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Erster Band

I
Wo der Leser mit den Leiden Hauptpersonen des Buches Bekanntschaft macht

Der Chevalier de la Graverie machte zum zweiten Male die Runde um die Stadt.

Vielleicht wäre es logischer, dem Leser zuvörderst zu sagen, wer der Chevalier de la Graverie war und in welchem der sechsundachtzig Departements von Frankreich die Stadt lag, um welche er die Runde machte. Aber wir haben in einer Anwandlung von Humor, der wahrscheinlich eine Folge des unlängst eingeatmeten englischen Nebels ist, den Entschluss gefasst, einen neuen, noch nie dagewesenen Roman zu machen.

Wie man s anfängt, einen neuen, noch nie dagewesenen Roman zu machen? Man kehrt die Ordnung der andern Romane um.

Deshalb fangen wir nicht, wie es bisher Sitte war, beim Anfange, sondern beim Ende an. Dieses Beispiel wird gewiss Nachahmung finden, und in einiger Zeit wird man die Romane nur noch beim Ende anfangen.

Überdies haben wir noch einen andern Grund, die gewöhnliche Ordnung umzukehren: wir fürchten, dass die trockenen biographischen Notizen den Leser abschrecken und ihn bewegen würden, schon am Ende der zweiten Seite das Buch zuzuschlagen.

Vor der Hand wollen wir also nur sagen was wir ohne dies nicht verschweigen können, dass die Szene um das Jahr 1842 zu Chartres in der Landschaft Beauce, auf der um die alten Festungswerke der vormaligen Hauptstadt der Carnutes von Ulmen beschatteten Promenade eröffnet wird.

Mit diesem Vorbehalt hinsichtlich der Jugendzeit unseres Helden, oder vielmehr des einen unserer Helden, verwahren wir uns gegen die Beschuldigung, als ob wir den Leser hinterrücks mit einer langweiligen Jugendbiographie zu überfallen beabsichtigten. Wir fahren fort.

Der Chevalier de la Graverie war auf seiner zweiten Runde um die Stadt. Er kam eben an den Teil der Wallpromenade, wo man die großen Höfe der Reiterkaserne übersehen kann.

Der Chevalier stand still. Es war sein Lieblingsplatz.

Der Chevalier de la Graverie ging jeden Mittag Schlag zwölf Uhr aus, nachdem er seinen Kaffee ungezuckert genommen und drei bis vier Stücke Zucker in die Rocktasche gesteckt hatte, um dieselben unterwegs zu essen. Er wusste es immer so einzurichten, dass er in dem Augenblicke, wo zum Pferde putzen geblasen wurde, bei der Reiterkaserne ankam.

In der Persönlichkeit oder Haltung des Chevalier lag freilich durchaus nichts Militärisches; im Gegenteil, er war der einfachste, gutmütigste Mensch von der Welt. Aber er sah gern das pittoreske, lebensvolle Bild, das ihn an die Zeit erinnerte, wo er selbst – unter welchen Umständen, werden wir später sagen – Musketier zu Pferde gewesen war. Er war sehr stolz darauf – seitdem er nicht mehr Musketier war.

Denn ohne sich das Ansehen zu geben, als ob er in den Erinnerungen an eine frühere Zeit Trost für die Vergangenheit suchte, trug er sein vormals semmelfarbenes und mit der Zeit perlgrau gewordenes Haar mit philosophischem Gleichmut und schien überhaupt mit den Gaben, welche ihm die Natur in nicht sehr reichem Maße beschieden, vollkommen zufrieden,’ aber er zeigte sich den gemütlichen Spießbürgern, die gleich ihm bei der Reiterkaserne ihre tägliche Zerstreuung suchten, gern als Kenner der Pferde und des Kavalleriedienstes, und es machte ihm Freude, wenn seine Nachbarn zu ihm sagten:

»Chevalier, Sie müssen in Ihrer Zeit ein hübscher Offizier gewesen sein.«

Diese Vermutung war dem Chevalier um so angenehmer, da sie völlig unbegründet war.

Es dürfte hier der Ort sein, ihn dem Leser in seiner äußern Erscheinung vorzuführen; seine geistigen Eigenschaften werden sich später von selbst entwickeln.

Der Chevalier de la Graverie war ein kleines korpulentes Männchen von sieben- bis achtundvierzig Jahren, weichlich und schlaff, nach Art der Weiber und Eunuchen. Sein in den politischen und militärischen Personenbeschreibungen gewöhnlich als »blond« bezeichnetes Haar war, wie schon erwähnt, gelblich und ging ins Perlgraue über. Seine großen, ultramarinblauen Augen hatten gemeiniglich den Ausdruck der Unruhe, zuweilen waren sie jedoch starr und träumerisch. Seine Ohren waren groß und schlaff, seine Lippen dick, die Unterlippe war etwas herabhängend, die Gesichtsfarbe stellenweise rötlich, und fast aschgrau wo sie nicht rot war.

Der Kopf wurde von einem kurzen dicken Halse getragen; der Rumpf war ganz Bauch, und an beiden Seiten des» selben hingen ein Paar dünne, kurze, kraftlose Arme, die mit Scharnieren an den Schultern befestigt zu sein schienen.

Der Bauch endlich bewegte sich mit Hilft kleiner Beinchen, rund wie Würste und etwas säbelförmig gekrümmt.

In dem Augenblicke, wo wir das Männlein dem Leser vorstellen, bestand seine Kleidung aus einem niedrigen schwarzen Castorhut mit breitem Rande, aus einem feinen gestickten weißen Halstuch, aus einer weißen Piquéweste, blauem Frack mit vergoldeten Knöpfen, etwas kurzen und engen Nankinhosen, bunten baumwollenen Strümpfen, und Schuhen mit großen Bandschleifen.

Das Pferde putzen der Cavallerie war der Glanzpunkt, die vorzügliche Augenweide seines täglichen Spazierganges, der ihm zur Gewohnheit, zur diätetischen Notwendigkeit geworden war. In der Nähe der Reiterkaserne begann er immer rascher zu gehen als sonst; ersehnte sich nach dem Pferdeputzen wie ein Feinschmecker nach einem guten Bissen.

Vor der Bank am Rande der zu den Stallungen hin» abführenden Böschung stand der Chevalier de la Graverie still und schaute in den Kasernenhof hinunter, ob seine Augenweide bald beginnen werde; dann setzte er sich methodisch, wie ein alter Habitué im Parterre des Theatre-Francais Platz nimmt, legte beide Hände auf den goldenen Stockknopf und das Kinn auf die Hände und erwartete das Trompetensignal.

Gerade an diesem Tage würde das interessante Schauspiel des Pferdeputzens manchen blasierten und minder neugierigen Bummler, als unser Chevalier war, gefesselt haben’ nicht als ob das tägliche Geschäft an sich etwas Ungewohntes gehabt hätte: es waren dieselben Braunen. Füchse, Schimmel, Rappen Schecken, die unter Striegel und Kartätsche wieherten und stampften: man sah dieselben Dragoner in Holzschuhen und Zwilchhosen, dieselben sich langweilenden Unterlieutenants, denselben ernsten, strengen Kommandanten, der auf einen Verstoß gegen die Vorschriften lauerte, wie die Katze auf die Maus. Aber an dem Tage, wo wir dem Chevalier de la Graverie begegnen, wurde diese Masse von Zwei- und Vierfüßlern von einer schönen Herbstsonne gar freundlich beleuchtet, welche sowohl den Gesamteindruck des Bildes erhöhte, als auch die Einzelheiten in einem günstigen Lichte erscheinen ließ. Der Chevalier glaubte die Croupen der Pferde noch nie so glänzend, die Helme und Säbel noch nie so funkelnd, die Gesichter noch nie so scharf und deutlich markiert, das ganze Bild noch nie so reizend gesehen zu haben.

Die beiden majestätischen Türme der alten ehrwürdigen Kathedrale prangten im goldenen Sonnenlicht, das von dem italienischen Himmel geborgt zu sein schien; ihre durchbrochenen Verzierungen hoben sich an dem reinen, wolkenlosen Himmel wie spitzenartige feine Auszackungen hervor und das Laub der Bäume hatte jene wunderschönen Schattierungen von Grün, Purpur und Gold, welche einer Herbstlandschaft einen so eigentümlichen Reiz geben.

Der Chevalier gehörte freilich keineswegs der romantischen Schule an, und es war ihm nie in den Sinn gekommen die »Méditations poétiques« von Lamartine, oder die »Feuilles d’autonomne« von Victor Hugo zu lesen; aber er fühlte sich unwillkürlich gefesselt durch das wunder herrliche, majestätische Panorama, das sich vor seinen Blicken ausbreitete. Es ging ihm nie allen geistesträgen Menschen: statt einen Überblick über die Szene zu gewinnen und den Klug der Gedanken von dem eigenen Willen abhängig zu machen, wurde er bald von ihrem Eindruck überwältigt und versank in jene geistige Erschlaffung, wo man vor sich hinstarrt, ohne zu sehen, wo man die an das Ohr dringenden Klänge nicht hört, wo die Traumbilder bunt und rasch auf einander folgen, wie die stets wechselnden Flächen des Kaleidoskops, ohne dass der Träumer die Kraft hat, einen seiner vorüber schwimmenden Träume zu erhaschen und festzuhalten. Ein solcher Zustand hat eine entfernte Ähnlichkeit mit der Trunkenheit des Opiumrauchers oder Hatschi-Essers.

Als der Chevalier einige Minuten in diesem halbwachen Zustande gewesen war, wurde er durch ein ganz materielles Gefühl in die Wirklichkeit zurückversetzt. Es schien ihm als ob sich eine kecke Hand verstohlen in seine linke Rocktasche einzuführen suchte.

Er sah sich rasch um, und zu seinem großen Erstaunen erblickte er nicht das Galgengesicht eines Taschendiebes oder Beutelschneiders, sondern das ehrliche, gutmütige Antlitz eines Hundes, der, ohne die mindeste Verlegenheit zu, verraten, gar freundlich mit dem Schweif wedelte und sich lüstern die Schnauze leckte.

Der Taschendieb, der den Chevalier so ungestraft seinen Träumen entrissen hatte, gehörte zu der großen Race langhaariger Jagdhund, welche zugleich mit den von Jacob I. an seinen Vetter Carl VII. gesandten Hilfstruppen aus Schottland nach Frankreich herübergekommen ist. Er war schwarz, reinlich der Jagdhund, mit einem weißen Streifen auf der Brust; er hatte einen langen fahnenartigen Schweif, weiches, glänzendes Haar, schöne, lang herabhängende Ohren, und kluge, fast menschliche Augen.

Kurz, es war für Jedermann ein herrliches Tier. Das wirklich bewundert zu werden verdiente: aber der Chevalier de la Graverie, der eine große Gleichartigkeit gegen alle Tiere, insbesondere gegen Hunde, zur Schau trug, widmete den äußern Reizen des interessanten Taschendiebes nur sehr geringe Aufmerksamkeit.

Er sah sich enttäuscht. – In dem Augenblicke, als er eine Bewegung an seiner Rocktasche fühlte, hatte seine plötzlich aus dem Schlummer aufgerüttelte Phantasie ein ganzes Drama aufgebaut.

Es gab Spitzbuben in Chartres! Eine Bande von »pick-pocket« hatte sich in die Hauptstadt der Landschaft Beauce eingeschlichen, um den reichen Bürgern die Napoleons und Banknoten aus den Taschen zu holen. Und diese Bösewichter, durch die Klugheit und den Scharfsinn eines Spaziergängers entlarvt, ins Gefängnis geschleppt, vor die Assisen gestellt und zum Bagno verurteilt – das war in der That eine prächtige Unterhaltung, die in das einförmige Leben der Provinzstadt eine höchst pikante Abwechslung gebracht hätte! Man kann sich daher denken, wie unangenehm es war, aus diesem unverhofften Gaudium in das langweilige Alltagsleben zurückzusinken!

Der Chevalier machte also in der ersten Aufwallung des Ärgers gegen den Urheber dieser Enttäuschung einen Versuch, den Schmarotzer durch ein olympisches Stirnrunzeln zu verjagen; aber der Hund hielt unerschrocken das Feuer dieses Blickes aus und sah seinen Gegner sogar recht freundlich und zutraulich an, als ob er sagen wollte: Warum zürnen Sie mir? Haben Sie doch Mitleid mit mir!

Das Auge ist bei den Hunden wie bei den Menschen der Spiegel der Seele. Der Blick des Hundes rührte den Chevalier so tief, dass er sofort seine Stirn entrunzelte, in dieselbe Tasche griff, auf welche der Hund einen verstohlenen Angriff versucht hatte, und ein Stück Zucker herausnahm.

Der Hund nahm den Leckerbissen mit der größten Zartheit. Wer ihn sah, wie er so vorsichtig, so freundlich, so zufrieden das süße Almosen hinnahm, würde nie geglaubt haben, dass Diebesgedanken in diesem grundehrlichen Gemüte hätten aufkommen können. Ein scharfer Beobachter, ein Physiognomiker hätte vielleicht einen etwas lebhafteren Ausdruck der Dankbarkeit gewünscht, während die weißen Zähne des Tieres den Zucker zermalmten; aber die Bauchdienerei, bekanntlich eine der sieben Todsünden, gehörte zu den schwachen Seiten des Chevalier, der die Freuden der Tafel als eine Würze des geselligen Lebens betrachtete. Statt daher dem Hunde ob des mehr sinnlichen als dankbaren Ausdrucks seines Gesichts zu zürnen, betrachtete er mit aufrichtiger und fast neidischer Bewunderung die von dem eingebürgerten Schottländer gegebenen Äußerungen des Gaumenkitzels.

Der Hund gehörte offenbar zu der Klasse der unverschämten Bettler. Kaum war der Leckerbissen verschlungen, so wiederholte er seine bereits als erfolgreich erprobten Schmeicheleien, um die Wohltätigkeit des Spaziergängers wieder in Anspruch zu nehmen. Er schien zu wissen, dass er nicht vergebens bat, und wurde zudringlich wie alle Bettler! Der Chevalier ließ sich durch die feuchten bittenden Blicke und das freundliche Wedeln betören und fütterte den interessanten Schmarotzer bis die Tasche ganz leer war.

Der Chevalier konnte sich eines gewissen bitteren Gefühls nicht erwehren; er hatte in den verschiedensten Menschenrassen, vom Höfling bis zum Stallknecht, so viel Undank gesehen, dass er erwartete, ein Mitglied der Hundegenossenschaft werde das von den Adams söhnen seit Jahrtausenden gegebene Beispiel befolgen.

Diese langjährige Erfahrung hätte den Chevalier de la Graverie gleichgültig machen sollen; aber es that ihm weh, noch einmal auf seine Kosten den allgemeinen Undank zu erfahren. Er wünschte daher seinem neuen Bekannten eine peinliche Verlegenheit und sich selbst die daraus entstehenden Demütigungen zu ersparen. Er griff noch einmal in die Rocktasche und nachdem er sich überzeugt hatte, dass kein Zucker mehr darin war, nachdem er, um den Hund von seiner Ehrlichkeit zu überzeugen, die Tasche umgekehrt hatte, streichelte er den Hund, um ihn in Gnaden zu entlassen, stand auf und ging weiter ohne sich umzusehen.

II
Wo Jungfer Marianne das Programm ihres Charakters gibt

Der Chevalier war kaum einige hundert Schritte fortgegangen, so wurde sein Entschluss, sich nach dem Hunde nicht umzusehen, durch die Neugier stark erschüttert, und es bedurfte einer bedeutenden moralischen Kraft, um den Einflüsterungen des Dämons zu widerstehen.

Als, er über die Brücke in die Stadt ging, bekam die Neugier endlich die Oberhand und er benutzte den eben an» kommenden Pariser Postwagen als Vorwand, auf die Seite zu treten und sich umzusehen. Zu seinem größten Erstaunen sah er, dass ihm der Hund auf dem Fuße folgte.

»Ich habe Dir nichts mehr zu geben, armes Tier!« sagte der Chevalier, indem er seine leeren Taschen schüttelte.

Der Hund schien den Sinn und die Bedeutung dieser Worte zu verstehen, denn er machte einige humoristische Sprünge, als ob er seinen Dank und seine Zufriedenheit zu er» kennen geben wollte; da er nicht wusste, wie lange der Chevalier auf der Brücke verweilen würde, so streckte er sich platt auf den Erdboden aus, legte den Kopf auf die Vorderfüße, fing an zu bellen und wartete dann ruhig, dass sein neuer Freund weitergehe.

Sobald der Chevalier von der Stelle ging, sprang der Hund auf und hüpfte voraus.

Wie das Tier die Worte des Menschen zu verstehen schien, so schien der Mensch die Gebärde des Tieres zu verstehen.

»Ich verstehe Dich,« sagte er, »Du willst mit mir gehen. Aber ich bin ja nicht dein Herr, und um mir zu folgen, musst Du Jemand verlassen – Jemand der Dich aufgezogen, gefüttert, gehegt und gepflegt hat: vielleicht einen Blinden, den Du geführt, oder eine alte Witwe, deren Trost Du warst! Ein Bisschen Zucker hat Dich bewogen, deinen früheren Herrn zu vergessen, so wie Du später gewiss auch mich vergessen wirst’, wenn ich so schwach wäre Dich mitzunehmen. – Geh, geh, Medor, Du bist nur ein Hund, Du hast nicht das Recht undankbar zu sein. Etwas Anderes wäre es, wenn Du ein Mensch wärst!«

Aber statt dem Befehl zu gehorchen, oder der philosophischen Betrachtung Gehör zu geben, bellte der Hund noch lauter und machte noch lustigere Sprünge.

Diese zweite Gedankenreihe, die im Geiste des Chevaliers wie eine dunkle Flut aufgestiegen war, hatte ihn leider sehr verstimmt. Anfangs mochte er sich wohl geschmeichelt fühlen durch die Zuneigung, die ihm der Hund zuerkennen gegeben; aber er bedachte, dass diese Zuneigung wahrscheinlich einen mehr oder minder schwarzen Undank verberge, und er zog die Beständigkeit dieser so leichtsinnig bewilligten Freundschaft in Zweifel. Endlich bestärkte er sich in einem seit vielen Jahren gefassten Entschluss, keinem lebenden Wesen fortan seine Zuneigung mehr zu schenken. Wie er diesen Entschluss gefasst hatte, wer» den wir später erklären.

Aus dieser Andeutung wird der Leser ersehen, dass der Chevalier de la Graverie ein Misanthrop war.

Fest entschlossen, dieses neue freundschaftliche Verhältnis für immer abzubrechen, versuchte der Chevalier zuerst den Hund durch sanfte Ueberredung zu entfernen. Nachdem er ihn Medor genannt und einen ernsten Versuch, ihn fortzuschicken, gemacht hatte, erneuerte er denselben Befehl und gab ihm dabei eine Menge von Namen aus der Mythologie und dem Alterthume: Morpheus, Jupiter, Castor. Pollur, Actäon, Cäsar, Nestor, Romulus, Tarquin, Ajax. Dann kamen die altscandinavischen Namen Ossian, Fingal, Odin, Thor und die englischen Trim, Tom, Dick, Nick, Mylord. Stop an die Reihe; und als auch diese wirkungslos blieben, kramte er alle in seinem Gedächtnis vorrätigen Phantasienamen: Caro, Sultan, Phanor, Türk, Oli, Mouton u.s.w. aus. Aber alledem Hunderegister entnommenen Namen waren nicht im Stande, den hartnäckigen Schottländer fortzujagen. Das von den Menschen geltende Sprichwort: Niemand ist tauber als Einer, der nicht hören will, fand, in diesem Falle wenigstens auch auf die Hunde eine Anwendung.

Der Jagdhund, der vorhin die Gedanken seines neuen Freundes so leicht erriet, schien jetzt weit entfernt, ihn zu verstehen. Je ernster und drohender das Gesicht des Chevalier wurde, desto lauter wurde sein Gebell, desto lustiger waren seine Sprünge. Endlich als der Chevalier wider seinen Willen, aber gezwungen durch die Notwendigkeit, seinen Gedanken einen klaren, verständlichen Ausdruck zu geben, seinen Stock mit dem goldenen Knopf hob, um die ultima ratio der Hunde anzuwenden, legte sich das arme Tier auf den Rücken und bot dem Stock mit rührender Ergebung seinen Leib.

Der Chevalier mochte durch Unglück, aus welchem wir dem Leser durchaus kein Geheimnis machen wollen, ein Misanthrop geworden sein, aber er besaß keinen bösen Charakter. Er wurde durch die demüthige Unterwürfigkeit des Hundes sogleich beschwichtigt, nahm seinen Stock in die linke Hand und wischte sich die Stirn; denn während dieses Auftritts, in welchem er nicht nur gesprochen » sondern auch gestikuliert hatte, war ihm der Schweift ausgebrochen.

»Komm nur, mein Hund,« sagte er, sich überwunden gebend; »aber weiter als bis zu meiner Haustür sollst Du mir nicht folgen!«

Aber der Hund kannte vermutlich das Sprichwort: Zeit gewonnen, Alles gewonnen! Denn er sprang sogleich auf und machte tausend lustige Sprünge um den Herrn, auf den seine endgültige Wahl gefallen zu sein schien, und ging so vertraulich mit ihm um, dass alle Bürger von Chartres, die dem Chevalier begegneten, ganz verwundert stehen blieben und sich freuten, dass sie ihren Freunden und Bekannten dieses Rätsel in Form einer bejahenden Frage aufgeben konnten: »Der Chevalier de la Graverie hat also jetzt einen Hund?«

Der Chevalier, der auf einmal der Gegenstand des Stadtgespräches geworden war, benahm sich sehr würdevoll und kümmerte sich durchaus nicht um die Neugier, die er auf seinem Spaziergang geweckt hatte. Ohne von seinem Begleiter im mindesten Notiz zu nehmen, blieb er überall stehen, wo etwas zu sehen war, bei dem Stadtthor, dessen alte Zinnen ausgebessert wurden; auf dem Ballplatz, der durch ein halbes Dutzend Spieler und eben so viele schreiende Gassenjungen belebt wurde; bei einem Seiler, dessen Arbeit er mit einem ihm selbst unerklärlichen Interesse zusah.

Wenn ihm die Liebkosungen des Hundes von Zeit zu Zeit ein freundliches Lächeln entlockten, so unterdrückte er es sogleich wieder und nahm seine gleichgültige Miene wieder an, wie ein Raufbold, der sich seinem Gegner gegenüber eine Blöße gegeben hat, sich sorgfältig deckt.

So kamen Beide an das Haus Nr. 9, in der Rue des Lices, welches der Chevalier de la Graverie schon seit einer Reihe von Jahren bewohnt hatte.

Vor dem Hause sah der Letztere ein, dass alles Übrige nur eine Art von Prolog gewesen war, und dass die wirklichen Schwierigkeiten hier erst beginnen würden.

Während der Chevalier seinen Hauptschlüssel in das Türschloss steckte, wartete der Hund ganz wohlgemut, als ob er hier schon lange aus- und eingegangen wäre und dieses Haus als das seinige betrachtete. Sobald sich die Tür auftat, schlüpfte er behende zwischen die Füße des Chevalier, um ihm vorauszueilen; aber der Herr vom Hause zog die kaum geöffnete Tür so rasch wieder zu, dass der Schlüssel durch die Erschütterung mitten auf die Straße geschleudert wurde.

Der Jagdhund sprang dem Schlüssel nach, und wie ungern auch selbst gut dressierte Hunde einen eisernen Gegen» stand mit den Zähnen berühren, so nahm er doch den Schlüssel auf und brachte ihn dem Chevalier.

Ohne gerade gerührt zu werden, wurde der Chevalier de la Graverie doch zu mancherlei Betrachtungen veranlasst. Er hatte es keineswegs mit einem gemeinen Köter, sondern mit einem wohlerzogenen Jagdhunde zu tun. Ohne seinen ersten Entschluss aufzugeben, erkannte er doch, dass der Jagdhund einige Rücksicht verdiene; und da bereits einige Personen stehen blieben, um den sonderbaren Auftritt anzusehen, da sogar einige Fenstervorhänge aufgezogen wurden, so beschloss er, in einem Kampfe, in welchem er wahrscheinlich den Kürzeren ziehen würde, seine Würde nicht aufs Spiel zu setzen und eine dritte Person zu Hilfe zu rufen.

Er steckte daher den Hausschlüssel, den ihm der Hund überreichte, in die Tasche und zog die Türglocke.

Obschon die Glocke im Hause laut ertönte, so blieb sie doch wirkungslos. Es regte sich nichts im Hause, als ob der Chevalier an der Tür eines verzauberten Schlosses geläutet hätte, und erst als er wiederholt und heftiger den Rehfuß an der dünnen eisernen Kette gezogen hatte, tat sich ein Schubfenster im ersten Stocke auf und das grämliche Gesicht eines fünfzigjährigen Frauenzimmers wurde sichtbar.

Das Gesicht kam mit solcher Vorsicht hervor, als ob die Stadt von Normannen oder Kosaken bedroht gewesen wäre, und suchte den Urheber des ungewöhnlichen Lärms zu erkennen.

Aber der Herr vom Hause, der natürlich das Öffnen der Haustür und nicht eines Fensters im ersten Stocke er» wartete, hatte sich dicht an die Tür gedrängt, um schnell eintreten zu können, und war unter dem mit wilden Blumen bewachsenen Gesimse von oben nicht sichtbar. Die Haushälterin sah daher nur den Hund, der drei Schritte von der Schwelle saß und wie der Chevalier auf Einlass wartete. Der Hund, welcher die Wichtigkeit der am Fenster erscheinenden Person zu erraten schien, blickte gar freundlich zu ihr hinauf.

Der Anblick des Hundes war keineswegs geeignet, die eilte Marianne, so hieß die Haushälterin, zu beruhigen; eben so wenig seine rabenschwarze Farbe. Sie erinnerte sich nicht, dass ein Bekannter ihres Herrn einen Hund hatte, und da sie wusste, dass der Chevalier feierlich gelobt hatte, nie einen Hund zu halten, so ahnte sie keineswegs, dass dieser schwarze Unhold ihn begleite.

Überdies pflegte der Chevalier nie die Türglocke zu ziehen; er wartete nicht gern und trug daher immer den Hausschlüssel bei sich.

Nach kurzem Besinnen fragte sie kleinlaut: »Wer ist da?«

Der Chevalier, durch den Ton der Stimme und zugleich durch den Blick des Hundes geleitet, verließ seinen Posten, trat drei Schritte zurück, schaute hinauf, und sagte die Hand über die Augen haltend:

»Sind Sie da, Marianne? Kommen Sie herunter!«

Aber sobald Marianne ihren Herrn erkannte, schwand ihre Furcht, und statt dem Befehle zu gehorchen, antwortete sie:

»Herunter kommen? warum denn?«

»Natürlich, um mich einzulassen,« antwortete der Chevalier.

Marianne s Gesicht, das zuvor so furchtsam und verblüfft gewesen war, wurde nun auf einmal unfreundlich und zänkisch. Sie zog eine unter die Haube geschobene Stricknadel hervor und begann wieder zu stricken.

»Was, um Sie einzulassen?« sagte sie.

»Allerdings.«

»Haben Sie denn Ihren Hausschlüssel nicht?«

»Das kümmert Sie nicht; kommen Sie herunter!«

»Dann müssen Sie ihn verloren haben,« erwiderte Marianne, »denn er fiel heute Früh aus der Tasche, als ich Ihre Kleider bürstete, und ich steckte ihn wieder hinein. Eine solche Saumseligkeit sollte man in Ihrem Alter nicht erwarten; aber man lernt alle Tage etwas Neues.«

»Marianne,« sagte der Chevalier etwas ungeduldig, und bewies dadurch, dass er nicht so sehr als man glauben konnte, unter dem Pantoffel der Haushalterin stand, »ich habe Ihnen schon gesagt, kommen Sie herunter!«

»Er hat ihn verloren!« rief Marianne, ohne die leichte Aufwallung ihres Herrn zu bemerken. »Er hat ihn verloren t Ach mein Gott! was soll daraus werden? Ich muss durch die ganze Stadt laufen, ein anderes Schloß, vielleicht sogar eine neue Tür machen lassen! Denn in einem Hause, dessen Schlüssel sich auf der Gasse herumtreibt, würde ich nicht ruhig schlafen.«

»Ich habe den Schlüssel, Marianne,« sagte der Herr vom Hause, immer ungeduldiger werdend; »aber ich habe meine Gründe, ihn nicht anzuwenden —«

»Das begreife ich nicht! Sie haben den Hausschlüssel, und wollen die Tür nicht aufschließen! Ich sinke ohnedies schon unter der Last der Arbeit zusammen, und soll noch die Treppe hinunterlaufen! Dabei fällt mir ein, dass die Speisen auf dem Feuer sind – und sie verbrennen, ich rieche es! Mein Gott, was fällt Ihnen ein!«

Jungfer Marianne wollte sich vom Fenster entfernen. Aber der Chevalier de la Graverie verlor endlich die Geduld; er bannte die alte Jungfer mit einer gebieterischen Gebärde an ihren Platz und sagte ärgerlich

»Jetzt keine Widerrede mehr! Machen Sie auf, alte Närrin!«

»Alle Närrin!« wiederholte Marianne, und hob ihr Strickzeug, wie eine Eumenide ihre Fackel. »Was, Sie gestehen selbst, dass Sie den Hausschlüssel haben! Sie zeigen ihn mir sogar – und ich soll durch den Korridor, die Treppe hinunter und über den Hof laufen? Das thue ich nicht, Herr Chevalier! Daraus wird nichts! Ich bin Ihrer Launen schon längst überdrüssig, und will mich nicht zu Tode hetzen lassen, wie —«

»Abscheuliche Megäre!« murrte das Männlein, ganz erstaunt über diesen Widerstand. »Ich glaube wahrlich, dass ich sie fortschicken muss, obschon sie unübertreffliche Krebssuppe und Rebhühnerpasteten macht. Aber der verwünschte Jagdhund darf mir auf keinen Fall ins Haus; ich will für dieses Mal nachgeben, später werde ich schon mein Recht behaupten. Marianne,« sagte er gelassener, »ich finde es natürlich, dass Sie mein Verlangen sonderbar finden; aber hören Sie nur. Sie sehen den Hund hier . . ."

»Freilich sehe ich ihn!« sagte die Haustyrannin, die in demselben Grade an Kraft gewann, als ihr Herr daran verlor.

»Er ist mir gegen meinen Willen von der Dragonerkaserne nachgelaufen; ich weiß nicht wie ich mich seiner entledigen soll, und ich dachte, Sie könnten ihn fortjagen, während ich ins Haus gehe.«

»Ein Hund!« eiferte Marianne. »Und wegen eines Hundes belästigen Sie eine ehrsame Jungfer, die seit zehn Jahren in Ihren Diensten steht? Ich will Ihnen zeigen wie man die Hunde fortjagt.«

Marianne verschwand vom Fenster.

Der Chevalier glaubte, sie komme hinunter, um ihm bei der beabsichtigten glimpflichen Forttreibung des Hundes behilflich zu sein, und trat wieder an die Tür. Der Jagdhund schien seinerseits entschlossen, die Bekanntschaft eines Mannes, aus dessen Tasche so gute Stücke Zucker kamen, zu kultivieren, und folgte ihm mit herzgewinnender Freundlichkeit.

Plötzlich wurde der Hausherr durch eine herabstürzende gewaltige Wasserflut von dem Hunde getrennt. Ein aus dem Fenster sich ergießender Rheinfall, ein Niagara überschwemmte sie Beide.

Der Jagdhund lief heulend davon. Der Chevalier zog seinen Hausschlüssel aus der Tasche, schloss die Tür auf und überschritt die Schwelle in einem leicht begreiflichen Zustande der Entrüstung, in dem Augenblicke, als Marianne die etwas verspätete Warnung hören ließ:

»Nehmen Sie sich in Acht, Herr Chevalier!«

III
Das Haus des Chevalier de la Graverie von außen und innen

Das Haus Nr. 9 in der Rue des Lices stand zwischen Hof und Garten; aber der Hof war nicht wie gewöhnlich vor dem Hause und der Garten hinter demselben, sondern der Hof war links und der Garten rechts. Das Haus stand dicht an der Straße.

Man nahm gewöhnlich den Weg über den Hof, dessen einzige Zierde ein seit zehn Jahren nicht beschnittener und sich am Giebel des Nachbarhauses hinauf schlängelnder Weinstock war; die üppig wuchernden Reben erinnerten an die Urwälder der neuen Welt.

Der Hof war mit Sandsteinen gepflastert, aber das Gras, durch die Feuchtigkeit des Bodens und den Schatten der Dächer begünstigt, war so dicht aus den Fugen hervorgewachsen, dass es eine Art Schachbrett en relief bildete, dessen Felder durch die Pflastersteine gebildet waren. Leider war der Chevalier de la Graverie kein Schach- oder Damenspieler, und es war ihm daher nicht in den Sinn gekommen, aus diesem Umstand, der einem Méry oder Labourdonnais große Freude gemacht haben würde, Nutzen zu ziehen.

Das äußere Ansehen des Hauses war so kalt und traurig, wie die meisten Wohnungen in den alten französischen Städten. Der Mörtel hatte sich stellenweise abgelöst, und das Gemäuer war zu sehen. Die Vorderseite des Hauses war da. her mit einem durch Hautkrankheit entstellten Gesicht zu vergleichen. Die Fensterrahmen waren schwärzlich, die Scheiben klein und von grünem Glas.

So lange man erst durch den Hof gegangen war, und im Erdgeschoss stehen blieb, musste man in die offene Küche einen Blick werfen, um einen einigermaßen respektablen Begriff von dem Hausherrn zu bekommen; denn man bemerkte einen weißen Porzellanofen, sauber und blank wie der Fußboden eines holländischen Wohnzimmers. Neben dem Ofen stand ein großer Herd, auf welchem lange Holzscheite, wie zur Zeit unserer Altvorderen, brannten, und ein Bratspieß drehte sich mittelst jener klassischen Mechanik, die das Klappern einer Mühle so anziehend nachahmt. Ein Rost mit glühenden Kohlen gab Zeugnis von dem geläuterten Geschmack des Chevalier de la Graverie, der wohl wusste, dass ein saftiger Rostbraten nicht in einem Ofen von Eisenblech bereitet werden soll. An der Wand hingen ein Dutzend nach Form und Größe geordneter Kasserolle, die täglich blank geputzt wurden, wie Kanonen eines Linienschiffs ersten Ranges; von dem großen unverzinnten Kessel, der für Marmelade und Konfitüren bestimmt ist. bis zu den winzig kleinen Gefäßen, in denen die Kraftsuppen, Spiegeleier, Krammetsvögel und andere Produkte der höheren Kochkunst zubereitet werden.

Wer da wusste, dass der Chevalier de la Graverie allein, ohne Weib und Kind, ohne Hund und Katze, ohne irgend einen Tischgenossen lebte, und dass seine ganze Dienerschaft aus der alten Haushälterin Marianne bestand , erkannte an, diesem Küchenarsenal den Feinschmecker, den raffinierten Esskünstler eben so leicht, wie man im Mittelalter an den Schmelztiegeln, Retorten, Destillierkolben und ausgestopften Eidechsen einen Alchimisten erkannte.

Außerdem bestand das Erdgeschoss aus einer kleinen, mit Steinplatten gepflasterten Hausflur, einem geräumigen Speisezimmer und einem Salon, der nur zweimal jährlich, wenn der Herr vom Hause Gäste hatte, geheizt wurde. Für diese» Fall stand auf der Hausflur eine hölzerne Bank für die wartende Dienerschaft.

Die beiden Zimmer des Erdgeschosses entsprachen in ihrem vernachlässigten Zustande vollkommen der Außenseite des’ Hauses. Der Fußboden war aufgesprungen und höckerig, der^ Plafond grau und schmutzig, die zerrissenen, beschmutzten Tapeten bewegten sich, wenn der Windbruch die selten geöffnete Tür drang.

Die ganze Einrichtung des Speisezimmers bestand aus sechs weiß angestrichenen Stühlen, einem großen Tische von Nussholz und einem Speiseschrank.

Im Salon standen drei Armsessel und sieben Stühle von verschiedenen Formen und Farben, und eine mit harten Polstern belegte Bank hatte sich unbefugter Weise den Namen und» Platz eines Sofas angemaßt. Die übrige Ausschmückung dieses sogenannten Empfangszimmers, welches der Herr vom Hause außer den oben genannten Fällen nie betrat, bestand in einem runden Tische, zwei Armleuchtern, einer stillstehen» den Stockuhr, einem aus zwei Stücken zusammengesetzten Spiegel und aus Vorhängen von rot und gelb gestreiftem Calicot.

Aber im ersten Stocke sah es anders aus. Der erste Stock wurde freilich von dem Chevalier de la Graverie persönlich bewohnt; dorthin würde der von der Küche ausgehende Faden in gerader Linie geführt haben, wenn das Labyrinth der Rue des Lices eine Ariadne gehabt hätte.

Man denke sich drei Zimmer mit der bis in die kleinsten Details sich erstreckenden Sorgfalt und der behaglichsten Koketterie möbliert, welche die Modedamen und die alten reichen Witwen so sehr lieben.

Jedes dieser auf Komfort und Verschönerung des Lebens berechneten Zimmer hatte sein eigentümliches Gepräge, seine besondere Bestimmung. Im Salon waren die eleganten, modernen Möbeln an allen Teilen, welche die kleine runde Person des Herrn vom Hause zu tragen bestimmt waren, sorgfältig mit Überzügen verwahrt; ein Bücherschrank von schwarzem Holz mit Kupfer ausgelegt, war mit rot eingebundenen, und nur selten inkommodierten Büchern angefüllt; eine Tischuhr stellte die Aurora auf ihrem Wagen dar, dessen Räder das Zifferblatt bildeten; zu beiden Seiten derselben standen zwei große Armleuchter; die Vorhänge waren von demselben dicken Wollstoff, der die Möbeln bedeckte, und würden hinsichtlich der geschmackvollen Draperie dem elegantesten Pariser Boudoir zur Zierde gereicht haben. Die Spuren von Vergoldung an dem weißen Getäfel bewiesen, dass die früheren Bewohner des Hauses noch mehr auf Eleganz gehalten hatten, als der Chevalier de la Graverie.

Im Schlafzimmer erregte das monumentale Bett sowohl hinsichtlich der Breite als der Höhe die Aufmerksamkeit. Dieses Bett war so hoch, dass man sich des Gedankens nicht erwehren konnte, wer darin schlafen wolle, müsse es mittelst einer Leiter ersteigen. Wer diesen Berg von Flaum, Watte und Wolle glücklich erstiegen hatte, musste von diesem mit dreifachen Vorhängen umgebenen Nest die ganze Position beherrschen; von dort konnte er alle Winkel des Zimmers übersehen, die Armsessel, Stühle, Sofas, Wärmpfannen, Polster und Fuchsfelle mustern. Der Fußboden war mit einem weichen, dicken Teppich belegt. Einige Armsessel, Stühle und Polster waren für den Winter mit Samt, andere für den Sommer mit Leder überzogen. Alle Möbeln aber waren zierlich und auf Bequemlichkeit berechnet. Dieses von der Straße am weitesten entfernte Zimmer war dem Garten zugewandt, so dass der Schläfer durch kein Wagengerassel, durch kein Geschrei von Handelsleuten , durch kein Hundegebell gestört wurde.

Wenn man aus dem Schlafzimmer wieder in den Salon kam, und diesen der ganzen Länge nach durchschritt, so stieß man gegen eine elegante spanische Wand , welche die in das dritte Zimmer führende Tür maskierte. Die ganze Einrichtung dieses letzten, schön tapezierten Zimmers bestand aus einem runden Tische von Mahagoniholz, einem kleinen Fauteuil und einem Marmortischchen, auf welchem zwei plattierte Eimer zum Abkühlen des Champagners standen. Aber auf allen Seiten standen Glasschränke, deren Inhalt eine kostbare Zugabe zu der Küchenbatterie war.

Jeder Schrank hatte seine besondere Bestimmung. In dem einen glänzte massives Silberzeug, ein Porzellanservice mit vergoldeten Rändern und dem Namenszuge des Chevalier de la Graverie, rote und weiße böhmische Gläser, durch deren Feinheit und Formen der Geschmack der edlen Weine gewiss erhöht wurde.

Der zweite Schrank enthielt Pyramiden von schneeweißem, feinem Tischzeug.

In dem dritten paradierten, wie gut geschulte Soldaten in Reihen aufgestellt, die feinsten Tisch» und Dessertweine in ihren Originalflaschen, wie sie aus verschiedenen Gegenden Frankreichs, aus Österreich, Deutschland, Spanien, Italien, Sizilien und Griechenland gekommen waren; einige kurz und gedrungen, andere mit langem dünnem Halse; einige mit bunten oder vergoldeten Etiketten, andere in Stroh» oder Rohrgeflechten, alle gleich anziehend für die Phantasie und die Neugier. An den Flanken dieses in geschlossenen Reihen harrenden stattlichen Armeecorps standen die leichten Truppen in Form von verschiedenfarbigen kleinen Karaffen mit kosmopolitischen Liqueuren.

Der letzte, größte Schrank endlich beherbergte Esswaren der verschiedensten Art- Straßburger Pasteten, Würste von Arles und Lyon, Aprikosentorten aus der Auvergne, Apfelgallerte aus Rouen, eingesotzene Früchte, englische Pickles und Saucen, Anschovis, Sardinen, kurz Alles was nach dem Ausspruch eines geistreichen Feinschmeckers »den Magen zu panzern« vermag.

Nach dieser vielleicht etwas zu genauen, aber zur Beurteilung des Bewohners notwendigen Haussuchung wird der Leser leicht erraten, dass der Chevalier de la Graverie sehr angelegentlich mit seiner werten Person beschäftigt, und auf die Befriedigung seines Magens sehr eifrig bedacht war. In sonderbarem Widerspruch mit dieser Bauchdienerei stand seine Manie, sich beständig für krank zu halten, und sich jede Viertelstunde an den Puls zu greifen. Endlich war er ein leidenschaftlicher Freund der Rosen, und versäumte keine Gelegenheit, seiner Sammlung ein neues Exemplar dieser Königinnen der Blumen hinzuzufügen.

Bei diesem Punkte unserer Erzählung fühlen wir die Unmöglichkeit, weiter zu gehen, ohne Halt zu machen, ja ohne achtundvierzig bis fünfzig Jahre zurückzugehen: wir wollen unseren Lesern nun erklären, wie der würdige Chevalier zu diesen drei geistigen Schwächen gekommen war.

IV
Wie und unter welchen Umständen der Chevalier de la Graverie geboren war

Man wundere sich nicht über diesen Rückblick, den der Leser übrigens voraussehen konnte, als wir ihm unseren Helden in einem Alter vorstellten, in welchem die interessantesten Abenteuer des Lebens, nämlich die Liebesabenteuer, beendet zu sein pflegen. Wir versprechen nicht weiter als bis zum Jahre 1793 zurückzugehen.

Im Jahre 1793 war der Baron de la Graverie, Vater des Chevalier, im Gefängnis zu Besangon unter der Anklage des Einverständnisses und Briefwechsels mit den Emigrierten.

Der Baron de la Graverie hätte zu seiner Verteidigung anführen können, dass er nur den heiligsten Naturgesetzen genügt habe, als er seinem ältesten Sohne und seinem Bruder, die sich beide im Auslande befanden, einiges Geld zugeschickt: aber es gibt Verhältnisse, welche die sozialen Gesetze über die Gesetze der Natur stellen, und überdies hatte der Baron jene Entschuldigung nicht einmal vorgebracht. Sein Vergehen gehörte aber zu denen, die einen Angeklagten damals am sichersten aufs Schafott brachten; die Baronin de la Graverie, welche frei geblieben war, bot daher, ungeachtet ihrer vorgerückten Schwangerschaft, Alles auf, um ihren Gemahl zu befreien.

Das Gold, welches die Unglückliche reichlich verteilte, schien ein günstiges Resultat zu versprechen. Der Schließer hatte versprochen, die Augen zuzudrücken, und der Pförtner hatte dem Gefangenen eine Feile und ein Seil gebracht, um ihn in den Stand zu setzen, eine Eisenstange seines Fensters zu zertrümmern, die Straße zu erreichen und in Begleitung seiner Gemahlin über die Grenze zu fliehen.

Die Flucht war auf den folgenden Tag , den 14. Mai, festgesetzt. – Die Minuten jenes verhängnisvollen Tages dehnten sich zu Stunden, in ihrer angstvollen Spannung sah die unglückliche Dame jeden Augenblick nach der Uhr, und verwünschte die Langsamkeit des Zeigers; von Zeit zu Zeit glaubte sie zu ersticken, und sie hielt es für unmöglich, bis zu dem ersehnten folgenden Tage leben zu können.

Um vier Uhr Nachmittags wurde ihre Aufregung so groß, dass sie sich entschloss, bei einem royalistisch gesinnten Priester, den eine Freundin in ihrem Keller versteckt hielt. Trost zu suchen, und gemeinschaftlich mit demselben für den Gefangenen zu beten.

Die Baronin verließ also ihre Wohnung. – In der Nähe des Marktplatzes hörte sie das dumpfe, anhaltende Wogen und Brausen einer großen Menschenmenge. Sie wollte umkehren, aber es war nicht möglich, die dem Marktplatz zuströmende Volksmenge versperrte die in denselben einmünden» den engen Gassen, und die Dame wurde durch den unaufhaltsamen Strom mit fortgerissen.

Der Platz war mit Menschen angefüllt; über den dicht an einander gedrängten Köpfen erhob sich die Guillotine, und oben an der entsetzlichen Maschine glänzte in den letzten Strahlen der Abendsonne das Fallbeil – ein furchtbares Sinnbild der Gleichheit, wenn auch nicht vor dem Gesetz, doch vor dem Tode.

Die Baronin de la Graverie schauerte und wollte fliehen. Aber es war noch weniger möglich, als das erste Mal: ein neuer Menschenstrom, der sich auf den Platz ergoss, drängte die Menge immer mehr zum Mittelpunkte hin. Ein ernster Versuch zur Umkehr würde sie als Aristokratin bezeichnet und nicht nur ihre eigne Sicherheit gefährdet, sondern auch ihren Genial ins Verderben gestürzt haben.

Die Baronin, deren Geisteskräfte seit einigen Tagen auf ein einziges Ziel, die Befreiung ihres Gemahls, gerichtet waren, war außerordentlich umsichtig geworden. Sie dachte an Alles. Sie fügte sich in das Unvermeidliche und fasste den Entschluss, das furchtbare Schauspiel, das vor ihren Augen aufgeführt werden sollte, mit Mut und ohne allzu heftige Äußerungen des Entsetzens zu ertragen. Sie hielt nicht einmal die Hand vor das Gesicht, um nicht die Aufmerksamkeit ihrer Nachbarn auf sich zu lenken: sie schloss die Augen.

Ein lautes Geschrei, welches immer näher kam wie ein Lauffeuer, verkündete die Ankunft der Schlachtopfer. Bald darauf wich die Menge vor dem ankommenden Wagen zurück und das Gedränge wurde so groß, dass die Baronin in Gefahr kam, erdrückt zu werden. Bis dahin hatte sie noch nicht aufgeschaut; aber plötzlich schien ihr eine unsichtbare, unwiderstehliche Gewalt die Augenlider aufzuheben. Sie schlug die Augen auf, bemerkte einige Schritte von ihr den Wagen mit den Verurteilten, und unter denselben – ihren Gatten!

Die Verzweiflung gab ihr eine übernatürliche Kraft; ihr Geschrei war so herzzerreißend, dass die Umstehenden ihr Platz machten. Sie eilte unaufhaltsam vorwärts und drängte die ihr noch im Wege stehenden Personen mit einer Kraft zurück, welche dem schwächsten Weib in der höchsten Aufregung des Schmerzes zu Gebote steht.

So erreichte sie den Wagen. Sie wollte ihn erklimmen, um zu ihrem Gatten zu gelangen, aber die Gendarmen hielten sie zurück. Sie klammerte sich, wie eine Wahnsinnige heulend, an den Wagenleitern fest; dann brach sie plötzlich in Thränen aus und wandte sich stehend zu den Henkern ihres Gatten.

Der Anblick war so erschütternd , dass ungeachtet der Blutgier, welche die öfteren Wiederholung jener entsetzlichen Dramen in der Bevölkerung geweckt hatte, mehr als ein Sansculotte, mehr als eine Megäre aus der Hefe des Volks bis zu Tränen gerührt wurde. Als daher die unglückliche Baronin ihre Kraft schwinden fühlte, als sie ohnmächtig zu Boden sank, kamen ihr die Umstehenden zu Hilfe.

Man brachte sie nach Hause und es wurde sogleich ein Arzt gerufen. Aber die Erschütterung war zu heftig gewesen; die Unglückliche starb nach einigen Stunden in heftigen Fieberphantasien, indem sie eines schwachen, kaum lebensfähigen Knäbleins genas. Dieses Kind, welches zwei Monate vor dem von der Natur bestimmten Zeitpunkte das Licht der Welt erblickte, war der Chevalier de la Graverie, dessen Geschichte wir schreiben.

Die ältere Schwester der Baronin , Mademoiselle de Beauterne, eine reiche Stiftsdame, nahm sich des armen kleinen Waisen an, der so zart und schwächlich war, dass der Arzt an seiner Lebensfähigkeit zweifelte. Aber der Schmerz über den Tod ihrer Schwester und ihres Schwagers entwickelte in der alten Jungfer das Muttergefühl, welches Gott in jedes weibliche Herz gelegt hat, welches aber in dem Herzen einer alten Jungfer verknöchert und ertödtet wird.

Der sehnlichste Wunsch der Stiftsdame war, die Teure, welche sie beweinte, einst wiederzufinden, nachdem sie sich der Pflicht, die ihr zugefallen, eifrig und gewissenhaft entledigt. Mit der Zähigkeit, welche älteren unverheirateten Personen eigen zu sein pflegt, widmete sie dem Kind alle Geduld und Selbstverleugnung , deren sie fähig war, und es gelang ihr, den Mann der Wissenschaft, der doch mit größerer Gewissheit den Tod prophezeien als das Leben versprechen kann, Lügen zu strafen.

Sobald die Wege frei waren, begab sich Mademoiselle de Beauterne mit ihrem Schatz – so nannte sie den kleinen Stanislas Dieudonné de la Graverie – nach Deutschland, um sich in das Damenstift, dem sie angehörte zurückzuziehen.

In diesen halb weltlichen, halb klösterlichen Umgebungen wurde der kleine Dieudonné erzogen. Die guten, freundlichen Damen widmeten ihm die zärtlichste Sorge; denn die tragischen Verhältnisse, unter denen er geboren war, hatten die Teilnahme der Bewohnerinnen des Stiftes in hohem Grade geweckt. Ein Prinz, ein Thronerbe konnte nicht ängstlicher gehegt und gepflegt werden: eine Träne des Kindes verursachte eine allgemeine Migräne unter allen Stiftsdamen; jeder neu hervorbrechende Zahn hatte zehn schlaflose Nächte im Gefolge, und hätte die Tante nicht einen äußerst strengen Sanitätscordon um den kleinen Liebling gezogen, so würde man ihn in seiner zartesten Kindheit mit Zuckerplätzchen zu Tode gefuttert haben; unsere Erzählung wäre dann schon zu Ende, oder hätte vielmehr gar nicht begonnen.

Diese allgemeine Verzärtlung blieb indes nicht ohne allen Einfluss auf seine Erziehung.

Mademoiselle de Beauterne machte eines schönen Tages den Vorschlag, ihren kleinen Neffen den Jesuiten in Freiburg zur Erziehung anzuvertrauen’ gegen diesen Plan eiferten jedoch die übrigen Stiftsdamen mit lautem Zetergeschrei, so dass die Tante, die sich im Grunde sehr ungern von dem kleinen Dieudonné trennte, der allgemeinen Entrüstung nicht Trotz bieten mochte. Der Knabe blieb also und wurde wie zuvor von den guten Damen als Spielzeug betrachtet, man könnte fast sagen als Idol vergöttert. Von Ernst und Strenge war, selbst als er das lernfähige Alter erreichte, gar keine Rede; es stand dem kleinen Menschen so ziemlich frei zu lernen was ihm beliebte, und da ihn die Natur nicht mit einem über» mäßigen Wissensdrange begabt hatte, so blieb er sehr unwissend.

Es war vernünftigerweise nicht zu erwarten, dass die guten, würdigen Damen für die moralische Erziehung ihres Zöglings besser sorgen würden, als für seine geistige Ausbildung. Man machte ihn weder mit den Menschen bekannt, unter denen er einst leben, noch mit den Sitten und Gebräuchen, denen er sich einst fügen musste; ja, man suchte Alles, was die Gefühle des kleinen Lieblings im mindesten verletzen konnte, sorgfältig von ihm fern zu halten, und entwickelte durch diese Verzärtlung die angeborene Reizbarkeit des Knaben.

Ebenso ging es mit den zur Erziehung eines jungen Edelmannes gehörenden Leibesübungen. Die Stiftsdamen wollten dem kleinen Dieudonné durchaus keinen Reitunterricht geben lassen; er bestieg nur den Esel des Gärtners, und dabei führte immer eine der Damen den Esel am Zügel.

In der Stadt, wo sich das Damenstift befand, war ein vortrefflicher Fechtmeister. Es wurde die Frage aufgeworfen, ob Dieudonné nicht fechten lernen sollte. Die Frage wurde nach einer sehr kurzen Debatte einstimmig verneint; es war ja kaum denkbar, dass der Chevalier de la Graverie bei seinem sanften, liebenswürdigen Charakter jemals in Streit gerochen würde; nur ein Ungeheuer von Bosheit und Rohheit könnte ihm zürnen – und Gott sei Dank! die Ungeheuer sind selten.

Hundert Schritte von dem Damenstift schlängelte sich ein schöner klarer Fluß durch blühende Wiesen. Hier übten sich die Schüler des Gymnasiums im Schwimmen. Man konnte Dieudonné dreimal wöchentlich unter der Aufsicht eines Schwimmlehrers dahin schicken; aber das kühle Flusswasser konnte dem zarten Knaben schaden, er musste sich daher begnügen, zweimal wöchentlich in der Badewanne seiner Tante zu plätschern.

Dieudonné lernte also weder schwimmen noch fechten noch reiten. Er erhielt etwa dieselbe Erziehung wie Achilles; aber wenn mitten unter den Damen, die den Chevalier de la Graverie umgaben, plötzlich ein Ulysses erschienen wäre und ein Schwert aus der Scheide gezogen hätte, so würde Dieudonné wahrscheinlich nicht, wie der Sohn der Thetis und des Peleus, auf das Schwert losgestürzt, sondern von dem Glanz der Klinge geblendet, fortgelaufen sein, um sich in dem tiefsten Keller zu verkriechen.

Alles dieses wirkte höchst nachteilig auf die physische und moralische Entwickelung des jungen Chevalier. Er war sechzehn Jahre alt und konnte vor dem Gesicht eines Andern keine Klinge funkeln sehen, ohne in Tränen auszubrechen. Der Tod seines Sperlings oder Kanarienvogels verursachte ihm Nervenzucken; er dichtete rührende Elegien auf den Tod eines aus Versehen zertretenen Maikäfers – Alles zur größten Freude der Stiftsdamen, welche sein feines Gefühl priesen, ohne zu ahnen, dass diese Empfindung dabei ihr Idol entweder zu einem vorzeitigen Ende führen oder in diesen über zarten Gefühlen eine egoistische Reaktion bewirken müsse.

Unter diesen Umständen war kaum zu erwarten, dass Dieudonné von seinen Lehrerinnen in der Kunst zu gefallen und zu lieben unterrichtet wurde. Aber es fehlte ihm keineswegs an Gelegenheit und Anleitung Das Fräulein von Florsheim, eine der Stiftsdamen, hatte eine Nichte bei sich. Mathilde war zwei Jahre jünger als Dieudonné. Sie war blond und hatte schmachtende blaue Augen, wie die meisten deutschen Mädchen.

Sobald die beiden Kinder ohne Gängelband laufen konnten, machte es den Damen großes Begnügen, unzertrennliche Gespielen aus ihnen zu machen. Dieudonné, der, den Halsbrechenden Künsten des Reitens. Fechtens und Schwimmens mit ängstlicher Sorgfalt ferngehalten wurde, bekam dafür eine andere Dressur. Wenn er, wie ein Wateauscher Schäfer aufgeputzt, mit einem Vergissmeinnichtstrauß kam, so lehrte man ihn denselben seiner kleinen Freundin mit chevaleresker Kniebeugung zu überreichen. Bei schlechtem Wetter setzte sich Mademoiselle de Beauterne an ihr Klavier und spielte eine Menuett, nach welcher sich Dieudonné und Mathilde wie zwei Gliederpuppen unter lautem Applaus der Stiftsdamen bewegten.

Nach beendeter Menuett küsste der himmelblaue Schäfer mit galantem Anstand das weiße parfümierte Händchen der Schäferin. Die guten Damen waren entzückt, sie herzten und küssten die beiden Kinder und nannten sie den kleinen Mann und die kleine Frau. Wenn man sie, wie zwei Liebende en miniature, im Garten lustwandeln sah, schaute man ihnen mit Wohlgefallen nach, statt ihnen zuzurufen: Kehrt um, Kinder, die Einsamkeit ist gefährlich!

So kam es denn, dass die beiden Kinder die ihrem Alter zukommenden Spiele verschmähten und sich Empfindeleien überließen, welche, wie harmlos sie den guten Damen auch schienen, bald die bedenklichsten Verirrungen im Gefolge hatten.

V
Erste und letzte Liebe des Chevalier de la Graverie

Als Mathilde fünfzehn und Dieudonné siebzehn Jahre alt war, schien die bisherige Zärtlichkeit einer seltsamen Kälte Platz zu machen. Der junge Chevalier brachte kein Vergissmeinnicht mehr aus dem Garten und nach beendeter Menuett küsste er die Hand Mathildens nicht mehr, sondern beurlaubte sich mit einer leichten Verbeugung. Es wurden sogar die einsamen Gartenpromenaden eingestellt.

Ein aufmerksamer Beobachter würde freilich bemerkt haben, dass Mathilde oft einen welken Blumenstrauß zärtlich an die Lippen drückte und dann schnell wieder in ihr Korsett steckte; dass sie errötete, wenn sie ihrem himmelblauen Schäfer in der Menuett die Hand reichte, und dass Beide wie von einem elektrischen Fluidum durchzuckt schienen. Derselbe Beobachter würde bemerkt haben, dass sie zwar in verschiedenen Richtungen durch den Garten gingen, aber nach einer Weile an einem kleinen plätschernden Wasserfalle zusammentrafen.

An dem Tage, wo Dieudonné sein achtzehntes Jahr vollendete, erschien er in dem Zimmer seiner Tante, machte die drei Verbeugungen, die er einstudiert hatte für den Fall, dass er der Großherzogin Stephanie von Baden oder der Königin Louise von Preußen vorgestellt würde, und fragte mit wohlgesetzten Worten, wann er mit Mathilde von Florsheim den Ehebund schließen könne.

Die Stiftsdame wurde durch diese Frage in ungeheure Heiterkeit versetzt, welche sich am Ende in einen bedenklichen Keuchhusten auflöste. Während sie lachte und hustete, erwartete Dieudonné in der dritten Menuettposition die Antwort. Als endlich der Paroxysmus glücklich überstanden war, sagte sie, mit der Heirat habe es gar keine Eile, die jungen Leute könnten noch mindestens vier bis fünf Jahre warten, und wenn es Zeit sei, an eine Vermählung zu denken, würde sich der Bräutigam vielleicht eines Andern besonnen haben.

Dieudonné gab als wohlerzogener Neffe keine Antwort und entfernte sich mit einer tiefen Verbeugung. Abends ereignete sich nichts Außerordentliches; als aber das Kammermädchen der Tante am andern Morgen in das Zimmer des jungen Chevalier trat, um ihm den Kaffee zu bringen, war das Zimmer leer und das Bett unberührt.

Die Zofe eilte ganz erschrocken zu ihrer Gebieterin, um die unglaubliche Nachricht zu melden.

Als sie der Stiftsdame zum dritten Male beteuerte, dass der Chevalier de la Graverie nicht in seinem Bett geschlafen habe, erschien das Fräulein von Florsheim bleich und zitternd und erzählt?, dass Mathilde in der Nacht verschwunden sei.

Die beiden unberührten Betten lieferten einen eben so klaren Beweis gegen die beiden jungen Leute, als ob man ihre Köpfe auf einem und demselben Kissen gesehen hätte.

Die Kunde von dieser Doppelflucht verbreitete sich wie ein Lauffeuer und setzte die ganze Genossenschaft in Bestürzung. Am peinlichsten wurden natürlich die beiden Tanten berührt: sie weinten und beteten. Die übrigen Stiftsdamen spien Feuer und Flamme, ohne zu bedenken, dass die Stunde der Ernte gekommen war und dass sie ernteten was sie gesät hatten.

Endlich meinte eine von ihnen, Tränen und Geschrei könnten nichts nützen, man müsse die Flüchtlinge so schnell als möglich verfolgen.

Dieser Vorschlag wurde einstimmig angenommen. Die Flüchtlinge waren zu unerfahren, als dass sie vielen Scharfsinn aufgeboten hätten, um ihre Spur zu verbergen. Die eilends ausgesandten Verfolger brachten wirklich schon am folgenden Tage die beiden verwirrten Schäflein zurück.

Aber dies war keine befriedigende Entwickelung und das Fräulein von Florsheim verlangte die Ausfüllung der Bresche, welche der Ehre ihres Hauses in der Person ihrer Nichte geschlagen worden war. Aber Mademoiselle de Beauterne weigerte sich unbedingt. Sie war in Frankreich noch sehr begütert und es genügte ihr keineswegs, dass der Erbe dieses Reichtums mit einer der berühmtesten bairischen Adelsfamilien verbunden wurde, sondern sie verlangte auch eine Mitgift, welche dieser Ehe einen solideren Wert verleihe. Da die Familie Florsheim diese Zumutung aus sehr triftigen Gründen zurückwies, so verlangte die alte Dame, dass die Sache im status quo bleibe und der Romanstreich mit dem Mantel der Liebe zugedeckt werde. Sie versichert, es sei nur eine Kinderei, zu welcher das Fräulein von Florsheim samt den übrigen Stiftsdamen die Veranlassung gegeben habe; Dieudonné sei zu fromm, zu wohlerzogen und insbesondere zu jung, als dass der kleine Abstecher, den er mit seinem Liebchen nach München gemacht, unangenehme Folgen haben könne.

Aber nach einigen Monaten sah Mademoiselle de Beauterne wohl ein, dass sie zu viel verbürgt hatte, als sie ihren Neffen als einen harmlosen blöden Schäfer hinstellt?. Die Sache nahm eine so bedenkliche Wendung, dass ihr Beichtvater auf dringendes Ersuchen des Fräuleins von Florsheim einschritt.

Durch die Vorstellungen des würdigen Mannes endlich überzeugt, gab Mademoiselle de Beauterne scheinbar bloß den Bitten und Tränen der jungen Leute nach, um sich neue Ansprüche auf den Dank derselben zu erwerben, und zur größten Freude der Stiftsdamen erhielt diese Liebe, welche sie als ihr Werk betrachteten, die Weihe der Kirche.

Die jungen Leute bezogen ein kleines Landhaus in der Nähe, und unter dem Patronat der Stiftsdamen, welche das Pärchen mit neugierigen, neidischen Argusaugen bewachten, schien der Honigmonat ewig zu dauern.

Der Tod des Fräuleins von Beauterne war die erste Wolke welche über ihr Glück dahinzog. Die gute Dame hinterließ ihrem Neffen ungefähr dreißigtausend Livres Renten, und wir müssen es ihm rühmend nachsagen, dass er sich weder durch dieses anständige Vermögen, noch durch die unaufhörliche Konjugation des Zeitwortes lieben abhalten ließ, das Andenken seiner zweiten Mutter durch aufrichtige Thränen zu ehren.

Dieudonné hatte das zwanzigste Jahr überschritten, ohne die Sanftmut, und Naivität seiner Kindheit verloren zu haben. Er umfasste noch immer die ganze Welt mit seinem Wohlwollen und Mitleid, welches freilich mit einer gewissen trüben, wehmütigen Stimmung gemischt war; vermutlich die Folge der Ereignisse, welche vor seiner Geburt stattgefunden hatten.

Er bot den sonderbaren Anblick eines Menschen, der weder Neigungen noch Wünsche hatte. Aus dem Katechismus hatte er die Leidenschaften dem Namen nach kennen gelernt, aber nach beendeten Schuljahren hatte er ihn vergessen. Er lebte ganz für Mathilde und fügte sich willig ihren Launen. Sie war etwas lebhafter als er, und trug gewiss den größeren Teil der Schuld an der Flucht. Die Launen der jungen Frau bewirkten indes nicht die mindeste Veränderung in dem ruhigen, harmlosen Leben, welches des goldenen Zeitalters würdig gewesen wäre; denn alle ihre Wünsche, die sich m dem engen Rahmen der Häuslichkeit bewegten, wurden ja immer erfüllt, sobald sie ausgesprochen waren.

Der Chevalier de la Graverie warf nie einen neugierigen Blick über die Mauer, welche sein irdisches Paradies umgab. Er fürchtete sich, ohne zu wissen warum, vor dem Leben und Treiben der Menschen; das Geräusch der Welt berührte ihn unangenehm, und um es nicht zu hören, hielt er sich am Tage die Ohren zu, zog er in der Nacht die Bettdecke über den Kopf.

Er kam daher ganz aus der Fassung, als er, durch den Tod seiner Tante noch erschüttert, einen Brief aus Paris von dem Baron de la Graverie erhielt.

Dieudonné hatte von diesem älteren Bruder nur bei Gelegenheit seiner Vermählung und durch Vermittlung seiner Tante gehört.

Wir haben gesagt, dass er sich die Ohren zuhielt, um das Weltgetümmel nicht zu hören. So war es gekommen, dass er das Getöse, mit welchem der Thron des großen Napoleon zum ersten Male umstürzte, kaum vernommen hatte; der zweite Sturz des Kaisers war ihm ganz unbekannt geblieben. Die französische Armee hatte sich durch ganz Deutschland zurückgezogen, die Heere Preußens, Österreichs und Russlands waren ihr nachgeeilt, der Menschenstrom hatte sich weit und breit ergossen, aber in seiner Einsamkeit hatte der Chevalier das Brausen der Wogen nicht gehört.

Der Baron de la Graverie meldete nun seinem jüngeren Bruder Alles was dieser nicht wusste, insbesondere, dass die Restauration die Fürsten des Hauses Bourbon nach Frankreich zurückgeführt habe, und forderte ihn auf, der Pflicht seines Standes gemäß nach Paris zu kommen und seinen Platz in der Nähe des Thrones einzunehmen.

Es versteht sich, dass sich Dieudonné anfangs entschieden weigerte, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Er verwünschte Ludwig XI., nicht wegen der Hinrichtung des Herzogs von Nemours, nicht wegen der Ermordung des Grafen von Armagnac, nicht wegen der Treulosigkeit gegen seinen Vater, den unglücklichen Carl VII., sondern wegen der Erfindung der Post.

Wir wissen, dass Dieudonné ziemlich schlecht in der Wissenschaft bewandert war; er verwechselte die Fahrpost mit der Briefpost, aber im Grunde stammen beide aus der Zeit Ludwigs XI., die eine war die Folge der andern.

Er war so betroffen, dass er, als seine Gattin in die Tür trat, noch mit aufgehobenen Händen stand und seufzte: »Warum bin ich nicht auf Robinson Crusoes Insel geboren!«

Mathilde sah wohl ein. dass ihrem Gatten etwas sehr Trauriges begegnet sein müsse und sah ihn mit großer Besorgnis an.

Dieudonné reichte ihr den Brief etwa mit derselben Gebärde, mit welcher Talma, in der Rolle des Manlius, dem Servilius das Schreiben, welches den Verrat des Letzteren enthüllte, überreicht haben mag.

Sie las den Brief und schien den Schmerz ihres Gatten keineswegs zu teilen: die Reise nach Paris und der Aufenthalt in der Hauptstadt der Mode und Eleganz, von welcher die alten adeligen Klatschschwestern so viel in ihrer Gegenwart geplaudert, hatte durchaus nichts Abschreckendes für sie. Die Stiftsdamen, welche freilich nur den französischen Hof vor 1789 kannten, hatten sowohl diesen wie alle andern Höfe als die reizendsten Aufenthalte geschildert, und Mathildens angeborene Koketterie weckte in ihr den Wunsch zu glänzen. Sie wusste ihrem Gatten durch viele triftige Gründe zu beweisen, dass er den Weisungen des Familienhauptes Folge leisten müsse, und er ließ es sich leicht einreden, da er gewohnt war, alle ihre Aussprüche wie Orakel zu verehren.

Das junge Paar entschloss sich also, das hübsche, freundliche einsame Nest zu verlassen, und reiste im Juli 1814 nach Frankreich ab.

Schon auf der ersten Poststation begannen die Drangsale des Chevalier de la Graverie. Mathilde, die sich des Anblicks neuer Gegenstände freute und im Geiste mit den Pariser Herrlichkeiten beschäftigte, stimmte nun nicht mehr ein in das elegisch-zärtliche Duett, welches Dieudonné vom Morgen bis zum Abend sang.

Dieudonné’s bemerkte es bald, und sein erregbares Gemüt wurde schmerzlich dadurch berührt.

Er kam also in trüber Stimmung nach Paris, und nachdem er die Adresse seines Bruders, dessen Brief ihn seiner Ruhe so schonungslos entrissen, aufgesucht und gefunden hatte, begab er sich zu dem Baron, der als Aristokrat vom reinsten Wasser natürlich in der Vorstadt Saint-Germain wohnte.

Der Baron de la Graverie war beinahe neunzehn Jahre älter als sein Bruder; er war mitten im Monarchenthum, im Jahre des Regierungsantrittes Ludwigs XVI. geboren. Im Jahre 1784 hatte er die Adelsprobe von 1399 abgelegt und war Page geworden. Nach der Erstürmung der Bastille im Jahre 1789 war er mit seinem Oheim ins Ausland gegangen. Er hatte daher seinen Bruder nie gesehen und bei diesem Mangel an persönlicher Bekanntschaft war auch keine innige Zuneigung zu erwarten.

Zu dieser Gleichgültigkeit kam der Neid über die glücklichen Vermögensverhältnisse des Chevalier; denn der Baron de la Graverie war, wie sich später zeigen wird, keineswegs frei von Charakterschwächen. Er, der ruinierte, mit Sorgen kämpfende Royalist, konnte es seinem jüngeren Bruder nicht verzeihen, dass er das ganze Vermögen der Tante geerbt hatte; ein Vermögen, auf welches er als der ältere Bruder nähere Ansprüche zu haben glaube.

Wie hatte der Chevalier dieses Vermögen erworben? Dadurch, dass er einer Gesellschaft alter Stiftsdamen den Hof gemacht hatte!

Wenn der jüngere Bruder, wie es seine Schuldigkeit war, Malteserritter geworden wäre, so würde ihm der Baron diese Erbschleicherei – wie er es nannte – vielleicht verziehen haben. Aber Dieudonné hatte sich vermählt, und der Baron fand ganz unbegreiflich, dass ein jüngerer Sohn. d. i. ein ganz neutrales, unberechtigtes Wesen, die unerhörte Kühnheit haben könne, eine Frau zu nehmen; denn er entzog dadurch den möglicherweise zu erwartenden Söhnen des altern Bruders ein Vermögen, welches, nachdem es dem Vater entzogen worden, wenigstens den Kindern hätte zufallen können.

Der Baron machte den Chevalier daher schon bei der ersten Unterredung mit seinen Ansichten über diesen Punkt bekannt und setzte mit staunenswerter Dreistigkeit hinzu, er hoffe, der Himmel, welcher der jungen Frau schon einmal die Mutterfreuden versagt, werde den Ehegatten auch ferner keine Nachkommenschaft schenken, damit die ältere Linie in Besitz des ihr gebührenden Nachlasses der Stiftsdame komme.

Diese Worte erbitterten Mathilde, die ihren Gemahl zu dem Baron begleitet hatte, und erpressten dem armen Dieudonné einige heiße Tränen. Er fühlte, dass er gewiss ein zärtlicher Vater werden würde, und beweinte die von dem Baron prophezeite Vereitelung seiner Vaterhoffnungen. Er sah abwechselnd seine Gemahlin und seinen Bruder an und schien diesen zu fragen, wie er ihm seine Vermutung mit der hübschen, liebenswürdigen, zärtlichen Mathilde zum Vorwurf machen könne. Waren denn die von seiner Liebe verdoppelten, verdreifachten Reize der jungen Frau keine genügende Rechtfertigung? Oder hatte der Baron, wie Alcest, dem schönen Geschlecht ewigen Hass geschworen?

Allein bei reifer Überlegung bedachte er doch, dass er in Frankreich geblieben war und weder die Strapazen des Krieges noch die Drangsale der Auswanderung kennen gelernt hatte; er war reich, sein Bruder hingegen hatte aus der Fremde nur seinen Degen und seine Epauletten zurückgebracht. Er schwankte einen Augenblick und fragte sich, ob er durch die Annahme des Vermächtnisses der Tante Beauterne seinem Bruder nicht Unrecht getan habe.

Ohne die Sache weiter in Erwägung zu ziehen und ohne die Winke Mathildens zu beachten, entschuldigte er sich wegen eines Versehens, dessen Folgen er erst jetzt einsehe, bot dem Baron die Hälfte des von der Stiftsdame hinterlassenen Vermögens an und erbot sich, die Schenkungsurkunde noch denselben Tag zu unterzeichnen.

Der Baron willigte ein, ohne sich lange bitten zu lassen.

VI
Der Chevalier de la Graverie unter den grauen Musketieren

Wie herzlos auch der Baron war, so schien er doch gerührt durch das Zartgefühl seines Bruders, und als die von dem Notar des Barons erfasste Schenkungsurkunde von dem Chevalier unterzeichnet war, umarmte der ältere Bruder den jüngeren mit einer Herzlichkeit, in welcher er fast seine Würde als Oberhaupt der Familie vergaß. Der Chevalier zerfloss in Thronen; er war gewiss dankbarer für diese einfache brüderliche Demonstration, als der Baron für die Rente von fünfzehntausend Livres, die ihm so unerwartet zufiel und die mit dem was er schon besaß, sein Gesamteinkommen genau auf fünfzehntausend Francs brachten.

Nach der brüderlichen Umarmung erklärte der Baron, er werde Dieudonné künftig wie seinen eigenen Sohn lieben und für seine Anstellung bei Hofe sorgen.

Um ihm einen unleugbaren Beweis seiner väterlichen Fürsorge zu geben, bat er für ihn um eine Stelle unter den sogenannten »grauen Musketieren« und in der Meinung, ihm eine höchst angenehme Überraschung zu bereiten, sagte er ihm kein Wort von seinen Bemühungen.

Eines Abends als sich Dieudonné zu Tische setzte, fand er unter seiner Serviette den vom Könige Ludwig unterzeichneten Bestallungsbrief, der ihn zum Mitglied des bevorzugten und in hohem Ansehen stehenden Corps ernannte.

Es war in der Tat eine große Ehre; die jungen Edelleute aus den ersten Familien Frankreichs bewarben sich um den Eintritt in die sogenannte Maison-Rouge. Denn sowohl die »schwarzen« als die »grauen Musketiere« hatten rote Uniform und führten ihren Namen nach der Farbe ihrer Pferde. Überdies stand jeder Musketier im Rang eines Lieutenants.

Aber wie groß auch diese Ehre war, so müssen wir doch gestehen, dass der Chevalier de la Graverie seit dem Empfange des Briefes, der ihn seiner süßen Ruhe entrissen, keine peinlichere Erschütterung empfunden hatte, als die, welche ihm der Anblick des Pergaments verursachte. Er verlor fast das Bewusstsein, und der kalte Schweiß rann ihm von der Stirn.

Als er einigermaßen wieder zur Besinnung gekommen war, wies er diese Ehre mit einer Entschiedenheit zurück, die man von seinem gutmütigen, Lenksamen Temperament nicht erwartet hätte. Er weigerte sich aus vielen Gründen, unter denen der triftigste war, dass er, im Gegensatz zu seinem berühmten Vorgänger d'Artagnan, nicht die mindeste Freude am Soldatenleben fand.

Der Baron de la Graverie erfuhr diese Weigerung durch einen Brief, den der Chevalier in der ersten Aufwallung schrieb.

Er geriet darüber in gewaltigen Zorn: diese Weigerung: des Chevaliers kompromittierte ihn im höchsten Grade; er hatte seinen ganzen Einfluss geltend gemacht, um die Unterschrift des Königs zu erlangen, und die Erklärung, dass ein La Graverie nicht fähig sei, einen militärischen Posten zu bekleiden, musste ihn, den Baron, dem Gespött des Hofes preisgeben.

Er antwortete daher seinem Bruder, er müsse die rote Uniform anziehen, auf seinen Willen komme es dabei gar nicht an, und dem Könige schrieb er, sein Bruder sei für die ihm erwiesene Gnade so von Dankbarkeit durchdrungen, dass er nicht wisse, wie er dieselbe zu erkennen geben solle, und daher ihn, den Baron, beauftragt habe, Sr. Majestät die Gefühle seines von Dank überwallenden Herzens auszudrücken.

Der arme Dieudonné konnte nun nicht mehr zurücktreten; der Baron hatte ja in seinem Namen geantwortet und gedankt.

Der Chevalier hatte eine tiefe Ehrfurcht vor der Familienhierarchie. Der Baron, als das Haupt der Familie, hatte, alle Mühen und Sorgen des Lebens auf sich genommen und ihm nur die Freuden und Genüsse gelassen: ja ungeachtet der keinen Augenblick bereuten Abtretung der Hälfte seines Erbteils fragte er sich zuweilen, ob es nicht unrecht sei, dass er seinem älteren Bruder die andere Hälfte vorenthielt.

Die Vorwürfe des Undanks, die ihm der Baron von Zeit zu Zeit persönlich machte, machten daher einen so tiefen Eindruck auf ihn, dass er nichts zu Antworten wusste und stumm blieb.

Mathilde sah ihren Schwager mit einem bittenden Blicke an; denn die Verlegenheit ihres armen Gatten that ihr weh. Sie hatte noch nicht Zeit gehabt, ihr naives, unbefangenes Deutsches Gemüt in der Berührung mit der französischen Gesellschaft abzustreifen: sie betrachtete Dieudonné als den Antinous des achtzehnten Jahrhunderts, und zweifelte nicht, dass die schöne Musketieruniform manche an ihm vermutete Vorzüge hervorheben werde; sie hatte sich also aus ehelicher Koketterie entschlossen, die Bemühungen ihres Schwagers zu unterstützen.

Dies war im Grunde nicht mehr notwendig: der Baron hatte ja im Namen seines Bruders geantwortet, und gedankt. Dieudonné konnte nicht mehr zurücktreten, er war grauer Musketier vom Kopf bis zu den Füßen und stand von nun an unter dem Befehl des Marschalls Marmont, Herzogs von Ragusa und Oberbefehlshabers sämtlicher Leibgarde des Königs.

So legte denn der unglückliche Chevalier acht Tage später die Uniform mit der stillen, frommen Ergebung eines Pudels an, den man in einen Troubadour verkleidet, um ihn auf dem Seil tanzen zu lassen.

