem goldnen Lächeln erglänzten. Noch fand ich mich jedoch nicht ruhig genug, um mich niederzulegen, auch war es kaum acht Uhr. Ich zog einen Bademantel über mein Kleid und wollte, da ich bemerkte, daß das Wetter sehr schön war, mein Fenster öffnen, um mich durch den Anblick der ruhigen heiteren Natur vollends zu beruhigen, fand aber, daß die Laden aus Vorsicht, die ich den in dieser Gegend um gehenden Gerüchten von Mordanfällen zuschrieb, von innen verschlossen waren. Ich kehrte also zurück, setzte mich an den Tisch neben das Kamin und schickte mich an, in der indischen Reise zu lesen, als ich bemerkte, daß ich statt des ersten Teils den zweiten mitgenommen hatte. Ich erhob mich also, um ihn umzutauschen. An der Tür der Bibliothek erfasste mich die Furcht von Neuem; ich zauderte einen Augenblick. Doch endlich schämte ich mich dieser kindischen Angst, öffnete mutig die Tür und ging nach dem Fache, in welchem die übrigen Bände des Werkes standen.

Indem ich mich nun den übrigen Bänden mit dem Lichte näherte, um die Zahlen auf denselben zu erkennen, drangen meine Augen in den leeren Raum, welcher durch die Wegnahme des Bandes, den ich irrtümlich ergriffen hatte, entstanden war. Ich bemerkte hinter dem Fache einen kupfernen Knopf, wie man ihn an Schlössern findet, welcher durch die auf dem davorstehenden Bücherbrett aufgestellten Bücher verborgen war. Ich hatte schon oft heimliche Türen in Bibliotheken gesehen, die durch Reihen falscher Bände versteckt waren, aber die Richtung, in welcher diese angebracht war, machte die Sache fast unmöglich. Die Fenster der Bibliothek waren die letzten des Gebäudes und dieser Knopf war im Tafelwerk hinter dem zweiten Fenster eingefügt; eine an diesem Orte angebrachte Tür mußte demnach in die Außenwand führen.

Ich zog mich zurück, um mit Hilfe meines Lichtes zu untersuchen, ob nicht irgend wo die Spur einer Öffnung zu finden sei, aber ich konnte untersuchen wie ich wollte, ich fand nichts. Ich legte nun die Hand an den Knopf und versuchte ihn zu drehen, allein er widerstand; ich drückte auf ihn und fühlte, daß er zurückwich, ich drückte stärker und, siehe da, eine Tür sprang durch eine Feder mit Geräusch nach mir zu auf. Diese Tür führte zu einer kleinen Wendeltreppe, die in der dicken Mauer angebracht war.

Sie können leicht denken, daß eine solche Entdeckung wenig geeignet war, meine Furcht zu beruhigen. Ich näherte mich der Treppe mit dem Lichte und bemerkte nun, daß sie ganz perpendicular hinunterging. Einen Augenblick hatte ich die Absicht, hinabzusteigen, ich war sogar schon auf der zweiten Stufe, aber der Mut fehlte; ich trat wieder rückwärts in die Bibliothek und stieß die Tür zu, welche sich so hermetisch schloß, daß ich, obgleich ich Gewissheit von ihrem Dasein hatte, doch keine Spur ihrer Fugen fand. Ich setzte nun den Band wieder an seinen Ort, damit Niemand bemerken sollte, daß ich ihn berührt hatte, denn ich konnte nicht wissen, für wen dieß Geheimnis von Wichtigkeit war. Ich nahm auf gut Glück ein anderes Werk, kehrte in mein Zimmer zurück, verriegelte die Tür, die nach der Bibliothek führte, und setzte mich wieder an's Feuer.

Unerwartete Ereignisse verlieren oder gewinnen an Wichtigkeit je nach der traurigen oder fröhlichen Stimmung des Geistes oder nach der mehr oder weniger kritischen Lage, in welcher man sich befindet. Es ist gewiss nichts Übernatürliches, in einer Bibliothek eine geheime Tür und eine Wendeltreppe zu finden, die in der Vertiefung einer Mauer angebracht ist; wenn man jedoch diese Tür und diese Treppe in der Nacht entdeckt und auf einem einsamen Schlosse, das man allein, ohne Mittel zur Verteidigung bewohnt, wenn dieses Schloß mitten in einer Gegend liegt, die jeden Tag von dem Gerücht eines neuen Raubes oder Mordes widerhallt, wenn man seit einiger Zeit von einem geheimnisvollen Verhängnis umstrickt, und von düsteren Ahnungen befangen ist, wenn man sogar auf einem Balle von einem tödlichen Frost überlaufen wird, so wird Alles, wenn auch nicht Wirklichkeit, doch Gespenst und Phantom und Niemand wird die Erfahrung bestreiten, daß eine unbekannte Gefahr tausend Mal ergreifender und schrecklicher ist, als eine wirkliche, sichtbare.

Jetzt bereute ich die unkluge Entlassung meiner Kammerfrau bitter. Die Furcht fragt so wenig nach Gründen, daß sie ohne erhebliche Veranlassung, entsteht und wieder vergeht, und das schwächste Wesen, ein Hund, der uns schmeichelt, ein Kind, welches uns zulächelt, obgleich weder jener noch dieses uns verteidigen kann, dient doch dem Gemüt zur Beruhigung, wenn auch nicht dem Arme als Waffe. Wenn ich jenes Mädchen bei mir gehabt hätte, die mich seit 5 Jahren niemals verließ, deren Ergebenheit und Freundschaft zu mir ich kannte, so würde gewiss jede Furcht von mir gewichen sein, während ich mich jetzt, wo ich ganz allein war, schon im Voraus für verloren und alle Rettung für unmöglich hielt.

Zwei Stunden blieb ich so unbeweglich sitzen. Der Angstschweiß stand mir vor der Stirn; ich hörte meine Wanduhr 10, dann 11 schlagen, erschrak bei diesem so gewöhnlichen Geräusch jedes Mal und klammerte! mich krampfhaft an den Arm meines Lehnstuhls. Zwischen elf und elf und ein halb Uhr war es mir, als hörte ich in der Ferne den Knall einer Pistole; ich erhob mich zur Hälfte, indem ich mich auf das Gesims des Kamins stützte; da jedoch die vorige Stille wieder eintrat, so fiel ich auf meinen Sitz zurück und lehnte meinen Kopf an die Rücklehne. So blieb ich noch einige Zeit, meine starren Augen nicht von dem Gegenstande, den ich anblickte, zu entfernen wagend, aus Furcht, daß sie, indem sie sich abwendeten, einen Gegenstand treffen möchten, der eine begründete Furcht erregen könne. Doch mitten in dieser gänzlichen Stille schien es mir, als wenn das Gitterthor, welches sich der Treppe gegenüber befand und den Garten vom Parke schied, in seinen Angeln knarrte. Der Gedanke, daß Horaz es sein könne, der eintrat, vertrieb auf einmal alle Furcht. Ich stürzte nach dem Fenster, nicht daran denkend, daß die Laden verschlossen waren, ich wollte die Tür des Korridors öffnen, allein der Malaie hatte sie aus Ungeschicklichkeit oder aus Vorsicht verschlossen. Da fiel mir ein, daß die Fenster der Bibliothek, so wie die meines Zimmers noch die Aussicht nach dem Vorplatz gewährten; ich zog den Riegel zurück und trat, durch eine jener bizarren Regungen getrieben, die oft den größten Mut der größten Schwäche folgen lassen, ohne Licht ein, weil ich glaubte, daß Diejenigen, die zu dieser Stunde durch das Thor kämen, auch Andere als Horaz und seine Freunde sein könnten, und dann würde das Licht sogleich verraten haben, daß dieses Zimmer bewohnt sei,. Die Läden waren hier nur angelehnt; ich entfernte einen und sah beim Scheine des Mondes ganz deutlich einen Mann, der eben einen Flügel des Thors geöffnet hatte und ihn halb offen hielt, während zwei Andere, die Etwas trugen, was ich nicht erkennen konnte, durch passierten; das Thor wurde dann sogleich wieder von ihren Gefährten geschlossen. Diese drei Männer näherten sich jedoch der Treppe, die in's Haus führte nicht, sondern gingen um, das Schloß herum. Da sie sich auf diesem Wege mir näherten, so erkannte ich nach und nach die Form der Last, welche sie trugen; es war ein menschlicher Körper, in einen Mantel eingewickelt. Ohne Zweifel erregte der Anblick eines Hauses, welches bewohnt sein konnte, einige Hoffnung in dem Entführten, denn es entspann sich unter meinem Fenster ein kleiner Kampf. Während desselben entblößte sich ein Arm und dieser war mit dem Ärmel eines Kleides bedeckt; es unterlag keinem Zweifel, dieses Schlachtopfer war ein Weib. . . Alles dieses geschah mit der Schnelligkeit des Blitzes. Der Arm, kräftig von einem der drei Männer ergriffen, verschwand unter dem Mantel und das Ganze nahm wieder das unförmliche Ansehen irgend einer Last an. Dann verschwand Alles an der Ecke des Gebäudes im Schatten einer Kastanien Allee, welche nach dem kleinen verschlossenen Pavillon führte, den ich den Tag vorher in jener dichten Gruppe von Eichen entdeckt hatte.

Die Männer selbst hatte ich nicht erkannt; nur so viel hatte ich gesehen, daß sie die Kleidung von Bauern trugen. Wenn sie aber wirklich waren, was sie zu sein schienen, wie kamen sie in das Schloß? Auf welche Weise hatten sie sich einen Schlüssel zu dem Gittertore verschafft? War dieß ein Raub? war es ein Mord? Ich wußte es nicht, aber gewiss war es das Eine oder das Andere. Alles dieß war so unbegreiflich, so befremdend, daß ich mich selbst fragte, ob ich nicht träume. Übrigens hörte ich nicht das geringste Geräusch mehr, die Nacht verfolgte ruhig und still ihren Lauf und ich war am Fenster aufrecht stehen geblieben. Unbeweglich vor Schrecken wagte ich meinen Platz nicht zu verlassen, aus Furcht, daß das Geräusch meiner Schritte die Gefahr, wenn irgend eine da war, erwecken möchte. Plötzlich fiel mir jene verborgene Tür, jene Geheimnisvolle Treppe wieder ein; ich glaubte, an meiner Seite ein dumpfes Geräusch zu vernehmen, ich stürzte in mein Zimmer, schloß und verriegelte die Tür und sank dann erschöpft in meinen Lehnstuhl, ohne zu bemerken, daß eins der beiden Lichter verlöscht war.

diesmal war es keine leere, unbegründete Furcht, die mich bewegte, es war irgend ein wirkliches Verbrechen, welches um mich vorging und dessen Vollbringer ich gesehen hatte. Ich glaubte jeden Augenblick eine geheime Tür sich öffnen oder ein unbemerktes Fach sich auftun zu sehen. Alle jene kleinen Geräusche, welche sich in der Nacht besonders bemerklich machen, wie das Springen eines Meubles, das Auseinandergehen einer Diele, machten mich vor Schrecken zittern und ich hörte mein Herz gleichmäßig mit dem Perpendikel meiner Uhr schlagen. In diesem Augenblicke ergriff die Flamme meines herab gebrannten Lichtes das Papier, welches dieses umgab, eine momentane Helle verbreitete sich im ganzen Zimmer, welche nach und nach wieder schwand, ein Zischen ließ sich einige Sekunden lang hören, dann sank das Docht in die Höhlung des Leuchters hinab, erlosch plötzlich und ließ mich ohne anderes Licht als das des Kamins.

Ich suchte nach Holz, fand aber keins mehr; ich schob die Feuerbrände zusammen und die Flamme erhob sich noch einmal mit neuer Kraft. Aber diese flackernde Flamme gab kein Licht, welches geeignet war, mich zu beruhigen. Alle Gegenstände wurden beweglich, wie der neue Schein, der sie beleuchtete. Die Türen schaukelten hin und her, die Vorhänge schienen sich zu bewegen, lange bewegliche Schatten glitten über die Decke und die Tapeten. Ich fühlte, daß ich schwach wurde, und nur der Schrecken selbst verhinderte eine Ohnmacht; in diesem Augenblicke ließ sich jenes Geräusch an der Uhr vernehmen, welches dem Schlage vorausgeht und es schlug zwölf.

Die ganze Nacht in diesem Lehnstuhle zuzubringen, war nicht möglich, ich fühlte, daß es kalt wurde. Ich fasste den Entschluß, mich angekleidet, wie ich war, niederzulegen und erreichte das Bett, ohne mich umzusehen, schlüpfte unter die Decke und zog mir dieselbe über den Kopf. So brachte ich fast eine Stunde zu, ohne mir an die Möglichkeit des Schlafes zu denken. Dieser Stunde werde ich mich lebenslänglich erinnern. Eine Spinne spannte zwischen dem Getäfel des Alkovens ihr Netz aus, und ich vernahm die ganze Zeit hindurch die ununterbrochene Arbeit dieses nächtlichen Baumeisters. Doch plötzlich hörte sie auf, unterbrochen von einem andern Geräusch; ich glaubte, den leise quiekenden Ton zu hören, welchen der kupferne Knopf an der Tür in der Bibliothek von sich gab, als ich auf ihn stieß. Ich reckte schnell meinen Kopf unter der Decke hervor, streckte den Hals aus, hielt den Atem an und legte die Hand auf das Herz, um das heftige Schlagen desselben zu verhindern; Alles war still, ich zweifelte noch; bald jedoch sollte ich nicht mehr zweifeln.

Ich hatte mich nicht getäuscht; ich hörte die Schritte eines Menschen, die sich näherten, ich hörte, wie ein Stuhl gerückt wurde. Der Ankommende fürchtete jedoch ohne Zweifel, gehört zu werden, denn es trat wieder die tiefste Stille ein, und ich vernahm von Neuem das Arbeiten der Spinne O! alle diese Einzelheiten, alle diese Umstände stehen so deutlich vor meinem Gedächtnisse, als wenn ich jetzt noch dort wäre und vor Angst fast ohnmächtig in jenem Bette läge.

Ich hörte ein neues Geräusch in der Bibliothek, es näherte sich etwas dem Getäfel, an welchem mein Bett stand. Eine Hand drückte an die Zwischenwand und ich war nicht mehr von dem getrennt, der durch die Wand eintrat. Ich glaubte, das Zuklappen eines Feldes in der getäfelten Wand zu hören. . . . ich blieb unbeweglich, als wenn ich schliefe, denn der Schlaf war meine einzige Waffe; der Räuber, wenn es ein solcher war, schonte vielleicht mein Leben und hielt meinen Tod für unnütz, wenn er bemerkte, daß ich ihn weder sähe noch hörte. Mein Gesicht war gegen die Tapete und gegen den Schatten gerichtet und ich konnte also die Augen offen behalten. Ich sah nun, daß sich die Vorhänge meines Bettes bewegten, eine Hand schob sie behutsam zurück, dann erschien durch die rote Draperie ein blasser Kopf: in diesem Augenblicke flackerte das Feuer zum letzten Male auf und beleuchtete diese Erscheinung; ich erkannte den Grafen Horaz und schloß die Augen!. . . .

Als ich sie wieder öffnete, war die Erscheinung verschwunden, obgleich sich die Vorhänge meines Bettes noch bewegten. Ich vernahm ein leichtes Geräusch, mit welchem das Feld in der Wand wieder geschlossen wurde, dann das Tappen sich entfernender Schritte, darauf das Knarren der Tür; endlich wurde Alles wieder still und ruhig. Ich weiß nicht, wie lange ich so gelegen habe, ohne aufzuatmen, ohne mich zu bewegen. Gegen Morgen endlich fiel ich, von dem anstrengenden Wachen geschwächt, in eine dem Schlafe ähnliche Erstarrung.

XII

Ich wurde von dem Malaien geweckt, indem er an die von innen, verschlossene Türe pochte. Ich hatte mich, wie ich Ihnen schon sagte, ganz angekleidet zu Bette gelegt, stand also auf und schob den Riegel zurück; der Diener trat ein, öffnete die Laden und der helle Tage und die Sonne drangen in mein Zimmer. Ich eilte nach dem Fenster.

