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Adolf Paul
Das heilige Donnerwetter
Ein Blücherroman

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2020
EAN 4064066116316
Inhaltsverzeichnis
1 Im Adlernest
2 Erster Flugversuch
3 Der alte Adler
4 Im Schatten
5 Aus dem Nest heraus
6 Der Solofänger Nummer Eins
7 Vulkans Schmiede
8 „Prüske Dickköppe“
9 Jena
10 Zwei Welten
11 Zwischen den Schlachten
12 Das heilige Donnerwetter
13 Das Fell des Löwen
14 Der größte Sieg
[pg 5]
1
Im Adlernest
Inhaltsverzeichnis
In schnellem Flug huschte dann und wann der schneeweiße Körper einer Möwe vorüber und leuchtete grell gegen das von keinen Wolken bedeckte Blau des Himmels auf. Aber keiner von den drei jungen Leuten, die nebeneinander auf den zusammengerafften Segeln im Boote lagen, drehte auch nur den Kopf, um die Kunststücke des gewandten Luftseglers zu beachten. Sie starrten unentwegt nach dem kleinen dunklen Punkt, der, kaum noch wahrnehmbar, sich hoch in den Lüften bewegte.
„Aufgepaßt!“ rief der eine halblaut, „seine Kreise werden enger! Er sieht Beute!“
„Er zielt!“ rief der zweite.
„Er fällt!“
Der schwarze Punkt wurde schnell größer, breitete sich zur Fläche aus, gliederte sich, wurde zum Körper, dessen Kopf, Rumpf, Flügel und Schwanz sich scharf von der klaren Luft abzeichneten. Dann schoß er rasch tiefer, hielt jäh an und stürzte pfeilschnell kopfüber in den See.
Mit einem Ruck schnellten die drei jungen Leute empor, standen da kerzengerade im Boot und blickten dem goldbraunen Körper des Raubvogels nach, der ins Wasser hineinschoß, daß der Schaum hoch aufspritzte. Bald kam er wieder zum Vorschein, hob sich zum Flug und steuerte mit ruhigen, kraftvollen Schlägen seiner mächtigen Schwingen in flacher Bahn der Küste zu, einen großen, silberweißen Fisch in den Krallen mit sich führend.
[pg 6]
„Der Adler von gestern!“ rief der längste von den dreien. „Ich kenne ihn genau! Die gleiche Größe und Zeichnung! Nicht zu verkennen!“
„Er wird wohl hier in der Gegend nisten!“
„Sicherlich! Denn als er gestern drüben bei Hiddensee fischte, stieg er mit seinem Raub jäh in die Höhe und flog nach Nordost, hierher. Jetzt steuert er flach gegen das Land. Dort auf den Kreidefelsen wird es sein!“
„Schauen wir nach!“
Im Nu saßen zwei an den Riemen, der dritte am Steuer, und von kräftigen Schlägen getrieben, glitt das Boot dem Ufer zu, wo hoch oben auf dem weiß leuchtenden Kreidefelsen ein paar uralte Kiefern wie vorweltliche Riesen ihre knorrigen Kronen aus der saftig grünen Masse des Laubwaldes emporhoben.
Auf diese Bäume setzten sie Kurs. Und lange dauerte es nicht, bis das braungeteerte Boot sich am Geröll des Ufers scheuerte.
Bald war es an Land gezogen, Segel und Ruder versteckt, und die drei Freunde sprangen von Stein zu Stein auf das Gemengsel von Sand, Schlemmkreide und Feuersteinen hinauf, aus dem der schmale Uferstreifen gebildet war, der den Felsenrand vom Wasser trennte.
„In einer der alten Kiefern da oben wird er sein Nest haben!“
„Klettern wir hinauf!“
„Wozu klettern? Weiter nach links weiß ich einen Pfad, der bequem zu steigen ist!“
„Der gerade Weg ist der beste!“ antwortete der, der zuerst geredet hatte – ein lang aufgeschossener Jüngling mit Adlernase und dunklen, blauen Augen. Und ohne sich um die anderen zu kümmern, nahm er entschlossen Anlauf, packte mit kräftigem Griff den nächsten Busch, stemmte die Füße gegen die Spalten und Vorsprünge des Felsens, nahm im ersten Ansturm die halbe Höhe und blieb da auf einem breiteren Vorsprung stehen und blickte hinauf.
[pg 7]
„Da ist er wieder!“ schrie er und zeigte auf den Adler, der in raschem Flug wieder seewärts steuerte. „Was sagte ich? Sein Nest ist hier!“
„Vorwärts nur!“
Ein paar kräftige Klimmzüge, ein Keuchen und Fluchen, wenn der Fuß einmal ausglitt und Steine und Sand prasselnd in die Tiefe schickte, dann waren sie oben und fanden da den Dritten im Bunde lachend vor. Denn der bequemere, wenn auch längere Pfad hatte ihn doch zuerst ans Ziel geführt.
„Lache nur!“ rief der Lange. „Hier wärest du nimmermehr heraufgelangt!“
„Wozu denn Wände hochsteigen, wenn es auch so geht?“ antwortete der andere, ohne sich aus der guten Laune bringen zu lassen.
„Um auf dem geraden Weg zu bleiben! Umwege sind Abwege!“
Damit drang er den anderen voran durch den Laubwald nach der Anhöhe, wo in einsamer Majestät eine alte Kiefer thronte. Das Adlernest hatte er bald herausgefunden. Aber wie hinaufkommen? Der riesige, mannsdicke Baum, der es trug, hob sich wie eine Säule zu mächtiger Höhe. Sein von Wind und Wetter glattpolierter Stamm bot dem Kletternden fast gar keine Stützpunkte.
„Wo du da einen bequemeren Umweg finden willst, möchte ich nur wissen!“ rief der Lange.
„Freund Diercks klettert auf die Bäume wie ein Affe, Bruder!“ antwortete der zweite der beiden Bergsteiger. Und Diercks, der seine Kräfte vorhin geschont hatte, spuckte in die Hände, packte den Baumstamm, umschlang ihn mit Armen und Beinen und schob sich so langsam daran hoch, jede Muskel des stämmigen Körpers auf das Äußerste anspannend. Endlos schien es den Untenstehenden, bis sie ihn den Arm über den ersten Ast der Krone schieben sahen, um mit Aufbietung der letzten Kraft den Körper hinaufzuziehen.
[pg 8]
Einen Augenblick blieb er sitzen, um Atem zu schöpfen, dann ging es weiter von Ast zu Ast, bis an das Adlernest heran. Ein Blick hinein, ein Aufschrei!
„Gebhard! Siegfried! Ein ausgewachsener Adler!“
„Schon flügge?“
„Sicher! Aber er scheint noch keine Ahnung davon zu haben! Er liegt ganz still!“
„Wirf ihn herunter!“
Einen Augenblick wurde es still da oben. Dann kam ein Aufschrei: „Verflucht! Den Schnabel weiß er schon zu brauchen!“
Dann hörte man nichts mehr als das Geräusch eines zähen Kampfes. Trockenes Reisig und Grasbüschel flogen aus dem Neste zu den Wartenden hinunter, und zuletzt sauste, mit kräftigem Schwung geschleudert, ein fast ausgewachsener junger Adler herab. Zunächst fiel er in schwindelnder Fahrt, dann auf einmal breitete er mit gellendem Aufschrei die Flügel aus, und zum ersten Male trugen sie den Körper in sanftem Flug hinunter und landeten ihn unweit der unten Harrenden. Einen Augenblick blieb er betäubt liegen, dann wurde er von vier kräftigen Fäusten gepackt und ihm eine Kappe über den Kopf gezogen.
Sein Bezwinger war unterdessen heruntergerutscht und kam jetzt heran.
„Den Vogel nehme ich mit nach Hause!“ sagte er. „Da ich ihn fing, ist es nur billig, daß ich ihn behalte!“
„Wo willst du ihn bei euch hintun?“
„In den Hühnerstall, bis ich ihm einen Käfig gebaut habe!“
„Einen Adler in den Hühnerstall tun?“ rief Gebhard, der längere von den beiden Brüdern, entrüstet. „Das geschieht nie und nimmer!“
Und ehe die anderen es sich versehen konnten, riß er die Kappe vom Kopf des Adlers fort und warf den Vogel in die Luft.
„Gebrauche deine Flügel, jetzt wo du weißt, wozu sie taugen!“ rief er.
[pg 9]
Der Adler machte ein paar ungelenke Bewegungen mit den Schwingen und setzte sich in einiger Entfernung wieder auf den Rasen, nahm aber dann, von seiner Angst getrieben, noch einmal Anlauf. Zwei, drei Schläge nur mit den Flügeln, und die Unsicherheit war verschwunden, er wagte den Flug und schraubte sich in sanftem Bogen um den Baum herum, bis er ins Nest hineinblicken konnte. Dann war er mit einer schnellen Bewegung darüber und ließ sich rasch hineinsinken.
„So!“ sagte Gebhard und zog seine frei gewordene Kappe wieder über die Locken. „Vor dem Hühnerstall wären wir bewahrt!“
„Du bist nur neidisch,“ murrte sein Freund, „weil du ihn nicht selbst fangen konntest!“
„Dafür konnte ich ihm die Freiheit geben!“ sagte Gebhard, und es wetterleuchtete vor trotzigem Stolz in seinen dunklen Augen. „Frei wie die Luft, die er atmet, muß der König der Lüfte sein! Ich mußte ihm da helfen. Und ich täte es nochmals, ob’s dir paßt oder nicht! Da“ – er zeigte landwärts auf die Wiese unterhalb des Berges –, „da fliegen andere Vögel, die nicht dem Himmel so nahe kommen. Fang’ dir die ein!“
„Die schwedischen Husaren!“ rief Diercks und vergaß über dem Anblick den Adler und seinen Ärger über Gebhards eigenmächtigen Eingriff in seine wohlerworbenen Rechte. Er jauchzte laut den blaugelben Reitersleuten zu, die aus dem Wald heraufsprengten, um in wildem Galopp über die Ebene hinwegzusausen.
„Den Flug machen wir mit!“ rief er. „Die holen wir noch ein! Rasch, fangen wir ein paar von Vaters Pferden unten auf der Wiese ein und setzen wir ihnen nach!“
Gesagt, getan! Die drei unternehmungslustigen jungen Leute hatten sich bald je ein Pferd eingefangen und ritten, statt den Reitern auf dem großen Fahrwege über Altenkirchen zu folgen, auf ihren ungesattelten Pferden querfeldein nach der Wittower Fähre hin, wo sie gleichzeitig mit den Husaren anlangten.
[pg 10]
Diercks fand unter ihnen seinen Bruder vor, der bei den Schweden diente, und viele Bekannte und Freunde außerdem. Über den Zweck des Streifzuges: nach dem Gang der Aushebung auf Rügen zu sehen, wurde er gleich aufgeklärt, und bald plauderten sie über die Aussichten Schwedens, seine pommerschen Grenzen im Kriege gegen Preußen zu verbessern. Denn als Schirmherr des Westfälischen Friedens hatte Schweden sich den Feinden Friedrichs des Großen angeschlossen, die ihn an seinem kühnen Unternehmen hindern wollten, die Landkarte für sich bequemer zu gestalten. Er hob also auch in seinen deutschen Provinzen Kriegsvolk aus. Und da waren die drei waghalsigen Reiter kein unwillkommener Zuzug zu der Schar, durften sich also ohne weiteres anschließen, und trabten vergnügt mit auf dem Wege nach Bergen, bis Venz in Sicht kam. Dort verabschiedeten sich die beiden Brüder von den anderen und ritten nach dem Gutshof hinauf, wo sie bei ihrem Schwager zu Gast waren. Ihr Freund dagegen folgte den Husaren, nicht ohne den lebhaften Neid seiner beiden Gespielen zu erregen, die gern noch weiter mitgeritten wären.
„Weiß Gott,“ sagte der jüngste, „mir ist’s, als gehörte ich zu dem Kriegsvolk und müßte mit, gleichviel wohin! Wäre ich schon siebzehn, wie du, ich ließe mich anwerben!“
„Ich besorg’s dir, Gebhard und mir auch!“
„Die Schulbank zu drücken habe ich satt! Wozu auch, wo’s Pferde gibt? Aber nichts dem Schwager verraten!“
„Ich werde mich hüten! Der schickt mich dann gleich zurück nach der Schweriner Pagenschule, auf daß ich bei den Mecklenburgern graue Haare kriege, ehe ich ein Offizierspatent bekomme! Da möchte ich nicht dienen!“
„Ich auch nicht!“
„Bei den Preußen aber noch weniger! Ich danke für die Fuchtel Fritzens!“
„Ich auch!“
„Bei den Schweden reitet sich’s viel freier und lustiger!“
„Gehen wir zu den Schweden!“
Nachdem sie so im Fluge mit echt jugendlicher Sorg[pg 11]losigkeit diese nicht ganz unwichtige Lebensfrage erledigt hatten, sprangen sie von den Pferden, trieben sie wieder auf die Weide und gingen zum Gutshof hinauf, um den Rest des Tages irgendwie totzuschlagen.
*
In der darauffolgenden Nacht hatte Gebhard einen sonderbaren Traum.
Von scharfen Krallen an der Brust gepackt, wurde er plötzlich von der Erde gehoben und hoch durch die Lüfte getragen. Schwindelnd schloß er die Augen, sein Atem stockte, sein Herz schlug immer stärker und stärker. Schließlich ging die Aufwärtsbewegung in ein langsames Sinken über, die Krallen ließen ihn los; er fiel, stieß sanft auf den Boden auf, öffnete die Augen und sah über sich den großen Adler kreisen, hörte dessen gellende Schreie, die zu Worten wurden. Und die Worte wiederholten kurz, schneidend, immer wieder seine beiden Vornamen: Gebhard Lebrecht, aber in verkehrter Weise.
„Leb–hart! Geb–recht!
Leb–hart! Geb–recht!“ so kreischte es aus der Höhe. Und der Adler zog immer weitere Kreise, stieg immer höher und verschwand schließlich im tiefen klaren Blau des Himmels, das sich über ihm wölbte, von rotbraunen, knorrigen Ästen und blaßgrünen Kiefernadelbüscheln umkränzt.
Er atmete befreit auf, streckte sich auf dem Lager aus und fand es ganz wie es sein sollte, daß er da oben im Adlernest auf trocknem Gras und Reisig ruhte, statt in seinem Bett.
Dann setzte er sich auf und blickte neugierig über den Rand des Nestes hinaus, sah unter sich wogende Laubkronen, Felder und Wiesen, schneeweiße Kreidefelsen und weit in der Ferne, mit dem Himmel zusammenfließend, das endlose blaue Meer.
Und der Baum wuchs und schob seine Krone mit dem Adlernest immer höher in die schimmernde, klare Luft hinauf. Immer weiter wurde der Rundblick, die Insel rings[pg 12]umher immer kleiner und kleiner. Frei und unbehindert sah Gebhard über das jenseitige Land hinaus, sah Städte, Burgen, Häfen, Wälder, Felder und Wiesen, Flüsse und Kanäle und weit in der Ferne schneeige Gipfel in Sonnenlicht gebadet.
Sein Herz schwoll im starken Glücksgefühl, mit dieser ganzen Herrlichkeit eins zu sein und fest in diesem Boden zu wurzeln. Wonnetrunken ließ er die Blicke immer weiter schweifen, gen Morgen, über das Meer hinaus, wo mächtige Knäuel leuchtenden Dunstes, zu einer gewaltigen Wolkenwand zusammengeballt, in den Strahlen der sinkenden Sonne goldrot aufleuchteten, während von Westen her ein stickiger, schwarzer Nebel langsam herankroch und die ganze strahlende Herrlichkeit zu verdecken begann. Immer mehr verschlang der Nebel von den gesegneten Gestaden, an deren Anblick er sich soeben ergötzt hatte. Bald würde er den Baum erreichen und sein Adlernest und ihn selbst mit einer undurchdringlichen Nebelkappe überziehn.
Eine quälende Angst beschlich ihn. Er blickte hinauf, mit der letzten Kraft seiner Augen das schwindende Licht trinkend. Da sah er den Adler heransausen, hörte wieder sein gellendes Gekreisch:
„Geb–recht! Leb–hart!
Geb–recht! Leb–hart!“
Und der junge Adler, dem er die Freiheit wiedergegeben hatte, war auch dabei. Er tummelte sich in den Lüften, in stolzem Bewußtsein, ganz wie der Alte seine Schwingen gebrauchen zu können, und schrie vor Gier danach, seinen Hunger zu stillen. Mit Windeseile schossen sie auf den im Neste Liegenden herab und gruben ihre Schnäbel in seine Brust. An sein Herz wollten sie heran! Ein mutiges Herz war die rechte Speise für den König der Lüfte! Das Herz wehrte sich aber und flog wie ein gefangener Vogel zwischen den Stäben seines Rippengehäuses hin und her, um sich dem Griff des scharfen Adlerschnabels zu entziehen. Aber das Raubtier ließ nicht von seiner Beute! Immer tiefer wühlte sich sein Schnabel zwischen die Rippen hinein und versuchte das Herz aus [pg 13]seinem Käfig zu reißen. Das Herz aber war tapfer, krampfte sich zusammen und zog den Kopf des jungen Adlers immer tiefer hinein. So kämpfte sein Herz mit dem Raubtier, stählte sich am Kampfe und wurde kräftiger und stärker, bis es ihm schließlich gelang, mit einem gewaltigen Ruck den jungen Adler zwischen die Rippen hineinzuziehen. Und da saß er nun im Brustkorb gefangen wie hinter dem Gitter eines Käfigs, an Stelle des Herzens, das er mit letzter Anstrengung verschlungen hatte. Das Herz pulsierte wohl noch voller Sehnsucht wie vorhin. Aber seine Sehnsucht hatte jetzt die Schwingen des Adlers bekommen und Kraft, ihn hoch über alle Erdenschwere hinauszutragen.
Er brauchte nur zu wollen. Und im nächsten Augenblick stand er drüben auf der gewitterschwangeren Wolkenwand, die sich immer noch hoch über Land und Meer und über allen quälenden Nebeln erhob. Mit Riesenkräften packte er sie und preßte sie zusammen; Blitze zuckten, die Donner grollten, und vom Feuer des Himmels verzehrt, löste sich der schwarze Nebel auf, der schon die Herrlichkeit des ganzen Landes bedeckt hatte, und alles lag wieder im stillen Glanz, befreit da, von der Abendröte umglutet. – –
Aber hoch über ihm, dem es im Traum gegeben wurde, die Blitze des Himmels zu schleudern, kreiste der Aar, dessen Junges ihm ans Herz gewachsen und zum zweiten Herzen geworden war. Und gellend wie die Kriegstrompete schmetterte er sein Gekreisch in die Lüfte hinaus:
„Leb–hart! Geb–recht!
Leb–hart! Geb–recht!“
Er erwachte jäh und lag noch lange, ehe es ihm klar wurde, daß es nur ein Traum gewesen war und daß er in seinem Bette lag in seiner Schwester Haus zu Venz auf Rügen und nicht im Adlernest draußen auf den Felsen von Stubbenkammer. Und er starrte seinen Bruder Siegfried fragend an, der lange draußen seinen Namen gerufen hatte und jetzt mit Freund Diercks hereinstürmte, um ihn aus dem Schlafe aufzurütteln.
[pg 14]
„Auf!“ riefen sie, „heraus aus dem Nest! Heute fangen wir den jungen Adler wieder ein!“
„Den Adler?“ fragte Gebhard und rieb sich die Augen und griff sich an die Brust, wo er ihn hineingeträumt hatte. „Meine Mütze zieht ihr ihm aber nicht mehr über den Kopf! Das gibt dann wieder Träume, wenn ich sie aufsetze!“
Er sprang aus dem Bett, schlüpfte in die Kleider, gab sich kaum noch Zeit, den bereitstehenden Morgentrunk zu schlürfen, sagte seiner Schwester rasch guten Morgen und war eben im Begriff, den anderen auf neue Abenteuer zu folgen, als sein Schwager, der Kammerjunker von Krackwitz, ihn aus dem Fenster seines Arbeitszimmers rief.
„Ihr müßt euch heute ohne Gebhard behelfen“, sagte er, ohne ihren langen Gesichtern Beachtung zu schenken. „Ich brauche ihn hier!“
Dagegen war nichts zu wollen. Gebhard mußte mit sehnsüchtigen Augen die anderen abziehen sehen und ging dann zu seinem Schwager hinein.
Der Kammerjunker war ein solider, ehrenfester Mann, ohne jeglichen Hang zu abenteuerlichen Träumereien, stand mit beiden Füßen fest auf dem Boden realer Tatsachen und packte das Leben von der nützlichen Seite an, wie sich’s für einen Mann von Grundsätzen gehört.
Nach gebührender Hervorhebung des Umstandes, daß er gewissermaßen an Vaters Stelle stünde, nachdem er Gebhard in seinem Hause aufgenommen hatte, führte er dem jungen Schwager zu Gemüt, er dürfe das Leben nicht zu sehr auf die leichte Achsel nehmen. Er sei bereits sechzehn, also in einem Alter, wo der Ernst des Lebens zu beginnen und das Spiel aufzuhören hätte! Ob er sich schon Gedanken über die Zukunft gemacht habe? Und was er wohl zu werden gedenke?
„Soldat wie der Vater und die Brüder!“
Das wäre ja alles gut und schön! Aber – wo er der Jüngste unter sieben Brüdern sei, die alle dienten! Und bei [pg 15]dem beschränkten Einkommen seines Vaters? Ohne Zuschuß vom Vater könne er nicht daran denken, auf der Offizierslaufbahn vorwärts zu kommen!