Die Uniform war prächtig: roter Frack, Beinkleider von weißem Casimir, hohe Reiterstiefel, Helm mit flatterndem Rossschweif, Panzer mit Kreuz und goldener Sonne. Aber der arme Dieudonné fühlte sich sehr unbehaglich in dieser prächtigen Uniform. Er hatte seine ungebührlich hohe Meinung von sich selbst, und fand sich linkisch und lächerlich in dem Panzer. Er war klein und beleibt, und sein rötliches bartloses Gesicht würde sich in dem Gewand eines Chorknaben recht hübsch ausgenommen haben, war aber in der Uniform höchst lächerlich.

In Zivilkleidern war der Chevalier indes eben nicht hässlicher, als die meisten andern Männer, und die Redensart: er ist nicht übel, mit welcher man bei gewissen Personen männlichen Geschlechts den Mangel an Grazie zu bemänteln sucht, konnte auf den Chevalier eben so gut, ja noch besser als auf manchen Andern eine Anwendung finden.

Aber die Uniform machte diese Mängel sehr bemerkbar. War er zu Fuß, so schienen die hohen Stiefel ans seinem Bauch hervorzukommen, wie der Stiel aus einem Fangbecher, und Mancher, der ihn vorübergehen sah, fragte seinen Nachbar, »Können Sie mir sagen, wer der Rossschweif ist, der da vorbeigeht?«

Doch dies war noch die leidliche Seite der Situation. Um sich einen Begriff von den Qualen zu machen, die der Mensch erdulden kann, ohne zu sterben, musste man den Chevalier de la Graverie zu Pferde sehen.

Wenn er im Alter von zehn Jahren oben auf einer Treppe gewesen war, so pflegte er seine Tante zu rufen, um sich hinunterführen zu lassen. Wenn er als fünfzehnjähriger Knabe dann und wann den Esel des Gärtners bestieg, so ging eine seiner Gönnerinnen voran und eine andere hinterher, damit der Esel, wenn es ihm etwa einfallen sollte durchzugehen, sowohl beim Zügel als beim Schweif gehalten werden konnte.

Wie fleißig daher der Chevalier die Reitschule besuchte und wie beharrlich er die Theorie studierte, so war es ihm doch unmöglich, seine zugleich runden und steifen Gliedmaßen mit den Bewegungen des Pferdes in Einklang zu bringen.

Der Chevalier hatte ein recht lammfrommes Pferd verlangt, aber sein Bruder wählte für ihn ein fehlerfreies, aber feuriges Schlachtross. Dieudonné hatte es so klein als möglich gewünscht, aber die Pferde sämtlicher Garden mussten eine bestimmte Größe haben, unter welcher keines zugelassen wurde. Der Chevalier, der schon den Schwindel bekam, wenn er von einer unbeweglichen Treppe hinunter sah, verlor fast die Besinnung, wenn er ein kräftiges, mutiges Pferd ritt.

Es war in der Tat ein Wunder, dass er auf seinem Bayard – diesen Namen hatte der Baron dem Pferde zur Erinnerung an das Ross der vier Haimonskinder gegeben – das Gleichgewicht behielt; denn er thronte im Sattel etwa mit derselben Grazie und Solidität, wie ein Mehlsack auf dem Rücken eines Maulesels. In schwierigen Fällen leisteten ihm seine rechts und links reitenden Kameraden gute Dienste. Denn zum Glück für ihn wurden Letztere durch seine Sanftmut und Anspruchslosigkeit gerührt, und sie schämten sich, ein so harmloses Wesen zur Zielscheibe ihres Spottes zu machen.

Dieudonné würde gern seinen Abschied genommen haben. um diesen Drangsalen ein Ende zu machen, wenn er nicht gefürchtet hätte, seiner Frau einen Kummer zu machen und mit seinem älteren Bruder in offene Fehde zu kommen.

Vor Allem fürchtete er den Tag, wo ihn die Reihe treffen würde, den Wagen des Könige zu eskortieren. Man ritt dann nicht in Reihe und Glied, sondern galoppierte einzeln und ohne strenge Ordnung, Der König, der sehr regelmäßig lebte, fuhr täglich zu einer bestimmten Stunde aus, Ludwig XVIII. tat heute genau dasselbe was er gestern getan hatte. Von seinem Einzuge in Paris am 3. Mai 1814 bis zu seinem Tode, 16. September 1824, war die Einteilung seiner Zeit folgende: Um sieben Uhr Morgens stand er auf, empfing den Oberkammerherrn oder Herrn von Blacas um acht Uhr; seine Geschäfte erledigte er von neun bis zehn Uhr, dann frühstückte er in Gesellschaft der diensttuenden Kavaliere und anderer Personen, welche ein für allemal Zutritt bei ihm hatten, nämlich mit den Großwürdenträgern und den Kapitänen der Gardekompanien.

Nach dem Frühstück, welches in der ersten Zeit nur fünfundzwanzig Minuten dauerte, aber sich mit der Zeit bis auf drei Viertelstunden ausdehnte, ging man in das Kabinett des Königs, wo fünf Minuten vor elf, nie früher oder später, die Konversation begann. Nachdem sich die immer mit zwei Damen anwesende Herzogin von Angouleme entfernt hatte, pflegte der König zur Erheiterung der Zuhörer ein lustiges, auch wohl etwas schlüpfriges Geschichtchen zu erzählen. Zehn Minuten nach elf Uhr entließ er die Anwesenden, um bis zwölf Uhr die Privataudienzen zu erteilen.

Um zwölf Uhr hörte er mit seinem aus mindestens zwanzig Personen bestehenden Gefolge die Messe. Nach seiner Rückkehr in die Appartements empfing er seine Minister oder führte den Vorsitz im Staatsrate, der sich einmal wöchentlich versammelte. Dann las er ein paar Stunden oder zeichnete Häuserpläne, die er nachher ins Feuer warf.

Um drei oder vier Uhr, je nach der Jahreszeit, fuhr er in einer großen Kutsche spazieren und zwar so schnell, dass er oft fünf, sechs, ja zehn Lieues zurücklegte. Zehn Minuten vor sechs traf er wieder in den Tuilerien ein. Um sechs Uhr speiste er en famille er ah mit gutem Appetit, aber nur von gewählten Speisen.

Die königliche Familie blieb bis acht Uhr beisammen: dann fanden sich alle Personen ein, die Zutritt bei Hofe hatten. Um neun Uhr begab sich Ludwig XVIII. in den Sitzungssaal, wo er das Losungswort für die Schlosswache gab. Den zwanzig Minuten dauernden Aufenthalt des Königs im Saale benutzten einige Personen, um ihre Aufwartung zu machen. Dann begab sich der König in sein Zimmer, las im Horaz Virgil oder Racine und ging um elf Uhr zu Bett.

Mitten unter dieser langen Reihe von »kleinen Pflichten,« die sich der König aufgebürdet hatte und die er pünktlich und gewissenhaft erfüllte, hatte nur ein einziger Paragraph ein Interesse für den Chevalier de la Graverie. Dieser Paragraph lautete:

»Se. Majestät bringt täglich das Wetter sei gut oder schlecht, von drei Uhr bis drei Viertel auf sechs im Freien zu.«

Die Leibgarde lieferten die Eskorte für die Spazierfahrten, die Musketiere so gut wie die andern. Aber da die Garden sehr zahlreich waren, so kam jeder nur einmal monatlich an die Reihe.

Der Zufall wollte, dass der Chevalier erst fünfundzwanzig Tage nach seinem Eintritt zur Eskorte beordert wurde. Es war ein verhängnisvoller Tag. Mathilde und der Baron waren sehr erfreut: sie hofften Beide, Dieudonné weide vom König bemerkt werden. Der Nebelstern konnte ja bei dem mindesten Schimmer ein Stern erster Größe werden. Leider war das künftige Gestirn hinter einer düsteren Wolke – der Furcht versteckt!

Die Stunde schlug, die Eskorte wartete zu Pferde im Hof. Der König kam herunter, und kaum war er eingestiegen, so setzte sich der Zug wie gewöhnlich in Galopp.

Wer den Chevalier gesehen hätte, würde Mitleid mit ihm gehabt haben. Er war außer Stande, sein Pferd zu lenken. Zum Glück war das Pferd so gut dressiert, dass es den Reiter lenkte. Das kluge Tier schien die Verlegenheit des Chevaliers zu begreifen und nahm von selbst seinen Platz in der Eskorte ein.

Zu dem Sattelknopf konnte der arme Dieudonné seine Zuflucht nicht nehmen, denn die eine Hand hielt den Zügel, die andere den Säbel er sah sich in der größten Gefahr zu stürzen, und um sich im Sturz nicht aufzuspießen, hielt er den Säbel von der eigenen teuren Person so weit als möglich entfernt.

Die Spazierfahrt wurde sehr weit ausgedehnt. Der König machte die Runde um die halbe Stadt Paris, Ein guter Reiter wäre sehr müde geworden, der Chevalier de la Graverie war wie gerädert, und ungeachtet der Winterkälte triefte er von Schweiß, als ob er in die Seine gefallen wäre.

Er überließ seinem Reitknecht das Pferd, und anstatt,wie gewöhnlich, mit seinen Cameraden in den Tuilerien zu speisen, warf er sich in einen Fiaker und fuhr nach Hause.

Mathilde erschrak, als sie ihn erblickte; er schien um zehn Jahre älter geworden zu sein.

Der Chevalier ließ sein Bett mit Zucker räuchern, begab sich zur Ruhe und stand erst nach drei Tagen wieder auf. Noch vierzehn Tage später klagte er über Schmerzen im ganzen Körper.

Ach! wie sehnte er sich zurück nach dem stillen, gemütlichen Leben in der kleinen baierrschen Villa, an das trauliche Tändeln und Kosen, an die sentimentalen Spaziergänge, wo das Schweigen der beiden jungen Gatten eben so beredt war wie das zärtlichste Geplauder, so innig waren ihre Seelen verschmolzen! Dieses Glück war nun dahin, es lebte nur noch in seiner wehmütigen Erinnerung.

Das Schlimmste dabei war, dass Mathilde durch diese leidigen Hüft- und Kreuzschmerzen zu Vergleichen bewogen wurde, die dem armen Dieudonné keineswegs günstig waren: wie hätte sie ihn fortan für den vollkommenen Mann halten können?

Es ist ein gefährlicher Moment für die Liebe, für die eheliche Treue, wenn das bisher zärtliche Weib zu ahnen beginnt, dass der Mann, den sie als ihr Idol zu betrachten gewohnt war, nicht für sie geschaffen sei. Ein zur gesetzlichen Münze gewordener Mann hat nur noch Zwangskurs.

Damit soll nicht gesagt sein, dass Mathilde von dem Tage an, wo sie diese unglückliche Entdeckung machte, aufgehört hätte, ihren Gatten zu lieben; im Gegenteil, die Pflege, welche sie ihm während seiner Unpässlichkeit angedeihen ließ, war nichts im Vergleich mit der Zärtlichkeit, die sie vor den Leuten an den Tag legte; einige scheinspröde Damen fanden diese Zärtlichkeit der jungen Deutschen sogar unanständig. Aber wir müssen zur Steuer der Wahrheit gestehen, dass Mathilde zu Hause fast nur noch den Mund auftat, um zu gähnen, und dass ihre Pflichten und Verbindlichkeiten gegen die Gesellschaft mit jedem Tage ungemein zunahmen.

Der Chevalier de la Graverie ahnte natürlich nicht, dass er nicht mehr der glücklichste Mann auf Erden war; er würde es gewiss gewesen sein, wenn er nicht Musketier gewesen wäre. Zumal die jeden Monat wiederkehrende Eskorte, die wie ein Damoklesschwert über seinem Haupt hing, verbitterte seine süßesten Stunden.

VII
Wo ein Ereignis stattfindet, welches den Chevalier de la Graverie mit einem dreimonatlichen Urlaube beglückt

Der Monat Februar verstrich, wie der Jänner verstrichen war, den Chevalier traf wieder die Reihe, den Wagen des Königs zu eskortieren, und seine Angst war dieses Mal leider noch mehr gerechtfertigt, als das erste Mal. Sein Pferd stürzte, der Chevalier fiel auf das Straßenpflaster und verrenkte sich die Schulter.

Er wurde nach Hause gebracht und ärztlich behandelt. Der arme Mann war froh, dass er noch so davongekommen war.

Dieser Unfall wurde schnell bekannt, die vornehmsten Hofkavaliere besuchten ihn oder ließen ihre Karte abgeben. Der König ließ sich dreimal nach seinem Befinden erkundigen.

Der Baron frohlockte.

»Du musst diesen Vorfall zu benutzen wissen.« sagte er zu seinem Bruder, »und dein Glück ist gemacht.«

Der Chevalier war mit Vergnügen bereit, wenn es ihm nur möglich war, ohne ein Pferd zu besteigen.

Zu Hause hatte er kaum noch nötig, den Arm in der Binde zu tragen’; er trat oft vor den Spiegel und hob drohend die Faust gegen einen Unbekannten, der wohl der Baron sein mochte, und wenn er seine Mathilde umarmen wollte. fand er in dem verrenkten Arme dieselbe Kraft wie in dem andern. Aber in Gegenwart der Besucher, insbesondere der königlichen Hausoffiziere, die sich nach seinem Befinden erkundigten, erheuchelte er einen hartnäckigen Schmerz und schnitt bei jeder Bewegung ein jämmerliches Gesicht – ob absichtlich oder unwillkürlich mag dahingestellt bleiben. Vermutlich hoffte er auf diese Weise mindestens eine Eskorte zu umgehen.

Er legte sich daher freiwilligen Stubenarrest auf und verließ das Bett nur, um sich auf das Sofa auszustrecken. So fand er das schon verloren geglaubte glückliche Stillleben wieder.

Während der Chevalier die Zeitungen und insbesondere den »Moniteur« las, dessen Sanftmut mit seinem Charakter im Einklang stand – saß Mathilde strickend oder stickend an seiner Seite und gähnte, jedoch mit abgewendeten Gesicht, um die unschöne Kinnladenverrenkung nicht sehen zu lassen.

Am ?. März fand er im Moniteur folgende Proklamation:

»Wir haben am 31. Dezember vorigen Jahres die Kammern vertagt, um die Sitzungen derselben am 1. Mai wieder zu eröffnen. Während dieser Zeit haben Wir Uns allen Arbeiten, welche die öffentlichen Ruhe und das Glück unserer Völker sichern können, mit großem Eifer gewidmet —«

»Das ist wahr,« sagte der Chevalier, die Lesung unterbrechend; »und ich für meine Person habe dem Könige nichts vorzuwerfen, als seine täglichen Spazierfahrten mit Eskorte.«

Dann las er weiter:

»Diese Ruhe ist gestört, vieles Glück kann durch Tücke und Verrat, gefährdet werden —«

»Hörst Du wohl. Mathilde?«

»Ja.» antwortete die junge Frau gähnend, »ich höre von Tücke und Verrat; aber ich verstehe nicht was damit gemeint ist.«

»Ich auch nicht,« erwiderte der Chevalier, »aber ich hoffe, es wird schon klar werden. Ich fahre fort:

»Wenn die Feinde des Vaterlandes auf die Uneinigkeit, welche immer zu fördern suchten, ihre Hoffnung gesetzt haben, so werden seine gesetzlichen Stützen und Verteidiger diese verbrecherische Hoffnung durch die Kraft einer unzerstörbaren Eintracht vereiteln —«

»Ja wohl,« sagte der Chevalier, »diese verbrecherische Hoffnung wird man vereiteln, und ich werde der Erste sein, der dabei tätig ist, wenn mein Arm geheilt ist. – Nicht wahr, Mathilde, die Regierung schreibt sehr gut?«

»Ja,« erwiderte Mathilde, ohne den Mund aufzutun, indem sie fürchtete, die Kinnladen nicht mehr in ihrer Gewalt zu behalten.

»Der Moniteur ist heute recht interessant,« sagte der Chevalier und las weiter:

»Aus diesen Gründen haben Wir nach Anhörung des Berichtes Unseres lieben, getreuen Kanzlers von Frankreich, des Herrn Dambray, Kommandeur Unserer Orden, verordnet und verordnen wie folgt:

»Artikel 1. Die Pairskammer und die Kammer der Abgeordneten der Departements werden an ihren gewöhnlichen Sitzungsort einberufen.

»Artikel 2. Die von Paris abwesenden Pairs und Deputierten werden sich sofort dahin begeben, sobald sie Kenntnis von dieser Proklamation bekommen.

»Gegeben im Schloss der Tuilerien, 6. März 1815, am 20. Unserer Regierung.

Ludwig.«

»Es ist sonderbar,« sagte der Chevalier, der »König beruft die Kammern ein, und sagt nicht warum er sie einberuft.«

»Du Hast mir immer versprochen, mich in eine Sitzung zu führen, um mich zu zerstreuen,« sagte Mathilde.

»Ich werde Dich hinführen, mein Engel.«

»Ach, es wird gewiss recht unterhaltend sein!« sagte Mathilde, die im Vorgefühl der Zerstreuung unaufhörlich gähnte.

»Ha, ich finde noch eine Ordonnanz,« sagte der Chevalier, »diese zweite Ordonnanz klärt uns vielleicht Alles auf.«

Er las:

»Ordonnanz

»Auf den Bericht Unseres lieben getreuen Kanzlers von Frankreich, des Herrn Dambray, Kommandeurs Unserer Orden, haben Wir verordnet und erklärt, verordnen und erklären wie folgt.

»Artikel 1. Napoleon Bonaparte wird als Verräter und Rebell erklärt, weil er mit bewaffneter Hand in das Departement du Var eingedrungen ist —«

»Ist es möglich?« sagte der Chevalier. »Hast Du es gehört, Mathilde?«

»Verräter und Rebell, weil er mit bewaffneter Hand in das Departement du Var eingedrungen ist,« wiederholte Mathilde mechanisch. »Aber wer ist denn ein Verräter und Rebell?«

»Napoleon Bonaparte, wer denn sonst? Aber es ist mir unbegreiflich: mich dünkt, dass man ihn auf einer Insel eingesperrt hatte —«

»Ja wohl,« erwiderte Mathilde, »auf der Insel Elba.«

»Dann konnte er aber nicht in das Departement du Var eindringen; es müsste denn von der Insel Elba eine Brücke zu dem besagten Departement führen. – Doch wir wollen hören was die Ordonnanz weiter sagt.«

»Es wird folglich allen Statthaltern, Kommandanten der bewaffneten Macht, Nationalgarden, Zivilbehörden und selbst allen Staatsangehörigen zur Pflicht gemacht, auf ihn zu fahnden —«

»Ich will hoffen, dass Du ruhig zu Hause bleiben wirst.«

»Das ist noch nicht Alles. Warte nur. Höre weiter,«

»– auf ihn zu fahnden, ihn zu verhaften, und sofort vor ein Kriegsgericht zu stellen, welches nach festgestellter Identität die vom Gesetz bestimmte Strafe über ihn verhängen wird —«

In diesem Augenblicke wurde der Chevalier durch das Erscheinen des Dieners, der den Baron de la Graverie meldete, beim Zeitungslesen unterbrochen.

Der Baron war vollständig gerüstet und bewaffnet, wie Marlborough.

Der Chevalier erblasste, als er ihn in dieser martialischen Furchtbarkeit erblickte.

»Du weißt doch was vorgeht?« sagte der Baron.

»Ich ahne es.«

»Der korsische Werwolf hat seine Insel verlassen, und ist im Golf Juan gelandet.«

»Im Golf Juan? Was ist das?«

»Ein kleiner Hafen, zwei Lieues von Antibes.«

»Von Antibes?«

»Ja, und ich komme um Dich zu holen.«

»Mich? warum denn?«

»Hast Du denn nicht gelesen, dass allen Kommandanten der bewaffneten Macht, allen Nationalgarden und Zivilbehörden. ja selbst allen Staatsbürgern zur Pflicht gemacht wird, auf ihn zu fahnden – Ich will Dich abholen, um zu fahnden.«

Der Chevalier warf einen bittenden Blick auf seine Frau; er erkannte in allen bedenklichen Fällen mit lobenswerter Bescheidenheit, dass sie mehr Geistesgegenwart hatte als er, und zählte auf sie, um aus der Klaue zu kommen.

Mathilde verstand den flehenden Blick.

»Mich dünkt,« sagte sie zu dem Baron, »dass Sie einen wichtigen Umstand vergessen: Ihnen steht es jeden Augenblick frei, Ihren Säbel zu nehmen und auf jede beliebige Person zu fahnden. Dieudonné hingegen gehört zum Hofe, dessen, Verhalten er sich als Richtschnur nehmen wird. Wenn er jetzt Paris verließe, um gegen Napoleon zu Felde zu ziehen, so wäre er ein Deserteur.«

Der Baron biss sich in die Lippen.

»Sie scheinen der Oberkommandant meines Bruders zu sein,« sagte er höhnisch.

»Nein,« erwiderte Mathilde gelassen, »sein Oberkommandant ist, soviel mir bekannt, der Herzog von Ragusa.«

Sie arbeitete ruhig an ihrer Stickerei fort, während der Chevalier sie mit Bewunderung betrachtete.

»Nun, dann gehe ich ohne ihn!« sagte der Baron.

»Dann wird die Ehre Ihnen allein zu Teil werden,« sagte Mathilde.

Der Baron warf der jungen Frau einen grimmigen Blick zu und entfernte sich.

»Was sagst Du zu dem Besuch meines Bruders?« fragte Dieudonné, der noch zitterte.

»Ich sage, dass er noch nicht zufrieden ist, Dir die Hälfte deines Vermögens entlockt zu haben; er würde gern sehen, wenn Du totgeschossen würdest, um das Übrige zu erben.«

Dieudonné schnitt ein Gesicht, um anzudeuten, dass er ihrer Meinung war.

Dann ging er auf Mathilde zu , küsste sie und vergaß sich so weit, dass er sie mit dem unbrauchbar gewordenen Arme an sein Herz drückte.

Im Laufe des Tages kam ein Besuch über den andern. Alle sprachen von dem sonderbaren Ereignis, und Niemand zweifelte, dass Napoleon keine zehn Meilen vordringen werde, ohne verhaftet und erschossen zu werden.

Aber auf die zwanzigmal wiederholte Frage: »Was werden Sie tun?« antwortete der Chevalier – »Ich gehöre zum Hofe, und werde tun was der Hof tut.«

Jedermann fand diese Antwort sehr klug und verständig. Alle Besucher hatten übrigens den Baron im stattlichen Waffenschmuck gesehen, und Jedermann wusste, dass er sich rüstete, gegen den korsischen Werwolf zu Felde zu ziehen.

Denselben Tag gegen zwei Uhr erfuhr man, dass der Graf von Artois nach Lyon und der Herzog von Bourbon nach der Vendée abreisen werde.

Diese Doppelnachricht beantwortete Dieudonné mit schrecklichen Grimassen und mit der Erklärung, dass ihm sein Arm heftige Schmerzen mache.

Am 8. und 9. gingen nur unbestimmte und unverbürgte Nachrichten ein. Der Baron wurde überall gesehen; er wartete nur auf sichere Nachrichten, um abzureisen und gegen Napoleon zu ziehen.

Abgesehen von den Schmerzen, die ihm sein Arm verursachte, war Dieudonné vollkommen ruhig.

Woher kam dieser philosophische Gleichmut? Er war kein Stoiker, aber es war ihm ein Gedanke gekommen, den er mit der Zähigkeit des Egoismus festhielt. Wir wagen es kaum diesen Gedanken zu nennen.

Larochefoucault sagt, in dem Unglück unseres besten Freundes sei immer etwas, das uns nicht ganz unlieb sei. Man könnte hinzusehen, dass in den größten politischen Umwälzungen, mitten in den Katastrophen, welche die Regierungen stürzen, immer ein ganz kleiner Punkt sei, der mit der umstürzenden Partei einigermaßen aussöhnt.

So dachte Dieudonné, Ludwig XVIII. würde Paris verlassen, wenn Napoleon wieder den Thron bestieg. Ludwig XVIII. würde dann natürlich nicht mehr von drei bis ein Viertel auf sechs spazieren fahren, und folglich keine Eskorte mehr brauchen.

Aus welchem unlauteren Boden wachsen oft die Meinungen empor!

Der Chevalier hatte diesen Gedanken anfangs als seiner unwürdig zurückgewiesen, aber der Gedanke kam immer wieder und nistete sich allmählich so fest ein, dass er nicht mehr zu vertreiben war.

Als Dieudonné am 9. im »Moniteur« las, dass Napoleon wahrscheinlich am 10. Abends in Lyon eintreffen werde, fühlte er sich durch diese Nachricht nicht so unangenehm berührt, als man hätte glauben können.

Der Baron erklärte nun, da er wisse, wo Napoleon zu finden, werde er unfehlbar am 11. oder 12. abreisen; auf jeden Fall werde er aber die offizielle Nachricht von dem Eintreffen des Corsen erst abwarten.

In den Tuilerien konnten dreitausend Mann Platz finden. Der Baron brachte seinem Bruder diese Nachricht und setzte hinzu: »Es versteht sich von selbst, dass Du Dich der Besatzung anschließest.«

»Ich glaubte Du seist schon am 11. abgereist,« erwiderte Dieudonné.

»Ich war wirklich im Begriff abzureisen,« sagte der Baron; »aber es fiel mir ein, dass man von Lyon nach Paris auf zwei Straßen reisen kann: durch Burgund und durch Rivernais; ich fürchtete auf der einen Straße abzureisen, während Napoleon auf der andern Straße anrückt.«

»Das ist allerdings ein triftiger Grund,« sagte Mathilde.

»Ja, und ich sehe nicht ein. warum sich mein Bruder nicht dem Könige zur Verfügung stellt.«

»Er wird es auch sofort tun,« erwiderte Mathilde.

Sie setzte sich an den Schreibtisch und nahm eine Feder.

»Was machen Sie?« fragte der Baron.

»Ich schreibe, wie Sie sehen.«

»An wen?«

»An den Herzog von Ragusa.«

»Was schreiben Sie ihm?«

»dass sich mein Mann zu seiner Verfügung stellt.«

»Kann denn Dieudonné nicht mehr schreiben?«

»Nein; Sie wissen ja, dass er sich den rechten Arm verrenkt hat.«

Mathilde schrieb:

»Herr Marschall,

»Mein Gemahl, der Chevalier Dieudonné de la Graverie, obschon so schwer am Arm verwundet, dass ich für ihn die Feder ergreifen muss, hat die Ehre sich als Angehöriger der königlichen Hofhaltung zu Ihrer Verfügung zu stellen. Was Sie auch verfügen, er ist jeden Augenblick bereit, die Gefahren seiner Kameraden zu teilen. Seine Pflichttreue wird seine mangelnde Kraft ersetzen. Er hat die Ehre zu sein 2c.«

»Ist es so gut?« fragte Mathilde den Baron.

»Ja,« antwortete der Baron zornig; »sehr gut. Dieudonné kann sich glücklich schätzen, eine Frau wie Sie zu haben.«

»Nicht wahr?« sagte Dieudonné naiv; »ich sagte Dir ja, dass sie ein Schatz ist!«

Der Baron entfernte sich, angeblich um Erkundigungen einzuziehen.

Mathilde schickte ihren Brief in die Tuilerien.

Am 19. um neun Uhr Morgens erfuhr man in Paris, dass Napoleon am 17. in Auxerre eingetroffen sei und gegen die Hauptstadt vorrücke.

Der König, der den Plan des Herzogs von Ragusa zurückgewiesen hatte, ließ den Marschall um elf Uhr kommen und sagte zu ihm:

»Ich reise in dieser Nacht ab, geben Sie meinen Garden sogleich die nötigen Befehle.«

Um zwölf Uhr wurde ein Adjutant des Marschalls bei dem Chevalier de la Graverie gemeldet.

Der Marschall antwortete auf das Schreiben Mathildens, der König wisse, dass eine Verletzung des Armes den Chevalier zwinge das Zimmer zu hüten; er kenne seine loyale Gesinnung und erteile ihm Urlaub, denn er wisse wohl, dass ihn nur die im Dienste erhaltene Wunde verhindere, in diesem wichtigen Moment bei seinem Monarchen zu erscheinen.«

»Es ist gut,« antwortete Mathilde: »haben Sie die Güte dem Herrn Marschall zu sagen, dass der Chevalier in einer Stunde in den Tuilerien sein wird.«

Dieudonné machte große Augen.

Der Adjutant verneigte sich von Bewunderung durchdrungen und ging.

Mathilde reichte ihrem Gatten den Brief.

»Aber der König hat mir Urlaub gegeben,« sagte Dieudonné.

»Allerdings,« erwiderte Mathilde; »aber ein Cavalier darf solche Gunstbezeigungen nicht annehmen. Du musst den Honig bis an die Grenze begleiten und müsstest Du Dich auf deinem Pferde festbinden lassen!«

»Du hast Recht, Mathilde,« sagte der Chevalier nach kurzem Besinnen. – »Meine Rüstung und mein Schlachtross!« befahl er mit derselben Stimme wie Cäsar denselben Befehl gegeben haben würde.

Eine Stunde nachher war er in den Tuilerien.

Um Mitternacht reiste der König ab.

Bei der Ankunft in Ypern sah Ludwig XVIII. den Chevalier de la Graverie, der mit zwei Andern bei ihm geblieben war.

Der König ließ drei Ludwigskreuze bringen und heftete sie eigenhändig an die Uniform dieser drei Getreuen.

Dann schickte er sie nach Frankreich zurück, indem er die Hoffnung aussprach, sie in Paris bald wieder zu sehen.

Der Chevalier hatte gegen hundert Lieues zu Pferde zurückgelegt. Dies war mehr als genug. – Er verkaufte sein Pferd um den halben Wert, setzte sich in den Postwagen und kehrte nach Paris zurück.

Es wäre unmöglich, dem Leser die majestätische Gebärde zu schildern, mit der er seiner Frau das Ludwigskreuz zeigte.

Mathilde war entzückt.

Dieudonné erkundigte sich nach seinem Bruder.

Der Baron war endlich am 17. abgereist, aber nicht auf einer der südlichen Straßen, wo er fürchten musste, dem korsischen Werwolf zu begegnen; er wollte und konnte nicht länger in Paris bleiben, ohne sich durch seine unklugen Prahlereien zum Gegenstande des Spottes zu machen.

VIII
Wo der Chevalier de la Graverie neue Bekanntschaften macht

Die Ereignisse, welche der Rückkehr Napoleons von der Insel Elba folgten, sind bekannt. Als Dieudonné wieder zu Hause war, hängte er sein Ludwigskreuz über dem Bette Mathildens auf um zuerkennen zugaben, daher es ihr verdankte.

Während der hundert Tage machte er sich nicht die mindesten Sorgen. Er war der glücklichste Mann von der Welt: er war ja nicht mehr Musketier, dafür aber Ritter des Ludwigsordens.

Die zweite Restauration trat ein. Der Baron kam unmittelbar nach den Bourbons und bezog wieder seine Wohnung in der Vorstadt Saint-Germain. Er ging indes nicht zu seinem Bruder: er hielt es für ein himmelschreiendes Unrecht, dass Dieudonné einen Orden hatte, und er. der ältere Bruder, das Haupt der Familie, bisher leer ausgegangen war.

In Ermanglung eines Vermittlers wandte sich der Chevalier de la Graverie unmittelbar an den König mit der Bitte, den Säbel des Musketiers mit dem Stab des Zeremonienmeisters zu vertauschen. Die Bitte wurde ihm zu seiner großen Freude gewährt; die neue bequeme Stellung sagte ihm weit besser zu, als die halsbrecherischen Eskorten.

Aber sonderbarer Weise suchte er die Gesellschaft von Militärpersonen; er schien der ganzen Welt beweisen zu wollen, dass sein Haupt auch einst den so unbequemen Helm mit dem Rossschweif getragen hatte.

Wenn er Dienst in den Tuilerien hatte, so schloss er sich vorzugsweise den Gardeoffizieren an und behandelte sie als Kameraden.

Eines Tages machte er die Bekanntschaft eines Kapitäns, der ihm gleich bei der ersten Unterredung ungemein gefiel, vermutlich weil er in allen Stücken das Gegenteil von ihm war.

Der Kapitän war viel älter als der Chevalier de la Graverie, der damals etwa fünfundzwanzig Jahre zählte. Dieser Offizier hatte in einigen Monaten seinen Abschied zu erwarten. Seine Haare waren grau, und einige Runzeln durch. zogen bereits seine Stirn; aber an Geist, Herz und Charakter war der Kapitän Dumesnil noch jugendlich frisch, und es war in der ganzen Garde vielleicht kein Unterlieutenant, der ihm an Frohsinn, Lebendigkeit und Sorglosigkeit gleichkam. In allen Leibesübungen, welche von dem Chevalier de la Graverie, oder vielmehr von den alten Stiftsdamen, die ihn erzogen, ganz vernachlässigt worden waren, hatte es der Kapitän Dumesnil zur Meisterschaft gebracht. Sein Mut war in der ganzen Armee bekannt.

Diese glänzenden Eigenschaften machten einen sehr tiefen Eindruck auf den Chevalier, eben weil er sie nicht besaß; ein solcher Freund, meinte er, würde in seinem etwas langweiligen Hause eine willkommene Zerstreuung bieten, zumal für Mathilde, die immer schweigsamer wurde. Er kam seinem neuen Bekannten daher so freundlich entgegen, wie ein Liebender dem Gegenstande seiner Wahl.

Nach einigen Stunden waren Beide schon so gute Freunde, dass Dumesnil die Einladung zum Diner für den folgenden Tag bereitwillig annahm.

Der Kapitän gehörte übrigens zu denen, die eine Einladung bei dem Teufel annehmen würden, wenn sie einen guten Braten und ein gutes Glas Wein zu erwarten hätten.

Der Chevalier de la Graverie war damals in einer der bedenklichsten Phasen des Ehelebens. Mathilde langweilte sich schon seit Monaten; bei Frauen von ihrem Temperament ist aber die Langweile der dem Fieber vorausgehende Schauer; die zweite Restauration war durch eine lange Reihe von geräuschvollen Festlichkeiten gefeiert worden; Mathilde war der Bälle und Schauspiele und des ganzen Treibens, in welchem d^s Herz keine Befriedigung findet, überdrüssig geworden; sie fand am Kokettieren, worauf es bei solchen Prunk festen doch hauptsächlich abgesehen ist, keinen Gefallen; sie fühlte die Leere in ihrem Herzen, und diese Leere war ihr unerträglich.

In ihrem Benehmen gegen Dieudonné blieb sie sich übrigens ziemlich gleich; durch Erziehung und Gewohnheit war sie eine aufmerksame, anspruchslose Hausfrau geworden, und wie auch der Lauf ihrer Gedanken war, so blieb sie doch immer die sorgsame, liebende Gattin; aber im Grunde wurde sie durch die melancholische Zärtlichkeit unangenehm berührt, und die schmachtenden Blicke, die sie ihm zuwarf, nahmen nach und nach den Ausdruck der Ungeduld und Verstimmung an, welche sich der Frauen von ihrem Temperament leicht bemächtigt wenn ihnen der Mann nicht den mindesten Grund zur Klage, und folglich auch keinen Vorwand bietet, sich zu revanchieren.

An demselben Tage, wo der Kapitän Dumesnil im Hause des Chevaliers erschien, machte der Baron zum ersten Male wieder einen Besuch und stellte seiner Schwägerin einen ihm sehr angelegentlich empfohlenen, Husarenlieutenant vor.

Dieser Husarenlieutenant war in der That ein sehr hübscher Offizier; schlank, gewandt, ungezwungen in Haltung und Benehmen; der sorgfältig kultivierte Schnurrbart fehlte natürlich nicht. Kurz, es war eine ganz tadellose Gliederpuppe, die wohl geeignet war, die goldenen Schnüre eines Dolmans zu tragen und eine Säbeltasche zu schleppen.

Es ist unglaublich, welchen Eindruck ein mit heiterer Laune verbundenes ungezwungenes Benehmen auf die Stimmung einer hübschen Frau machen kann. Von jenem Glückstage an, wo der Husarenlieutenant und der Gardekapitän das Haus des Chevalier de la Graverie besuchten, schien sich die Stimmung der Dame vom Hause zu bessern; die Blässe ihrer Wange schwand, um einer leichten Röte Platz zu machen; ihre Augen bekamen den verlorenen Glanz wieder; sie wurde wieder heiter und würzte ihre ehelichen Liebkosungen mit freundlichem Lächeln, welches den Reiz und den wert derselben erhöhte.

Der unwillkürliche, aber sehr bemerkbare Erfolg hatte eine allmähliche Annäherung zwischen den beiden Ärzten wider Willen und der schönen Patientin zur Folge; sie gingen ihr nicht mehr von der Seite, und nach vierzehn Tagen waren sie tägliche Gäste im Hotel La Graverie.

Man fand sie auf den Promenaden, bei den Wettrennen immer beisammen; sie erschienen mit einander in den Ballsälen und Theatern; wer Mathilde erscheinen sah, konnte zehn gegen eins wetten, dass der Chevalier de la Graverie ihr auf dem Fuße folgte, und nach ihm die beiden Cavalieri serventi kamen.

Es war ein sonderbarer, aber sehr anziehender Familienkreis. Es war keine kosende, früher oder später zur tödlichen Langweile führende Fortsetzung der Flitterwochen unter vier Augen; es war auch kein Kleeblatt nach italienischem Zuschnitt, sondern ein aus vier Personen bestehendes Hauswesen, in welchem der Herr vom Hause, sein Freund und der Schützling der Dame gleiche und ehrlich verteilte Rechte hatten. Jeder erhielt mit sorgfältig bemessener Genauigkeit den ihm gebührenden Anteil an zauberischem Lächeln und freundlichem Dank; alle Drei hatten abwechselnd das Recht der schönen Mathilde den Arm zu bieten, ihren Shawl oder Fächer zu tragen.

Madame de la Graverie war in der Austeilung ihrer Gunstbezeigungen so streng gerecht, dass Niemand eifersüchtig oder unzufrieden wurde.

Am zufriedensten unter dem Männerkleeblatt, am dankbarsten nicht nur gegen Mathilde, sondern gegen die beiden Andern war Dieudonné, der innerlich frohlockte bei dem Gedanken, dass er zwei neue Ventile gefunden, durch die er das ihm vormals so drückende Übermaß seiner Zärtlichkeit auslassen konnte.

Wie es Mathilde anfing, ihren kleinen Hof in dieser ruhigen, zufriedenen Stimmung zu erhalten? Wir gestehen aufrichtig, dass dies eines der weiblichen Geheimnisse ist, die wir ungeachtet oft wiederholter gewissenhafter Studien noch nicht zu ergründen vermochten.

Am merkwürdigsten war, dass sich die bösen Zungen mit dieser sonderbaren Genossenschaft fast gar nicht beschäftigten. Die junge Blondine schien so naiv, es lag eine solche Arglosigkeit in ihrem Benehmen gegen die beiden Offiziere, Alles an ihr war so natürlich, dass man gewiss für sehr boshaft gegolten haben würde, wenn man den mindesten Verdacht geäußert hätte.

Der Baron de la Graverie war der Engel mit dem Flammenschwert, der die drei Glücklichen aus ihrem Paradies vertrieb.

Eines Nachmittags war Mathilde etwas unwohl, Herr von Pontfarcy, so hieß der Husarenlieutenant, hatte Dienst, und so kam es, dass der Chevalier de la Graverie und der Kapitän Dumesnil allein auf der Promenade in den elysäischen Feldern erschienen.

Obgleich die gewöhnlich unzertrennliche Gesellschaft nur zur Hälfte anwesend war, schien der Chevalier ungemein heiter und aufgeweckt. Ungeachtet seines für sein Alter schon sehr respectabeln Bauches begann er oft zu hüpfen und zu tänzeln, lachte über jede Kleinigkeit und rieb sich schmunzelnd die Hände. Der Kapitän Dumesnil stimmte als Hausfreund pflichtschuldig in diese Heiterkeit mit ein.

Auf ihrem Spazirgange begegnete ihnen ein Mann, der mit dem Schicksal keineswegs so zufrieden schien, wie der Chevalier.

Dieser Mann war der Baron de la Graverie.

Er blickte sorgenvoll vor sich nieder, und hatte den Hut so tief in’s Gesicht gedrückt, dass sie ihn anstießen, ohne ihn zu erkennen. Aber er schaute auf, als er angestoßen wurde, und erkannte sie.

»Mordieu! Chevalier, es ist mir lieb, dass ich Dir begegne,« sagte der ältere Bruder und nahm den Arm des jüngeren.

»Wirklich!« sagte Dieudonné und schnitt ein Gesicht; denn er fühlte seinen Arm wie in einen Schraubstock eingezwängt.

»Ja, ich wollte zu Dir gehen —«

Dumesnil schüttelte den Kopf, denn es beschlich ihn eine trübe Ahnung.

Aber der Chevalier bekam schnell seine heitere Laune wieder und antwortete:

»Es ist doch sonderbar! So eben sagte ich zu Dumesnil: Ich muss doch zu meinem Bruder gehen, um ihm die freudige Nachricht zu überbringen —«

»Die freudige Nachricht!« wiederholte der Baron mit trübseligem Lächeln. »So! Du hast mir eine freudige Nachricht mitzuteilen? Der Tausch wird nicht zu deinem Vorteil ausfallen, denn ich habe Dir eine ziemlich unangenehme Nachricht zu melden.«

Ein so aufmerksamer Beobachter wie Dumesnil konnte leicht sehen, dass diese Nachricht, die dem Chevalier so unangenehm sein sollte, dem Baron große Freude machte.

Dumesnil schauderte, und da der Chevalier Arm in Arm mit dem Kapitän ging, so schauderte er selbst noch mehr aus Sympathie als aus banger Ahnung.

»Was ist’s denn?« stammelte der arme Dieudonné erblassend; denn er erschrak schon im Voraus über das Leuchten der Bombe, die der Baron in sein Glück schleudern wollte.

»Nichts für den Augenblick —«

»Wie, nichts für den Augenblick?«

»Nein; ich will Dir’s sagen, wenn wir in meiner Wohnung sind, wenn Du so gütig sein willst, mich dahin zu begleiten.«

Dumesnil sah, dass der Baron seinen Bruder ohne Zeugen zu sprechen wünschte, und da der Erstere nicht verhehlte, dass er eine unangenehme Mitteilung zu machen habe, war ihm an der Zuhörerschaft nicht viel gelegen.

»Es fällt mir eben ein, lieber Dieudonné,« sagte er, »dass mein Oberst mich erwartet.«

Er reichte dem Chevalier die Hand und verneigte sich gegen den Baron.

Aber Dieudonné war nicht der Mann, dem drohenden Unglück allein die Stirn zu bieten; er bemächtigte sich des Armes wieder, den ihm der Kapitän entzogen hatte.

»Diesen Morgen,« sagte er, »erklärten Sie ja, Sie wären für den ganzen Tag frei. Sie müssen bleiben, und mein Bruder wird mir seine Mitteilung in Ihrer Gegenwart machen. Sie haben ja so eben meine Freude getheilt, es ist also billig, dass Sie auch Ihren Anteil an meinem Verdruss bekommen.«

»Im Grunde,« sagte der Baron, »weiß ich nicht, warum ich den Herrn Kapitän von einer Mitteilung ausschließen soll, die ihn eben so gut angeht wie Dich.«

Der Kapitän Dumesnil hob den Kopf, wie ein Schlachtross beim Klang der Trompeten, und errötete leicht.

»Der Teufel hole den alten Voltigeur, der uns den Tag verdirbt,« flüsterte er dem Chevalier zu.

Dann sagte er in einem Tone, in welchem zugleich eine Bitte und eine Drohung lag:

»Herr Baron, Sie haben gewiss wohlbedacht was Sie tun wollen; ich erlaube mir indes die Bemerkung, dass die fraglichen Mitteilungen zuweilen eben so gefährlich sind für den, der sie macht, als schmerzlich für den, der sie vernimmt.«

»Herr Kapitän,« erwiderte der Baron, »ich weiß welche Pflichten ich als Haupt der Familie La Graverie habe, und ich allein habe zu beurteilen, was die Ehre derselben erheischt.«

»Mein Gott! was bedeutet das?« dachte der arme Chevalier. »Dumesnil scheint recht gut zu wissen, was mein Bruder mir sagen will, und er hat kein Wort davon gesprochen. – Sage mir lieber auf der Stelle Alles, Baron; die Ungewissheit, die Erwartung ist gewiss peinlicher, als deine Mitteilung.«

»Komm doch mit mir,« sagte der Baron.

Beide nahmen nun, ohne ein Wort zu sprechen, in Begleitung Dumesnil’s den Weg zu der Vorstadt Saint-Germain. Auf dem langen Wege bis zur Rue de Varennes wurde kein Wort gesprochen.

Die Angst des armen Dieudonné, wurde noch größer, als sein Bruder sie in das entlegenste Zimmer seiner Wohnung führte und sorgfältig die Tür verschloss.

Nachdem der Baron diese Vorkehrungen getroffen, zog er einen Brief aus der Tasche, überreichte ihn offen seinem jüngeren Bruder, fasste dessen Hand und sagte mit dem Tone des Mitleids!

»Armer Bruder! Unglücklicher Chevalier!«

Diese Einleitung klang so traurig, dass Dieudonné Bedenken trug, den Brief zu nehmen.

Dumesnil, der einen verstohlenen Blick auf den Brief warf, erkannte die feinen zierlichen Schriftzüge, und ehe der Chevalier einen Entschluss gefasst hatte, nahm der Gardekapitän den Brief.

»Mordieu!« sagte der Kapitän. »er soll Ihren Brief nicht lesen, Herr Baron.«

Dann warf er sich in die Brust, schnallte seinen Säbelgurt fester und zog den älteren Bruder in eine Ecke des Zimmere.

»Ich nehme Ihre Vorwürfe an, Herr Baron,« sagte er leise,, »ich erkläre mich für alle Folgen dieses Schrittes verantwortlich; aber ich werde nicht dulden, dass mit dem Glücke Ihres armen Bruders ein grausames Spiel getrieben werde. Es gibt Menschen, für die ein schöner Traum Bedürfnis ist. Bedenken Sie das! Um des Himmels willen,« setzte er noch leiser hinzu, »lassen Sie das harmlose Lamm leben —«

»Nein, nein!« erwiderte der Baron laut, »in unserer Familie sind die Ehrensachen wichtiger als alle andern Rücksichten.«

»Aha!« sagte der Kapitän, als ob er einen Scherz aus der Sache machen wollte. »Gestehen Sie nur, dass die beleidigte Ehre eines Gatten dabei im Spiele ist. Die Ehre ist geborgen, wenn die Sache ein Geheimnis bleibt; sie wird kaum verletzt, wenn es bekannt wird.«

»Aber bedenken Sie,« entgegnete der Baron, »dass man einen Frevler nicht durch Straflosigkeit ermutigen darf.«

Der Kapitän fasste den Baron bei der Hand.

»Wer bittet denn um Gnade?« sagte er mit einem Feuersprühenden Blick. »Sehen Sie denn nicht, dass ich mich zu Ihrer Verfügung stelle?«

»Nein, nein,« wiederholte der Baron noch lauter als zuvor, »Dieudonné soll wissen, dass seine unwürdige Frau, und sein eben so unwürdiger Freund —«

Der Kapitän wurde leichenblass und wollte dem Baron die Hand auf den Mund halten.

Aber es war zu spät, der Chevalier hatte die letzten Worte verstanden.

»Meine Frau!« sagte er auffahrend. »Mathilde! Sie sollte mich hintergangen haben – nein, das ist unmöglich!«

»Da haben wir’s!« sagte der Kapitän; »der Bandit hat seinen Zweck erreicht!«

Er ließ den Baron los und setzte sich in eine Ecke des Zimmers. Er hatte Alles getan, was er konnte, um eine Katastrophe abzuwenden, aber es war ihm nicht gelungen, und er musste sich in das Unvermeidliche fügen.

»Unmöglich?« wiederholte der Baron, ohne den Schmerz seines Bruders zu beachten. Wenn Du mir nicht glaubst, so lass Dir den Brief geben, den der Herr Kapitän Dir aller feinen Sitte zum Trotz entrissen hat; Du wirst dann den Beweis deiner Schmach sehen!«

Der Kapitän schien ganz ruhig und gelassen, aber in seinem Innern tobte ein furchtbarer Sturm.

Unterdessen wurde Dieudonné immer blässer; sein Gemütszustand fand in wenigen abgebrochenen Worten einen Ausdruck.

»Meine Schmach!« wiederholte er. »Meine Schmach!« Aber mein Kind – denn die freudige Nachricht, die ich Dir mitteilen wollte, ist – die Mutterhoffnung Mathildens —«

Der Baron brach in ein lautes Gelächter aus.

»Dieses Kind,« fuhr der Chevalier fort, als ob er das höhnische Gelächter seines Bruders nicht gehört hätte, »dieses Kind, von welchem ich mir so viel Freude versprach, das ich seit zwei Tagen wachend und träumend vor mir zu sehen glaube, dessen Wimmern wie himmlische Musik an mein Ohr drang, es sollte nicht mein sein! – O mein Gott, ich verliere zugleich Weib und Kind!«

Der Kapitän stand auf, als ob er den Chevalier in seine Arme schließen wollte, aber er nahm sogleich seinen Platz wieder ein, um seine Aufregung zu bewältigen.

Der Baron, der weder den Schmerz seines Bruders noch den Zorn des Kapitäns zu sehen schien, erwiderte mit schonungsloser Härte:

»Ja, denn dieser Brief, den der Zufall in meine Hände gespielt hat, den ich Dir mitzuteilen wünschte und den der Kapitän Dumesnil Dir gewaltsam entrissen hat, enthält die freudige Mitteilung dieser freudigen Nachricht an den Buhlen deiner Frau.«

Der arme Dieudonné antwortete nicht; er fiel auf die Knie, drückte die Hände aufs Gesicht und schluchzte laut.

Der Kapitän Dumesnil vermochte diesen Auftritt nicht länger zu ertragen. Er stand auf und ging auf den Baron zu.

»In diesem Augenblicke,« sagte er leise zu ihm, »gehöre ich mir selbst nicht mehr; Sie werden es natürlich finden, Sie haben ja Alles, was in Ihrer Macht stand, dazu beigetragen. Aber wenn Ihr Herr Bruder die ihm von Rechtswegen gebührende Genugtuung erhalten hat, kann ich Ihrem Benehmen den Namen geben, den es verdient, und ich werde es gewiss tun, darauf verlassen Sie sich.«

Nach diesen Worten verneigte sich der Offizier und ging auf die Tür zu.

»Sie wollen gehen?« fragte der Baron.

»Ich gestehe Ihnen,« antwortete der Kapitän, »dass ich nicht mehr die Kraft habe, diesen entsetzlichen Auftritt zu ertragen.«

»Gut, gehen Sie – aber geben Sie mir den Brief zurück.«

»Warum sollte ich ihn zurückgeben?« fragte der Kapitän mit Unwillen und Stolz.

»Aus dem sehr einfachen Grunde, dass er nicht an Sie gerichtet ist,« erwiderte der Baron.

Der Kapitän hielt sich an der Wand, denn er glaubte umzusinken.

Er hatte bis dahin geglaubt, die Anschuldigung teile ihm in der Sache eine tätigere Rolle zu, als ihm der Baron zuwies.

Er zog schnell den Brief hervor, den er in die Tasche gesteckt hatte, und las die ersten Zeilen.

Aus seinen Mienen und Gebärden erriet der Baron Alles.

»Sie auch!« sagte er, in die Hände klatschend. »Nun, dann ist sie noch sträflicher, als ich glaubte.«

»Ja, ich auch,« erwiderte der Kapitän leise; »ich war auch so leichtsinnig, so treulos, diesen braven, arglosen Mann zu hintergehen! Aber sagen Sie ihm, wenn er wieder zur Besinnung gekommen ist —«

Aber Dieudonné, der inzwischen seine Hoffnung wieder bekommen hatte, unterbrach ihn.

»Dumesnil,« sagte er, »verlaß mich nicht, lieber Freund! Bedenke, dass ich nur bei deiner Freundschaft Hilfe und Trost finden kann.«

Der Kapitän schwieg noch; die Reue machte ihn unschlüssig.

»O mein Gott! mein Gott!« jammerte der arme Dieudonné, die Hände ringend. »Ist denn die Freundschaft, wie Liebe, nur ein leeres Wort?«

Der Baron trat auf seinen Bruder zu.

Der Kapitän entschloss sich nun. Er sprang rasch auf, fasste den älteren Bruder beim Arm und sagte leise, aber drohend:

»Kein Wort mehr! Es ist das erste Mal, dass ich ein Vergehen dieser Art zu bereuen habe. Meine Reue ist so groß, dass ich nicht weiß, ob mein ganzes Leben hinreichen wird, mein Unrecht wieder gutzumachen. Aber ich will’s versuchen, das schwöre ich Ihnen! Ich will Ihrem armen Bruder die innigste Freundschaft, die zärtlichste Sorge widmen, ohne die er nicht leben kann. Schweigen Sie also, Herr Baron. Es steht weder in Ihrer Gewalt noch in der meinigen, das Vergangene ungeschehen zu machen; verletzen Sie wenigstens sein wundes Herz nicht noch tiefer!«

»Jedes Mittel ist mir genehm,« erwiderte der Baron, »das meinen Bruder nötigt, eine Frau, die ihn entehrt, zu verstoßen,und einem Kind, das Anderen ihr rechtmäßiges Erbteil rauben würde, die Anerkennung zu versagen.«

»Sagen Sie lieber: das Ihnen Ihr Erbteil rauben würde. Dann ist Ihr Benehmen, vom Standpunkte des Egoismus betrachtet, vielleicht eher zu entschuldigen,« antwortete der Kapitän, indem er einen vernichtenden Blick auf den Baron warf. »Aber der Brief, den Madame de la Graverie an Herrn de Pontfarcy geschrieben hat, wird vollkommen genügen, um Ihnen selbst vor Gericht zur Erfüllung Ihres Wunsches behilflich zu sein.«

»Nun, dann geben Sie mir den Brief zurück.«

Dumesnil sann einen Augenblick nach; dann erwiderte er:

«Ich will Ihren Wunsch erfüllen, aber unter einer Bedingung.«

»Was! Sie stellen mir Bedingungen?«

»Es hängt von Ihnen ab, ja oder nein zu sagen,« erwiderte der Kapitän, ungeduldig mit dem Fuße stampfend. »Besinnen Sie sich nicht lange. Geben Sie Ihr Wort oder ich zerreiße den Brief!«

»Aber, ich muss doch —«

Der Kapitän machte Miene den Brief zu zerreißen.

»Auf mein Wort als Edelmann!«

»Als Edelmann?« sagte Dumesnil mit tiefer Verachtung. »Nun ja, ich will Ihr Wort annehmen: es scheint ja, dass man ungeachtet solcher Handlungen immer Edelmann bleibt. Schwören Sie mir, Ihrem Bruder nie zu sagen, dass er von zwei Männern, die er seine Freunde nannte, zugleich betrogen worden ist. Schwören Sie mir endlich, dass Sie der Sühne, der ich meine noch übrige Lebenszeit widmen will, kein Hindernis in den Weg legen wollen.«

»Ich schwöre es!« sagte der Baron, indem er den kostbaren Brief mit den Augen verschlang.

»Gut. Ich zähle mit Zuversicht auf Ihren Schwur, und sage Ihnen daher nicht, was ich tun werde, wenn Sie ihn brechen.«

Der Kapitän überreichte dem Baron den von Mathilde an Herrn de Pontfarcy geschriebenen Brief, und ging dann auf den Chevalier zu.

»Stehe auf, Dieudonné,« sagte er. »Komm und sei ein Mann!«

»O! ich danke Dir!« sagte der Chevalier, indem er sich mit großer Anstrengung aufrichtete und dem Kapitän in die Arme sank. »Du wirst mich also nicht verlassen?«

»Nein, nein!« sagte Dumesnil und überhäufte seinen Freund mit Liebkosungen wie ein Kind.

»O! ich fürchte den Verstand zu verlieren,« setzte der Chevalier noch immer schluchzend hinzu; »denn ich blicke nur mit Entsetzen in die Zukunft, die sich vor mir auftut, und der Vergleich der Vergangenheit mit der Gegenwart wird mir das Leben verhasst machen.«

»Fasse Mut,« sagte der Baron. »Das beste Weib ist nicht die Hälfte der Tränen wert, die Du seit einer Viertelstunde vergießest, geschweige ein unwürdiges Geschöpf.«

»O! Du weißt nicht was sie für mich war!« unterbrach ihn der arme Dieudonné. »Du findest Zerstreuung in den Talons, am Hofe,in dem Streben nach Ehre und Auszeichnung; Du findest Zerstreuung in Glanz und Prunk, der bei Dir die Stelle des Herzens vertritt, selbst in dem Neide über das Glück deiner Nebenbuhler, in den Klatschereien über bekannte Personen und auffallende Tagesbegebenheiten – ich hingegen hatte nur sie! Sie war mein ganzes Leben, meine einzige Freude, mein einziger Ehrgeiz auf der Erde! Nur die Worte, die aus ihrem Munde kamen, hatten für mich einen Wert – und jetzt, wo ich Alles dies unter meinen Füßen einsinken fühle, scheint es mir, dass ich eine öde, dürre, dunkle Wüste betrete, wo ich nur noch Zeit für meinen Schmerz habe! O mein Gott! mein Gott!«

»Eitles Geschwätz!« höhnte der Baron.

Der Kapitän warf ihm einen drohenden Blick zu.

»O! Sie werden mich nicht hindern, meinem Bruder zu sagen,« wiederholte der Baron, der nur an sein Erbteil dachte, »Sie werden mich nicht hindern ihm zu sagen, was er dem Namen, den er führt, schuldig ist. Eine Frau, die seiner unwürdig, kann er auch nicht lieben —«

»Du irrst Dich, Bruder,« unterbrach ihn der unglückliche Chevalier, »selbst in diesem Augenblicke, wo ihr Fehltritt mir das Herz bricht, wo ihre Schmach mich tief beschämt, liebe ich sie.«

»Freund, sei ein Mann!« mahnte der Kapitän.

»Was liegt mir noch am Leben? Nach der Weltsitte, nach den Gesetzen der Ehre muss ich mich rächen an ihrem Buhlen; er oder ich muss fallen, weil Gott sie zum Weibe, das ist zum gebrechlichen, treulosen Wesen geschaffen hat! Das Leben eines Mannes ist verwirkt, die Welt verlangt dieses Sühneopfer – als ob sich die Welt darum kümmerte, auf welche Art man mir meine Freunde raubt, als ob die Ehre mein Glück oder Elend berücksichtige. Blut muss stießen – gleichviel ob das Blut des Beleidigers oder des Beleidigten!«

»Fürchtest Du Dich denn, Bruder?« fragte der Baron.

Der Chevalier sah seinen Bruder mit dem Ausdruck der Verzweiflung an.

»Ich fürchte nur ein Mörder zu werden,« sagte er mit einer Entschiedenheit, welche bewies, dass er die Wahrheit sagte. – »Lieber Dumesnil, stehe mir bei, ich darf ja die Rache nicht dem Himmel überlasten, ohne eine Memme gescholten zu werden. – Baron, ich gebe Dir mein Wort, dass morgen zu dieser Stunde Herr de Pontfarcy nicht mehr leben wird, oder dass ich von seiner Hand gefallen sein werde. Ist das Alles, was Du als Repräsentant der Familienehre verlangst?«

»Nein, ich kenne deine Schwäche, Bruder; ich verlange eine Vollmacht, um die Scheidungsklage gegen deine unwürdige Frau einzuleiten.«

»Diese Vollmacht hast Du wahrscheinlich schon bereit?«

»Es fehlt nur deine Unterschrift.«

»Ich dachte es wohl. Gib her die Vollmacht – eine Feder und Tinte —«

»Hier ist Alles was Du wünschest, lieber Dieudonné,« sagte der Baron und überreichte seinem Bruder die Vollmacht samt einer eingetauchten Feder.

Der Chevalier unterzeichnete, ohne eine Klage laut werden zu lassen, ohne einen Seufzer auszustoßen. Aber er zitterte so heftig, dass die Unterschrift kaum leserlich war.

»Mille tonneres!« sagte der Kapitän, indem er seinen Freund mit sich fortzog und dem Baron noch einen vernichtenden Blick zuwarf; »man hat Viele gehängt, die es nicht so verdienten, wie das Haupt in deiner Familie!«

IX
Ein gebrochenes Herz

Vor der Haustür entstand fast ein Handgemenge zwischen dem Chevalier und seinem Freunde.

Der Chevalier wollte links gehen und der Kapitän wollte sich in der entgegengesetzten Richtung mit ihm entfernen. Dieudonné wollte durchaus nach Hause gehen, Mathilde mit Vorwürfen überhäufen und ihr für immer Lebewohl sagen; Dumesnil hingegen hatte im Interesse seines Freundes und in seinem eigenen triftige Gründe, diese Unterredung zu verhüten. Er bot daher seine Beredsamkeit auf, um Dieudonné von der Unstatthaftigkeit seines Vorhabens zu überzeugen; mit großer Mühe gelang es ihm endlich, den Chevalier de la Graverie mitzunehmen und in seine bescheidene Wohnung einzuquartieren.

Sobald der Kapitän die nötigen Vorkehrungen zur Beherbergung seines Freundes getroffen hatte, zog er seine Uniform aus und legte einen schwarzen Anzug an, um auszugehen.

Der Chevalier war so tief ergriffen, dass er die Absicht seines Freundes nicht merkte, bis dieser die Tür öffnete.

Er streckte die Hände nach ihm aus wie ein Kind.

»Dumesnil,« sagte er, »Du willst mich alleinlassen?«

»Armer Freund,« erwiderte der Kapitän, »hast Du denn schon vergessen, dass Du den Räuber deiner Ehre, deines Glückes zur Rechenschaft zu ziehen hast?«

»Ja, ich gestehe es, Dumesnil, ich hatte es vergessen; ich dachte an Mathilde,«

Der arme Dieudonné brach wieder in Tränen aus.

»Weine nur, Freund!« sagte der Kapitän. »Der liebe Gott, der Alles wohlgetan, hat die Herzen harmloser schwacher Wesen mit Ventilen versehen, um einen Schmerz auszulassen, der sie sonst tödten würde. Laß nur deinen Tränen freien Lauf, ich will Dir’s nicht widerraten.«

»So geh, lieber Dumesnil,« sagte der Chevalier; »ich danke Dir, dass Du mich an meine Pflicht erinnert hast. – Ich habe nur noch Eine Bitte.«

»Sprich, was wünschest Du?»

»Ziehe die Sache nicht in die Länge; ich wünsche morgen Früh —«

»Sei nur ruhig, lieber Freund,« sagte der Kapitän und drückte den Chevalier an sein Herz; »ich hoffe sogar, dass die Sache schon diesen Abend abgetan wird.«

Der Chevalier blieb allein.

Hier machen wir eine Pause, um unsere Leser um Verzeihung zu bitten.

Wir sagten im Anfange, dieses Buch sei kein gewöhnlicher Roman. Wir geben nun den Beweis: alle Helden von Romanen sind schön, groß, von tadellosem Wuchs, mutig, klug, geistreich; sie haben schönes schwarzes oder blondes Haar, große schwarze oder blaue Augen; sie sind so reizbar, dass sie bei der geringsten Beleidigung zum Degen oder Pistol greifen; sie sind fest in ihren Entschließungen, furchtbar im Hass, feurig in der Liebe.

Unser Held besitzt keine dieser anziehenden Eigenschaften; er ist eher hässlich als schön, mehr klein als groß, mehr beleibt als schlank; er hat keinen Mut und höchstens einen gewöhnlichen hausbackenen Verstand. Er hat weder schwarzes noch blondes, sondern semmelfarbenes Haar, weder schwarze noch blaue, sondern grüne Augen.

Die ihm widerfahrene Beleidigung ist groß, aber trotzdem will er sich, wie er selbst sagt, nur schlagen, um der Weltsitte zu genügen.

Endlich ist er wankelmütig und statt die Treulose zu hassen, liebt er sie noch.

Es wollte uns schon lange bedenken, dass man dem harmlosen Wesen der Schöpfung das Recht abspricht, zu lieben und zu dulden; wir halten es nicht für notwendig, schön wie Adonis und tapfer wie Roland zu sein, um Anspruch zu haben auf die höchsten Freuden und die tiefsten Schmerzen der Liebe.

Während wir einem Phantasiegebilde Leben und Gestalt zu geben suchten, führte uns der Zufall mit dem Chevalier de la Graverie zusammen. Wir hatten unsern Mann gefunden.

Er war ein Beispiel, dass man, ohne physisch und moralisch der Held eines Sagenkreises zu sein, alle Leiden erdulden kann, die in den wenigen Worten liegen: Er liebte und wurde betrogen!

Als Dieudonné allein war, nahm er nicht die Haltung Anthonys oder Werther’s an, er überließ sich ganz zwanglos seinem Schmerz.

Er ging im Zimmer auf und ab; er nannte Mathilde nicht undankbar, treulos, grausam, er gab ihr die gewohnten zärtlichen Namen, als ob sie ihn hätte hören können; er Sann sogar nach, ob er ihr nicht Anlass zur Unzufriedenheit gegeben, wodurch ihr Verrat entschuldigt werden könnte.

Wir gestehen, dass wir einem solchen Schmerz unsere aufrichtige Teilnahme widmen: diese fast kindische Schwäche ist in der Tat des tiefsten Mitleids würdig; denn man ahnt, dass sie bei Andern keinen Trost suchen wird, da sie ihn nicht selbst in sich findet; sie kann nur klagen, denn es fehlt ihr der starke, unerschütterliche Glaube, und sie sagt: Mein Gott! was habe ich denn getan, um so viel zu leiden; erbarme Dich meiner!

Der Unglückliche, der so schmählich verraten worden war, hatte nur Einen Gedanken: Mathilde wieder zu sehen – nur ein einziges Mal, wie er wenigstens glaubte – sein Herz vor ihr auszuschütten, sie mit Vorwürfen zu überhäufen.

Wer weiß, vielleicht würde sie sich rechtfertigen?

Nach tausend Zweifeln, nach langem Besinnen schien er auf einmal einen Entschluss zu fassen.

Er ging an die Tür; aber er fand sie von außen verschlossen. Sein Freund hatte ihn eingesperrt.

Er eilte ans Fenster. Die Wohnung Dumesnil’s war im zweiten Stocke; unten war ein gepflasterter Hof. Ein Sprung von solcher Höhe war nicht zu wagen.

Dieudonné machte das Fenster wieder zu und verwünschte seinen Freund. Gut hat ihm wohl, dass er sich mit »etwas Anderem beschäftigen konnte, um weniger an Mathilde zu denken.

Plötzlich fiel ihm ein, dass er den Hausmeister aus dem Fenster rufen und mit einem Hausschlüssel, der sich vermutlich im Hause befand, die Tür öffnen lassen könne.

Er öffnete das Fenster und rief.

Der Hof blieb leer.

Je größer die Schwierigkeiten wurden, desto mehr sehnte er sich nach Mathilden.

»Ja! ja! ich muss sie wiedersehen! – Mathilde, teure Mathilde!«

Er rang die Hände und wälzte sich auf dem Teppich.

Plötzlich sprang er auf und sah sich im Zimmer um.

Sein Blick fiel auf das Bett, das er gesucht hatte.

Er stürzte darauf los, wie der Tiger auf seine Beute. Zog die Leintücher heraus, zerriss sie in Streifen und begann dieselben zusammenzuknüpfen.

Dieudonné, der als zehnjähriger Knabe seine Tante gerufen hatte, um sich von einer Treppe hinunterführen zu lassen, der zu Pferde den Schwindel bekam, fasste ohne Zögern den Entschluss, sich an den zusammengeknüpften Betttüchern von einem Fenster des zweiten Stockes hinabzulassen.

Sobald er seine Vorkehrungen getroffen hatte, eilte er ans Fenster.

Es war inzwischen Abend geworden, die Dämmerung war eingebrochen.

Er knüpfte das improvisierte Seil mit einem Ende an das Fensterkreuz und schaute in den Hof hinunter. Der Schwindel befiel ihn und er trat rasch Zu zurück.

»Ich bekomme den Schwindel, weil ich hinunterschaue, sagte er; »wenn ich nicht hinunterschaue, werde ich ihn nicht bekommen.«

Er schloss die Augen, stieg auf die Fensterbrüstung, fasste mit beiden Händen das Seil und begann sich hinabzulassen.

Als er die Höhe des ersten Stockes erreicht hatte, hörte der Chevalier ein Krachen über seinem Kopfe, dann fiel er fünfzehn Fuß hoch hinunter auf das Steinpflaster.

Das Seil war gerissen, oder ein schlecht geknüpfter Knoten hatte sich aufgelöst.

Im ersten Augenblicke freute sich der Chevalier, dass er den Erdboden erreicht hatte. Er hatte nur eine heftige Erschütterung im ganzen Körper, aber keinen Schmerz gefühlt.

Er wollte aufstehen, fiel aber wieder zu Boden. Der linke Fuß konnte ihn nicht tragen; die Beinröhre war über dem Knöchel gebrochen.

Dieudonné machte gleichwohl einen Versuch zu gehen; aber nun fühlte er so große Schmerzen, dass er laut aufschrie.

Dann schienen sich alle Gegenstände im Kreise um ihn zu drehen. Er griff nach der Wand, um sich daran zu halten – die Wand drehte sich, wie der ganze Hof.

Er fühlte, dass ihm die Besinnung schwand. Noch einmal sprach er den Namen Mathilde: es war der letzte Lichtblick seines Bewusstseins. Er fiel in Ohnmacht.

Er glaubte eine herbeieilende weibliche Gestalt zu sehen. Es schien Mathilde zu sein.

Aber sein Blick war schon umflort, er konnte nichts mehr deutlich unterscheiden. Er streckte die Arme nach dem geliebten Bilde aus,ohne zu wissen, ob es Traum oder Wirklichkeit war.

Es war wirklich Mathilde, die von den Ereignissen des Tages gar nichts wusste, und nachdem sie die Rückkehr Dieudonné vergebens erwartet, die Dämmerung benutzt hatte, um sich zuerst zu Herrn von Pontfarcy zu begeben. Dieser war nicht zu Hause. Dann war sie zu Dumesnil geeilt. Sie ging eben über den Hof, um die zu der bescheidenen Wohnung des Kapitäns führende Hintertreppe zu erreichen, als sie einen lauten Schrei hörte und einen Mann sah, welcher wankte, als ob er betrunken wäre, und endlich, Mathildens Namen rufend, zu Boden sank.

Nun erst erkannte sie den Chevalier. Sie eilte auf ihn zu, fasste seine Hände und rief ihn.

»Dieudonné! Lieber Dieudonné!« Diese Stimme, die ihn aus dem Todesschlaf geweckt haben würde, entriss ihn seiner Ohnmacht. Er schlug die Augen auf, und eine unaussprechliche Freude verklärte sein Gesicht.

Er wollte sprechen, aber er vermochte es nicht, seine Augen schlossen sich wieder, und Mathilde hörte nur einen langen tiefen Seufzer.

In diesem Augenblicke erschien der Kapitän Dumesnil. Er sah den ohnmächtigen Chevalier, Mathilde in Tränen, ein vom Fenster herabhängendes Ende des zerrissenen Betttuchs.

Es ward ihm Alles klar.

»Ach! Madame,« sagte er, »es fehlte nur noch, dass Sie auch seinen Tod verschulden!«

»Wie! auch seinen Tod?« fragte Mathilde. «Was wollen Sie damit sagen?«

»Ich will damit sagen, dass sie dann zwei Menschenleben auf dem Gewissen haben.«

Der Kapitän warf zwei Degen auf das Steinpflaster. Dann hob er Dieudonné auf und trug ihn in seine Wohnung.

Mathilde folgte ihm schluchzend. Obgleich ohnmächtig, hatte Dieudonné ein dunkles Bewusstsein dessen was vorging.

Er glaubte das Zimmer seines Freundes zu erkennen. Man legte ihn auf das Bett; er hörte die ernste voll tönende Stimme Dumesnil’s,die sanfte einschmeichelnde Stimme Mathildens.

Sie nannte den Kapitän »Charles.« Der Verwundete glaubte nun in seinem Fiebertraum Zeuge eines seltsamen Auftrittes zu sein. Aus Allem was er hörte oder zu hören glaubte, wurde er auch von dem Kapitän betrogen; aber dieser verwünschte die Sirene, welche die Ursache eines jetzt bitter von ihm bereuten Vergehens war, und erklärte ihr, dass er dem Betrogenen sein ganzes Leben widmen wolle, um das an ihm begangene Unrecht zu sühnen. Mathilde , die vor dem Bett kniete, hielt seine Hände gefasst und bedeckte sie mit Küssen und Tränen; sie bat bald Dumesnil, bald ihn um Verzeihung, und gab das feierliche Versprechen, ihr Vergehen durch ein makelloses bußfertiges Leben zu sühnen.

Bald verloren sich die summenden Stimmen in heftigem Ohren brausen, und der Chevalier de la Graverie wurde völlig bewusstlos.

Als er wieder zur Besinnung kam, fühlte er den gebrochenen Fuß in Schienen eingezwängt und befand sich wieder in dem Zimmer des Kapitäns. Bei dem Schimmer der auf dem Nachttische brennenden Lampe sah er den Letzteren vor dem Bett sitzen.

»Mathilde!« sagte er, nachdem er sich im Zimmer umgesehen hatte. »Wo ist Mathilde?«

Der Kapitän sprang betroffen auf.

»Mathilde!« stammelte er; »wozu diese Frage?«

»Wo ist sie? sie war so eben hier.«

Hätte Dieudonné in diesem Augenblicke das ehrliche Gesicht seines Freundes betrachtet, so hätte er glauben können, Dumesnil werde ebenfalls in Ohnmacht fallen, so blass war er.

»Lieber Freund,« antwortete der Kapitän, »Du phantasierst, deine Frau ist gar nicht hier gewesen.«

Der Chevalier sah Dumesnil mit fieberhaft glühenden Augen an.

»Und ich sage Dir,« erwiderte er, »dass sie hier vor dem Bett kniete und mir die Hände küsste.

Der Kapitän nahm alle seine Fassung zusammen, um zu lügen.

»Du bist von Sinnen,« sagte er. »Madame de la Graverie ist gewiss zu Hause; sie weiß nicht was vorgegangen ist, und hat daher auch keinen Grund, hierher zu kommen.«

Der Chevalier sank tief seufzend auf das Kissen zurück.

»Ich hätte geschworen,« sagte er, »dass sie vor einer kleinen Weile hier war, dass sie schluchzend ihre Schuld bekannte, dass sie Dich —«

Ein Gedanke, vernichtend wie ein Blitzstrahl, durchzuckte den Unglücklichen.

Er richtete sich mit fast drohender Gebärde auf.

»Wie heißest Du?« fragte er seinen Freund.

»Du weißt es ja – Du müsstest denn wieder Phantasien. Ich heiße Dumesnil.«

»Aber der Taufname?«

Der Kapitän verstand die Absicht dieser Frage.

»Louis,« sagte er; »erinnerst Du Dich nicht?«

»Ja, es ist wahr,« sagte Dieudonné.

Es war wirklich der einzige Vorname, unter welchem er den Kapitän gekannt hatte, dieser hieß Charles Louis Dumesnil.

Dann fiel ihm ein, dass Mathilde in ihrer Besorgnis sich wenigstens erkundigen müsse.

»Aber wenn sie nicht hier ist,« sagte er, »wo ist sie denn?«

Dann setzte er so leise hinzu, dass ihn Dumesnil kaum verstehen konnte:

»Wahrscheinlich bei Pontfarcy!« – O, Du weißt, Dumesnil, dass er oder ich fallen muss.«

»Du wirst nicht fallen, und noch weniger wird er von deiner Hand fallen,« antwortete der Kapitän halblaut.

»Warum nicht?«

»Weil er tot ist.«

»Todt? wie ist er denn zu Tode gekommen?«

»Durch eine Quart, die ihm in die Brust gedrungen ist.«

»Wer hat ihn denn erstochen?«

»Ich, wer sonst?«

»Du, Dumesnil? Mit welchem Rechte?«

»Ich hielt mich für berechtigt, ja für verpflichtet, zu verhüten, dass Du einem sichern Tode entgegengingst. Dein Bruder wird vielleicht Trauer anlegen, weil Du lebst; aber er mag schwarz gehen, so lange es ihm beliebt.«

»Und Du hast ihn gefordert? Du hast ihm gesagt, dass Du Dich für mich schlägst, weil Mathilde mich betrogen hat?«

»sei nur ruhig, ich habe mich mit Pontfarcy geschlagen, weil er seinen Absinth ohne Wasser trank; ich kann die Leute, die diese abscheuliche ^Gewohnheit haben, nicht aus stehen!«

Der Chevalier schlang beide Arme um den Hals seines Freundes und drückte ihn zärtlich an sein Herz.

»Ich habe geträumt!« sagte er.

Aber der Kapitän, dessen Reue wieder erwachte, entwand sich den Armen des Patienten und setzte sich schweigend in eine Ecke des Zimmers.

»O Mathilde! Mathilde,« seufzte der Chevalier.

X
Wo bewiesen wird, dass Reisen ein Bildungsmittel für die Jugend sind

Es war beschlossen, dass der Chevalier in der Wohnung Dumesnil’s seine völlige Genesung abwarten sollte. Der Kapitän hatte freilich nur sich selbst in Rat genommen, um diesen Beschluss zu fassen.

Er ließ den Verwundeten auf seinem Bett und behalf sich mit dem Sofa. Für einen Soldaten, der fast alle Feldzüge unter Napoleon mitgemacht hatte, war dieses Lager nicht übel.

Der Chevalier schlief in der ersten Nacht keinen Augenblick: die Seelenleiden, zu denen sich noch der Körperschmerz gesellte, erpressten ihm laute Klagen, und von Zeit zu Zeit brach er in Tränen aus.

Am andern Morgen suchte ihn der Kapitän zu zerstreuen. Er sprach von Unterhaltungen, Studien, neuen Bekanntschaften; aber der Chevalier de la Graverie sprach immer nur von Mathilde und seiner Trostlosigkeit.

Dumesnil sah wohl ein, dass nur die Zeit den Schmerz seines Freundes heilen könne, und dass es zu seiner Erheiterung notwendig sei, mit ihm, sobald es sein Zustand erlauben würde, auf Reisen zu gehen.

Der Kapitän, der schon seit einiger Zeit seinen Abschied zu fordern berechtigt war, tat die notwendigen Schritte, um Entlassung zu nehmen und seinen Ruhegehalt zu liquidieren.

Nach sechs Wochen begann der Chevalier das Bett zu verlassen, denn der Bruch war einfach und die Heilung gut von Statten gegangen. Der Kapitän Dumesnil schlug eine Reise nach Havre vor, wo er Geschäfte habe. Dieudonné hatte das Meer noch nicht gesehen, und sein Freund, dem er ohne Widerrede gefolgt war, führte ihn an Bord eines Paketbootes. Der Chevalier, dem diese Zerstreuung nicht unlieb war, hatte nicht das Mindeste dagegen einzuwenden: aber am Bord erklärte ihm der Kapitän, ihre Überfahrt nach Amerika sei bezahlt, und am andern Morgen um sechs Uhr würden sie absegeln.

Der Chevalier hörte ihm erstaunt zu, legte der Abreise aber nicht das mindeste Hindernis in den Weg.

Eines Tags – es war kurz vor der Abreise aus Paris – als ihn sein Freund, vielleicht absichtlich, allein gelassen hatte, war der Chevalier heimlich in sein Hotel gegangen, um Mathilde wiederzusehen, vielleicht um ihr zu verzeihen.

Der Portier hatte ihm geantwortet, Madame de la Graverie sei einen Tag nach dem Ausbleiben ihres Gemahls abgereist, und man wisse nicht was aus ihr geworden.