Es war einer jener schönen Herbstmorgen, wo der Himmel, bevor er sich mit seinem Wolkenschleier bedeckt, der Erde ein letztes Lächeln zuwirft. Alles war im Parke so still, so ruhig, daß ich fast anfing, an mir selbst zu zweifeln; doch hatten die Begebenheiten der Nacht einen zu tiefen Eindruck in meinem Gemüt zurückgelassen. Selbst die Örtlichkeit, die ich mit meinen Augen übersah, rief mir die geringsten Umstände in's Gedächtnis zurück. Ich sah das Gitterthor, welches sich geöffnet hatte, um jenen drei Männern und jener Frau den Durchgang zu verstatten, die Allee, durch welche sie gegangen, selbst die Fußtapfen, die ihre Füße im Sande zurückgelassen hatten und die an dem Orte am sichtbarsten waren, wo das Schlachtopfer sich sträubte, denn dort hatten sich seine Träger mit Gewalt angestemmt, sich seiner zu bemeistern. Diese Spuren folgten der Richtung, die ich Ihnen schon angegeben habe und verschwanden in der Lindenallee. Ich wollte nun, um mich wo möglich von der Wahrheit dessen, was ich beobachtet hatte, besser zu überzeugen, noch mehr Merkmale suchen und ging daher in die Bibliothek. Der Laden war noch halb geöffnet, wie ich ihn gelassen hatte, ich fand mitten im Zimmer einen umgeworfenen Stuhl, den ich hatte fallen hören, ich trat an das Getäfel und fand, indem ich es mit außerordentlicher Aufmerksamkeit betrachtete, den fast unbemerkbaren Falz, wo es eingefügt war, drückte mit der Hand an eine der Leisten und sie wich zurück. In diesem Augenblicke öffnete Jemand die Türe meines Zimmers; ich hatte kaum Zeit das Fach wieder anzudrücken und ein Buch zu ergreifen.

Es war der Malaie, welcher mich suchte, um zu frühstücken. Ich folgte ihm.

Beim Eintritt in den Speisesaal war ich ganz erstaunt. Ich erwartete Horaz da zu finden, er war jedoch nicht allein nicht gegenwärtig, sondern ich sah auch nur ein Couvert aufgelegt.

Ist der Graf noch nicht zurück, rief ich? Der Malaie machte eine verneinende Bewegung. Nicht! murmelte ich ganz betreten. Nein, wiederholte er durch dasselbe Zeichen. Ich warf mich auf einen Stuhl: der Graf war noch nicht zurück!. . . . und doch hatte ich ihn selbst gesehen, er war an mein Bett gekommen, er hatte die Vorhänge zurückgeschlagen eine Stunde nachher, als jene drei Männer. . . . Aber jene drei Männer, waren es nicht der Graf und seine beiden Freunde? Horaz, Max und Heinrich, welche eine Frau wegtrugen! Sie allein konnten den Schlüssel zum Park haben, sie allein konnten so keck eintreten, ohne gesehen, ohne beunruhigt zu werden. Kein Zweifel mehr, es war so. Das also war die Ursache, warum mich der Graf nicht auf das Schloß kommen lassen wollte, warum er mich so kalt empfing, warum er den Vorwand einer Jagdpartie machte. Der Raub dieser Frau war schon vor meiner Ankunft bestimmt und nun ausgeführt. Der Graf liebte mich nicht mehr, er liebte eine Andere und diese war im Schlosse, wahrscheinlich im Pavillon.

Ja, und der Graf war, um sich zu überzeugen, daß ich nichts gesehen, nichts gehört hatte, daß ich ganz ohne Verdacht war, die Treppe herauf in die Bibliothek gestiegen, hatte das Fach in dem Getäfel geöffnet, meine Vorhänge zurückgeschlagen und war, nachdem er sich überzeugt hatte, daß ich schlief, zu seiner Geliebten zurückgekehrt. Alles war mir nun klar und deutlich, als hätte ich es selbst gesehen. In einem Augenblicke hatte meine Eifersucht das Dunkel durchdrungen, die Mauern niedergerissen, nichts blieb mir mehr zu erfahren übrig; ich ging hinaus, denn ich erstickte bald.

Die Spuren der Fußtapfen waren schon vernichtet, der Rechen hatte bereits den Sand wieder geebnet. Ich folgte der Lindenallee und erreichte das Dickicht von Eichen. Ich erblickte den Pavillon und ging um ihn herum: er war verschlossen und schien unbewohnt, wie den Tag vorher. Ich kehrte in das Schloß zurück, ging in mein Zimmer und setzte mich in den Lehnstuhl, in welchem ich die vorige Nacht so schreckliche Stunden zugebracht hatte. Ich wunderte mich jetzt selbst über meinen Schrecken!. . . . es waren die Schatten, die Finsternis oder vielmehr der Mangel einer heftigen Leidenschaft, welche mein Herz so geschwächt hatten.

Ich brachte einen Theil des Tages damit zu, daß ich im Zimmer auf- und abging, die Fenster öffnete und schloß, und erwartete den Abend mit eben so großer Ungeduld, als ich den Tag vorher sein Anbrechen fürchtete. Man kündigte mir an, daß das Mittagsessen bereit sei, ich ging hinunter und fand wie am Morgen ein einziges Couvert, daneben aber einen Brief. Ich erkannte des Grafen Hand und erbrach hastig das Siegel.

Er entschuldigte sich bei mir, daß er mich zwei Tage allein ließe, er habe noch nicht zurückkommen können, da er bereits vor meiner Ankunft sein Wort gegeben habe und es nun halten müsse, so leid es ihm auch thue. Ich drückte den Brief in meiner Hand zusammen, ohne ihn bis zu Ende zu lesen und warf ihn in's Kamin, dann zwang ich mich zum Essen, um beim Malaien keinen Verdacht zu erregen und kehrte in mein Zimmer zurück.

Mein Befehl vom vorigen Abende war nicht vergessen worden; ich fand ein großes Feuer im Kamin, welches ich jedoch heute ohne Furcht ansah. Ich mußte einen Entschluss fassen und setzte mich, um darüber nachzudenken. Die Furcht des vorigen Abends war gänzlich verschwunden.

Der Graf Horaz und seine Freunde waren es jeden Falls, die durch das Gitterthor kamen. Sie hatten jene Frau nach dem Pavillon gebracht, dann war der Graf auf der verborgenen Treppe heraufgestiegen, um sich zu versichern, daß ich schlafe und nichts gesehen und gehört habe. Ich brauchte demnach nur der Treppe zu folgen und machte so denselben Weg wie er, ging dahin, woher er gekommen und war entschlossen, die Treppe hinabzusteigen.

Ich sah nach der Uhr; sie zeigte ein Viertel auf Neun. Ich trat an das Fenster, die Laden waren heute nicht verschlossen. Ohne Zweifel gab es diese Nacht nichts zu sehen, weil die Vorsichtsmaßregeln des gestrigen Abends heute nicht angewendet worden waren; ich öffnete das Fenster.

Die Nacht war stürmisch. Ich hörte in der Ferne den Donner rollen, und das Rauschen des Meeres, welches sich an der Küste brach, drang bis zu meinen Ohren. In meinem Innern aber tobte ein noch schrecklicherer Sturm als in der Natur und die Gedanken wogten noch düsterer und schneller in meinem Kopfe, als die Wellen der Ozeans. So verstrichen zwei Stunden, ohne daß ich mich bewegte, ohne daß meine Augen sich von einer kleinen, durch eine Baumgruppe halb versteckten Statue wandten, die ich in der Tat nicht einmal sah.

Endlich glaubte ich, der Augenblick sei, gekommen. Ich vernahm nicht das geringste Geräusch mehr im Schlosse. Der Regen, der Sie nötigte, an demselben Abende, vom 27sten zum 28sten September, Schutz in den Ruinen zu suchen, fing an, in Strömen zu fließen. Ich gab meinen Kopf einen Augenblick dem Wasser des Himmels preis, zog ihn dann zurück und schloß die Fenster und Laden.

Ich trat aus meinem Zimmer und that einige Schritte in den Korridor. Kein Geräusch ließ sich im Schlosse vernehmen; ohne Zweifel schlief der Malaie bereits oder bediente seinen Herrn in einem andern Theile des Gebäudes. Ich kehrte in mein Zimmer zurück und verriegelte die Tür. Es war halb elf Uhr. Man hörte nichts als das Heulen des Sturmes, dessen Geräusch mir als Mittel diente, das zu verbergen, was ich zu unternehmen im Begriff war. Ich nahm ein Licht und ging nach der Türe der Bibliothek. Sie war verschlossen!. . . .

Man hatte mich am Tage dort gesehen und fürchtete wahrscheinlich, daß ich die Treppe finden möchte. Man hatte mir also den Eingang verschlossen. Glücklicher Weise hatte, der Graf selbst mir einen andern gezeigt.

Ich ging hinter mein Bett, drückte an das Gesims, das Getäfel wich und ich befand mich in der Bibliothek.

Darauf eilte ich mit festem Schritt, ohne zu zaudern, auf die verborgene Tür zu, nahm den Band weg, hinter welchem der Knopf verborgen war, drückte an die Feder und die Tür sprang auf.

Ich betrat die Treppe. Sie hatte gerade Raum genug für eine Person; ich stieg drei Etagen hinab und horchte auf jeder, ohne jedoch etwas zu hören.

Am Ende der dritten Etage angelangt, fand ich eine zweite Türe, die nur verriegelt war. Sie öffnete sich beim ersten Versuch, den ich machte.

Ich befand mich in einem Gewölbe, welches sich in gerader Linie steil abwärts senkte. In diesem schritt ich wohl fünf Minuten fort und fand dann eine dritte Tür, die, wie die zweite, mir keinen Widerstand leistete und wieder auf eine Treppe führte, der Bibliothekstreppe ähnlich, aber nur von zwei Etagen. Von dieser schritt man durch eine Gittertür von gekreuzten Eisenstäben, durch deren Zwischenräume ich Stimmen vernahm. Nun löschte ich sogleich mein Licht aus und stellte es auf die letzte Stufe. Dann glitt ich durch die Öffnung, welche durch eine Platte von einem Kamin verschlossen wurde. Ich schob diese leise bei Seite und befand mich nun in einer Art von chemischem Laboratorium. Dieses war sehr schwach erleuchtet, da das Licht aus dem nächsten Zimmer nur durch eine in der Tür angebrachte und mit einem grünen Vorhang verhängte runde Öffnung in dieses Kabinett eindrang. Die Fenster waren so gut verschlossen, daß selbst während des Tages jeder Lichtstrahl von außen abgehalten werden mußte.

Ich hatte mich nicht getäuscht, als ich Stimmen zu vernehmen glaubte. Die Unterhaltung im nächsten Zimmer war lärmend. Ich erkannte die Stimmen des Grafen und seiner Freunde, setzte einen Stuhl an die Tür, stieg auf denselben, erreichte auf diese Weise das Loch in der Tür und meine Blicke übersahen das Zimmer.

Der Graf Horaz, Max und Heinrich saßen bei Tische, doch schien ihr Gelage bald zu Ende zu sein. Der Malaie, hinter seinem Herrn stehend, bediente sie. Jeder von ihnen trug eine blaue Bluse, ein Jagdmesser im Gürtel und hatte ein, Paar Pistolen zur Hand liegen. Horaz erhob sich, als wolle er gehen.

Schon? sagte Max zu ihm.

Was soll ich hier noch machen? erwiderte der Graf.

Trink, sagte Heinrich, sein Glas erhebend.

Ein schönes Vergnügen mit euch zu trinken! sprach der Graf, bei der dritten Bonteille seid ihr betrunken wie Lastträger.

So wollen wir spielen!

Ich bin kein Spitzbube, der euch das Geld abgewinnen will, während ihr nicht im Stande seid, es zu verhüten, sagte der Graf mit den Achseln zuckend und sich halb umdrehend.

Nun, so mache unserer schönen Engländerin den Hof; dein Diener hat Maßregeln getroffen, daß sie nicht sehr spröde sein kann. Auf mein Wort, das ist ein Bursche, der sich darauf versteht. Hier, braver Kerl.

Max gab dem Malaien eine Hand voll Gold.'

Freigebig wie ein Räuber! sagte der Graf.

Geh', geh', das ist keine Antwort, erwiderte Max aufstehend. Willst du die Frau oder willst du sie nicht?

Ich will sie nicht.

Nun, dann nehme ich sie.

Einen Augenblick Geduld, schrie Heinrich und streckte die Hand aus; ich glaube, daß ich hier auch etwas zu sagen und dieselben Rechte habe, wie jeder Andere. Wer hat ihren Mann getödtet?

In der Tat, er hat ein Vorrecht, sagte der Graf lachend.

Bei diesen Worten ließ sich ein Seufzen vernehmen. Ich wendete meine Augen nach der Seite hin, von welcher es kam, und sah eine Frau ausgestreckt auf einem Bett liegen und mit Händen und Füßen an die vier Säulen des Betthimmels gebunden. Meine Aufmerksamkeit war vorher so streng nach einem Punkte gerichtet gewesen, daß ich diese Frau bis jetzt noch gar nicht bemerkt hatte.

Ja, sagte Max, aber wer hat sie zu Havre erwartet? Wer ist in Carriére hierher geritten, um euch zu benachrichtigen?

Zum Teufel! rief der Graf, das ist ein schwieriger Fall und man müßte der König Salomo selbst sein, um entscheiden zu können, wer mehr Rechte hat, der Spion oder der Mörder.

Es muß sich aber doch entscheiden. Du hast mir diese Frau in's Gedächtnis zurückgerufen und ich bin nun in sie verliebt.

Ich ebenfalls, sagte Heinrich, und weil du dich nicht um sie kümmerst, so überlasse sie Einem von uns beiden, welchem du willst.

Damit Einer von euch nach einem Gelage, wo er, wie heute, nicht mehr weiß, was er tut, hingehe und mich anzeige! Nicht wahr? O! mit Nichten, meine Herrn! Ihr seid hübsch, ihr seid jung, ihr seid reich; Ihr habt zehn Minuten Zeit, ihr könnt euch selbst bei ihr empfehlen. Nur zu, ihr Don Juans!

Das ist ein guter Gedanke, rief Heinrich. Sie mag selbst wählen, welcher ihr am besten gefällt.

Ja, es sei, sagte Max, aber sie mag sich beeilen. Erkläre du ihr das, da du ja alle Sprachen sprichst.

Sehr gern, antwortete Horaz und wandte sich zu dem unglücklichen Frauenzimmer. Milady, sprach er im reinsten Englisch zu ihr, hier sind zwei Räuber, meine Freunde, beide von guter Familie, was Ihnen nötigen Falls durch Dokumente bewiesen werden kann, wenn Sie es wünschen. Beide sind nach den Grundsätzen der platonischen Secte erzogen, d. h. nach denjenigen, welche die Teilung der Güter wollen. Sie haben damit angefangen, sich der Ihrigen zu bemächtigen; und weil sie gefunden haben, daß in der menschlichen Gesellschaft Alles schlecht geworden ist, so haben sie den rühmlichen Entschluss gefaßt, sich an den Landstraßen, die sie passiert, in Hinterhalt zu legen, um ihre Irrtümer zu verbessern, ihre Ungerechtigkeiten gut zu machen und ihre Missverhältnisse auszugleichen. Seit fünf Jahren sind sie bereits zum Ruhme der Philosophie und der Polizei mit dieser frommen Sendung beschäftigt, welche ihnen die Mittel darbietet, auf die glänzendste Weise in den Pariser Salons zu erscheinen und sie endlich zu dem Ziele führen wird, welches ich bereits erreicht habe, nämlich zu einer guten Heirat, die sie der Notwendigkeit überhebt, ferner noch den Karl Moor und Johann Sbogar zu spielen. Da es indessen im Schlosse kein Frauenzimmer giebt außer meiner Frau, welch, ich ihnen nicht überlassen will, so werden Sie von ihnen höflichst ersucht, denjenigen zu wählen, der Ihnen am besten gefällt. Außerdem werden sie Beide zugreifen. Habe ich mich gut englisch ausgedrückt, Madame, und haben Sie mich verstanden?. . .

O! wenn Sie einiges Mitleid im Herzen haben, rief die arme Frau, so töten Sie mich! töten Sie mich!

Was antwortet sie? murmelte Max.

Sie antwortet, daß es niederträchtig sei, sagte Horaz, und ich gestehe, daß ich ein wenig ihrer Meinung bin.

Nun. . . sagten Max und Heinrich zu gleicher Zeit und standen auf.

Nun, macht was ihr wollt, erwiderte Horaz, setzte sich wieder, schenkte ein Glas Champagner ein und trank.

O! tötet mich, tötet mich doch! schrie das Frauenzimmer von Neuem, als sie die beiden jungen Leute auf sich zukommen sah.

In diesem Augenblicke geschah, was leicht vorauszusehen war. Max und Heinrich, vom Weine erhitzt, standen einander gegenüber und sahen sich, beide von einer Begierde getrieben, zornig an.

Du willst sie mir also nicht überlassen? sagte Max.

Nein! antwortete Heinrich.

Nun wohl, so werde ich sie nehmen.

Das wollen wir sehen.

Heinrich! Heinrich! rief Max mit den Zähnen knirschend, ich schwöre bei meiner Ehre, diese Frau muß mein werden!

Und ich verspreche dir bei meinem Leben, daß sie die meinige wird und ich halte, wie ich glaube, mehr auf mein Leben, als du auf deine Ehre.

Jetzt traten Beide einen Schritt zurück, zogen ihre Jagdmesser und gingen auf einander los.

Habt Erbarmen, habt Mitleiden, um Gottes willen, tötet mich! schrie die auf dem Bette liegende Frau zum dritten Male.

Was habt ihr eben gesagt? rief Horaz, der noch immer da saß, sich mit herrischer Stimme an die jungen Leute wendend.

Ich habe gesagt, erwiderte Max, indem er einen Streich nach Heinrich führte, daß diese Frau mein werden müsse.