„So hilf du mir!“
Dem wäre er wohl nicht abgeneigt! Aber gegen die militärische Laufbahn hätte er seine Bedenken! Erstens gehöre Rügen zu Schweden. Er wäre also Schwede und könnte ihn wohl durch seinen Einfluß in schwedischen Diensten vorwärtsbringen! Aber – das hätte seine zwei Seiten! Mit der schwedischen Macht ginge es abwärts. Lange würden die Schweden ihre deutschen Besitzungen nicht mehr behaupten können! Eines Tages käme man unter andere Herrschaft, und er hätte dann von vorne anzufangen. Denn lieber gar nicht! Lieber Landwirt werden! Da könne er besser helfen! Er würde ihn in allen Stücken unterrichten und ihm dann helfen, eine einträgliche Pachtung zu bekommen, damit er auf eigene Beine käme im Leben! Das wäre doch die Hauptsache! Und hätte er dann noch das Glück, eine Frau zu finden, die auch nicht mit leeren Händen käme, dann wäre er sein eigener Herr. Und dann – wenn’s nicht anders ginge, und wenn die Lust in ihm übermächtig werden würde –, dann wäre es immer noch Zeit, zur Fahne zu gehen! –
Bei der Rede des Schwagers wurde es ihm zumute wie gestern, als er die Gespielen davon sprechen hörte, den jungen Adler in den Hühnerstall zu sperren. Alles in seinem Innern lehnte sich dagegen auf.
Die graue Alltäglichkeit eines unbemerkten Schicksals sagte ihm wenig zu. Im Spiele mit den Rostocker Bürgerssöhnen war er stets der Führer gewesen, der sie alle anfeuerte, allen voranstürmte und die Palmen des Sieges an sich riß! Nur so und nicht anders konnte er sich das Leben denken! Aber tagaus, tagein hinter dem Pfluge torkeln, das sagte ihm ganz und gar nicht zu. Er antwortete nicht. Und der Schwager, der sah, wie schwer ihm die Entscheidung wurde, drang nicht weiter in ihn, sondern machte ihm nur den Vorschlag, vorläufig auf seinem Gute alles zu erlernen. Er setzte ihm sogar ein Gehalt aus, sobald er sich eingearbeitet [pg 16]haben würde, und lud ihn zu einem Ritt durch die Felder ein, um erst alles in Augenschein zu nehmen.
Gebhard folgte ihm schweigend.
Kaum saß er aber im Sattel, so war die Mißstimmung verflogen. In der Phantasie trabte er jetzt nicht aus, um die Erdarbeiter zu inspizieren, sondern stürmte an der Spitze einer Schar Reiter auf den Feind los. Und der Schwager hatte Mühe, ihm zu folgen.
Als sie nach einem erfrischenden Ritt zurückkehrten, strahlten Gebhards Augen wieder in voller Lebenslust, seine Stirn war klar. Er tat sich gütlich bei einem reichlichen Mittagsmahl und empfing so den von der Adlerjagd zurückkehrenden Bruder. Der hatte geholfen, den jungen Adler wieder einzufangen. Und Freund Diercks hatte den Wildvogel geradeswegs nach Gagern gebracht, damit Gebhard ihm nicht wieder die Freiheit gäbe!
Abends aber, als sie zu Bett gingen, flüsterte ihm der Bruder etwas zu, das sein Blut in Bewegung brachte.
„Morgen in aller Früh’, ehe der Schwager munter wird, geht’s nach Bergen!“
„Nach Bergen?“
„Ja, zu den Husaren! Ich lasse mich bei den Schweden einstellen! Du auch!“
„Ist es denn möglich?“
„Diercks hat es mit mir ausgemacht. Er will auch selbst Handgeld nehmen, wie sein Bruder!“
„Was wird der Vater sagen?“
„Gar nichts! Und wenn schon –, sobald wir Handgeld genommen haben, nützt es ihm nichts!“
„Aber der Schwager?“
„Der wird schon aufbegehren! Aber das geht uns nichts an! Mit dem werden wir schon fertig!“
„Denkst du, daß man uns nimmt? Bin ich nicht zu jung?“
„Keinesfalls! Auf das Körpermaß kommt es an, und das hast du! Ich weiß außerdem, daß man uns will!“
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„Ganz gewiß?“
„Ganz bestimmt! Gestern, als wir uns von den Husaren trennten und nach dem Gasthof galoppierten, da sagte der Hauptmann zu Diercks: ‚Die beiden Jungen hole ich mir noch! Sie reiten ja wie die Deibel!‘ Und er mußte ihm versprechen, uns morgen zu ihm nach Bergen zu bringen! Ich gehe auf alle Fälle hin!“
Gebhard sagte nichts. Er ging anscheinend ruhig zu Bett. Aber er vermochte kein Auge zuzutun. Er war jetzt am Scheideweg, wo es galt, entweder den breiten gesicherten Weg zu wählen, den ihm der Schwager wies, oder den Weg seiner Träume, deren Ziel er noch nicht sah, auf den es ihn aber mit aller Macht hintrieb. Lange lag er da und sann. Plötzlich setzte er sich im Bett auf. „Was ist aus dem Adler geworden?“ fragte er.
„Der Adler?“ antwortete der Bruder halb im Schlaf. „Den wollte Diercks mit einer Kette an einem Pfahl im Garten anschließen, bis sein Käfig fertig wird!“ Und damit schlief er ein.
Als Gebhard aber den Bruder fest schlafen hörte, stand er auf, zog sich rasch an, schlich leise aus der Kammer hinaus, die Treppe hinunter, durch den Garten und auf den Weg nach Gagern. Dort schwang er sich über den Gartenzaun und fand schnell den Pfahl, an den der Adler gefesselt war. Mit einer mitgeführten Kneifzange hatte er bald das Fußeisen durchschnitten, ergriff den Vogel, warf ihn in die Luft und sah, wie er auf mächtigen Schwingen durch die Nacht davonschwebte. Unbemerkt, wie er gekommen, ging er dann wieder nach Hause, schlüpfte rasch ins Bett und schlief bald ebenso fest wie der Bruder – jetzt aber ohne zu träumen.
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2
Erster Flugversuch
Inhaltsverzeichnis
„Blitz und Donner!“ fluchte der Wachposten am Eingang zum Zeltlager, das sich am Waldessaum breitete. „Hier kann einer tagaus, tagein sich mit dem saudummen Postenstehen die Beine in den Leib treten! Himmeldonnerwetter! Wer endlich einmal dreinhauen dürfte! Zu denken, was ich alles an Beute gemacht hätte – von den Gefangenen nicht zu reden! Leutnant hätte ich schon sein können – Rittmeister sogar – wer weiß, vielleicht bald General! Man hat’s gesehen!“
„Sachte, sachte!“ mahnte ein alter Graubart, der am Schilderhaus lehnte, nahm die Pfeife aus dem Mund und klopfte sie an der Stiefelsohle aus. „Als ich dereinst ins Feld zog, da hatte ich wohl auch wie du den Marschallsstab im Tornister, obwohl ich bloß ein Trommlerjunge war. Und so muß es sein. Die wenigsten erwischen ihn aber! Mir gelang’s schon! Daß ich aber auf meinen alten Tag nur Futtermarschall beim Regiment werden sollte – darauf hätte ich damals nicht schwören mögen!“
Er schwieg plötzlich, hielt die Hand vors Auge und blickte über die Felder hinaus, zwischen denen sich die Landstraße heranschlängelte. Ein plötzliches Klappern von eilenden Hufen hatte seine Aufmerksamkeit geweckt.
Der Wachposten hielt in seinem Hin- und Hertrotten inne und blickte auch hin.
„Ein durchgegangenes Pferd!“
„Wenn der sich nicht das Genick bricht!“
„Himmelsakra! Hecke und Graben im Flug genommen! Ratsch über die Wiese!“
„Jetzt klabastert’s schon auf der Landstraße! Das weiß den Weg nach deiner Futterkiste!“
„Dann wird’s auch wissen, wie leer sie ist! Heißa! Hussassah!“ schrie der Alte und trat zur Seite. Denn jetzt sauste es heran mit rasender Schnelligkeit. Dann: ein Ruck [pg 19]– alle viere in die Erde gestemmt – den Reiter in elegantem Bogen abgeschleudert und – war’s Zufall, war’s Instinkt – still stand es gerade vor dem Futtermarschall, zitternd, schaumbedeckt und leise wiehernd, als ahne es dessen nahe Beziehung zum Hafertrog.
Die beiden Husaren hielten sich die Seiten vor Lachen.
„Habt Ihr’s aber eilig, junger Herr!“ sagte der Alte.
„Ich habe nur Eure Fahne gegrüßt!“ sagte Gebhard, der schon wieder auf den Beinen war, und zeigte auf das blaugelbe Tuch, das über ihren Häuptern flatterte. Denn er und kein anderer war’s, der in dieser übereilten Weise das schwedische Lager gestürmt hatte. „Die anderen sind aber gehörig nachgeblieben!“ fügte er hinzu und blickte über den Weg hinaus. „Sie haben’s nicht gemerkt, als ich ihnen ausgerückt bin. Der Adebar auf der Wiese, der paßte aber auf, ließ dicht hinter mir ein Klappern steigen, und mein Brauner legte gleich los wie gestochen!“
Er versetzte dem Pferd einen Klaps auf die Lende, ging dann herum, faßte es beim Kopf und blies ihm beruhigend in die Nüstern.
„Ein Angsthuhn bist du“, gab er ihm kosend seinen Denkzettel und wandte sich dann an den Alten mit einer Frage nach der Regimentsschreiberei.
„Ihr wollt Euch als Rekrut bei uns eintragen lassen?“
„Das stimmt! Zeige mir nur den Weg!“
„Kehrt lieber um! Oder, meinetwegen, geht zu den Preußen! Bei uns ist für Euch kein Fortkommen! Das heißt, wenn Ihr vorwärts wollt! Rückwärts reiten wir schon!“
„Halt’s Maul!“ rief der junge Husar ärgerlich. „Und paß auf, was du redest! Wer wird sein eigenes Nest beschmutzen!“
„Ich nicht! Durch mich wurde es nicht beschmutzt! Durch dich auch nicht, obwohl du auch weidlich schimpfst!“
„Ich?!“
„Eben du! Und solange ich dich kenne! Bist Husar, bist ein Reitersmann und hast kein Pferd, wie so viele [pg 20]vom Regiment! Und du kriegst auch keins, wie brav du auch schimpfst! Und – wie schaut’s mit der Montierung aus?“
„Kann ich dafür, daß die Offiziere das Geld für die Ausrüstung am Spieltisch vertun?“
„Nein! Aber du kannst deinen Schnabel halten, statt von deinen Vorgesetzten schlecht zu reden!“
„Wie redest denn du?!“
„Mein Reden ist eines Mannes Rede! Aber du, Lausbub, hast das Maul nicht so weit aufzureißen! Erst etwas mitmachen und dann reden! Ich,“ – der Alte richtete sich auf und schlug sich auf die Brust, „ich war mit bei Narwa, bei Riga, bei Clissow und Holofzin – leider aber auch bei Pultawa! Als Trommlerjunge zog ich aus mit König Karl dem Zwölften, Gott hab’ ihn selig“ – er zog ehrfurchtsvoll den Hut bei Nennung des Königs. „Mit ihm zog ich aus, um den Moskowiter zu verprügeln, und machte das ganze tolle Abenteuer mit bis zum Kalabalik in Bender. Der große Krieg mit dem Moskowiter und dann mit den Polacken, das war der Anfang vom Ende. Dir wünsche ich, daß du den Schluß nicht sehen mußt. Denn er wird uns wenig Ehre bringen!“
Der Wachtposten machte achselzuckend kehrt und fing wieder sein Hin- und Herwandeln an.
„Kann ich dafür, daß die Offiziere das Geld für die Ausrüstung am Spieltisch vertun?“
Gerhard stand da, das Pferd am Zügel, und fragte nochmals ungeduldig:
„Der Weg nach der Regimentsschreiberei?“
Der Alte beachtete die Frage kaum, setzte sich gemächlich auf einem Feldstein zurecht, zog den Tabaksbeutel, stopfte die Pfeife, schlug Feuer, setzte sie in Brand und zeigte auf die Fahne, deren tiefblaues Tuch sich in wogenden Wellenlinien warf. Sie breitete sich aus, ließ ihr gelbes Kreuz in der Sonne aufleuchten und sank dann in sanft weichenden Buchten zurück, um wieder Wind zu fangen und von neuem das Spiel zu beginnen.
„Die Fahne,“ sagte der Futtermarschall, „die kann sich schon sehen lassen! Auf die könnt Ihr stolz sein, aber nicht auf die Regierung, die heute ihre Ehre so mäßig schirmt! [pg 21]Einst – so vor hundertundfünfzig Jahren war’s wohl –, da flatterten die blauen Fahnen mit dem gelben Kreuz lustig übers Meer hinaus. Nach allen Richtungen hin flogen sie, als wollten sie den schäumenden Fluten Eystrasalts zurufen: ‚Fortan seid ihr schwedisch – die ganze Ostsee ist von jetzt ab ein schwedischer Binnensee!‘ Als ich mit dem hochseligen König Karl“ – er zog wieder den Hut – „in den Krieg zog, da hielten wir noch das ganze Land um die Ostsee herum. Als wir aber nach achtzehn Jahren wieder geschunden nach Hause zurückkehrten – da wagte die blaugelbe Fahne sich kaum noch im Baltikum zu zeigen, die moskowitischen Mordbrenner verheerten aber lustig die schwedischen Küsten, und rein aus Gnaden ließ man uns beim faulen Friedensschluß das bißchen Pommern und die Insel. Und die sollen wir jetzt auch noch verlieren! Zu dem Zweck ziehen wir jetzt mit leeren Kriegskassen, auf lahmen Pferden hinaus in den Krieg! Und das wollt Ihr, junger Herr, noch mitmachen?!“
„Den Weg nach der Regimentsschreiberei will ich wissen, weiter nichts!“ rief Gebhard nochmals ungeduldig und schlang die Zügel um das Handgelenk.
„Ich werde Euch schon den Weg zeigen! Aber wißt Ihr auch, warum Ihr ihn gehen werdet?“
„Warum denn sonst! Um mich bei euch Schweden als Kämpfer anwerben zu lassen!“
„Als Kämpfer wofür?“
„Für die Krone Schwedens –“
„Für die kämpfen wir Schweden längst schon nicht mehr! Wir führen nur noch die Kriege der anderen Mächte – bald Englands, bald Rußlands, bald Frankreichs, je nachdem – und tun es auch jetzt, nachdem jene Mächte unseren Reichsrat gekauft haben, und ziehen gegen Preußen und gegen den Schwager unseres Königs, weil – nun eben weil unser König eine Schlafmütze ist!“
„Du sollst wider die Majestät unseres allergnädigsten Herrn nichts sagen!“ rief die Schildwache ärgerlich und blieb vor dem Futtermarschall stehen. Der aber ließ sich nicht dreinreden.
[pg 22]
„Ich pfeife auf solche Herrschaft“, rief er. „Das ganze Land lacht über den dicken Holstein-Gottorper, dem die Zarin unsere Königskrone über die Nachtmütze stülpte, weil er ihr Neffe war!“
„Halt’s Maul!“
„Den Weg nach der Regimentsschreiberei?“ rief Gebhard immer ungeduldiger.
„Wartet lieber ab, bis unsere Regimentsschreiberei in Preußen steht!“ murrte eigensinnig der Alte, „denn so wird’s bald kommen!“
„So wird’s nicht kommen! Himmelkreuzdonnerwetter noch einmal!“ schrie der junge Husar wütend. „Sorgt nur für gute Pferde, setzt uns Jungen in den Sattel und gebt uns Leute an die Spitze, die reiten können, dann sollt Ihr was erleben! Mordselement, Herr! Hört nicht auf den Unglücksraben! Geht nur immer in die Regimentsschreiberei! Geradeaus geht der Weg, dann links in die erste Gasse gebogen, und dann fragt Euch vor! Und Gott befohlen!“
Gebhard hörte den Abschiedsgruß nicht mehr. Er saß schon im Sattel und galoppierte ins Zeltlager hinein, gerade als sein Bruder und sein Freund unten auf der Landstraße zum Vorschein kamen, ihren Pferden die Sporen gaben und ihm in vollem Trab nachsetzten, ohne sich um den Anruf der Torwache zu kümmern.
*
War das eine Jagd! Über Felder und Wiesen flogen die Sturmvögel des Alten Fritzen – seine schwarzen Husaren, mit dem Totenkopf an der Stirn – auf die Landstraße zu, um die Schweden abzuschneiden, ehe sie zur Brücke gelangten.
Eine kleine Patrouille der Blaugelben nur war es, aber gut beritten.
Wie die Teufel pfefferten sie los, daß die Satteltaschen flogen, allen voran ein baumlanger, schlanker Kornett, der die Kameraden durch nie ermüdendes Zurufen anfeuerte.
Vorwärts ging es über Stock und Stein. Aber die [pg 23]Schwarzen waren nicht schlechter beritten. Dicht vor der Brücke gerieten die Gegner aneinander, mit einer Wucht, daß alles sich zu einem unentwirrbaren Knäuel von wild um sich schlagenden Pferdeleibern und dreinhauenden Reitersleuten verwickelte.
Die Säbel blitzten, Kommandorufe schmetterten, Schimpfwörter flogen hin und her.
„Warum trägst du deine Rippen draußen auf dem Rock, statt im Busen, wie sich’s gehört?“ rief der Kornett und ritzte mit dem Säbel die gelbe Verschnürung seines Gegners auf. „Und den Totenkopf trägst du auf dem Tschako, statt im Schädel! Hast wohl nichts als Häcksel drinnen!? Wie? Wollen mal nachschauen!“
Und er versetzte dem Gegner einen gewaltigen Hieb nach dem Kopf. Aber der war nicht saumselig. Er parierte mit einer Doppelterz, daß Gebhard der Säbel aus der Hand flog und seine Kopfbedeckung denselben Weg nahm.
„Die Mütze her!“ schrie Gebhard zornesrot, gab seinem Pferd die Sporen, flog dem Frechen an die Gurgel, packte mit eisernem Griff sein Handgelenk, als dieser zum tödlichen Streich ausholte, riß ihm den Säbel aus der Hand, die Mütze vom Kopf, hieb ihn vom Pferd herunter, stülpte sich die Mütze auf und – heißa, hussassa! – eine Gasse durch die sich balgende Rotte gebahnt, über die Brücke gesprengt! Und dann frei wie ein Vogel weitergesaust nach dem Quartier, um Meldung zu erstatten. Die anderen folgten.
„Ich hätte gern die ganze Uniform zum Ansehen mitgebracht! Und den Kerl, der drin steckte, auch!“ sagte Gebhard, als er vor dem Rittmeister stand und ihm den eroberten Tschako zeigte. „Es ist eine ganz neue Sorte von Gegnern, schwarz mit grünen Aufschlägen, grünem Kragen, gelber Verschnürung und diesem Tschako! Ich sehe die Uniform zum ersten Male!“
„Ich nicht“, sagte der Rittmeister. „Aber als Gegner erst heute! Es sind die Bellingschen Husaren! Der Preußenkönig hat Verstärkungen geschickt, wie es scheint! Von seinen besten Reitern! Wir werden zu tun bekommen!“
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„Gott geb’s!“ sagte Gebhard.
„Der Oberst Belling ist ein ganzer Kerl! Ich sah ihn einst bei Eurem Schwager! Beim Krackwitzen auf Rügen, mit dem er verwandt sein soll. Er wird uns zu schaffen machen!“
„Wir ihm auch!“ trotzte Gebhard. „Die Mütze möchte ich behalten! Bald hole ich mir den Rest von der Uniform!“
„Das tut nur!“ lachte der Rittmeister und verabschiedete ihn.
Er tat’s auch binnen kurzem. Aber in anderer Weise, als er’s sich dachte.
*
„Ihr reitet zu toll, junger Herr“, sagte der alte Futtermarschall und streichelte das Pferd, als Gebhard sich einige Tage später in den Sattel schwang. „Man braucht nicht gleich wie’n Gewitter dreinzusausen und das Pferd zuschanden zu reiten. Die Feinde laufen auch so!“
„Wer ein Blitzpferd zwischen den Schenkeln hat –“, lachte Gebhard.
„Dem geht es früher oder später durch! Das hat man gesehen!“
„Jetzt bleibe ich im Sattel! Jetzt bin ich drin!“
„Das wart Ihr auch, als Ihr in unser Lager auf Rügen hineingaloppiertet! Und wurdet doch abgeworfen!“
„Halt’s Maul!“ rief Gebhard ärgerlich, gab seinem Pferd die Sporen und folgte den anderen, denen er bald weit voraus war.
Die Schweden waren dabei, einen Vorstoß in die Uckermark zu machen und tasteten sich durch den Kavelpaß, an der pommerschen und mecklenburgischen Grenze vorwärts, die Preußen vor sich hertreibend. Gebhard, der mit seinen Leuten immer den anderen voran war, um aufzuklären, hatte Glück. Denn durch das schneidige Vorgehen der Sparreschen Husaren wurden eben seine grimmigsten Gegner, die schwarzen Bellingschen Husaren, abgeschnitten. Aber sie schlugen sich durch. Und als die Schweden wieder zurückgingen, um Quartiere zu suchen, waren jene gleich hinterher [pg 25]wie ein Schwarm Hornissen und waren aus Verfolgten Verfolger geworden.
Gebhard, dem es mehr zusagte, den Feind zu suchen als vor ihm zurückzugehen, blieb ihm mit der Nachhut fest an der Klinge.
„Bischt zurückbliewe, Bübele?“ rief ihm ein hünenhafter Kerl von den Bellingschen zu, mit dem er oft Hieb und Schimpfwörter gewechselt hatte. „Eil’ dich! Sonst fange dir die andere den Fisch aus der Ostsee vor der Nas’ weg!“
„Erst schlachte ich mir ein paar von euch schwäbischen Krähen zum Angelfraß!“ lachte Gebhard und zog vom Leder.
„I werd’ di scho’ schlachte, Bübele!“ rief der Lange und ritt auf ihn zu. Gebhard warf aber sein Pferd herum und entging so mit knapper Not der Gefahr, umgeritten zu werden.
„Hast wohl das Reiten auf der Schulbank gelernt?“ höhnte Gebhard.