Alle Bemühungen Dieudonné’s, ihren Aufenthalt zu entdecken, hatten ihm nur die Gewissheit gegeben, dass sie Frankreich verlassen.

Nun erst, nachdem der arme Chevalier die Überzeugung gewonnen hatte, dass Mathilde für ihn verloren war, willigte er in die Abreise nach Havre.

Vielleicht war Mathilde, der er so gern verziehen hätte, über Havre gereist, und dann war es immerhin möglich, ihre Spur aufzufinden.

Der Chevalier hatte indes viel von seinem Vertrauen zu dem Geschick verloren, und er zählte nicht viel auf einen glücklichen Zufall.

Frankreich verließ er ohne Widerstreben; Mathilde war ja nicht mehr in Frankreich.

Er nahm daher von seiner Kajüte Besitz, ohne ans Land zurückzukehren.

Am andern Morgen lichtete das Paketboot zur bestimmten Stunde die Anker.

Während der ganzen Überfahrt war der arme Chevalier seekrank; er dachte an gar nichts mehr und folglich auch nicht an Mathilde.

Man kam in New-York an.

Drei Monate vergingen ziemlich erträglich, teils in der groß geräuschvollen Handelsstadt, teils mit Ausflügen in die Umgegend, mit Spazierfahrten auf dem Hudson, mit dem Besuche des Niagarafalls.

Aber es fehlte keineswegs an heftigen Erschütterungen. Von Zeit zu Zeit sah der Chevalier eine Dame, die in Gesicht oder Gestalt einige Ähnlichkeit mit Mathilden hatte. Dann verließ er den Arm seines Freundes und verfolgte die Dame, bis er seinen Irrtum erkannt hatte. Dieser plötzlichen Aufregung folgte dann die Abspannung; er sank auf eine Bank, auf ein Fass, auf einen Warenballen, ja sogar auf die Erde nieder, und blieb so lange kraftlos und unbeweglich, bis sein Freund erschien und ihn aufhob.

Der Kapitän entschloss sich endlich, die zivilisierte Welt wenigstens für einige Zeit zu verlassen, um ihn diesen heftigen Gemüthsbewegungen zu entziehen. Er fuhr mit ihm den Lorenzofluß hinauf, bis zum oberen See, landete in Chicago am Michigansee, ging von dort an den Mississippi, fuhr diesen Strom bis St. Louis hinab , und machte die Fahrt auf dem Missouri bis zum Fort Mandanne. Dort fand er eine über das Felsengebirge ziehende Caravane; dieser schlossen sich die beiden Freunde an, und kamen nach einer langen mühseligen Wanderung an den Colorado, an dessen Ufern sie den Golf von Kalifornien erreichten.

Der Kapitän benutzte diese Gelegenheit, um seinem Freunde neue Länder und zumal neue Weiber zu zeigen, die weder an Gesicht noch Haltung mit Madame de la Graverie Verwechselt werden konnten.

Damals gehörte Kalifornien noch zu Mexiko, und war folglich noch eine Wüste. Der Kapitän und sein Freund kehrten in einer Bretterhütte ein, welche an der Küste an derselben Stelle stand, wo jetzt das Theater von San Francisco steht.

Der Chevalier hatte diesen ganzen langen Weg bald zu Schiffe, bald zu Pferde oder auf einem Maultier gemacht. Seine frühere Zaghaftigkeit war verschwunden, und ohne gerade ein vollkommener Reiter geworden zu sein, hatte er es doch so weit gebracht, dass er die verschiedenen Vierfüßler, die er bestiegen, zu bändigen vermochte.

Das unaufhörliche Schnattern und Schreien der grünen Papageien, die man zwischen Santa Cruz und dem Golf von Kalifornien scharenweise findet, reizte seinen Zorn, weil er dadurch in seinen Grübeleien gestört wurde. Dies hatte der Kapitän benutzt und ihm eine Flinte in die Hand gegeben, so dass er nach und nach an den Gebrauch dieser Waffe gewöhnt wurde.

Der Chevalier de la Graverie war freilich kein ausgezeichneter Schütze geworden; aber auf dreißig Schritte schoss er einen Papagei fast immer vom Baum herunter.

Um einige Abwechslung in die Unterhaltungen zu bringen, gab ihm der Kapitän zuweilen eine mit einer Kugel geladene Pistole in die Hand. Anfangs schoss der Chevalier wohl hundertmal fehl; dann traf er einen Papagei, fehlte fünfzig, andere, schoss wieder einen und fehlte nur noch fünfundzwanzig, dann nur noch zwölf, und endlich brachte er es so weit, dass er unter vier Papageien einen traf.

Seine Geschicklichkeit im Pistolenschießen überschritt diese Grenze indes nie; aber der Kapitän, der mit jedem Schuss einen Papagei traf, war mit den Fortschritten seines Freundes ungemein zufrieden.

Dann musste der Chevalier fechten lernen. Er bequemte sich ungern dazu, denn es fiel ihm schwer, sich seiner Apathie zu entreißen; aber er war gewohnt, dem Kapitän wie ein Kind zu gehorchen, und durch anhaltende Übung brachte er es bald zu einiger Fertigkeit in der Führung des Rapiers. Er konnte sich nötigenfalls wenigstens seiner Haut wehren, was ihm früher ganz unmöglich gewesen war.

Aber der Kapitän hatte einen weit kühneren Plan; er wollte das erste nach Tahiti absegelnde Schiff benützen, und mit seinem Freunde ein Jahr in diesem Paradiese des stillen Meeres zubringen.

Die Gelegenheit bot sich bald dar. Der Chevalier stieg auf das Verdeck, ohne zu fragen, wohin die Reise ging.

Nach einer zwölftägigen Fahrt landete man zu Papeite.

Bis dahin hatte der Kapitän nicht bemerkt, dass sein Freund die herrlichsten, großartigsten Landschaften beachtet; kaum hatte der Niagarafall seine Aufmerksamkeit eine kleine Weile gefesselt, aber er hatte sich die Ohren zugehalten und gesagt! »Wir wollen fortgehen; hier werde ich taub.«

Auf dem Mississippi hatte er die schwimmenden Stadtteilen ähnlichen Kolosse vorüberfahren gesehen, und kaum zu denselben hinauf geschaut: er hatte sich in Urwäldern, auf den endlosen Prärien verirrt, ohne sich zu kümmern, wie die Karawane den Weg wiederfinden würde.

Aber bei der Ankunft zu Papeite wurde seine Aufmerksamkeit gefesselt und er sagte zu dem Kapitän: »Dieses Land scheint recht angenehm zu sein; wie heißt es?«

»Es hat viele Namen,« antwortete Dumesnil; »Quiros, der es zuerst besuchte, nannte es Sagittaria; Bougainville gab ihm, der Sitte des achtzehnten Jahrhunderts gemäß, den Namen Neu-Cythere; der Kapitän Wallis nannte es Georgsinsel; Cook gab ihm den ursprünglichen Namen O’Taiti oder Tahiti wieder. Du siehst, dass Du eine Auswahl von Namen hast.«

Der Chevalier fragte nicht weiter.

Nachdem ein an Bord gekommener eingeborener Lotse das Schiff durch die Korallenriffe gesteuert hatte, wurden auf der spiegelglatten Rhede die Anker geworfen. Eine Menge kleiner Fahrzeuge, aus hohlen Baumstämmen bestehend, kam herbei, um die Passagiere ans Land zu bringen.

Der Chevalier sprang in einen solchen Nachen, der heftig schwankte.

»Beinahe wäre ich ertrunken!« sagte er ganz gleichgültig.

»Wie! Du kannst nicht schwimmen?« fragte Dumesnil.

»Nein.« antwortete der Chevalier; »aber Du wirst wir Unterricht geben, nicht wahr?«

Dumesnil hatte ihn so Vielerlei gelehrt, dass Dieudonné nicht zweifelte, er werde ihm auch Schwimmunterricht geben, so wie er ihn fechten, reiten und schießen gelehrt hatte.

» Nein, «sagte Dumesnil, »ich werde Dir keinen Schwimmunterricht geben.«

»Warum nicht?« fragte Dieudonné erstaunt.

»Weil es hier das Geschäft der Weiber ist.«

Der Chevalier errötete und fand den Scherz etwas leichtfertig.

»Sieh nur,« sagte Dumesnil.

Man war dem Ufer nahe. Es war fünf Uhr Nachmittags. Der Kapitän deutete auf eine Schar im Wasser plätschernder Tahitierinnen.

Der Chevalier fühlte sich durch den seltsamen Anblick unwillkürlich gefesselt. Ein Dutzend weibliche Gestalten schwammen wie Najaden in dem blauen durchsichtigen Meere, auf dessen Grunde man die wunderbare Vegetation deutlich sehen kann.

Man denke sich ruhige Sternkorallen in der Form von ungeheuer großen Schwämmen; jedes Loch des Schwammes ist ein dunkler, gähnender Abgrund, in welchem man blaue, rote, goldgelbe Fische von allen Größen und Formen Wimmeln sieht.

Und in diesem klaren Wasser, welches einer verdickten Luft ähnlich ist, tummeln sich, unbekümmert um Klippen und Korallenriffe, die braunen Nymphen, deren ganze Verhüllung in ihrem langen üppigen Haar besteht; denn sie kennen die Schamhaftigkeit nicht einmal dem Namen nach, die Sprache der Eingeborenen hat gar keinen Ausdruck für diese christliche Tugend. Sie schwimmen und tauchen mit staunenswerter Schnelligkeit und Gewandtheit, und nur auf Augenblicke kommen sie, um Atem zu schöpfen, auf die Oberfläche des Wassers: das Meer muss ihr zweites Element sein.

Der arme Chevalier war wie geblendet; er wankte wie ein Betrunkener, als er ans Land stieg und der Kapitän musste ihn führen.

Er setzte sich mit ihm unter einen blühenden Brotbaum.

»Nun, lieber Dieudonné.« sagte Dumesnil, »wie gefällt Dir dieses Land?«

»Es ist ein Paradies,« antwortete der Chevalier. »Ach! wenn Mathilde hier wäre!«

Er seufzte und seine Blicke schweiften mit einer Melancholie, die man diesem Vollmondgesicht gar nicht zugetraut, über den weiten Horizont.

Der Kapitän überließ ihn seinen Gedanken und begann mit den Eingeborenen zu reden. Denn wie warm und mild auch die Lust war, so mochte der Kapitän doch nicht unter freiem Himmel übernachten.

Dann ging er wieder zu seinem Freunde.

Es war sechs Uhr, die Sonne sank, einer roten Scheibe ähnlich, rasch in das Meer. In Tahiti hat der Tag gerade zwölf Stunden, und die Nacht hat die gleiche Dauer. In jeder Jahreszeit geht die Sonne um sechs Uhr Morgens auf und geht um sechs Uhr Abends unter. Man kann zu diesen Stunden seine Taschenuhr so genau nach der großen Himmelsuhr richten, wie die Pariser vormals ihre Taschenuhr nach dem Zeiger am Zifferblatt des Palais-Royal richteten.

Der Kapitän berührte die Schulter seines Freundes mit der Fingerspitze.

»Was willst du?« fragte der Chevalier.

»Ich will Dich fragen was Du zu tun gedenkst.«

Dieudonné sah den Kapitän erstaunt an.

»Was ich zu tun gedenke?« erwiderte er. »Mein Gott! das kümmert mich ja nicht!«

»Aber Du musst doch wohnen. – Willst Du eine Weile hierbleiben?«

»So lange als Du willst.«

»Willst Du nach europäischer Art oder nach der Landessitte leben?«

»Das gilt mir gleich.«

»Willst Du in einem Gasthofe oder in einer Hütte wohnen?«

»Wie Du willst.«

»Gut, aber Du musst Dich nachher nicht beklagen.« »Habe ich mich denn jemals beklagt?« fragte Dieudonné!

»Er hat Recht,« sagte der Kapitän für sich. »Bleibe noch zehn Minuten hier und betrachte den Sonnenuntergang; ich will mich unterdessen nach einer Wohnung umsehen.«

Dieudonné nickte; er war noch immer traurig, aber er fühlte ein noch nie empfundenes körperliches Wohlbehagen. Sobald die Sonne ins Meer gesunken war, kam die Nacht mit fast magischer Schnelligkeit. Aber die Luft blieb durchsichtig, wie bei uns die Dämmerung an einem schönen Sommerabende: die Fische im Meere schimmerten, die Sterne hatten einen wunderbaren Glanz.

Der Kapitän kam wieder, um Dieudonné abzuholen.

»Oh, laß mich noch eine Weile hier,« sagte der Chevalier; »es ist so schön!«

»Du siehst also endlich!« sagte de Kapitän erfreut.

»Ja, es ist mir als ob ich erst diesen Abend anfange zu leben.«

»Komm nur, Du kannst aus deinem Zimmer Alles sehen was Du hier siehst.«

»Durch das Fenster?«

»Nein, durch die Wand. Komm!«

Es war das erste Mal, dass Dieudonné der ersten Aufforderung nicht folgte.

Beide gingen auf ein Haus zu.

In dem Zustande des Chevalier war noch ein Fortschritt zu bemerken! er war seit seiner Abreise in vielen Häusern gewesen, ohne dieselben zu beachtet; aber dieses Haus erregte seine Aufmerksamkeit.

Es war auch wirklich merkwürdig. Auf den ersten An» blick schien es keine menschliche Wohnung, sondern ein großer Vogelkäfig zu sein. Es war ein längliches Viereck, an beiden Enden abgerundet und mit Baumblättern gedeckt..

Das Dach ruhte auf Pfeilern; es bestand aus Sperren, die mit bunten Binsenmatten belegt waren. In einem Winkel des Zimmers lag eine mit Seegras gefüllte und mit einem großen weißen Leinentuch bedeckte Matratze. In der Mitte stand ein kleiner Tisch mit Obst, Milch und Brot. In einer mit Cocosöl gefüllten Pfanne brannten mehre Dochte.

Durch die aus Gitterwerk bestehenden Wände sah man den bestirnten Himmel und das Meer.

»Du siehst,« sagte Dumesnil zu seinem Freunde, »dass Dich hier nichts hindert, ins Freie zu schauen.«

»Schon, wieder ein Aber?«

»Ich kann allerdings in’s Freie schauen, aber die Leute können auch mich sehen —«

»Hast Du denn die Absicht, Böses zu tun?« fragte Dumesnil.

»Gott behüte!« antwortete der Chevalier.

»Nun, was hast Du denn zu befürchten? nicht das Mindeste!«

»Gibt es keine Schlangen, keine Nattern?«

»Kein schädliches Tier auf der ganzen Insel?«

»Ach! Mathilde! Mathilde!« seufzte der Chevalier.«

»Schon wieder!«

»Nein, lieber Dumesnil. Ich meine nur, wenn sie hier wäre, würde ich nie wieder nach Frankreich zurückkehren!«

XI
Wo der Chevalier de la Graverie in Versuchung kommt, Mathilde zu vergessen

Der Chevalier setzte sich an den Tisch und aß einige indianische Birnen und Bananen, dann eine Frucht von der Farbe der Erdbeeren und von der Größe eines Reinetteapfels, deren Namen er nicht kannte. Den Beschluss des Abendessens machte eine Maniokwurzel mit Cocosmilch.

Auf Befragen seines Freundes erklärte er, dass er noch nie im Leben so gut gespeist habe.

Nach dem Abendessen ließ sich der Cyevalier nur mit großer Mühe bewegen, sich zu entkleiden, um zu Bett zu gehen. Die durchbrochenen Wände waren für sein Anstandsgefühl ein Stein des Anstoßes. Erst auf die Versicherung seines Freundes, dass um zehn Uhr Niemand in Papeite mehr wach sei, entschloss er sich. Aber obgleich ihm der Kapitän beteuerte, dass in diesem Eden Polinesiens die Nachttoilette ganz dieselbe sei, wie bei den Stammeltern des Menschengeschlechts, wollte der Chevalier weder Hemd noch Unterbeinkleider ablegen.

Als ihn der Kapitän, seiner dreijährigen Gewohnheit gemäß, zu Bett gebracht hatte, begab er sich in sein Zimmer, nämlich in die zweite Abteilung der Hütte.

Die beiden andern Abteilungen waren von der tahitischen Familie bewohnt, welche dem Kapitän die Hütte vermietet hatte. Der Chevalier, der sich nie nach etwas erkundigte, wusste es nicht. Die Scheidewand, die ihn von den Wirtsleuten trennte, war wohl geschlossen, und er hatte gar nicht gefragt, wer jenseits der Scheidewand wohne. Wenn irgend etwas geeignet war, seine Aufmerksamkeit auf kurze Zeit zu fesseln, so war es eine großartige Landschaft, und dies war, wie wir gesehen, erst seit einigen Stunden der Fall gewesen; denn erst seit seiner Ankunft in Papeite hatte sich der arme Dieudonné erinnert, dass er Augen hatte.

Er begab sich also zur Ruhe und in seinen Erinnerungen zurückgehend, betrachtete er durch die Gitterwand den schönen Sternenhimmel, das azurblaue Meer. »

Einige Schritte von der Hütte sang ein im Gebüsch versteckter Vogel. Es war der Sänger der Liebe, der wundervolle Tui, der nur wacht, wenn Alles schlummert, nur singt, wenn Alles schweigt.

Der Chevalier, auf den Ellbogen durch eine Öffnung der Gitterwand schauend, einem unaussprechlich wehmütig-süßen Gefühl. Es war als ob sich die warme balsamische Nacht, die Reinheit des Himmels, die Harmonie dieses Gesanges verkörpert hätten und gleichsam ein Luftbad bildeten zur Kräftigung der ermatteten Glieder und zum Balsam für wunde Herzen.

Der Chevalier glaubte seit drei Jahren zum ersten Male wieder frei zu atmen.

Auf einmal glaubte er ein leiste Geräusch zu hören, wie die leichten Fußtritte eines Kindes auf dem Grase, und im Halbdunkel der tropischen Nacht sah er eine reizende Mädchengestalt. Der ganze Schmuck der schönen Tahitierin bestand in dem langen, aufgelösten Haar und zwei prächtigen Lotusblumen, die an den Bächen in großer Menge wachsen und von den Mädchen als Ohrgehänge getragen werden.

Die junge Tahitierin schleppte eine Binsenmatte hinter sich her und breitete dieselbe zehn Schritte von dem Hause unter einem Orangenbaum aus.

Der Chevalier wusste nicht ob er wachte oder träumte, ob er die Augen offen halten oder schließen sollte. Nie war eine Statue vollkommener, herrlicher aus den Händen eines Bildners hervorgegangen; nur war sie nicht marmorweiß, sondern schien von Bronze zu sein.

Eine kleine Weile lauschte sie auf den Gesang des Tui; dabei schüttelte sie von Zeit zu Zeit mit der Schulter den Orangenbaum, an den sie sich gelehnt hatte und von welchem ein schneeweißer, duftender Blütenregen herabfiel.

Nach und nach sank sie, mit ihren üppigen, aufgelösten Haaren bedeckt, auf die Matte nieder und schlief ein.

Der Chevalier de la Graverie blieb noch lange wach; er entschlummerte erst als er das Gesicht nach der entgegengesetzten Seite wandte und den Namen Mathilde wie einen Schild vor die reizende Erscheinung hielt.

Am anderen Morgen fand der Kapitän seinen Freund schon wach und angekleidet, obgleich es kaum sechs Uhr war. Der Chevalier beklagte sich, dass er schlecht geschlafen. Dumesnil schlug einen Spaziergang vor.

Als die beiden Freunde eben fortgehen wollten, tat sich die Seitentür auf, und ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen erschien, um die Fremden zu fragen, ob sie etwas brauchten.

Dieudonné erkannte die schöne Schläferin der vorigen Nacht und errötete bis über die Ohren.

Die Tahitierin trug ein langes weißes, vorn offenes Kleid und um den Leib ein blaues seidenes Tuch mit blauem Grunde und gelben Blumen. Arme und Füße waren unbekleidet.

Der Chevalier betrachtete sie, ungeachtet seiner Befangenheit. Sie war, wie alle Tahitierinnen, ziemlich klein, aber ihre kupferfarbene Gestalt zeigte das schönste Ebenmaß; ihr langes, seidenartiges Haar war rabenschwarz: ihre, großen feurigen Augen waren von dunklen Wimpern beschattet: die Backenknochen standen etwas mehr hervor, als bei der kaukasischen Race, die Lippen waren, etwas aufgeworfen, die Zähne perlenweiß, die Hände klein und zart, der Wuchs schlank.

Der Kapitän dankte ihr, stellte sie seinem Freunde als die Tochter der Wirtin vor und sagte, dass er erst gegen neun Uhr nach Hause kommen werde.

Die Kleine schien Alles recht gut zu verstehen. Der Kapitän schien zu erwarten, dass sein Freund sie ebenfalls anrede, aber Dieudonné wagte es nicht: er trat sogar aus die Seite, um ihre seidene Schärpe nicht zu berühren, und ging an ihr vorüber, wie an einer Pariserin auf dem Boulevard des Capucines. Dann entfernte er sich schnell. Die junge Tahitierin schien ihm einen Schrecken eingejagt zu haben.

Der Kapitän wunderte sich gar nicht darüber, er kannte die Blödigkeit seines Freundes gegen das schöne Geschlecht, aber er glaubte nicht, dass er sich gegen eine Tahitierin wie gegen eine Pariserin benehmen würde.

»Warum hast Du ihr nichts gesagt?« fragte der Chevalier; »sieh nur wie traurig die schöne Mahauni uns nachschaut.«

»Mahauni heißt sie?« fragte Dieudonné.

»Ja. Ein hübscher Name, nicht wahr?«

Dieudonné antwortete nicht.

»Hast Du etwas gegen das Mädchen?« fragte der Kapitän; »wir wollen dann ein anderes Quartier nehmen.«

»Nein! nein!« antwortete Dieudonné mit einer Lebhaftigkeit, die ihm sonst nicht eigen war.

Sie gingen weiter. Dumesnil schlug, wie Tarquin, den zu hohen Blumen mit seinem Bambusrohr die Köpfe ab.

Dieudonné folgte ihm schweigend. Das Stillschweigen war ihm freilich so zur Gewohnheit geworden, dass der Kapitän sich nicht darüber Wunderte.

Dieser erste Spaziergang zeigte den beiden Freunden die wunderbar üppige Vegetation des Landes. Die Stadt bot einen zugleich naiven und reizenden Anblick. Obschon die Hauptstadt, war sie einem sehr großen Dorfe ähnlich. Jedes Haus hatte einen Garten, unter dessen Bäumen es fast vergraben schien; und wenn man das Ende der Häuser erreicht hatte, so teilte sich die Straße in Fußpfade und man sah sich von prächtigen Bäumen, duftenden Lauben und plätschernden Springbrunnen umgeben. Unter den Citronen- und Orangenbäumen sah man die Cocospalme, den Bananenbaum, den Papageien- und indianischen Birnbaum, den Eisenbaum mit dem rötlichen Holz und den weit ausgebreiteten Zweigen, die einem riesigen aufgeschossenen Spargelbusch ähnlich sind. Dazu die würzige Luft, die Vögel mit dem blutfarbigen glänzenden Gefieder, das Plätschern der Springbrunnen, die lachenden scherzenden Weiberstimmen – kurz es war ein wahres Feenland, es war die Insel der Blumen und Düfte.

Als die beiden Freunde etwa eine Stunde in diesem wunder herrlichen Garten gegangen waren, stand der Kapitän still. Er hörte ein Geschnatter, das er sich nicht recht zu erklären wusste. Er verließ den Weg und ging etwa fünfzig Schritte durch die Bäume und Gebüsche. Plötzlich blieb er stumm und staunend stehen.

Dieudonné schaute ihm nach. Wenn er bei seinem Freunde war, so schien seine Willenskraft auf den Kapitän übergegangen zu sein; er gehorchte ihm, wie der Leib dem Geiste gehorcht, wie der Schatten dem Körper folgt.

Der Kapitän gab ihm schweigend einen Wink. Dieudonné ging gedankenlos auf ihn zu. Aber seine Gedankenlosigkeit dauerte nicht lange: der Anblick, der sich ihm darbot, war ganz geeignet seine Aufmerksamkeit zu fesseln.

Das Gebüsch, in welchem der Kapitän und der Chevalier versteckt waren, grenzte an den Fluss, in welchem etwa dreißig Tahitierinnen, wie in einem Salon, teils sitzend teils liegend versammelt waren. Die Köpfe und Schultern ragten aus dem Wasser hervor, auf welchem die aufgelösten Haare schwammen. Die Badenden plauderten und wanden sich Kränze aus Wasserlilien, Rosen und Gardanien. Diese reizenden Wesen scheinen zu wissen, dass sie selbst lebende Blumen sind: sie leben mitten unter ihren regungslosen Schwestern, sie sind unter Blumen begraben.

»Sieh, lieber Freund, dort ist sie!« sagte der Chevalier nach einer Pause und deutete auf eine der Badenden.

»Wer?« fragte der Kapitän.

Der Chevalier errötete; er hatte die junge Wirtin erkannt; er vergaß, dass er dem Kapitän von seinem Traum nichts gesagt hatte, und zeigte ihm die schöne Mahauni.

»Wer?« fragte der Kapitän noch einmal.

»Niemand,« antwortete der Chevalier und entfernte sich eilends.

Die beiden Freunde setzten ihren Spaziergang fort. Nach. einer Weile gab der Kapitän seinem Freunde zu bedenken, dass es Zeit sei zu frühstücken; er zündete eine Zigarre an und reichte dem Chevalier aus Gewohnheit ebenfalls eine; aber Dieudonné lehnte das Anerbieten ab; die Stiftsdamen, die ihn, erzogen hatten, konnten den Tabak nicht ausstehen.

Nicht weit von der Hütte begegnete ihnen die schöne Mahauni. Als sie die beiden Freunde sah, stand sie still und wartete.

Der Duft der Zigarre war für sie anziehender als für den Chevalier. Sie sagte einige dem Kapitän nicht verständliche Worte in ihrer Sprache, aber da sie die Pantomime des Rauchens machte, so verstand er sie.

Er nahm eine Zigarre aus der Tasche und reichte sie ihr.

»Nao, nao!« sagte sie, indem sie auf die Zigarre im Munde des Kapitäns deutete.

Dumesnil verstand, dass die eigensinnige Schöne die brennende Zigarre haben wollte. Er reichte sie ihr.

Die Tahitierin that schnell zwei Züge und blies mit großem Behagen den Dampf aus. Dann zog sie zum dritten Male den Dampf ein, ohne ihn sogleich wieder auszublasen, gab dem Kapitän die Zigarre mit einer koketten Verbeugung zurück und ging fort, indem sie den Kopf zurückwarf und den Tabakrauch behaglich in kleinen wirbelnden Wölkchen aus dem Munde aufsteigen ließ.

Alles dies begleitete sie mit reizenden, koketten Bewegungen, welche, wie der Kapitän bis dahin geglaubt hatte, nur den Spanierinnen eigen sind.

Dumesnil warf einen Seitenblick auf seinen Freund, der mit gesenkten Blicken neben ihm her ging und leise den Namen Mathilde flüsterte.

Dumesnil sah hierin einen Fortschritt in der Besserung seines Freundes, denn dieser hatte den Namen sonst immer laut gerufen.

Als Mahauni den Tabakrauch von sich geblasen hatte, knüpfte sie ihre Schärpe los, hielt sie mit weit ausgebreiteten Armen über den Kopf und verschwand hinter der Ecke eines Zitronenwäldchens. Sie glich einem davonfliegendem Schmetterlinge.

Die beiden Freunde fanden ihren Tisch gedeckt. Das Frühstück bestand, wie das Abendessen, aus einem Stück Brotfrucht, einer gerösteten Maniokwurzel, Cocosmilch, Butter und Obst.

Niemand war da: man hätte glauben können, der Tisch sei von Feenhand gedeckt worden. Aber es schien auch für die Wirtin die Frühstückszeit zu sein; denn Dieudonné, welcher der Wand zugewendet saß, sah Mahauni vor der Hütte ein Körbchen von den untersten Zweigen eines Orangenbaumes nehmen und sich zum Frühstück unter denselben setzen.

Dieses Frühstück bestand aus einem halben Dutzend Feigen, einem Stück Melone, einem gebackenen Fisch und einem Stück Brotfrucht.

Der Chevalier vergaß selbst zu essen , als er Mahauni essen sah.

Dumesnil bemerkte die Zerstreuung seines Tischgenossen, sah sich um und erblickte das Mädchen, welches frühstückte, ohne an sie zu denken.

»Aha!« sagte der Kapitän, »Du schaust unsere hübsche Wirtin an.«

Der Chevalier errötete.

»Ja,« sagte er.

»Soll ich sie einladen mit uns zu frühstücken?«

»Nein, nein!« antwortete der Chevalier; »ich dachte nur, unter den Bäumen müsse es recht angenehm kühl sein.«

»Willst Du draußen bei ihr frühstücken?«

»Nein, nein !« sagte Dieudonné. »Es ist ja recht hübsch hier. Ich möchte nur einen andern Platz einnehmen, die Sonne blendet mich hier.«

Der Kapitän schüttelte den Kopf: er schien zu erraten, was für eine Sonne den Chevalier blendete.

r wechselte den Platz, ohne eine Bemerkung zu machen.

Nach dem Frühstück fragte der Chevalier: »Was werden wir jetzt anfangen?«

»Wir halten unsere Siesta,« antwortete der Kapitän, »es ist hier nach dem Frühstück Sitte.«

»Ich bin nicht abgeneigt,« sagte Dieudonné, »ich habe schlecht geschlafen und bin müde.«

»Die Siesta wird Dir wohl tun.«

»Ich hoffe es.«

Beide verließen die Hütte, um einen passenden Ort zu finden. Die Siesta im Freien war weit angenehmer als in der Hütte, wie luftig diese auch war.

Der Chevalier wünschte aber im Schlafe nicht gestört zu werden. Der Kapitän bezeichnete ihm den Garten als den sichersten Ort.

Man suchte ein stilles, schattiges Plätzchen. Der Chevalier wählte einen Rasenplatz unter einer Gardania, deren Äste bis zur Erde herabhingen und gleichsam ein Zelt bildeten. Der Rasen war nur etwas feucht.

Dumesnil, der auf Alles bedacht war, hatte eine große Matte mitgebracht. Diese breitete er auf dem Rasen aus.

»Bleibe hier,« sagte er; »ich werde schon ein anderes Plätzchen finden, wo der Schatten eben so dicht und der Rasen trockener ist.«

Dieudonné machte selten eine Einwendung, wenn sein Freund eine Anordnung getroffen hatte. Er breitete die Matte aus, auf welcher vier Personen ihre Siesta hätten halten können. Erst jetzt bemerkte er ihre Größe und rief dem Kapitän nach, dass die Matte reichlich Platz für Zwei biete. Aber Dumesnil war schon fort.

Der Chevalier entschloss sich nun, die Matte für sich allein in Anspruch zu nehmen. Er zog seinen Rock aus, rollte ihn auf, um ein Kopfkissen daraus zu machen, betrachtete eine Weile die fruchtlosen Versuche der Sonne, durch das Laub der Gardania zu dringen, schloss die Augen, seufzte und schlief ein.

XII
Wo der Chevalier de la Graverie schwimmen lernt

Der Schlaf war keine ganz sichere Zuflucht vor den Träumen, von denen der Chevalier wachend heimgesucht wurde. Sein Schlaf war sehr unruhig. Anfangs träumte er von den gestrigen schönen Schwimmerinnen; aber wie die Sirenen waren sie halb Weib halb Fisch, und jede von ihnen hielt eine Leier oder sonst ein Instrument in der Hand, womit sie einen süßen, wunderlieben Gesang begleiteten. Aber der Chevalier, der mit den mythologischen Überlieferungen des achtzehnten Jahrhunderts aus gefüttert war und die Gefahren der Sirenenstimmen kannte, wandte sich ab, hielt sich die Ohren zu, wie Ulyß, und lief davon.

Wohin er auf seiner Flucht kam, das wusste er nicht. Wahrscheinlich nach Theben oder Memphis, denn unterwegs sah er rechts und links auf marmornen Sockeln jene Ungeheuer mit einem Löwenkörper, aber mit einem Weiberkopf: die Symbole der Weisheitsgöttin Neith, denen das Altertum den Namen Sphinx gegeben hat. Aber diese Sphinx waren nicht von Marmor, wie ihre Piedestale, sondern lebend, obschon an ihren Platz gefesselt. Ihre Augen taten sich auf und schlossen sich, ihr Busen wogte, und der Chevalier glaubte zu bemerken, dass sie ihn mit verliebten Blicken ansahen. Endlich hob eine von ihnen die Tatze und streckte sie nach ihm aus, so dass er, um die Berührung zu vermeiden, auf die andere Seite sprang; aber die andere Sphinx hob ebenfalls die Tatze und alle andern folgten diesem Beispiel.

Und gleichwohl war es klar, dass die ägyptischen Ungetüme keine böse Absichten gegen ihn hatten, wie würden sie ihn sonst so zärtlich angesehen haben. Aber der Chevalier schien die Freundlichkeit der Ungeheuer mehr zu fürchten als ihren Hass.

Er suchte zu entfliehen, aber wohin sollte er sich wenden? Die Piedestale hatten sich in Bewegung gesetzt, als ob sie durch eine große Maschine weiter geschoben würden, und bald sah er sich ganz von ihnen umringt.

In diesem Augenblicke schien es ihm, als ob sich nahe bei ihm eine Wolke bildete, nach Art des Gewölks, auf welchem die schlafenden Prinzessinnen zu der Bühne hinab schweben. Diese Wolke schien nur zu warten, dass sich der Chevalier darauf lege, um die Erde zu verlassen.

Da die Augen der Ungetüme immer feuriger zu werden schienen, da ihre Krallen fast schon seinen Rockkragen berührten, so zögerte er nicht länger, er machte sich’s auf der Wolke bequem und wurde von ihr emporgetragen.

Aber nun glaubte der arme Dieudonné zu bemerken, dass sich die Wolke belebe, dass es im Grunde nichts Anderes war, als ein leichtes Gewand von Gaze, und dass die wirkliche solide Stütze, auf welcher er ruhte, eine schöne Jungfrau war, welche, wie die Götterbotin Iris, mit wunderbarer Schnelligkeit den Weltenraum durcheilte. Er fühlte sich auf dieser interessanten Luftreise von ihren Armen umschlungen, er fühlte ihr pochendes Herz an seiner Brust, ihren glühenden Athen, an seiner Wange.

Sie hatte den Chevalier gerettet, aber sie betrachtete ihn nun als ihr Eigentum; sie trug ihn in ihre Grotte, legte ihn auf ein Bett von feinem Sande; aber sie legte sich an seiner Seite nieder und ihr glühender Athem schien auch seine Brust mit einem verzehrenden Feuer zu erfüllen.

Das Gefühl war so lebhaft, dass er mit einem lauten Schrei erwachte.

Er hatte nur halb geträumt. Mahauni lag neben ihm, und der Atem der Tahitierin berührte seine Wange.

Wie er, hatte Mahauni ein schattiges Plätzchen gesucht, um die Siesta zu halten. Sie hatte den Chevalier an dem hübschesten Orte des Gartens schlummern gesehen, und die Matte, auf der er lag, war für eine einzige Person dreimal zu groß. Das holde Naturkind hatte kein Bedenken getragen, den unbenutzten Teil der Matte für sich in Anspruch zu nehmen. So war sie ganz arglos eingeschlummert, wie ein Kind an der Seite der Mutter.

Aber während ihres Schlummers hatte sie, wahrscheinlich ebenfalls träumend, den Arm ausgestreckt und ihr Atem berührte die Wange des armen Dieudonné.

Sie schlief noch. Der Chevalier machte den Arm des Mädchens vorsichtig von seiner Schulter los, stand leise auf und lief davon, ohne zu wissen wohin. Seinen aufgerollten und als Kopfkissen benützten Rock ließ er im Stich.

Der Chevalier lief dem Meere zu und machte erst an der Küste Halt.

Es war etwa ein Uhr Mittags. Die Sonne schickte ihre glühenden senkrechten Strahlen auf die Erde herab. Der Chevalier dachte, welch ein Genuss es sein müsse, wie die Fische oder Tahitierinnen zu tauchen und unter dem Wasser zu schwimmen, und er bedauerte, dass er diesen Teil der Gymnastik vernachlässigt hatte.

Aber ohne schwimmen zu können, konnte er sich doch an der Frische des Wassers laben. Er hatte in den Ufer buchten natürliche Grotten bemerkt, welche zur Hälfte mit Meerwasser angefüllt waren und von der Natur zu Badewannen bestimmt zu sein schienen.

Dort konnte er Schatten und Kühle finden, und diesen doppelten Genuss beschloss er sich zu verschaffen.

Er stieg mit einiger Mühe an der Küste hinab. Es war die Zeit der Ebbe, und als ob er den Zauberstab einer Fee in der Hand gehabt hätte, fand er sogleich eine seinen Wünschen entsprechende Grotte, die der Grotte der Kalypso nachgebildet zu sein schien.

Er sah sich nach allen Seiten um, es war Niemand in der Grotte. Er glaubte daher, dass er sich ohne Bedenken entkleiden könne. Er legte ein Kleidungsstück nach dem andern in eine kleine Nebengrotte, welche gewissermaßen ein Cabinet neben dem großen von der Natur geschaffenen Salon bildete.

An der tiefsten Stelle fand der Chevalier kaum drei Fuß Wasser.

Dieses laue, aber durch den Schatten abgekühlte Wasser gewährte ihm eine ungemeine Erfrischung. Er konnte nicht begreifen, wie man versäumen könne, schwimmen zu lernen. Aber er bedachte, dass man sich, um schwimmen zu lernen, andern Leuten fast ohne alle Bekleidung zeigen müsse, und er schauderte bei dem Gedanken, bei Dumesnil, der doch sein bester Freund war, Schwimmunterricht zu nehmen.

Zum Glück hatte er diese Grotte entdeckt; er nahm sich vor, keinen, Menschen ein Wort davon zu sagen und täglich einige Stunden darin zuzubringen, er fühlte sich so unaussprechlich wohl, dass ihm das Baden in der Grotte für jede andere Unterhaltung Ersatz bieten konnte.

Der Geist verlangt keine Zerstreuung, wenn das materielle Wohlbehagen so groß ist, dass der Mensch, um sich demselben ganz hinzugeben, alle seine Körper- und Geisteskräfte braucht.

Der Chevalier blieb wohl zwei Stunden in diesem wonnigen Zustande, der ihm nicht einmal gestattete, die Zeit ab» zumessen.

Plötzlich wurde er durch das Geräusch eines ins Wasser fallenden Körpers seinem beschaulichen Zustande entrissen.

Er sah etwas vor sich niederfallen, aber er vermochte es nicht zu unterscheiden.

Nach einer kleinen Weile sah er ein schönes Köpfchen auf der Wasserfläche erscheinen.

Es war Mahauni.

Sie sprach einige Worte, welche ein Aufruf an ihre Freundinnen zu sein schienen.

Sie rief nicht vergebens. Eine Tahitierin nach der andern sprang von dem hohen Ufer ins Meer. Es waren dieselben, welche der Chevalier bereits in der Frühe badend gesehen hatte.

Alle Köpfe kamen nach einander zum Vorschein; dann begannen diese Töchter der Amphitrite »wie ein griechischer Dichter sie genannt haben würde,« sich im Wasser herumzutummeln.

Dieudonné sah sie, aber sie konnten ihn nicht sehen, da er in der dunkeln Grotte versteckt war.

Es verging eine Stunde, die der Chevalier keineswegs sehr lang fand. Er widmete dem Schauspiele, welches er vor Augen hatte, solche Aufmerksamkeit, dass er das Steigen des Wassers nicht bemerkte, bis es ihm bis an die Achseln reichte.

Die Ebbe war zu Ende, die Flut trat ein. Dieudonné hatte an dieses Phänomen gar nicht gedacht, und es wurde ihm erst bange, als er seine Kleider auf dem Wasser schwimmen sah. Da die kleine Grotte, in welche sie der Chevalier gelegt hatte, etwas tiefer war, als die andere, so war das Wasser zuerst eingedrungen und hatte die Kleider des Chevalier weggeschwemmt.

Er wollte rufen, aber er getraute sich nicht, denn er würde dadurch seine Anwesenheit verraten haben. Wenn er die fort schwimmenden Kleider wenigstens auf dem Leibe gehabt hätte, so würde er kein Bedenken getragen haben, sich zu zeigen; denn sie schienen keine Dianen zu sein, die ihn nach der Art des Actäon bestrafen würden. Aber wenn er angekleidet gewesen wäre, so hätte er keinen Grund gehabt zu rufen.

Der Chevalier irrte sich, denn seine Lage begann bedenklich zu werden. Das Wasser stieg immer höher und reichte ihm schon bis an das Kinn. Er konnte freilich einen Fuß gewinnen, wenn er einige Schritte zurücktrat. Aber er begann das Bedenkliche seiner Lage einzusehen. Er sah sich um und bemerkte, wie hoch die Flut in der Grotte stieg: bei der höchsten Flut würde er vier Fuß Wasser über seinem Kopfe haben.

Der Chevalier war einer Ohnmacht nahe, ein kalter Schweiß bedeckte seine Stirn.

In diesem Augenblicke erhoben die Schwimmerinnen ein lautes Geschrei; sie hatten seine auf dem Wasser schwimmenden Kleider bemerkt. Um die Ursache dieser seltsamen Erscheinung zu erforschen, schwammen sie auf die Grotte zu. Aber statt sie zu Hilfe zu rufen, ging Dieudonné so weit zurück als er konnte.

Die Schwimmerinnen erhaschten die Kleider: es war nicht zu bezweifeln, es waren die Kleider eines Europäers.

Der Chevalier hatte Lust, seine Kleider zu verlangen; aber was sollte er damit anfangen? sie waren ja ganz durchnässt!

Inzwischen stieg die Flut unaufhörlich. Dieudonné sah. dass ihm das Wasser in zehn Minuten bis über den Kopf steigen würde. Eine sich heranwähende Woge bedeckte ihm das Gesicht mit Schaum.

Der Chevalier schrie unwillkürlich auf. Die Schwimmerinnen hörten es.

Eine zweite Woge folgte der ersten.

Dieudonné dachte an den Kapitän. und als ob dieser ihn hätte hören können, rief er:

»Hierher, Dumesnil! Zu Hilfe! zu Hilfe!«

Die Schwimmerinnen verstanden diese Worte nicht, aber in der Art wie sie gesprochen wurden, lag etwas so herzzerreißendes, dass sie vermuteten, der Schreier müsse in Todesgefahr sein.

Der Hilferuf kam offenbar aus der Grotte. Eine von den Tahitierinnen tauchte, und schwamm unter dem Wasser auf die Grotte zu.

Plötzlich sah der Chevalier zwei Schritte vor sich einen Kopf auftauchen.

Es war Mahauni. An dem bestürzten Gesicht des Chevalier erriet sie die Lage, in der er sich befand, und rief ihre Freundinnen herbei.

Der Chevalier befand sich gerade in derselben Lage wie Virginie auf der Brücke des St. Geran, sie war gerettet, wenn sie den Beistand des nackten Matrosen, der sie ans Ufer zu tragen versprach, annehmen wollte; verloren, wenn sie sich weigerte.

Die Tahitierinnen gaben durch Gebärden zu verstehen und versuchten auch durch Worte anzudeuten, dass sich Dieudonné nur auf sie zu stützen brauche, um ans Land getragen zu werden.

Zwei von ihnen bildeten mit verschränkten Armen eine Art Floß, auf welchem er sich ausstrecken und sich mit beiden Händen auf die Schultern der beiden Schwimmenden stützen könnte.

Der Chevalier – wir müssen es ihm zur Ehre nachsagen – war einen Augenblick unschlüssig; er fasste den keuschen Entschluss, zu sterben, wie die Jungfrau auf Ile-de-France. Aber die Liebe zum Leben siegte; er schloss die Augen, streckte sich auf dem lebenden Floß aus, stützte seine Hände auf die runden Schultern der schönen Nymphen und überließ sich ihrer Führung.

Ob er den Namen »Mathilde« flüsterte? Wir waren nicht dabei, und können es daher weder behaupten noch verneinen.

Einige Monate nach diesem Vorfall, von welchem Dieudonné seinem Freunde kein Wort gesagt hatte, als er in Gesellschaft des Kapitäns Seevögel jagte, fiel er über Bord.

Der Kapitän warf schnell seinen Rock ab, um den Chevalier zu retten; aber als er ihm eben nachspringen wollte, sah er Dieudonné zu seinem größten Erstaunen auf der Wasserfläche zum Vorschein kommen und sich ziemlich gut flott erhalten.

Dumesnil war höchst erstaunt.

»Reiche mir die Hand,« sagte Dieudonné, »und hilf mir in die Barke.«

Dumesnil reichte ihm die Hand, der Chevalier stieg wieder ein.

»Aber wo in aller Welt hast Du denn schwimmen gelernt?« fragte Dumesnil.

Dieudonné errötete bis über die Ohren.

»Duckmäuser!« sagte der Kapitän lachend. »Gestehe nur, dass dein Schwimmunterricht nichts weniger als unangenehm gewesen ist.«

Dieudonné antwortete nicht, aber die Geschicklichkeit, mit der er der Gefahr entronnen war, bewies, dass der Kapitän Recht hatte.

XIII
Der Mensch denkt und Gott lenkt

Drei Jahre verflossen in diesem irdischen Paradiese. Nach Verlauf dieser Zeit war Dieudonné wohl nicht ganz, aber doch beinahe geheilt von der tiefen Schwermut, die er aus Frankreich mitgebracht hatte.

Die Ehre dieser moralischen Kur kam dem Kapitän zu, so wie die Ehre der physischen Kur dem Arzt gebührt. Dumesnil hatte freilich die Mittel angewendet, welche ihm die Mutter Natur an die Hand gab; aber diese Mittel waren im Grunde nur die Medikamente; der wirkliche Arzt war der, welcher die Anwendung derselben angeordnet und beaufsichtigt hatte.

Der Chevalier schien also zufrieden. Wenn er je zuweilen noch den Namen Mathilde aussprach, so war es nur im Traum; sein Wille behielt die Oberhand, und es war wenigstens ein Sieg, wenn auch keine vollständige moralische Heilung.

Nicht ein einziges Mal war von der Rückkehr nach Frankreich die Rede gewesen, und keinen Augenblick hatte sich der Chevalier nach seinem Heimatland gesehnt. Der Kapitän war freilich unablässig auf Zerstreuungen für seinen Freund bedacht gewesen, er war allen seinen Wünschen zuvorgekommen und hatte ihm die gewohnten Bequemlichkeiten und Genüsse verschafft. Jeden Anflug von Trübsinn hatte er hinweg gescherzt. Kurz, er hatte seine selbstgewählte Verpflichtung gewissenhaft erfüllt.

Bei dem weichen Gemüte des Chevalier de la Graverie ist es begreiflich, wie teuer und zumal unentbehrlich ihm der Freund geworden war, dem er seine Gemütsruhe verdankte. Das große Kind konnte die Mutter oder wenigstens die Wärterin nicht entbehren. Dieudonné hatte ganz verlernt, sich selbst zu regieren.

Eines Abends, als sie Beide, der Kapitän rauchend, der Chevalier Zucker essend, am Meere spazieren gingen, fühlte sich der Erstere plötzlich unwohl.

Dumesnil, der von herkulischer Kraft war, beachtete diese Unpässlichkeit nicht und wollte seinen Spaziergang fortsetzen; aber bald versagten ihm die Füße den Dienst, seine Stirn war mit Schweiß bedeckt, und er fühlte sich so schwach, dass man ihm einen Stuhl bringen musste.

Alle moralische und physische Kraft vermochte nichts gegen die mit furchtbarer Heftigkeit ausbrechende Krankheit.

Der Chevalier verlangte einen Arzt.

In der Zeit vor der englischen Besitznahme und dem französischen Protektorat war keine Besatzung auf der Insel, und folglich kein europäischer Arzt; die eingeborenen Quacksalber behaupteten mit gewissen Kräutern und Zauberformeln zu kurieren, und kurierten auch vielleicht so gut wie graduierte Doktoren.

Mahauni, die immer sehr gefällig gegen den Chevalier war, erbot sich einen solchen Empiriker zu holen; aber der Chevalier, der inzwischen die Landessprache gelernt hatte, verlangte einen europäischen Arzt; es sei Tags zuvor ein französisches Schiff angekommen, und von diesem müsse man Hilfe holen.

Mahauni ließ sich das Wort »Medicin« in französischer Sprache einige male wiederholen, bis es ihr gelang, dasselbe deutlich auszusprechen. Dann sprang sie sogleich ins Meer und schwamm auf das Schiff zu, an dessen Hauptmast die dreifarbige Fahne wehte.

Während nämlich der Chevalier auf Tahiti lebte, war die Julirevolution ausgebrochen; aber diese Veränderung, die, wenn der Chevalier in Frankreich geblieben wäre, seine Lebensverhältnisse wahrscheinlich bedeutend erschüttert haben würde, ging für ihn in der weiten Entfernung fast unbemerkt vorüber.

In der Nähe des »Dauphin« – so hieß die französische Brigg – hob sich Mahauni aus dem Wasser empor und rief mit aller Anstrengung, deren ihre melodische Stimme fähig war: »Ein Medissin! Ein Medissin!«

Ungeachtet der Veränderung, welche die Tahitierin mit dem Worte vorgenommen hatte, verstand der Schiffskapitän doch recht gut, was die Schwimmerin verlangte. Er glaubte die Königin sei krank und befahl dem Schiffsarzt, einem jungen Manne von sechs, bis siebenundzwanzig Jahren, der seine erste Seereise machte, sich ans Land zu begeben.

Als Mahauni sah, dass das Boot heruntergelassen wurde und der Schiffsarzt einstieg, überzeugte sie sich, dass man sie verstanden hatte, und wie dringend sie der junge Arzt auch bat, in das Boot zu steigen und mit ihm ans Land zu fahren, tauchte sie unter, kam in einer Entfernung von zwanzig Schritten wieder zum Vorschein, tauchte wieder unter, um weiterhin wieder aufzutauchen, und kam früher als das Boot mit den vier Ruderern ans Land.

Sie lief nun sogleich zu der Hütte der beiden Freunde und rief ihnen zu: »Medissin! Medissin!«

Dann eilte sie wieder auf den Strand, um den Arzt zu dem Kranken zu führen.

Das Boot war der Schwimmerin gefolgt und landete an der Stelle, wo diese ans Ufer gestiegen war.

Der junge Doktor stieg ans Land, folgte seiner Führerin, und in einigen Sekunden war er vor der Tür der Hütte.

Der Chevalier eilte ihm entgegen, entschuldigte sich, dass er ihn belästigt, und führte ihn an das Lager des Kapitäns.

Der Arzt begriff nun, warum sich die Botin lieber an den »Dauphin« als an ein anderes Schiff gewandt hatte. Er tat also gar keine Frage und ging gerade auf den Kranken zu.

»Wie!« sagte er erstaunt, »Sie sind’s, Kapitän?«

Der Kapitän schlug die Augen auf, erkannte ebenfalls den jungen Arzt, lächelte, reichte ihm die Hand und sagte mit matter Stimme:

»Ja, ich bin’s, wie Sie sehen.«

»Ich hoffe, es wird nichts zu bedeuten haben,« sagte der Arzt. »Fassen Sie Mut! Wo fehlt’s?«

Der Chevalier de la Graverie hatte große Lust zu fragen, wie sich der Doktor und der Kapitän kannten; aber da das Krankenexamen begonnen hatte, so verschob er sein Fragen auf eine andere Zeit.

»Wo es fehlt?« erwiderte der Kapitän; »das ist schwer zu sagen. Ich wurde Plötzlich von einem Unwohlsein befallen; meine Mattigkeit zwang mich mein Bett aufzusuchen.«

»Und seit dem Sie im Bette sind?«

»Fühle ich Zuckungen, Gliederzittern, abwechselnd Frost und trockene Hitze.«

: Der Arzt verlangte ein Glas Wasser und reichte es dem Kranken.

»Versuchen Sie zu trinken,« sagte er.

Dumesnil trank einige Schluck.

»Alles ist mir zuwider,« sagte er, »und überdies schlucke ich schwer.«

Der Doctor legte zwei Finger etwas unter den Magen.

Der Kranke schrie und zuckte.

»Haben Sie noch keinen Brechreiz gefühlt?« fragte der Arzt.

»Noch nicht,« antwortete der Kranke.

Der Doktor verlangte Papier und eine Feder; aber es war kein Schreibzeug in der Hütte.

Der Kapitän verlangte seine Reiseschatulle. Man brachte sie ihm. Er trug den Schlüssel dazu an einer Schnur um den Hals.

Dumesnil öffnete vorsichtig die Schatulle, als ob sie Gegenstände enthielte, die Niemand sehen dürfte, nahm Schreibmaterialien heraus, und gab sie dem Doktor, der einige Zeilen schrieb.

Es war ein Befehl an seinen Gehilfen, ihm augenblicklich aus der Schiffsapotheke die bezeichneten Arzneien zu senden.

Da Mahauni den Bootsleuten die nötige Weisung nicht geben konnte, so eilte der Chevalier mit dem Billett an den Landungsplatz.

Er gab den vier Matrosen einen Louisd’or, um sie zur Eile anzutreiben. Das Boot fuhr sogleich ab.

Der Chevalier begab sich wieder in die Hütte zurück.

Der Doktor war abwesend. Der Chevalier fragte nach ihm. Er hatte sich durch Vermittlung des Kapitäns den Fluss zeigen lassen.

Der Chevalier, der ihn gern allein sprechen wollte, eilte ihm nach. Er fand ihn bis an die Knie im Wasser stehend und ein Heilkraut pflückend.

Der Doktor grüßte, fuhr aber in seiner Arbeit fort. Er schien zu ahnen, dass man ihn mit Fragen bestürmen wollte, auf die er keine sehr befriedigenden Antworten zu geben hatte.

»Sie kennen also den Kapitän Dumesnil?« fragte der Chevalier.

»Ich sah ihn gestern zum ersten Male am Bord des »Dauphin,« antwortete der Doktor.

»Am Bord des »Dauphin?« Was wollte er denn am Bord des »Dauphin?«

»Er wollte sehen , ob wir keine Nachrichten aus Frankreich mitbringen, und er wollte durchaus einen unserer Passagiere sprechen. Wir gaben ihm zu bedenken, dass das gelbe Fieber am Bord sei, aber er ließ sich nicht abschrecken.«

Diese Worte des jungen Arztes waren ein Donnerschlag, für den Chevalier.

»Das gelbe Fieber!« sagte er. »Dumesnil hat also das gelbe Fieber?«

»Ich fürchte es,« antwortete der junge Arzt.

»Aber das gelbe Fieber ist tödlich!« stammelte Dieudonné schaudernd.

»Wenn Sie die Mutter, die Schwester oder der Sohn des Kapitäns wären, so würde ich Ihnen antworten: zuweilen. Aber Sie sind ein Mann, Sie sind nur sein Freund, und ich antworte Ihnen: fast immer!«

Der Chevalier zitterte.

»Wissen Sie gewiss,« fragte er, »ob es wirklich das gelbe Fieber ist?«

»Ich hoffe, dass es nur ein gastrisches Fieber ist,« antwortete der Doktor; »die Symptome sind gleich.«

»Und wenn es ein gastrisches Fieber ist, werden Sie ihn retten?«

»Ich habe dann wenigstens mehr Hoffnung.«

»O mein Gott! mein Gott!« jammerte der Chevalier in Tränen ausbrechend.

Der junge Arzt sah den Mann an, der wie ein Frauenzimmer schluchzte.

»Ist denn der Kapitän Ihr Verwandter?« fragte er.

»Er ist weit mehr als ein Verwandter,« erwiderte Dieudonné; »er ist mein Freund!«

»Sie können versichert sein,« sagte der junge Arzt und reichte dem Chevalier gerührt die Hand , »dass Ihr Freund auf das Sorgfältigste behandelt werden soll. In Frankreich sind die Franzosen Landsleute, in der Fremde sind sie Brüder.«

»O mein Gott! warum ist er auch an Bord dieses Schiffes gegangen?« Warum hat er mich nicht hingeschickt? Ich wäre dann erkrankt und nicht er; ich würde dann sterben und nicht Dumesnil!«

Der Doktor betrachtete mit einer gewissen Bewunderung diesen Mann, der so ohne alle Ruhmredigkeit sein Leben für die Rettung eines Freundes anbot.

»Ich sage Ihnen ja,« erwiderte er, »dass ich noch nicht alle Hoffnung verloren habe. Es kann ebenso gut ein heftiges gastrisches Fieber als das gelbe Fieber sein, und dann werde ich ihn retten.«

»Wer ist denn der Passagier, den er aufsuchte?«

»Ein Freund von ihm.«

»Dumesnil hatte keinen andern Freund als mich, sowie ich keinen andern Freund hatte als ihn,« sagte der Chevalier wehmütig.

»Sie umarmten sich aber doch,« sagte der Doktor, »als ob sie sich freuten, einander wieder zu sehen.«

»Wie heißt der Passagier?« fragte der Chevalier.

»Baron de Chatier,« sagte der Arzt.

»Baron de Chatier? Den kenne ich nicht. – Ach! warum hat er mich nicht zu dem verwünschten Baron de Chatier geschickt!«

»Wahrscheinlich weil er ihn persönlich zu sprechen wünschte, und die Unterredung vor Ihnen geheim halten wollte. Sagen Sie ihm daher kein Wort von meiner Indiskretion denn in seinem Zustande könnte die mindeste Aufregung sein. Leben in Gefahr bringen.«

»O! fürchten Sie nichts,« sagte der Chevalier, die Hände faltend, »ich werde ihm kein Wort davon sagen.«

Man begab sich wieder in die Hütte. Der Chevalier fasste die heißen Hände seines Freundes.

»Wie befindest Du Dich?« fragte er.

»Sehr schlecht, ich habe fürchterliche Leibschmerzen.«

»Ich will Ihnen eine Ader öffnen,« sagte der Doktor., »Herr Chevalier, lassen Sie dieses Kraut in einer Maß Wasser sieden.«

Der Chevalier gehorchte mit der Folgsamkeit eines Kindes und mit der Bereitwilligkeit einer Krankenwärterin.

Unterdessen schnürte der Arzt die Binde um den Arm des Kranken und nahm eine Lanzette aus seinem Besteck.

»Halten Sie das Becken, Chevalier.«

Dieudonné gehorchte.

Der Doktor stach die Ader, aber der Organismus des Kranken war schon so zerrüttet, dass das Blut nur tropfen» weise hervorkam.

Der Arzt stach die Lanzette tiefer ein; nun strömte das schwarze, bereits zersetzte Blut stark hervor.

Der Chevalier wurde ohnmächtig.

Der Kapitän schien dies benützen zu wollen.

»Herr Doktor,« sagte er, »ich fühle, dass ich nicht zu retten bin. Sagen Sie Herrn von Chatier, dass ich ihm das Kind, von welchem ich gestern mit ihm sprach, noch einmal dringend empfehle. Ich lasse ihn bitten, den Chevalier de la Graverie, wenn er ihm zufällig begegnet, nichts davon zu sagen; Bertha müsste denn sehr wichtige Gründe haben , anerkannt zu werden. Er mag diese Gründe beurteilen. – Haben Sie mich wohl verstanden?«

»Ja, Kapitän,« erwiderte der Doktor, der die Wichtigkeit seiner Mission erkannte, »und will versuchen, Ihnen Wort für Wort zu wiederholen, was Sie mir aufgetragen haben.«

Er wiederholte in der Tat den Auftrag des Kapitäns auf das Genaueste.

»Es ist gut,« sagte der Kranke. – »Mahauni. bespritze das Gesicht des armen Chevaliers mit kaltem Wasser.«

Mahauni, die vor dem Feuer saß und den Trank kochte, hatte gar nicht bemerkt, dass der Chevalier ohnmächtig war, sie gehorchte dem Befehl des Kapitäns mit einer Bereitwilligkeit, welche bewies, dass sie an ihrem Schwimmschüler großen Anteil nahm.

Der Chevalier kam wieder zur Besinnung, als der Doktor eine Kompresse auf die geschlagene Ader legte.

Der Aderlass verschaffte dem Kapitän eine kurze Erleichterung; aber gegen zwei Uhr Nachts begann das Erbrechen.

Der Doktor warf dem Chevalier einen Blick zu, welcher zu sagen schien: Das fürchtete ich!

Der Chevalier verstand diesen Blick und entfernte sich, um sich ungestört seinem Schmerz zu überlassen.

Der folgende Tag verstrich unter abwechselnder Besserung und Verschlimmerung. Gegen Abend wurde der Zustand sehr bedenklich: das Gesicht war glühend rot, das Schlucken fast unmöglich, das Erbrechen wurde häufiger. Der Arzt nahm den Verband von dem Arme des Kranken und fand die Wunde mit einem schwarzen Rande umgeben.

Nun konnte er aus dem hoffnungslosen Zustande des Kranken kein Geheimnis mehr machen. Da der Kapitän noch vollkommen bei Verstand war, so erklärte der Doktor dem Chevalier, sein Freund habe keine Zeit zu verlieren, wenn er einige letztwillige Verfügungen zu treffen habe.

Der Doktor musste, wenn auch nur auf einige Stunden, an Bord zurückkehren; er versprach am andern Morgen wie» herzukommen und ließ schriftliche Anordnungen über die Behandlung des Kranken zurück. Er erklärte für die Hauptsache, den Mut des Letzteren möglichst aufrecht zu halten.

Diese Anordnung war überflüssig: der Starke war der Kranke der Schwache, sein Wärter, der sich wohl befand.

Der Chevalier hatte das Lager seines Freundes keinen Augenblick verlassen: er pflegte ihn eben so sorgsam , wie der Kapitän ihn gepflegt hatte, als er den Fuß gebrochen hatte, er gab nicht zu, dass er die Arznei aus einer andern Hand nahm.

Dieses Benehmen des armen Dieudonné war um so verdienstlicher, da er selbst auf das tiefste erschüttert war, und die Leiden seines Freundes nur mit Widerstreben ansah. Wir haben gesehen, dass er in Ohnmacht fiel, als dem Kapitän eine Ader geöffnet wurde, und nachher war er oft wieder einer Ohnmacht nahe.

Jetzt, nachdem der Arzt den Kranken fast aufgegeben hatte, war’s noch schlimmer. Dieudonné wurde von furchtbarer Angst ergriffen, wenn sich der Kapitän auf seinem Lager wälzte; wenn der Kranke hingegen einschlummerte, so betrachtete Dieudonné diesen Zustand als das bedenklichste Symptom; er schüttelte den Kapitän und fragte »Wie befindest Du Dich? Antworte mir doch!« Und wenn der Kranke nicht antwortete, so rang er jammernd die Hände.

Mitten in einem solchen heftigen Ausbruch des Schmerzes glaubte der nicht schlafende, sondern nachsinnende Dumesnil, der Augenblick sei gekommen, dem Freunde seine letzten Weisungen zu geben.

Der Kapitän besaß einen ernsten, stoischen Charakter; er betrachtete ohne Furcht für sich wenigstens, den verhängnisvollen Übertritt in das unbekannte Jenseits, und er wurde nur durch den Gedanken an die Verlassenheit seines Freundes beunruhigt.

»Lieber Dieudonné.« sagte er, »trockne deine Tränen, die eines Mannes unwürdig sind, und höre meinen Rat, wie Du deine Lebensweise einzurichten hast, wenn ich nicht mehr sein werde.«

Bei den ersten Worten des Kranken schwieg der Chevalier wie durch einen Zauberschlag. Dumesnil, der seit beinahe zwei Stunden keinen Laut von sich gegeben hatte, sprach so ruhig, dass man hätte glauben können, Gott habe ein Wunder an ihm getan; aber als er an die Worte kam: »wenn ich nicht mehr sein werde,« rang Dieudonné verzweifelnd die Hände, schloss den Kranken in seine Arme und klagte mit bittern Worten über die Härte des Schicksals.

Der Kapitän fühlte nicht mehr die Kraft, den übermäßigen Schmerz seines Freundes mit Gründen zu bekämpfen; er stammelte mit matter Stimme

»Dieudonné, Du tötest mich!«

Der Chevalier trat zurück, sank auf die Knie und hob bittend die Hände empor.

»Verzeihe mir, Dumesnil,« sagte er. »Ich will kein Wort mehr sagen, ich will Dich ruhig anhören.«

Aber die hellen Tränen rannen ihm über die Wangen.

Dumesnil sah ihn einige Augenblicke mit tiefem Mitleid an.

»Weine nicht so, mein armer Kamerad! Ich bedarf meiner ganzen Kraft, um als Mann und Soldat die letzte Grenze zu überschreiten, und dein Jammer zerreißt mir das Herz – Dieudonné,« setzte er mit ganz militärischer Entschiedenheit hinzu, »wir müssen in dieser Welt scheiden!«

»Nein, nein,« sagte Dieudonné; »nein, Du wirst nicht sterben, es ist unmöglich!«

»Aber Du musst doch darauf gefasst sein,« antwortete der Kranke.

»Ich soll Dich künftig nicht mehr sehen? Nein, so grausam wird Gott nicht sein!«

»Es müsste dann die Seelenwanderung dort oben an der Tagesordnung sein,« sagte der Kapitän lächelnd. »In diesem Falle möchte ich in die Haut eines Hundes fahren. Wir müssen uns in das Unvermeidliche fügen, lieber Freund.«

Dieudonné schloss den Freund, der bald auf immer scheiden sollte, in seine Arme.

»Nur Mut gefasst!« fuhr der Kapitän fort. »Wahrhaftig, es scheint als ob Du die Welt verlassen solltest – Ich will Dir, so lange als ich noch die Kraft habe, einen guten Rat geben. Bleibe hier, wenn Du kannst, obgleich ich kaum glaube, dass Du hier ohne mich viel Vergnügen finden wirst.«

»O nein, nein!« schluchzte Dieudonné; »wenn ich das Unglück habe dich zu verlieren, so gehe ich nach Frankreich zurück!«

»Nach Belieben, Freund. In diesem Falle nimm meine Leiche mit; es wird Dir einige Zerstreuung machen, und Du wirst glauben, dass wir nicht völlig scheiden. Ich bin aus einer traurigen, langweiligen Provinzstadt, aus Chartres. Ader zu Chartres liegen meine Eltern und eine geliebte Schwester begraben. Unsere Familie hat dort eine Gruft, in der noch ein Platz leer ist; Du setzest mich hinein und lässt den Eingang vermauern. Ich bin der Letzte der Familie. Wenn alles dies geschehen ist, so zieh Dich von der Welt zurück, lebe als Hagestolz, nämlich als Egoist, werde ein Esskünstler, ein Feinschmecker; mit Einem Worte: der Magen vertrete bei Dir die Stelle des Herzens. – Ach! lieber Dieudonné, zum Lieben fehlt Dir die Kraft!«

Dumesnil sank erschöpft auf sein Kissen zurück. Einige Minuten nachher begann er zu phantasieren; aber in der Fieberphantasie schien ihn ein Gedanke zu verfolgen: die Seelenwanderung. Ein Hund, und zwar ein schwarzer Hund schien seinem zerrütteten Geiste vorzuschweben.

Unterdessen kam der junge Arzt wieder; er erschien nur, um sein Versprechen zu halten und seine Berufspflicht zu erfüllen. Er sah auf den ersten Blick, dass der Kapitän nicht mehr zu retten war.

Dieudonné lag auf den Knien und schluchzte und rang die Hände. Von Zeit zu Zeit lauschte er auf die schweren, pfeifenden Atemzüge des Sterbenden und verfiel endlich in einen Zustand der Besinnungslosigkeit, aus welchem er durch die Worte des Doktors: »Er ist tot!« geweckt wurde.

Er richtete sich nun auf, warf sich jammernd auf den Toten, und hielt ihn so fest umschlungen, dass man Gewalt anwenden musste, um ihn loszumachen.

XIV
Rückkehr nach Frankreich

Glücklicherweise hatte Dieudonné Pflichten gegen seinen dahingeschiedenen Freund zu erfüllen. Schwache Menschen fürchten die Einsamkeit: nur starke Geister dulden im Stillen, die meisten Menschen hingegen suchen Zerstreuung, Überreizung, um sich zu betäuben, sich selbst gleichsam zu entfliehen.

Der »Dauphin,« der die Reise um die Welt machte, zu Manila das gelbe Fieber an Bord geschleppt hatte, war auf der Rückreise nach Frankreich und wollte in zwei Tagen die Anker lichten.

Dies war ein Glück für den Chevalier, denn er mochte nicht langer bleiben in dem irdischen Paradiese, wo er mit seinem Freunde so glücklich gewesen war. Er schrieb an den Kapitän des »Dauphin.« um für sich und den Sarg seines Freundes die Überfahrt zu erbitten.

Der junge Arzt versprach seine Vermittlung, und der Schiffskapitän machte keine Schwierigkeiten.

Als der Doktor wieder ans Land kam, war der Sarg aus Eichenholz schon fertig.

Dieudonné nahm den kleinen Schlüssel zu der Schatulle vom Halse des Toten, um diese Reliquie fortan auf seiner Brust zu tragen.

Dann ließ er den Toten in das schönste und weißeste, Stück Stoff hüllen, das er finden konnte, streute selbst Bananen- und Pandanusblätter in den Sarg, legte die Leiche seines Freundes auf dieses weiche Lager, das die Tahitierinnen mit Blumen schmückten, küsste ihn noch einmal auf die Stirn und ließ den Sarg zunageln.

Jeder Hammerschlag durchzuckte sein Herz; aber wie dringend man ihn auch bat sich zu entfernen, so blieb er doch bis der letzte Nagel eingeschlagen war.

Inzwischen wurde es Nacht. – Am andern Morgen sollte das Boot des »Dauphin« den Toten und den Leben- den abholen. Da die Eingeborenen keinen Toten über Nacht in ihren Häusern dulden, so ließ Dieudonné den Sarg unter den Zitronenbaum stellen, wo Mahauni unmittelbar nach der Ankunft der Fremden übernachtet hatte. Dann ließ er seine Matratze neben den Sarg legen und begab sich, den Kopf an den Sarg lehnend, zur Ruhe.

Am andern Morgen packte er Alles zusammen was dem Kapitän Dumesnil gehört hatte: Kleider, Waffen, vor allen Dingen aber die Schatulle.

Dieudonné fühlte noch nicht die Kraft, diese zu öffnen; wahrscheinlich enthielt sie einige letztwillige Anordnungen, die ihm das Herz brechen mussten. Er dachte, es sei Zeit genug, sie in Frankreich, in Chartres, nach dem Begräbnis, seines Freundes zu öffnen.

Endlich schenkte er den betrübten Tahitierinnen eine Menge Kleinigkeiten, welche diese naiven Naturkinder gern haben zu wollen schienen.

Das Boot kam zur bestimmten Stunde, um den Chevalier abzuholen. Außer den vier Ruderern waren vier Matrosen, ein Bootsmann und der Doctor darin.

Alle Einwohner von Papeite begleiteten den Sarg und den Chevalier bis ans Meeresufer. Der biedere, derbe Dumesnil war sehr beliebt gewesen, noch mehr aber bedauerte man die Abreise des sanften, gutmüthigen, freigebigen Dieudonné.

Am Landungsplatz nahmen die Männer Abschied von ihrem Gast; die Weiber, die sich noch nicht von ihm trennen mochten, sprangen ins Meer und schwammen wie Sirenen um das Boot. Einige, die den Weg bis zum Schiffe etwas lang fanden, riefen dem Chevalier Lebewohl zu und verließen ihn auf halbem Wege. Fünf oder sechs hielten aus bis zu der Brigg.

Als der Chevalier die Leiter bestieg, sank Mahauni weinend in seine Arme und fragte, ob er sie mitnehmen wolle.

Dieses Anerbieten des holden Naturkindes rührte ihn tief. Er war unschlüssig, aber er dachte an den Rat seines sterbenden Freundes, fasste einen festen Entschluss, stieß die schöne Mahauni zurück und stieg rasch auf das Verdeck.

Die Tahitierinnen schwammen noch eine Weile um die Brigg; aber als ihr Freund, der Chevalier, nicht wieder zum Vorschein kam, warfen sie den Matrosen Kusshände zu und schwammen ans Land zurück.

Zwei- oder dreimal hielt Mahauni an und sah sich nach der Brigg um; aber als sie den Chevalier nicht erblickte, tauchte sie unter, um ihre Tränen abzuwaschen, und erschien ganz freundlich wieder auf der Wasserfläche.

Wir bemerken dies ausdrücklich damit unsere Leser die tahitische Ariadne nicht allzu sehr bedauern, zumal wenn sie vielleicht in sentimentalen Romanen gelesen haben, dass sich Insulanerinnen, die von Europäern verlassen worden, über die Treulosigkeit der Letzteren zu Tode gegrämt.

Dieudonné erschien nicht auf dem Verdeck, weil er mit der Unterbringung des Sarges in seiner Kajüte beschäftigt war.

Während er diese Anordnungen traf, kam eine schöne schwarze Hündin in die Kajüte und sah ihn mit ihren großen klugen Augen an.

Der Chevalier wurde durch den Anblick des Hundes so ergriffen, dass er auf einen Stuhl sank und von neuem in Tränen ausbrach: er erinnerte sich einiger kaum verständlichen Worte, die sein sterbender Freund gelallt hatte.

Er nahm den Kopf des schönen Hundes in beide Hände, aber er mochte diese Liebkosung wohl nicht mit gehöriger Schonung machen, denn der Hund lief davon.

Der Chevalier fragte einen Matrosen, wem die schöne neugierige und doch so scheue Hündin gehöre.

Der Matrose antwortete, sie gehöre einem Passagier und habe gestern vier Junge geworfen; drei derselben habe man ins Meer geworfen, und das Tier sei wahrscheinlich zu dem vierten geeilt; dies werde wohl die Ursache sein, warum es sich den Liebkosungen des Chevaliers entzogen.

Da der Wind günstig war, so ließ der Kapitän die Anker lichten. Das nächste Ziel der Reise war Valparaiso, wo ein Passagier abgesetzt werden sollte.

Der Chevalier hatte nicht vergessen, wie sehr er von Havre nach Neuyork und von San Francisco nach Tahiti an der Seekrankheit gelitten; seine erste Sorge war daher, sich in seine Hängematte zu legen und sich dem ihm zur Bedienung zugewiesenen Matrosen zu empfehlen.

Diese Vorsorge war nicht überflüssig. Nach drei Tagen der schönsten Fahrt trat stürmisches Wetter ein. welches beinahe vierzehn Tage anhielt. Der Chevalier stand nicht auf; der Matrose, der ihm zu essen brachte, war immer von der schönen schwarzen Jagdhündin begleitet, denn das kluge Tier wusste wohl, dass der Chevalier die Speisen fast unberührt ließ.

Am achtzehnten oder neunzehnten Tage, als die See noch immer hoch ging und der Chevalier immer in seinem Bett lag, kam die Hündin wie gewöhnlich, aber dieses Mal in Begleitung des kleinen Hundes, der bereits auf dem Verdeck zu laufen begann.

Der kleine Hund, ein Miniaturbild seiner Mutter, war allerliebst. Ungeachtet seines Entschlusses, ganz teilnahmslos zu bleiben, begann der Chevalier den kleinen Black – so hieß der junge Jagdhund – mit Liebkosungen zu überhäufen. Er fütterte ihn mit gestoßenem Zucker, den der kleine Black gewissenhaft bis auf die letzte Krume aus seiner Hand aufleckte.

Oft war der Chevalier im Begriff, den Matrosen zu fragen, ob der Herr des Hündchens wohl geneigt sein würde, dasselbe zu verkaufen; aber er dachte an die Mahnung Dumesnil’s: Werde ein Egoist! hänge dein Herz an gar nichts! Er verbannte gewaltsam den Gedanken, irgend einem Geschöpf und wäre es auch nur ein Hund, einen Teil seines Herzens zu schenken, das seinem Freunde ganz und ungeteilt gehören sollte.

In jedem andern Verhältnis würde Dieudonné dieser langen Abgeschiedenheit überdrüssig geworden sein und er würde sich, auf die Gefahr hin, die Seekrankheit in höherem Grade zu bekommen, auf das Verdeck geschleppt haben; aber er war ja nicht allein in seiner Kajüte, er war mit dem Teile seiner Selbst, welchen ihm der Tod so grausam entrissen, und er fühlte mit einer gewissen Selbstbefriedigung, dass seine Liebe nie erkalten, seine Tränen nie versiegen würden.

Es dauerte noch vier bis fünf Tage, bis sich das Meer wieder beruhigte; dann hörte das Schwanken des Schiffes plötzlich auf und völlige Ruhe trat ein.

Dieudonné rief seinen Matrosen und fragte ihn um die Ursache dieser Ruhe.

Der Matrose antwortete, das Schiff befinde sich auf der Rhede von Valparaiso; wenn der Chevalier aufstehen wolle, so könne er die Küste von Chili und den Anfang des schönen Thales sehen, welches wegen seiner unvergleichlichen Schönheit den Namen »Valparaiso«, das ist »Tal des Paradieses« erhalten hat.

Der Chevalier erklärte sich bereit sein Lager zu verlassen; aber da Black mit seiner Mutter da war, so spendete er seinen Lieblingen zuerst Brot, Fleisch und Zucker.

Die Hündin wurde mitten in der Mahlzeit durch einen lauten Pfiff gestört; sie hob den Kopf, aber zögerte noch.

Ein zweiter Pfiff und gleich darauf der Name Diana offenbar von ihrem Herrn gerufen, machte ihrer Unschlüssigkeit ein Ende, und sie lief mit ihrem Jungen davon.

Der Chevalier kleidete sich an und begab sich auf das Verdeck.

In dem Augenblicke als sein Kopf in der Lucke erschien, fuhr die Schaluppe ab, um den Passagier, der zu Valparaiso abgesetzt werden sollte, an’s Land zu bringen.

Der Chevalier, durch den Anblick der wundervollen Küste unwillkürlich gefesselt, trat an den Bord des Schiffes. Sein Blick fiel nun auf das Boot, welches schon etwa hundert Schritte entfernt war.

In dem Boote befand sich die schöne Hündin, die den Kopf auf das Knie des abfahrenden Passagiers gelegt hatte.

Der Chevalier rief seinen Matrosen.

»Francis,« fragte er, »wird Black mit seiner Mutter wohl wiederkommen?«

»Nein, Herr Chevalier,« antwortete der Matrose; »die beiden Hunde gehören Herrn von Chartier und gehen mit ihm ans Land.«

Dieudonné erinnerte sich dieses Namens. Es war der Name des Freundes, der die unschuldige Ursache des Todes Dumesnil’s gewesen war. Aber wie schuldlos auch dieser Fremde war, so war Dieudonné doch sehr erzürnt gegen ihn.

»Es freut mich, dass er geht. Dumesnil hatte ihn sehr lieb, sein Anblick würde mich zu sehr ergriffen haben. – Nur den kleinen Hund vermisse ich sehr ungern. Im Grunde ist’s, freilich recht gut, dass das Hündchen nicht am Bord geblieben ist; ich fing schon an ihm gut zu werden.«

Am andern Morgen wurden die Anker gelichtet. Zwei Monate darauf landete man zu Brest.

Eine Woche nachher traf der Chevalier mit der irdischen Hülle seines Freundes in Chartres ein.

XV
Wo der Chevalier dem Kapitän die letzte Ehre erweist und sich zu Chatres ansiedelt

Der Chevalier stieg im Gasthofe ab und zog sogleich Erkundigungen ein.

Der Kapitän Dumesnil hatte keine Verwandten mehr; aber viele Einwohner von Chartres hatten den Kapitän gekannt und ließen seinem Mut und seiner Biederkeit alle Gerechtigkeit widerfahren.

