Читайте только на Литрес

Книгу нельзя скачать файлом, но можно читать в нашем приложении или онлайн на сайте.

Читать книгу: «Die Taube»

Шрифт:

Die Taube

Erster Brief

5. Mai 1637.

Schöne Taube mit silbernem Gefieder, mit schwarzem Halsbande und rosigen Füßen, da Dir Dein Gefängnis so grausam scheint, daß Du Dich an den eisernen Stangen Deines Kerkers zu tödten drohest, so gebe ich Dir die Freiheit wieder. Da Du mich aber ohne Zweifel nur verläßt, um wieder zu einer Person zu gehen, welche Du mehr liebst als mich, so ist es an mir, Dich wegen Deiner achttägigen Abwesenheit zu rechtfertigen. Ich bezeuge daher, daß ich Dir den Dienst, den ich Dir erwiesen hatte, mit einer ewigen Gefangenschaft habe bezahlen lassen wollen, so sehr ist das menschliche Herz selbstsüchtig, daß es Nichts zu thun weiß, ohne für das, was es gethan hat, die Bezahlung oft nach seinem doppelten Werthe zu verlangen. So geh denn, lieblicher Bote, kehre zurück, um mit Dir selbst mein Bedauern dem oder der zu überbringen, welcher Dich trotz der Entfernung ruft, und die Du trotz des Raumes mit den Augen suchst. Dieses Billet, das ich an Deinen Flügel befestige, ist der Schutzbrief Deiner Treue. So leb denn nochmals wohl; das Fenster öffnet sich, der Himmel erwartet Dich. . . Leb wohl!

Zweiter Brief

6. Mai 1637.

Haben Sie Dank, wer Sie auch sein mögen, daß Sie mir meine einzige Gefährtin zurückgegeben haben; aber, wie Sie sehen hat Ihre fromme Handlung ihre Belohnung; wie als ob der reizende Bote, der mir Ihr Billet überbracht hat, verstanden hätte, daß ich Ihnen Dank abzustatten hätte, und daß, da ich nicht weiß, wo Sie wohnen, meine einzige Furcht war, von Ihnen der Kälte beschuldigt zu werden. Diese selbe Unruhe, welche sie bei Ihnen befallen hatte, hat sie bei mir befallen. Gestern war ihre Rückkehr ganz der Freude gewidmet, mich wiederzufinden, aber heute Morgen, sehen Sie wie veränderlich sie ist, heute Morgen war ich ihr nicht mehr genug, sie stieß mit ihrem Schnabel und mit ihren Flügeln, nicht an die eisernen Stangen ihres Käfigs, denn sie hat niemals einen Käfig gehabt, sondern an die Scheiben meines Fensters, sie will nicht mehr mir allein angehören, sie will uns beiden angehören. Es sei, gegen die Meinung vieler denke ich, daß man das, was man besitzt, dadurch verdoppelt, daß man es theilt. Wir werden also künftig, hin beide eine Iris haben, und bemerken Sie, daß ich sie ohne Zweifel in der Voraussicht Iris genannt hatte, daß sie eines Tages unsere Botin sein würde, Ihre Iris, welche Ihnen meine Briefe überbringen wird, meine Iris, welche mir die Ihrigen überbringt, denn wie ich hoffe, werden Sie wohl so gefällig sein, mir zu sagen, welches der Dienst ist, den Sie ihr erwiesen haben, und wie sie in Ihre Hände gefallen war. Es verwundert sie vielleicht, daß ich mich sogleich Anfangs und auf das erste Mal Ihnen, dem Unbekannten oder der Unbekannten hingebe. Aber Sie sind gut, da Sie mir meine Taube zurückgesandt haben, dann haben Sie mir dieselbe mit einem Billet zurückgesandt, welches den oder die, wer es geschrieben hat, als eine ausgezeichnete und geistvolle Person andeutet; nun aber sind alle erhabenen Seelen Schwestern, alle erhabenen Geister sind Brüder, behandeln Sie mich daher als Bruder oder als Schwester, wie Sie wollen, denn ich habe das Bedürfniß, Jemand diesen Namen Bruder oder Schwester zu geben, den ich Niemanden gegeben habe.

Iris, meine schöne Freundin, Du wirst dahin zurückkehren, von woher Du kommst, und Du wirst dem oder der, welcher Dich mir zurückgesandt hat, sagen, daß ich Dich ihm oder ihr zurücksende, und füge hinzu, daß ich es vorziehen würde, daß es an sie als an ihn wäre.

Geh, Iris, und bedenke, daß ich Dich erwarte.

Dritter Brief

Am selben Tage, nachdem
das Angelus geläutet.
Meine Schwester,

Sie werden weder Iris, noch mich beschuldigen, nicht wahr? Ich war nicht in meinem Zimmer, als Ihre Botin angekommen ist; nur stand das Fenster offen, um die ersten Hauche der Abendluft aufzunehmen. Iris ist hineingeflossen, und, wie als ob das reizende kleine Geschöpf verstanden hätte, daß es einen Brief zu übergeben und eine Antwort zurückzubringen hätte, hat es geduldig meine Rückkehr abgewartet, und als ich zurückgekehrt bin, ist es von dem Brette, auf das es sich gesetzt hatte, auf meine Schulter geflogen.

Ach! in dem Sturze, den ich durch die verschiedenen Stufen der menschlichen Größe gemacht habe, habe ich auf beiden Seiten des Weges gar viele traurige oder freudige Gemüthsbewegungen gefunden. Nun denn! keine ist trauriger als die gewesen, von der ich mich ergriffen fühlte, als ich, indem ich Ihnen Ihre Taube zurücksandte, von der ich nicht einmal den Namen kannte, einen vorherbestimmten Namen, wie Sie mir selbst gesagt haben, ich geglaubt habe, mich für immer von ihr zu trennen. Keine ist freudiger gewesen als die, welche ich empfunden habe, als ich, indem ich mich von ihr für immer getrennt zu haben glaubte, sie in meinem Zimmer erblickt und die Frische ihres Flügels meine Wange habe lieblosen fühlen, indem sie sich auf meine Schulter setzte. O mein Gott! Du schaffst also für den Menschen, diesen ewigen Sclaven Alles dessen, was ihn umgibt, relative Freuden und Schmerzen! und der, welcher nicht geweint hat, als er fast ein Königreich verlor, der, welcher bei dem Winde des Beiles nicht geschaudert hat, welches die Köpfe um ihn herum abschlug, der wird eines Tages weinen, indem er einen Vogel in den Raum entfliehen sieht, der wird schaudern, indem er die Bewegung fühlt, welche die bewegte Feder einer Taube in der Luft verursacht. Das ist eines Deiner Geheimnisse, o mein Gott! und Du weißt, ob Deine göttlichen Geheimnisse einen demüthigeren und inbrünstigeren Verehrer haben, als den, der in diesem Augenblicke am Fuße des Kreuzes Deines göttlichen Sohnes kniet, um Dich zu preisen und um Dich zu segnen!

Das ist also Alles, was ich mir gesagt habe, als ich die arme Taube wiedersah, die ich für verloren hielt, bevor ich nur noch das Billet gelesen hatte, dessen Ueberbringer sie war. Dann, als ich dieses Billet gelesen hatte, bin ich in eine tiefe Träumerei versunken.

– Wozu nützt es? fragte ich arme Schiffbrüchiger mich, als ich mich bereits mit dem Sturme ausgesöhnt und mit dem Tode vertraut gemacht hatte; wozu nützt es, mich, der ich in der Unermeßlichkeit des Oceans verloren bin, an diesen schwimmenden Balken zu klammern, vielleicht die letzten Trümmer eines wie das meinige zerschmetterten Schiffes, den viel eher der Zufall als die Vorsehung in den Bereich meiner Hand getrieben hat? Würde ich mich nicht, wenn ich mich von der Hoffnung ergreifen ließe, auch zugleich von der Versuchung ergreifen lassen? Hatte ich denn, ohne es zu wissen, irgend einen Schooß meines Rockes in diese Thür geklemmt, welche sich auf die Welt öffnet, und hatte mich ich nicht, wie ich es glaubte, den Eitelkeiten und den Täuschungen der Erde gänzlich entrissen?

Wie Sie sehen, meine Schwester, war das ein reichlicher Stoff um zu träumen und um zu überlegen: Gott über meinem Haupte, den Abgrund unter meinen Füßen, überall um mich herum die Welt, welche ich nicht mehr sah, weil ich die Augen verschloß, die ich nicht mehr hörte, weil ich die Ohren verschloß, die ich aber wie in der Vergangenheit brausen hören werde, die ich aber von Neuem wirbeln sehen werde. So unvorsichtig ich auch sein möge, ich öffne die Ohren und die Augen wieder.

Aber vielleicht sehe ich mit meiner Einbildungskraft über die Wirklichkeit hinaus; vielleicht habe ich einen Vorfall ohne Gewalt und ohne Belang zu der Höhe eines Ereignisses erhoben.

Sie verlangen eine einfache Erzählung, meine Schwester, ich will sie Ihnen machen. Vor acht Tagen saß ich in dem Garten, ich las, – wollen Sie wissen, welches Buch ich las, meine Schwester? – Ich las jenen Schatz von Liebe, von Religion und von Poesie, den man die Bekenntnisse des heiligen Augustin nennt. Ich las, und alle meine Gedanken waren in die des seligen Bischofs versunken, der eine Heilige zur Mutter hatte, und der gleichfalls ein Heiliger wurde.

Plötzlich hörte ich über meinem Haupte etwas wie einen Flügelschlag; ich erhob die Augen, und eine Taube, die so nahe von einem Sperber verfolgt war, daß sie bereits einige ihrer Federn in den Krallen und in dem Schnabel des Raubvogels gelassen hatte, stürzte zu meinen Füßen, indem sie mich um Hilfe bat. Gott, für dessen Majestät ein fallender Sperling gleich einem einstürzenden Reiche ist, Gott hatte diesem armen Vogel gesagt, daß in mir der Schutz läge, wie in dem Sperber die Drohung lag.

Wie dem auch sein mochte, ich nahm sie ganz zitternd und sogar ein wenig blutig; ich steckte sie in meinen Busen, wo sie sich mit geschlossenen Augen und klopfendem dem Herzen legte, dann trug ich sie bei dem Anblicke des Sperbers, der sich auf dm Gipfel einer Pappel gesetzt hatte, in meine Zelle.

Fünf bis sechs Tage lang verließ der Sperber seinen Beobachtungsplatz nur für einige Augenblicke, und ich sah ihn Tag und Nacht regungslos auf dem dürren Zweige, wo er seine Beute belauerte.

Die Taube ihrerseits fühlte ohne Zweifel seine Gegenwart, denn, traurig aber wie ergeben, ging sie während dieser fünf bis sechs Tage nicht einmal an das Fenster.

Endlich verschwand vorgestern der Sperber, und der Instinct der Gefangenen sagte ihr, daß ihr Feind es müde geworden wäre, denn fast sogleich flog sie so gewaltig gegen die durchsichtige Scheibe, daß sie dieselbe beinahe zerbrochen hätte.

Von nun an war ich für sie kein Beschützer mehr, sondern ein Kerkermeister; mein Zimmer hörte auf eine Zufluchtsstätte zu sein, und wurde ein Gefängniß. Einen ganzen Tag lang versuchte ich sie mit mir zu versöhnen, einen ganzen Tag lang hielt ich sie zurück, und sie sträubte sich. Endlich hatte ich gestern Mitleid mit ihr, ich schrieb den Brief, den Sie erhalten haben, und mit Thränen in den Augen machte ich das Fenster auf, durch welches ich sie für immer verschwinden zu sehen glaubte.

Seit dem habe ich sehr oft an diesen Sperber gedacht, der sich regungslos und lauernd auf dem höchsten Zweige dieser Pappel aufhielt, und ich sah in ihm das Symbol jenes Feindes des Menschengeschlechtes, den man brüllen hört, aber den man nicht sieht, und der beständig um uns herum schwärmt, quaerens quem devoret, indem er Jemand sucht, um ihn zu verzehren.

Und jetzt, wenn ich ein Vergnügen empfände, das mich erschreckt, diese Taube wieder zu sehen und Ihre Briefe zu empfangen, so würde ich Ihnen sagen:

Erzählen Sie mir jetzt, meine Schwester, wo ich Ihnen gesagt habe wie Iris zu mir gekommen ist, wie Iris Sie verlassen hat.

Morgen wird der Strahl des Tages mein Fenster offen finden, und nach diesem ersten Strahle wird Ihre Botin abreisen, indem sie Ihnen diese Antwort üben bringt.

Mögen bis dahin alle die geflügelten Kinder, welche man die Träume nennt, sich ehrerbietig auf Ihr Lager neigen, und Ihre Stirn mit dem Schlage ihrer Flügel erfrischen.

Vierter Brief

11. Mai, nach dem Morgengebet.

Ich habe drei Tage verstreichen lassen, um Ihnen zu antworten, wie Sie aus dem Datum meines Briefes sehen, das kommt daher, weil der Ihrige keinen Zweifel übrig ließ. Ich hoffte Sie meine Schwester zu nennen, und ich muß darauf verzichten Ihnen zu schreiben oder Sie meinen Bruder nennen.

Sie fürchten, wie Sie sagen, einen Schooß Ihres Gewandes in die Thür geklemmt zu haben, welche sich nach der Welt öffnet. Sie sind also aus der Welt in die Einsamkeit übergegangen?

Sie sind durch die verschiedenen Stufen der menschlichen Größe gefallen, sagen Sie ferner. Sie waren also auf den ersten Rang der Gesellschaft gestellt, daß Ihr Sturz so viele Zwischenräume durchzogen hat.

Sie haben fast ein Königreich verloren, und Sie haben bei dem Winde des Beiles nicht geschaudert, welches die Köpfe um Sie herum abschlug, sagen Sie gleichfalls. Sie haben also das Leben der Großen gelebt, Sie haben also Theil an den Kämpfen der Fürsten genommen?

Wie wollen Sie, daß ich alles das mit Ihrem Alter vereinige, denn Sie sind jung, mit Ihrer Demuth, denn Sie sprechen auf den Knien?

Und welches Interesse hätten Sie indessen, mich zu täuschen? Sie kennen mich nicht; Sie wissen nicht ob ich von Adel oder dienstpflichtig, jung oder alt, häßlich oder hübsch bin?

Uebrigens kümmert, es Sie eben so wenig, zu wissen wer ich bin, als mich zu wissen, wer Sie sind. Wir sind zwei einander fremde, von einander getrennte, einander unbekannte Wesen, die keins Macht materieller Weise zu vereinigen vermöchte.

Aber außer der materiellen Vereinigung gibt es die Mittheilung des Gedankens; außer dem Gefühlt und dem Gesichte des Körpers gibt es die Verbrüderung der Seelen, das geheimnißvolle Liebesmahl, bei welchem man aus demselben Becher das Wort des Herrn und die Flammenstrahlen des heiligen Geistes trinkt.

Das ist Alles, was ich Ihnen wünsche, Alles was Sie von mir wollen können.

Wenn, dieses festgesetzt, es. irgend eine Sympathie zwischen unseren Geistern, irgend eine Verwandtschaft zwischen unseren Seelen gibt, welches Unrecht kann in den Augen. des Herrn darin liegen, daß unsere Geister und unsere Seelen durch den Raum miteinander umgehen, wie es die Strahlen zweier befreundeter Sterne machen würden, die sich in den luftigen Einöden des Firmamentes kreuzen?

Hören Sie jetzt, wie die arme Iris mein Zimmer verlassen hatte.

Am Abende vor dem Tage, an. welchem Sie ihr das Leben gerettet haben, betete ich knieend; meine Lampe stand neben den Vorhängen meines Bettes. Gegen Mitternacht schlief ich betend ein. Vielleicht zehn Minuten nachher ging weine schlecht verschlossene Thür von dem Winde getrieben auf; meine aufgehobenen Vorhänge wallten, erreichten die Lampe und fingen Feuer. In einem Augenblicke war mein Zimmer, welches klein ist, voller Flamme und Hitze. Ich erwachte halb erstickt. Meine arme Taube flatterte an des Decke, indem sie sich in Mitte des Rauches abkämpfte. Ich eilte nach dem Fenster und machte es auf. Kaum war das Fenster offen, als sie hinausflog, und ich sie sich in der Dunkelheit an die Zweige wohlbekannter Bäume stoßen hörte, auf deren Zweigen sie einen Theil des Tages spielt. In der Hoffnung, daß sie mit Tagesanbruch zurückkehren würde, ließ ich mein Fenster offen; aber der Tag kam und verfloß, ohne daß ich sie wieder sah. Durch die Feuersbrunst erschreckt, war sie ohne Zweifel so lange geflohen, als sie fliegen konnte. Am folgenden Tage wird sie bei ihrer Rückkehr durch den Sperber verfolgt worden sein, gegen den sie Sie um Hilfe gebeten hat. Sie haben Sie aufgenommen, behalten, und ich hielt, sie für verloren, als ich plötzlich mit einem Flügel gegen meine Fensterscheibe habe schlagen hören. Ich habe mein Fenster geöffnet; es war die Flüchtige, welche ihre Entschuldigung mitbrachte, der aber, hätte sie dieselbe nicht mitgebracht, im Voraus. verziehen war.

Das ist die Geschichte der armen Iris? Ist das Alles, was Sie wissen wollen? und haben Sie mich um nichts Anderes mehr zu fragen? In diesem Falle wird unsere Botin ohne Brief und ohne Billet zurückkehren.

Ich werde wissen, was das bedeuten soll, und ich werde Ihnen von hier aus schreiben.

Gott befohlen, mein Bruder, der Herr sei mit Ihnen!

Fünfter Brief

Den 11. Mai, mit Tagesanbruch.

Iris ist ohne Brief oder Billet zurückgekehrt. Die arme Kleine hatte eine ganz betrübte Miene, so ihres Ranges als Botin entsetzt wieder zu erscheinen, sie hob von selbst ihren Flügel auf, wie um mich zu fragen, was das bedeuten solle.

Das will sagen, liebe Iris, daß Du mir allein angehörst, daß der Tag, der an unserem dunkeln Himmel entstanden war, erloschen ist, daß der Bruder ein Fremder, daß der Freund ein Gleichgültiger war.

Und dieses, liebe Kleine, schreibe ich für mich allein. Diese Klage meiner Seele, welche in ihrer Einsamkeit jammert, wird nicht bis zu ihm gelangen, ich sage es Dir, daß ich leide, ich sage es Dir, daß ich weine, ich sage es Dir, daß ich unglücklich bin.

Ach!ach! mein Gott, verirrt sich Deine Gerechtigkeit nicht zu weilen, und treffen nicht die Streiche, welche Du den Schuldigen vorbehältst, von irgend einem unsichtbaren und bösen Engel abgewandt, die Unschuldigen? Man sagt uns, daß die Leiden dieses Lebens die Glückseligkeit des andern vorbereiten, aber warum Leiden für die, welche nichts gethan hat, die vielleicht einen Fehltritt, die aber gewiß kein Verbrechen zu büßen hat? Warum die Verzeihung Jesus für die Magdalena? warum die Nachsicht Christus für die Ehebrecherin? warum diese Strenge gegen mich, gegen mich allein, mein Gott!

Ich habe geliebt, es ist wahr; aber indem ich liebte, habe ich einer anderen Liebe geantwortet; ich war für das Leben der Welt, und nicht für das Leben des Klosters geboren. Indem ich liebte, habe ich das von Dir den Thieren, den Menschen, den Pflanzen auferlegte Gesetz befolgt. Alles liebt auf dieser Welt, Alles sucht sich zu vereinigen, und sich in ein und dasselbe Leben zu verschmelzen; die Bäche mit den Flüssen, die Flüsse mit!den Strömen, die Strome mit dem Ocean. Diese Sterne, welche des Nachts den Himmel durchziehen, indem sie von einem Horizonte aufbrechen, das Firmament mit einer, goldenen Linie durchfurchen, und an dem entgegengesetztem Horizonte erlöschen, gehen, um in dem Schooße eines anderen Sternes zu erlöschen; selbst unsere Seelen, diese Ausströmungen Des göttlichen Hauches, suchen auf der Erde nur eine andere Seele, um sich eine Gefährtin der Liebe aus ihr zu machen, und wenn sie unseren Körper verlassen, um sich mit demselben Fluge in Dir zu verschmelzen, der Du die allgemeine Seele und die Liebe ohne Ende bist.

Nun denn! mein Gott, ich hatte mich einen Augenblick lang bei der Hoffnung gefreut, an dem äußersten Ende meines Horizontes eine unbekannte, aber schwesterliche Seele wiedergefunden zu haben, eine Schwester für das Leiden, denn bei dem ersten Klagen hatte ich gesehen, daß es der Mund des Herzens war, der sich beklagt. Warum, arme leidende Seele, willst Du nicht Deinen Antheil an meinem Kummer nehmen, wie ich meinen Antheil an Deinem Schmerze nehmen werde? Es ist das Gesetz, daß die getheilten Lasten weniger schwer sind, und daß die Last welche zwei einzelne Kräfte erdrückt, zuweilen zwei vereinigten leicht erscheint.

Da läutete es zum Gebete; Du rufst mich, mein Gott! und ich gehe zu Dir! ich gehe zu Dir in dem Vertrauen auf meine Reinheit, mit offenem Herzen, damit Du in ihm lesen kannst, und wenn ich Dich durch irgend eine That oder irgend eine Unterlassung erzürnt hätte, o mein Gott! so laß es mich durch ein Zeichen, durch eine Eingebung, durch irgend eine Offenbarung wissen, und ich werde mit der Stirn im Staube, mit ausgestreckten Händen vor Deinem Altare auf den Knieen bleiben, bis daß Du mir verziehen hast.

Du, liebe Taube, sei die treue Bewahrerin dieser Gedanken meines schwachen Herzens, dieser Regung meiner armen Seele! bedecke mit Deinem Flügeln dieses Papier, das ich zusammenfalte um es den Blicken Aller zu entziehen, und das mich erwarten wird wie die halb gefüllte Schale den Rest des bitteren Trankes erwartet, der ihm verheißen ist.

Sechster Brief

11. Mai, Mittags.

In der Tat, Sie haben richtig errathen, arme geängstigte Seele; ich hatte beschlossen, Ihnen nicht mehr zu schreiben, denn wozu nützt es, wenn man im Grabe liegt, darauf zu beharren, die Hände herauszuschrecken, wenn es nicht geschieht, um sie zu Gott zu erheben? Aber eine Art von Wunder hat meinen Entschluß geändert. Diesen Brief, den Sie für sich allein geschrieben hatten, diesen Brief, den Sie für sich allein geschrieben hatten, diesen Brief, in welchem Sie Ihre Stelle zu den Füßen des Herrn ausschütten, diesen Brief, den Vertrauen Ihrer Gedanken, den halb mit Bitterkeit gefüllten Becher, der bei Ihrer Rückkehr unter Ihrem Thränen übertreten sollte,diesen Brief hat die dies Mal ungetreue Taube mir gebracht, nicht mehr von Ihnen unter ihre Flügel gebunden, sondern von selbst, in ihrem Schnabel, wie die Taube der Arche den grünen Zweig trug,welcher andeutet, daß die Gewässer auf der Oberfläche des Erdballes abzulaufen begönnen, wie endlich die Thränen auf dem Gesichte eines Sünders versiegen,dem verziehen ist.

Wohlan! Es sei, ich nehme es an, einen Theil Ihres Schmerzes zu tragen; denn auch ich gehöre mir selbst nicht mehr an, und aus den Kräften, die Gott mir gelassen hat, muß ich einen Hebel machen, um das Unglück Anderer aufzuheben. Von diesem Augenblicke an ist meine Seele leer von meinem eigenen Mißgeschicke; schütten Sie das Ihrige darin aus, Bach, der Sie einen Fluß suchen, um sich mit ihm zu vereinigen, Meteor, das einen Stern sucht, in dem es erlösche.

Sie fragen weshalb Sie leiden, da Sie nichts gethan haben. Nehmen Sie sich in Acht! Sie fragen Gott, und von der Frage zu der Lästerung ist die Entfernung nicht weit, der Fall rasch.

Unser Stolz ist unser größter Feind hienieden. Man sagt, daß es in diesem Augenblicke einen Philosophen gibt, der die ganzes Natur in Wirbel eingetheilt hat. Nach der Rechnung dieses Philosophen wäre jeder Fixstern eine Sonne, – der Mittelpunkt einer Welt wie die unsrige, – und alle diese Welten, den Gesetzen des Gleichgewichtes unterworfen, kreiseten und drehten sich in dem Raume, jetzt um ihren Mittelpunkt herum, ohne sich zu stoßen, noch sich zu verwirren.

Nicht wahr, das ist ein System, das Gott sehr vergrößern, aber den Menschen auch sehr verkleinern würde?

Demnach also kann sich unsere arme Welt wieder in Millionen von Welten eintheilen. Unser Stolz läßt Jeden von uns glauben, daß wir eine Sonne, der Mittelpunkt eines Wirbels sind, während wir höchstens einer der Atome, einer der Sandkörner sind, welche der Hauch des Herrn zu Millionen sich um jene mehr oder minder glänzenden Sterne kreisen und drehen läßt, die man die Könige, die Kaiser, die Fürsten, die Helden, kurz die Mächtigen dieser Welt nennt, denen Gott als Zeichen ihrer Macht den Zepter oder Krummstab, die Tiare oder das Schwert gegeben hat.

Nun denn! wer sagt Ihnen, daß die unmateriellen Dinge nicht wie die materiellen Dinge abgewogen werden? Wer sagt Ihnen, daß das Unglück der einen Welt nicht zu dem Glück der anderen beiträgt? Wer sagt Ihnen, daß es nicht eines der Gesetze der moralischen Natur ist, daß die eine Hälfte des Herzens in Thränen sei, damit die andere Seite in der Freude sei, wie die eine Seite der Erde in der Dunkelheit sein muß,damit die andere in dem Lichte ist?

Sagen Sie mir doch Ihr Unglück, arme betrübte Seele, denn welches Ihr Unglück auch sein mag, ich bin überzeugt, daß es nicht die Höhe des meinigen erreicht; – sagen Sie es und ich hoffe, – daß ich einen Trost für jede Ihrer Klagen, – einen Balsam für jede Ihrer Wunden haben werde.

Aber, ich bitte Sie inständigst, trinken Sie Ihrerseits aus dem Bache meiner Worte, ohne die Quelle zu suchen, von welcher sie ausgeht, – machen Sie es wie die schwarzen Äthiopier und die bleichen Söhne Ägyptens, welche Ihren Duft an den Ufern des Nils stillen, und Sie die glauben würden, eine Gottlosigkeit zu begehen, wenn sie an dem Flusse bis zu seiner Quelle hinaufgingen.

Nach einigen Worten,die mir entschlüpft sind, haben Sie gemeint in meinem vergangenen Leben zu lesen; Sie haben aus mir einen Großen dieser Welt gemacht; – Sie haben geglaubt, daß ein Lichtstrahl meinen Sturz begleitet hätte, und daß ich wie ein vom Blitz getroffener Engel aus dem Himmel auf die Erde gefallen wäre. Enttäuschen Sie sich zuvörderst; ich bin ein geringer Mönch, der einen geringen Namen führt; – von meiner finsteren oder glänzenden, niedrigen oder stolzen Vergangenheit habe ich alles Andenken verloren, und, minder hellsehenden dem Leben, als der Philosoph des Altertums, welcher sich erinnerte bei der Belagerung von Troja gekämpft zu haben,es in der dem Tode war, erinnere ich mich heute nicht mehr des Gestern, und morgen werde ich mich nicht mehr des heute erinnern.

So will ich Schritt vor Schritt der Ewigkeit zuschreiten, indem ich jede Spur verlösche, die ich hinter mir zurücklasse, um an dem Tage meines Todes so vor dem Herrn zu erscheinen, als ich aus dem Schoße meiner Mutter hervorgegangen bin; – Solus Pauper et nudus: – allein, arm und nackend.

Gott befohlen, meine Schwester verlangen Sie nicht mehr von mir,als ich Ihnen geben kann, damit ich Ihnen immer geben kann.

Siebenter Brief

12. Mai.

Ja, Sie haben Alles begriffen; ja, während ich zu den Füßen Gottes kniete, indem ich von ihm Rechenschaft über seine Strenge verlangte,statt ihn über meine Zweifel um Verzeihung zu bitten, gab mir Gott durch eine Art von Wunder diesen Trost wieder, den ich mir genommen glaubte, und unsere durch ihre Ergebenheit ungetreue Botin überbrachte Ihnen von selbst diese Ueberfülle meiner Gedanken, oder vielmehr meines Herzens, welche auf das Papier übergetreten war.

Sie wollen unbekannt bleiben; es sei! was liegt mir daran, daß die Sonne sich in den Wolken verbirgt, daß das Feuer sich in seinem Rauche verschleiert, wenn durch den Rauch oder durch die Wolke, der Strahl der einen mich erleuchtet oder die Flamme des anderen mich erwärmt? Gott auch ist unsichtbar und unbekannt; fühlt man darum weniger die Hand Gottes über die Welt ausgestreckt?

Ich werde Ihnen nicht sagen, daß ich eine geringe Frau bin; ich sage Ihnen: Ich bin von Adel gewesen, ich bin reich gewesen, ich bin glücklich gewesen; ich bin nichts von alle dem mehr, ich habe von ganzer Seele einen Mann geliebt, der auch mich von ganzer Seele liebte; dieser Mann ist gestorben; die eisige Hand des Schmerzes hat mich meiner weltlichen Kleider entledigt,und mich mit dem heiligen Gewande angethan, ein einstweiliges Gewand, ein Leichenschmuck derer, die nicht mehr leben, und die gleichwohl noch nicht gestorben sind.

Sehen wir jetzt,wo die Wunde ist.

Ich bin ins Kloster gegangen,um den zu vergessen der gestorben ist, und mich nur an Gott zu erinnern, und zuweilen vergesse ich Gott, um mich nur dessen zu erinnern, der todt ist

Deshalb beklage ich mich, deshalb jammere ich; deshalb rufe ich dem Herrn zu, Herr, habe Erbarmen mit mir! O! sagen Sie mir, wie Sie es angefangen haben, um Ihre Seele von diesem Schmerze zu leeren, der sie erfüllte. Haben Sie es ausgeschüttet, wie man einen Becher ausschüttet? Ich thue es so in meinen Gebeten, und nach jedem Gebete finde ich meine Seele noch immer mehr mit irdischer Liebe erfüllt, als vorher, wie als ob sie statt die Bitterkeit auszuschütten, welche sie enthält, nur eine neue Bitterkeit aus dem glühenden See zu schöpfen gewußt hätte, indem sie sich zu ihm neigte.

Ihre Antwort wird einfach sein und ich höre sie im Voraus: »Ich habe niemals geliebt.«

Mit welchem Rechte rühmen Sie sich dann, gelitten zu haben, wenn Sie niemals geliebt haben?

Sie hätten damit anfangen und mir sagen müssen: »Ich habe niemals geliebt.«

Dann hätte ich weder Beistand noch Trost von Ihnen verlangt; dann hätte ich Ihre Entfernung und Ihr Schweigen nicht allein angenommen, sondern ich wäre auch an Ihnen vorübergegangen, wie man an einem Marmor vorübergeht, dem,der Bildhauer eine menschliche Gestalt gegeben hat, in dessen Brust aber niemals ein Herz geschlagen hat.

Wenn Sie niemals geliebt haben, so bin ich es, die Ihnen dieses Mal sagt: Antworten Sie mir nicht, wir gehören nicht derselben Welt an, wir haben nicht dasselbe Leben gelebt. Ich habe mich durch den Schein getäuscht, wozu nutzt es, von nun an unnöthige Worte auszuwechseln. Sie werden das nicht verstehen, was ich sage; ich werde das nicht verstehen, was Sie sagen werden. Wir sprechen nicht dieselbe Sprache.

O! wenn Sie aber im Gegentheile geliebt hätten, so sagen Sie mir wo, sagen Sie mir wen, sagen Sie mir wie, oder, wenn Sie mir von alle dem nichts sagen wollen, so sprechen Sie mir von den gleichgültigsten Dingen, gleichviel von welchen, alle werden mir interessant sein, nichts wird mir nutzlos sein, sagen Sie mir, wie Ihr Zimmer ist, ob es sich nach Osten oder nach Westen, nach Süden oder nach Norden öffnet; ob Sie die Sonne begrüßen, wenn sie erscheint, ob Sie Abschied von ihr nehmen, wenn sie flieht, oder ob Sie, die Augen durch die glühenden Strahlen ihres Mittags geblendet, das Antlitz Gottes in Mitte ihres unauslöschlichen Ausstrahlens zu erkennen suchen. Sagen Sie mir Alles das, dann, sagen Sie mir noch das, was Sie v0n Ihrem Fenster aus sehen, Ebenen oder Berge Gipfel oder Thäler, Bäche oder Flüsse, einen See oder den Ocean; sagen Sie mir Alles das, ich werde meinen Geist mit allen diesen geheimnißvollen Problemen des durch den Willen sichtbar gemachten Unbekannten beschäftigen, und vielleicht wird es meinem Herzen, durch meine Gedanken zerstreut, gelingen zu vergessen, wäre es auch nur einen Augenblick lang.

Nein, nein, nein, sagen Sie mir Nichts von alle dem; ich will nicht vergessen.

Achter Brief

13. Mai.

Der, den Sie geliebt haben, ist gestorben,deshalb haben Sie noch Thränen; die, welche ich geliebt habe, hat mich verrathen, deshalb habe ich keine mehr!

Sprechen Sie mir von ihm so lange als Sie wollen, verlangen Sie nicht, daß ich Ihnen von ihr spreche.

Seit vier Jahren bewohne ich ein Kloster, und doch bin ich noch nicht Priester!

Warum das? werden Sie mich fragen.

Als ihre Liebe, die das letzte Band war,welches mich an das Leben fesselte, mir gefehlt hat, bin ich in eine solche Verzweiflung versunken, daß es kein Verdienst von mir war, mich in Folge eines solchen Schmerzes Gott zu widmen. Nun habe ich abgewartet, daß diese Verzweiflung sich beruhigte, damit der Herr mich nicht empfing, wie der Abgrund den Blinden oder den Sinnlosen empfängt, der sich hineinstürzt,sondern wie in gastfreundlicher Wirth den ermüdenden Pilger empfängt, der ihn am Ende eines beschwerlichen Marsches, am Ende eines mühseligen Tages um die Ruhe der Nacht zu bitten kommt.

Ich wollte ihm ein inbrünstiges Herz und kein gebrochenes Herz, einen Körper und nicht eine Leiche darbringen.

Und es sind jetzt vier Jahre her, daß ich mich durch die Einsamkeit absondere,daß ich mich durch das Gebet reinige, und ich habe bis jetzt nicht gewagt,das Gewandt des Novizen mit der Kutte des Mönches zu vertauschen, so viel bleibt noch von dem alten Menschen in mir, so sehr finde ich, daß es eine Ruchlosigkeit wäre, mich dem Schöpfer so unvollständig zu widmen, nachdem ich mich dem Geschöpfe so vollständig hingegeben hatte.

Jetzt kennen Sie von meinem vergangenen und geheimen Leben alles das, was Sie von meinem gegenwärtigen und äußern Leben wissen können, hier ist das, was ich Ihnen sagen kann.

Ich bewohne nicht in einem Kloster, sondern in einer auf halber Höhe eines Hügels erbauten Einsiedelei, ein Zimmer mit weißen Wänden, ohne andere Verzierung als das Porträt eines Königs, für den ich eine ganz besondere Verehrung habe, und einen Christus von Elfenbein,ein Meisterstück des sechzehnten Jahrhunderts, den mir meine Mutter geschenkt hat. Mein ganz mit einem ungeheuren Jasmin eingefaßtes Fenster, dessen mit Blumen beladenen Zweige in mein Zimmer eindringen, das sie mit Duft erfüllen, öffnet sich gegen die aufgehende Sonne und wahrscheinlich auf den Punkt des Horizontes den Sie bewohnen, denn ich sehe von weitem und in einem geraden Fluge noch unsere Taube, die ich in derselbe Richtung wieder aufbrechen sehe und der ich in den Lüften bis auf die Entfernung von, ungefähr einer Viertelmeile weit folge; worauf der Punkt, der sie vorstellt und der beständig keiner geworden ist, sich, in dem blauen Firmament oder in der grauen Wolke verschmilzt, je nach dem der Himmel rein oder neblig, ist. Die Morgendämmerung hat für mich ganz besondere Reize, die von der Lage des Bodens herrühren, der die Landschaft bildet, die mein Blick übersehen kann und die ich Ihnen zu beschreiben versuchen will.

Mein Horizont ist im Süden durch die große Kette d«r Pyrenäen mit violetten Seiten, mit schneeigen Gipfeln geschlossen, im Westen durch eine Reihe von Hügeln, die, indem sie sich immer erheben, sich eine untergeordnete Kette an diese Hauptkette anschließen; im Norden erstreckt sie sich endlich so weit, als das Auge reichen kann, in ein Land von Ebenen, ganz mit Gruppen von Olivenbäumen bedeckt, ganz mit kleinen Bächen durchschnitten, in deren Mitte, wie ein Fürst, der den Tribut seiner Unterthanen empfängt, majestätisch einer der größten Flüsse dahinrollt, die Frankreich bewässern.

Die Anhöhe, welche ich übersehe, neigt sich von Süden nach Norden, von den Bergen in die Ebenen.

Sie bietet drei sehr verschiedene Aussichten: am Morgen, am Mittag, am Abend. Am Morgen geht die Sonne hinter der Hügelkette im Osten auf; zehn Minuten, bevor sie erscheint, sehe ich einen rosigen Dunst aufsteigen, der sich langsam, aber siegreich des Himmels bemächtigt, indem er den schwarzen Schattenriß der Hügel noch verfinstert, die sich auf ihm durch diesen Dunst zeigen, der durch alle Zwischentöne, von dem feurigen Rosa bis zu dem glühenden Gelb übergeht und durch dm wie Lanzenspitzen einige vorausgehende Strahlen der Sonne dringen, welche fortfährt, hinter den Hügeln aufzugehen, deren Umrisse an, fangen, sich mit ihren Strahlen zu vergolden. Bald wallt auf dem doppelten Gipfel, welchen der höchste Kamm dieser Kette bildet, etwas wie ein bewegliches Feuer, das sich immer mehr ausbreitet, bis das Gestirn selbst, glänzend, funkelnd, von Flammen strahlend, ein unauslöschbarer Krater des göttlichen Vulkans erscheint.

Dann, und in dem Maße, als sie an dem Himmel aufsteigt, erwacht auf der Erde Alles wieder zu dem Leben; der Gipfel der Pyrenäen geht von einem matten Weiß zu dem feurigsten Silberscheine über, ihre schwarzen Seiten erleuchten sich allmälig, indem sie von dem Schwarz zu dem Violett, von dem Violett zu dem Hellblau übergehen. Wie eine Ueberschwemmung von Licht, welche von den hohen Gipfeln herabfiele, verbreitet sich der Tag in der Ebene. Dann glänzen die Bäche wie Silberfäden, des Fluß windet sich und wogt wie ein gewässertes Band; die kleinen Vögel singen in den Oleandergebüschen, in den Reihen der Granatbäume, in den Myrthengesträuchen, und ein Adler, der König des Firmamentes, kreist an dem Himmel, indem er mit seinem unermeßlichen Fluge einen Kreis von mehr als einer Weile beschreibt, in welchem ich ihn abwechselnd verschwinden und wieder erscheinen sehe.

Um Mittag verwandelt sich das ganze Becken, das ich soeben beschrieben habe,in eine heiße Gluth; von Oben nach Unten erleuchtet, vermögen die Gebirge ihre nackten Seiten nicht mehr zu verbergen, welche die Granitgebeine der Erde durchziehen, man sieht von den leuchtenden Oberflächen des Felsens die gebrochenen Strahlen der Sonne zurückprallen; die Bäche und der Fluß gleichen Strömen geschmolzenen Bleies, die Blumen verwelken, das Laub neigt sich, die Vögel schweigen; die unsichtbaren Grillen. zirpen auf den Zweitgen der Olivenbäume, welche knistern, und auf der Borke der Fichten, welche krachten, und die einzigen lebendigen Wesen, welche diese Einöde der Flammen beleben, sind bald eine grüne Eidechse, welche an dem Gitter meines Fensters aufsteigt, bald eine marmorirte Schlange, die, in ein Spiral gerollt, mit ihrem halbgeöffneten Rachen, in welchem ein schwarzer und unschädlicher Stachel spielt, die Mücken einathmet, die im Bereiche ihres Athems vorüberkommen.

Am Abend erwacht das Leben wieder für einen Augenblick, wie das Licht der Lampe, die auszugehen im Begriffe steht, wieder für einen Augenblick erwacht, dann schweigen die Grillen eine nach der andern, und der klagende und eintönige Ruf des Heimchens folgt ihrem Gezirpe; die Eidechsen fliehen, die Schlangen verschwinden, die Gebüsche bewegen sich unter dem unruhigen Fluge der Vögel, die eine Herberge. suchen, um die Nacht darin zuzubringen, die Sonne geht an dem Horizonte unter, der mir verborgen ist, und in dem Maße, als sie untergeht, sehe ich den Schnee der Pyrenäen von dem zarten Rosa, roth zu dem Purpurrosaroth übergehen, während die auf dem Grunde der Ebene hereingebrochene Finsterniß jede Stufe der Riesentreppe ersteigt, welche das Licht verläßt, bis daß dem Naturgesetze gemäß die ganze Welt ihr angehört; dann hört alles Geräusch auf, alles irdische Licht erlöscht, die Sterne erscheinen schweigend an dem Himmel, und in Mitte des nächtlichen Schweigens erwacht eine einzige Melodie in dem Raume, das ist der Gesang der Nachtigall, der Geliebten der Sterne, die Improvisatrice der Dunkelheit.

Sie haben mich gefragt,was ich von meinem Fenster aus sehe,ich habe es Ihnen gesagt; prägen Sie diese dreifache Aussicht Ihrem Gedanken ein, beschäftigen Sie Ihren Geist, um Ihr Herz zu zerstreuen; Ihr Heil auf dieser Welt und in der anderen liegt ganz in dem Worte: Vergessen Sie!

Neunter Brief,

13.Mai.

Sie sagen mir zu vergessen. Hören Sie, was in mir vorgeht, sobald die Dunkelheit sich verbreitet; dann, begreifen Sie etwas Entsetzliches, Unerhörtes, Unnatürliches? Nämlich daß während meines Schlafes der Todte nicht mehr Todt ist, der Gestorbene zum Leben zurückgekehrt,er ist bei mir mit seinem langen schwarzen Haaren, seinem bleichen und männlichen Gesichte; voll von dem Gepräge des Adels seines Geschlechts. Er ist da, ich spreche mit ihm, ich strecke die Hand aus, ich rufe aus; Du lebst also noch! Du liebst mich also immer noch! Und er antwortet mit Ja, daß er noch lebt, daß er mich immer noch lieb, und dieselbe unaufhörliche, regelmäßige, fast materielle Erscheinung erneuert sich jede Nacht,um erst mit den ersten Strahlen der Tages zu verschwinden.Ei! mein Gott,was habe ich nicht gethan,damit diese Erscheinung, ohne Zweifel das Werk des Engels der Finsterniß,aufhöre, mich zu Quälen! Ich habe mich unter geweihtem Buchsbaum begraben, ich habe geweihte Rosenkränze um meinen Hals und um meine Handgelenke geschlungen, ich habe ein Kruzifix auf meine Brust gelegt, und bin mit über die Füße des göttlichen Märtyrers gefalteten Händen eingeschlafen: Alles ist eitel, vergebens, fruchtlos gewesen; der Tag führt mich zu Gott zurück, aber die Dunkelheit zu ihm, ich bin wie jene Königin, von welcher der Dichter Homer spricht, und von der jede Nacht die Arbeit jeden Tages wieder auflöste.

Wenn es keine Nacht, keinen Schlaf, keine Träume mehr gäbe, so würde ich vielleicht vergessen.

Können Sie das von Gott erlangen?

Zehnter Brief

14. Mai.

Alles, was man von Gott durch das Gebet erlangen kann, werde ich für Sie erlangen, denn Sie sind wirklich verwundet, und die Wunde ist tief und blutend.

Lassen Sie uns beten.

Elfter Brief

15. Mai.

Ich weiß nicht, ob ich, seitdem ich Ihnen schreibe, mehr Ruhe empfinde, aber zuverlässig empfinde ich mehr Erleichterung.

Das kommt daher, weil mein Leben eine mächtige Zerstreuung erhalten hat; ich war ohne Familie, allein in der moralischen und in der materiellen Welt, bald auf den Knieen, bald auf einem Grabe liegend, bald weinend, immer verzweifelnd, und jetzt finde ich plötzlich einen Bruder wieder.

Denn es scheint mir, daß Sie für mich ein Bruder sind. Es scheint mir, daß dieser Bruder, den ich nicht kannte, Frankreich verlassen hat, bevor ich geboren wurde. Es scheint mir, daß ich ihn erwartet, ihn ohne Unterlaß gesucht habe. Jetzt ist er zurückgekehrt. Jetzt, ohne sich durch die Gegenwart zu offenbaren, offenbart er sich durch die Stimme. Ich sehe ihn nicht, aber ich höre ihn. Ich berühre ihn nicht, aber ich verstehe ihn.

Sie haben keinen Begriff, wie sehr diese so glänzend von ihrer Feder ausgemalte Landschaft meine Gedanken beschäftigt hat. Man leugne mir nicht die Wunder des doppelten Gesichts: das doppelte Gesicht besteht. Durch die beharrliche Kraft meines Willens ist diese Landschaft mir gegenwärtig, in meinem Geiste wie in einen Spiegel zurückgegeben. Ich sehe Alles, von dem rosenfarbigen Dunste des Morgens, der sich hinter dem Hügel erhebt, bis zu dem Hereinbrechen der grauen Schatten des Abends, ich höre Alles, von dem Geräusche der Blume an, die ihren Kelch dem Morgenthaue öffnet, bis zu dem Gesange der Nachtigall, der sich in der Einsamkeit und in dem Schweigen der Nacht verlängert.

Und ich sehe Alles das auf eine solche Weise, daß wenn ich mich jemals in dem Kreise befände, den Ihre Blicke übersehen, ich sagen würde: Da sind die entflammten Hügel, hier sind die Schneegebirge, hier sind die Silberbäche, hier sind die Flüsse, hier sind die Olivenbäume, hier sind die Granatbäume, hier sind die Oleander, hier sind die Myrthen, hier ist es, hier ist es!

Dann sehe ich noch Ihre Einsiedelei, wie sie sich über die Mauern des Gartens mit ihrem mit Jasmin und Reben verschleierten Fenster erhebt; dann sehe ich Sie selbst in Ihrer weißen Zelle, zu den Füßen Ihres schönen Christus knieend, indem Sie für sich und besonders für mich beten.

Sagen Sie mir, wer dieser König ist, dessen Porträt sich in Ihrer Zelle befindet, dieser König, für den Sie eins besondere Verehrung haben, damit auch ich ein Porträt dieses Königs habe, damit ich eine Verehrung mehr habe, welche Ihre Verehrung ist.

Dann möchte ich auch Sie sehen. . . o! nur durch den Gedanken; beruhigen Sie sich. Sie haben mir gesagt, daß die Vergangenheit für Sie nicht mehr Bestände, und daß ich Sie nur über die Gegenwart und über die Zukunft befragen sollte. Lassen wir die Vergangenheit in dem Nichts und sagen Sie mir, wie alt Sie sind, unter welchen Zügen ich mir ein dem Ihrigen ähnliches Bild entwerfen muß, sagen Sie mir, seit welcher Zeit Sie in diese Einsiedelei eingezogen sind, sagen Sie mir, wann Sie gänzlich von der Welt Abschied zu nehmen gedenken.

Ich möchte auch wissen, in welcher Entfernung wir von einander. sind. Ist es möglich, das zu berechnen?

Sie scheinen mir so gut, daß ich nicht fürchte, Sie zu ermüden. Sie scheinen mir so gelehrt, daß ich nicht fürchte, Sie um das Unmögliche zu fragen.

Ich will an das denken, was Ihre Antwort enthalten kann, und wenn ich sie erhalten Habe, werde ich an das denken, was sie enthalten wird.

Geh, geliebte Taube, geh und kehre schnell zurück.

Zwölfter Brief

13. Mai, Schlag 3 Uhr Nachmittags.

Wie Sie sehen, ist es mir, indem ich Ihren Geist beschäftigte, gelungen, einen Augenblick lang Ihr Herz zu zerstreuen.

Man muß die Seele wie den Körper behandeln, lassen Sie einen Kranken einen Augenblick lang vergessen, daß er leidet, und er wild einen Augenblick lang nicht mehr leiden.

Sie wollen, daß ich Ihnen von mir spreche, Sie wollen suchen, ob in dem physischen oder in dem moralischen Manne, der lebendig und unbekannt ist, etwas von dem Tobten liegt, den Sie geliebt haben: es sei, hören Sie.

Ich bin am l. Mai 1607 in Fontainebleau geboren, ich bin alt dreißig Jahre und vierzehn Tage. Ich bin groß, ich habe schwarze Haare; ich habe blaue Augen, eine bleiche Gesichtsfarbe, eine hohe Stirn.