„I bring di noch auf die Schulbank! I schaff’ dir noch Maniere!“ rief der Lange, feuerte seine Pistole auf das Pferd Gebhards ab, daß es sich bäumte und den Reiter abwarf, fing dann mit geschicktem Schwung den Fallenden auf, zog ihn quer über seinen Sattel und sprengte davon.
Und Gebhard ließ es zu. Im Augenblick des Fallens ging mit ihm eine sonderbare Veränderung vor. Er war aus der Wirklichkeit jäh wieder in seinen Traum versetzt, fühlte sich wieder, von den Adlerkrallen gepackt, im weiten Flug durch die Lüfte fortgetragen, schloß die Augen und erwartete nun, im Adlernest zu landen. So lebhaft war die Vorstellung, daß alles andere um ihn schwand und er wie gelähmt dalag und sich ohne Widerstand fortführen ließ. Er sah nichts, hörte nichts und wußte nicht, was mit ihm geschah.
Durch die ohnmachtähnliche Lähmung aller Sinne drangen ins Bewußtsein nur die Worte des alten Futtermarschalls, die er ihm zurief, als er heute zu Pferde stieg: „Wie’s anfängt, so hört’s auch auf.“
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Das war also das Ende!
Der Oberst Belling, ein würdiger, freundlich dreinblickender Herr mit gerötetem Gesicht und ergrautem Schnurrbart, ließ den gefangenen schwedischen Kornett vorführen. Er betrachtete wohlgefällig die jugendliche, schlanke Gestalt und das bartlose Gesicht, aus dem Jugendfrische und trotziger Wagemut hervorleuchteten.
„Name?“
„Blücher!“
„Vorname?“
„Gebhard Leberecht!“
„Vater?“
„Christian von Blücher, Rittmeister in der hessischen Armee!“
„Geboren wo?“
„In Rostock, zweiundvierzig!“
„Also achtzehn Jahre! Er ist zu jung, um schon Kornett zu sein. Was hat sich Sein Vater dabei gedacht?“
„Ich habe ihn gar nicht danach gefragt!“
„So ist Er hinter dessen Rücken zum Militär gegangen!“
„Ich und mein Bruder auch!“
„Hat es denn so gebrannt?“
„Das freie Leben wollt’ ich – wollte ein Pferd zwischen den Schenkeln, hatte es satt, die Schulbank zu reiten! Mir brummt noch der Schädel von all dem Latein!“
„Schon gut! Aber warum denn gleich in ausländischen Dienst? Warum zu den Schweden? Gab’s für einen Mecklenburger nichts Näherliegendes – wenn’s schon Ausland sein mußte? Preußen zum Beispiel?“
„Bei den Preußen dienen schon zwei meiner Brüder. Und was sie zu melden wußten, verlockte mich nicht.“
„Bei uns Preußen gibt’s eben Disziplin!“
„Bei den Schweden auch, Herr Oberst!“ versetzte Gebhard, und seine Haltung straffte sich. „Das schwedische Regiment lag übrigens gerade auf Rügen, wo ich zu Besuch war!“
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„Und da war das die nächste Gelegenheit, von der Schulbank fortzukommen“, lachte der alte Herr. „Denn das war wohl dabei die Hauptsache! Wo war Er denn auf Rügen?“
„Beim Kammerherrn von Krackwitz, der mein Schwager ist.“
„Da sind wir ja in Familie miteinander“, rief der Oberst. „Der ist auch mein Verwandter! Dann bleibe Er nur bei mir! Da werde ich schon für Ihn sorgen, damit Er ein rasches Fortkommen findet! Will Er in mein Husarenregiment eintreten? Zunächst als Kornett?“
„Dem König von Schweden habe ich den Fahneneid geschworen!“
„Der schwedische König kann Ihn vom Eid entbinden, und wird es auch tun, wenn Er darum nachsucht und gute Gründe gibt. Versteht Er: gute Gründe.“
Gebhard schüttelte den Kopf.
„So höre Er einmal und denke Er darüber nach! Was fesselt Ihn an die Schweden? Doch nicht die Aussicht, nach jahrelanger Kriegsgefangenschaft bei mir, als Kornett zu ihnen zurückzukehren? Tritt Er bei mir ein, ist Er in kurzer Zeit Leutnant und, wer weiß, vielleicht bald Rittmeister! Das kann bei den Schweden lange dauern! Ich dagegen werde demnächst ein zweites Bataillon meines Regiments, im ganzen fünf Schwadronen, anwerben, und lange dauert’s nicht, dann schaffe ich noch ein drittes Bataillon. Wer bei mir Offizier ist, hat also schnelle Beförderung zu gewärtigen. Schlage Er nur ein!“
„Ich bin an meinen Eid gebunden, Herr Oberst!“
„Ich will Ihn gewiß nicht dazu verführen, gegen Ehre und Gewissen zu handeln. Ich will Ihm aber etwas sagen. Ich werde in aller Form bei den Schweden um Abschied für Ihn einkommen. Ich werde erbötig sein, ihnen einen gefangenen Offizier für Ihn freizugeben. Und außerdem schreibe ich dem König von Preußen und schlage Ihn als Kornett bei meinen Husaren vor. Dann sitzet Er wieder frei im Sattel und kann drauflosreiten, was Ihm wohl doch die Hauptsache zu sein scheint. Sonst kann Er lange die Pritschen in den [pg 28]Kasematten drücken, und die sind bei uns Preußen weit unbequemer als die Rostocker Schulbänke! Für ein gutes Pferd will ich überdies Sorge tragen! Laß Er mich nur machen, dann kommt alles auf die beste Art in Ordnung, Sein Gewissen bleibt unberührt, und der König von Preußen hat einen Offizier mehr nach seinem Sinn! Einverstanden?“
Er hielt seine Hand hin.
Gebhard schlug ein, und so kam er endlich auf den rechten Pfad im Leben.
Als er nach kurzer Verhandlung seinen Abschied aus dem schwedischen Dienst hatte – als die Bestätigung des Alten Fritz als Kornett bei den Bellingschen Husaren eingegangen war, und er, in seinem Quartier, vor dem Spiegel stand, da trat ihm da ein baumlanger, spindeldürrer, bartloser Husar entgegen, den er sich erst genau besehen mußte, um mit ihm auf vertrauten Fuß zu kommen. Ein schwarzer Pelz mit grünen Aufschlägen, gelbe Schnüre über der Brust, auf dem Kopf den Tschako mit dem Totenschädel – das war ein ganz anderer Kerl als der blaugelbe, den er soeben ausgezogen hatte.
„Allezeit bereit, soll das heißen! Das merke dir!“ nickte er seinem Gegenüber zu und tippte leicht auf den Totenschädel! „Hast alles, was du brauchst: die nötige Länge, den forschen Blick! Fehlt nichts, als daß dir der Himmel einen Schnurrbart ins Gesicht pflanzt!“
Sein Spiegelbild machte ein Gesicht, als wollte es sagen: „Was soll ich mit der Pflanzung?“
„Du nichts! Aber die holden Mägdelein, denen sie auf die Lippen fällt! Die werden es schon wissen!“
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3
Der alte Adler
Inhaltsverzeichnis
Den dreieckigen Hut mit der zerrissenen Tresse verkehrt auf dem Kopf, den blauen, verschlissenen Waffenrock mit den roten Aufschlägen halboffen um den hageren Leib, Schnupftabak über der gelben Weste, Puder auf der Schulter, die schwarzen Samthosen in den hohen Stiefeln verschwindend, die Rechte schwer auf dem Krückstock ruhend, den schweren Kopf mit den vorquellenden Augen vorgestreckt, so stand der Große König, einem alten Raubvogel mit zerzaustem Gefieder nicht unähnlich, im Kreise seiner vierbeinigen Lieblinge und hielt Musterung.
Durch die offene Tür zum Arbeitszimmer sah er seine Kabinettsräte mit ihren Schreibtafeln warten, um die Fortsetzung seines Diktats aufzunehmen.
Der Kammerdiener meldete den General von Lölhöffel, Inspekteur der Kavallerie, der zur Audienz befohlen war.
„Warte Er, Lölhöffel!“ rief der König hinaus, ohne zur Tür zu gehen. „Erst muß ich bei meinen Hunden nach dem Rechten sehen. Dann kann Er mir von den Kavalleriepferden mitsamt ihren Reitern referieren, so Er mir etwas Erbauliches zu melden weiß.“
Die allerhöchsten Hunde waren eben dabei, höchstihro Mahlzeit einzunehmen, von betreßten Lakaien mit Mundtüchern über den Arm alleruntertänigst assistiert.
Nichts auf dieser Welt vermochte sonst den Gebieter Preußens von seiner Arbeit abzulenken, außer der Sorge um das Wohlbefinden seiner vierbeinigen Familienmitglieder. Für sie hatte er immer einige Minuten übrig. Auf die Meldung hin, daß das Diner der hohen Vierfüßler aufgetragen sei, erhob er sich denn auch mitten im Diktat eines Briefes und verfügte sich ins Schlafzimmer, um die Haupt- und Staatsaktion der Abfütterung in höchsteigener Person zu überwachen.
[pg 30]
Er hatte befohlen, ihnen heute einen Extraleckerbissen von gebratenem und gesottenem Hühnerfleisch zu geben, und paßte genau auf, daß jedes Vieh sein ihm zugedachtes Teil ordnungsgemäß erhielt und daß keins übervorteilt wurde.
Kosenamen für die Hunde, Scheltworte und gelegentlich auch Stockschläge für die Lakaien halfen da aus.
Zwischendurch, wenn die Köter sich gelegentlich so ins Abnagen der Knochen vertieften, daß sie Ruhe hielten, setzte der König durch die offene Tür sein Diktat fort. Aber ohne die Hunde aus den Augen zu verlieren.
„Schreibe Er also weiter, wo wir aufhörten!“ rief er hinein. Und die Kabinettsräte senkten die Griffel auf ihre Schreibtafeln. Der König diktierte: „Die Einfuhr von Kaffee ist, wie befohlen, tunlichst zu beschränken. – Hat Er das?“
„Zu Befehl!“
Der König nahm bedächtig eine Prise Schnupftabak aus der Dose, die er nebst dem Krückstock in der Rechten hielt, pfropfte sich die Nase damit voll und meditierte dabei halblaut vor sich hin:
„Jeder Lump will heutzutage Kaffee trinken! Der pure Übermut! Biersuppe tut’s ebensogut! Die trank ich selbst, als ich jung war! Das ist weit gesünder! Und das Geld geht nicht außer Landes! – – Tu beau, Alceste!“ rief er einem der Windspiele zu. „Gönne den anderen auch das Leben! – – Weiterschreiben!“
Die Kabinettsräte gaben acht, und der König diktierte weiter.
„Den Beuchower Gemeindeältesten wird auf ihre Eingabe beschieden, der Invalide Faber bleibet im Amte! Für die Volksschule dorten ist er gut genug! Es genüget uns vollauf, wenn auf dem platten Lande die Kinder Lesen und Schreiben lernen! Wissen sie zuviel, so laufen sie in die Städte und wollen Sekretärs werden und so etwas. Das ist nichts! Der Invalide Faber bleibet ihnen! Die sollten sich was schämen, Leute, die fürs Vaterland alles geopfert, nicht versorgt wissen zu wollen! Wo er sich überdies nützlich macht, den [pg 31]Leuten das Vieh hütet und auch den Nachtwächterdienst versieht, so haben die Beuchower alles mögliche Gute von ihm und haben nichts mehr zu wollen! – – Der Alkmene läßt du den Knochen! Ich komme dir sonst!“
Wieder drohte er einem der Lieblinge mit seinem Krückstock und wandte sich dann zur Tür.
„Macht also die Briefe zur Unterschrift fertig!“ verabschiedete er die Kabinettsräte, die sich verneigten und gingen. „Laß Er jetzt hören, Lölhöffel! Was bringt Er mir heute?“
Der General von Lölhöffel trat näher an die Tür heran und blickte in das Schlafzimmer hinein.
„Melde gehorsamst, Majestät! Zunächst hätte ich das Abschiedsgesuch des Rittmeisters von Blücher von den Bellinghusaren Allerhöchstdero Entscheidung zu unterbreiten!“
„Der Rittmeister bleibet in Dienst!“
„Der Rittmeister besteht aber inständigst auf seine Entlassung!“
Der König blickte den General scharf an.
„Ist der Kerl noch nicht mürbe? Wie lange sitzet er schon?“
„Zu Befehl“, sagte Lölhöffel und salutierte. „Der Rittmeister hat bereits mehr denn dreiviertel Jahr strengen Arrest gehabt!“
„Viel zu wenig für einen Offizier, der sich unterfängt, seinem König despektierlich zu kommen! Die Offiziers sollen lernen sonder Räsonieren, Ordres zu parieren! Sie haben sich nicht in meine Politik zu melieren!“
„Melde gehorsamst: von politischer Wühlerei steht in der Konduite des Rittmeisters von Blücher nichts!“
„Dann schreibe Er das hinein!“
„Zu Befehl!“
Der König blickte seinen General an.
„Er muckst wohl mit mir? Wer mein General sein will, muß auf Subordination halten!“
„Zu Befehl!“
[pg 32]
„Nun, hatte ich meinen Truppen in Polen befohlen, die Polacken milde zu behandeln, oder hatte ich es nicht befohlen? Antworte Er!“
„Zu Befehl! Es sollte alles vermieden werden, was die Krone Preußen bei der polnischen Bevölkerung verhaßt machen könnte!“
„Sehe Er, so war das! Das hatten wir, die wir wissen, was wir wollen, bei der Besetzung des polnischen Landes ausdrücklich befohlen! Und da muß mir jener Sausewind mit dem Kopf durch die Wand wollen und setzet mir alles in Feuer und Flammen! Er hat überdies noch die Keckheit, ob seines Ungehorsams avancieren zu wollen! Und will noch meinen Rock ausziehen, weil ihm das nicht gelang! Lassen wir ihn nur ruhig weiterbrummen, bis Er ein Einsehen hat! Ihm schadet’s nicht, und der Dienst gewinnt!“
Lölhöffel räusperte sich, salutierte nochmals und wagte eine Entgegnung.
„Es ist meine Pflicht als Inspekteur der pommerschen Kavallerie, Eure Majestät darauf aufmerksam zu machen, daß der Rittmeister von Blücher immerdar ein eifriger und meritierter Offizier war!“
„Davon müßte ich doch wissen!“
„Er hatte im letzten Kriege nicht das Glück, unter den Augen Eurer Majestät zu kämpfen!“
„Das hat mit meinem Wissen nichts zu schaffen! Wir pflegen uns auch so nicht all die jungen Leutnants zu merken, die uns einmal an der Nase vorbeilaufen! Und wissen doch in der Armee Bescheid! – – Halte Hektor zurück, du dummer Esel!“ fuhr er plötzlich den hinter ihm stehenden Lakaien an. „Er überfrißt sich sonst! – – Mußt dir mehr Zeit nehmen, du gutes Tier!“
Er kraute den Liebling und streichelte ihn zärtlich. Seine Augen leuchteten auf einmal freundlich, und er wandte sich bedeutend weniger kratzbürstig dem General zu.
„Immerhin lese Er mir des Rittmeisters von Blücher Konduite vor!“
[pg 33]
Lölhöffel suchte unter den Papieren in seinem Portefeuille ein Dokument heraus, hielt es militärisch steif vor sich hin und las mit lauter Stimme vor:
„Trat mit achtzehn Jahren von den Schweden über, erhielt die königliche Bestallung als Kornett im Husarenregiment von Belling, wurde am 4. Januar 1761 Sekondeleutnant, am 11. Juli 61 Premierleutnant, focht 62 in der Armee des Prinzen Heinrich, Königliche Hoheit, Korps Seydlitz, als die Bellingschen die Reichsarmee bis Hof in Bayern zurücktrieben, machte da, bei Auerbach, 500 Gefangene, wurde mit nur 60 Mann bei Libkowitz von 200 Österreichern angegriffen, machte 60 Gefangene, wurde in der Schlacht bei Freiberg verwundet –“
„Ein braver Offizier,“ sagte der König, „ich erinnere das alles jetzt ganz gut! Soll aber ein gar wüster Spieler und Duellant sein und auch hinter den Weiberschürzen her – wie alle von den Bellingschen! Ein Zigeunerregiment ist das immer gewesen und keine Husaren!“
Er stieß mit dem Krückstock hart auf dem Boden auf.
„Gib doch dem Hund zu trinken,“ schrie er dem Lakaien zu, „du siehst ja, daß er erstickt!“
Dem Hund wurde Wasser gegeben, seine Schnauze und Pfoten mit Servietten abgewischt. Schweifwedelnd schlich er an den König heran und leckte ihm die Hände.
„Ein wüster Duellant – ein Raufbruder!“ wiederholte der König. „Er sieht, ich kenne meine Leute!“
„Zu Befehl! Der Säbel saß ihm stets locker in der Scheide“, sagte Lölhöffel trocken und blickte in sein Dokument. „Hier steht noch angeführet, daß der Regimentsadjutant Blücher wegen Herausforderung seines Chefs, des Obristen Belling, strafversetzt werden mußte!“
„Was sagte ich!“ knurrte der König gallig. „Ein aufrührerischer Krabat! An seinen Chef wollte er heran! Und nun möchte er gar an uns selbst sein Mütchen kühlen! Ich werde ihn schon Mores lehren!“
Er erhob den Stock und schlug auf den Tisch. „Keinen [pg 34]Pardon vor ihm! Keinen Pardon! Und den Abschied auch nicht!“
„Wollen Majestät gnädigst verstatten? Hier steht noch von einer öffentlichen Belobigung des gedachten Rittmeisters aus Allerhöchstdero eigenem Munde!“
Lölhöffel zeigte auf sein Dokument.
„Wo hatte ich? Wann hätte ich?“
„Bei einer Revue in Stargard Anno siebenzig!“
„In Stargard? Laß Er sehen!“ Der König blieb stehen und dachte nach. „Recht hat Er – der von Blücher war’s! Der hatte mit einer Handvoll Leute dreihundert konföderierte Polacken angegriffen, vier Rittmeisters und achtzig Mann gefangengenommen! Und Er selbst, Lölhöffel, mußte ihn, auf meinen Befehl, vor der Front loben! So war’s! Sehe Er, unser Gedächtnis pariert Ordres noch besser, als unsere Offiziere es manchmal tun! – Ein braver Mann! Ein tapferer Mann! Können solche Leute immer gut gebrauchen! Der Rittmeister bekommt seinen Abschied nicht!“
„Sein Chef, der General von Lossow, befürwortet die Entlassung!“
„Der von Lossow ist ein Besserwisser und ein Streber. Der soll mir nichts weismachen wollen. Weswegen mag er den Rittmeister nicht leiden?“
Lölhöffel las in seinem Papier nach und blickte dann den König an.
„Zu Befehl! Eben wegen der Verfehlung, die Majestät soeben Höchstselbst an ihm zu rügen geruhte! Weil er entgegen des Allerhöchsten Verbots die Polacken durch sein allzu forsches Zugreifen aufreizte, als er eine seiner Postierungen ermordet vorfand!“
„Mir sind die Einzelheiten der Geschichte entfallen!“ sagte der König. „Wir haben so viel und weit Schlimmeres im Leben erfahren! Erzähle er mir! Wo hatte der Blücher zugegriffen? Wen hatte er –?“
„Einen polnischen Landgeistlichen in der Gegend von Kalisch, den er als Anstifter in Verdacht hatte. – Er ließ ihn aufheben und, da er nicht bekennen wollte, sans façon [pg 35]vor eine frisch aufgeworfene Grube stellen, die Augen verbinden und eine Salve über seinen Kopf abfeuern!“
„Das wird dem hübsch in die Glieder gefahren sein!“
„Vor Schreck ist er fast ums Leben gekommen!“
„Groß wäre der Schaden nicht gewesen! Unrecht ist ihm sicherlich auch nicht geschehen!“
„Zu Befehl! Seine Schuld war mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen! Nur nachweisen ließ sich nichts!“
„Der Rittmeister tat gegen Befehl, dafür gebührte ihm Strafe. Er handelte aber ansonsten brav! Das wollen wir ihm lohnen! Sage Er einmal, Lölhöffel, wieso kommt jener Brausekopf dazu, mir einen despektierlichen Brief zu schreiben?“
„Er fand sich unverdienterweise übergangen! Er glaubte als ältester Stabsrittmeister ein Anrecht auf die erledigte Schwadron des abgehenden Majors von Zülow zu haben, die einem anderen gegeben wurde!“
„Was heißt Anrecht? Die Schwadrons vergebe ich! Ein Anrecht außer Unserer Entschließung gibt’s nicht! Und wider Unsere Entschließung hat niemand aufzubegehren. Der Rittmeister war ungehorsam – dafür wurde er im Avancement mit Recht übergangen! Er schrieb uns einen despektierlichen Brief, dafür sitzet er in Arrest! So er sich aber demütiget, wollen wir ihn begnadigen und ihn befördern. Schreibe Er: der Rittmeister von Blücher wird zum Major befördert! – – – Nein, noch nicht! Erst soll er abbitten! Sonst denkt er, er hätte es uns abgetrotzt!“
Lölhöffel räusperte sich, blickte den König unsicher an und wagte dann doch noch der Gnaden des Königs anheimzustellen, dem Rittmeister, der trotz seines Eigensinnes und seines jähzornig aufbrausenden Temperaments ein verdienter, tapferer Soldat sei, die ersehnte und erflehte Beförderung zum Major zuteil werden zu lassen. Um so eher, da gedachter von Blücher im Begriff sei, zu heiraten und einen Hausstand zu begründen – –
Damit kam er an den Unrechten.
[pg 36]
„Heiraten will er?“ schrie der König außer sich und stieß mit seinem Stock mehrfach auf den Boden auf. – „Was erzählt Er mir da für Räubergeschichten, Lölhöffel? Weiß Er nicht, daß es sich vor die Husaren nicht schickt, wenn sie Weibers nehmen? Daß sie dann keinen Schuß Pulvers mehr wert sind?! Weiß Er nicht, daß ich vor alle derartigen Mariagen einen greulichen Abscheu habe? Wie kann Er indizieren, daß wir einen Menschen von solcher Fermete noch befördern? Er ist wohl des Teufels?!“
Der König redete sich immer mehr in die Wut hinein und schrie, daß die Hunde ängstlich wurden, ihm winselnd um die Beine liefen und den General gar auch noch anknurrten, weil er den Zorn ihres Herrn geweckt und ihre Ruhe gestört hatte!