Dieudonné begab sich zum Totengräber und ließ sich das Grab der Familie Dumesnil zeigen. Ein Fach der Gruft war noch leer, wie der Kapitän gesagt hatte.

Der Chevalier hatte die Vorsicht gebraucht, einen vom Schiffsarzt und dem Schiffskapitän unterzeichneten Totenschein ausstellen zu lassen. Mit diesem amtlichen Dokument in der Hand konnte er das letzte Marmorbett für seinen entschlafenen Freund verlangen.

Er schickte Todesanzeigen an alle Honoratioren in der Stadt und ließ das Ableben Dumesnil’s in den Zeitungen bekannt machen. Nächsten Montag sollte das Begräbnis stattfinden; die etwa noch lebenden Verwandten des Verstorbenen hatten fast eine Woche Zeit sich einzufinden. Die etwa entfernter wohnenden Angehörigen der Familie Dumesnil konnten den aus einigen hundert Francs bestehenden Nachlass schriftlich reklamieren. Der Kapitän hatte kein Vermögen gehabt und war auf seinen Ruhegehalt von fünfzehnhundert Francs beschränkt gewesen.

Das Begräbnis fand an dem bestimmten Tage statt. Kein Verwandter erschien, aber alle Einwohner der Stadt wohnten dem Begräbnis bei. Der Chevalier war der einzige Leidtragende und ein Sohn würde seinen Vater gewiß nicht aufrichtiger betrauert haben, als der Chevalier seinen Freund betrauerte. Die kaum versiegten Tränen warteten nur auf eine Gelegenheit um von neuem zu fließen, und es tat ihm unendlich wohl, sich auszuweinen.

Als die Leiche in die Gruft gesenkt war, wollte den Chevalier de la Graverie einige Worte zu der Menge sprechen, welche sich halb aus Neugier halb aus Teilnahme dem Trauerzuge angeschlossen hatte, aber er war zu tief ergriffen, um sprechen zu können.

Dies war die beste Art, seinen Dank auszudrücken. Seit jenem Tage ließ Jedermann wenigstens seinem Herzen Gerechtigkeit widerfahren. Man begleitete den Chevalier bis vor den Gasthof.

In seinem Zimmer war Dieudonné ganz allein und verlassen. Er betrachtete die verschiedenen Gegenstände, welche dem Kapitän gehört hatten, und unter ihnen die Reiseschatulle. Der Anblick dieser Reliquien entlockte ihm neue Tränen.

Er fasste nun den Entschluss, in Chartres zu bleiben. Kein Ort der Welt war ihm besonders anziehend; eine langweilige, öde Stadt wie Chartres, mit ihrer alten Kathedrale, deren Türme wie zwei Arme beständig, wie um Barmherzigkeit flehend, zum Himmel emporgestreckt sind, war seiner Stimmung ganz angemessen.

Er wollte von seinen vormaligen Freunden Niemand wiedersehen, Niemand zumal, der Mathilde gekannt hatte und sich vielleicht nach ihr erkundigen mochte. Und gleichwohl hegte er auf französischem Boden die geheime Hoffnung, sie wiederzusehen. Er glaubte an jeder Straßenecke werde sie ihm begegnen und in seine Arme sinken.

Er begann sogleich ein Haus zu suchen und fand das oben beschriebene, welches ihm in jeder Hinsicht passend schien. Er ließ einen Tapezier kommen, bestellte Möbeln und schrieb an seinen Notar mit dem Auftrage, ihm die von seinen Renten rückständigen Summen, sein Silberzeug und andere Kostbarkeiten zu senden.

Der Notar, der dem Chevalier während seiner siebenjährigen Abwesenheit nur einen Teil seiner Rente geschickt hatte, konnte über eine Summe von dreißig- bis vierzigtausend Francs verfügen. Außerdem hatte der Chevalier eine Jahresrente von etwa zwanzigtausend Livres, und mit einer solchen Rente ist man in Chartres ein Krösus.

Nach acht Tagen konnte das Haus bezogen werden. Der Einzug war eine Angelegenheit von großer Wichtigkeit; der Leser wird sich erinnern, wie komfortabel der Chevalier seinen Salon, sein Speisezimmer und zumal sein Schlafgemach eingerichtet hatte.

Wir haben damals absichtlich unterlassen, den Toilettentisch des Chevalier zu beschreiben.

Dumesnil hatte ihm in seinem letzten Augenblicke die Schatulle empfohlen.

Als der Chevalier eingezogen war, beschloss er die Schatulle zu öffnen. Er waffnete sich mit aller Kraft, setzte sich auf seinen weichen orientalischen Teppich nahm die Schatulle zwischen die Knie und öffnete sie, nachdem, er zuvor sein Schnupftuch aus der Tasche gezogen hatte.

Die ersten Gegenstände, die er erblickte, öffneten in der Tat wieder seine Tränenschleusen. Es waren die Gerüche, welche der Kapitän bei seiner Toilette gebraucht hatte.

Der Chevalier nahm sie nach einander heraus und legte sie um sich aus den Teppich.

Endlich bemerkte er, dass die Schatulle einen doppelten Boden hatte. Es gelang ihm ohne Mühe das geheime Fach zu öffnen.

Dieses Fach enthielt ein sorgfältig versiegeltes und zusammengeschnürtes Paket. Auf dem Umschlage standen folgende Worte.

»Ich bitte meinen Freund de la Graverie bei unserer Freundschaft und seiner Ehre, dieses Paket an Madame de la Graverie zu übergeben, wenn er sie jemals wieder sieht, oder es an dem Tage, wo er ihren Tod erfahren wird, unerbrochen zu verbrennen.

Dumesnil.«

Der Chevalier wurde nachdenkend; aber es fiel ihm ein, dass Dumesnil, während er. Dieudonné, durch den Beinbruch ohnmächtig gewesen war, Mathilde wiedergesehen hatte; wahrscheinlich hatte sie ihm irgend einen Auftrag gegeben, den er vielleicht nicht vollzogen hatte und dessen Aufklärung sich in dem Paket befand.

Er legte das Paket daher wieder in die Schatulle, verschloss sie sorgfältig, stellte sie in einen Schrank und legte auf seinen Toilettentisch alle Gegenstände, deren sich sein Freund bedient hatte, und die er nun zum Andenken aufbewahren und in Gebrauch nehmen wollte.

Er dachte einige Tage fast unablässig an das versiegelte Paket, aber es kam ihm nie in den Sinn es zu eröffnen.

In der fremden Stadt war Dieudonné von den alltäglichen Trost gründen, die seinen Schmerz nur vermehrt hätten verschont geblieben. Die Gleichgültigkeit gegen Alles war das beste Linderungsmittel für seine Trauer.

Er bezog seine neue Wohnung in sehr trüber Stimmung. Er hatte in einem Offizier der Garnison einen vormaligen Kameraden wiedergefunden; er war nicht geneigt die Bekanntschaft mit ihm zu erneuern, aber er wusste, dass das Regiment in wenigen Tagen die Stadt verlassen sollte, und besann sich nicht länger. Er gab sich dem Offizier zu erkennen und erkundigte sich nach mehren Personen, die er vor sechzehn bis achtzehn Jahren als junge, blühende, lebenslustige Männer gekannt hatte. Viele waren längst tot; sie fehlten bei diesem Appell, wie ein General die Toten auf dem Schlachtfelde zählt.

Dieudonné wurde nun noch mehr bestärkt in dem Entschluss, Dumesnil’s Rat zu befolgen und sich fortan zu hüten vor jenen flüchtigen Bekanntschaften, die nur wenige Freuden bieten, und dem Herzen keine Befriedigung gewähren. Er wollte Alles umgehen, was künftig seine Ruhe stören könnte, und nachdem er von dem Offizier Abschied genommen hatte, nahm er sich vor, seinen älteren Bruder ganz unbeachtet zu lassen, und sich auch nie nach Mathilden zu erkundigen. Das Erstere fiel ihm nicht schwer, ein um so größeres Opfer aber war die Ausführung seines zweiten Entschlusses.

In dieser Abgeschiedenheit hatte sich Dieudonné nur mit seiner eigenen Person zu beschäftigen. Mit den Einwohnern von Chartres kam er nur so viel in Berührung, als nötig war, um kein Gegenstand lästiger Neugier zu werden. Er vermied zumal sorgfältig jede trauliche Annäherung und hielt sich streng in den Grenzen kalter Höflichkeit. Wenn er je zu» weilen im Gespräche etwas zutraulicher wurde, so betrachtete er diese Stimmung als eine Warnung des Himmels, und als ob ihm die Regungen der Freundschaft hätten gefährlich werden können, zeigte er sich am freundlichsten und wohlwollenden gegen Narren und böse Leute, an denen es nirgends in der Welt, selbst in dem öden Chartres nicht, fehlt.

Nicht minder streng war der Chevalier de la Graverie in allem was sein häusliches Leben betraf. Er verbannte aus seiner Nahe alle Hunde, Katzen und Vögel, die er als Ursachen von Plackereien und Verlegenheiten betrachtete.

Er hatte nur Eine dienende Person. Er wählte immer eine geschickte, aber alte, zänkische Köchin, um sie immer in ehrerbietiger Entfernung von seinem Herzen halten zu können, und entließ sie ohne alle Schonung, nicht etwa aus Ärger, sondern wenn er merkte, dass ihm ihre Dienstleistungen zu angenehm wurden.

In dieser Beziehung wurden seine kühnsten Wünsche seit einiger Zeit übertroffen. Wir haben die Haushälterin Marianna im zweiten Kapitel dieser Erzählung kennen gelernt; wir haben gesehen, wie sie auf ihren Herrn und den Hund, der ihm nachgelaufen war, eine große Wasserflut ergoss.

Marianna war hässlich, und sie wusste es. Dieses Bewusstsein der Hässlichkeit trug nicht wenig zur Verbitterung ihres Gemütes bei, so dass der Chevalier de La Graverie das Glück hatte, die unangenehmste Person, die er je kennen gelernt, in seinem Hause zu haben. Herzensleiden hatten den größten Anteil an dieser stets aufgeregten, zänkischen Stimmung; unter dem Vorwand, sich an einem Treulosen zu rächen, quälte sie den armen Dieudonné, ohne zu ahnen, welchen Dienst sie ihm damit erwies; er hatte ja eine dienende Person im Hause, zu der er unmöglich die mindeste Zuneigung fühlen konnte.

Aber Marianna besaß außer ihrer Grobheit und ihrem zänkischen Charakter noch andere, für den Chevalier höchst schätzbare Eigenschaften; sie war ohne Widerrede die geschickteste Köchin in Chartres, und wir haben im Anfange unserer Erzählung bereits angedeutet, dass die Bauchdienerei die Lieblingssünde des Chevaliers war. In dem Maße als sein Herz einschrumpfte, dehnte sich sein Magen aus. Der Küchenzettel, spielte in seinem Leben eine Hauptrolle, und obschon er sich durch einige Indigestionen überzeugt hatte, dass keine Freude hienieden vollkommen ist, so erwartete er die Stunde der Tafel doch immer mit großer Sehnsucht. Marianna war für ihn die wichtigste Person auf Erden.

Nach und nach gewöhnte sich der Chevalier so gut an dieses Schneckenleben, dass die aller unbedeutendsten Vorfälle für ihn hochwichtige Ereignisse wurden. Das Summen einer Fliege verursachte ihm Nervenzucken, und da er unablässig mit seiner treueren Person beschäftigt war, so wurde seine Ruhe von Zeit zu Zeit getrübt durch die Atome, die seine rastlose Phantasie durch ein Vergrößerungsglas sah.

Er war eigentlich kein schlechter Mensch geworden; sein Herz hatte etwas von der Härte des Schneckenhauses angenommen, in welches es sich geflüchtet hatte, und seine ursprünglichen guten Eigenschaften waren durch diese beständige Sorge für das eigene Ich sehr abgestumpft worden; seine Herzensgüte wurde negativ; er mochte seine Mitmenschen nicht leiden sehen, aber seine Menschlichkeit entsprang aus dem unangenehmen Gefühl, welches ihm der Anblick des Elends verursacht hatte, und aus dem sich unwillkürlich ihm aufdrängenden Gedanken, dass er selbst vielleicht auch unglücklich werden könne. Er würde seine Almosen gern verdoppelt haben, wenn man ihm nur den Anblick eines Bettlers hatte ersparen können. Das Mitleid war bei ihm eine Verstimmung der Nerven geworden, an welcher sein immer mehr einschrumpfendes Herz keinen Anteil hatte.

Es geht mit den Tugenden und Lastern wie mit eines Geliebten; wenn man einen Monat von ihr getrennt gewesen ist, so vermisst man sie nicht mehr und denkt nicht mehr an sie.

Dahin war’s also nach acht— bis neunjährigem Aufenthalte zu Chartres mit dem Chevalier de la Graverie gekommen.

Zweiter Band

I
Wo der Verfasser den abgerissenen Faden der Erzählung wieder anknüpft

Als wir diese lange Abschweifung, die an sich selbst eine ganze Geschichte ist, begannen, hatte Marianne dem Parlamentiren zwischen dem Chevalier und dem schönen schwarzen Jagdhunde in höchst brutaler Weise ein Ende gemacht.

Der arme Dieudonné begab sich triefend und murrend in sein Schlafzimmer. Wäre ihm seine Haushälterin auf der Treppe begegnet, so würde es ihr gewiss schlecht ergangen sein; aber er fühlte eine eisige Kälte, die ihm durch Mark und Bein drang, er hielt es daher für angemessen, zuvörderst alle Vorkehrungen gegen den Schnupfen zu treffen und dann erst seinem Zorn freien Lauf zu lassen.

Ein loderndes, knisterndes Kaminfeuer, wie man es nur in den Provinzen findet, vertrieb sogleich das Frösteln und die üble Laune Dieudonné’s, der in der behaglichen Wärme bald seinen Zorn vergaß. Dann dachte er an den armen Jagdhund, der ebenso übel zugerichtet worden war, wie er selbst, und sein langes seidenartiges Haar vermutlich in der matten Herbstsonne trocknen musste.

Dieser Gedanke trieb den Chevalier aus dem weichen Armsessel. Dieudonné trat ans Fenster; der Hund saß schlotternd auf der andern Seite der Straße vor dem gegenüberstehenden Gefangenhause, und betrachtete mit tiefer Betrübnis die Haustür, von welcher er in so schonungsloser Weise fort getrieben worden war.

In diesem Augenblicke bemerkte der Hund den Chevalier de la Graverie am Fenster; der Kummer des klugen Tieres wurde nun noch deutlicher sichtbar. Das erste Gefühl Dieudonné’s war eine Regung des Mitleids, aber seine langjährige Gewohnheit, solche Regungen zu bekämpfen, siegte über diesen Rest seines früheren Temperamentes.

»Er gehe zu seinem Herrn« sagte der Chevalier laut, als ob er seine eigenen Gedanken beantwortete. »Marianne würde vollkommen Recht haben, wenn sie den Hund und mich nicht so brüderlich gleich behandelt hätte; man müsste ein fürstliches Vermögen haben, wenn man jeden vagabundierenden Hund aufnehmen wollte. Dieser Hund hat sehr viele Fehler: er ist naschhaft und hat folglich den Diebsinstinkt; er würde das ganze Haus plündern. Überdies will ich kein Tier bei mir haben, ich habe es mir fest vorgenommen und habe es Dumesnil versprochen.«

Der Chevalier warf sich wieder in seinen Armsessel und suchte die Regungen seines Gewissens zu beschwichtigen.

Er begann einzuschlummern. Aber nun ging in dem Geiste des armen Dieudonné etwas Seltsames vor. Noch ehe er völlig eingeschlummert war, glaubte er sich in ganz neue Umgebungen versetzt: die Wände taten sich auf und verwandelten sich in Gitterwerk, wie ein Vogelkäfig; eine warme balsamische Luft zog durch die Öffnungen ein, und man sah den reinen blauen Himmel, und die üppige Tropenvegetation und den unermesslichen Meeresspiegel.

Der Chevalier de la Graverie fühlte sich im Traum wie durch eine magnetische Gewalt nach Papeite versetzt. Er stand an einem Bett, vor welchem gelbe Wachskerzen brannten. Auf dem Bett lag eine verhüllte menschliche Gestalt. Allmählich wurde das Leichentuch durchsichtig, und der Chevalier erkannte die bleichen, eingesunkenen Züge, die erloschenen Augen, den halb offenen Mund Dumesnil’s, und er hörte die Stimme seines Freundes, der deutlich und vernehmlich folgende Worte sprach: »Ich müsste denn die Seelenwanderung dort oben an der Tagesordnung finden; in diesem Falle möchte ich in die Haut eines Hundes fahren —«

Dann ließ sich eine Wolke zwischen dem Chevalier und dem Leichnam des Kapitäns nieder, und die Vision verschwand.

Der Chevalier schrie laut auf. als ob er in einen Abgrund stürzte, und erwachte. Als er völlig wach war, fand er, dass er sich an seinem Armsessel festhielt.

»Welch ein abscheulicher Traum!« sagte er, sich den Schweiß von der Stirne wischend. »Armer Dumesnil!«

Dann starrte er eine Weile die Stelle an, wo ihm die Vision erschienen war.

»Er war’s wirklich!« stammelte er.

Diese Überzeugung schien ihn bewogen zu haben, einen festen Entschluss zu fassen. Er stand auf und ging rasch auf das Fenster zu.

Aber mitten im Zimmer stand er still.

»Nein, es ist doch gar zu dumm!« sagte er; »mein armer Freund ist leider tot, aber solche abgeschmackte Ideen sollte ich verbannen. – Ich habe mich heute auf dem langen Spaziergange erhitzt, das Sturzbad Mariannens hat mich zu rasch abgekühlt, und der verwünschte Hund hat mich ganz verwirrt gemacht. – Ich will nicht mehr daran denken.«

Der Chevalier trat vor seinen Bücherschrank, und um nicht mehr »daran zu denken,« nämlich an den Kapitän Dumesnil und den schwarzen Hund, nahm er aufs Geratewohl ein Buch, warf sich wieder in einen Armstuhl, stellte seine Füße auf den Feuerbock des Kamins, schlug das Buch auf und fand zufällig folgende Zeilen:

»Über das von Pythagoras aufgestellte System ist uns kein Lehrsatz geblieben, aber nach den auf uns gekommenen Überlieferungen kann man versichern, dass er nur vom Standpunkte der Materie, keineswegs aber vom Standpunkte des dem Menschen innewohnenden Lebensprinzips an den Tod glaubte. Dieses Lebensprinzip sei unsterblich und könne daher durch den Menschen nicht abgenutzt oder verändert werden; es gehe aber in andere Wesen über: in Wesen gleicher Natur, wenn die Götter ein Leben voll Mut, Redlichkeit und Aufopferung belohnen zu müssen glaubten; in Wesen von niederer Natur, wenn der Mensch während seines Erdenlebens irgend ein zu sühnendes Unrecht begangen habe. So behauptet er, seinen Freund Kleomenes von Thasos acht bis zehn Jahre nach dessen Tode in der Gestalt eines Hundes wieder erkannt zu haben.«

Weiter las der Chevalier nicht; er ließ das Buch fallen, welches seine Gedanken so unmittelbar beantwortet hatte, und trat zögernd ans Fenster.

Der Hund war noch auf seinem Posten, in der gleichen Stellung, und starrte das Fenster an, an welchem Dieudonné erschienen war. Sobald er den Chevalier wieder erblickte, begann er mit dem Schweif zu wedeln.

Diese Beharrlichkeit des Tieres stand mit den Gedanken des Chevaliers so sehr im Einklang, dass er seine ganze Vernunft aufbieten musste, um in seinem Zusammentreffen mit dem schwarzen Hunde kein übernatürliches Ereignis zu erblicken.

So schwankte er eine Weile zwischen der Beschämung über diese abergläubischen Ideen und zwischen der seltsamen Teilnahme für seinen Begleiter. Endlich entschloss er sich zu einem Auskunftsmittel, durch welches er seinem Gefühl Genüge leisten konnte, ohne einen lästigen Gast in sein Haus zu bringen.

Er eilte in die Küche hinunter. Marianne war nicht da.

Der Chevalier freute sich: er hatte wirklich die Tür schließen gehört und hoffte, die Haushälterin sei ausgegangen. Er hatte ihre Vorwürfe gefürchtet. Aber er hatte seinen Entschluss gefasst, er war »im Harnisch.« Wenn Marianne etwas einwendete, so wollte er die Gelegenheit benützen, um seinen Zorn gegen sie auszulassen und ihr mit hausherrlicher Würde erklären: »Marianne, wir können nicht länger beisammen bleiben!«

Die Wirkung dieser Worte hatte er schon einige Male erprobt: Marianne war immer geschmeidig wie ein Handschuh geworden.

Aber seit einiger Zeit war Marianne zänkischer als je zuvor geworden, und er hatte geglaubt, diese üble Laune sei die Folge von Dienstanträgen, die ihr der Bürgermeister von Chartres gemacht. Es war daher zu fürchten, dass die unschätzbare Köchin sein Haus verlassen und bei dem Bürgermeister Dienste nehmen werde.

Der Chevalier hatte wohl die Regungen seines Herzens, aber keineswegs das Bellen seines Magens beschwichtigt. Daher hatte er so sehr gefürchtet, Marianne in der Küche zu finden, und daher war es ihm so leicht ums Herz geworden, als er bemerkte, dass sie nicht da war.

Der Chevalier benützte diese Gelegenheit und trat rasch vor den Speiseschrank.

Der Speiseschrank war verschlossen. Marianne war eine sorgsame Haushälterin.

Er nahm ein Messer und versuchte damit das Schloss zu öffnen. Aber er bedachte was Marianne sagen würde, wenn sie ihn auf der Tat ertappte. Marianne betrachtete ja die Küche als ihr Eigentum.

Dieudonné ließ das Messer fallen und sah sich verzweifelnd um.

Unweit der Tür, auf einem hohen Brett bemerkte er ein gebratenes Huhn, von welchem er Morgens nur einen Flügel gegessen hatte. Marianne hatte offenbar die Absicht, diesen leckeren Ueberrest zum Diner zu verwenden. Die Phantasie Dieudonné’s labte sich an dem saftigen Huhn, welches er als Fricassee, als Marinade, als Bayonnaise oder Mayonnaise – die gelehrten Gastronomen sind über die Schreibart nicht ganz einig – zu erwarten hatte. Er sah daher in der ganzen Küche nach andern Esswaren um, welche das gebratene Huhn zu dem beabsichtigten Zwecke ersetzen könnten. Aber er fand nichts.

Er fasste das Huhn bei den Füßen, hielt es vor die, Augen, betrachtete es mit lüsternen Seufzern, und bekämpfte nur mit Mühe die Lust, hinein zubeißen.

Er würde vielleicht der Versuchung nachgegeben haben, wenn nicht das Knarren der Haustür seiner Unschlüssigkeit ein Ende gemacht hätte.

Der Chevalier ging als Held hervor aus dem Kampfe den sein Herz gegen seinen Magen führte. Er wickelte das gebratene Huhn schnell in seinen Schlafrock und eilte mit einer Behändigkeit, die er seinen fünfundvierzigjährigen Füßen nicht zugetraut hätte, die Treppe hinauf.

Kaum hatte er sein Zimmer betreten, so verriegelte er die Tür und sank in einen Armsessel. – Seine Kräfte waren erschöpft.

Fünf Minuten genügten dem Chevalier, um seine Besinnung wieder zu bekommen. Er stand auf, öffnete entschlossen das Fenster, rief den Hund, der, wie eine Sphinx, noch immer auf derselben Stelle ausgestreckt lag, und warf ihm, mit stolzer Gebärde das gebratene Huhn zu.

Der Hund fing den Braten im Fluge auf, und statt mit demselben fortzulaufen, wie es der Chevalier erwartete und vielleicht hoffte, nahm er das Huhn mit der Zuversicht des Rechtsbewusstseins zwischen die Pfoten und begann es mit einer Kraft und Behändigkeit zu zerlegen, welche von der Solidität seiner Kinnladen das glänzendste Zeugnis ablegte.

»Bravo!« rief ihm der Chevalier zu. »Bravo, mein Junge! So ist’s recht! – Die Schenkel sind schon verschwunden – jetzt kommt das Gerippe! – Du warst gewiß recht ausgehungert, armes Tier!«

Der Chevalier seufzte tief, denn er dachte an die Seelenwanderung, zugleich kam ihm das Bild des armen Dumesnil vor die Seele. Der Gedanke, dass der Freund, der in seiner menschlichen Hülle so gut gegen ihn gewesen war, unter einer andern Hülle, zumal hinter der eines Hundes, der ihn vielleicht aufgesucht, vielleicht Hunger gelitten hatte, erpresste ihm Tränen.

Wer weiß wohin dieser Gedanke den Chevalier geführt haben würde, wenn er Zeit gehabt hätte, ihn zu verfolgen. Aber er wurde durch ein aus dem Erdgeschoss kommendes Wutgeschrei seinem Ideengange gewaltsam entrissen.

In seiner Stimmung und in dem Bewusstsein seiner Schuld erkannte er ohne Mühe die Stimme Mariannens.

Er schlug hastig das Fenster zu und eilte an die Tür, um den Riegel vorzuschieben.

Es war wirklich Marianne, welche bei der Entdeckung des Geflügelraubes jammerte, als ob das Haus in Feuer stände.

Der Chevalier hielt es für das Beste, der Gefahr entgegenzugehen, oder sogar den Sturm auf sich zu lenken. Wenn Marianne zufällig in die Haustür trat und den am Gerippe des Huhnes nagenden Hund sah, so war Alles entdeckt. Wenn der Chevalier sie hingegen nur fünf Minuten mit sich beschäftigte, so hatte der Jagdhund Zeit, das Huhn mit Stumpf und Stiel zu verzehren. Das corpus delicti war dann verschwunden, der Hund würde sich freilich, in der Erwartung eines andern gebratenen Huhnes, die Lefzen lecken, aber er konnte ja nicht ausplaudern, und hätte er sprechen können, so sah er zu klug aus, um dem Hausdrachen seine gastronomischen Beziehungen zu dem Chevalier de la Graverie zu entdecken.

Dieudonné trat also aus seinem Zimmer und rief oben an der Treppe mit gebieterischer Stimme:

»Was gibt’s denn, Marianne? Was bedeutet der Lärm?«

»Was der Lärm bedeutet? Wie können Sie so fragen, Herr Chevalier?«

»Diantre!« sagte er, seine ganze hausherrliche Würde zusammennehmend; »ich habe doch wohl das Recht zu wissen, was in meinem Hause vorgeht!«

Diese Worte: »in meinem Hause« betonte er sehr stark.

Marianne fühlte den Stachel.

»In Ihrem Hause?« erwiderte sie. »In Ihrem Hause gehen schöne Dinge vor!«

»Was geht denn vor?« fragte der Chevalier, als ob er es nicht wüsste.

»Es wird in Ihrem Hause gestohlen!« erwiderte Marianne mit starker Betonung.

Der Chevalier hustete und fragte etwas kleinlaut:

»Was wird denn gestohlen?«

»Ihre Speisen werden gestohlen! Und Sie werden doch nicht verlangen, dass ich um vier Uhr Nachmittags noch einmal auf den Markt gehe! Es ist ohnehin nichts mehr zu haben. Und wenn man auch noch etwas Geflügel fände, so wäre es nicht mehr gut; denn es müsste bekanntlich ein paar Tage liegen, ehe es essbar wird.«

Der Chevalier hätte ihr gern den Rat gegeben, zum Pastetenbäcker zu gehen; aber der Jagdhund war gewiss noch vor der Tür, und der Chevalier wollte ihn nicht in Gefahr bringen, von der Haushälterin misshandelt zu werden.

»Nun,« antwortete er, »was liegt daran, wenn man auch einmal etwas schlechter speist?«

Diese philosophische Anschauungsweise stand mit den kleinlichen Bemerkungen, die der Chevalier sonst über die Speisen zu machen pflegte, so sehr in Widerspruch, dass sich Marianne erstaunt und mit dem Vorsatze, ihm recht schlechte Speisen aufzutragen, in ihre entweihte Küche zurückbegab.

Andererseits aber glaubte der Chevalier gegen den Hund keine Verpflichtungen mehr zu haben. Ohne wieder ans Fenster zu treten, pflanzte er sich wieder in seinen Lehnstuhl und vegetierte, bis Marianne erschien und höhnisch meldete, dass das Diner aufgetragen sei.

Diese Meldung wurde immer Schlag fünf Uhr gemacht.

Der Chevalier begab sich in sein Speisezimmer und setzte sich an den Tisch.

Marianne brachte mit feierlichem Anstand ein Stück Rindfleisch, einen Teller mit Zuckererbsen und eine Schüssel mit Bohnensalat, mit der Erklärung, dass sie ihm für heute nichts weiter zu bieten habe.

Der arme Chevalier kostete mit dem größten Widerwillen das zähe, faserige Rindfleisch, und begann bald den Zuckererbsen und dem Bohnensalat zuzusprechen. Zum Glück war sein Appetit durch den langen Spaziergang, durch das Sturzbad und die ungewohnte Aufregung sehr gesteigert worden; denn er ließ sich sowohl Erbsen als Bohnen trefflich munden, und als er vom Tische aufstand, erklärte er der erstaunten Marianne, dass er seit langer Zeit nicht so gut gespeist habe.

Nach Tische pflegte der Chevalier in den Club zu gehen. Er würde um keinen Preis der Welt dieser Gewohnheit untreu geworden sein: er würde ja sonst sein Whist zu zwei Heller die Marke entbehrt haben!

Er fürchtete nur, dass der Jagdhund durch das gebratene Huhn nicht zum Fortgehen, sondern zum Bleiben bewogen worden sei, und dass er ihn beim Fortgehen vor der Haustür finden werde. Er beschloss daher durch den Garten zu gehen.

Die Gartentür führte in eine öde Seitengasse, wo gewiss kein vagabundierender Hund einen Herrn erwarten würde.

Der Chevalier begab sich daher auf Umwegen in den Club, ohne durch eine unangenehme Begegnung belästigt zu werden.

Er blieb bis zehn Uhr am Spieltische.

»Der verwünschte Jagdhund,« dachte er, »ist so hartnäckig und zudringlich, dass er vielleicht noch auf seinem Posten ist. Ich würde es nicht über’s Herz bringen können, ihn draußen zu lassen, wenn ich ihn fände; ich will also wieder durch den Garten gehen.«

Der Chevalier machte wieder denselben Umweg durch die Seitengassen. Er beeilte sich, denn es blitzte und in der Ferne hörte man den Donner grollen.

Als er durch den Garten ging, fielen die ersten dicken Regentropfen.

Auf der Treppe fand er Marianne, die den Chevalier, um ihr Unrecht wieder gut zu machen, sehr freundlich und holdselig anredete.

»Es ist gut, Herr Chevalier, dass Sie wieder zu Hause sind.«

»Warum denn?« fragte Dieudonné.

»Warum? Weil es bald ein Wetter geben wird, in welchem man keinen Hund vor die Tür jagt.«

»Hm, hm,« sagte der Chevalier und ging in sein Zimmer.

Er hatte große Lust ans Fenster zu treten, um zu sehen, ob der Hund noch da war; aber er getraute sich nicht. Wie alle schwachen Menschen, wollte er lieber in Zweifel bleiben, als einen Entschluss fassen.

Der Regen schlug prasselnd an die Fensterläden, die Donnerschläge kamen immer näher.

Der Chevalier entkleidete sich schnell, machte seine Nachttoilette, legte sich ins Bett, blies die Kerzen aus und zog die Decke über die Ohren.

Aber das Gewitter war immer noch so heftig, dass er ungeachtet der Vorsichtsmaßregeln den prasselnden Regen und den grollenden Donner hörte.

Plötzlich glaubte er mitten in dem Toben der Elemente laute, jämmerliche Klagetöne zu hören. Es schien das Heulen eines Hundes zu sein.

Der Chevalier bekam eine Gänsehaut.

Ob der schwarze Jagdhund immer noch da war? Oder war es ein anderer Hund?

Dieses Geheul hatte mit dem früheren freudigen Bellen so wenig gemein, dass der Chevalier wohl an die zufällige Anwesenheit eines andern Hundes glauben konnte.

Dieudonné kroch noch tiefer unter die Bettdecke.

Das Gewitter tobte mit immer zunehmender Heftigkeit. Der Sturm war so stark, dass das Haus zitterte.

Wieder hörte man das klägliche, unheimliche Geheul.

Nun hielt es der Chevalier nicht länger aus. Das Geheul schien ihn mit Gewalt aus dem Bett zu reißen. Er stand auf und wankte, wie von einer unwiderstehlichen Gewalt getrieben, auf das Fenster zu. Er zog die Vorhänge auseinander und sah durch die Spalten der Jalousien den armen Jagdhund noch auf derselben Stelle, mitten in dem strömenden Regen, der einen Hund von Granit hätte erweichen können.

Der Chevalier wurde vom tiefsten Mitleid ergriffen. In dieser Beharrlichkeit eines Hundes, der ihn zum ersten Male gesehen, schien etwas Übernatürliches zu liegen. Er fasste die Fensterstange, um die Jalousien zu öffnen; aber in demselben Augenblicke zuckte ein Blitz mit einem furchtbaren Donnerschlag begleitet durch die Luft, und der Hund lief kläglich heulend davon. Der Chevalier aber, getroffen von einem elektrischen Schlage, der von der eisernen Fensterstange durch seinen ganzen Körper fuhr, wich zurück und sank bewusstlos vor seinem Bett nieder.

II
Traumbilder

Als der Chevalier de la Graverie wieder zur Besinnung kam, war das Gewitter vorüber, es war Alles finster und still.

Es dauerte lange, ehe er seine Gedanken sammeln und sich des Geschehenen erinnern konnte. Anfangs konnte er nicht begreifen, wie es kam, dass er im Hemd in einer schon kalten Herbstnacht vor seinem Bett auf dem Teppich lag.

Er war ganz erstarrt, es brauste ihm in den Ohren, wie das ferne Rauschen eines Wasserfalles.

Er richtete sich auf, fühlte umher tastend sein Bett und schwang sich seufzend und mit großer Anstrengung auf seine Matratzenpyramide.

Er fand das Bett noch warm; seine Ohnmacht konnte also nicht lange gedauert haben.

Mit unbeschreiblichem Wohlbehagen kroch er unter die Decke, zog sich, um schneller warm zu werden, wie ein Knäuel zusammen und versuchte einzuschlafen.

Aber nach und nach kam sein Gedächtnis wieder und der Schlaf floh. Der Chevalier erinnerte sich an alle Einzeln, heilen, von dem gebratenen Huhn bis zu dem Donnerschlag.

Dann lauschte er, ob die Stille der Nacht nicht mehr durch das Geheul des Hundes unterbrochen wurde.

Alles war ruhig.

Überdies hatte er ja in dem Augenblicke, wo er durch den noch in seinem Arme fühlbaren elektrischen Schlag getroffen worden, den Jagdhund davonlaufen sehen. Er war also des zudringlichen Tieres entledigt.

Aber dieses Tier, welches ihm wie sein Schatten gefolgt war, stand ja mit den einzigen ihm teuren Erinnerungen, mit dem Tode seines Freundes Dumesnil, in einem sonderbaren Zusammenhang!

Alles dies war sehr ergreifend für den Chevalier, dessen Leben seit acht bis neun Jahren der spiegelglatten Oberfläche eines Sees ähnlich gewesen war, und sich erst seit gestern in einen reißenden Strom verwandelt zu haben schien.

In diesem Augenblick hörte er den hellen vibrierenden Schlag der Tischuhr. Es konnte halb schlagen oder auch ein Uhr. Der Chevalier konnte aufstehen, eine Kerze anzünden und nach der Uhr sehen. Aber er fürchtete sich wie ein Kind und mochte nicht aufstehen.

Er wartete.

Eine halbe Stunde nachher hörte er wieder einen Schlag. Es war also ein Uhr.

Der Chevalier hatte noch fünf bis sechs Stunden zu warten, ehe es Tag wurde. Er schauderte und Angstschweiß brach ihm aus; er würde gewiss vor Tagesanbruch den Verstand verlieren, wenn es ihm nicht gelang einzuschlafen.

Der Chevalier biss die Zähne aufeinander, ballte die Fäuste und nahm sich fest vor, nicht mehr zu wachen.

Leider hat der Mensch in dieser Beziehung keine Gewalt über sich selbst. Der Chevalier fand trotz seines festen Entschlusses keinen Schlaf.

Aber statt des Schlafes kamen die Phantasien, die Hirngespinste, die Träume der Fieberkranken.

Der Chevalier versank in eine Art Erstarrung, die dem Schlaf ähnlich war. Es schien ihm, als ob er und nicht Dumesnil in ein Leichentuch gehüllt auf dem Bette lag; allein man irrte sich, man hielt einen Scheintod für wirklichen Tod, und wollte ihn lebendig begraben.

Dann kam der Totengräber, der ihn vom Bett forttrug und in den Sarg legte, ohne dass er rufen oder sich beklagen konnte, ohne dass er im Stande war, ein Glied zu rühren. Der Deckel wurde auf den Sarg gelegt, und man fing schon an die Nägel einzuschlagen, aber ein Nagel drang ihm ins Fleisch, und der Chevalier erwachte mit einem lauten Schrei aus seiner Betäubung.

Obschon er wachte, oder wenigstens zu wachen glaubte, blieb er in einer beständigen Sinnestäuschung. Es schien ihm, als ob er plötzlich in eine mit sonderbar geformten Tieren bevölkerte phantastische Welt versetzt würde. Die Bestien sahen ihn grimmig an. Er wollte fliehen, aber bei jedem Schritte, wie vor dem Ritter im Garten der Armida erhoben sich neue Ungetüme, die sich zu der ihn verfolgenden Meute gesellten. Der unglückliche Chevalier strauchelte, fiel, stand wieder auf und lief weiter; aber bald wurde er eingeholt, wie ein müde gehetzter Hirsch, und erwartete den Tod, ohne die mindeste Kraft zum Widerstand zu haben. Aber der erste Biss, den er erhielt, weckte ihn durch den brennenden Schmerz, den er verursachte. Er sagte wieder: Es ist nicht wahr! Ich bin in meinem Bett, ich habe nichts zu fürchten; es ist ein Traum, ein drückender Alp!

Der Chevalier richtete sich im Bett auf und hielt die Hände aufs Gesicht. Er mochte sich immerhin fest vornehmen, einen Traum nicht im mindesten zu beachten, die Wiederholung dieser heftigen Erschütterungen, die aus der Schlaflosigkeit entstehende Abspannung begannen seinen Geist zu verwirren.

Selbst in dieser sitzenden Stellung vermochte er sich der furchtbaren Schlafsucht nicht zu erwehren, die ihm so phantastische Bilder vorgaukelte, und seine ganze Geisteskraft zu zerrütten drohte. Er ließ eine Hand sinken; aber kaum hing diese Hand hinab, so glaubte er die weiche warme, liebkosende Zunge eines Hundes zu fühlen; allein nach und nach wurde diese Zunge kälter, bis sie endlich so kalt und starr wie ein Eiszapfen war.

Der Chevalier schlug ein Auge auf, oder glaubte es wenigstens; er war in diesem Augenblicke so wenig Herr seines freien Willens, dass er nicht sagen konnte: Dies ist Traum und dies ist Wirklichkeit. Er zitterte am ganzen Körper, als er den schwarzen Jagdhund vor seinem Bett sitzen sah. Das lange seidenartige Haar des Tieres schimmerte in der Nacht mit einer Art Phosphoreszenz, welche das Zimmer ringsum erleuchtete. Er sah die Augen des Tieres, die mit traurigem, fast menschlichem Ausdruck auf ihn gerichtet waren.

Mit demselben wehmütigen Ausdruck hatte ihn der sterbende Dumesnil angesehen.

Der Chevalier vermochte es nicht länger auszuhalten. Er sprang aus dem Bett und tappte zum Kamin, um Licht zu machen.

Als das Licht brannte, sah sich der Chevalier mit unbeschreiblicher Angst im Zimmer um.

Er war allein unter den gewohnten Gegenständen.

Er trat wieder ans Fenster und zog den Vorhang zur Seite: auf der Straße war Niemand zu sehen.

Er sank in einen Lehnstuhl und wischte sich den Schweiß von der Stirn, Da ihn wieder fror, so legte er sich ins Bett, ließ aber das Licht brennen.

Das Licht mochte wohl die Gespenster verscheuchen, denn der Chevalier sah nichts mehr, obschon er ein so heftiges Fieber hatte dass er die Pulse in seinen Schläfen hörte.

Sobald der Tag anbrach, läutete er, um Feuer machen zu lassen.

Aber Marianne, die sonst erst um halb neun zu kommen pflegte, kümmerte sich nicht um den ungewöhnlichen Glockenruf; sie dachte vermutlich, ein Kobold, ein Störenfried habe die Glocke gezogen, um ihr einen Schabernack anzutun.

Der Chevalier stand auf, öffnete die Tür und rief.

Marianne blieb für seinen Befehl ebenso taub wie für das Glockenzeichen. Der Chevalier musste sich daher bequemen, seinen Schlafrock anzuziehen und selbst Feuer zu machen.

Als er diese Arbeit verrichtet und sich überzeugt hatte, dass der Hund wirklich verschwunden war. zog er wieder die Glocke.

Inzwischen hatte die Stunde geschlagen, wo Marianne aus den Federn zu kriechen pflegte. Sie erschien mit allen zum Feuermachen nötigen Geräten und Ingredienzien.

Das Feuer brannte bereits. und der Chevalier wärmte sich.

Marianne blieb starr und staunend in der Tür stehen.

»Mein Frühstück!« sagte der Chevalier.

Marianne trat ganz verblüfft einen Schritt zurück noch nie war ihr Herr vor neun Uhr aufgestanden, und noch nie hatte er vor zehn Uhr sein Frühstück verlangt!

Es war erst halb neun, und der Chevalier war schon auf, wärmte sich am selbst angezündeten Kaminfeuer und verlangte sein Frühstück!

Überdies war er leichenblass.

»Mein Gott!« fragte sie, »was ist denn hier geschehen?«

Der Chevalier würde es ihr wohl erzählt haben, wenn er sich nicht gefürchtet hätte.

»Wahrhaftig,« sagte er, der Antwort ausweichend, »man könnte hier sterben, ohne Hilfe zu bekommen! Ich habe gerufen, geläutet; aber vergebens, es war, als ob ich allein im Hause gewesen wäre!«

»Wenn man sich den ganzen Tag überarbeitet hat, wie ich, Herr Chevalier, so schläft man gern recht aus.«

»Gestern haben Sie sich gewiss nicht überarbeitet,« erwiderte der Chevalier etwas gereizt, »Doch wir wollen nicht mehr davon reden; ich will frühstücken!«

»Mein Himmel! jetzt schon Frühstück? Ist es denn schon die Zeit?«

»Es ist die Zeit, da ich gestern schlecht gespeist habe —«

»Sie müssen schon warten, bis ich vom Markt komme; es ist gar nichts im Hause.«

»Nun, so gehen Sie – aber halten Sie sich nicht auf.«

Marianne wollte Einwendungen machen.

»Diantre!« eiferte der Chevalier, und schlug mit der Zange ins Feuer, dass die Funken stoben.

Marianne, die den harmlosen Fluch erst zweimal aus seinem Munde gehört hatte, ging eilends fort und trabte auf den Markt.

Gegen seine Gewohnheit aß der Chevalier rasch und machte keine seiner herkömmlichen Bemerkungen, die durch die Erinnerung an den auf Reisen genommenen trefflichen Kaffee hervorgerufen wurden. Chartres bildet sich freilich ein, unter allen Städten Frankreichs das Kaffee brennen am besten zu verstehen, aber Dieudonné behauptete, dieser Kaffee sei nur Cichorienwasser im Vergleich mit dem braunen Nektar, den man in Amerika trinke.

In dem Leben des Hagestolzen war Alles so geregelt und abgemessen, dass Marianne ihren Augen und Ohren nicht trauen mochte.

Der Briefträger brachte die Zeitung.

Marianne, die setzt wieder zur Versöhnung geneigt war, brachte sie sogleich ihrem Herrn. Aber dieser, statt sie, wie sonst, vom Titel bis zum Namen des Druckers gewissenhaft zu lesen, warf nur Wen flüchtigen Blick auf das Zeitungsblatt, legte es aus der Hand und ging wieder in sein Schlafzimmer.

»Wahrhaftig,« sagte Marianne, indem sie das Geschirr forttrug, »ich erkenne den Herrn Chevalier nicht mehr; er hat keine Ruhe, als ob er Quecksilber im Leibe hätte. Die Spiegeleier und Koteletten hat er gar nicht angerührt! – Mein Gott!« setzte sie mit aufgehobenen Händen hinzu, »sollte er verliebt sein?«

Aber nach kurzem Besinnen lachte sie selbst über eine so ungereimte Vermutung.

»Nein, nein, es ist nicht möglich. – Aber was in aller Welt mag er in seinem Zimmer treiben? Ich will doch sehen —«

Marianne schlich auf den Fußspitzen durch den Salon und sah durch das Schlüsselloch in das Schlafzimmer.

Sie bemerkte ihren Herrn, der ungeachtet des kalten Herbstmorgens am offenen Fenster stand und aufmerksam auf die Straße hinunterschaute.

»Er scheint aber doch auf Jemand zu warten,« sagte Marianne; »ach, mein Gott, eine Frau im Hause – das fehlte noch! Ich würde ihm lieber den Hund von gestern erlauben.«

Aber der Chevalier de la Graverie fand wahrscheinlich nicht auf der Straße was er suchte, denn er schloss das Fenster, und während Marianne, sich in Mutmaßungen erschöpfend, wieder in das Speisezimmer ging, schritt er mit verschränkten Armen und finsteren Blicken im Zimmer auf und ab.

Dann schien er plötzlich einen Entschluss zu fassen, denn er warf seinen Schlafrock ab und zog einen Ärmel seines Fracks an. Dabei warf er einen Blick auf die Tischuhr.

Es war halb elf.

Er begann nun wieder mit halb angezogenem Rock seine Zimmerpromenade.

Wenn ihn Marianne so gesehen hätte, so würde sie nicht länger an eine geheime Liebe ihres Herrn geglaubt, sie würde geglaubt haben, der Chevalier habe den Verstand verloren!

Was würde sie erst gesagt haben, wenn sie den Chevalier gesehen hätte, wie er, ohne den andern Ärmel anzuziehen, sein Zimmer verließ und in den Garten ging?

Erst in der kühlen Herbstluft bemerkte er seine Zerstreuung und zog den andern Ärmel an.

Was er im Garten wollte? Marianne würde es eben so wenig begriffen haben wie das Übrige.

Der Chevalier ging suchend hin und her, blieb Vorzugsweise in den Winkeln stehen und maß mit seinem Stocke bald einen bald zwei Metres ab. Dabei führte er ein abgebrochenes sonderbares Selbstgespräch.

»Hier – nein, da – da wird er einen guten Platz haben. Ich lasse heute noch den Maurer kommen. Eine Hütte aus Ziegeln oder Steinen wird aber sehr feucht sein; ich halte eine hölzerne Hütte für besser. – Ich will nicht zum Maurer sondern zum Zimmermann schicken.«

Die Gedanken Dieudonné’s waren offenbar mit andern Dingen beschäftigt. Aber mit welchen Dingen? Die Lösung dieses für Marianne sehr dunkeln Rätsels wird dem Leser gewiss leicht sein.

Der Chevalier war entschlossen, dem schwarzen Jagdhund ein Asyl zu bieten, und suchte einen Ort, wo er ihn am passendsten unterbringen könnte.

Die Selbstverleugnung, mit welcher der Chevalier das gebratene Huhn geopfert und seine Reue über die schlechte Behandlung Mariannens beschwichtigt hatte, war seit den verhängnisvollen Traumbildern, die ihm vorgeschwebt, nicht mehr genügend: das Gaukelspiel seiner Phantasie überführte ihn des schwärzesten Undanks gegen ein Tier, welches ihm so deutliche Beweise von Anhänglichkeit gegeben hatte.

Der Chevalier war freilich seit Sonnenaufgang nicht mehr in derselben angstvollen Spannung, die Traumbilder der Nacht waren im Tageslicht zerronnen; die Seelenwanderung war ein System das nur in dein Gehirn des Pythagoras existiert hatte, die Vernunft und die religiösen Grundsätze des Chevaliers brachen darüber den Stab.

Aber trotz der Berechnungen seiner Vernunft, trotz der Regungen seines Gewissens zweifelte er, und der Zweifel wirkt vernichtend auf schwache Geister.

Der Chevalier würde beteuert haben, es sei höchst ungereimt zu vermuten, dass der Geist, der den Körper des schwarzen Hundes belebte, zu der Seele seines verstorbenen Freundes in der entferntesten Beziehung stehen könne; aber wie sehr er sich auch gegen jenen heidnischen Aberglauben sträubte, so vermochte er doch seine tiefe Zuneigung für den Hund nicht zu bemeistern.

Er dachte an das arme Tier, welches zwölf Stunden lang in Wind und Wetter gezittert, nach Tagesanbruch von Straßenjungen verfolgt, sein Futter in Gassen suchen musste, und vielleicht in Gefahr kam, für toll gehalten und totgeschlagen zu werden.

Kurz, der Chevalier de la Graverie, der noch vor zwei Tagen alle Hunde der Welt für ein Stück Pastete gegeben haben würde, dachte mit gepresstem Herzen und tränen feuchten Augen an das Missgeschick des armen Jagdhundes; er war entschlossen, sich seiner anzunehmen, und wie wir gesehen, maß er schon den Platz aus, wo das Haus seines künftigen Tischgenossen gebaut werden sollte.

Der Chevalier hatte einen schweren, inneren Kampf de» standen, ehe er diesen Entschluss fasste. Von Zeit zu Zeit besann er sich noch; aber je mehr er sich über seine Schwäche ärgerte, desto eifriger kämpfte er gegen seine Phantasie; je unruhiger seine Phantasie wurde, desto weniger vermochte er seine Schwäche zu besiegen. Kurz, der Hund beschäftigte ihn unablässig, obschon er von übernatürlichen Beziehungen zwischen dem Hunde und der Erinnerung an den armen Dumesnil nichts wissen wollte. Er dachte an den Hund nur noch wie an ein untergeordnetes Wesen der Schöpfung, aber er dachte doch unablässig an ihn.

Es war in der Tat kein gewöhnlicher Hund. Der Chevalier hatte sich in dem kurzen Verkehr mit ihm von seinen eben so seltenen als schätzbaren Eigenschaften überzeugt. Vergebens verschanzte sich der aus Grundsatz selbstsüchtige Dieudonné hinter seinen früheren Vorsätzen; vergebens dachte er, dass er sich fest vorgenommen, keinem zweifüßigen, keinem vierfüßigen oder gefiederten Wesen hienieden sein Herz zu öffnen, vergebens dachte er an die vielerlei Beschwerden, welche diese unwiderstehliche Zuneigung zu dem schönen klugen Tiere im Gefolge haben müsse – wir haben gesehen, wie weit es bereits mit dem Chevalier gekommen war.

Dieudonné wollte den Jagdhund weder im Stall noch in sonst einem bereits vorhandenen Gebäude unterbringen; er wählte den besten Platz im Garten, um ihm eine Hütte bauen zu lassen!

Zu seiner Entschuldigung sagte er: »Im Grunde ist er doch nur ein Hund! Ich habe jedem freundschaftlichen Verhältnisse zu meinen Mitmenschen entsagt, warum sollte ich einem Tiere meine Zuneigung nicht schenken? – Und wenn ich einmal getan habe, was ich ihm schuldig zu sein glaube, so mag er sich verlieren ober sterben, was kümmert’s mich? Wenn mir, was ich nicht glaube, ein Hund unentbehrlich geworden ist, so kann ich ihm ja einen Nachfolger geben. Ist es denn ein Bruch meines Versprechens, wenn ich in mein einförmiges Leben eine harmlose Zerstreuung zu bringen suche? Ich habe der Welt entsagt, aber ich will mich nicht zu einer Knechtschaft verurteilen, die hundertmal schlimmer ist, als die Knechtschaft der Galeerensträflinge. – Nein, das will ich nicht! Tausendsapperment!«

Nach diesem Fluche, der von seiner erbitterten Stimmung Zeugnis gab, warf sich der Chevalier in die Brust, als ob er sehen wollte, ob sich Jemand erlauben würde, einer entgegengesetzten Ansicht zu sein.

Niemand hatte etwas dagegen einzuwenden. Der Chevalier betrachtete daher die Sache als unwiderruflich beschlossen.

Um indes seinen Plan in Ausführung zu bringen, fehlte ihm der Hauptgegenstand: der Hund, der über den Donnerschlag erschrocken, heulend davongelaufen war.

Der Chevalier beschloss daher seinen gewohnten Spaziergang zu machen. Er wollte sich gar keine Mühe geben, den Jagdhund zu suchen; aber wenn er ihm zufällig begegnete, wollte er ihn willkommen heißen.

Als der Chevalier diesen guten Entschluss eben gefasst hatte, schlug’s zwölf auf der Kathedrale. .

Der Chevalier ging freilich nie vor ein Uhr aus, allein in Berücksichtigung der Umstände beschloss er seinen Spaziergang um sechzig Minuten früher zu beginnen.

Er, begab sich wieder in sein Zimmer und nahm seinen Hut. Den Stock hatte er schon; er hatte ihn ja zum Ausmessen des für die Hundehütte bestimmten Raumes gebraucht. Die Tasche füllte er mit Zuckerstücken und steckte sogar eine Tafel Chocolade dazu, falls der Zucker keine genügende Lockspeise wäre. So ging er fort, nicht gerade um den Hund zu suchen, wohl aber in der Erwartung, ihm zufällig zu begegnen.

Als der Chevalier an die Reiterkaserne kam, setzte er sich auf die Bank, von der man die großen Höfe übersehen konnte.

Es versteht sich, dass ihm Marianne mit großem Erstaunen nachgeschaut hatte. Es war ja das allererste Mal seit fünf Jahren, dass der Chevalier vor ein Uhr ausging.

Die Zeit des Pferdeputzens war noch nicht gekommen. Die Kasernenhöfe waren öde und leer, und nur von Zeit zu Zeit sah man einen Soldaten aus einem Gebäude in das andere gehen.

Alles dies war dem Chevalier de la Graverie in seiner dermaligen Stimmung ganz gleichgültig; er schaute nicht in die Kasernenhöfe hinunter, sondern sah sich auf der Promenade um. Der Zwiespalt in seinem Innern dauerte noch fort: allein von Zeit zu Zeit war der Wunsch, das schöne kluge Tier zu besitzen, stärker als die Furcht vor den Unannehmlichkeiten, die mit dem Besitze eines Hundes verbunden sind.

Er stand auf und stieg auf die Bank, um weiter sehen zu können.

Der Gesichtskreis war ungeachtet dieses höheren Standpunktes immer noch zu beschränkt, der Chevalier warf forschende, sehnsüchtige Blicke auf die Umgebungen der Wallpromenade.

Er blieb vier lange Stunden auf der Bank, und er mochte immerhin schauen, wie »Schwester Anne,« er sah nichts kommen. Je mehr die Zeit verstrich, desto mehr fürchtete er, dass der Hund nicht wieder erscheinen werde. Der schöne Jagdhund war gewiss nur durch Zufall, und nicht durch tägliche Gewohnheit an diesen Ort geführt worden, der Chevalier, der doch täglich hierher kam, hatte ihn ja nie gesehen.

Nach vierstündigem Warten war der Chevalier fest entschlossen, den Hund mitzunehmen, falls er erschien; ja er hatte sogar schon sein Schnupftuch zusammengerollt, um es ihm um den Hals zu knüpfen, falls er nicht freiwillig, wie gestern, folgen wollte.

Doch es war vergebens. Der Chevalier hörte fünf schlagen, ohne den schönen schwarzen Jagdhund, oder auch nur einen gemeinen Köter, den er in der Ferne für seinen Liebling hätte halten können, gesehen zu haben.

Der Chevalier entschloss sich noch eine halbe Stunde zu warten;was Marianne dazu sagen, was sie davon denken würde, war ihm für den Augenblick ganz gleichgültig, Es war freilich unerhört, dass er nicht, wie sonst, schlag vier Uhr nach Hause kam, sondern bis gegen sechs Uhr ausblieb!

Um halb sechs Uhr war die Wallpromenade ganz verödet. Dieudonné dachte nun zum ersten Male an sein Diner, das seit fünf Uhr wartete. Die Speisen mussten entweder kalt geworden oder verbrannt sein. Er ging daher sehr verdrießlich nach Hause.

An der Straßenecke sah er Marianne, die ihn in der Haustür erwartete. Sie hatte einigen Nachbarinnen bereits versprochen, ihrem Herrn tüchtig den Text zu lesen. Aber als sie eben den Mund auftun wollte, fragte der Chevalier gebieterisch:

»Was machen Sie hier?«

»Sie sehen’s ja, Herr Chevalier,« antwortete sie ganz verblüfft, »ich erwarte Sie.«

»Eine Köchin gehört nicht in die Haustür,« entgegnete der Chevalier, »sondern in die Küche, um auf ihre Töpfe zu achten. Nehmen Sie sich in Acht!« setzte er hinzu, als er den aus dem Laboratorium kommenden Geruch witterte; »unter» stehen Sie sich nicht, mir verbrannte Speisen zu bringen! Das Frühstück war heute unter aller Canaille!«

»Es scheint wirklich,« sagte Marianne kleinlaut, als sie wieder in der Küche war, »es scheint wirklich, dass ich mich geirrt, und dass er’s bemerkt hatte. Verliebt ist er nicht, das ist gewiss; ich möchte nur wissen was ihm im Kopfe steckt’«

III
Wo Marianne ermittelt was dem Chevalier im Kopfe steckt

Der Chevalier setzte sich an den Tisch, aß hastig, fand alle Speisen schlecht, zankte mit der Haushälterin, ging Abends nicht aus und hatte eine fast eben so schlechte Nacht wie die vorige.

Der anbrechende Tag fand ihn erschöpft, fieberhaft aufgeregt. Die Qualen seiner Phantasie waren kaum mehr erträglich; der gestrige noch etwas schwankende Wunsch, den schönen schwarzen Jagdhund zu besitzen, war zum festen Vorsatze geworden, ihn um jeden Preis wiederzufinden und in sein Haus aufzunehmen.

Wie Wilhelm von der Normandie, wollte der Chevalier de la Graverie seine Schiffe verbrennen. Er ließ den Tischler kommen, und ohne sich um Mariannens Staunen und Händeringen zu kümmern, bestellte er eine schöne, komfortable Hütte für seinen künftigen Tischgenossen; dann entfernte er sich unter dem Vorwand, eine Kette und ein Halsband zu kaufen, in der Wirklichkeit aber, um dem Zufalle, der ihm den ersehnten Hund zuführen sollte, auf halbem Wege entgegenzukommen.

Aber dieses Mal beschränkte er sich nicht, wie gestern, auf müßiges Warten; ohne sich um die bösen Zungen zu kümmern, zog er genaue Erkundigungen ein, ließ einen Aufruf in die beiden Zeitungen des Departements einrücken und Zettel an alle Straßenecken kleben.

Alles war vergebens. Der Hund war erschienen und verschwunden, wie ein Meteor. Niemand konnte die mindeste Auskunft über ihn geben.

In einigen Tagen war Dieudonné abgemagert wie ein Stock und gelb geworden wie eine Quitte; er hatte keinen Appetit mehr, und wenn er aß, so verrichtete er nur ein maschinenmäßiges Geschäft; er hielt Ortolanen für Lerchen, und verwechselte sogar Karpfenmilch mit Blancmanger. Er schlief nicht mehr, oder wenn er einschlummerte, sah er die wie Karfunkel leuchtenden Augen des schwarzen Jagdhundes in einer Ecke des Zimmer glänzen. Dann fühlte er sich freudig erregt: der Hund war wiedergefunden und er rief ihn. Der Hund kam nun kriechend und ihn immerfort ansehend, auf ihn zu. Von diesem Traumgesicht überwältigt, sank der Chevalier seufzend auf sein Bett zurück. Der Hund begann ihm mit eiskalter Zunge die Hand zu lecken, stieg langsam auf das Bett und setzte sich endlich mit hängender blutroter Zunge und glühenden Augen auf die Brust des Schläfers. Und dieses Alpdrücken das nur einige Sekunden dauerte, war für ihn ein endlos langes Leiden.

Der Chevalier erwachte abgemattet und in Schweiß gebadet.

Diese physischen Veränderungen blieben natürlich nicht ohne Einfluss auf sein Gemüt. Bald war er schweigsam und mürrisch, wie ein Fakir, der in die Beschauung seines Nabels vertieft ist, bald war er reizbar und auffahrend wie ein an Magenbeschwerden leidender Patient. Marianne erklärte allen Nachbarinnen, die Geschichte von dem Hunde sei nur ein Vorwand, ihr Herr laboriere an einer heftigen Leidenschaft, und sie könne es bei ihrer bekannten Sanftmut nicht länger aushalten.

Um die von dem Tischler angefertigte Hütte, so wie die Kette und das Halsband zu benutzen, erklärte der Chevalier, einen Hund kaufen zu wollen.

Diese Erklärung war eine willkommene Nachricht für Jedermann, der einen Hund zu verkaufen hatte. Man führte ihm die Hunde dutzendweise zu! Spitze, Möpse, türkische Hunde, King Charles, Neufoundländer und Bernhardinerhund. Aber der Chevalier konnte sich zu keiner Wahl entschließen. Der Hund seines Herzens war ja der schöne schwarze Jagdhund mit dem langen, glänzenden, seidenartigen Haar, dem weißen Streifen auf der Brust, der rechlichen Schnauze und den Augen, ausdrucksvollen Augen.

Er hatte immer einen Grund, die ihm angepriesenen Tiere zurückzuweisen, war’s ein King Charles, so verlangte er eine Hündin dazu, um die Race fortzupflanzen, und die Hündin war natürlich nicht aufzufinden. War’s ein Bulldog, so fand er ihn zu bissig und zu schmutzig. An den Windspielen tadelte er das dumme Gesicht, an den Pudeln, dass sie mit allen Leuten freundlich wären, und nachdem er das Contingent der disponiblen Hunde in der Stadt gemustert hatte, dachte er mit Erstaunen an den himmelweilen Unterschied zwischen dem wundervollen schwarzen Jagdhunde und dem übrigen großen Haufen.

Durch alle diese ungewohnten Ereignisse war die Ruhe im Hause des Chevaliers de la Graverie seit zehn Tagen unterbrochen worden.

Es war Sonntag. Die Herbstsonne schien freundlich durch die entlaubten Baumzweige und vergoldete die alten grauen Stadtmauern. Die ganze Bevölkerung von Chartres erschien auf der Wallpromenade, um das schöne Wetter viel, leicht zum letzten Male vor Einbruch des Winters zu genießen. Die Bürgerfrauen stolzierten am Arme ihrer Männer, um ihre seidenen Kleider zur Schau auszustellen. Die mit bunten Bändern geschmückten Grisetten plauderten und lachten. Die Landmädchen mit ihren glatten Hauben, kurzen Taillen und roten Halstüchern gingen mehr erstaunt als heiter in schnurgeraden Reihen, wie Grenadiere, und versperrten den Spaziergängern von Zeit zu Zeit den Weg. Mitten unter der bunten Menge sah man Dragoner, die unter dem linken Arm den Säbel trugen und mit der rechten Hand den Schnurrbart drehten.

Auch der Chevalier de la Graverie fehlte nicht; er war teils aus Langweile teils aus Gewohnheit auf der Wallpromenade erschienen, denn er hatte alle Hoffnung verloren, den Liebling seines Herzens wiederzufinden. Er war nicht mehr der behäbige, stillvergnügte Spaziergänger, den wir im ersten Kapitel dieser Geschichte kennen gelernt haben; er wurde noch immer von seinem Traumgesicht heimgesucht, von seinem Alp gedrückt, und wie jedes von einem stillen Kummer geplagte Menschenkind wurde er noch mehr verstimmt durch die allgemeine Heiterkeit, die ihm eine Verhöhnung seines Schmerzes zu sein schien. Sogar der Sonne konnte er ihren Glanz nicht verzeihen. dass Gedränge war ihm höchst lästig und er teilte rechts und links Rippenstöße aus, als ob er sagen wollte: Geht doch nach Hause, ihr albernen Menschen, ihr lasst mir nicht den nötigen Raum, gemächlich zu spazieren.

Als seine Verstimmung den höchsten Grad erreicht hatte, beschloss er den Rath zu befolgen, den er Andern gegeben und nach Hause zu gehen. Plötzlich schrie er laut auf, so dass er die Aufmerksamkeit der ihn umgebenden Spaziergänger erregte.

Der Chevalier war blass, er starrte auf einen Punkt, und in derselben Richtung streckte er die Arme aus.

Er sah in einer Entfernung von hundert Schritten einen schwarzen Jagdhund, der dem gesuchten so ähnlich war wie ein Ei dem andern.

Der Chevalier wollte rasch fortgehen, um ihn einzuholen, aber das Gedränge war gerade an dieser Stelle so dicht, dass es keineswegs leicht war, seinen Vorsatz auszuführen.

Die geputzten Damen warfen zornige Blicke auf den kleinen Mann, der die Harmonie ihrer Toilette störte; die Grisetten warfen mit spöttischen Bemerkungen um sich, und einige von ihm gestoßene Offiziere standen still und riefen ihm drohend zu, er möge sich in Acht nehmen.

Aber der Chevalier kümmerte sich nicht im mindesten um alle diese Spöttereien und Drohungen; er bahnte sich seinen Weg, und ließ, wie ein schnell segelndes Schiff, eine schäumende, brausende Spur zurück.

Zum Unglück kam der Hund, der wie eine Schlange zwischen den Spazierenden hindurch schlüpfte, ebenfalls weiter vorwärts, und es schien fast, als ob der Vorteil in dieser Steeple-Chase nicht auf der Seite des Chevaliers bleiben würde. Endlich lief er etwa dreißig Schritte in der Seitenallee fort und holte so den Hund ein.

Es war wirklich der schöne schwarze Jagdhund, der auf den Chevalier de la Graverie einen so tiefen Eindruck gemacht hatte; er war es wirklich mit seinen langen herabhängenden Ohren, mit seinem glänzenden, seidenartigen Haar, mit seinem fahnenähnlichen Schweif.

Als nun gar der Hund den Chevalier erkannte und auf ihn zueilte und ihn mit Liebkosungen überhäufte, war kein Zweifel mehr möglich.

Aber gleich darauf sah sich ein von dem Chevalier unbeachtet gebliebenes junges Mädchen um und rief: »Black!«

Der Jagdhund machte einen Sprung, und ohne den ebenfalls rufenden Chevalier anzuhören, eilte er zu dem jungen Mädchen zurück.

»Black! Black!« rief Dieudonné, aber vergebens, der Hund kam nicht.

Der Chevalier stand zornig still und stampfte mit dem Fuße. Der sonst so gutmütige, harmlose Mann schien auf einmal einen grimmigen Hass gegen das junge Mädchen zu fühlen.

Aber ungeachtet dieses Verdrusses fühlte er eine lebhafte Freude: er hatte ja die Gewissheit, dass sein Liebling am Leben war, dass er nicht, wie Fausts Pudel, ein gespenstischer Hund war. Außerdem wusste er jetzt seinen Namen: er hieß Black.

Dem Chevalier war etwa so zu Mute wie einem Liebenden, der zum ersten Male den Namen der Geliebten hört.

»Black! Lieber Black!« wiederholte er.

Doch dabei ließ er’s nicht bewenden. Nachdem er, um seinen Phönix wiederzufinden, fast das ganze Hundekontingent gemustert hatte, ließ er natürlich die Gelegenheit, in seinen Besitz zu kommen, nicht unbenutzt vorübergehen: er war fest entschlossen, die junge Besitzerin Blacks nicht durch Geltendmachung seiner persönlichen Vorzüge, sondern durch die Höhe des Preises, den er bieten wollte, zu verführen.

Dieser große Entschluss scheiterte freilich an gewissen Rücksichten, die der Chevalier de la Graverie nehmen zu müssen meinte: er fürchtete nichts mehr, als sich lächerlich zu machen. Er konnte sich daher nicht entschließen, die Unterhandlungen auf einem öffentlichen Spaziergange anzuknüpfen. Er hielt es für das Beste, das junge Mädchen bis zu ihrer Wohnung zu verfolgen und daselbst, fern von den Ohren und Blicken der Neugierigen, den wichtigen Antrag zu machen.

Leider hatte der arme Chevalier nie im Leben das Gewerbe eines Verführers getrieben; er kannte daher die kleinen Kunstgriffe nicht, die man anwenden muss, um eine junge Dame zu verfolgen, ohne Aufsehen zu machen.

Um sich dem Gegenstand seiner Wünsche zu nähern, fand er’s daher ganz natürlich, zu laufen, bis er nur noch zehn Schritte entfernt war. Dann folgte er dem jungen Mädchen auf dem Fuße.

Wer dieses Manöver sah, konnte ohne großen Scharfsinn die Absicht des Männleins erraten, und alle Spaziergänger gaben diesem auffallenden Treiben eine Deutung, die dem Rufe Dieudonné s keineswegs günstig war.

Man hörte allerlei spöttische Bemerkungen in den nahen Gruppen.

»Sehen Sie wohl den alten Lüstling de la Graverie, der am hellen Tage ein Mädchen verfolgt? Es ist wirklich unerhört!«

»He! he! Die Kleine ist gewiss sehr hübsch?«

Der arme Chevalier wusste es nicht.

»Ich gestehe,« fuhr die Dame fort, »dass ich von einem Menschen, der sein ganzes Vermögen durch die Kehle jagt, immer eine schlechte Meinung gehabt habe.«

»Nach einem solchen Skandal,« erwiderte der Andere, »wird man ihm den Zutritt versagen müssen. – Sehen Sie nur, wie ihm die Augen zum Kopf herausstehen. Jetzt thut er sogar dem Hunde schön, um die Gunst des Mädchens zu erwerben.«

Ohne von dem Unwillen, den sein Benehmen hervor» rief, eine Ahnung zu haben, folgte der Chevalier dem schwarzen Jagdhunde auf´dem Fuße.

Die Herrin des Hundes, welche der Chevalier nicht im mindesten beachtet hatte, war ein Mädchen von sechzehn bis siebzehn Jahren, zart und schlank, aber sehr schön. Ihr Gesicht hatte die eigentümliche matte Blässe der Brünetten; ihre schwarzen Augen erhielten durch die langen Wimpern einen schwermütigen Ausdruck, und ihr üppiges dunkelblondes Haar quoll unter dem Strohhütchen hervor.

Ihr Anzug war sehr einfach, fast ärmlich: das Merinokleid war sauber, hatte aber keineswegs den Glanz des Sonntagsstaates, in welchem sich Mädchen’ des Standes, dem sie anzugehören schien, zu zeigen pflegen. Man sah, dass sie in diesem Kleide gearbeitet hatte, und kam auf die Vermutung, dass sie kein anderes habe.

Endlich bemerkte sie ebenfalls, dass der ältliche Herr sie verfolgte. Sie ging rascher, um ihm zu entkommen; aber als sie an eine der Barrieren kam, welche den Reitern und Fuhrwerken die Promenade versperren, musste sie stillstehen, um die vor ihr gehenden Personen durchzulassen. Sie befand sich nun neben dem Chevalier, der diese Gelegenheit benutzte, nicht um Bekanntschaft mit ihr zu machen, sondern um mit dem Jagdhunde die Bekanntschaft zu erneuern.

Zum zweiten Male rief sie den Hund. Aber sie vermutete, wie Jedermann, dass der Chevalier den Hund nur als Vorwand benutzte, um sich ihr zu nähern; sie zog daher eine Schnur aus der Tasche, knüpfte sie in das Halsband des Hundes, und ging weiter, ohne sich umzusehen.

Aber wie sehr der Chevalier auch mit dem Hunde beschäftigt war, so konnte er doch nicht umhin, einen Blick auf die junge schöne Herrin desselben zu werfen.

Ein Schrei des Erstaunens entschlüpfte ihm: das Mädchen hatte eine auffallende Ähnlichkeit mit Mathilden.

Während er staunend und sprachlos stillstand, ging das Mädchen etwa dreißig Schritte fort.

Diese Ähnlichkeit mit Mathilden war für den Chevalier de la Graverie ein neuer Beweggrund der Eigentümerin des Hundes nachzueilen. Aber die Furcht gab ihr Flügel, und mit jeder Minute gewann sie einen Vorsprung in den engen, winkeligen Gassen der Vorstadt. Sie war leichtfüßig wie Atalante.

Der Chevalier eilte ihr keuchend nach. Seine Kräfte waren fast erschöpft. Endlich nahm er zu einer andern Taktik seine Zuflucht und rief ihr nach:

»Mademoiselle, ich bitte Sie um Alles in der Welt, stehen Sie still! Ich kann nicht mehr!«

Aber sie gab den Bitten ihres vermeinten Verfolgers kein Gehör, sie ging sogar noch rascher.

Der Chevalier glaubte, sie hätte ihn nicht gehört. Er hielt beide Hände an den Mund und schöpfte tief Atem, um noch lauter zu rufen; aber das spöttische Lächeln, das er auf einigen Gesichtern bemerkte, bewog ihn seinen Vorsatz aufzugeben.

Er lief weiter. Aber die Entfernung zwischen ihm und dem jungen Mädchen war während der Pause, die er gemacht, größer geworden, und er würde sie ganz aus dem Gesicht verloren haben, wenn er sich nicht zwei Punkte gemerkt hätte: das schottische Band am Strohhut und den schwarzen Jagdhund.

Endlich verschwanden auch diese zwei Punkte. Der Chevalier stand still. Er wusste nicht, welchen Weg das junge Mädchen genommen hatte.

Nach kurzem Besinnen verließ er die Vorstadt und ging durch das gewölbte Stadtthor.

Aber hier begann seine Verlegenheit von neuem. Er hatte die Wahl zwischen zwei Straßen, und auch hier verlor er wieder eine kostbare Zeit mit Zaudern. Welchen Weg hatte das junge Mädchen genommen? Diese Frage wiederholte er sich alle zehn Minuten, und es war schon ganz dunkel geworden, als der Chevalier de la Graverie noch in der Stadt umherirrte, ohne die Spur des Mädchens und des schwarzen Jagdhundes wiedergefunden zu haben.

Er war so ermüdet und niedergeschlagen, dass er sich nicht entschließen konnte, schon nach Hause zu gehen; was Marianne davon denken würde, kümmerte ihn gar nicht.

Er ging in das erstbeste Kaffeehaus, setzte sich an einen Tisch und verlangte eine Schale Bouillon.

Der arme Chevalier, der oft persönlich die Zubereitung der Suppe überwachte, wenn er merkte, dass Marianne nicht gut bei Laune war, musste wohl mit den Sitten und Gebräuchen der Kaffeehäuser in kleinen Provinzstädten wenig bekannt sein, um an einem solchen Orte Fleischbrühe zu bestellen. Kaum hatte er die Schale an den Mund gesetzt, so schnitt er ein saures Gesicht, stellte die Schale wieder auf den Tisch und begann in die Semmel zu beißen, die er als Zugabe zu der abscheulichen Brühe erhalten hatte.

Während er mit einiger Mühe an der trockenen Semmel kaute, sah er sich in dem Lokal um.

Er war in ein vorzugsweise von den Offizieren der Garnison besuchtes Kaffeehaus geraten. Man sah hier wohl zehnmal mehr Uniformen als Zivilröcke. Die Lagermützen, Helme und Säbel, die an den Wänden hingen, gaben dem Local ein ziemlich pittoreskes Aussehen. Unter allen Tischen sah man rote Hosen, auf allen Bänken und Stühlen »zweierlei Tuch.« Einige stellten strategische Übungen auf dem Schachbrett an. Andere schlürften Kaffee oder Absinth; hier saß Einer und schlief, dort schien ein Anderer in Gedanken vertieft.

Auf allen Seiten wurde die Zeit, welche Mars seinen Söhnen in reichem Maße lässt, durch interessante Gespräche ausgefüllt. Hier bot die immer erledigte Arrangementsfrage überreichen Stoff; dort wurde mit komischem Ernst über den Schnitt der Schabracken und die Form der Säbeltaschen gesprochen.

Alle diese interessanten Gegenstände wurden sehr laut und rücksichtslos besprochen. Kein Wort ging den Anwesenden verloren; jeder Zivilist, der sich zu unterrichten wünschte, konnte vielfältige Belehrung aus diesen Gesprächen ziehen.

Nur zwei Unterlieutenants sprachen leise miteinander.

IV
Die beiden Unterlieutenants

Die beiden jungen Offiziere waren die nächsten Nachbarn des Chevalier de la Graverie, der, ohne es zu wollen, zum Vertrauten der gegenseitig mitgeteilten Geständnisse gemacht wurde.

Der eine Unterlieutenant mochte vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahre als sein, und hatte trotz seiner braunroten Haare ein recht angenehmes, ziemlich schön geformtes Gesicht. Der Andere war was man einen »schönen Soldaten« zu nennen pflegt. Er hatte fünf Fuß sechs Zoll, breite Schultern und eine so schmale Taille, dass die Neider behaupteten, er wende dieselben künstlichen Hilfsmittel an, wie das schöne Geschlecht. Die weiten Hosen schienen mit Crinolinen gefüttert zu sein, die Brust war ohne Zweifel stark wattiert. Das Gesicht war ein Gemisch von zartem und lebhaftem Roth, von Violett und Blau. Diese letzte Farbe kam von dem sorgfältig rasierten schwarzen Bart. Ein sehr hervorragender Bestandteil dieses schon durch seine verschiedenen Nuancen merkwürdigen Gesichtes war ein steif gewichster Schnurrbart, der in einiger Entfernung von schwarz gebeiztem Holz zu sein schien. Die Augen standen fast weiter hervor als die Stumpfnase, und gaben auf den ersten Blick zu erkennen, dass der Geist an Wachstum weit hinter dem Körper zurückgeblieben war. Das Lächeln, welches auf den dicken Lippen des Unterlieutenants schwebte, war nicht geistreich, verrieth aber einen hohen Grad von Selbstgefälligkeit.

»Ich muss gestehen, lieber Freund,« sagte dieser junge Offizier zu seinem Kameraden, »dass Sie sehr naiv sind. Was! seit einem Monat besuchen Sie eine Grisette in ihrem Zimmer; sie ist hübsch, und Sie sind keineswegs hässlich; sie ist achtzehn Jahre, und Sie sind auch kein alter Knasterbart; sie gefällt Ihnen, Sie gefallen ihr – und Sie sind noch im ersten Stadium einer rein platonischen Liebe! Wissen Sie wohl, lieber Gratien, dass Sie dadurch nicht nur sich selbst, sondern das ganze Offizierkorps, vom Obersten bis zum Stabstrompeter. lächerlich machen?«

»Ach, lieber Louville,« antwortete der Andere, »nicht Jedermann besitzt Ihre Keckheit. Ich will mich für keinen großen Sieger ausgeben, und überdies genügt die Anwesenheit eines Dritten, um mich in dem Augenblick, wo mein Liebesfeuer am stärksten auflodert, ganz verzagt zu machen.«

»Wie? die Anwesenheit eines Dritten!« sagte der junge Offizier, der von seinem Kameraden Louville genannt wurde, indem er sich durch vorsichtiges Betasten überzeugte, dass sein Schnurrbart noch die gehörige Festigkeit und die mit großer Sorgfalt gedrehten Spitzen hatte. »Sie sagten mir ja, die Kleine wohne ganz allein; sie habe das Glück, ein Kind des Zufalls zu sein, weder Eltern noch Geschwister, weder Vettern noch Basen zu besitzen; kurz die schönen Momente ihres Daseins würden durch keine düsteren Wolken verfinstert. Sie versicherten, man dränge ihr keinen ehrsamen Tischler oder Kupferschmied zum Ehemanne auf, und es stehe ihr völlig frei, mit einem Offizier, zumal mit einem Unterlieutenant, glücklich wie eine Königin zu sein.«

»Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt, Louville,« antwortete Gratien; »sie steht ganz allein in der Welt.«

»Nun, was steht Ihnen denn im Wege? Mademoiselle Francotte, die Inhaberin des Putzladens, ist wohl gar neugierig zu hören, was Sie dem hübschen Kinde zuflüstern?«

Gratien schüttelte den Kopf.