Und ich habe gesagt, antwortete Heinrich, seinen Gegner bedrohend, daß sie mir gehören müsse und nicht ihm und ich werde das, was ich gesagt habe, zu behaupten wissen.

Nun wohl! murmelte Horaz, ihr habt Beide gelogen, es wird sie keiner haben.

Bei diesen Worten nahm er eine Pistole vom Tische, hob sie langsam in der Richtung des Bettes in die Höhe und gab Feuer. Die Kugel ging zwischen den beiden Streitenden durch und traf die Frau in's Herz.

Bei diesem Anblick stieß ich einen furchtbaren Schrei aus und fiel ohnmächtig nieder, dem Anscheine nach gleichfalls tot, wie jene, die geschossen worden war.

XIII

Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in dem Grabgewölbe; der Graf, durch mein Geschrei und das Geräusch meines Falles geleitet, hatte mich ohne Zweifel in dem Laboratorium gefunden und meine Ohnmacht, welche einige Stunden gedauert haben mußte, benutzt, um mich in jenes Gewölbe zu bringen. Neben mir auf einem Steine fand ich eine Lampe, ein Glas und einen Brief. Das Glas enthielt Gift. Was der Brief enthielt, will ich Ihnen sagen..

Tragen Sie Bedenken, mir denselben zu zeigen, rief ich aus, und setzen Sie nur ein halbes Vertrauen in mich?

Ich habe ihn verbrannt, antwortete Pauline, aber sein Sie ruhig, ich habe keine Silbe davon vergessen.

»Du hast gewollt, Pauline, daß ich die Bahn des Verbrechens ganz durchlaufe: Du hast Alles gesehen, Alles gehört, ich habe Dir also nichts mehr zu sagen. Du weißt, wer ich bin oder vielmehr was ich bin.

»Wenn das Geheimnis, welches Du durchdrungen hast, mir allein gehörte, wenn kein anderes Leben als das meinige auf dem Spiele stände, so würde ich dasselbe eher in die Schanze schlagen, als Dir ein Haar krümmen. Dieß schwöre ich Dir, Pauline.

»Aber eine unbedachte Äußerung, ein Zeichen von Schrecken, welches Dir die Erinnerung an das Gesehene entlockt, ein Wort, welches Dir im Traum entschlüpft, kann nicht allein mich, sondern noch zwei Andere auf's Schaffot bringen. Dein Tod sichert drei Leben. Du mußt daher sterben.

»Ich hatte einen Augenblick den Gedanken, Dich während Deiner Ohnmacht zu töten, allem dazu fehlte mir der Mut, denn Du, Pauline, bist die einzige Frau, die ich geliebt habe. Wenn Du meinem Rathe gefolgt oder vielmehr meinen Befehlen gehorcht hättest, so würdest Du jetzt bei Deiner Mutter sein; klage Dich also wegen Deines Geschickes selbst an.

»Du erwachst in einem Grabgewölbe, in welches seit zwanzig Jahren Niemand hinabgestiegen ist und vielleicht während noch zwanzig, Jahren Niemand wieder, hinabsteigen wird. Hege also keine Hoffnung auf Hilfe, es würde unnütz sein. Neben diesem Briefe findest Du Gift. Alles, was ich noch für Dich tun kann, besteht darin, daß ich Dir, statt eines langsamen und schmerzhaften Dahinscheidens, einen schnellen und sanften Tod anbiete.

»Niemand hat Dich gesehen, Niemand kennt Dich; dies Frauenzimmer, welches ich tötete, um Max und Heinrich wieder zu versöhnen, wird statt Deiner eingesargt und nach Paris in das Begräbnis Deiner Familie geschafft. Deine Mutter wird über dasselbe weinen und glauben, sie weine über ihr Kind.

»Adieu, Pauline, ich bitte Dich weder um Verzeihung, noch um Mitleid. Ich bin schon lange ein Verfluchter und Deine Verzeihung würde mich nicht mehr retten.

Es ist grässlich, rief ich aus; o mein Gott, mein Gott! was haben Sie leiden müssen!

Ja. Es bleibt mir nun nichts mehr zu erzählen übrig, als mein Todeskampf, und so. . .

Es schadet nichts, rief ich, sie unterbrechend, es schadet nichts, erzählen Sie.

Ich las diesen Brief zwei oder drei Mal und konnte mich noch immer nicht von seiner Wahrheit überzeugen. Es gibt Dinge, gegen die sich die Vernunft sträubt; man hat sie vor sich, unter den Händen, vor den Augen, man betrachtet, man berührt sie, und doch glaubt man nicht an sie. Ich ging schweigend nach der Gittertür, sie war verschlossen. Ich umging zwei oder drei Mal schweigend das Gewölbe, seine feuchten Wände mit meiner ungläubigen Hand berührend, dann setzte ich mich still in einen Winkel meines Grabes. Ich war gut eingeschlossen; beim Schein der Lampe erblickte ich den Brief und das Gift, dennoch zweifelte ich noch; ich sagte zu mir, wie man sich oft im Traume sagt: ich schlafe, ich werde sogleich erwachen.

So blieb ich unbeweglich sitzen, bis meine Lampe anfing zu flackern. Da faßte mich ein schrecklicher Gedanke, der mir bis jetzt noch nicht beigekommen war, nämlich der, daß sie verlöschen möchte. Ich stieß einen Schrei des Schreckens aus und stürzte auf sie zu; das Öl war beinahe aufgebrannt. Bald sollte ich im Dunkeln zu sterben lernen.

O, was hätte ich darum gegeben, Öl auf dieser Lampe zu haben! hätte ich sie mit meinem Blute nähren können, ich würde mir mit den Zähnen eine Ader geöffnet haben. Sie flackerte noch. Bei jedem Aufblitzen verlor die Flamme an Leben und der Kreis der Finsternis, der während ihres hellen Brennens sehr entfernt war, nahete sich mir immer mehr. Ich lag vor ihr auf den Knien, die Hände zusammengefügt; ich dachte nicht daran, zu Gott zu beten, nur zu ihr betete ich, sie. . .

Endlich kämpfte sie nur noch gegen die Finsternis, wie ich bald gegen den Tod kämpfen sollte. Vielleicht ermutigte ich sie durch meine eigenen Gefühle, denn es schien mir, als wenn sie sich fest an das Leben anklammere und zittere, dieses Feuer verlöschen zu lassen, welches gleichsam ihre Seele war. Bald trat der Todeskampf mit allen seinen Phasen bei ihr ein; wie bei einem Sterbenden die Kraft momentan zurückkehrt, so flammte auch sie hell auf, verbreitete ihre Hellung weiter als je vorher, sowie der fieberkranke Geist oft weit über die dem menschlichen Sehkreis gezogenen Grunzen hinaus sieht. Dann folgte eine lange Erschöpfung, die Flamme bebte wie jener letzte Atem, der den Lippen eines Sterbenden entschwebt, endlich erlosch sie, die Hellung mit sich nehmend, die das halbe Leben ist.

Ich fiel in den Winkel meines Gefängnisses zurück. Von diesem Augenblicke an zweifelte ich nicht mehr, denn sonderbarer Weise war ich, seitdem ich den Brief und das Gift nicht mehr sah, überzeugt, daß sie wirklich da waren.

Während es noch hell war, hatte ich nicht auf die tiefe Stille geachtet, die um mich herrschte, sobald aber das Licht erloschen war, beängstigte sie mich mit dem ganzen Gewicht der Finsternis. Übrigens war es so düster, so Geheimnisvoll, daß, wäre auch die Möglichkeit, gehört zu werden, da gewesen, ich Vielleicht doch gezögert haben würde, zu rufen. O! das war jenes tödliche Schweigen, welches sich während der Ewigkeit auf die Grabsteine niedersenkt!

Sonderbarer Weise hatte mich die Annäherung des Todes Denjenigen ganz vergessen lassen, der die Ursache desselben war. Ich dachte wohl an meine Lage, ich war vom Schrecken vernichtet, aber ich kann es sagen und Gott weiß es, wenn ich auch nicht daran dachte, ihm zu vergeben, so dachte ich doch auch nicht daran, ihm zu fluchen. – Bald fühlte ich Hunger.

Es verstrich nun wieder eine Zeit, deren Dauer ich nicht berechnen kann, während welcher jedoch wahrscheinlich der Tag vergangen und die Nacht angebrochen war, denn als die Sonne wieder aufging, beleuchtete ein Strahl derselben, der durch irgend eine Ritze drang, den Fuß eines Pfeilers. Ich stieß einen Schrei der Freude aus, als wenn dieser Strahl mir irgend eine Hoffnung brächte. Meine Augen hefteten sich mit solcher Ausdauer auf denselben, daß ich endlich alle Gegenstände, die sich auf der von ihm erleuchteten Stelle befanden, vollkommen erkannte. Einige Steine befanden sich dort, einige Holzspäne und einige Büschel Moos; das stete wiedererscheinen der Sonne an diesem Orte, hatte endlich dem Boden diese dürftige Vegetation entlockt. O, was hätte ich darum gegeben, wenn ich an der Stelle jener Steine, jener Holzspäne, jenes Mooses hätte sein können, um durch diese Spalte den Himmel noch einmal zu sehen!

Ein fürchterlicher Durst fing an, mich zu quälen, ich fühlte, daß meine Sinne sich verwirrten. Von Zeit zu Zeit schwebte blutiges Gewölk vor meinen Augen und meine Zähne schlössen sich krampfhaft wie in einer nervösen Krisis. Meine Augen waren noch fortwährend auf den Lichtstrahl gerichtet, welcher ohne Zweifel durch eine sehr kleine Öffnung eindrang, denn als die Sonne aufhörte, gerade auf sie herabzuscheinen, wurde ihr Strahl matter und kaum bemerkbar. Dieses Verschwinden des Lichtes benahm mir vollends den Mut; ich drehte mich vor Wut um und weinte konvulsivisch.

Mein Hunger hatte sich in einen heftigen Schmerz im Magen verwandelt, der Mund brannte mir wie Feuer, ich spürte ein großes Verlangen zu beißen. Ich nahm eine meiner Haarflechten zwischen die Zähne und zermalmte sie. Bald fühlte ich, daß ein dumpfes Fieber mich befiel, obgleich mein Puls kaum schlug. Ich fing an, an das Gift zu denken und fiel auf die Knie, um zu beten, allein alle meine Gebete waren vergessen; es war mir unmöglich, mir etwas Anderes als abgebrochene Phrasen ohne allen Zusammenhang in's Gedächtnis zurückzurufen. Die entgegen gesetztesten Gedanken kreuzten sich auf einmal in meinem Gehirn, ein Thema aus la Gazza sauste mir unaufhörlich vor den Ohren, ich fühlte selbst, daß ich im Begriff war, eine Beute des Wahnsinns zu werden. Ich sank der Länge nach nieder, das Gesicht nach der Erde gekehrt.

Eine Erstarrung, durch die Gemütsbewegung und Anstrengung hervorgerufen, bemächtigte sich meiner, ich entschlummerte, ohne daß mich das Gefühl meiner Lage verließ. Eine Reihe von Träumen begann, von denen die einen immer unzusammenhängender waren, als die andern. Dieser Schlaf, weit entfernt mich zu stärken, vernichtete meine Kraft vollends. Ich erwachte von Hunger und Durst gepeinigt; ich dachte zum zweiten Male an das Gift, welches neben mir stand und mir ein sanftes, schnelles Ende bereiten konnte, denn ich fühlte, daß, trotz meiner Schwäche, trotz dieses dumpfen Fiebers, welches durch meine Adern schlich, der Tod noch weit entfernt war, daß ich ihn noch manche Stunde erwarten mußte daß die schrecklichsten dieser Stunden noch nicht vergangen waren. Doch ich beschloß den Schein des Tages noch einmal zu erwarten, welcher den Tag vorher zu mir drang, wie ein Tröster, der in den Kerker des Gefangenen schlüpft. Ich blieb sitzen und verwandte kein Auge von dem Orte, wo er erscheinen mußte. Dieses Erwarten, diese Beschäftigung beschwichtigte einigermaßen die heftigen Schmerzen, welche ich litt.

Endlich erschien der erwünschte Strahl. Ich sah ihn bleich und matt herabsteigen, ohne Zweifel war an diesem Tage die Sonne durch Wolken verhüllt. Alles, was sie auf der Erde erleuchtete, stellte sich nun vor meinen Geist: die Bäume, die Wiesen, das schöne Gewässer, Paris, welches ich nie wieder sehen sollte, meine Mutter, die vielleicht schon die Nachricht meines Todes empfangen hatte und ihre noch lebende Tochter beweinte. Bei diesen Ansichten und Erinnerungen schwoll mir das Herz, ich brach in Schluchzen aus, ich zerfloss in Tränen; das war das erste Mal, seitdem ich mich in diesem Gewölbe befand. Nach und nach legte sich dieser Anfall, mein Schluchzen ließ nach, meine Tränen flössen sanfter. Mein Entschluss, mich zu vergiften, war bereits gefasst, doch litt ich weniger.

Ich blieb wie den Tag vorher, meine starren Augen nach dem Lichtstrahle gerichtet, so lange derselbe noch glänzte. Dann sah ich ihn, wie den Tag vorher, erbleichen und verschwinden. . . Ich begrüßte ihn mit der Hand. . . ich sagte ihm ein langes Lebewohl, denn ich war entschlossen, ihn nicht wieder zu sehen.

Nun sammelte ich mich und vertiefte mich in meine letzten, auf das Jenseits gerichteten Gedanken. Ich hatte nie in meinem Leben, weder als Jungfrau, noch als Frau etwas Böses getan; ich starb ohne irgend ein Gefühl des Hasses, ohne das Verlangen nach Rache. Gott mußte mich also als Tochter empfangen, ich konnte die Erde nur mit dem Himmel vertauschen. Dieß war der einzige Trost, der mir blieb, an ihm hielt ich mich fest.

Bald schien es mir, als wenn sich diese Gedanken nicht allein in mir, sondern auch über meine Umgebungen verbreiteten; ich fing an, jene heilige Begeisterung zu fühlen, welche den Mut der Märtyrer ausmacht, ich richtete mich ganz gerade auf und den Kopf gen Himmel gewendet schien es mir, als wenn meine Augen das Gewölbe und die Erde durchdrängen und meine Blicke bis zum Throne Gottes gelangten. In diesen Augenblicken wurden selbst meine Schmerzen durch diese religiöse Überspannung unterdrückt; ich ging nach dem Steine hin, auf welchem das Gift stand, als wenn ich es mitten durch die Finsternis sähe, ich ergriff das Glas, horchte, ob ich kein Geräusch vernehme, blickte um mich, ob ich kein Licht sähe, las in Gedanken nochmals jenen Brief, der mir sagte, daß seit 20 Jahren kein menschlicher Fuß diese unterirdischen Räume betreten habe und daß vielleicht wieder zwanzig Jahre vergehen könnten, ehe Jemand in sie herabstiege. Ich überzeugte mich von der Unmöglichkeit, den Leiden zu entgehen, die mir noch bevorstanden, führte das Glas an meine Lippen und trank, indem ich noch mit einem leisen Murmeln des Bedauerns und der Hoffnung den Namen meiner Mutter, die ich nun verlassen mußte, und den Namen Gottes nannte, den ich nun zu erblicken hoffte.

Dann fiel ich in die Ecke meines Gewölbes zurück; meine himmlische Vision war verschwunden, der Schleier des Todes spannte sich zwischen ihr und mir aus. Die Schmerzen des Hungers und Durstes waren wieder erschienen und vereinigten sich nun mit denen des Giftes. Ich erwartete mit Beklemmung jenen eisigen Schweiß, welcher mir meinen letzten Todeskampf ankündigen sollte. . . Plötzlich hörte ich meinen Namen; ich öffnete meine Augen wieder, ich sah Licht! Sie waren da, Sie standen an dem Gitter meines Grabes!. . . Sie, das heißt der Tag, das Leben, die Freiheit!. . . Ich stieß einen Schrei aus und stürzte auf Sie zu . . . Das Übrige wissen Sie.

Und nun, fuhr Pauline fort, ersuche ich Sie, mir auf ihr Ehrenwort den Schwur zu erneuern, den Sie mir schon geleistet haben, nämlich, daß Sie von diesem schrecklichen Drama nichts entdecken wollen, so lange noch einer der drei Hauptakteurs lebt, die in demselben eine Rolle spielten.

Ich erneuerte ihn.