Ich habe mich seit dem 17. Januar 1633 von der Welt zurückgezogen, und ich habe das Gelübde gethan, mich, wenn sich gewisse Dinge in meinem Schicksale nicht änderten, nach fünf Jahren meiner Zurückgezogenheit Gott zu widmen.

Ich habe mich in Folge einer großen politischen Katastrophe, in welcher meine theuersten Freunde untergegangen sind, von der Welt zurückgezogen, in Folge eines großen persönlichen Schmerzes, in welchem mein Herz gebrochen worden ist.

Das Porträt dieses Königs, das in meiner Zelle ist und für den ich eine ganz besondere Verehrung habe, ist das des König Heinrichs IV.

Jetzt wünschen Sie zu wissen, in welcher Entfernung wir von einander sind: es ist drei Uhr weniger einige Minuten, ich werde meinen Brief von Schlag drei Uhr datieren, dem Augenblicke, wo ich unsere Botin stiegen lassen werde.

Die Tauben legen fünfzehn bis sechzehn Meilen in der Stunde zurück; ich habe Gelegenheit gehabt, das unter gewissen Umständen zu erforschen, in denen ich mich Ihres Dienstes bedient habe: merken Sie sich die Stunde, zu welcher Sie diesen Brief erhalten werden, und berechnen Sie.

Antworten Sie mir erst in zwei bis drei Tagen, wenden Sie diese zwei bis drei Tage dazu an, Luftschlösser oder Wirklichkeiten zu bauen; dann, arme Klausnerin, werfen Sie Alles das auf das Papier, was in Ihrem Geiste vorgehen wird, und senden Sie mir den Inhalt! Ihrer Nachforschungen, das Resultat Ihrer Träume.

Gott sei mit Ihnen!

Dreizehnter Brief

15. Mai, zwei Stunden nachdem
ich Ihren Brief erhalten habe.

Hören Sie! hören Sie! Nicht in zwei, nicht in drei Tagen muß ich Ihnen antworten, sondern auf der Stelle.

Mein Gott, welch thörigter Gedanke bemächtigt sich meines Verstandes, meines Herzens, meiner Seele! Wenn der, dm ich liebe, nicht todt wäre! Wenn Sie der wären, den ich liebe, der, den ich rufe, der, den ich suche, der, welcher mir jede Nacht erscheint!

Sie sind am 1. Mai 1607 geboren, er auch! Sie sind groß, er auch! Sie haben schwarze Haare, er auch! Sie haben blaue Augen, eine bleiche Gesichtsfarbe, eine hohe Stirn; er auch!

Dann, erinnern Sie sich der Worte, die Sie mir bereits in einem andern Brief gesagt haben, und die lebendig in meinem Gedächtnisse geblieben sind.

Sie sind durch die verschiedenen Stufen der menschlichen Größe gefallen, Sie haben bei dem Winde des Beiles nicht geschaudert, welches die Köpfe um Sie herum abschlug; Sie haben im Fallen fast ein Königreich verloren.

Ich weiß nicht, ob Alles das auf Sie anwendbar ist, aber, mein Gott! mein Gott! Alles das läßt sich wirklich auf ihn anwenden.

Sie haben in Ihrer Zelle das Portrait eines Königs, das Sie mit Verehrung und Liebe umgeben. Das Portrait ist das Heinrichs IV. Und er, er war der Sohn König Heinrichs IV.

Wenn Sie nicht Anton von Bourbon, Graf von Moret sind, von dem man sagt, daß er in der Schlacht von Castelnaudary gefallen sei, wer sind Sie denn?

Antworten Sie! im Namen des Himmels, antworten Sie.

Vierzehnter Brief

16. Mai, mit Tagesanbruche.

Wenn Sie nicht Isabella von Lautrec sind, die ich für ungetreu hielt, wer sind Sie denn?

Ich bin Anton, Graf von Moret, von dem man glaubte, daß er in der Schlacht von Castelnaudary gefallen wäre, und der noch, nicht durch die Barmherzigkeit, sondern durch die Rache des Herrn lebt.

O! wenn die Sachen sind, wie ich fürchte, daß sie sind, dann wehe uns Beiden!

Die Taube hat sich in der Nacht verirrt, oder ist sie vielleicht ermüdet genöthigt gewesen, sich auszuruhen.

Sie ist erst mit den ersten Strahlen des Tages gekommen.

Fünfzehnter Brief

16. Mai, 7 Uhr Morgens.

Ja, ja, Ja, Unglücklicher! ja, ich bin Isabelle von Lautrec! Sie haben mich für untreu gehalten, mich? wie, warum, bei welcher Veranlassung? denn ich vertheidige mich nicht mehr, ich klage an.

Wissen Sie, daß die Taube nur zwei Stunden darauf verwendet, um von Ihnen zu mir und von mir zu Ihnen zu gehen? Wissen Sie, daß wir dem zu Folge nur dreißig Meilen von einander entfernt sind? Sagen Sie an, wie habe ich Sie betrogen? wie habe ich Sie verrathen? sagen Sie, sagen Sie!

Geh, Taube, Du trägst mein Leben!

Sechzehnter Brief

16. Mai, 11 Uhr.

Meine Augen, mein Herz, meine Seele, hat mich Alles zugleich betrogen?

Ist es Isabella von Lautrec, oder ist sie es nicht, die ich am 5. Januar 1633 in die Domkirche von Valence habe eintreten sehen. War sie als Braut gekleidet? und der, welcher hinter ihr im Anzüge als Bräutigam ging, war es nicht der Vicomte Emmanuel von Pontis?

Oder war Alles das nur eine Täuschung des bösen Geistes? Keinen Zweifel, keine Zögerung, Keine halbe Antwort.

Das Schweigen oder den Beweis.

Siebzehnter Brief

16. Mai, drei Uhr Nachmittags.

Ja, den Beweis! es sei; er wird mir leicht zu geben sein.

Alles, was Sie gesehen haben, schien wahr zu sein, und dennoch war Alles das falsch, was Sie gesehen haben.

Nur habe ich Ihnen eine lange Erzählung zu machen; um so besser, unsere arme Taube ist erschöpft und bedarf der Ruhe.

Sie hat beinahe vier Stunden, statt zwei darauf verwandt, um zurückzukehren.

Ich werde einen Theil der Nacht schreiben.

Mein Gott und Herr! gib mir ein wenig Ruhe, meine Hand zittert in dem Grade, um meine Feder nicht halten zu können.

Mein Gott! ich will Dir zuvörderst dafür danken, daß er lebt.

Achtzehnter Brief

Sechs Uhr Abends.

Ich habe drei Stunden betend und meine glühende Stirn auf die eisigen Platten gestützt auf den Knieen zu gebracht, und ich bin jetzt ruhiger.

Ich lehre zu Ihnen zurück.

Lassen Sie mich Ihnen Alles sagen, Ihnen Alles von dem Augenblicke an erzählen, an welchem ich Sie in Valence verlassen habe, bis zu dem, wo ich, Unglückliche, die ich bin, mein Gelübde ausgesprochen habe.

Es war, Sie werden es sich wohl erinnern? es war am 14. August 1632, daß wir uns trennten; Sie nahmen Abschied von mir, ohne mir zu sagen, wohin Sie gingen; ich war mit traurigen Ahnungen erfüllt, ich vermochte den Schooß Ihres Mantels nicht loszulassen. Es schien mir, als ob es keine Abwesenheit von einigen Tagen wäre, wie Sie es mir versprochen, sondern eine ewige Abwesenheit, in welche wir eintreten würden.

Es schlug elf Uhr Abends auf der Kirche der Stadt; Sie ritten ein weißes Pferd; Sie waren in einen Mantel von dunkler Farbe gehüllt, Sie brachen Anfangs langsam auf, und drei Mal kehrten Sie wieder um, um Abschied von mir zu nehmen; bei dem dritten Male zwangen Sie mich, in das Haus zurückzukehren, denn, sagten Sie mir, wenn ich vor der Thür bliebe, so vermöchten Sie nicht sich zu entschließen aufzubrechen.

Warum bin ich nicht geblieben? warum sind Sie aufgebrochen?

Ich kehrte in das Haus zurück, aber es geschah nur, um auf meinen Balcon zu eilen. Sie blickten hinter sich, Sie sahen mich erscheinen, indem ich mein ganz mit Thränen benetztes Taschentuch wallen ließ; Sie erhoben Ihren Hut mit wallenden Federn, und ich hörte auf den Flügeln des Windes Ihren Abschied zu mir gelangen, der, durch die Entfernung geschwächt, klagend wie ein Seufzer geworden war.

Eine große schwarze Wolke zog am Himmel rasch dem Monde entgegen; ich streckte die Hände nach dieser Wolke aus, wie um sie zurückzuhalten, denn sie stand im Begriffe, den Silberschein zu erlöschen, mit dessen Hilfe ich Sie noch sah, endlich, gleich einem Luftungeheuer, streckte sie den offenen Rachen aus und verschlang den bleichen Gott, der in seinen dunklen Weichen verschwand. Nun senkte ich meine Augen von dem Himmel auf die Erde und suchte Sie vergebens; ich hörte noch in der Richtung von Orange den Aufschlag Ihres Pferdes auf dem Pflaster, aber ich sah Sie nicht mehr. Plötzlich öffnete ein Blitz die Wolke, und bei dem Scheine des Blitzes erkannte ich noch Ihr weißes Pferd. Was Sie anbetrifft, so hatte Sie Ihr dunkler Mantel bereits mit der Nacht verschmolzen. Das Thier entfernte sich rasch, aber schien sich ohne Reiter zu entfernen. Zwei andere Blitze leuchteten noch, welche mir das sich immer noch entfernende, wie ein Gespenst erbleichende Pferd zeigten. Seit einigen Sekunden hörte ich sogar nicht einmal mehr den Hufschlag seines Galopps. Ein vierter Blitz kam mit dem Rollen des Donners begleitet, aber sei es nun, daß es sich um irgend eine Krümmung des Weges gewandt hatte, oder daß es fern war, das Pferd war verschwunden.

Die ganze Nacht rollte der Donner, die ganze Nacht peitschten der Wind und der Regen meine Fenster; am folgenden Tage schien die bestürzte, zerzauste, sterbende Natur in Trauer wie mein Herz.

Ich wußte, was sich auf der Seite zutrug, wo ich Sie hatte verschwinden sehen, das heißt in Languedoc. Der Herzog von Montmorency, Ihr Freund, der der Gouverneur davon war, hatte, wie man sagte, indem er die Partei der verbannten Königin Mutter und die von Monsieur angenommen, welcher durch Frankreich gezogen war, um zu ihm zu stoßen, die Provinz aufgewiegelt, und erhob Truppen, um Hegen den König und Herrn von Richelieu zu marschieren. Um einem Ihrer Brüder zu dienen, wollten Sie daher gegen den andern kämpfen; Sie standen im Begriffe, was noch weit gefährlicher war, das Schwert zu ziehen und Ihren Kopf gegen den schrecklichen Kardinal von Richelieu auf das Spiel zu setzen, der schon so viele Köpfe hatte fallen und so viele Schwerter hatte zerbrechen lassen.

Nein Vater war, wie Sie wissen, in Paris bei dem Könige. Ich reiste mit zwei meiner Kammerfrauen unter dem Vorwande ab, meine Tante zu besuchen, welche Aebtissin von Saint-Pons war; aber in der Wirklichkeit, um mich dem Schauplatze der Ereignisse zu nähern, auf welchem Sie eine Rolle spielen würden.

Ich mußte acht Tage reisen, um die Strecke zurückzulegen, welche Valence von Saint-Pons trennt. Ich kam am 23. August in dem Kloster an. So wenig die frommen Mädchen auch gewöhnt waren, sich um die Dinge der Welt zu bekümmern, so wurden doch die Ereignisse welche sich um Sie herum zutrugen, so ernst, daß Sie der Gegenstand aller Gespräche waren, und daß alle Diener des Klosters nach Neuigkeiten forschten.

Hier ist das, was man sagte:

Man sagte, daß der Bruder des Königs, Seine Gnaden, Gaston von Orleans, sich mit dem Marschall, Herzog von Montmorency vereinigt hätte, indem er ihm zwei Tausend Mann zuführte, die er in dem Fürstenthume Trier ausgehoben, und die mit den vier Tausend vereinigt, welche Herr von Montmorency bereits hatte, ein Ganzes von sechs Tausend Soldaten ausmachten.

Mit diesen sechs Tausend Soldaten hielt er Ledeve Albi, Uzes, Alais, Lunel und Saint-Pons besetzt – wo ich mich befand. – Nimes, Toulouse. Carcossonne und Beziers hatten, obgleich mit Protestanten bevölkert, sich geweigert, sich ihm anzuschließen.

Man sagte ferner, daß zwei Heere gegen das Heer des Herzogs von Montmorency marschierten. Das eine kam über Pont-Saint-Esprit, und wurde von dem Marschall von Schomberg commandirt.

Außerdem hatte es der Kardinal für nothwendig erachtet, daß Ludwig XIII. sich dem Kriegsschauplatze nähere, und er war, wie man versicherte, in Lyon. Ein Brief, den man mir von Valence überbrachte, bestätigte mir nicht allein diese Nachricht, sondern meldete mir auch, daß mein Vater, der Baron von Lautrec, bei ihm wäre.

Dieser Brief war von meinem Vater selbst. Er meldete mir den zwischen seinem alten Freunde, dem Grafen von Pontis und ihm gefaßten Entschluß, die Freundschafts- und Verwandtschaftsbande, welche die beiden Häuser vereinigten, noch dadurch enger zu schließen, daß er mich mit dem Vicomte von Pontis verheirathete. Wie Sie sich erinnern werten, hatte ich Ihnen bereits von diesem Heirathsplane gesagt, und Sie hatten mir damals geantwortet: Lassen Sie mir noch drei Monate; während tiefer drei Monate können sich wichtige Ereignisse zutragen, die gar viele Schicksale umgestalten werden. Lassen Sie mir noch drei Monate, und ich werde bei dem Baron von Lautrec um Ihre Hand anhalten.

Auf diese Weise vereinigte sich also mit der Marter, Sie unter denen zu wissen, welche mein Vater die Rebellen nannte, noch die Furcht, sich einen Haß zwischen Ihrem Hause und dem meines Vaters erheben zu sehen, – der ein so treuer und rechtschaffener Diener des Königs war, daß er den Kardinal und ihn in eine und dieselbe Bewunderung verschmolz, und er zum Mindesten ein Mal täglich das sagte, was der König ein Mal jede Woche sagte: – Wer den Kardinal nicht liebt, liebt den König nicht.

Am 23. August erschien ein Urtheil, welches den Herzog von Montmorency aller seiner Ehren entsetzt erklärte, indem seine Güter eingezogen und dem Parlamente von Toulouse warb der Befehl gegeben, ihm den Proceß zu machen.

Am folgenden Tage verbreitete sich das Gerücht, daß dieselbe Erklärung in Bezug auf Sie, obgleich Sie der Sohn eines Königs wären, und für Herrn von Rieux erschienen sei.

Denken Sie sich die Gefühle meines armen Herzens bei allen diesen Gerüchten.

Am 24. sah ich durch Saint-Pons einen Abgesandten des Kardinals kommen; wie man sagte, ging er, Herrn von Montmorency den Frieden anzubieten. Ich erlangte von meiner Tante, daß sie ihm Erfrischungen anbieten ließ. Er nahm es an und verweilte einen Augenblick lang im Sprachzimmer. Ich sah ihn und fragte ihn. Was man gesagt hatte war wahr: Ich hatte einige Hoffnung.

Diese Hoffnung vermehrte sich noch, als ich erfuhr, daß der Erzbischof von Narbonne, ein persönlicher Freund des Herrn von Montmorency, zu demselben Zwecke durch Carcassonne gekommen wäre, um zu erlangen, daß der Marschall Herzog die Waffen niederlege. Die Anträge, welche er beauftragt war, dem Gouverneur von Languedoc zu machen, waren, wie man sagte, sehr annehmbar und sogar vortheilhaft für sein Vermögen und für seine Ehre.

Es Verbreitete sich bald das Gerücht, daß der Marschall Herzog Alles ausgeschlagen hätte.

Was Sie anbetrifft, – denn Sie werden wohl begreifen, daß man viel von Ihnen sprach, was zugleich ein Grund des Schreckens und des Trostes für mich war, – was Sie anbetrifft, so sagte man, daß ein Brief von dem Kardinal selbst an Sie geschrieben worden wäre, aber daß Sie geantwortet hätten, daß Sie seit langer Zeit Monsieur Ihr Wort gegeben, und daß Monsieur allein Ihnen Ihr Wort zurückgeben könnte.

Ach! feig und selbstsüchtig gab er es Ihnen nicht zurück.

Am 29. August erfuhren wir, daß das Heer des Herrn von Schomberg und das des Herrn von Montmorency einander gegenüber ständen. Der alte Marschall vergaß indessen nicht, daß Herr von Richelieu nur ein Minister war und fallen konnte, daß der König nur ein Mensch war und sterben konnte. Dann wurde Monsieur, der gegen welchen er marschierte, da er der muthmaßliche Erbe der Krone war, König von Frankreich. Er eröffnete daher mit Monsieur eine letzte Unterhandlung, und sandte Herrn von Cavaie ab, um zu unterhandeln.

Wir wußten alles das. Meine Seele klammerte sich an jede Hoffnung, die sie vom Himmel nahm. Ich erwartete voll Angst diese letzte Antwort des Herrn von Montmorency.

Sei es Verzweiflung oder sei es Eigendünkel, der Unglückliche antwortete, auf seine Tapferkeit vertrauend, wie Sie wissen:

»—Kämpfen wir zuvor, nach der Schlacht wird man unterhandeln.«

Von nun an war jede Hoffnung auf eine Vermittlung verloren, und da ein Sieg des Herzogs von Montmorency Ihr einziges Heil war, so vergaß ich meine Pflichten als Tochter, meine Pflichten als Unterthanin, und, an dem Fuße der Altäre kniend, bat ich den Gott der Heerschaaren, einen günstigen Blick auf den Sieger von Vellano und den Sohn des Siegers von Ivry zu richten.

Von diesem Augenblicke an erwartete ich nur noch eine Nachricht, die der Schlacht.

Ach! am 1. September um fünf Uhr Abend kam diese schreckliche, verhängnißvolle, verzweifelte Nachricht an.

Die Schlacht war, verloren, der Marschall Herzog war Gefangener, und nach Aussage Einiger sollten Sie tödtlich verwundet, und nach der Anderer todt sein.

Ich fragte nicht mehr darüber; ich ließ den Gärtner holen, den ich im Voraus gewonnen hatte. Ich beauftragte ihn, sich zwei Pferde zu verschaffen, und mich mit einbrechender Nacht an der Thür des Gartens zu erwarten.

Als die Nacht herbeigekommen, ging ich hinab, wir stiegen zu Pferde, wir ritten am Fuße des Gebirges hin, gingen über zwei oder drei Bäche, ließen das kleine Dorf Leviniere zur Linken, und um acht Uhr Abends hielten wir in Cannes an.

Mein Pferd hatte sich verwundet und hinkte; ich vertauschte es gegen ein frisches Pferd, und zog während dieser Zeit Nachrichten ein.

Man sagte Herrn von Montmorency so wie Herrn von Rieux todt. Was Sie anbetrifft, so waren die Berichte immer ungewiß: die Einen sagten Sie todt, die Anderen tödtlich verwundet.

Tödtlich verwundet. wollte ich Ihnen die Augen schliefen; todt, wollte ich Sie in Ihr Grabtuch legen.

Wir brachen gegen halb neun Uhr von Cannes durch die Felder auf, ohne irgend eine gebahnte Straße einzuschlagen, der Gärtner war von Saissac und kannte die Gegend; wir schlugen den geraden Weg nach Montolieu ein.

Das Wetter war durchaus dem gleich, welches in der Nacht herschte, in der wir uns verließen, dicke schwarze Wolken zogen am Himmel, der Gewitterwind blies durch die Olivenbäume, ein warmer, schwerer, erstickender Wind, der von Zeit zu Zeit aufhörte, um senkrecht dicke Regentropfen fallen zu lassen, der Donner rollte hinter Castelnaudary.

Durch Montolieu gingen wir nur durch, ohne uns aufzuhalten. Vor dieser kleinen Stadt stießen wir auf die ersten Posten des Herrn von Schomberg. Ich erneuerte die Fragen. Der Kampf hatte gegen elf Uhr Morgens begonnen und ungefähr eine Stunde gedauert; kaum hundert Personen waren getötet worden.

Ich fragte, ob Sie unter der Zahl der Todten wären. Man erkundigte sich darnach. Eine verlorene Schildwache sagte, daß er Sie hätte fallen sehen. Ich ließ den Mann kommen, er hatte in der That einen Anführer fallen sehen, aber er war nicht ganz gewiß, ob Sie es wären. Ich wollte ihn mitnehmen; er hatte die Wache und konnte mir nicht folgen.

Nur gab er dem Gärtner alle Auskünfte. Es war der Graf von Moret, der das Gefecht begonnen hatte, und wenn er getötet worden war, so war er von einem Offizier der Carabiniers Namens Beteran getötet worden.

Ich hörte alle diese Umstände mit eisigem Schauder an, meine Brust war so beklommen, um nicht sprechen zu können, und eben so dicke Schweißtropfen als meine Thränen rollten über mein Gesicht und verschmolzen sich mit ihnen.

Wir begaben uns wieder auf den Weg, – wir hatten zwölf bis dreizehn Meilen in der Stunde zurückgelegt, – aber da ich das Pferd in Cannes gewechselt halte, so konnte ich nach Castelnaudary gelangen; wenn das des Gärtners unterwegs fiele so versprach er mir zu folgen, indem er sich an die Mähne des meinigen klammerte.

Als wir Montolieu verließen, geriethen wir an einen Wald, der bewacht war. Wir gaben uns zu erkennen. Man führte uns an die Ufer des kleinen Flusses Bernassonne, den wir durch eine Furt passierten, so wie zwei andere kleine Flüsse, welche wir noch auf unserem Wege antrafen. Zwischen Ferrais und Villespy fiel das Pferd des Gärtners und vermochte nicht wieder aufzustehen; aber glücklicher Weise waren wir fast angekommen; wir erblickten die Wachtfeuer des königlichen Heeres, und auf der Wiese, auf welcher b« Kampf stattgefunden hatte, herumirrende Lichter.

Mein Reisegefährte sagte mir, daß diese Lichter die der Soldaten wären, die sich. ohne Zweifel anschickten die Todten zu begraben, ich bat ihn, eine letzte Anstrengung zu machen, um mir zu folgen, ich drückte meinem Pferde, das selbst bereit war zu fallen, die Sporen in den Leib, und wir kamen über die letzten Feuer des Lagers hinaus.

Wir hatten das Dorf Sain-Popoul zu unserer Rechten gelassen, als mein Pferd sich bäumte.

Ich bückte mich und sah eine gestaltlose Masse, es war ein todter Soldat.

Ich war auf die erste Leiche gestoßen.

Ich sprang von meinem Pferde, das ich frei gehen ließ. Ich war angekommen.

Der Gärtner eilte nach den Fackeln und nach den Gruppen, die uns am nächsten waren. Ich setzte mich auf einen Rasenhügel und wartete.

Der Himmel war immer noch durch dicke schwarze Wolken verfinstert, der Donner rollte fortwährend im Westen; einige Blitze erleuchteten von Zeit zu Zeit das Schlachtfeld.

Der Gärtner kehrte mit einer Fackel und einigen Soldaten zurück.

Er hatte sie da beschäftigt gefunden, ein großes Grab auszugraben, um alle Leichen hineinzuwerfen, aber noch war keine Leiche hineingeworfen.

Dort fing ich an bestimmtere Nachrichten zu erhalten: obgleich von zwölf Wunden getroffen, war Herr von Montmorency doch nicht todt, sondern Gefangener; er war gefangen genommen und nach einer Meierei eine Viertelstunde weit von dem Schlachtfelde getragen worden, hatte dem Beichtvater des Herrn von Schomberg gebeichtet, worauf er, von dem Wundarzte der Chevauxlegers verbunden, auf einer Leiter nach Castelnaudary getragen worden war.

Herr von Rieux war getötet, man hatte seine Leiche wiedergefunden.

Was Sie anbetrifft, so hatte man Sie vom Pferde fallen sehen, aber man konnte nicht sagen, was aus Ihnen geworden war.

Ich fragte, wo man Sie hätte fallen sehen, man sagte mir, daß es bei dem Hinterhalte gewesen wäre.

Die Soldaten wollten wissen wer ich wäre.

– Blickt mich an, sagte ich ihnen, und errathet.

Schluchzen, erstickte mich, Thränen flossen über mein Gesicht.

– Arme Frau, sagte der eine von ihnen, sie liebt ihn.

Ich ergriff die Hand dieses Mannes, ich hätte ihn umarmen mögen.

– Komm mit mir, sagte ich zu ihm, und hilf nur ihn todt oder lebendig wiederfinden.

– Wir wollen Ihnen helfen, sagten zwei bis drei Soldaten.

Dann sagten Sie zu einem von den Ihren:

– Geh, voraus.

Der, welcher gewählt war unser Führer zu sein, nahm die Fackel und leuchtete uns.

Ich folgte ihnen.

Der eine von ihnen bot mir an, mich auf ihn zu stützen.

– Ich danke, sagte ich zu ihm, ich bin stark.

Ich fühlte in der That durchaus keine Ermüdung, und es schien mir, als ob ich bis an das Ende der Welt hätte gehen können.

Wir thaten ungefähr drei Hundert Schritte; von zehn Schritten zu zehn Schritten weit befand sich eine Leiche; bei jeder Leiche wollte ich anhalten, um zu sehen, ob Sie es wären, aber die Soldaten trieben mich weiter, Indem sie sagten: Hier ist es nichts Madame.

Endlich kamen wir an einen Hohlweg, der mit einigen Olivenbäumen besetzt war, ein Bach floß in der Vertiefung desselben.

– Hier ist es, sagte der Soldat.

Ich fuhr mit der Hand über meine Stirn; ich wankte und fühlte mich einer Ohnmacht nahe.

Wir fingen damit an, aus der Höhe zu suchen, es befanden sich dort ungefähr ein Dutzend Leichen, ich nahm die Fackel aus den Händen dessen, der sie trug, und neigte sie auf den Boden.

Ich untersuchte alle Leichen, eine nach der anderen, zwei hatten das Antlitz gegen den Boden. Der eine dieser beiden Männer war ein Offizier; er hatte schwarze Haare wie Sie; ich ließ ihn auf den Rücken umwenden und schlug seine Haare zurück. Sie waren es nicht.

Plötzlich stieß ich einen Schrei aus. Ich bückte mich, ich hatte Ihren Hut erkannt und raffte ihn auf. Die Federn waren die, welche ich selbst daran befestigt hatte, ich konnte mich nicht darüber irren.

Dort war es, wo Sie gefallen waren; nur, Waren Sie todt oder verwundet gefallen, das war die Frage.

Die Soldaten, welche mich begleiten, sprachen leise miteinander. Ich sah den einen von ihnen den Arm in der Richtung des Baches ausstrecken:

– Was sagen Sie? fragte ich sie.

– Wir sagen, Madame, antwortete der, Welcher den Arm ausgestreckt hatte, daß, wenn man verwundet ist und besonders durch einen Schuß, man Durst hat. Wenn der Graf von Moret nur verwundet gewesen ist, so wird er sich vielleicht bis an den Bach, der in der Tiefe dieses Hohlweges fließt, geschleppt haben, um zu trinken.

– O! das ist eine Hoffnung! rief ich aus. Kommen Sie.

Und ich eilte durch die Olivenbäume. Der Abhang war steil, ich bemerkte es nicht. Ceres ging mit der Fackel in der Hand, indem sie die verlorene Proserpina sucht, obgleich sie Göttin war, nicht rascherern und sicherern Schrittes, als ich.

In einem Augenblicke war ich an dem Ufer des Baches. Zwei bis drei Verwundete hatten in der That Anstrengungen versucht, um ihn zu erreichen. Der eine war auf dem Wege verschieden. Der zweite hatte ihn mit der Hand erreicht, aber er hatte nicht weiter gehen können. Der dritte hatte den Kopf in dem Bache selbst und war trinkend gestorben.

Einer dieser drei Körper stieß einen Seufzer aus.

Ich eilte zu ihm. Es war der Mann, der den Bach mit der Hand erreicht hatte, der ihn aber nicht mit dem Munde hatte erreichen können. Er war ohnmächtig.

Die Kühle der Nacht oder ein Wunder des Himmels gab ihm die Besinnung wieder. Ich knieete nieder, ich erleuchtete sein Gesicht mit meiner Fackel und stieß einen Schrei aus.

Es war Ihr Stallmeister Armand.

Bei diesem Schreie schlug er die Augen auf und blickte mich mit bestürzter Miene an.

Er erkannte mich nicht.

– Zu trinken, bat er.

Ich schöpfte Wasser in Ihrem Hute und gab es Ihm. Ein Soldat hielt mich zurück.

Geben Sie ihm nicht zu trinken, sagte er mir in's Ohr. Zuweilen stirbt man im Trinken.

– Zu trinken! wiederholte der sterbende.

– Ja. sagte ich zu ihm, Sie sollen zu trinken haben, aber sagen Sie mir, was aus dem Grafen von Moret geworden ist.

Er blickte mich fester an, als er es bis jetzt noch gethan hatte, und erkannte mich.

– Fräulein von Lautrec! flüsterte er.

Ja, ich bin es, Armand, ich bin es, die Ihren Herren sucht, antwortete ich. Wo ist er? wo ist er?

– Zu trinken! bat der Verwundete mir sterbender Stimme.

Ich erinnerte mich, daß ich in meiner Tasche ein Fläschchen Melissenwasser hatte. Ich goß ihm einige Tropfen auf die Lippen.

Er schien sich wieder ein wenig zu beleben.

– Wo ist er, im Namen des Himmels? fragte ich ihn,

– Ich weiß es nicht, antwortete er.

– Haben Sie ihn fallen sehen?

– Ja.

– Todt oder verwundet?

– Verwundet.

– Was ist aus ihn geworden?

– Man hat ihn fortgetragen.

– Nach welcher Seite?

– Nach der Seite von Fondeille.

– Die Leute des Königs oder die Leute des Herrn von Montmorency?

– Die Leute des Herrn von Montmorency.

– Und dann?

– Ich weiß von diesem Augenblicke an nichts mehr. Ich wurde selbst verwundet, mein Pferd wurde getödtet, ich fiel. Als die Nacht hereingebrochen, schleppte ich mich bis hierher, denn ich hatte Durst. Als ich an dem Bache ankam wurde ich ohnmächtig, ohne ihn erreichen zu können. Zu trinken! zu trinken!

– Geben Sie ihm jetzt zu trinken, er hat Alles gesagt, was er wußte.

Ich schöpfte Wasser in Ihrem Hute, die Soldaten hoben ihm den Kopf auf, ich näherte das Wasser seinen Lippen, er trank begierig drei oder vier Schluck, dann warf er sich zurück, stieß einen Seufzer aus und streckte sich.

Er war todt.

– Sie sehen, daß Sie gut gethan haben, ihn sprechen zu lassen, bevor Sie ihm zu trinken gaben, sagte der Soldat, indem er den Kopf. des armen Armand losließ, der schwer auf den Boden zurückfiel.

Ich blieb einen Augenblick lang regungslos, indem ich mit gefühlloser Bewegung die Arme rang.

– Was machen wir jetzt, Madame? fragte mich der Gärtner.

– Weißt Du, wo Fondeille liegt? fragte ich ihn.

– Ja.

– Dann laß uns nach Fondeille gehen.

In dem ich mich hierauf nach dem Soldaten umwandte, fragte ich:

– Wer geht mit mir?

– Wir! sagten sie alle drei.

– So kommt denn.

Wir stiegen wieder zu dem Gipfel des Hohlweges hinauf, dann gingen wir nach der Wiese hinab.

Ein Offizier machte an der Spitze von ungefähr zwölf Soldaten eine Runde; meine Begleiter sahen sich an und sprachen leise mit einander.

– Was sagen Sie? fragte ich.

– Wir sagen, daß dort ein Offizier ist, der Ihnen Auskünfte geben könnte.

– welcher?

– Dieser da.

Und sie zeigten mir den Kapitän, welcher die Runde führte.

– Und warum könnte er mehr Auskünfte geben?

– Weil er gerade hier gekämpft hat.

– Dann lassen Sie uns zu im gehen.

Und ich that einige rasche Schritte in der Richtung des Offiziers.

Ein Soldat hielt mich zurück.

– Aber,. . . sagte er.

Warum halten Sie mich zurück? fragte ich ihn.

– Sie wollen um jeden Preis Auskünfte haben? fragte der Soldat.

– Um jeden Preis.

– Wer der auch sein möge, der sie Ihnen gibt?

– Wer er auch sein möge.

– Dann will ich den Kapitän rufen.

Und er that nun auch einige Schritte voran.

– Kapitän Beteran? sagte er.

Der Offizier blieb stehen und versuchte die Dunkelheit mit dem Blicke zu durchdringen.

– Wer ruft mich? fragte er.

– Man wünscht Sie zu sprechen, mein Offizier.

– Wer das?

Eine Dame.

Eine Dame! zu dieser Stunde, auf dem Schlachtfelde?

Warum nicht, mein Herr, wenn diese Frau auf dem Schlachtfelde denjenigen sucht, den sie liebt, um ihn zu verpflegen, wenn er nur verwundet ist, um ihn zu begraben, wenn er todt ist?

Der Offizier näherte sich; er war ein Mann von dreißig Jahren. Als er mich erblickte, nahm er seinen Hut ab, und ich sah ein sanftes und aus gezeichnetes, mit blonden Haaren umgebenes Gesicht.

– Wen suchen Sie, Madame? fragte er mich.

– Anton von Bourbon, Grafen von Moret, antwortete ich.

Der Offizier sah mich aufmerksamer an, als er es bis jetzt gethan hatte.

Indem er hierauf leicht erbleichte, fragte er mit bebender Stimme:

– Den Grafen von Moret? Sie suchen den Grafen von Moret?

– Ja, den Grafen von Moret; diese wackeren Leute haben mir gesagt, daß Sie mir besser als irgend Jemand sichere Nachrichten über das geben könnten, was ihm zugestoßen ist.

Er blickte die Soldaten an, und sein Blick sprühte eine doppelte Flamme unter seinen gerunzelten Augenbraunen.

– Ah! mein Kapitän, sagte der eine von Ihnen, es scheint, daß er der Verlobte dieser Dame ist, und sie will wissen, was aus ihm geworden ist.

– In des Himmels Namen1 mein Herr, rief ich aus. Sie haben den Grafen von Moret gesehen, Sie wissen etwas über Ihn; sagen Sie mir das, was Sie über ihn wissen.

– Madame, hier ist das, was ich davon weiß: Man hatte mich mit meiner Compagnie Carabiniers abgesandt, um den Hinterhalt zu maskieren, der dort in dem Hohlwege war; wir sollten uns nach dem ersten Feuer zurückziehen, um den Feind in denselben eindringen zu lassen. Der Herr Graf von Moret, der darauf hielt, seinen Muth zu zeigen, da er sich noch in keinem Gefechte befunden hatte, griff uns verwegener Weise an und begann den Angriff, in dem er einen Pistolenschuß auf. . . meiner Treue! Madame, ich sehe nicht ein, warum ich lügen sollte. . . – indem er einen Pistolenschuß auf mich that. Die Kugel der Pistole schnitt die Feder meines Hutes ab. Ich erwiderte den Schuß und hatte das Unglück, weit richtiger zu schießen.

Ich stieß einen Schrei des Schreckens aus.

– Sie sind es? äußerte ich, indem ich einen Schritt zurück that.

– Madame, sagte der Kapitän, der Kampf ist rechtschaffen. gewesen. Ich glaubte, nur mit einem einfachen Offizier der Armee des Marschall Herzogs zu thun zu haben. Wenn ich gewußt hätte, daß der, welcher mich angriff, ein Prinz und daß dieser Prinz der Sohn König Heinrich IV. war, so hätte ich zuverlässig weit eher mein Leben zu seiner Verfügung gestellt, als mich an dem seinigen zu vergreifen. Aber erst als er fiel, hörte ich ihn ausrufen: »Zu mir, Bourbon!« Nun ahnte ich, daß sich ein großes Unglück zugetragen hätte.

–O, ja! rief ich aus, ein großes Unglück. Aber am Ende ist er todt?

–Ich weiß es nicht, Madame; in diesem Augenblicke begann das Gewehrfeuer. Meine Carabiniers wichen dem Befehle gemäß zurück, den sie erhalten hatten. Ich wich mit ihnen zurück und sah, daß man den Grafen blutend und ohne Hut forttrug.

O! seinen Hut, hier ist er!

Und ich drückte ihn leidenschaftlich an meine Lippen.

– Madame, sagte der Kapitän mit einem Schmerze, der nicht geheuchelt war, ertheilen Sie mir Ihre Befehle. Wie kann ich, nachdem ich ein so großes Unglück verursacht habe, ich will nicht sagen büßen, sondern Ihnen in Ihren Nachforschungen nützlich sein? Reden Sie, und ich werde Alles von der Welt thun, um Ihnen zu helfen.

–Ich danke, mein Herr, sagte ich, indem ich versuchte, meine Herrschaft über mich, selbst wieder anzunehmen, aber Sie vermögen nichts für mich; als mir die Richtung anzudeuten, in welcher man den Grafen Fortgetragen hat.

In der Richtung von Fondeille, Madame, antwortete er, aber schlagen Sie zu größerer Sicherheit den. Weg ein, den Sie hundert Schritte weit von hier zu Ihrer Rechten finden werden, eine Viertelmeile weit von hier werden, Sie ein Haus antreffen, in welchem Sie sich erkundigen werden.

– Es ist gut, sagte ich zu dem Gärtner. Sie verstehen, nicht wahr?

– Ja, Madame.

– Gehen wir.

– Ich könnte Madame Pferde anbieten, wagte der Offizier schüchtern zu sagen.

–Ich danke, mein Herr, antwortete ich, ich habe Sie um Alles das gefragt, was ich von Ihnen zu wissen wünschte, und Sie haben mir alle die Dienste erwiesen, die Sie mir erweisen konnten.

Ich vertheilte eine Hand voll Louis d'or unter die drei Soldaten.

Zwei entfernten sich, aber der dritte wollte mich durchaus nach de« angedeuteten Hause führen.

Ich ging rasch in der Richtung dieses Hauses. Ich konnte indessen dem Verlangen nicht widerstehen, ein letztes Mal, indem ich mich umwandte, den durch Ihr Blut geweihten Boden zu begrüßen, und ich sah den Kapitän regungslos und die Augen auf mich geheftet auf dem Platze bleiben, wo ich ihn verlassen hatte, indem er mir wie ein von Gefühllosigkeit getroffener Mann nachblickte.

Wir kamen an dem Hause an. Auf der ganzen Strecke hatten wir auf unserem Wege liegende Leichen angetroffen, aber ich war schon an dieses Schauspiel gewöhnt, und ich ging festen Schrittes in dem blutigen Grase, das mir bis an die Kniee reichte, fast auf Menschen.

Wir erreichten das Haus; es war mit Verwundeten beider Parteien angefüllt, welche auf auf dem Boden ausgebreiteten Stroh lagen. Ich betrat dieses Asyl des Schmerzes, ich befragte die Sterbenden mit der Stimme, wie ich die Todten mit dem Blicke befragt hatte, auf meine dringenden Bitten erhob sich ein Sterbender auf den Ellbogen.

– Den Grafen von Moret, sagte er, ich habe ihn in der Kutsche von Monsieur vorüber kommen sehen.

– Todt oder verwundet? fragte ich.

– Verwundet, sagte der Sterbende, aber er wer wie ich, er war verwundet nicht mehr werth als todt.

– Mein Gott! rief ich aus, und wohin führte man ihn?

–«Ich weiß es nicht; nur habe ich einen Namen nennen hören.

–Welchen?

– Den der Frau von Ventadour, und der Wagen hat einen Feldweg eingeschlagen.

– Ja, ich verstehe; er wird sich zu Frau von Ventadour nach der Abtei von Prouille haben führen lassen; so ist es, ich danke, mein Freund.

Und indem ich einige Louis d'ors neben ihm zurückließ, verließ ich das Haus, indem ich zu dem Gärtner sagte: Nach der Abtei von Prouille.

Die Abtei von Prouille lag ungefähr zwei Meilen weit von dem Orte, wo wir uns befanden. Das Pferd des Gärtners war vor Erschöpfung gefallen. Es war unmöglich, sich eine Kutsche, selbst nicht einmal einen Karren zu verschaffen. Außerdem hätten alle diese Nachforschungen Zeit weggenommen. Ich empfand keine Ermüdung, wir brachen zu Fuß auf.

Kaum hatten wir eine Viertelmeile zurückgelegt als der Regen zu fallen begann und das bis dahin nur drohende Gewitter ausbrach. Aber ich war ganz mit Ihnen beschäftigt, ich fühlte den Regen nicht, ich hörte das Gewitter nicht, ich setzte in Mitte der Ströme von Wasser, die um mich herum rieselten, bei dem Scheine der Blitze, welche zuweilen die Landschaft erleuchteten, um sie wie am hellen Tage zu sehen, meinen Weg fort. Wir kamen an einer großen Eiche vorüber. Der Gärtner bat mich inständigst, mich einen Augenblick unter sie zu stellen und unter diesem Obdache abzuwarten, bis das Gewitter sich besänftigt hätte; ich schüttelte den Kopf und setzte meinen Weg fort, ohne ihm zu antworten; eine Minute nachher schlug der Blitz in die Eiche ein, zerschmetterte sie und verzehrte die Trümmer.

Ich begnügte mich mit der Hand zu zeigen, was sich zugetragen hatte.

– Es ist wahr, Madame, sagte er, Sie sind von dem Himmel beschützt, und da Ihnen Gott die Kraft verleiht, so lassen Sie uns gehen.

Wir gingen also noch ungefähr während einer Stunde. Nach Verlauf einer Stunde zeigte uns ein Blitz die Abtei, wohin wir uns begaben. ich beschleunigte den Schritt und wir kamen an.

Alles schlief in der Abtei oder that als ob es schliefe. Ich habe seitdem immer diesem so tiefen Schlafe der Pförtnerin, der Schwestern und der Äbtissin selbst nicht getraut.

Man machte mir endlich auf, aber mit taufend Vorsichtsmaßregeln. Es ist augenscheinlich, daß man, als man uns klopfen hörte, den Besuch irgend eines verirrten Corps oder irgend einer plündernden Horde gefürchtet hatte. Ich beeilte mich, mich zu erkennen zu geben, und sogleich erkundigte ich mich nach Ihnen.

Die Schwester Pförtnerin wußte nicht, was ich sagen wollte, Sie versicherte, Sie nicht gesehen zu haben, nicht einmal zu wissen, daß Sie verwundet wären.

Ich verlangte mit Frau von Ventadour zu sprechen.

Man führte mich zu ihr.

Ich fand sie ganz angekleidet. Bei dem Lärme, den wir gemacht hatten, hatte sie sich angekleidet da sie nicht wußte, wer diesen Lärm machte. Ich glaubte zu bemerken, daß sie bleich und zitternd war.

Sie schob diese Blässe und dieses Zittern auf die Furcht, die sie gehabt hätte, als sie klopfen, hörte, daß es Soldaten mit bösen Absichten sein.möchten, welche klopften.

Ich beruhigte sie; ich sagte ihr, wie ich von, Saint-Pons aufgebrochen, wie ich auf dem Schlachtfelde angekommen wäre, wie ich die Stelle wiedergefunden hätte, auf welcher Sie gefallen waren. Ich zeigte ihr ihren Hut, den ich immer noch in meiner krampfhaft geschlossenen Hand hielt. Ich sagte ihr die Auskünfte, welche mir der Sterbende gegeben hatte, und beschwor sie am Ende im Namen des Himmels, mir das zu sagen, was sie von Ihnen wüßte.

Sie antwortete mir, daß man mich ohne Zweifel hintergangen hätte, oder auch daß die Kutsche, nachdem sie den Weg nach der Abtei eingeschlagen, sich entweder zur Rechten oder zur Linken in irgend einen Weg verirrt hätte, der auf diese Straße führte, was Sie anbeträfe, so hatte sie Sie nicht gesehen, sie hatte nicht einmal von Ihnen sprechen hören.

Ich ließ meine Arme herabsinken und legte mich auf einen Sessel, der sich dort befand, meine Kräfte hatten mich mit der Hoffnung verlassen/

Die Aebtissin rief ihre Frauen, man zog mir meine Kleider aus, welche mir durch den Gewitterregen am Leibe klebten, ich hatte meine Schuhe in dem Kothe der Straßen gelassen, und, ohne es zu bemerken, hatte ich eine Meile barfuß zurückgelegt, man brachte ein Bad, in welches man mich legte und worin ich eine Art von Erstarrung sank, die einer Ohnmacht glich.

Ich kam wieder zu mir, indem ich sagen hörte, daß man die Kutsche den Weg nach Mazéres hatte einschlagen sehen. Ich erkundigte mich, man hatte diese Anzeige von einem Landsmanne, der am Abend Milch nach dem Kloster gebracht hatte.

Die Äbtissin bot mir ihren eigenen Wagen und ihre Pferde in der Voraussetzung an, daß ich meine Nachforschungen fortsetzen wolle.

Ich nahm an.

Man brachte mir nun Kleider. denn da ich die ersten Strahlen des Tages aufgehen sah, so wollte ich keinen Augenblick verlieren, um meinen Weg fortzusetzen; es war um so mehr möglich, daß Sie sich nach Mazéres hatten führen lassen, als Mazéres ein festes Schloß war, von dem man sagte, daß es zu Herrn von Montmorency hielte.

Frau von Ventadour gab mir ihren eigenen Kutscher, und wir brachen auf.

In Villeneuve-le-Comat, in Payrac, in Saint-Lamette erkundigten wir uns; nicht allein hatte niemand etwas gesehen, sondern man wußte in diesen drei Dörfern auch noch nicht, daß die Schlacht bei Castelnaudary stattgefunden hätte.

Wir setzten nichtsdestoweniger unseren Weg bis Mazéres fort. Dort mußten die Auskünfte bestimmt sein; die Thore waren bewacht, die, welche diese Thore bewachten, gehörten Herrn von Montmorency an: sie hatten daher keinen Grund, die Anwesenheit des Grafen von Moret bei ihnen zu verhehlen.

Wir kamen an den Thoren an; man hatte keine Kutsche gesehen, Man wußte nicht, daß der Graf von Moret verwundet wäre; wir überbrachten die erste Nachricht von der Schlacht bei Castelnaudary.

Wir hatten bald den Beweis, daß diese Antwort wahr sei, denn ein Offizier eilte mit verhängten Zügeln herbei, indem er im Namen von Monsieur meldete, daß Herr von Montmorency gefangen wäre, daß Herr von Rieux verwundet wäre, kurz, daß Alles verloren sei und daß jeder an sich zu denken hätte.

Von nun an bekümmerte man sich nicht mehr um uns und antwortete nicht mehr auf unsere Fragen.

Ich hatte Ihre Spur gänzlich verloren; wir machten uns daran, auf den auf den Zufall zu suchen, wir umgaben den Schauplatz der Ereignisse mit einem großen Kreise, wie es die Jäger auf der Spur des Wildes machen. Wir besuchten Belzech, Cahusac, Faujaux, Alzonntt, Conques, Peyrac; an keinem dieser Orte war eine Spur von Ihrem Vorüberkommen vorhanden; zwischen Fondeille und der Abtei war Ihre Kutsche wie eine Erscheinung verschwunden.

In Peyrac fand ich den Verwalter unseres Hauses von Valence. Mein Vater hatte ihn benachrichtigen,lassen, daß er zwei bis drei Monate auf dem Schlosse zubringen würde. Man hatte mich bereits gesucht und bat mich, zu kommen.

Während der drei Wochen meines Herumirrens hatte ich alle Hoffnung verloren, Sie wieder aufzufinden. Ich kehrte auf das Schloß zurück.

Mein Vater kam am folgenden Tage an. Er fand mich sterbend.

Jedermann auf dem Schlosse hatte eine so hohe Verehrung für mich, daß auf ein Wort, welches der Verwalter gesagt hatte, Niemand von meiner Reise sprach.

Mein Vater kam zu mir und setzte sich an mein Bett. Wie Sie wissen, ist er ein ernster und strenger Mann. Ich hatte ihm von meiner Liebe für Sie, dem Versprechen gesprochen, das Sie mir gegeben hatten, mein Gatte zu werden. Die Ehre einer Verbindung mit Ihnen war so groß, daß er auf seinen Lieblingsplan hatte verzichten müssen, der darin bestand, mich mit dem Vicomte von Pontis, dem Sohne seines alten Freundes, zu verheirathen. Aber da Sie todt waren, so erwachte dieser Plan in seinem Geiste wieder mit mehr Kraft und Wirklichkeit.

Außerdem hatte Ludwig XIII. von der Liebe seiner Tochter zu einem Rebellen gesprochen. Ludwig XIII. war um so mehr gegen Sie erzürnt, da Sie sein Bruder waren. Alle Ihre Güter waren eingezogen worden, und wenn man nicht gewußt hätte, daß Sie todt wären, so wäre Ihnen Ihr Proceß, obgleich Sie der Sohn eines Königs waren, wie Herrn von Montmorency gemacht worden.