»Nein,« erwiderte er seufzend. »Die Francotte lässt ihr dieselbe Freiheit wie den übrigen Arbeiterinnen.«

»Dann ist es wohl die Vermieterin des Zimmers?«

»Nein.«

»Oder eine eifersüchtige Freundin? Dieses Hindernis; will ich aus dem Wege räumen.«

»Wie so?«

»Ich will sie lieben, und wäre sie so hässlich wie eine Vogelscheuche. Was sagen Sie dazu? Mehr kann man doch von einem Freunde nicht verlangen.«

»Sie Habens nicht erraten, lieber Freund.«

»Mille cigarres«! was ist es denn?«

»Sie werden mich auslachen, Louville. Wissen Sie, was mir die Zunge lähmt, wenn ich süße Worte sprechen will? Wissen Sie, was mir Zwang antut, meine feurige Liebe mit einem kalten Sturzbade übergießt, mich zu einer albernen, lächerlichen Rolle verurteilt? Ich wette, dass Sie es nicht erraten.«

»Nur heraus damit, Gratien. Sie wissen ja, dass ich noch nie ein Rätsel oder einen Rebus erraten habe.«

„So hören Sie. Dieses Hindernis! welches meinen Wünschen im Wege steht, welches Therese bis jetzt in Schutz genommen hat und auch künftig in Schutz nehmen wird, ist ein großer schwarzer Jagdhund, der ihr nie von der Seite geht.«

»Was?« sagte der Chevalier sich aufrichtend.

»Was beliebt, mein Herr?« sagte Louville, den Chevalier ansehend; »hat man Sie etwa auf den Fuß getreten?«

»Nein,« erwiderte der Chevalier kleinlaut.

Louville wendete sich zu Gratien und murrte:

»Fürwahr, die Spießbürger sind unausstehlich! – Nicht wahr, ich habe nicht recht verstanden?«

»O ja, es ist wirklich so wie ich sage.«

Louville brach in ein lautes Gelächter aus, dass die Fenster des Kaffeehauses klirrten.

Der Chevalier benutzte den Augenblick, wo der junge Offizier sich zurücklehnte und den Bauch hielt, um den beiden Offizieren den Rücken zu kehren, ihnen aber zugleich näher zu rücken.

»Ha, ha, ha, das ist köstlich!« sagte Louville, als er seine Heiterkeit endlich etwas zu zügeln vermochte. »Der Drache der Hesperiden ist um Ihretwillen wieder lebendig geworden. Wahrhaftig, es ist zum Totlachen!«

Gratien biss sich in die Lippen,«

»Ich war auf diesen Ausbruch der Heiterkeit gefasst,« sagte er. »Aber ich versichere, dass ich nicht scherze. Wenn ich einige sentimentale Worte riskiere, so fängt der verwünschte Hund an zu knurren, als ob er seine Herrin warnen wollte. Wenn ich mich nicht abschrecken lasse, so bellt er so laut, dass ich, um von Therese verstanden zu werden, aus Leibeskräften schreien muss: Mein Engel, ich liebe, ich vergöttere Dich!«

»Nun, dann müssen Sie die Worte durch eine lebhafte, beredte Pantomime ersehen,« sagte Louville.

»Durch eine Pantomime? Das ist noch schlimmer. Der verwünschte Hund kann keine Pantomime leiden. Wenn ich mir eine mehr oder minder lebhafte Gebärde erlaube, so knurrt und bellt er nicht mehr, er weist mir die Zähne. Wenn ich mich dadurch nicht abschrecken lasse, beißt er mich, und das ist verdammt lästig, wenn man eine Liebeserklärung machen will. Das Unangenehmste aber ist, dass ich in dem grotesken Kampfe, der aus der Verschiedenheit unserer Ansichten entsteht, vor meiner Angebeteten sehr lächerlich erscheinen muss.»

»Und es ist Ihnen nicht gelungen, die Freundschaft dieses Vierfüßlers zu gewinnen?«

»Nein.«

»Aber, mille eigares«! Als wir noch das Gymnasium besuchten, wo wir uns, beiläufig gesagt, ungeheuer langweilten, lasen wir ja in dem »Cygne de Monleon,« wie ihn unser Professor nannte, es gebe irgendwo einen Bäcker, der Kuchen für den Cerberus lieferte —«

»Black ist unbestechlich.«

Der Chevalier stutzte, ohne dass es die beiden Offiziere bemerkten.

»Ich stecke die Taschen voll Leckerbissen,« fuhr Gratien fort; »er frisst sie mit Dank, aber er ist jeden Augenblick bereit, mich wie meine Geschenke zu behandeln.«

»Schläft er denn nicht? Und geht er nie aus?«

»Vor vierzehn bis zwanzig Tagen war er einen Nachmittag und eine Nacht abwesend; ich hoffte, er werde nicht wiederkommen, aber er kam wieder.«

»Und seitdem?«

»Ist er noch nicht von der Stelle gegangen. Der verwünschte Hund muss wirklich mit übersinnlichem Gesichtsvermögen begabt sein.«

»Ich glaube vielmehr,« erwiderte Louville, »dass Ihre Therese weit schlauer ist, als Sie glauben: sie wird den Hund eigens dazu abgerichtet haben.«

»Kurz und gut,« sagte Gratien, »meine Geduld ist zu Ende, und ich bin fürwahr geneigt, meine Bewerbungen einzustellen.«

»Das sollten Sie nicht tun.«

»Ich möchte Sie wohl an meiner Stelle sehen.«

Der Chevalier lauschte mit der größten Aufmerksamkeit,

»An Ihrer Stelle, lieber Gratien,« antwortete Louville, »würde ich Fräulein Therese samt allen Herren Unterlieutenants diesen Abend zum Souper einladen, um in Gegenwart Aller zu ermitteln, wie viel Champagner eine an klares Wasser gewöhnte Grisette trinken kann, ohne unter den Tisch zu fallen.«

Der Chevalier bekam eine Gänsehaut, ohne zu wissen warum.

»Ach, lieber Louville, Sie kennen Therese nicht!« sagte Gratien mit einem Seufzer.

»Aber ich kenne Andere,« erwiderte Louville, indem er sich den Schnurrbart strich; »eine Grisette ist der andern gleich.«

»Sie vergessen den Hund,« entgegnete Gratien.

»Der Hund!« sagte Louville höhnisch lachend. »Für wen macht man denn vergiftete Klöße und gebackene Schwämme?«

Der Chevalier fuhr vom Stuhl auf, als er diese Worte hörte.

»Wahrhaftig,« sagte Louville so laut, dass ihn der Chevalier verstehen konnte, »dieser Spießbürger scheint von der Tarantel gestochen zu sein.«

Dabei warf er einen Seitenblick auf den Chevalier, in der Erwartung, Gelegenheit zum Streit zu finden.

Aber der Chevalier that ihm den Gefallen nicht; er war zu neugierig, die Fortsetzung dieses Gesprächs zu hören.

»Nein,« sagte Gratien, »solche Mittel sind mir zuwider; ich bin ein Jagdfreund und will lieber das Mädchen verlieren, als diesem prächtigen Hunde etwas zu Leide tun.«

»Das ist brav von ihm,« sagte Dieudonné für sich, ohne sich umzusehen.

»Gut, lieber Gratien,« sagte Louville, »stelle deine Bewerbungen bei der schönen Therese ein; ich will dann sehen ob ich glücklicher bin als Sie.«

»Aha, ich soll Ihnen meinen Platz abtreten,« sagte Gratien, dessen Gesicht sich verfinsterte.

»Es ist immer besser, ihn einem Freunde, als einem Fremden abzutreten.«

»Der Meinung bin ich nicht,« erwiderte Gratien, »ich möchte auch Ihre Eigenliebe schonen und Ihnen die Beschämung eines Korbes ersparen.«

»Glauben Sie denn, Therese sei die erste spröde Zierpuppe, die mir in den Weg gekommen?«

»Ich weiß wohl, Louville, dass Sie ein großer Sieger sind,« sagte Gratien mit einem Lächeln, das nicht ganz frei von Ironie war; »aber ich glaube kaum, dass Sie ihr gefallen werden.«

»Das wollen wir doch sehen!« erwiderte Louville, dessen Gesicht kirschrot wurde. »Da Sie es darauf ankommen lassen, so schwöre ich Ihnen, das Mädchen wird mein sein. Und um Ihnen zu beweisen, welches Vertrauen ich in Ihre Ungeschicktheit setze, lasse ich Ihnen noch acht Tage ganz freie Hand, erst in acht Tagen werde ich anfangen zu attackieren.«

»Auch wenn ich Sie bitte es zu unterlassen?

»Allerdings; Sie nahmen so eben einen gewissen Ton an, der mir in den Magen gefallen ist.«

»Und was soll aus dem Hunde werden, fragte Gratien mit gezwungenem Lächeln.

»Der Hund soll schon diesen Abend aus dem Wege geräumt werden,« antwortete Louville; »Sie sollen in diesen acht Tagen ganz freie Hand haben.«’

Der Chevalier, der ein Glas Zuckerwasser schlürfte, glaubte zu ersticken, als er die Worte Louvilles hörte.

»Schon diesen Abend?« wiederholte Gratien, der nicht wusste, ob er den Antrag seines Kameraden annehmen oder ablehnen sollte.

»Haben Sie nicht diesen Abend, um neun Uhr bei der Porte Morano ein Stelldichein mit Theresen?« sagte Louville. »Gehen Sie hin, und ich verspreche Ihnen, dass Sie ganz ungestört mit Ihrem Täubchen girren können, ohne dass Sie fürchten dürfen, von Monsieur Black wie ein Spießbürger von St, Malo behandelt zu werden.«

Der Chevalier de la Graverie hörte nicht länger zu. Er stand auf, sah nach seiner Uhr und entfernte sich mit sehr bemerkbarer Bestürzung aus dem Kaffeehaus.

Er war so zerstreut, dass ihm ein Kellner nachlief und ihn höflich an die Bezahlung erinnerte.

»Sie haben Recht, lieber Freund,« sagte der Chevalier sich an die Stirn schlagend. »Hier sind fünf Francs; bezahlen Sie meine Zeche und behalten Sie den Rest für sich. «

Dann lief er so schnell fort wie es mit so kurzen Beinchen möglich war.

Er konnte nicht zweifeln, dass der Liebling seines Herzens in großer Gefahr schwebe, und dieser Gefahr beschloss er vorzubeugen.

V
Wo der Chevalier de la Graverie große Herzensangst fühlt

Die Äußerungen des jungen Offiziers über die wunderbare Klugheit des schwarzen Jagdhundes hatten die Aufmerksamkeit Dieudonné’s in hohem Grade erregt. Im Laufe des Gespräches zwischen den beiden Unterlieutenants stiegen die Seelenwanderdungsgedanken wieder in ihm auf. Er konnte natürlich nicht zweifeln, dass der Jagdhund, in dessen Besitz er zu kommen wünschte, kein anderer als Black und dass Therese die Herrin desselben sei.

Er entschloss sich daher ohne Zögern, das arme Tier gegen die bösen Anschläge des Unterlieutenants Louville zu beschützen. Es war in der Tat keine Zeit zu verlieren, denn der Racheplan gegen Black sollte schon denselben Abend zur Ausführung kommen.

Dieudonné nahm daher den zur Porte Morand führenden Weg, um Therese vor der Gefahr zu warnen, die zugleich ihre Tugend und ihren Keuschheitswächter bedrohte. Da ihm überdies an dem Leben Blacks noch mehr lag, als an der Tugend des Mädchens, so nahm er sich vor, ihr für den Hund ein hübsches Sümmchen zu bieten.

»Aber wenn sie sich nicht von ihm trennen will?« sagte er seufzend, während er weiter trabte. »Nun, dann verdopple ich den Preis und biete ihr dreihundert, vier- fünfhundert Francs. Sac a papier. Mich dünkt, dass eine Grisette um fünfhundert Francs noch weit mehr gibt als ihren Hund. – Und wenn sie den Hund nicht hergeben will, so muss ich auf ein anderes Mittel sinnen. Morbleu, ich will nicht zugeben, dass der arme Black, in dessen Haut vielleicht mein braver Dumesnil gefahren ist, vergiftet werde.«

Der arme Chevalier musste wohl sehr aufgebracht sein, um zweimal in einem Atem zu fluchen; denn er musste schon zum Äußersten getrieben werden, ehe er sich so weit vergaß.

Aber als er an die Porte Morand kam, fand er die Promenade verödet. Er sah sich nach allen Seiten um, ohne einen verspäteten Spaziergänger zu bemerken. Es hatte so eben neun geschlagen und zu dieser Stunde geht ganz Chartres zu Bette.

Er begann zu fürchten, dass er nicht recht verstanden. Während er die Minuten zählte, fühlte er alle Herzensqualen eines Liebenden, der den Gegenstand seiner Wahl vergebens erwartet.

Der Chevalier hörte Fußtritte im Dunkeln. Er bemerkte die Umrisse einer weiblichen Gestalt unter der Torwölbung.

Er wollte auf sie zueilen, aber es gesellte sich eine andere Gestalt zu ihr. Es war zu spät. Therese war nicht mehr allein. Vermutlich war Gratien bei ihr.

Der Chevalier wurde ungeduldig. Er musste zu den Kunstgriffen der Fallensteller in den amerikanischen Urwäldern und der Indianer seine Zuflucht nehmen, und dies stimmte weder mit seinen Gewohnheiten noch mit seinem Charakter überein.

Unglücklicher Weise war keine Minute zu verlieren, wenn er nicht bemerkt werden wollte. Er stieg daher die Böschung des Walles hinunter und legte sich platt nieder.

Der kalte feuchte Rasen rief mancherlei abkühlende Betrachtungen in ihm hervor. Es war wirklich der Augenblick seine Leidenschaft zu beklagen. Der Chevalier beklagte sie von ganzem Herzen, aber er blieb ruhig auf dem betauten Grase liegen.

Inzwischen kamen die beiden jungen Leute über die Brücke und gingen zehn Schritte an ihm vorüber.

Es war wirklich das junge Mädchen, welches Dieudonné am Morgen verfolgt; es war wirklich der rothaarige Offizier, dessen vertrauliche Mitteilungen er belauscht hatte.

Black ging gravitätisch hinter ihnen her, als ob er sich der Wichtigkeit seines Hüteramtes bewusst gewesen wäre.

Der junge Offizier sprach ziemlich leise, aber mit sehr lebhaften Gebärden. Therese schien aufmerksam zuzuhören; ihre Haltung war traurig und niedergeschlagen.

Von Zeit zu Zeit wurde der schwarze Jagdhund neben dem lichteren Kleide seiner Herrin sichtbar und er suchte ihre Hand, um eine Liebkosung zu erhaschen.

Plötzlich hörte der Chevalier die Fußtritte eines mit großer Vorsicht über die Brücke gehenden Mannes.

Er sah sich um, aber der Neu ankommende mochte wohl gebückt hinter der Brustwehr gehen, denn es war nichts zu unterscheiden.

In diesem Augenblick kamen die beiden Spaziergänger wieder zurück; das Geräusch, welches die Aufmerksamkeit Dieudonné’s erregt hatte, hörte nun plötzlich auf.

Während die beiden jungen Leute umkehrten, hörte der Chevalier deutlich wie ein weicher Gegenstand auf den Erdboden geworfen wurde, und er glaubte einen Ball von der Größe eines Eies mitten auf die Promenade rollen zu sehen. Dann bemerkte er, wie der Unsichtbare, der aber seine Anwesenheit so deutlich kundgab, sich rasch entfernte.

Therese und Gratien waren damals am Ende der Allee.

Der Chevalier berechnete, dass er Zeit hatte seinen Plan auszuführen. Er richtete sich auf und mit einer Behändigkeit, deren er sich nicht fähig gehalten hätte, sprang er in die Allee und suchte mit den Händen den runden Gegenstand, den er für eine vergiftete Lockspeise hielt.

Diese Arbeit war nichts weniger als angenehm, aber nach einigen fruchtlosen Versuchen fand er ein Stück Fleisch, welches aller Wahrscheinlichkeit nach mit Arsenik bestreut war.

Er warf die Lockspeise weg und hörte mit Befriedigung, dass sie in den Fluss fiel.

Aber die arglistige Idee Louvilles rief einen harmlosen, seinem Charakter angemessenen Gedanken in ihm hervor. So wie der »Däumling« Steine streute, die ihm den Weg nach Hause zeigen sollten, wollte er Zuckerstücke auf die Erde werfen, die Black zu ihm führen sollten.

Das sehr wahrscheinliche Gelingen dieser Kriegslist machte ihm allerdings einige Bedenken: er eignete sich einen Hund zu, der ihm nicht gehörte, und raubte der armen Therese zugleich ihren Hüter, ihren Beschützer. Aber wenn er Black nicht sogleich zu sich nahm, so war Black verloren. Er hatte ja auch nicht die Absicht, Black zu stehlen, sondern zu kaufen. Wenn Therese allein gekommen wäre, so würde er sie gewarnt haben. Dies war nun nicht möglich. Die Entführung Blacks wurde daher durch die Umstände gerechtfertigt. Überdies nahm er sich vor, Black nicht zu behalten, ohne dessen Herrin eine glänzende Entschädigung zu geben.

Während der Chevalier, auf der Böschung liegend, Alles dies erwog, sah er die beiden Spaziergänger wieder näherkommen.

Er hatte sich in seiner Erwartung nicht getäuscht. Black freute sich sehr, als er das erste Stück Zucker fand. Er ließ seine Herrin vorausgehen, und statt ihr zu folgen? suchte er das zweite Stück Zucker. So kam er von einem Stück zum andern, bis zu der Stelle, wo ihn der Chevalier erwartete.

Dieudonné pfiff leise und hielt ihm ein Stück Zucker hin.

Black erkannte sogleich einen Freund, mit dessen Benehmen er alle Ursache hatte zufrieden zu sein: er war zu klug und unparteiisch, um das von Mariannen bereitete Sturzbad mit den Zuckerstücken des Chevaliers zu verwechseln. Er kam ohne Misstrauen und sogar mit einiger Freude näher.

Der Chevalier begann ihn durch Liebkosungen zu kirren; dann wand er ihm arg listigerweise sein Schnupftuch um den Hals, machte einen soliden Knoten und fütterte ihn mit Zucker, bis seine junge Herrin, die im eifrigen Gespräch seine Abwesenheit nicht bemerkte, umgekehrt und an ihm vorübergegangen war. Dann ging Dieudonné, den Hund mit sich fortziehend, an der Böschung zur Brücke.

Auf der Brücke bückte er sich, wie Louville getan hatte, so dass er ungesehen die Stadt erreichte.

Als der Chevalier de la Graverie vor seinem Hause war, steckte er leise den Schlüssel in das Schloss und versuchte die Haustür ohne Geräusch zu öffnen. Aber die rostigen Angeln knarrten und hatten als Echo das furchtbare: »Wer ist da?« Mariannens.

Gleich darauf kam die Haushälterin aus der Küche, in der einen Hand ein brennendes Licht haltend, während sie dasselbe mit der andern Hand gegen den Zugluft zu schützen suchte.

»Wer ist da?« wiederholte Marianne.

»Ich! wer soll’s denn sonst sein?« antwortete der Chevalier, indem er Black zurückschob und sich alle Mühe gab, den neuen Hausgenossen zu verbergen. »Kann ich denn nicht mehr nach Hause kommen, ohne von Ihrer Spioniererei belästigt zu werden?«

»Spioniererei?« wiederholte Marianne. »Sie müssen wissen, Herr Chevalier, dass nur Übeltäter das Auge des Nächsten fürchten.«

In diesem Augenblicke bemerkte sie die Unordnung in den Kleidern ihres Herrn.

»Ach, mein Gott!« sagte sie, erschrocken zurücktretend, als ob sie ein Gespenst gesehen hätte.

»Was ist denn?« sagte der Chevalier, der einen fruchtlosen Versuch machte, an ihr vorüberzugehen.

»Sie sind ja ohne Hut —«

»Steht es mir etwa nicht frei, baarhaupt zu spazieren, wenn mir’s beliebt?«

»Und Ihre Kleider sind ganz mit Kot bedeckt!«

»Ich bin angespritzt worden —«

»Angespritzt? Gerechter Himmel, ist das ein Leben für einen ordentlichen Menschen? In solchem Zustande und so spät nach Hause zu kommen!«

Black, der sich bis dahin ziemlich ruhig verhalten hatte, wurde durch die keifende Stimme Mariannens gereizt, und überdies erkannte er in ihr seine alte Feindin; er begann nun laut zu bellen.

»Gerechter Himmel, ein Hund!« kreischte Marianne. »Und was für ein Hund! Ein kohlrabenschwarzes Vieh mit feurigen Augen! – Halten Sie ihn doch, Herr Chevalier! Sie sehen ja, dass er mich fressen will!«

»Schweigen Sie und lassen Sie mich durch!«

Aber es war nicht die Absicht Mariannens, so nachzugeben.

»Was soll aus uns werden?« eiferte sie mit ziemlich fruchtlosem Bestreben, eine weinerliche Stimme anzunehmen. »Wenn man Sie ansieht, kann man sich schon denken, wie es mit einem solchen Gast im Hause zugehen wird! Ich hoffe wenigstens, dass Sie ihn an die Kette legen werden.«

»An die Kette legen?« erwiderte der Chevalier mit Entrüstung. »Nein, nie.«

»Sie wollen diesen Unhold frei umherlaufen lassen? Sie wollen mich der Gefahr aussetzen, zu jeder Stunde des Tages und der Nacht von ihm gebissen zu werden? Nein, das soll nicht sein!«

Sie nahm ihren Besen und nahm die Haltung eines sich wehrenden Grenadiers der alten Garde an.

»Sie müssen mir erlauben, dieses abscheuliche Tier fortzujagen,« sagte sie, »oder ich verlasse auf der Stelle Ihr Haus!«

Die Geduld des Herrn vom Hause war zu Ende. Er stieß die Haushälterin so unsanft zurück, dass sie das Gleichgewicht verlor und mit einem Zetergeschrei zu Boden fiel.

Das Licht erlosch, aber der Weg war frei.

Der Chevalier schritt über Marianne hinweg und eilte mit jugendlicher Behändigkeit die Treppe hinan, schob den Hund in sein Zimmer und schloss die Tür mit einer Hast, welche seine Freude über den Besitz seines Lieblings deutlich bekundete, Ein Liebender hätte nicht inniger frohlocken können.

Der Chevalier nahm die besten Polster von seinen Sofas und Divans, legte sie neben einander und bereitete daraus ein Lager für Black.

Black machte keine Umstände, er legte sich, trotz seines Schmutzes, behaglich auf die weichen Polster.

Der Chevalier betrachtete ihn zärtlich, bis dass er eingeschlafen war; dann entkleidete er sich und begab sich ebenfalls zur Ruhe.

Dieudonné schlief so süß, wie er seit drei Wochen nicht geschlafen halte.

VI
Wo die bewaffnete Macht wieder Ruhe ins Haus bringt

Als der Chevalier am andern Morgen erwachte, fühlte er Schmerzen im ganzen Körper. Zum ersten Male seit vierundzwanzig Stunden sann er über die in blinder Leidenschaft begangenen Unbesonnenheit nach und dachte mit Schaudern, dass er einen Gichtanfall oder Rheumatismus davontragen könne.

Er griff sich, wie gewöhnlich, an den Puls; zum Glück fand er ihn ruhig, regelmäßig und nur wenig schneller als gewöhnlich.

Nachdem er sich über seinen Gesundheitszustand ziemlich beruhigende Gewissheit verschafft hatte, stand er auf und begann mit Black zu spielen, ohne zu bemerken, dass kein Feuer m Kamin war.

Gegen neun Uhr kam Marianne in das Zimmer ihres Herrn; ihr Gesicht war noch bissiger als gewöhnlich.

Aber die Nacht hatte guten Rat gebracht. Die schlaue Person sprach nicht mehr von Aufkündigung des Dienstes.

Der Chevalier seinerseits war so glücklich, endlich den Gegenstand seiner Wünsche zu besitzen, dass er für Großmut empfänglich war.

Ein Gedanke jedoch trübte dieses Glück. Der Chevalier dachte halb aus Besorgnis, halb mit Reue an die Wahrscheinlichkeit, dass die junge Herrin Blacks ihr Eigentum zurückfordern werde. Sein Ruf als ehrlicher Mann war dahin, wenn es in der Stadt bekannt würde, wie er sich den Hund zugeeignet. Hatte er wirklich das Recht, sich in den Besitz Blacks zu setzen, wenn auch dessen Leben bedroht war?

Endlich dachte er nicht ganz ohne bange Besorgnis an die Folgen, welche der Raub des klugen wachsamen Tieres für das Leben des armen Mädchens haben konnte, und obschon er sich mit dem Gedanken zu trösten suchte, dass er Black einem sichern Tod entrissen, so konnte er sein Gewissen in dieser Beziehung doch nicht ganz beruhigen.

Um dies wenigstens zu versuchen, siegelte er eine Banknote von fünfhundert Francs ein und adressierte sie an »Mademoiselle Therese, bei Madame Francotte.«

Dieser Banknote legte er einige Zeilen bei, durch die er ihr, ohne die Beweggründe dieser Freigebigkeit zu erklären, auch für das nächste Jahr die gleiche Summe zusicherte.

Sie war nun gegen die Not geschützt, welche der Chevalier für die gefährlichste aller Versuchungen hielt.

So wäre der Verlust des Hundes durch dieses Geschenk von tausend Francs reichlich ersetzt.

Es kam nun darauf an, sich im Besitz des Hundes zu erhalten.

Black sollte nie die Schwelle des Hauses überschreiten, er sollte dagegen den Garten zu seiner Verfügung haben. Die Mauer war so hoch, dass man die Neugier der Nachbarn nicht zu fürchten hatte.

Black sollte in dem Zimmer seines Herrn schlafen. Wenn der Chevalier genötigt wäre, sich einige Stunden zu entfernen, so sollte Black in dem Toilettenzimmer eingesperrt bleiben. Ein Vorhängeschloss mit einem geheimen Mechanismus sollte das arme Tier gegen die arglistigen Anschläge Mariannens schützen.

Die Schwatzhaftigkeit der Letzteren war die einzige düstere Wolke, welche die zu erwartenden glücklichen Tage trüben konnte. Aber schon den ersten Abend brachte der Zufall die zänkische Haushälterin in die Gewalt ihres Herrn.

Der Chevalier ging weder vor noch nach Tische aus. Er frühstückte und speiste mit seinem Liebling. Abends führte er ihn im Garten spazieren.

Während sich Dieudonné mit einem wilden Rosenstock, den er im Frühjahr oculirt hatte, beschäftigte, benutzte Black, der trotz der sorgsamsten Pflege nicht recht zufrieden schien, die offene Gartentür, um einen Weg zu suchen, auf welchem er seinem Instinkt folgen konnte.

Aber zum Unglück für seinen Fluchtplan musste er, um auf die Straße zu gelangen, an der Küche vorübergehen, aus welcher eben ein köstlicher Bratengeruch hervorging.

Black trat in die Küche, die auf den ersten Anblick leer schien.

Er suchte die Ursache des appetitlichen Geruches.

Während er suchte, blieb er plötzlich stehen, wie ein Hund, der ein Stück Wild findet, und bellte gegen einen großen Schrank, als ob er diesen des unbefugten Hehlens beschuldigen wollte.

Inzwischen kam Marianne, durch das Gebell herbeigelockt. Schon griff sie zu ihrer gewohnten Waffe; aber der Chevalier, der den Hund vermisst hatte, eilte ihm nach.

Die Haltung des Chevaliers, seine gebietende Miene machte einen so gewaltigen Eindruck auf Marianne, dass sie den Besen fallen ließ.

Black bellte immerfort den Schrank an, ohne sich um die übrigen Vorgänge zu kümmern.

Der Chevalier riss den Schrank auf, und zu seinem größten Erstaunen erblickte er einen Kürassier, der in ihm den Herrn vom Hause erkannte und ehrerbietig salutirend die Hand an seinen Helm legte.

Marianne sank auf einen Stuhl, als ob es ihr möglich gewesen wäre, in Ohnmacht zu fallen.

Der Chevalier erkannte auf den ersten Blick die ganze Situation. Aber statt sich einem unbedachtsamen Zorne zu überlassen, sann er sogleich auf den Nutzen, den er daraus ziehen könne.

Er dankte dem Hunde durch eine zärtliche Liebkosung. und rief Marianne durch einen gebieterischen Wink hinaus.

Er ging nicht weiter als auf die Hausflur. Hier stand er still und sagte ernst:

»Marianne, Du hast bei mir dreihundert Francs Lohn, und um sechshundert betrügst Du mich.«

Marianne machte einen Versuch, den Chevalier zu unterbrechen, aber dieser gebot ihr durch eine drohende Gebärde Schweigen.

»Um sechshundert betrügst Du mich,» fuhr er fort. »Ich lasse es so hingehen. Du hast also den besten Platz in der Stadt. Überdies würde außer mir Niemand die Geduld haben, dein zänkisches, bissiges Benehmen zu ertragen. Du verdienst jetzt mit Schimpf und Schande davon gejagt zu werden; aber ich will Dich nicht fortjagen —«

Marianne wollte ihren Herrn unterbrechen, um ihm zu danken.

»Warte nur,« setzte er hinzu: »ich knüpfe meine Nachsicht an gewisse Bedingungen.«

Marianne beugte ihr schuldiges Haupt, um anzudeuten, dass sie bereit sei, sich das demütigende Joch, welches er ihr auflegen wollte, gefallen zu lassen.

»Den Hund habe ich gefunden,« fuhr der Chevalier fort, »aus Gründen, die Dich nicht kümmern, will ich ihn behalten, und er soll’s gut bei mir haben. Wenn der Hund in Folge deiner Schwatzhaftigkeit bei mir gesucht wird; wenn er in Folge des Hasses, den Du gegen ihn hegst, oder durch ab» sichtliche Nachlässigkeit davonläuft, so gebe ich Dir mein Ehrenwort, dass ich Dich auf der Stelle fortjage. – Jetzt kannst Du wieder zu deinem Kürassier gehen. Ich bin Soldat gewesen,« setzte Dieudonné, sich in die Brust werfend, hinzu, »und habe keine Vorurteile gegen Militärpersonen.«

Marianne war so beschämt und der Chevalier sprach mit so viel Entschlossenheit, dass sie kein Wort erwiderte und in die Küche ging.

Der Chevalier war sehr erfreut über diesen Vorfall, der ihm vereint mit seinen übrigen Plänen den Besitz des Jagdhundes zu verbürgen schien.

Er täuschte sich nicht. Von diesem Tage an begann für Dieudonné und seinen vierfüßigen Herzensfreund ein glückliches, stillvergnügtes Leben. Das fortwährende Zusammenleben machte den Chevalier keineswegs gleichgültig oder unempfänglich für die Vorzüge des Hundes; im Gegenteil. Black wurde ihm mit jedem Tage teurer, und mit jedem Tage entdeckte er an ihm so glänzende Eigenschaften, dass seine Seelenwanderdungsgedanken immer häufiger und nachhaltiger wurden. Dann konnte er sich nicht enthalten, Black mit einer gewissen zärtlichen Rührung zu betrachten; er sprach von der Vergangenheit wie mit einem teilnehmenden Freunde und erzählte ihm vorzugsweise alle Ereignisse, an denen Dumesnil teilgenommen; ja zuweilen vergaß er sich so weit, dass er fragte, wie der Kapitän den alten Soldaten: »Denkst Du noch daran?«

Und wenn der Hund den Kopf hob und ihn mit seinen klugen, ausdrucksvollen Augen ansah, fühlte der Chevalier die dankbare Zuneigung, die er vormals seinem Freunde bewiesen hatte.

Dies dauerte ein halbes Jahr. Black musste sich als den Glücklichsten seines Geschlechtes betrachten. Von Zeit zu Zeit jedoch war er traurig und niedergeschlagen; er warf gar sehnsüchtige Blicke auf die Türen, als ob er seinem Herrn zu verstehen geben wollte, dass er ungeachtet der verflossenen Zeit und der guten Behandlung, die ihm zu Teil wurde, seine frühere Herrin noch nicht vergessen habe.

Eines Abends, es war im Frühjahre, rasierte sich der Chevalier de Graverie, um einige Besuche zu machen. Black war den ganzen Tag und schon gestern unruhiger als gewöhnlich gewesen. Plötzlich hörte Dieudonné die kreischende Stimme Mariannens, welche auf der Treppe rief:

»Herr Chevalier, zu Hilfe! Ihr Hund läuft davon!«

Dieudonné warf sein Rasirmesser weg, wischte sein halb rasiertes Gesicht ab, zog schnell einen Rock an und eilte die Treppe hinunter.

In der Haustür fand er Mariannen, die dem fortlaufendem Hunde mit aufrichtiger Bestürzung nachschaute.

»Herr Chevalier,« sagte sie jammernd, »ich schwöre Ihnen, dass ich keine Schuld habe; der Briefträger hat die Tür offen gelassen.«

»Ich habe Dich gewarnt, Marianne!« sagte der Chevalier außer sich vor Zorn. »Du bist nicht mehr in meinem Dienste. Schnüre dein Bündel und verlasse auf der Stelle mein Haus!«

Und ohne die Antwort der trostlosen Köchin abzuwarten, ohne zu bedenken, dass er in Pantoffeln und ohne Hut war, eilte er dem Flüchtlinge nach.

VII
Wo Black den Chevalier führt

Der Chevalier wusste so ziemlich, welchen Weg er zu nehmen hatte und lief daher ohne Zögern durch die Straßen der Stadt.

In der Nähe der Kathedrale bemerkte er Black etwa hundert Schritte vor sich. Er rief; aber Black, der sich verfolgt sah, lief weiter, und der Chevalier sah ihn erst unweit der Vorstadt La Grappe wieder. Er wusste, dass dort die vormalige Herrin des Hundes wohnte; nur die Hausnummer war ihm nicht bekannt.

Der Chevalier kam ihm so nahe, dass er ihn einzuholen hoffte. Aber Black, der sich in dem Straßenlabyrinthe verloren zu haben schien, eilte ihm immer in einiger Entfernung voraus; es schien fast, als ob das kluge Tier sich absichtlich nicht zu weit entfernte, um dem Chevalier nicht ganz aus den Augen zu kommen.

Dieudonné streckte die Hand aus, um ihn bei dem prächtigen Halsband zu fassen, das er ihm hatte machen lassen; aber Black machte einen Seitensprung und lief in ein Haus. Es war das dritte auf der linken Seite.

Der Chevalier trug kein Bedenken, ihm zu folgen und den schmalen, feuchten, dunkeln Hausgang zu betreten. Er hielt nicht einmal eine Antwort in Bereitschaft, falls ihn Black zu dem jungen Mädchen, seiner eigentlichen Herrin, führen würde.

Nach einigem Umhertappen in dem dunkeln Gange fasste der Chevalier ein Seil, welches die Stelle eines Treppengeländers vertrat.

Oben fiel ein mattes Licht durch ein kleines schmutziges Fenster. Der Chevalier begann langsam die steile Treppe zu ersteigen.

Er kam in den ersten Stock. Hier waren alle Türen geschlossen.

Der Chevalier lauschte. Man hörte kein Geräusch in den Zimmern; der Hund konnte hier also nicht geblieben sein.

Dieudonné ergriff wieder das Seil und stieg weiter hinauf.

Im zweiten Stocke lauschte er wieder. Auch hier war Alles still.

Die Treppe wurde nun immer schmäler, je höher man hinaufstieg, und wurde endlich zur Leiter, wie die mythischen Weiber, deren Leib sich nach Birgits Beschreibung in einen Fischschwanz endet.

Der Chevalier begann zu fürchten, der Hund habe einen von ihm selbst nicht bemerkten Ausgang benutzt, um aus dem Hause zu entkommen und in einen Hof zu gehen.

Aber in diesem Augenblicke hörte er über seinem Kopfe jenes klägliche, langgezogene Geheul, durch welches die Hunde, einem sehr verbreiteten Glauben zufolge, dm Tod ihres Herrn verkünden.

Diese Klagetöne in dem düsteren, dem Anscheine nach unbewohnten Hause, drangen dem Chevalier durch Mark und Bein; seine Haare sträubten sich, und er fühlte seine Stirn mit kaltem Schweiß bedeckt. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte Black die Tür verschlossen gefunden, und das junge Mädchen war nicht zu Hause. Der Chevalier konnte ihn daher einholen, und in dem engen Gange musste sich Black ergeben.

Dieser Gedanke gab dem Chevalier wieder Mut. Er fasste daher das Seil wieder und stieg weiter hinauf.

Er dachte dabei unwillkürlich an jenen Unglückstag, wo er sich aus Dumesnil’s Zimmer an Betttüchern hinabgelassen hatte. Die Erinnerung an dieses unglückliche Abenteuer lenkte seine Gedanken auch auf Mathilde – und er seufzte.

Als er etwa zwanzig Stufen hinaufgestiegen war, ragte er mit dem halben Körper aus einer Luke hervor.

Diese Luke führte zu einer kleinen, finsteren Dachkammer, die ebenfalls leer zu sein schien; allein es war nicht zu bezweifeln, dass Black soweit hinaufgestiegen war.

Kaum hatte der Chevalier den Fußboden der Dachkammer betreten, so kam Black auf ihn zu und liebkoste ihn so zärtlich wie noch nie.

Aber als der Chevalier die Hand ausstreckte, um ihm anzudeuten, was er zu tun habe, entfernte sich der Hund schnell und legte sich vor einem elenden Lager nieder, welches in der Dunkelheit undeutlich zu unterscheiden war.

Dieses Lager befand sich in einen« Winkel unter dem schrägen Dach, so dass es von dem durch ein schmales Fenster fallenden matten Licht nicht getroffen wurde.

Nichts regte sich in dieser Bodenkammer.

»Ist Jemand hier?« fragte der Chevalier,

Niemand antwortete, aber Black stand auf und drängte sich wieder an ihn.

In diesem Augenblicke machte Dieudonné die Bemerkung, dass die Luft mit einem scharfen durchdringenden Geruch angefüllt war. Er wurde wieder furchtsam, und wollte sich eilends entfernen. Er rief Black.

Der Hund begann wieder kläglich zu heulen und kroch unter das Bett.

Der Chevalier konnte sich nicht entschließen, Black zu verlassen. Er suchte Licht.

Ein chemisches Feuerzeug fiel ihm in die Hände.

In einem Augenblicke hatte er Feuer. Er zündete eine Lampe an, die er auf einem Stuhle bemerkte, und trat auf das Bett zu.

Auf diesem Bett sah er zu seinem Schrecken eine regungslose weibliche Gestalt. Das Gesicht des jungen Mädchens war aschgrau, die Lippen blau, ein starker Schweiß hatte das Haar an die Schläfen geklebt, die Zähne waren fest zusammengepresst, der ganze Körper schien schon kalt und starr. dass die Seele diesen dem Tode verfallenen Leib noch nicht verlassen hatte, bemerkte man nur an der zuckenden Bewegung ihrer bläulichen Augenlider und den matten Atemzügen, die aus dem durch den Schmerz verzerrten Munde drangen.

Wie entstellt die Sterbende auch war, so erkannte der Chevalier doch das junge Mädchen, das er im vorigen Herbste an einem Sonntage verfolgt, dem er Black geraubt hatte.

Er redete sie an, aber sie war zu schwach, um ihm zu antworten.

Sie verstand ihn jedoch, denn sie schlug die Augenlider auf, starrte ihn an und streckte die Hand nach ihm aus.

Der Chevalier, zum tiefsten Mitleid gerührt, in welches sich einige Reue zu mengen begann, fasste ihre Hand.

Sie war eisig kalt.

»O mein Gott!« sagte er laut wie er gewöhnlich zu tun pflegte, »ich kann doch das arme Geschöpf nicht ohne Hilfe sterben lassen! Da ich einmal ohne Hut durch die Stadt gegangen bin, um Black einzuholen, so kann ich auch in demselben Zustande den Doktor Robert holen.«

Der Chevalier kannte Herrn Robert nicht, aber er wusste, dass dieser der beliebteste Arzt in Chartres war.

»Ich bin es ihr schuldig – Ja, ja, es ist meine Pflicht,« sagte Dieudonné im lauten Selbstgespräch.

Und während er sie betrachtete, bemerkte er wieder die auffallende Ähnlichkeit zwischen diesem jungen Mädchen und Mathilden.

Er ließ die Todkranke unter der Obhut des treuen Black und stieg die Leiter schneller hinunter, als er sie heraufgestiegen war, obgleich das Ersteigen derselben leichter war als das Hinabgehen.

Der Arzt war nicht zu Hause. Der Chevalier ließ die Adresse der Sterbenden mit den nötigen Nachweisungen zurück, um den Arzt in den Stand zu sehen, die Dachkammer ohne Führer zu finden. Dann eilte er in die Vorstadt La Grappe zurück.

Er fand die Dachstube in demselben Zustande, in welchem er sie vorher verlassen hatte. Black war auf das Bett gestiegen und hatte sich auf die Füße seiner jungen Herrin ge» legt, um sie zu erwärmen.

Dieudonné, durch das Beispiel des treuen Tieres angeeifert, raffte alle Kohlen und andere Brennstoffe, die er finden konnte, zusammen und versuchte Feuer in dem kleinen Ofen zu machen.

Wir müssen gestehen, dass der arme Chevalier bei diesem Geschäft mehr guten Willen als Geschicklichkeit zeigte. Er selbst erkannte seine Unbeholfenheit, und nur das Beispiel Blacks vermochte ihn zur Nacheiferung anzufeuern.

Aber er erfüllte diese Pflicht nicht ohne Murren. Seiner Gewohnheit gemäß sagte er, mit sich selbst redend:

»Warum ist der verwünschte Hund auch fortgelaufen? Was fehlte ihm denn bei mir? Er wurde gut gefüttert und schlief auf einem weichen Wolfsfell. Fürwahr eine sonderbare Grille, sich nach dieser abscheulichen Dachkammer zu sehnen! – Ach! ich hatte wohl Recht,« setzte er seufzend hinzu, keinem lebenden Wesen meine Zuneigung zu schenken! – Du dummes Tier!« sagte er und sah Black mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit an; »wir könnten jetzt ganz ruhig und vergnügt in unserem kleinen Garten lustwandeln; Du könntest Dich auf dem Rasen wälzen, und ich könnte Rosenstöcke beschneiden. – Die verwünschten Kohlen wollen nicht brennen! Wenn ich nur Jemand im Hause gefunden hätte so würde ich dieses junge Mädchen pflegen lassen. Das Geld würde mir diese Plage erspart haben; ich würde herzlich gern bezahlt haben, was man verlangt hätte. Es wäre aufs Gleiche hinausgekommen.«

»Nein, Chevalier,« sagte eine Stimme; »es wäre nicht aufs Gleiche hinausgekommen. Sie werden es sehen, wenn wir das Glück haben, die Kranke zu retten.«

»Ah! sind Sie es, Herr Doktor?« sagte Dieudonné, der sich etwas erschrocken umsah und das ernste, wohlwollende Gesicht des Arztes erkannte. »Ich kann es Ihnen wohl gestehen: es wird mir übel, wenn ich Kranke sehe, ich fürchte die Krankheiten.«

»Ihr Verdienst und Selbstbewusstsein wird um so größer sein,« erwiderte der Arzt. »Überdies gewöhnt man sich an Alles; wenn Sie erst ein Dutzend solcher Patienten wie diese behandelt hätten, würden Sie keinen andern Stand wünschen. – Aber wo ist denn die Kranke?«

»Hier,«, sagte der Chevalier auf das Bett deutend.

Der Doktor trat ans Bett; Black richtete sich auf und fing an zu bellen, als er den unbekannten Mann näher treten sah.

»Still, Black!« sagte der Chevalier, indem er den Hund durch Liebkosungen zu beruhigen suchte.

Der Doktor nahm die Lampe und hielt sie vor das Gesicht der Kranken.

»Aha! ich dachte es wohl,« sagte er; »aber ich hielt den Fall nicht für so bedenklich.«

»Was ist es denn?« fragte der Chevalier.

»Die Cholera, die wirkliche asiatische Cholera.«

Der Chevalier eilte auf die Leiter zu. Aber ehe er die Luke erreichte, schwanden seine Kräfte und er fiel auf einen Schemel.

»Was fehlt Ihnen denn, Chevalier?« fragte der Arzt.

»Die Cholera!« stammelte Dieudonné, der kaum Atem schöpfen konnte. »Die Cholera ist ansteckend!«

»Einige halten sie für endemisch, Andere für ansteckend; wir sind darüber noch nicht ganz im Klaren.«

»Was meinen Sie denn?« fragte Dieudonné!

»Ich halte sie für ansteckend.« antwortete der Doktor; »doch für jetzt haben Wir uns damit nicht zu beschäftigen.«

»Wie! wir haben uns damit nicht zu beschäftigen? Ich versichere, dass ich an nichts Anderes denke.«

Der Chevalier war in der Tat leichenblass: dicke Schweißtropfen rannen von seiner Stirn, seine Zähne klapperten.

»Was sehe ich?« sagte der Doktor erstaunt. »Sie haben an Orten, wo das gelbe Fieber ausgebrochen war, so viel Mut bewiesen, und fürchten sich vor der Cholera!«

»Das gelbe Fieber!« stammelte Dieudonné. »Woher wissen Sie, dass ich dem gelben Fieber mutig trotz geboten?«

»Ich war ja selbst Augenzeuge,« erwiderte der Doktor.

»Wann?« fragte der Chevalier bestürzt.

»Als Sie Ihren Freund, den Kapitän Dumesnil zu Papeite pflegten«.

»Sie waren da?« unterbrach ihn der Chevalier sehr erstaunt.

»Ich sehe wohl,« erwiderte der Doktor, »Sie erkennen den jungen Schiffsarzt von der Corvette »Dauphin« nicht wieder. Ich war damals sechsundzwanzig Jahre alt, jetzt bin ich einundvierzig. In vierzehn bis fünfzehn Jahren verändert sich der Mensch sehr stark; auch Sie, Chevalier, haben an Umfang zugenommen.«

»Wirklich! Sie sind’s, Doktor?« sagte der Chevalier.

»Ja, ich bin’s. Ich habe den Seedienst verlassen und habe mich in Chartres niedergelassen. Zwei Berge kommen einander nicht nahe, aber zwei Menschen finden sich gar oft wieder zusammen. So begegnen wir uns an dem Bett einer andern Kranken, die nicht viel mehr Hoffnung gibt, als der arme Kapitän Dumesnil.«

»Aber die Cholera, Doktor – die Cholera!«

»Ist eine Cousine des gelben Fiebers, der schwarzen Pest, des Vomito negro. Fürchten Sie sich vor der Cholera so wenig wie Sie sich vor dem gelben Fieber gefürchtet haben; alle diese Seuchen gehören zur Familie der tollen Hunde, welche nur die Davonlaufenden beißen. – Fassen Sie Mut, Chevalier! Das rote Band in Ihrem Knopfloch beweist, dass Sie im Feuer gewesen sind. Denken Sie zurück an Ihre schone Jugendzeit, und rücken Sie der Cholera entgegen, wie Sie einst den feindlichen Batterien entgegen rückten!«

»Glauben Sie nicht,« stammelte der alte Soldat, »dass wir uns einer ganz unnützen Gefahr aussetzen? Haben wir noch einige Hoffnung, dieses arme Mädchen zu retten?«

Der Chevalier, dessen Eigenliebe gereizt war, begann in der Mehrzahl zu sprechen.

»Ich gestehe, dass ich wenig Hoffnung habe,« erwiderte der Doktor; »die Kranke ist schon in das Stadium der Erstarrung getreten; die Nägel sind blau, die Augen sinken ein, die Hände und Füße sind kalt. Ich wette, dass die Zunge schon erstarrt ist. Aber sie lebt, der Tod muss bekämpft werden. Sie wissen, dass ich gewohnt bin, mich gegen ihn zu wehren, so lange es noch geht. – Doch wir haben schon zu viel Zeit verloren, wir müssen Hand ans Werk legen.«

Der Chevalier war in seinem Schrecken über die Cholera anfangs kaum im Stande, dem Arzt behilflich zu sein. Zum Glück führte der Doktor während der Cholera-Epidemie beständig Äther und Veratrum bei sich, die beiden Mittel, die er vorzugsweise gegen die Seuche anwandte. Der arme Dieudonné ging in der Dachkammer auf und ab, als ob er den Verstand verloren hätte; nach und nach aber verminderte sich seine Furcht, als er sah, mit welcher Ruhe und Fassung der Arzt die Kranke berührte und ihre Atemzüge belauschte.

Seine Zuneigung zu dem Hunde hatte die Selbstsucht, mit der er sein Herz gepanzert, schon größtenteils gebrochen; seine Ehre, die auf dem Spiele stand, und zumal sein Mitleid für die Leiden der Kranken trugen am Ende vollends den Sieg davon.

Er trat ebenfalls an das Lager der Sterbenden und war dem Doktor behilflich, einige aus der Mauer gebrochene und eilends gewärmte Ziegelsteine um den kalten, starren Körper des Mädchens zu legen.

Black schien den Zweck dieser Vorkehrungen zu begreifen, denn er sprang vom Bett, um den beiden Männern freie Hand zu lassen, und leckte dem Chevalier die Hände.

Dieses Zeichen der Dankbarkeit rührte Dieudonné tief, seine Seelenwanderdungsgedanken kamen wieder, und er sagte mit Begeisterung:

»sei nur unbesorgt, armer Dumesnil, wir werden sie retten.«

Der Doktor war mit der Kranken zu eifrig beschäftigt, als dass er den sonderbaren Worten, welche der Chevalier an den schwarzen Hund richtete, große Aufmerksamkeit hätte widmen mögen; er verstand nur den allgemeinen Sinn.

»Ja wohl, Chevalier,« sagte er, »wir wollen das Beste hoffen – die Hände und Füße werden warm – aber wenn sie davonkommt, verdankt sie es Ihnen.«

´

»Wirklich?« sagte der Chevalier erfreut.

»Allerdings. Aber Sie müssen Ihr Werk nicht unvollendet lassen; entschuldigen Sie, Chevalier, dass ich Sie in die Apotheke schicke.«

»Verfügen Sie über mich.«

»Sie werden einsehen, dass meine Gegenwart hier nötig ist.«

Der Doktor schrieb einige Zeilen mit Bleistift in sein Taschenbuch, riss ein Blatt heraus und reichte es dem Chevalier.

»Eilen Sie in die Apotheke und holen Sie die in diesem Rezept benannte Arznei.«

»Ich will Alles tun, was Sie wollen, Doktor; wenn sie nur gerettet wird!« sagte der Chevalier entschlossen und eilte davon.

In zehn Minuten kam er mit der Arznei zurück. Die heitere Miene des Doktors vergalt ihm seine Mühe reichlich.

»Es geht also besser?« sagte der Chevalier und trat an das Bett, um die Kranke genau zu betrachten, deren Gesicht wirklich etwas von seiner Leichenfarbe verloren hatte.

»Ja, Chevalier, es geht besser,« antwortete der Doktor, »und mit Gottes Hilfe hoffe ich, dass der Patient in drei Monaten eines pausbäckigen Knäbleins genesen wird, das Ihnen so ähnlich sein wird wie ein Wassertropfen dem andern.«

»Mir! mir! ein Kind, das mir ähnlich?«

»O! Sie sind ein Tausendsassa, Chevalier. Die schöne Mahauni hat in Papeite aus der Schule geschwatzt.«

»Ich schwöre Ihnen, Doktor —«

»Machen Sie bei mir nicht den Geheimniskrämer, Chevalier. Früher oder später müssen Sie mir es ja ohnehin sagen. Es ist ja mein Beruf, dem Menschen den Eintritt ins Leben zu erleichtern, so wie ich ihm beim Austritt aus demselben zu Hilfe komme.«

»Aber wie können Sie denken —«

»Dieser Ring lässt keinen Zweifel zu,« sagte der Doktor, indem er von dem Finger der Kranken einen Verlobungsring zog und dem Chevalier überreichte. »Die Neugier trieb mich, ihn während Ihrer Abwesenheit zu untersuchen. Leugnen Sie daher nicht länger, lieber Herr; Ihr Geheimnis ist in guten Händen: ein Arzt muss verschwiegener sein als ein Beichtvater.«

Der Chevalier glaubte zu träumen. Er nahm den Ring, schob den Nagel seines Daumens in eine Fuge; der Ring tat sich auf und Dieudonné las:

»Dieudonné de la Graverie – Mathilde von Florsheim.«

Er war so heftig erschüttert, dass er schluchzend auf die Knie fiel und betete.

VIII
Der Chevalier als Krankenwärter

Der Doktor glaubte, die Freude über die Nachricht, dass die Kranke noch zu retten sei, habe einen so erschütternden Eindruck auf den Chevalier gemacht. Er ließ ihn ruhig sein Gebet beenden.

Dann glaubte er diese heftige Aufregung zum Vorteil des armen Mädchens benützen zu müssen.

»Was sollen wir jetzt mit dem armen Kind anfangen?« fragte er. »In dieser abscheulichen Dachkammer kann sie unmöglich bleiben. Soll ich sie ins Hospital tragen lassen?«

»Ins Hospital?« erwiderte der Chevalier unwillig.

»Sie wird es dort unvergleichlich besser haben als hier. Ich bin weit entfernt, Ihnen den Text lesen zu wollen, Chevalier; aber ich muss es befremdend finden, dass Sie eine Person, der Sie diesen Ring an den Finger gesteckt, in einer so elenden Dachkammer gelassen haben, zumal in einer Zeit, wo in diesem Stadtteile die Cholera so furchtbar wütet.«

»Ich will sie in mein Haus bringen lassen,« erwiderte Dieudonné«.

»Das läßt sich hören. Diese edle Regung kommt freilich ein bisschen spät, aber das Sprichwort sagt: Besser spät als gar nicht. Die bösen Zungen der Stadt werden freilich sehr geschäftig sein, aber ich habe eine bessere Meinung von Ihnen, Chevalier, und es ist mir lieber, dass Sie den Anstand verletzen, als der Humanität zuwiderhandeln.«

Der Chevalier antwortete nicht; sein Gemüt war von tausend widerstrebenden Gefühlen erfüllt. Er dachte an Mathilde, deren Tochter dieses unglückliche Mädchen sein musste. Er versetzte sich im Geiste um fünfundzwanzig Jahre zurück, er vergegenwärtigte sich die glückliche Zeit der harmlosen Spiele und der aufkeimenden Liebe. Seit achtzehn Jahren war es vielleicht das erste Mal, dass er einen Rückblick auf die Vergangenheit wagte, und er dachte mit Beschämung, dass er die kleinlichen Triumphe befriedigter Selbstsucht hatte vergleichen können mit jenen wahren, reinen Freuden, die nach zwanzig Jahren noch die Kraft hatten, sein Gemüt zu erwärmen. Er fühlte bittere Reue, als er die arme Kranke betrachtete; das Gewissen sagte ihm, dass er, obschon die Mutter Unrecht getan, dennoch Pflichten gegen das Kind habe, und dass er diese Pflichten nicht erfüllte. Er dachte auch an die unheilvollen Folgen, die der Raub ihres Beschützers für die Unglückliche gehabt hatte; vielleicht hatte er sie durch die Entführung Blacks schutzlos dem Verrat preisgegeben. Er nahm sich vor, seine Fehler wieder gut zu machen, denn er erkannte in der ganzen Fügung die Hand Gottes.

Der Doktor glaubte, Dieudonné fürchte die Folgen, welche der Aufenthalt der Kranken in seinem Hause haben könne.

»Überlegen Sie sich die Sache,« sagte er, »vielleicht finden sich Leute, welche ihre Abneigung gegen diese verwünschte Krankheit überwinden und die arme Kleine gegen gute Bezahlung aufnehmen. Das wäre vielleicht noch besser.«

Noch einmal schwankte Dieudonné zwischen der Liebe zur Ruhe, der noch nicht ganz überwundenen Furcht vor Ansteckung und den edlen Regungen seines Herzens. Dieser innere Kampf, wir müssen es zu seiner Ehre gestehen, war nicht von langer Dauer.

, Der Chevalier schüttelte den Kopf und richtete sich auf.

»Sie soll in mein Haus,« sagte er mit der Energie, mit welcher schwache Menschen aufzutreten pflegen, wenn sie einmal einen Entschluss fassen.

Der Tag begann zu grauen, als die dem Hospital entlehnte Tragbahre, auf welche man die Kranke gelegt hatte, sich in Bewegung setzte. Der Chevalier und Black, der nun nicht mehr zu entwischen suchte, folgten den Trägern und erregten die Neugier der Bäuerinnen und Milchverkäufer, die schon in die Stadt kamen.

Der Chevalier de la Graverie fand seine Haustür verschlossen. Er war in Pantoffeln und ohne Hut fortgelaufen und hatte natürlich seinen Hauptschlüssel nicht mitgenommen, Er klopfte und zog die Türglocke, aber vergebens, Niemand antwortete.

Dieudonné erinnerte sich nun, dass er Marianne Abends vorher entlassen hatte, und er vermutete, dass die boshafte Person, um sich noch einmal an ihm zu rächen, den Befehl, auf der Stelle das Haus zu verlassen, buchstäblich vollzogen habe.

Zum Glück wohnte in der Nähe ein Schlosser. Dieser wurde geholt.

Aber das Öffnen des Türschlosses dauerte lange; alle Nachbarn wurden inzwischen wach. Die Bürgersleute erschienen mit ihren Frauen an den Fenstern, die Dienstboten kamen aus den Häusern, und einige zogen sogar die Vorhänge der Sänfte auf, um zu sehen, was darin lag. Als man die Kranke gesehen hatte, wurde die wichtige Frage aufgeworfen, wer das junge Mädchen sein könne, das der Chevalier in sein Haus tragen ließ, wo bisher keine Person weiblichen Geschlechts Zutritt gehabt hatte.

Wie es bei solchen Gelegenheiten zu geschehen pflegt, verbreiteten sich die widersprechen Gerüchte; nur darin stimmten alle überein, dass sie dem Rufe des Chevaliers keineswegs günstig waren.

Die ganze Stadt war voll von der Geschichte. Im Club, in den Kaffeehäusern war von nichts Anderem die Rede; die Kaffeeschwestern flüsterten mit einander und erklärten einstimmig, der Chevalier de la Graverie sei ein höchst gefährlicher Mensch, vor dem man sich hüten müsse.

Dieudonné dachte nicht an das Geschwätz der Leute, er lebte nur indem Gedanken, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach die Tochter seiner einst so heiß geliebten Mathilde wieder gefunden.

Wir sind der Meinung, dass es wenige Herzen gibt, in denen die Erinnerung an das Böse stärker ist als die Erinnerung an das Gute. Auf jeden Fall gehörte der Chevalier nicht zu Jenen; nach und nach verloren die Bilder der Vergangenheit ihre trübe Färbung; Mathilde erschien seinen Augen so wie sie in den schönen Tagen ihrer Jugend gewesen war, schön und arm, liebend und hingebend; er dachte nicht mehr an die Ereignisse, welche ihn von ihr getrennt hatten, er dachte nicht mehr an ihren Undank, an ihre Untreue. Er dachte an die Vergissmeinnicht, die er am Ufer des durch den Park fließenden Baches für seine kleine Freundin gepflückt hatte. und deren blaue Blümlein zu dem blonden Haar seines Liebchens so schön standen; er dachte, dass er später nie wieder solche Freuden genossen, selbst nicht bei der schönen Mahauni. Nie war durch die Freuden der Tafel, durch die Zerstreuungen, die ihm der Gartenbau gewährte, sein Gemüt so tief ergriffen worden wie durch diesen Rückblick in die Vergangenheit. Der Chevalier dachte ob man nicht am glücklichsten sei, wenn man bis in das späteste Alter solche Erinnerungen habe.

Es war noch keine Sehnsucht nach dem verlorenen Glück, aber es war doch schon ein Vergleich der Vergangenheit mit der Gegenwart.

Es musste indes für die Pflege der Kranken gesorgt werden und die notwendigen Vorkehrungen entrissen den Chevalier seinen Träumereien, denen er sich doch so gerne überlassen hätte.

Marianne hatte nicht nur den Hausschlüssel, sondern auch ihren Zimmerschlüssel mitgenommen, als ob das Haus ihr Eigentum gewesen wäre. Der Chevalier musste daher die Kranke in sein Zimmer und in sein Bett bringen lassen.

Er begann nun wieder an sich selbst zu denken; er wusste nicht wo er die nächste Nacht schlafen und zumal wo man ihn unterbringen sollte, falls er auch die Cholera bekäme.

Überdies musste er, da er ganz allein im Hause war, der Kranken die Arznei reichen und sein Frühstück bereiten: eine Beschäftigung, die ihm ganz besonders zuwider war.

Nach langem Suchen in der schrecklichen Verwirrung, in welcher Marianne absichtlich das Hauswesen und die Küchengeräte gelassen hatte, fand er endlich drei Eier, mit denen er die ersten Anforderungen seines Magens befriedigte. Das Frühstück war sehr frugal, aber er dachte doch nicht ohne Besorgnis an die Verdauung; denn seit zwanzig Jahren war er zum ersten Male genötigt, Eier ohne Tee zu essen, und Tee hielt er zur Beförderung der Verdauung für notwendig.

Seine Besorgnis, war um so größer, da die Eier zwölf Sekunden zu lange im siedenden Wasser geblieben und zu hart geworden waren.

Gegen Mittag kam Marianne, um ihren Lohn zu holen.

Der Chevalier bekam wieder einige Hoffnung: er dachte, die alte Haushälterin wünsche wieder in Gnaden aufgenommen zu werden, und er schickte sich an, ihre Bitte mit wohlwollendem Lächeln aufzunehmen. Er war entschlossen, in alle Forderungen der alten Xanthippe zu willigen und sogar ihren Lohn zu erhöhen, um nur der ihm so unangenehmen Sorgen für das Hauswesen überhoben zu sein.

Aber er machte die Rechnung ohne den Wirth, Marianne nahm mit kalter, höhnischer Miene ihr Geld in Empfang, und als der arme Chevalier, seine Würde vergessend, sie mit pathetischem Tone fragte, wie sie sich entschließen könne, ihn in dieser Verlegenheit zu verlassen,, antwortete sie mit Entrüstung, ein ehrbares Frauenzimmer könne in einem solchen Hause nicht bleiben, er möge sich nur von seiner Liebsten bedienen lassen.

Dann entfernte sie sich mit majestätischem Anstand.

Dieudonné war außer sich: er begriff wohl, dass alle bösen Zungen der Stadt wetteifern würden, ihn zu verspotten und zu verhöhnen; er sah voraus, dass man mit Fingern auf ihn zeigen würde; seine bisherige ungetrübte Ruhe erschien ihm wie ein spiegelglatter See, wie ein ewig heiterer Himmel, und er fing an zu denken, dass er vielleicht etwas leichtsinnig gehandelt habe, die Kranke in sein Haus bringen zu lassen.

Vergebens ging Black von dem Bett seiner vormaligen Herrin zu dem Lehnstuhl, in welchem sein neuer Herr saß: vergebens wedelte er freundlich mit dem Schweife, leckte dem Chevalier die Hand und legte den Kopf auf dessen Knie – nichts vermochte den Chevalier seinen trüben Betrachtungen zu entreißen.

Der menschliche Geist hat Ebbe und Flut wie der Ozean.

Diese Betrachtungen bezweckten nichts Geringeres, als die Kranke samt ihrem Hunde in eine Sanitätsanstalt bringen zu lassen.

Als dieser Plan einmal in seinem Gedanken Wurzel gefasst hatte, suchte Dieudonné Alles auf, um ihn zu beschönigen; er dachte: die vornehmsten Leute gehen in die Sanitätsanstalten; er selbst würde eine solche Anstalt benutzen, wenn er krank wäre; die Pflege sei wohl nicht so uneigennützig, aber besser als zu Hause; die Gewohnheit ersetze die persönliche Zuneigung.

So gewannen die selbstsüchtigen Regungen immer mehr die Oberhand. Seitdem der Chevalier den Hund besaß, hatte er keinen ganz ruhigen, sorgenfreien Tag gehabt. Seit sechs Monaten war die Behaglichkeit seines früheren Lebens verschwunden; welchen Gefahren hatte er sich nicht ausgesetzt, um Black wiederzubekommen? War es doch leicht möglich, ebenfalls von der Cholera befallen zu werden, zumal wenn er im Laufe des Tages weder Haushälterin noch Krankenwärterin fand. Dann musste er selbst bei der Kranken bleiben und eine ganze Nacht die schädlichen Ausdünstungen einatmen.

Die Flut stieg immer fort, die selbstsüchtigen Gedanken folgten einander, wie die unaufhaltsam eindringenden Wellen.

»Es ist ja keineswegs unmöglich,« dachte Dieudonné, »dass Therese durch Zufall in den Besitz des Ringes gekommen ist. Wie kann man daraus schließen, dass sie die Tochter Mathildens sei? Und wäre es auch erwiesen, ist es dann die Pflicht des beleidigten Gatten, sich in Lebensgefahr zu begeben, um die Frucht des Ehebruchs zu retten?

Dieser Gedanke, dass die Kranke nicht Mathildens Tochter sei, nahm so sehr überhand, dass de: Chevalier sich entschloss, Therese zu befragen; aber sie war so schwach, dass er keine Antwort von ihr erhalten konnte.

In diesem Augenblicke fiel sein Blick auf den Toilettentisch, auf welchem alle von Dumesnil hinterlassenen kleinen Geräte aufgestellt waren. Dann dachte er in Folge eines ganz natürlichen Ideenganges an die Schatulle, in welcher sich die Toilettengegenstände befunden hatten, und insbesondere an das geheimnisvolle Paket, welches der Chevalier an Mathilde übergeben, oder falls sie nicht mehr lebte, ins Feuer werfen sollte.

Er dachte, in diesem Packet befinde sich aller Wahrscheinlichkeit nach die Lösung des Rätsels, das ihm in diesem Augenblicke so viel Kopfbrechen machte. In seiner ärgerlichen Stimmung dachte er nicht an die Bitte seines verstorbenen Freundes, sondern beschloss das Paket zu öffnen und sich Aufklärung über Therese zu verschaffen, wenn anders in den Papieren die Rede von ihr sei.

Um sich jede zwecklose Aufregung zu ersparen, hatte der Chevalier den doppelten Boden der Schatulle nicht mehr geöffnet; er hatte sich alle Mühe gegeben, an das Paket und dessen unbekannten Inhalt nicht mehr zu denken. Aber die letzten ungewöhnlichen Ereignisse hatten seinen Gedanken eine ganz andere Richtung gegeben; er überwand seine bisherige Abneigung gegen heftige Gemütsbewegungen, denn er hoffte mit Zuversicht, in dem Paket einige zur Lösung des Rätsels dienende Nachtweisungen zu finden, Dumesnil hatte den Namen Mathildens freilich nie ausgesprochen, aber es war, wie der Chevalier meinte, mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass der Kapitän von ihrem Schicksal etwas wusste.

Der Chevalier, dessen Aufregung immer größer wurde, ging zu dem Schrank, wo er seit seiner Rückkehr von Papeite die Schatulle aufbewahrte, nahm sie heraus, stellte das Licht auf den Kamin, setzte sich vor das Feuer, legte die Schatulle auf seinen Schoß, öffnete das erste Fach, dann das zweite und nahm das Paket mit den großen schwarzen Siegeln heraus.

Zum ersten Male bemerkte der Chevalier, dass die Siegel schwarz waren.

Er drehte das Paket hin und her und betrachtete es unschlüssig. Endlich erbrach er die Siegel.

Einige Banknoten von tausend Francs fielen aus dem Umschlage. Ein unversiegelter Brief blieb in seinen Händen. Der Chevalier las:

»Wenn deine Frau bei deiner Rückkehr nach Frankreich noch lebt, so übergib ihr das angeschlossene Paket und die Banknoten; wenn sie aber tot ist, oder wenn Du keine Hoffnung hast zu erfahren, was aus ihr geworden ist, so erinnere Dich an dein Versprechen: wirf dieses Paket ins Feuer und verwende das Geld zu wohltätigen Zwecken. Dein treuer Freund Dumesnil.«

Der Chevalier drehte das Paket eine Weile zwischen den Fingern; er war begierig zu wissen, in welchem Verhältnis Mathilde zu seinem Freunde gestanden.

Er war einige Male im Begriff, das zweite Paket zu erbrechen, wie das erste; aber er gedachte der Mahnung Dumesnil’s, und um der Versuchung nicht nachzugeben, warf er das Paket ins Feuer.

Das Paket wurde schwarz, fiel auseinander und Dieudonné bemerkte unter vielen Briefen eine blonde Haarlocke, die offenbar von Mathilden herrühren musste.

Dieser Anblick ergriff den Chevalier so tief, dass er seinen Vorsatz vergaß, mit der Hand ins Feuer griff und die Haarlocke samt dem Papier, in welche sie gewickelt war, herausholte,

Er warf das Ganze auf die Erde und trat mit dem Fuß darauf, um das Feuer, welches die Locke und das Papier schon halb verzehrt hatte, auszulöschen. Dann sammelte er sorgfältig die versengten Überreste. Auf dem Papier bemerkte er einige Zeilen von der Hand Dumesnil’s; aber es war unmöglich die Schriftzüge zu lesen, denn das Papier zerfiel in Asche, sobald es angerührt wurde. Nur ein kleines, noch nicht völlig verbranntes Stück blieb übrig.

Auf diesem Zettel entzifferte er mit einiger Mühe folgende Worte:

»Ich habe Herrn Chatier beauftragt – Ihre Tochter in eine – unter gehöriger Aufsicht —«

Diese unzusammenhängenden, vom Feuer verschont gebliebenen Worte erinnerten den Chevalier an eine Äußerung des jungen Schiffsarztes, den er nun als Doktor Robert wiedergefunden hatte. Der junge Arzt hatte gehört, dass Dumesnil am Bord des »Dauphin« mit Herrn Chatier von einem Kind gesprochen.

Dumesnil wusste also etwas von dem Geschick Mathildens, und sogar in weiter Ferne war er in Verkehr mit ihr geblieben. Warum hatte der Kapitän nie ein Wort mit seinem Freunde darüber gesprochen? Welche Rolle hatte Dumesnil in jener Katastrophe gespielt, die das Leben Dieudonné’s so tief erschüttert?

Die Phantasie des armen Dieudonné erschöpfte sich in Vermutungen. Die Rolle, die sein verstorbener Freund bei der Trennung des Chevaliers von seiner Frau gespielt, hatte von Zeit zu Zeit einigen Verdacht in dem vertrauenden Gemüte des Letzteren geweckt. Die eben gemachte Entdeckung bestärkte ihn in diesem Verdacht, und der Chevalier begann zu zweifeln, ob Dumesnil in seiner Freundschaft immer so uneigennützig gewesen sei, wie in seinen letzten Lebensjahren.

Der Chevalier musste sich selbst gestehen, dass ein trauriger Argwohn an seinem Herzen nagte.

In diesem Augenblicke bemerkte er Black, der vor dem Bett saß, aber nicht die Kranke ansah, sondern den Chevalier mit großer Aufmerksamkeit zu betrachten schien. In dem Blicke des Hundes lag zugleich Trauer und Besorgnis; Dieudonné glaubte einen demütig bittenden Ausdruck in der ganzen Haltung des armen Tieres zu erkennen; kurz, Black schien den entscheidenden Wendepunkt in dem Leben seines neuen Herrn zu ahnen.

’Der Chevalier stand auf, bückte sich und schloss das schöne, kluge Tier in seine Arme.

»Ich verzeihe Dir, Freund,« sagte er. als ob er wirklich den armen Dumesnil vor Augen gehabt hätte: »ich verzeihe Dir; ich vergesse Alles, nur nicht diese überglücklichen Jahre, die ich deiner Freundschaft verdanke. sei nicht so traurig, Bruder, wir sind ja Alle schwache Geschöpfe, und durch die Versuchung leicht zu besiegen. Wenn Du mir nur sagen könntest, ob es – die Tochter Mathildens ist.«

Black richtete sich auf und begann die herabhängende Hand der Kranken zu lecken.

»So ist es also doch wahr,« sagte er mit einer an Wahnwitz grenzenden Aufregung. »Ich will mich dieser Unglücklichen annehmen, so wie Du Dich meiner angenommen hast: ich will sie glücklich machen! Sie hat ja die Fehltritte ihrer Mutter nicht verschuldet.«

In diesem Augenblick verlangte die Kranke mit kaum vernehmbarer Stimme zu trinken. Der Chevalier ergriff hastig das auf der Nachtlampe erwärmte Glas, und ohne über die Frage nachzudenken, ob die Cholera endemisch oder ansteckend sei, richtete er mit der einen Hand den Kopf der Kranken auf und hielt ihr mit der andern das Glas an den Mund.

»Trink, Therese,« sagte er, einen Kuß auf ihre Stirn drückend; »trink, mein liebes Kind!«

IX
Wo ein Sonnenstrahl durch die Wolken bricht

Der Chevalier de la Graverie wollte die Erfüllung des Versprechens, welches er den Mann seines Freundes gegeben, keinen Augenblick aufschieben.

Er nahm an Mariannens Stelle sogleich eine neue Haushälterin an, ohne sich vor der Hand um ihre Kochkunst zu kümmern; sie war ihm als eine treffliche Krankenwärterin empfohlen worden und das genügte ihm.

Ungeachtet dieser Empfehlung, welche die neue Haushälterin zu rechtfertigen strebte, fand der Chevalier ihren Eifer in der Pflege der jungen Patientin den Umständen keineswegs angemessen; er übernahm daher selbst diese schwere Sorge. Als Therese acht oder zehn Tage später aus ihrer langen Erstarrung erwachte, verließ der Chevalier zum ersten Male das Krankenbett, um einen Blick in seinen Garten zu werfen. Er bemerkte mit Erstaunen und Bedauern, dass er vergessen hatte, seine Rosenstöcke zu beschneiden, deren üppig wuchernde Zweige der Blüte schaden mussten.

In den ersten Tagen oder vielmehr Nächten hatte der Chevalier einige Mühe gehabt, sich an das beständige Wachen und die dadurch bedingte geistige Anstrengung zu gewöhnen, aber bald fand er sogar ganz unerwartete Genüsse in diesem ermüdenden Geschäft. Sein Herz, welches noch keine tiefen Eindrücke kannte, wurde durch das lange Ringen mit dem Tode, durch die lange, angstvolle Spannung, durch die unverhofften Freuden, die plötzlich wiederkehrenden Besorgnisse unwiderstehlich gefesselt; es war gleichsam ein Zweikampf mit einer weit stärkeren Triebfeder als in einem gewöhnlichen Zweikampfe: in diesem kämpft man, um zu töten; der Chevalier hingegen suchte dem Tode ein junges Leben abzuringen; es war für ihn nicht bloß ein Ehrenpunkt, sondern eine Gewissenssache. Wenn sich der Zustand der Kranken verschlimmerte, tobte der Chevalier gegen das Geschick, er fühlte hundertfache Kraft und Entschlossenheit und wunderte sich, dass er in seiner müßigen, verträumten Jugend nicht die Lebensrettungswissenschaft studiert hatte, um die teure Kranke retten zu können.

Wenn er zuweilen erschöpft eingeschlummert war, mit welcher Hast eilte er dann an das Lager, um auf den schweren, tiefen Atem der Kranken zu lauschen! Mit welcher Freude machte er die Entdeckung, dass der bisher matte, unregelmäßige Puls Theresens ruhiger und kräftiger geworden war, dass ihre Augen wieder einigen Glanz bekamen, dass ihre Lippen die violette Farbe verloren und sich mit einem zarten Roth bedeckten. Dann fragte er sich in allen Ernste, wie es Menschen geben könne, welche die erbärmliche Befriedigung der Selbstsucht den unaussprechlichen Freuden des Herzens vorziehen können.

Dabei vergaß er ganz, dass er dieser Selbstsucht, über die er jetzt den Stab brach, eine lange Reihe von Jahren gestöhnt hatte.

Während der langen Tage, die der Chevalier de la Graverie am Bett der Kranken zubrachte und nur durch die Sorge, die er ihr zu widmen hatte, von seinen Gedanken zuweilen abgelenkt wurde, sann er über seine und Theresens Verhältnisse nach. Seine Geistesträgheit und seine Furcht vor unangenehmen Gedanken war so groß, dass er sich seit fünfzehn Jahren nie die Mühe genommen hatte, daran zu denken. Er erinnerte sich wohl, dass er seinem Bruder eine Vollmacht übergeben halte, durch welche dieser ermächtigt wurde, die Scheidung des Chevaliers von seiner Frau zu erwirken; aber es war ihm nicht klar, wie sich Mathilde hatte entschließen können, ihr Kind zu verlassen.

Der Chevalier hatte sich bis dahin nicht entschließen können, seinen älteren Bruder wiederzusehen; er wusste ja. dass diesem ein großer Teil der Schuld an seinem häuslichen Unglück zur Last fiel. Seit seiner Rückkehr nach Frankreich hatte er nur selten etwas von ihm gehört und er trug Bedenken, ihn zu fragen, was nach seiner Abreise aus Mathilden geworden sei.

Therese genas nur sehr langsam, wie es nach den furchtbaren Verheerungen, welche die Cholera im menschlichen Körper bewirkt, nur zu oft der Fall ist. Sie war noch so schwach, dass der Arzt dem Chevalier täglich dringend empfahl, ihr durchaus keine Gemütsbewegung zu machen,

Dieudonné war indes sehr ungeduldig, etwas von Therese zu erfahren. Oft hatte er eine Frage auf der Zunge, aber die Besorgnis um ihre Gesundheit legte ihm immer wieder Stillschweigen auf.

Eines Tages endlich hatte man die Kranke in den großen Armsessel gesetzt; sie saß, die würzigen Düfte des Gartens einatmend, am offenen Fenster, und der laue Westwind bewegte ihre unter dem Häubchen hervorquellenden blonden Locken.

Von Zeit zu Zeit sah sie sich nach dem Chevalier um, der hinter ihr stand und sie zärtlich betrachtete. Sie fasste seine Hand und küsste sie mit einem fast kindischen Ausdruck der Dankbarkeit; dann versank sie wieder in tiefe Gedanken und ihr Blick glitt über den von tausend Blumen prangenden Garten.

Der Chevalier neigte sich zu ihr.

«Woran denkst Du, Therese?« fragte er.

»Sie werden meine Antwort sehr albern finden, Herr Chevalier,« erwiderte sie; »ich denke an gar nichts und doch finde ich diese Träumerei so schön. Fragen Sie mich, was ich ansehe, so antworte ich Ihnen dasselbe: ich sehe nichts an, und gleichwohl fühle ich mich unaussprechlich wohl; es ist mir, als würde ich in eine andere Sphäre gehoben, wo Alles schön und herrlich ist.«

»Liebe Kleine!« flüsterte der Chevalier und wischte sich eine aus dem Auge quellende Träne ab.