„Ruhe, ihr Biester! Oder wollt ihr etwa auch mariage tun?“ schrie der König und schlug nach seinen Lieblingen, zum maßlosen Staunen der Lakaien. „Ruhe, Mene! Tu beau Alceste! Wo hat Er das Gesuch des Rittmeisters, Lölhöffel? Geb Er den Wisch her!“
Und er riß dem General das Papier aus der Hand, humpelte, so gut es ging, auf seinen alten gichtischen Beinen an ihm vorbei ins Arbeitszimmer hinein, warf das Papier auf die schräge Tischplatte, ergriff einen Federkiel, stieß ihn mit Wucht in die Tinte, daß sie weit herumspritzte, kratzte dann mit zitteriger Hand eiligst ein paar Worte unter das Gesuch und sprach sie, wie immer, beim Schreiben laut vor sich hin.
„Der Rittmeister von Blücher kann sich zum Teufel scheren!“
Er warf den Federkiel fort.
„Mag er sich in des Teufels Namen kopulieren lassen, soviel er will! Aber unter meine Husaren führet er keine Schürzenwirtschaft ein! Basta!“
Dann ließ er den General stehen, eilte mit gehobenem Stock wieder ins Schlafzimmer hinein, wo die Hunde nur mit Mühe von den Lakaien gebändigt werden konnten, und hieb – nicht die Hunde – aber die Diener durch, die so [pg 37]schlecht aufpaßten, daß ihm heute keine Ruhe zum Regieren blieb!
Und Lölhöffel zog mit langem Gesicht ab. Es war ein schnöder Abschied für einen langgedienten, braven Offizier wie Blücher. Aber mit der Despektierlichkeit durfte man dem Alten Fritz nur vorsichtig nahen! Und mit der mariage nimmermehr!
4
Im Schatten
Inhaltsverzeichnis
„Hätte ich noch den schwarzen Dolman angehabt,“ sagte der Rittmeister Blücher und hieb Treff-As auf den Tisch, daß er zitterte, „weiß der Deibel, ich hätte mir vielleicht doch noch die Sache überlegt! Denn den hatte ich mir sozusagen mit der Waffe in der Hand erobert und in Ehren getragen! Im roten Dolman hatte ich immer das Gefühl: den ziehst du bald wieder aus! Gemütlich war’s ja nicht, drin zu stecken, nachdem der Alte Fritz die von Gersdorffschen aufgelöst hatte und uns kommandierte, in ihre entehrte Pelle zu schlüpfen! Trotzdem ziehe ich sie mit Wonne wieder an, wenn’s endlich so weit gediehen ist mit der königlichen Gnade! Kinder!“ rief er, schob seinen Stuhl zurück und füllte die Gläser, während der Postmeister die Karten mischte und der Apotheker Gewinn und Verlust der letzten Runde getreulich buchte. „Mit keinem König möchte ich tauschen, so vergnügt bin ich heute!“
„Nun ja,“ schmunzelte der Postmeister, „du hast auch alle Ursache! Reiten, jagen, das Mädchen geküßt, die Karte in fröhlicher Runde gebogen, was willst du mehr?“
„Gewinnen!“ antwortete für ihn der Apotheker, der jetzt mit seiner Rechnung im reinen war. „Gewinnen will er!“
„Gewinnen, verlieren, gleichviel!“ lachte Blücher. „Nur nicht sein Leben lang hinter dem Ofen hocken, oder die Nase über die Schmöker hängen und Kriegsgeschichte oder so ’n [pg 38]Zeug pauken! Kriegsgeschichte, pfui Deibel! Als Soldat mache ich Kriegsgeschichte und schreibe sie in Blut oder beschreibe sie beim Rotspon! Die Tinte lasse ich die Federfuchser saufen!“
„Nun, die Kriegsgeschichte wird dir wohl nicht allzu lästig, seitdem du des Königs Rock auszogst!“ versetzte der Apotheker.
„Wenn ich auch den Rock auszog, mit Leib und Seele blieb ich doch Soldat! Sollst sehen, bald reite ich wieder an der Spitze meiner Schwadron, die mir von Rechts wegen zukommt!“
„Sei froh, solange du’s nicht nötig hast! Genieße dein Leben! Hast ja alles, was der Mensch sich wünschen kann: eine brave, liebe Gattin, prächtige Kinder, giltst als einer unserer besten Landwirte hier in Pommern – was willst du mehr?“
„Red’ keinen Schwefel!“
„Na, höre einmal!“ sagte der Apotheker, „um nichts gab dir wohl der König neuntausendfünfhundertfünfzig Taler Meliorationsgelder für dein Gut?“
„Neuntausendfünfhundertfünfzig, ja! Das war so recht der Alte Fritz! Zehntausend voll hätte er mir ruhig geben können. Aber nein, er mußte noch etwas davon abstreichen, um seinen Sparsinn zu befriedigen! Sonst hätte ihm die ganze Sache keinen Spaß gemacht! Und nun muß ich mich hier am Spieltisch mit euch abrackern, um die Summe wieder abzurunden!“
„Das tust du auch redlich!“ lachte der Apotheker. „Aber nach unten hin scheint’s mir!“
„Verliere ich, so gewinne ich auch – das Geld wie das Majorspatent, und sitze im Sattel, ehe ihr’s ahnt!“ rief Blücher übermütig. „Dieser Haufen Taler auf Pik-Dame gesetzt, daß es so kommt!“
Er nahm eine Handvoll Talerstücke aus einem auf einem Stuhl neben ihm stehenden, mit Geld gefüllten Suppenteller, setzte auf die Karte und verlor.
„Verflucht! Die Dirne ging mir durch die Lappen mit [pg 39]dem Geld! Die Schwarzen waren mir niemals hold! Eine Blonde her! Coeur-Dame gewinnt! Coeur-Dame war mir stets gewogen! Siehst du, was sagte ich? Hab’ Dank, holde Schöne! Her mit dem Geld! Kinder, ich könnte die ganze Welt in Trümmer schlagen, so vergnügt bin ich! Eine Kraft ist in mir! Himmeldonnerwetter! – Ein Schwert in der Faust, einen Gaul unter mir, Feinde genug zum Dreinhauen, was brauche ich mehr?!“
„Glück im Spiel!“
„In der Liebe, du Giftmischer! Ich pfeife auf alles andere!“
„Nun“, sagte der Apotheker und strich wieder den Einsatz ein. „Das hättest du erreicht!“
„Noch einmal zur Attacke auf Fortuna, das Luderchen!“ rief der Rittmeister, „Karten her! Und hier der Rest!“
Er leerte seinen Suppenteller auf den Tisch, nahm neue Karten und verlor noch einmal.
„Blasen wir die Reserve heran!“ sagte er, ohne darum seine gute Laune zu verlieren. „Ich hole Sukkurs!“
Er stand auf, ging ins Nebenzimmer, öffnete die Ofentür, steckte die Hand hinein, zog sie aber gleich wieder leer heraus und machte ein langes Gesicht. Kniete dann nieder und blickte in den Ofen.
„Da soll mir der Donner dreinschlagen!“ fluchte er. „Drei Suppenteller voll Geld stellte ich drinnen parat, zwei nahm ich heraus, wo zum Kuckuck blieb der dritte?“
„Haben Panje Rittmeister etwas verloren?“ flötete hinter ihm plötzlich die Stimme seiner alten polnischen Wirtschafterin.
Er schnellte empor.
„Hast du etwas gefunden, Sonja?“
„Kann sein!“ schmunzelte die Alte.
„Etwa einen Teller –?“
„Einen Suppenteller – –“
„Mit –?“
„Mit etwas drauf, was hier im Hause nicht lange darauf zu bleiben pflegt! Etwas, was Panje Rittmeister und [pg 40]seine bürgerlichen Freunde meistens zum Spaß zum Fenster hinaus zu werfen pflegen!“
„Zum Spaß?! I, du dummes Luder, das geschieht gewiß nicht zum Spaß! Das werfen wir zum Fenster hinaus, damit es zum Schornstein wieder hereinkommt! Verstehst du?“
„Ach so! Dazu stellen Panje Rittmeister die Suppenteller in den Ofen?“
„Ja! Ging dir jetzt ein Licht auf? Damit das Geld doppelt und dreifach wieder hereinfliegt – dazu schmeißen wir’s zum Fenster hinaus! Denn unterwegs jungt es – verstehst du wohl? Und den Teller stellen wir in den Ofen, damit es nicht in die Asche fällt! Und nun sage mir, mein Täubchen, wo du den Teller mit dem Gelde hingetan hast.“
„Oben ins Schlafzimmer, auf der gnädigen Frau ihr Bett! Nachher, wenn Panje Rittmeister schlafen geht, wird er sich freuen, noch so viel Geld im Hause zu haben!“
„Sofort holst du es wieder herunter!“
„Die gnädige Frau Rittmeister schlafen doch! Sie schliefen schon, als ich das Geld hintat!“
„Hol es rasch her! Und daß du sie mir nicht dabei weckst!“
„Lassen wir das Geld ruhig auf der gnädigen Frau ihrem Bett! Am Ende jungt’s da noch besser!“
„Nee!“ lachte Blücher, „da jungt ganz was anderes!“
„Die heilige Jungfer bewahre!“ rief die Alte erschreckt. „Es ist längst mehr als genug! Die kleine und zarte Person, und schon sechs Kinder! Sechs habe ich schon auf meinen Armen getragen! Panje Rittmeister, nichts für ungut! Die Liebe ist eine schöne Sache! Aber, was zuviel ist, ist zuviel! Und so viel Liebe hetzt den Menschen ins frühe Grab! Sechs Kinder, bedenket doch, Panje, was das für eine Frau heißt! Und dreie deckt schon der grüne Rasen! Da liegen die kleinen Engelchen und rufen nach der Mutter! Und die Mutter will zu ihnen und wird mit jedem Tag immer blasser!“
„Red’ nicht!“ sagte Blücher kurz und drehte seinen Schnurrbart. Es kam etwas Feuchtes in seine Augen.
„Immer blasser wird sie! Und wie sollte sie auch nicht, [pg 41]bei dem tollen Leben hier, wo der Postmeister und der Apotheker ihr Unwesen treiben, und das Spiel und das Pokulieren nimmermehr aufhört! Ich hab’s auch nicht leicht, wenn ich den Kindern Rede und Antwort stehen muß. Sie fragen mich alles mögliche über den Papa – wo er seine Soldaten hat und wieso er keinen bunten Rock wie die andern Offiziere trägt –“
„Himmelkreuzelement! Halt’s Maul!“
„Ja, das ist immer das Ende vom Lied: halt’s Maul! Ich hätte man das Maul halten sollen, vor zehn Jahren, als meine kleine Herrin mir von dem tollen preußischen Offizier vorschwärmte, der ihr den Hof machte! Ich hätte das Maul halten sollen, vor vier Jahren, als Panje Rittmeister das schöne Polen verließ und hierher nach Pommern zog! Ich hätte sagen sollen: nein, ich gehe nicht mit. Dann hätte ich nicht sehen müssen, wie meine kleine Herrin vor Gram elend umkommen muß! Sie, die Enkelin eines großen Herrn, des Starosten von Gnesen, des erlauchten Herrn von Bojanovsky selbst! Das edelste polnische Blut! Einen Grafen hätte sie haben können! Einen Fürsten sogar! Sie hatte es nicht nötig, einen kassierten Offizier zu nehmen, der sich mit niedrigen Bürgersleuten gemein macht!“
Mit dem kassierten Offizier wagte sie sich aber erst dann heraus, als Blücher längst nicht mehr im Zimmer war. Er hatte sie einfach stehenlassen, als sie anfing, ihm ihre gewohnte Litanei vorzuleiern, war die Treppe nach dem oberen Stock hinaufgeeilt, öffnete leise die Tür des Schlafzimmers und schlich auf den Fußspitzen hinein.
Seine Frau schlief. Zu ihren Füßen, auf dem Federbett, stand der Teller mit dem Gelde.
Einen Augenblick stand er noch da und lauschte auf ihren Atem.
„Daß du das Geld bei dir hast, bringt Glück!“ sagte er, nahm den Teller, ohne sie zu wecken, und ging leise, wie er gekommen war, zu seinen Gästen hinunter, setzte den Teller auf die Karte, die soeben ausgeschlagen wurde, und rief:
„Das Ganze! Das Ganze gewagt!“
[pg 42]
Und er gewann.
„Noch einmal!“ rief er, schob den Teller nochmals hin und gewann abermals.
„So!“ sagte er. „Nun ist’s genug. Jetzt habe ich die Summe des Alten Fritzen wohl genügend abgerundet! Ich hatte also Glück mit dem Gelde! Das Glück in der Liebe brachte mir auch Glück im Spiel! Das hat wohl denn auch gute Vorbedeutung für mein Gnadengesuch an den König.“
„Du hast wieder –“
„Ich habe dem König für das mir geliehene Geld gedankt und die Gelegenheit benutzt, um Wiedereinstellung als Major zu bitten, und zwar mit Anciennität vom Tage meines Abschieds ab! Einmal hat er’s mir abgeschlagen. Das war vor vier Jahren! Jetzt wird er wohl ein Einsehen haben!“
„Alle Wetter!“ sagte der Postmeister. „Gut, daß du von der Sache sprichst. Vorhin kam eben ein amtliches Schreiben an den Herrn Deputierten des Pommerschen Landschaftsrates von Blücher an. Vom Königlichen Kabinett, scheint’s mir! Ich nahm das Ding mit. Ihr machtet aber gleich einen Lärm, daß ich nicht zu Worte kommen konnte, und dann hab ich’s verschwitzt, als es mit dem Spiel losging! Nun, aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Da nimm!“
Er reichte Blücher einen Brief mit dem königlichen Siegel.
Blücher nahm ihn, machte ihn schnell auf, flog den Inhalt durch, wurde plötzlich ernst und nahm sein Glas.
„Auf das Wohl Seiner Königlichen Majestät!“ sagte er kurz. „Er soll leben! Und wir auch – wofern wir nicht für ihn sterben dürfen!“
„Abgelehnt?“ fragte der Postmeister zögernd.
„Abgelehnt!“ sagte Blücher kurz. „Abgelehnt zum zweiten Male! Das bedeutet weiter nichts, als daß ich nochmals bei Seiner Majestät mit meinem Gnadengesuch vorstellig werde, und dann nochmals und dann nochmals, bis ich damit durchdringe und er mich wieder einstellt. Ich lasse nicht locker! Ist er eigensinnig – bin ich es noch zehnmal mehr! [pg 43]Jetzt kommt aber; es wird schwül hier drinnen! Draußen im Garten atmet sich’s leichter! Ich lasse eine Bowle ansetzen, die euch munden wird wie den Kindern Israels das Manna in der Wüste!“
Er setzte den Hut auf, faßte den Postmeister unter den Arm und ging hinaus, von den beiden anderen gefolgt.
5
Aus dem Nest heraus
Inhaltsverzeichnis
„Enten waren da, die Masse“, sagte der Rittmeister und zwirbelte seinen Schnurrbart. „Aber sie hatten Glück! Der Nebel wollte nicht weichen, die Sonne machte sich’s bequem! Und der Hund taugte auch nichts! Weiß der Teufel, was ihm in die Nase gefahren war! Der Nebel hatte ihm wohl den Riecher genommen! Denn er stieß direkt mit der Nase auf den Vogel, ehe er ihn gewahr wurde! Der schoß dann wie ein Pfeil davon, und der dumme Köter stand da und glotzte in sein Kielwasser, wie es lustig durch das Schilf rieselte, bis es zu spät wurde und der Vogel untergetaucht war. Keinen einzigen Aufflug brachte er zustande! Keine Möglichkeit, zum Schuß zu kommen!
Da mußte ich selbst den Hund machen! Beim nächsten Vogel, den wir aufstöberten, sprang ich ins Wasser und machte ein alles andere denn weidmannsgerechtes Hallo, um ihn zum Aufflug zu bringen!
Das gelang nun schon nach Wunsch! Aber alles, was ich vom Vogel bekam, war weiter nichts als sein höhnisches Schnattern und das Rauschen seiner Flügel und, wo er aufflog, eine sonderbare Bewegung im Nebel, die im Dämmerlicht der aufgehenden Sonne Gestalt annahm und zu etwas Menschenähnlichem wurde!“
„Etwas Menschenähnlichem?!“ wiederholte die Frau Rittmeisterin und blickte von ihrer Handarbeit auf.
„Ja, eine menschenähnliche Gestalt, eine Nixe, die mich [pg 44]hold anlächelte und die Arme gegen mich ausstreckte. Deine Züge hatte sie!“
„Geh!“
„Auf Ehre! Sie hatte es! Und ich, nicht faul, gleich hinterher, ohne an den morastigen Boden zu denken! Und plötzlich, ehe ich’s mich versah, gab der Grund unter meinen Füßen nach, und im Nu stand ich bis zum Hals im Sumpf!“
„Das geschah dir recht! Warum jagst du Nixen nach!“
„Deine Züge hatte sie!“
„Wer’s glaubt. Dann hättest du’s sicher nicht so eilig gehabt!“
„So eilig sogar, daß es mir fast das Leben kostete!“
„Dein Leben achtetest du stets gering!“
„In dem Augenblick nicht! Ich gab gehörig Hals! Und zum Glück war der Förster nicht weit!“
„Der Hasse?“
„Ja! Im letzten Augenblick kam er hinzu, reichte mir seinen Flintenlauf, und daran konnte ich mich dann so allmählich aus dem Schlamm herausholen! Es hätte aber schief gehen können!“
„Ja, da siehst du, wohin der Übereifer dich führt! Immer mußt du Leben und Gesundheit aufs Spiel setzen, und sei’s nur um eine Wildente – oder, meinetwegen, um eine Nixe zu erwischen!“
„So ist’s! Immer aufs Ganze! Nur so erreicht man etwas!“
„Wenn man nicht das Genick dabei bricht!“
„Darum brauchst du nicht zu bangen! Ich komme nicht um! Ich bin fest überzeugt, daß mir gegeben wurde, im Leben etwas Besonderes zu leisten! Das macht fest gegen Schuß und Hieb! Wenn ich auch manchmal etwas abgekriegt habe –, das Leben hat’s noch nicht gekostet! Zum Krüppel wurde ich auch nicht! Und heute, wo ich bis zum Hals versank und mich kaum noch bewegen konnte, auch heute verließ mich die Zuversicht nicht, sondern ich dachte: ‚Habe ich etwas im Leben zu tun, so bleibe ich wohl am Leben!‘ Und [pg 45]ich blieb! Die rettende Hand war gleich zur Stelle! Das gibt mir Zuversicht. Denn so wie auf der heutigen Jagd, so war mein ganzes bisheriges Leben, seitdem ich den Dienst quittierte. Bis zum Hals im Schlamm versunken, ohne Möglichkeit, mich zu bewegen, wenn nicht bald die Hilfe kommt, mich aus dem Sumpf herausbringt, mich wieder als Soldat einstellt und mich mittun und mitleben läßt! Denn so wie jetzt geht’s nicht weiter! So komme ich um! So versumpfe ich ganz und gar!“
„Warst du denn so unglücklich mit mir?“
„Wie kannst du nur fragen? Saumäßig wohl war’s mir die ganze Zeit! Ein stolzes Gefühl, als freier Herr auf eigenem Grund und Boden zu schalten und zu walten und zu sehen, wie wir vorwärtskamen und uns wohl dabei standen! Ich trug schon die Nase gehörig hoch bei all der Anerkennung, die mir von allen Seiten zuteil wurde! Das leugne ich gewiß nicht! Aber das ist gewesen, und das soll mich von nichts mehr abhalten dürfen! Alles hat seine Zeit! Das mußte auch erlebt sein, und das habe ich erlebt! Das genügt aber nicht! Das erfüllt mein Leben nicht! So schlafe ich ein, geistig wie leiblich. Und das darf nicht sein! Ich habe den Trieb, mich weit darüber hinaus zu betätigen, und wenn’s mir das Leben kosten sollte! Vorwärtsstürmen aufs Unmögliche los, um es möglich zu machen und auch andere dazu treiben! Das habe ich! Das kann ich! Ob’s der Abenteurer ist, der mir im Blute liegt – ob’s weiter nichts ist als purer Leichtsinn –, jener Trieb muß befriedigt werden, oder ich krepiere!“
Die Frau Rittmeisterin blickte auf.