Es war daher ein Glück, daß Sie todt auf dem Schlachtfelde geblieben waren. Dieser Kapitän, den ich gesehen, den ich befragt hatte, dieser Mörder, den ich verflucht hatte, und dessen bleiches Gesicht mehr als ein Mal in meinen Träumen wieder erschienen ist, dieses Mörder hatte Sie von dem Schafotte gerettet. Ich hörte traurig, finster meinen Vater an; ich urtheilte, daß sein Entschluß gefaßt wäre. Der Herr Graf von Pontis, welcher in dem Heere des Marschalle von Schomberg gekämpft hatte, stand in voller Gunst. Mein Vater würde den König und den Kardinal gegen sich gehabt haben.

Ich faßte gleichfalls meinen Entschluß.

Ich verlangte drei Monate von meinem Vater, indem ich mich verpflichtete, wenn ich nach Ablauf dieser drei Monat« keine Nachricht von Ihnen hätte oder wenn Ihr Tod sich bestätigte, dem Vicomte von Pontis in die Kirche zu folgen.

Am 30. October wurde Herr von Montmorency hingerichtet.

Nun segnete ich Ihren Mörder fast, denn hätte ich Sie alles das leiden sehen müssen, was der arme Herzog litt, so wäre ich gestorben.

Es gab keinen Zweifel mehr über Sie, Jedermann sagte, daß Sie getödtet worden wären. Ich war Wittwe ohne Gattin gewesen zu sein!

Die drei Monate verflossen; am letzten Tage des dritten Monats erschien mein Vater mit dem Vicomte von Pontis auf dem Schlosse.

Ich kannte die Pünktlichkeit meines Vaters und wollte ihn nicht warten lassen.

Er fand mich im Brautkostüme.

Es schlug elf Uhr, der Priester erwartete uns in der Kirche; ich stand auf und stützte meinen Arm auf den meines Vaters.

Der Graf von Pontis ging mit seinem Sohne hinter uns.

Fünf bis sechs gemeinschaftliche Freunde, ein Dutzend Vertraute und einige Diener folgten uns.

Wir schlugen den Weg nach der Kirche ein.

Mein Vater sprach nicht mit mir, er blickte mich nur an und verwunderte sich augenscheinlich, mich so ruhig zu finden.

Wie die Märtyrer, welche zum Tode gehen, erheiterte sich mein Gesicht in dem Maße, als ich mich dem Richtplatz näherte.

Als ich in die Kirche trat, war ich bleich aber lächelnd, wie der vom Sturm verschlagene Schiffbrüchige sah ich den Hafen.

Der Priester erwartete uns am Altare; wir näherten uns und knieten nieder. Ich hatte einen Augenblick lang befürchtet, daß, zu diesem Punkte gelangt, mir die Kraft fehlen möchte.

Ich dankte dem Herrn von ganzer Seele. Die Kraft war in mir.

Der Priester fragte Herrn von Pontis, ob er mich zur Gattin nähme?

– Ja, antwortete Herr von Pontis.

Er stellte dieselbe Frage an mich, indem er mich gleichfalls frug, ob ich Herrn von Pontis zum Gatten nähme.

– Mein Gatte auf dieser und in jener Welt, antwortete ich, ist mein göttlicher Erlöser Jesus, und ich werde niemals einen anderen Gatten haben.

Ich betonte diese Antwort auf eine zugleich so ruhige und so feste Weise, daß die Anwesenden kein Wort davon verloren.

Herr von Pontis blickte mich mit erschreckter Mine an und wie als ob ich wahnsinnig gewesen wäre.

Mein Vater that einen Schritt vor.

Was mich anbetrifft, so überschritt ich das Gitter und rief mit lauter Stimme und mit zum Himmel erhobenen Armen aus:

–Von diesem Augenblicke an gehöre ich Gott an, und Niemand hat das Recht, mich zurückzufordern, als Gott!

Isabelle! rief mein Vater aus, würden Sie es wagen, meine Gewalt zu verkennen?

– Es gibt eine höhere und heiligere Gewalt, als die Ihrige, mein Vater, antwortete ich in ehrerbietiger Weise, nämlich die dessen, welcher mich den Glauben auf dem Wege des Unglücks hat finden lassen. Mein Vater ich gehöre der irdischen Welt nicht.mehr an,.beten Sie für mich. Ich werde für Sie Alle beten.

Mein Vater wollte nun auch das Gitter Überschreiten, um mich dem Altare zu entreißen, aber der Priester streckte die beiden Arme gegen ihn aus..

– Wehe dem! sagte er, der dem Berufe Zwang anlegt oder ihn zurückhalten will! Dieses junge Mädchen hat sich Gott gewidmet, ich empfange Sie in dem Hause Gottes wie in einem heiligen Asyle, welchem Niemand, selbst nicht ihr Vater, das Recht hat, sie mit Gewalt zu entreißen.

Mein Vater wäre durch diese Drohung vielleicht nicht zurückgehalten worden, aber Graf von Pontis zog ihn fort. Der Vicomte und die anderen Anwesenden folgten den Greifen, und die Thür verschloß sich wieder hinter ihnen.

Der Priester fragte mich, wohin ich mich zurückziehen wollte. Ich ließ mich nach dem Kloster der Ursulinerinnen führen.

Mein Vater reiste auf der Stelle nach Paris ab, wo der Kardinal war. Aber Alles, was er von dem Kardinal erlangte, war, daß ich erst nach Verlauf eines Jahres das Gelübde ablegen könnte.

Das Jahr verfloß. Nach Verlauf von einem Jahr, und einem Tage nahm ich den Schleier.

Es ist das vier Jahre her.

Seit vier Jahren ist kein einziger Tag verflossen, ohne daß ich für Sie betete; indem ich die Federn des Hutes küßte, den ich auf dem Schlachtfelde von Castelnaudary aufgerafft hatte, die einzige Reliquie die mir von Ihnen übrig blieb.

Sie wissen jetzt Alles..

Jetzt ist also an Ihnen die Reihe, zu sprechen, erzählen Sie mir Alles ausführlich; sagen Sie mir, durch welches Wunder Sie leben, sagen Sie mir, wo Sie sind; sagen Sie mir, wie ich Sie wiedersehen kann. Sagen Sie mir Alles das oder ich werde wahnsinnig!.

17. Mai, vier Uhr Morgens.

Neunzehnter Brief

Sechs Uhr Morgens, gleich nachdem
ich Ihren Brief gelesen.

Gott hat einen Augenblick seine Augen von uns abgewandt, und während dieses Augenblickes ist der Engel des Bösen über unsern Häuptern dahingezogen und hat uns berührt.

Hören Sie nun auch.

Sie wissen, welches die Uebereinkunft mit meinem Bruder Gaston war. Außerdem glaubte ich, indem ich für den Einen handelte, für den Andern zu handeln. Der Minister schien mir noch weit mehr auf dem Könige, als auf uns Allen zu lasten.

Ein solcher Druck war unerträglich für Söhne von Frankreich, und mit jedem Augenblick that der Kardinal dem Willen des Königs Gewalt an, verfügte über sein Siegel, ohne ihn zu berathen, über seine Streitkräfte wieder seinen Willen. Er gab an einem Tage in seinem Hause sechsmal mehr aus, als alle Söhne Heinrichs IV., den inbegriffen, welcher auf dem Thron saß, in den ihrigen ausgaben. Und während er für sich allein mehr als zwei hundert Millionen verschlungen hatte, aß kaum ein Drittel der Bewohner Frankreichs gewöhnliches Brod; das andere Drittel lebte nur von Haferbrei, und das letzte Drittel ernährte sich gleich einer Heerde unreiner Thiere nur von Eicheln.

Er hatte in dem Reiche eben so viele Plätze und Festungen als der König. Er hatte Brouage, Aleron, Rhé, La Rochelle, Saumur, Angers, Brest, Amboise, Havre, Pont-de-l'Arche und Pontoise, so daß er bis an die Thore von Paris kam. Er war Herr der Provinz und der Citadelle von Verdun. Außer den in diesen Plätzen, in diesen Festungen, in diesen Modellen verwandten Truppen hatte er ein Heer zur See. Er ging mit Garden aus. Erhalte alle Schlüssel von Frankreich in seinen Händen. Wenn ganz Frankreich sich gegen ihn vereinigte, so war es nicht im Stande, ein Heer zu erheben, das stark genug war, um es dem seinigen gegenüberzustellen. Die Gefängnisse waren Gräber geworden, bestimmt, die wahren Diener des Königs zu begraben, und das Majestätsverbrechen bestand nicht mehr darin, gegen den König oder gegen seinen Staat zu freveln, sondern darin, nicht Eifer und blinden Gehorsam für allen Willen und alle Pläne seines Ministers zu haben.

Das mußte ich Ihnen zuvor und vor Allem sagen, denn das, was ich Ihnen da sage, ist meine Entschuldigung, Sie verlassen und Partei für den ergriffen zu haben, der uns später Alle, Lebendige und Todte, verleugnen sollte.

Der Proceß und die Hinrichtung des alten Marschalls von Marillac entschied Alles, Ich stand im Briefwechsel mit meinem Bruder Gaston und mit der Königin Maria von Medicis, welche immer vollkommen gütig für mich gewesen war. Ich beschloß, mein Geschick mit dem ihrigen zu vereinigen.

Erinnern Sie sich meiner Traurigkeit zu jener Zeit? Erinnern Sie sich meiner Gemütsbewegung, des Bebens meiner bis zum Schluchzen gehenden Stimme, als ich Ihnen sagte, daß meine Zukunft weit ungewisser wäre als die des entstehenden Blattes auf dem Baume, an dessen Fuße wir saßen. Und als ich drei Monate von Ihnen verlangte, bevor ich Sie zu meiner Frau machte, indem ich Ihnen dabei sagte, daß der glücklichste Tag meines Lebens der sein werde, an welchem ich Ihr Gatte werden würde?

In der That, von diesem Augenblicke an wußte ich alle Pläne meines Bruders Gaston, und ich war der Vermittler zwischen ihm und dem armen Montmorency.

Sie sagen mir, ich solle keinen Umstand auslassen. O! Ich habe zu sehr nöthig, mich in Ihren Augen zu rechtfertigen, um etwas auszulassen oder etwas zu vergessen.

Wir sollten die Spanier und die Neapolitaner für uns haben. In dem Augenblicke, wo Montmorency sich erklärte, erschienen die Neapolitaner in der That an der Küste von Narbonne, aber sie wagten sich nicht zu landen. Was die Spanier anbelangt, so kamen sie ihrerseits bis nach St. Urgel, aber sie gingen nicht über die Grenze.

Sie sahen den Aufstand ganz um Sie herum wachsen, Sie hörten das Feldgeschrei der Empörung von Bagnels, von Lunel, von Beaucaire und von Alois. Ich zeigte Ihnen eines Morgens ein Manifest, in welchem mein Bruder Gaston den Titel als Generallieutnant des Königreiches, annahm. Kurz nachher erfuhren Sie durch einen an Ihren Vater gerichteten Brief des Königs, der ihm anbefahl, sich nach Paris zu begeben, daß er mit achtzehn Hundert Pferden nach Frankreich zurückgekehrt wäre, daß er die Faubourg Saint-Nicolas von Dijon und die Häuser der Mitglieder des Parlaments verbrannt hätte, welche Marillac verurtheilt hatten.

Eines. Tages erhielt ich auch einen Brief. Mein Bruder schrieb mir von. Albi aus und forderte mich auf, mein Wort zu halten.

Dieser Tag war der, an welchem ich Abschied von Ihnen nahm, und der 14. August 1632, ein verhängnißvoller Datum, der tief und auf eine eben so traurige Weise in meinem Herzen wie in dem Ihrigen eingeprägt geblieben ist.

O! alle Umstände dieser Abreise sind sehr wahr. Die Schilderung dieser Nacht ist sehr getreu. Nur sah ich Sie länger, als Sie mich sehen konnten. Sie befanden sich auf dem Balkon vor Ihrem erleuchteten Zimmer, während ich mich in einem immer dunkleren Horizonte verlor.

Es kam,indessen ein Augenblick, wo der Weg sich wandte und ich aufhörte, Sie zu sehen.

In diesem Augenblicke hielt ich mein Pferd an, ich fragte ich, ob es nicht besser für mich sei. alle gegebenen Versprechungen, alle eingegangenen Verpflichtungen zu vergessen, – die Ehre der Liebe zu opfern und zu Ihnen zurückzukehren.

Ihr Fenster schloß sich wieder, Ihr Licht erlosch, ich hielt dies für eine Mahnung Gottes, meinen Weg forte zusetzen; ich drückte die Sporen in den Leib meines Pferdes, ich hüllte meinen Kopf in meinen Mantel und sprengte in die immer dunkleren Tiefen des Horizontes, indem ich mir selbst zurief, um mich zu betäuben: Vorwärts! vorwärts!

Am zweiten Tage nachher war ich in Albi bei meinem Bruder, der mich mit fünf Hundert Polen in diesem Platze zurückließ und gegen Beziers rückte.

Am 29. August erhielt ich von dem Marschall Herzog den Befehl, zu ihm zu stoßen. Ich brach mit Meinen fünf Hundert Mann auf und am 30. August Abends stieß ich zu ihm.

Der Tag des 31. verfloß damit, sich. gegenseitig auszukundschaften. Wir hatten die Nachricht, daß Herr von Schomberg gegen Castelnaudary rücke. Wir marschierten gleichfalls dorthin, aber Herr von Schomberg kam uns dort zuvor, bemächtigte sich sogar eines Hauses das nur zehn Minuten Weges von uns war, und machte eine Wache daraus.

Das trug sich am 1. September 8 Uhr Morgens zu.

Der Marschall Herzog erfuhr das, was sich zugetragen hatte; er nahm fünf Hundert Mann, rekognoszierte das Heer des Marschalls, und da er sich in der Nähe dieses Hauses befand, so griff er die an, welche darin waren und die ihren Posten sogleich verließen.

Herr von Montmorency legte fünf Hundert Mann in dieses Haus und kehrte sehr vergnügt über diesen ersten Erfolg zu uns zurück.

Er fand uns, meinen Bruder Gaston, Herrn von Rieux, Herrn von Chaudebonne und mich in dem ersten Hause des Dorfes versammelt.

Nun schritt er auf meinen Bruder zu, und sagte:

– Monsieur, da ist der Tag, an welchem Sie siegreich über alle Ihre Feinde sein werden, der Tag, an welchem Sie die Söhne mit der Mutter wieder vereinigen werden. Aber, fügte er hinzu, indem er sein bloßes und blutiges Schwert zeigte, Ihr Schwert muß heute Abend sein, wie das meinige heute Morgen ist, das heißt roth bis zum Gefäße.

Mein Bruder liebte die bloßen Schwerter nicht, und besonders nicht die blutigen Schwerter wandte die Augen ab.

– Ei! mein Herr, sagte er, werden Sie denn niemals die Gewohnheit Ihrer Prahlereien verlieren? Es ist schon lange her, daß Sie, indem Sie mir immer große Siege versprechen, mir nur erst Hoffnungen gegeben haben.

– In jedem Falle, sagte der Marschall, und angenommen, daß ich Ihnen, wie Sie sagen, nur erst Hoffnungen gegeben habe, thue ich mehr, als der König, Ihr Bruder, für Sie thut, denn statt Ihnen Hoffnung zu geben,.nimmt er Ihnen selbst die des Lebens.

– Ei! mein Herr, erwiderte Gaston die Achseln zuckend, glauben Sie, daß das Leben des muthmaßlichen Erben jemals auf dem Spiele stände? Geschehe was da wolle, ich bin immer sicher, meinen Frieden für mich und drei Personen zu schließen.

Des Marschall lächelte bitter, und ohne dem Prinzen weiter zu antworten, kam er zu uns.

– Nun denn, sagte er, nun denn, das. fängt. kaum an, und; unser Mann hat schon Nasenbluten. Er spricht davon zu entfliehen, er zu.Dritt. Aber weder Sie, Herr von Moret, noch Sie, Herr von Rieux. noch ich werden ihm unter dieser Bedingung zur Bedeckung dienen.

Wir antworteten, daß. das zuverlässig nicht der Fall sein würde.

– Nun denn! fuhr der Marschall Herzog fort, so vereinigen Sie sich denn mit mir, denn wir müssen ihn heute so weit bringen, laß wir ihn endlich mit dem Schwerte in der Hand sehen.

In diesem Augenblicke ward uns gemeldet, daß man das Heer des Marschalls von Schomberg aus einem Walde herauskommen und gegen uns heranrücken sähe.

– Vorwärts, meine Herren, sagte der Marschall Herzog, der Moment ist gekommen, jeder auf seinen Posten.

Wir hatten einen Fluß über eine kleine Brücke zu passieren; man konnte uns den Uebergang streitig machen, aber Niemand dachte daran. Der Plan des Herrn von Schomberg war im Gegentheil, uns bis nach einem Hinterhalte vorrücken zu lassen, den er in jenem Hohlwege gelegt hatte, in welchem Sie meinen armen Stallmeister wiederfanden.

Als die Brücke überschritten, nahm ich meinen Posten an dem linken Flügel ein, der unter meinen Befehl gestellt war.

Das war, wie man Ihnen gesagt hat. mein erstes Gefecht. Es drängte mich, zu zeigen, daß, obgleich von demselben Blute, als Monsieur, mein Blut feuriger als das seinige wäre. Ich sah eine Abtheilung als Vorposten vorgeschobener Carabiniers; ich griff sie an.

Ich hatte besonders den Officier bemerkt, dem Sie am Abend der Schlacht begegneten.

Er war als wackerer Edelmann ruhig im Feuer, wie als ob er auf der Parade gewesen wäre. Ich sprengte gerade auf ihn zu, und feuerete eine Pistole auf ihn ab, dieser Schuß schnitt, wie er Ihnen gesagt hat, die Feder seines Hutes ab. Er erwiderte den Schuß. Ich fühlte etwas wie einen Faustschlag in die linke Seite; ich fuhr mit der Hand danach, ohne zu wissen was es wäre, und zog meine Hand voll Blut zurück. Im selben Augenblicke trat, ohne wirklichen Schmerz, etwas wie eine Wolke vor meine Augen; die Erde drehte sich unter mir. Mein Pferd machte eine Bewegung, die zu unterdrücken. Noch ihr zu folgen, ich nicht die Kraft hatte. Ich fühlte, daß ich von meinem Sattel glitt. Ich rief aus: – Zu mir, Bourbon! Und ich sank in Ohnmacht, indem ich an Sie dachte.

Als ich die Augen schloß, schien es mir, als ob ich ein heftiges Gewehrfeuer hörte und einen Vorhang von Flammen sich entfalten sähe.

Ohne Zweifel trugen mich meine Polen fort, denn von diesem Augenblicke an bis zu dem, wo ich ungefähr eine halbe Meile von dort in der Kutsche meines Bruders wieder zur Besinnung kam, habe ich kein Bewußtsein mehr von dem, was mir begegnete.

Entsetzliche Schmerzen tiefen mich In das Leben zurück. Ich schlug die Augen auf; ich sah eine große Menge, die voll Neugierde, und indem sie heftig sprach, sich um meine Kutsche herum drängte. Ich Verstand, daß es sich darum handelte zu wissen, wohin Man mich führen sollte. Ich erinnerte mich, daß die Schwester des Herrn von Ventadour, eines meiner guten Freunde, Äbtissin in der Umgegend sein müsse. Ich machte eine Anstrengung, und indem ich den Kopf aus dem Schlage streckte, gab ich den Befehl, mich zu Frau von Ventadour zu führen.

Wie Sie sehen, hatte Ihre wundersame Treue Sie richtig auf meine Spur geführt, und es hat nicht von Ihnen abgehangen, mich wiederzufinden.

Der Schmerz hatte mich aus Meiner Ohnmacht gerissen, der Schmerz versenkte mich wieder darin. Ich weiß nicht, wer meine Einführung bei Frau von Ventadour übernahm, aber ich fand mich auf einem vortrefflichen Bette liegend wieder, nur war ich in einem unterirdischen Gewölbe. Ich haltenden Arzt des Klosters neben mir, und hinter dem Bette Jemand,der, als er mich die Augen wieder aufschlagen sah, leise zu mir sagte:

– Sagen Sie nicht, wer Sie sind.

Eben so, als Sie meine letzte Erinnerung gewesen waren, waren Sie mein erster Gedanke. Ich sah um mich, ob Sie nicht irgend wo wären. Ich sah nur fremde Gesichter, und in Mitte derselben einen Mann mit aufgeschlagenen Ärmeln und mit blutigen Händen. Das war der Arzt, der mich verbunden hatte.

Ich schloß die Augen wieder.

Während dieser Nacht war es, daß Sie in der Abtei erschienen, und daß man Ihnen aus Furcht, welche der Kardinal einflößte, antwortete, daß man mich nicht gesehen hätte.

Auf diese Weise wußten Sie nicht, daß ich lebte; auf diese Weise wußte ich nicht, daß Sie gekommen waren. Wir hatten uns fast berührt, ohne uns zu sehen.

Ich habe kein Bewußtsein von dem, was sich während der vierzehn Tage zutrug, welche meiner Verwundung folgten. Es war keine Genesung, es war ein Halt an der Pforte des Grabes.

Endlich trugen die Jugend und die Kraft meiner Constitution den Sieg davon, ich fühlte eine gewisse Frische sich in meinen entkräfteten und fieberhaften Gliedern verbreiten, und von diesem Augenblicke an erklärte des Arzt, daß ich gerettet wäre.

Aber unter welcher Bedingung! daß ich nicht sprechen, daß ich mein Bett nicht verlassen, daß ich keinen Antheil an dem äußeren Leben nehmen würde, ich würde nur unter der Bedingung leben, einen Monat bis sechs Wochen zu bleiben, ohne zu leben.,

Während dieses Zeitabschnittes wurde der Marschall Herzog verurtheilt und hingerichtet. Diese Hinrichtung verdoppelte den Schrecken der armen Jungfrauen, die mir Gastfreundschaft erwiesen hatten. Es unterlag übrigens keinem Zweifel, daß ich, wenn man mein Dasein erführe, obgleich ich Prinz von Geblüt war, wie Herr von Montmorency behandelt worden wäre. War Herr von Montmorency nicht mit Maria von Medicis verwandt?

Es wurde daher beschlossen, daß ich tobt wäre,, und das Gerücht von meinem Tode verbreitete sich durch alle die Stimmen, welche dabei interessiert waren, daß man es glaubte.

Nach Verlauf von zwei Monaten konnte ich aufstehen. Bis dahin war ich in den unterirdischen Gewölben des Klosters versteckt geblieben; die Luft wurde meiner Genesung nothwendig; wir warm im Monat November, aber der milde Winter von Languedoc gestattete einige nächtliche Ausgänge. Man erlaubte mir des Nachts in dem Klostergarten Luft zu schöpfen.

Mit dem Gedanken, mit dem Gefühle, ich will nicht sagen mit der Kraft, denn ich war noch so schwach, daß ich die Treppen weder hinab noch hinauf gehen konnte, war meine ganze, durch den Tod erstarrte Liebe für Sie zurückgekehrt. Ich sprach nur von Ihnen, ich sehnte mich nur nach Ihnen. Sobald ich eine Feder halten konnte, verlangte ich Ihnen zu schreiben; man gab mir was ich verlangte, man ließ einen Boten in meiner Gegenwart auf, brechen, aber da der Bote mein Leben offenbaren konnte, und da mein Leben in dem Schrecken der Frau von Ventadour die Verfolgung, das Gefängniß, der Tod vielleicht war, so blieb der Bote in der Umgegend und lehrte nach Verlauf von zwölf bis vierzehn Tagen zurück, indem er sagte, daß Ihr Vater Sie nach Paris geführt hätte, und daß er meinen Brief der Ihrer Frauen übergeben hätte, welche ihm die ergebenste geschienen habe.

Von nun an war ich ruhiger, ich verließ mich auf Ihre Liebe, mir eine schnelle Antwort zukommen zu lassen.

Ein Monat verfloß in dieser Erwartung, jeder Tag, welcher verfloß, schwächte mein Vertrauen zu Ihnen mehr und nahm einen Theil meiner Hoffnung mit sich fort.

Drei Monate waren bereits verflossen. Ich wollte die Neuigkeiten wissen, welche mich interessieren könnten. Im Anfange der Schlacht, die ich begonnen hatte, verwundet, wußte ich den Ausgang derselben nicht. Man zögerte, wir diese Nachrichten mitzutheilen. Ich drohte sie selbst zu suchen; nun sagte man mir Alles, nun erfuhr ich den Verlust der Schlacht, die Flucht und die Versöhnung Gastons, er zu Dritt, wie er es gesagt hatte; den Proceß und den Tod des Herrn von Montmorency; die Einziehung meiner Güter; die Zurücknahme meines Ranges und meiner Würden.

Ich nahm alle diese Nachrichten mit mehr Kraft auf, als man es erwartete. Unbezweifelt war der Tod des armen Marschalle ein gewaltiger Schlag. Aber nach dem Tode des. Herrn von Marillac hätten wir diesen Schlag mehr als ein Mal mit Herrn von Montmorency sowohl für ihn als für mich vorausgesehen. Was den Verlust Meines Ranges, meiner Würden und meines Vermögens anbetrifft, so nahm ich sie mit einem Lächeln der Verachtung auf. Die Menschen hatten mir alles das genommen, was mir die Menschen geben konnten, aber sie waren gezwungen gewesen mir das zu lassen, was mir von Gott kam, Ihre Liebe.

Von diesem Augenblicks an war daher auch Ihre Liebe die einzige Hoffnung meines Lebens. Sie war der Stern, welcher allein an dem eben so finster gewordenen Himmel der Zukunft glänzte, als der der Vergangenheit glänzend gewesen war.

Ein Bote hatte Sie nicht gefunden; ich beschloß, mein eigener Bote zu sein. Ein Bericht von Ihnen war mir nicht zugekommen, ich beschloß, mir Ihre Antwort selbst zu holen.

Uebrigens war es nichts leichtes das Kloster zu verlassen. Ich war beaufsichtigt, man fürchtete,. daß ich gesehen oder erkannt werden möchte. Ich sprach daher nicht davon das Kloster, sondern Frankreich zu verlassen.

Dieser Vorschlag war der angenehmste, den ich der guten Äbtissin machen konnte. Es wurde verabredet, daß man sich mit Fischern verständige, daß ich Narbonne erreichen, und daß ich mich dort einschiffen würde. Von der Abtei sollte ich den Weg nach Narbonne in einem geistlichen Kostüme und in der Kutsche und. mit.den Pferden. des Äbtissin zurücklegen.

Außerdem hielt mich Jedermann für so gewiß todt, daß es nicht wahrscheinlich war, daß ich in dieser.Gegend, in welche ich zum ersten Male kam, erkannt würde.

Die gute Äbtissin stellte ihre Kasse zu meiner Verfügung, aber ich dankte ihr, ich hatte in dem Augenblicke, wo ich verwundet worden war, ungefähr zwei Hundert Louis d'or bei mir, die, man in. meinem Geldbeutel. wiederfand; außerdem Diamanten an Ringen und Spangen zu einem Werthe von ungefähr zehn Tausend Livres.

Sie waren reich, was brauchte ich reich zu sein!

Anfangs Januar verließ ich die Abtei voll Dankbarkeit für die Gastfreundschaft, welche man mir darin gewährt hatte; ach! ich wußte nicht, daß mir diese Gastfreundschaft so theuer zu stehen kommen sollte.

Ich war acht und zwanzig Meilen weit von Narbonne. ich fühlte mich noch so schwach, daß wir nur kleine Tagereisen machen konnten. Außerdem übertrieb ich meine Schwäche vielleicht noch ein wenig, damit man weniger mißtrauisch gegen mich sein möchte.

Am ersten Tage übernachteten wir in Villepinte, am zweiten in Barbeira, am dritten in Narbonne.

Gleich am folgenden Tage war der Handel geschlossen, um mich nach Marseille zu führen. Ich war ein brustkranker Prälat, dem man die Luft von Hyéres oder von Nizza verordnet hatte.

Ich ruhte mich einen Tag in Narbonne aus, und schiffte mich am folgenden Tage ein. Bei günstigem Winde befand ich mich acht und vierzig Stunden nachher in Marseille..

Dort bezahlte ich meine Schiffer, schickte die beiden Diener der Äbtissin zurück, die mich begleitet hatten, und wurde wieder vollkommen frei.

Ich wurde sogleich Handels einig, um mich in einer Kutsche bis nach Avignon führen zu lassen, und wollte von Avignon die Rhone bis nach Valences hinauffahren.

Da mein cavalirmäßiges Aussehen mich verrathen konnte, so ließ ich mir eine Officier-Uniform der Garden des Herrn Kardinals machen. In dieser Uniform war ich sicher, nicht beunruhigt zu werden..

Ich brach. von Marseille auf, und erreichte Avignon in drei Tagen. Da die Winde von dem Meere kamen, und die Schifffahrt dem zu Folge gut war, so vertraute ich mich in Avignon der Rhone an; außerdem spannten wir, wenn der Wind uns fehlte, Pferde an unser Boot, und fuhren mit Hilfe eines von ihnen gezogenen Taues den Strom hinauf.

Von Weitem und mit Tagesanbruch sah ich Ihr Schloß. Dort mußten Sie sein, dort mußten Sie mich erwarten, oder zum Mindesten, wenn das wahr war, was man mir gesagt hatte, wenn Ihr Vater Sie nach Paris geführt hatte, so würde ich dort Nachrichten von Ihnen erhalten.

Ich wollte mich ans Land setzen lassen, das Boot ging so langsam! unglücklicher Weise war.ich noch zu schwach.

O! wenn ich eine Stunde gewonnen hätte! wenn ich Sie wiedergesehen hätte! Aber dem sollte nicht so sein, wir waren verdammt. . .

Ich vermochte es indessen nicht auszuhalten; eine halbe Meile vor Valence landete ich. Ich konnte noch nicht rasch gehen, meine Schnelligkeit übertraf indessen die des Bootes um Vieles.

Außerdem hatte die Hoffnung, Sie wiederzusehen, mir fast alle meine Kräfte wiedergegeben. Seit langer Zeit sah ich Ihren Balkon, den, von welchem aus Sie Abschied von mir genommen hatten, denn ich hatte die Biegung der Straße erreicht, nur war Ihr Balkon verlassen, die Jalousien desselben waren geschlossen. Es lag in dem ganzen Anblicke dieses Schlosses, das wiederzusehen ich mich so sehr gesehnt hatte, etwas Finsteres und Leeres, was mich erstarrte.

Plötzlich sah ich das Hauptthor sich öffnen und einen Zug herauskommen, der sich nach der Seite der Stadt wandte und verschwand.

Ich war. noch ungefähr eine halbe Viertelmeile entfernt; ich fühlte, ohne daß ich errathen konnte warum, mein Herz beklommen werden und meine Kräfte ermatten.

Ich lehnte mich an einen Baum der Heerstraße; ich trocknete meine mit Schweiß bedeckte Stirne ab, und setzte meinen Weg wieder fort.

Ich begegnete einem Diener.

– Mein Freund, fragte ich ihn mit halb erloschener Stimme, bewohnt denn Fräulein Isabella von Lautrec dieses Schloß nicht mehr?

– Doch, mein Officier, antwortete er, es gehört immer noch Fräulein Isabella von Lautrec. Nur wird man in einer halben Stunde sie anders nennen müssen.

–Man wird sie anders nennen müssen! Und wie wird man sie nennen müssen?

– Frau Vicomtesse von Pontis.

– Warum Frau Vicomtesse von Pontis?

– Weit sie in einer halben Stunde die Frau meines Herrn, des Herrn Vicomte von Pontis sein wird.

Ich fühlte, daß ich todtenbleich wurde, ich verbarg meine Stirn in meinem Taschentuche.

– Demnach also, fragte ich, war der Zug, den ich aus dem Schlosse habe kommen sehen. . .

– Es war der der Brautleute.

– Und in diesem Augenblicke?

– In diesem Augenblicke sind sie an der Kirche.

– O! das ist unmöglich!

– Unmöglich! sagte der Diener. Meiner Treue, wenn Sie sich mit eigenen Augen von der Sache überzeugen wollen, mein Officier, so ist es noch Zeit dazu. Schlagen Sie den kürzesten Weg ein, und Sie werden zu gleicher Zeit mit ihnen an der Kirche sein.

Ich ließ mir dies nicht zwei Male sagen, denn es drängte mich, mich mit eigenen Augen von der schrecklichen Wirklichkeit zu überzeugen; ich vermochte nicht an die Erzählung dieses Mannes zu glauben. Er hatte irgend einen Grund, um mir diese kecke Lüge zu sagen, aber zuverlässig log er.

Ich kannte Valence dadurch, daß ich drei Monate lang dort gewohnt hatte; ich ging rasch über die Brücke, ich trat in die Stadt, und schlug die kleinen Straßen ein, welche mich auf dem kürzesten Wege nach der Kirche führen mußten. Außerdem wurde ich durch das Läuten aller Glocken geführt.

Der Platz der Kathedrale war mit Menschen überfüllt. Nun denn! trotz diesen läutenden Glocken, trotz dieser den Platz überfüllenden Menge, vermochte ich nicht zu glauben, ich sagte mir, daß eine Andere, als Sie zum Altare ginge; ich wiederholte mir, daß dieser Mensch sich geirrt oder mich hintergangen hätte.

Und dennoch, indem ich mich unter die Menge mischte, wagte ich nicht, Jemand zu befragen.

Wenn ich nicht mit der Uniform der Garden des Kardinals angethan gewesen wäre, so hätte ich zuverlässig nicht in die erste Reihe gelangen können, so groß war das Gedränge. Aber vor meiner Uniform trat Alles zurück.

Nun, o! – ich bedarf noch heute aller meiner Kraft, um Ihnen dieses schrecklichen Umstände anzugeben; gestern, als ich nicht wußte, daß Sie es waren, welche mir schrieb, hätte ich diesen Schmerz nicht wieder erneuern können, ohne eine tödtliche Wunde wieder aufzureißen. . . – O! Sie haben nur durch meinen vermutheten Tod gelitten; Ihr Verrath bereitete mir Höllenqualen.

Verzeihung, Verzeihung, Isabella, ich weiß es jetzt, Ihr Verrath war Schein, aber für mich, s! für mich Unglücklichen war es Wirklichkeit!

Meine Augen verschleierten sich bei Ihrem Anblick mit einer Wolke, gleich der, welche sich vor meine Augen legte, als ich von jenem Officier getroffen, von meinem Pferde zu Boden fiel. Es war dieselbe Empfindung, aber noch schmerzlicher, denn das, was ich das erste Mal in der Seite gefühlt hatte, fühlte ich dieses Mal im Herzen.

Ich sah Sie erscheinen, Sie waren bleich aber lächelten fast; Sie gingen festen Schrittes über den Platz, Sie schienen Eile zu haben in die Kirche zu kommen..

Ich legte meine Hand vor meine Augen. . . Gebückt, athemlos, flüsterte ich leise in Mitte meiner erstaunten Nachbarn: Mein Gott, mein Gott, es ist nicht wahr. . . mein Gott, sie ist es nicht. . . Mein Gott, meine Augen, meine Ohren, alle meine Sinne täuschen mich . . . Sie allein, sie allein betrügt mich nicht; sie allein kann mich nicht betrügen.

Alt Sie dann auf zehn Schritte weit von mir vorüber kamen, war ich ohne Stimme, und hoffte immer noch, daß Sie nicht bis zur Kirche gehen, daß Sie auf dem Wege anhalten und daß Sie ausrufen würden, daß man Ihnen Gewalt anthäte, daß Sie sich auf alle Frauen, auf die Aufrichtigkeit Ihrer Liebe berufen würden, und dann wäre ich vorgeeilt, hätte mein Leben gewagt, um zusagen: Ja, ich liebe sie, ja, sie liebt mich; ja, ich bin der Graf von Moret, todt für Jedermann, ausgenommen für sie, ausgenommen für Isabella von Lautrec, meiner Braut auf dieser und in jener Welt. . . Laßt mich durch mit meiner Braut!

Und ich hätte Sie im Angesichte Aller und trotz Aller entführt, denn ich fühlte die Kraft eines Riesen in mir.

O! Isabella! Isabella! Sie blieben stumm, Sie blieben nicht stehen, Sie traten in die Kirche. Ein langer, seit lange in der Tiefe meiner Brust angefangener Schrei drang in dem Augenblicke, wo Sie unter der Vorhalle verschwanden, aus ihr hervor, indem er sie zerriß, und bevor man mich gefragt hatte, was dieser Schrei bedeute, hatte ich Jedermann beseitigt, hatte ich das Gedränge verlassen, war ich verschwunden.

Ich erreichte das Ufer des Flusses wieder, ich fand mein Boot wieder, ich eilte wieder unter meine Matrosen, indem ich meine Hände in meine Haare begrub und ausrief: Isabella! Isabella!

Sie überließen mich einen Augenblick lang meiner Verzweiflung. Dann frugen sie mich, wo sie hingehen müßten.

Ich zeigte ihnen den Lauf des Flusses. Sie banden ihre Barke los und die Rhone trug uns fort.

Was soll ich Ihnen mehr sagen? ich habe ohne Zweifel seit vier Jahren gelebt, da Sie mich heute lebendig und Sie liebend finden. Aber ich habe nicht existiert. Ich erwartete, daß der Zeitpunkt den ich mir auferlegt hatte, herbeikäme, um meine Gelübde abzulegen. Sie nähern diesen Zeitpunkt, haben Sie Dank, Seitdem ich weiß, daß Sie mich nicht verrathen haben, seitdem ich weiß, daß Sie mich immer noch lieben, ist der Beruf mir leichter, und ich gehe ruhiger zu Gott.

Beten Sie für Ihren Bruder. . . Ihr Bruder wird für Sie beten.

Drei Uhr Nachmittags.

Zwanzigster Brief

Halb sechs Uhr am selben Tage.

Was sagen Sie mir da! ich versteht es nicht recht. Sie haben mich wiedergefunden, Sie sind überzeugt, daß ich Sie nicht verrathen habe, Sie sind überzeugt, daß ich Sie liebe, und das nähert, wie Sie sagen, den Zeitpunkt Ihrer Gelübde, und das macht Ihnen Ihren Beruf leichter, und das macht Sie ruhiger, um sich Gott zu widmen!

O mein Gott! hätten Sie immer noch den seltsamen Plan, auf die Welt zu verzichten?

Aber hören Sie mich recht an: Gott ist nicht ungerecht. Als ich mich ihm gewidmet habe, geschah es in dem Glauben Ihres Todes, Sie lebten, Gott hat das der Verzweiflung entrissene Gelübde nicht annehmen können, da die Ursache der Verzweiflung nicht bestand; ich bin also frei, frei, trotz meines Gelübdes.

– O! ja, ja, Sie sagen es; wir haben uns einen Augenblick lang in dieser Abtei fast berührt, und nichts hat uns gesagt, daß wir einander so nahe waren. O! ich irre mich, ich bin undankbar gegen mein eigenes Herz. Eine Stimme rief mir zu: Beharre, bleibe, bleibe, er ist hier.

Ja, ich begreife, sie hat für sich gezittert, die arme Frau, sie hat gezittert, daß die Gastfreundschaft, welche sie Ihnen gewährte, ihr Verderben sein möchte. O! warum habe ich Sie nicht wieder aufgefunden; ich wäre stolz über die mir von Gott gegebene Sendung gewesen, den Sohn Heinrichs IV. zu retten. Ich hätte Allem Trotz geboten, um des einzigen Stolzes, um des einzigen Ruhmes willen zu sagen: Als die ganze Welt ihn verließ, habe ich allein ihn aufgenommen, habe ich allein ihn beschützt.

Thörichte, die ich bin! indem ich das sage, ich hätte Sie verrathen und Sie wären verloren gewesen, wie es.der Marschall Herzog gewesen ist.

Es ist also besser, daß er selbst mir Ihr Dasein und daß Sie lebten verborgen hat; es ist also besser, daß ich leide, daß ich unglücklich bin, daß ich sterbe.

Aber warum sollte ich unglücklich sein? Warum sollte ich sterben? Sie haben kein Gelübde abgelegt, ich betrachte das meinige als gebrochen. Lassen Sie uns aufbrechen, lassen Sie uns nach Italien, nach Spanien, an das Ende Welt gehen. Ich bin noch reich; außerdem, wozu haben wir Reichthum nöthig? Sie lieben mich, ich liebe Sie! lassen Sie uns aufbrechen, lassen Sie uns aufbrechen!

O! antworten Sie mir. Ja, sagen Sie mir, wo Sie sind, sagen Sie mir, wo ich Sie aufsuchen kann.

Bedenken Sie, daß Sie mich beargwöhnt haben, mich, Ihre Isabella, einer Schändlichkeit beargwöhnt, und daß Sie mir eine Büßung schuldig sind.

Ich erwarte, ich erwarte!

Einundzwanzigster Brief

Fünf Uhr Morgens.

Ihr Brief hat alle Fiebern meines Herzens bis auf die geheimsten erbeben lassen.

Ach! welches Schicksal ist doch das unsrige! Sie bieten mir das gesuchte, erwartete, während meines ganzen Lebens ersehnte Glück an, und ich kann dieses Glück nicht annehmen.

Isabella! Isabella! Sie sind Edelfrau, wie ich Edelmann bin. Ein Versprechen, ein einfaches den Menschen gegebenes Versprechen würde uns binden, um wie viel mehr ein Gott geleisteter Eid.

Versuchen Sie nicht, sich zu täuschen. Ihr Gelübte besteht wirklich, und Gott nimmt keine solchen Spitzfindigkeiten an.

Es gibt also für uns nur noch eine einzige Zukunft, die, in welche das Unglück uns gestürzt hat. Sie haben mir den heiligen Weg gezeigt, indem Sie ihn zuerst einschlugen. Ich folge Ihnen, wir werden mit einander ankommen, da wir dasselbe Ziel verfolgen. Ich werde für Sie beten, und Sie werden für mich beten. Jedes wird in sein Gebet eine Inbrunst legen, die es nicht für sich selbst darein legte, und das ewige Leben wird uns mit der ewigen Liebe von dem Herrn statt der vergänglichen Liebe, statt des sterblichen Lebens gegeben werden.

Und glauben Sie nicht, daß ich Sie, weil ich Ihnen das sage, weniger liebe, als Sie mich lieben. Nein, ich liebe Sie nicht mehr, ich weiß es; aber ich liebe Sie mit der Kraft eines um so stärkeren Mannes, als er höher herabgefallen und der Sturz tiefer gewesen ist, und der, als er sich wieder erhoben, nachdem er den Tod mit der Hand berührt hatte, aus dem Grabe jenes bleiche Gesicht mitgebracht hat, welches denen, die es gehabt haben, eine Offenbarungen eines anderen Lebens gewährt.

Glauben Sie mir. daher, Isabella, je mehr ich Sie liebe, desto mehr. werde ich von diesem Punkte festgehalten. Wagen Sie Ihr ewiges Heil nicht auf einen Trugschluß. Das Leben dieser Welt ist gegen die Ewigkeit das, was die Stunde gegen. ein Jahrhundert ist. Wir leben eine Secunde auf der Erde, wir leben eine Ewigkeit bei Gott.

Noch Eins, hören Sie wohl Folgendes, meine Braut in dieser und in jener Welt; Die Gewalt, welche bindet, hat das Recht zu lösen, und Gott ist es, der das gewollt hat, damit die Verzweiflung sich nicht eines Herzens bemächtigen möge, das betrogen worden, wie es das Ihrige gewesen ist. Urban VIII. ist Papst, Ihre Familie hat mächtige Verbindungen in Italien. Erlangen Sie die Lösung Ihres Gelübdes. An diesem Tage, Isabella, sagen Sie mir: Ich bin frei. . . und dann, dann. . . o! ich wage nicht an dieses Glück der Engel, an diese Glückseligkeit ohne Gewissensbisse zu denken, die uns vorbehalten ist!

Zweiundzwanzigster Brief

Um zwei Uhr Nachmittags.

Nun denn! ja, Sie hoben Recht, Nichts darf unser Glück trüben. Unser Herz darf weder Furcht noch Gewissensbisse haben, auf unseren stürmischen und finsteren Himmel muß ein reiner und ganz gestirnter Himmel folgen. Ja, der, an den ich mich wenden werde, wird mich erhören, ja, so unbeugsam er auch ist, wird er Erbarmen mit mir haben; ja, ich verlange drei Monate von Ihnen, um mich frei zu machen, und wenn in drei Monaten unsere Taube Ihnen nicht die Bulle überbracht hat, welche mich entbindet, dann ist es ein Beweis, daß unsere ganze Hoffnung für den Himmel ist.

Dann widmen Sie.sich Gott, wie ich, widmen Sie sich ihm durch unauflösbare Bande. O! ich würde zu eifersüchtig sein, Sie noch frei zu wissen, während ich gefesselt wäre, wie ich es bin.

– Morgen werde ich abgereist sein.

Dreiundzwanzigster Brief

Halb fünf Uhr Nachmittage.

Gehen Sie und möge Gott mit Ihnen sein.

Vierundzwanzigster Brief

l. Juni 1628.

Es ist gerade einen Monat her, daß ich Ihren letzten Brief erhalten habe, einen Monat, daß ich unsere Taube nicht habe kommen sehen, einen Monat, daß Nichts mir von Ihnen gesprochen hat, ausgenommen mein Herz.

Aber es ist keine Zeit zu verlieren. Nur sind die Minuten zu Stunden, die Stunden zu Tagen, die Tage zu Jahren geworden. Werde ich so noch zwei Monate warten können?

Ja, denn ich werde erst mit dem letzten Tage die Hoffnung verlieren.

Ich schrieb diesen Brief ohne zu wissen, ob Sie ihn jemals erhalten werden, aber ich schreibe ihn, damit Sie an dem Tage, der uns trennen oder uns vereinigen soll, wissen, Isabella, daß ich bei jedem Schlage meines Herzens an Sie gedacht habe.

Fünfundzwanzigster Brief

22. Juni 1683.

Fliege, geliebte Taube, fliege zu meinem teuren Wiederauferstandenen, sag ihm, daß es seine Gebete sind, die mich beschützt haben, sage ihm, daß ich frei bin, sage ihm, daß wir glücklich sind.

Frei! frei! frei! Laß mich Dir das erzählen, mein Geliebter.

Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, ich bin außer mir vor Glück!

Du weißt, daß an demselben Tage, an welchem ich Dir meinen letzten Brief geschrieben habe, sich amtlich die glückliche Nachricht verbreitet hat, daß die Königin schwanger wäre. Bei dieser Gelegenheit mußte es große Feste in ganz Frankreich, und von dem Könige und von dem Kardinal bewilligte Gnaden geben.

Ich beschloß, mich dem Kardinal zu Füßen zu werfen, der für alle unsere geistlichen Angelegenheiten Vollmachten von Rom hat.

Deshalb verlangte ich nur drei Monate von Dir.

An demselben Tage, wo ich Dir geschrieben habe, bin ich mit einem Urlaub unserer Superiorin abgereist, Meine Zellennachbarin übernahm es, für unsere Taube zu sorgen. Ich war ihrer sicher, wie meiner selbst, ich ließ sie daher ohne Furcht zurück.

Ich reiste ab. Aber welche Eile ich auch darauf verwandte, ich konnte erst in siebzehn Tagen nach Paris kommen. Der Kardinal war auf seinem Landgute Rueil. Ich brach sogleich nach Rueil auf.

Er war leidend und empfing nicht. Ich logierte mich in dem Dorfe ein und wartete. Ich hatte dem Vater Joseph meinen Namen zurückgelassen.

Am dritten Tage kam der Vater Joseph persönlich, mir zu melden, daß seine Eminenz bereit wäre, mich zu empfangen.

Ich stand bei dieser Nachricht auf; aber ich sank wieder auf meinen Stuhl zurück, ich war erbleicht, wie um zu sterben, mein Herz schien bereit zu brechen, meine Kniee bogen sich unter mir.

Wie man sagt, hat der Vater Joseph kein weiches Herz, als er mich indessen beinahe sterbend bei dem bloßen Gedanken sah, mich dem Kardinal gegenüber zu befinden, ermuthigte er mich nach Kräften, indem er mir meldete, daß, wenn ich seine Eminenz um irgend Etwas zu bitten hätte, der Moment gut wäre, da der Kardinal sich besser befände, als er es seit langer Zeit gewesen wäre

O! das kam daher, weil mein ganzes Leben, so wie das Ihrige von dem abhing, was sich zwischen diesem Manne und mir zutragen würde.

Ich folgte dem Vater Joseph ohne etwas zu sehen, meine Augen waren auf ihn geheftet, mein Schritt richtete sich nach dem seinigen, wie als ob meine Bewegungen sich nach dem seinigen gerichtet hätten. Wir gingen durch einen Theil des Dorfes, wir traten in den Park. Wir schlugen eine Allee von großen Bäumen ein; jede dieser Veränderungen überraschte mich durch das Ganze, aber die einzelnen Umstände entgingen mir.

Endlich erblickte ich von Weitem unter einer Laube von Jelängerjelieber und wilden Reben einen auf einem Ruhesessel halb liegenden Mann. Er war in ein weißes Gewand gekleidet und trug die rothe Mütze, das Zeichen der Kardinalswürde. Ich streckte die Hand nach diesem Manne aus, der Vater Joseph verstand die Frage.

– Ja, sagte er, er ist es.

Ich ging in diesem Augenblicke an einem großen Baume vorüber; ich lehnte mich an ihn, denn ich fühlte, daß ich einen Schritt weiter ohne Stütze fallen würde.