XIV

Das Vertrauen, welches Pauline mir geschenkt hatte, machte mir ihre Stellung zu mir noch heiliger. Ich fühlte von nun an den ganzen Umfang dieses Gelübdes, welches mich, der ich sie innig liebte, ganz glücklich machte. Ich begriff aber auch zu gleicher Zeit sehr wohl, wie undelikat es von meiner Seite gewesen wäre, anders gegen sie von dieser Liebe zu sprechen, als durch die angelegentlichste Sorge und die ehrerbietigste Aufmerksamkeit. Der zwischen uns bereits besprochene Plan wurde angenommen, sie sollte als meine Schwester gelten und mich Bruder nennen. Ich erlangte noch von ihr, daß sie den Plan aufgab, Unterricht in Sprachen und in der Musik zu geben, indem ich ihr begreiflich machte, wie leicht es geschehen könne, daß sie von irgend Jemand, der sie in den Pariser Salons gesehen hatte, erkannt würde. Was mich betrifft, so schrieb ich an meine Mutter und meine Schwester, daß ich ein oder zwei Jahre in England zu bleiben gedachte. Pauline machte noch einige Schwierigkeiten, als ich ihr diesen Entschluß mitteilte, aber sie sah ein, daß seine Ausführung mich beglückte und hatte nicht mehr den Mut, darüber mit mir zu sprechen, so daß derselbe gleichsam eine stillschweigende Übereinkunft wurde.

Pauline hatte lange überlegt, ob sie ihr Geheimnis ihrer Mutter mitteilen sollte oder nicht, und ob sie, sonst für alle Welt tot, nur für diejenige noch leben sollte, der sie das Leben verdankte. Ich selbst war in sie gedrungen, es zu tun, zwar nur schwach, denn ich würde dadurch meine Stellung als ihr Beschützer verloren haben, die mich in Ermangelung eines andern Titels so glücklich machte; sie hatte jedoch nach langer Überlegung, zu meinem großen Erstaunen, diese Tröstung von sich gewiesen und wie sehr ich sie auch bat, mir die Gründe dieses Entschlusses zu sagen, so schlug sie mir noch die Entdeckung derselben ab, unter, dem Vorwande, daß sie mich betrüben würde.

Unsere Tage verflossen übrigens für sie in einem gewissen Trübsinn, der bisweilen für mich nicht ohne Reiz war, für mich, wenn auch nicht in Glück, doch, in der Hoffnung auf dasselbe, denn ich sah, daß sie sich mir von Tag zu Tag mehr durch jene zarten Berührungspunkte des Herzens näherte und mir, ohne daß sie es selbst bemerkte, wenn auch nur seltene, doch bemerkliche Beweise von der Veränderung gab, die in ihr vorging. Wenn wir zusammen arbeiteten, sie an einer Stickerei, ich an einer Zeichnung oder an einem Aquarellgemälde, so fand ich oft, wenn ich meine Augen erhob, die ihrigen auf mich gerichtet. Wenn wir ausgingen, so nahm sie Anfangs meinen Arm an, wie eine Fremde den eines Fremden annimmt. Dann, nach einiger Zeit, fühlte ich, wie sie, sei, es nun aus Schwäche oder aus Nachlässigkeit, ihren Arm sanft: auf dem meinigen ruhen ließ; wenn ich allein ausging und mich mein Weg fast immer um die Ecke der St. Jamesstraße führte, bemerkte ich sie schon von Weitem am Fenster, wie sie nach der Seite hinblickte, wo sie wußte, daß ich herkommen mußte. Alle diese Anzeigen, welche auch nur Beweise einer größeren Vertraulichkeit, einer beständigen Dankbarkeit sein konnten, erschienen mir als Offenbarungen eines zu erwartenden Glückes. Ich war ihr für jeden dieser Beweise dankbar, ich dankte ihr in meinem Innern, denn ich wagte nicht, es laut zu tun, weil ich fürchtete, sie würde dadurch selbst darauf aufmerksam gemacht, daß sie sich nach und nach an eine mehr als brüderliche Freundschaft gewöhne.

Ich hatte von meinen Empfehlungsbriefen Gebrauch gemacht und so einsam wir auch lebten, so mußten wir doch bisweilen Besuche empfangen, denn es war für uns nötig, sowohl das Getümmel der Welt zu vermeiden, als auch den Schein eines gänzlichen Zurückziehens von derselben. Unter unsern gewöhnlichen Bekannten befand sich ein junger Arzt, welcher sich seit drei oder vier Jahren durch seine gründlichen Studien und die glückliche Behandlung gewisser organischer Krankheiten in London einen großen Ruf erworben hatte. Dieser betrachtete Paulinen jedes Mal, wenn er zu uns kam, mir einer ernsten Aufmerksamkeit, die mich nach seinem Weggehen in einige Unruhe versetzte. In der Tür, jene schöne frische Farbe der Jugend, welche sonst ihre Wangen schmückte und deren Verschwinden ich dem Gram und und der Erschöpfung zuschrieb, waren seit der Nacht, in welcher ich sie sterbend in jenem Gewölbe fand, nicht wieder erschienen. Wenn je auf Augenblicke einige Röthe ihre Wangen bedeckte, so war es eine fieberhafte, die mich mehr beunruhigte, als die gewöhnliche Blässe. Bisweilen geschah es auch, daß sie plötzlich, ohne weitere Veranlassung, von Krämpfen befallen wurde, die mit Ohnmachten endigten, und daß sich in den auf solche Zufälle folgenden Tagen ein noch tieferer Trübsinn ihrer bemächtigte. Endlich erschienen diese Krämpfe so oft und mit so sichtlich zunehmender Heftigkeit, daß ich den Dr. Sercey bei dem nächsten Besuche aus seinen Betrachtungen weckte, in welche ihn der Anblick Paulinens stets versenkte, ihn beim Arme nahm und mit ihm in den Garten hinabging.

Wir gingen einige Male, um den kleinen Rasenplatz herum, ohne zu sprechen, dann ließen wir uns auf dieselbe Bank nieder, auf welcher mir Pauline ihre schreckliche Geschichte erzählt hatte. Auch hier saßen wir noch einige Zeit in Gedanken vertieft; endlich wollte ich das Schweigen brechen, als mir der Doktor zuvorkam.

Sie sind in Unruhe wegen der Gesundheit Ihrer Schwester, sprach er.

Ja, ich gestehe es und Sie selbst haben mich Befürchtungen vermuten lassen, die die meinigen noch vermehren.

Sie haben auch Grund dazu, fuhr er fort, ihre Schwester ist von einer chronischen Krankheit des Magens bedroht. Ist ihr irgend ein Zufall zugestoßen, der dieses Organ besonders afficirt hat?

Sie ist vergiftet gewesen.

Der Doktor dachte einige Augenblicke nach.

Ja, so ist es, sagte er, ich hatte mich nicht getäuscht; ich werde ihr eine Diät vorschreiben, die sie auf's Strengste halten muß. Was die moralische Behandlung betrifft, so hängt diese von Ihnen ab; verschaffen Sie Ihrer Schwester jede mögliche Zerstreuung, vielleicht leidet sie an Heimweh, eine Reise nach Frankreich wurde ihr dann sehr heilsam sein.

Sie will nicht nach Frankreich.

Nun wohl! so machen Sie einen Ausflug nach Schottland, nach Irland, eine Reise nach Italien, wohin Sie wollen; ich halte es für sehr nötig.

Ich drückte dem Doktor die Hand und wir gingen in's Haus zurück. Die Verordnungen sollte er an mich senden, denn ich hoffte, um Paulinen nicht zu beunruhigen, die Diät unmerklich in unserm einfachen Haushalte einzuführen. Diese Vorsicht war jedoch unnütz, denn kaum hatte sich der Doktor entfernt, so nahm mich Pauline bei der Hand.

Er hat Ihnen Alles gesagt, nicht wahr? sprach sie. Ich stellte mich, als wenn ich sie nicht verstände, sie lächelte schmerzlich. – Nun wohl, fuhr sie fort, deshalb habe ich meiner Mutter nicht schreiben wollen, denn wozu sollte es nützen, derselben ihr Kind wieder zu geben, damit es ihr der Tod ein oder zwei Jahr später wieder raubte? Es ist hinlänglich genug, Diejenigen, die man liebt, einmal zu beweinen.

Aber, sagte ich zu ihr, Sie sind in großem Irrtum über ihren Zustand, es ist eine Unpässlichkeit und weiter nichts.

O! es ist mehr als dieß, erwiderte Pauline mit demselben traurigen Lächeln, und ich fühle sehr wohl, daß das Gift Spuren seines Daseins zurückgelassen hat und ich sehr angegriffen bin; doch hören Sie, ich gebe die Hoffnung noch nicht auf. Ich wünsche noch zu leben, retten Sie mich also zum zweiten Mal, Alfred. Was wünschen Sie, daß ich tun soll?

Daß Sie den Vorschriften des Doktors folgen, sie sind leicht, eine fortdauernde einfache Diät, Zerstreuung, Reisen.

Wohin wollen wir reisen? ich bin sogleich bereit.

Wählen Sie selbst das Land, welches Sie am meisten anzieht.

Nach Schottland, wenn Sie wollen, weil die Hälfte des Weges bereits zurückgelegt ist. Nach Schottland? es sei,. Ich traf sogleich alle Vorbereitungen zur Abreise und nach drei Tagen verließen wir London. Wir hielten einen Augenblick an den Ufern des Flusses Tweed an, um sie mit jenen schönen Phrasen zu begrüßen, welche Schiller der Maria Stuart in den Mund legt:

 
Der Tweede schmales Bette trennt allein
Die heft'gen Geister: oft vermischte sich
Das Blut der Kämpfenden in ihren Wellen.
Die Hand am Schwerte, schauen sie sich drohend
Von beiden Ufern an seit tausend Jahren.
Kein Feind bedrängte Engelland, dem nicht
Der Schotte sich zum Helfer zugesellte;
Kein Bürgerkrieg entzündet Schottlands Städte,
Zu dem der Britte nicht den Zunder trug.
Und nicht verlöschen wird der Haß, bis endlich
Ein Parlement sie brüderlich vereint,
Ein Scepter waltet durch die ganze Insel.
 

Dann betraten wir Schottland.

Wir durchstreiften, den Walter Scott in der Hand, jenes poetische Land, welches er gleich einem Zauberer, der Gespenster heraufbeschwört, mit seinen alten Bewohnern bevölkert und sie mit den originellen lieblichen Schöpfungen seiner Phantasie untermischt hat; wir fanden den steilen Fußsteig wieder, welchen der kluge Dalgetty auf seinem guten Pferde Gustav hinaufritt. Wir gingen längs des Sees hin, über welchen die weiße Dame von Avenel in der Nacht wie ein Nebelbild dahin glitt. Wir saßen auf den Ruinen des Schlosses Lochleven zu derselben Stunde, in welcher die Königin von Schottland daraus entflohen war und besuchten an den Ufern des Tay jenen Kampfplatz, wo Torquil du Cyene seine sieben Söhne unter dem Schwerte des Waffenschmiedes Smith fallen sah, ohne eine andere Klage als die Worte auszustoßen, die er sieben Mal wiederholte: Noch einer für Cachar!. . . .

Dieser Ausflug wird ewig für mich ein Traum des Glücks bleiben, den die Zukunft nie verwirklichen kann. Pauline besaß eins von jenen allen Eindrücken offenen Gemütern, wie es der Künstler haben muß, und ohne welches eine Reise nichts ist als ein bloßes Wechseln des Aufenthalts, eine Beschleunigung der gewöhnlichen Bewegungen des Lebens, ein Mittel, den Geist durch den Anblick derjenigen Gegenstände zu zerstreuen, mit denen er sich beschäftigen sollte. Keine historische Erinnerung entging ihr, keine Poesie der Natur, mochte sie sich uns auch nur im Nebel des Morgens oder in der Dämmerung des Abends zeigen, war für sie verloren. Was mich betrifft, so war ich vom Netz der Liebe umstrickt. Seitdem mir Pauline ihre Geschichte erzählt hatte, war zwischen uns kein Wort mehr über das Vergangene gesprochen worden; für mich verschwand bisweilen die Vergangenheit, als hätte sie nie existiert, nur die Gegenwart, die mich mit ihr vereinigte, war mir Alles. In ein fremdes Land verschlagen, wo ich nur Paulinen, Pauline nur mich hatte, schlang sich dies Band, welches uns vereinigte, durch dieses Alleinstehen immer fester um uns. Ich bemerkte jeden Tag, daß ich einen weiteren Fortschritt in ihrem Herzen machte, sie räumte mir jeden Tag dadurch, daß sie mir die Hand drückte, daß sie mich anlächelte, daß sie ihren Arm auf den meinigen stützte oder ihren Kopf auf meine Schulter lehnte, ein neues Recht ein, welches sie ohne weitere Bedenklichkeit wegen des folgenden Tages vergab; und je mehr sie sich so gehen ließ, desto mehr hütete ich mich, jeden Ausfluß ihrer schönen Seele einsaugend, mit ihr von Liebe zu sprechen, aus Furcht, sie möchte darauf aufmerksam werden, daß wir schon längst die Grenzlinie zwischen Freundschaft und Liebe überschritten hätten.

In Hinsicht auf Paulinens Gesundheit war die Vorhersagung des Arztes teilweise in Erfüllung gegangen. Die Tätigkeit, in welcher der öftere Wechsel des Aufenthalts und die dadurch hervorgerufene Erinnerung ihren Geist unterhielt, wendeten denselben von jenen traurigen Gedanken ab, welche ihn niederdrückten, sobald kein bemerkenswerter Gegenstand ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Sie selbst begann nach und nach zu vergessen, und in dem Maße, als die Abgründe der Vergangenheit in den Schatten zurücktraten, färbten sich die Gipfel der Zukunft mit heiteren Farben. Der Horizont ihres Lebens, welchen sie früher durch die Grenzen des Grabes beschränkt glaubte, fing an, sich zu erheitern und eine leichter zu atmende Luft mischte sich in die erstickende Atmosphäre, in welche sie sich versetzt fühlte.

Wir brachten den ganzen Sommer in Schottland zu; dann kehrten wir nach London zurück. Hier fanden wir unser kleines Haus in Piccadilly wieder und in ihm jenen Genuss, welchen auch der Reiselustigste in den ersten Augenblicken nach der Rückkehr empfindet. Was in dem Herzen Paulinens vorging, weiß ich nicht, aber ich war nie so glücklich gewesen.

Was die Neigung betrifft, welche uns verband, so war sie so rein, wie die Liebe zwischen Geschwistern. Seit einem Jahre hatte ich Paulinen nie wieder gesagt, daß ich sie liebe, seit einem Jahre hatte Pauline mir nicht das geringste Geständnis gemacht; wir lasen über dem gegenseitig in unsern Herzen, wie in einem offenen Buche und hatten uns also nichts zu entdecken. Konnte ich mehr wünschen, als ich schon erreicht hatte?. . . Ich weiß es nicht. Meine jetzige Lage hatte einen solchen Reiz für mich, daß ich fürchtete, ein noch größeres Glück möchte einen mir unbekannten unseligen Ausgang herbeiführen. Wenn ich auch nicht ihr Geliebter war, so war ich doch mehr als Freund, mehr als Bruder. Ich war der Baum, an welchen sie sich klammerte, wie schwaches Epheu, ich war der Strom, auf welchem ihre Barke dahin glitt, ich war die Sonne, von welcher sie Licht empfing. Alles, was für sie da war, war durch mich da, und gewiß war der Tag nicht mehr ferne, wo diejenige, welche durch mich lebte, auch für mich leben sollte.

Wir hatten uns kaum wieder eingerichtet, als ich eines Tages einen Brief von meiner Mutter empfing. Sie benachrichtigte mich, daß sich meiner Schwester eine nicht allein annehmbare, sondern sogar glänzende Partie darböte: der Graf von Beuzeval, welcher zu seinem Vermögen auch noch 25000 Livres Renten von feiner ersten.Frau, Mademoiselle Pauline von Meulien, geerbt habe, hätte um Gabriele angehalten. . . .

Glücklicher Weise war ich allein, als ich diesen Brief öffnete, denn meine Bestürzung würde mich verraten haben. War diese Nachricht nicht sehr sonderbar? und welches neue Geheimnis der Vorsehung lag in dieser sonderbaren Vorherbestimmung, welche den Grafen Horaz dem einzigen Menschen wieder zuführte, der ihn kannte? Wie sehr ich mich auch zu beherrschen suchte, Pauline bemerkte doch sogleich bei ihrem Eintritte, daß mir während ihrer Abwesenheit etwas Außergewöhnliches zugestoßen sein mußte. Indessen wurde es mir nicht schwer, sie irre zu leiten und sobald ich ihr gesagt hatte, daß Familienangelegenheiten mich nötigten eine Reise nach Frankreich zu machen, schrieb sie natürlich meine Niedergeschlagenheit dem Verdruss über unsere Trennung zu. Sie selbst erbleichte und mußte sich setzen. Es war das erste Mal, daß wir uns von einander trennen mußten, seitdem sie durch mich gerettet worden war; über dem erregt der Augenblick der Trennung in Herzen, die sich lieben, selbst wenn diese Trennung kurz und gefahrlos ist, geheime Ahnungen, welche sie beunruhigend und schmerzlich machen, was auch die Vernunft zu unserer Beruhigung sagen mag.

Ich hatte keine Minute zu verlieren und der nächste Tag war schon zur Abreise bestimmt. Ich ging also in mein Zimmer, um einige unerläßliche Vorbereitungen zu treffen. Pauline ging in den Garten, wo ich sie, sobald meine Zurüstungen gemacht waren, aufsuchte.