„Man soll das Leben nur für etwas einsetzen, was des Lebens wert ist!“
„Wer nicht bereit ist, es stets und immerdar für seine Sache einzusetzen, wie gering sie auch anderen scheinen mag, der ist nicht wert, zu leben!“
„Du wirfst es aber hin, wie wenn du Geld auf eine Karte setzest.“
„Und gewinne es zehnfach wieder!“
[pg 46]
„Wenn du nicht Pech hast, wie meistens – Pech beim Spiel, Pech auf der Jagd, Pech in der Liebe –“
„Wie kannst du das sagen?“
„Wieso nicht?! Wo du mit einer Frau leben mußtest, die dir weiter keine Empfindungen eingeben konnte als das Gefühl, an ihrer Seite im Sumpf zu versinken!“
„Verdrehe meine Worte nicht! Versteh mich recht: ich fühle mich zurückgesetzt, ausgestoßen, zu nichts nutz! Bloß als Brotverdiener auf der Welt und weiter nichts! Mein Leben geht dahin, und ich leiste nichts! Die Zeit schwindet, und ich stapfe noch immer auf demselben Fleck! Wenn ich sehe, wie weit es meine ehemaligen Kameraden inzwischen gebracht haben – –“
„Da solltest du dem Himmel danken, daß du des Königs Rock beizeiten auszogst! Denn das machte dich zum freien Mann und erhielt deinen Sinn unabhängig! Gott behüte, daß du heute da stehen solltest, wo deine Kameraden jetzt sind. Keinen Schritt könntest du machen ohne Befehl –, keine Bewegung außer der reglementierten! Das kannst du aber jetzt –“
„Das kann ich jetzt erst recht nicht, wo ich die Rücksicht auf die Familie und auf unser täglich Brot über alles andere stellen muß. Ich ziehe jedenfalls das soldatische Reglement dem der Ehe vor! Verzeihe mir, aber es mußte einmal klar und deutlich ausgesprochen werden.“
„Ich glaube,“ sagte die Frau Rittmeisterin, ohne die geringste Bewegung zu verraten, „ich glaube, daß unsere Ehe dir genug Bewegungsfreiheit für deine persönlichen Neigungen ließ. Jedenfalls nahmst du sie dir mehr als reichlich!“
„Das tat ich! Und das hätte ich auch als Offizier getan. Ich war dumm, als ich den Dienst quittierte!“
„Du warst weder dumm noch klug, du warst ein aufrechter Mann. Und niemals habe ich dich mehr geliebt als in dem Augenblick, wo du Manns genug warst, deine Würde zu wahren. Denn Unrecht geschah dir, als ein Fürstensprößling dir vorgezogen wurde, der dir sowohl an Meriten wie an Dienstjahren nachstand. Und du tatest recht, als du dem [pg 47]König daraufhin deinen Degen vor die Füße warfst! Jetzt aber, wo du jahraus, jahrein dem König schreibst und ihn um Wiedereinstellung als Offizier anbettelst, jetzt schäme ich mich deiner! An die zehnmal schriebst du ihm! An die zehnmal gab er dir den Fußtritt, der dir ob solchen kläglichen Gewinsels gebührte!“
„Hör auf!“
„Hörtest du wohl auf mit deinen Bettelbriefen? Schriebst du nicht unter jeden Brief: ‚in allertiefster Devotion ersterbend, Eurer Königlichen Majestät alleruntertänigst gehorsamer Knecht‘? –“
„Phrasen, weiter nichts!“
„Habe ich einen Phrasendrescher zum Mann genommen? Habe ich einem alleruntertänigst gehorsamen Knecht die Hand gegeben, der ‚in allertiefster Devotion erstirbt‘? Oder war’s ein Mann, der aus Ehrgefühl zum Rebellen werden konnte?“
Er nahm sie in seine Arme und küßte sie herzlich.
„Halte dich nicht über Äußerlichkeiten auf. Der althergebrachten, von der Gewohnheit, oder sagen wir: vom Zeremoniell geheiligten Form muß ein jeder genügen, hoch oder niedrig, der sich dem Träger der Krone naht! Das ist weiter nichts als eine Redensart!“
„Mag sein! Aber eine Redensart, die entwürdigt. Ich würde mich schämen, sie zu gebrauchen!“
„Und ich –, ich schreibe sie ihm nochmals und nochmals, bis er nachgibt und mir meinen Willen tut. Wenn ich bloß ans Ziel komme, wenn ich erreiche, tätig sein zu können, was kümmert’s mich, wie ich dazu komme? Jeder Weg ist mir da recht! Und wäre er noch so holperig, ich gehe ihn doch ohne Zögern! Das ist nichts als einfache Pflicht, der Macht gegenüber, die mir anheimgab, eine Aufgabe über das Alltägliche zu suchen! Und daran hindert mich nichts – deine Verachtung nicht, und erst recht nicht dein Schelten! In einem gebe ich dir aber jetzt recht: das Schreiben von Bittgesuchen war dumm! Das werde ich künftig lassen. Es gibt andere und bessere Wege! Wo ich Deputierter der Landschaft bin, [pg 48]kann ich auch so an den König heran. Das nächste Mal, wenn er hier Revue abhält, sorge ich dafür, daß ich die Landschaft vertrete. Da bedarf es keines Audienzgesuches! Und das Weitere wird sich ergeben. Aber von meinem Vorhaben lasse ich nicht ab. Soldat bin ich mit Leib und Seele, und Soldat bleibe ich! Du sollst es schon sehen: eher als du denkst, wirst du als Frau Majorin aufwachen!“
„Gott verhüte es! Dann müßte ich unser schönes Groß-Raddow verlassen und in der Garnisonsstadt leben!“
„Das schon!“
„Das wäre mein Tod! Das kann ich nicht! Ich würde ersticken. Ich würde ohne Licht und Luft zugrunde gehen! Bin ich dir denn kein Opfer wert? Ist dir der Traum, dem du nachjagst, mehr als eine ruhige, gesicherte Wirklichkeit an meiner Seite? Wozu jetzt noch einmal dein altes Leben von vorne anfangen? Vierzehn Jahre warst du schon außer Dienst, und du bist nicht mehr der Jüngste, hast nicht mehr das Ungestüm der Jugend, das vorwärts über alle Hemmnisse hinwegtreibt. Du wirst nur Enttäuschung über Enttäuschung erleben und bitter bereuen, unser Glück um ein Hirngespinst geopfert zu haben. Du hast ja ohnehin Tätigkeit übergenug! Hast ja die Güter – unser schönes Groß-Raddow und Sassenhagen, das du eben angekauft hast! Ein ganzes Leben brauchst du, um die hochzubringen. Wie kannst du nur daran denken, daneben noch als Offizier zu dienen? Entweder die Güter werden vernachlässigt, oder der Dienst wird es!“
„Dann lieber die Güter“, dachte der Rittmeister. „Die kann man ja verkaufen, wenn sie im Wege sein sollten!“
Aber er sagte es nicht laut. Er sah, wie sie mit ganzer Seele daran hing, ihr Leben in der bisherigen Weise weiterleben zu können, dachte an ihre zunehmende Kränklichkeit, fühlte ein menschliches Rühren, wurde großmütig, opferbereit und schwang sich sogar auf, den Verzicht auszusprechen. Das beruhigte sie.
Aber er selbst fühlte, als hätte er seiner ureigensten Natur Gewalt angetan und das Heiligste verleugnet. Ein brennen[pg 49]des, fieberndes Verlangen nach dem großen Abenteuer seines Lebens, das er haben mußte, wenn er nicht elendiglich verkümmern sollte, bemächtigte sich seiner ungestümer denn je und ließ ihm keine Ruhe mehr.
*
In Sanssouci endete zu gleicher Zeit ein einsamer Mann, von Arbeit ermüdet, von Krankheit zerrüttet und von aller Welt verlassen.
Ein Leben erlosch, das Kampf gewesen war, Kampf und Sieg gegen eine ganze Welt – ein Leben voll treuester Pflichterfüllung und Strenge gegen sich selbst und alle anderen. Der alte Adler starb und schloß seine Augen für immer.
Ein Aufatmen –, ein Gefühl der Erleichterung ging durch das ganze Volk. Die wenigsten gedachten bei der Todesbotschaft der großen Lebensleistung, deren Zeugen sie gewesen waren. Die erlittene Bedrückung zitterte noch bei allen nach.
Auch nach Pommern drang rasch die Kunde des großen Ereignisses. Hier wie dort im ersten Augenblick ein Aufjauchzen, das die Größe dessen, der zu Grabe getragen wurde, total verwischte.
Auch Blücher ging es nicht anders. Aber zugleich fühlte er etwas wie ein Rauschen großer Flügel um sein Haupt und wurde von einer seltsamen Empfindung beschlichen, als sei ihm ein Erbe überkommen.
„Jetzt ist’s vorbei mit dem schmählichen Beiseitestehenmüssen! Jetzt ist meine Zeit da!“
So jauchzte er auf bei der Trauerkunde. Und seine Frau schwieg. Sie sah es ein, daß er nicht mehr zu halten sein würde. Der stille Verbündete, den sie in dem alten König gegen ihn gehabt hatte, war nicht mehr! Keine Macht gab’s mehr auf Erden, die seinen Tatendrang, der stets ihr Eheglück sprengen wollte, eindämmen konnte! Sie mußte es über sich ergehen lassen, wie es auch kommen würde!
[pg 50]
Und Tränen der Wehmut, nicht des Stolzes, waren in ihren Augen, als sie beim darauffolgenden Durchzug des neuen Königs durch Stargard ihren Mann, hoch zu Roß, in der kleidsamen Uniform der pommerschen Landschaft, dem königlichen Wagen voraussprengen sah. Und auch als er siegestrunken zurückkehrte und ihr vom Gelingen seines Unternehmens und von der Audienz beim Könige erzählte, sowie von dessen gnädiger Zusage, ihn bei Gelegenheit mit voller Anciennität als Major in sein altes Regiment wiedereinstellen zu wollen – auch dann vermochte sie nur mit Mühe die qualvollen Seufzer niederzuhalten, die sich ihrer Brust entringen wollten.
*
Einige Jahre später stand er vor ihr in ihrer kleinen Wohnung im pommerschen Städtchen Rummelsburg, hatte den Feldzug in Holland hinter sich, hatte den Verdienstorden um den Hals und war im Begriff, sich wieder von ihr zu verabschieden, um in den Krieg gegen Österreich zu ziehen.
Er sah ihre bleichen Wangen, ihr abgezehrtes Gesicht, ihren müden Blick, sah mutlose Resignation in ihrer ganzen Art, sich zu geben, und sein Herz schnürte sich zusammen. Seinem Beruf zuliebe hatte sie auf das Landleben verzichtet. Ihre Güter, an denen sie hing, die aber aus der Entfernung nicht bewirtschaftet werden konnten, waren verkauft. – Groß war das Opfer, das er von ihr verlangt hatte – er sah es ein. Aber er hatte nicht anders handeln können. Und jetzt galt es wieder Abschied nehmen.
„Diesmal wohl für immer“, sagte sie wehmütig lächelnd. „Ich dachte es schon damals, als du in den holländischen Feldzug gingst. Und einmal muß es ja sein! Es ist ja auch besser so. Ich sehe es ein – ich bin dir im Wege und muß fort. Ich beklage mich nicht. Du warst immer gut, immer lieb zu mir. Du kannst wohl aber nicht aus deiner Haut heraus. Dein Beruf muß dir ja über alles gehen, und mir kommt es zu, ihn nach Kräften zu fördern. Ich gehe also [pg 51]hinüber zu den Kindern! Es muß auch nach ihnen geschaut werden! Sie rufen mich schon oft, viel lauter als die Lebendigen. Bleib du denen ein guter Vater. Und hab’ Dank für alles. Es war schön mit dir. Und wenn ich nochmals mein Leben anfangen könnte, ich würde dich wieder nehmen!“
Er schloß sie in seine Arme und küßte sie. Seine Tränen mischten sich mit den ihren.
Dann riß er sich los, eilte hinaus, stieg in den Sattel und zog an der Spitze seines Regiments sang- und klanglos zur Stadt hinaus.
„Wenn i kumm, wenn i kumm, wenn i wiederum kumm – –“ summte er dabei leise das alte Lied.
Als er aber wiederum kam – da war die Hochzeit gewesen. Ein anderer Freier, der nirgends ungehört anzuklopfen pflegt, hatte ihr das Brautbett gerüstet und sein Liebstes in kühler Erde zur letzten Ruhe gebettet.
Die Kinder kamen zu den Großeltern, und nichts war mehr da, was ihn fesselte.
Der junge Adler war aus dem Nest heraus und hob seine Schwingen zum Flug.
6
Der Solofänger Nummer Eins
Inhaltsverzeichnis
Der Sachse Häberlein von der Schwadron des Majors von Planitzer nahm im ganzen Regiment der roten Husaren so etwas wie die Stellung eines Orakels ein.
Er konnte lesen wie ein Schriftgelehrter, er schrieb und rechnete wie der geriebenste Kriegskommissar und gehörte auch nicht zu jenen Zaghaften, die ihr Licht unter den Scheffel stellen!
Der Strom seiner Rede war wie ein brausender Wasserfall, seine Gier nach Neuigkeiten hörte nimmer auf – mit allem, was sich auf Erden zutrug oder zutragen konnte, [pg 52]wußte er besser Bescheid als ein Bataillon von Klatschbasen. Wo das Regiment auch biwakierte, spürte er sofort das Platzorakel oder wenigstens eine Zeitung auf und war sofort über die politische Konstellation des Tages unterrichtet. Hätte er die Fäden der hohen Diplomatie in Händen gehabt, Europa hätte anders ausgesehen, und das Königreich Sachsen erst recht.
Nun hatte er leider Gottes nur die Gesamtdiplomatie seiner Schwadron zu führen, und er tat es mit einer Geduld und einem Opfersinn, der nur von seiner unersättlichen Neugier übertroffen werden konnte. Zu dieser Geheimdiplomatie gehörte vor allem die heikle Aufgabe, den des Schreibens Unkundigen – und sie waren in der Mehrzahl – die Briefschaften ihrer Familienangehörigen zu entziffern und sie, gegen ein geringes Entgelt für Tinte und Papier, nach den Wünschen der von solchem Ereignis Betroffenen zu beantworten.
Insbesondere profitierte von diesen seinen unschätzbaren Eigenschaften sein Nebenmann rechts, der Wasserpole Gajewsky, der in jedem Nest, wo die Schwadron durchkam, eine Braut sitzen hatte, die auf das hehre Eheglück polnisches mit ihm wartete und entsprechend vertröstet werden mußte. Ohne Dolmetscher war aber auch er außerstande, diesen Trost zu spenden. Denn er war aus edelstem Schlachtschitzenblut, hatte Ahnen bis ins Blaue hinein und entstammte einem uralten polnischen Hause, das einst, in den Tagen des Glanzes, über Tausende von Seelen geherrscht hatte, jetzt aber kaum noch der eigenen Seele Herr war. Denn dessen Mitglieder, über sotane Künste erhaben, ließen sich nimmermehr herab, sich mit Lesen oder Schreiben oder irgendeiner Art von Buchgelehrsamkeit abzugeben – was ja in besseren Häusern stets zu den dienstlichen Obliegenheiten eines Beichtvaters zu gehören pflegte.
Als Edelmann hatte er ja alle Hände voll zu tun, die Herzen zu brechen; am Spieltische wurde nicht gerechnet; war die Tasche leer – und sie war es meistens –, so hatte er die glänzendsten Revenuen aus den im Monde ge[pg 53]legenen Stammgütern zu erwarten, pumpte darauflos, solange sich gläubige Seelen fanden, leerte den Becher, solange der Wein floß, ließ die Würfel rasseln, küßte die schönen polnischen Weiber und was ihm da noch von anderen Rassen mit unterlief, und balgte sich nach Herzenslust mit den Nebenbuhlern herum.
Heute zwirbelte er melancholisch seinen blonden Schnurrbart und hörte kaum auf das, was der brave Sachse ihm vorschwefelte. Man hatte ihn gewaltsam aus den Armen der Liebe gerissen, die im letzten Kantonnement besonders weich und wohlig gewesen waren – hatte ihn in Marsch gesetzt, mit der gesamten Schwadron hierher in den Hinterhalt gelegt, wo sie in aller Herrgottsfrühe aufmarschieren und immer noch auf Befehl zur Attacke warten mußten.
Noch brannte der letzte Kuß auf seinen Lippen, die nicht einmal Zeit gehabt hatten, mit dem üblichen Schwur ewiger Treue im Augenblick der Trennung zu quittieren.
„Is sich nichts als purer Niddertracht, Panje Blücherr seiniges“, knurrte er verdrießlich. „Ruft sich aus Quarrthier der Hund, ech sich hat der Hahn gegackert!“
„Is ä Sauerei, der kanze Griech!“ pflichtete der Sachse bei.
„Denk ich: Mordio, will sich gebben Monsieur Ohnehos Rendezvous zeitiges cheute! Werrd ich lerrnen ihm fallen Husar polnisches unter Küsse seinige! Hat sich gerufen: pascholl! In die Sattel! Tatarata! Und dann Nitschewo! Ahles nix! Nix Feind! Nix dreinhauen! Nix Küsse! Betrug hundsgemeines!“
„Eja, freilich!“ krähte der Sachse. „Nichts als ä unnütze Lauferei, der kanze Griech! Mir siechen und siechen und siechen! Mir nähmen dem Franzosen Ganohnen, Kefangene, Pakasche, – alles! Mir hauen ihm in die Pfanne! Gaum aber looft er, da loofen mir egal ooch! Aber nich hinterher, nee, zurücke loofen mir und gucken in den Rhein, wie sein Wasser ooch davonlooft, und freien uns dann gechenseitig, – der Vater Rhein und mir! Wie mir aber mit der Medode nach Baris gommen dhun, wees der Gugguk!“
[pg 54]
„Bischt ebens a Subalterner!“ fiel ihm sein Nebenmann, der wortkarge Schlesier Landeck, in die Rede. „Host nischts zu wissen! Maul holten, dreinhauen, ist oalles, woas du nötig host!“
„Dreinhauen, jawohl! Aber ’s Maul halten, nee, nu äben nich! Und morgen ooch nich! Duht’s unser Pliecher etwa? Hält der ’s Maul? Reißt er’s nicht uff wie ’n Nilpferd, verdonnert die schockschwerenotverdammten Österreicher, die uns egal immer unsere Fikdorien versauen, daß es eine Schande ist?! Pakasche! Schweinebande, hundsmiserable! Egal räumen sie irgendwo eine Lienje, und mir müssen mit! Gaum hamm mir uns irgendwo recht scheene einkerichtet, da müssen mir wieder raus!“
Der Schlesier tat wieder sein Maul auf.
„Host auf die Österreicher nich zu schimpfe! Bischt aus Sachsen; schimpf auf die Preußen, bei dena du dienscht!“
„Die Preußen, eja, freilich! Die gennen mir ooch was! Da hätten mir ooch die Nase dicke voll von!“
„Is sich blasiert derr Preuß!“ warf der Pole ein und zwirbelte seinen Schnurbart hoch. „Frißt sich zu vill – liebbt sich zu wennig! Wird sich faul und dumm!“
„Und pequem!“ eifert der Sachse. „Guck ä mal bloß die meerschten von den Offiziers an! Ih, du Kieticher, ist das een Fuhrwerken, eh so ’n oller dicker Major in den Sattel gommt! Und sitzt er endlich mal drinne, dann schreits: ‚Mei Güchenwaachen!‘ und das ist nun allemal das erschte. ‚Wo ist mein Güchenwaachen, Ginner? Wo steckt er bloß? Gönnt ihr ihn nicht sähn?‘ Da muß unserm Pliecher so ’ne Arche Noah von einem Güchenwaachen bloß in die Quere gommen! Der versteht’s! ‚Ausspannen! In den Graben werfen! Pferde vor die Ganohnen!‘ Der schafft’s! Mordselement!“
„Ja, der hot’s! Aso a Teiwelskerl is dos!“ stimmte der Schlesier bei.
„Heut fiel er wieder vom Färd!“ flüsterte der Sachse. „Baßt ä mal uff, Ginner, des giebt wieder eene Sache! Wenn der vom Färd fällt und wieder hochgommt, da setzt’s [pg 55]allemal Schläge für den Feind und Fikdoria für uns! So ist’s immer kewäsen, da gönnt ihr Kift druff nähmen, und des stimmt, als wie zwee mal zwee is finfe!“
Der Pole machte runde Augen.
„Fill sich vom Ferrd, der Panje Blüchherr, saggst du?“
„Kopfieper runterkesaust!“
„Habb ich nicht gesehhen!“
„Siehst äben bloß, wo die Weibsbilder fallen!“
Der Pole lächelte martialisch.
„Hatt sich gebrochen Genick seiniges, der Panje Blüchherr?“ fragte er.
„Wo wird er wohl?!“
„Nu, wo werrd ich denn sehhen? Weiß ich doch: hat sich ein Schweineglück, der Panje Obberst!“
„Ein Schweineglück“, wiederholte der Sachse. „Hättest ihn sähn sollen, wie sein Färd rücklings in den Kraben trat! Wie ’ne Stahlfeder schnellte er aus dem Sattel auf den Weech rauf! Wie ’ne Gerze stand er vor der Front ohne eene eenzige Schramme – wo er doch von Rechts wegen mit gaputte Gnochen unterm Färd liegen mußte!“
„Er is gefeit“, sagte der Schlesier kurz und bündig. „Oof ihn beeßt kee Stich, kee Hieb. Die Kugeln biegen vor ihm aus. Und wenn a fällt, fällt a imma hinoof. Fällt a as Oberscht, kommt a as General hoch! Fällt a as General, kommt a as Feldmarschall wieder in den Sattel!“
„Nu äben!“ lachte Häberlein. „Warum nicht ooch? Wenn der Schläsier sein Maul uffdhut, da nimmt er’s allemal dicke voll!“
Der Schlesier sagte nichts. Er saß nur da, wieder wie eine Statue, ohne eine Miene zu verziehen, und blickte geradeaus.
„Unheimliches Kerl!“ dachte der Pole fröstelnd. Denn es war noch früh im Mai und das Gruseln leicht.
Bum, schossen drüben die Franzosen. Bum, Bum!
Ihr Feuer lag links auf Neustadt zu, wo die Hauptmasse der Blücherschen Truppen jetzt herauskam und auch zu kanonieren anfing. Aber eine Kugel fand auch den Weg nach [pg 56]rechts, über den Wald, wo die Planitzer lagen, warf Steine und Sand über die Reiter und dem Sachsen ins Maul, da er’s eben auftat. Er aber geschwind die Bescherung ausgespuckt. Und hinterher brauste seiner Rede Strom mit doppelter Gewalt.