Er sah mein Zögern, diese Bewegung, welche mein, Schwäche andeutete, er erhob sich.

Kommen Sie ohne. Furcht, sagte er.

Ich weiß nicht, welches Gefühl ihn seine gewöhnlich barsche Stimme für mich mildern ließ. Aber am Ende gelangte diese Stimme voll Hoffnung zu mir.

Ich bekam meine Kräfte wieder und lief fast, um mich ihm zu Füßen zu werfen.

Er gab dem Vater Joseph einen Wink mit der Hand, sich zu entfernen..Dieser gehorchte, indem er sich außer dem Bereich der Stimme, aber nicht außer dem Bereichs des Gesichts zurückzog.

Ich neigte den Kopf, indem ich die beiden Hände nach ihm ausstreckte.

– Was wollen Sie von mir, meine Tochter? Fragte der Kardinal Herzog.

– Gnädiger Herr, gnädiger Herr, eine Gnade, von welcher nicht allein mein Leben, sondern auch noch meine Seligkeit abhängt.

– Ihr Name?

– Isabella Lautrec.

– O! Ihr Vater war ein treuer Diener des Königs. Das ist in unseren Zeiten der Empörung etwas Seltenes. Wir haben das Unglück gehabt, ihn zu verlieren.

– Ja, gnädiger Herr. Ist es mir daher erlaubt, sein Andenken bei Ihnen anzurufen.

– Ich hätte ihm lebend das bewilligt, was er von mir verlangt hätte, ausgenommen das, was von dem Herrn allein abhängt und wofür ich nur sein geringer Stellvertreter bin. Sprechen Sie, was wünschen Sie?

– Gnädiger Herr, ich habe die Gelübte abgelegt.

– Ich erinnere mich dessen, denn auf das Verlangen Ihres Vaters habe ich mich diesen Gelübden aus aller meiner Gewalt widersetzt, und ich habe, statt sie zu beschleunigen, wie Sie es selbst verlangten, ein Jahr der Probezeit festgesetzt. Sie haben also trotz diesem Jahre die Gelübde abgelegt?

– Leider, leider! Gnädiger Herr.

– Ja, und Sie bereuen es jetzt?

Ich zog es vor, meine Reue lieber meiner Unbeständigkeit als meiner Treue zuzuschreiben.

– Gnädiger Herr, sagte ich zu ihm, ich war erst achtzehn Jahre alt, und der Tod eines Mannes, den ich liebte, hatte mich den Verstand verlieren lassen.

Er lächelte.

– Ja, und Sie sind jetzt vier und zwanzig Jahre alt und Sie sind jetzt vernünftig geworden.

Ich bewunderte das außerordentliche Gedächtnis dieses Mannes, der sich der Zeit eines so wenig wichtigen Ereignisses erinnerte, als für ihn die Einkleidung eines armen Kindes sein mußte, das er niemals gesehen hatte.

Ich wartete, immer mit gefalteten Händen.

– Und jetzt, sagte er, möchten Sie dieses Gelübde brechen, denn das Weib hat den Sieg über die Nonne davongetragen, denn die Erinnerungen der Welt haben Sie in Ihre Zurückgezogenheit verfolgt, denn Sie haben den Körper Gott gewidmet, aber die Seele, die Seele, nicht wahr, ist auf der Erde zurückgeblieben? O menschliche Schwäche!

– Gnädiger Herr, gnädiger Herr! rief ich aus; ich bin verloren, wenn Sie kein Erbarmen mit mir haben!

– Sie haben indessen ganz frei und ganz freiwillig Ihr Gelübde abgelegt?

– O! ja, frei und freiwillig. Ich wiederhole es Ihnen, gnädiger Herr, ich hatte den Verstand verloren.

– Und welche Entschuldigung können Sie Gott für diese wenige Beharrlichkeit in Ihrem Willen bieten?

– Meine Entschuldigung, diese Gott, der Ihnen, meinen Geliebten, das Leben erhalten hat, so wohlbekannte Entschuldigung konnte ich ihm nicht angeben, da das Sie in das Verderben stürzen hieß. Ich schwieg, indem ich nur ein zweites Stöhnen entschlüpfen ließ.

– Sie haben keine Entschuldigung? sagte der Herzog. Ich rang die Arme vor Schmerz.

–Nun denn! ich muß also eine, vielleicht ein wenig weltliche finden, sagte er.

–O! stehen Sie mir bei, helfen Sie mir, gnädiger Herr, und Sie werden bis zu dem letzten Hauche meines Lebens von mir gesegnet sein.

–Es sei! als Minister König Ludwigs XIII. will ich nicht, daß ein so schöner und so rechtschaffener Name als der, den Sie führen, ausstirbt, Ihr Name ist eine der Verherrlichungen Frankreichs, und die wahren Verherrlichungen Frankreichs sind mir teuer.

Indem er mich hierauf fest anblickte, fragte er mich:

– Sie lieben Jemand?

Ich neigte meine Stirn bis in den Staub.

Ja, so ist es, begann der Herzog wieder, ich habe richtig errathen, Sie lieben Jemand, ist der frei, den Sie lieben?

Ja. gnädiger Herr.

– Er weiß von dem Schritte, den Sie gethan haben, und er wartet?

– Er erwartet.

– Es ist gut. Dieser Mann wird seinem Namen, welcher er auch sein möge, den Namen Lautrec hinzufügen, damit der Name des Siegers von Ravannes und von Brescia unvergänglich wie sein Gedächtniß sei, und Sie werden frei sein.

– O! gnädiger He«! rief ich aus, indem ich seine Füße küßte.

Er erhob mich athemlos vor Freude.

Er gab dem Vater Joseph einen Wink, der sich wieder näherte.

–Führen Sie Fräulein Isabella von Lautrec dahin zurück, wo Sie dieselbe abgeholt haben, sagte der Kardinal, und in einer Stunde werden Sie ihr die Bulle überbringen, welche sie ihres Gelübdes entbindet.

– Gnädiger Herr, gnädiger Herr, wie es anfangen, um Ihnen zu danken?

– Das ist sehr leicht: wenn man Sie um Ihre Meinung über mich fragt, so sagen Sie, daß ich zu bestrafen und zu belohnen verstehe. Lebend habe ich den Verräther Montmorency bestraft, todt belohne ich den rechtschaffenen Lautrec. Gehen Sie, meine Tochter, gehen Sie.

Ich küßte noch zehn Male seine Hände und folgte dem Vater Joseph.

Eine Stunde nachher überbrachte er mir die Bulle, welche mein Gelübde löst.

Ohne eine Minute zu verlieren, brach ich auf der Stelle, die kostbare Bulle auf meinem Herzen, und zuverlässig Gott weit ergebener auf, seitdem Gott mir mein Wort zurückgegeben hatte, als ich es jemals zuvor gewesen war.

Ich verwandte nur dreizehn Tage zu meiner Rückreise und hier bin ich, und.ich schreibe Ihnen, mein Geliebter, nicht Alles das, was ich Ihnen zu sagen habe, denn dann würde ich einen Band schreiben, und es wurden acht Tage vergehen, ohne daß Sie wüßten, daß ich frei bin, daß ich Sie liebe und daß wir glücklich sein werden.

Ich eile, den Brief zu schließen, damit Sie diese glückliche Nachricht eine Minute früher erfahren.

Die Pferde werden angespannt bleiben, und bei der Rückkehr der Taube. . . reise ich ab.

Sagen Sie mir nur, wo Sie sind und erwarten Sie mich.

Geh, meine Taube; ich habe niemals so sehr Deiner Flügel bedurft.

Geh und kehre zurück.

– Du verstehst, mein Geliebter, nichts anderes als den Ort, wo ich Dich finden werde. Ich will nicht, daß Du unsere Vereinigung um eine Minute verzögerst, wäre es auch, um die süßen Worte zu schreiben:

–Ich liebe Dich!

Sechsundzwanzigster Brief

Zehn Minuten nachher.

O! Wehe, weh über uns!. . . Jener Mann ist uns verhängnisvoll, mein Geliebter, vielleicht mehr noch das zweite Mal, als das erste.

O! höre, höre, obgleich Du mich hörst; höre, obgleich Du vielleicht niemals das erfahren wirst, was ich Dir sagen werde. Höre! Ich hatte wie gewöhnlich meinen Brief an den Flügel unserer taube gebunden, diesen Brief, in welchem ich Dir Alles erzählte, diesen Brief, der Dir eine ganze Zukunft des Glückes überbrachte. Ich hatte die arme Iris fliegen lassen, ich folgte ihr mit den Augen in die Tiefen des Himmels, in welche sie sich zu schwingen begann, als ich plötzlich von der anderen Seite der Mauern des Klosters einen Schuß hörte und unsere in ihrem Fluge aufgehaltene Taube sah, welche sich drehte und fiel.

O! ich stieß einen solchen Schrei des Schmerzes aus, daß ich glaubte, meine Seele verließe mit diesem Schreie meinen Körper.

Dann stürzte ich sogleich dermaßen verwirrt, dermaßen bestürzt aus dem Kloster, daß man begriff, daß mir ein großes Unglück zugestoßen wäre und daß man mich nicht zurückzuhalten versuchte.

Ich hatte die Richtung gesehen, in welcher die Taube gefallen war; ich eilte dorthin.

Fünfzig Schritte weit jenseits der Mauern des Klosters sah ich einen Kapitän, welcher jagte: er war es, der auf die Taube geschossen hatte; er hielt sie in seinen Händen, er betrachtete voll Erstaunen, besonders voll Bedauern den Brief, den sie an ihren Flügel gebunden trug.

Ich kam mit ausgestreckten Armen an. Ich konnte nicht mehr sprechen, ich rief nur aus: O! Wehe! wehe l wehe!

Auf vier Schritte weit blieb ich erbleichend, im Herzen getroffen, vernichtet stehen, dieser Mann, dieser Kapitän, der, welcher unsere Taube verwundet hatte, war derselbe, den ich in der Nacht auf dem Schlachtfelde von Castelnaudary gesehen hatte. Es war dieser Beteran, der auf Sie geschossen und Sie von Ihrem Pferde geworfen hatte.

Wir erkannten uns.

O! ich sage es Ihnen: nun war seine Blässe fast der meinigen gleich, er sah mich als Nonne gekleidet und sah ein, daß er es war, der mich mit diesem Gewande bekleidet hatte.

O! Madame, flüsterte er, wahrlich, ich bin sehr unglücklich.

Und er reichte mir unsere arme Taube, die in seiner Hand zappelte und zu Boden fiel.

Ich raffte sie auf; glücklicherweise war nur der Flügel zerschmettert. Aber sie besaß das Geheimniß Ihrer Wohnung, mein Geliebter. Dieses Geheimniß nahm sie mit sich. Wo soll ich Sie finden und wie soll ich Sie jetzt finden, wenn sie nicht mehr zu Ihnen fliegen kann.

Fliegen, um Ihnen zu sagen, wo ich bin, um Ihnen zu sagen, daß ich frei bin, um Ihnen zu sagen, daß wir glücklich sein werden?

O! zuverlässig befindet sich eine Seele in diesem armen kleinen Geschöpfe. O! wenn Sie gesehen hätten, mein geliebter Graf, wie sie mich anblickte, während ich sie nach dem Kloster zurücktrug, während ihr Mörder regungslos und ohne Stimme mir mit den Augen folgte, indem ich mich entfernte, wie er durch das blutige Gras jener Wiese mich hatte entfernen sehen, die ein Schlachtfeld gewesen war.

O! ich weiß nicht,. ob dieser Mensch uns jemals mit Gutem das Böse vergelten wird, das er uns. zugefügt hat; aber das muß geschehen, damit ich ihn nicht in meiner letzten Stunde verfluche!

Ich habe die Taube in einen Korb gelegt. Ich halte sie in diesem Korbe auf meinem Schooße. Glücklicherweise ist sie nicht in dem Körper getroffen: das äußerste Ende des Flügels allein ist zerschmettert.

Ich habe so eben von ihrem armen Flügel den blutigen Brief abgebunden. Mein Gott! mein Gott! ohne dieses unerwartete Ereigniß würden Sie jetzt im Begriff sein, ihn zu empfangen.

Wo sind Sie? wo sind Sie? wer wird mir sagen, wo Sie sind?

O! da kommt der Arzt des Klosters, den ich habe holen lassen.

Siebenundzwanzigster Brief

Vier Uhr.

Der Arzt ist ein guter und vortrefflicher Mensch; er hat eingesehen, daß in gewissen geheimnißvollen Lagen des Lebens das Leben einer Taube eben so kostbar ist, als das Leben eines Königs. Er hat das eingesehen, als er meine Verzweiflung sah; er hat das eingesehen, als er den blutigen Brief sah.

Die Wunde ist an sich selbst nichts; in drei Tagen wäre sie geheilt gewesen, wenn er ihr den Flügel abgeschnitten hätte.

Aber ich habe mich dem widersetzt; ich bin vor ihm auf die Kniee gesunken und habe zu ihm gesagt:

– Mein Leben hängt an diesem Flügel, den Sie ab, schneiden wollen. Sie muß fliegen! sie muß fliegen!

–Das ist schwerer, hat er mir gesagt, und ich vermöchte nicht, dafür zu bürgen, aber zum Mindesten werde ich Alles dafür thun. In jedem Falle wird sie erst in vierzehn Tagen bis drei Wochen fliegen können.

– Es sei, in vierzehn Tagen oder drei Wochen, aber daß sie fliegt! daß sie fliegt!. . .

– Sie begreifen wohl, mein Freund, daß alle meine Hoffnung darin liegt.

Man hat ihr den Flügel an den Leib gebunden; es scheint, als ob sie das versteht, die arme Kleine, sie macht keine Bewegung, nur blickt sie mich an.

Ich habe in dem Bereiche ihres Schnabels Wasser und Korn gelegt. Außerdem hat sie meine Hand, um aus ihr ihre Nahrung zu nehmen.

Was inzwischen thun, damit Sie wissen, was sich zugetragen hat? welchen Boten an Sie absenden, der Sie findet? nach welchem Himmelspunkte mich wenden, um wie der auf dem Ocean verirrte Schiffbrüchige mein Nothsignal zu geben?

Warum ist nicht lieber einer meiner Arme zerschmettert worden, statt einer ihrer Flügel?

Achtundzwanzigster Brief

Juni.

Ja, Du hattest Recht, mein Geliebter, ich fühle es, wenn ich die Entbindung von meinem Gelübde nicht erlangt hätte, so würde immer ein Gewissensbiß auf dem Grunde unseres Glückes, oder es würde vielmehr kein Glück stattgefunden haben, da Gott dieses Glück nicht geheiligt hätte! Als ich Dir sagte: »Ich bin frei, wir werden mit einander fliehen, wir werden glücklich sein!« betäubte ich mich selbst; aber auf dem Grunde meiner Seele jammerte eine Stimme, welche, so stark die meiner Liebe auch war, sie zuweilen schweigen ließ.

Jetzt bin ich sehr unglücklich, da ich nicht weiß, wie ich Dich wiederfinden, Dich wiedersehen kann; aber mein Gewissen ist ruhig; aber wenn ich sage, wenn ich wiederhole: »Ich liebe Dich, mein Verlobter!« fühle ich im Herzen nicht mehr diesen schneidenden Schmerz, den ich selbst in dem Augenblicke empfand, wo ich Dir sagte: »Sei unbesorgt, mein Geliebter, wir werden glücklich sein.«

Ich habe unsere arme Taube gepflegt, wie ich eine kranke Schwester gepflegt haben würde. Sie leidet sehr, und von Zeit zu Zeit schließt sie vor Schmerz die Augen. Ich lasse Tropfen vor Tropfen eiskaltes Wasser auf ihren Flügel fallen, und das scheint ihr wohlzutun. Sie liebkost mich mit ihrem rosigen Schnabel, wie um mir zu danken. Arme Taube! sie ahnt nicht, wie viel Selbstsucht in dieser Pflege liegt, die ich ihr widme!

Aber Du, Du, was mußt Du denken, mein Gott!

Neunundzwanzigster Brief

l. Juli 1638.

Sechzig Tage verflossen und keine Nachrichten. Und meine Augen stumpfen sich ab, den Horizont zu durchdringen, in welchem ich vergebens unsere geliebte Taube suche. Bei jedem schwarzen Punkte, der sich in der Luft zeigt, sage ich mir: das ist sie! Dann werde ich nach Verlauf eines Augenblickes meinen Irrthum gewahr, und meine mit Hoffnung geschwellte Brust haucht sie in einem Seufzer aus.

Gleichviel, ich erwarte immer noch, ich hoffe immer noch; da Du lebst, da Du mich liebst, warum sollte ich denn an dem Glücke verzweifeln?

Nur verfließt die Zeit! Es ist zwei Monate her, daß Sie abgereist sind. O! wenn ich richtig rechne, so müssen Sie seit acht bis zehn Tagen zurückgekehrt sein.

O mein Gott! mein Gott! sollte dieses Herz von Erz sich geweigert haben?

Man sagt indessen, daß dieser Mann geliebt habe!

Mein Gott und Herr, verlaß uns nicht!

Dreißigster Brief

5. Juli.

O! armer Geliebter meines Herzens, wenn Du Alles das wüßtest, was ich Dir seit vierzehn Tasten geschrieben habe! Siehst Du, es befindet sich darin eine ganze Welt von Gedanken, von Wünschen, von Hoffnungen, von Bedauern und von Erinnerungen! Wenn wir uns jemals wiederfinden, ach! ach! Gott gebe es, wie ich ihn am Tage und besonders des Nachts inbrünstig darum bitte« wenn wir uns jemals wiederfinden, wirst Du Alles das lesen, und dann, dann erst, ich schwöre es Dir, wirst Du begreifen, wie sehr Du geliebt warst!

Wenn wir uns nicht wiedersehen. . . o! alle Martern der Hölle liegen in dieser Furcht. . . nun denn! so werde ich diese Briefe wieder durchlesen, ich werde jeden Tag ein noch weit verzweifelnderes Blatt als das vom vorigen Tage hinzufügen, ich werde es sein, welche bei dem letzten sterben wird, indem ich Dir schreibe: Ich liebe Dich!

O! ich, die ich glaubte, alle Bangigkeiten und alle Wonne meines Herzens erschöpft zu haben, o! ich fühle, daß es in der Zukunft noch Abgründe von Wonne und von Schmerzen gibt, an die ich nicht einmal gedacht hatte!

Morgen! – Warum zittert meine Hand so heftig, indem sie dieses Wort schreibt? – Weil morgen der Tag ist, der über mein Leben entscheiden wird, morgen werde ich sehen, ob die Taube fliegen kann. Sie hat schon seit drei Tagen ihr Körbchen verlassen, schon seit drei Tagen breitet sie ihre Flügel aus, versucht sie sich in meinem Zimmer, fliegt sie von der Thür nach dem Fenster. Man sollte glauben, daß die arme Kleine verstände, von welcher Wichtigkeit es für uns beide ist, daß sie die ganze Kraft ihres Flügels wiederfindet.

Morgen! morgen! morgen!

Ich werde ein ganz kurzes Billet schreiben,,um sie nicht mit einer unnöthigen Last zu beschweren. Nur vier Worte, die aber Dir Alles sagen werdend.

Auf morgen also, mein Geliebter! Ich werde die Nacht in Gebeten zubringen. Ich werde nicht einmal versuchen zu schlafen, das wäre gänzlich Vergebens. Was machst Du, mein Gott! ahnest Du nur, wie sehr ich Dich liebe und wie sehr ich leide?

Einunddreißigster Brief

6. Juli.

Da ist die Morgendämmerung, mein Geliebter, und, wie ich Dir gesagt habe, ich habe keinen einzigen Augenblick lang die Augen geschlossen, und ich habe die Nacht in Gebeten zugebracht. Ich hoffe, daß Gott mich erhören Wird und daß Du heute erfahren wirst, wo ich bin, daß ich frei bin und daß ich Dich erwarte.

Die Taube ist ebenso ungeduldig als ich; sie schlägt mit ihrem Schnabel und mit ihren Flügeln gegen die Fensterscheiben. Man wird Dir das Fenster öffnen, arme Kleine. Gott gebe, daß Dein Flügel stark genug für den Weg ist, den Du unternehmen wirst.

Ich unterbreche diesen Brief, um das Billet zu schreiben, das sie Dir überbringen wird, oder, ach! das sie vielleicht versuchen wird, Dir zu überbringen.

Es schlägt vier Uhr.

Zweiunddreißigster Brief

Vier Uhr Morgens, 6. Juli.

Wenn die Taube bis zu Dir gelangt, mein Geliebter, so lies dies Billet und brich auf, brich auf ohne eine Sekunde zu verlieren, wie ich aufbrechen würde, wenn ich wüßte, wo ich Dich finden könnte. «

Ich bin frei, ich liebe Dich und erwarte Dich in dem Kloster Montolieu zwischen Foix und Taroscon an den Ufern der Ariège.

Du wirst erfahren, warum ich Dir nicht mehr sag«, warum dieses Billet so kurz und das Papier so fein ist.

Du wirst Alles das und tausend andere Dinge, all unser Unglück, all unsere Angst, alle unsere Hoffnungen erfahren, wenn unsere geliebte Botin zu Dir gelangt, denn wenn sie bis zu Dir gelangt, so wirst Du auf der Stelle aufbrechen, nicht wahr?

Ich erwarte Dich, mein Geliebter, wie der Blinde das Licht, wie der Sterbende das Leben, wie der Todte die Auferstehung erwartet.

Geh, geliebte Taube, geh!

Dreiunddreißigstes Brief

6. Juli, fünf Uhr Morgens.

Wir sind verflucht! O! mein geliebter Graf, was soll aus uns werden? Es bleibt mir also nur noch übrig, in der Verzweiflung und in Thränen zu sterben. Sie kann nicht mehr fliege, nach einer Strecke von hundert Schritten ist ihr Flügel erschwacht. Sie ist den letzten Zweigen einer Pappel begegnet, über welche sie hat weg fliegen wollen; sie hat sich daran gestoßen und sie ist von Zweig zu Zweig bis auf den Boden gefallen.

Ich bin mit ausgebreiteten Armen, mit gebrochenem Herzen zu ihr geeilt; mein ganzer Lauf ist nur ein Stöhnen gewesen, das sich mit einem Schrei des Schmerzes geendigt. Ich habe sie aufgerafft, und nach einem Augenblicke der Ruhe hat sie von selbst versucht, ein zweites Mal davonzufliegen, aber sie ist ein zweites Mal zurückgefallen, und ich bin neben sie gesunken, indem ich mich verzweifelt auf dem Boden walzte, das Gras mit meinen Händen und mit meinen Zähnen ausriß.

Mein Gott, mein Gott! was soll aus mir werden? Ich war zu stolz, zu glücklich, meines Glückes zu sicher, ich hielt es in meiner Hand, das Verhängniß hat sie mir geöffnet, und mein theurer Schatz ist entschwunden.

O! Herr, Herr! wirst Du mir nicht eine Eingebung, ein Licht, eine Flamme senden!

Herr! Herr! stehe mir bei! Herr, habe Erbarmen mit mir! Herr, Herr, ich werde wahnsinnig!

Warte, warte.

Göttliche Güte, Du hast mich gehört, Du hast mich erhört!

Höre, höre, Geliebter, es ist mir wieder eine Hoffnung im Herzen entstanden, oder diese Hoffnung ist vielmehr eine Erleuchtung von Oben.

Höre! von meinem Fenster aus bin ich oft mit den Augen dem Fluge unserer Taube in dem Augenblicke ihres Aufbruches gefolgt, so daß ich, ohne mich zu irren, wenigstens zwei bis drei, Meilen in derselben Richtung als sie zurücklegen kann. Sie flog über die Quellen des kleinen Flusses, der bei Foix in die Ariège fällt. Sie mußte über den kleinen Wald von Amourtier, zwischen Saint-Girons und Oust über die Salat fliegen.

Nun denn! Höre was ich thun will: Ich werde das Gewand einer Pilgerin anlegen; ich werde mich aufmachen, um Dich zu suchen, ich werde bis nach dem kleinen Dorfe Rieupregan gehen; ich verlor sie immer in der Richtung dieses Dorfes aus dem Gesicht, und wenn ich über dasselbe hinaus sein werde, so werde ich mich auf sie verlassen. Sie kann im Fliegen bei jedem Fluge eine Strecke von ungefähr hundert Schritte zurücklegen. So sei es! Sie wird hundert Schritte fliegen, dann sich wieder ausruhen und nochmals hundert Schritte fliegen, indem sie mir zum Führer dient; ich werde ihr folgen, ich werde ihr folgen, wie die Hebräer der Flammensäule bei Nacht und der Rauchsäule bei Tage folgten, denn auch ich werde das gelobte Land aufsuchen, und ich werde es finden oder vor Erschöpfung und vor Schmerz unterwegs sterben.

Ach! ich weiß es, die Reise wird.lang sein, die arme Taube, – verzeihe mir, daß ich Dich leiden lasse, liebliche Märtyrin unserer Liebe! – die arme Taube wird nicht mehr als ein bis zwei Meilen täglich zurücklegen können; gleichviel, mein Geliebter, müßte ich auch den Rest meines Lebens darauf verwenden, Dich zu suchen,. . . o! ja, ich werde Dich bis an das Ende. meines Lebens aufsuchen!

Ich breche also auf. Ich breche noch heute ohne.zu zögern auf. Ich habt unserer Superiorin Alles gesagt, Alles, ausgenommen,Deinen Namen. Sie ist.eine fromme und würdige Frau, die bei meinen Schmerzen gelitten und über meine Thränen geweint. hat. Sie hat mir Jemand angeboten, um mich zu begleiten, ich habe es. ausgeschlagen. Ich will Niemand; das, was ich thun will, ist eine Sache des Instinctes, ein Geheimnis zwischen dem Himmel und uns; nur habe ich ihr versprochen,. ihr zu schreiben, wenn ich Dich wiederfände. Wenn ich ihr nicht schreibe, so wird sie wissen, daß ich gestorben bin, wahnsinnig, verzweifelt, an der Ecke irgend eines Waldes, an dem Graben irgend einer Straße, an dem Ufer irgend eines Flusses gestorben.

Ich breche auf, ich nehme alle die Briefe mit, die ich Dir geschrieben habe, die Du nicht erhalten hast, die Du vielleicht niemals erhalten wirst. O! wenn ich sie eines Tages alle zu Deinen Füßen niederlegen kann, indem ich Dir sage: Lies! lies! mein Geliebter! und Du wirst an diesem Tage sehen, wie sehr ich gelitten habe; ich werde an diesem Tage sehr glücklich sein!

Ich breche auf, es ist drei Uhr Nachmittags, wie ich hoffe, werde ich heute bis nach Rieupregan gehen.

Vierunddreißigster Brief

7. Juli, während der Nacht.

Ich bin durch die Kirche gegangen, bevor ich mich auf den Weg begab, um so zu sagen Gott mit mir zu nehmen. Ich bin vor dem Altare niedergekniet, ich habe meine Stirne auf einen ausgehaunen Stein an dem Orte selbst gestützt, wo die Bildhauerarbeiten auf diesem Steine ein Kreuz vorstellte, und ich habe gebetet.

O! es ist sehr wahr, es liegt ein Balsam in dem Gebete. Das Gebet ist der grüne Hügel, auf dem man sich nach einem ermüdeten Marsche setzt und auf dem man sich ausruht. Das Gebet ist der Bach, den man in Mitte des Sandes der Wüste findet und an dem man sich erfrischt.

Ich habe die Kirche voll Kraft und Hoffnung verlassen, es schien mir, als ob Gott die Flügel irgend eines seiner Engel an meine Schultern befestigt hätte: es war immer das Gebet, das mich der Heerde entführte und mich zu dem Herrn forttrug.

Nicht wahr, Herr, es ist nur eine Prüfung? nicht wahr, Herr, Du hast uns nicht verdammt? nicht wahr, Herr, er befindet sich an dem Ende des Weges, von dem ich die erste Strecke zurückgelegt habe?

Erwarte mich, Geliebter, erwarte mich, denn, ich schwöre es Dir, an dem einen oder dem andern Tage werde ich ankommen.

* * *

Ich habe Dich einen Augenblick lang verlassen, um mich an die Stange eines Fensters zu lehnen, welches auf das Dorf Boussenac geht. Dieses Dorf liegt auf meinem Wege und ich werde morgen durch dasselbe kommen, es sei denn, daß meine Taube mich von ihm entfernt. Ein Hund, ohne Zweifel in einem kleinen Gehölze verirrt, das ich zu meiner Rechten erblickte und das einen dunkeln Flecken auf der Erde machte, heulte traurig. Ich habe immer gesagt: Wenn der Hund aufhört zu heulen, so wird das ein gutes Zeichen sein, und ich werde ihn wiederfinden.

Der Hund hat geschwiegen.

Wie abergläubisch man ist, wenn man leidet, armer Geliebter meines Herzens! weißt Du das? leidest Du?

Welch schöne Nacht, mein Gott! Ich sage mir, daß Du vielleicht an einem Fenster bist, wie ich an dem meinigen, daß Du nach meiner Seite blickst, wie ich nach der Deinen blicke, daß Du an Gott und an mich denkst, wie ich an Dich und an Gott denke.

Hast Du diesen schönen Stern gesehen, der den Himmel mit einer Feuerfurche durchzogen hat? Wie viele Meilen hat er so in einer Sekunde zurückgelegt?

O! wenn ich wie er in einer Sekunde von hier bis zu Dir gehen könnte!

Ich würde diese lichtvolle Sekunde mit Wonne annehmen, sollte ihr auch die ewige Nacht folgen.

Auf morgen, mein Geliebter, morgen werde ich mich Dir hoffentlich noch mehr nähern.

Fünfunddreißigster Brief

9. Juli.

Da bin ich an einem kleinen Dorfe Namens Saulan aufgehalten. Welches Gewitter, gütiger Gott! Und was hatte denn die Erde gethan, daß sie der Herr so mit seiner schrecklichen Stimme bedrohte! Der Regen, welcher in Strömen gefallen ist, bat die Salat angeschwellt, es gibt keine mögliche Furth mehr, und um eine Brücke zu finden, müßte ich bis Saint-Girons wieder hinaufgehen, das heißt zwei Tage verlieren.

Morgen würde ich, wie man mir versichert, mich wieder auf den Weg begehen. können, und der Fluß würde seine gewöhnliche Höhe wieder eingenommen haben.

O! verlorener Tag! ein Tag, während dessen Du mich..zuverlässig erwartest! Ein Tag, während dessen Du mich, vielleicht beschuldigst!

Sechsunddreißigster Brief

12. Juli, Abends im Dorfe Alos.

Ein Landmann hatte eingewilligt mir zum Führer zu dienen, ich ritt durch den Fluß auf seinen, Maulthiere. Der Fluß hätte uns beinahe einen Augenblick lang Alle fortgerissen; während eines Drittels des Stromes hat das Thier den Grund verloren. Ich habe die Augen gen Himmel erhoben, ich habe meine Hände auf meine Brust gekreuzt und ich habe gesagt:

– Wenn ich sterbe, mein Gott, so weißt Du, daß es für ihn geschieht.

Du siehst wohl, daß wir uns wiederfinden müssen, da ich nicht gestorben bin.

Siebenunddreißigster Brief

Juli.

Ich habe meine Reise zu Fuß wieder begonnen, immer von unserer Taube geleitet. Am 13. bin ich von Alos nach Castillon gegangen, das war eine starke Tagesreise für die arme kleine. Ich müßte mehr Mitleid mit ihr haben; ich habe zum Mindesten drei Meilen zurückgelegt.

Am folgenden Tage, dem 14, habe ich meine Grausamkeit des vorigen Tages gebüßt, indem ich kaum eine Meile machte, und heute, am 15. bin ich in Saint-Lary, auf der anderen Seite eines kleinen Baches ohne Namen, angekommen, der in die Salat fällt.

Uebrigens bin ich auf dem Wege, ich bin überzeugt davon. Die Taube zögert keinen Augenblick, weicht keine Sekunde ab. Sie geht ohne irgend ein Zögern gerade vor sich hin. Nur verfließt die Zeit und Du wartest; die Zeit verfließt, und Du hast Dein Gelübde gethan.

O! beeile Dich nicht, dieses Gelübde zu vollziehen, Geliebter! Vertraue auf mich, vertraue auf Deine Isabella.

Du hast einen Augenblick lang an ihr gezweifelt, und das ist uns Beiden theuer zu stehen gekommen.

Achtunddreißigster Brief

18. Juli.

Seit drei Tagen irre ich fast auf den Zufall herum, indem ich die Wälder umgehe, den Bächen entlang folge. Ach! die Luft hat nicht alle die Hindernisse, welche die Erde mir entgegensetzt. Die Taube flog über das hinweg, wo ich genöthigt bin, mich zuweilen aufzuhalten. Ich gestehe es Dir, mein Geliebter! der Muth und die Kräfte gehen mir zugleich aus, und ich lege mich sterbend und verzweifelt an dem Fuß irgend eines Baumes.

Es sind schon elf Tage her, daß ich aufgebrochen bin, und ich habe kaum fünfzehn bis achtzehn Meilen zurückgelegt, was sie in einer Stunde zurücklegte, als sie unsere Liebesbotin war, und sie rasch wie der Pfeil über dieses armselige Gewürm hinzog, das sich die Könige der Schöpfung nennt, das nicht den Instinct eines Vogels hat, und das elf Tage darauf verwindet, die Strecke zurückzulegen, welche eine Taube in einer Stunde zurücklegt.

Sag mir, wie es kommt, daß eine armselige Magnetnadel weiß, wo der Norden ist, und daß ich, ein lebendiges, denkendes, handelndes Wesen, ein Wesen nach dem Bilde des Schöpfers nicht weiß, wo Du bist?

Wie kommt es, daß ein Schiff, welches von einem Punkte der Welt abfährt, nach dem andern Ende dieser Welt gebt, um eine Insel in Mitte des Oceans aufzufinden, und daß ich Dich nicht wieder aufzufinden vermag, nach dem ich so zu sagen nur die Arme auszustrecken habe?

O! ich fühle es wohl, mein Gott, wenn ich ihn. wiederfinden will, so darf ich nicht nach ihm die Arme ausstrecken, sondern nach Dir!

Mein Gott, unterstütze mich! mein Gott, führe mich! mein Gott, leite mich!

Neununddreißigster Brief

29. Juli.

Ich komme wieder zu mir, zu dem Lichte, zu dem Leben zurück.

Ich habe geglaubt zu sterben, mein geliebter Graf, und wenig hat gefehlt, daß ich endlich wußte, wo Du wärst, denn die Todten wissen Alles; wenig hat gefehlt, daß es der Schatten Deiner Isabella war, der des Nachts zur Stunde wo die Schatten eintreten, in Deine Zelle trat.

Deshalb bedaure ich es, zu leben. Hättest Du, meinen Schatten gesehen, Hättest Du verstanden, daß ich gestorben wäre, während Du indem Du weder Schatten noch Körper wiedersiehst, glauben kannst, daß ich Dich vergessen oder verrathen habe. Sag nicht nein, Du hast es leider wohl, ein Mal geglaubt.

O! ich habe Dich weder vergessen noch verrathen, ich liebe Dicht ich liebe Dich! aber ich wäre beinahe gestorben, das ist Alles.

Du erinnerst Dich jenes Verwundeten, welcher Durst gehabt hatte, der sich nach dem Bache geschleppt, indem er die letzten Tropfen seines Blutes, den letzten Hauch seines Athems. verlor, alles das, um das Wasser zu erreichen, und er starb, als er den ersten Schluck trank? Nun denn, dem ist fast so mit mir gewesen. Nach einem langen Marsche in Wäldern, von denen man mir gesagt hat, daß es die von Mauléon wären, bin ich athemlos an eine Quelle gekommen. Diese Quelle drang aus dem Boden und war eiskalt. Ich habe getrunken, in der Meinung wieder Kräfte zu erlangen und meinen Weg fortsetzen zu können. Ich bin in der That wieder aufgebrochen; aber ich war kaum Hundert Schritte weit gegangen, alt ich vor Kälte bebend stehen blieb, ein Schauder überfiel meinen ganzen Körper, und ich bin ohnmächtig an dem Rande des kleinen Fußpfades, den ich eingeschlagen hatte zu Boden gesunken.

Was sich in Folge dieser Ohnmacht zugetragen hat ich weiß nichts davon. Ich weiß nur so viel, daß, ich gestern sehr schwach erwacht bin, daß, indem ich um mich blickte, ich mich in einem ziemlich sauberen Zimmer befunden habe; an dem Fuße meines Bettes wachte eine unbekannte Frau; an meinem Kopfkissen.saß unsere Taube, indem sie meine Wange mit ihrem armen zerschmetterten Flügel liebkoste.

Diese Frau kam von dem Markte von Mauléon mit zwei Männern zurück, welche, da sie sahen, daß ich noch athmete, Mitleid mit mir gehabt und mich dahin geführt haben,.wo ich bin.

Wo ich bin, ist nach dem, was man mir gesagt hat, ein kleines Dorf in der Nähe von Nertier; das Zimmer, welches ich bewohne, übersieht nach dem wie es scheint, die Umgegend, denn von meinem bette aus übersehe ich nur den Himmel.

O! der Himmel, der Himmel! Von ihm allein erwarte ich Hilfe.

Gestern habe ich nach dem Datum des Monats gefragt, und man hat mir gesagt, daß es der 28. wäre. Ach! Ich bin jetzt seit länger als zwanzig Tagen aufgebrochen und irre auf das Gerathewohl herum. Wo bin ich? Fern oder Dir nahe?

Ich habe Papier, Tinte und eine Feder verlangt; aber bei den ersten Buchstaben, welche ich schrieb, hat mir der Kopf geschwindelt, und es ist mir unmöglich gewesen, fortzufahren.

Heute Abend befinde ich mich besser; ich schreibe fast ohne Ermüdung, und ich habe mich nur drei Male ausgeruht, um die dreißig bis vierzig Zeilen zu schreiben, welche dieser Brief bereits enthält.

Ich habe die gute Frau verabschiedet, die bei mir wacht. Ich habe nicht mehr nöthig bewacht zu werden, ich befinde mich besser, ich fühle mich stark. Heute Nacht werde ich versuchen aufzustehen und morgen mich auf den Weg zu begeben.

Ich würde sterben, so unthätig zu bleiben, während Du mich erwartest; denn Du erwartest mich? nicht wahr, Geliebter meines Herzens, Du erwartest mich?

Die Taube hat sich gleichfalls gut ausgeruht; ich hoffe, daß sie längere Flüge wird machen können und dem zu Folge mich Dir rascher nähern.

Ich hoffte die ganze Nacht damit zuzubringen, Dir zu schreiben, aber ich hatte meinen Kräften zu viel zugetraut, ich muß aufhören, ich muß Abschied von Dir nehmen; meine Ohren klingen, Alles wankt um mich herum, und die Buchstaben, welche meine Feder schreibt, scheinen mir von Feuer.

Ach!. . .

Vierzigster Brief

Drei Uhr Morgens.

Ich habe ungefähr zwei Stunden einen schrecklich aufgeregten Schlaf, der sehr der Fieberhitze glich, geschlafen. Indem ich die Augen aufschlage, sehe ich glücklicher Weise, daß der Tag im Begriffe steht anzubrechen.

O! mein Geliebter, welch schöne Sache der Anbruch des Tages ist, wenn wir bei einander wären, wenn wir mit einander und in dem Maße, als sie verschwinden, alle die Sterne zählten, deren Namen Du kennst, und die einige Augenblicke, bevor die Sonne, welche sie verjagt, selbst erscheint, an dem Himmel verschmelzen und verschwinden!

Ich habe mein Fenster aufgemacht, es scheint mir, daß es auf eine unermeßliche Ebene geht. Ach! je größer die Ebene ist, desto mehr bin ich verloren.

Mein Gott! ist diese schöne Liebesfabel des Theseus und der Ariadne wirklich nur eine Fabel, und wird mein Gebet, mein inniges, glühendes, ewiges Gebet von Deiner gesegneten Rechten nicht irgend einen Engel absenden, welcher mir den leitenden Faden überbringt, der mich zu ihm führen soll?

O! ich horche, ich blicke, ich erwarte.

Nichts, nichts, mein Gott! nichts als die Sonne, das heißt Dein Bild, welche, ohne noch zu erscheinen, mit einer rosigen Farbe die ganze Atmosphäre erfüllt, welche die Gebirgskette badet, hinter der sie in diesem Augenblicke aufgeht. O! wie schön dieses Schauspiel für ein ruhiges Herz wäre! Welche schönen und anmuthigen Gestalten diese Hügel, deren bläuliche Umrisse auf ihren goldigen Strahlen hervortreten, annehmen. Wie riesenhaft und schön diese andere Gebirgskette, welche den Horizont bildet, mit ihren mit Schnee bedeckten Spitzen ist, welche sich bei den ersten Flammen des göttlichen Gestirnes versilbern und funkeln! Wie dieser große Fluß, der die Ebene durchschneidet und dessen Lauf nach mir zu gerichtet ist, glatt, majestätisch und tief ist! Wie.. . o! mein Gott!

Mein Gott! ich irre mich nicht; mein Gott! ist denn dieser Engel, um den ich flehte, den ich erwarte, ist er denn unsichtbar, aber wirklich gekommen! mein Gott! diese Hügel, hinter denen die Sonne aufgeht, dieser doppelte Kamm, in dessen Mittelpunkte sie sich in diesem Augenblicke schaukelt, diese Schneegebirge, welche silberne, das Gewölbe des Himmels tragende Pfeiler scheinen, dieser große Fluß, der von Süden nach Norden fließt, und der die benachbarten Bäche empfängt, wie ein Herrscher den Tribut seiner Unterthanen empfängt. . . das sind die Hügel, das sind die Gebirge, das ist der Fluß, die er mir beschrieben hat und die er von seinen Fenstern aus sieht. Mein Horizont ist der seinige! mein Gott! Hast Du mich nur irre geleitet, um mich besser zu ihm zu führen! Hast Du mir nur die Augen geschlossen, um mir das Licht zu zeigen, wenn ich sie wieder aufschlagen würde?

Mein Gott! mein Gott! Deine Barmherzigkeit ist unendlich!

Du bist groß, Du bist heilig, Du bist gütig, und nur auf den Knieen darf man Dich anreden.

Auf die Kniee denn, Herz ohne Glauben, das an der Güte des Herrn gezweifelt hat, auf die Kniee! auf die Kniee! auf die Kniee!

Einundvierzigster Brief

Vier Uhr Morgens.

Ich habe Gott gedankt und ich breche auf. O! die Kraft ist mir mit dem Glauben zurückgekehrt. Ich war nur schwach, weil ich verzweifelt war.

Einen letzten Blick!

O! wie treu die Schilderung war, mein Geliebter! Maler, wie richtig Du gesehen hast! Dichter, wie schön Du beschrieben hast! Da sind die Gipfel der Pyrenäen, welche von dem matten Weiß zu dem feurigsten Silben scheine übergehen. Da sind ihre schwarzen Seiten, welche sich allmählich erleuchten, indem sie von dem Schwarzen in das Violette, von dem Violetten in das Hellblaue wie eine Ueberschwemmung von Licht übergehen, welche von den hohen Gipfeln herabfiele. Da ist der Tag, der sich in der Ebene verbreitete; da sind die Bäche, welche wie Silberfäden leuchten; da ist der Fluß, der sich wie ein Moiréband windet und wallet; da sind die kleinen Vögel, welche in den Oleanderbüschen, in den Granathecken, in den Myrthengesträuchen singen; da, da ist der Adler, der König des Firmaments, der an dem Himmel kreist!

O! mein Geliebter, wir sind also schon durch den Blick vereinigt, und ich sehe das, was Du siehst.

Nur, von wo aus siehst Du es?

Warte, warte, Dein Brief ist hier. O! Deine Briefe verlassen mich keinen Augenblick; wenn ich sterbe, werden sie auf meinem Herzen ruhen, und die, welche mich in das Grab legen, werden den Auftrag haben, du Strafe der Ruchlosigkeit sie mit mir in demselben zu begraben. Von wo aus siehst Du es?

Mein Gott! ich vermag kaum zu lesen; glücklicher Weise kann ich sie auswendig; wenn ich sie verlöre, so könnte ich sie von der ersten bis zur letzten Zeile wieder niederschreiben..

Ich habe sie so viele Male gelesen!

»Mein ganz mit einem ungeheuren Jasmin, dessen mit Blumen beladenen Zweige in mein Zimmer eindringen, das sie mit Wohlgeruch erfüllen, besetztes Fenster öffnet sich nach Sonnenaufgang.«

So ist es, so ist es!

Die Sonne ist zu meiner Linien aufgegangen, Du bist zu meiner Rechten.

»Die Anhöhe, welche ich übersehe, neigt sich von Süden nach Norden, von den Bergen nach der Ebene.«

So ist es, immer so.

Ja, dort ist es, dort am Horizonte, – habe Dank, Herr, daß der Tag so rein ist, den Du hast anbrechen lassen, – dort ist die Anhöhe, wo Deine Einsiedelei liegt. O! warum ist sie noch so fern oder warum ist der menschliche Blick so schwach!. Ich sehe Hunderte von weißen Punkten unter den grünen Bäumen zerstreut, welcher von allen diesen weißen Punkten ist Deine Einsiedelei? O! geliebte Taube, geliebte Taube, Tochter des Himmels, an Dir in es, mir das zu sagen.

Ich breche auf, mein Geliebter, ich breche auf; jede verlorene Minute ist ein an Deinem Glücke und an dem meinigen begangener Diebstahl; eine Minute zu verlieren, hieße Gott versuchen.

Hast Du mich nicht dadurch verloren, daß Du eine Minute zu spät gekommen bist?

Komm, Taube. Ja, ja, nicht wahr, morgen, heute Abend vielleicht werden wir ihn wiedersehen?

Zweiundvierzigster Brief

31. Juli.

Die Nacht hat unsere Aufsuchung unterbrochen, mein Geliebter, aber ich hoffe, ich hoffe!

Ich habe Jedermann befragt, und von Weitem hat man mir ein sich an der Anhöhe erhebendes Kloster der Camaldulenser gezeigt, und neben diesem Kloster ein kleines Haus, welches wohl dem gleicht, das Du mir beschrieben hast. O! ich sah es in dem bläulichen Dunste des Abends weiß schimmern, vielleicht war es das Deinige, vielleicht übersahst Du gleichfalls mit den Augen Deinen Horizont, ohne zu wissen, daß in diesem Horizonte sich, unsichtbar für Dich, dieses arme Geschöpf bewegte, das nur noch durch Dich lebt, das ohne Dich sterben wird.

Ich habe mich erkundigt, habe ich Dir gesagt, und man hat mir geantwortet, daß dieses Haus von einem Einsiedler, von einem Weisen, von einem Manne Gottes, der noch jung, immer schön wäre, bewohnt sei. Dieser Mann besucht das Haus des Armen und das Bett des Sterbenden; er hat tröstende Worte für das Leiden und selbst für den Tod. Dieser Mann bist Du, mein Geliebter, nicht wahr, nicht wahr, Du bist es?

Wenn Du es bist, so bist Du im Laufe des Tages durch das Dorf Camons gekommen, wo ich jetzt bin.

Du hast einen armen Zimmergesellen besucht, der beim Fallen von einem Dache den Schenkel gebrochen hat. Du hast ihn verbunden, Du hast ihn verpflegt, dann hast Du zu der ganzen Familie, die auf Deinem Wege auf den Knieen lag, beim Fortgehen gesagt:

– Jetzt seid Ihr getröstet, betet für den Tröster.

O! Du bist es wirklich, und ich habe Dich an dieser schmerzlichen Sprache erkannt. Du erwartest mich; Du weißt nicht, was aus mir geworden ist, und Du leidest.

Du leidest, denn Du zweifelst. O! der Mann zweifelt immer; ich habe nicht gezweifelt, ich habe Dich für todt gehalten.

Wenn ich bedenke, daß ich Dich vielleicht angetroffen hätte, wenn ich zwei Stunden früher gekommen wäre!

Ich sage vielleicht, denn wenn ich sicher wäre, daß Du es warst, so würde ich, so erschöpft ich auch bin, auf der Stelle wieder aufbrechen; ich würde einen Führer nehmen, ich würde mich tragen lassen. Aber wenn ich mich irrte, wenn Du es nicht wärst? O! der Instinct der Taube geht über Alles, sie ist keinen Augenblick lang unschlüssig gewesen. Mir hoben die Kräfte gefehlt, aber sie hat nicht gefehlt.

Was machst Du in diesem Augenblicke, wo Du auch sein mögest, mein Geliebter? Wenn Du nicht an Gott denkst, so denkst Du, wie ich hoffe, an mich.

O! wenn ich an Dich denke, so denke ich an Gott. Wenn ich an Gott denke, so denke ich an Dich.

Es ist elf Uhr Abends; auf Morgen! auf Morgen! Eine unermeßliche Hoffnung, die zu mächtig ist, als daß sie nicht von dem Himmel kommt, sagt mir, daß ich Dich morgen wiedersehen werde.

Dreiundvierzigste Brief

3 l. Juli, 11 Uhr Abends.

Ich weiß nicht, ob ich Dich jemals wiedersehen,werde, Geliebte meines Herzens, aber eile Dich, eile Dich, es schlägt Mitternacht, und mit Schlag Mitternacht wird der letzte Tag meines Lebens endigen, welcher auf der Welt schlagen wird.