Ich fand sie auf derselben Bank sitzend, wo sie mir ihre Geschichte erzählt hatte. Seit dieser Zeit war, gleichsam als wenn sie wirklich in die Arme des Todes gesunken wäre, wie man glaubte, kein Echo aus Frankreich zu ihr gedrungen, um sie zu erwecken. Vielleicht war sie nicht mehr fern von jenem Ziele der Ruhe und die Zukunft knüpfte sich vielleicht bald auf eine schmerzhafte Weise an die Vergangenheit, die ich mit allen Kräften aus ihrem Gedächtnisse zu verwischen strebte.

Sie reisen also ab? fragte sie.

Ich muß! Pauline, antwortete ich, mit einer Stimme, in die ich so viel Ruhe zu legen suchte, als möglich. Sie wissen besser als irgend Jemand, daß es Umstände giebt, welche über uns verfügen, und die uns oft einer Stelle entrücken, die wir nie verlassen wollten, wie der Wind ein Blatt entführt. Das Glück meiner Mutter, das Glück meiner Schwester, selbst das meinige, von welchem ich nicht reden würde, wenn es allein auf dem Spiele stände, hängen von meinem pünktlichen Eintreffen ab.

So gehen Sie, sagte Pauline traurig, gehen Sie, weil es so sein muß, aber vergessen Sie nicht, daß Sie in England auch eine mutterlose Schwester haben, deren ganzes Glück noch außerdem auf Ihnen beruht, und die gern etwas zu dem Ihrigen beitragen möchte!. . .

O! Pauline, rief ich, sie in meine Arme schließend, sagen Sie mir, zweifeln Sie einen Augenblick an meiner Liebe? Glauben Sie nicht, daß der Augenblick der glücklichste für mich sein wird, in welchem ich wieder dieses kleine Haus betrete, das uns den Blicken der Welt entzieht?. . . Glauben Sie nicht, daß es ein größeres Glück für mich ist, als ich je zu hoffen gewagt habe, mit Ihnen, in der Hoffnung auf noch glücklichere Tage, ein Leben wie Bruder und Schwester zu leben! O! sagen Sie, glauben Sie es?. . .

Ja, ich glaube es, antwortete Pauline, denn es wäre undankbar, daran zu zweifeln. Ihre Liebe für mich war so bescheiden, so erhaben, daß ich von ihr sprechen kann, ohne zu erröten, als redete ich von Ihren Tugenden. Was Sie unter dem noch größeren Glücke meinen, Alfred, verstehe ich nicht. . . Unser Glück hängt nach meiner Überzeugung von der Reinheit unseres Verhältnisses ab und je sonderbarer, ja vielleicht ohne Gleichen meine Lage ist, je mehr ich der Pflichten gegen die Gesellschaft entbunden bin, desto mehr bin ich mir schuldig, sie streng zu erfüllen. . . .

O! ja, ja, sagte ich, ich verstehe Sie und Gott möge mich dafür strafen, wenn ich es je versuche, eine Blume aus Ihrer Märtyrerkrone zu pflücken und an ihre Stelle einen Gewissensbiß einzufügen! Aber es können Umstände eintreten, die Sie frei machen. . . . Die Lebensart, welche der Graf führt, – verzeihen Sie, daß ich auf dieses Thema komme – setzen ihn mehr als jeden Andern. . . ..

O!. . . ich weiß es. . . Auch sehe ich nie in eine Zeitung, ohne zu seufzen. . . Der Gedanke, daß ich jenen Namen erblicken könnte, vielleicht in einen blutigen Prozess verwickelt, den Mann, den ich den meinigen nannte, vielleicht von einem ehrlosen Tode bedroht. . . . Ach!. . . was sprechen Sie in einem solchen Falle von Glück, gesetzt auch ich überlebte ihn?. . .

O! dann. . . und vor Allem, Pauline, würden Sie nicht eben sowohl die liebenswürdigste, die angebetetste Frau bleiben?. . . Hat er nicht selbst da für gesorgt, Sie sicher zu stellen, daß kein Flecken seines schmutzigen Gewerbes, noch seines Blutes an Ihnen haftet?. . . Aber ich will davon nicht sprechen, Pauline! In einem nächtlichen Überfalle, selbst in einem Duelle kann der Graf seinen Tod finden. . . O! es ist schrecklich, ich weiß es, keine andere Hoffnung auf Glück zu haben, als diejenige, die aus einer Wunde fließt oder dem Munde eines Menschen zugleich mit seinem Blute und seinem letzten Seufzer entströmt!. . . Aber wäre ein solches Ende nicht auch für Sie eine Wohlthat des Zufalls. . . ein Vergessen der Vorsehung?. . .

Nun? sagte Pauline mit fragendem Blick.

Nun! Pauline, erwiderte ich, würde dann der Mann, der sich ohne Bedingung zu Ihrem Freund», zu Ihrem Beschützer, zu Ihrem Bruder machte, nicht das Recht auf einen andern Namen haben?. . .

Aber hat dieser Mann auch über die Verbindung nachgedacht, die er eingehen würde, wenn er jenen Namen verlangte?

Ohne Zweifel, und er sieht darin viel Glück Verheißendes, ohne irgend etwas Abschreckendes zu erblicken. . . .

Hat er daran gedacht, daß ich aus Frankreich verbannt bin, daß selbst der Tod des Grafen diesen Bann nicht lösen wird, und daß ich die Pflichten, welche ich mir während seines Lebens auflegte, auch noch nach seinem Tode für bindend halten werde?. . .

Pauline, sagte ich zu ihr, ich habe an Alles gedacht. Das Jahr, welches wir nun mit einander verlebt haben, war das glücklichste meines Lebens. Wie ich Ihnen schon erklärt habe, bindet mich nichts an einen Ort der Welt mehr, als an den andern. Das Land, in welchem Sie sind, wird mein Vaterland sein.

Nun wohl! sagte Pauline mit einem so sanften Tone, der mehr als Versprechen, der alle Hoffnung in sich schloß, – kehren Sie mit diesen Gesinnungen zurück, wir wollen Alles der Zukunft überlassen und uns Gott anvertrauen.

Ich fiel ihr zu Füßen, ich küßte ihr die Knie.

Noch in derselben Nacht verließ ich London. Gegen Mittag kam ich zu Havre an; sogleich nahm ich Extrapost und reiste weiter; um ein Uhr früh war ich bei meiner Mutter.

Sie war mit Gabrielen in Gesellschaft. Ich frug sogleich wo, und erfuhr, daß sie bei Lord G., dem englischen Gesandten, seien. Ich fragte weiter, ob die Damen allein dorthin gegangen seien; man sagte mir, daß der Graf Horaz sie abgeholt habe. Ich kleidete mich schnell um, bestieg ein Cabriolet und ließ mich zu dem Hotel des Gesandten fahren.

Als ich ankam, hatten sich schon viele Personen entfernt und die Salons fingen an, sich zu lichten, doch war noch Gesellschaft genug da, um nicht bemerkt zu werden.

Ich erkannte bald meine Mutter, welche saß, und meine Schwester, welche tanzte, erstere mit jener ihr eigentümlichen Heiterkeit des Geistes, letztere mit kindlichem Vergnügen. Ich blieb an der Türe stehen, denn ich wollte nicht mitten auf einem Ballsaale erkannt werden. Über dem suchte ich noch eine dritte Person, die auch gegenwärtig sein mußte. Ich forschte nicht lange vergebens, der Graf lehnte an der Begleitung der Tür, die mir gerade gegenüber war.

Ich erkannte ihn auf den ersten Blick; es war derselbe Mann, den mir Pauline geschildert hatte, es war derselbe Unbekannte, welchen ich beim Scheine des Mondes in der Abtei Grand-Pré erblickte. Ich fand an ihm Alles, was ich suchte: eine ruhige blasse Gestalt, blonde Haare, welche ihm ein Ansehen von Jugend gaben, schwarze Augen, welche seiner Physiognomie einen so besonderen Charakter aufdrückten, endlich jene Falte auf der Stirn, welche, vielleicht in Folge von Gewissensbissen und Sorgen, seit einem Jahre noch breiter und tiefer geworden war. Der Contretanz hatte geendigt, Gabriele setzte sich neben ihre Mutter. Sogleich bat ich einen Bedienten, er möge Frau von Nerval und ihrer Tochter sagen, daß sie Jemand in dem Garderobenzimmer erwarte. Meine Mutter und Schwester schrien laut auf vor Erstaunen und Freude, als sie mich erblickten. Wir waren allein, ich konnte sie umarmen. Meine Mutter konnte kaum ihren Augen trauen, die mich sahen, und ihren Armen, die mich an ihr Herz drückten. Ich war mit solcher Eile gereist, daß sie ihren Brief kaum in meinen Händen glaubte. In der Tat, den Tag vorher um diese Zeit, war ich noch in London.

Weder meine Mutter, noch meine Schwester dachten daran, wieder in den Saal zurückzukehren. Sie verlangten ihre Mäntel, hüllten sich in ihre Pelze und gaben dem Bedienten Befehl, den Wagen vorfahren zu lassen, worauf Gabriele Meiner Mutter einige Worte in's Ohr raunte.

Du Hast Recht, rief diese; – und der Graf Horaz. . .

Morgen werde ich ihm einen Besuch machen und Euch bei ihm entschuldigen, sagte ich.

Hier ist er, sprach Gabriele.

In der Tat, der Graf hatte bemerkt, daß seine Damen den Saal verließen und da er die selben nach einiger Zeit nicht zurückkommen sah, hatte er sich aufgemacht, sie zu suchen, und fand sie nun im Begriff, weg zu gehen.

Ich gestehe, daß ein Frösteln meinen ganzen Körper überlief, als ich diesen Mann auf uns zu kommen sah. Meine Mutter fühlte, wie sich mein Arm in dem ihrigen zusammenzog, sie sah, wie sich meine Blicke mit denen des Grafen kreuzten und sie sprach, durch jenen mütterlichen Instinkt getrieben, der jede Gefahr in voraus wittert, noch ehe einer oder der andere von uns Beiden den Mund öffnete.

Verzeihen Sie, es ist mein Sohn, den wir nun seit einem Jahre nicht gesehen haben. Er ist eben von London angekommen. – Der Graf verneigte sich.

Sollte ich der einzige sein, Madame, sagte der Graf mit sanfter Stimme zu ihr, den diese Rückkehr betrüben müßte, und wird sie mich des Glücks berauben, Sie wieder nach Hause zu geleiten?

Das ist möglich, mein Herr, erwiderte ich, indem ich kaum an mich halten konnte, denn da, wo ich bin, haben meine Mutter und Schwester keinen andern Kavalier nötig.

Aber es ist ja der Graf Horaz! sagte meine Mutter, sich lebhaft nach mir umdrehend.

Ich kenne den Herrn, antwortete ich mit einem Tone, in welchen ich so viel Beleidigendes legte, als möglich.

Ich bemerkte, wie meine Mutter und Schwester zitterten. Der Graf wurde entsetzlich blaß, doch verriet, außer dieser Blässe, kein anderes Zeichen seine innere Bewegung. Er bemerkte die Furcht meiner Mutter, er verneigte sich und verließ das Zimmer mit einer Artigkeit und einem Anstande, die mir einen Maßstab gaben, nach welchem ich vielleicht mein Benehmen hätte einrichten sollen. Meiner Mutter ängstliche Blicke folgten ihm, und nachdem er verschwunden war, sagte sie:

Gehen wir! gehen wir! und zog mich nach der Treppe.

Wir gingen hinab, stiegen in den Wagen und kamen zu Hause an, ohne ein Wort gewechselt zu haben.

XV

Man kann übrigens leicht denken, daß sich in unsern Köpfen die verschiedenartigsten Gedanken kreuzten; meine Mutter war kaum in das Zimmer getreten, so gab sie Gabrielen ein Zeichen, sich in ihr Schlafgemach zu begeben. Das arme Kind kam, um mir ihre Stirn zum Kusse darzubieten, wie sie es früher stets that, aber kaum fühlte sie, daß meine Lippen sie berührten und meine Arme sie an meine Brust drückten, so brach sie in Tränen aus. Mein Blick senkte sich auf sie, ich sah in ihr Herz und bemitleidete sie.

Liebe kleine Schwester, sprach ich zu ihr, du darfst nicht böse auf mich sein, wegen Dinge, die ich nicht ändern kann. Gott schickt die Verhältnisse, denen der Mensch gehorchen muß. Seit dem unser Vater tod ist, bin ich selbst für dich verantwortlich, mir kommt es zu, über dein Leben zu wachen und es glücklich zu machen.

O ja, ja, sagte Gabriele, du bist Herr, was du anordnest, werde ich befolgen, sei, deshalb ohne Sorgen. Aber ich kann eine gewisse Furcht nicht unterdrücken, ohne zu wissen, was ich fürchte, und muß weinen, ohne zu wissen, warum?

Beruhige dich, sagte ich zu ihr, die größte Gefahr ist für dich vorüber; Dank sei, dem Himmel, der über dir wachte. Gehe in dein Zimmer, bete wie eine junge Seele beten muß; das Gebet vertreibt die Furcht und trocknet die Tränen. Geh'!

Gabriele umarmte mich und ging. Meine Mutter folgte ihr ängstlich mit den Augen. Nachdem die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte, sprach sie:

Was bedeutet das Alles?

Das bedeutet, erwiderte ich in einem ehrerbietigen, doch festen Tone, daß diese Ehe, von welcher Sie mir geschrieben haben, nie statt finden kann, daß Gabriele den Grafen Horaz nicht heiraten werde.

Aber ich habe sie fast schon zugesagt, sprach meine Mutter.

Ich werde Sie ihres Versprechens entbinden, das ist meine Sorge.

Aber, mein Gott, sage mir doch warum, ohne irgend einen Grund?. . . .

Halten Sie mich für unsinnig, indem Sie glauben, daß ich ein so heiliges Band, wie ein gegebenes Wort, zerreißen sollte, ohne Gründe dazu zu haben?

Aber ich hoffe, daß du mir dieselben mitteilen wirst.

Das ist unmöglich, ganz unmöglich, liebe Mutter; mich bindet ein Eid.

Ich weiß, daß man dem Grafen Horaz Vieles Schuld giebt, doch kann man ihm Nichts beweisen. Glaubst du an alle jene Verleumdungen?

Ich glaube bloß das, was meine Augen sehen, liebe Mutter, und ich habe gesehen!. . .

O!. . .

Hören Sie. Sie wissen, daß ich Sie liebe, daß ich meine Schwester liebe. Sie wissen, daß ich nicht zaudere, einen unwandelbaren Entschluss zu fassen, wenn es ihrer Beider Glück betrifft. Sie wissen auch, daß ich Mann genug bin, Sie in einer so ernsten Angelegenheit nicht durch eine Luge zu schrecken. Nun wohl, liebe Mutter, ich sage es Ihnen nochmals, ich schwöre es Ihnen zu, wenn diese Ehe vollzogen wäre, wenn ich nicht zur rechten Zeit gekommen, wenn der Schatten meines Vaters während meiner Abwesenheit nicht aus dem Grabe gestiegen wäre, um sich zwischen seine Tochter und diesen Menschen zu stellen, wenn sich Gabriele in dieser Stunde Madame Horaz de Beuzeval nannte, so würde nur Eins zu tun übrig bleiben, und dieß würde ich tun, glauben Sie mir: Dieß wäre, Sie und Ihre Tochter sogleich hinweg zuführen, Frankreich zu fliehen und nie dahin zurückzukehren, in einem fremden Lande Vergessenheit und Verborgenheit zu suchen, statt der Schande, die uns im Vaterlande unausbleiblich ereilen würde.

Aber kannst du mir nicht sagen?. . .

Ich kann nichts sagen, ich habe einen Eid geschworen; wenn ich reden dürfte, ich brauchte nur ein einziges Wort zu sagen und meine Schwester wäre gerettet.

Nun, bedroht sie denn eine Gefahr?

Nein, wenigstens nicht, so lange ich lebe.

Mein Gott, mein Gott, du erschreckst mich!

Ich bemerkte jetzt, daß ich mich zu weit hatte hinreißen lassen.

Hören Sie, fuhr ich fort, vielleicht ist dieß Alles nicht so wichtig als ich glaube. Es ist zwischen Ihnen und dem Grafen noch nichts fest beschlossen, es ist der Welt noch nichts bekannt, bloß leere Gerüchte, bloß Mutmaßungen, nicht wahr?

Diesen Abend begleitete uns der Graf erst zum zweiten Male.

Nun wohl, liebe Mutter, so ergreifen Sie den ersten besten Vorwand, um ihn abzuweisen. Schließen Sie Ihre Tür für Alle, für den Grafen, wie für die Übrigen. Ich will es übernehmen, ihm begreiflich zu machen, daß seine Besuche unnütz sind.

Alfred, sagte meine Mutter erschrocken, vor Allem ist Klugheit, Schonung und Beachtung des Anstandes nötig. Der Graf ist kein Mann, den man so ganz ohne triftigen Grund zurückweisen kann. . . .