»Ach, warum wecken Sie mich aus meinem schönen Traum?« fuhr Therese, welche diese Träne nicht bemerkte, mit tiefer Wehmut fort, »alles Glück hienieden ist ja nur ein Traum – aber dieser Traum war so süß und das Erwachen ist so traurig!«

»Hast Du Dich über etwas zu beklagen, liebes Kind? Findest Du die Pflege, die man Dir widmet nicht genügend? Sprich; Du wirst indes bemerkt haben, dass dein Glück mein höchster, mein einziger Wunsch ist.«

»Sie sind mir also gut?« fragte Therese mit reizender Natürlichkeit.

„Wenn ich Dir nicht von Herzen gut wäre, Therese, würde ich dann wohl für Dich sein, was ich bin, oder vielmehr, was ich für Dich sein möchte?«

»Aber warum sind Sie mir denn gut?«

Der Chevalier zögerte einen Augenblick, ehe er antwortete:

»Weil Du mich an meine Tochter erinnerst.«

»An Ihre Tochter?« erwiderte Therese; »Sie haben sie also verloren? O, dann bedauere ich Sie; denn ich fühle, dass mich nichts mehr an diese Welt fesseln würde, wenn ich das Kind, das ich unter dem Herzen trage, verlieren müsste. Der einzige Trost in meinem Unglücke ist der Gedanke an die Liebe und Zärtlichkeit, die ich von dem kleinen Wesen in Zukunft erwarten darf,«

Es war das erste Mal, dass Therese von ihrem Zustande sprach, und sie that es mit einer Unbefangenheit, die keineswegs Schamlosigkeit war, dem Chevalier aber doch auffiel. Er hielt es für angemessen, dem Gespräche eine andere Wendung zu geben, und er glaubte diese Gelegenheit benützen zu können, um Therese über ihre Vergangenheit zu befragen.

»Du bist also unglücklich gewesen, armes, liebes Kind?« fragte er.

»O ja, so unglücklich, dass ich mich oft fragte, ob die Armen denselben Gott haben, wie die Reichen. Ich bin noch sehr jung, denn ich bin noch nicht neunzehn Jahre alt; aber ich glaube, dass ich alles Elend schon erduldet habe, mit welchem ein Mensch heimgesucht werden kann.« »Aber deine Familie?« „Meine Familie – wenigstens die mir bekannte – bestand aus einer armen alten Frau, die nur mit mir dulden konnte —«

»War’s deine Mutter?» fragte der Chevalier tief bewegt.

»Sie nannte mich ihre Tochter; aber jetzt, da mein Verstand reifer ist, glaube ich nicht, dass sie meine Mutter sein konnte’ sie war zu alt. Und wenn ich die Augen schließe und recht nachdenke, so sehe ich, wie im Traum, meine früheste Kindheit, die der zweiten Kindheit gar nicht ähnlich war.«

»Und was sagen Dir deine Erinnerungen über jene Kindheit?« fragte der Chevalier lebhaft. »Sprich, Therese, Du glaubst nicht, Du kannst nicht glauben, mit welcher Spannung ich deinen Mitteilungen entgegensehe; denn ich hoffe, dass Du Vertrauen genug zu mir hast, um mir Alles zu sagen, was Du weißt.«

»Ich will Ihnen von Herzen gern Alles sagen, Herr Chevalier; aber ich habe nur dunkle Erinnerungen. Ich weiß nur, dass ich nicht immer dürftig gekleidet war, wie in späteren Jahren; ich erinnere mich insbesondere, dass ich jedes Mal weinte wenn ich mit meiner Adoptivmutter an den Tuilerien vorüberging; ich wollte, wie in meiner frühesten Kindheit, gern unter den Kastanienbäumen mit dem Reif und Seil spielen.«

»Und aus deiner frühesten Kindheit ist Dir kein Gesicht mehr erinnerlich?«

»Nein, ich weiß nicht wann und wie ich aus dem Wohlstande oder Reichtum in die elende Dachstube kam, welche die Mutter Dennée bewohnte. Ich bin dort wohl zehn Jahre recht unglücklich gewesen, obschon die arme Frau mich so lieb hatte, wie man von so armen Leuten erwarten kann. Denn man mag sagen, was man will, die Not stumpft das Gefühl ab und verhärtet das Herz, Wenn man kein Brot hat, wenn der Hunger an die Tür klopft, wenn man keine Hilfe findet, keine Hoffnung mehr hat – dann ist es sehr schwer, gut und freundlich gegen Andere zu sein. Wenn daher die Arbeit fehlte, wenn wir gezwungen waren, in den Gasthäusern an der Barriere Vaugirard zu betteln, und ich mit leeren Händen nach Hause kam, so zankte sie mich aus und schlug mich wohl gar; aber ihr Zorn hörte auf, sobald sie meine Tränen sah, sie bat mich um Verzeihung und küsste mich. Dann vergaßen wir für eine kleine Weile unser Elend.«

»Warum hast Du denn deine Adoptivmutter verlassen, liebes Kind?«

»Ach! ich habe sie nicht verlassen, Gott hat sie in eine bessere Welt abberufen. Ich war fünfzehn Jahre alt, aber in den letzten Tagen ihrer Krankheit hatte sie mich so ernstlich zu Mut und Ergebung ermahnt, dass ich, nachdem ich ihr die letzte Ehre erwiesen, mutig und entschlossen in meine Verlassenheit zurückkehrte. Ungeachtet meiner Jugend ahnte ich die Gefahren, die mich erwarteten, und da ich denselben nicht trotz bieten wollte, so beschloss ich sie zu fliehen; ich suchte Schutz in einem Kloster; die Nonnen gaben mich in die Lehre. Leider wurde ich in kurzer Zeit eine sehr geschickte Arbeiterin —«

»Warum denn leider?«

Therese drückte die Hände aufs Gesicht.

»Sprich, liebes arme Kleine,« sagte der Chevalier.

»Ja, ich muss reden,« antwortete sie; »Sie sind so gütig und werden einer armen Verlassenen verzeihen. Sie sagen, dass Sie sich meiner annehmen wollen, Sie müssen daher die Wahrheit erfahren, um Ihre Adoptivtochter kennen zu lernen. Ich glaube auch, dass ich freier, unbefangener mit Ihnen reden kann, wenn Sie Alles wissen, was meinen Fehltritt vielleicht entschuldigen kann.«

»Sprich, mein Kind, und zähle auf meine Nachsicht; ich will Dir Alles ersparen, was Dir dieses Geständnis; peinlich machen kann.«

»O, Sie sollen Alles wissen,« erwiderte Therese und reichte dem Chevalier die Hand. »Mit siebzehn Jahren war ich die geschickteste Arbeiterin im Atelier geworden, und kam zu einer der ersten Weißwarenhändlerinnen in der Straße Saint’ Honoré. – Eines Tages kam ein junger Mann in Begleitung seines Vaters zu Madame Dubois – so hieß meine Prinzipalin – um verschiedene Brautgeschenke zu kaufen. Wie der Vater aussah, konnte ich nicht sagen, ich sah nur den jungen Mann. Auf den ersten Anblick hatte er nichts Auffallendes, und ich weiß in der Tat nicht, warum ich meine Augen nicht von ihm abzuwenden vermochte. Ich glaubte auch zu bemerken, dass er mich ebenfalls mit großer Aufmerksamkeit ansah. Kurz ich fühlte eine noch nie gekannte Befangenheit und hatte eine schlaflose Nacht.

»Am andern Morgen kam er wieder, unter dem Vorwand, noch etwas zu bestellen; es schien mir, dass er mich noch mehr ansah, als das erste Mal, Meine Befangenheit wurde noch größer; ich getraute mich kaum die Augen aufzuschlagen. Den folgenden Tag kam er wieder, und noch einmal wiederholte er seinen Besuch. Er war so sanft, so gut, so freundlich, dass das unklare Gefühl, welches sein erstes Erscheinen in mir geweckt, einen entschiedeneren Charakter annahm: ich sah ein, dass ich ihn liebte, und ich fühlte mich so unwiderstehlich zu ihm hingezogen dass ich an seine nahe bevorstehende Vermählung gar nicht dachte; vielleicht hatte er seiner Zukünftigen nicht nur seine Hand zugesagt, sondern auch sein Herz geschenkt. Und gleichwohl trieb mich die Neugier die glückliche Braut kennen zu lernen. Wenn die Prinzipalin abwesend war, hatte ich die Leitung des Geschäftes. Eines Tages, als sie nicht zu Hause war, legte ich einige Kleinigkeiten in meine Pappschachtel und begab mich in das Hotel, wo die Braut des von mir so leidenschaftlich geliebten Mannes wohnte.

»Ich fragte nach dem Fräulein Elise de Clermont. Man ließ mich lange warten. So oft als die Türglocke ertönte, bekam ich einen Stich durchs Herz; ich glaubte immer, er sei es.

»Endlich wurde ich vorgelassen. Die Braut mochte etwa vierundzwanzig Jahre alt sein, sie war groß, brünett mager, ihr Gesicht hatte einen boshaften Ausdruck, ihr ganzes Wesen war herrisch. Mein Herz pochte vor Freude: Henri konnte ein solches Weib unmöglich lieben.

»Nachdem ich, um meinen Besuch zu rechtfertigen, zum Schein das Maß zu einigen Gegenständen genommen, entfernte ich mich.

»Auf der Treppe begegnete mir Henri. Wir beide waren sehr betroffen. – »Sie hier, Mademoiselle?« sagte er. – »O verzeihen Sie mir, « erwiderte ich, »ich konnte nicht anders, ich wollte Sie sehen, kennen lernen!« —Ich sank in seine Arme; er drückte mich an sein Herz, seine Lippen fanden die meinigen und ich wähnte in meiner Verblendung, diese mit einem Kuß besiegelte Umarmung habe uns mit unauflöslichen Banden aneinander gefesselt.

»Am folgenden Tage lustwandelten wir mit einander im Boulogner-Wäldchen; er beteuerte mir seine Liebe, ich versicherte ihn meiner Gegenliebe. Zwei Wochen wiederholten sich diese Spaziergänge jeden Abend. Es war die glücklichste Zeit meines Lebens. In meiner Verlassenheit hatte ich Niemand, der mir sagte, ob ich Recht oder Unrecht tat; ich öffnete der Gegenwart mein Herz und schloss der Zukunft meine Augen. Ich fragte ihn nicht, was er zu tun willens sei, ich lebte unbekümmert in den Tag hinein, zufrieden mit dem Glück ihn zu sehen, seinen Worten mit Entzücken lauschend, ohne einen Augenblick zu denken, dass dieses Glück ein Ende nehmen könne.

»Eines Tages kam er nicht. Ich ging in der peinlichsten Unruhe nach Hause. Ich fand einen Brief von Henri – es war ein Scheidebrief.

»Er schrieb mir, er sei entschlossen gewesen, mit seiner Braut zu brechen, aber er habe nicht den Mut dazu gehabt! der Gedanke, ein Mädchen durch das Ärgernis dieses Bruches dem allgemeinen Gespött preiszugeben, habe über seine Liebe den Sieg davongetragen; er könne sich nicht entschließen wortbrüchig zu werden, aber der Gedanke, dass ich für ihn verloren, werde ihn sein Leben lang unglücklich machen; er bitte mich anständigst, ihn zu vergessen, er werde sonst noch unglücklicher durch das Bewusstsein, mich betrübt zu haben.

»Es war ein furchtbarer Schlag für mich! Ich war fast vernichtet. – Ich fragte, wer den Brief gebracht; man sagte mir, ein junger Mann in Uniform, welcher der Beschreibung nach eine so große Ähnlichkeit mit Henri hatte, dass man anfangs geglaubt, er sei es.

»Das Erscheinen des jungen Offiziers gab der ganzen Sache einen seltsam geheimnisvollen Anstrich; aber an der Wirklichkeit meines Unglückes war nicht zu zweifeln; ich hielt ja den Brief in der Hand, ich hatte ihn zu wiederholten malen gelesen – es war wirklich seine Schrift.

»Dieser Brief entschied mein Schicksal, gleichviel wer ihn gebracht hatte.«

X
Verzweiflung und Rettung

»Seitdem ich diesen Unglücksbrief gelesen, war die Welt leer für mich; es schien mir, als ob ich, der Erde entrückt, auf einem großen Friedhof umherirrte. Jedes der mich umgebenden Gräber erinnerte mich an ihn; ich verweilte bei allen und weinte. Es war wie ein düsterer, schwerer Traum.

»Als ich wieder zu mir selbst kam, war es Tag geworden. Das Tageslicht that mir weh,^ und ich wunderte mich, dass die Sonne noch die Erde beleuchten konnte, da Henri mich nicht mehr liebte; dass die Menschen noch leben und singen und sich mit so gleichgültigen Dingen beschäftigen konnten, da mein Herz so trostlos war.

»Ich entschloss mich dieses geräuschvolle Pariser Treiben zu fliehen. Ich verließ fast wahnsinnig das Haus, ohne zu wissen wohin ich mich wenden sollte. Ich ging gedankenlos fort, ohne die Leute, die mich anstießen, zu bemerken; ich nahm den Weg zum Boulogner-Wäldchen, wohin er mich seit vierzehn Tagen jeden Abend geführt hatte.

»Ich irrte lange umher; ich blieb an allen Orten stehen, wo ich mit ihm stillgestanden. Es schien mir, als ob der im Laube rauschende Wind seine zärtlichen Liebesworte wiederholte. Auf einmal glaubte ich seine Stimme zu hören; ich stand still; ich glaubte seine Fußstapfen im Sande zu erkennen; ich sah jeden in einiger Entfernung kommenden Mann für ihn an.

»So ging ich fast den ganzen Tag umher. Ich hatte noch keine Nahrung zu mir genommen, aber ich dachte nicht ans Essen, meine fieberhafte Aufregung erhielt meine Kraft.

»Nach und nach bekam die Verzweiflung die Oberhand über diese eitle Hoffnung, die sich auf eine Sinnestäuschung, auf eine Art Luftspiegelung stützte; ich dachte weniger an ihn und mehr an mich; ich maß meine Verlassenheit wie ein in der Wüste irrender Wanderer den weiten Horizont mit den Blicken misst; ich hielt es nicht für möglich, dass etwas in der Welt mich noch dem Abgrund entreißen, mich trösten mich zum Leben, zum Glück wieder zurückführen könne. Ermattet und trostlos sank ich unter einem Baum auf den Rasen nieder und wurde ohnmächtig.

»Als ich wieder zur Besinnung kam, war ich nicht mehr allein; ein schöner schwarzer Hund stand neben mir und sah mich zärtlich an. Ich hörte einige male in der Ferne den Namen Black rufen, aber der Hund schüttelte den Kopf, als ob er sagen wollte: Ihr möget immerhin rufen, ich komme nicht.

»Ich hatte nicht die Kraft, ihn fortzujagen oder zurückzuhalten. Ich starrte ihn an, denn ich hatte noch nicht völlig meine Besinnung wieder, dann fürchtete ich mich und machte einen Versuch, ihn mit der Hand abzuwehren; aber er leckte so zutraulich die Hand, dass ich ihm unmöglich etwas Arges zutrauen konnte.

»Ich stand auf, er folgte mir. – Nach und nach vermochte ich an die Vergangenheit zurückzudenken.

»Henri! Henri! Ich wiederholte diesen Namen, und jedes mal trat mir mein Unglück deutlicher und greller vor die Seele. Ich fragte mich, ob ich als elternlose Waise, als verlassene Geliebte noch leben können für mich war ja die Liebe der Inbegriff des Lebens.

»Mein Herz antwortete verneinend. Ich begann mich nun nach der andern Welt zu sehnen, deren Geist und Wesen die Liebe ist, und in welcher ich gewiss einst mit ihm vereinigt werden musste. Dort oben wollte ich ihn erwarten.

»Ich war unweit Neuilly; in der Dämmerung bemerkte ich die dunkeln Umrisse der hohen Pappeln, die am Ufer der Seine stehen. Der Fluss, das.ist der Tod, war nur wenige Schritte entfernt. – Gott hatte mich also erhört.

»Ich ging entschlossen auf das Ufer zu, als ob ich den Vorsatz schon längst gehabt hätte. Der Hund folgte mir aber ich beachtete ihn gar nicht. Ich war gleichgültig, teilnahmslos gegen alle mich umgebenden Gegenstände, ich weiß nicht einmal, ob sie meinen Augen in ihrer wahren Gestalt erschienen.

»Plötzlich stand ich still; der Fluss war vor mir, die dunkle Flut rauschte schnell vorbei. Ich war fest entschlossen meinem Leben ein Ende zu machen, und ich würde mich augenblicklich ins Wasser gestürzt haben, wenn mir nicht plötzlich eingefallen wäre, dass ich vor Gott erscheinen müsse.

»Ich fiel am Ufer auf die Knie, und erhob meinen Geist im Gebet. Beruhigt stand ich auf, als ob mich der Finger Gottes berührt hätte; dann trat ich einen Schritt vor, schloss die Augen und stürzte mich in den Fluss.

»Ich fühlte mich sogleich wie von einem nassen Leichentuch eingehüllt. Aber mitten in dem Toben und Brausen des Wassers glaubte ich über meinem Kopfe den Fall eines zweiten Körpers zu hören. Gleich darauf fühlte ich mich heftig am Kleide gezogen. Ich fürchtete den Tod, obschon mein Entschluss gefasst war; ich hatte einmal im Wasser die Augen aufgeschlagen, die dunkle Tiefe machte mir Angst. Ich glaubte, es sei die kalte Hand des Todes, die mich in den Abgrund ziehe; ich tat den Mund auf, um zu schreien, aber der Mund füllte sich mit Wasser, ich sah mich von bläulichen Funken umgeben, und verlor das Bewusstsein.

»Wie lange ich ohnmächtig war, weiß ich nicht. Als ich aus meiner Betäubung erwachte, hörte ich menschliche Stimmen um mich her; ich hielt mich für tot und wähnte, ich sei in der ersehnten Welt.

»Ich war so matt, dass ich kaum ein Glied regen konnte; mit großer Anstrengung schlug ich endlich die Augen auf. – Ich befand mich in der unteren Stube eines Wirtshauses am Wasser. Ich lag auf einer Matratze, die auf einem Tische ausgebreitet lag. Ich glaubte noch zu träumen; aber vor dem Kaminfeuer bemerkte ich den großen schwarzen Hund, der ausgestreckt am Boden lag, und sein langes nasses Haar leckte.

»Es wurde mir nun klar, dass man mich gerettet hatte. Als nach und nach mein Gedächtnis zurückkehrte, flüsterte ich den Namen »Black.« Ob der Hund mich hörte oder erriet, genug, er stand auf, und kam zu mir. Ich fühlte seine warme Zunge auf meiner erstarrten Hand. Dies war mein erstes Gefühl eines äußern Eindrucks.

»Ich machte eine Bewegung und seufzte. Alle Anwesenden umringten mich. Man gab mir einige Tropfen Glühwein zu trinken, und legte mir Polster in den Rücken, um mich aufzurichten.

»Aus dem lebhaften Gespräch, das sich nun entspann, erfuhr ich was geschehen war. Durch das Geheul des Hundes, sowie durch das Geräusch von zwei in’s Wasser fallenden Körpern aufmerksam gemacht, waren die Bewohner dieses Hauses an den Fluss geeilt. Dort hatten sie den schwarzen Hund bemerkt, der mich auf die Oberfläche des Wassers gezogen hatte, aber nicht stark genug war, um mich ans Ufer zu ziehen, und von der Strömung fortgerissen wurde. Da ich nur einige Schritte vom Ufer war, so war ein Steinhauer in’s Wasser gesprungen, und halte mich an’s Ufer gebracht. – Das Übrige erklärte sich von selbst.

»In diesem Augenblicke erschien ein Beamter, ich weiß nicht ob Polizeicommissär oder Friedensrichter. Er sprach in väterlich ermahnendem Tone zu mir, und nahm mir das Versprechen ab, keinen Selbstmordversuch mehr zu machen,

»Man wärmte mir ein Bett, legte mich hinein, und ließ mir alle meinem Zustande angemessene Pflege angedeihen. Erst am folgenden Tage verließ ich das Haus der braven Leute. Ich bot ihnen das wenige Geld, das ich hatte, nicht um den geleisteten menschenfreundlichen Dienst zu bezahlen, sondern um die verursachten Kosten zu ersetzen. Aber der Wirt wies es entschieden zurück. Ich drückte ihm die Hand, und küsste seine Frau.

»Dann stieg ich in einen Fiaker, den man von Neuilly geholt hatte, und so fuhr ich mit meinem Retter Black nach Paris zurück.

»Aber durch meine häufige Abwesenheit hatte ich das Missfallen der Madame Dubois erregt; sie zeigte mir an, dass sie meine Stelle bereits besetzt habe. Ich entschloss mich daher Paris zu verlassen; Paris war mir verhasst geworden.

»Ich war im Haust der Madame Dubois mit Demoiselle Francotte in Chartres bekannt geworden; sie hatte mich oft ersucht, an sie zu denken, wenn ich in die Provinz gehen wollte. Ich begab mich also mit Black nach Chartres, und erhielt sogleich einen Platz in ihrem Magazin.«

»Aber hast Du denn nichts wieder von Henri gehört?« fragte der Chevalier. »Er hat Dich verlassen, der Elende!«

»Sie irren sich, Herr Chevalier. Henri liebte mich zu zärtlich und uneigennützig, als dass er mich nicht geachtet hätte; ich habe ihm nichts vorzuwerfen, denn er verlangte nie mehr von mir, als harmlose Zärtlichkeit.«

»Aber wie konntest Du ihn denn so schnell vergessen?« fragte der Chevalier erstaunt,

»Eben meine Liebe zu ihm war mein Verderben,« erwiderte Therese seufzend; »Sie kennen erst die Hafte meines Unglücks,«

»Erzähle doch, liebes Kind, wenn Du Dich stark genug fühlst, mir diese traurigen Mitteilungen zu machen.«

»Einige Tage nach meiner Ankunft zu Chartres,« fuhr Therese fort, »als ich mit einer Schachtel voll Stickereien ausging, begegneten mir zwei Offiziere, die Arm in Arm gingen und mir zum Scherz in den Weg traten. Ich blickte auf. – »Henri!« rief ich, als ich den einen der beiden Offiziere erblickte. – »Henri!« – ich musste mich an die Wand lehnen, um nicht zu Boden zu fallen.

»Die beiden Offiziere entschuldigten sich, mir einen solchen Schrecken eingejagt zu haben; sie hätten nicht gedacht, versicherte der Eine, den ich immerfort anstarrte, dass ein Harmloser Scherz solche Folgen haben könne.

»Ich konnte meine Blicke nicht von der Erscheinung abwenden. »Henri! Henri!« stammelte ich.

»Mademoiselle,« sagte er endlich lächelnd, »es tut mir unendlich leid, dass ich nicht Henri heiße, da dieser Name so süße Erinnerungen in Ihnen weckt; mein Bruder heißt Henri, ich heiße Gratien, und es würde mich sehr freuen, wenn mein Name ebenfalls in Ihrem Gedächtnis bliebe.«

»Wenn Sie nicht Henri sind,« erwiderte ich, »so bitte ich Sie, mich fortzulassen.«

»Black knurrte und wies den beiden Offizieren die Zähne.

»Mademoiselle,« erwiderte Gratien, »wir haben durchaus nicht die Absicht gehabt, Sie aufzuhalten.«

»Wir sahen ein vor sich nieder blickendes junges Mädchen auf uns zukommen,« setzte der Andere hinzu; »wir dachten: ein so hübsches Mädchen muss sehr schöne Augen haben! Wir traten Ihnen in den Weg, um Sie zum Ausschauen zu zwingen; Sie haben die Augen aufgeschlagen, unsere Erwartungen sind weit übertroffen, Mademoiselle, denn Ihre Augen sind noch schöner als wir vermuteten.«

»Bei diesen Worten drehte sich der junge Offizier den Schnurrbart mit so leichtfertiger Gebärde, dass er mir Angst machte.

»Einige Vorübergehende waren inzwischen stehen geblieben.

»Was tun Sie denn diesem jungen Mädchen?« fragte ein alter schnurrbärtiger Herr.

»Nichts, durchaus nichts,« antwortete Gratiens Freund lachend; »wir haben nur einige Schmeicheleien gesagt.«

»Zu meiner Zeit, meine Herren, und als ich die Ehre hatte die Uniform zu tragen, sagten wir den jungen Mädchen nur solche Schmeicheleien, die sie anhören konnten, ohne zu erschrecken.– Geben Sie mir Ihren Arm, mein Kind,« sagte er sich zu mir wendend.

»Ich war so verlegen, dass ich seinen Arm nahm, und mich so schnell wie es meine zitternden Füße erlaubten, von den beiden Offizieren entfernte.

»Als wir etwa fünfzig Schritte gegangen waren, fragte mich der alte Herr: »Glauben Sie, Mademoiselle, dass Sie meines Schutzes noch bedürfen?«

»Nein, antwortete ich, und ich danke Ihnen verbindlichst. – Und als ob er wusste, was in mir vorging, setzte ich hinzu: »Mein Schrecken kommt von seiner großen Ähnlichkeit mit Henri.«

»Ich dankte ihm noch einmal und entfernte mich.

»Der alte Herr schaute mir erstaunt nach; er musste mich wirklich für närrisch halten.«

XI
Die Überraschung

»Als ich wieder ins Magazin kam, schützte ich heftige Kopfschmerzen vor und bat um Erlaubnis, mich in das Ladenzimmer zurückzuziehen. Ich fühlte das Bedürfnis;, eine Zeit lang allein zu sein und meine Gedanken zu sammeln.

»Ich war so blass, dass man an meinem Unwohlsein keinen Augenblick zweifelte. Demoiselle Francotte selbst wollte mich pflegen, aber ich bat sie nur um ein Glas Wasser.

»Sie ließ mich auf mein Ersuchen allein. Ich konnte mich nun ungestört meinen Gedanken überlassen. Ich erinnerte mich des Briefes, den ein junger Offizier im Magazin der Madame Dubois abgegeben halte; man hatte ihn für Henri gehalten, so groß war die Ähnlichkeit. Ich dachte an die Antwort des Offiziers: ich heiße nicht Henri, sondern mein Bruder. Es war mir auch erinnerlich, dass Henri von einem Zwillingsbruder gesprochen, der ihm so ähnlich sei, dass die Eltern, um die beiden Kinder zu unterscheiden, genötigt gewesen waren, ihnen verschiedene Kleider anzulegen.

»Es ward mir nun Alles klar: Gratien war zur Hochzeit seines Bruders gekommen, und dieser hatte ihn ersucht, jenen Unglücksbrief, der mir fast das Leben gekostet hätte, im Magazin abzugeben. Nach der Hochzeit war Gratien wieder nach Chartres zu seinem Regiment gegangen; er war mir begegnet und ich hatte ihn für Henri angesehen. Diese Erklärung, wie einfach sie war, erfüllte mich in meiner Stimmung mit bangen Ahnungen.

»Während ich nachsinnend.in der Hinterstube saß, hörte ich die Straßentür aufgehen, und durch die Glaswand, die mich von dem Magazin trennte, sah ich einen Offizier erscheinen. Auf den ersten Blick erkannte ich Gratien.

»Er kaufte Handschuhe. Die sonderbare Begegnung hatte ihn ohne Zweifel neugierig gemacht; er war mir in einiger Entfernung gefolgt, und der Ankauf der Handschuhe war nur ein Vorwand, um zu wissen wer ich sei.

»Ich stützte mich zitternd auf eine Kommode, deren Marmorplatte meine heißen Hände abkühlte. Er blieb beinahe eine Viertelstunde im Magazin und sah sich oft unwillig um.

»Demoiselle Francotte wunderte sich übrigens gar nicht über sein langes Verweilen; es arbeiteten vier oder fünf Mädchen im Magazin, und die älteste derselben war noch nicht zwanzig Jahre alt, die Herren von der Garnison machten daher häufige Besuche unter dem Vorwand, Hemden zu bestellen oder Handschuhe zu kaufen. Demoiselle Francotte, die ihre Rechnung dabei fand, empfahl uns Freundlichkeit im Magazin, ernstes, gemessenes Benehmen außer dem Hause.

»Da mir nun Alles klar geworden war, hatte ich keine Ursache mehr in der Hinterstube zu bleiben, ich ging also wieder in das Magazin und nahm meinen gewohnten Platz ein.

»Die Mädchen sprachen von dem schönen Offizier, der eben fortgegangen war. Es war das erste Mal, dass er etwas kaufte, und man kann sich denken, was vier fünfzehn- bis achtzehnjährige Zungen von einem hübschen Offizier von fünfundzwanzig Jahren zu sagen hatten. Man bedauerte mich, dass ich nicht da gewesen sei; aber er würde gewiss bald wieder kommen, er sei eine Viertelstunde geblieben und habe gewiss eine Absicht gehabt.

»Ich hörte dieses Geschwätz schweigend und mit niedergeschlagenen Blicken an; ich allein hätte das Rätsel lösen können, aber ich hütete mich wohl.

»Am andern Morgen musste ich ausgehen. Ich betrat zitternd die Straße; ich fürchtete – und wünschte Gratien zu sehen. Denn nur mit ihm konnte ich ja von Henri sprechen, und mein wundes Herz sehnte sich nach diesem Trost.

»Kaum war ich hundert Schritte vom Hause entfernt, so begegnete mir der junge Offizier.

»Ich war wie vom Donner gerührt. – Er trat auf mich zu.

»Mademoiselle,« sagte er, »entschuldigen Sie, dass wir Ihnen gestern einen so großen Schrecken verursacht haben. Ich habe nicht bis heute gewartet, um mich und meinen Kameraden Louville zu entschuldigen; als ich erfuhr, in welchem Magazin Sie sind, begab ich mich dahin; aber Sie waren nicht da. Ich wusste Ihren Namen nicht und um mich keiner Indiskretion schuldig zu machen, wollte ich nicht nach Ihnen fragen. Ich danke daher dem Zufall, der mich heute mit Ihnen zusammenführt und mir möglich macht, Ihnen über den unangenehmen Eindruck, den meine Gegenwart auf Sie gemacht, mein Bedauern auszudrücken.«

»Sie irren sich, mein Herr.« antwortete ich; »dieser Eindruck, dessen eigentliche Ursache Ihnen unbekannt ist, entstand keineswegs aus Abneigung.«

»Wie!« unterbrach mich Gratien, »Mademoiselle, wäre es möglich?«

»Ich unterbrach ihn ebenfalls. – »Es ist eine Erklärung zwischen uns notwendig; ich würde diese Erklärung nicht gesucht haben, aber ich will ihr auch nicht ausweichen, Sie heißen Gratien d’Elbéne, nicht wahr?«

»Woher wissen Sie meinen Namen?«

»Der Bruder Henris d’Elbéne?« fragte ich weiter.

»Ja wohl.«

»Sie kamen zur Vermählung Ihres Bruders mit dem Fräulein Adele de Clermont nach Paris?«

»Ja.«

»Sie wurden damals beauftragt, an ein junges Mädchen, das er geliebt, einen Brief abzugeben?«

»Das er noch liebt und immer lieben wird!« setzte Gratien hinzu.

»Ist das wirklich wahr?« fragte ich, seine Hände fassend und in Tränen ausbrechend.

»Mein Gott!« sagte Gratien, »sind Sie Therese?«

»Ach ja!«

»Das arme Mädchen, das sich ertränken wollte’«

»Woher wissen Sie das?«

Von ihm, er hat es erfahren, er ist bei Madame Dubois gewesen; aber Sie waren schon abgereist, man wusste nicht wohin. O! mit welcher Freude wird er erfahren, dass Sie noch leben und ihn nicht verwünschen!«

«Ich liebte ihn, zu innig, als dass ich ihn je verwünschen könnte.« erwiderte ich.

»Erlauben Sie mir, dass ich ihm diese Versicherung gebe?«

»Henri kennt mein Herz, und ich hoffe, dass es dieser Versicherung nicht bedarf.«

«Wenn auch, morgen soll er erfahren, dass Sie hier sind und dass ich das Glück hatte Sie zu sehen. – Aber ich muss Sie wiedersehen. Sie liebten ihn?«

»O! von ganzem Herzen!«

»Dann wollen wir von ihm sprechen.«

Es ist mir jetzt nicht mehr erlaubt, ihn zu lieben und von ihm zu sprechen.«

»Es ist immer erlaubt, einen Bruder zu lieben und von ihm zu sprechen; wir wollen von ihm sprechen wie von einem Bruder.«

»O! verlocken Sie mich nicht! – Vergessen kann ich ihn nicht, aber schweigen.«

»Der einzige Trost im Unglück ist, dass man sich ausspricht, einem teilnehmenden Freunde seinen Schmerz mitteilt. Ich werde Ihnen sagen, wie er gelitten, gerungen – wie er Sie noch liebt.«

»O! schweigen Sie!« sagte ich, und hielt die Hände auf die Ohren, um nicht zu hören.

»Ja, Sie haben Recht,« antwortete er; »hier auf offener Straße ist nicht der Ort, solche Erinnerungen zu wecken; ich werde die Ehre haben Ihnen einen Besuch zu machen, und hoffe, dass Sie mich nicht abweisen werden.«

»Er empfahl sich sehr höflich und ging fort, ehe ich ihm antworten konnte.

»Ich kam in sehr unruhiger Stimmung wieder nach Hause; ich erschrak selbst über meinen geheimen Wunsch, Gratien wiederzusehen, um mit ihm von Henri zu sprechen; aber ich sah die Notwendigkeit ein, dieses unwiderstehliche Gefühl zu bekämpfen. Ich fragte daher Demoiselle Francotte, ob sie mir nicht in ihrem Hause ein Zimmer einräumen könne, und erklärte mich für diesen Fall bereit, ihr einen Teil meines Gehaltes dafür zu lassen. Leider war das ganze Haus besetzt und Demoiselle Francotte konnte meinen Wunsch nicht erfüllen.

»Ich bewohnte in der Orleansstraße ein kleines Zimmer im dritten Stocke. Ich ging jeden Abend gegen neun Uhr, sobald das Magazin geschlossen war, nach Hause. Sonntags war ich von zwölf Uhr Mittags frei. Wie Gratien meine Wohnung erfahren hatte, weiß ich nicht; genug, an demselben Abend fand ich ihn vor meiner Haustür.

»Ich sage Ihnen Alles, Herr Chevalier, ich bin Ihnen ein offenes, umfassendes Geständnis schuldig. – Das Gefühl der Bangigkeit und Furcht, mit welchem ich Gratien erkannte, war nicht frei von Freude, die ich nicht ganz zu unterdrücken vermochte.

»Er sah es, und von diesem Augenblicke an mochte er wohl voraussehen, welche Gewalt er über mich bekommen werde. Er redete mich übrigens mit einigen Worten an, die mir allen Mut genommen haben würden, wenn ich auch die Kraft gehabt hätte, ihn kalt zu behandeln,

»Ich habe heute nach unserer Unterredung an Henri geschrieben; ich habe ihn versichert, dass Sie ihn noch lieben; übermorgen werde ich einen Brief von ihm bekommen.«

»Ach! warum wecken Sie solche Erinnerungen in mir!« sagte ich, in Tränen ausbrechend.

»Mademoiselle,« erwiderte er, »Sie sind heute noch zu tief ergriffen, und ich halte es für meine Pflicht, Sie allein zu lassen; aber übermorgen ist Sonntag, das Magazin ist geschlossen, ich werde mir dann die Erlaubnis nehmen, Ihnen einen Besuch zu machen.«

»Nein, es ist unmöglich,« entgegnete ich; »was wird man sagen, wenn man Sie zu mir kommen sieht?«

»Beruhigen Sie sich, Mademoiselle,« sagte er; »unser Eskadronschef wohnt zufällig in demselben Hause wie Sie, der Dienst ruft mich fast täglich zu ihm, und außerdem besuche ich ihn auch als Freund. Er wohnt im zweiten Stocke, Sie im dritten, ich kann daher unbemerkt bei Ihnen aus- und eingehen – ich gehe zum Herrn Lingard oder komme von ihm her, Niemand kann etwas dagegen einwenden.«

»Ohne meine Antwort abzuwarten, empfahl er sich höflich und ging fort.

»Ich erwartete die Stunde, wo ich Gratien sprechen sollte, ebenso ungeduldig, wie ich vormals ein Stelldichein mit Henri erwartete; es war freilich immer noch Henri, den ich erwartete.

»Bald nach zwölf Uhr Mittags war ich zu Hause. Um halb Eins wurde leise an meine Tür geklopft.

»Hat er geantwortet?« fragte ich Gratien, indem ich ihm die Tür öffnete.

»Lesen Sie,« sagte er und reichte mir einen Brief; »Sie werden sehen, ob er Sie noch liebt.«

»Ich nahm den Brief und eilte ans Fenster, um ungestört zu lesen.

»Während ich las, hörte ich Black ein paarmal leise knurren; ich gebot ihm Schweigen, aber zum ersten´Male hörte er nicht.

«Ja. der Brief war zu meinem Unglück so, wie mir ihn Gratien versprochen hatte. Henri liebte mich noch, er liebte nur mich, er war unglücklich und bedauerte, dass er nicht die Kraft gehabt, die Heirat abzubrechen.

Als ich Henri’s Brief zweimal gelesen hatte, wollte ich ihn dem jungen Offizier zurückgeben.

»Behalten Sie ihn nur,« sagte er; »dieser Brief ist ja im Grunde nicht an mich, sondern an Sie adressiert; was sollte ich damit machen?«

»Ich küsste den Brief und steckte ihn in den Busen.

»Gratien sah wohl, dass er nun ein Mittel hatte, seinen Besuch zu verlängern: von Henri zu sprechen.

»So verstrich eine Stunde. Gratien empfahl sich, denn es war um zwei Uhr Parade.

»Ich war im Begriff ihn zu fragen: Wann werde ich Sie wiedersehen? Zum Glück bezwang ich mich.

»Als Gratien fort war, verriegelte ich meine Tür, als ob ich eine Störung fürchtete; aber außer einer Kameradin kam Niemand zu mir.

»Als ich allein war, setzte ich mich ans Fenster und fing wieder an den Brief zu lesen. Black legte den Kopf auf meinen Schoß und sah mich mit seinen klugen Augen an. Sie können leicht denken, dass mich der Brief den ganzen Tag beschäftigte,

»Am folgenden Tage sah ich Gratien nicht wieder. Abends hörte ich zehn, elf, zwölf schlagen, ohne zu Bett zu gehen. Ich wartete; ich konnte nicht glauben, dass ich den ganzen Abend nicht von Henri sprechen würde. Ich nahm den Brief wieder zur Hand, las ihn noch einmal und schlief endlich ein.

»Auch der zweite Tag verging, ohne dass ich Gratien wiedersah. Ich hoffte, er werde mich Abends vor dem Hause erwarten; aber er war nicht da.

»Ich begab mich in mein Zimmer und zündete mein Licht an. Während ich Henri’s Brief zum hundertsten Male las, hörte ich Black knurren – ich ahnte die Nähe Gratiens.

»Gleich darauf wurde an die Tür geklopft.

»Herein!« rief ich mit einer Aufregung, die Gratien unmöglich entgehen konnte,

»Wie kommt es,« sagte ich, meiner ersten Aufregung folgend, »dass ich Sie gestern nicht gesehen habe?

»Ich wagte es nicht,« erwiderte Gratien; »Sie äußerten über meine Besuche Besorgnisse, die ich zu würdigen weiß, obgleich ich sie übertrieben finde. Ich wollte Ihnen beweisen, dass ich Ihr treuergebener Freund sein kann, ohne indiskret zu sein.«

»Ich schlug die Augen nieder, denn ich fühlte wohl, dass Niemand meine Gefühle verstehen und würdigen konnte; aber während ich die Augen niederschlug, bot ich ihm mit stummer Gebärde einen Platz an meiner Seite.

»Der Abend verging, wie der vorgestrige, sehr schnell. es war ja nur von Henri die Rede. Es schlug zwölf, und ich glaubte, Gratien sei erst einige Minuten da.

»Ich ging hinunter, um die Haustür aufzumachen, denn Gratien pflegte sonst nicht so spät von Herrn Lingard fortzugehen, und am andern Morgen konnte eine an die Dienstleute gerichtete Frage Alles entdecken. Ich hatte, wie es in der Provinz üblich, den Hausschlüssel, und konnte Gratien unbemerkt hinauslassen.

»Ich komme jetzt an einen drei Monate langen Abschnitt meines Lebens. Ich muss Gratien die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass er wahrend des ersten Monats nur von seinem Bruder sprach; im zweiten Monate wagte er einige Worte über sich selbst. Ich weiß wohl, dass ich ihn, hätte verbieten sollen, sich selbst in Spiel zu bringen; aber ich stand ja allein in der Welt, ich hatte keinen Freund, den ich um Beistand oder Rat hätte bitten können; ich hatte nichts vor meinen Kameradinnen voraus; die dunkle Erinnerung an eine glückliche Kindheit schwand immer mehr; ich wusste, wie weh ungeteilte Liebe tut, und ich bedauerte Gratien, dass er mich liebte; ihm gegenüber fühlte ich mich ganz sicher, und überdies war ja Black ein sicherer, unbestechlicher Wächter, der weder zu Hause noch auf der Promenade einen Augenblick von meiner Seite ging. Bald hatte ich ihn zu einem kleinen Kunstgriff abgerichtet, der Gratiens Pläne vereitelte; aber eines Abends verließ uns der Hund.«

Der Chevalier de la Graverie schauderte, denn er ahnte die Folgen, die der Raub des Hundes für das arme Mädchen gehabt haben musste. Er fasste ihre Hand und zog sie an seine Lippen.

»Erzählen Sie weiter,« sagte er bewegt; denn Therese sah ihn verwundert an.

»Eines Abends also,« fuhr sie fort, »verließ mich mein, Hund. Gratien schien meinen Schmerz zu teilen; er suchte, wie er wenigstens sagte, ich suchte ebenfalls so eifrig, dass Demoiselle Francotte über mein langes Ausbleiben unzufrieden wurde; aber ich wollte mich lieber der Gefahr aussetzen, sie zu erzürnen, und meinen armen Black wiederfinden! es war mir, als ob ich meinen Wächter verloren hätte und als ob mir, so lange als ich ihn nicht wiedergefunden, ein Unglück bevorstände.

»Eines Abends gegen sechs Uhr erhielt ich einen Brief von unbekannter Hand; er war »Frau Constant« unterzeichnet und lautete folgendermaßen:

»Mademoiselle Therese

»Man sagt, Sie hätten einen Hund verloren, der Ihnen sehr wert ist: einen schwarzen Jagdhund mit einem weißen Fleck vor der Brust. Mein Mann hat vor beinahe acht Tagen einen Hund gefunden, dessen Abzeichen genau zutreffen. Wollen Sie sich diesen Abend überzeugen, dass dieser Hund wirklich der Ihrige ist; in diesem Falle würden wir ihn, wenn auch ungern, seiner rechtmäßigen Eigentümerin zurückgeben.

»Ich habe die Ehre 2c.

Frau Constant.
Badstraße Nr. 17, im 2. Stock.«

»Ich sprang auf, ohne eine Erklärung zu geben, nahm Shawl und Hut und ging fort.

»In wenigen Minuten war ich in dem bezeichneten Hause. Ich zog die Türglocke, eine alle Frau öffnete.

»Madame Constant?« fragte ich.

»Sind Sie Mademoiselle Therese?«

»Ja.«

»Sie kommen wegen eines Hundes?«

»Ja.«

»Gehen Sie in dieses Zimmer, ich will Madame rufen.«

»Kaum hatte ich fünf Minuten gewartet, so ging die Tür auf; ich sah mich um – »Henri!« rief ich und sank dem Eintretenden in die Arme.

»Am andern Morgen war ich noch in seinen Armen, aber ich weinte, ich war untröstlich.

»Gratien, der wohl wusste, dass ich mit treuer Liebe an seinem Bruder hing; Gratien, den ich immer nur in Uniform gesehen hatte, hatte die Kleider seines Bruders angezogen, dieselben, die Henri bei unserer letzten Zusammenkunft getragen hatte.

»Sein Anblick hatte mir meine Kraft geraubt, nur meine Liebe war geblieben.

»Die Ähnlichkeit zwischen den Zwillingen war so groß, dass ich getäuscht worden war; erst am andern Morgen gestand mir Gratien Alles.«

»O der Elende!« sagte der Chevalier de la Graverie entrüstet.

»Er hatte mich nicht aus eigenem Antriebe, sondern auf den Rat seines Freundes Louville getäuscht.«

»Ich kenne ihn,« sagte der Chevalier. »Erzähle weiter, liebes Kind.«

XII
Wo der Chevalier de la Graverie einen Entschluss fasst

Therese fuhr in ihrer Erzählung fort. Das Ende der Geschichte war einfach und traurig; wir wollen es dem Leser mit wenigen Worten erzählen.

Gratien, der aus freien Stücken eines so sträflichen Betruges unfähig, war von Louville dazu überredet worden.

Das Regiment hatte bald darauf Befehl erhalten, die Garnison zu wechseln. Louville hatte seinen Freunde Gratien eingeredet, es sei für ihn eine Ehrensache, Chartres nicht zu verlassen, ohne Theresens Geliebter gewesen zu sein. Die beiden jungen Leute hatten nun gemeinschaftlich die Falle gestellt, in welcher das arme Mädchen gefangen worden war.

Therese war vierundzwanzig Stunden in einem an Wahnsinn grenzenden Gemütszustand gewesen. Als sie wie. der zur Besinnung kam, stand die Alte, welche ihr die Tür geöffnet, vor ihrem Bette. Sie sagte ihr, dass sie in dieser auf ein Jahr gemieteten Wohnung bleiben könne; alle Meubeln gehörten ihr.

Sie hatte ihr außerdem einen Brief von Gratien und eine Summe Geldes zu übergeben.

Therese verstand anfangs nicht, was man zu ihr sagte. Nach und nach aber ward sie einer ruhigen Überlegung fähig und sie erkannte ihre Lage.

Abends vorher war das Regiment abmarschiert und Gratien war fort – sie war verlassen, und für die geraubte Ehre bot man ihr eine Wohnung, Möbeln und Geld.

Sie war außer sich vor Schmerz und Beschämung; sie kleidete sich rasch an, wies der Frau das Geld und den Brief zurück und verließ eilends das Haus.

Aber was sollte sie anfangen? Sie wusste es selbst nicht. In das Magazin zurückkehren konnte sie nicht; womit hätte sie ihre Abwesenheit entschuldigen, wie ihre Rückkehr, ihren Schmerz erklären sollen?

Sie hatte dreißig bis vierzig Francs bei sich; dies war ihr ganzes Vermögen. Sie dachte wohl an den Tod, aber es fehlte ihr jetzt der Mut, den sie bei dem ersten Selbstmord, versuche gehabt hatte.

Sie wankte, einer Ohnmacht nahe, durch die Straßen der Stadt. Viele Vorübergehende fragten sie: »Was fehlt Ihnen, mein Kind?«

»Nichts!« antwortete Therese und setzte ihren Weg fort.

In dieser Antwort lag ein so tiefer Schmerz, dass man sie mit einer gewissen Ehrerbietung weiter gehen ließ. – Der wahre Schmerz hat immer etwas Ehrfurchtgebietendes.

So wankte sie fort, ohne zu wissen wohin.

Sie kam in die Vorstadt. Ihre Tränen brachen unaufhaltsam hervor, und sie suchte einen einsamen Ort, um ungestört weinen zu können.

Sie befand sich vor einer Tür, sie trat in einen schmalen dunklen Gang.

Wie lang? sie dort blieb und weinte, hätte sie nicht sagen können. Sie hatte sich auf die unterste Stufe einer Treppe gesetzt.

Sie wurde durch einen leisen Schlag auf die Schulter aus ihrer Betäubung geweckt. Eine alte Frau, die im Hause wohnte, hatte im Zwielicht eine menschliche Gestalt gesehen

Therese blickte auf, ohne ihre Tränen zu trocknen. Dieser ungeheuchelte Schmerz rührte die alte Frau. Sie fragte teilnehmend, was sie wünsche und ob sie ihr einen Dienst erweisen könne.

Therese antwortete mit einer halben Lüge; sie sagte, sie sei eine Weißnäherin und suche, von ihrer Prinzipalin entlassen, eine Wohnung.

Diese Erzählung war keineswegs unwahrscheinlich; nur ein so großer Schmerz um ein so kleines Missgeschick hätte auffallend scheinen können.

»Können Sie denn gut arbeiten?« fragte die alte Frau.

Therese zeigte ihr, ohne zu antworten, ein von ihr selbst gesticktes Halstuch. – Es war ein Meisterstück.

»Gut,« sagte die Alte, »wenn man so arbeiten kann, muss man nicht verzagen.«

Therese antwortete nicht.

»Sie suchen also eine Wohnung?« fragte die Alte weiter.

Therese nickte.

»Es ist gerade eine ganz eingerichtete und billige Wohnung im Hause zu haben; es ist freilich nichts Schönes, aber für achtzehn Francs monatlich kann man keinen Palast verlangen; man muss nur den ersten halben Monat mit neun Francs vorausbezahlen.«

Therese nahm zwei Fünffrancsstücks aus der Tasche.

»Bezahlen Sie,« sagte sie.

»Aber Sie wissen ja nicht, ob Ihnen die Wohnung gefallen wird —«

»Sie wird mir gefallen,« antwortete Therese.

»Dann kommen Sie mit mir,«

Die Alte ging zuerst hinauf. Therese folgte ihr. Die Alte ging in den zweiten Stock zu der Hauseigentümerin.

Der Handel wurde schnell abgeschlossen, denn die einzige Frage, welche an die Mieter gerichtet wurde, war: »Können Sie vorausbezahlen?« Wer die Frage bejahen konnte, war willkommen.

Zehn Minuten nachher wohnte Therese in der Dachstube, wo sie der Chevalier de la Graverie fand.

Noch denselben Tag ließ sie durch die alte Frau die notwendigen Erfordernisse zum Sticken kaufen. Ihr noch übriges Geld reichte für die Bedürfnisse einer Woche hin.

Den dritten Tag verkaufte die gute Alte einen von Therese gestickten Kragen samt Manschetten und brachte ihr zehn Francs, Therese gab ihr zwei für ihre Mühe.

Sie hatte berechnet, dass sie mit fünfundzwanzig Sous täglich leben, dagegen drei Francs verdienen konnte; sie hatte daher nicht Ursache, für ihren Lebensunterhalt besorgt zu sein.

Im ersten Monate ersparte sie fünfzig Francs. Aber die Alte führte seit einigen Tagen gar sonderbare Reden; sie meinte, ein hübsches Mädchen könne leicht reich werden, es sei eine Torheit sich mit Sticken die Augen zu verderben und kümmerlich in einem Dachstübchen zu leben; dann klagte sie, dass sie für die Stickereien keinen Absatz mehr finde, die Arbeit werde nur mit der Hälfte des früheren Preises bezahlt.

Therese hörte alle diese Reden ziemlich gleichgültig an; sie konnte ja selbst mit der Hälfte des Arbeitslohnes ihr Leben fristen.

Eines Abends endlich erklärte sich die Alte deutlicher, sie sprach von einem jungen Manne, der Therese gesehen und ihr seine Anträge mache.

Therese schaute von ihrer Arbeit auf und erwiderte mit Abscheu und Entrüstung:

»Ich verstehe Sie. Gehen Sie und lassen Sie sich nicht wieder vor mir blicken.«

Die Alte wollte sich entschuldigen; aber Therese, die in ihrem Dachstübchen eben so stolz war wie eine Prinzessin in ihrem Palast, wies ihr noch einmal die Tür und zwar mit so gebieterischem Tone, dass sich die Alte beschämt entfernte.

Therese musste nun ihre Arbeiten selbst in den Weißwarenhandlungen ausbieten. Sie wurde als die erste Arbeiterin aus dem Magazin der Demoiselle Francotte erkannt; und man machte ihr recht vorteilhafte Anträge, aber Therese mochte sich nicht in einem Magazin zur Schau ausstellen.

Überdies kannte sie sich über ihren Zustand nicht länger täuschen, sie sehnte sich vor allem nach Einsamkeit.

So lebte sie bis zu der Zeit, wo die Cholera in Chatres ausbrach. Die arme Therese wurde Krankenwärterin in der schwer heimgesuchten Vorstadt.

Eines Morgens, als sie aufstand, um eine kranke Nachbarin zu pflegen. schwanden ihr selbst plötzlich die Kräfte. Der schwarze Engel hatte sie mit seinem Flügel berührt.

Wir haben gesehen, in welchem Zustande sie der Chevalier fand.

Dies war die Geschichte Theresens. Seit fünf Monaten hatte sie Gratien nicht gesehen und nichts von ihm gehört.

Von dem Ringe, den sie am Finger trug, wusste sie nur dass man ihr dringend empfohlen hatte, ihn sorgfältig zu bewahren, als ein Zeichen, an welchem sie vielleicht ihre Familie wieder erkennen könne.

Dritter Band

I
Wo der Chevalier de la Graverie einen Entschluß faßt.
(Fortsetzung.)

Der Chevalier de la Graverie hatte der Erzählung Theresens mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört. Als sie von dem Verluste Blacks sprach, errötete der Chevalier und er fühlte tiefe Reue, als er bedachte, welche traurige Folgen dieser Verlust für Theresen gehabt hatte. Er küsste ihre Hände und sank vor ihr auf die Knie.

»Therese,« sagte er, »Gott ist gütig. Er legt uns wohl zuweilen Prüfungen auf, aber glaube mir, liebes Kind, seine Barmherzigkeit hat mich nicht ohne Absicht an Dich gewiesen, und von heute an, ich schwöre es Dir, soll dein Glück das Ziel meiner Bestrebungen sein.«

»Ach, mein Glück!« erwiderte Therese, welche sich diese Gefühlsaufwallung nicht zu erklären wusste. »Sie vergessen, dass es für mich kein: Glück mehr gibt. Mein Glück wäre die Vereinigung mit Henri gewesen und ich bin auf immer von ihm getrennt.«

»Es wird sich finden,« sagte der Chevalier in der freudigen Überzeugung, dass das Glück, welches ihn die Tochter Mathildens so unerwartet wiederfinden ließ, nicht auf halbem Wege, stehen bleiben könne. »Henri ist ja nicht der Einzige in der Welt, sein Bruder Gratien ist ja auch noch da.«

»Bei ihm würde ich das Glück nicht finden,« sagte Therese, »er könnte nur begangenes Unrecht wieder gut machen.«

»Es wäre aber doch schon etwas,« meinte der Chevalier.

Therese schüttelte den Kopf,

»Wie können Sie glauben,« sagte sie, »dass ein reicher junger Edelmann eine arme Waise heiraten werde? Er hat mich als ein Spielzeug betrachtet. Der Tochter eines Grafen oder Marquis würde er diese Schmach gewiss nicht angetan haben.«

Der Chevalier fühlte einen Stich durchs Herz; seine Augen sprühten Feuer, es war das erste Mal, dass er Rachegedanken hatte. Gegen Pontfarcy war er nie so aufgebracht gewesen wie gegen Gratien. Er erinnerte sich mit einer gewissen Freude, wie gut er auf seiner Reise in Mexiko schießen gelernt hatte. Dann machte er unwillkürlich die famose Finte, die er von dem Kapitän Dumesnil gelernt und die der Letztere einem neapolitanischen Fechtmeister abgelauscht hatte.

Warum er an Alles dies dachte? Darüber war er mit sich selbst noch nicht im Klaren; aber er dachte daran.

Therese blieb nachdenkend und traurig; sie sah weder das zornige Gesicht ihres Gönners noch seine Handbewegung, mit der er die Finte ausführte. Das lange Gespräch hatte ihre Kräfte erschöpft und ihre letzten Worte wurden von dem trockenen Husten unterbrochen, der den Chevalier de la Graverie schon so sehr beunruhigt hatte.

Der Chevalier verschob daher die weiteren Fragen auf eine andere Zeit.

Er hatte bemerkt, dass Therese den Familiennamen Henris und Gratiens nicht ein einziges Mal ausgesprochen und sie immer nur bei ihren Taufnamen genannt hatte. Aber um Gratien aufzufinden und, zur Rede zu stellen, brauchte der Chevalier seinen Familiennamen nicht zu wissen. Er kannte das Regiment, in welchem der junge Offizier diente, er konnte im Kriegsministerium leicht erfahren, wo dieses Regiment in Garnison war und das Gesicht Gratiens hatte sich seinem Gedächtnis; so tief eingeprägt, dass er ihn gewiß auf den ersten Blick wieder erkennen würde.

Vor Allem aber wollte der Chevalier ermitteln, ob die Hoffnungen, die er auf das Geheimnis der Geburt Theresens gegründet, zu verwirklichen wären. Er fand in der Zuneigung zu der armen Waise so reine Freuden und einen so mächtigen Zauber, dass er die sorgfältigsten Nachforschungen anzustellen beschloss. Er musste indes Theresens völlige Wiederherstellung abwarten, um sie ohne Besorgnis, fremden Händen anvertrauen zu können.

II
Wo der Chevalier de la Graverie durch das Ärgernis, welches er in der tugendhaften Stadt Chartres hervorgerufen, beunruhigt wird

In einer Stadt wie Chartres konnte ein so wichtiges Ereignis, wie die Aufnahme eines jungen Mädchens in das Haus eines durch Stand und Vermögen angesehenen Hagestolzen, nicht unbemerkt bleiben. Die Bemerkungen jedes Einzelnen gaben diesem Ereignis bald ganz kolossale Verhältnisse, und nach acht Togen war dasselbe völlig entstellt.

Der Chevalier de la Graverie. der durch seine Sonderbarkeiten schon längst verdächtig gewesen war, wurde daher im Munde der Gevattern und Klatschschwestern ein abscheulicher Wüstling, der kein Bedenken trug, ein von ihm entführtes Mädchen zum öffentlichen Ärgernis in sein Haus auszunehmen; kurz, er ward in der öffentlichen Meinung ein Mann, den kein ehrsamer Chartrenser auf der Straße grüßen, geschweige mit ihm umgehen dürfte.

Als Therese auf dem Wege der Genesung war, sann sie mit zärtlicher Sorge auf Alles, was dem Manne, den sie als ihren Wohltäter betrachtete und wie einen Vater liebte, gefallen konnte. Sie bat ihn dringend, wieder seinen täglichen Spaziergang zu machen, den sie im Interesse seiner Gesundheit für notwendig hielt. Der Chevalier tat Alles was sie wünschte, und wie ein seit sehr langer Zeit zum ersten Male wieder aufgezogenes Uhrwerk setzte er sich in Bewegung, um zwischen Frühstück und Diner zwei Stunden spazieren zu gehen.

Diese Spaziergänge wurden in Gesellschaft Blacks gemacht, der mit seinem Herrn ganz übereinstimmte und der glücklichste Hund von der Welt zu sein schien.

Der Chevalier war, wie gesagt, vor Allem darauf bedacht, das Geheimnis von Theresens Geburt zu erforschen. Einen Entschluss zu fassen, war keineswegs leicht für einen Mann, der bisher träg und sorglos in den Tag hinein gelebt hatte. Als er den Entschluss wirklich gefasst hatte, handelte es sich um die Art und Weise ihn in Ausführung zu bringen.

Diese Gedanken beschäftigten ihn auf seinen Spaziergängen. Was hatte er zu tun, um das vorgesteckte Ziel zu erreichen?

Er war immer so zerstreut, so mit der Ausführung seines Planes beschäftigt, dass er die Liebkosungen und Freudensprünge Blacks kaum beachtete. Eben so wenig bemerkte er anfangs, dass sich seine Bekannten, die oft bei ihm zu Gaste gewesen waren, das Ansehen gaben, als ob sie ihn nicht sähen, um ihn nicht zu grüßen.

Eines Tages jedoch, als er minder zerstreut war als gewöhnlich, bemerkte er zu seinem Befremden, dass eine alte Dame seinen höflichen Gruß nur mit herablassendem Kopfnicken und höhnischem Gesicht erwiderte. Wie alle Menschen, die sich in einem beschränkten Kreise bewegen, war er um das Urteil der Welt sehr besorgt, und der Gedanke, dass er die öffentliche Achtung verscherzt habe, erfüllte ihn mit Schrecken.

Er hatte nicht genug Kraft und Selbstbeherrschung, um seine Verstimmung zu verbergen und Therese, die ihn geschickt auszufragen wusste, löste bald das Rätsel.

Der Chevalier erzählte ihr ganz einfach und ohne alle Bemerkungen die Untröstlichkeit der alten Dame.

»Sie sehen, lieber Herr Chevalier,« sagte Therese, »mein trauriges Geschick bringt Alle, die sich meiner annehmen, in Verlegenheit, aber ich werde nicht zugeben, dass Sir noch länger ein Opfer Ihrer Güte bleiben.«

»Wie so?« fragte der Chevalier betroffen.

»Ja,« antwortete Therese, »ich bin genesen und kann wieder arbeiten; ich will mich entfernen – Sie werden mir erlauben, Ihnen von Zeit zu Zeit zu danken für Alles was Sie an mir getan, und Ihnen zu beweisen, dass ich Sie als den Retter meines Lebens stets hochachten und verehren werde.«

Der Chevalier erblasste.

»Du willst fort, Therese?« sagte er.

»Du willst mich allein lassen? Nein, das kannst, das darfst Du nicht! Mein Gott! was soll aus mir werden, wenn ich allein bin?«

»Haben Sie denn nicht allein gelebt ehe Sie mich kennen lernten?«

fragte Therese.

»Ja, ehe ich Dich kennen lernte,« erwiderte der Chevalier; »aber jetzt ist mir deine Anwesenheit zur süßen Gewohnheit geworden. – O! ich habe auch geliebt, zuerst deine —«

Er stockte. Therese sah ihn erstaunt an.

»Sie war ein reizendes Wesen, ich war so glücklich,« fuhr der Chevalier fort; »ich glaubte es nicht zu überleben, als sie —«

»Als sie starb?« fragte Therese.

»Ja,« antwortete der Chevalier, »als sie starb, – denn Treulosigkeit, Verrat, Vergessenheit ist der Tod!«

»O ja. Ich weiß es wohl,« sagte Therese, in Tränen ausbrechend.

»Bin ich denn von Sinnen?« sagte der Chevalier, sich an die Stirn schlagend.

»Mein Gott! sie weint – das ist die Folge meiner Unachtsamkeit!«

»Nein, nein!« erwiderte Therese, »Sie sind der beste Mann von der Welt; wenn man Ihnen Schmerz gemacht hat, so hat Niemand das Recht, von Leiden verschont zu bleiben.«

»Ja,« sagte der Chevalier mit Wehmut, »man hat mir viel Schmerz bereitet, liebes Kind, zum Glück hatte ich einen Freund, der mir sehr teuer war. Ich denke noch immer mit inniger Liebe an ihn – nicht wahr, Black?«

Black, der den Chevalier eben ansah, als ob er geahnt hätte, dass von ihm die Rede sein werde, kam freundlich näher und schmiegte sich an seinen Herrn.

Therese suchte zu erraten, was Black mit dem eben erwähnten Freunde zu tun habe und wie der Hund zum Zeugen dieser Freundschaft aufgerufen werden könne. Aber das war ein Rätsel, das sie nicht zu lösen vermochte und dessen Erklärung selbst dem Chevalier sehr schwer geworden wäre.

Der Chevalier hielt den Kopf Blacks mit beiden Händen und sah seinen Liebling an.

»Nein, armer Dumesnil,«

sagte er, den Hund liebkosend, »sei unbesorgt, ich werde dich nie verlassen, wenn mir auch die ganze Stadt Chartres den Rücken kehrt und alle alten Damen der Welt finstere Gesichter schneiden.«

Therese sah den Chevalier mit einer gewissen Besorgnis an.

Hatte dieser treffliche, herzensgute Mann Anwandlungen von Wahnsinn? Auf jeden Fall musste es ein stiller, harmloser Wahnsinn sein, und Therese fasste den Vorsatz, sich nie zu fürchten.

Sie nahm nach einer langen Pause das Wort:

»Es muss aber sein, Herr Chevalier.«

»Was muss sein?« fragte er, aus seinen Gedanken erwachend.

»Ich muss gehen.«

»Ja richtig, Du sprachst davon, liebes Kind, und ich antwortete Dir: Therese, glaubst Du denn, es sei mir möglich, fortan in der Einsamkeit zu leben? Bedenke doch, dass ich ganz verlassen sein würde, wenn Du fort wärst.«

»Das bedenke ich wohl, Herr Chevalier, und in meiner Selbstsucht denke ich zumal, welchen Schmerz mir die Trennung von Ihnen machen würde. Aber diese Trennung ist notwendig wenn ich nicht mehr hier bin, so finden Sie die Freunde wieder, die sich jetzt vor Ihnen zurückziehen und Ihnen ausweichen: wenn ich Ihnen keine Unruhe mehr mache, so werden Sie Ihr früheres ruhiges Leben wieder beginnen.«

»Du sprichst von Unruhe, undankbares Kind! Du musst wissen, dass ich mit Ausnahme der Zeit, wo —« der Chevalier seufzte – « dass ich das Glück erst nach deinem Eintritt in dieses Haus kennen gelernt habe.«

»Ein trauriges Glück,« erwiderte Therese, durch ihre Tränen lächelnd: »Sie haben ja unaufhörlich mit Unruhe und Angst zu kämpfen! Denn mitten in meiner Krankheit, selbst in meinen Fieberphantasten sah ich, wie besorgt Sie um mich waren: Sie widmeten mir so zärtliche Pflege, als ob Sie wirklich mein Vater wären.«

»Dein Vater!« erwiderte der Chevalier; »als ob ich wirklich dein Vater wäre! Wer hat Dir denn gesagt, dass ich es nicht bin?«

»O! ich weiß wohl,« sagte Therese seufzend, »dass nur Ihre Güte Sie zu dieser großmütigen Unwahrheit treibt. Aber wenn es auch Ihr Ernst wäre, so könnte ich mich doch nicht Übereden lassen; wären Sie wirklich mein Vater oder auch nur mein Verwandter, würden Sie mich dann in meiner Kindheit ohne Hilfe, ohne Stütze dem Elende preisgegeben haben? Nein, gewiss nicht! Ich bin für Sie nur eine Fremde. die Sie aus Mitleid in Ihr Haus aufgenommen haben, die Sie adoptieren wollen. Aber Ihre Tochter bin ich leider nicht!«

Der Chevalier schlug die Augen nieder: diese letzten Worte Theresens trafen ihn wie ein Vorwurf, Er verwünschte von ganzem Herzen die Sorglosigkeit, mit welcher er seinem Bruder die Sorge für die Zukunft der Frau von La Graverie überlassen hatte; er verachtete seinen Kleinmut und seine übertriebene Ängstlichkeit, mit der er auf die eigene Selbsterhaltung bedacht war; er konnte nicht begreifen, wie er so viele Jahre leben konnte, ohne sich um Mathilde, die doch seine Frau gewesen war, und um das Kind, das im Grunde doch ein Recht hatte, seinen Namen zu führen, im mindesten zu kümmern.

Diese Unterredung und zumal das darauffolgende Nachdenken hatte seiner trägen Unschlüssigkeit ein Ende gemacht; er fürchtete, Therese werde aus Zartgefühl den Entschluss ausführen, von welchem sie gesprochen, und er betrachtete die Trennung von ihr mit eben so viel Schrecken, wie er an einen nahe bevorstehenden Tod gedacht haben würde. Er entschloss sich daher zu einer Reise nach Paris, um seinen Bruder zu sehen und über das Schicksal Mathildens zu befragen.

Dieser Entschluss kostete freilich große Überwindung. Sein Haus, seine süßen Gewohnheiten, seinen damals frischgrünen duftenden Garten zu verlassen, wäre dem Chevalier noch vor einigen Monaten unmöglich gewesen – es musste seitdem eine große Veränderung in ihm vorgegangen sein, da er Alles, was seinem Herzen teuer war, zurücklassen sollte und sich dennoch zu der Reise entschloss. Er selbst fand diesen Entschluss sehr heroisch, und nur die Hoffnung, sich ein dauerndes Glück zu sichern, vermochte ihn zu der Reise zu bewegen.

Der Entschluss war also gefasst, das Schwierigste war die Ausführung. Der Chevalier verschob die Abreise von einem Tage zum andern. Er hatte einen ganz neuen Reisekoffer mit Wäsche und Kleidern gepackt, so dass er wieder eine Reise nach Papeite hätte machen können; aber der Koffer blieb in einer Ecke seines Zimmers. Der Chevalier brauchte nur den Deckel zu schließen und den Schlüssel in die Tasche zu stecken, aber der Koffer blieb offen. Kurz, der Chevalier reiste nicht ab, obschon er jeden Abend von Therese und Black Abschied nahm.

III
Wo der Chevalier de la Graverie nach Paris abreist

Eines Tages, als Therese mehr leidend gewesen war, als an den vorhergehenden Tagen, und der Chevalier einen guten Vorwand hatte, von seiner Reise kein Wort zu sprechen, begab sich die Kranke gegen sieben Uhr Abends zur Ruhe, indem sie dem Chevalier das Versprechen abnahm den Spaziergang, den er heute nicht im Sonnenschein gemacht hatte, im Mondscheine zu machen.

Er versprach es, – Dieser tägliche Spaziergang war wirklich für seine Gesundheit notwendig, und da das Wetter schön war und Black schon längst wedelnd an der Tür wartete, so nahm der Chevalier Hut, Stock und Handschuhe und ging fort.

Er machte natürlich die Runde um die Stadt, eine andere Promenade gab es für ihn nicht.

Gegen halb zehn Uhr Abends hatte er die Runde gemacht. Auf dem Heimwege bemerkte er den Postwagen, der eben die Pferde wechselte.

»Wenn Therese heute nicht leidender gewesen wäre, als gestern, so würde ich einen Platz nach Paris genommen haben,« sagte er zu sich selbst und ging auf den Postwagen zu.

Warum er dies tat? Alle Provinzbewohner sind mehr oder weniger Bummler: der Pferdewechsel vor dem Posthaus, ein ankommender Reisewagen hat für sie so großen Reiz, dass die Post selbst und die nahen Kaffeehäuser in vielen Städten die Sammelplätze aller Müßiggänger, der zu musternden unbekannten Gesichter, der Vermutungen und Klatschereien sind. Das Rasseln der Räder auf dem Straßenpflaster, das Schellengeklingel, das Fluchen der Postillione, das Hundegebell ist eine willkommene Zerstreuung für leere oder vollgepfropfte Köpfe. Die Eintönigkeit einer Provinzstadt wird ja in der Regel nur durch die Ankunft und die Abreise von Fremden unterbrochen, und der Chevalier de la Graverie hatte schon zu lange in Chartres gewohnt, als dass er die sich darbietende Zerstreuung hätte unbenutzt lassen sollen.

Er trat also auf den Postwagen zu, als der Stallknecht eben das letzte Pferd angespannt hatte und der Postillion die Zügel ergriff, um die Pferde für die bald erfolgende Abfahrt bereit zu halten.

Der Conducteur, seinen Briefsack unter dem Arm tragend, ging rasch zwischen dem Chevalier und dem Wagen hindurch, und stieg in sein Cabriolet und gab das Zeichen zur Abfahrt.

Der Postillion hieb auf die Pferde ein, der Wagen setzte sich in Bewegung und durch den Ruck tat sich die schlecht verschlossene Wagentür auf.

Black stand neben dem Postwagen; seine Stellung schien anzudeuten, dass er im Innern des Wagens etwas wittere.

Der Chevalier, der es bemerkte, rief den Hund; aber zu seinem größten Erstaunen sprang Black durch den offenen Schlag in den Wagen und überhäufte einen in einen großen Mantel gehüllten Reisenden mit Liebkosungen.

Das Erstaunen des Chevaliers wurde zur Bestürzung, als eine Hand aus dem Mantel hervorkam und die Wagentür zuschlug. Dabei sagte eine Stimme:

»Ah! Bist Du es. Black?«

Der Wagen fuhr ab.

Das mit der Abfahrt eines schweren Wagens immer verbundene Getöse weckte den Chevalier aus seiner Erstarrung.

Der Postwagen, der ihm seinen Liebling entführte, war bereits zwanzig Schritte entfernt.

»Conducteur!« rief er nacheilend; »man nimmt mir meinen Hund! Black ist im Wagen – Halt, Conducteur!«

Das Rasseln des schweren Wagens auf dem Steinpflaster war lauter als die Stimme des Chevaliers; der Conducteur hörte nicht.

In Verzweiflung über den Verlust seines Lieblings, der sich einem Fremden mit so großer Vorliebe angeschlossen, und hinter dieser unerwarteten Erkennung ein Geheimnis ahnend, welches vielleicht für Therese von Wichtigkeit war, dachte der Chevalier weder an sein Alter noch an die Anwandlungen von Podagra, die ihn zuweilen plagten, und lief hinter dem Wagen her.

Aber der Postwagen hatte in dem Personal seiner vier Pferde sechzehn kräftige kerngesunde Füße, der eine Fuß des armen Dieudonné hingegen war nicht ganz kapitelfest; er würde die gouvernementale Arche also gewiss nicht eingeholt haben, wenn diese nicht durch einen eben unter dem Thor befindlichen Lastwagen zum Anhalten gezwungen worden wäre. Der Chevalier de la Graverie benutzte das willkommene Hindernis, sprang auf den Wagentritt und hielt sich mit der einen Hand am Schlage, mit der andern an einem Riemen.

Sprechen konnte er nicht, er war durch den raschen Lauf so außer Atem gekommen, dass er kein Wort hervorzubringen vermochte.

Sobald er auf dem Wagentritt stand und sich festhielt, war er ruhig: er konnte nun mitfahren, und überdies wusste er, dass unmittelbar außerhalb der Vorstadt ein steiler Berg war, den der Postwagen nur im Schritt erklimmen konnte. Dort konnte er, nachdem er wieder zu Atem gekommen, das Kapitel der Reklamationen zur Sprache bringen.

Der Chevalier hatte Alles richtig berechnet: während der Fahrt durch die Vorstadt, wo er auf dem Wagentritt stehen blieb, schöpfte er Atem, und am Fuße des Berges wurde zuerst in kurzem Trabe, dann im Schritte gefahren.

Schon seit einer Weile, während der Chevalier von draußen in den Wagen schaute, hatte Black die Vorderfüße auf die Tür gestellt und schaute mit der Heiterkeit eines Passagiers, der seinen Platz bezahlt hat, in die schöne mondhelle Nacht hinaus.

Der Chevalier de la Graverie, der im Grunde nur seinen Hund und am liebsten ohne Wortwechsel wieder haben wollte, sprang zurück auf die Landstraße und rief Black, in der Erwartung, sein Liebling werde ihm auf dem Fuße folgen.

Black machte wirklich eine Bewegung, um aus dem Wagen zu springen, aber eine kräftige Hand hielt ihn am Halsbande fest und zog ihn in den Wagen zurück.

»Black! rief der Chevalier mit einem Nachdruck, der dem Hunde nur die Wahl zwischen schnellem Gehorsam oder unbedingter Widersetzlichkeit ließ.

»Warum rufen Sie meinen Hund?« sagte eine Stimme im Wagen; »soll er sich etwa auf dem Steinpflaster den Hals brechen?«

»Was! Ihr Hund?« erwiderte der Chevalier bestürzt.

»Jawohl, mein Hund,« antwortete die Stimme.

»Das ist zu arg!« eiferte der Chevalier. »Sie müssen wissen, dass Black mir gehört.«

»Wenn das ist, so müssen Sie ihn seiner Herrin gestohlen haben.«

»Seiner Herrin!« erwiderte der Chevalier höchst erstaunt und immer neben dem Postwagen her trabend. »Können Sie mir ihren Namen nennen?«

»Entschließe Dich,« sagte eine andere Stimme: »gib dem alten Narren seinen Hund zurück, oder schicke ihn fort, damit man Ruhe hat; in einer solchen Nacht muss man schlafen, zumal im Postwagen.«

»Ich behalte Black,« sagte die andere Stimme.

Diese doppelte Herausforderung wirkte auf den Chevalier wie ein elektrischer Schlag.

Seine durch den raschen Lauf schon gereizten Nerven wurden krampfhaft aufgeregt, und ohne zu bedenken, dass er sich einer doppelten Gefahr aussetzte, wenn er auf offener Straße Streit anging und sich an einen Postwagen klammerte, der sich jeden Augenblick wieder in raschen Trab setzen konnte, versuchte er die Wagentür zu öffnen, und als es ihm nicht gelang, sprang er wieder auf den Tritt und schaute in den Wagen.

»Sie nennen mich einen alten Narren!« sagte er; »Sie wollen Black behalten? das wollen wir doch sehen!«

»O! das werden wir bald sehen!« erwiderte der eine Passagier, der von einer Ausgleichung nichts wissen wollte.

Er fasste den Chevalier beim Kragen und stieß ihn zurück.

, Aber der Wunsch, seinen Liebling zu behalten, gab dem Chevalier doppelte Kraft, er hielt sich fest und wich nicht von seinem Platz.

»Nehmen Sie sich in Acht, mein Herr,« warnte der Chevalier; »unter Edelleuten oder Militärpersonen —«

»Das kommt aufs Gleiche hinaus, unterbrach ihn der Passagier.

»Nicht immer,« erwiderte der Chevalier; »unter Edelleuten und Militärpersonen ist jede Berührung eine Ehrenbeleidigung, die nur —

»Nach Belieben,« sagte der Passagier; »wenn Sie weiter nichts wünschen, so erkenne ich an, dass ich Sie berührt habe.«

Der Chevalier griff in die Tasche, um dem Fremden seine Karte zu reichen, da sagte der andere Passagier, der gern den Vermittler spielen zu wollen schien, ernst verweisend:

»Bouville! bedenke doch, ein alter Mann!«

»Sacrebleu!« war die Antwort, »was liegt mir daran, wer mich aus dem Schlafe weckt! Er ist mein Feind, gleichviel ob er jung oder alt ist.«

»Dieser alte Mann, Herr Offizier,« sagte der Chevalier, »ist ein Offizier wie Sie und überdies Ritter des Ludwigsordens. Hier ist meine Karte.«

Aber der junge Mann mit der begütigenden Stimme nahm die Karte, schob seinen Freund aus einer Ecke in die’ andere und sagte:

»Nimm meinen Platz ein und überlaß mir den deinigen.«

Der rauflustige Offizier willigte murrend ein.

»Ich bitte im Namen meines Kameraden um Entschuldigung, mein Herr; er ist sonst ein gebildeter junger Mann, aber um seine Bildung zu zeigen, muss er wach sein, und zum Unglück schläft er jetzt.«

»Das lässt sich hören,« erwiderte der Chevalier; »aber Sie haben sich erklärt, dass Sie Black behalten wollen.«

»Ja wohl, das habe ich gesagt.«

»Und ich sage Ihnen, geben Sie mir Black zurück; ich will ihn haben, er gehört mir.«

»Black gehört so wenig Ihnen als mir. er ist Theresens Eigentum.«

»Wie! Theresens Eigentum?«

Der junge Offizier hatte sich der Wagentür genähert. Der Chevalier, den der Name Therese schon sehr in Erstaunen gesetzt hatte, erkannte zu seiner Verwunderung den Passagier.

Es war Gratien, der Therese ins Unglück gestürzt hatte der andere Offizier war Louville, der ihn zu diesem Verbrechen verleitet hatte.

Der Chevalier war so betroffen, dass er eine Weile kein Wort hervorbringen konnte. In diesem Zusammentreffen war eine Fügung der Vorsehung nicht zu verkennen. Sein erstes Gefühl war Dankbarkeit gegen Black, er fasste liebkosend mit beiden Händen den Kopf des Hundes.