Morgen. ist der für meine Gelübde bestimmte Tag, ich habe gewissenhafter Weise die Erfüllung ganze drei Monate abgewartet, aber ich kann Gott nicht ewig so mein Wort brechen. Gott spricht zu mir, da Du schweigst, Gott fordert mich, da Du mich verläßt.

O! ich verzichte nicht ohne tiefen Schmerz auf die Hoffnung, die Du mir einen Augenblick lang wiedergegeben hattest.

Ich wer mit Leib und Seele in die Vergangenheit, das heißt, in das Glück zurückgekehrt, es wird mir schwerer sein, dieses Glück zu verlassen, als es mir werden würde, das Leben zu verlassen.

Es kommt daher, weil das Klosterleben, was man auch sagen möge, weder der Tod des Leibes, noch der Tod der Seele ist. Ich habe oft Leichen untersucht, ich habe meine Augen auf ihre kalten und bleichen Stirnen gesenkt, es war der Stoff, der sich auflöste, sonst nichts. Kein Traum regte sich in diesem für immer entschlafenen Gehirne, kein weder materieller noch moralischer Schmerz ließ diese für immer abgespannten Fiebern erbeben.

Ich habe dagegen oft jene lebendigen Leichen untersucht, welche man Mönche nennt; um weit bleicher als die Stirn eines Tobten zu sein, war ihre Stirn indessen nicht die eines Verschiedenen, die Thränen, welche unaufhörlich aus ihrem Herzen, wie aus einer tiefen und unversiegbaren Quelle flössen, hatten ihre Augen in die Tiefe ihrer Höhlen gezogen und längs ihrer Wangen jene Furche der Bitterkeit ausgehöhlt, an denen Gott die Auserkorenen des Leidens erkennen wird, aus denen er, ich hoffe es zum Wenigsten, die Auserkorenen seiner Liebe machen wird.

Jenes nervöse Erbeben, welches das Leben bezeugt, und den Schmerz bestätigt, bewegte beständig ihre krampft haften Glieder. Es war weder die Ruhe des Lebens, noch die Ruhe des Grabes. Es war der langsame, fieberhafte, verzehrende Todeskampf, der aus dieser Welt in jene, aus dem Leben zum Tode, aus dem Bette in das Grab führt.

Nun denn, Isabella, ich verhehle es mir nicht, und ich gehe in diesen Abgrund hinab, nachdem ich die ganze Tiefe desselben ermessen habe. Auch ich werde in diesen Todeskampf eingehen, möchte er mich rasch zum Tode führen!

Leb wohl, ich werde die Nacht im Gebet zubringen. Die Glocken des Klosters werden von zwei Uhr Morgens an läuten, um zu verkünden, daß eine Seele, wo nicht ein Körper, die Erde mit dem Himmel vertauschen wird.

Um neun Uhr sollen die, welche meine Brüder in Gott sein werden, kommen, um mich zu holen.

Vierundvierzigster Brief

l. August, 5 Uhr Morgens.

Ich habe die Sonne ein letztes Mal aufgehen sehen. Niemals ist sie glänzender, prachtvoller, strahlender gewesen. Was liegt ihr an den Schmerzen dieser armen kleinen Welt, welche sie erleuchtet! was liegt ihr an den Thränen, welche ich vergieße und die das Papier benetzen! Ich habe sie nur zehn Minuten ihren Strahlen auszusetzen, und sie werden sie getrunken haben, wie sie den Tropfen Thau trinken, welcher an einem Grashalme zittert, oder der wie ein Diamant auf den Grund des Kelches einer Blume rollt..

Ich werde sie nicht mehr sehen. Die Zelle, welche mir bestimmt ist, geht auf einen mit hohen Mauern verschlossenen Hof, durch die Oeffnung eines Bogens werde ich nur eine Ecke des Kirchhofes erblicken; ich werde trachten, daß diese Ecke mir für mein Grab bewilligt wird.

Man muß das so nahe als möglich bei sich haben, was man schnell zu erreichen wünscht.

Beten wir!

Fünfundvierzigster Brief

Neun Uhr Morgens.

Die Gesänge nahen heran, sie kommen mich zu holen. Ich will nicht, daß diese Männer hier heraufkommen. Ich will nicht, daß sie Ihre Briefe sehen, daß sie dieses Papier sehen. Ich will nicht, daß sie meine Thränen sehen.

Ich, gebe, sie auf der Schwelle zu erwarten; die Seele bleibt bei Ihnen, sie werden nur die Leiche fortführen.

Leben Sie wohl.

Der Schrei, den die ganze Schöpfung bei dem Tode ihres Gottes ausgestoßen hat, ist nicht tiefer, nicht herzzerreißender, nicht jammernder, als der, den ich über den Tod unserer Liebe ausstoße.

Leben Sie wohl! leben Sie wohl! leben Sie wohl!

Sechsundvierzigster Brief

Zehn Uhr.

Ihre Zelle leer! Ihr Brief ganz mit Thränen benetzt. Ihr letzter Abschied!

Ich komme eine halbe Stunde zu spät.

Wenn indessen die Gelübde noch nicht ausgesprochen wären!

Mein Gott! mein Gott! gib mir Kraft.

O! Taube, Taube, wenn ich Deinen Flügel hätte, so gebrochen er auch ist!

Siebenundvierzigster Brief

(Bruchstück eines in den Archiven des Klosters der Ursulinerinnen von Montolieu aufgefundenen Briefes, von dem aber der erste Theil fehlt.)

* * *

Mit Tagesanbruch bin ich von dem Dorfe Camons aufgebrochen, wohin, wie ich Ihnen gesagt habe, sehr liebe Mutter in Gott, mich Alles glauben ließ, daß er im Laufe des Tages gekommen war.

Ich hatte die ganze Familie des armen verwundeten Zimmermanns befragt, und nach ihrem Signalement hätte ich ihn erkannt, wenn nicht bereits mein Herz mir gesagt hätte, daß er es wäre.

Außerdem konnten diese Worte, welche er ausgesprochen hatte, als er sie verließ:

»Jetzt seid Ihr getröstet, betet für den Tröster!« nur von dieser leidenden Seele herkommen, die bereit war, sich Gott zu widmen.

Ich faßte daher wieder Kraft in der Hoffnung ihn wieder zu sehen; wenn ich ein Pferd oder einen Wagen nahm, so hätte ich einen ungeheuren Umweg machen müssen, um dieses kleine Haus zu erreichen, das mir wie ein weißer Punkt neben diesem finsteren und massiven Kloster der Camaldulenser erschien, welches, obgleich beinahe drei Meilen in gerader Richtung entfernt, mir den Klang seiner Glocken auf den Flügeln des Windes zusandte.

Am Ausgange des Dorfes ließ ich die Taube fliegen; die arme Kleine machte einen ihrer längsten Flüge, beinahe zwei Hundert Schritte in der Richtung des Hauses, das mein Blick verschlang. Ich hatte keine Zweifel mehr, das Herannahen des Zieles hatte ihr, wie mir, Kräfte verliehen.

Unglücklicher Weise gab es dort keinen gebahnten Weg; ich mußte dem Abhange des Berges folgen, der bald durch Schluchten durchschnitten, bald durch Bäche durchfurcht bald mit kleinen Gehölzen besetzt war, die ich aus Furcht mich zu verirren, nicht zu betreten wagte.

Ich ging drei Stunden ohne anzuhalten, aber kaum hatte ich wegen der Umwege zwei Meilen zurückgelegt.

Oft verschwand das Haus, und ohne meine geliebte Taube hätte ich mich verirrt. Ich warf sie in die Luft und folgte der Richtung, welche ihr Flug mir vorgezeichnet hatte.

Endlich schien es mir, als ob der Weg, indem ich mich näherte, weniger mit Schwierigkeiten erfüllt war. Ich hörte es acht Uhr in einem kleinen Dorfe schlagen, ich weiß nicht warum es mir schien, als ob der Klang dieser Uhr irgend etwas Trauriges hätte, was mir das Herz beklomm. Man hätte sagen können, daß jede Stunde, indem sie an mir auf ihren Flügeln von Erz vorüberkam. zu mir sagte:

Eile Dich! eile Dich!

Ich eilte mich, und bald begann ich das kleine Haus in seinen näheren Umständen zu erkennen. In dem Maße, als ich mich ihm näherte, erkannte ich die Beschreibung, welche er mir davon gemacht halte, das Fenster, durch welches er die Sonne aufgehen sah, den Jasmin, der dieses Fenster beschattete, und der aus der Ferne für mich nur eine grüne Hecke war.

Einen Augenblick lang glaubte ich ihn an diesem Fenster zu erblicken, und, sei es nun Täuschung, oder sei es Wirklichkeit, ich streckte die Arme aus, ich stieß einen Schrei aus.

Ach! ich war noch mehr als eine Viertelmeile entfernt! er sah mich nicht, noch hörte er mich.

Die Glocken des Klosters läuteten immer fort; ich erinnerte mich unwillkürlich dieses nächtlichen und unaufhörlichen Läutens, welches für mich der Einkleidung vorausgegangen war, und zuweilen stieg in meinem Geiste und in meinem Herzen, wie eine schreckliche Vermuthung, der Gedanke auf, daß die Glocken so für ihn läuteten.

Aber ich sagte den Kopf schüttelnd zu mir selbst: Nein, nein, nein!

Ich näherte mich immer mehr; nun sah ich eine lange, aus Mönchen bestehende Procession, die sich nach dem kleinen weißen Hause begab, und die einen Augenblick nachher wieder den Weg nach dem Kloster einschlug.

Was holten sie aus diesem Hause?

War es ein Lebendiger oder ein Todter?..

Ich stand im Begriffe es zu erfahren, denn ich war nur noch einige Hundert Schritte weit von dem Hause entfernt, als ein Strom mir den Weg versperrte.

Er stürzte so reißend, so Mit Steinen beladen, so kothig herab, er schien so tief, daß ich nicht einmal versuchte, durch ihn zu gehen.

Trotz meiner Ermüdung eilte ich laufend nach seiner Quelle hinauf, aber ich fühlte, daß ich bis nach diesem Hause gelangen würde. Dort würde mich freilich aller Wahrscheinlichkeit nach diese ganze künstliche Kraft verlassen.

Nach Verlauf einer Viertelstunde des Marsches kam ich an einen, von dem einen Ufer auf das andere geworfenen Baum. In jeder anderen Zeit würde ich niemals gewagt haben, mich auf diese bewegliche Brücke zu wagen, wäre auch das Paradies auf der anderen Seite gewesen. Ich eilte darauf und überschritt sie sicheren Fußes, wie ich sie festen Auges gemessen hatte.,

Dort angekommen gab es kein Hinderniß mehr, ich fand eine Art von gebahntem Weg, ich setzte meinen Lauf fort; nur wurde mein Lauf in dem Maße rascher, als ich näher kam.

Ich erreichte dieses so sehr ersehnte Ziel; die Thür stand offen, ich überschritt die Schwelle, eine Treppe bot sich zu meiner Rechten, ich eilte hinauf, aber schweigend, ohne Jemand zu rufen. Seitdem ich die Thür berührt hatte, wagte ich nichts mehr, ich hatte die Ueberzeugung, daß ich das Zimmer leer finden würde.

Das Zimmer war leer, das Fenster stand offen, und auf einem Tische lag ein noch ganz mit Thränen benetzter Brief.

Dieser Brief, o meine Mutter! dieser Brief, dessen letzte Zeilen kaum seit einer halben Stunde geschrieben waren, dieser Brief war sein letzter Abschied.

Ich kam um eine halbe Stunde zu spät, er war in der Kirche, er legte seine Gelübde ab.

Ich fühlte das Haus unter meinen Füßen erbeben; es schien mir, als ob sich Alles um mich herum drehe. Ich fing einen Schrei an, der sich mit meinem letzten Seufzer endigen sollte, als plötzlich der Gedanke, in mir aufstieg, daß das Opfer vielleicht nicht vollbracht, daß das Gelübde noch nicht ausgesprochen wären.

Ich stürzte aus dem Hause, indem ich instinctmäßig meine Taube wieder nahm, die sich auf einen geweihten Buchsbaumzweig gesetzt hatte.

Das Kloster war ungefähr Hundert Schritte weit entfernt, aber dieses Mal fühlte ich wohl, daß mir nicht genug Kräfte übrig bleiben würden, um die Kirche zu erreichen. Ich hatte nur noch einen Rest von Verstand in dem Kopfe, nur noch einen Rest von Athem in der Brust.

Ich hörte die Priester, welche das Magnificat sangen.

Ich hörte die Orgel, welche das Veni Creator spielte.

Mein Gott! mein Gott! es blieben mir noch einige Sekunden, und das war Alles.

Unglück! dreifaches Unglück! die Kirche zeigte sich mir von Seite des gewölbten Chores, ich mußte um sie herum gehen, um die Thür zu finden.

Das mittlere Fenster stand offen; aber wie konnte ich hoffen, daß meine Stimme den Klang der Orgel und den Gesang der Priester überschallen würde?

Ich versuchte indessen zu rufen; ein dumpfes Röcheln drang aus meiner Brust und das war Alles.

Es gibt Augenblicke, in denen man begreift, daß Alles uns verläßt und daß Alles verloren ist.

Ich fühlte meine Gedanken sich verwirren, Alles brach in mir; dann durchzog in Mitte dieses Chaos ein Blitz, eine Flamme, ein Schein mein Herz.

Ich schleuderte meine Taube nach dem offenen Fenster und sank ohnmächtig zu Boden.

Gütiger Himmel! als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in seinen Armen.

Er trug bereits das Mönchsgewand, er hatte bereits die Tonsur des Priesters, und dennoch war er mein, mein, mein!

Mein, für immer!

Den bereits auf den Lippen angefangenen Schwur hatte die wie der heilige Geist auf einem Sonnenstrahle herabkommende Taube unterbrochen.

Geliebte Taube, Du wirst auf unserem Grabe in unseren verschlungenen Händen entschlafen ausgehauen werden.

Ich habe Ihnen versprochen, Ihnen zu schreiben, wenn ich ihn wiederfände, heilige Mutter. Gott hat in seiner unendlichen Barmherzigkeit zugelassen, daß ich ihn wiederfand, und ich schreibe Ihnen.

Ihre sehr ehrerbietige und sehr dankbare Tochter,

Isabelle von Lautrec, Gräfin von Moret.
Das glückliche Palermo, den 10. September 1638.
E N D E

Der Pfarrer Chambard

Kriminalgeschichte

Das, was ich hier erzähle, ist weder ein Roman, noch eine dramatisierte Geschichte; es ist ganz einfach eine Tatsache, in ihrer ganzen Einfachheit und ohne alle Ausschmückung so wiedergegeben, wie man sie in der Gazette des Tribunaux gefunden haben würde, wenn es zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts schon eine Gazette des Tribunaux gegeben hätte.

Der Leser weiß, daß ich vor einigen Jahren sechs Bände unter dem Titel: Berühmte Verbrechen, herausgegeben habe. Dieses Werk war Ursache von zahlreichen, aus den verschiedenen Theilen von Frankreich mir eingesandten Mittheilungen, gleichsam als ob jede Provinz ihre Garbe zu dieser blutigen Ernte hätte liefern wollen. Eine dieser Sendungen ist es, welche ich heute dem Leser vorlege. Außer dem Interesse, das sie an sich selbst enthalten kann, enthält sie das Verständniß einer ernsten Frage geistlicher Disciplin.

Wenn ich die Geschichte des Mittelalters erforschte, habe ich es oft als eine Art von Abweichung der gesellschaftlichen Regel oder zum Mindesten als eine ungerechte Grausamkeit betrachtet, daß die kanonischen Gesetze der Kirche einen Priester zu weihen verböten, der nicht seine physischen und geistigen Eigenschaften in ihrer vollen Kraft genösse. Gewiß war in Bezug auf die geistigen Anlagen nichts dagegen zu sagen: der, welcher bestimmt ist, das Licht zu sein, welches Andern auf ihrem Pfade vorleuchtet, muß mit der hellsten Flamme strahlen. Um die erhabenen Wahrheiten der christlichen Religion zu erklären und verständlich zu machen, muß die Seele ein vollkommener Spiegel sein, in welchem diese Wahrheiten zurückstrahlen. Aber es schien mir unnöthig schön, groß und kräftig zu sein, um gewissenhaft das Gelübde der Keuschheit zu erfüllen, und manche kränkliche und schwächliche Natur, welche ich gekannt, hatte mir oft einen bei Weitem größeren Verstand offenbart, als eine andere, dem Scheine nach weit vollständigere. Das kam daher, weil ich dm Geist der katholischen Kirche noch nicht recht verstanden hatte; weil ich nicht überlegt hatte, daß es keine Aufopferung ohne Opfer, keinen Sieg ohne Kampf, keinen Kampf ohne Kraft gibt. Die herrschende Kirche wollte logischer Welse, daß damit das Priesterthum seine ganze Gewalt bewahre, der Priester der Menge durch alle möglichen Mittel imponiere; daß er zu den Sinnen ebenso gut, als zu dem Geiste spräche, daß er nicht allein Eindrücke, sondern auch Empfindungen hervorbrächte; daß er von der Höhe des christlichen Lehrstuhles, aus der Mitte des religiösen Gepränges, der dem Gottesdienste geweihte Mann durch die Stimme, durch den Blick, durch die Gebilde auf die versammelte Menge wirke, damit er nachher in die geheimsten Verrichtungen seines Amtes eingehen könnte. Deshalb wollte sie, daß der Priester einsichtsvoll und schön wäre. Die streitende Kirche wollte, daß der Priester ohne moralische oder Physische Gebrechen wäre, weil in dem Märthyrerthume ein moralisches oder physisches Gebrechen ihm seine Kraft rauben und ihn unter der Gefahr unterliegen lassen könnte, der er Trotz bieten, oder unter dem Schmerze, den er überwinden mußte. Deshalb wollte sie, daß der Priester schön und stark wäre.

Wenn daher der Abhang von den Erhabenheiten des Gedankens nach den niederen Regionen der Ausführung jäh ist, so wollen wir deshalb nur die Gebrechlichkeit der menschlichen Natur anklagen. Die römischen Prälaten beschlossen eine schöne und erhabene Stiftung, sie haben von den Priestern, das heißt von den geringen Kriegern ihrer Kirche, alle die Eigenschaften verlangt, welche oft den Häuptern fehlen, nämlich Beredsamkeit, Kraft und Muth. Sie haben Bedingungen gestellt, damit der Priester so wäre. Die Stiftung ist schön geblieben, es ist die Schuld derer, welche, wie ich, den ursprünglichen Gedanken nicht verstanden hatten, wenn sie aufgehört hat/erhaben zu sein. Das langsame Märtyrerthum eines Lebens voll Selbstverleugnung hat wohl einige Heilige unter unsern Landpfarrern gemacht; aber, wir. müssen es gestehen, dieses Heer des Herrn, das die größte Kraft unserer Religion ausmachen sollte, besteht heut zu Tage und bestand seit langer Zeit aus weniger als gewöhnlichen Elementen.

Kommen wir auf unsere Geschichte zurück, welche außerdem nur die Entwickelung dieser geistigen Theorie ist, daß, damit der Priester seiner Sendung gewachsen sei, er seine physischen und geistigen Anlagen in ihrer ganzen Fülle genießen muß.

I

Die Pfarre von Croix-Daurade, einem kleinen Dorf« der Umgegend von Toulouse, war im Jahre 1700 durch Peter Cölcstin Chambard besetzt, einem frommen Manne nach den Anforderungen seiner Zeit, einem wackeren Manne im Sinne aller Zeiten, der alle die verlangten Eigenschaften besaß, um seine Pfarrkinder auf der Bahn des Heiles zu leiten; geliebt und geachtet in seinem Kirchsprengel, wo er der Schiedsrichter der Localinteressen, der Vermittler der inneren Streitigkeiten, der Rath in schwierigen Fällen, der Tischgenosse aller Familienmahl war; kurz, ein guter Pfarrer im strengsten Sinne des Wortes, wie man deren noch in unsern Tagen einige in den Ortschaften findet, wo weder Eisenbahnen noch Dampfschiffe durchkommen.

Das einzige, was man dem Pfarrer Chambard vorwarf, war eine Schwäche des Geistes, deren er nicht Herr war und die ihn leicht der Furcht zugänglich machte, z.B. wenn man ihn mitten in der Nacht zu holen kam, um einem Sterbenden auf seinem Todtenbette den letzten Beistand zu leisten, so ließ er den Boten warten, um mit ihm zu gehen, und wenn seine heiligen Verrichtungen vollbracht, bevor der Tag angebrochen war, so ließ er sich von ihm wieder zurückführen.

Wir führen diese Thatsache an, um einen Begriff von seinem schüchternen Charakter zu geben, einem Charakter, den er einer Krankheit zuschrieb, welche er während seiner Kindheit gehabt und die ihn lange schwach und leidend gelassen hatte, so daß in dem Augenblicke, wo er den Stand der Waffen ergreifen sollte, ein Stand, zu dem er bestimmt war, seine Eltern ihn zum Geistlichen machten, weil sie meinten, daß weniger Kraft und Muth dazu gehöre, um in der Miliz des Herrn zu dienen, als in der des Königs, und indem sie auf die Einwürfe, welche man ihnen in dieser Beziehung machte, antworteten, daß die Zeiten der blutigen Kämpfe für die Kirche vorüber wären, und daß, wenn die katholische Geistlichkeit noch ihre Liste von Heiligen zu liefern hätte, die Verfolgung glücklicherweise nicht mehr ihren Beitrag von Märtyrern von ihr verlange.

Peter Cölestin Chambard wurde daher zum Priester geweiht und zum größten Glücke seiner Pfarrkinder zum Pfarrer von Croix-Daurade ernannt, welches er zu der Zeit, wo diese Erzählung beginnt, seit sieben und zwanzig bis acht und zwanzig Jahre bewohnte, ohne daß, wie wir bemerkt, ein Feind, so erbittert er auch sein mochte, irgend eine Anklage gegen ihn hätte stellen können,

Die alte Marie, welche nach ihrem Gefallen die inneren Angelegenheiten des Pfarrhauses von Croix-Daurade leitete, behauptete wohl, in Ubereinstimmung mit dem, was wir gesagt haben, daß der würdige Hirte bei allen Veranlassungen zuerst an sich dächte, eine Beschuldigung, welche übrigens seine wohlbekannte Mildthätigkeit bedeutend milderte. Ferner, daß es ihm an Energie fehle, daß er zu gutwillig seinen Kirchenvorständen in den Beratungen über das Kirchenvermögen nachgäbe, daß er sich zu leicht durch die Furcht vor den Mächtigen und durch den Schall kräftiger Lungen erschüttern ließe. Aber auf diese Vorwürfe antwortete der gute Pfarrer: »Dem ist nun einmal so, meine arme Marie; es ist nicht jeder ein heiliger Bernhard, der es sein will!« Und in der That, wenn die Seele des Pfarrers Chambard nicht an derselben Flamme gestählt war, als die jener Märtyrer, welche Nero in dem Circus und Diocletian in dem Colyseum Trotz boten, so wußte man ihm gerade für diese Schwäche Dank, welche die Versicherung gab, daß er niemals weder seine moralische Macht noch sein zeitliches Ansehen mißbrauchen würde.

Eines Tages, es war am 26. April, trat die alte Marie, welche bei dem Pfarrer alle die Freiheiten hatte, die der Titel einer alten Magd gewährt, früher als gewöhnlich in das Schlafzimmer des Abbé, und indem sie seine Vorhänge mit großem Geräusch aufzog, sagte sie:

– Geschwind! geschwind! Sie müssen aufstehen, Herr Pfarrer, hören Sie das Angelus läuten?

– Und warum so früh aufstehen, Marie? fragte der Pfarrer mit einem Ausdrucke, welcher bewies, daß er durchaus nicht geneigt wäre, Widerstand zu leisten, welcher Art auch der Grund sein möchte, den man für dieses nach seiner Meinung ein wenig zu frühzeitige Wecken angäbe.

– Weil Sie in die Stadt gehen müssen, Sie wissen es wohl.

– Ich, ich muß in die Stadt gehen? Du glaubst, Marie?

– Ohne Zweifel, haben Sie nicht bei dem Erzbischofe zu thun?

– Das ist richtig, Marie, aber erst, gegen Mittag; es hat also keine Eile.

– Warum eher um Mittag, als zu einer andern Stunde? Was gethan ist, ist gethan, Herr Pfarrer. Brechen Sie daher frühzeitig auf, besuchen Sie dort alle Ihre Freunde und beeilen Sie sich nicht zurückzukehren.

– Ich werde nach meiner Messe gehen.

– Nein, Sie werden Ihre Messe in der Cathedrale lesen.

– Dann erwarte mich gegen ein Uhr zum Mittagsessen.

– Aber da Sie in Toulouse sein werden, so benutzen Sie doch die Gelegenheit, um bei dem Abbé Mariotte zu speisen, der Sie immer einladet und dessen Einladungen Sie niemals annehmen.

– Das heißt, daß Du Deinen Tag für Dich haben willst, nicht wahr, Marie? Ich sehe das.

– Nun denn, wenn dem so wäre? Habe ich nicht am Ende täglich Mühe genug in dem Pfarrhause, daß Sie mir von Zeit zu Zeit einen Urlaub von einem Tage geben können?

– O! doch, meine gute Marie, und ich mache Dir keinen Vorwurf darüber. . .

– Das ist ein Glück!,

– Erwarte mich daher erst um fünf Uhr.

– Sie brauchen erst um sieben Uhr hier zu sein; warum wollten Sie früher zurückkehren?

– Habe ich denn gerade um sieben Uhr etwas zu thun? fragte der gute Pfarrer, der gewöhnlich das ganze Verzeichniß seiner täglichen Beschäftigungen aus den Händen seiner Haushälterin empfing.

– Sie sollen bei den Siadoux zu Nacht essen.

– Aber der Vater ist abwesend.

– Er wird heute Abend zurückkehren,

– Wer hat Dir das gesagt?

– Sie haben Ihnen geschrieben und zugleich den Brief übersandt, den Sie gestern von ihrem Vater erhalten haben.

Und die alte Haushälterin überreichte dem Pfarrer die beiden Briefe ganz offen, was bewies, daß in der allgemeinen Vollmacht, welche Marie durch das Vertrauen ihres Herrn besaß, keine Einschränkung in Bezug auf das Briefgeheimniß stattfand.

Der Pfarrer nahm den Brief, den Saturnin Siadoux an seine Kinder geschrieben hatte, und las laut Folgendes:

»Meine Kinder, wenn Ihr Gegenwärtiges empfangt, werde ich bereits Narbonne verlassen haben, um nach Castelnaudary zu gehen, wo einer meiner lieben Jugendfreunde wohnt. Ich denke zwei Tage bei ihm zu bleiben,, um ein wenig auszuruhen und mich dann wieder sogleich auf den Weg zu begeben. Ich werde daher unfehlbar Dienstag, den 20., gegen Abend nach Haus zurückkommen.

»Sobald Ihr diesen Brief empfangen, wird einer von Euch nach Toulouse gehen, um Schwester Mirailhe zu melden, daß ich sehr wünsche, sie bei meiner Ankunft in Croix-Daurade zu finden, um ihr die Auskünfte mitzutheilen, die ich mir über das frühere Leben Cantagrels verschafft habe. Sie sind so, wie ich sie zugleich hoffte und fürchtete.

»Um uns über den Erfolg meiner Reise zu erfreuen, werdet Ihr den Herrn Pfarrer einladen, am Dienstage mit uns zu Nacht zu essen. Ladet gleichfalls meine Gevattern Delguy,und Cantagrel ein, denn wir müssen ohne Verzug zwölf Faß Oel an das Haus Delmas und sechs an das Haus Pierreleau liefern.

»Derjenige unter Euch, welcher sich nach Toulouse begibt, muß sorgfältig vermeiden, durch die Straße der schwarzen Büßer zu gehen, in welcher Cantagrel wohnt, aus Furcht, daß dieser, wenn er ihn erkenne, etwas ahnt und ihm zu Eurer Tante folgt, durch die er von meiner Reise nach Narbonne etwas erfahren könnte, welche ihm im Gegentheile durchaus unbekannt bleiben muß.

»Demnach also auf Dienstag Abend.

»Euer Vater, der Euch zärtlich umarmt,
»Saturnin Siadoux.«

Dieser Brief, den Marie als letztes Beweisstück aufbewahrt hatte, um den Pfarrer zu überzeugen, daß seine Rückkehr nach Croix-Daurade übereilt wäre, wenn sie vor sieben Uhr Abends stattfände, hatte seine volle und gänzliche Wirkung. Der gute Pfarrer liebte die Siadoux, seine Nachbarn, sehr, und er hatte den seligen Mirailhe, bei seinen Lebzeiten Trödler auf dem Markte Saint-Georges in Toulouse, gut gekannt. Die Wiltwe, dieses letzteren, welche als Ueberlebende das Vermögen der Gütergemeinschaft geerbt hatte, war eine Frau von vierzig Jahren, und noch schön, was sie um so lieber von sich sagen hörte, als dieser Genuß der Eigenliebe nicht sehr lange dauern konnte, was nicht verhinderte, daß sie, da man. sie im Besitz eines Capitals von einigen sechzig Tausend Livres wußte, immer eine gute Anzahl von Bewerbern hatte.

Unter der Zahl derselben bemerkte man Cantagrel,

Dieser Contagrel, dessen Name man mit einem Gefühle von Furcht in dem Briefe Saturnin Siadoux ausgesprochen findet, war der bekannteste unter den Fleischern von Toulouse, wo seine Stärke ihm besonders unter seinen Collegen einen großen Ruf erworben hatte. Auf den Märkten der umliegenden Städte hatte man ihn den schrecklichen Thieren gegenüber, mit denen er zu thun hatte, eine Muskelkraft entwickeln sehen, welche ihm selbst ein Milon,von Croton beneidet haben würde. So war es ihm sehr häufig begegnet, den Stier zu erwarten, der ihn verfolgte, und indem er ihn. bei den Hörnern packte, ihn auf die Seite zu legen und ihn regungslos zu halten, während sein Knecht ihm mit einem glühenden Eisen den Namenszug seines Herrn aufdrückte. Es versteht sich von selbst, daß ein von ihm geschlagener Ochse weder aufstand, noch eines zweiten Schlages bedurft hätte, um zu fallen. Außerdem erzählte man, daß er eines Tages auf der Bärenjagd in den Pyrenäen Leib an Leib mit einem dieser schrecklichen Thiere gekämpft hätte, und mit ihm in einen Abgrund gerollt wäre. Beide mußten unvermeidlich in diesem Sturze umkommen, dessen Höhe man auf mehr als Hundert und zwanzig Fuß schätzte; aber das Glück hatte gewollt, daß der Bär unter ihn fiel, und indem er seinen Feind vor dem Stoße bewahrte, hatte jener sich das Kreuz gegen einen Felsen gebrochen. Cantagrel war ganz betäubt zehn Schritte weit weg von dem Thiere gerollt, als aber seine Freunde, von einem Hirten geführt, der dem stattgehabten Kampfe zugesehen, zu seiner Hilfe herbeieilten, erblickten sie Cantagrel, wie er eben seinen tobten Feind auf seinen Schultern tragend, wieder zu ihnen hinaufstieg. Was Cantagrel anbelangt, so war er mit einem Bisse in der Wange davongekommen, dessen Narbe er behalten hatte, und die er voll Stolz als ein ehrenvolles Merkmal seiner Stärke und seines Muthes zeigte.

Daher kam es denn, daß Cantagrel trotz gewisser Gerüchte, welche über sein früheres Leben im Umlaufe waren, sehr respektiert war. Als Saturnin Siadoux, dem aus verschiedenen Gründen wenig daran lag, daß der Fleischer sein Schwager würde, Erkundigungen über ihn in Toulouse einzog, erlangte er daher auch nur sehr unbestimmte Angaben über die Begebenheiten, welche er zu ergründen wünschte. »Man wußte nicht recht, man hatte sagen hören, aber man konnte nicht behaupten.« Das waren die rednerischen Vorsichtsmaßregeln, mit denen jeder seine Erzählungen begleitete, indem jeder fürchtete, auf eigene Rechnung diese wunderbare Stärke fühlen zu müssen, welche Cantagrel bis jetzt nur Gelegenheit gefunden hatte, an Bären, Stieren und anderem Viehzeug zu versuchen.

Der Pfarrer Chambard hatte daher Saturnin Siadoux den Rath gegeben, nach Narbonne zu gehen, eine Gegend, welche der schreckliche Fleischer vordem bewohnt hatte, um dort die Auskünfte zu suchen, welche er sich in Toulouse nicht hatte verschaffen können, und welche einige Aufklärung über eine erste Ehe verbreiten würden, welche Cantagrel mit einem jungen Mädchen dieser Stadt geschlossen hatte. In der That, wenn man den verbreiteten Gerüchten glauben durfte, so lebte diese erste Frau noch, obgleich Beweggründe, welche man nicht kannte, sie das tiefste Schweigen über die Bande bewahren ließ, welche sie mit demjenigen vereinigten, der nach der Ehre strebte, in zweiter Ehe der Gatte der Wittwe Mirailhe zu werden. Aber wie wir bemerkt, diese Gerüchte waren so unbestimmt daß man sie niemals hatte feststellen können, und daß sie zu den Ohren der Interessierten nur als Verleumdungen oder zum Mindesten als Aeußerungen ohne Haltbarkeit gelangt waren.

Die Rückkehr Saturnin Siadoux sollte alle Zweifel über diesen Gegenstand aufhellen. Und so wenig der gute Pfarrer auch für die Eigenliebe zugänglich war, so sagte er sich doch nichtsdestoweniger mit einer innen, Zufriedenheit, daß die Familie Siadoux es dem ihr von ihm gegebenen Rathe verdanke, endlich die Wahrheit kennen zu lernen.

Was ihn anbetraf, so hatte ihn, wohlverstanden, kein feindseliges Gefühl veranlaßt, seinem Freunde diesen Rath zu geben, denn er kannte Cantagrel gar nicht.

Da ihn indessen eine gewisse Neugierde stachelte, so hatte er dieses Mal beschlossen, Cantagrel kennen zu lernen, wäre es auch nur von Ansehen. Das war etwas Leichtes; der Laden des Fleischers befand sich, wie Saturnin Siadoux gesagt, in der Straße der schwarzen Büßer, und nach der wohlbekannten Beschreibung der Person war es nicht schwer, ihn in seiner Fleischbank von seinen Knechten und von seinen Kunden zu unterscheiden. Der Pfarrer machte sich daher mit dem festen Entschlusse auf den Weg, durch die Straße der schwarzen Büßer zu gehen, wenn er sich zu dem Abbé Mariotte begäbet

Croix-Daurade ist kaum drei Viertelstunden weit von Toillouse entfernt. Der Pfarrer legte daher diese Strecke wie gewöhnlich zurück, indem er langsam ging und sein Brevier las; an das Thor von Toulouse gelangt, schlug er sein Buch zu und ging nach der Wohnung des Abbé Mariotte. Es konnte acht Uhr Morgens sein.

Der würdige Pfarrer hatte sein Vorhaben nicht vergessen, durch die Straße der schwarzen Büßer zu gehen; er machte daher auch den kleinen Umweg, den ihm dieser Beschluß gebot, Und trat in die genannte Straße, ungefähr auf dem dritten Theile ihrer Länge befand sich der Laden des Bewerbers um die Hand der Wittwe Mirailhe; nur war Cantagrel nicht in seiner Fleischbank. Ein Fleischerknecht von einigen dreißig Jahren vertrat seine Stelle; ohne Zweifel auch stark und kräftig, wie es die Männer dieses Gewerbes gewöhnlich sind, deren Poren von den Ausdünstungen des Blutes, unter denen sie sich beständig aufhalten, so viele Lebenstheile einsaugen, war er indessen nach dem, was der Pfarrer hatte sagen hören, weit davon entfernt, mit seinem Herrn verglichen werden zu können. Man konnte sich indessen nicht darüber irren, es war wirklich die Fleischbank Cantagrels, und sein mit großen Buchstaben über seinen Laden geschriebener Name konnte keinen Zweifel in dieser Beziehung übrig lassen.

Indessen war diese Abwesenheit so etwas Natürliches, daß der würdige Pfarrer sich nicht weiter darum bekümmerte.

An dem Ende der Straße der schwarzen Büßer befand sich die, welche der Abbé Mariotte bewohnte.

Der Abbé Mariotte war zwar zu Haus, aber der Pfarrer Chambard fand ihn im Begriff, eben auszugehen. Er wollte nach Blognac, wo ihn einer seiner Freunde fast sterbend erwartete. Der Pfarrer von Croix-Daurade kam daher zu gelegener Zeit, nicht um mit seinem Collegen zu frühstücken, sondern um an seiner Stelle die Messe in der Metropolitankirche Sanct Stephan zu lesen, deren Pfründner beide waren. Sobald er die Messe gelesen, sollte der Pfarrer Chambard sein Frühstück von der Köchin des Abbé Mariotte zubereitet finden, eine Köchin, der es unter den Geistlichen von Toulouse und der Umgegend nicht an einem gewissen Rufe fehlte. Was das Mittagessen anbelangt, so hatte der Pfarrer Chambard sich nicht darüber zu beunruhigen; an welche Thür er auch zu der Stunde, wo man sich gewöhnlich zu Tische setzt, anklopfen mochte, er wäre willkommen gewesen, und vielleicht würde ihn sogar der Herr Großvikar oder der Herr Bischof, mit dem er Geschäfte hatte, an der erzbischöflichen Tafel zurückhalten.

Indem er sich nach Sanct Stephan begab, ging der Abbé zum zweiten Male durch die Straße der schwarzen Büßer, und. warf von Neuem einen forschenden Blick in den Laden Cantagrels; der Fleischer war noch abwesend, und der Knecht thronte noch immer auf dem Sitze des Herrn. Der Pfarrer setzte seinen Weg nach der Kirche fort.

Sobald er die Kathedrale betreten, verbannte der würdige Hirt von Croix-Daurade jeden weltlichen Gedanken und bereitete sich auf das heilige Opfer vor, das er zu vollziehen im Begriffe stand, er ging frommer Weise durch die Kirche, indem er den gebräuchlichen Gruß vor dem Hauptaltare machte, ging in die Sakristei, legte dort die priesterlichen Gewänder seines Collegen an, und knieete hierauf, den Kelch in der Hand, vor dem Altare nieder.

Als die Messe beendigt, kehrte der Abbé Chambard in die Sakristei zurück und begann sich auszukleiden; er war noch damit beschäftigt, als einer der Kirchendiener mit der Frage eintrat, ob der Abbé Mariotte da wäre.

– Nein, antwortete der Pfarrer, er ist in Blognac und hat mich gebeten, für ihn die Messe zu lesen, was will man von ihm?

– Es erwartet ihn ein Mann im Beichtstuhle, der mich beauftragt hat, ihn davon in Kenntniß zu setzen. Dieser Mann läßt Sie bitten, ihn nicht warten zu lassen, er scheint große Eile zu haben.

– Nun denn! antworten Sie ihm, daß der Abbé Mariotte nicht da ist, aber daß ich seine Stelle vertreten kann, ich habe meine Erlaubniß zur Beichte; fügen Sie hinzu, daß, wenn er bis morgen warten will, der Abbé Mariotte heute Abend zurückkehren würdet

Einen Augenblick nachher kehrte! der Kirchendiener zurück, um dem Pfarrer Chambard zu sagen, daß der bußfertige Sünder ihn erwarte.

Der Abbé Chambard ging nach dem Beichtstuhle, welcher sich, wie gewöhnlich, in dem dunkelsten Theil der Kirche befand. Der Mann, welcher ihn hatte rufen lassen, erwartete ihn dort auf den Knieen; aber er konnte sein Gesicht nicht sehen, der Büßende drehte ihm den Rücken zu und hielt seinen Kopf mit Gewalt in seine Hände gedrückt.

Der Pfarrer setzte sich in den Beichtstuhl, und die Beichte begann.

Eine Viertelstunde nachher öffnete sich die Thür von dem Richterstuhle der Buße wieder, und der Mann Gottes erschien todtenbleich und indem er sich kaum aufrecht erhielt.

Was den Bußfertigen anbelangt, so war er mit einem Schrei der Verzweiflung entflohen, als ihm der Pfarrer Chambard die Absolution verweigert hatte.

Der gute Priester blieb einen Augenblick lang regungslos stehen, indem er sich an einer Säule der Kirche hielt, als ob er gefühlt hätte, daß die Beine ihm den Dienst versagen würden; dann ging er wankenden Schrittes wie ein Trunkener, ohne in die Sakristei zurückzukehren, ohne von irgend Jemand Abschied zu nehmen, nach einer der Seitenthüren der Kirche zu, und indem er sich durch die einsamsten Straßen schlich, verließ er die Stadt mit einem wieder so rasch gewordenen Schritte, daß man ihn niemals für fähig gehalten hätte, so zu gehen, wobei er das Frühstück des Abbé Mariotte, seinen Besuch im erzbischöflichen Palaste, den Traum des Mittagessens bei Seiner Gnaden, die Angelegenheiten der Pfarre und auch die seinigen vergaß.

Sobald er sich auf dem Wege von Croix-Daurade befand, beschleunigte der Pfarrer seinen Schritt noch mehr Seine Befangenheit war so groß, daß er vor dem Kreuze vorüberging, das an dem Eingange des Dorfes stand, ohne den Hut vor dem Christusbilde abzunehmen, und daß er ganz in Schweiß gebadet in dem Pfarrhause ankam, wo sich Marie in frommer Trägheit brüstete. Sobald er angekommen, blieb er mitten in dem Zimmer stehen und suchte sein Taschentuch, um sich die Stirn abzutrocknen, aber er hatte es verloren. Er wollte seine Zuflucht zu seinem Brevier nehmen, um seine Verwirrung zu verbergen, er hatte sein Brevier in der Sakristei von Toulouse gelassen. Nichts konnte ihm helfen, sich einige Fassung zu geben. Die Verlegenheit seiner Bewegung, wie die Unordnung seines Anzuges deuteten eine wichtige Katastrophe an, welche sich zugetragen hatte oder sich zuzutragen im Begriffe stand. Er war regungslos und stumm, nur seine Augen drehten sich in ihren Höhlen, seine Kniee zitterten, indem sie an einander schlugen, und dennoch schien er nicht daran zu denken, sich zu setzen. Marie schob instinktmäßig einen Sessel hinter ihn, es war Zeit; der arme Pfarrer war nahe daran, rücklings zu Boden zu sinken. Er fiel wie vernichtet in den Sessel.

– Jesus mein Gott! rief Marie aus, indem sie zurückwich, um mit einem Blicke alle diese Zeichen von Schrecken zu übersehen, was ist Ihnen denn begegnet, Herr Pfarrer?

–Was mir begegnet ist, fragte der Priester mit verwirrter Miene, was mir begegnet ist? Gott sei Dank, durchaus nichts.

– Aber Sie sehen ganz bestürzt aus. Ich habe Sie niemals so gesehen.

– Du irrst Dich, meine gute Marie, ich denke, ich habe mein gewöhnliches Ansehen.

– Und warum kommen Sie denn so bald nach Haus; ich wette, daß Sie nicht zu Mittag gegessen haben?

– Doch, Marie, ich glaube doch.

Der gute Pfarrer bemerkte kaum, daß er, indem er versicherte, daß er zu Mittag gegessen hätte, ganz einfach eine große Lüge sagte.

– Sie haben nicht zu Mittag gegessen, Herr Pfarrer.

– Nun denn, nein, Marie.

– Und dann haben Sie Hunger?

– Nein, Marie, ich habe keinen Hunger, ich habe durchaus keinen Hunger, ich versichere es Dir.

– Aber Sie können das Abendessen nicht abwarten, ohne etwas zu genießen?

– Ich werde nicht zu Abend essen, Marie.

– Wie! Sie haben nicht zu Mittag gegessen, und Sie wollen nicht zu Abend essen? Aber so sagen Sie doch, Herr Pfarrer, was hat das zu bedeuten? Außerdem können Sie sich nicht entbinden, zu Abend zu essen; Sie essen ja bei den Siadoux.

Bei diesem Namen stieß der Pfarrer einen erstickten Schrei aus, dann, als ob irgend ein innerer Damm bräche, rollten zwei lange unterdrückte Thränenströme über die hohlen und bleichen Wangen des Greises.

Nun begriff Marie, die im Grunde ein gutes Mädchen, obgleich ein wenig herrschsüchtig war, wie es jede Magd eines Pfarrers sein muß, welche den Stand nicht verderben will, daß ihr Herr irgend einen gewaltigen Kummer empfinden müsse, den er genöthigt sei, in seinem Herzen zu verschließen, und daß er dem zu Folge der Einsamkeit und des Schweigens bedürfe, diese beiden großen Vertrauten der Leiden der Menschheit. Sie entfernte sich daher, ohne ein Wort zu sagen, aber nicht ohne Tausend Schlüsse zu machen, von denen zuverlässig keiner sie dem Ziele zu nähern vermochte, das sie suchte.

Aber besorgt und in ihrer Besorgnis unfähig, geduldig abzuwarten, daß der Pfarrer zu ihr zurückkehre, oder sie riefe, kehrte sie eine halbe Stunde nachher in sein Zimmer zurück.

Der Pfarrer lag vor einem Kruzifix auf den Knieen und betete, er sah sie nicht eintreten und fuhr fort zu beten. Ihre Tasse in der Hand, blieb Marie an der Thür stehen; aber nach Verlauf eines Augenblickes ließ der arme Priester sein Haupt mit einem so unendlichen Stöhnen auf den Betaltar sinken, daß, obgleich es bis in das Herz der armen Marie drang, sie fühlte, es sei jetzt nicht der Augenblick, einen so großen Schmerz zu besänftigen, sie begnügte sich daher, die Tasse Milch auf eine Ecke des Betaltars zu setzen, und zog sich auf den Fußspitzen zurück, ohne daß der Pfarrer nur ihren Eintritt und ihr Fortgehen bemerkte.

II

Einige Schritte weit von da bot das Haus der Siadoux ein sehr verschiedenes Schauspiel von dem, welches wir so eben unsern Lesern vorgeführt haben.

Der Gewinn an einem großen Oelhandel, verbunden mit dem Ertrage von ein Hundert Morgen Landes, ließ in demselben einen großen Wohlstand herrschen, und dieser Wohlstand unterhielt in demselben die Heiterkeit. Besonders an diesem Tage war die Fröhlichkeit in dem Hause noch mehr gesteigert. Nach den Aufträgen des Familienhauptes bereitete man in ihm das zur Feier seiner Rückkehr bestimmte Mahl. Die Wittwe Mirailhe war angekommen, und die Familie Saturnin Siadoux, welche aus drei Söhnen und zwei Töchtern bestand, überhäufte sie mit Liebkosungen. Man lachte, man umarmte sich, man sang, und alles das mit jener ausgelassenen Lebhaftigkeit der südlichen Charaktere. Wahr ist es, daß wenn die Wittwe Mirailhe sich ein Mal unter ihren Neffen und Nichten befand, welche sie liebte, als ob sie ihre eigenen Kinder gewesen wären, sie niemals weder von ihrem seligen Gatten noch von denen sprach, welche die Absicht hatten seine Stelle einzunehmen, im Gegentheile, sie sprach den Vorsatz aus, daß sie, sobald sie ihren Trödelladen in Toulouse verkauft hätte, bei der Familie in Croix-Daurade wohnen wollte, ein Gedanke, der, wie man sich wohl denken wird, von ihren drei Neffen und ihren beiden Nichten mit Entzücken aufgenommen wurde, bei denen, wir müssen es zur Schande der Menschheit sagen, die Hoffnung auf eine gute Erbschaft, nicht wenig zu der Liebe beitrug, welche sie für sie hegten. Sobald sie freilich nach Toulouse zurückgekehrt, von Neuem den Lockungen einer zweiten Ehe und besonders den Schmeicheleien Cantagrels ausgesetzt war, dann schwankte das Herz der Wittwe sogleich in den Wolken der Unschlüssigkeit, und empfand sogar von Zeit zu Zeit heftige Versuchungen, zu einer zweiten Ehe zu schreiten.

Aber durch den guten Genius der Familie verscheucht, entflohen in Croix-Daurade alle diese bösen Gedanken. Die gute Tante ließ sich ganz gemächlich von ihren Nichten und von ihren Neffen hätscheln, und die Zeit verfloß rasch und vergnügt.

Inzwischen begann der Abend hereinzubrechen, und Saturnin Siadoux, der seine Ankunft für den Nachmittag gemeldet hatte, war immer noch nicht zurück. Jeder begann daher bereits jene unbestimmte Unruhe zu empfinden, welche Verspätungen gewöhnlich erzeugen, als die Gevattern Delguy und Cantagrel den Anfang von Besorgnis in eine einfache Ungeduld zu verwandeln kamen. Sie meldeten, daß sie erfahren hätten, wie ein gräßliches Gewitter am Tage zuvor zwischen Montgiscar und Villefranche ausgebrochen wäre. Man schloß daraus natürlicher Weise, daß die durchweichten! Wege und die geschwollenen Bäche Saturnin Siadoux gezwungen hätten, in Castelnaudary zu bleiben, oder in Montgiscar bei einem Vetter der Familie einzukehren. Was die Wahrscheinlichkeit dieser Vermuthung rechtfertigte, war, daß das Gewitter, welches am Tage zuvor zwanzig Stunden weit von da ausgebrochen war, sich in diesem Augenblicke bis nach Toulouse zu erstrecken schien. Der Wind hatte sich erhoben, der Himmel war mit Wolken beladen, der Regen fiel in Strömen. Die Nacht wurde finster, man hoffte daher nicht mehr, ihn ankommen zu sehen.