Beruhigen Sie sich, meine Mutter, ich werde die Regeln des Anstandes nicht aus den Augen setzen. Was die triftigen Gründe betrifft, so werde ihm auch diese anführen.

Handle, wie du willst, du bist das Haupt der Familie, Alfred, und ich werde nichts gegen deinen Willen tun, aber ich bitte dich um des Himmels willen, überlege jedes Wort wohl, welches du dem Grafen sagst, und wenn du ihm einen abschlägigen Bescheid giebst, so tue dieß auf eine möglichst schonende Weise. – Meine Mutter sah, daß ich ein Licht ergriff. – Ja, fuhr sie fort, du hast Recht, ich denke gar nicht an deine Ermüdung. Geh' in dein Zimmer, es wird morgen noch Zeit sein, an Alles dieses zu denken. – Ich umarmte sie. Sie hielt meine Hand noch in der ihrigen und sprach: du versprichst mir also, den Stolz des Grafen zu schonen?

Ich verspreche es Ihnen, liebe Mutter, umarmte sie nochmals und verließ das Zimmer.

Meine Mutter hatte Recht, ich fiel fast vor Müdigkeit um. Ich legte mich sogleich zu Bette und schlief in einem Zuge, bis früh zehn Uhr.

Als ich erwachte, fand ich einen Brief des Grafen vor. Ich hatte ihn erwartet, doch hätte ich nicht geglaubt, daß er von so viel Ruhe und Mäßigung zeugen würde, er war ein Muster von Höflichkeit und Anstand; hier ist er:

Mein Herr!

»Wie sehr ich auch wünschte, daß dieser Brief

»sicher in Ihre Hände gelange, so wollte ich ihn

»doch weder durch einen Diener, noch durch einen

»Freund übergeben lassen. Diese Art der Über-

»sendung, obgleich sie bei solchen Gelegenheiten die

»gewöhnlichste ist, hätte bei denjenigen Personell

»Unruhe erregen können, die Ihnen teuer sind und

»die ich, Sie werden es, wie ich hoffe, erlauben, trotz

»dem, was bei Lord G. gestern zwischen uns vorfiel,

»als mir nicht fremd und gleichgültig ansehe.

»Sie werden übrigens wohl einsehen, mein

»Herr, daß einige Worte, die wir gestern wech-

»selten, eine Erklärung fordern. Werden Sie wohl

»so gütig sein, mir Zeit und Ort zu bestimmen,

»wo Sie mir diese geben können? Die Natur die-

»ser Angelegenheit erfordert es, wie ich glaube, daß

»sie geheim bleibt, und daß nicht mehr Zeugen

»dabei sind, als die Beteiligten. Doch wenn Sie

»es wünschen, werde ich zwei Freunde mitbringen.

»Ich glaube, Ihnen gestern den Beweis gegeben

»zu haben, daß ich Sie schon als Bruder betrachtete.

»Glauben Sie, daß es mir sehr leid

»tun würde, diesem Namen zu entsagen und daß

»es meinen Hoffnungen und Gefühlen ganz, zuwiderlaufen

»würde, wenn ich Sie als Gegner und »Feind behandeln müßte.

Graf Horaz.

Ich antwortete sogleich:

Herr Graf!

»Sie hatten Sich nicht geirrt, ich erwartete

»Ihren Brief und danke Ihnen herzlich für die

»Vorsicht, mit welcher Sie denselben an mich haben »gelangen lassen.

»Da diese Vorsicht in Bezug auf Sie unnötig

»ist und viel darauf ankommt, daß Ihnen

»meine Antwort pünktlich übergeben werde, so erlauben

»Sie mir wohl, daß ich sie durch einen

»Bedienten übersende.

»Es ist auch meine Meinung, daß eine Erklärung

»zwischen uns nötig ist und wenn Sie

»damit einverstanden sind, kann diese noch heute

»Statt finden. Ich werde ausreiten und um Ein

»Uhr Mittags in dem Boulogner Holze, in der

»Allee de la Muette sein. Ich brauche Ihnen wohl

»nicht erst zu sagen, Herr Graf, daß es mir sehr

»angenehm sein wird, Sie dort zu treffen. Zeugen

»sind meines Erachtens bei diesem ersten Zusammentreffen

»ganz unnötig.

»Es bleibt mir nun, nachdem ich alle Punkte

»Ihres Briefes beantwortet habe, nur noch übrig,

»mit Ihnen von dm Gesinnungen zu sprechen,

»welche ich gegen Sie hege, und ich möchte herzlich

»wünschen, daß dieselben mir von meinem Herzen

»eingegeben wären; unglücklicher Weise sind sie mir

»aber von meinem Gewissen vorgeschrieben.

Alfred von Nerval.

Nachdem dieser Brief geschrieben und abgesandt war, ging ich zu meiner Mutter hinunter. Sie hatte sich in der Tat erkundigt, ob Niemand von Seiten des Grafen da gewesen sei, und ich fand sie durch die Antwort der Dienerschaft beruhigt. Gabriele hatte die Erlaubnis nachgesucht und erhalten, in ihrem Zimmer zu bleiben. Nach dem Frühstück wurde mir das Pferd vorgeführt, welches ich bestellt hatte, und meine Befehle waren pünktlich befolgt worden; der Sattel war mit Pistolenhalftern versehen. In diese steckte ich ein Paar sehr gute, geladene Duellpistolen, denn ich hatte nicht vergessen, daß der Graf nie ohne Waffen ausging.

Ich war schon ein Viertel auf zwölf Uhr auf dem Platze, so groß war meine Ungeduld. Ich durchritt diese Allee in ihrer ganzen Länge; beim Umkehren bemerkte ich einen Kavalier, vom andern Ende mir entgegenkommen: es war der Graf Horaz. Kaum hatten wir uns gegenseitig erkannt, so gaben wir unseren Pferden die Sporen und begegneten uns mitten in der Allee. Ich bemerkte, daß er ebenfalls Pistolenhalftern am Sattel hatte.

Sie sehen, sagte der Graf Horaz zu mir, mich mit Höflichkeit und lächelndem Munde grüßend, daß mein Verlangen, Sie zu treffen, eben so groß war, als das Ihrige, denn wir sind beide vor der bestimmten Stunde da.

Ich habe in einem Tage und einer Nacht hundert Lieues zurückgelegt, um dieses Vergnügen zu haben, Herr Graf, erwiderte ich, mich verneigend; Sie sehen, daß ich nicht nachstehe.

Ich setze voraus, daß die Beweggründe, welche Sie mit solcher Eile nach Paris zurückgeführt haben, kein Geheimnis sind, das ich nicht erfahren dürfte und obgleich der Wunsch, Sie kennen zu lernen und Ihnen die Hand zu drücken, mich leicht hätte veranlassen können, dieselbe Tour in noch kürzerer Zeit zurückzulegen, wenn es möglich wäre, so bin ich doch nicht so eitel, zu glauben, daß ein gleicher Grund Sie veranlaßt hat, England zu verlassen.

Sie haben Recht, mein Herr. Ganz andere Interessen, das Wohl einer Familie, deren Ehre kompromittiert werden sollte, sind die Ursache, warum ich London verließ und nach Paris kam.

Die Ausdrücke, erwiderte der Graf, sich verneigend und mit einem Lächeln, welches immer bitterer wurde, die Ausdrücke, deren Sie sich bedienen, lassen mich hoffen, daß nicht der Brief, welchen Frau von Nerval an Sie schrieb, um Ihnen die beabsichtigte Verbindung zwischen Fräulein Gabriele und mir anzuzeigen, die Ursache ihrer Rückkunft ist.

Sie irren sich, denn ich bin nur gekommen, mich dieser Verbindung zu widersetzen.

Der Graf erbleichte, seine Lippen schlössen sich; doch nahm er bald wieder seine gewöhnliche Ruhe an.

Ich hoffe, sagte er, daß Sie die Gefühle achten, welche mich mit kaltem Blute die sonderbaren Antworten anhören lassen, welche Sie mir geben. Diese Kaltblütigkeit ist ein Beweis, die sehr ich eine Verbindung mit Ihnen wünschte und dieser Wunsch ist so groß, daß ich so unbescheiden sein werde, die Nachforschung noch weiter zu treiben. Würden Sie mir wohl die Ehre erzeigen, mein Herr, mir zu sagen, welche Ursache Sie zu dieser blinden Abneigung haben, die Sie so frei gegen mich äußern? Lassen Sie uns neben einander weiter reiten und unser Gespräch fortsetzen.

Ich ließ mein Pferd gleichen Schritt mit dem seinigen gehen und wir ritten die Allee entlang anscheinend wie zwei Freunde, welche spazieren reiten.

Ich erwarte Antwort, mein Herr, nahm der Graf wieder das Wort.

Nun wohl, Herr Graf, erwiderte ich, so erlauben Sie mir, Ihr Urteil über die Meinung, die ich von Ihnen hege, zu berichtigen; sie beruht nicht auf einer blinden Abneigung, sondern auf wohlbegründeter Verachtung.

Der Graf erhob sich in den Steigbügeln, wie Einer, dessen Geduld erschöpft ist, dann strich er sich mit der Hand über die Stirn und antwortete mit einer Stimme, an welcher schwerlich die geringste Veränderung zu bemerken war:

Es ist sehr gefährlich, mein Herr, dergleichen Meinungen zu fassen und noch gefährlicher, sie zu äußern, bevor man Denjenigen nicht ganz genau kennt, der sie uns einflößt.

Und wer hat Ihnen gesagt, daß ich Sie nicht genau kenne? antwortete ich, ihm in's Gesicht sehend.

Und doch, wenn mein Gedächtnis nicht trügt, sah ich Sie gestern zum ersten Male.

Nein, der Zufall oder vielmehr die Vorsehung hat uns schon einmal einander genähert; es ist wahr, es war Nacht, Sie haben mich nicht gesehen.

Unterstützen Sie mein Gedächtnis, sagte der Graf, ich bin sehr ungeschickt, Rätsel zu lösen.

Ich war in der Nacht vom 27sten zum 28sten September in den Ruinen der Abtei Grand-Pré.

Der Graf zitterte und griff nach der Pistolenhalfter. Ich machte dieselbe Bewegung; er bemerkte es.

Nun? erwiderte er, sich sogleich wieder fassend.

Nun! ich habe Sie aus dem unterirdischen Gewölbe herauskommen sehen, ich habe gesehen, wie Sie einen Schlüssel vergruben.

Und welchen Entschluss haben Sie nach dieser Entdeckung gefaßt?

Den, Fräulein Gabriele von Nerval nicht auf dieselbe Weise ermorden zu lassen, wie Sie versucht haben, Fräulein Pauline von Meulien zu ermorden.

Pauline ist nicht tod?. . . rief der Graf, indem er sein Pferd anhielt und für dieß Mal jenen teuflischen Gleichmut verlor, der ihn bis jetzt keinen Augenblick verlassen hatte.

Nein, mein Herr, Pauline ist nicht tod, antwortete ich, mein Pferd mich anhaltend; Pauline lebt trotz des Briefes, den Sie ihr schrieben, trotz des Giftes, welches Sie ihr eingeschenkt hatten, trotz der drei Tore, hinter welchen dieselbe eingeschlossen war und die ich geöffnet habe, ich, mit jenem Schlüssel, den ich von Ihnen hatte eingraben sehen. Begreifen Sie nun?

Vollkommen, erwiderte der Graf, die Hand in eine Pistolenhalfter steckend, aber ich begreife nicht, warum Sie, im Besitz solcher Geheimnisse und solcher Beweise, mich nicht ohne Weiteres angezeigt haben.

Das kommt daher, mein Herr, weil ich einen heiligen Eid geschworen habe; ich bin genötigt, Sie im Zweikampfe zu töten, als wenn Sie ein Mann von Ehre wären. Lassen Sie also Ihre Pistolen, denn dadurch, daß Sie mich ermorden, können Sie Ihre Lage nur verschlimmern.

Sie haben Recht, erwiderte der Graf, indem er seine Pistolenhalfter wieder schloß. und sein Pferd wieder in Schritt gehen ließ. Wenn werden wir uns schlagen?

Morgen früh, wenn Sie wollen, sagte ich und ließ meinem Pferde gleichfalls den Zügel.

Sehr wohl, und wo?

Zu Versailles, wenn Ihnen dieser Ort gefällt. Gut. Um neun Uhr werde ich Sie mit meinen Zeugen erwarten.

Die Herren Max und Heinrich, nicht wahr?

Haben Sie Etwas gegen sie einzuwenden?

Ja, ich will mich wohl mit einem Mörder schlagen, aber ich kann nicht zugeben, daß er zwei seiner Genossen zu Sekundanten nimmt; das geht nicht an.

Nun, so stellen Sie Ihre Bedingungen, sagte der Graf, sich die Lippen blutig beißend.

Da es nötig ist, daß unser Zusammentreffen ein Geheimnis bleibt, welchen Ausgang es auch haben möge, so wollen wir unsere Zeugen aus den Offizieren der Garnison in Versailles wählen, die uns nicht kennen und die dem Duelle nur aus dem Grunde beiwohnen werden, um der Anschuldigung eines Mordes vorzubeugen. Ist Ihnen dieses genehm?

Vortrefflich, mein Herr. . . Und die Waffen?

Nun, Mein Herr, da wir uns mit dem Degen leicht eine kleine, unbedeutende Wunde beibringen könnten, die uns vielleicht an der Fortsetzung des Kampfes hindern würde, so scheint mir die Pistole den Vorzug zu verdienen. Bringen Sie die Ihrige mit, ich werde die meinige besorgen.

Aber, erwiderte der Graf, wir haben Beide Waffen bei uns, wir sind über die Bedingungen einig, warum wollen wir die Sache bis auf Morgen verschieben, da wir sie doch noch heute abmachen können?

Weil ich noch mehrere Anordnungen zu treffen habe, welche diesen Aufschub nötig machen. Ich glaube, mich gegen Sie so benommen zu haben, daß ich diesen Aufschub wohl fordern kann. Was Ihre Furcht betrifft, so sein Sie ganz ruhig. Ich wiederhole Ihnen nochmals, daß ich einen Eid geschworen habe.

Das ist hinreichend, mein Herr, antwortete der Graf, sich verneigend, auf Morgen also, um neun Uhr.

Auf Morgen um neun Uhr.

Wir grüßten uns zum letzten Male und entfernten uns im Galopp, der eine nach diesem, der andere nach jenem Ende der Allee.

Der Aufschub, den ich vom Grafen verlangt hatte, währte in der Tat nicht länger, als nötig war, um meine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Sobald ich demnach nach Hause zurückgekommen war, schloß ich mich in mein Zimmer ein.

Ich verbarg mir keineswegs, daß der Ausgang des Kampfes, den ich bestehen sollte, sehr zweifelhaft war: ich kannte die Kaltblütigkeit und Geschicklichkeit des Grafen. Ich konnte leicht getötet werden und für diesen Fall mußte ich für Paulinens Lage Sorge tragen.

Obgleich ich bei Allem, was ich dir eben erzählte, ihren Namen nicht ein einziges Mal genannt habe, fuhr Alfred fort, so brauche ich dir doch wohl nicht erst zu sagen, daß die Erinnerung an sie mich keinen Augenblick verließ. Die Gefühle, welche beim Anblick meiner Mutter und Schwester in mir erwachten, hatten sich an diejenigen angereiht, die ich für sie empfand, ohne jedoch denselben Eintrag zu tun und ich fühlte nun, wie sehr ich sie liebte, als ich die Feder ergriff, um ihr, vielleicht zum letzten Male, zu schreiben. Ich fügte dem Briefe eine Verfügung über eine Rente von 10000 Francs bei und adressierte ihn an den Doktor Sercey, Grosvenor-Square, zu London.

Die übrige Zeit des Tages und einen Theil der Nacht brachte ich mit ähnlichen Vorbereitungen zu, legte mich erst um zwei Uhr Morgens zu Bette und befahl meinem Bedienten, mich um sechs Uhr zu wecken.

Er kam diesem Befehle pünktlich nach, wie er überhaupt ein Mensch war, auf welchen ich in jeder Hinsicht zählen konnte. Er war einer jener alten Diener, wie man sie in den deutschen Schauspielen findet, welche die Väter ihren Söhnen hinterlassen, ich hatte ihn ebenfalls von meinem Vater geerbt. Ich beauftragte ihn mit der Besorgung des Briefes und befahl ihm, denselben selbst nach London zu bringen, im Fall ich im Zweikampf bleiben sollte. Ich übergab ihm zur Entschädigung für diese Reise zweihundert Louisd'or, im entgegengesetzten Falle sollte er diese Summe als Geschenk behalten. Überdieß zeigte ich ihm die Schublade, in welcher sich auch das letzte Lebewohl für meine Mutter befand und welches er dieser übergeben sollte, im Fall das Schicksal mir ungünstig sein würde. Weiter sollte er noch für mich bis fünf Uhr Abends eine Postchaise bereithalten und, wenn ich bis zu dieser Zeit noch nicht zurückgekehrt wäre, sich selbst nach Versailles auf den Weg zu machen, um zu sehen, was aus mir geworden sei,. Ich stieg zu Pferde 5 um drei Viertel auf neun Uhr war ich mit meinen Zeugen auf dem Platze. Dieß waren, laut der Bestimmung, zwei mir ganz unbekannte Husarenoffiziere, die jedoch keinen Augenblick Bedenken trugen, mir diesen Dienst zu erweisen. Meine Versicherung, daß es eine Angelegenheit sei, bei welcher die Ehre einer achtenswerten Familie auf dem Spiel stehe, war hinreichend, um meiner Aufforderung ohne weitere Erkundigung Folge zu leisten. Nur den Franzosen ist es möglich, zu gleicher Seit und nach Umständen die größten Schwätzer oder die Verschwiegensten zu sein.