„Nu saacht ä mal bloß: Was hat wohl der Alte mit uns vor? Mir stampfen hier egal uff eenem Fleck und lassen uns mit Dreck schmeißen! Warum nähmen mir nich dem Kroppzeug drüben die Ganohnen wech? Die schiessen ja wie die Schweine! Am Ende treffen die ooch noch! Und dann ade reiten! Een, zwee!“ fing er an, die Schüsse zu zählen. „Des reene Salutschießen! Akrat wie in Billnitz, wo wir mit den Rekruten durchkamen und die Maschestäden ooch da waren! Eja, des war scheen! Der Geenich von Sachsen, der Geenich von Preißen und der Gaiser Leopold ooch noch, Gott hab ihn sälig! Und hinter ihnen her der ganze Schwanz von hohen Herren und Gonfusionsräden! Die machten nu fix een Gollech um den grünen Disch rum, zogen die Schlafmützen feste ieper die Ohren runter und taten damit dicke, wie sie den lieben Gott wieder in Frankreich einsetzen wollten und den Geenich Lurwich ooch! – Und des war nu nichts als wie ’n Schpadziergang, und des hamm sie nun verbrieft und besiegelt und begossen und waren noch lange nicht mit der Beschärung fertig – da hat der Franzos die Frechheit und erklärt uns den Griech und haut seinem Lurwig den Döskopp ab und ist ieper die Krenze, ehe die Gonfusionsräde wach wurden! Nich ä mal ä Griechserklärung hamm sie fertig gebracht – nicht mal im Traum! Die gennen nu die Franzosen wieder alleen rausschmeißen – die Gonfusionsräde! Mir dhuns nimmer mehr, wenn mir so weiter siechen!“
„Is sich ein Schweinewirtschaft hundsmiserables!“ stimmte der Pole bei.
„Mir Roten sind schon parat – daran fehlt’s nicht! Da ist schon unser Oberst hinterher wie der Deibel! Bei den Hufschmieden, in den Gammern, auf den Futterböden – ieperall hat er hineingerochen! Mundierung und Sattelzeug, Pul[pg 57]ver und Blei – nach allem hat er gesähn, und daß die Glingen scharf geschliffen sind, war ihm allemal die Hauptsache! Mir sind parat! Aber die anderen! Die Räde und – nun, ich will nichts gesagt haben – der Geenich ist ja een kuter Mann – een seelenkuter Herr! Wo er aber zu schpät Geenich wurde – nachher steht ooch alles andere im Lande zu schpät auf! Beim Gaiser Leopold ooch! Na, nu ist er ja tot, und dakechen ist nichts zu sagen! Aber sein Läben lang dachte der nicht daran, Gaiser zu werden – der steckte dicke drinne im fetten toskanschen Getreidegeschäft und war een kuter Mann! Da stirbt der Bruder, und er muß auf den Thron! Na, nu ist er das Älend ooch los, und sein Sohn kann seine Leute mit Mehlspeis und Backhändl füttern, bis ihnen die Bäuche platzen! Hättest drüben bei den Österreichern bleiben sollen, Schläsier, wo du schon warst!“
„Mei Atzung find’ ich ieberall!“ entgegnete der Schlesier.
„Nun wenn schon – warum suchst du sie denn gerade hier bei den Preißen, bei den Hungerleidern?“
„Was suchen die Sachsen und die Polen dahier? Am Ende wollte ich nur sehen, wie mir der rote Dolman sitzt, wo ich doch dahier im selbichen Rechiment schonn den schwarzen trug!“
„Nun schlag einer lang hin! Wo mir schwarz waren, bist du ooch mit kewäsen?“
Der Schlesier saß da wieder wie in Erz gegossen und antwortete nicht!
Bum! schossen die Franzosen vor Kirrweiler. Bum! sekundierte eine andere Kolonne, die mehr rechts, durch Edenkoben herauszukommen begann. Die Kugeln kamen jetzt von rechts und von links. Die Leute wurden unruhig, die Pferde tanzten hin und her.
„Is sich ein verdammtes Schissen!“ knurrte der Pole. „Wär’ ich Obberst, hätt’ ich gebben längst Siggnall!“
„Ihr Polen habt’s immer eilig mit dem Überlaufen!“ sagte der Sachse anzüglich. „Ihr liebt den Franzmann! Wenn ihr mit ihm Hiebe tauscht, denkt man, es sind Gomplimente!“
[pg 58]
Der Pole wollte antworten. Da bliesen endlich die Trompeten zur Attacke, die Roten sausten aus ihrem Hinterhalt heraus und begriffen jetzt, warum ihr Oberst sie so lange hatte warten lassen.
In die Flanke der Kolonne, die über Kirrweiler vorgedrungen war, ging es mit schwindelnder Fahrt. Hier riß eine Kanonenkugel eine breite Bahn durch die vorstürmende Masse – dort sank mancher Reiter, von einer wohlgezielten Flintenkugel getroffen, aus dem Sattel. Aber die Lücken klafften nur einen Augenblick, dann schlossen sich die Glieder, vorwärts fliegend, und die Roten waren drüben und droschen mit ihren Säbeln auf die Köpfe der „Ohnehosen“, daß es nur so eine Art hatte.
Der Schlesier, der Sachse und der Pole wetteiferten mit den anderen im blutigen Handwerk und hieben und stachen und bekamen manche Schramme ab. Es war ein Gewühl, ein Gedränge, ein Stampfen, ein Wiehern, ein Röcheln der Sterbenden, ein Fluchen und Schreien, ein Schmettern der Trompeten. Lange währte es nicht, da war der Widerstand gebrochen, die Kanonen genommen, die Franzosen in voller Flucht und die Roten hinterher – wie die Apokalyptischen Reiter, Tod und Verderben in die Reihen der Fliehenden säend.
Durch das Dorf Kirrweiler ging es auf Frischlingen zu, wohin alles in voller Auflösung floh. Die wilde Jagd folgte – allen voran Blücher selbst, alles anfeuernd und vorwärts drängend. Mit ihm noch mehrere Züge brauner Husaren, die jetzt ihren roten Kameraden halfen, den Sieg zu vollenden. Dann sauste Blücher mit ein paar Schwadronen noch rasch nach rechts gegen Edenkoben hin, um der darüber hinaus vorgestoßenen französischen Kolonne in die Flanke zu fallen und auch ihr die Kanonen abzunehmen. Es gelang nach heftigem Kampf mit der feindlichen Infanterie. Die Franzosen wurden auch da in das Dorf zurückgeworfen und in den engen Gassen, wo sich alles staute, kurz und klein gehauen. Das Schlachtfeld war weit und breit mit gefallenen und verwundeten Feinden besät.
[pg 59]
Blücher triumphierte.
Am Morgen, als ihm das Anrücken der Franzosen gemeldet worden war und jene ihre Tirailleursketten ausschwärmen ließen und mit der Kanonade anfingen, da war sein General und Prinz Hohenlohe zu ihm geritten, hatte ihm geraten, sich lieber vor der Übermacht auf Neustadt zurückzuziehen, ihm aber freie Hand gegeben. Blücher, dem der rechte Flankenschutz der preußischen Armee oblag, dachte nicht einen Augenblick daran, zu retirieren, sondern nahm den Kampf mit der Übermacht auf. Und das Glück war ihm hold. Mit Kavallerie allein gewann er einen glänzenden Sieg über ein ganzes Armeekorps, schlug es entscheidend, nahm ihm Kanonen, Munition, Gefangene und Pferde ab, und verbesserte so nicht nur seine eigene Stellung, sondern auch die der ganzen preußischen Armee.
Die Belohnung blieb nicht aus. Nach kurzer Zeit traf seine Beförderung zum Generalmajor ein. Und zugleich wurde er Chef des Roten Husarenregiments, des früheren Bellingschen, in dessen Reihen sein ganzer Aufstieg erfolgt war, und das von nun an nach ihm benannt werden sollte.
Als frischgebackener General nahm er dann seinem Regiment die Parade ab.
In langer Front standen seine Braven, Schwadron an Schwadron – die Pferde mit den Köpfen wie nach der Schnur aneinandergereiht, in steter Bewegung und ungeduldig auf die Trensen beißend, daß der schneeweiße Schaum im Winde flog.
Prächtig leuchteten die roten Dolmans gegen das helle Vorsommergrün. Und als auf Kommando die Säbel aus den Scheiden flogen, um den Chef zu salutieren, züngelte ein tausendfacher Blitz über das Feld. Es war ein prächtiger Anblick, und wohl dazu angetan, das Herz eines rechten Soldaten zu erfreuen.
Dann kam der neue Chef heran in vollem Galopp, schlank wie ein Jüngling, stolz wie ein Sieger. Spielend leicht lenkte er sein Pferd mit gewaltigem Sprung über die das Feld umschließende Hecke und hielt jäh an, gerade [pg 60]vor der Schwadron des Majors von Planitzer, wo auch der gute Sachse Häberlein seinen Kopf noch aufrecht hielt, aber von unzähligen Binden zu einem dicken weißen Knäuel verunstaltet, durch den sein sonst so rühriges Mundwerk zur Untätigkeit verdammt wurde.
Die dunkelblauen Augen Blüchers blitzten vor Freude, als sie die Reihen seiner kriegserprobten Kämpfer überflogen.
„Guten Morgen, Husaren!“ rief er mit weithin schallendem Baß.
„Guten Morgen, Exzellenz!“ kam es aus den Reihen zurück, daß es nur so donnerte.
„Ich freue mich, euch zu sehen!“ setzte er die Rede fort. „Ihr habt euch immer brav gehalten! Ich habe mich auch gefreut, Seiner Majestät melden zu können, daß ihr unter meiner Leitung schon elf Kanonen, sieben Munitionswagen und fünf Fahnen erobert und einen Generalleutnant, hundertsiebenunddreißig Offiziere, dreitausenddreihundertsiebenundzwanzig Mann, elfhundertvierunddreißig Pferde gefangen habt, sowie, daß kein Offizier des Regiments in Gefangenschaft geriet und kein Unteroffizier gefallen ist. Seine Majestät haben daraufhin geruht, mir selber zu schreiben, haben mir den Roten Adler verliehen, mich zum Generalmajor und zum Inhaber des Regiments gemacht, außerdem mich beauftragt, euch seine Allerhöchste Zufriedenheit auszusprechen. Eurer Tapferkeit und eurem unwiderstehlichen Mut verdanke ich diese Ehrungen, die euch allen in meiner Person zuteil werden.
Kinder, ihr habt euch einen guten Namen gemacht! In der ganzen Armee achtet man die Roten Husaren, und der Feind fürchtet sie! Ich bin stolz auf euch und freue mich, daß das Regiment von jetzt ab meinen Namen führen soll! Das eine merkt euch aber: ein Blücherscher Husar stirbt, aber er kapituliert nicht! Seine Parole ist: immer vorwärts und nimmer zurück! Sein höchster Stolz: Blut und Leben für König und Vaterland opfern zu dürfen! So wollen wir’s halten, und das geloben wir, indem wir [pg 61]rufen: Seine Majestät, unser allergnädigster König und Herr, er lebe hoch!“
Donnernd brausten die Hochrufe über das Feld, die Fahnen senkten sich, die Tambours schlugen den Generalmarsch. Der rangälteste Offizier schickte sich eben an, im Namen des Regiments zu danken und Glück zu wünschen. – Da löste sich aus dem ersten Gliede der Schwadron von Planitzer eine Gestalt und kam langsam und feierlich auf den General zugeritten. Er scherte sich nicht das geringste um das Entsetzen der Offiziere und Mannschaften, schreckte auch nicht vor dem zornigen Blick zurück, der ihm aus den Augen Blüchers entgegenblitzte, er zuckte mit keiner Miene, ritt bis dicht vor den General heran, salutierte mit dem Säbel und sprach ohne das geringste Zittern in seiner Stimme: „Holten zu Gnaden, Exzellenz, wenn ich vorwitzig bin und mich vor Dero Antlitz dervorwage! Wo aber Dero Exzellenz heut eene geworden sind, und ich an de Sache nich aso ganz unschuldich bin, mecht ich alleruntertänichst melden, daß ich ooch meine ganz besondere Freide an Dero Erhebung habe!“
„Wieso, mein Sohn? Was meinst du damit? Sprich aus, was du auf dem Herzen hast!“ antwortete Blücher, dessen Augen anfingen, schelmisch zu leuchten. Sonst von unerbittlicher Strenge beim geringsten Verstoß gegen die Disziplin, war er heute gern gesonnen, ein Auge zuzudrücken, wenn keine Böswilligkeit vorläge. Und der Bursche, der einen ernsten, soliden Eindruck machte, hatte wohl einen besonderen Grund zu seiner Dreistigkeit.
„Wieso meinst du, daß du an der Sache nicht unschuldig bist?“ fragte der General nochmals.
„Weil Dero Exzellenz ohne mei Derzwischenkumma nich General geworden wären!“
„Sieh nur! Sieh nur! Du hast denn wohl beim Könige eine Fürbitte für mich getan?“
„Zu Befehl nein, Exzellenz! Ich hob den Keenig aber daderzu derholfen, aus dem Oberschten Blücher oanen General zu mache!“
[pg 62]
„Da soll der Donner dreimal dreinschlagen! Du bist dreist, Bursche!“
„Ich sage nur die Wahrheet: Und die Wahrheet is, daß der Keenig, ohne den Oberschten Blücher zu hoben, ooch nicht hätte aus ihm a General mache kenna!“
„Da hast du recht, mein Sohn! Nun hatte er mich aber –“
„Nun ja, das hatte er! Und das hat er ebens mir zu danke!“
Blücher blickte ihn groß an. Er fing an, zu begreifen.
„Erinnern Dero Exzellenz noch das Gefecht am Kavelpaß? Exzellenz waren dazemal a schwedischer Junker, und ich wie itzt Reiter im Regiment. Den Junker fing ich! Ich hoab’s getan! Und aso bekam der Keenig von Preußen den Mann, den er heute zum General machte und wohl noch heeher steigen lassen wird, so Gott will!“
„So Gott will – das war ein gutes Wort!“ sagte Blücher. „Denn daran liegt’s, und so war’s auch am Kavelpaß, denk’ ich! Er wird’s gewollt haben und nicht du!“ Er rieb sich die Nase. „Dein Name?“ fragte er.
„Landeck!“
„Landsmann?“
„Aus Esterreisch’-Schlasien!“
Blücher betrachtete ihn forschend.
„An dein Gesicht kann ich mich nicht erinnern! Es ist ja auch lange her. Und bei der bewußten Gelegenheit wird mir wohl der Schädel von den vielen Hieben gehörig gebrummt haben! Aber das weiß ich, und darauf kann ich schwören: ein Husar war’s sicher, der mich fing! Und wo du ein Husar bist und wo du behauptest, derjenige zu sein, so bist du’s wohl auch gewesen, dem ich mein Glück zu verdanken habe! Nun erkläre mir aber eins, mein Sohn – denn ein wenig dämmert’s mir doch noch von der Begebenheit –, spricht man noch heute – in Schlesien – so gut Schwäbisch wie damals?“
Der Husar blickte ihn an, ohne zu begreifen.
„Der, der mich fing, mein Sohn, der schwäbelte nämlich [pg 63]ganz gehörig, das habe ich mir gemerkt! Nicht nur sein Säbel, auch sein Schwäbisch schlug mir bös um die Ohren!“
Landeck kratzte sich hinter dem Ohr.
„Exzellenz,“ sagte er dann keck, „ob ich dazemal schwabbelte, ich weeß es nicht mehr! Das aber weeß ich: ooch in Schlasien gab’s dazemal Schwabben die Masse – nich bloßich in Preußen. Und es gibbt se halt noch, und aso leechte wird se halt nich los, wer se hoat!“
Blücher lachte.
„Gut geantwortet, mein Sohn“, sagte er. „Sei’s drum! Du bist mir der Richtige! Du wirst heute mittag einen Löffel Suppe bei mir essen! Und nachher wollen wir miteinander auf den schwedischen Junker anstoßen, den du leben ließest! Den preußischen General können wir dann auch leben lassen! Und nun, mein Herr Solofänger, marsch auf deinen Platz! Und daß du mir nicht noch einmal ohne Befehl aus der Reihe heraus reitest! Sonst brummst du bei Wasser und Brot, und wenn du mich zehnmal gefangen hättest!“
Gesagt – – der Schlesier warf sein Pferd herum und saß im nächsten Augenblick wieder wie vorhin, unbeweglich wie eine Statue und salutierte mit den anderen, daß die Sonnenblitze von den Säbeln nur so übers Feld züngelten, als der neue Chef und Inhaber des Regiments, von seiner Suite gefolgt, die Front abritt.
7
Vulkans Schmiede
Inhaltsverzeichnis
Es war in Emmerich am Rhein.
Der General Blücher hatte, wie gewöhnlich, seinen Abendspaziergang gemacht, um bei seinem vertrauten Freunde, dem Obersten von Pletz, eine Pfeife zu rauchen.
Sie saßen unter der Linde am Pfarrhofe, wo der Oberst in Quartier war, schmauchten ihren Knaster in aller Ruhe und Gemütlichkeit, labten sich dann und wann aus den [pg 64]großen Römern mit Rheinwein, lauschten bisweilen auf das Jauchzen der spielenden Dorfjugend und spannen dabei gemächlich ihre Unterhaltung weiter.
„Dein Glück war’s“, sagte der Oberst schmunzelnd. „Du fingst schon an alt zu werden.“
„Da schlage der Donner drein!“
„Na, nun bist du ja wieder jung – nun sieht man dir wieder die siebzehn Jahre an, trotz der grauen Schläfen. Aber fast wär’s schief gegangen! Warst schon dicht dran, in die verkehrte Tonne zu springen!“
„Ins verkehrte Ehebett, sag’s nur gerade heraus!“
„Nun ja! Viel hat nicht gefehlt, da wäre es so verrückt gekommen! Weißt du noch, wie du brummtest und fluchtest, als du den Korb von deiner reichen Witwe heimtrugst?“
„Halt’s Maul!“
„Nun – der bist du ja glücklich entgangen! Aber geflucht hast du! Und gescheit hast du gesprochen – zum Kotzen gescheit – rein niederträchtig brav – von deinen armen Kindern, denen mit Gewalt eine Mutter besorgt werden müßte, obwohl sie schon erwachsen waren! ‚Opfern‘ wolltest du dich –“
Der Oberst schlug auf den Tisch; er ereiferte sich immer mehr zum Ergötzen Blüchers.
„Man heiratet doch nicht wegen der Kinder, die man schon hat,“ schrie er, „sondern wegen denen, die man erst kriegen will! Man nimmt eine Frau, um selbst von ihr gepäppelt und verhätschelt zu werden, nicht aber damit sie anderer Frauen Kinder bemuttern soll! Man fragt nicht nach dem Geschäft, zum Donnerwetter! Man heiratet entweder gar nicht, oder man heiratet eine, in die man so verliebt ist, daß man es doch tut!“
„Hab’ ich das etwa nicht getan?“ lachte Blücher.
„Das ist es eben!“ rief Pletz zum großen Gaudium seines Gegenübers. „Das ist es gerade! Du hättest verdient, die alte Witwe heimzuführen, und jetzt hast du – ganz unverdienterweise hast du das große Los gezogen!“
[pg 65]
„Trink, alter Brummbär! Nörgler du, hundsgemeiner! Auf die Frauen!“ Blücher erhob sein Glas.
„Auf deine Frau!“ antwortete der Oberst, trank aus und machte die Nagelprobe. „Auf dein unverdientes Glück!“
„Glück wird eben nicht verdient!“ sagte Blücher und stellte sein Glas fort. „Man hat’s oder hat’s nicht, je nachdem ob man es zu packen versteht!“
„Nun ja – das konntest du meistens. Aber sonderbar ist es doch, daß du gerade sie – –“
„Nun ja, es ist sonderbar. Und ich kann auch heute noch nicht begreifen, wie so’n junges Ding, das meine Tochter sein könnte – wie sie mich so in ihre Gewalt bekam, wie sie mich im Handumdrehen umkrempeln und zum ordentlichen Menschen machen konnte!“
„Das wollen wir nicht hoffen! Das liegt dir nun gar nicht. Du bist und bleibst schon derselbe Windhund, als den ich dich immer kannte, und daran hat auch sie nichts ändern können. Aber sie gab ihre Jugend her, und das verjüngt. Das ist der einzige wahre Jugendbrunnen für uns alte Leute. Ich verstehe bloß nicht, wie du dazu kamst!“
„Ich auch nicht. Ich war eben zum Mittagessen in ihrem Vaterhause geladen. Und sie saß mir gegenüber am Tisch. Das war alles! Anfangs sah ich sie nicht und blickte kaum hin. Man hatte vorzügliche Speisen und Weine aufgetragen – ich hatte einen Mordshunger und hieb auf die Schüsseln ein, wie sich’s für einen rechten Husaren gehört. Eben war ich dabei, den Flügel eines Kapauns abzunagen, und genoß es so recht von Herzen, da blickte ich so aus Zufall auf und sah gerade in ein Paar große lachende Augen. Ich sah ein Paar Lippen von feinsten geschwungenen Korallen, um die es schelmisch zuckte, die aber verteufelt ernst wurden, als sie sich von meinen Blicken berührt fühlten. Mir wurde es auf einmal, als wäre ich in der Kirche, als wölbe sich ein himmelhoher gotischer Dom hoch über meinem Haupte – als blicke vom Altar die heilige Mutter Gottes liebreich auf mich Sünder nieder. Ich wurde auf einmal so klein, alles, was mich bisher erfüllt hatte, so nichtig! – Wie ein Verbrecher kam [pg 66]ich mir vor, der, von gieriger Lust getrieben, eben im Begriff war, ihren Altar zu berauben! – Vor bösem Gewissen vergingen mir Hunger und Durst – ich dachte an nichts als nur daran: wie ich alles wieder gutmachen sollte! – Ich betete sie an – nein, ich schwärmte, hol’ mich der Teufel, ich glaube, ich hab’s ihr sogar gleich ins Gesicht gesagt und ihr auf der Stelle einen Antrag gemacht! Was ich gesagt habe – wie ich’s sagte, das wußte ich im nächsten Augenblick nicht mehr, und heute noch weniger. Ich sah nur, wie man ihrer Verlegenheit zu Hilfe zu kommen suchte und sie scherzhaft sofort meine Braut nannte. Aber – wer aus dem Scherz schnell Ernst machte – das war ich. Denn ich war verliebt wie des Küsters Kater. Keine vier Wochen dauerte es, dann war sie mein und die Hochzeit gefeiert!“
„So war’s recht! Gleich die Festung stürmen! Nur keine lange Belagerung!“
„Ja, so hab’ ich’s immer gehalten: Immer gleich losschlagen, und nicht erst lange kalkulieren! Wo würden wir hinkommen, wenn wir immer erst auf Befehle warten sollten von Leuten, die sich’s erst zehnmal überlegen und dann noch nichts wagen! Wo alles auf dem Spiel steht – wo’s das Leben gilt, wo’s darauf ankommt, die Sekunde auszunützen, da – hol’ mich der Deibel – wenn ich da nicht zuschlage! Wenn ich aber die zaghaften Kerls sehe, die den Entschluß für das Ganze zu fassen haben, wie die sich erst ängstlich nach allen Seiten nach Sicherung umgucken und darüber das feste Ziel aus dem Auge verlieren, da wird mir bange um den nächsten Krieg. Die, die vierundneunzig alles so brav vertrödelten, sie sind seitdem nicht jünger geworden! – Und was an Jugend heranwuchs, kam meistens nicht auf den rechten Platz. Auch nicht da ganz oben! Unser junger Herr –“
„Der wird noch gehörig Lehrgeld zahlen müssen!“
„Und wir mit ihm. Es war ein Jammer, daß der zweite Friedrich Wilhelm so früh sterben mußte!“
„Na, du hast ihm ja vieles zu verdanken. Aber der war auch kein Draufgänger –“
[pg 67]
„Sage man, was man will, unter ihm wurde Preußen immerhin verdoppelt. Wir könnten es auch jetzt gut haben, aber dazu gehört vor allem da oben mehr Wagemut, mehr jugendlicher Leichtsinn! Geradeheraus: dazu gehört ein ganz anderer Kerl!“
„Prinz Louis Ferdinand zum Beispiel?“
„Ja, das ist ein Kerl, der hat das rechte Zeug! Ein Held wie wenige, und Glück hat er auch! Wer so wie er die Kugeln verachtet, vor dem biegen sie auch aus. Wenn der nur auf den rechten Platz käme!“
„Das würde dann schon zu spät sein. Leute wie er verludern leicht, wenn sie daneben geraten und sich immer nur ducken müssen!“
„Sage einmal,“ sagte der Oberst und klopfte seine Pfeife am Stiefelabsatz aus, „ist das nicht deine Frau, die dort unten den Weg heraufkommt und dem jungen Offizier an ihrer Seite so schöne Augen macht?“
Blücher fuhr auf und blickte hin.