– Aber warum ist der Pfarrer Chambard auch nicht gekommen?

– Marie hat mir gesagt, daß er heute Morgen nach Toulouse gegangen wäre, sagte Josephine Siadoux als Antwort auf diese Frage, welche ihre Tante an sie richtete, und vielleicht ist er noch nicht zurückgekehrt.

– Doch, sagte Constantia, die andere Tochter, denn ich habe ihn gegen vier Uhr Nachmittags in die Kirche gehen sehen, und es wäre möglich, daß er krank wäre, denn er war bleich wie der Tod.

– Wer das? der Pfarrer? fragte Johann Siadoux, der in diesem Augenblicke nach Haus kam, er ist nicht krank, denn als ich meinem Vater entgegenging, habe ich ihn auf dem Kirchhofe gesehen. Nur habe ich nichts von dem begriffen, was er that, er kniete am Fuße des Kreuzes und schien dort zu beten.

– Und ich, sagte Ludwig, ich habe ihn an dem Ende des Dorfes trotz dem Regen ohne Hut gesehen, und ich gestehe, daß ich, da ich nicht begriff, was er dort im bloßen Kopfe machte, mich ihm genähert habe, um ihn da« um zu fragen; aber als er mich erblickte, ist er hinter die Hecken getreten, wie um mich zu vermeiden. Meiner Treue, da ich denen nicht nachlaufe, welche mich vermeiden, so habe ich ihn gehen lassen.

– Das ist sonderbar, sagte die Wittwe Mirailhe, welche eine große Freundschaft für den guten Abbé Chambard hatte. Thomas, fügte sie hinzu, indem sie sich an den ältesten der drei Söhne wandte, Sie sollten ihn holen.

– Mit Vergnügen, sagte der junge Mann; nahm seinen Hut und entfernte sich, ohne andere Bemerkungen zu machen.

Aber auf halbem Wege begegnete er der alten Marie, welche er bei dem Scheine ihrer Laterne erkannte.

– Nun! Frau Marie, sagte er, woran denkt denn der Herr Pfarrer? wir erwarteten ihn um sieben Uhr, und jetzt ist es acht. . .

–Ist Ihr Vater etwa angekommen? fragte Marie.

– Nein, wir rechnen sogar für heute nicht mehr auf ihn, aber wir rechnen auf den Herrn Pfarrer.

– Nun denn! mein lieber Herr Thomas, Sie rechnen, wie man zu sagen pflegt, ohne ihren Wirth, denn ich weiß nicht, was der Herr Pfarrer seit dem Morgen hat, der arme liebe Mann! Aber so viel weiß ich, daß er mich beauftragt hat, ihn bei Ihnen zu entschuldigen, und daß ich im Begriffe stand meinen Auftrag auszuführen.

– Wie, er kommt nicht! rief Thomas aus, vielleicht nur, weil es schlechtes Wetter ist? Ah! bei Gott, wenn ich ihn tragen müßte. . .

– Sehen Sie, mein Sohn, sagte die alte Marie mit jener Vertraulichkeit der Leute des Pfarrhauses, welche in unsern Dörfern noch so gewöhnlich ist, wenn ich Ihnen einen Rath zu geben habe, so ist es der, den Herrn Pfarrer heute in Ruhe zu lassen; ich glaube nicht, daß er gelaunt ist, sich zu unterhalten.

– Wäre er etwa krank?

– Nein, aber ich weiß nicht, welche Nachricht er in Toulouse erfahren hat, ich weiß nur so viel, daß er ganz bestürzt aus der Stadt zurückgekehrt ist, und daß er seit seiner Rückkehr nur weint, stöhnt und betet.

– Nun denn! ein Grund mehr, daß wir ihn zu zerstreuen suchen; er wird dagegen im Hause sehr lustige und sehr fröhliche Leute finden, und dann hat meine Tante Mirailhe geschworen, daß sie sich nicht zu Tische setzen würde, wenn sie nicht ihren guten Freund Chambard zu ihrer Rechten hätte, ich will ihn also holen, Marie, und mit Gutem oder mit Gewalt nehme ich ihn mit.

– Kommen Sie, sagte Marie den Kopf schüttelnd, aber ich zweifle, daß er sich entschließt, Ihnen zu folgen.

Beide schlugen nun wieder den Weg nach dem Pfarrhause ein, und da die Haushälterin einen Hauptschlüssel hatte, so traten sie ohne Geräusch ein, Marie ging voraus, und Thomas Siadoux drang sogleich in das Zimmer des Abbé Chambard.

Er saß in seinem großen Sessel, den Kopf auf seine Brust gesenkt, die beiden Hände auf feine Knie ausgestreckt wie eine Bildsäule der Niedergeschlagenheit.

Er sah das Licht der Laterne; er glaubte, daß Marie allein zurückkehrte, und ließ sich daher nicht stören.

– Herr Pfarrer! sagte Marie, da ist Siadoux.

Welcher Siadoux? rief der Pfarrer erbebend aus.

– Ich, Thomas! sagte der junge Mann.

– Ah! mein Gott und kommen Sie etwa – um mir zu sagen, Thomas? fragte der Pfarrer, indem er seine bestürzten Augen auf ihn heftete.

– Ich komme, Ihnen zu sagen, daß Sie sich verspätet haben, Herr Pfarrer, sonst nichts. Und da wir nicht ohne Sie essen wollen, so komme ich, Sie zu holen.

– Kehren Sie nach Haus zurück, Thomas, mein Sohn, sagte der Pfarrer mit unendlicher Traurigkeit, entschuldigen Sie mich bei Ihrer Familie; ich habe beschlossen, heute Abend nicht auszugehen.

– Aber ich bitte Sie, Herr Pfarrer, sagte Thomas, was sollen wir ohne Sie anfangen? Mein Vater fehlt uns schon, und nun weigern Sie sich auch zu kommen; zwei leere Plätze an dem Familien,Tische, und noch dazu die beiden Ehrenplätze! das ist unmöglich, Herr Pfarrer, Sie wollen also, daß wir alle Freude und allen Appetit verlieren? dabei wissen Sie wohl, daß meine Tante Mirailhe nur durch Sie sieht, nur durch Sie hört, und daß nur Sie dieselbe allmählich auf die Nachricht vorbereiten können, welche ihr mein Vater in Bezug auf ihren Fleischer zurückbringen wird; denn ich ahne, was mein Vater sagen wird; – der Cantagrel ist verheirathet, – ich möchte dafür stehen, sehen Sie, so wahr wir beide, Sie ein frommer und ich ein rechtschaffener Mann sind.

– Mein armer Sohn, mein armer Sohn, flüsterte der Pfarrer.

– Nun denn, was, mein armer Sohn? fragte Thomas, was will das sagen?

– Das will sagen, daß es besser ist, ich bleibe hier, Thomas, als Euch alle durch meine Anwesenheit traurig zu machen.

– Ei! bei Gott, Sie werden uns nicht traurig machen! wir werden Sie erheitern, wir haben, Gott sei Dank, Mittel dazu.

– Laß mich, Thomas, laß mich.

– Herr Pfarrer, ich habe versprochen, Sie mitzubringen; ich bitte Sie daher in unser aller Namen, im Namen meines Vaters, dessen Stelle Sie vertreten wer« den, zu kommen, wenn er hier wäre, so würde er Sie wohl zu bestimmen« wissen. . .

Der Pfarrer stieß einen Seufzer aus, der einem Stöhnen glich.

– Nun denn, Herr Pfarrer, ein wenig Muth, bei Gott! Sie, der Sie die andern in ihrer Betrübnis so gut zu trösten wissen, geben Sie das Beispiel, opfern Sie sich!.

Zu gleicher Zeit faßte der junge Mann den Abbé unter einen Arm und hob ihn auf.

– Sie wollen es also durchaus, sagte der Abbé Chambard, der einer Bitte eben so wenig zu widerstehen vermochte, als einem Befehle.

– Wie denn, ob ich es will! Ich will es nicht allein, sondern ich verlange es auch im Namen der alten Freundschaft, welche sie mit meinem Vater verbindet; es ist einige Zeit her, daß Sie mit Saturnin Siadoux bekannt sind, he! fuhr der junge Mann lachend fort.

– Am Sanct Peters Tage sind es vier und zwanzig Jahr, daß ich zum ersten Male bei ihm zu Mittag gegessen habt, armer Saturnin!

Und der Pfarrer sprach diese letzten Worte mit einem so schmerzlichen Ausdrucke aus, daß der junge Mann eint Art von Schauder durch die Adern rieseln fühlte.

– Nun denn, Herr Abbé, sagte er, indem er ihm seinen Hut in die Hand gab, den der arme Priester suchte, ohne ihn zu finden, ich glaube, daß es Zeit ist, daß ich Sie fortführe; denn der Teufel soll mich holen! Sie würden mich sonst ebenso traurig machen, als Sie sind.

Wahrend dieser Zeit warf Marie dem Abbé Chambard seinen Mantel über die Schultern, und da die Laterne noch brannte, so machte sie sich auf den Weg, um zu leuchten.

Auf den Arm des jungen Mannes gestützt, folgte ihr der Priester maschinenmäßig.

Nach einigen Minuten langte man an dem Hause Siadoux an, wo die Ankunft des Pfarrers mit allgemeinem Jubel begrüßt wurde.

– Kommen Sie doch, kommen Sie doch, Herr Pfarrer, riefen zugleich alle Mitglieder der Familie und die beiden eingeladenen Gevattern aus kommen Sie doch, der Braten brennt an. Zu Tische! zu Tische!

Mit Hilfe einiger Selbstüberwindung gelang es dem guten Priester auf diesen Empfang durch ein Lächeln zu antworten, und er setzte sich auf die Stelle, welche ihm vorbehalten war, während die ihm gegenüber für Saturnin Siadoux bestimmte Stelle leer blieb.

Aber, obgleich er gewöhnlich in diese Arten von Gesellschaften einen Theil von sanfter Heiterkeit und väterlicher Freundschaft brachte, so blieb doch der gute Pfarrer zum großen Erstaunen Aller kalt wie Marmor. Indessen waren die Anstrengungen sichtlich, welche er machte, um zu lachen und um zu scherzen; aber die Rede erstarb auf seinen Lippen, und jedes Mal, daß bei einem von Außen gekommenen Geräusche einer der Tischgenossen aufstand, um zu sehen, ob es nicht Saturnin Siadoux wäre, welcher käme, schüttelte der Pfarrer wie von einem unwiderstehlichen Gefühle bewegt den Kopf, und stieß einen tiefen Seufzer aus.

Inzwischen kehrte die Unterhaltung, welche man an« fange sorgenlos und heiter hatte machen wollen, ewig wieder auf den abwesenden Reisenden zurück. Man fragte sich, wo er in diesem Augenblicke sein, was er wohl machen könne. Ueber das, woran er dächte, war man nicht in Zweifel, er dächte, daß seine Kinder und seine Freunde versammelt wären und ihn erwarteten, und er wäre zuverlässig ärgerlich, nicht unter ihnen zu sein.

Aber allen diesen durch das Gefühl der Verwandtschaft und der Freundschaft belebten Aeußerungen blieb der Abbé fremd, indem er nur mit einem Gedanken beschäftigt, nur durch eine Erinnerung vernichtet schien.

Während dieser Zeit brach das Gewitter aus, welches schon lange am Himmel gedroht hatte. Man hörte den Regen schaurig an die Fensterscheiben peitschen; der Wind, der sich in den Gängen und in den Kaminen fing, heulte und glich der Klage einer in Noth befindlichen Seele, welche Gebete verlangte. Dann ließ von Zeit zu Zeit ein Blitz, der allemal einem fürchterlichen Donner schlage vorherging, mit seinem bläulichen Scheine das Licht der Lampen erbleichen.

Ganz im Gegensatze von dem, was Thomas Siadoux vorhergesagt hatte, erheiterten die Tischgenossen den Abbé Chambard nicht, im Gegentheile hatte die Traurigkeit des würdigen Priesters sie Alle angesteckt.

Die Unterhaltung war allmählich erloschen. Wenn man noch sprach, so geschah es mit leiser Stimme; man aß nicht mehr, man trank kaum, und, statt die Tischgenossen zur Fröhlichkeit zu stimmen, schienen die feurigen Weine des Südens im Gegentheile in ein einschläferndes Getränk verwandelt, sie zu einer weit liefern Schwermuth zu stimmen.

Man fühlte, daß ein unbekanntes Unglück in der Luft schwebe, und daß es sich von einem Augenblicke zum andern, wie ein Geier auf seine Beute, auf die Familie herablassen würde.

Plötzlich hörte man einen an die Hausthür gethanen Schlag erschallen, einen einzigen, festen und dumpfen Schlag, wie man, fest überzeugt, daß er genüge, um ein ganzes Haus erbeben zu lassen, nur einen thut.

Die Tischgenossen sahen einander an; dann, wie in ein« gemeinschaftlichen Uebereinstimmung, richteten sich alle Augen auf den Pfarrer.

Er war bleich wie ein Gespenst; ein kalter Schweiß rann von seiner Stirn, seine Zähne klapperten.

Die Thür des Eßzimmers ging auf. Alle Tischgenessen standen im Vorgus entsetzt über den Besuch auf den sie empfangen würden, obgleich sie noch nicht wußten, was es für ein Besuch wäre.

Man sah zuvörderst einen Schöffen und Beisitzer im richterlichen Gewande eintreten, dann Offiziere des Stadthauses, dann Polizeisoldaten, dann untergeordnete Beamte der Justiz, dann eine von vier Mann getragene Bahre.

Auf dieser Bahre lag eine Leiche, deren Gestalt man unter einem blutigen Tuche erkannte.

Thomas begriff, was man von ihm verlangte. Ohne ein Wort zu sagen, ohne eine Frage zu stellen, näherte er sich mit vor Schreien gesträubten Haaren der Bahre und hob langsam das Tuch auf, welches die Leiche bedeckte.

Ein einziger und alleiniger, unendlicher und verzweifelter Schrei erschallte aus dem Munde Aller. Diese Leiche war die Saturnins Siadoux!

Man hatte sie diesseits Villefranche von elf Messerstichen durchbohrt, in ihrem Blute gebadet, an den Ufern des Flusses Lers gefunden, in welchem der Mörder ohne Zweifel nicht die Zeit gehabt hatte, sie zu werfen.

Nun sah man voller Erstaunen den Pfarrer Chambard, statt zu bleiben, wie es seine Pflicht war, um der Familie die Tröstungen der Freundschaft und der Religion zu bieten, von seinem Stuhle aufstehen und, indem er sich durch die halbgeöffnete Thür schlich, verschwinden, ohne irgend Jemand ein Wort zu sagen.

Zwölf Stunden waren seit dem eben von uns erzählten Ereignisse verflossen; auf das Geschrei der Verzweiflung, auf das lärmende Jammern des ersten Augenblickes war jener finstere und tiefe Schmerz gefolgt, der von Zeit zu Zeit einen erstickten Seufzer entschlüpfen und eine stumme Thräne fallen läßt. Die Leiche Saturnin Siadoux lag auf einem Bette ausgestellt, das man in einem Zimmer des Erdgeschosses aufgeschlagen hatte, in das allmählich das ganze Dorf getreten war. Zwei, die eine an dem Kopfe, die andere zu den Füßen der Leiche angezündete Kerzen von gelbem Wachs verbreiteten ihren bleichen und schwankenden Schein in Mitte eines düsteren Tageslichtes, die Frauen hatten sich in ihr Zimmer zurückgezogen, und Johann und Ludwig, die beiden jüngsten Söhne des Todten, wachten allein, regungslos und stumm einander gegenüber vor einem großen Kamine sitzend, in welchem die letzten Ueberreste des Feuers der Nacht brannten.

Von Zeit zu Zeit stand einer der beiden jungen Leute auf, küßte die weißen Haare seines Vaters und setzte sich weinend wieder nieder.

Beide waren traurig, und von Zeit und Zeit verriet ein Unglück verkündender und drohender Ausdruck, der auf ihre Stirn trat, die Gedanken, welche ihr Herz erfüllten.

Seitdem sie dasaßen, und es waren seitdem fünf bis sechs Stunden verflossen, hatten sie nur folgende Worte ausgewechselt:

– Weißt Du, wo unser Bruder Thomas ist? hatte Johann gefragt.

– Nein, hatte Ludwig geantwortet.

Und Beide waren wieder in jenes frühere Schweigen versunken, da« entsetzlich für jeden war, der diese sonst so lebhaften und gesprächigen Naturen kannte.

Plötzlich ging die Thür auf und Thomas erschien auf der Schwelle; die beiden Brüder hatten zu gleicher Zeit den Kopf erhoben, um ihn zu fragen, woher er käme; aber sie bemerkten auf seinem Gesichte einen so seltsamen Ausdruck, daß sie ihren älteren Bruder nicht zu befragen wagten und warteten.

Thomas legte seinen Mantel neben die Thür, schritt langsam auf die Leiche zu, und indem er sein Haupt entblößte, küßte er sie auf die Stirn; hierauf kehrte er zurück, um sich zwischen seinen beiden Brüdern niederzulassen, und indem er seinen Hut wieder auf seinen Kopf setzte und die Arme übereinanderschlug sagte er:

– Woran denkst Du, Johann?

– Ich denke daran, den Tod meines Vaters zu rächen, antwortete der junge Mann.

– Und Du, Ludwig?

– Ich auch, antwortete er.

– Nur, begann Johann wieder, wer kann der Mörder sein?

– Er hatte niemals Jemand Leid zugefügt, sagte Ludwig.

– Und dennoch ist sein Tod nur das Werk irgend einer Rache, fuhr Johann fort.

– Und woher weißt Du, daß er das Werk einer Rache ist? fragte Thomas.

– Ach! es ist wahr, sagte Ludwig, Du warst bereits fort, als man seine Kleider untersucht hat; man hat in seinen Taschen seine goldene Uhr, einen silbernen Becher, zwölf sechs Livres-Thaler mit dem Gepräge des Königs, einen Quadrupel von seinem Golde und fünf bis sechs Münzen von Barcelona gefunden.

– Du siehst wohl, Bruder, daß es eine Rache ist, sagte Johann.

– Der schändliche Mörder! rief Ludwig aus.

– O! ja, sehr schändlich, murmelte Johann.

– Aber ich habe einen Schwur gethan, sagte Ludwig.

– Und ich auch, erwiderte Johann.

– Welchen?

– Daß ich den Mörder ausfindig machen werde, müßte ich auch mein Leben damit zubringen, ihn aufzusuchen, und daß er durch die Hand des Henkers sterben soll.

– Schlag ein, Bruder, rief Ludwig aus, denn ich habe denselben Schwur gethan.

– Wohlan! wollt Ihr ihn kennen lernen? fragte Thomas, indem er auf die Schultern von jedem seiner Brüder die Hand legte.

–O! ja, riefen die beiden jungen Leute aus, indem, sie hastig aufstanden.

–Nun denn! es hängt nur von Euch ab, sagte Thomas.

– Du kennst ihn? riefen die beiden Brüder aus.

– Nein, aber ich weiß einen Mann, der ihn kennt.

– Wer ist dieser Mann? fragten Ludwig und Johann zu gleicher Zeit.

– Der Pfarrer Chambard, sagte Thomas.

– Der Pfarrer Chambard? erkläre Dich.

– Hört mich wohl an, sagte Thomas, und sammelt alle Eure Erinnerungen.

– Gestern Morgen ging der Herr Pfarrer heiter, ruhig und vergnügt nach Toulouse.

– Ja, sagte Johann, ich bin ihm begegnet, wie er in seinem Brevier las, und er hat sich unterbrochen, um mich zu fragen, ob das Tiktak der Mühle von Saint-Genice mich immer noch verhindere, zu schlafen.

– Ich verstehe, äußerte Ludwig, wegen der kleinen Margarethe.

– Ganz recht.

– Er sollte den ganzen Tag in Toulouse zubringen, begann Thomas wieder, da seine Haushälterin ihn erst um sechs Uhr Abends erwartete.

– Weiter.

– Um Mittag langte er bleich und verwirrt an, schloß sich ein, stöhnte, weinte und betete, um fünf Uhr fand man ihn auf dem Kirchhofe knieend, um sechs Uhr begegnete man ihm ohne Hut trotz bei Windes und des Regens; um sieben Uhr weigerte er sich, obgleich das eine verabredete Sache war, mit uns zu Nacht zu essen, um acht Uhr war ich genöthigt, ihn zu holen, und ich mußte ihn fast mit Gewalt mitnehmen; während des ganzen Abendessens war er traurig, zerstreut, tiefsinnig, endlich, als man um elf Uhr die Leiche unseres Vaters uns gebracht, als er wußte, daß die ganze Familie seiner Tröstungen bedurfte, fehlte er gegen alle seine Wichten, nicht allein als Freund, sondern auch als Priester, indem er sich entfernte, ohne irgend Jemand ein Wort zu sagen, ohne zu melden, daß er ginge, und seit dieser Zeit. . .

– Das ist wahr, sagte Johann, er ist nicht zurückgekehrt.

–Wäre er der Mitschuldige des Mörders? rief Ludwig aus.

–Nein, aber er kennt ihn.

– Du. glaubst es?

– Ich bin davon überzeugt.

– Nun denn, was können wir thun?

– Es gibt einen Mann, der den Mörder meines Vaters kennt, und Du fragst mich, was dabei zu thun ist, Johann? rief Thomas aus.

– Er muß den Namen des Schändlichen nennen, sagte Ludwig.

– So ist es recht, erwiderte Thomas, indem er ihm die Hand reichte, Du verstehst mich.

– Wohlan! laßt uns zu dem Pfarrer eilen, rief Johann aus.

– Still, sagte Thomas, wir werden nichts erlangen, wenn wir uns nicht dabei zu benehmen wissen.

– Nun denn! laß hören, Du bist der älteste, leite uns, Bruder!

– Laßt uns zuvörderst auf die Leiche unseres Vaters schwören, seinen Tod durch alle möglichen Mittel zu rächen.

Die drei Brüder näherten sich wie von einem Willen beseelt, und, indem sie ihre Hände vereinigten, die sie auf die Stirn des unglücklichen Greises legten, sprachen sie den schrecklichen Schwur aus, die Rache zu vollziehen, welche sie als eine heilige Pflicht ansahen.

– Jetzt, sagte Thomas, laßt uns die Nacht abwarten.

Wie um sich in dem gefaßten Entschlusse zu ermuthigen, blieben die drei jungen Leute in dem unteren Zimmer, in welchem die Leiche ihres Vaters ausgestellt war, indem sie sich das Mittagessen bei ihm auftragen ließen, als hierauf die Nacht hereingebrochen, gingen sie ihre Schwestern und ihre Tante zu umarmen, welche, ein wenig beruhigt, von Neuem in Thränen und Schluchzen ausbrachen, als sie sie erblickten.

Die Stirn der jungen Leute war traurig und ihr Auge finster, aber sie vergossen nicht eine Thräne, sie stießen nicht einen Seufzer aus.

– Mein armer Vater! mein armer Vater! riefen die beiden jungen Mädchen aus, und wir haben ihm nicht einmal Lebewohl sagen können.

– Und seinen Mörder nicht zu kennen! rief die Wittwe Mirailhe mit drohender Gebärde aus.

– Was das anbetrifft, so beruhigen Sie sich, meine Tante, sagte Thomas; wir sind auf der Spur, ihn auszuwittern, und wir werden ihn kennen lernen.

– Ich würde die Hälfte meines Vermögens darum geben, zu wissen, wer meinen armen Bruder umgebracht hat, sagte die Wittwe.

– Und ich die Hälfte meines Lebens, sagte jede der beiden Schwestern.

– Wohlan! rührt Euch nicht von hier, sagte Thomas; wenn Ihr Geräusch hört, so bekümmert Euch nicht darum, wir sind es, die es verursachen werden; wenn Ihr Geschrei hört, so sagt Euch, die drei Brüder sind am Werke. Betet für unsern Vater, aber rührt Euch nicht, und morgen, ich schwöre es Euch, morgen werden wir Alles wissen.

– O! mein Gott! riefen die jungen Mädchen aus, o! mein Gott! was wollt Ihr thun?

– Geht, sagte die Wittwe Mirailhe, es ist die Pflicht der Kinder, ihren Vater zu rächen, und die beiden jungen Mädchen umarmend, fügte sie hinzu: schließt uns ein, wenn Ihr an uns zweifelt.

Die beiden jungen Leute umarmten von Neuem ihre Schwestern und ihre Tante, verließen das Zimmer und verschlossen die Thür desselben.

III

Als er das Zimmer verließ, steckte Thomas den Schlüssel in seine Tasche.

– Jetzt, sagte er, geht zu dem Herrn Pfarrer und sagt ihm, daß die Töchter und die Schwester seines alten Freundes sich verwundern, ihn nicht zu sehen, und daß sie seines Trostes bedürften. Nur werdet Ihr ihn, statt ihn zu den Frauen zu führen, unten eintreten lassen, ich werde Euch dort erwarten.

Thomas kehrte in das Zimmer zurück, in welchem die Leiche ausgestellt war. Ludwig und Johann begaben sich nach dem Pfarrhaus.

Der Pfarrer war allein; die alte Marie war zum Besuch in der Nachbarschaft. Als er die beiden Brüder erblickte, erbebte er.

– Herr Pfarrer, sagten sie, wie Sie wissen, begräbt man unseren armen Vater erst morgen, wir haben beschlossen, mit einander bei ihm zu wachen, aber auf diese Weise bleiben die armen Frauen allein und ohne Trost, sie haben auf Sie gerechnet, Herr Pfarrer.

– Ich gehe hin, meine Kinder, ich gehe hin, sagte der Pfarrer, wie Espenlaub zitternd; aber er fühlte, daß er vor Allem seine Pflicht erfüllen müßte und daß er seinen Trost für diese arme Familie nur zu lange schon verzögert habe.

Nun beeilte er sich, ein Chorhemd anzulegen, um durch den Anblick dieses geistlichen Gewandes seinen Worten mehr Gewicht zu geben, nahm ein kleines Kruzifix und folgte seinen Führern.

Die Straßen des Dorfes waren bereits öde und Niemand begegnete ihnen.

Statt den Pfarrer zu den Frauen zu führen, ließen ihn die beiden Brüder, wie es verabredet war, in das untere Zimmer eintreten.

Als er die von den beiden Kerzen erleuchtete Leiche und Thomas an dem Kamine stehend erblickte, in welchem über einen starken Feuer in einem großen Kessel Oel lochte, wollte der Pfarrer einen Schritt zurückthun; aber Johann und Ludwig, welche ihm folgten, drängten ihn vorwärts und verschlossen die Thür hinter ihm.

Der Pfarrer richtete seine Blicke nach einander auf die drei Brüder, er sah sie alle drei bleich, aber entschlossen; er sah ein, daß sich irgend etwas Schreckliches zutragen würde. Er wollte sprechen, die Sprache erstarb auf seinen Lippen.

– Herr Pfarrer, sagte Thomas mit ergreifender Ruhe, Sie waren der Freund meines Vaters, Sie sind es, der ihm den Rath gegeben hat, nach Narbonne zu gehen; unser Vater ist also getödtet worden, weil er Ihren Rath befolgt hat.

– Großer Gott! meine Kinder, rief der Priester aus, wäre es möglich, daß Ihr mich verantwortlich machen wolltet!. . .

– Nein, Herr Pfarrer, nein. Wir vertreten hier die göttliche Gerechtigkeit, und seien Sie unbesorgt, wir werden gerecht sein wie Sie.

– Wohlan! was wollt Ihr dann von mir?

– Hören Sie! Sie wissen, welche Zärtlichkeit unser Vater für seine Kinder hegte, und Sie zweifeln nicht, daß jeder von uns sein Leben für seinen Vater hingegeben hätte.

– Ja, ja, Ihr seid gute Söhne, gottesfürchtige Kinder, ich weiß es.

– Nun denn! Herr Pfarrer, als gute Söhne, als gottesfürchtige Kinder, wie Sie uns nennen, haben wir alle Drei geschworen, den Urheber des Verbrechens zu entdecken, und da Sie ihn kennen, so haben wir Sie holen lassen, um ihn uns zu nennen.

– Ich! Euch den Mörder nennen? Aber ich kenne ihn ja nicht.

– Keine Lüge!

– Ich betheure Euch.

– Keinen Meineid!

– O! mein Gott, mein Gott! rief der Priester aus, was verlangt Ihr da von mir?

– Die Wahrheit, und, merken Sie es sich, wir sind entschlossen, sie kennen zu lernen.

– Aber was kann Euch vermuthen lassen?. . .

– Herr Pfarrer, Sie sind gestern in Toulouse gewesen? sagte Thomas.

– Ja.

– Sie sind bei dem Abbé Mariotte eingekehrt, der Sie gebeten hat, die Messe für ihn zu lesen?

– Nun denn!

– Sie haben diese Messe in der Metropolitankirche gelesen?

– Ohne Zweifel! und ich hatte das Recht dazu.

– Wir bestreiten Ihnen Ihre Rechte nicht; aber als Sie die Messe gelesen und wahrend Sie im Begriff standen, sich in der Sacristei auszukleiden, ist der Kirchendiener gekommen, um Ihnen zu melden, daß Sie ein Mann in dem Beichtstuhle erwartete.

– Großer Gott! rief der Pfarrer aus.

– Wie hieß dieser Mann? fragte Thomas.

– Und warum wollen Sie seinen Namen wissen? fragte der Priester.

– Weil dieser Mann der Mörder unsers Vaters ist, antwortete Thomas.

– Meine Kinder, meine Kinder! rief der Priester mit zunehmendem Entsetzen aus, wißt Ihr wohl, was Ihr da von mir verlangt?

– Ja, sagten die drei Brüder einstimmig.

– Aber das ist das Geheimniß der Beichte!

– Ja.

– Aber die Offenbarung der Beichte ist uns untersagt.

– Sie werden uns dennoch den Namen dieses Mannes nennen, Herr Pfarrer, Sie werden uns dennoch die Umstände des Mordes mittheilen, denn wer dieser Mörder auch sein möge, er muß durch die Hand des Henkers sterben.

Niemals, sagte der Pfarrer, niemals.

– Herr Pfarrer, sagte Thomas, müßten wir selbst Gewalt anwenden, wir wollen Alles wissen.

O! mein Gott, mein Gott! rief der Pfarrer aus, indem er das Kruzifix küßte, das er in der Hand hielt, verleihe mir den Muth, nicht nachzugeben.

– Herr Pfarrer, sagte Thomas, indem er die Hand nach dem Kamine ausstreckte, sehen Sie diesen Kessel siedendes Oel; wir können Ihre Füße hineinstellen.

– Zu Hilfe! rief der Pfarrer aus, zu Hilfe!

– Rufen Sie so lange, sie Sie wollen, sagte Thomas, dieses Zimmer ist abgelegen, es befindet sich zwischen jedem Fenster und jedem Laden eine Matratze, es wird Sie Niemand hören.

– Mein Gott! da ich nur noch Dich habe, sagte der Priester, so komme mir zu Hilfe, mein Gott!

– Gott kann nichts Böses darin finden, daß Kinder ihren Vater rächen, sagte Thomas; sprechen Sie!

Macht mit mir, was Ihr wollt, sagte der Priester, ich werde nicht sprechen.

Thomas gab Johann und Ludwig einen Wink, welche den Kessel von dem Feuer nahmen und ihn zwischen den Kamin und die Leiche stellten. Zu gleicher Zeit ergriff Thomas, wie als ob er gefühlt hätte, daß er und seine Brüder Kraft für den Auftritt nöthig haben würden, der sich zutragen sollte, das Tuch, welches seinen Vater bedeckte, warf er von dem Bette und die Leiche blieb nackt und entblößt, indem sie durch die violetten Lefzen ihrer elf Wunden Rache verlangte.

– Ueberlegen Sie, sagte Thomas, der Tod ist langsam; wie Sie sehen, hat es elf Messerstiche bedurft, um die Seele diesem armen Körper zu entreißen, und dennoch hatte der Mörder Eile, während wir Zeit habend

– Mein Gott, mein Gott, wiederholte der Priester immer noch auf den Knieen, verleiht mir die Kraft, das Märtyrerthum zu ertragen.

Aber das Gebet war vergebens, die jungen Leute kannten den schwachen und furchtsamen Charakter des Abbés; sie wußten im Voraus, daß er nicht Kraft haben würde, die Marter zu ertragen, oder vielleicht hofften sie es nur.

– Sie wollen uns den Namen des Mörders nicht nennen? sagte Thomas.

Der Priester antwortete nicht, nur drückte er das Kruzifix fester an seine Lippen und fuhr fort zu beten.

– Nun denn, Brüder, sagte Thomas, im Namen unseres Vaters, thut, wie zwischen uns verabredet worden ist.

Die leiden jungen Leute ergriffen den Priester und, hoben ihn in ihren Armen empor. Er stieß einen schrecklichen Schrei aus.

– Gnade. Sagte er, ich will Alles gestehen.

– Den Namen, den Namen, den Namen,sagte Thomas, vor allen Dingen den Namen.

– Cantagrel, flüsterte der Priester.

– Es ist gut, sagte Thomas, ich dachte es mir, aber ich wollte keinen Unschuldigen anklagen. Stellt den Herrn Pfarrer auf den Boden.

Die beiden Brüder stellten den Priester wieder auf seine Füße, aber er vermochte sich nicht aufrecht zu erhalten, und sank in sich zusammen, als ob seine Beine gebrochen wären.

– Jetzt die näheren Umstände, sagte Thomas, er darf nicht leugnen können.

– Nun denn! Fügte der Priester, welcher, da er den Namen genannt, keinen Grund mehr hatte das Uebrige zu verhehlen, nun denn! Der Mörder war durch Eure Tante Mirailhe von der Reise Eures Vaters nach Narbonne benachrichtigt worden; er hat den Zweck dieser Reise geahnet, und hat Eurem Vater an der Furth des Lers aufgepaßt.

– Weiter? Sagte Thomas.

– Dort hat er Euren Vater in dem Augenblick wo er das Ufer hinabritt, überfallen. Und ihn mit einem Messerstiche vom Pferde geworfen, aber Saturnin Siadoux war von diesem Stiche nur leicht verwundet.

– Armer Vater! Murmelte Ludwig und Johann.

– Fahren Sie fort, sagte Thomas.

– Er hat sich wieder erhoben, und nun hat ihm Cantagrel einen zweiten Stich versetzt. . .

– Der Elende! riefen die beiden Brüder aus.

– Fahren Sie fort, sagte Thomas.

– Aber, da Saturnin ihn gleichfalls bei dem Kragen gepackt, sind sie beide auf das Ufer gefallen, und der Fleischer hat ihm in dem Kampfe noch neun andere Stiche versetzt.

– Da sind sie! sagten die jungen Leute, aber sei ruhig, Vater, Du wirst gerächt werden.

– Fahren Sie fort, begann Thomas wieder.

– Als er sich nun versichert, daß Saturnin Siadoux wirklich todt wäre, hat er ihn nach dem Flusse geschleppt, um ihn in las Wasser zu werfen. In diesem Augenblicke kamen Maulthiertreiber vorüber, und es blieb ihm nur die Zeit sich und die Leiche hinter einem Schiffe zu verbergen, das man auf das Ufer gezogen halte. Die Maulthiertreiber haben ihn nicht gesehen, und sind an der Furth über den Fluß gegangen; als sie aber vorüber waren, hat Cantagrel den Kopf verloren, er hat die Leiche gelassen, wo sie war, und hat sich auf das Pferd geschwungen, ist nun auch durch die Furth gegangen, hat sein Thier angespornt, so lange es sich auf feinen Beinen halten konnte, als er sodann gefühlt, daß es fallen würde, hat er es in ein kleines Gehölz gezogen, wo er es gelassen, und ist dann zu Fuß nach Toulouse zurückgekehrt. Als aber die Rache gestillt, hat der Schuldige seinen Gewissensbissen nicht widerstehen können, er ist nach der Kirche geilt, hat einen Beichtvater verlangt, das Verhängniß hat gewollt, daß ich mich dort befand.

– Haben Sie ihn absolviert? Riefen die beiden jungen Leute mit drohender Gebärde aus.

– Nein, meine Kinder, sagte der Priester mit fast erloschener Stimme; aber Gott ist ein gnädiger Richter, möge er ihm das Verbrechen verzeihen, das er begangen hat; Euch das Verbrechen, das Ihr mich begehen laßt.

Bei diesen Worten verlor der Abbé Chambard das Bewußtsein, und als er wieder zur Besinnung kam, befand er sich in dem Pfarrhause bei seiner alten Haushälterin, welche ihn in das Leben zurückrufen versuchte.

Allein geblieben blickten sich die drei jungen Leute mit einem schrecklichen Lächeln an; sie wußten Alles. Was sie wissen wollten.

– Und nun, Thomas, was haben wir zu thun?

– Hier bleiben, während ich zu den Frauen gehe.

Einen Augenblick nachher kam er wieder mit einem Billete in der Hand und von seiner Tante und von seinen beiden Schwestern begleitet herab.

– Jetzt, sagte er zu den Frauen, ist es an Euch zu wachen und an uns zu handeln.

Und indem er seinen beiden Brüdern einen Wink gab ihm zu folgen, verließ er mit ihnen das Haus.

– Bruder, sagte Johann, als sie auf der Straße waren und als sie sahen, daß Thomas den Weg nach Toulouse einschlug, nehmen wir etwa keine Waffen?

– Hüten wir uns wohl davor, sagte Thomas.

– Und warum das? fragte Ludwig.

– Weil wir ihn mit Waffen tödten könnten, und er durch die Hand des Henkers sterben muß; nur Stricke.

– Das ist richtig, sagten die beiden Brüder.

Und sie klopften an die Thür eines Seilers und kauften neue Stricke.

Hierauf schlugen sie den Weg nach Toulouse wieder ein, wo sie um zehn Uhr anlangten, sie betraten die Stadt ohne erkannt zu werden, erreichten den Platz Saint-Georges und traten mit Hilfe des Schlüssels, den die Wittwe Mirailhe Thomas geliehen hatte, in die Hausflur, ohne die Magd zu wecken; da sie das Innere des Hauses genau kannten, so gingen sie nun in das Zimmer ihrer Tante hinauf.

Man betrat dieses Zimmer durch drei Teuren, sie untersuchten sorgfältig alle Einrichtungen desselben, und warteten dann schweigend den Tag ab.

Bei den ersten Strahlen des anbrechenden Morgens, stellte Thomas jeden seiner Brüder hinter eine Thür, und ging in die Dachkammer der Magd hinauf; er fand sie, wie sie sich eben vollends ankleidete.

– Katharine, sagte er zu der guten Frau, welche ihn mit ganz erstaunter Miene anblickte, meine Tante Mirailhe und ich sind heute Nacht angekommen, aber wir haben Dich nicht wecken wollen.

– Jesus mein Gott! Herr Thomas, sagte die Magd, ist das wahr, was man sagt?

– Und was sagt man, Katharine?

– Daß Herr Saturnin Siadoux, Ihr Vater, an den Ufern des Lers von Räubern ermordet worden sei.

– Und kennt man den Mörder?

– Man glaubt, daß es ein Maultiertreiber sei, der den Weg nach den Pyrenäen wieder eingeschlagen hat.

–O! mein Gott! mein Gott! rief die alte Frau aus, welches Unglück!

– Jetzt, Katharine, sagte Thomas, meint meine Tante mit Recht, daß sie sich unter solchen Umständen an ihre Freunde wenden muß. Da nun aber Cantagrel einer ihrer besten Freunde ist, so bittet sie ihn auf der Stelle und ohne Verzug zu ihr zu kommen, die arme Frau hat eine so heftige Erschütterung erlitten, daß sie krank davon geworden ist. Was mich anbetrifft, so kehre ich auf der Stelle nach Croix-Daurade zurück, wo meine Familie mich erwartet, lebt daher wohl, Katharine, denn Du wirst mich hier nicht wiederfinden. Da! hier ist der Brief meiner Tante.

Die alte Magd kleidete sich vollends an und eilte zu Cantagrel; Thomas aber kehrte in das Zimmer seiner Tante zurück. Eine Viertelstunde nachher hörte man Schritte auf der Treppe, diese Schritte näherten sich schwerfällig der Thür, und auf das Wort »Herein« ging die Thür auf: es war der Fleischer.

– Hierher, sagte eine geschwächte Stimme, welche aus dem gänzlich mit seinen Vorhängen umgebenen Bette drang.

Cantagrel näherte sich ohne Mißtrauen, aber in dem Augenblicke, wo er die Hand an die Vorhänge legte, um sie zurückzuschieben, Umschlangen ihn zwei kräftige Arme, und eine Stimme, die man unmöglich für die Stimme eines Mannes halten konnte, rief:

– Zu Hilfe, Brüder!

Die beiden jungen Leute traten sogleich aus ihrem Versteck hervor, und fielen über Cantagrel her.

Es war Zeit. Mit der ersten Anstrengung des Fleischers war Thomas auf das Bett zurückgeworfen worden, und wenn er allein gewesen wäre, so hätte sich der Fleischer seiner in einem Nu entledigt.

Aber alle drei klammerten sich mit einer um so schrecklicheren Wuth an den Koloß, als nicht einer ein Wort aussprach. Cantagrel seiner Seits, welcher die Ursache des Kampfes errieth und der fühlte, daß es sich für ihn um Leben und Tod handeln würde, entfaltete jene titanischen Kräfte, mit denen die Natur ihn begabt hatte.

Der Kampf war schrecklich. Während einer Viertelstunde rollten diese vier Männer wie eine gestaltlose und bewegliche Masse, standen wieder auf, fielen wieder zu Boden, um sich von Neuem wieder zu erheben und um nochmals zurückzufallen. Endlich wurden diese Bewegungen langsamer, mühseliger, mehr ruckweise, die Gruppe blieb einen Augenblick lang auf der Stelle. Dann standen die drei jungen Leute wieder auf, schüttelten den Kopf, und indem sie einen Schrei des Triumphes ausstießen, lag der Fleischer mit den Strickes, die sie m Croix-Daurade gekauft hatten, gebunden und geknebelt zu ihren Füßen ausgestreckt.

Nun blieb Thomas allein bei Cantagrel; Ludwig und Johann verschwanden, und kehrten einen Augenblick nachher mit einer Tragbahre zurück. Die drei jungen Leute legten den Fleischer auf diese Tragbahre, und banden ihn mit Stricken darauf, dann trugen sie ihn hinab.

Es war ein Markttag; man wird errathen, welche Wirkung ihr seltsames Erscheinen auf der Straße hervorbrachte.

Ludwig und Johann trugen die Tragbahre. Thomas ging zur Seite, sein Gesicht war blutig und seine Kleider zerrissen. Cantagrel hatte sich wie ein Löwe vertheidigt.

Unter andern Umständen hatte man die drei jungen Leute vielleicht befragt, aber das ihrem Vater zugestoßene Ereigniß war bereits bekannt, und man ließ sie mit der Ehrerbietung vorüber, welche das Volk gewöhnlich für große Unglücksfälle an den Tag legt; außerdem war Cantagrel, den jeder gekannt hatte, geknebelt, und rief demnach nicht um Hilfe.

Auch war es ja augenscheinlich, daß sich die drei jungen Leute zu dem Criminalrichter begaben. Es war daher eine Angelegenheit zwischen der Justiz und ihnen. Man begnügte sich, ihnen zu folgen.

Der Criminalrichter sah den seltsamen Zug von weitem kommen, und da er gleichfalls ahnte, daß zu sich zu thun begäbe, so ließ er die Thüren öffnen.

Die drei Brüder traten ein, indem ihnen so viel Volk folgte, als der Saal fassen konnte, in welchem der Justizbeamte die Lösung des Räthsels erwartete.

Thomas gab einen Wink, und seine beiden Brüder stellten die Bahre zu seinen Füßen.

– Wer ist dieser Mann? fragte der Criminalrichter.

– Es ist der Fleischer Stephan Cantagrel, der Mörder Saturnin Siadoux, unseres Vaters.

Aber was man voraus wissen konnte, geschah; überzeugt, daß ihn Niemand bei der That selbst gesehen, gewiß, sein Verbrechen nur einem Priester anvertraut zu haben, leugnete Cantagrel Alles.

Vor das Gericht berufen, waren die drei jungen Leute gezwungen zu erklären, von wem sie die Geständnisse hatten, und auf welche Weise diese Geständnisse gemacht worden waren; die Ueberzeugung, welche sie hatten, daß sie als gottesfürchtige Söhne gehandelt, indem sie den Tod ihres Vaters zu rächen suchten., machte übrigens, daß sie Alles erzählten, indem sie sich aus ihrer strafbaren Handlung fast einen Ruhm machten, aber die Gerechtigkeit erklärte, daß sie die Gotteslästerung nicht benutzen könnte, welche sie im Interesse der Religion bestrafen müßte.

Das Parlament verhandelte den Proceß und verordnete die Einkerkerung nicht allein des Mörders, sondern auch noch der Ankläger, der Söhne des Opfers, und des Priesters, welcher des Einschüchterung nachgegeben

Inzwischen befand sich die Untersuchung, indem sie die Zeugen sammelte, außer den Geständnissen des Pfarrers Chambard hinlänglich aufgeklärt. So finster die Nacht auch sein möge, in welcher man das Verbrechen begeht, so öde der Ort auch sein möge, an welchem man es begeht, es gibt immer ein Auge, das den Mord gesehen hat.

Maulthiertreiber erkannten Cantagrel, den sie das Ufer hatten hinabgehen sehen, Fischer erkannten ihn, und hatten ihn durch den Fluß gehen sehen; Landleute endlich sagten aus, daß sie ihn hatten vorüberkommen sehen, indem er ein Pferd im Galopp antrieb, das mit jedem Augenblicke bereit schien, unter ihm zusammen zu brechen. Die Anklagepunkte waren beweisend, und der Fleischer wurde zum Tode durch das Rad verurtheilt.

Der Pfarrer von Croix-Daurade wurde, weil er das offenbart, was ihm vor dem Richterstuhle der Buße in der Ausübung seines geheiligten Amtes anvertraut gewesen war, verurtheilt, lebendig verbrannt zu werden, nachdem ihm seine Glieder gebrochen wären.

Die drei Söhne Siadoux wurden dafür, daß sie durch Drohungen und durch Gewaltthätigkeiten einem Priester das Geheimniß der Beichte entrissen halten, verurtheilt gehangen zu werden.

Dieses schreckliche Urtheil wurde theilweise ausgeführt. Der Fleischer wurde gerädert, indem dem Scharfrichter anempfohlen wurde, dem Verurteilten keinen Umstand dieser gräßlichen Marter zu erlassen.

Alles, was die dringendsten Bitten zu Gunsten des Priesters erlangen konnten, war, daß der Scharfrichter ihm den Gnadenstoß geben sollte, bevor er seinen Körper in das Feuer würfe.

Was die drei Brüder anbelangt, welche die kindliche Liebe allein strafbar gemacht hatte, so flößten sie in Toulouse eine solche Theilnahme ein, daß man ihnen die Mittel erleichterte, aus ihrem Gefängnisse zu entfliehen; sie erreichten das Thal Audoire ohne verfolgt worden zu sein, und zwanzig Tage später erlaubte ihnen der König nach Frankreich zurückzukehren.

Indem er auf dem Schafott starb, sah der in den Tod ergebene Abbé Chambard ein, daß er aus den Händen der Söhne Saturnin Siadoux das Märtyrerthum annehmen müßte.

Die katholische Kirche der ersten Zeitalter hatte Recht: es gibt keine Tugend, als durch den Kampf, es gibt keine verständige Güte, als mit der Macht des Bösen. In der Ausübung des Priesterthums müssen die physischen Anlagen den moralischen Anlagen zu Hilfe kommen, der gesunde Verstand einem gesunden Körper!

E N D E

Don Martin von Freytas

I

Aber, mein Vater, sagte Mercedes lächelnd, woher kommt denn diese große und seltsame Liebe für den König Sancho II.?