Kaum hatten wir fünf Minuten gewartet, so erschien auch der Graf mit seinen Zeugen. Wir suchten nun einen passenden Ort und fanden ihn durch Hilfe unserer Sekundanten, die daran gewöhnt sind, dergleichen Lokalitäten auszumitteln. Auf diesem Platze angekommen, teilten wir den Herren unsere Kampfbedingungen mit und baten sie, die Waffen zu untersuchen. Der Graf hatte Pistolen von Lepage, die meinigen waren von Devismes, beide doppelröhrig und von demselben Caliber, wie fast alle Duellpistolen.

Der Graf verleugnete den Ruf der Tapferkeit und Höflichkeit auch jetzt nicht; er wollte mir alle Vorteile einräumen, was ich jedoch nicht annahm. Es wurde demnach beschlossen, daß das Los über die Stellung und den ersten Schuß entscheiden solle. Die Entfernung wurde auf zwanzig Schritte bestimmt und die Grenze durch ein zweites geladenes Pistol bezeichnet, um den Kampf fortsetzen zu können, wenn keine der ersten Kugeln tödlich sein sollte.

Das Los war dem Grafen zwei Mal hinter einander günstig; er hatte sowohl die Wahl des Platzes, als auch den ersten Schuß. Er nahm seine Stellung gerade der Sonne entgegen und wählte so aus freiem Willen den für ihn ungünstigsten Platz. Ich bemerkte ihm dieß; er verneigte sich mit der Erwiderung, da das Schicksal ihm die Wahl überlassen habe, so fände er es für gut, den Platz zu behalten, den er gewählt habe. Ich verfugte mich nun auf den meinigen in der bestimmten Entfernung.

Die Sekundanten luden nun unsere Pistolen; ich hatte also Zeit, den Grafen zu beobachten und muß gestehen, daß er fortwährend jene Ruhe und jene Kälte eines vollkommen mutigen Mannes behielt. Keine Gebärde, kein Wort entschlüpfte ihm, welches sich nicht in den Grenzen des Anstandes gehalten hätte. Die Sekundanten näherten sich uns, reichten Jedem eine Pistole und legten die andere zu unsern Füßen; dann entfernten sie sich. Der Graf erneuerte zum zweiten Male seine Aufforderung an mich, zuerst zu schießen; ich lehnte sie nochmals ab. Wir verneigten uns gegen unsere Sekundanten, dann nahm ich eine Stellung an, die mich möglichst gegen die Kugel meines Gegners deckte. Ich machte mich so schmal als möglich und suchte mich durch den Kolben meiner Pistole zu decken, deren Lauf gerade vor meiner Brust stand, in dem leeren Raum zwischen dem Vorderarme und der Schulter. Kaum hatte ich diese vorsichtige Stellung eingenommen, so machten uns die Sekundanten ihrerseits eine Verbeugung und der ältere von ihnen gab das Zeichen, indem er sagte: Los, meine Herren! In demselben Augenblicke sah ich eine Flamme aufblitzen, ich vernahm den Schuß des Grafen und fühlte eine doppelte Erschütterung an der Schulter und an der Brust. Die Kugel hatte den Lauf meiner Pistole getroffen, war davon ab, gesprungen und durch das Fleisch meiner Schulter gedrungen. Der Graf schien erstaunt, mich nicht niederstürzen zu sehen.

Sie sind verwundet? sagte er, einen Schritt vorwärts gehend.

Es ist nichts, antwortete ich und nahm meine Pistole in die linke Hand. Die Reihe ist an mir, mein Herr. Der Graf warf die abgeschossene Pistole weg und begab sich wieder an seinen Platz.

Ich zielte langsam und bedächtig, dann gab ich Feuer. Ich glaubte Anfangs, ich hätte nicht getroffen, denn der Graf blieb unbeweglich, und ich sah ihn die andere Pistole erheben. Allein noch ehe der Lauf derselben meine Höhe erreichte, bemächtigte sich seiner ein krampfhaftes Zittern, die Waffe entfiel ihm, er wollte sprechen, ein Blutstrom entquoll seinem Munde, er sank plötzlich tot nie, der. Die Kugel hatte ihm die Brust durchbohrt.

Die Zeugen traten sogleich an den Grafen heran, dann gingen sie auf mich zu. Unter ihnen befand sich auch ein Oberchirurg, den ich bat, meinem Gegner seinen Beistand zu leisten, indem ich ihn bedeutender verwundet glaubte, als mich.

Das ist unnötig, sagte er kopfschüttelnd, er bedarf Niemandes Hilfe mehr.

Habe ich als Ehrenmann gehandelt, meine Herrn? fragte ich sie.

Sie verneigten sich zum Zeichen der Bejahung.

Nun, Doktor, sprach ich, meine Kleider ablegend, so haben Sie die Güte, mir eine Kleinigkeit auf meine Wunde zu legen, damit das Blut gestillt werde, denn ich muß den Augenblick wieder abreisen.

Noch Eins, sagte der ältere Offizier zu mir, während der Chirurg den Verband vollendete, wo lassen wir den Leichnam Ihres Freundes hinschaffen?

In die Straße Bourbon Nr. 16, in das Hotel des Herrn von Beuzeval, erwiderte ich – über diese naive Frage lächelnd.

Bei diesen Worten schwang ich mich in den Sattel meines Pferdes, welches ein Husar nebst dem des Grafen am Zügel hielt, dankte den Herren zum letzten Male für ihren guten, redlichen Beistand, grüßte sie nochmals mit der Hand und jagte im Galopp die Straße nach Paris zurück.

Es war Zeit, daß ich ankam. Meine Mutter war in Verzweiflung. Da sie mich vergeblich zum Frühstück erwartet hatte, war sie endlich in mein Zimmer gegangen und hatte in einem der Schubkasten meines Sekretärs den an sie gerichteten Brief gefunden.

Ich riß ihr denselben aus den Händen und warf ihn mit dem an Pauline gerichteten in's Feuer. Dann umarmte ich sie, wie man eine Mutter umarmt, die man nicht wieder zu sehen glaubt und die man verläßt, ohne zu wissen, wenn man sie wieder sehen wird.

XVI

Acht Tage nach dem Vorfalle, den ich dir eben erzählt habe, fuhr Alfred fort, saßen wir in unserm kleinen Hause in Piccadilly beim Frühstück an einem Teetische uns gegenüber, als Pauline, die eine englische Zeitung las, plötzlich erbleichte, das Journal fallen ließ, einen Schrei ausstieß und in Ohnmacht sank. Ich sprang sogleich nach der Klingel und riß heftig an derselben; ihre Kammerfrauen eilten herbei, wir brachten sie in ihr Zimmer, und während sie entkleidet wurde, eilte ich hinunter, um nach dem Doktor zu schicken und in dem Journale nach der Ursache dieses plötzlichen Unfalles zu forschen. Kaum hatte ich es geöffnet, so fielen meine Augen auf folgende aus dem Courrier francai übersetzten Zeilen:

»Wir erhalten soeben sehr sonderbare und Geheimnisvolle Nachrichten über ein Duell, welches zu Versailles statt fand und dessen Veranlassung, wie es scheint, nur in, den noch unbekannten Beweggründen eines tiefen Hasses zu suchen ist.

»Vorgestern früh, den 5ten August 1833, kamen zwei junge Leute, welche dem Pariser hohen Adel anzugehören schienen, in unsere Stadt, jeder allein, zu Pferde, ohne Bedienten. Der eine begab sich in die königliche Kaserne, der andere in das Café de la Régence, wo sie zwei Offiziere baten, sie nach dem Kampfplatz zu begleiten. Jeder der Duellanten hatte seine Waffen mitgebracht; die Bedingungen, unter welchen das Duell statt finden sollte, wurden festgesetzt, und die beiden Gegner schössen in einer Entfernung von zwanzig Schritten auf einander. Der eine von Beiden blieb tod auf dem Platze, der andere, dessen Namen man noch nicht weiß, reiste trotz einer schweren Wunde, da die Kugel seines Gegners durch seine Schulter gegangen war, sogleich wieder nach Paris ab.

»Der Gebliebene ist Graf Horaz von Beuzeval. Der Name seines Gegners ist noch unbekannt.

Pauline hatte diesen Artikel gelesen, und die Wirkung, welche er auf sie hervorgebracht hatte, war um so größer, da diese Nachricht sie ganz unvorbereitet traf. Seit meiner Rückkehr hatte ich den Namen ihres Gemahls niemals genannt, und obgleich ich die Notwendigkeit einsah, ihr früher oder später den Todesfall mitzuteilen, welcher sie frei machte, jedoch ohne die näheren Umstände an zugeben, welche diese Freiheit herbeiführten, hatte ich doch noch keinen Versuch zu dieser Mitteilung gemacht. Ich war weit entfernt, daran zu denken, daß die Journale meine Vorsicht vereiteln und ihr auf eine plumpe, schonungslose Weise eine Nachricht mitteilen, würden, deren Bekanntmachung, bei ihrem sehr schwankenden Gesundheitszustand, mehr als bei jeder andern Frau mit der größten Schonung geschehen mußte.

Jetzt trat der Doktor ein; ich sagte ihm, daß eine starke Gemütsbewegung bei Paulinen einen neuen heftigen Anfall herbeigeführt habe. Wir gingen Beide zu ihr, sie lag noch immer in Ohnmacht, obgleich man ihr Wasser in's Gesicht gespritzt und sie flüchtige Reizmittel hatte einatmen lassen. Der Doktor sagte, daß er ihr zur Ader lassen müße und machte sogleich Vorbereitungen zu dieser Operation; da verließ mich der Mut und zitternd, wie ein Weib, eilte ich in den Garten.

Hier blieb ich fast eine halbe Stundenden Kopf in die Hand gestützt und von tausend Gedanken bestürmt, die sich in meinem Geiste durchkreuzten. Ich war bei Allem, was vorgegangen war, nur den Eingebungen meines Hasses gegen den Grafen und meiner Liebe gegen meine Schwester gefolgt; ich haßte diesen Menschen von dem Tage an, an welchem er mir durch seine Vermählung mit Paulinen mein ganzes Glück raubte und das Bedürfnis einer persönlichen Rache, sowie die Begierde den moralischen Schmerz durch einen physischen zu vergelten, hatte mich gegen meinen Willen hingerissen. Ich wollte ihn töten oder selbst getötet sein, das war Alles. – Jetzt, da dieser Wunsch erfüllt war, sah ich erst alle Folgen, die sich daraus entwickelten.

Man klopfte mich auf die Schulter; es war der Doktor.

Und Pauline! rief ich, die Hände faltend, aus.

Sie ist wieder zur Besinnung zurückgekehrt. . .

Ich erhob mich, um zu ihr zu eilen; der Doktor hielt mich jedoch zurück.

Hören Sie, fuhr er fort, der Anfall ist bedenklich; sie hat vor Allem Ruhe nötig. . . Betreten Sie für den Augenblick ihr Zimmer nicht.

Und warum? fragte ich ihn.

Weil es durchaus nötig ist, daß jede heftige Bewegung vermieden wird. Ich habe Sie nie wegen Ihrer Stellung zu ihr befragt, ich verlange keine vertrauliche Mitteilung darüber. Sie nennen sie ihre Schwester, sind Sie wirklich ihr Bruder? Als Menschen interessiert es mich nicht, dieß zu erfahren, für den Arzt jedoch ist es von großer Wichtigkeit. Ihre Gegenwart, selbst Ihre Stimme macht auf Paulinen einen sichtbaren Eindruck. . . Ich habe es immer bemerkt und noch vor einem Augenblicke, als ich ihre Hand in der meinigen hielt, beschleunigte die Nennung Ihres Namens den Pulsschlag auf eine sehr auffallende Weise. Ich habe befohlen, daß außer mir und ihren Kammerfrauen Niemand ihr Zimmer betrete. Handeln Sie nicht gegen diesen Befehl.

Es ist also gefährlich? rief ich.

Für eine so erschütterte Organisation, wie die ihrige, ist Alles gefährlich. Ihr wäre ein Trank nötig, der die Vergangenheit vergessen macht, denn irgend eine traurige Erinnerung, ein Gram, ein Kummer zehrt an ihrem Leben.

Ja, ja, erwiderte ich, Ihnen ist nichts verborgen, Sie haben Alles mit den Augen der Wissenschaft durchschaut. . . Nein, sie ist nicht meine Schwester, sie ist nicht meine Frau, sie ist nicht meine Geliebte: sie ist ein engelgleiches Wesen, welches ich über Alles liebe, dem ich das verlorene Glück nicht wieder geben kann und das in meinen Armen den Märtyrertod sterben wird. . . Ich werde Alles tun, Doktor, was Sie wünschen, ich werde ihr Zimmer nicht eher betreten, bis Sie mir Erlaubnis gegeben haben, ich werde Ihnen wie ein Kind gehorchen. Aber wenn werde ich sie wieder sehen dürfen?

Ich werde während des Tages wieder kommen. . .

Aber mein Gott! was soll ich anfangen?. . . .

Nur Mut!. . . sein Sie Mann!

Ach, wenn Sie wüßten, wie sehr ich sie liebe!. . .

Der Doktor drückte mir die Hand, ich begleitete ihn bis zur Türe und blieb unbeweglich an derselben Stelle stehen, wo er mich verlassen hatte. Endlich erwachte ich aus dieser Apathie, stieg die Treppe hinauf, näherte mich ihrer Tür und horchte, da ich nicht hinein zu gehen wagte. Ich glaubte, Pauline schlafe, doch drang bald ein unterdrücktes Schluchzen zu meinen Ohren, ich griff nach der Klinke. Da erinnerte ich mich noch zu rechter Zeit meines Versprechens und eilte, um es zu halten, aus dem Hause, stieg in den ersten Mietwagen, der mir vorkam und ließ mich nach Regent's-Park fahren.

Ich irrte beinahe zwei Stunden wie ein Wahnsinniger zwischen den Spaziergängern, Bäumen und Statuen herum; dann kehrte ich nach Hause zurück. An der Türe begegnete ich einem Diener, der in großer Eile war. Er wollte den Doktor holen, Pauline hatte einen neuen nervösen Anfall gehabt, in Folge dessen sie irre redete. Dieß Mal konnte ich mich nicht halten, ich stürzte in ihr Zimmer, warf mich vor ihrem Bette auf die Knie und ergriff ihre herabhängende Hand. Sie schien meine Gegenwart nicht zu bemerken; ihr Athen, war sehr unregelmäßig und keuchend, ihre Augen waren geschlossen, einige unzusammenhängende Worte ohne Sinn entschlüpften ihrem Munde. Der Doktor kam.

Sie haben nicht Wort gehalten, sagte er.

Ach! erwiderte ich, sie hat mich nicht erkannt. Doch fühlte ich bei dem Tone meiner Stimme ihre Hand erzittern. Ich überließ nun dem Doktor meinen Platz, der sich dem Bette näherte, den Puls der Kranken fühlte und darauf erklärte, daß ein zweiter Aderlass nötig sei,. Ungeachtet dieser neuen Blutentziehung nahm die Aufregung mehr und mehr zu und bis zum Abend zeigte sich eine Hirnentzünduug.

Acht Tage und acht Nächte war Pauline die Beute einer schrecklichen Geistesverwirrung. Sie kannte Niemanden, glaubte sich stets bedroht und schrie fortwährend nach Hilfe. Nach dieser Zeit ließ die Heftigkeit des Übels nach. Eine außerordentliche Schwäche, eine Erschöpfung aller Kräfte folgte dieser fürchterlichen Aufregung. Endlich am Morgen des neunten Tages öffnete sie nach einem etwas ruhigeren Schlummer die Augen, erkannte mich und nannte meinen Namen. Was in diesem Augenblicke in mir vorging, läßt sich schwer beschreiben. Ich warf mich auf die Knie und weinte, den Kopf gegen das Bett gelehnt, wie ein Kind. Jetzt trat der Doktor ein und gebot mir, mich zurückzuziehen, da er jede Gemütsbewegung der Kranken fürchtete. Ich wollte widerstehen, allein Pauline drückte mir die Hand und sprach mit leiser Stimme:

Gehen Sie!. . .

Ich gehorchte. Seit acht Tagen und acht Nächten hatte ich nicht geschlafen; ich legte mich daher auf's Bett, um, über ihren Zustand einiger Maßen beruhigt, des Schlafes zu genießen, dessen ich so nothwendig bedurfte, als sie.