„Ja, das ist sie, und – alle Wetter!“ – Er schnallte rasch den Säbelgurt um und stülpte die Mütze auf. „Wenn man den Teufel nennt, kommt er schon gerennt. Auf Wiedersehen, Pletz, ich muß eilen! Wir haben hohen Besuch!“
Damit eilte er den Weg hinunter und den Kommenden entgegen.
Ein schöneres Paar als die mädchenhafte, liebreizende junge Frau und den stattlichen, schlanken, übermütigen jungen Offizier an ihrer Seite konnte man kaum sehen. Lachend und scherzend gingen die zwei ihres Weges und waren in ihre Unterhaltung so vertieft, daß sie Blücher erst bemerkten, als er vor ihnen stand.
„Königliche Hoheit hier in Emmerich?“ fragte Blücher salutierend.
„Wie Sie sehen“, antwortete Prinz Louis Ferdinand, denn er war es. „Ich benutze meine freie Zeit, um den Rhein hinunterzureisen, und habe nicht die gute Gelegenheit versäumen wollen, der Generalin Blücher meine Verehrung [pg 68]zu Füßen zu legen. So habe ich auch das Vergnügen, Sie zu sehen, lieber General!“
„Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite!“ antwortete Blücher, gab seiner Frau den Arm und wandte sich wieder zum Prinzen.
„Hoheit reisen doch nicht mutterseelenallein?“
„Leider nicht! Für ein paar Stunden bin ich aber frei. Mein Adjutant ist voraus, um Quartier zu bereiten und für morgen ein Schiff zu besorgen. Er wird mich abends bei Ihnen abholen, solange müssen Sie mich schon behalten.“
„Wenn Hoheit nur vorliebnehmen wollen mit dem, was mein Haus –“
„Machen wir keine Redensarten! Es wird alles gut sein! Übrigens, wenn Sie’s wissen wollen – nur zum Vergnügen reise ich nicht den Rhein entlang. Seitdem wir den dummen Lunéviller Frieden haben und der Kaiser es so schön eingerichtet hat, daß alles drüben, auf der linken Rheinseite, nun Frankreich sein soll, sehe ich mir überall am Fluß die Grenze daraufhin an, wo wir’s am besten anpacken können, wenn wir darangehen, sie wieder nach Westen hin zu verrücken. Denn das kommt früher oder später!“
„Sicher!“ sagte Blücher. „Und hoffentlich recht bald. Denn wir brennen alle darauf.“
„Die drüben im Rheinland auch, nach allem, was ich gesehen habe. Unsere ehemaligen Landsleute sind nicht zufrieden. Sie sind aber zu beneiden.“
„Wieso denn?“
„Statt hundert Herren haben sie jetzt eine Regierung – statt hundert Landesgesetzen eins! Leibeigenschaft, Feudallasten, Kirchenzehnten, Zunft- und Bannrechte sind sie los, Handel, Verkehr und Gewerbe sind frei, die Gedanken auch! Kurz: die ganze neue Zeit, der wir uns so ängstlich verschließen, ist ihnen zuteil geworden.“
„Dafür müssen sie die Republik nach Belieben Rekruten ausheben lassen, und zahlen Steuern bis über den Kirchturm. Dafür müssen sie französisch denken und fühlen und sich ihre deutsche Seele verwelschen lassen!“
[pg 69]
„Das ist eben gut!“
„Der Teufel auch!“
„Denn je mehr sie leiden müssen, je mehr Haß sie gegen die Gewalthaber aufbringen, die ihnen die neue Ordnung aufzwingen, um so eher haben wir sie wieder. Und die neue Ordnung auch. Die haben wir bitter nötig. – Aber leider können wir sie nur von draußen bekommen. Von selbst bringen wir nicht die Entschlußkraft auf, das Alte und Überlebte abzustreifen. Sehen Sie bloß auf die Armee hier und drüben. Was hat aus den lumpigen ‚Ohnehosen‘ im Handumdrehen eine Armee gemacht, von deren Ruhm die ganze Welt widerhallt? Was gab ihnen die Kraft? Sind sie etwa besser als wir? Haben sie die größere Ausdauer, die besseren Knochen oder mehr Mut und Tapferkeit und Todesverachtung?“
„Nein, zum Kuckuck!“ rief Blücher. „Den möchte ich sehen, der das zu behaupten wagt!“
„Ich auch“, sagte der Prinz. „Und doch sind sie uns voran. Weil sie das Söldnertum abgestreift und die allgemeine Wehrpflicht eingeführt haben. Wie sieht’s dagegen bei uns aus? Mannschaften, zum großen Teil aus der Hefe aller Welt aufgelesen, Gauner und lose Leute, die nur mit Gewalt und entehrenden Strafen zusammengehalten werden, immer dem Volk fremd bleiben und ihm feindlich gegenüberstehen müssen! Offiziere, die mehr Unternehmer als Diener des Staates sind – die aus ihren Bataillonen und Regimentern große Einnahmen herauswirtschaften wollen und das nur können, wenn ihre Leute beurlaubt sind und sie ihre Löhnung in die eigene Tasche stecken können. Die brauchen den Frieden wie das liebe Brot! Solchen Kriegern ist der Krieg das größte Unglück. Wir können heilfroh sein, wenn wir keinen ernsthaften Kampf zu bestehen haben werden, ehe diese Zustände mit Stumpf und Stiel ausgerottet sind. Und dazu können wir, Sie und ich, nichts tun, als immer wieder die Stimme erheben – um nicht gehört zu werden. Die Widerstände sind zu groß. Wir haben, wenn nicht die Revolution, so doch zum mindesten ein großes [pg 70]Unglück nötig, um diese Leute und Zustände, die nicht mehr taugen, fortzufegen!“
„Nee, nee!“ rief Blücher eifrig. „Wir brauchen keine Revolution, die alles kaputt macht. Das Gute, was sich bewährt hat, muß bleiben – und viel Gutes steckt in unserer Armee! Das Schlechte muß zum Teufel! Dazu haben wir bloß ein paar richtige Kerls an richtiger Stelle nötig. – Ein paar Donnerkerls am Kommando, mit klaren Augen und derben Fäusten, die zupacken können. Und dann bloß ein bißchen mehr Entschlußkraft da oben! Das Weitere besorgt schon die preußische Armee. Die nimmt’s noch mit jedem auf. Noch hat sie ihren alten Ruhm. Der wiegt mehr, als mancher hier zu Hause denkt – weit mehr als der ganze welsche Kram. Sorgen Hoheit nur dafür, daß wir nicht immer mit Ketten am Fußgelenk marschieren müssen, dann ist auch kein weiterer Grund zur Schwarzseherei. Außer für den Franzmann!“
„Hätte ich die Entscheidung,“ sagte der Prinz, und es blitzte in seinen blauen Augen auf, „dann könnte es schon morgen losgehen. Darüber hatte ich mich übrigens schon mit Frau Gemahlin geeinigt“, fügte er hinzu, sie galant ins Gespräch hineinziehend.
„Du willst doch nicht auch –?“ drohte ihr Blücher scherzhaft.
„Die Frau Generalin ist ganz für die Kriegspartei gewonnen, lieber Blücher. Da hilft Ihnen kein Sträuben!“
„Aber Malchen! Da haben wir am Ende schon den häuslichen Krieg?“
„Hoffentlich!“ lachte der Prinz. „In mir werden Frau Generalin jedenfalls dabei einen stets kampfbereiten Bundesgenossen haben.“
„Sieh nur, sieh nur! Der Bund wäre denn wohl bereits geschlossen?“ fragte ihr Mann.
„Ja, sieh dich nur vor!“ drohte sie. „Alle Tage schneien einem die Märchenprinzen nicht ins Haus!“
„Nun – ich nehme immer den Kampf auf!“ lachte Blücher. „Fahre du auf, was du in Küche und Keller an [pg 71]Munition hast – ein paar Batterien vom besten Rheinwein lassen wir spielen –, wollen sehen, Königliche Hoheit, wer von uns zuerst ins Gras beißt!“
„Topp!“ sagte der Prinz.
Er küßte leicht ihre Hand und empfing als Gegengabe einen dankbaren Blick.
Blücher lächelte. Aber ein schlauer, hinterlistiger Zug zuckte irgendwo hinter dem Schnauzbart, und seine Augen leuchteten hart auf wie beim Jäger, wenn er das Wild gestellt hat und das Gewehr anlegt.
„Hoheit haben sich wohl bei der Rheinfahrt auch die Entschädigungen angesehen, die wir diesseits des Flusses für Preußen herausholen werden, für das, was uns der faule Friede drüben geraubt hat?“ fragte Blücher dann im Weitergehen.
„Das war mit ein Hauptziel meiner Reise“, antwortete der Prinz. „Und nur um das zu verdecken, mache ich noch einen Abstecher ins Holländische hinein. Ich spiele ja am Hofe die Rolle des ungebetenen Mahners, den man nicht gern in der Nähe wissen möchte, wo große Entschlüsse zu fassen sind! Man hat mich gern ziehen sehen! Ich komme aber wieder. Und nachher sitze ich den königlichen Kabinettsräten, wie immer, feste im Nacken! Und mein Vetter, der König, wird auch keine Ruhe vor mir haben! Es steht aber auch viel auf dem Spiel – es gilt, rasch zuzugreifen!“
„Das meine ich auch! Das Bistum Münster ist wohl das wenigste, was wir verlangen können, und dann –“
„Hannover“, sagte der Prinz und senkte die Stimme. „Die Frucht ist längst reif. Wenn ich nur zu befehlen hätte! Aber es sieht wieder aus, als würde die gute Gelegenheit verpaßt werden, wie schon sooft bei uns.“
„Ein Wort nur,“ rief Blücher, „und ich nehm’s! Ich laure ja nur darauf! Hannover müssen wir haben. Die Engländer können’s nicht halten, und nehmen wir’s nicht, so nehmen’s die Franzosen. Und die können wir nicht ein paar Tagemärsche von Berlin gebrauchen!“
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„Nein, das können wir nicht!“ rief der Prinz. „Wenn Sie und ich und noch ein paar solche Leute, die das und vieles andere einsehen, auch freie Hand hätten, dann wäre es im Handumdrehen besorgt! Aber bei uns geht alles nach der Schablone! Was alt und verknöchert ist, sitzt oben und gebietet, nur weil es von alters her Tradition war. Und Jugend und Wagemut müssen die Zähne zusammenbeißen und tatenlos beiseitestehen. Herrgottsakrament!“ platzte er mit einem Soldateneid heraus, ohne an die Anwesenheit der jungen Frau zu denken. „Ich liebe die Franzosen nicht. Aber auf die Kerls bin ich doch neidisch! Es war ja scheußlich, wie sie in den acht Jahren der Revolution das Oberste zu unterst kehrten, wieviel Wertvolles und Unersetzliches sie in Trümmer schlugen und im Sumpf und Blut erstickten. Aber das hat manche tüchtige Kraft zum Wohl der Gesamtheit auf den rechten Platz im Staate gestellt! Denken Sie nur an den Advokatensohn von Korsika, der heute als Erster Konsul gebietet. Was hat er nicht in den paar Jahren geleistet, seit wir zum erstenmal den Namen Bonaparte hörten! Glauben Sie aber nicht, wir, Blücher, Sie und ich, hätten das Zeug zu gleich Großem, hätten wir nur die Gelegenheit?“
„Die Gelegenheit ist da, zum Greifen nahe! Sie war immer da! Nur wagt man nicht, sie auszunützen! Man verwehrt uns das Losschlagen! Hier stehe ich schon, Gott weiß wie lange, auf demselben Fleck in Emmerich auf Vorposten und fluche und schmöke meinen Knaster und blicke über den Rhein, ob nicht der Franzmann mir bald den Gefallen tun wird, in Schußweite zu kommen! Statt übers Wasser zu setzen, in Frankreich hineinzumarschieren, den Parisern bon jour zu sagen und dem Herrn Bonaparte zu zeigen, daß Preußen noch auf der Welt ist! Der hätte dann anderes zu tun gehabt, als über die Alpen zu kraxeln und sich bei Marengo billige österreichische Lorbeeren zu kaufen! Dafür hätte ich gesorgt! Das kommt aber noch, und das ist meine feste Überzeugung!“
Der Prinz antwortete nicht. Sie waren jetzt vor dem in [pg 73]einem Garten gelegenen Wohnhause des Generals angekommen.
Der hohe Gast wurde durchs Haus geführt, alle Räume wurden ihm gezeigt – auch die Wohnräume der jungen Frau. Denn in einer Zeit, wo das schöne Geschlecht noch im Bett zu empfangen pflegte, weil es die Sitte so gebot, war ihr Allerheiligstes ein Raum, auf den jeder Gast, der nicht unwillkommen erscheinen wollte, ein Anrecht hatte. Und der Prinz ließ es sich auch nicht nehmen, ihrem wohlverhängten Bett seine Huldigung darzubringen.
Die junge Frau am Arm, wanderte er so, von dem vorangehenden Hausherrn geleitet, leicht plaudernd, von Raum zu Raum. Im Zimmer des Generals bewunderte er mit Kennerblicken dessen reichhaltige Waffensammlung, ließ es zu, daß Blücher, bei Vorzeigung seiner Schätze, seine unvermeidliche kurze Pfeife ansteckte, scherzte nur über den Qualm, den er produzierte, und meinte, es käme ihm vor, als ob er in Vulkans Schmiede zu Gast wäre, um im Rauch und Qualm der unterirdischen Gewölbe Waffen, Rüstungen und andere kostbare Erzeugnisse seiner kunstfertigen Hand zu bewundern!
„Um so eher,“ sagte er, galant der jungen Frau die Hand küssend, „da es mir wie dem Kriegsgotte Mars ergeht, als er in der gleichen Lage war.“
„Wie denn?“ fragte die Generalin lächelnd.
„Ihm schwanden auf einmal die soeben angestaunten Schätze. Das Gold verlor seinen Glanz, die Edelsteine erloschen, die Blitze der blanken Waffen trafen nicht mehr, sondern verpufften ihre Funken umsonst!– Alles verblaßte, denn aus dem innersten Gewölbe trat ihm Vulkans hehrster Schatz entgegen: die Göttin Venus selbst, lebendigen Leibes – und er war geblendet.“
„Aber – wie’s scheint – doch nicht stumm!“ lachte Blücher und ließ sich’s gefallen, daß sein Malchen, ihre Verlegenheit durch einen plötzlichen Hustenanfall verbergend, ihm die Pfeife aus dem Munde riß.
„Pfui, du verqualmst uns ja das ganze Haus! Kommen [pg 74]Sie, Hoheit – gehen wir aus diesem Raum hinaus, wo er allein zu gebieten hat! – Ich führe Sie in mein Reich!“
Und sie zog ihn mit. Blücher folgte. Und der Prinz, jetzt schon wie zu Hause, forderte sie, draußen im Salon, auf, gleich den Tanzboden mit ihm zu probieren.
Freudig willigte sie ein und ließ sich von ihm die neueste Tour der Gavotte zeigen, die man jetzt am Hofe der Königin Luise so gern zu tanzen pflegte, damit sie nicht unwissend sei, wenn sie einmal zu Hofe käme!
Die Tour wurde durchgenommen – der Prinz sang die Melodie dazu. Und Blücher, der auch ein gewaltiger Tänzer war, wurde gleich Feuer und Flamme, revanchierte sich sofort mit einem polnischen Tanz, den er beim letzten Feldzug in Polen gelernt hatte, komplimentierte den Prinzen ans Spinett, trällerte ihm selbst die Melodie vor, bis er sie spielen konnte, und tanzte ihm dann mit seiner Frau einen feurigen Krakowiak vor, daß die Dielen dröhnten und die junge Frau nur so durch die Luft schwirrte. Im Tanzen stand er noch seinen Mann.
Als der Prinz aber in voller Begeisterung ein wahres Feuerwerk von Komplimenten über die junge Frau losließ, machte Blücher dem rasch ein Ende, schickte sie fort, um nach den Anordnungen für die Mahlzeit zu sehen, und führte seinen Gast solange durch den Garten.
„Zur Abkühlung!“ wie er nicht ohne einen Nebengeschmack von Ironie sagte.
Statt der schönen Frau mußte der gute Prinz also die Pferde des Generals bewundern, die aber auch erstklassig waren und es gleichfalls verdienten, vor einer Königlichen Hoheit Gnade zu finden. Blücher versäumte es nicht, dabei in den Sattel zu steigen, um ihre Vorzüge recht anschaulich zu machen, aber auch um zu zeigen, wie gut sie, trotz ihrer Wildheit, ihm doch parierten, wenn auch sie, wie er nicht ohne Ironie beifügte, bisweilen mannstolle Sprünge versuchten.
Dann ging’s durch den Garten, an den Fernblick über den Rhein, und zuletzt um das Haus herum, wobei der Prinz [pg 75]sich genau nach allem erkundigte und besonders von dem Efeu entzückt schien, dessen armdicke Stämme sich an der Wand emporschlängelten, um mit dunklem Grün die Fenster zu umrahmen. Er zeigte hinauf nach dem Fenster der jungen Frau – denn wo das war, hatte er gleich heraus – und fragte leicht, den Efeu mit der Hand prüfend umfassend: „Daran klettern Sie wohl manchmal hinauf, Blücher, wenn Sie’s eilig haben?“
„Das wohl nicht, Hoheit“, lachte der General. „Denn ich pflege nicht den Schlüssel zu vergessen, wenn ich abends aus bin. Aber – zu machen wäre es wohl!“
Und gewandt wie ein Jüngling, packte der hohe Fünfziger den Stamm des Efeus und kletterte halbwegs hinauf.
Da kam die junge Frau eben auf die Treppe heraus, um zu sagen, daß alles zum Essen bereit sei, sah die lange Gestalt ihres Herrn und Gebieters zwischen Himmel und Erde schweben und schrie leicht auf.
„Hat keine Gefahr, Malchen,“ rief Blücher herunter, „mach’ man ja kein Geschrei!“
„Ihr Herr Gemahl ist ein liebenswürdiger Hausherr!“ lachte der Prinz. „Er zeigt seinen Gästen den nächsten Weg ins Allerheiligste!“
„Ich zeige höchstens – wie sie herunterkommen, wenn sie den Kletterversuch unternehmen!“ bekam er zur Antwort, und Blücher sauste herunter und zeigte dann lachend seinem Gast den Weg in den Speisesaal.
Man nahm um den runden Tisch am offenen Fenster Platz, durch das man über den Rhein hinausblicken konnte, ließ sich die Gerichte der Frau Gemahlin gut schmecken, begoß sie mit goldigem Rebensaft aus den Kellern des Generals und war bald froh und guter Dinge.
Der General trank seinem hohen Gast zu und vergaß auch nicht, ihm einen Trinkspruch zu widmen, da er ja gern und ausgiebig zu reden pflegte und man das also wohl von ihm erwarten mochte.
„Hoheit gestatten?“ sagte er, seinen Römer ergreifend.
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„Ich erhebe mein Glas auf den alten, guten, preußischen Offensivgeist, dessen glanzvollster jugendlicher Vertreter uns die Ehre antut, heute unser Gast zu sein. Selten habe ich jenen Geist des Drauflosgehens mit solcher Lust walten sehen, wie eines schönen Julitages vor sechs Jahren – bei Edesheim war es –, Hoheit wissen noch! Und selten wurde ich trotzdem so enttäuscht wie nach jenem Vorfall!