»O! setzt kann ich nicht mehr zweifeln,« sagte er tief bewegt, »Du bist mein guter Dumesnil! Ja, Du bist es; Du hast mir mein Kind zugeführt, und willst mir jetzt behilflich sein, ihr die Ehre wiederzugeben, und ihre Zukunft zu sichern.«

»Bei des Teufels Hörnern!« fluchte der andere Offizier, der seine gewöhnlichen Fluch für ein so ungewohntes Ereignis nicht genügend fand; »der Mensch ist verrückt, und ich will den Conducteur rufen, um ihn von dem Tritt hinunterzuwerfen. Conducteur! Conducteur!«

»Louville!« wiederholte sein Begleiter, der diese unziemlichen Worte um so mehr bedauerte, da er wusste, dass der Fremde, der ihm seine Karte gegeben hatte, ein Edelmann war.

Aber der Conducteur. hatte den Ruf gehört. Er steckte den Kopf zum Cabriolet heraus, sah einen sich an die Wagentür festklammernden Mann und hielt ihn für einen Räuber, der die Reisenden ausplündern wolle.

Er stieg daher ab, ohne den Wagen anhalten zu lassen, und stieß den Chevalier unsanft zurück.

»Nur nicht so grob, Pinaud.« sagte der Letztere.

Pinaud war einer von den Courieren, welche vormals, als der Chevalier noch ein Gaumenkünstler war, verschiedene Delikatessen für seine Küche zu liefern pflegten.

Pinaud sah ihn ganz erstaunt an.

»Ei ja,« setzte der Chevalier hinzu, »wir sind alte Bekannte.«

»Sie, Herr Chevalier,« sagte der Conducteur, »so spät auf der Landstraße!«

»Ja wohl, wie Sie sehen.«

»Ich sehe es wohl; aber wer hätte das gedacht! Fürchten Sie denn nicht mehr die feuchte Nachtluft und den Wind?«

»Ich fürchte gar nichts mehr, Pinaud,« sagte der Chevalier, der in seiner Aufregung, wie Don Quixote, mit einer Windmühle Streit angefangen haben würde.

»Aber was haben Sie denn so spät hier auf der Landstraße zu tun?«

»Ich habe mit den Herren zu reden; lassen Sie den Postwagen zehn Minuten halten.«

»Das geht nicht an, Herr Chevalier; ich muss zur bestimmten Zeit auf der nächsten Station eintreffen, und der Wagen hat sich ohnedies schon etwas verspätet. Sie sollten einsteigen. Es sitzen nur zwei Herren im Wagen, folglich sind noch zwei Plätze leer. Sie können ja in Maintenon aussteigen und morgen Früh mit dem von Paris kommenden Postwagen nach Chartres zurückfahren.«

»Ich soll um zwei Uhr in der Nacht aufstehen! Nein, Pinaud, das ist meinen Gewohnheiten zuwider. Aber so ganz übel ist deine Idee nicht, ich muss nach Paris reisen, aber ich habe die Reise von einem Tage zum andern verschoben – jetzt bin ich entschlossen einzusteigen und die ganze Fahrt bis Paris mitzumachen.«

»Sie wollen nach Paris reisen, und haben nicht schon vor acht Tagen auf dem Postamt Ihren Platz bezahlt, um einen Eckplatz zu bekommen und nicht rückwärts fahren zu müssen! Fürwahr, die Leute haben Recht, Herr Chevalier: Sie sind nicht mehr zu erkennen. – Steigen Sie ein,« setzte er hinzu, indem er auf eine Feder drückte und die Wagentür aufmachte. »Wenn einer von den Herren eine Schöne wäre, wie die, welche Sie in Ihr Haus genommen haben, so würde ich diesen Vorfall ganz begreiflich finden, und ich würde Sie um Lösung dieses Rätsels ersuchen, wenn ich nicht vier Lieues in der Stunde zurücklegen müsste.«

Der Chevalier de la Graverie stieg in den Postwagen und sank erschöpft auf den Vordersitz, während der Hund mit den Vorderfüßen auf seinen Schoß stieg und ihm die Wangen leckte.

IV
Was sich im Postwagen zutrug und was für ein Gespräch darin geführt wurde

Die beiden Offiziere hatten den Chevalier de la Graverie ohne Widerrede im Postwagen Platz nehmen lassen. Louville, der sich in seinen Mantel gehüllt und in eine Ecke gedrückt hatte, war sogar eingeschlafen, oder hatte sich wenigstens so gestellt, Gratien hingegen hatte mit Aufmerksamkeit und Unruhe alle Bewegungen des Chevaliers beobachtet. Der junge Offizier schien zu ahnen, dass unter der scheinbar harmlosen Außenseite ein gefährlicher Feind verborgen sei. Er wollte daher ein Gespräch anknüpfen, sobald der Chevalier seinen Platz eingenommen hatte.

Aber der Chevalier streckte die Hand aus und sagte:

»Erlauben Sie mir Atem zu schöpfen und mich zu erholen; denn ich gestehe, dass ich an solche Wettrennen und Gemütsbewegungen nicht gewöhnt bin. Später können wir plaudern, wie Sie zu wünschen scheinen; aber wir werden vielleicht ernster mit einander reden als Sie erwarten. Fürwahr, Pinaud hat mir einen großen Dienst erwiesen, dass er den Wagen anhalten ließ: meine Kräfte waren erschöpft und ich war schon im Begriff, die Wagentür loszulassen und auf die Landstraße zu fallen – und dies hätte in meinem Alter bedenkliche Folgen haben können.«

»Es ist wahr,« erwiderte der Offizier, »für solch gymnastische Übungen sind Sie nicht mehr jung genug.«

»Ich kann meinerseits wohl die Bemerkung machen,« entgegnete der Chevalier, »aber ich werde nicht dulden, dass Sie sich diese Bemerkung erlauben.«

»Beim Himmel,« lachte Gratien, »wenn Sie nicht verrückt sind, so sind Sie wenigstens ein origineller Kauz!«

»Er ist verrückt,« grunzte Louville aus seinem Mantel heraus.

»Mein Herr,« sagte der Chevalier, sich an Louville wendend, »mit Ihnen habe ich nichts zu tun; für jetzt spreche ich nur mit Herrn Gratien.«

»Ei, Sie scheinen mich zu kennen?« sagte Gratien.

»Allerdings, ich kenne Sie seit langer Zeit.«

»Doch nicht von der Schule her?« fragte der junge Offizier lachend.

»Ich wünschte,« erwiderte der Chevalier, »dass Sie in der Schule oder anderswo dieselbe Erziehung erhalten hätten die ich erhalten habe; es würde weder Ihrer Höflichkeit noch Ihren Sitten geschadet haben.«

»Bravo, Chevalier,« lachte Louville, »lesen Sie ihm tüchtig den Text.«

»Mit Vergnügen, mein Herr; denn Ihr Freund hat ungeachtet seiner schlechten Erziehung ein gutes, unverdorbenes Herz und dies macht mir einige Hoffnung, dass ich nicht tauben Ohren predige.«

»Bei nur hingegen —«

»Werde ich so wenig das Herz wie den Wuchs zu bilden suchen, ich würde zu spät kommen, um noch etwas zu bessern.«

»Bravo, Chevalier!« sagte Gratien, seinen Kameraden parodierend; »stecke das ein.«

»Ja, wenn noch Platz in seiner Tasche ist.« setzte der Chevalier hinzu.

»Was,« sagte Louville und steckte eine Hand aus dem Mantel, um sich den Schnurrbart zu drehen, »sind Sie etwa in den Postwagen gestiegen, um uns zu foppen?«

»Nein, ich bin eingestiegen, um ein ernstes Wort zu reden. Deshalb werde ich Sie ersuchen, sich jeder Einmischung in das Gespräch gefälligst zu enthalten. Denn ich erkläre Ihnen noch einmal, dass ich nur mit Herrn Gratien und nicht mit Ihnen zu tun habe.«

»Ich werde mich also mit Black unterhalten,« sagte Louville, der gern witzig sein wollte.

»Sie können mit Black sprechen, wenn’s Ihnen beliebt,« erwiderte der Chevalier, »aber ich bezweifle, dass Black Ihnen antworten wird, da er Ihre guten Absichten gegen ihn gewiss nicht vergessen hat.«

Jetzt soll ich sogar schlechte Absichten gegen Black haben!« sagte Louville; »warum stellen Sie mich nicht lieber gleich vor die Assisen?«

»Weil die Vergiftung eines Hundes von den Assisen leider nicht als ein Verbrechen bestraft wird, obschon manche Hunde nach meiner Meinung mehr zu beklagen sein würden, als gewisse Menschen.«

»Wahrhaftig, Gratien,« sagte Louville mit erzwungenem Gelächter, »ich kann Dir nicht mehr zürnen, dass Du uns die Ehre der Gesellschaft dieses Herrn verschafft hast; wenn die Reise ein paar Tage dauerte, so würden wir bei der Ankunft gewiss die besten Freunde von der Welt sein; leider aber sind wir in drei bis vier Stunden am Ziel.«

»Bei mir würde gerade das Gegenteil der Fall sein,« antwortete der Chevalier in seiner zugleich gutmütigen und spöttischen Weise, »je länger die Reise dauern würde, desto weniger würde ich Ihnen am Ende zugetan sein, und ich wünsche mir aufrichtig Glück, dass die unsrige nicht von längerer Dauer ist.«

»Mille cigarres!« fluchte der junge Offizier und richtete sich in jener Ecke auf; »sind Sie mit Ihren Impertinenz bald zu Ende?«

»Jetzt werden Sie gar böse,« erwiderte der Chevalier, »weil ich ein bisschen witziger bin als Sie. Bedenken Sie doch, dass ich doppelt so alt bin wie Sie; in meinem Alter würden Sie wahrscheinlich eben so witzig, vielleicht noch witziger sein als ich. Haben Sie nur Geduld, junger Herr; warten Sie, es wird schon kommen.«

»Sie scheinen uns darin unterrichten zu wollen, und wir müssen wohl gute Anlagen haben, sonst würden wir Ihnen nicht seit zehn Minuten ruhig zugehört haben.«

»Sie sprachen von einer ernsten Unterredung,« setzte Gratien hinzu; »ich bin bereit, Ihnen zuzuhören – vorausgesetzt, dass Sie sich von Ihrer Anstrengung genug erholt haben. Bis jetzt scheint die Anstrengung nur Ihre Zunge gespitzt zu haben.«

»Sie werden nachsichtig mit einem alten Manne sein und ihm seine zügellose Sprache verzeihen: die Zunge ist ja in meinem Alter die einzige Waffe, in deren Führung ich Fortschritte gemacht habe, es ist daher natürlich, dass ich einen ausgedehnten Gebrauch davon mache.«

»Gut, erklären Sie sich,« sagte Louville; »die Station ist nicht weit entfernt, und wie interessant auch Ihre Mitheilung sei, so bin ich doch keineswegs in der Stimmung den süßen Schlaf zu opfern, in den man so sanft ein gewiegt wird. Der Postwagen ist die einzige Maschine, die mich an meine Kindheit erinnert: das Rollen der Räder schläfert mich ein, wie ein Wiegenlied. – Lassen Sie hören, was haben Sie uns mitzuteilen?«

»Eine sehr ernste und zugleich geringfügige Angelegenheit – eine jener Angelegenheiten, welche den Herren, die bald hier, bald dort in Garnison liegen, viel Spaß zu machen pflegen, obschon Verzweiflung, Elend oder Selbstmord oft die Folge davon ist. Es handelt sich um eine Verführung, deren sich Herr Gratien schuldig gemacht hat.«

Gratien stutzte; vielleicht würde er geantwortet haben, wenn ihm Louville nicht zuvorgekommen wäre.

»Und Sie nehmen die Schöne von Amtswegen in Schutz?« sagte er; »der Lohn für Ihre Bemühungen wird nicht ausbleiben, denn die Verführte wird gewiss nicht undankbar sein. Mit Don Quixote war es ziemlich aus der Mode gekommen, den Beschützer der verfolgten Unschuld zu spielen; Sie haben diese Rolle aus der Rumpelkammer hervorgesucht. Bravo!«

»Ich habe Ihnen schon gesagt,« erwiderte der Chevalier, »dass ich mit Ihnen gar nichts zu tun habe. Ich spreche mit Herrn Gratien: wenn er Sie früher nicht als Dolmetscher seiner Gefühle brauchte, so kann er Sie auch jetzt, wo er sein Unrecht wieder gut zu machen hat, füglich entbehren.«

»Wer hat Ihnen denn gesagt, dass ich in dieser Angelegenheit sein Ratgeber nicht gewesen sei?«

»Das würde mich gar nicht wundern; aber ich würde dann Ihren Freund um so mehr beklagen.«

»Warum denn?«

»Weil er das zweite Opfer Ihrer Ruchlosigkeit wäre.«

»Reden Sie,« sagte Gratien; »wer ist das Mädchen, das ich verführt haben soll?«

»Sie haben vorhin den Namen genannt: es ist Therese, die Besitzerin dieses Hundes,«

Gratien blieb einige Augenblicke stumm, dann stammelte er:

»Was verlangen Sie in Theresens Namen von mir?«

»Natürlich, dass Du sie heiratest!« sagte Louville höhnisch; »der Herr Chevalier würde sich sonst wohl nicht bemüht haben. Sprich, Gratien, bist Du bereit, die schöne Therese zum Altar zu führen? Nun, dann schreibe an den Obersten, bitte deinen Papa und den Minister um Erlaubnis; und schlafe ein. Wir wissen jetzt, was man von Dir verlangt, und haben nichts Besseres zu tun.«

»Sie sehen wohl,« erwiderte Gratien, dem die Einrede, seines Freundes wieder einiges Selbstvertrauen gegeben hatte, »dass alles dies nur Scherz sein kann. Ich bin allerdings bereit, gegen Therese meine Pflichten als Ehrenmann zu erfüllen aber —«

»Aber Sie haben diese Pflichten bereits verletzt,« sagte der Chevalier.

»Wie so?«

»Allerdings; die erste Pflicht eines Ehrenmannes ist, seinem Kind einen Namen zu geben.«

»Wie!« unterbrach ihn Gratien, »Therese ist —«

»Es ist leider noch nicht die traurigste Folge Ihrer Tat,« sagte der Chevalier.

»Und wenn es wäre?« fiel ihm Louville wieder ins Wort; »was verlangen Sie denn von ihm? Soll etwa jedem Regiment eine Schwadron von Ammen und Wärterinnen beigegeben werden? Wir haben die Garnison gewechselt; es ist fatal für die Schöne; sie mag sich unter den Uhlanen, die uns abgelöst haben, einen Tröster suchen; sie ist so hübsch, das sie nicht lange zu suchen braucht.«

»Teilen Sie die Ansicht Ihres Freundes?« fragte der Chevalier den Lieutenant Gratien.

»Nicht ganz. Louville geht in seiner Freundschaft für mich viel zu weit. Es ist wahr, ich habe Unrecht getan, und ich würde viel geben, wenn ich Therese nie gesehen hätte. Ich bin daher bereit, Alles zu tun, was ich kann, um ihre Lage zu erleichtern, und diese Versicherung wird Ihnen genügen. Sie sind ein Mann von Welt und werden einsehen, wie wenig eine solche Verbindung mit meiner sozialen Stellung vereinbar sein würde.«

»Sie irren sich, Herr Gratien; diese Erklärung genügt mir nicht; ich habe noch eine gute Meinung von Ihnen und hoffe, dass meine Bitten nicht fruchtlos bleiben werden.«

»Dann muss ich Ihnen antworten, das, die Erfüllung Ihres Wunsches unmöglich ist.«

»Nichts ist unmöglich,« entgegnete der Chevalier, »wenn eine Pflicht zu erfüllen ist. Ich kann aus eigener Erfahrung sprechen. Noch vor einigen Jahren schauderte ich bei dem Anblick eines bloßen Degens; der Knall eines Gewehrs setzte mich in Schrecken; die mindeste Veränderung meiner Lebensweise machte mich aufgeregt, verstimmt. Jetzt fahre ich, statt in meinem Bett zu schlummern, in einer schlechten Postkutsche – und noch dazu rückwärts, was mir ganz besonders unangenehm ist, und bin bereit noch mehr zu tun. Alles dies tue ich, weil es mir die Pflicht gebietet. Sie sind noch jung und können noch ganz andere Dinge möglich machen.«

Gratien wollte antworten, aber Louville kam ihm wieder zuvor.

»Sie sind von Sinnen, mein lieber Herr,« sagte er zu dem Chevalier de la Graverie; »Sie müssten denn – doch ich will Ihnen ein Mittel vorschlagen. Da Sie die Verheiratung der schönen Therese für so notwendig halten, da das Kind nach Ihrer Meinung einen Namen haben muss, so können Sie ja die Mutter heiraten, und das Kind anerkennen.«

»Die ablehnende Antwort des Herrn Gratien würde mich dazu bewegen, wenn nicht Hindernisse, die ich Ihnen verschweigen muss, im Wege ständen.«

»Mille cigarres!« erwiderte Louville. »Sie sind großartig!«

»Entschuldigen Sie,« sagte Gratien, »soeben leugneten Sie die Unmöglichkeit, und jetzt schützen Sie dieselbe vor. Wozu dieses Vorrecht zu Ihren Gunsten?«

»Es lassen sich zwei Fälle denken: ich kann ja verheiratet oder mit Therese zu nahe verwandt sein, um ihr Gatte zu werden.«

»Das ist wahr.«

»Sie hingegen sind unverheiratet und können auch das Hindernis der Verwandtschaft nicht vorschützen.«

Gratien schwieg.

»Prüfen Sie ruhig die Verhältnisse,« fuhr der Chevalier fort; »was würde Sie hindern, in Ihren eigenen Augen und in der Meinung Ihrer Freunde ein Ehrenmann zu bleiben? Warum würden Sie sich weigern, einem Mädchen Ihren Namen zu geben, das Sie feurig genug geliebt haben, um eine Tat zu begehen, die einem Verbrechen sehr ähnlich ist, und so Ihr Kind anzuerkennen? Gegen das Äußere der Person, die ich als Ihre künftige Gattin betrachte, haben Sie doch gewiss nichts einzuwenden?«

»Das ist wahr,« antwortete Gratien.

»Ein hübsches Lärvchen —« höhnte Louville, »Und was ihren Charakter betrifft, so ist sie die Sanftmut selbst, und ich schwöre Ihnen, dass die Dankbarkeit die Liebe ersetzen wird.«

»Aber sie ist eine Grisette —«

»Sie ist allerdings nur eine Arbeiterin, und das ist nicht immer dasselbe. Aber ich kenne viele vornehme Damen, die nicht die angeborene Anmut und Würde dieses Mädchens besitzen. Therese wird nach kurzem Verkehr mit der eleganten Welt gewiss eine sehr distinguierte Dame werden.«

»Topp! Die Sache ist abgetan,« höhnte Louville; »ihre persönlichen Vorzüge sind zwanzigtausend Livres Renten unter Brüdern wert!«

»Aber meine Familie,« entgegnete Gratien, »meine Familie ist reich und von Adel. Glauben Sie, dass sie zu einer solchen Verbindung ihre Einwilligung geben würde?«

»Wer sagt Ihnen denn, dass Theresens Familie nicht ebenso angesehen sei, wie die Ihrige?«

»Der Spaß ist köstlich,« sagte Louville; »Therese wird uns als Herzogin vorgestellt werden, die zu ihrem Vergnügen Hemden näht!«

»Noch mehr,« setzte der Chevalier hinzu, ohne diese höhnischen Worte zu beachten: »wer sagt Ihnen, dass Therese nicht einst ein Vermögen zu erwarten hat, welches dem Ihrigen mindestens gleich ist?«

»Wenn das wäre —« sagte Gratien verlegen.

»Bist Du wirklich so leichtgläubig. Gratien?« unterbrach ihn Louville mit Ungestüm. »Du bist von Sinnen! Zum Glück bin ich da, um Dich aus der Klemme zu ziehen. Antworte doch rundweg Nein, damit wir ruhig schlafen können, und schicke den alten Narren mit seiner Infantin und seinem Hunde zum Teufel!«

Dabei gab er Black, dem er nie sehr gewogen gewesen war, einen Fußtritt.

Black fing an zu heulen.

Der Chevalier war über diese Rohheit empört.

»Mein Herr,« sagte er, »bis jetzt haben Sie durch Ihre Reden bewiesen, dass Sie ein Narr sind; jetzt zeigen Sie sich als einen rohen, ungeschliffenen Menschen! Wer den Hund misshandelt, beleidigt den Herrn.«

»Ich habe Ihren Hund getreten, weil er mir lästig ist. Ich werde den Conducteur rufen und die Vollziehung der Vorschrift verlangen: » Die Passagiere brauchen keine Hunde im Postwagen zu dulden.«

»Dumesnil, das ist mein Hund, ist hier hundertmal mehr an seinem Platz, als Sie. Den Fußtritt, den Sie meinem armen Freunde gegeben, würden Sie teuer bezahlen, wenn ich es nicht ausschließlich mit Ihrem Freunde zu tun hätte und nicht fest entschlossen wäre, mein Ziel im Auge zu behalten. – Erklären Sie sich,« sagte er zu Gratien. »Diese ganze Erörterung ist mir eben so unangenehm wie Ihnen. Wollen Sie dem Mädchen die geraubte Ehre wieder geben oder nicht?«

»Auf die so gestellte Frage kann ich nicht anders als Nein antworten!«

»Sie haben ein armes, schutzloses, allein stehendes Mädchen mit Ihren Antragen verfolgt; Sie haben eine unwürdige List angewandt, um sie zu verführen – ich habe noch eine zu gute Meinung von Ihnen, um zu glauben, dass es Ihnen wirklich Ernst sei mit diesem Nein, und dass Sie wirklich so niederträchtig sein könnten, die unglückliche Mutter ihrer Verzweiflung zu überlassen und Ihr Kind dem öffentlichen Mitleid preiszugeben – «

»Herr Chevalier,« erwiderte Gratien, »ich bin ein Edelmann, wie Sie, und in dieser Eigenschaft habe ich mich gewöhnt, das Alter zu ehren; aber diese Ehrfurcht kann nicht so weit gehen, mich beleidigen zu lassen. Sie haben ein Wort zu viel gesagt; ich ersuche dasselbe zurückzunehmen.«

Gratien sprach diese letzten Worte mit der beleidigten Würde eines wahren Edelmannes.

»Ja, ich will Alles zurücknehmen, was Sie wünschen,« sagte der Chevalier, der wohl einsah, dass er zu weit gegangen war; »aber ich beschwöre Sie, willigen Sie in mein Verlangen! Wenn Sie wüssten, wie viel die arme Therese gelitten hat, wenn Sie wüssten, wie wenig sie zum Dulden geschaffen ist! Sie ist so gut, so sanft, so gefühlvoll! Sie würden dann eine gute Thai gewiss nicht bereuen. Ich werde ihr einen ehrenhaften Namen, den meinigen, als Angebinde geben. Wenn Sie sich Reichtum wünschen, um das Leben zu genießen, so will ich Ihnen mein Vermögen abtreten und mir nur eine kleine Leibrente vorbehalten. Sie selbst mögen diese Rente bestimmen, ich begnüge mich mit dem was, Sie mir lassen wollen. Ich werde mich Ihres Glückes freuen;

»Sie werden mir erlauben Therese von Zeit zu Zeit zu sehen – das wird uns genügen, nicht wahr, Black? nicht wahr, mein alter Freund? Erfüllen Sie meinen Wunsch, ich beschwöre Sie auf den Knien!«

Der Chevalier machte wirklich eine Bewegung, als ob er ihm zu Füßen fallen wollte; aber Gratien hielt ihn zurück.

»Im Grunde,« sagte Louville, »ist es eine recht hübsche Spekulation; ich an deiner Stelle würde die Sache überlegen.«

Der Chevalier fühlte den bitteren Hohn, der in diesen Worten lag, und erwiderte:

»Ist es denn nicht genug, dass Sie durch Ihre Einflüsterungen die arme Therese ins Unglück gestürzt haben? Wollen Sie auch noch jede bessere Regung in dem Herzen Ihres Freundes ersticken? Was hat Ihnen denn das unschuldige Mädchen getan, dass Sie Herrn Gratien zu hindern suchen, ein Vergehen wieder gut zu machen, das Sie eigentlich mehr verschuldet haben als er?«

Unglücklicherweise hatten Louvilles Worte ihre Wirkung nicht verfehlt.

»Sie haben vielleicht Recht,« erwiderte Gratien, »ich will Ihnen nicht verhehlen, dass mich Ihre Worte gerührt hatten; aber die Vernunft muss über alle anderen Rücksichten die Oberhand gewinnen; kurz, ich werde Therese nicht heiraten.«

»Ist das Ihr letztes Wort?«

»Ja; ich kann ein armes Mädchen von niederem Stande nicht heiraten und eine Spekulation halte ich unter meiner Würde.«

Der Chevalier drückte die Hände auf das Gesicht, er vermochte seinen Schmerz nicht zu verbergen.

»Ihr Schmerz tut mir weh,« setzte Gratien hinzu; »aber mein Entschluss ist unwiderruflich. Ich halte es daher für gut, Ihnen Platz zu machen. Wir sind auf der Station, ich will den Courier ersuchen, mich mitzunehmen.«

Der Postwagen hielt an und der junge Offizier stieg aus, ohne dass ihn der Chevalier durch ein Wort, eine Gebärde zurückzuhalten suchte.

»Jetzt,« sagte Louville, »dürfte es Zeit sein, uns gegenseitig gute Nacht zu wünschen; ich will die Zeit, die Sie mir geraubt, wieder einzubringen suchen.«

»Ich will indes die Gefälligkeit, von der Sie mir so viele Beweise gegeben, noch einmal missbrauchen,« erwiderte der Chevalier mit Ironie: »Ich ersuche Sie um die Adresse Ihres Freundes.«

»Warum?« fragte Louville.

»Ich möchte noch einmal versuchen, sein Herz zu rühren.«

»Es wird Ihnen nichts nützen; Sie haben ja gehört, dass sein Entschluss unwiderruflich ist.«

»Ich werde nicht nachlassen; ein Vater wird nie müde, für sein Kind zu bitten – und Therese ist beinahe mein Kind.«

»Ich sage Ihnen ja, es wird Ihnen nichts helfen!«

»Nun, dann bitte ich um Ihre Adresse.«

»Um meine Adresse! Sie wollen mich doch nicht ins Ehejoch bringen?«

»Ich bitte um Ihre Karte!« wiederholte der Chevalier.

»Mille cigarres!« Sie nehmen ja eine fast herausfordernde Miene an! Sie sind doch nicht der selige St. Georges?«

»Nein, ich bin ein friedliebender Mann, der ein Feind aller Raufereien ist und sich nur höchst ungern entschließt, das Blut eines Mitmenschen zu vergießen.«

»Nun, dann schlafen Sie ruhig, mein lieber Herr, und plagen Sie mich nicht länger um ein Stück Karton, das Ihnen in Ihrer friedlichen Stimmung ganz unnütz sein würde.«

Louville legte seinen Kopf in die Ecke des Wagens und bald darauf fing er an zu schnarchen.

Der Chevalier La Graverie schlief nicht; er sann den noch übrigen Teil der Nacht darüber nach, was er zu seinem Bruder sagen sollte, und wie er die Spuren von Theresens Geburt auffinden könnte. Er war so sehr in Gedanken vertieft, dass es ihm ungeachtet seines Widerwillens gegen das Rückwärtsfahren gar nicht einfiel, den von Gratien verlassenen Platz einzunehmen.

Am andern Morgen um fünf Uhr hielt der Wagen auf dem Posthofe zu Paris.

Der Chevalier fand sich wieder mit seinen beiden Reisegefährten zusammen. Er hätte gern noch einen Versuch gemacht, das Gespräch wieder auf Therese zu lenken, aber Louville ließ ihm nicht Zeit dazu; er nahm Gratiens Arm, und Beide entfernten sich in Begleitung eines Trägers, der das Gepäck fortschaffte.

Der Chevalier ließ einen Fiaker kommen. Der Kommissionär, der einen Reisekoffer zu den Füßen des Chevaliers sah, brachte den Koffer auf den Bock und erhielt von dem in Gedanken vertieften Chevalier einen Frank für seine Bemühung.

Der Chevalier ließ Black zuerst in den Fiaker steigen und nahm dann schlotternd neben ihm Platz, denn er war ohne Mantel abgereist, und in der Früh war’s sehr kühl.

Wohin fahren Sie?« fragte der Kutscher.

»In die Rue de Varennes. Nr. **,« antwortete der Chevalier.

V
Wie der Baron de La Graverie die Gebote des Evangeliums auslegte und ausübte

Obgleich es erst halb sechs Uhr war, so kam es dem Chevalier de la Graverie doch nicht in den Sinn, den seinem Bruder zugedachten Besuch aufzuschieben.

Wie alle Leute, die schwer einen Entschluss fassen, mochte der Chevalier, sobald er sich aus seiner behaglichen Ruhe aufgerüttelt, weder zögern noch warten.

Überdies hielt er die Fragen, die er dem Baron vorlegen wollte, für so wichtig, dass er nicht zweifelte, alle Türen des Hotels de la Graverie würden sich vor ihm auftun.

Der Baron hatte eine andere Wohnung bezogen; er bewohnte ein großes Haus in der Straße St. Guillaume, eines jener geräumigen Gebäude, deren weite Räume gemeiniglich auffallend abstechen gegen den kleinlichen Luxus und die sparsame Lebensweise der heutigen Bewohner.

Der Fiaker hielt vor einem großen Hausthor, dessen schweren Klopfer der Kutscher zu wiederholten Malen ertönen ließ.

Es blieb Alles still im Hause.

Der Kutscher pochte noch stärker; endlich ließ sich an einem kleinen Fenster neben dem Haustore eine belfernde Stimme vernehmen, die aber erst lange parlamentirte, ehe sie sich entschloss, die Schnur zu ziehen.

Der Chevalier stieg aus, bezahlte seinen Kutscher, rief Black, der sogleich zu Rekognoszieren begann, und wandte sich an eine baumwollene Zipfelmütze, denn von dem Kopfe, den dieselbe bedeckte, war hinter einer aus dem Guckfenster gehaltenen Kerze nichts zu sehen.

»Ist der Herr Baron de la Graverie sichtbar?« fragte der Chevalier.

»Was beliebt?« fragte der Pförtner.

Der Chevalier wiederholte seine Frage.

»Sie sind nicht bei Trost, mein lieber Herr,« rief der Haubenkopf aus dem Guckfenster; »sagen Sie mir gefälligst wie viel Uhr es ist.«

Der Chevalier zog seine Uhr hervor und bot seine ganze Sehkraft auf, um in dem Dämmerlicht den Zeiger zu erkennen.

»Sechs Uhr, mein Freund – oder meine liebe Frau,« sagte der Chevalier, »denn die Kerze brennt so trübe, das, ich wahrhaftig nicht weiß, welchem Geschlechte Sie angehören, und ob ich das Vergnügen habe, mit dem Hausmeister oder der Hausmeisterin meines Bruders zu sprechen.«

»Was, Sie sind der Bruder des Herrn Baron?« sagte der Haubenkopf erstaunt, und die Bewegung der Kerze bewies, dass die magere Hand, welche den schmutzigen Leuchter hielt, dieses Erstaunen teilte. »Kommen Sie doch herein, gnädiger Herr; es ist kalt draußen, ich fühle an meiner Nase, dass ich den Schnupfen bekomme.«

»Wäre es nicht einfacher, wenn Sie mich zu meinem Bruder führten?«

»Zu Ihrem Bruder?« erwiderte der Kopf; »das geht nicht, mein lieber gnädiger Herr. Der Kutscher steht erst um sieben Uhr auf; bei dem Kammerdiener wird es erst um acht Uhr Tag, und es wird elf Uhr, bis der Herr Baron rasiert, frisiert, gepudert und angekleidet ist. Sie müssen sich gedulden. Kommen Sie doch herein!«

Bei diesen Worten zog sich der Kopf zurück und das Guckfenster wurde geschlossen.

Aber gleich darauf tat sich die Tür auf und öffnete dem Chevalier das warme qualmende Stübchen.

»Ich habe große Eile,« sagte der Chevalier, der sich nicht entschließen konnte, die Schwelle der Stube zu überschreiten, »ich habe etwas sehr Wichtiges mit meinem Bruder zu reden.«

»Ich würde meinen Platz verlieren, wenn ich Ihren Wunsch erfüllen wollte. O nein, der Herr Baron hält zu sehr auf Etikette, man muss seinen Befehlen pünktlich gehorchen.«

»Ich nehme die Verantwortung auf mich, liebe Frau, denn ich sehe jetzt, dass Sie dem weiblichen Geschlechte angehören. Hier ist ein Louisd’or für Ihre Bemühung.«

Die Hausmeisterin streckte die Hand aus, um das Goldstück in Empfang zu nehmen; aber das Gespräch wurde durch ein lautes Gepolter im Hofe unterbrochen In dieses Gepolter mischten sich lautes Gebell und Angstgeschrei von aufgescheuchtem Geflügel. Die Hausmeisterin eilte in den Hof und rief:

»O mein Gott, was ist denn den Cochinchina-Hühnern des Herrn Baron geschehen?«

Der Chevalier, der Black nicht bei sich sah, ahnte sogleich was geschehen war. Kaum hatte die Hausmeisterin den Hof betreten, so brachte Black seinem Herrn einen gewaltigen großen Hahn, dessen herabhängender, baumelnder Kopf hinlänglich bewies, dass er bereits des Todes verblichen war.

Es war wirklich ein prächtiger Hahn von der damals noch sehr seltenen Cochinchina-Race.

Der Chevalier fasste den Hahn bei den Füßen und bewunderte ihn, während Black sein Opfer schmunzelnd betrachtete und mit seinem eben vollbrachten Meisterstücke ungemein zufrieden zu sein schien.

Aber die Hausmeisterin schien keineswegs geneigt, die Bewunderung des Herrn und die Befriedigung des Hundes zu theilen, denn sie begann ein klägliches Geschrei.

Alle Fenster im Hofe werden nun hell und an jedem Fenster erscheint ein mit einem Tuch umwundener oder mit einer Nachtmütze bedeckter Kopf.

Es war die Dienerschaft des Baron de la Graverie.

Jeder Kopf ließ eine Stimme von verschiedener Höhe, aber von ziemlich gleicher Stärke hören, und jede Stimme fragte unwillig nach der Ursache des Tumultes, der so viele brave Leute in ihrem Schlummer störe.

Daraus entstand ein wahrer Höllenlärm, welcher bald durch das helle Klingen einer heftig gezogenen Glocke übertönt wurde.

»Der Herr Baron ist erwacht!« riefen alle dienstbaren Geister einstimmig und mit einer Präzision, als ob diese Worte einstudiert wären. Der Tumult hörte nun plötzlich auf, und dies gab dem Chevalier einen hohen Begriff von der im Hause seines Bruders herrschenden Ordnung.

»Madame Wilhelm,« sagte der Kammerdiener, indem er seine Zipfelmütze abnahm und seine kahle, blanke Glatze zum Vorschein brachte; »melden Sie dem Herrn Baron, was vorgefallen ist und erklären Sie ihm, wie fremde Leute zu dieser nächtlichen Stunde in das Hotel kommen.«

»Ich getraue mich nicht,« antwortete die Hausmeisterin.

»Ich will gehen!« sagte der Chevalier.

»Wer sind Sie?« fragte der Kammerdiener.

»Wer ich bin? Ich bin der Chevalier de la Graverie, und will meinen Bruder besuchen.«

»So! der Herr Chevalier!« sagte der Kammerdiener. »Bitte tausendmal um Verzeihung, dass ich mich im tiefsten Negligee vor Ihnen präsentiere. Erlauben Sie, dass ich mich schnell ankleide, ich werde dann die Ehre haben, Sie zu Ihrem Herrn Bruder zu führen.«

Ein paar Minuten nachher erschien der alte Diener an der Tür des Vorsaals und empfing den Chevalier mit vielen und tiefen Bücklingen.

Er führte ihn zuerst eine breite steinerne Treppe mit eisernem Geländer hinauf und durch einige Zimmer, deren Meubles einst vergoldet, später aber aus Sparsamkeit weiß angestrichen worden waren. Dann klopfte er leise an eine Tür, trat ein und meldete mit pomphaftem Tone, als ob er einen fremden Gesandten zu einem Minister führte:

»Der Herr Chevalier de la Graverie!«

Der Baron de la Graverie lag in einem ziemlich armseligen Bett ohne Vorhänge. Wie alle Edelleute, welche die schwere Prüfung der Auswanderung überstanden hatten, war der Baron gewohnt geworden, alle Behaglichkeit des Lebens zu verschmähen. Außer dem Bett bestand die ganze Einrichtung des Zimmers in einer Kommode, einem Schreibtisch von Mahagoniholz, einem Nachttisch und einigen Stühlen.

Auf dem Kamin standen zwei übersilberte Leuchter und zwei Porzellanvasen, zu beiden Seiten des Spiegels hingen verschiedene Medaillons, welche Ludwig XVIII., Carl X. und den Dauphin darstellten. Dies waren alle Verzierungen dieses unwohnlichen Zimmers, welches dem Reichtum des Herrn vom Hause und dem Luxus der ihn umgebenden Dienerschaft keineswegs entsprach.

Als der Kammerdiener den Chevalier meldete, stützte sich der Baron auf den Ellenbogen, schob mit der linken Hand ein bis auf die Augen herabgehendes Schnupftuch und fragte ohne die mindeste freundliche Begrüßung:

»Wo in aller Welt kommen Sie denn her, Chevalier? Jamin, ein Tabouret für meinen Bruder!«

Der arme Chevalier fühlte sich sehr schmerzlich berührt durch diesen kalten Empfang. Es waren wohl fünfzehn Jahre her, dass er seinen älteren Bruder nicht gesehen, und wie auch das Benehmen des Letzteren gewesen sein mochte, so hatte er doch nicht ohne tiefe Rührung an das bevorstehende Wiedersehen gedacht; er war so entrüstet über die Gleichgültigkeit, mit welcher ihn der Baron de la Graverie empfing, dass er anfangs kein Wort sprach.

Der Baron war um so redseliger.

»Par la sambleu! sagte er und musterte seinen Bruder mit frivoler Neugierde.

»Ich mache Ihnen nicht dasselbe Kompliment, Baron,« erwiderte der Chevalier;

»ich finde zu meinem Vergnügen, dass Sie noch eben so aussehen, wie an dem Tage, als wir uns zum letzten Male sahen.«

Er sagte die Wahrheit: der Baron de la Graverie war früh gealtert; aber seine Runzeln, seine grauen Haare hatten sich nicht vermehrt – vermutlich eine Folge der Sorglosigkeit, die er mit allen Egoisten gemein hatte.

»Was führt Sie denn zu mir, Chevalier?« setzte der Baron hinzu; »Sie müssen in einer sehr wichtigen Angelegenheit kommen, da Sie zu einer so ungebührlichen Stunde mein Haus erstürmen. Wo kommen Sie her? Mein Notar, bei welchem ich mich zuweilen nach Ihren Vermögensverhältnissen und zugleich nach Ihrem Befinden erkundigte, sagte mir, wenn ich nicht irre, dass Sie in Chartres und in Meaux wohnen, ich weiß es nicht mehr genau – ich glaube in Chartres, nicht wahr?«

»Ja, ich wohne in Chartres.«

»Nun, wie lebt man dort? Sind die Gutgesinnten zahlreich? Hat Philipp von Orleans viele Freunde? In Paris nagt ein unheilbarer Krebsschaden an der Gesellschaft: die »Gazette de France« fängt an zu faseln, Chateaubriand und Fitzjames werden liberal, und viele Leute von Familie gehen zu den Orleanisten über. Kurz, wir leben in einer kläglichen Zeit. Erst gestern nannte die Quotidienne eine Unzahl der vornehmsten Männer, Herzoge und Marquis, deren Großväter in der Kutsche des Königs gesessen und die sich nicht entblöden, mit Eisen und Steinkohlen zu handeln.«

»Wenn es Ihnen gefällig ist, Baron,« erwiderte der Chevalier, »so wollen wir später von den öffentlichen Angelegenheiten reden; für jetzt habe ich von Privatsachen zu sprechen.«

»Gut, gut!« sagte der Baron etwas unwillig, »nach Belieben. Aber was rührt sich denn an Ihrer Seite?«

»Es ist mein Hund; achten Sie nicht weiter darauf.«

»Seit wann, lieber Chevalier, macht man denn mit einer solchen Eskorte Besuche bei einem älteren Bruder? Ein Hund gehört in den Hundestall und wenn er von guter Race ist, so lässt man ihn durch den Jägerburschen bringen, wenn man ihn zeigen will. Er wird meinen Teppich beschmutzen!«

Der Teppich des Baron de la Graverie war sehr fadenscheinig und schien bisher gegen Schmutz jeder Art sehr gleichgültig gewesen zu sein.

»Fürchten Sie nichts, Baron,«antwortete der Chevalier sehr bescheiden, denn er sah wohl ein, dass er seinen altern Bruder bei guter Laune erhalten musste; »Black ist sehr reinlich, und ich habe ihn mitgenommen, weil er mich selten verlässt – er ist mein Freund.«

»Ein seltsamer Geschmack, sich Freunde unter den Hunden zu suchen!«

Der Chevalier hatte große Lust zu antworten, dass aufrichtige Freundschaft unter den Menschen, so selten und wahre Zuneigung bei den Tieren viel leichter zu finden sei, aber er widerstand der Versuchung und schwieg.

Unglücklicherweise war der Baron de la Graverie mit Black noch nicht fertig.

»Sehen Sie doch, Chevalier,« sagte er, »was Ihr verwünschter Hund in den Pfoten hält!«

Der Chevalier sah sich so rasch um, dass Black glaubte, sein Herr winke ihn zu sich. Der Hund nahm daher den erwürgten, und in der Verwirrung ganz vergessenen Hahn wieder auf und trat in den Lichtkreis, den die Lampe um das Bett verbreitete.

Es war der Beruf des braven Black, zu erwürgen und zu apportieren, er bildete sich daher nicht wenig auf seine Heldentat ein und hielt den Hahn hoch empor.

Als der Baron den tobten Cochinchina-Hahn erblickte, richtete er sich im Bett auf.

»Diable!« eiferte er, »Ihre dumme Bestie hat ein schönes Meisterwerk vollbracht! Ein Cochinchina-Hahn, den ich von London bezogen und mit zwölf blanken Louisd’or bezahlt habe! Sie hätten wahrlich etwas Besseres tun können, Chevalier, als in solcher Begleitung hierher zu kommen! Ich sollte meine Leute rufen Und die verwünschte Bestie aufhängen lassen!«

»Black aufhängen lassen!« erwiderte der Chevalier, entrüstet über diese Drohung. »Ich habe Ihnen schon gesagt, Baron, dass dieser Hund mein Freund ist, und ich werde ihn nötigenfalls mit meinem Leben verteidigen!«

Der Chevalier war von seinem Tabouret aufgesprungen, ergriff dasselbe und hielt es hoch empor, als ob er sich im Angesicht eines Feindes befunden hätte. Der Baron war höchst erstaunt über diese drohende Haltung, denn er hatte seinen Bruder immer nur als einen zaghaften, unschlüssigen Menschen gekannt.

»Sind Sie denn von der Tarantel gestochen, Chevalier?« sagte der Baron de la Graverie; »ich habe Sie nie in einer so heroischen Stimmung gesehen. Sie sind ja ein ebenso gefährlicher Gast wie Ihr Hund! – Reden Sie,« setzte er hinzu und warf einen Blick auf den unglücklichen Hahn, den Black inzwischen auf den Boden gelegt hatte, als ob er seinem Herrn nötigenfalls beistehen wollte; »sagen Sie geschwind, was Sie zu mir führt.«

Der Chevalier stellte das Tabouret wieder an seinen Platz und gab seinem Hunde einen beruhigenden Wink.

»Ich wünsche etwas über Madame de la Graverie zu erfahren,« sagte er.

Wenn der Blitz in das Schlafzimmer eingeschlagen hätte, so würde sich der Baron nicht mehr gewundert haben, als über diese unerwartete Frage.

»Über Madame de la Graverie,« erwiderte er; »mich dünkt, lieber Dieudonné, das » Sie diese Erkundigung ein bisschen spät einziehen.«

»Ja, das ist wahr,« antwortete der Chevalier; »ich gestehe, dass es schicklicher von mir gewesen wäre, diese Erkundigungen gleich nach meiner Rückkehr einzuziehen; aber ich habe andere Sorgen —«

»Vermutlich die Sorge um Ihre eigene werte Person,« unterbrach ihn der Baron; »denn aus den Nachrichten, die ich über Sie erhalten, und aus Ihrer Beleibtheit lässt sich leicht schließen, dass Sie für Ihren Magen sehr gut gesorgt haben und dass es Ihnen an Zeit fehlte, sich um Ihren Bruder und um Ihre Gemahlin zu kümmern.«

»Kurz und gut, Baron, ich wünsche jetzt zu wissen, was nach meiner Abreise aus Mathilde geworden.«

»Mein Gott! was soll ich Ihnen sagen? Ich sah sie nur einmal, als die Angelegenheiten, deren Leitung Sie mir übertragen, zu ordnen waren, und ich muss gestehen, dass ich sie willfähriger fand als ich erwartete: sie war ziemlich vernünftig und begriff die eigentümliche Lage, in welche sie durch ihren Fehltritt gekommen war; sie fügte sich ziemlich bereitwillig in Alles, was ich in meiner Eigenschaft als Haupt der Familie verlangte.«

»Aber was für Bedingungen glaubten Sie ihr denn stellen zu müssen?« fragte der Chevalier, der mit Vergnügen sah, dass sein Bruder dem Verhör, welches er mit ihm abhalten wollte, entgegenkam. Zum Unglück war der Baron ein besserer Diplomat als der Chevalier; an der Verlegenheit seines jüngeren Bruders bemerkte er, dass et mit seiner Frage eine Nebenabsicht verband, und er beschloss, von den Verhandlungen mit seiner Schwägerin nichts zu sagen.

»Mein Gott!« erwiderte er in dem unbefangensten Tone von der Welt, »ich erinnere mich jetzt nicht mehr daran; so viel ich mich entsinne, war es das Versprechen, Ihren Namen nicht mehr zu führen, und endlich die Zustimmung zu dem Act, durch welchen mir für den Fall, dass Sie kinderlos sterben würden, Ihr Vermögen zufallen sollte.«

»Aber Mathilde war ja in gesegneten Umständen,« entgegnete der Chevalier;

»wie konnte sie sich entschließen, diesen Act, der ihr Kind dem Elend preisgab, zu unterzeichnen?«

»Eben die Leichtigkeit, mit der sie ihre Zustimmung gab, würde Ihnen beweisen, dass die gegen sie erhobenen Beschuldigungen gerecht und gegründet waren: sie wagte es ja nicht, das Vermögen, welches sie als das Erbteil ihres Kindes betrachten musste, zu verteidigen.«

»Aber was ist aus dem Kind geworden?« fragte der Chevalier entschlossen.

»Aus dem Kind? ich weiß ja nicht einmal, dass sie ein Kind gehabt hat. Glauben Sie denn, ich hätte Zeit gehabt, eine solche Kreatur bei ihren Liebesabenteuern zu beobachten? Ich weiß nicht was aus ihr geworden ist, ich habe nur erfahren, dass sie zwei Jahre nach der Geburt ihres Kindes gestorben ist; ich habe den Totenschein in meinem Schreibtische. Das Kind hat vielleicht gar nicht gelebt, denn sonst würde man mich gewiß ins Mitleid gezogen haben, um dem armen Wurm zu helfen: meine Gutherzigkeit ist ja allgemein bekannt.«

»Sie irren sich, Baron,« erwiderte der Chevalier verletzt durch die Geringschätzung, mit welcher sein Bruder von der einst so innig geliebten Person sprach, »das Kind lebt, es ist ein schönes Mädchen, das Ebenbild seiner Mutter.«

Der Chevalier sah wohl ein, dass er seinem Bruder dadurch einen schmerzlichen Schlag versetzte, und er stellte die noch bezweifelte Sache als gewiß dar.

Ungeachtet seiner Schlauheit und Selbstbeherrschung erblasste der Baron.

»Vermutlich eine verschmitzte Dirne« erwiderte er, »die Ihre Leichtgläubigkeit missbraucht, denn was Sie mir da sagen, ist unmöglich.«

Der Chevalier erzählte nun ausführlich die ganze Geschichte Theresens. Der Baron ließ ihn, ausreden; dann sagte er achselzuckend:

»Ich sehe, Chevalier, dass die Jahre an Ihrem Verstand nichts verändert haben. Sie sind von Sinnen, Mathilde hat kein Kind nachgelassen. Sie können sich darauf verlassen.«

Der Chevalier war seiner Sache selbst noch nicht gewiss, aber er blieb doch bei seiner Behauptung.

»Entschuldigen Sie, Baron,« erwiderte er, »trotz der Ehrerbietung, die ich Ihnen als dem Haupt der Familie schuldig bin, finde ich Ihre Behauptung nicht stichhaltig gegen die – »gegen die Beweise, die ich in Händen habe, wollte er sagen; aber seine Ehrlichkeit sträubte sich gegen diese Unwahrheit und nach kurzem Besinnen sagte er: »gegen meine gegründeten Vermutungen. Ich glaube im Gegenteil, dass Mathilde ein Kind hinterlassen hat, und ich habe fast die Gewissheit, dass dieses Kind das oben erwähnte Mädchen ist.«

»Sie werden sich doch nicht einfallen lassen, dieses Mädchen in unsere Familie einzuführen?«

»Allerdings,« erwiderte der Chevalier, den die Selbstsucht seines Bruders empörte, »ich habe die Absicht, meiner Tochter meinen Namen zu geben, sobald es mir möglich ist, der Welt zu beweisen, dass Therese meine Tochter ist; für mich selbst ist es schon genügend erwiesen.«

»Ihre Tochter! Sie meinen vermutlich: die Tochter des Lieutenants Pontfarcy.«

»Meine Tochter oder die Tochter meiner Frau, wie Sie es nehmen wollen, Baron. Ich handle ganz ohne Eigenliebe und menschliche Rücksicht; sie mag mir angehören oder nicht, das gilt mir gleich – nicht wahr, Black? Für die Welt und nach dem Gesetz ist sie meine Tochter. Auch meinem Herzen steht sie nahe: ich habe Mathilde unendlich geliebt, sie hat mich sehr glücklich gemacht, und ich bin entschlossen, ihr lebendes Ebenbild um jeden Preis zu erkaufen. Jetzt erklären Sie sich: wollen Sie mir sagen was Sie darüber wissen, oder nicht?

»Ich weiß nichts, gar nichts!« antwortete der Baron; »und wenn ich auch etwas wüsste, würde ich nichts sagen; denn mir, als dem Haupt der Familie, liegt es ob, die Ehre des Namens, den ich führe, zu wahren, und diese Ehre soll durch Ihre Torheit nicht gefährdet werden.«

»Der Name ist nicht Alles hienieden,« entgegnete der Chevalier: »oft sind die Vorurteile der Gesellschaft im Widerspruch mit den Geboten des Evangeliums —«

»Sie erwarten also,« unterbrach ihn der Baron, indem er sich wieder im Bett aufrichtete, »Sie erwarten also nur einen Beweis von der Geburt dieses Mädchens, um zu vergessen, dass die Mutter Ihren Namen entehrt, Ihr Leben vergiftet, Sie aus Ihrem Heimatland vertrieben hat! Ich will Ihnen einen neuen Beweis von der Nichtwürdigkeit dieses Weibes geben: Sie haben bis jetzt geglaubt, Pontfarcy sei ihr einziger Anbeter gewesen, Sie irren sich; raten Sie, wer der andere war – der Kapitän Dumesnil, der Orest, dessen Pylades Sie waren!«

»Ich habe es gewusst,« erwiderte der Chevalier gelassen. Der Baron erschrak.

»Was!« sagte er, »Sie wussten es?«

Der Chevalier nickte bejahend.

»Finden Sie sich in dem Wirrwarr zurecht,« setzte der Baron hinzu; »vergessen Sie, wenn Sie können; verzeihen Sie, wenn Sie es wagen!«

»Ich verzeihe, weil es mehr als mein Recht – weil es meine Pflicht ist.«

»Und ich sage Ihnen, Chevalier: man muss schonungslos sein gegen Personen, deren Sünden auf die Gesellschaft zersetzend wirken uns uns in den Abgrund geführt haben, in welchem wir jetzt sitzen.«

»Sie geben sich für einen religiösen Mann aus, Baron, aber Sie vergessen die Worte des Heilands: Wer von Euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie! Von wem war die Rede? von einer Ehebrecherin, von einer jüdischen Mathilde.«

»So! Sie nehmen also die Bibelstellen buchstäblich!«

sagte der Baron.

»Um nicht nutzlos und frevelhaft an Bibelstellen zu deuteln,« erwiderte der Chevalier, »wäre es gewiss besser, dass Therese, vorausgesetzt, dass ihre Abkunft nicht genau zu ermitteln, das Fräulein de la Graverie würde, als wenn das Fräulein de la Graverie die namenlose Therese bliebe.«

»Geben Sie sie ins Kloster, Chevalier, da Sie sich einmal für das Mädchen so interessieren; Sie können ja die Einkaufsumme aus Ihren Mitteln bestreiten.«

»Therese muss, um glücklich zu werden, einen Namen haben, und einen Namen suche ich für sie.«

»Mort diable! bedenken Sie doch, Chevalier, dass sie mit Ihrem Namen zugleich Ihr Vermögen erhält!«

»Das weiß ich.«

»Und Sie wollen Ihre Familie betrügen, meine Söhne, Ihre rechtmäßigen Erben berauben, um einem Mädchen, dessen Vater Sie nicht sind und nicht sein können, Ihr Vermögen zuzuwerfen?«

»Wodurch ist das zu beweisen?«

»Durch den Brief, den ich Ihnen an dem Tage einhändigen wollte, wo ich mich entschloss, Sie von der Treulosigkeit Ihrer Frau in Kenntnis zu setzen – durch den Brief, den Dumesnil trotz meinen Bitten zerriss.

»Sie werden sich erinnern, dass ich den Brief vorgelesen habe.«

»Ja, aber ich habe ihn gelesen, und ich kann versichern, dass Mathilde Herrn von Pontfarcy wegen einer Vaterschaft Glück wünschte, deren Ehre sie ihm ausschließlich zuschrieb.«

»Würden Sie es wirklich mit Ihrem Ehrenwort als Edelmann bekräftigen?« fragte der Chevalier, der seit einer Weile in Gedanken vertieft schien.

»Ja, ich gebe mein Ehrenwort darauf,« sagte der Baron.

»Dann danke ich Ihnen verbindlichst,« sagte der Chevalier tief aufatmend.

»Warum danken Sie mir?«

»Weil Sie mein Gemüt beruhigen; denn da ich die arme Therese unmöglich als meine Tochter anerkennen kann, so will ich mich zu einem Schritt entschließen, an den ich schon gedacht hatte: ich lasse sie mir antrauen. Verlassen Sie sich darauf, Baron; in einigen Monaten wird Ihnen ein pausbackiger Neffe oder eine bildhübsche Nichte beschert werden. Der Baron fuhr wütend in seinem Bette empor.

»Gehen Sie, Chevalier!« eiferte er, »gehen Sie auf der Stelle und betreten Sie mein Haus nie wieder! Merken Sie wohl: wenn Sie den unsinnigen Plan in Ausführung bringen, so werde ich meinen ganzen Einfluss geltend machen, Ihnen die Ausübung der bürgerlichen und Familienrechte untersagen zu lassen.«

Der Chevalier, der immer mehr Mut bekam, schenkte den Drohungen seines Bruders nur geringe Aufmerksamkeit; er nahm seinen Hut und entfernte sich mit Black. Der Baron blieb in unbeschreiblichem Ärger mit seinem Cochinchina-Hahn allein.

VI
Wie die Piraten vom Boulevard des Italiens die Taue Kappen und ein in’s Schlepptau genommenes Schiff Kapern

Die Idee, welche der Chevalier de la Graverie seinem älteren Bruder mitgeteilt, und dadurch das Nervensystem des selben so stark gereizt hatte, schien unserem Helden vollkommen ausführbar er ließ sich daher durch die Erfolglosigkeit der in weniger als zwölf Stunden genommenen Maßregeln nicht irre machen, und verließ dem Anschein nach sehr heiter das Hotel in der Straße St. Guillaume.

»Der Eine,« sagte er, »weigert sich den lieben kleinen Engel zu heiraten; der Andere will mich hindern, ihr den Namen zu geben, der ihr gebührt. Ich werde sie aber Beide schön anführen. Ich war in der Tat sehr gütig, Chartres zu verlassen, mich in die verwünschte Postkutsche zu setzen – ich habe Gliederschmerzen von der abenteuerlichen Fahrt bekommen, und es wäre vielleicht sehr notwendig, das Übel durch Friktionen im Entstehen zu bekämpfen. Was habe ich jetzt von dem Besuch bei dem alten selbstsüchtigen Narren? Ich stehe hier auf der Straße ohne Wäsche, ohne Kleider, ohne Obdach – und es wäre mir doch ein Leichtes gewesen, der armen Therese eine sorgenfreie Zukunft zu sichern und ihrem Kind einen Vater zu geben. Ich will es tun, ja bei Gott! ich will es! Und meinem Herrn Bruder, der mich zu beerben gedenkt, werde ich eine Nase drehen. Es versteht sich von selbst, dass ich das arme Kind um der Leute willen zum Altar führe, in der Wirklichkeit aber nur ein Vater für sie sein werde.«

Der Chevalier wurde in seinem Selbstgespräch unterbrochen; er hörte seinen Namen rufen.

Er sah sich um und bemerkte den Kammerdiener seines Bruders, der mit einem kleinen Reisekoffer auf der Schulter hinter ihm herlief.

»Herr Chevalier! Herr Chevalier!« rief ihm der Kammerdiener nach: »Sie vergessen Ihren Reisekoffer.«

»Meinen Reisekoffer?« erwiderte der Chevalier stillstehend.

»Ich habe ja, soviel ich wenigstens weiß, keinen Reisekoffer bei mir.«

»Aber der Kutscher,« keuchte der Kammerdiener, der den Chevalier endlich einholte, »der Kutscher, der Sie gefahren, hat diesen kleinen Koffer unter dem Fenster der Hausmeisterin abgesetzt.«

Der Chevalier nahm dem Kammerdiener den kleinen Koffer aus der Hand und betrachtete ihn von allen Seiten; endlich fand er eine am Deckel befestigte Karte, auf welcher er las:

»Gratien d’Elbéne, Kavallerieoffizier, Vorstadt St. Honoré, Hauptstraße Nr. 42.«

»Wahrhaftig,« sagte der Chevalier, »über diesen Irrtum werde ich mich nicht beklagen. Jetzt weiß ich gewiss, dass ich meinen Mann finden werde, wann ich will.«

Dieudonné dankte dem Kammerdiener, drückte ihm einen Napoleond’or in die Hand, winkte einen Eckensteher herbei, lud ihm den Reisekoffer auf die Schulter und ging weiter, um sich nach einem Gasthofe umzusehen , wo er sich von seinen Strapazen erholen könnte.

Diesen Gasthof fand er in der Rivolistraße.

Er nahm ein Zimmer innersten Stocke, um nicht zu hoch steigen zu müssen, ließ sogleich ein großes Feuer anzünden, nahm von dem mit Samt überzogenen Sofa ein paar Polster, um für Black ein bequemes Lager zu bereiten, wärmte sich eine Welle am Kaminfeuer, und legte sich in’s Bett. Aber ungeachtet seiner Ermüdung war es ihm nicht möglich zu schlafen. Aus seinem aufmerksam belauschten Selbstgespräch, welches er in der ersten Aufregung nach der Unterredung mit seinem Bruder führte, haben wir ersehen, dass er es ganz einfach und natürlich fand, Therese zu heiraten; aber seitdem ihm der Zufall den Namen ihres Verführers vor die Augen gebracht hatte, begann er ruhiger zu überlegen, und er stieß auf Einwürfe, die sein Zartgefühl verletzten.

Der wichtigste unter diesen Einwürfen war folgender: Konnte er als erwiesen betrachten, dass Therese seine Tochter nicht war? Und wenn sie es wäre, musste ihm dann eine solche Verbindung, trotz aller Zurückhaltung in seinem Benehmen, nicht als höchst anstößig erscheinen?

Und wer bürgte ihm dafür, dass der Baron nicht Beweise von Theresens Geburt in der Hand hatte? Diese bisher geheim gehaltenen Beweise würde der Baron gewiss aus Rache veröffentlichen, und dadurch ein unerhörtes Skandal hervorrufen.

Diese beiden quälenden Gedanken machten den Chevalier wieder unschlüssig und besorgt. Nach langem Besinnen entschloss er sich, seinen Plan wenigstens scheinbar festzuhalten, um ihn wie ein Damoklesschwert über dem Haupt seines älteren Bruders hängen zu lassen: zugleich aber fasste er den Entschluss, Alles aufzubieten, um dem Geschick der armen Therese eine andere Wendung zu geben. Er musste seine Bequemlichkeitsliebe freilich opfern, aber sein Entschluss stand fest.

Er warf sich lange im Bett hin und her; endlich stand er auf, kleidete sich an, knöpfte seine Weste so hoch wie möglich zu, um sein zerknittertes Hemd zu verbergen, und ging fort. Er hoffte in der freien Luft seine Gedanken besser zu sammeln, als im Gasthofzimmer.

Wir kennen den Chevalier de la Graverie bereits als einen leidenschaftlichen Spaziergänger, und obschon er mit ernsten Gedanken beschäftigt war, so fand er doch in den Straßen von Paris, die er seit siebzehn oder achtzehn Jahren nicht durchwandert hatte, die mannigfaltige Zerstreuung.

Vor Allem fesselten die ihm ganz neuen Omnibusse seine Aufmerksamkeit. Dann war an den Schaufenstern der Kaufläden so viel Schönes zu sehen. Und die prächtigen Kaffeehäuser! einen solchen Glanz hätte er sich nie träumen lassen.

Black schien mitten in dem Gewühl nicht minder erstaunt als sein Herr: er lief ganz verdutzt hin und her, wurde bald gestoßen bald aufgehalten, verlor alle fünf Minuten seinen Herrn, lief mit hoch aufgehobener Nase über die Straße, suchte in allen offenstehenden Haustüren , beroch die Vorübergehenden, verschwand, kam wieder zum Vorschein, um von neuem im Gedränge zu verschwinden; kurz, er begann den Chevalier ernstlich besorgt zu machen.

»Sacrebleu!« sagte Dieudonné, »wenn das so fortgeht, so verliere ich meinen Hund. Es ist sonderbar, wie der Mensch nach der Seelenwanderung die Gewohnheiten des Leibes annimmt, in den er gefahren ist! Wer würde den ernsten, gesetzten Grenadierkapitän Dumesnil in meinem Black wiedererkennen, der wie toll umherläuft, statt vernünftig neben mir zu gehen.«

Diese Betrachtungen führten den Chevalier auf den sinnreichen Gedanken, einen Koppelriemen zu kaufen. Er zog den Riemen durch den Halsbandring des Jagdhundes, und schleppte diesen, seine Wanderung fortsetzend, mit sich fort.

Black, der nun jeder Sorge überhoben war, schien über diese neue Art zu Spazieren sehr erfreut, und folgte seinem Herrn, ohne sich im mindesten zu sträuben.

Inzwischen begann der Tag sich zu neigen, ohne dass der Chevalier de la Graverie einen Entschluss gefasst hatte. Endlich fühlte er die Notwendigkeit, die Bedürfnisse seines Magens zu befriedigen.

Anfangs dachte er an Véry, an den Rocher de Cancale und an die Fréres Provencaur, welche gar angenehme gastronomische Erinnerungen in ihm weckten; aber er sah eine Magenbefriedigungsanstalt, die so prächtig mit Gold und Schnitzwerk verziert war, dass er dachte, die Küche der Anstalt müsse mit der äußern Eleganz des Hauses im Einklang sein. Er trat also ein, und bestellte für sich und Black eine Mahlzeit, die er abscheulich fand , die sich aber Black sehr wohl schmecken ließ. Er bezahlte und ging fort. Der Chevalier machte ein etwas saures Gesicht, als er für ein Diner, welches nach seinem gastronomischen Gutachten keinen Thaler wert war, beinahe vierzig Francs bezahlen musste. Er hatte freilich bei Tische beständig gemurrt, dass der Kellner die Tür seines Cabinets so stark zuschlug; er hatte über jedes Gericht seine Bemerkungen gemacht, er hatte den Kellner beauftragt, dem Koch zu erklären, dass ein Frieandeau oben und unten braun gebraten sein, dass man die Krebse mit Bordeaux sieden, und heiß in der Sauce, nicht kalt auf Petersilie servilen müsse; und während er diese gastronomischen Theorien zum Nutz und Frommen künftiger Gäste entwickelte, hatte er eine Flasche Chambertin und eine halbe Flasche Château-Lafitte ausgestochen.

Er war daher bedeutend erhitzt, als er, seinen Hund am Riemen führend, seinen Spaziergang über den Boulevard fortsetzte.

Der Chevalier war sehr schlecht bei Laune; er hatte die schlaflose Nacht und das schlechte Bett mit ziemlicher Geduld ertragen, aber die schlechte Mahlzeit, die er gehalten, hatte ihn empört, und er dachte, es wäre vielleicht am besten, so schnell als möglich nach Chartres zurückzureisen, wo er doch wenigstens ein leidliches Diner und die seinem Herzen so wohltuende Gesellschaft Theresens hatte. Der Baron und Gratien wollten ja durchaus nicht tun, was er von ihnen verlangte, warum sollte er also noch länger in Paris bleiben?

Der Chevalier drängte sich, gestikulierend und mit sich selbst redend, durch die Menge, die zwischen sieben und acht Uhr Abends über den Boulevard des Italiens wogt; er wurde mehr als einmal geschimpft von Leuten, die er im Vorbeigehen stieß, aber der würdige Chevalier nahm sich nicht einmal die Mühe darauf zu antworten.

Endlich, als das Gedränge immer größer wurde, geriet der Chevalier de la Graverie in Zorn, wie die meisten Fremden aus der Provinz, wenn sie sich gegen die dichtgedrängten Scharen der Pariser Bummler zu wehren haben. Er kehrte dem Gewühl den Rücken und fasste den Entschluss nach Chartres zurückzureisen, vorher aber in seinen Gasthof zu gehen, der ihm eine nicht zu vermeidende Etappe seiner Reise schien.

»Ja,« sagte er mit Ingrimm, »ich verlasse Dich auf immer, verwünschte, verruchte Stadt; ich will mich einschließen in meinem Hause, bei meiner armen Therese, die meine Adoptivtochter werden soll, da ich sie weder zu meiner Frau, noch zu meiner wirklichen Tochter machen kann. Und ich schwöre, dass ich ihr eine sorgenfreie Zukunft sichern will und sollte ich die Hälfte meines Vermögens in einem Rechtsstreit gegen meinen Bruder verlieren! – sei nur ruhig, Dumesnil!«

Bis daher hatte der Chevalier mit der linken Hand gestikuliert, die rechte, mit der er den Riemen hielt, hatte er in die Beinkleidertasche gesteckt; aber dieses Mal streckte er, durch seine Gefühle fortgerissen, die rechte Hand hoch empor, als ob er den Himmel als Zeugen dieses sich selbst und seinem Freunde gegebenen Versprechens anrufen wollte.

Zu seinem größten Erstaunen bemerkte er, dass am Ende der um seine Hand gewickelten ledernen Schnur nichts mehr war.

Der Chevalier sah sich um. Black war weder an seiner Seite noch hinter ihm.

Er trat an ein Gaslicht und betrachtete die Schnur: sie war mit einem scharfen Instrument durchschnitten.

Man hatte ihm seinen Hund gestohlen. Der Chevalier wollte fortlaufen und Black rufen. Aber was konnte es ihm nützen? Wohin sollte er laufen? Nach welcher Seite rufen? Und wie konnte er das dröhnende Wagengerassel und das betäubende Getöse der Menschenmenge überschreien?

Er redete die Vorübergehenden an. Einige beantworteten seine hastigen Fragen mit Achselzucken, Andere erklärten, keinen schwarzen Jagdhund gesehen zu haben; ein Mann in einer Blouse versicherte, einen Unbekannten gesehen zu haben, der einen sich sträubenden Hund am Schnupftuch geführt und in der Richtung der Rue Vivienne fortgeschleppt habe.

Der Hund war übrigens der Beschreibung, welche der Chevalier von seinem Herzensfreunde gab, ganz ähnlich.

»Geschwind in die Rue Vivienne!« sagte der Chevalier, in der angegebenen Richtung forteilend.

»O! er hat einen großen Vorsprung,« sagte der Mann in der Blouse, »und ich bezweifle, dass Sie ihn einholen werden, mein lieber Herr; ich vermute, dass Ihr Hund in die Hände eines Diebes gefallen ist, der ihn wieder verkaufen will und bereits in Sicherheit gebracht hat.«

»Aber wo soll ich ihn wiederfinden?«

»Sie müssen vor Allem die Anzeige beim Polizeicommissär machen.«

»Und dann?«

»Und dann durch einen Anschlagzettel eine Belohnung versprechen.«

»Ich will zahlen, was man verlangt, wenn ich nur meinen Hund wiederfinde.«

»Sie müssen nickt gleich verzagen,« erwiderte der Mann teilnehmend, »Sie werden Ihren Hund schon wiederfinden – und wenn’s dieser nicht ist, so ist’s ein anderer. Versprechen Sie eine angemessene Belohnung, so können Sie versichert sein, dass morgen Früh um neun Uhr mindestens zwei ähnliche Hunde vor Ihrer Tür warten.«

»Aber ich will meinen Hund und keinen andern!« sagte der Chevalier.

»Sie wissen nicht wie lieb mir mein Hund ist. Ach! wenn ich meinen armen Dumesnil noch einmal verlieren müsste, ich glaube, dass ich es nicht überleben würde!«

»So! Ihr Hund heißt Dumesnil? Ein komischer Hundename! Ich kenne Leute, die so heißen. – Beruhigen Sie sich, lieber Herr. Paris ist groß, aber ich kenne alle Schliche. Haben Sie Vertrauen zu mir?«

»O ja, lieber Freund,« erwiderte der Chevalier.

»Gut, Sie sollen Ihren Hund wiederbekommen. Es ist heute Freitag; ich verspreche Ihnen, dass Sie am Sonntagmorgen Ihren Monsieur Dumesnil wieder am Riemen führen sollen. Aber wenn Sie wieder mit ihm in Paris Spazieren gehen, so führen Sie ihn an einer Kette, das ist sicherer, »wenn auch ein bisschen schwerer zu tragen.«

»Wenn Sie das tun, ’wenn Sie mir meinen Black wiederbringen —«

»Black! Wer ist das?«

»So heißt ja mein Hund.«

»Wie soll ich das verstehen?« erwiderte der Blousenmann; »wie heißt Ihr Hund? Black oder Dumesnil?«

»Black, lieber Freund, Black heißt er; nur für mich, für mich allein ist er bald Dumesnil, bald Black.«

»Ich verstehe, er hat einen Familiennamen und einen Vornamen.«

»Kurz und gut, mein Freund,« sagte der Chevalier, »wenn Sie ihn wiederfinden, so gebe ich Ihnen, was Sie verlangen. Sind fünfhundert Francs genug?«

»Ich bin kein Flibustier, wie die Leute, die Ihren Hund gestohlen haben, mein lieber Herr. Sie mögen mir Zeit und Mühe bezahlen; denn während ich Ihrem Hunde nachlaufe und mit den Füßen arbeite, können meine Hände nichts verdienen. Mehr verlange ich nicht, ich tue Anderen gern einen Gefallen. Es tut mir leid, dass Sie sich um Ihren Hund so grämen. Es ist ein Beweis von Ihrem guten Herzen und ein gutes Herz findet bei mir immer Teilnahme. Jetzt reden Sie nicht mehr von Belohnung; wir rechnen, wenn der Hund wiedergefunden ist.«

»Aber Sie müssen einen Wagen nehmen mein Freund,« entgegnete der Chevalier;

»Sie müssen Druck und Papier für die Anschlagzettel bezahlen. Warten Sie, ich will Ihnen wenigstens einen Vorschuss geben.«

»Anschlagzettel sind nicht nötig; ich gab Ihnen wohl den Rat, weil wir uns noch nicht kannten. Lassen Sie nur Pierre Marteau machen, lieber Herr; wir müssen keinem Menschen ein Sterbenswörtchen sagen, und verlassen Sie sich darauf, dass Sie spätestens Sonntag Früh Ihren Jagdhund wiederbekommen werden.«

»Ach, mein Gott!« seufzte Dieudonné, »das ist noch lange hin; wenn man ihn nur bis Sonntag gehörig füttert.«

»Nun, ich will nicht sagen, dass er so gut speisen wird wie in Ihrem Gasthofe, aber es ist im Grunde doch nur ein Hund, und es gibt viele Leute, die nicht so gut leben.«

»Wann werden wir uns wiedersehen?« fragte der Chevalier.

»Morgen; denn diesen Abend werde ich in alle Schenken gehen, wo die Piraten vom Boulevard zusammenzukommen pflegen; vielleicht werde ich schon vor Sonntag Früh etwas über Ihren Hund erfahren. Sie scheinen müde zu sein, lieber Herr; gehen Sie zu Nett und verhalten Sie sich recht ruhig. Wo wohnen Sie?«

»Im Hotel de Londres, Rivolistraße.«

»In der Rivolistraße? Mir wohl bekannt, obschon ich eben nicht oft des Weges komme. Soll ich Sie begleiten? Denn Sie scheinen Ihren Weg, zu suchen, wie eine Schnepfe im Nebel, Kommen Sie hierher.«

Der Chevalier ging folgsam wie ein Kind mit Pierre Marteau. Unterwegs wiederholte er wohl zehnmal seine dringende Bitte, Alles aufzubieten, um Black wiederzufinden.

Vor dem Gasthofe nötigte er ihm ein Zwanzigfrancsstück auf, um die Nachforschungen zu erleichtern, und nachdem er ihn auf den folgenden Tag bestellt hatte, begab er sich ganz betrübt in sein Zimmer. Er setzte sich auf die Polster, auf denen Black in der vorigen Nacht geschlafen hatte, und obschon kein Feuer im Kamin war, saß er doch länger als eine Stunde in tiefen Gedanken. Die Stimmung Dieudonné s wurde immer düsterer, je länger er nachsann. Es fiel ihm ein, dass ihm jede Freundschaft, jede Annäherung an einen Gegenstand immer nur Kummer, Verdruss und Enttäuschungen gebracht hatte; er mochte gar nicht zurückdenken an alle Sorgen und Plagen, die ihm Black schon verursacht hatte, und wenn er noch dazu an die junge Eigentümerin des armen Hundes dachte, so machten alle seine Schmerzen zusammengenommen eine noch größere Gesamtsumme aus. Und gleichwohl war ihm dieser Schmerz süß, er fühlte sich unwiderstehlich hingezogen zu diesen beiden Wesen, die ihm teuer waren, und obschon er die quälenden Gedanken verwünschte, so fiel es ihm doch nicht ein, jene Zeit zurückzuwünschen, wo er sich, frei von Sorgen und Kummer, ganz dem großen Verdauungswerk und dem Studium der Gastronomie gewidmet hatte.

Endlich ging er zu Bett; noch lange sah er sich seufzend im Zimmer um, das ihm zehnmal trauriger und öder schien als Tags zuvor, und als er völlig eingeschlafen war, glaubte er, wie gestern, die schwarzen Umrisse seines Lieblings vor der Kohlenglut des Kamins zu erblicken. Es war leider nur ein Traum, Black war ja nicht mehr da und es brannte kein Feuer im Kamin.

Er war körperlich und geistig so erschöpft, dass er ungewöhnlich lange schlief. Es mochte zehn Uhr sein, als er durch plumpe dröhnende Fußtritte geweckt wurde. Er schlug die Augen auf und erblickte vor seinem Bette den Mann, der ihm gestern Abends versprochen hatte, Black wiederzufinden.

Leider brachte ihm Pierre Marteau nur erst Hoffnungen und zwar sehr hohle Hoffnungen. Er hatte vergebens die ganze Vorstadt St. Marceau durchsucht, wo sich die Hundefänger und Hundehändler aufzuhalten pflegen; er hatte nichts entdeckt.

Er war indes, weit entfernt, sich durch diese Erfolglosigkeit des ersten Versuches abschrecken zu lassen, und ohne sich erklären zu wollen, versprach er dem Chevalier wiederholt, er werde ihn am andern Morgen wieder in den Besitz seines Jagdhundes setzen.

Der Chevalier entließ ihn.

Dann fragte er sich mit einem Seufzer, wie er den Tag verleben sollte.

Nach Chartres konnte er unmöglich zurückkehren, ehe er seinen Hund wiedergefunden hatte.

Er schrieb an Therese, die sehr besorgt um ihn sein musste, und bat sie, morgen im Postwagen nach Paris zu fahren und ihn im Hotel de Londres in der Rivolistraße aufzusuchen.

In einem Schreiben an seinen Notar verlangte er eine schleunige Geldsendung.

Endlich kleidete er sich an, denn er konnte vernünftigerweise nicht den ganzen Tag im Zimmer bleiben, und beschloss zum Zeitvertreib einen Spaziergang zu machen. Als er seinen Hut nahm, bemerkte er in einem Winkel den kleinen Reisekoffer, den er aus Versehen vom Posthofe mitgenommen hatte.

»Siehe da!« sagte er zu sich, »jetzt weiß ich wie ich meine Zeit verwenden kann: ich will diesen Koffer seinem Eigentümer zurückgeben und wer weiß – sein Freund Louville ist nicht mehr bei ihm und vielleicht gelingt es mir, ihm das Unwürdige seines Benehmens begreiflich zu machen.«

Der Chevalier de la Graverie ließ einen Fiaker kommen, stieg mit dem Reisekoffer ein und sagte zu dem Kutscher:

»Vorstadt Saint Honoré, Hauptstraße Nr. 42.«

VII
Der Unterschied zwischen einem backenbärtigen und einem schnurrbärtigen Gesicht

Das Hotel d’Elbéne war ein schönes neues Gebäude, mit vielen Statuen und Schnitzwerk verziert. Diese Verzierungen waren vielleicht nicht ganz geschmackvoll, aber sie gaben einen hohen Begriff von dem Reichtum des Hausherrn.

Zwei korinthische Säulen standen zu beiden Seiten des Haustores von kunstreich geschnitztem Eichenholz. » Die mit Holzwürfeln gepflasterte Hausflur führte zu einem mit Glasfenstern geschlossenen Gange, an dessen Ende die Pferdeställe und Remisen waren. Aus dem Hofe kam man in den Garten, der an die elysäischen Felder grenzte.

Rechts war die Stube des Pförtners, links eine Glastür, durch die man zu der breiten, prächtigen Treppe gelangte. Die Stufen waren mit weichen Teppichen belegt.

Der Chevalier de la Graverie stieg aus seinem Fiaker und fragte, vor das Fenster des Pförtners tretend, nach Herrn d’Elbéne.

»Wünschen Sie den Vater oder den Sohn zu sprechen?« erwiderte der Diener.

»Den Sohn.«

Der Pförtner zog dreimal die Glocke; ein Lakai kam die Treppe herunter und trat an die Glasthür.

»Es hat Jemand nach dem Herrn Baron gefragt,« sagte der Portier.

Der Bediente führte den Chevalier die Treppe hinauf, in den Zwischenstock, wo er die Tür eines eleganten Salons öffnete.

Hier bat er ihn einige Augenblick zu warten, während er seinen Herrn benachrichtigen würde.