Der, an den das junge Mädchen diese Frage richtete, war ein Greis von ungefähr sechzig Jahren, mit einem Panzerhemde angethan, das mit eben so viel Sorgfalt angelegt war, als ob er sich in seinem Lager vor den Mauren von Ourique oder von Cordoba, und nicht in seinem guten Schlosse la Horta, von seiner getreuen Besatzung umringt, in vollem Frieden befunden hätte. Der Helm allein fehlte seiner vollständigen Feldherrnrüstung, und dieser war noch einige Schritte weit von ihm auf eine Truhe gestellt, neben welcher ein Knappe bereit stand, den Befehlen seines Herrn zu gehorchen. Man konnte daher sein ehrwürdiges Gesicht sehen, auf welchem, wie auf dem des Löwen, eine seltsame Mischung von Kraft und von Ruhe sich vereinte. Dieses Gesicht war von langen Haaren umgeben, welche bei Weitem mehr durch Beschwerden, als durch das Alter gebleicht waren, und trug eine oder zwei Narben, welche bewiesen, daß die Hiebe von vorn die willkommenen wären. Der Greis saß an einem Tische, den Ellbogen neben einen silbernen Humpen voll gewürzten Weines gestützt, aus dem er von Zeit zu Zeit einen tüchtigen Zug that, zwischen seinen Beinen befand sich halb liegend ein großer afrikanischer Windhund, welcher, obgleich der Hintere Theil seines Körpers gänzlich auf dem Boden ruhte, wenn er sich auf seine Vorderpfoten aufrichtete, seinen langen Schlangenhals auf den Schenkel seines Herrn gelegt hatte, wo er, obgleich er immer zu schlafen schien, bei jeder Bewegung die dieser machte, oder bei jedem Worte, das aus dessen Munde kam, sein kluges und sanftes Auge aufschlug. Der übrige Theil der Wohnung, deren Bauart dem zehnten, und deren Ausstattung dem zwölften Jahrhunderte angehörte, war von einem jungen Edelknappen von neunzehn Jahren eingenommen, der ehrerbietig an das Kamin gelehnt stand, von zwei Pagen, welche in einer Ecke lachten, und dabei einer alten Magd allerlei Possen spielten, die bei ihrem Spinnrocken eingeschlafen war, von einem Greise, ungefähr in demselben Alter als der, welcher der Herr vom Hause zu sein schien, und der auf der andern Seite des Tisches, aber ein wenig zurücksaß, uns seine Untergebenheit anzudeuten, und endlich von dem jungen Mädchen mit schwarzen Haaren, mit rothen Lippen und weißen Zähnen, welche die, zu jener Zelt, wo ganz Portugal gegen König Sancho Murrte, sehr natürliche Frage gestellt hatte.

– Aber, mein Vater, woher kommt denn, diese große und seltsame Liebe für den König Sancho II.

Der Greis blickte seinen Gefährten mit weißen Haaren an, wie um ihm zu sagen: »Sie fragt noch!« Und sich hierauf nach seiner Tochter umwendend, sagte er:

– Weil ich ihn weit kleiner und weit schwächer gesehen habe, als ich Dich selbst gesehen, Dich, die Du meine eigene Tochter bist; weil ich anwesend war, als die Königin Donna Sancha, deren Seele Gott in Schutz nehme, in Sicilien von ihm entbunden wurde, wo wir angehalten hatten, um ihr Ruhe zu gönnen, und weil ich ihn allein arm und nackend, wie die Schrift sagt, aus dem Bette seiner Mutter kommen sah, während ich mich dagegen in Palästina befand, als Du, mein Kind, das Licht der Welt erblicktest; so daß Du bereits drei Jahre alt warst, als ich zurückkehrte, und Du fast eben so groß und besonders so vernünftig warst, als Du es heute bist.

– Führte man ihn etwa auch als Kind nach Palästina? fragte der junge Knappe.

Nein, antwortete der alte Ritter, ich führte ihn nach Portugal zurück. Und wenn Ihr wissen wollt, woher mir diese ungewöhnliche Liebe für ihn gekommen ist, so hört: es ist das große Vertrauen und die große Ehre, welches mir des König, sein Vater, erzeigt hatte; denn an dem Vorabende des Tages, wo wir uns Alle einschiffen sollten, in dem Augenblicke, wo ich die Messe gehört hatte, ließ er mich in sein eigenes Zimmer kommen, in welchem er von seinem Hofe umgeben neben der Frau Königin saß, die auf einem Sessel ausgestreckt, die Füße auf einem Stuhle, noch bleich und leidend von ihrer Entbindung war, denn es war erst fünf und zwanzig Tage her, daß sie entbunden worden, und er sagte zu mir:

»—Herr Don Martin von Freytas, wenn es einen Mann auf der Welt gibt, gegen den wie, die Königin und ich, verpflichtet sind, so seid Ihr es.« Ich wollte antworten, aber er fuhr fort: »Ihr seid es zuverlässig, denn Ihr wart mit mir bei der Schlacht von Alcazar-do-Sal, wo wir den maurischen König Jaen schlugen, und wo Ihr Euch zwischen mich und einen Sarazenen warft, der im Begriffe stand, mich zu tödten, so daß Ihr auf Euren Helm, und selbst auf Euer Gesicht den Hieb empfinget, der mir bestimmt war, und später, als von dem Banne des Papstes in Rom getroffen, alle Welt mich verließ, seid Ihr mir treu geblieben; dann endlich, beider ersten Nachricht, die ich Euch von meiner Absicht, nach Palästina zu ziehen, zukommen ließ, seid Ihr aus Romanien zurückgekehrt um in Catania zu mir zu stoßen, wo Ihr mir fünf und zwanzig auf Eure Kosten erhaltene und gekleidete Knappen zuführen, obgleich Ihr nur nur den Dienst Eurer Person schuldig waret. Nun denn! fuhr er fort, obgleich die Dienste, welche Ihr uns erwiesen habt, so groß und so zahlreich sind, daß wir nicht wissen, wie wir Euch jemals dafür belohnen sollen, so wird sich doch der Dienst, um den wir Euch heute zu bitten genöthigt sind, weit über alle die vergangenen Dienste erheben, und ich freue mich, dies in Gegenwart aller dieser Ritter und Herren zu sagen, welche uns hören.

»Ich ging zu dem Herrn König, ließ mich auf ein Knie nieder, und nachdem ich ihm für das Gute gedankt, was er von mir gesagt hatte, sprach ich zu ihm: – Herr, befehlt, was ich thun soll, und so lange meine Seele meinen Leib bewohnt, werde ich Nichts gegen das fehlen, was Ihr mir geboten habt.

– Ich erwartete das von Euch; antwortete er mir, und das, was wir wünschen, werden die Königin und ich Euch sagen. Es ist wohl wahr, daß es uns sehr nöthig wäre, Ihr ginget mit uns auf diese heilige Reise, welche wir unternommen haben, und daß wir Eurer sehr bedürften, aber der Dienst, den wir von Euch verlangen, liegt uns so sehr am Heizen, daß jeder andere diesem nachstehen muß. Ihr wißt, da Ihr bei seiner Geburt gegenwärtig wart, daß Gott uns wahrhaft unsern Sohn Don Sancho von unserer Gemahlin geschenkt hat. Wir bitten Euch daher, ihn von uns zu empfangen, ihn der Königin, unserer Mutter, zu überbringen und ihren Händen zu übergeben. Ihr werdet Schiffe miethen und Galeeren ausrüsten, oder jedes andere Fahrzeug, welches Ihr für hinreichend. sicher haltet; wir werden Euch ein Schreiben für unsern Schatzmeister geben, damit er Euch alles Geld vorschießt, dessen Ihr bedürft, und an alles das glaubt, was Ihr ihm in unseren Namen sagen werdet. Wir werden gleichfalls an unsere Mutter und an den.Herrn König von Majorca schreiben, der unser Verbündeter ist, und ich werde Euch eine allgemeine Vollmacht für alle Theile der Welt geben, wohin Euch der Wind von Westen nach Osten, von Süden nach Norden verschlagen könnte. Alles was Ihr in unserem Namen Reiter, Leuten zu Fuß oder jedem anderen versprechen, thun, sagen werdet, werden wir als gültig versprechen, gutgetan und gut gesagt halten und es bestätigen. Wir werden Euch nichts widersprechen, und als Bürgschaft dafür werden wir alle Länder, Schlösser und andere Orte stellen, welche wir besitzen und mit der Hilfe Gottes zu besitzen hoffen. Ihr werdet daher mit unserer vollständigen und gänzlichen Gewalt aufbrechen, und wenn Ihr unseren Sohn der Frau Königin, unserer Mutter, übergeben habt, so werdet Ihr nach Haus gehen und Eure Angelegenheiten prüfen und ordnen, welche durch Euren Feldzug nach Romanien sehr in Unordnung gerathen sein müssen. Wenn Ihr dann Alles beendigt habt, so werdet Ihr mit allen Truppen zu Pferde und zu Fuß, die Ihr zu sammeln vermöget, zu uns zurückkehren, als unser Verbündeter, der König von Majorca wird Euch alles das Geld auszahlen, das Ihr von ihm verlangen werdet, um die Truppen zu bezahlen, welche Euch folgen werden. Das ist es, was wir wünschen, das Ihr für uns thut.

Und ich, fuhr der Ritter nach kurzer Pause fort, ich war sehr erstaunt über die große Last, welche er auf meine Schultern legte, das heißt, den Herrn Infanten, seinen Sohn, der, so klein er auch sein mochte, bereits der Erbe eines Königreiches war. Ich bat den Herrn Don Alphons und die Königin inständigst, mir einen Gefährten zu geben, der zum Mindestens meine Verantwortlichkeit theilte. Der König antwortete mir, daß er mir durchaus keinen Gefährten geben würde, sondern daß ich mich bereit halten möchte, ihn wie meinen Herrn und wie meinen eigenen Sohn zu bewachen, und er fügte hinzu: – Und jetzt, Don Martin von Freytas, da wir nicht wissen, was Gott über uns verhängen kann, so schwört mir, daß Ihr in meiner Abwesenheit oder nach meinem Tode den Infanten Don Sancho als Euren alleinigen König betrachten, und Niemand anders als ihm und in seine eigenen Hände die Schlüssel der Städte, der Festungen oder Schlösser übergeben werdet, die Euch etwa anvertraut wären, kurz, daß Ihr bis zu seinen, Tode oder dem Eurigen, ihm ein getreuer und biederer Diener bleiben werdet, wie Ihr es mir gewesen seid, es sei denn, daß er oder ich Euch von Eurem Schwure entbinden würden.«

»Nun warf ich mich von Neuem auf die Kniee, küßte ihm die Hand, sprach auf dieses Schwert den Schwur aus, den er verlangte, und machte das Zeichen des Kreuzes, damit dieser Schwur von dem Himmel angenommen würde.

»Und sogleich befahl der König Don Luiz de la Trueba, der seinen Sohn auf dem Schlosse von Catania bewachte, ihn mir und keinem andern jedes Mal und so oft zu überliefern, als ich es für angemessen halten sollte, ihn zu fordern. Der Ritter leistete mir Eid und Huldigung, und von dieser Stunde an war der Infant Don Sancho in meiner Gewalt; und an diesem Tage war er seit fünf und zwanzig Tagen geboren, und nicht mehr.

»Und als dieses beendigt, schiffte sich der Herr König am selben Tage ein, und ließ mich sehr stolz und sehr verlegen über den Auftrag, den er mir gegeben hatte.«

Don Martin von Freytas war so weit mit feiner Erzählung, als man den Klang eines Hornes hörte, das ihn dem Thore von Douro, an dem Fuße der Mauern des Schlosses la Horta erschallte. Don Martin wandte sich sogleich nach den Knappen um, der seinen Helm bewachte, befahl ihn zu fragen, was derjenige wollte, der zu einer solchen Stunde in das Horn blies, und setzte seine Erzählung fort.

»Ich verlor keine Zeit, um meinen Auftrag auszuführen, ich miethete ein Schiff von Varacas, das sich in dem Hafen von Palermo befand, und welches dem Herrn Don Juan von Carrathal angehörte, der so gütig war, es mir abzutreten. Als dieser erste Punkt abgemacht war, suchte ich den edlen Don Berengar de la Sarria auf, der eine sehr edle Dame zur Gattin hatte, die Frau Agnes von Adri hieß, und die zwei und zwanzig Kinder hatte. Ich bat genannten Herrn Don Berengar, der einer meiner Freunde war, mir seine Frau zu leihen, um den Herrn Infanten Don Sancho ihrer Pflege anzuvertrauen. Er war so gütig, mir meine Bitte zu bewilligen, worüber ich sehr zufrieden war, zuvörderst, weil Frau Agnes sehr gut, sehr fromm, von sehr edler Herkunft war und sich herrlich auf Kinder verstehen zu müssen schien, da sie, wie ich bemerkt, deren eine so schöne Anzahl gehabt hatte. Nun wählte ich sechs andere Damen, von denen jede noch ein Kind an der Brust hatte, damit, wenn einer die Milch ausgehen sollte, die andern sie ersetzen könnten, und ich nahm sie mit ihren Kindern, damit ihre Milch nicht verdorben würde. Da nun der Herr Infant Don Sancho bereits eine Amme hatte, die von Cardana war, und die ihn herrlich verpflegte, so verschaffte ich mir noch zwei andere für einen etwaigen Unglücksfall, und außerdem schiffte ich noch eine Ziege ein. Als endlich alle diese Maßregeln getroffen, dachte ich an meine eigene Ueberfahrt, rüstete mein Schiff gut aus, indem ich es mit alle dem versah, was zu unserer Nahrung und zu unserer Vertheidigung nöthig war. Ich bemannte es mit hundert und zwanzig Kriegern, von denen jeder in Bezug auf Muth und Adel soviel als drei gewöhnliche Männer werth war. Ich ließ meine ganze Mannschaft sich auf dem Verdecke aufstellen, und forderte Don Luiz de la Trueba auf, mir den Herrn Infanten an dem Thore von Catania zu übergeben, wo ich ihn erwartete.

»Nach Verlauf einer Stunde sah ich ihn erscheinen, von alle dem begleitet, was er an portugisischen, catalonischen und lateinischen Rittern, angesehenen Bürgern oder Herrn von Adel hatte versammeln können; als er sich mir gegenüber befand, wandte er sich nach ihnen um, und indem er ihnen den Herrn Infanten zeigt, den er in seinen Armen trug, sagte er zu ihnen: »– Meine Herren, erkennt Ihr, daß dieses Kind der Infant Don Sancho, der Sohn des Königs Alphons II. von Portugal und der Donna Sancha, seiner Gemahlin ist?«

»Und alle antworteten:

»– Ja, zuverlässig! Denn wir haben seiner Taufe beigewohnt, haben ihn dann seit dieser Zeit fast täglich gesehen und gekannt, und wir erklären als etwas Zuverlässiges, daß dieses Kind wirklich der Infant Don Sancho ist.«

»Nun reichte er mir den Herrn Infanten; ober ich wollte ihn nicht nehmen, bis man ihn in Gegenwart Aller entkleidet hatte, um mich zu versichern, daß man ihn mir gesund an Körper und in gutem Stande übergebe, wovon ich mich, wie Jedermann überzeugen konnte. Da aber der Herr Infant während dieser Verrichtung drei bis vier Mal gehustet hatte, so trug ich Sorge, auf meinem Empfangsscheine zu bemerken, daß man ihn mir mit einem Husten behaftet übergeben hätte, hierauf drückte ich mein Siegel neben meine Unterschrift, und gab diese Entlastungsurkunde Don Luiz de la Trueba. Als Alles dieses beendigt, nahm ich nun auch den Herrn Infanten in meine Arme, und trug ihn von mehr als sechs Tausend Personen gefolgt, welche mich bis in den Hafen begleiteten, aus der Stadt, legte ihn auf dem Schiffe in die Arme seiner Amme, welche die sechs Damen nicht aus den Augen. verlieren sollten, über welche Frau Agnes die Aufsicht hatte. Und alle machten das Zeichen des Kreuzes über ihn und segneten ihn.

»In diesem Augenblicke kam, ein Bote des Königs von Sicilien an Bord, welcher im Auftrage seines Herrn zwei Kleider von Goldtuch für den Henri Infanten überbrachte. Dann gingen wir ohne Verzug unter Segel. Das war am ersten des Monats April, im Jahre der Gnade 1218.

»In Tropani angelangt, empfing ich Briefe, in welchen man mir sagte, ich solle mich wohl vor vier bewaffneten Galeeren in Acht nehmen, auf denen afrikanische Sarazenen in diesem Meer, kreuzten, und die portugiesischen, genuesischen und catalonischen Schiffe belauerten, welche in großer Anzahl zwischen Sardinien und Sicilien segelten. Ich ließ dem zu Folge mein Schiff verstärken, versah es mit der besten Ausrüstung und der größten Anzahl von Mannschaft, die nur möglich war, und stach wieder vertrauensvoll auf die Weisheit Gottes, der über die Könige wacht, in See, so daß wir ohne Gefahr und bei dem schönsten Wetter von der Welt nach der Insel Saint Pierre gelangten.

»Während dieser ersten Ueberfahrt gestattete der Herr, daß weder der Herr Infant noch irgend Jemand von seinem Gefolge unwohl war.

»Wir blieben sieben und zwanzig Tage auf der Insel; als sich dann vier und zwanzig genuesische und catalonische Schiffe uns angeschlossen hatten, welche dieselbe Reise machten, als wir, segelten wir an einem heiligen Sonntage mit einander ab, nachdem wir frommer Weise die Messe auf dem Lande gehört hatten.

»Nach den drei ersten Tagen der Verfahrt wurden wir von einem schrecklichen Sturme überfallen. Meine erste Sorge war, auf das Verdeck zu gehen und alle nöthigen Befehle zu ertheilen. Ich erinnerte den Steuermann, daß er außer uns, die wir nur demüthige Sünder wären, ein königliches und kostbares Pfand am Bord hätte. Der Steuermann antwortete, daß er all sein Möglichstes thun würde, um den Herrn Infanten, dann uns und endlich sich selbst zu retten. Nun ging ich wieder in die Kajüte der Frauen hinab, um zu sehen, wie Alles sich zutrüge.

»Alles ging hin auf das Schlimmste, die einen hatten die Seekrankheit, und lagen wie Leichen zu Bett, die andern halten vor Entsetzen den Kopf verloren, und schrien, daß ihre Milch gerinnen würde. Unter all diesem Lärme suchte ich die Amme, sie saß an eine Wand gelehnt, mit herabhängenden Armen, starren Augen, und hatte den Herrn Infanten von ihrem Schooße auf den Boden gleiten lassen, wo er für sich allein ein weit lauteres Geschrei ausstieß, als alle Frauen mit einander.

»Ich nahm ihn ehrerbietig in meine Arme und suchte irgend Jemand, dem ich ihn übergeben, könnte; aber alle Frauen, Frau Agnes mit inbegriffen, waren in einem solchen Zustande von Erschlaffung oder Schrecken, daß ich nur mir selbst vertrauen wollte. Da der Sturm fortdauerte, und statt abzunehmen immer mehr zunahm, so befahl ich aller Mannschaft, die nicht mit der Leitung des Schiffes beschäftigt war, zu beten, dann ließ ich mir den Herrn Infanten um den Leib befestigen; um mit ihm unterzugehen oder mich mit ihm zu retten, und da er fortfuhr zu weinen, so fing ich an zu glauben, daß es nicht die Seekrankheit, sondern vielmehr der Hunger wäre, der ihn zum Weinen bringe. Ich setzte mich daher an den Fuß des großen Mastes, und indem ich die Ziege kommen ließ, näherte ich ihr den Herrn Infamen, welcher, sobald er die,Zitzen fühlte, aufhörte zu weinen und zu saugen begann, als ob er sein ganzes Leben nichts anderes gethan hätte. Jetzt segnete ich inbrünstig den Himmel, mich nicht auf Frau Agnes, auf Weine drei Ammen und auf meine sechs Damen verlassen zu haben, um mich zu begleiten.

»Der Sturm dauerte so während des ganzen Tages und der ganzen Nacht. Während dieses Zwischenraumes verließ ich den Herrn Infanten keinen Augenblick, indem ich ihn in meinen Armen wiegte, wenn er schlief, und ihn an die Ziege hielt, sobald er den kleinsten Schrei ausstieß. Gott gestattete, daß während dieser ganzen Zeit weder der Herr Infant, noch ich, noch die Ziege die Seekrankheit hatten. Als der Tag anbrach, begann das Wetter sich zu bessern, und das war eine große Gnade, welche uns der Himmel angedeihen ließ, denn unser Schiff begann leck zu werden, und sieben Schiffe unseres Gefolges waren untergegangen.

»Allmählich erholte sich jeder wieder; Frau Agnes kam zuerst wieder zu sich, dann die drei Ammen, dann die sechs Damen; was die Säuglinge anbetrifft, so waren, da sich Niemand darum bekümmert hatte, unter acht drei gestorben, und zwei fand man weder todt noch lebendig wieder. Man vermuthete, daß die Todten erstickt worden, und die Abwesenden in das Meer gefallen wären.

»Was den Herrn Infanten anbetrifft, so befand er sich durch die Gnade Gottes und die Sorge, welche ich für ihn gehabt hatte, vortrefflich.

»Ich übergab ihn den Händen der Frau Agnes, welche ihn nicht wieder nehmen wollte, indem sie sagte, daß sie dessen unwürdig wäre, aber ich drang sehr in sie, und sie gab nach.

»Von diesem Augenblicke an wurde der Wind günstig, und vierzehn Tage nachher landeten wir bei Mafra in Estramadura.

»Sobald wir das Land betreten, ließ ich der Frau Königin Mutier, welche sich in Coimbra aufhielt, melden, daß ich in Mafra mit dem Herrn Infanten, ihrem Enkel, gelandet wäre, und daß ich mich auf den Weg begäbe, zu ihr zu kommen, sobald der Herr Infant sich ein wenig ausgeruht haben würde. Da das Wetter regnerisch war, so beschäftigte ich mich sogleich damit, eine Sänfte machen zu lassen. Es war eine Art von Palankin mit einer Wachstuche bedeckt, damit er dem Regen nicht zugänglich wäre, und darüber mit einem rothen Sammetstoffe verziert. Ich ließ darin eine Matratze ausbreiten, auf welcher sechs Männer von gewöhnlicher Größe Platz gehabt hätten, die Amme legte sich mit ihren schönsten Kleidern darauf, und neben sie der Herr Infant, dem ich eines der Kleider von Goldtuch anziehen ließ, welche ihm der König von Sicilien geschenkt hatte, zwanzig Mann trugen ihn theils an Stöcken, theils an Gurten. Nach einen Marsch von zwei Tagen begegneten wir vier Stunden vor Leria Herrn Raimund von Sagardia mit zehn Reitern, welche uns von den beiden Königinnen gesandt waren, nämlich von der Königin Wittwe von Portugal und der Königin von Majorca, ihrer Tochter, und wir setzten die Reise mit ihnen fort. Als wir bei Pombal anlangten, kamen die Angesehensten der Stadt, da wir durch eine Schlucht gehen mußten, und nahmen die Stöcke und die Gurte aus den Händen der Träger, und trugen den Herrn Infanten über die Schlucht, dem meine Erfindung dermaßen behagte, daß er während der ganzen Reise höchstens drei bis vier Male täglich weinte.

»An dem Thore der Stadt Coimbra und vor der über den Mondego geschlagenen Brücke fanden wir, wie in Pombal, die Rathsherren und Verordneten der Stadt von vier Gerichtsboten begleitet, welche uns zu empfangen kamen. Sie nahmen die Stöcke in ihre Hände und die Gurten um ihren Hals, und wir zogen mit großen Ehren in die Stadt ein, hierauf gingen wir nach dem Schlosse, wo sich die Frau Königin, die Großmutter des Herrn Infaten, und die Königin von Majorca, seine Tante befanden. Beide erwarteten uns auf dem höchsten Thurme, und sobald sie sahen, daß wir nach dem Schlosse hinaufstiegen, kamen sie bis an das Thor herab. Da sie nun beide genöthigt gewesen waren, sich auf eine steinerne Bank zu setzen, so groß war ihre Freude, nahm ich den Herrn Infanten in meine Arme, und voll wahrhafter Wonne, ein so mühseliges Unternehmen glücklich beendet zu haben, trug ich ihn vor die Königinnen. – Möge Gott Euch eben so viel Freude bewilligen, meine Kinder, sagte der alte Ritter, indem er seine Erzählung unterbrach und die Hände ausstreckte, als wolle er diejenigen segnen, welche ihn umgaben, wie diese edlen Damen hatten, da sie ihren Enkel und ihren Neffen so gesund und so artig mit seinem kleinen lachenden und schönen Gesichte, in einem catalonischen Mantel und in einem Ueberwurf von Goldtuch gekleidet sahen. – Nun, fuhr der Greis fort, dessen Augen sich mit Thränen netzten und dessen Stimme bei dieser Erinnerung bebte, kniete ich nieder, küsste den Königinnen die Hand und ließ auch den Herrn Infanten die Hand seiner Großmutter küssen. Sie wollte ihn in ihre Arme nehmen, aber nun that ich einen Schritt zurück und sagte zu ihr: »Gnädige Frau, mit Eurer gütigen Erlaubnis, seid nicht ungehalten auf mich, aber so lange als ich keinen Empfangsschein in gehöriger Form für den Herrn Infanten habe, wie ich selbst einen ausgestellt habe, werdet Ihr ihn nicht berühren, wenn. Ihr auch die Jungfrau Maria in Person wäret.« Die Königin begann bei diesen Worten zu lachen und sagte zu mir, daß sie mein Verfahren in der Ordnung fände. Nun fragte ich: »Gnädige Frau, befindet sich ein Statthalter des Herrn Königs hier?« Die Königin antwortete mir: »Ja, Herr,« und sie ließ ihn näher treten. Ich fragte ferner, ob der Amtmann, der Landrichter und die Bürgermeister der Stadt Coimbra aus dem Schlosse anwesend wären. Sie antworteten: »Hier sind wir.« Denn alle die, welche ich genannt hatte, waren an die Sänfte gespannt. Ich verlangte noch einen öffentlichen Notar, und er fand sich wie die andern, denn alle die, welche irgend einen Namen oder irgend ein Amt bekleideten, hatten sich beeilt, uns entgegen zu kommen. Es befanden sich überdem und außer denen, welche ich genannt bade, eine große Anzahl von Rittern und angesehenen Männern von Coimbra gegenwärtig. Als Alle versammelt waren, ließ ich Frau Agnes, dann die drei Ammen, dann die sechs Damen der Begleitung kommen, und fragte sie in Gegenwart der Königinnen drei Male: »Ist dieses Kind, das ich in meinen Armen halte, wirklich der Herr Infant Don Soncho, der Sohn Don Alphons II., Königs von Portugal, und der Donna Sancha, seiner Gemahlin?« Und Alle antworteten: »Ja!« Und über diese erste Erklärung ließ ich den dem Notar eine öffentliche Urkunde ausnehmen; hierauf sagte ich zu der Frau Königin, der Großmutter des Herrn Infanten: »Gnädige Frau, glaubt Ihr, daß dieses Kind, das ich in meinen Armen halte, der Herr Infant Don Sancho, Sohn Don Alphons II, König von Portugal ist?« Ich stellte dieselbe Frage drei Mal an sie, und drei Male antwortete sie mir: »Ja,« und ich ließ über dieses Wort sogleich eine zweite Urkunde von dem Notar ausfertigen. Dann fügte ich ferner hinzu: »Gnädige Frau, erklärt Ihr in Eurem Namen, im Namen des Königs Don Alphons und der Königin Donna Sancha, mich für gut und für gerecht und für gänzlich des königlichen Pfandes entlastet zu halten, das mir in der Person des Herrn Infanten übergeben worden ist?« Und sie antwortete mir: »O! ja, Herr, und Gott ist mein Zeuge, daß ich glaube, daß es, weder in Portugal, noch in Castilien, noch in ganz Spanien, ja in der ganzen Welt einen getreueren und biedereren Mann gibt, als Ihr es seid, und daß ich es im Angesichte Aller erkenne.« Nun wandte ich mich nach den Anwesenden um und fragte sie, ob sie die Wort« gehört hätten, welche die gute Königin mir gesagt, und ob sie es vorkommenden Falles eidlich erhärten würden, und Alle riefen aus: »Ja! ja,« Da ich mich nun für entbunden hielt, so übergab ich den Herrn Infanten der Königin Mutter, die ihn mehr als zehn Mal küßte, so vergnügt war sie, einen Enkel zu haben.

»Was mich anbetrifft, fuhr der Greis fort, so ging ich wieder nach Palästina, zu dem gnädigen Herrn Alphons II. mit zwei Hundert Mann zu Fuß und fünfzig Pferden, die ich nicht mit dem Gelle des Königs von Majorca geworben, sondern auf meinen eigenen Gütern erhoben hatte.

»Und jetzt, schloß der Greis, wißt Ihr Alle, warum ich eine so große Liebe zu dem Könige Don Sancho habe; weil er mir so große Mühe gekostet und so großen Schrecken verursacht hat, habe ich Liebe zu ihm gefaßt, wie zu meinem eigenen Kinde, obgleich er mich nicht immer wie seinen Vater betrachtet hat.«

In diesem Augenblicke ging die Thür auf, und ein mit Staub bedeckter Herold erschien auf der Schwelle. Es war der, welcher vor dem Thore des Schlosses gegen die Mitte der Erzählung des Don Martin von Freytas in das Hörn geblasen hatte. Als er ihn erblickte, stand der Greis auf um ihn zu empfangen, und gab ihm einen Wink einzutreten, aber der Bote blieb regungslos an der Thür stehen, und indem er ein Zeichen mit der Hand gab, um Schweigen zu gebieten, sagte er:

– Ihr, Herr Martin von Freytas, Gouverneur des Schlosses Horta, und Ihr Alle, Ritter, Knappen oder Bürger, hört.

Da der König Don Sancho II. der Krone, welche er entehrte, für unwürdig erklärt worden ist, so hat es Gott gefallen, ihn durch die Vermittlung der edlen Verbündeten zur Absetzung zu verurtheilen, die er verdient bat, und seinen Bruder, Herrn Alphons III. an seiner Stelle zu erwählen.

Die edlen Verbündeten senden mich dem zu Folge zu Euch, Herr Don Martin von Freytas, und an alle Gouverneure von Schlössern, Plätzen und Vesten, um Euch zu benachrichtigen, daß sie Euch von dem Schwure der Treue entbinden, den Ihr dem Herrn Don Sancho, ehemaligem Könige von Portugal, geleistet habt.

– Was Ihr da sagt, Herr Herold, kann Andere angehen, aber nicht mich, denn ich habe einen besonderen Schwur, der mich bindet, und ich kann nur den eigenen Händen des Herrn Don Sancho, den ich immer für meinen König halte, die Schlüssel des Schlosses la Horta übergeben.

Der Herold setzte seinen Weg fort, und Don Martin von Freytas ließ hinter ihm die Thore wieder verschließen um die Wachen zu verdoppeln.

II

Sehen wir jetzt, was in Lissabon zwischen Don Sancho II. und den Großen seines Reiches vorgefallen war.

Der Adel war in dem Rathsaale versammelt, und erwartete den König Sancho II., um mit ihm die Angelegenheiten des Reichs zu beraten. Plötzlich ging die Thür auf, und man sah, statt dem Könige, seinen Günstling, Don Hernand von Alméida in einem Reitanzug, ein Horn an der Seite und eine Peitsche in der Hand erscheinen; er kam, um zu melden, daß der Herr König den Rath nicht präsidieren könne, da er am folgenden Morgen früh aufbräche, um in seinen Wäldern von Sarzedar und Castel Branco zu jagen, und daß er, ganz mit diesen wichtigen Vorbereitungen beschäftigt, sich nicht mit dm Staatsangelegenheiten beschäftigen könne.

Dieser Botschaft, deren sich der Günstling mit seinem gewöhlichen Uebermuthe entledigte, folgte sogleich nach seinem Aufbruche ein schreckliches Murren in der ganzen Versammlung. In der That, Don Sancho konnte keinen, verhaßteren Boten für eine übermüthigere Botschaft wählen. Don Hernand, den er zum Grafen von Alméida erhob, war, ohne von gänzlich niedriger Geburt zu sein, mindestens von so neuem Adel, daß, den alten portugiesischen Namen gegenüber, denen er ihn hatte gleich machen wollen, sein ganz neuer Name ein Makel war. Es war, wie man sagte, der Milchbruder Alphons Henriquez, ersten Königs von Portugal und Großvater Don Sanchos, der ihn von Burgund, wo er geboren war, mitgebracht hatte, als er im Jahre 1228 seine Mutter, Therese von Castilien, der Regentschaft des Reiches beraubte, und sich zum Grafen, und bald darauf zum Könige von Portugal ernennen ließ. Seit dieser Zeit hatten der Sohn und der Enkel Guimarens dem Sohne und dem Enkel Alphons Henriquez ohne Zweifel mit Treue, aber doch nicht mit so viel Auszeichnung gedient, um Don Sancho zu berechtigen, ihn so zur Höhe der ersten Häuser von Estramadura zu erheben, indem er ihn zum Grafen von Alméida ernannte. Diese Gunst hatte freilich eine Ursache, aber die Ursache selbst schien diesen edlen Herren abscheulich und schändlich. Der König war seit drei Jahren in Maria, die Schwester Don Hernands, verliebt, und man versicherte, daß die plötzliche Erhebung des Günstlings eine Folge der Gefälligkeit gewesen wäre, die er gehabt, die Liebschaft des Königs mit seiner Schwester zu begünstigen, und obgleich diese fern von dem Hofe zurückgezogen lebte und sich wirklich in keine Intrigue mischte, so hatte dennoch der Adel, da Don Sancho besonders seit drei Jahren die Sorge für die Angelegenheiten seines Reiches vernachlässigt, oder jedes Mal, daß er sich darein mischte, es zur großen Unzufriedenheit des ganzen Adels gethan hatte, die reine Liebe der Schwester und die eigennützige Günstlingsschaft des Bruders mit demselben Hasse umgeben, so daß der Mund, welcher sich öffnete, um den einen zu verfluchen, sich selten wieder schloß, ohne zugleich die andere zu verwünschen.

Doch war Maria rein von jedem Makel und unschuldig an allem Bösen. In der Zurückgezogenheit, in welcher sie von ihrer Mutter erzogen worden war, und in der sie bei deren Grabe zu bleiben fortfuhr, hatte sie Don Sancho gesehen ohne zu wissen, daß er der König war, und da dieser zu bemerken geglaubt, daß er durch seine Jugend, seine edle Miene und seine Artigkeit einigen Eindruck auf die schöne Klausnerin gemacht, so hatte er von ihrem Bruder Don Hernand verlangt, daß ihr seine Geburt und sein Rang fortwährend unbekannt bliebe. Maria hatte ihn daher immer, wo nicht als ihres Gleichen denn, ebenso bescheiden, als ihr Bruder stolz war, hatte sie nicht, wie er, ihre niedrige Abstammung vergessen, sondern wie einen Adeligen betrachtet, dessen Adel aber doch nicht hoch genug sei, um eine unüberschreibare Schranke zwischen sie zu setzen. In diesem Glauben nun hatte sie ihn geliebt, und Don Sancho theilte ihr erst späterhin mit, daß sie einen König liebte.

Nun hatte der Schmerz der armen Maria keine Grenzen mehr, in ihren Augen war sie nur noch ein verlorenes Mädchen. In allen ihren eigenen Augen war sie nur noch ein verlorenes Mädchen. In allen ihren Erinnerungen sah sie die Maitressen der Könige dem Abscheu der Völker gewidmet, die ihnen immer die Fehltritte zuschieben, welche von Königen herrühren, und selbst ihre Unglücksfälle, welche vom Himmel kamen. Als ihr daher der König Don Sancho, um sie von ihrer Betrübniß zu zerstreuen, vorgeschlagen hatte, sie von Santarem nach Lissabon zu führen, und ihr dort Diener, Pagen und einen Palast zu geben, hatte sie seine Anerbietungen beharrlich ausgeschlagen, und dieser glänzenden Schande die Einsamkeit vorgezogen, in welcher sie, wenn auch nicht ohne Gewissensbisse lieben, doch zum Mindesten ohne Zeugen weinen konnte. Aber so gut Maria auch durch ihre Zurückgezogenheit verschleiert sein mochte, so war sie dennoch den Blicken der Unzufriedenen nicht entgangen, welche seit drei Jahren, da sie das Vermögen und den Einfluß Don Hernands hatten wachsen sehen, der Ursache dieser auffallenden Gunst nachgeforscht hatten, und sie in der Liebe seiner Schwester gefunden zu haben meinten. Von nun an waren alle Fehler, alle Schwächen, alle Beleidigungen des Königs dem verderblichen Einflusse Marias zugeschrieben worden, und da Don Sancho, von Natur aus schwach und träg, fast die gänzliche Leitung des Reiches Don Hernand überlassen hatte, so sah man den Einfluß der Schwester in dem Unvermögen des Bruders, und man verwünschte die quelle, aus der sie gestoßen war, mehr noch, als die Gewalt, welche von ihr ausging.

Man wird also nicht über die Wirkung erstaunt sein, welche das Erscheinen Don Hernands von Alméida auf der Schwelle der Thür, durch welche man den König eintreten zu sehen erwartete, auf den ersten Adel des Reiches hervorbrachte. Da nun aber die Botschaft, mit welcher er beauftragt, nicht solcher Art war, um die Gefühle des Hasses zu verringern, den bereits Jeder gegen ihn hegte, so brach die allgemeine Unzufriedenheit nach seinem Verschwinden aus; aber dieser ganze Sturm von Worten und von Drohungen legte sich, wie er sich erhoben hatte, als Don Manrique von Carvajal die Hand ausstreckte und Schweigen verlangte.

Das kam daher, weil Don Manrique,von Carvajal einer jener Männer war, welche allen Achtung gebieten. Von edler Abstammung, tapfer im Kriege, weise im Rathe, wäre er unter jedem andern Könige, als dem Könige Don Sancho, die Seele des Reiches gewesen. Aber das ist das Unglück der Schwachen oder arglistigen Regierungen, daß Alles, was stark oder bieder ist, ihr Feind wird. Don Manrique von Carvajal streckte also die Hand aus und sagte:

»Meine Herren, der König Don Sancho, den Gott erhalten wolle, hat unsere heutige Rathssitzung in seinem Palaste aufgelöst. Ich lade Euch Alle, so viel Ihr Eurer seid, zu einer Rathssitzung bei Nacht in meinem Hause ein. Dort werden wir einen von uns erwählen, um den Vorsitz zu führen, und wir werden einen Entschluß über das zu fassen suchen, was für die Ehre des Adels und das Wohl des Reiches nothwendig ist. Bis dahin keine Ausrufe, die uns verrathen konnten, keine Drohungen, welche unsere Feinde aufmerksam machen könnten. Laßt uns ruhig sein, und wir werden gerächt werden, laßt uns einig sein, und wir werden, stark sein.«

Nun hatte sich die ganze Versammlung mit Würde und Schweigen zerstreut, und der König, welcher mit Don Hernand von Alméida, hinter einem Vorhange verborgen, sie sich entfernen sah, glaubte da noch ergebene und gehorsame Diener zu sehen, wo es bereits nur noch Rebellen und Verschworene gab.

Die Nacht verfloß dem Anscheine nach ruhig, nichts störte den Schlaf des Königs, kein Traum überbrachte ihm das Echo der schrecklichen Worte, welche man in diesem entscheidenden und nächtlichen Rathe, der in dem Hause Don Manriques von Carvajal gehalten wurde, über ihn aussprach, und dennoch wurde Alles abgemacht, beschlossen und entschieden, als ob seit der Erschaffung der Welten das Urtheil mit der ehernen Feder des Schicksales in das ewige Buch eingeschrieben gewesen wäre.

Am Morgen, in dem Augenblicke, wo Don Sancho gestiefelt, gespornt und ganz bereit zu Pferde zu steigen, sein Zimmer verließ, begegnete er Herrn von Leria, welcher Erzbischof von Evora war. Der König runzelte die Stirn, denn er hatte gesagt, daß er Niemand empfangen wollte.

– Sire, sagte der Erzbischof zu ihm, möge Euer Zorn auf mich allein fallen, denn ich habe Euch hier trotz Allem erwartet, und Pagen und Diener haben Alles gethan, was sie gekonnt, damit ich mich entfernen möchte. Aber ich hatte im Namen des Adels Eures Reiches mit Eurer Hoheit zu sprechen.

– Und was wünscht er? fragte der König.

– Er wünscht zu wissen, ob es nicht Euer Belieben wäre, heute, statt auf die Jagd zu gehen, den Vorsitz in, Rathe zu führen; die Angelegenheiten, von denen die Rede sein sollte, sind dringend und dulden keinen Aufschub.

– Herr von Evora, antwortete der König, bekümmert Euch um die Einziehung der Einkünfte Eures Erzbisthumes, das, Gott sei Dank, eines der reichsten nicht allein von Alentejo, sondern auch des ganzen König, reiches ist, und laßt mich meine Geschäfte als König besorgen.

– Und gerade weil Ihr sie nicht besorgt, Sire, bin ich an Euch abgesandt, um Euch zu sagen, daß aus aller dieser Schwäche und aus aller dieser Vernachlässigung Euch ein Unglück erwachsen wird. Das Leben eines Königs, Sire, gehört den mühseligen Angelegenheiten der Politik und des Krieges, und nicht den Vergnügungen der Liebe und den Belustigungen der Jagd.

– Und, darf ich wissen, antwortete der König, gnädiger Herr, worin das Unglück gesteht, das mir zustoßen wird, wenn ich dem Rathe nicht Folge leiste, dem Ihr so gütig seid mir im Namen meines Adels zu geben?

– Dieses Unglück, Sire, besteht darin, daß Ihr eines Abends, wenn Ihr von dem Besuche Eurer Geliebten oder von der Jagd zurückkehrt, die Thore von Lissabon für Jedermann offen, aber für Euch geschlossen finden werdet.

– Dann, gnädiger Herr, erwiderte Don Sancho verächtlich lachend, werde ich nach Coimbra gehen; Portugal ist reich an königlichen Städten, und es ist eine Krone, die mehr als eine Perle hat.

– Coimbra wird wie Lissabon verschlossen sein, Sire.

– Dann wird mir Setuval bleiben.

– Setuval wird wie Coimbra verschlossen sein.

– Nun denn! sagt meinem Adel, erwiderte der König, daß, wenn es mein Belieben gewesen wäre, heute meinen Rath zu halten, ich ihn auf acht Tage verschoben hätte, so sehr wäre ich begierig, dergleichen Dinge zu sehen.

– Ihr werdet sie sehen, Sire, antwortete der Erzbischof von Evora.

Nachdem er sich hierauf vor dem Könige verneigt, verließ er das Zimmer mit derselben Ruhe und mit derselben Würde, welche er bei diesem letzten, bei Don Sancho versuchten Schritte beobachtet, dessen Nutzlosigkeit er leider erkannt hatte.

Der König seinerseits stieg mit seinem Günstling zu Pferde, ritt durch die ganze Stadt, ohne irgend eine Veränderung zu bemerken, und schlug darauf den Weg nach Santarem ein, wo seine Geliebte wohnte.

Don Sancho fand Maria an diesem Tage trauriger, aber trotzdem noch liebevoller als gewöhnlich. Der König bemerkte gleich beim Eintritte diese Traurigkeit; indem er vor dem jungen, auf einem maurischen Divan sitzenden Mädchen stehen blieb, sagte er zu ihr:

– Maria, wenn die Wolken die Sterne verschleiern, so haucht der König des Himmels und die Wolken zerstreuen sich und die Sterne glänzen. Werde ich es denn niemals ebenso für Dich thun können, ich, der ich ein König der Erde bin? Hat irgend Jemand gewagt, Dich zu beleidigen, Maria? nenne mir ihn, wäre es auch mein Bruder Alphons, beim Himmel! er sollte mir Rechenschaft über diese Beleidigung geben.

–Nein, lieber Herr, antwortete Maria, indem sie den Kopf schüttelte und zwei Perlen fallen ließ, welche an den Wimpern ihrer Äugen zitterten, nein, Niemand hat mich beleidigt, und Ihr müßt nur mich selbst bestrafen, die ich eine Sinnlose bin, mich nicht glücklich zu fühlen, da doch so viele Frauen stolz sein würden, an meiner Stelle zu sein.

– Versuche nicht mich zu täuschen, Maria, sagte Don Sancho, ich weiß, daß Deine Engelsseele Dich verzeihen läßt. Aber die Verzeihung macht die Verräther dreist, denn man ist ein Verräther an seinem König, wenn man das nicht liebt, was er liebt. Das ist auch Deine Schuld, Maria; wenn Du an den Hof gekommen wärst, statt in dieser Einöde zu bleiben, so hätten sie Dich näher gesehen, sie hätten Dich gekannt, und dann hätten sie Dich wie ich angebetet. Aber es ist noch Zeit, meins süße Sonne komm, und sobald Du leuchten wirst, wird man Deine Strahlen fühlen.

– O! weit davon entfernt, gnädiger Herr! Rief Maria aus, indem sie mit stehender Stimme die Hände faltete, wenn ich eine Gnade von Euch zu erbitten hätte, so wäre es im Gegentheile, mir zu erlauben, mich in ein Kloster zurückzuziehen und nicht länger so zwischen Euch und Eurem Volke zu bleiben, denn es wird uns Beiden daraus ein Unglück erwachsen, Sire.

– Siehst Du wohl, daß Du mich täuschest, Maria, und daß irgend ein Elender Dir diesen Rath gegeben haben wird! Im Namen des Himmels, Maria, nenne mir den, der Dir zu drohen gewagt hat.

– Die Drohung, wenn es eine wäre, gnädiger Herr, würde von zu hoch herkommen, als daß Ihr denjenigen erreichen könntet, von dem sie herrührt. . . Aber beruhigt Euch, Sire, es ist keine Drohung, es ist ein Traum.

– Ein Traum, Maria! Dann bedaure ich, den Rabbiner Ismael nicht mitgebracht zu haben, er legt die Träume wie Joseph aus und hätte Dir gesagt, was der Deinige bedeute.

– Leider, gnädiger Herr! antwortete Maria seufzend, er war so klar, daß er keines Auslegers bedurfte.

– Und er verkündete Dir Unglück? Das war ein sehr unbedachtsamer Traum, der nicht ahnte, daß ich da wäre, um ihn Lügen zu strafen. Komm mit uns, meine schöne Maria, und das Vergnügen wird die Erscheinung eben so rasch verscheuchen, wie die Sonne die Wolken.

– Und wohin geht Ihr denn, gnädiger Herr? fragte Maria voll Besorgniß.

– Auf die Jagt.

Maris erbleichte, dann sagte sie mit bebender Stimme zu ihm:

– Allein?

– Mit Deinem Bruder.

– O! mein Gott, mein Gott! rief das junge Mädchen aus, kein Zweifel mehr, kein Zweifel mehr, mein Traum war eine Ahnung!

– Wieder Dein Traum! murrte Don Sancho mit einer leichten Regung des Unwillens. Sag an, Maria erzähle mir diesen Traum. Habe ich nicht das Recht auf Deine Gedanken, auf Deine Gedanken bei Nacht, wie auf die bei Tage? Sprich, ich höre Dich.

– O! mein theurer Herr, sagte Maria, indem sie sich zu Don Sancho's Füßen gleiten ließ, daran erkenne ich diese Güte, welche Jedermann unbekannt ist, weil sie auf dem Grunde Eures Herzens bleibt. Statt über meine Schwäche zu spotten, wollt Ihr sie heilen. Wohlan! es ist vielleicht Gott, der Euch dieses Mitleiden mit einer Furcht einflößt, die ein anderer als Thorheit behandeln würde. Nicht wahr, Ihr werdet meinen Schrecken nicht verspotten?

– Nein, unbesorgt, sprich.

– Wohlan! gnädiger Herr. Ihr wart in meinem Traume gekommen, wie Ihr jetzt in der Wirklichkeit da seid. Ihr hattet mir in meinem Traume, wie Ihr es soeben gethan, angeboten, mich auf die Jagd mitzunehmen, und ich hatte es angenommen. Ich war mit Euch aufgebrochen, und ich ritt ganz stolz über Euren Anstand und über Eure Geschicklichkeit neben Euch, und indem ich mir in meinem Innern sagte, daß, wenn Ihr nicht König durch die Geburt gewesen wäret, irgend ein Volk Euch erwählt haben würde.

– Und auch Du schmeichelst mir, Maria? sagte des König lächelnd.

– Nein, mein geliebter Herr, ich sage Euch immer die Wahrheit, oder, wenn ich Euch nicht die Wahrheit sage, so sage ich Euch zum Mindesten das, was ich denke. Ihr rittet also neben mir, als wir in einen dunkeln Forst gelangten, in welchem Eure Hunde bald einen Hirsch aufjagten. Jeder verfolgte ihn nun mit lautem Freudengeschrei, und ich verfolgte ihn wie die andern, aber traurig und wie von einem Wirbel fortgerissen. Ich wollte rufen, ich wollte mein Pferd anhalten, ich wollte, ohne zu wissen warum, Euch sagen, dieses arme Thier nicht so zu verfolgen, aber ich war ohne Stimme und ohne Kraft, und meine Brust wäre eher gesprungen, als einen Ton entschlüpfen zu lassen. Endlich, nach einem Treiben, dessen Länge ich nicht zu ermessen vermochte und in welchem unsere Pferde, als ob sie Flügel gehabt hätten, über Berge, Flüsse und Abgründe sprengten, begann der unglückliche Hirsch müde zu werden, und, wie seltsam, indem ich immer der Jagd folgte, die noch zu fern war, um sie zu sehen, sah ich ihn athemlos, sich kaum fortschleppend, indem er nur noch jedes Mal, wenn er das Bellen der Hunde oder das Schmettern des Waldhornes näher hörte, durch verzweifelte Sprünge weiterkam. Plötzlich flog ein Pfeil aus einem Gebüsch, ohne daß ich sah, welche Hand ihn geschossen hatte, und der an der Schulter getroffene Hirsch that noch einige Schritte, sank auf seine Kniee und wälzte sich dann in seinem Blute, und in dem Maße, als er seinen Feinden näher kam, – Ihr werdet zuweilen solche Träume gehabt haben, nicht wahr, gnädiger Herr? in denen das Wahre und das Falsche, das Phantastische und das Bestimmte dermaßen mit einander vermischt sind, daß man die Wirklichkeit nicht mehr von der Täuschung zu unterscheiden vermag, – da war es, als ob seine Glieder, welche sich streckten, allmählich Ähnlichkeit mit denen eines Menschen annähmen. Endlich, nach einigen Minuten dieser Verwandlung, stieß ich einen Schrei aus: ich hatte meinen Bruder erkannt. Ja, gnädiger Herr, meinen von einem Pfeile unter der Schulter, durchbohrten Bruder, der in einem letzten Krampfe alle seine Kräfte sammelte, um sich nach meiner Seite zu wenden und mir zu sagen:

»Maria, Maria, nimm Dich vor der Jagd in Acht!« Hierauf verschied er sogleich.