Die Entzündung verschwand in der Tat allmählich und nach Verlauf von drei Wochen war nur noch eine große Schwäche zurückgeblieben; aber während dieser Zeit hatte das chronische Übel, von welchem sie bereits ein Jahr vorher bedroht war, neue Fortschritte gemacht. Der Doktor riet uns dasselbe Mittel, welches schon einmal geholfen hatte und ich beschloss, die letzten schönen Tage des Jahres noch zu benutzen, um mit ihr die Schweiz zu durchreisen und Neapel zu erreichen, wo wir den Winter zubringen wollten. Ich teilte Paulinen diesen Plan mit; sie lächelte traurig über die Hoffnung, welche ich auf diese Zerstreuung gründete, gab jedoch mit kindlicher Unterwürfigkeit zu Allem ihre Zustimmung. Wir reisten nun in den ersten Tagen des Septembers nach Ostende ab, durchflogen Flandern, gingen rheinaufwärts bis Basel, besuchten den Bieler und Neuburger See und verweilten einige Tage in Genf; dann durchstrichen wir das Berner Oberland, überstiegen den Brünig und kamen eben von Altorf, als du uns zu Fluelen am Vierwaldstädter See trafst, ohne dich mit uns vereinigen zu können.

Du wirst dir nun erklären können, warum wir dich nicht erwarten konnten. Pauline, die deine Absicht bemerkte, unser Fahrzeug zu benutzen, fragte mich nach deinem Namen und erinnerte sich sogleich, dich mehrere Male in Gesellschaft getroffen zu haben, sei, es bei der Gräfin M. . . oder bei der Prinzessin Bel. . . . Schon bei dem bloßen Gedanken, sich dir gegenüber zu befinden, nahm ihr Gesicht einen solchen Ausdruck von Schrecken an, daß ich meinen Schiffern befahl, das Fahrzeug mit Hilfe der Ruder vom Ufer zu entfernen, möchtest du auch von meiner Unhöflichkeit denken, was du wollest.

Pauline setzte sich auf den Boden des Fahrzeuges, ich ließ mich neben ihr nieder und sie stützte ihren Kopf auf meine Knie. Es waren gerade zwei Jahr, daß sie Frankreich verlassen hatte, eben so leidend, eben so auf mich gestützt. Ich hatte während dieser Zeit treulich die Verbindlichkeiten erfüllt, die ich übernommen hatte, ich hatte sie wie ein Bruder bewacht, wie eine Schwester geachtet, all' mein geistiges Streben war dahin gerichtet gewesen, ihr einen Schmerz zu sparen oder ihr Vergnügen zu bereiten; alle Wünsche meines Herzens liefen auf die Hoffnung hinaus, einst von ihr geliebt zu werden. Wenn man lange Zeit mit einer Person zusammen gelebt hat, so trifft es oft, daß ein und derselbe Gedanke in Beiden zugleich entsteht. Ich sah ihre Augen sich mit Tränen füllen, sie seufzte, drückte meine Hand und sprach:

Ach, wie gütig sind Sie?

Ich zitterte bei dieser auf meine Gedanken so treffenden Antwort.

Finden Sie, daß ich Alles getan habe, was ich zu tun schuldig war? sprach ich.

O, Sie sind der schützende Engel, meiner Jugend gewesen, welcher für einen Augenblick entschwunden war, den mir aber Gott unter dem Namen meines Bruders zurückgab!

Nun, und wollen Sie zum Lohne meiner Ergebenheit gar nichts für mich tun?

Ach! was könnte ich jetzt für ihr Glück tun? erwiderte Pauline; Sie lieben?. . . Alfred, im Angesicht dieses See's, dieser Gebirge, dieses Himmels, dieser erhabenen Natur, im Angesicht Gottes, der dieß Alles geschaffen hat, versichere ich Ihnen, daß ich Sie liebe. Ja, Alfred, ich liebe Sie und indem ich Ihnen dieß versichere, sage ich Ihnen nichts Neues.

O! ja, ja, ich weiß es, antwortete ich, aber es ist nicht genug, daß Sie mich lieben, Sie müssen Ihr Leben durch unlösbare Bande an das meinige binden. Dieser Schutz, welchen ich durch Ihre Gunst übernahm, muß für mich ein Recht werden.

Sie lächelte traurig.

Warum lächeln Sie? sagte ich zu ihr.

Weil Sie stets die irdische Zukunft und ich die des Himmels vor Augen habe. Noch immer!. . . sprach ich.

Keine Täuschung, Alfred. Täuschungen verbittern die Schmerzen und machen sie unheilbar. Wenn ich mich der Täuschung hingegeben hätte, glauben Sie, daß ich meine Mutter nicht von meinem Leben in Kenntniß gesetzt haben würde? Aber dann hätte ich meine Mutter und Sie zum zweiten Male verlassen müssen, und das wäre zu viel. So habe ich im Voraus Mitleiden mit mir selbst gehabt und mich einer großen Freude beraubt, um mir einen größeren Schmerz zu ersparen.

Ich machte eine bittende Bewegung.

Ich liebe Sie, Alfred! wiederholte sie, und ich werde Ihnen dieß so oft sagen, als mein Mund noch zwei Worte aussprechen kann; fragen Sie mich weiter nichts und wachen Sie selbst darüber, daß ich ohne irgend einen Vorwurf sterbe. . .

Was konnte ich tun, was konnte ich sagen gegen eine solche Überzeugung? Paulinen umarmen, mit ihr über das Glück weinen, welches uns Gott hätte gewähren können, und über das Unglücks welches das Schicksal über uns verhängt hatte.

Wir blieben einige Tage in Luzern, dann reisten wir nach Zürich ab und passierten den See und kamen nach Pfeffers. Hier wollten wir eine oder zwei Wochen bleiben, denn ich hoffte, daß die Heilquelle vorteilhaft auf Paulinens Gesundheit einwirken würde. Wir besuchten jene heilsame Quelle, auf welche ich meine Hoffnung gründete und begegneten dir bei der Rückkehr auf jenem schmalen Stege in dem dunkeln unterirdischen Gange. Pauline berührte dich fast und dieses zweite Begegnen verursachte ihr so große Unruhe, daß sie im Augenblicke abreisen wollte. Ich wagte nicht, ihr zu widersprechen und wir reisten auf der Stelle nach Konstanz.

Es unterlag für mich keinem Zweifel mehr, daß Pauline von Tage zu Tage auf eine auffallende Weise schwächer wurde. Du hast noch nie jene schreckliche Qual empfunden und wirst sie hoffentlich nie empfinden, welche uns das Gefühl verursacht, ein Herz, das wir lieben, unter unsern Händen absterben zu sehen, den Finger auf dem Puls jeden Tag einige fieberhafte Schläge mehr zu zählen und sich jedes Mal, wenn man diesen geliebten Körper in einem von Liebe und Schmerz gemischten Gefühle an' seine Brust drückt, sagen zu müssen, daß in einer Woche, in vierzehn Tagen, in einem Monate vielleicht diese Schöpfung Gottes, die lebt, denkt und liebt, nichts mehr als ein kalter Leichnam sein wird ohne Worte, ohne Liebe!

Was Paulinen betrifft, so schien sie, je näher die Zeit der Trennung herannahte, desto mehr die Schätze ihres Geistes und Herzens für diese letzten Augenblicke zu entwickeln. Ohne Zweifel erhellte meine Liebe diese Dämmerung ihres Lebens, aber dieser letzte Monat, welcher zwischen der Zeit, wo wir dich in Pfeffer trafen, und dem Abende lag, an welchem du von der Terrasse des Gasthofes am Lagio Maggiore jenen Strauß von Orangenzweigen in unseren Wagen fallen ließest, wird stets vor meinem Geiste stehen, wie vor dem Geiste der Propheten die Erscheinung der Engel stehen mußte, die ihnen das Wort des Herrn überbrachten.

So gelangten wir nach Arona. Hier schien mir Pauline bei dem ersten Windhauche aus Italien neu aufzuleben und wir wollten uns deshalb nur eine Nacht hier aufhalten, denn alle meine Hoffnung war jetzt auf Neapel gerichtet. Doch war sie am andern Tage so leidend, daß sie erst spät aufstehen konnte. Ich zog es deshalb vor, ein Fahrzeug zu mieten, statt die Reise nach Sesto-Calende im Wagen fortzusetzen. Gegen fünf Uhr des Abends schifften wir uns ein.

Je mehr wir uns diesem Orte näherten, desto deutlicher erschien uns in den warmen goldnen Strahlen der Sonne die kleine Stadt, ausgebreitet an den mit Gärten von Orangen, Myrthen und Rosenlorbeeren geschmückten Hügeln. Pauline war von dem Anblicke so hingerissen, daß ich neue Hoffnung für die Erheiterung ihres Gemütes schöpfte.

Sie denken gewiß, daß es sehr angenehm sein müsse, in dieser herrlichen Gegend zu leben?

Nein, erwiderte sie, ich dachte nur daran, daß es weniger schmerzhaft sein muß, hier zu sterben. Ich habe mir stets, fuhr sie fort, die Gräber mitten in einem schönen, von Wohlgerüchen durchdufteten Garten liegend geträumt, umgeben von Sträuchern und Blumen. Bei uns beschäftigt man sich nicht genug mit der letzten Wohnung derer, die wir lieben. Man schmückt das Bett, auf welchem sie einen Tag liegen und vergisst ihre Ruhestätte für die Ewigkeit. . . .. Wenn ich vor Ihnen sterben sollte, Alfred, sprach sie nach einem Augenblick des Schweigens weiter, und wenn Sie so edel wären, die Sorgfalt, welche Sie der Lebenden widmeten, auch der Toten noch ferner zu schenken, so wünschte ich, daß Sie sich dessen, erinnerten, was ich Ihnen eben gesagt habe.

O, Pauline! Pauline! rief ich, sie umarmend und sie konvulsivisch an mein Herz drückend, aus, reden Sie nicht so, Sie töten mich!

Nun wohl, mein Freund, es sei, erwiderte sie; ich wollte Ihnen dieß nur ein für allemal sagen, denn ich weiß, daß Sie es nie vergessen werden, wenn ich es Ihnen einmal gesagt habe. Sie haben Recht, sprechen wir nicht mehr davon. . . . Ich fühle mich überdies besser, der Aufenthalt in Neapel wird mir sehr wohltun; ich habe mich lange dahin gesehnt.

Ja, sagte ich, sie unterbrechend, bald werden wir in Neapel sein. Wir werden uns für diesen Winter ein kleines Haus in Sorrente oder Resina mieten, Sie werden dort den Winter zubringen, erwärmt von einer Sonne, die sich nie verbirgt, im Frühjahr werden Sie, wie die ganze Natur, zu neuem Leben erwachen. . . . Mein Gott, was fehlt Ihnen?. . .

O! wie leide ich, sagte Pauline, sich dehnend und die Hand auf die Brust legend. Sie sehen, Alfred, der Tod ist selbst auf unsere Traume eifersüchtig und sendet mir neue Schmerzen, um mich aus denselben zu wecken!. . .

Wir blieben nun in Schweigen versunken, bis zu dem Augenblicke, wo wir landeten. Pauline wollte gehen, allein sie war so schwach, daß ihre Füße sie nicht trugen. Es begann Nacht zu werden, ich nahm sie in meine Arme und trug sie bis zum Gasthaus.

Hier ließ ich mir ein Zimmer geben, welches an das ihrige stieß. Seit langer Zeit herrschte zwischen uns ein so heiliges, geschwisterliches, geweihtes Verhältnis, daß sie unter meinen Augen einschlief, wie unter denen einer Mutter. Wohl einsehend, daß sie leidender war, als je zuvor und daß es unmöglich sein werde, unsere Reise den folgenden Tag fortzusetzen, sandte ich mit Extrapost einen erpressen Boten in meinem Wagen nach Mailand, um den Dr. Scarpa zu holen.

Nun ging ich wieder zu Pauline. Sie lag im Bette; ich setzte mich ihr gegenüber. Es schien, als habe sie mir Etwas zu sagen, was sie nicht auszusprechen wage, denn ich überraschte sehr oft ihre Blicke, die mit einem noch nie bemerkten Ausdrucke des Zweifels auf mir hafteten.

Was wünschen Sie? sagte ich zu ihr, Sie scheinen mich Etwas fragen zu wollen und dennoch fehlt Ihnen der Mut, es zu tun. Schon mehrere Male habe ich bemerkt, daß Sie mich so ansehen: bin ich nicht Ihr Freund, Ihr Bruder?

O! Sie sind mehr als dieses, antwortete sie, es giebt keinen Namen für das, was Sie mir sind. Ja, ja, ein Zweifel peinigt mich, ein schrecklicher Zweifel! ich werde Ihnen dieß später erklären, in einem Augenblicke, wo Sie nicht wagen werden. Mir eine Unwahrheit zu sagen. Aber dieser Augenblick ist noch nicht gekommen. Ich betrachte Sie, um Sie so oft als möglich zu sehen. . . ich betrachte Sie, weil ich Sie liebe!. . .

Ich legte ihren Kopf sanft an meine Schulter und wir blieben wohl eine Stunde in dieser Stellung, während welcher ich ihren keuchenden Atem meine Wangen berühren und ihr Herz an meiner Brust schlagen fühlte. Endlich versicherte sie mir, daß sie sich wohler fühle und bat mich, in mein Zimmer zu gehen. Ich erhob mich, um ihren Wunsch zu erfüllen und wollte sie, wie gewöhnlich, auf die Stirn küssen, als sie ihre Arme um meinen Hals schlang und ihre Lippen auf meinen Mund preßte: Ich liebe dich! murmelte sie in einem Kusse, und ihr Kopf fiel auf das Kissen zurück. Ich wollte sie an meine Brust drücken, allein sie drängte mich sanft zurück, ohne die Augen zu öffnen. Laß mich. mein Alfred, sprach sie, ich liebe dich! Mir ist wohl. . . ich bin glücklich!. . .

Ich verließ das Zimmer, denn ich wäre nicht im Stande gewesen, in dieser exaltierten Stimmung, in welche mich jener fieberhafte Kuß versetzt hatte, noch länger dort zu verweilen, doch ließ ich die Tür offen, welche mein Zimmer mit dem ihrigen verband, um beim geringsten Geräusch bei der Hand zu sein. Anstatt mich aber zu Bett zu begeben, begnügte ich mich, nur meine Reisekleider abzulegen und ein Fenster zu öffnen, um mich einigermaßen zu erfrischen.

Der Balkon meines Fensters gewährte die Aussicht nach jenen reizenden Gärten, welche wir, uns Sesto nähernd, vom See aus bereits gesehen hatten. Inmitten der Citronengebüsche und dem Dickicht von Rosenlorbeeren erhoben sich beim Scheine des Mondes einige Statuen auf ihren Fußgestellen, weiß wie Schatten. Indem ich meine Augen unverwandt auf dieselben richtete, verwirrten sich meine Blicke; ich glaubte zu bemerken, wie sie sich belebten und mit ihren Händen nach der Erde zeigten. Diese Täuschung wurde so groß, daß ich mir einbildete, meinen Namen von ihnen rufen zu hören, ich fühlte mir an die Stirn, denn ich glaubte, wahnsinnig zu sein. Mein Name, zum zweiten Male von einer noch klagenderen Stimme gerufen, machte mich erzittern; ich kehrte in mein Zimmer zurück und horchte. Zum dritten Male drang mein Name zu meinen Ohren, aber noch schwächer die Stimme kam aus dem Nebenzimmer, es war Pauline, die mich rief; ich stürzte hinein.

Sie war es; im Begriff ihren Geist auszuhauchen, hatte sie nicht einsam sterben wollen und war, da ich nicht antwortete, in ihrem Todeskampfe aufgestanden, um mich zu suchen. Sie lag auf den Knien. Ich eilte auf sie zu, um sie in meine Arme zu nehmen; sie gab mir ein Zeichen, daß sie mich Etwas fragen wolle. Doch außer Stande zu sprechen und fühlend, daß ihr Ende nahe sei, ergriff sie den Ärmel meines Hemdes, riß ihn mit den Händen entzwei und entblößte so die kaum geschlossene Wunde, welche ich erst drei Monate vorher durch die Kugel des Grafen Horaz empfing. Mit dem Finger auf die Narbe zeigend, stieß sie einen Schrei aus, fiel zurück und schloß die Augen.

Ich trug sie auf ihr Bett und hatte kaum Zeit, meine Lippen auf die ihrigen zu drücken, um ihren letzten Seufzer aufzufangen.

Der Wille Paulinens wurde erfüllt. Sie ruht in einem jener Gärten, welche die Aussicht auf den See gestatten, mitten unter den Wohlgerüchen der Orangen und dem Schatten der Myrrhen und Rosenlorbeeren.

Ich weiß es, erwiderte ich Alfred, denn ich war vier Tage später in Sesto, nachdem du es verlassen hattest und habe auf ihrem Grabe gebetet, ohne zu wissen, wen es umschließe.

Ende
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Дата выхода на Литрес:
04 декабря 2019
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