Der Chevalier, der die Zeit zu benutzen wusste, wärmte sich die Füße, die im Fiaker kalt geworden waren, und als er vor dem Kaminfeuer saß, sah er sich im Zimmer um.

Dieudonné, der in der vornehmen Welt erzogen war, konnte sich über den Luxus der Wohnung nicht wundern, obschon die hauptsächlich auf Bequemlichkeit gerichteten Raffinements dieses, Luxus einem Mann der alten Zeit ganz fremd waren. Aber auffallend, sonderbar fand er die Auswahl der Broschüren, die auf einem am Kamin stehenden Tische lagen. Diese Broschüren schienen ihm mit dem Charakter Gratien’s, dessen Leichtsinn er in einer kurzen, aber ernsten Unterredung kennen gelernt hatte, nicht recht übereinzustimmen: sie handelten alle von Staatswirtschaft, Philosophie und Statistik.

Und zur Parade lagen sie nicht da: sie waren alle auf geschnitten, einige sogar schon zerlesen, und auf einigen derselben bemerkte der Chevalier Randglossen, die ihm für einen jungen Kavallerieoffizier ungeheuer gelehrt schienen.

»Der Bediente wird sich geirrt haben,« sagte der Chevalier, »vermutlich hat er mich in die Wohnung des Vaters geführt, Soll ich die Gelegenheit benützen und ihm die Sache erklären? Das ist gefährlich, denn im Grunde läßt sich in Bezug auf Therese nichts beweisen: Therese hat ja keinen Namen, und wenn mein Bruder standhaft bleibt, so wird es mir vielleicht schwer sein, das arme Kind zur Erbin meines Vermögens zu machen. Die Schwierigkeiten würden daher vielleicht noch größer, wenn ich dem Papa Alles sagte.«

Während der Chevalier mit diesen Gedanken beschäftigt war, wurde der Türvorhang aufgehoben, und ein junger Mann trat auf dem weichen Teppich geräuschlos auf den Besucher zu, ohne von diesem gehört zu werden.

»Sie wünschen mich zu sprechen, mein Herr?« sagte der junge Mann. Der Chevalier de la Graverie sprang von dem Fauteuil auf, auf welchem er sich behaglich ausgestreckt hatte. Es war mehr die Überraschung als die Höflichkeit, die ihn so rasch emporschnellte.

Gratien d’Elbéne stand wirklich vor ihm; er erkannte seine Gesichtsbildung, seinen Wuchs, seine Haltung, seine Stimme. Es war indes in dem Gesicht des Eintretenden ein Gegenstand, den er, wie er sich recht gut erinnerte, in dem Gesicht des jungen Offiziers nicht gesehen hatte, und der ihm sogleich auffiel.

Dieser Gegenstand war ein schwarzer Backenbart, der übrige Teil des Gesichts war glatt rasiert.

Es war allerdings möglich, dass der Schnurrbart seit gestern verschwunden war, aber der Backenbart konnte in der kurzen Zeit nicht gewachsen sein.

»Habe ich wirklich die Ehre, mit Herrn Gratien d’Elbéne zu sprechen?« fragte der Chevalier, durch diesen unerwarteten Zwischenfall in Verlegenheit gesetzt.

Wir wissen, dass Dieudonné sehr leicht in Verlegenheit kam.

Der junge Mann lächelte; das Wort wirklich erklärte ihm Alles.

»Nein, mein Herr,« antwortete er, »ich bin sein Bruder Henri d’Elbéne.

Gratien ist ausgegangen, um mit einigen Kameraden zu frühstücken. Aber wenn ich Ihr Dolmetscher bei ihm sein kann, so verfügen Sie über mich.«

»Henri! – So? Sie sind Henri d’Elbéne?« erwiderte der Chevalier, sehr tief ergriffen, denn er halte den Mann vor sich, den Therese so innig geliebt, den einzigen, den sie je geliebt hatte, und er fand es ganz begreiflich, dass Therese durch diese außerordentliche Ähnlichkeit so leicht getäuscht werden konnte.

»Ja, mein Herr,« antwortete der junge Mann lächelnd; »Gratien wird Ihnen gewiss von mir erzählt haben, , und gleichwohl wundern Sie sich wie Jedermann über unsere Ähnlichkeit. Wir sind Zwillingsbrüder.«

»Ich verstehe,« sagte der Chevalier; »aber entschuldigen Sie meine Gemütsbewegung. Diese Ähnlichkeit, an die ich mich für den Augenblick nicht erinnerte, hat meine Gedanken auf einen Vorfall gelenkt, der so schwer auf meinem Leben gelastet hat, dass ich nicht daran zurückdenken kann, ohne tief ergriffen zu werden.«

»Ich sehe, Sie zittern, mein Herr. Ich bitte Sie, erholen Sie sich, setzen Sie sich doch.«

Henri nahm selbst einen Stuhl, und setzte sich auf die andere Seite des Kamins.

»Fassen Sie sich,« setzte er hinzu, »es wird bald vorübergehen. Dann belieben Sie mir zu sagen, was Sie zu mir führt.«

»Ich brauche mich nicht zu fassen, um es Ihnen zu sagen,« erwiderte der Chevalier, der sich durch die Sanftmut und Güte in dem Wesen des jungen Mannes ermutigt fühlte. »Da ich Ihren Herrn Bruder nicht treffe, so habe ich Lust Ihnen eine Geschichte zu erzählen. Ich bin ein alter alleinstehender Mann ohne Verwandte und Freunde; Sie scheinen mir ernster und besonnener zu sein, als man gemeiniglich in Ihrem Alter ist.«

»Ich habe schon Leiden gehabt,« unterbrach ihn Henri d’Elbéne mit einem Ausdruck des Gesichts, der ein Lächeln sein sollte; »ich habe daher auf meine Kosten die Erfahrung des Herzens erworben – die Erfahrung, welche am schnellsten den Verstand zur Reife bringt, aus welcher man aber ’gemeiniglich am wenigsten Nutzen zieht.«

»Sie können mir wohl einen guten Rat geben,« fuhr der Chevalier fort; »in meinem Alter ist der Geist träge, und man fasst schwer einen Entschluss. Überdies gestehe ich Ihnen aufrichtig, dass ich von Charakter immer sehr unschlüssig gewesen bin.«

»Reden Sie,« erwiderte Henri d’Elbéne; »ich glaube zwar nicht, dass ich Ihnen nützlich sein kann , aber ich versichere Sie im voraus meiner Teilnahme.«

Der Chevalier besann sich einen Augenblick, dann sagte er, den jungen Chevalier scharf ansehend:

»Was würden Sie von einem Manne denken, der eine eben so auffallende Ähnlichkeit, wie zwischen Ihnen und Ihrem Herrn Bruder, mit Hilfe einer Verkleidung, oder der Dunkelheit oder sonst eines Mittels benutzt, um ein unglückliches junges Mädchen zu täuschen, sich für ihren Geliebten auszugeben, sie zu entehren und dann ihrer Verzweiflung zu überlassen?«

»Nach meiner Meinung,« erwiderte Henri d’Elbéne, »wäre er ein erbärmlicher Wicht, der die Verachtung jedes Ehrenmannes verdient,«

»Und wenn die arme Getäuschte in Folge dieses Verbrechens Mutter geworden ist?«

»Solche Verbrechen werden leider vom Gesetz nicht bestraft; aber ich erkläre Ihnen auf mein Ehrenwort, dass ich lieber einem Banditen, der mit Dolch und Pistolen im Gürtel in ein Haus dringt und Freiheit und Leben aufs Spiel setzt, die Hand drücken, als mit einem herz- und gewissenlosen Menschen, der die von Ihnen erwähnte Tat begangen, in Berührung kommen möchte.«

»Ich habe Ihnen meine eigene Geschichte erzählt,« sagte der Chevalier; »das sanfte, seelengute Mädchen, das ein Opfer solcher Täuschung geworden, das man nicht sehen kann, ohne sich zu ihr hingezogen zu fühlen, ist meine Tochter.«

»Ihre Tochter!«

»Wenigstens meine Adoptivtochter.«

»Und Sie haben keine gerechte Wiedervergeltung geübt? Sie haben den Mann , der eine solche Schmach über Ihr Haus gebracht, nicht totgeschossen?«

»Ich bin ein alter Mann, ich bin so schwach, meine Hand hat kaum die Kraft, einen Degen oder ein Pistol zu halten.«

»Gott würde Ihnen die Kraft dazu gegeben haben,« erwiderte Henri d’Elbéne mit Begeisterung; »denn Gott ist mit dem Vater, der die Schmach seines Kindes rächt; er gibt dem Sperling Mut, der seine Jungen gegen den Raubvogel verteidigt; wie könnte er den Mann verlassen, der seine heiligste Pflicht erfüllt?«

»Aber der Zweikampf ist von allen göttlichen und menschlichen Gesehen verboten —«

»Der Zweikampf wird notwendig sein, so lange als es die Gesellschaft recht und zuweilen sogar unterhaltend findet, wenn gewissenlose Männer mit der Tugend junger Mädchen und mit der Ehre der Gattinnen ein frevelhaftes Spiel treiben.«

»Sie raten mir also, mich mit dem Schuldigen zu schlagen, wenn er dem Mädchen die gebührende Genugtuung verweigert?«

»Ja,« antwortete Henri d’Elbéne, »ich rate es Ihnen aus voller Überzeugung.«

»Dann,« erwiderte der Chevalier, »muss ich Ihnen gestehen, dass ich ungeachtet meiner Friedens- und Bequemlichkeitsliebe Ihre Ansicht teilte, und ich würde mich schon dazu entschlossen haben, wenn ich nicht durch eine Besorgnis zurückgehalten worden wäre.«

»Durch welche Besorgnis,?«

»Ich bin die einzige Stütze des armen Kindes; der Sieg ist nicht immer auf der Seite der gerechten Sachen das Geschick kann mir ungünstig sein; was soll aus der Unglücklichen werden, wenn sie mich verliert? sie hat ja Niemand in der Welt, als mich.«

»Wenn dem so ist,« erwiderte Henri d’Elbéne gutmütig, »so würde ich mich bestreben, Ihre Stelle bei ihr zu vertreten.«

»Versprechen Sie mir’s?«

»Ich schwöre es Ihnen.«

»Herr d’Elbéne,« sagte der Chevalier mit einer Begeisterung, die seinem nüchternen, pedantischen Wesen sonst ganz fremd war, »es ist so viel edler Freimut, so viel Offenheit in Ihrem Blick, dass ich Ihnen glauben will. Ich schwöre Ihnen ebenfalls, der Schuldige soll gezüchtigt werden; aber ich werde genötigt sein, Ihre Güte noch weiter in Anspruch zu nehmen.«

»Was kann ich für Sie tun?«

»Ich habe keine Bekannte in Paris, und würde nicht wissen, an wen ich mich wenden soll , wenn Sie mir meine Bitte nicht gewährten. Ich werde Sie bitten, mein Zeuge zu sein.«

»Sehr gern.«

»Versprechen Sie, dass Sie mir, ohne Rücksicht auf die Person meines Gegners und auf die gewählte Kampfweise, beistehen wollen in dem Rachewerk, das ich zu voll, bringen habe? Denn Sie werden mir’s bereits angesehen haben, dass ich in solchen Dingen sehr unerfahren bin; und da Sie so gütig waren; mir guten Rat zu geben, so will ich hoffen, dass Sie mich im, entscheidenden Moment nicht im Stich lassen werden.«

»Sie haben mein Wort,« erwiderte Henri d’Elbéne.

»Aber ich muss mir ebenfalls eine Frage erlauben. Sie sind, wie es scheint, ein Freund meines Bruders, ich hingegen habe nicht die Ehre Sie zu kennen; haben Sie daher die Güte, mir Ihren Namen zu nennen und Ihre Adresse zu lassen.«

»Ich heiße de la Graverie, ich bin Ritter des Ludwigsordens, wie Sie sehen; ich habe meinen gewöhnlichen Wohnsitz in Chartres, aber jetzt wohne ich in der Rivolistraße, im Hotel de Londres.«

»Das ist genug, Herr Chevalier; sobald Sie meiner bedürfen, belieben Sie mich nur mit wenigen Worten zu benachrichtigen, und ich stehe zu Ihrer Verfügung,«

»Ich danke Ihnen und bitte Sie, über unsere Unterredung das tiefste Stillschweigen zu beobachten.«

»Ich gebe Innen mein Wort darauf. Aber Sie haben noch nichts von meinem Bruder gesagt; wollen Sie mich nicht beauftragen, ihm Ihr Anliegen mitzuteilen?«

»Die Sache ist nicht von Wichtigkeit’ ich wollte ihm nur einen Reisekoffer übergeben, den er gestern auf dem Posthofe vergessen und den mein Kutscher aus Versehen mitgenommen hat.«

Der Chevalier stand auf.

»Ich danke Ihnen in seinem Namen,« sagte der junge Kavalier.

»Leben Sie wohl, Herr Chevalier, meine besten Wünsche folgen Ihnen.«

Herr d’Elbéne begleitete den Chevalier de la Graverie bis ans Hausthor und drückte ihm noch einmal die Hand.

Das Herz Dieudonné’s klopfte stark; er war sehr tief ergriffen; von Zeit zu Zeit überlief ihn ein Schauer und er glaubte eine düstere Wolke vor seinen Augen vorüberziehen zu sehen.

Von einem Bequemlichkeitsmenschen, der das fünfzigste Jahr überschritten hat und sich zum ersten Male duellieren soll, ist wohl keine Gemütsruhe zu erwarten.

»Ach! wenn Dumesnil da wäre!« seufzte der Chevalier; »er ging so ruhig und heiter zum Duell, wie ich mich zum Frühstück setze; er wusste Degen und Pistolen zu führen, wie ich die Gabel halte – aber leider ist er nicht mehr da, und Black würde sich nicht mit Gratien messen können; seit dem Hunde Aubry’s hat man so etwas nicht mehr erlebt; überdies ist ja Black nicht da.«

»Wohin soll ich fahren?« fragte der Kutscher.

»Wohin? Ich weiß nicht.«

»Wie! Sie wissen nicht, wohin Sie fahren wollen?«

»Nein; rufen Sie den Portier an den Wagen.«

Der Portier trat mit großer Ehrerbietung an den Wagen; er hatte ja gesehen wie Henri d’Elbéne den fremden Herrn bis auf die Straße begleitet hatte.

»Mein Freund,« fragte ihn der Chevalier, »wissen Sie wo Herr Gratien d’Elbéne jetzt zu finden ist?«

»Im holländischen Kaffeehaus,« antwortete der Portier; »dort hält er sich immer auf, wenn er auf Urlaub ist.«

»Kutscher, zum holländischen Kaffeehaus!« rief der Chevalier mit einem Tone, der dem seligen Dumesnil alle Ehre gemacht haben würde; »und geschwind, es gibt ein gutes Trinkgeld.«

VIII
Wo man sieht, dass die Zivilisten zuweilen durch eine Bavaroise sehr Kriegerisch gestimmt werden

Das sogenannte »holländische Kaffeehaus« war damals der allgemeine Versammlungsort der auf Urlaub befindlichen Offiziere. Wer eine Epaulette trug, vom Unterlieutenant bis einschließlich zum Obersten, fand sich in den Hallen dieses Bacchustempels ein.

Hier fanden sich die Militärpersonen zusammen, so wie sich die Schauspieler im Garten des Palais »Royal zu versammeln pflegten.

Ein Offizier, der sein Corps verließ, um sich nach Algerien zu begeben, pflegte seinen in Frankreich zurückbleibenden Kameraden zu sagen:

»In zwei Jahren, wenn ich wieder einen halbjährigen Urlaub bekomme, sehen wir uns im holländischen Kaffeehaus wieder.«

Und wenn nickt die Kugeln der Kabylen oder die Ruhr einen Strich durch die Rechnung machten, so blieb er nur in seltenen Fällen zur bestimmten Zeit aus. Aber ungeachtet seiner militärischen Bestimmung hatte das holländische Kaffeehaus ein ganz bürgerliches Aussehen. , Mit Ausnahme der Zöglinge der polytechnischen Schule und der Militärschule von St. Cyr, die das holländische Kaffeehaus als angehende Vaterlandsverteidiger besuchten, bemerkte man dort weder Tschakos, noch rote Hosen, noch Uniformen. Der französische Soldat hat. ungeachtet seiner bei allen Gelegenheiten zur Schau getragenen Verachtung gegen die »Pékins« eine besondere Vorliebe für die bürgerliche Kleidung, Vermutlich aus dem einzigen Grunde, weil es bei ihm eine unglückliche Leidenschaft ist. Denn mancher hübsche Offizier, der im Dolman oder Waffenrock sehr elegant und distinguiert aussieht, wird ein ganz gewöhnlicher Mensch, ja er bekommt oft sogar ein gemeines Aussehen, wenn er einen unschönen Frack oder Überrock trägt und seinen Helm oder Tschako gegen den albernen Zylinderhut vertauscht hat.

Dazu kommt, dass der Offizier, der wenig Gelegenheit hat, seine Zivilkleider zu tragen, dieselben sehr sorgfältig und weit länger als die gewöhnliche Lebensdauer der Überröcke oder Paletots aufzubewahren pflegt; wenn er sie daher aus ihrem Versteck wieder einmal hervorzieht, steht er aus wie ein wandelndes altes Modebild.

Wenn es im holländischen Kaffeehaus wenige Uniformen gab. so bemerkte man dagegen an jedem Tische viele Zivilröcke von sehr originellem Schnitt, steift Krawatten und unmögliche Vatermörder, wenngleich manches Exemplar jener hässlichen Kosackenhosen, welche die Mode schon längst in die Acht erklärt hatte. Kurz, es war leicht zu erkennen, dass die Gäste aus Offizieren in mehr oder weniger abgetanen Zivilkleidern bestanden.

In dem ganzen Lokal roch es stark nach Punsch, dem Lieblingsgetränk der Stammgäste, und dichter Tabakrauch füllte die Gastzimmer.

Fünf bis sechs Offiziere, die man an ihren Sporen als Kavalleristen erkannte, saßen in einer Ecke der Hinterstube. Sie schienen sehr reichlich gefrühstückt zu haben, denn ihr Gespräch war ungemein belebt. Wie immer behandelten diese Herren ihr unerschöpfliches Lieblingsthema: die Vorzüge gewisser Garnisonen und den Vergleich dieser Garnisonen untereinander.

»Ich lobe mir Tours,« sagte unser alter Bekannter, der Lieutenant Louville, den wir mitten in dieser Gruppe wiederfinden. »Die Poeten, die sonst so viel dummes Zeug faseln haben vollkommen Recht, die Touraine den Garten Frankreichs zu nennen. Tours ist wirklich eine hübsche Stadt, die Pflaumen sind köstlich, das Theater ist leidlich, die Grisetten sind allerliebst. Kurz, Tours ist die Perle unter den Garnisonen.«

»Nun, ich habe Tours mitgemacht,« erwiderte ein dicker Offizier mit kirschrotem Gesicht und grauem Schnurrbart; »ich war zwei Jahre dort, und ich finde, dass Tours nicht besser ist als die übrigen Garnisonen.«

»Warum behaupten Sie das, Kapitän?«

»Weil man sich nach den beiden ersten Monaten in jeder Garnison langweilt.«

»Ich war recht gern im Norden,« setzte ein Dritter hinzu; »wir hatten dort vortrefflichen und billigen geschmuggelten Tabak.«

»Und Poutioz nicht zu vergessen,« sagte ein Vierter; »man lebt dort famos mit fünfundvierzig Francs monatlich.«

»Was sagst Du dazu, Gratien?« fragte Louville.

»Je mehr ich von unserem Vaterland sehe,« antwortete Gratien, »desto mehr sehe ich ein. dass unter allen Garnisonen, die wir kennen gelernt, nicht eine erträglich ist. Dies bewegt mich, meinen längst gefassten Entschluß auszuführen: ich nehme meinen Abschied, um die einzige gute, angenehme Garnisonstadt, nämlich Paris, nicht mehr verlassen zu müssen,«

»Ja,« sagte Louville, »diese Vorliebe ist leicht begreiflich, wenn man einen Papa besitzt, der, wie der deine, ein mehrfacher Millionär ist. Aber ungeachtet seiner Millionen, ungeachtet aller Freuden und Genüsse, die Paris bietet, glaube ich nicht, dass Du die im Regiment verlebten glücklichen Stunden vergessen wirst.«

»Was für glückliche Stunden meinst Du? Wo soll ich sie verlebt haben?« fragte Gratien.

»Undankbarer, hast Du nicht überall und immer genussreiche Stunden verlebt? Hast Du nicht z. B. in dem abscheulich langweiligen Chartres mit der kleinen Therese das deliciöseste Abenteuer gehabt? Du Schlaukopf kannst Dich rühmen, ein zweiter Lovelace zu sein.«

»Sprich nicht davon, Louville,« sagte Gratien mit sichtlicher Verlegenheit; »ich versichere Dich, dass mir die Erinnerung an jenes Abenteuer höchst peinlich ist.«

»Warum denn? Etwa wegen des alten Narren, der Dich, den Baron Gratien d’Elbéne, zwingen wollte, eine blutarme Grisette zu heiraten, weil Du ihre erste Liebe gewesen bist? Ha! ha! ha! der Gimpel war wirklich unterhaltend. Ich habe ihn tüchtig aufgezogen, zumal nachdem Du im Cabriolet Platz genommen hattest. Aber mille cigarres!« setzte Louville hinzu, »da kommt er! Wir werden einen köstlichen Spaß haben. Sehen Sie nur, meine Herren, die wundervolle Haltung! Und wie herausfordernd er seinen Regenschirm schwingt! – Heda, Monsieur!«

»Keine Torheiten, Louville!« mahnte der beleibte Offizier; »vergessen Sie nicht, dass der Mann einen doppelten Anspruch auf Ihre Achtung hat: er ist noch einmal so alt wie Sie, und trägt das rote Ordensband im Knopfloch.«

»Bah! es ist der Ludwigsorden.«

»Es ist immer der Lohn der Tapferkeit,« entgegnete der Kapitän, »und es ziemt sich nicht für uns Soldaten, über einen Ludwigsritter zu lachen.«

»Lassen Sie mich doch in Ruhe, Kapitän,« sagte Louville; »es ist vermutlich ein Emigrant, der sich sein Band in der Antichambre verdient hat. Wahrhaftig, ich will eine so gute Gelegenheit, einen Spaß zu machen, nicht unbenutzt lassen.«

Dann stand er auf, um dem näher tretenden Chevalier de la Graverie entgegenzutreten.

»Es freut mich unendlich, Sie wiederzusehen,« sagte Louville zu ihm; »ich hoffe, dass die vorgestrige Nacht Ihre Gesundheit nicht angegriffen und Ihre heitere Laune nicht verdorben hat.«

»Nein,« erwiderte der Chevalier lächelnd, »wie Sie sehen, befinde ich mich, bis auf eine kleine Erkältung, ganz wohl.«

»Das ist schön. Sie werden also in unserer Mitte Platz nehmen und auf die Gesundheit der schönen Therese trinken; wir sprachen eben von ihr, als Sie kamen.«

»Sie erweisen mir viel Ehre,« erwiderte der Chevalier mit seinem unverwüstlichen Lächeln; »ich werde Ihre Einladung nicht zurückweisen.«

»Ist Ihnen ein Glas Punsch gefällig? Er ist sehr gut und ganz geeignet, die düsteren Gedanken und Magenvapeurs zu vertreiben.«

»Tausend Dank, mein lieber Herr! aber ich habe als Mann des Friedens große Furcht vor jeder Art von Alkohol.«

»Sie fürchten vielleicht in eine allzu kriegerische Stimmung zu geraten?«

»Ja, dies ist die Hauptrücksicht, die mir den Genuss der gebrannten Wasser verbietet.«

»Aber Gratien, sei doch freundlicher gegen den Herrn Chevalier – ich trage kein Bedenken, Ihnen diesen Titel zu geben, da ich Ihr Ordensband sehe.«

»Sie können mir ihn ohne Bedenken geben, Herr Louville; ich habe doppelte Ansprüche auf diesen Titel: durch meine Geburt und als Ludwigsritter.«

»Sie müssen wissen, Chevalier, dass Ihr Freund Gratien seit zwei Tagen ein Träumer ist; ich glaube fast, er grübelte über den Heiratsantrag, den Sie ihm gemacht haben.«

»Das wäre sehr schön von ihm,« antwortete der Chevalier mit der größten Unbefangenheit.

»Ja,« erwiderte Louville; »aber solche Gedanken machen einen lustigen Kameraden zum Duckmäuser. – Was trinken Sie, Chevalier? ein Glas Limonade? oder Himbeeressig? oder Bavaroise?«

»Ich will Bavaroise trinken.«

»Gareon!« rief Louville, »diesem Herrn eine Bavaroise – recht heiß und süß! – Jetzt, Herr Chevalier, erlauben Sie uns wohl die Frage, was uns in dieser Kneipe die Ehre Ihrer Gesellschaft verschafft? Sie sind doch hier nicht Stammgast – «

»Sie haben immer Recht, Herr Louville; ich bewundere in der Tat Ihr richtiges Urteil.«

»Es freut mich, dass Sie mir Gerechtigkeit widerfahren lassen.«

»Ich bin hierher gekommen, um Herrn Gratien d’Elbéne aufzusuchen, den ich nicht zu Hause getroffen habe.«

»Wie! Sie haben sich in meine Wohnung bemüht?« fragte Gratien erstaunt.

»Ja, Herr Baron, und von Ihrem Portier erfuhr ich, dass ich Sie hier antreffen würde.«

»Wirklich!« fiel ihm Louville ins Wort, »Sie sind hierher gekommen, um Gratien aufzusuchen? Dies beweist, dass Sie Ihren Plan nicht aufgegeben haben. Das freut mich; ich liebe die Starrköpfe und nehme so lebhaften Anteil an Ihnen, dass ich entschieden Ihre Partei nehme. Wie die Sache jetzt steht, kann nur noch vom Ehekontrakt die Rede sein. Wir haben uns vor Allem über die Bedingungen zu verständigen. Gratien, Du hast zuerst das Wort. Lass hören, was verschreibst Du deiner Zukünftigen? wie viel an liegenden Gütern? wie viel an Staatspapieren und Eisenbahnaktien?«

»Louville,« antwortete Gratien, »ich bitte Dich in allem Ernste, diesen Scherz nicht weiter zu treiben; ich habe deinen Spott schon zu lange anhören müssen. Ich habe dem Herrn Chevalier meinen unabänderlichen Entschluss mitgeteilt, und es wundert mich in der Tat, dass er sich mit meiner Erklärung nicht begnügt. Andererseits würde ich durch Verspottung eines Mädchens, dessen Los ich im Grunde beklagen muss, einen Mangel an Zartgefühl und Charakter verraten. Bedenken Sie wohl, was ich gesagt habe, Herr Chevalier, und merke Du Dir’s auch, Louville; ich hoffe, dass Sie mir Beide beistimmen werden.«

»Keineswegs,« erwiderte der Chevalier de la Graverie; »ich finde vielmehr, dass Herr Louville sehr vernünftig und schicklich spricht; ich bin ihm unendlich verbunden.«

»Siehst Du wohl, Gratien! Sprich daher und lege diese tragische Miene ab; der Herr Chevalier fordert Dich ja als Beschützer der schönen Therese dazu auf und Du schweigst! Es würde vielleicht besser sein, Herr Chevalier, wenn Sie zuerst das Wort nähmen, er würde dann in Zug kommen. Fangen Sie daher an, lieber Herr, nennen Sie die Reichtümer Ihres Schützlings und knausern Sie nicht; denn unser Freund Gratien ist reich, obschon er nur Unterlieutenant ist. – Doch da bringt Ihnen der Kellner die bestellte Bavaroise. Trinken Sie zuerst, damit Ihre Anträge recht süß werden.«

Der Chevalier hörte lächelnd zu, rührte das Getränk langsam mit dem Löffel um, setzte das Glas an den Mund, trank mit langsamen Zügen, stellte das Glas wieder auf den Tisch, wischte sich mit einem Batisttuch sorgfältig den Mund ab und wandte sich endlich an Gratien:

»Ich habe über den Antrag nachgedacht, den ich Ihnen vorgestern machen zu müssen glaubte; ich finde jetzt, dass es lächerlich von mir war, auf die gerechte, ehrliche, natürliche Handlung, die ich von Ihrer Gewissenhaftigkeit verlange, einen Preis zu setzen.«

»Da haben Sie vollkommen Recht,« sagte Louville mit scheinbarem Ernst.

»Merken Sie wohl,« fuhr, der Chevalier fort, »dass ich im Stande bin, Therese auszustatten; aber ich würde dadurch Ihr Zartgefühl verletzen, und es würde mich nicht wundern, wenn der Antrag, den ich Ihnen gemacht, die einzige Ursache Ihrer abschlägigen Antwort gewesen wäre. Heute sage ich Ihnen vielmehr: Therese hat keinen Namen und kein Vermögen; aber Sie haben sie entehrt – und dies war keineswegs eine aus gegenseitiger Zuneigung hervorgegangene Verirrung, nein, Sie nahmen zu dem niedrigsten, empörendsten Betrug Ihre Zuflucht. Sie können, Sie dürfen sich daher nicht weigern, dem mahnenden Ruf der Pflicht zu gehorchen.«

»Bravo! das sind unwiderlegliche Gründe, » höhnte Louville. »Jetzt hast Du das Wort, Gratien. Verteidige Dich, mit deiner Sache steht’s schlecht, ich sage es Dir im voraus. Denke Dir also, Du standest vor den Geschworenen und ich wäre der Präsident.«

»Meine Antwort ist kurz, lieber Freund,« erwiderte Gratien, mit einer gewissen Würde. »Ich erkläre dem Herrn Chevalier« – dabei machte der junge Mann eine leichte Verbeugung – »dass mein Entschluss durch Schmähungen ebenso wenig erschüttert wird wie durch Versprechungen. Ob Therese reich oder arm ist, gilt mir gleich, und ich sehe nur noch hinzu, dass nur die grauen Haare des Herrn Chevalier mich abhalten, einige seiner Worte in ganz anderer Weise zu beantworten.«

»O tun Sie sich gar keinen Zwang an, mein lieber Herr,« sagte der Chevalier; »es kann Ihnen ja ziemlich gleichgültig sein, ob mein Kopf grau oder braun oder blond ist, wenn er nur bereit ist, sich vor die Mündung Ihres Pistols oder vor die Spitze Ihres Degens zu stellen.«

»Hörst Du wohl, Gratien? der Chevalier wird, kriegerisch gestimmt.« »Das wundert Sie, lieber Herr Louville?« sagte der Chevalier mit der größten Gelassenheit. »Glauben Sie etwa, der Mut sei nur Unbesonnenheit oder Prahlerei?«

»Nun, das ist etwas Anderes,« sagte Gratien.

Der Chevalier, der immerfort lächelte, wandte sich wieder zu ihm.

»Sie hatten also wirklich die Absicht, mich zu beleidigen?« fragte ihn der junge Cavalier.

»Es hat mich nicht gekümmert, ob meine Worte Sie beleidigen könnten oder nicht,« erwiderte der Chevalier; » ich habe mich der Ihnen anstößigen Ausdrücke bedient, weil sie Ihr Benehmen deutlich bezeichneten.«

»Kurz und gut, Herr Chevalier, Sie sind heute Sonnabends hierher gekommen, um mir in Gegenwart meiner Kameraden zu sagen: »Sie müssen Therese heiraten oder Sie haben’s mit mir zu tun?«

»Jawohl, Herr Baron.«

Dann schlug er mit dem Löffel auf sein Glas und rief:

»Gareon, noch eine Bavaroise!«

»Nein, nein!« sagte Gratien.

»Wie? nein!«

»Ein Duell mit Ihnen wäre zu lächerlich.«

»Finden Sie das wirklich?«

»Ja,«

»Sie finden, das, es lächerlich sein würde, einen Mann zu töten, der Ihnen sehr wohl den Degen in die Brust stoßen oder eine Kugel durch den Kopf jagen könnte? Und Sie finden es nicht feig und erbärmlich, eine widerliche List anzuwenden, um einen wehrlosen Mädchen mehr als das Leben – das Einzige, was ich im Kampf mit Ihnen auf’s Spiel, setze – um ihr die Ehre zu rauben! Das ist sehr unlogisch, Herr Baron. – Schönen Dank, Gareon!«

Diese letzten Worte galten dem Diener, der dem Chevalier eine zweite Baoaroise brachte.

»Nun gut,« sagte Gratien nach kurzem Besinnen und vielleicht mehr erbittert über die Gelassenheit des Chevaliers, als über die Beleidigungen, die ihm dieser gesagt hatte. »Entfernen Sie sich, da Sie es durchaus wollen.«

»Sie wollen Therese heiraten?«

»Nein, Herr Chevalier, aber Sie sollen Ihre Vermessenheit mit dem Leben büßen.«

»Glauben Sie?« erwiderte der Chevalier, indem er seine Bavaroise umrührte, ohne dass seine Hand im mindesten zitterte, »Es ist eine Frage, deren Lösung wir morgen erwarten müssen. Sprechen Sie nicht über die Zukunft ab, Sie könnten sich sehr irren. Es bleibt also dabei, wir schlagen uns?«

»Allerdings,« antwortete Gratien, der seinen Zorn kaum zu unterdrücken vermochte; »Sie müssten denn Ihre beleidigenden Worte zurücknehmen.«

Gratien d’Elbéne wollte dem Chevalier diesen letzten Ausweg offen lassen, denn er entschloss sich nur sehr ungern zu diesem Duell, das ihn nicht nur lächerlich machte, sondern seine ganze Handlungsweise in einem gehässigen Lichte erscheinen ließ.

»Zurücknehmen?« sagte der Chevalier, indem er sein Glas an den Mund setzte und langsam die Bavaroise schlürfte. »Sie kennen mich schlecht, mein lieber Herr Gratien; ich entschließe mich sehr langsam, aber sobald ich einen Entschluss gefasst habe, mache ich es wie Wilhelm der Eroberer, ich verbrenne meine Schiffe.«

Bei diesem Worte schleuderte er dem jungen Offizier den Überrest seiner Bavaroise ins Gesicht. Gratien d’Elbéne wollte auf den alten Mann zustürzen aber seine Freunde, zumal Louville, hielten ihn zurück.

»Ihre Zeugen – Ihre Zeugen!« sagte Gratien wütend.

»Morgen Früh,« erwiderte der Chevalier, »werden sich meine Zeugen mit den Ihrigen verständigen.«

»Wo und wann?«

»Zwischen zwölf und ein Uhr in den Tuilerien, auf der Terrasse der Feuillans, gegenüber dem Hotel de Londres, wo ich wohne.«

»Ihre Waffen?«

»Meine Waffen? Als Militär sollten Sie die Duellregeln besser kennen. Sie sind der Beleidigte und haben mir daher Ihre Bedingungen durch Ihre Zeugen mitzuteilen.«

»Gut,« erwiderte Gratien. »Und Sie. meine Herren, nehme ich zu Zeugen, dass der alte Mann den Streit gesucht und daher für die Folgen verantwortlich ist.«

Der junge Offizier verließ, von seinen Freunden gefolgt, das Kaffeehaus. Der Chevalier blieb allein zurück und trank den letzten Rest seiner Bavaroise aus. Dann stand er auf, nahm seinen Regenschirm aus der Fensterecke und sagte leise für sich:

»Schade, dass sich der einfältige Black hat stehlen lassen! Dumesnil wäre gewiss zufrieden mit mir gewesen, wenn er mich hätte sehen können.«

IX
Wo der Chevalier findet, was er suchte und nicht suchte

Der Chevalier de la Graverie verließ das holländische Kaffeehaus in ganz anderer Verfassung, als er gekommen war.

Sein Hut, der gewöhnlich ganz senkrecht zur Gesichtsachse und etwas in die Augen gedrückt saß, hatte eine schiefe Stellung angenommen, die ihm ein unternehmendes und so gar etwas rauflustiges Aussehen gab.

Eine Hand spielte in der Hosentasche mit einigen Louisd’or, deren renommistisches Geklimper man deutlich hörte; die andere beschrieb mit dem Regenschirm kunstgerechte Quarten und fein berechnete Finten.

Er, der gemeiniglich vor sich nieder sah, auf dem Trottoir einem Kind aus dem Wege ging, trug den Kopf hoch und den Körper gerade und schien zu erwarten, dass ihm alte Vorübergehenden auswichen. Und dies taten die Leute wirklich, einige aus Achtung vor seinem Alter, andere aus Ehrerbietung vor seinem Ordenskreuz, noch andere endlich, weil ihnen die zuversichtliche Haltung des Chevaliers wirklich imponierte.

Er kam anfangs in Versuchung, in einen Tabakladen zu treten und eine Zigarre zu kaufen, obgleich er gegen das narkotische Kraut immer eine unüberwindliche Abneigung gehabt hatte. Er hielt eine Zigarre für eine notwendige Zugabe seiner neuen Haltung, bei welcher er sich seinen Freund Dumesnil zum Muster nahm.

Aber glücklicherweise erinnerte er sich, dass ihm eines Abends in Papeite, als er der hübschen Tahitierin eine Zigarette aus dem Munde genommen und einige Züge geraucht hatte, entsetzlich übel geworden war und dass er sich erst nach drei Tagen völlig wieder erholt hatte.

Er dachte, ein solches Schauspiel seinen Feinden gegeben, könne seinen eben errungenen Ruf gefährden, und er verzichtete auf diese Grille.

Der Chevalier begnügte sich also mit einer imponierenden Haltung, als Ausdruck seines Selbstgefühls, und begab sich wieder in den Gasthof.

Jetzt müssen wir als wahrheitsliebender Geschichtsschreiber gestehen, dass der Chevalier de la Graverie ungeachtet der inneren Befriedigung, mit welcher er an sein ritterliches Benehmen gegen Gratien d’Elbéne zurückdachte, eine unruhige Nacht hatte. Seine Schlaflosigkeit war keineswegs eine Folge der Furcht vor dem Tode oder dem Schmerz; er wurde durch zwei andere Dinge beunruhigt: durch das Schicksal Theresens für den Fall, dass ihm etwas Menschliches begegnen würde, und durch die Besorgnis, dass er auf dem Kampfplatz die Fassung verlieren möchte.

Über Theresens Zukunft beruhigte er sich einigermaßen durch das Versprechen, welches ihm Henri d’Elbéne gegeben: ein Versprechen, das für diesen noch heiliger werden musste, wenn er seine Schutzbefohlene kennen lernen würde.

Überdies hoffte er, trotz den Drohungen seines Bruders . die Zukunft Theresens durch ein eigenhändig geschriebenes Testament zu sichern.

Es blieb noch das Duell übrig.

Einige Stunden einsamen Nachdenkens hatten das Blut des Chevaliers abgekühlt, und obgleich sein Entschluss nicht wankte, bedurfte er doch seiner ganzen Besonnenheit, um sich zu erheitern.

Leider war’s eine schwere Aufgabe, je mehr Mühe sich der Chevalier gab, sich selbst zu beweisen, dass er alle Ursache Habe, ruhig zu sein, desto ungestümer stürmten die düsteren Gedanken auf ihn ein.

Alles was er einige Stunden früher kaum der Beachtung wert gehalten hatte, schien ihm jetzt so süß, so schätzenswert, so anlockend, dass er seine Gedanken nicht davon abwenden konnte.

Alle Freuden und Genüsse seines früheren Lebens begannen in seiner Erinnerung gar verführerisch zu gaukeln und zu tanzen, und es war ihm, als ob sie ihm mit wehmütiger Stimme zuriefen: »Adieu, Chevalier, Du wirst uns nun bald verlieren. Du hättest uns so schön an Dick fesseln können, wenn Du nicht den jungen Raufbold, den Rächer der bedrängten Unschuld, den Don Quixote gespielt hättest!«

Der Chevalier fand dieses Gaukelspiel seiner Phantasie ,höchst unangenehm.

Zugleich erblickte sein geistiges Auge in der Ferne ein wahres Chaos, welches mit den im Vordergründe tanzenden Gestalten harmonieren zu wollen schien.

Er fühlte die kalte Hand des Todes erst leise seine Haut berühren und dann allmählich immer tiefer in seine Brust greifen.

Es schien ihm, als ob die Geister aus der andern Welt herabschwebten, um seine irdische Hülle zu holen; er fühlte auf seinem Gesicht das Wehen der Riesensittige von flattern den Fledermäusen.

Das mindeste Geräusch, das er in der Nähe hörte, war für ihn das Klopfen eines Hammers, der die Nägel zu seinem Sarg einschlug.

Er wachte – aber trotzdem träumte er, man lege ihn in die Erde. und er hörte deutlich das Gepolter der auf seinen Sarg fallenden Erdschollen und Steine.

Er fühlte das Gewürm des Grabes in die Falten des Leichentuches kriechen, und seine Glieder bebten im Voraus, als er an die feuchtkalte Berührung dachte.

Die Nacht schien ihm unendlich lang, und sobald er den Tag grauen sah, sprang er, seiner Gewohnheit zuwider, aus dem Bette.

»Ich bin wirklich nicht zum Helden geschaffen,« sagte er schlotternd. »Nun, ich werde in meinen eigenen Augen nur um so mehr Verdienst haben, wenn ich mich gut halte. Aber es ist doch sonderbar: gestern hatte ich nicht die mindeste Furcht – und jetzt überläuft michs eiskalt. Ich kann doch nicht zu jeder Stunde des Tages Jemanden herausfordern, um meinen Mut in der gehörigen Temperatur zu erhalten —«

Um diese entmutigenden Gedanken zu verscheuchen, entschloss sich der Chevalier, an Henri d’Elbéne zu schreiben, ohne ihm seinen Gegner zu nennen, dass das Duell aller Wahrscheinlichkeit nach am andern Morgen um acht Uhr stattfinden werde, weshalb er ihn ersuche, ihn um sieben Uhr abzuholen.

Er wollte ihn mit den Offizieren, die ihm Alles gesagt haben würden, durchaus nicht in Berührung bringen, und bis zum andern Morgen oder vielmehr bis zu der Stunde, wo sich die Sekundanten besprechen sollten, hoffte er einen zweiten Zeugen zu finden, der mit den Sekundanten Gratiens die Bedingungen des Kampfes feststellen würde.

Als er den Brief geschrieben und gesiegelt hatte, ging er fort, um ihn selbst auf die Post zu tragen. In wichtigen Dingen verließ sich der Chevalier gern auf sich selbst. In der Haustür begegnete ihm der Mann, der ihm versprochen hatte Black aufzufinden.

»Oho! schon aufgestanden, Monsieur?« sagte Pierre Marteau, ihn anredend.

»Man muss sagen, der Hund ist glücklicher als viele Leute. Ich kann mich verirren und Niemand wird deshalb eine schlaflose Nacht haben. Aber es wird bald die Stunde sein —«

»Was für eine Stunde?« fragte der Chevalier, der seine Gedanken noch nicht recht beisammen hatte.

»Die Stunde, in welcher ich Sie wieder in den Besitz Ihres Hundes zu setzen hoffe.«

»Habt Ihr ihn gesehen? Führt mich zu ihm, mein lieber Mann! Wenn ich meinen lieben Dumesnil bei mir hätte, würde ich mich gewiss vor Niemand mehr fürchten.«

»Nur Geduld, wir wollen uns vorsichtig dem Orte’ nähern, wo er ist, und Sie werden sehen, dass ich nicht gelogen habe,«

»Wohin gehen wir denn?«

»Auf den Hundemarkt. Wohin denn sonst? Glauben Sie denn, dass der Spitzbube, der ihn eingefangen hat, Reliquien daraus machen will?«

»Aber was ist zu tun?«

»Die Sache verhält sich so: Niemand hat den Hund zurückverlangt; man hat weder Anschlagzettel, noch Ankündigungen, noch eine Belohnung gesehen; man ist also ganz ruhig. Verlassen Sie sich auf mein Wort: Ihr Hund ist jetzt, wie wir Beide, auf dem Wege zur Barriere von Fontainebleau.«

An dieser Barriere wird wirklich jeden Sonntag, Mittwoch und Freitag der Pferdemarkt gehalten, und mit demselben ist ein Hundemarkt verbunden. Zwei Maler, von denen der eine im blühendsten Alter gestorben ist, Alphons Giroui und Rosa Bonheur, das Mädchen mit dem lieblichen Namen und dem kräftigen Talent, haben zwei Bilder geschaffen, welche, bei aller Verschiedenheit der Auffassung, dieses pittoreske Schauspiel sehr treffend darstellen.

Übrigens bemerken wir zur Erbauung der Leser, die sich leicht durch Benennungen irreführen lassen, dass man die prächtigen Tiere, die in den Straßen von Paris und im Gehölz von Boulogne bewundert werden, keineswegs auf dem Pferdemarkt suchen muss.

Der Pferdemarkt huldigt wesentlich dem Nützlichkeitsprinzip; Schönheit, Feinheit der Formen, edle Race werden hier nicht im mindesten geschätzt; man sucht hier nur Arbeitsmaschinen zu möglichst billigen Preisen. Abgesehen von einigen tüchtigen Ackerpferden findet man nur abgehetzte, buglahme Gestalten, deren Sehnen die Spekulation auf dem Pariser Pflaster, der qualvollsten »Pferdehölle« bereits zu Geld gemacht hat, und die um einige Thaler losgeschlagen werden, ehe sie auf den großen Anger von Montfaucon kommen.

Am meisten hat man sich auf dem Pferdemarkt vor den anscheinend gesunden und fehlerfreien Tieren zu hüten man kann fast darauf zählen. dass sie Krippensetzer sind oder den Koller haben.

Ungeachtet des kläglichen Aussehens der einzelnen Pferde, mit denen dieser Bazar angefüllt ist, bietet das ganze Bild manches Interessante man lässt ein Pferd, das um dreißig Francs zu haben ist, mit obligatem Accomvagnement von Peitschenhieben galoppieren und traben, gerade wie man ein Vollblutpferd zu tausend Thaler vorführt, Es werden dieselben Kunstgriffe angewandt, man hört dieselben Ausdrücke, dieselben Beteuerungen wie bei den renommierten Pferdehändlern, und der Markt an der Barriere von Fontainebleau ist bei weitem pittoreske als der in den Champs-EIyfées.

Mit diesem Pferdemarkt ist, wie schon erwähnt, der. Hundemarkt verbunden.

Der Hundehandel würde, wenn er in den Grenzen der Ehrlichkeit bliebe, ein ziemlich armseliger Erwerb sein. Aber da Jedermann von seinem Geschäft leben muss, so suchen die Hundehändler das ihrige so gewinnreich wie möglich zu machen. Statt Hunde aufzuziehen und dadurch an Betriebskosten zu sechs Francs monatlich berechnet, in Jahresfrist zweiundsiebzig Francs auszulegen, finden sie es bei weitem einfacher und vorteilhafter, erwachsene, wohlerzogene Hunde auf der Straße aufzufangen und zum Verkauf anszubieten.

Da aber die herrenlos umherirrenden Hunde immer seltener werden, so wendet man alle möglichen Kunstgriffe an, um ihrer habhaft zu werden; einen solchen Kunstgriff haben wir bei dein Raube Blacks gesehen.

Der Hundemarkt, der uns zu dieser gelehrten, wenn auch kurzen Abhandlung verleitet hat, wird in den Seitenalleen des Platzes gehalten. Einige dieser interessanten Vierfüßler sind an Pfählen festgebunden. Die kleineren sitzen in Käsigen. Die großen spazieren mit ihren Herren, oder vielmehr mit denen, die es in Folge der mannigfaltigsten und zufälligsten Umstände geworden sind.

Man findet hier Hunde von jeder Große, von jeder Race und Physiognomie: Pyrenäenhunde mit gelblichem Haar und tückischem, bissigem Charakter, trotz ihrer gutmütigen Miene; Bulldoggs mit eingedrückter Nase, hervorstehenden Augen und langen Fangzähnen; Schäferhunde, Terriers, Pointers, Jagdhunde von verschiedenen Racen und mehr oder weniger zweifelhafter Abstammung. Der Dachshund figuriert neben dem King Charles. Wolfshunde, deren Aussehen an bepelzte Postconducteure erinnert; türkische Hunde, die ihren Pelz abgelegt zu haben scheinen und beständig vor Kälte schlottern; langhaarige Hunde aus der Havanna, die man so selten findet. Sogar von dem »Carlin«, von jener berühmten Race, die nach der Behauptung einiger Naturforscher von der Erde verschwunden sein sollte, wie der Mammuth, findet man von Zeit zu Zeit einige Exemplare – vermutlich die Nachkommen derer, die Henri Mannier der Vergessenheit entrissen zu haben behauptete.

Dann kommt die Schar der Möpse – eine so zahlreiche und in ihren Verzweigungen so launenhaft mannigfaltige Schaar dass Büffon, wäre er auf den Hundemarkt gekommen, gewiss seine Klasseneinteilung und Genealogie der Hunderacen zerrissen haben würde.

Kurz, alle Arten und Abarten sind hier vertreten, von dem gelehrten Pudel, der seine Kunststücke macht, bis zu dem unedlen Köter, der keinem Genus und keiner Spezies angehört.

Der Chevalier de la Graverie hatte mit seinem Begleiter schon beinahe zwei Stunden die Alleen des Boulevard de l’Hospital abgesucht, ohne den Gegenstand seiner Sehnsucht zu finden.

Mehr als zehnmal hatte Pierre Marteau, dem das versprochene Trinkgeld zu lange ausblieb, auf einen Hund gedeutet, dessen Persönlichkeit einen Netter Blacks vermuten ließ, und mit dem Tone moralischer Überzeugung gesagt:

»Sehen Sie, Monsieur, ist dort nicht Ihr lieber Dumesnil?«

Und mehr als zehnmal hatte der Chevalier mit einem Stoßseufzer geantwortet:

»Ach nein, er ist’s nicht!«

Auf einmal jauchzte unser Held, laut auf.

An einer Straßenecke, auf die er gerade zuging, bemerkte er einen Mann, der zwei Hunde am Riemen führte.

Einer dieser beiden Hunde war Black.

Der Mann sprach mit einem Herrn, der den Jagdhund mit der lebhaftesten Neugierde zu mustern schien.

»Da ist er! da ist er!« jubelte der Chevalier de la Graverie. »Seht nur, er erkennt mich, er sieht sich nach mir um – Black! Black! – Ach, teurer Dumesnil, in meiner Lage freue ich mich doppelt, Dich wieder zu finden.«

Der Chevalier wollte über die Straße eilen; aber es wurden eben mehre Pferde vorüber geführt, und es war unmöglich, hinüber zu kommen, ohne sich einer Gefahr auszusetzen, und Pierre Marteau, der keine Ursache zu ungewöhnlicher Begeisterung hatte, war zum Glück ganz besonnen geblieben und hielt ihn noch zur rechten Zeit zurück. Unterdessen hatte der unbekannte Herr seine Börse gezogen, den Hundehändler bezahlt und den Riemen genommen, um sich mit Black zu entfernen. Der Chevalier de la Graverie, der auf der andern Seite des Fahrweges alles gesehen hatte, rief aus Leibeskräften:

»Halt! halt! der Hund ist mein.«

Aber seine Stimme wurde von dem Geschrei der Pferdehändler, von dem Peitschengeknall und den Hufschlägen auf dem Steinpflaster übertönt.

Endlich wurde der Fahrweg frei. Pierre Marteau ließ den Rockschoß los und die Verfolgung des Käufers begann.

»Monsieur! Monsieur!« schrie der Chevalier, hinter ihm herlaufend, »der Hund, den Sie gekauft haben, gehört mir!«

Der unbekannte Herr, der das Rufen des Chevaliers anfangs nicht beachtet hatte, sah endlich ein, dass die Anrede ihm galt und wie sehr es ihm auch darum zu tun schien. Black in Sicherheit zu bringen, so sah er sich doch um.

»Wie meinen Sie,« fragte er, »was ist gefällig?«

»Ich sage,« wiederholte der Chevalier keuchend, »dass dieser Hund mein ist.«

»Sie irren sich, mein Herr,« antwortete der Käufer, « dieser Hund, den ich am Riemen führe, gehört mir, aus zwei Gründen, von denen schon einer genügt, um mein Besitzrecht außer allen Zweifel zu setzen, ich habe ihn aufgezogen und nie verkauft, und gleichwohl habe ich ihn so eben zurückgekauft.«

»Entschuldigen Sie, lieber Herr,« sagte Pierre Marteau höflich, aber mit Nachdruck, »ich kann bezeugen, dass, der Hund diesem Herrn gehört, ich habe gesehen, dass er ihm am Freitage Abends gestohlen wurde, und seit zwei Tagen suche ich ihn.«

»Sehen Sie nur, er erkennt mich!« sagte der Chevalier, indem er Black beim Kopf nahm und auf die Stirn küsste.

»Leider,« antwortete der Käufer kalt, aber entschlossen, »beweist dies nur, dass Sie einen Hund besessen haben, nachdem er mir gestohlen worden war; aber Sie werden schwerlich mit Ihrem Ehrenworte bestätigen können, dass dieser Hund länger als zwei Jahre in Ihrem Besitz ist, obschon er bereits acht Jahre alt ist.«

»Mein Herr,« erwiderte der Chevalier, der an Theresens Erzählung dachte und einige Gewissensskrupel Fühlte, »belieben Sie einen Preis zu bestimmen, ich werde bezahlen, was Sie verlangen.«

»Mich kann kein Preis anlocken,« sagte der Käufer, »ich bin, Gott sei Dank, so reich, dass ich nicht nötig habe meine Hunde zu verkaufen, Überdies ist mir dieser Hund gar nicht feil; an ihn knüpfen sich theure Erinnerungen und ich versichere, dass ich seit fünfzehn Monaten wo ich ihn im Wald? von Boulogne verlor, täglich an ihn gedacht habe. Ich habe ihn wiedergefunden und behalte ihn.«

Sie wollen Black behalten! das ist unmöglich!« eiferte der Chevalier, den diese entschiedene Antwort in Harnisch brachte. »Der Hund ist mein und ich werde nötigenfalls mein Leben opfern, um wieder in seinen Besitz zu gelangen.«

»Mein Herr,« erwiderte der Käufer mit finsterer Miene, »ich habe einiges Mitleid mit Ihrem Gemütszustand, den ich für einen Anfall von gelindem Wahnsinn halten zu müssen glaube, aber ich muss Ihnen erklären, dass Sie mich langweilen.«

»Es gilt mir gleich, ob ich Sie langweile oder nicht,« antwortete der Chevalier, der nach und nach wieder in seine gestrige rauflustige Stimmung kam; »ich habe morgen ein Duell, und da ich einmal im Zuge bin, so werde ich mich durch die Aussicht auf einen zweiten Gang nicht abschrecken lassen. Ich will meinen Hund haben.«

Diese letzten Worte sprach der Chevalier sehr laut und entschlossen.

»O, schreien Sie nicht so!« erwiderte der Gegner mit großer Ruhe. »Sehen Sie nur, das Publikum versammelt sich schon um uns, und für einen Mann in Ihrem Alter ist es nicht schicklich, sich so zur Schau zu stellen. Hier ist meine Harte; in einer Stunde bin ich zu Hause; ich hoffe, dass Sie dann etwas gelassener sein werden, und ich erwarte Sie, um die Sache in Ordnung zu bringen, wie es Ihnen beliebt.«

»Gut, in einer Stunde.«

Der Unbekannte verneigte sich mit kalter Höflichkeit und entfernte sich mit Black, der in Bezug auf den Besitz keine Prioritätsansprüche gelten zu lassen schien, denn er ging willig mit, indem er dem Chevalier de la Graverie einen Blick zuwarf, der diesem wie ein Pfeil ins Herz drang.

Als der Chevalier endlich Black und dessen Herrn aus den Augen verloren hatte, warf er einen Blick auf die Karte, die er In der Hand hielt, und las:

J. B. Chartier, Handelsmann,
Rue des-Trois-Fréres, Nr. 22

»Ei, den Namen habe ich schon irgendwo gesehen,« dachte der Chevalier, während er auf den Fiakerstand zuging. »Mein Kopf ist mir hier in Paris so verwirrt geworden, dass mir wirklich um mein Gedächtnis, bange wird. Der Hund hat mir schon viel Verdruss gemacht, aber weit mehr Kummer würde mir sein Verlust machen. Dieser fatale Vorfall verheißt mir auf morgen nichts Gutes.«

Ein leerer Fiaker fuhr eben vorüber; der Chevalier winkte, der Kutscher hielt an.

Pierre Morteau öffnete zuvorkommend den Schlag.

»Ah, da seid Ihr ja, mein Freund,« sagte der Chevalier; »ich hatte gar nicht mehr an Euch gedacht. Der Mensch ist doch ein undankbares Geschöpf!«

Er nahm drei bis vier Louisd’or aus der Tasche und wollte sie seinem treuen Begleiter geben.

Aber Pierre Marteau schüttelte den Kopf.

»Ist’s nicht genug?« sagte der Chevalier.

»Kommt mit mir in den Gasthof, ich werde Euch mehr geben.«

»O, das meine ich nicht, Monsieur.«

»Was meint Ihr denn?«

»Ich meine, dass ich Ihnen noch nützlich sein kann, wär’s auch nur, um nötigenfalls zu bezeugen, dass der Hund Ihnen gehört und dass Sie ihn auf dem Boulevard des Italiens am Riemen führten, als er ihnen gestohlen wurde.«

»Es ist wahr. Kommt nur mit mir. Gin braver Mann ist immer nützlich, und wenn Ihr mir diesen Dienst nicht erweisen könnt, so findet sich vielleicht eine andere Gelegenheit, mir nützlich zu sein. Aber wo wollt Ihr sitzen?«

»Bei dem Kutscher.«

»Gut, so steigt auf, mein Freund.«

Dann sagte er, wie mit sich selbst redend, als ob er sich in eine martialische Stimmung versetzen wollte:

»Ja, ja, ich muss Black wieder haben, und wenn ich mich mit diesem Chartier übers Schnupftuch schießen sollte! Und Du wirst mich nicht im Stich lassen, armer Dumesnil, ich setze ja für Dich mein Leben aufs Spiel!«

Pierre Morteau hatte inzwischen die Wagentür wieder geschlossen und neben dem Kutscher Platz genommen.

»Wohin soll ich fahren?« fragte der Letztere.

»Rue des – Trois – Fréres Nr. 22,« antwortete der Chevalier.

Der Fiaker fuhr ab.

X
Wo der Chevalier, nachdem er seinen Hund wiedererkannt, einen Freund findet

Der Chevalier de la Graverie war in sehr düsterer Stimmung, als er das Haus seines Gegners betrat.

Herr Chartier war eben nach Hause gekommen.

Der Chevalier erkundigte sich bei dem Hausmeister nach Black. Der Hausmeister hatte nicht die Ehre, Black zu kennen, aber Herr Chartier war mit einem unbekannten Hunde nach Hause gekommen. Dieser Hund war ein prächtiger, glänzend schwarzer Jagdhund. Mehr wollte der Chevalier nicht wissen.

Herr Chartier bewohnte den zweiten Stock eines sehr schönen Hauses.

Der Chevalier eilte die Treppe hinauf, in der Erwartung, Black wieder zu sehen und auf Worte sinnend, welch? das Herz des früheren Eigentümers erweichen könnten. Dieses Herz schien ihm übrigens nach dem jüngst erlebten Vorfall ziemlich hart.

Auf der Treppe fragte er sich, ob es nicht gut sei, dem oben genannten J. B. Chartier seine absonderlichen Vermutungen hinsichtlich der hier aller Wahrscheinlichkeit nach stattgefundenen Seelenwanderung mitzuteilen und ganz offen zu gestehen, dass sein Herzensfreund Black einst einen Degen an der Seite und Kapitänsepauletten getragen habe.

Er läutete an der Tür des zweiten Stockes, ohne einen festen Entschluss gefasst zu haben, und indem er sich zum zehnten Male fragte:

»Wo habe ich doch den Namen Chartier gesehen?«

Herr Chartier war wirklich eben nach Hause gekommen. Es war zehn Uhr, die stets pünktlich eingehaltene Frühstücksstunde, und er hatte sich sogleich zu Tische gesetzt.

Aber ehe er sich setzte, hatte er ausdrücklich befohlen, einen kleinen beleibten Mann von etwa fünfzig Jahren mit einem roten Bande im Knopfloch, der bald nach ihm fragen werde, in den Salon zu führen.

Diese Personenbeschreibung passte so gut auf den Chevalier, dass der Bediente, welcher die Tür öffnete, ohne seine Anrede abzuwarten, sagte:

»Ah, da ist ja der Herr, den Monsieur erwartet.«

»Ja, ich bin’s,« sagte der Chevalier.

»Ich soll Sie in den Salon führen,« setzte der Bediente hinzu, »und Monsieur, der beim Frühstück sitzt, sogleich in Kenntnis setzen.«

Der Chevalier hatte noch nicht gefrühstückt, er hatte so viel zu denken, dass er diese Mahlzeit, die ihm sonst keineswegs gleichgültig war, ganz vergessen hatte. Er war übrigens tief durchdrungen von der gastronomischen Moral, welche jede Störung in dem wichtigen Geschäft der Magenbefriedigung verbietet, und antwortete mit instinktartiger Höflichkeit:

»Gut, gut – ich will Herrn Chartier nicht stören, ich werde im Salon warten.«

Der Bediente führte den Chevalier in das bezeichnete Zimmer und meldete seinem Herrn die Ankunft des erwarteten Fremden. Er unterließ auch nicht, dessen Worte zu wiederholen, welche der zu den Füßen seines neuen Herrn liegende Black mit großer Aufmerksamkeit anzuhören schien. Unterdessen trat der Chevalier an das Kamin, in welchem ein gutes Feuer brannte, und während er sich die Waden wärmte, fragte er sich zum elften Male:

»Wo in aller Welt habe ich doch den Namen Chartier gesehen?«

In diesem Augenblicke wurde seine Aufmerksamkeit durch ein Gemälde gefesselt, welches eine deutlichere Erinnerung in ihm zu wecken schien, als der neue Eigentümer Blacks.

»Ei, siehe da,« sagte der Chevalier erstaunt, »die Rhede von Papeite!«

Er eilte auf das Gemälde zu, das seine Aufmerksamkeit in so hohem Grade fesselte. Endlich erinnerte sich der Chevalier, wo er den Namen Chartier, der ihm so viel Kopfbrechen verursachte, gesehen hatte.

Aber kaum hatte er das Rätsel gelöst, so hörte er das Knarren einer sich auf tuenden Tür.

Er sah sich um und bemerkte Herrn Chartier.

Jetzt erinnerte er sich nicht nur des Namens, sondern auch des Gesichtes. Er warf seinen Hut auf den Teppich, eilte auf den Herrn vom Hause zu und fasste seine beiden Hände.

»Herr Chartier,« sagte er, »nicht wahr, Sie sind in Tahiti gewesen.«

»Ja wohl,« erwiderte Chartier, ganz erstaunt über diese veränderte Stimmung bei einem Manne, den er bereits als seinen Gegner betrachtete.

»Sie waren dort im Jahre 18**, am Bord der Corvette »Dauphin?«

»Ja.«

»Das gelbe Fieber war am Bord des Schiffes ausgebrochen —«

»Ja.«

»Am achten August ließ sich ein großer hagerer Mann von fünfzig Jahren, mit einem schwarzen Schnurrbart und etwas grauen Haaren an Nord des »Dauphin« führen und wurde angesteckt.«

»Ja wohl, der Kapitän Dumesnil.«

»Ganz recht, Dumesnil! – Ich irre mich nicht, Sie haben Dumesnil gekannt.«

»Allerdings, er war mein bester Freund.«

»Nein, nein – sein bester Freund war ich, und ich schätze mir’s zur Ehre. Ja, sacredie! es gibt eine Vorsehung,« sagte der Chevalier tief bewegt, mit einem ihm unwillkürlich entschlüpfenden Fluch.

»Ich habe es immer geglaubt,« erwiderte Chartier lächelnd.

»Kommen Sie in meine Arme!« sagte der Chevalier und schlang einen Arm um den Hals des Mannes, dem er zehn Minuten vorher das Lebenslicht ausblasen wollte.

»Ich bin zufrieden,« sagte Chartier mit einer Ruhe, welche gegen die aufgeregte Stimmung des Chevaliers sehr abstach; »umarmen Sie mich einmal, zweimal, wenn Sie wollen; dann aber haben Sie die Güte sich zu erklären, denn nach Allem was bis jetzt vorgegangen ist, habe ich wirklich Lust, einen meiner Commis zu rufen und Sie nach Charenton bringen zu lassen,«

»Sie haben das Recht dazu,« erwiderte der Chevalier, »denn ich bin ganz von Sinnen – aber nur die Freude hat mich so verwirrt gemacht. Übrigens lässt sich die Sache mit wenigen Worten aufklären.«

»Dann bitte ich um diese Aufklärung.« »Ich bin der Chevalier de la Graverie —«

»Der Chevalier de la Graverie!« erwiderte Chartier, der zum ersten Male seine gewohnte Kälte ablegte.

»Ja! ja!«

»Der Passagier, der nach dem Tode des armen Dumesnil an Bord des »Dauphin« kam?«

»Ia, derselbe, der mit Ihnen die Reise bis nach Valparaiso machte. Dort verließen Sie die Corvette. auf deren Verdeck ich wegen der Seekrankheit nur ein- oder zweimal kommen konnte.«

»Und ich nahm den damals noch ganz kleinen Black und seine Mutter mit. Jetzt sehen Sie, dass ich die Wahrheit gesagt habe.«

»Ja wohl – aber jetzt lassen Sie uns von etwas Anderem reden.«

»Wovon Sie wollen.«

»Erinnert Sie mein Name nicht an etwas Anderes?«

»O ja.«

»Erinnert er Sie nicht an das Paket, welches Ihnen Dumesnil an Bord brachte, und an die Person, an welche dieses Paket adressiert war?«

»An Madame de la Graverie.«

»Mathilde!«

»Leider. Herr Chevalier,« antwortete Chartier, »konnte ich diesen Teil des übernommenen Auftrages nicht in Ausführung bringen. Ich hatte die Absicht gehabt, geradeswegs nach Frankreich zurückzureisen. In Valparaiso blieb ich länger, als ich beabsichtigt hatte; dann ging ich an Bord eines Schiffes, welches den Weg um das Vorgebirge der guten Hoffnung nahm, und als ich nach Frankreich kam, war Madame la Graverie schon tobt.«

»Wissen Sie denn nichts Näheres über ihren Tod und über das von ihr hinterlassene Kind?«

»Wenig, aber was ich erfahren habe, will ich Ihnen sagen.«

»O! ich bitte Sie!« sagte der Chevalier, die Hände faltend.

»Es wird Ihnen bekannt sein, dass Ihr Bruder verlangt hatte, sie solle das Kind, dessen Geburt zu erwarten war, nicht anerkennen. Sie gebar eine Tochter —«

»Ganz richtig, eine Tochter.«

»Die in der Taufe den Namen Therese erhielt.«

»Therese! wissen Sie das gewiss?«

»Ganz gewiss, Herr Chevalier.«

»Weiter! weiter! ich bin ganz Ohr.« sagte der Chevalier, der den Erzähler mit gespannter Aufmerksamkeit ansah.

»Das Kind wurde einer Frau, Namens —«

Chartier konnte sich nicht entsinnen.

»Sie hieß Dennée,« sagte der Chevalier, dem Gedächtnis des Erzählers zu Hilfe kommend.

»Ganz richtig, so hieß sie. Aber ich suchte sie vergebens, ich konnte nicht die mindeste Spur von ihr entdecken.«

»Ich habe sie gefunden,« sagte der Chevalier.

»Wen?«

»Therese.«

»Wie! Therese haben Sie gefunden?«

»Ja, und mit Hilfe der Aufschlüsse, die ich von Ihnen erhalten, hoffe ich sie bald meine Tochter nennen zu können.«

»Ihre Tochter?«

»Allerdings.«

»Aber mich dünkt doch —«

Chartier hielt inne, er sah ein, dass er sich auf ein gefährliches Terrain wagte.

Der Chevalier erriet seine Gedanken.

»Sie sind erstaunt,« sagte er mit wehmütigem Lächeln; »aber eine Beleidigung, die der Tod gesühnt, soll man vergessen. Überdies gestehe ich Ihnen, mein lieber Herr, dass ich sieben lange Jahre in selbstsüchtiger Abgeschlossenheit gelebt habe; als ich älter wurde, fühlte ich das Bedürfnis, mich an ein befreundetes Wesen anzuschließen: ich begann einen Hund als Freund zu betrachten, und nun will ich meine letzten Lebenslage dem Glücke eines Kindes widmen. Denken Sie nach, lieber Herr Chartier: haben Sie irgend einen Beweis, auf welchen wir die Geburt des Mädchens gründen konnten?«

»Allerdings, wenn Sie beweisen können, dass es dasselbe Kind ist, welches der Frau Dennée anvertraut wurde. Ich besitze eine Schrift, dieselbe, die mir der arme Dumesnil auf das Schiff brachte, indem er mir Mutter und Kind empfahl. Diese Schrift, welche ihm Madame de la Graverie zugeschickt, war auf den Rat des sie behandelnden Arztes verfasst worden; es wird darin bestätigt, dass das Kind, welches in der Taufe die Namen Therese Delphine Margarethe erhielt, ihre Tochter war.«

»Und folglich die meinige!« setzte der Chevalier frohlockend hinzu. »Pater is est quem nuptiae demonstrant.«

Nie ist wohl dieser Grundsatz, der so manchen Mann mit Ärger erfüllt hat. mit größerer Freude geltend gemacht worden.

Der Chevalier de la Graverie hielt sich nun für verpflichtet, Herrn Chartier mit der Stellung der Personen, die seit einiger Zeit in seinem Leben eine Rolle gespielt, bekannt zu machen.

Er beschloss seine Erzählung mit der Schilderung der gestrigen Vorgänge.

Chartier vernahm mit Erstaunen und Missfallen dass Duell, welches am andern Morgen stattfinden sollte, und bot Alles auf, um dem Chevalier davon abzuraten.

Aber der Anblick Blacks und die kleine Aufregung, die der Chevalier vor einer Stunde gehabt, hatte ihn, wieder Mut gemacht.

»Nein, mein lieber Herr,« sagte er, »nein, nein, ich bin unerschütterlich. Ich war schon entschlossen mich zu schlagen, als ich über Theresens Geburt nur noch Vermutungen hatte: jetzt weiß ich gewiss, dass sie Mathildens Tochter ist, und ich würde um ihretwillen tausend Gefahren trotz bieten. Es ist auch Egoismus, ich bin immer ein Egoist gewesen, und werde es bis an mein Ende bleiben. Fürwahr,« setzte der Chevalier hinzu und deutete auf Black, der ebenfalls in den Salon gekommen war und den Kopf auf seine Knie gelegt hatte, »ich habe in den Schmerzen, die ich für meine einzigen Freunde erduldet, einen Genuss gefunden, und auch der Tod wird mir süß sein.«

»Nun, da Ihr Entschluss so fest steht, lieber Chevalier,« antwortete Chartier, »so erweisen Sie mir die Ehre, mich zum Sekundanten zu nehmen.«

»Ich wollte Sie darum bitten,« erwiderte der Chevalier erfreut.

»Dann sind wir ja einverstanden.«

»Ja wohl, und wir haben keine Minute zu verlieren.«

»Wie so?«

»Die Zeugen meines Gegners werden zwischen zwölf und ein Uhr auf der Terrasse des Feuillants warten, um sich mit den meinigen zu verständigen.«

Der Chevalier zog seine Uhr.

»Es ist halb elf.«

»Sie sehen, dass wir Zeit haben.«

»Das ist wahr – aber ich habe noch nicht gefrühstückt.«

»Ich würde Sie einladen an meinem Frühstücke Teil zu nehmen, aber ich muss noch einen Freund aufsuchen.«

»Warum denn?«

»Um die Bedingungen des Kampfes zu verabreden.«

»Ich habe bereits einen zweiten Freund; aber er soll aus wichtigen Gründen meinen Gegner und dessen Zeugen erst auf dem Kampfplatz sehen; ich ersuche Sie daher, die Sache allein abzutun.«

»Haben Sie mir noch etwas aufzutragen?«

»Nein.«

»Aber wenn unser Gegner uns die Wahl der Waffen lässt?«

»Dann lehnen Sie es ab – er ist der Beleidigte, ich will mir kein Zugeständnis machen lassen.«

»Geben Sie denn keiner Waffe den Vorzug?«

»O nein, ich habe gegen alle einen Abscheu.«

»Aber Sie können doch fechten und mit dem Pistol schießen?«

»Ja. mein armer Dumesnil hat mich, trotz meines Wiederstrebens, dann unterrichtet.«

»Und Sie Habens zu einiger Fertigkeit gebracht?«

»Sie kennen doch die kleinen, grünen Papageien mit den orangefarbenen Köpfen, die sich auf allen Südseeinseln finden?«

»Ja wohl.«

»Von diesen kleinen Papageien, die etwas größer als unsere Sperlinge sind, schoss ich regelmäßig zwei unter dreien vom Baum herunter.«

»Das ist schon recht hübsch; Dumesnil fehlte freilich nie. Und mit dem Degen?«

»Mit dem Degen kann ich nur parieren, aber ich pariere sehr gut.«

»Das ist nicht genug.«

»Und einen Stoß – einen einzigen habe ich gründlich gelernt —«

»Ich weiß schon; diesen Stoß hat mir Dumesnil zehnmal hintereinander beigebracht. Dieser Stoß, rasch und sicher geführt, genügt; ich fürchte nichts mehr für Sie.«

»Ich auch nicht – aber unter einer Bedingung,«

»Reden Sie.«

»Erlauben Sie, dass Black uns auf den Kampfplatz begleite, lieber Herr Chartier. Ich bin sehr aber gläubig, und ich denke, seine Anwesenheit müsse mir Glück bringen.«

»Nicht nur morgen, sondern immer, lieber Chevalier. Es freut mich, Ihnen diesen Hund, der Ihnen so lieb ist, anbieten zu können.«

»Tausend Dank!« erwiderte der Chevalier, dessen Augen sich mit Thronen füllten. »Sie können sich denken, welch ein wertvolles Geschenk Sie mir machen – Black ist für mich kein Tier,« setzte er hinzu und sah bald Black und bald seinen neuen Freund an. »Black! lieber Black!«

Black schmiegte sich, vor Freude winselnd, an den Chevalier.

»Jetzt sei nur ruhig, armer Dumesnil,« sagte Dieudonné, die Liebkosungen Blacks erwidernd, »nichts soll uns jetzt mehr trennen – es müsste denn eine Pistolenkugel oder in Degenstich —«

Aber Black sprang freudig bellend im Zimmer umher und der Chevalier, der an Vorbedeutungen glaubte, fasste die Hand Chartier’s und sagte mit heiterer, fast übermütiger Laune:

»Mich dünkt, lieber Freund, Sie sprachen von einem uns erwartenden Frühstück.«

»Ja wohl, ich mache mir ein Vergnügen daraus, Sie als meinen Gast zu sehen.«

»Dann zu Tisch! Es lebe die Freude!«

Chartier sah den Chevalier erstaunt an, aber er begann sich den Sonderbarkeiten seines neuen Freundes zu fügen und stimmte in den Ton desselben mit ein.

Der Chevalier ließ sich das Gabelfrühstück vortrefflich schmecken; seit dem Tage, an welchem er Marianne fortgeschickt , hatte er nicht so gut gespeist.

Als er fortging, fand er den Fiaker an der Tür. Der brave Pierre Marteau saß auf dem Bock und verzehrte eben den letzten Bissen eines einfachen, aber gewiss nicht schlechter mundenden Frühstücks, welches von dem Wurstmacher gegenüber und von dem Schankwirte an der Ecke geliefert worden war.

»Aha!« sagte er, als er den Chevalier und Herrn Chartier Arm in Arm aus dem Hause kommen und Black hinter ihnen hergehen sah, »es scheint ja Alles gut zu gehen?«

»Ja wohl, mein Freund,« antwortete der Chevalier, »und damit Alles auch gut ende, werdet Ihr mich in den Gasthof begleiten, wo wir abrechnen können.«

»O! es ist nicht der Mühe wert, mein lieber Herr; Sie haben Kredit bei mir.«

»Aber wenn ich morgen ins Gras beiße?«

»Sie schlagen sich ja nicht.«

»Mit diesem Herrn allerdings nicht,« erwiderte der Chevalier, sich in die Brust werfend, »aber mit einem anderen.«

»Wirklich!« sagte Pierre Marteau erstaunt. »Aufrichtig gesagt, ich hätte Sie nicht für so rauflustig gehalten. Aber zum Glück werden Sie bis dahin schlafen, und die Nacht bringt Rath.«

Der Chevalier stieg in den Fiaker, wo ihn Chartier bereits erwartete, Black, der vielleicht ein neues Missverständnis fürchtete, sprang erst nach dem Chevalier hinein. Pierre Marteau schloss die Wagentür und nahm seinen Platz neben dem Kutscher wieder ein. Als der Fiaker in der Rivolistraße vor dem Hotel de Londres anhielt, begegneten sich zwei Offiziere, von verschiedenen Seiten kommend, auf der Terrasse des Feuillants.

»Dort sind meine Leute,« sagte der Chevalier; »lassen Sie nicht auf sich warten, lieber Herr Chartier, und geben Sie nicht nach.«

Chartier gab ihm durch einen Wink zu verstehen, dass er mit ihm zufrieden sein solle, während sich der Chevalier mit Pierre Marteau in sein Zimmer begab. Vor Allem wurde Black wieder auf die Polster gebettet. Dann nahm der Chevalier aus dem Schubfach des Sekretärs eine kleine, ziemlich abgenutzte Brieftasche von rotem Maroquin, zog ein durchsichtiges Stückchen Papier heraus und reichte es Pierre Marteau. Dieser faltete es etwas zögernd aus einander, und ungeachtet seiner geringen Bekanntschaft mit Banknoten erkannte er doch das Stückchen Papier für eine solche.

»Aha! der Name Garat steht darauf,« sagte er; »diese Unterschrift wird am leichtesten und billigsten escomptirt. Wie viel habe ich Ihnen darauf herauszugeben, Monsieur?«

»Nichts,« antwortete der Chevalier; »ich habe Euch fünfhundert Francs versprochen, wenn ich meinen Hund wiederfände: ich habe ihn wiedergefunden und hier ist das Geld.«

»Für mich? Für mich ganz allein? – Machen Sie keinen Spaß, so ein Schreck fährt Einem in die Glieder, wenn’s hernach nichts ist.«

»Diese Banknote gehört Euch, mein Freund,« sagte der Chevalier; »behaltet sie.«

Pierre Marteau kratzte sich hinter dem Ohr.

»Sie geben’s mir doch gern?« fragte er.

»Ja, von Herzen gern.«

»Geben Sie mir nicht auch Ihre Hand?«

»Warum nicht? Beide Hände, wenn es Euch Freude macht.«

Er reichte dem Proletarier beide Hände. Pierre Marteau hielt die zarten Hände des Chevaliers eine kleine Weile in seinen schwieligen Fäusten; er ließ sie los, um eine aus seinen Augen hervorquellende Thräne abzuwischen.

»Monsieur,« sagte er, »der Pfarrer von St. Elisabeth soll morgen Früh eine Messe für Sie lesen, damit Ihnen bei Ihrem Duell kein Unglück geschehe.«

Pierre Marteau entfernte sich, ohne die Antwort seines Wohltäters abzuwarten.

Der Chevalier wischte sich ebenfalls die Augen; dann öffnete er das Fenster und versuchte ein Liedchen zu pfeifen.

Er sah Chartier in eifrigem Gespräch mit den beiden Zeugen Gratiens d’Elbéne.

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Дата выхода на Литрес:
04 декабря 2019
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