–Wie thöricht Du bist, sagte Don Sancho, erkennst Du in diesem sinnlosen Traume nicht die unzusammenhängenden Erscheinungen der Nacht?

– O! nein, nein! rief Maria aus. Nein, glaubt es mir sicher, gnädiger Herr, ich habe in meinem Leben andere Träume gehabt, aber keiner hat mir einen solchen Eindruck zurückgelassen. O! gnädiger Herr, verschmäht diese Warnung nicht. Nach jedem andern Traume habe ich, wenn ich. so sagen darf, allmälig den Rahmen verschwinden fühlen, in dm er eingeschlossen war; sobald ich meine Augen aufgeschlagen halle, verschwanden Berge, Wälder und Landschaften bei dem Lichte des Tages wie ein Dunst, während ich heute noch Alles sehe, als ab ich nicht erwacht wäre. Die Leiche meines Bruders. liegt an dem Fuße eines hohen, mit Tannen gekrönten Felsen, neben einer Quelle, in welche sich ein Wasserfall ergießt, ihm gegenüber befindet sich eine Ruine, welche eine ehemalige, von den Mauren zerstörte Einsiedelei ist und die ein zerbrochenes Kreuz überragt. Seht, gnädiger Herr, ich mag nun die Augen offen oder geschlossen haben, so steht Alles das fortwährend und in voller Wirklichkeit vor mir.

– Es ist zum Mindesten ein Glück, daß dieser Traum, der Deinen Bruder bedrohte, meine schöne Maria verschont hat; denn für so trügerisch ich ihn auch halte, so gestehe ich doch, daß ich einer solchen Ueberzeugung gegenüber, wie die Deinige ist, nicht ohne Besorgniß sein würde.

– O! das ist nicht Alles, gnädiger Herr, die ganze Familie ist in die Aechtung eingeschlossen. Ich blieb dabei nicht stehen und vertiefte mich weiter in meinem blutigen Traum. Die Jagd ging weiter, denn ich allein schien dieser unbarmherzigen Erscheinung zugänglich. Immer ohne Stimme, immer durch eine höhere Gewalt fortgerissen, begann ich meinen Lauf wieder durch den Wald, und fast sogleich jagten die Hunde eine weiße Hirschkuh auf, welche mit der ganzen Schnelligkeit ihres Laufes in das Thal hinabsprengte, und nun erneuerte sich dieselbe Sache wieder. Als wäre ich mit einem koppelten Gesicht begabt, so folgte ich ihr durch die tausend Umwege, welche sie machte um die Bünde zu täuschen; nur war ich es dieses Mal, welche alle ihre Schrecken empfand, ich selbst war es, welche bei jedem Bellen der Hunde, bei jedem Schmettern des Hornes erbebte. Endlich holten wir sie ein und ein Pfeil durchbohrte sie an der Seite. Augenblicklich empfand ich auf der nämlichen Seite einen heftigen Schmerz, und ebenso, wie das Mut über ihr weißes Fell floß, sah ich das Blut mein Kleid färben. Nun traf sie ein zweiter Pfeil an der entgegengesetzten Seite, und auch ich fühlte an dieser Seite, welche die des Herzens war, einen heftigen, stechenden, tödtlichen Schmerz. Das Blut floß aus dieser zweiten Wunde wie aus der ersten. Die Hirschkuh fiel weinend und klagend nieder, und nun näherte sich ihr ein Mann mit dem Messer in der Hand. Dieser Mann verursachte mir einen so großen Schrecken, als ob er zu mir gekommen wäre. Dieser Mann näherte sich ihr und, trotz ihrem Klagen, ihrem Stöhnen, ohne auf mich zu achten, welche durch Gebärden die Sprache zu ersetzen versuchte, gnädiger Herr, durchschnitt er ihr mit diesem Messer die Gurgel, und, bei meiner Seele, ja, gnädiger Herr, ich schwöre es Euch, ich fühlte es schneidend und kalt eindringen, und stieß endlich einen lauten Schrei aus, der mich erweckte. Die Hand an meinem Halse, indem ich mit den Augen an meinen beiden Seiten die Wunden suchte, welche ich erhalten halte, und den Todesschweiß, der mir über den ganzen Körper rieselte, für Blut hielt, glaubte ich lange, ich sei verwundet. O? seht Ihr, gnädiger Herr, fuhr Maria fort, indem sie ihre Hand an die angedeuteten Orte legte, da war es, da und dort, und wenn ich nur davon spreche, so leide ich und fühle mich dem Tode nahe. Ich bitte Euch inständigst, gnädiger Herr, habt daher Erbarmen mit mir und geht nicht auf diese Jagd, denn ich bin überzeugt, daß, wenn ich meinen Traum fortgesetzt hätte, diese Drohung nach meinem Bruder, nach mir, auch Euch erreicht hätte, gnädiger Herr.

Don Sancho lächelte bei dieser Erzählung. Gleich allen schwachen Charaktern that er, als ob er zweifle, um stark zu scheinen, seine Geliebte in seine Arme schließend, antwortete er ihr:

– Maria, ich habe immer sagen hören, daß, wenn man gerade auf ein Gespenst zuginge, man es verschwinden mache. Ich werde es also mit Deinem Traume machen; wir werden gerade auf ihn zugehen, und er wird verschwinden.

O! nein, nein, gnädiger Herr, es sei denn, daß Ihr es befehlt, denn ich bin Eure Magd, und ich wurde Euren Befehlen gehorchen. Nein, ich werde nicht auf diese Jagd gehen, und wenn Ihr mir folgen wollt, gnädiger Herr, so geht Ihr auch nicht hin.

– Du wirst nach Deinem Belieben handeln, Maria, und nicht nach meinem Willen. Du glaubst, daß Dich irgend eine Gefahr bedroht, wenn Du mir folgst, bleib hier, meine Geliebte, ich will Dir selbst den Schatten von Furcht ersparen. Bei meiner Rückkehr werde ich Dich hier wiederfinden, und Du wirst Alles vergessen haben, ausgenommen unsere Liebe. Leb wohl, oder vielmehr auf Wiedersehen.

Maria blich einen Augenblick an Don Sancho's Halle hängen, die Augen geschlossen und dm Mund halb geöffnet, als ob sie ohnmächtig wäre, aber nach Verlauf eines Augenblickes schwellte sich ihr Busen, ihre Thränen flossen und sie brach in ein solches Schluchzen aus, daß Don Sancho seinen Entschluß wanken fühlte und einen Augenblick unschlüssig blieb, indem er zu zweifeln begann, daß ein solcher Schmerz die Wirkung eines Traumes sein könnte, und glaubte, daß sie irgend eine Nachricht erfahren hätte, welche sie ihm nicht mittheilen wollte.

– Maria, sagte er zu ihr, es ist unmöglich, daß ein Traum Dir solche Angst verursacht; versprich, mir las zu sagen, was Du wirtlich hast, und ich werde bleiben.

–Nein, nein, sagte Maria, geht auf die Jagd, gnädiger Herr, denn ich habe Euch nichts anderes als das zu sagen, was ich Euch gesagt habe, aber kehrt schnell zurück, denn ich fühle, daß ich erst dann eine Ruhe des Geistes haben werde, wenn ich Euch wiedersehe.

– Solche Wünsche sind Befehle, antwortete Don Sancho, statt nach Castel Branco zu gehen, werde ich nur nach Sarzedar gehen, statt acht Tage werde ich nur drei Tage ausbleiben. Leb daher wohl und auf baldiges Wiedersehen.

Maria nahm nur kopfnickend Abschied von ihm, denn sie wagte nicht zu sprechen, so sehr war ihre Stimme gebrochen. Sie folgte ihm mit den Augen so lange, als sie ihn durch die Thüren der Wohnung erblicken konnte, dann, als er verschwunden war, eilte sie an das Fenster, um ihn noch ein letztes Mal zu begrüßen. Endlich verschwand Don Sancho an der Ecke der Straße, aber Maria blieb noch lange regungslos an demselben Orte und die Augen auf dieselbe Stelle geheftet, als ob sie erwartet hätte, ihn wieder erscheinen zu sehen.

Während dieser Zeit trugen sich in Lissabon Ereignisse zu, welche die Ahnungen Maria's rechtfertigten.

III

Der Adel war der Aufforderung Don Manrique von Carvajal voll Eifer gefolgt, und da er ein reicher und mächtiger Herr war, so hatte sich Niemand darum bekümmert, eine so zahlreiche Versammlung zu ihm eintreten zu sehen. Aber am folgenden Morgen war das Erstaunen groß, als man Handwerker ein unermeßliches Gerüst auf einer Wiese aufschlagen sah, welche sich zwischen Lissabon und dem kleinen Meerbusen erstreckt, der oberhalb der Stadt in das Land tritt. Da Niemand wußte, zu welchem Zwecke dieses Gerüst aufgerichtet ward, so blieben alle Vorübergehenden vor ihm stehen. Auf der andern Seite eilten die Neugierigen der Stadt herbei, als sie die seltsame Arbeit erfahren hatten, welche vor dem Thore gemacht würde, so daß um die Mittagsstunde bereits eine beträchtliche Menge versammelt war, welche den Ausgang dieses Baues erwartete.

Als um zehn Uhr das Gerüst beendigt war, breitete man auf den Stufen und auf der Höhe dieses Gerüstes einen prachtvollen Teppich aus, auf den man einen Thron mit dem Wappen von Portugal, und in Allem dem des Königs gleich, errichtete. Bald darauf setzte man auf diesen Thron eine Statue, welche den König Don Sancho vorstellte; sie hatte die Krone auf dem Haupte, das Zepter in der Hand und das Schwert der Gerechtigkeit an der Seite; sie war mit dem königlichen Gewande angethan, auf welchem die Insignien des Königthumes glänzten; dann näherte sich eine starke Abteilung von Knappen und Leibwachen. Die Knappen, welche jeder die Banner ihrer Herren trugen, schritten die Stufen hinauf und stellten sich hinter dem Throne auf, indem sie ihre Banner vor dem Banner von Portugal senkten. Die Soldaten stellten sich im Kreise um das Gerüst auf, und jeder wartete neugieriger und erstaunter als jemals.

Um Mittag verließ der ganze, von Don Manrique von Carvajal geführte Adel von Lissabon die Kirche, wo er frommer Weise die Messe angehört hatte. Er führte in seiner Mitte den Herrn Don Alphons, den jüngern Bruder des Königs Don Sancho, den man in Catalonien glaubte und der auf eine Botschaft, die er acht Tage zuvor erhalten halte, heimlich nach Lissabon gekommen war. Mit einer kriegerischen Musik voraus, wie als ob er in eine Schlacht oder zu einem Feste gezogen wäre, und von einer noch bei Weitem größeren Menge als die gefolgt, welche ihn erwartete, zog er nach der Wiese. Als sie diese edle Versammlung sahen, öffneten die Soldaten ihre Reihen. Don Manrique von Carvajal und der Erzbischof von Evora stellten sich auf jede Seite des Thrones; die andern Großen stellten sich auf die Stufen in Entfernungen, welche ihren Rang andeuteten. Ein öffentlicher Ausrufer stieg auf die letzte Stufe, und ein lärmender Tusch erschallte, um Aufmerksamkeit zu gebieten. Alle Adeligen zogen ihre Schwerter und der öffentliche Ausrufer ließ, folgende Worte hören:

»Ihr alle, Portugiesen, Grands, Ricos Hombres,1 Prälaten, Ritter, Knappen und Bürger, hört! hört! hört«

»Da der König Don Sancho von Portugal, das Geschlecht verleugnend, aus dem er entsprossen, und die Pflichten vergessend, die ihm auferlegt sind, sich der Krone unwürdig gemacht hat, die er entehrt, so gefällt es Gott durch die Vermittlung der edlen, für das Wohlergehen des Reiches vereinigten Verbündeten, ihn zur Absetzung zu verdammen, die er verdient hat.

»Er hat diese Absetzung besonders aus vier Gründen verdient, und diese vier Gründe sind folgende:

»Erstens: der König Don Sancho ist der Krone unwürdig, weil er sie nicht selbst zu tragen vermag, und nicht er, sondern der verderbenbringende Don Hernand von Alméida es ist, der die Nation mit einem für so stolze Geister, als die Portugiesen, unerträglichen Uebermuthe regiert. Dem zu Folge, da der König seine Krone nicht selbst zu tragen vermag, ist es Zeit, daß sie auf einen Kopf gesetzt wird, der fähiger und würdiger ist, sie zu tragen. Der König Don Sancho verliere. daher die Krone!«

Nach diesen Worten hielt der öffentliche Ausrufer inne und ein tiefes Schweigen verbreitete sich über die Versammlung; man hätte meinen können, daß diese ganze Menge nur Augen und keinen Athen, hätte, denn alle Blicke leuchteten wie Flammen und kein Athem ließ sich in dieser allgemeinen Bestürzung hören. Herr von Evora, Erzbischof von Leria, näherte sich langsam und feierlich der Statue des Königs und nahm ihr die Krone vom Haupte. Bei diesem Anblicke brach die Menge in so rasende Beifallsbezeugungen aus, daß die Adeligen von diesem Augenblicke an ihre Sache vor dem Volke gewonnen wußten. Um die Gemüther nicht erkalten zu lassen, gaben sie dem öffentlichen Ausrufer einen Wink, fortzufahren, und der Ausrufer fuhr fort:

»Zweitens: der König Don Sancho von Portugal ist unwürdig, das Schwert der Gerechtigkeit zu tragen, da er vergißt, sich desselben zum Schutze seiner Unterthanen zu bedienen. Es ist nicht sein Verstand, sondern der Verstand einer Buhlerin, welcher seinen Willen leitet; es ist nicht sein Mund, sondern der Mund eines Höflings, der die Verordnungen ausspricht; es ist nicht seine Hand, sondern die Hand eines Höflings, welche die Verordnungen unterzeichnet, und zwar zum Nachtheile des gemeinsamen Wohles und Interesses. Das Schwert der Gerechtigkeit darf daher nicht länger durch Hände entehrt werden, welche unwürdig sind, es zu tragen. Don Sancho von Portugal verliere daher das Schwert der Gerechtigkeit!«

Der öffentliche Ausrufer schwieg von Neuem. Nun näherte sich Don Manrique von Carvajal der Statue und riß ihr das Schwert der Gerechtigkeit von der Seite. Neue Beifallsbezeugungen erschallten noch weit rasender als die ersten, und der Ausrufer ging auf folgende Anklage über:

»Drittens: der König Don Sancho von Portugal ist unwürdig, das Zepter zu tragen. Um es würdig zu tragen, muß ein König den Vorsitz in seinem Rathe führen, seine Heere anführen, und nicht sein Leben auf Jagden, Bällen und Festen zubringen; um das Zepter auf eine Würdige Weise zu tragen, muß ein Fürst fest und gerecht hin. Don Sancho ist im Gegentheile schwach, nachlässig, Verschwenderisch und verschleudert die Einkünfte des Staates. Don Sancho von Portugal verliere daher das Zepter!«

Nun näherte sich der Graf Rodrigo der Statue und nahm ihr das Zepter aus den Händen, hierauf ging der öffentliche Ausrufer auf die vierte Anklage über:

»Viertens: der König Don Sancho von Portugal ist unwürdig, auf dem Throne zu sitzen, denn, außerdem daß er sich aller der von uns genannten Handlungen des Verrathes gegen die Ehre der portugiesischen Nation schuldig gemacht hat, hat er auch noch seinen Bruder Don Alphons, den einzigen und wahren Erben der Krone, ungerechter Weise mit seinem Hasse verfolgt, indem er ihn ohne Grund und ohne Zweifel in der Hoffnung verbannt hat, irgend ein unrechtmäßiges Kind an seine Stelle zu setzen; aber Gott wird so viel Schande und Entehrung nicht zulassen, und die edlen Verbündeten werden dafür sorgen, indem sie den Thron demjenigen zuerkennen, der ihn durch seine Geburt, durch seinen Muth und durch seine Weisheit verdient. Don Soncho von Portugal sei daher vom Throne verjagt!«

Sogleich näherte sich Don Diego von Salvaterra dem Throne, ergriff die Statue und stieß sie kopfüber herunter; zu gleicher Zeit hoben die Verbündeten Don Alphons in ihren Armen empor und, indem sie ihn auf den leeren Thron setzten, erklärten sie ihn an der Stelle seines Bruders zum König. Diese Erklärung wurde von dem Volke, das immer etwas bei dem Wechsel der Herrschers zu gewinnen glaubt, mit lautem Jubel aufgenommen. In einem Augenblicke war Don Alphons der Dritte mit den Insignien des Königthumes bekleidet, und der Bischof von Evora, der zuerst vortrat, huldigte ihm, indem er ihm die Hand küßte. Don Manrique von Carvajal kam nachher und ihm folgte der Graf Rodrigo und Don Diego von Salvaterra; hierauf kamen vier Abgeordnete des Bundes aller Adeligen, aus denen er bestand. Endlich zog der neue König auf einem prachtvollen weißen, mit dem königlichen Geschirre geschmückten Pferde, begleitet von dem Adel und von dem Volke gefolgt, wieder in die Stadt Lissabon ein und begab sich nach der Cathedrale, wo der Bischof von Coimbra ein Te Deum sang. Der übrige Theil des Tages verfloß in Festen und Freudenbezeugungen.

Während dieser Zeit begab sich Don Sancho in Begleitung von Don Hernand von Alméida und einigen seiner vertrautesten Diener, denn seit einiger Zeit ging kein Adeliger mehr dorthin, wo Don Hernand ging, nach dem Walde von Sarzedar. Der König Don Sancho war dermaßen durch die Liebe, welche er für die Schwester, und durch die Freundschaft, welche er für den Bruder hegte, verblendet, daß er den altem Adel sich von ihm hatte entfernen lassen, ohne etwas zu thun, um ihn zurückzuhalten; er war daher auf dieser verhängnißvollen Jagd nur von seinem Günstling und seinen Jägern begleitet.

Es waren im Voraus Befehle ertheilt worden, und bei seiner Ankunft auf dem Sammelplatze erfuhr Don Sancho, daß ein prachtvoller Hirsch während der Nacht umstellt worden wäre. Kaum nahm er sich die Zeit, zu frühstücken, so groß war sein Eifer für die Jagd. Die frischen Pferde und Hunde wurden aufgestellt; dann ging der Jäger mit seinem Windhunde in die Einkreisung, und nach Verlauf von wenigen Augenblicken schon hörte man den Klang eines Hornes, welches meldete, daß der Hirsch aufgejagt sei, zu gleicher Zeit sah man ihn wie einen Schatten mit einem einzigen Sprunge und ohne den Boden zu berühren, über die Allee sprengen, wo ihn der König und Don Hernand erwartetes. Die Hunde wurden sogleich auf ihn losgelassen, Don Sancho und sein Günstling eilten der Spur der Hunde nach und die Jagd begann.

Von den ersten Schritten an, welche es machte, schien das Pferd Don Hernands von einem übernatürlichen Schnelligkeit beseelt, und obgleich der König einen Renner von dem reinsten maurischen Blute ritt, so versuchte dennoch das andalusische Pferd Don Hernands mehrere Male ihm vorauszukommen, Es entstand ein Kampf zwischen dem Pferds und den Reiter, in welchem man nicht errathen konnte, wer Sieger sein würde, als der König, welcher sah, daß die Seitensprünge des Pferdes und des Reiters die Jagd hinderten, seinem Günstlinge zurief, es gehen zu lassen. Kaum hatte dieser, um zu gehorchen, den Zügel schießen lassen, als ihn sein Renner mit der Schnelligkeit des Sturmes davontrug. Der König sprengte, so rasch sein Pferd es vermochte, hinter ihm drein, und während langer Zeit folgte er ihm, indem er allmählich zurück blieb, aber ihn doch noch durch die Bäume erblickte. Endlich überholte Don Hernand selbst die Hunde und verschwand in einem dichten Schlage. Bald hörte man das Schmettern seines Hornes, welches meldete, daß er den Hirsch im Gesichte hätte; er ritt mit einer dem Hirsche gleichen Schnelligkeit. Nach Verlauf von zehn Minuten ließ sich sein Horn ein zweites Mal hören; aber welche Mühe sich die Jagd auch gegeben hatte, ihm zu folgen, der König erkannte, daß er ihm schon zu weit voraus gekommen war; dieses Rennen dauerte so zwei Stunden lang, und der Schall des Hornes ward jedes Mal schwächer. Plötzlich unterbrach es sich gerade in der Mitte eines Tusches. Der König begriff nichts von dieser Unterbrechung, und da er besorgt zu werden begann, so verdoppelte es die Schnelligkeit und trennte sich gleichfalls von seinen Begleitern. Sein Pferd schien, wie von einer unsichtbaren Hand geleitet, der Spur zu folgen. Die Landschaft wurde immer wilder und öder, der König setzte nichtsdestoweniger seinen Weg fort; allmählich schien es ihm, als ob er in eine Gegend käme, die ihm nicht fremd wäre und die er doch nie gesehen zu haben überzeugt war. Er erkannte eine Einsiedelei in Ruinen mit einem zerbrochenen Kreuze darüber. Er suchte gegenüber, denn es war ihm, als ob sich daselbst ein großer Felsen voll Tannen befinden müsse; die Tannen und der Felsen befanden sich wirklich der Einsiedelei gegenüber. Seine Augen richteten sich sogleich in die Tiefe, und er suchte eine Quelle und einen Wasserfall, der sich darin befinden mußte, die Quelle und der Wasserfall befanden sich in der Tiefe. Nun richteten sich seine Augen mit unaussprechlicher Angst auf den Rasen. Auf dem Rasen lag ein Mann in den letzten Todeskämpfen ausgestreckt. Er sprang von seinem Pferde, eilte zu diesem Manne und stieß einen Schrei aus. Dieser Mann war Don Hernand, sein Pferd hatte ihn von der Höhe des Felsens hinabgestürzt und ihm die Stirn an einem Stein zerschmettert. Nun erinnerte sich der König, woher ihm die Bekanntschaft mit dieser Landschaft käme; es war die, welche Maria im Traume. gesehen und ihm so treu geschildert hatte. Die Leiche lag an dem Fuße eines mit Tannen bedeckten Felsens und hatte eine kleine Einsiedelei in Ruinen mit ihrem zerbrochenen Kreuze vor sich; auf dem Grunde befand sich ein weites natürliches Becken, in welchem sich das Wasser eines Sturzbaches sammelte.

Der König wollte Don Hernand Hilfe leisten, aber es war zu spät, Don Hernand war todt. Er setzte nun sein Horn an seine Lippen, um sein ganzes Gefolge herbeizurufen, und blies aus voller Brust. Nach Verlauf eines Augenblickes sah man einige verirrte Hunde erscheinen, welche die Spur verloren hatten; dann hörte man hinter ihnen die Stimmen der Jäger. Endlich erschienen einige voll Besorgnis und Schrecken, als sie ankamen, hatte der König die Leiche Don Hernands an die Quelle getragen, und da er nicht glauben konnte, daß er gänzlich verschieden sei, versuchte er, ihn dadurch wieder zu sich zu bringen, daß er ihm Wasser in das Gesicht spritzte. Was den übrigen Theil der Jagd anbelangt, so hatte sie sich nach einer andern Seite gerichtet, indem sie zur Verfolgung einer weißen Hirschkuh fortgerissen war, welche die Hunde trotz aller Mühe, welche sich die Jäger gegeben hatten. um sie von dieser neuen Spur abzubringen, die Fährte hatte verlieren lassen.

Bei dieser, unter den Umständen, in denen man sich befand, dem Anscheine nach so gleichgültigen Nachricht erbebte Don Sancho wie von einem neuen Schrecken getroffen. Er ließ die Leiche Don Hernand fallen, die er auf sein Knie erhoben hatte, und erkundigte sich ein zweites Mal nach denselben Umständen, indem er in dem Maße erbleichte, als man sie ihm angab; endlich, als der Jäger aufgehört hatte zu sprechen, horchte er einen Augenblick lang, von woher die Stimme der Hunde käme, die man in der Entfernung hörte, und die Leiche seines Günstlings in den Händen der Jäger lassend, schwang er sich auf sein Pferd und trieb es wie ein Rasender nach der Seite, von wo das Gebell ausging.

Don Sancho hatte sich des zweiten Theiles von Maria's Traum erinnert, der Bezug auf sie selbst hatte. Don Sanchos Pferd schien Flügel zu haben, und dennoch zerriß er ihm die Weichen mit seinen Sporen. Das kam daher, weil nach des gräßlichen Wirklichkeit, welcher der erste Theil von Marias Traum angenommen hatte, es ihm schien, als ob es seine Geliebte selbst sei, die in Gefahr wäre. Er wollte daher zeitig genug ankommen, um die Hunde zurückzurufen und die verwünschte Jagd zu unterbrechen, aber wie groß die Schnelligkeit des Sohnes der Wüste auch sein mochte, der ihn wie ein Wirbelwind davontrug, er näherte sich nur allmählich den Hunden, welche von Zeit zu Zelt durch langes Gebell bewiesen, daß sie das von ihnen verfolgte Thier wiedersähen. Endlich, nach drei Stunden dieser unaufhörlichen Verfolgung hatte er sich doch noch so weit genähert, um den Schall des Horns zu hören, das von Minute zu Minute meldete, man habe das Thier im Gesichte, was ein Beweis war, daß dasselbe ermüdete und binnen Kurzem von den Jägern eingeholt werden würde; endlich kam auch das schreckliche Halali. Don Sancho beeilte sein Pferd, und langte in dem Augenblicke an, wo die von mehreren Pfeilen, von denen der letzte das Herz durchbohrte, getroffene Hirschkuh verschieden war.

Es ist unmöglich, den Eindruck zu beschreiben, dm dieser Anblick auf den König hervorbrachte. Das phantastische Leben war seit dem Morgen für ihn dermaßen mit dem wirklichen Leben vermengt, daß er nur zitternd die Augen auf das unglückliche, in seinem Blute ausgestreckte Thier warf; es schien ihm, als ob er die Hirschkuh eine menschliche Gestalt annehmen und sich wie eine Erscheinung vor ihm ausrichten sehen würde. Der sterbende Blick, den sie auf ihn richtete, steigerte feine Unruhe noch mehr, so sehr war er voll Angst und Schmerz. Von nun an hegte er keinen Zweifel mehr, und überzeugt, daß Maria irgend eine Gefahr liefe, nahm er ein frisches Pferd, befahl einem Theile seines Gefolges zu der Leiche Don Hernands zu gehen, und von dem andern begleitet, sprengte er in aller Eile auf der Straße von Santarem davon.

Kaum hatte er einige Stunden zurückgelegt, als er, da er seiner Ungeduld nicht zu widerstehen vermochte und sah, daß der minder gut, als er selbst, berittene übrige Theil der Jäger ihm nicht folgen könnte, sein Pferd in Galopp setzte, und Santarem zum Sammelplatze bestimmte. Auch ihn trieb eine schreckliche Ahnung vorwärts, und er warf es sich bitter vor, den Bitten Marias nicht nachgegeben zu haben. Von Zeit zu Zeit wurde er wieder von Hoffnungen erfüllt, während welcher er tief Athen, schöpfte, wie man es macht, wenn man aus einem schrecklichen Traume erwacht; dann ließ er sich bald wieder, wie ein Schläfer, der in denselben Traum zurück versinkt, von seinen Schrecken fortreißen und drückte von Neuem seine Sporn in den Bauch seines Pferdes, das ihn mit vermehrter Schnelligkeit forttrug.

Die Nacht kam herbei. Don Sancho minderte darum die Schnelligkeit seines Rennens nicht, welches im Gegentheile durch die Dunkelheit selbst einen traurigeren und phantastischeren Charakter annahm. In der Art von Schwindel, von dem er befallen war, meinte er in den Bäumen, welche den Weg begrenzten, eben so viele aus der Erde hervortretende Gespenster zu sehen, die ihm auf beiden Seiten der Straße folgten; endlich erblickte er bei dem ersten Scheine des Mondes den Kirchthurm von Santarem. Er hatte in weniger als sechs Stunden den Weg wieder zurückgelegt, zu welchen er den vorigen ganzen Tag nöthig gehabt hatte.

An dem Hause Marias angelangt, sprang Don Sancho von seinem Pferde, und es seinem Willen überlassend, schritt er auf eine kleine Thür zu, durch welche er gewöhnt war einzutreten, wenn er Nachts kam. An dieser Thür angelangt, blieb er einen Augenblick lang stehen, um Athem zu schöpfen, wobei er voll Angst horchte, ob er nicht irgend ein Geräusch hörte, das seine Befürchtungen rechtfertige: Alles war ruhig und still. Don Sancho faßte wieder einige Zuversicht.

Als er in den Garten trat, warf Don Sancho um willkürlich die Augen auf eine Laube von Jasmin und Granatbäumen, den Lieblingsaufenthalt Marias, er meinte sie nun unter dieser Laube sitzen zu sehen, wie er sie Tausend Male gesehen hatte, und er wandte sich von seinem Wege ab, um zu ihr zu gehen, aber in dem Maße, als er näher kam wurde die Erscheinung minder deutlich. An der Laube angelangt, verschwand das, was er für einen Körper gehalten hatte, wie ein Nebel, er glaubte eine Klage zu hören, die ihn am ganzen Körper schaudern ließ; als er aber um sich blickte und nichts gewahr wurde, als einen leichten gestaltlosen Dunst, welcher dm Boden streifend wie die Falten eines Kleides dahin schwebte, ging er die Freitreppe hinauf; der Dunst stieg vor ihm hinauf und schien ihm den Weg zu zeigen. An der Thür hielt er an, als ob er nicht weiter könnte, und Den Sancho hörte eine neue Klage. Er stürzte sogleich auf die Thür zu, und glaubte auf seinem Gesichte den Eindruck von Thau genetzter Haare zu fühlen, aber dieser Eindruck war so flüchtig, daß er nicht an seine Wirklichkeit zu glauben vermochte. Die Thür ging auf, und der Dunst glitt auf den Steinplatten hin, indem er durch die halbgeöffneten Thüren nach dem Zimmer Marias zuschlüpfte. Don Sancho folgte diesem seltsamen Führer mit bebenden Knieen und Schweiß auf der Stirn. An dem Eingange des Zimmers angelangt blieb er auf der Schwelle stehen. Der Dunst glitt zwischen die Vorhänge, des Bettes, welche zu, gezogen waren, und verschwand. Don Sancho blieb regungslos, ohne Athem, indem er seine Blicke von einem Ende des kaum durch eine Lampe, welche zu den Füßen einer Madonna brannte, erleuchteten Zimmers zu dem andern schweifen ließ; als er hierauf sah, daß Alles ruhig und jede Sache auf ihrem Platze war, näherte er sich leise dem Bette, seinen Athem verhaltend, und horchte, ob er nicht den jugendlichen und leisen Hauch Marias hörte. Kein Athem regte sich in der Nacht. Don Sancho zog die Vorhänge mit zitternder Hand auf. Maria lag in dem Bette. Er bückte sich zu ihr: kein Hauch stieg zu ihm auf. Er drückte seine Lippen auf die Lippen Marias: sie waren eisig. Er riß das Betttuch weg, das Bett war voll Blut. Don Sancho stieß einen Schrei aus, stürzte auf die Madonna zu, und bei dem Scheine der Lampe sah er, daß sie während ihres Schlafes eins Wunde im Herzen erhalten hatte. Die beiden Theile des Traumes waren erfüllt.

Don Sancho rief um Hilfe. Marias Frauen eilten herbei, aber Allee war vergebens; sie war gestorben, von einem so geschickten Mörder ermordet, daß er nur einen Stoß geführt und sie nicht einen Schrei ausgestoßen hatte, da die Frauen, welche in dem benachbarten Zimmer schliefen, Nichts gehört hatten.

Der König brachte die ganze Nacht an dem Bette seiner Geliebten zu, indem er über um so schrecklichere Rache Pläne brütete, als er, obgleich er nicht wußte, wer der Mörder wäre, zu ahnen glaubte, von wo der Streich ausginge. Mit Tagesanbruch langte sein Gefolge mit der Leiche Don Hernands an. Don Sancho ließ beide auf ein Paradebett legen, und zog dann an der Spitze seiner kleinen Truppe fort, nach Lissabon.

Als er an den Thoren der Stadt ankam, fand er sie geschlossen. Er machte die Runde um die Stadt: überall Steine, Eisen und Holz. Er blies in sein Horn, Niemand antwortete; man hätte glauben können, es sei eine ausgestorbene oder bezauberte Stadt.

Don Sancho, welcher fast allein war und Nichts zu unternehmen vermochte, beschloß nach Coimbra zugehen und mit der Besatzung dieser Festung zurückzukehren. Er machte sich daher nach Coimbra auf den Weg, und langte dort am folgenden Morgen früh an. Die Thore von Coimbra waren wie die von Lissabon verschlossen.

Don Sancho hatte keine andere Hoffnung mehr, als auf Setuval. Er ging über den Zecre, den Tajo und den Zatas, und nach Verlauf von drei Tagen langte er vor Setuval an. Setuval war wie Coimbra und Lissabon verschlossen.

Die Prophezeihung des Bischofs von Evora war in Erfüllung gegangen, und Don Sancho sah das, was er zu sehen gewünscht hatte.

Während diesen verschiedenen Reisen hatte sich sein Gefolge nach und nach vermindert; in Coimbra hatte er nur noch zehn Mann bei sich, in Setuval hatte er nur noch drei, an den Grenzen von Spanien war er allein.

Von aller Welt verlassen, zog sich Don Sancho nach Toledo zurück, wo der König von Castilien ihm eine Zufluchtstätte gewährte.

In seinem ganzen Reiche war ihm nur Don Martin von Freytas, der Gouverneur des Schlosses La Horta treu geblieben; unglücklicher Weise hatte Don Sancho ihn seit langer Zeit vergessen.

Und dennoch hatte Don Martin von Freytas die Thore verschließen lassen.

IV

Als der König Alphons III. erfahren, daß ganz Portugal sich mit Ausnahme der Festung La Horta seiner Gewalt unterworfen hätte, sandte er Don Manrique von Carvajal mit vier Tausend Mann gegen diese ab.

Don Martin hatte gleichfalls alle seine Vorsichtsmaßregeln getroffen, um nicht unvorbereitet überfallen zu werden, er hatte alle seine Vasallen versammelt, alle Lebensmittel herbeischaffen lassen, welche die Festung aufnehmen konnte, und auf den Wällen alle Maschinen und Wurfwerkzeuge aufgestellt, welche zu jener Zeit im Gebrauch waren; es ging daraus hervor, daß er zwei Hundert Mann Besatzung, Lebensmittel für sechs Monate und Kriegsbedarf für zehn Stürme hatte.

Eines Morgens meldete man Don Martin von Freytas, daß man die Banner Don Manriques von Carvajal erblicke, die sich in der Ebene entfalteten. Don Martin befahl allen Trompetern, alle ihre besten Stücke zum Zeichen der Freude zu blasen. Sie machten einen so großen Lärm, daß Don Manrique von Carvajal sie von der andern Seite des Mondego hörte und zu dem Grafen Rodrigo gewendet, der unter ihm commandirte, sprach: »Es scheint, daß auf dem Schlosse La Horta ein Fest gefeiert wird.«

Am Abend hielt Don Manrique auf drei Pfeilschüsse weit von den Mauern der Festung an, und sandte einen Herold,ab, um Don Martin von Freytas zu befehlen, Don Alphons III.,als König von Portugal anzuerkennen, und ihn die Schlüssel der Festung zu übergeben. Don Martin von Freytas antwortete, daß er Alphons III. nicht kenne, und daß er nur Don Sancho die Schlüssel übergeben würde.

In der Nacht schlug Don Manrique sein Lager um La Horta herum auf, und sandte am folgenden Morgen, den Herold ein zweites Mal ab, um dieselbe Aufforderung zu wiederholender Herold kehrte mit derselben Antwort zurück.

Der Tag verfloß in gegenseitiger Beobachtung. Am folgenden Morgen kehrte der Herold mit Tagesanbruch ein drittes Mal nach der Festung zurück. Don Martin antwortete, wie er es die die beiden ersten Male gethan hatte.

Don Manrique von Carvajal bereitete sich zum Sturm vor, und Don Martin von Freytas ihn abzuwehren; beide kannten sich als weise und tapfere Feldherrn; weder der Eins noch der Andere vernachlässigte daher nur das Mindeste.

Der Sturm war schrecklich, erbittert, blutig. Nach zwölf Stunden des Kampfes, Mann gegen Mann, nachdem er die Thürme mit seinen sechs Tausend Armen umschlungen, nachdem er drei Male die Hand auf die Zinnen der Wälle gelegt hatte, war Don Manrique von Carvajal gezwungen, sich zurückzuziehen, zwei Hundert Mann in den Gräben der Festung todt zurücklassend.

Vier andere Stürme folgten einander ebenso nutzlos, ebenso mörderisch. Nachdem er Tausend seiner, besten Soldaten verloren hatte, beschloß Don Manrique von Carvajal das Schloß, welches er nicht mit Gewehren nehmen konnte, durch Hunger zu besiegen, und verwandelte diese Belagerung in eine einfache Einschließung.

Von diesem Augenblicke an gelangte nichts mehr bis zu der Festung, und das Schloß La Horta wurde durch eine unüberschreitbare Linie von der übrigen Welt getrennt. Vier Monate lang ertrug Don Martin von Freytas diese Einschließung, ohne daß er darüber in, große Besorgniß zu empfinden schien; als er aber sah, daß sein Feind sich nicht anschickte, die Belagerung aufzuheben, und daß ihm nur noch für zwei Monate Lebensmittel übrig blieben, setzte er alle auf halbe Ration. Durchs diese Maßregel machte er aus den zwei Monaten, die ihm übrig blieben; vier.

Don Manrique hielt Stand. Nach Verlauf von zwei andern Monaten war Don Martin genöthigt, die Vertheilung nochmals auf die Hälfte herabzusetzen; dieses Mal war keine Möglichkeit mehr vorhanden, die Vertheidigung durch eine neue Herabsetzung zu verlängern, Jedermann empfing gerade das, was er durchaus nothwendig hatte, um nicht vor Hunger zu sterben.

Die Lebensmittel erschöpften sich; die Festung enthielt nur für sechs Monate Lebensmittel, und sie hatte sich zehn gehalten. Man aß die Pferde, dann die Hunde, dann die Katzen, dann die Ratten und die Mäuse,dann endlich fing man an das Leder der Geschirre zu kochen, um zu sehen, ob es nicht möglich sei, es zu genießen.

Don Manrique rührte sich nicht von der Stelle. Man sah von der Höhe der Festung Heerden von Ochsen und Hammeln in sein Lager kommen; das Leben der Belagerer verfloss in Festen, und wenn die Nacht ruhig war, so hörten die Schildwachen ihre Trinklieder.

Mit den Belagerten war es ganz das Gegentheil; die Noth vermehrte sich mit jedem Tage, schwach, bleich und abgezehrt, vermochten sie kaum die Last ihrer Waffen zu tragen. Es waren keine Männer mehr, es waren Gespenster, und wenn es Don Manrique eingefallen wäre, einen sechsten Sturm zu wagen, so wäre er gewiß leicht mit dem unglücklichen Anhängern Don Sanchos fertig geworden. Aber er zog es vor, sie vor Hunger sterben zu lassen, das dauert länger, war aber sicherer.

Don Martin von Freytas war in Verzweiflung, denn er sah ein, daß es keine Möglichkeit sei, sich länger zu halten und sah, daß er sich von einem Augenblick zum anderen würde ergeben müssen. Sein Widerstand war im Sterben; es war eine Frage der Zeit; schon rechnete er nur noch nach Tagen, und bald sollte er nur noch nach Stunden rechnen.

Dieser Augenblick kam herbei. Nachdem sie selbst das Laub der Bäume verzehrt, hatte die Besatzung eines Morgens durchaus Nichts mehr zu essen, sie fastete einen ganzen Tag, indem sie sich nicht zu beklagen wagte, da Don Martin von Freytas seit zweien fastete.

Die Nacht verfloß so gut als möglich; jeder that, so viel er konnte, um zu schlafen; einigen gelang es, und sie träumten, daß sie an einem,glänzenden Mahle wären; diese erwachten aber noch weit hungriger als die, welche nicht geschlafen hatten.

Der Tag brach an. Don Martin hoffte nur noch auf ein Wunder, denn er war ein alter, wahrhaft gläubiger und frommer Ritter. Er ging in die Kapelle, um Gott zu bitten, es zu vollbringen; er bat ihn, sich zu erinnern, daß er zwei Mal in Palästina gewesen wäre und gar manchen Ungläubigen getötet hatte, ohne jemals dafür etwas verlangt zu haben. Aber der Umstand wäre so dringend, daß er nicht mehr anders könnte, als an seine Dienste zu erinnern, da man sie im Himmel zu vergessen schiene.

Als er sein Gebet verrichtet, verließ er die Kapelle voller Glauben. Seine Augen blickten um sich, und er sah einen Fischadler, der wie ein Blitz vom Himmel kam und sich auf den Fluß herabließ, Einen. Augenblick lang schien der Vogel auf der Oberfläche des Wassers zu kämpfen, dann erhob er sich aber wieder, indem er eine kostbare Forelle zwischen seinen Klauen davontrug.

Der Adler nahm nun seinen Flug nach dem Schlosse la Horta, und als er über die Feste zog, ließ er seine Forelle Don Martin von Freytas zu Füßen fallen.

Don Martin zweifelte nicht, daß das verlangte Wunder erfüllt wäre. Er raffte die Forelle auf, und ließ sie, so gut er es vermochte, zubereiten, indem er sie hierauf auf eine prachtvolle silberne Schüssel legte, ließ er sie Don Manrique von Carvajal mit einem Brief überbringen, daß er betrübt über diese Entbehrungen, welche er seit dieser langen Belagerung erdulden müßte, wahrend der er ihn nur Rind- und Hammelfleisch essen sähe, ihn bäte, eine Forelle aus seinem Fischkasten anzunehmen, um eine Veränderung in seiner Kost zu machen. Don Manrique dachte, daß Leute, welche ihren Feinden solche Geschenke schickten, im Ueberflusse leben müßten und daß er nur seine Zeit mit dem Versuche verlöre, sie durch Hunger zu nehmen. Er hob dem zu Folge noch am selben Tage die Belagerung auf, indem er nur jeden als Rebellen gegen den neuen König erklärte, der Verbindungen mit Don Martin oder mit irgend einem der Leute seines Gefolges hätte. Diese Erklärung wurde unter Trompetenschall in den umliegenden Städten und Dörfern bekannt gemacht.

Am folgenden Morgen waren alle Belagerer verschwunden. Es war Zeit! ein Tag mehr, und alle Belagerten wären todt.

Don Martin von Freytas hatte die Einschließung gewechselt, nur war diese mehr ausgedehnter. Erschreckt durch die Drohung Don Manriques von Carvajal, behandelten die umliegenden Dörfer Don Martin von Freytas,und seine kleine Schaar wie Parias. Diese waren genöthigt zu fischen und zu jagen, um ihr Leben zu fristen, denn Niemand wollte ihnen weder Fleisch noch Fische verkaufen. Was die jungen Mädchen betrifft, so flohen sie, wenn sie Zufällig einen Pagen oder einen Knappen auf der einen Seite erblickten, schnell nach der andern.

Nach Verlauf eines Jahres in Mitte dieser Art von Gesundheits-Cordon befand sich diese wackere Besatzung, welche sechs Tage des Sturmes und zehn Monate des Hungers ausgehalten hatte, durch die Desertion auf etwa zwanzig Mann beschränkt, da sie die Langeweile nicht zu ertragen vermochten. Die, welche geblieben, waren die Knappen und die Pagen, alles junge Leute von großer und vornehmer Familie, welche es für Feigheit hielten, ihren Feldherrn zu verlassen; indessen kam auch an sie die Reihe, wie die andern am Ende entmuthigt zu werden, und sie sandten einen unter sich an Don Martin von Freytas ab.

– Gnädiger Herr, sagte der Abgeordnete, ich komme im Namen meiner Gefährten, um Euch gehorsamst zu bitten, ihr Elend in Betracht zu ziehen.

– Ueber was beklagen sie sich? fragte Don Martin.

– Sie beklagen sich, gnädiger Herr, genöthigt zu sein, wie Bauern zu jagen und zu fischen, um zu leben, sie beklagen sich, in Niedrigkeit und Vergessenheit zu bleiben, während Viele, die ihnen weder an Abkunft noch an Muth gleichstehen, am Hofe mit Ehren überhäuft werden.

– Geht, denen, welche Euch senden, zu sagen, antwortete Don Martin von Freytas, daß die Jagd und das Fischen königliche, und keine gemeinen Vergnügungen sind, und daß der Beweis dafür ist, daß unser König Don Sancho, den Gott erhalten wolle, seinen Thron verloren, weil er zu viel gejagt hat. Fügt hinzu, daß, weit davon entfernt, in Niedrigkeit und Vergessenheit zu sein, der Name des geringsten unserer Pagen in diesem Augenblicke in ganz Portugal weit mehr gekannt ist, als der des ersten Herrn am Hofe des Königs Don Alphons, und daß in Ermangelung der Ehren, welche die Hofleute umgeben, sie die Ehre haben, welche die Getreuen unsterblich macht.

Der Abgeordnete kehrte zu denen zurück, welche ihn gesandt hatten und überbrachte ihnen buchstäblich die Antwort Don Martins von Freytas.

Sie faßten Geduld.

Es verfloß noch ein Jahr. Nach Verlauf dieses Jahres erschien ein Abgesandter des Königs Don Alphons vor dem Schlosse la Horta; er kam im Namen des Königs Don Alphons, Don Martin von Freytas zu melden, daß er ihm jetzt die Schlüssel der Feste übergeben könne, da der König Don Sancho in Toledo gestorben wäre.

– Sendet mir einen Geleitbrief, antwortete Don Martin von Freytas.

Vierzehn Tage nachher kehrte der Bote mit dem verlangten Geleitbriefe zurück.

Don Martin überließ die Bewachung des Schlosses seinem alten Knappen, der sein zweites Ich war, legte seinen stärksten Panzer an, umgürtete sich mit seinem stärksten Schwerte, nahm seine beste Lanze zur Hand, bestieg sein Schlachtroß und ritt so lange, bis er in Toledo anlangte. Kaum angelangt, ging er zu dem Landvogt.

– Ist es wahr, sagte er zu ihm, daß der König Don Sancho gestorben ist?

– Ja, antwortete ihm dieser.

– Wo ist er begraben? fragte Don Martin.

– In der Kirche der Minoriten.

– Ich danke.

Don Martin begab sich nach der Kirche der Minoriten.

– Ist es wahr, sagte er zu dem Meßner, daß der König Don Sancho in dieser Kirche begraben ist?

– Ja, antwortete dieser.

– Wo ist sein Grab? fragte Don Martin.

– Hier ist es.

– Hebt den Stein auf.

Der Meßner hob den Stein auf, und Don Martin erkannte den König.

Er warf sich auf die Kniee und verrichtete ein Gebet für das Heil seiner Seele, dann stand er wieder auf zog einen Schlüssel aus seiner Tasche und legte ihn in die Hand des Tobten.

»Gnädiger Herr und theurer Sire, sagte er zu ihm hier ist der Schlüssel deines Schlosses la Horta, den ich Dir getreulich während Deines Lebens bewahrt, und den ich Dir getreulich nach Deinem Tode zurückgebe; ich habe meinen Schwur gehalten, schlafe in Frieden.«

Hierauf verschloß er das Grab wieder und brach nach Lissabon auf, wo er sich dem Könige Alphons III. melden ließ.

Neugierig, einen so außerordentlichen Mann zu sehen, ließ König Alphons III. ihn sogleich in seinen Rath treten, in welchem er in diesem Augenblicke den Vorsitz führte.

– Sire, sagte Don Martin von Freytas zu ihm, Ihr könnt jetzt vier Frauen der Königin mit ihren Rocken absenden, und sie werden das Schloß la Horta nehmen, das Don Manrique von Carvajal nicht mit vier Tausend Lanzen hat nehmen können.

– Schwöre mir Treue, wie Du sie meinem Bruder Don Sancho geschworen hast, und ich überlasse Dir nicht allein die Statthalterschaft, sondern ich schenke Dir außerdem das Schloß noch als Eigenthum, wie alles Gebiet, das es umgibt.

– Ich danke, Sire, antwortete Don Martin von Freytas, indem er den Kopf schüttelte und einem Seufzer ausstieß. Ich habe bereits einen Schwur gethan, und der ist mir zu theuer zu stehen gekommen.

Sechs Jahre nachher starb Don Martin von Freytas als Mönch und im Geruche der Heiligkeit in dem Franziskanerkloster von Setuval.

E N D E
1.Man sehe Don Telesforo de Trucha, dem alle nachfolgenden Umstände entlehnt sind.
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
04 декабря 2019
Объем:
220 стр. 1 иллюстрация
Правообладатель:
Public Domain

Похожие книги