Meine braven Leute hatten sich den ganzen Tag wacker geschlagen und in den Weinbergen einem an Menschen und Artillerie vielfach überlegenen Feind standgehalten. Sie fingen schon an, müde und marode zu werden, und ich mußte schon zweifeln, ob sie bis zur Dunkelheit noch aushalten würden. Da kam soutien! Ein paar frische Bataillone Infanterie, an ihrer Spitze ein junger Offizier, mit dem ich sofort einig wurde, dem Feind gleich auf die Pelle zu rücken. Entschluß und Tat waren bei ihm eins. Kaum gesprochen, war er sofort vom Pferd herunter und stürmte allein voran auf den Feind los, der sich schon Sieger glaubte. Es war eine Augenweide zu sehen. Und meine Roten säumten auch nicht, einzugreifen, den Erfolg auszunützen und alles zusammenzuhauen, was da kreuchte und fleuchte.
Da – kaum daß wir gesiegt hatten – kam der Befehl, zurückzugehen, alles war umsonst gewesen! Denn anderswo lief nicht derselbe Feuergeist an der Spitze! Da hatten sich die Österreicher abdrängen lassen, und da half uns kein Fluchen. Heute aber, wo jener junge Held mein Gast ist, heute möchte ich mit ihm mein Glas darauf leeren, daß der Offensivgeist und die Entschlußfreudigkeit, die uns beide damals beseelten, immer mehr maßgebend werden und nimmermehr in so schmachvolle Abhängigkeit kommen mögen!“
Sie stießen an und tranken. Der Prinz dankte, schlug aber ab, für seine Person irgendeine Ehrung zu empfangen. Die gebühre der Vertreterin des schönen Geschlechts. Er brachte dann auch a tempo einen Trinkspruch auf sie aus, so glutvoll und stürmisch, daß ihr das Blut in die Schläfen trat, und ihr Mann, um abzulenken, wieder das Wort nahm.
„Es ist ja zu verstehen,“ sagte er, ruhig lächelnd, „daß [pg 77]ein junger Mann in seiner Huldigung der holden Weiblichkeit sich in Lobsprüchen ihrer körperlichen und geistigen Vorzüge ergehen und den ganzen Wortschatz der Galanterie aufbieten muß, um ihres Liebreizes Herr zu werden. Es gibt aber Augenblicke, wo die Huldigung vor einer Frau keine Worte findet – wo sie uns, durch ihr bloßes Dasein, derartig in den Staub vor ihrer Hoheit zwingt, daß wir verstummen müssen. Wer einmal sein eigenes Kind an der Brust der Mutter sah – wer erblicken durfte, wie es gesättigt, still daliegt, ihre Brust mit seiner kleinen Hand sanft streichelt und sie dankbar anlächelt, mit einem Blick voll tiefster Verehrung –, wer einmal diese Weihe empfinden durfte –“
„Der scheint doch auch Worte dafür zu finden“, sagte der Prinz rasch, dem General ins Wort fallend. Denn er wußte, daß dessen jetzige Ehe kinderlos war, und sah einen Schatten über das Gesicht der jungen Frau huschen.
Ein dankbarer Blick aus ihren Augen lohnte es ihm.
Der General sah es und verstand wohl, wie sehr er sich in Nachteil gesetzt hatte. Er ließ sich aber nichts merken, schenkte die Gläser voll, trank seinem Gast zu, und so allmählich fing man wieder an, alles rosenrot zu sehen, vergaß alle wirklichen und eingebildeten Sorgen, lachte, scherzte und freute sich wie ein Kind über jede Kleinigkeit. Und als die Sonne schon im Westen sank und man sich anschickte, auf die Terrasse zu gehen, um sie hinter den Hügeln drüben verschwinden zu sehen, da war’s dem Prinzen so gegangen, wie seinem Gastgeber selbst bei dem denkwürdigen Essen im Hause seiner nachmaligen Schwiegereltern – er hatte zu tief in die großen Augen der jungen Frau geblickt. Ihr Lächeln hatte es auch ihm schon angetan. Und – als die letzten Strahlen der Sonne die leichten Abendwolken zu vergolden anfingen und den Himmel in Brand setzten, da loderte sein leicht entzündbares Herz schon lichterloh. Er wurde blind und taub, sah nicht die finsteren Blicke seines Gastgebers, hörte nicht den verhaltenen Unmut, der, trotz allen schuldigen Respekts, in seiner Stimme zitterte.
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Er flüsterte ihr zärtliche Worte zu, verliebte Blicke flogen hin und her. – Denn die Märchenprinzen waren nicht allzu häufige Gäste, und die gute Erziehung gebietet Höflichkeit! Komplimente aus hohem Munde werden also selten anders als mit dankbarer Rührung empfangen.
Kurz, der Prinz war auf dem besten Wege, seine kurz vorher so beredt dargelegte Absicht auch praktisch zu bestätigen, daß er’s schon verstehen würde eine Gelegenheit auszunützen – sobald er sie hätte!
Schließlich merkte die junge Frau an den Blicken ihres Mannes, daß sie das Spiel zu weit hatte gehen lassen.
Schnell suchte sie der Unterhaltung eine andere Richtung zu geben und erbat sich vom Prinzen die Gnade, sich an seiner weit und breit gerühmten Fertigkeit im Klavierspiel ergötzen zu dürfen.
Der Prinz, dem die Lebenslust schon weit erlesenere Freuden vorgaukelte, sagte leicht seufzend zu, und man ging in den Salon. Er setzte sich ans Spinett und ließ sein Ungestüm über die Saiten dahinbrausen.
Die Spannung legte sich. Die fiebernde Unruhe wich aus den Gemütern. Langsam sanken die Menschenkinder aus den rosenroten Wolken, in denen sie soeben hoch über allem Erdgebundenen geweilt hatten, zurück zur Alltagserde.
Der Prinz merkte es. Die Gelegenheit war nahe daran, ihm aus den Händen zu schlüpfen. Das durfte nicht sein. Er schloß mitten im Stück, sprang auf und setzte sich der Generalin zu Füßen.
„Hier ist der einzige Platz, von dem aus man Ihnen Ritterdienste widmen darf!“ sagte er feurig. „Ihnen zu Füßen, Ihnen zu Ehren, Ihnen zuliebe singen und dichten, um aus Ihrer Hand den Sängerpreis zu empfangen.“
„Hoheit bringen mich in Verlegenheit!“
„Sie waren ebenso grausam, mich in die größte Verlegenheit zu bringen! Denn so befangen war ich noch nie. Meine Hände spielten – mein Herz nicht! – Mein Herz lag hier vor Ihnen im Staube – und hat mir meinen Platz gezeigt! Hier habe ich wieder die Macht über mich gewonnen [pg 79]– hier singt wieder alles in mir. Und wenn Sie befehlen, flechte ich aus meinen Gefühlen für Sie einen Kranz, ziere ihn mit Reimen und biete ihn Ihnen auf den Knien als eine Gabe der Hochachtung dar. Genehmigen Sie’s gnädigst?“
„Sag’ du ruhig ja, Malchen, geniere dich nicht und danke für die Gnade“, fiel ihm Blücher in die Rede. „Dichtung ist Dichtung und hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun!“
„Sagen Sie das nicht, General“, antwortete der Prinz. „Die Dichtung führt manchmal die Wirklichkeit herbei – auch wenn sie ihr noch nicht entnommen werden könnte! Seien Sie nur nicht sicher!“
Er lächelte übermütig und trommelte dabei wie suchend einen Rhythmus auf der Erde vor sich hin. „Hören Sie erst, und dann entscheiden Sie! Darf ich anfangen?“ wandte er sich an die junge Frau.
„Ich bitte darum, Hoheit!“
Der Prinz blickte verstohlen lächelnd zu Blücher hin, wandte sich dann an sie.
„Hier in Vulkans Schmiede kann man ja nur von Mars und Venus singen“, sagte er und fing an:
„Mars, von Siegen übersättigt,
kehrt in Venus’ Liebesgarten
ein, der Göttin aufzuwarten.
Auf die Frage: Was berechtigt
Ihn, hier einzudringen? gibt
er die Antwort: weil er liebt
– nach dem blutigen Entsetzen
andrer Kämpfe – das Ergötzen!
Liebt zu sehn, wie kleine Füße
kunstvoll sich im Tanze winden,
Netze knüpfend, die ihn binden, –
Fessel, die mit ganzer Süße
den Gefangenen bedrückt,
wonneschauernd ihn beglückt,
läßt in Liebesbanden schmachten
ihn, den großen Herrn der Schlachten!
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Amorinen, schnell geschäftig,
mühn sich um des Gottes Waffen,
salben seine Glieder, schaffen
Labung, deren er bedürftig,
schnell herbei mit vielem Fleiß,
bringen ihm den Siegespreis,
winden um sein Haupt die Myrten,
helfen alles loser gürten.
So gerüstet tritt der Heros
an der Göttin Lager, – findet
sie in Tränen. Klagend windet
sich der zarte Leib, und Eros,
sonst ihr Helfer, abseits steht,
blind und taub, wie sie auch fleht,
ihre Fessel schnell zu brechen,
eilt nicht, ihre Schmach zu rächen.
Mars, behende, packt mit schnellen
Griffen zu, die Fesseln fallen,
sausen durch die weiten Hallen,
an den Felsen sie zerschellen.
Ihrem Retter sittig dankt,
sich erhebend, Venus, wankt
auf ihn zu, reicht, lieblich flötend,
ihm die Hände, sanft errötend.
Eros rasch nach seinen Pfeilen
greift. Er zielt, und hinterrücklings
trifft den Helden er – – –“
„Um Vergebung, Hoheit, wenn ich unterbreche“, fiel ihm Blücher hier plötzlich in die Rede.
„Bitte!“ sagte der Prinz etwas nervös und hörte jäh mit der Improvisation auf. Auch die junge Frau schien nicht besonders erbaut von der Störung zu sein.
Blücher aber fuhr unentwegt fort:
„Ich würde mich schon sehr dafür interessieren, zu hören, [pg 81]welchen wunderbaren Reim Hoheit auf das häßliche Wort ‚hinterrücklings‘ finden würden –“, sagte er.
„Warum häßlich?“ warf der Prinz gestochen ein.
„Weil mir alles zuwider ist, was nicht offener Kampf Auge in Auge ist! Aber davon wollte ich nicht reden! Ich wollte nur, ehe wir – im Gedicht – so weit wie bis zur Untreue kommen, mir erlauben, an einen Umstand zu erinnern –“
„Welchen?“
„Die holde Dame, Venus, hatte doch bekanntlich einen Gatten.“
„Gewiß!“
„Daß er seinen Liebesgarten so schlecht bewachen würde, daß ihm der erste beste Buschklepper ins Gehege fallen konnte, erscheint mir doch sonderbar! Wo mag er wohl bei der Gelegenheit geweilt haben?“
„Was weiß ich? Nehmen wir an, er war damit beschäftigt, dem Kriegsgott Waffen zu schmieden!“
„Sehr wohl. Als alter Schmied seines Glückes hatte er aber sicher gelernt, sich nicht vom Lärm der Schmiede sein Gehör so betäuben zu lassen, daß er nicht merkte, wenn fremde Vögel in seinem Neste Liebeslieder sangen.“
„Ich denke auch nicht. Die Fabel belehrt uns ja darüber. Vulkan wartete, bis er die beiden Verliebten in flagranti ertappen konnte, fesselte sie dann in einem kunstvoll geknüpften Netz und zeigte sie so aller Welt. Ob auf ihre oder seine Kosten gelacht wurde, meldet die Fabel nicht. Ich nehme aber das letztere an.“
„Wenn er es so weit gehen ließ, daß er überhaupt nötig hatte, seine Geschicklichkeit im Knüpfen von Netzen zu zeigen, so verdiente er allenfalls, ausgelacht zu werden“, sagte Blücher ruhig. „Ich hätte diesen Ehrgeiz nicht!“
„Von dir ist doch nicht die Rede“, fiel die junge Frau ein, der es bei dem Rededuell sonderbar zumute wurde.
„Hoffentlich nicht!“ antwortete ihr Mann. „Von mir würde in dem Sinne nicht die Rede sein können. Denn [pg 82]ich ziehe es für gewöhnlich vor, vorzubeugen – ohne mit meiner Geschicklichkeit darin zu prahlen. Ich habe nur den Ehrgeiz, in der Sache selbst obzusiegen und lade nicht ein, darüber zu lachen oder zu schwatzen.“
„Sie sind eben sehr rücksichtsvoll, lieber Blücher“, sagte der Prinz und sprang von seinem Platz zu ihren Füßen auf. „Mir scheint aber, mein Wagen fährt jetzt vor. Es wird Zeit, an den Aufbruch zu denken!“
Die beiden Gatten erhoben sich. Die Tür öffnete sich für den Adjutanten des Prinzen, der sich zur Stelle meldete. Der Prinz küßte galant die Hand der Frau Generalin, nahm Säbel und Mütze von seinem Adjutanten entgegen und wandte sich seinem Gastgeber zu.
„Fahren Sie ein Stück mit, General, so plaudern wir noch ein wenig und stechen bei mir eine Flasche aus?“
„Vielen Dank, Hoheit. Der Dienst ruft. Ich muß noch heute abend die Posten inspizieren!“
„Nun denn, auf Wiedersehen!“
Noch ein Gruß der gnädigen Frau, und er ging, von Blücher bis an den Wagen geleitet.
„Ich bringe Ihrer Frau noch eine Rose für das unterbrochene Gedicht!“ sagte er, indem er sich in den Wagen setzte. „Das wird meine Rache Ihnen gegenüber sein, General! Es muß alles seine Ordnung und seinen gehörigen Abschluß haben!“
Lachend und gnädigst grüßend fuhr er ab.
An einer Biegung des Weges, als sie schon außer Sicht vom Hause des Generals waren, ließ der Prinz halten, sprang aus dem Wagen, befahl dem Adjutanten, weiterzufahren und erklärte, allein durch die Felder nach Hause gehen zu wollen.
Der Wagen fuhr weiter, der Prinz streckte sich hinter einem dichten Gebüsch aus und blickte hinaus in die blaue Sommernacht.
Vom Wege tönte lauter Gesang einer Männerstimme zu ihm herauf und das Geräusch von sich nähernden Schritten.
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„Wir haben ihn aufs Haupt geschlagen
und täten ihn aus dem Felde jagen,
der Schimpf, der wird sich ma–achen.
Mit Gottes Hilf’ und unserm Schwert
ihm teuer gemacht sein La–achen,
ja Lachen.“
Der Sänger war jetzt gerade vor ihm. Der Prinz erhob vorsichtig sein Haupt und blickte auf den Weg hinunter.
Es war Blücher.
Die kurze Pfeife im Mundwinkel blieb er, den Rücken zugekehrt, einen Augenblick stehen und blickte über den Fluß hinaus. Nahm dann die Pfeife in die Hand und setzte den Weg fort, weitersingend.
„Es gab ein blutig Retirad,
dabei auch noch gar mancher hat
sein jung frisch Leben verloren,
den nun sein Mütterlein beweint,
die ihn mit Schmerzen geboren,
ja geboren.“
„Inspiziere du ruhig deine Posten“, sagte der Prinz halblaut. „Inzwischen bringe ich mein unterbrochenes Gedicht zu Ende!“
Mit einem Sprung war er auf dem Weg, eilte schnell wie der Wind zurück nach dem im Halbdunkel liegenden Hause des Generals, riß eine der schönsten Rosen an sich und schlich um das Haus herum nach der Seite, wo er das Fenster der jungen Frau wußte.
Das Fenster stand offen.
Schnell entschlossen packte er den Stamm des Efeus und enterte hoch, die Rose im Mund.
Eine Manneslänge trennte ihn noch vom Fenster, da hörte er unter sich ein Fluchen und Wettern.
„Da schlage doch der Donner drein! Wer klettert mir da an der Wand. Schockschwerenot, herunter oder –“
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Es war Blücher, der, von seltsamer Unruhe ergriffen, seine Inspektion hatte fahren lassen und umgekehrt war.
Der Prinz fand sich sofort in die Situation, hielt sich mit einer Hand in seiner schwebenden Lage fest, nahm mit der anderen die Rose aus dem Mund und winkte.
„Seien Sie still, Blücher, wecken Sie Ihre Frau nicht – ich will ihr nur die versprochene Rose durchs Fenster werfen! Gnädige Frau!“ sagte er entschuldigend zur Generalin, die jetzt am Fenster erschien. „Genehmigen Sie huldvollst diesen duftenden Gruß als angemessenen Abschluß unseres unterbrochenen Gedichtes!“
Noch ein paar Klimmzüge, und er war so weit oben, daß er die Rose überreichen konnte. Die junge Frau nahm sie.
„Hierher die Rose!“ kam es scharf von unten. Die Blume flog gehorsamst Blücher zu Füßen. Fast ebenso schnell war auch der Prinz unten, stand aufrecht vor ihm und blickte ihn herausfordernd an.
„So schnell geht’s abwärts, wenn ich dabei mitwirke!“ sagte Blücher, jetzt vollkommen ruhig. „Darf ich bitten, die Rose!“ Er reichte dem Prinzen die Blume. „Sie hat sich als Wegweiser vortrefflich bewährt!“
Der Prinz machte eine abwehrende Handbewegung.
„Machen wir uns nicht lächerlich!“
„Ich sorge nur für mich“, sagte Blücher und steckte sich in aller Seelenruhe die Rose ins Knopfloch.
„Guten Abend, General!“ sagte der Prinz kurz, machte kehrt und verschwand mit raschen Schritten in dem immer mehr zunehmenden Dunkel des Abends.
Blücher wandte sich zu seiner Frau, die jetzt herauskam und ihre Hand auf seinen Arm legte.
„Hier hast du die prinzliche Rose, Malchen“, sagte er launig und steckte sie ihr an den Busen. „Behalt’ sie nur. Ich nehm’s dir nicht krumm, wenn dir ihr Duft ein wenig zu Kopfe steigt. So muß es ja sein: alles muß dir zu Füßen liegen, alles in dich verrückt sein. Fürsten und Könige müssen um deine Gunst buhlen und ihre Knochen riskieren um einen Blick deiner Augen. Nimm du’s ruhig an. Daß [pg 85]sie dir nicht zu nahe kommen – dafür sorge ich schon, wie du siehst! In dem Kriegshandwerk nehme ich’s auch mit jedem auf. Ich war selbst kein Kostverächter, als ich jung war!“
Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und blickte zu ihm auf.
„Du hättest das von dem Kinde nicht vor ihm sagen müssen“, sagte sie leise vorwurfsvoll.
„Werd’ nur nicht sentimental, Malchen“, sagte er und gab ihr einen herzhaften Kuß. „Das steht dir nicht, und ich mag’s nicht leiden. Meine Tochter nehme ich jetzt ins Haus, da bist du nicht allein. Viel jünger wie du ist sie nicht, ihr werdet euch gut anfreunden, denke ich! Und so kriege ich sie von ihren Großeltern fort. Die verziehen sie mir nur. Und ich kann für meinen Tod nicht all diese welsche Erziehung der jungen Weiber leiden, wie sie nur Französisch parlieren und sich mythologisch vorschwärmen lassen können.
Die Rike mußt du in Behandlung nehmen, Malchen, wenn sie kommt, und ihr das Welsche gehörig wieder austreiben! Versprich mir das! Und wenn sie auch französisch frisiert sein sollte, wofür sie der Deibel holen soll, so kämm’s ihr nur schleunigst aus! Kämm’s aus, Malchen, sonst lasse ich mich von dir scheiden!“
Damit nahm er sie unter den Arm und ging mit ihr ins Haus hinein.
8
„Prüske Dickköppe“
Inhaltsverzeichnis
Franz Joseph Gall, Anatom und Phrenolog, war auf seiner Rundreise durch die größeren Städte Deutschlands auch nach Münster gekommen, wo Blücher, nach der Besetzung des Münsterlandes, als preußischer Gouverneur residierte.
Er las dort Gläubigen und Ungläubigen ein Kolleg über Dickschädel, Hohlschädel und andere kraniologische Kuriosa [pg 86]vor. An der Hand eines menschlichen Kraniums entwickelte er seine ebenso neue wie aufsehenerregende Lehre, in der er es unternahm, nach der Gestaltung der Schädeldecke auf das Geistesvermögen eines Menschen zu schließen.
Das war im „Staate der Heiligen“, wie Blücher sie nannte, nichts denn ein tollkühnes Beginnen und ein Greuel vor dem Herrn! Zum Entsetzen aller Strenggläubigen unternahm der Herr Physikus ja nichts mehr und nichts weniger als die Seele – die bis jetzt alleinige Domäne der heiligen Kirche – zum Objekt einer profanen Wissenschaft erniedrigen zu wollen!
Man hatte sich wohl, durch die vor kurzem begonnenen Säkularisationen, an vieles gewöhnen müssen! Man hatte gesehen, wie der Kirche Ländereien und Viehherden entzogen worden waren! Man staunte über nichts mehr!
Aber eine Lehre, die die Decke eines ehrsamen Bürgerschädels und bisherige bevorzugte Abladestelle kirchlichen Segens auf die Geheimnisse des darunter gehorsamst schlafenden Seelenlebens untersuchen wollte – die dessen Hügel und Talmulden zum Forschungsgebiet einer ganz gemeinen Neugier erniedrigte und den Geist sozusagen mit den Fingern betasten wollte, die ginge doch, und nicht nur figürlich, über die Hutschnur!
Für Blücher war die Phrenologie ein gefundenes Fressen und eine Belustigung besonderer Art.
Als alter Husar hatte er wohl stets seinen Kopf für sich gehabt und sich wenig darum gekümmert, ob oder inwiefern er ins System der anderen hineinpaßte.
Als Gouverneur mußte er ihn aber von Amts wegen täglich mit so vielen andersgearteten Querköpfen karambolieren lassen, daß er freudig jeden Versuch begrüßte, eine Art Topographie des menschlichen Schädelgeländes zu schaffen.
Es brachte immerhin ein bißchen Ordnung in die Sache hinein und würde am Ende doch noch dazu beitragen, den amtlichen Geschäftsgang zu vereinfachen! Wenn der Herr Gouverneur sich auch nicht verhehlen konnte, daß amtliche Konfusionen mit überflüssigen „Rückfragen“ und anderem [pg 87]verfänglichen Geschreibsel, als Ausfluß höchster Beschränktheit, durch nichts mehr zu beschränken seien! –
Immerhin verdiente der Versuch behördliche Beachtung!
Der Herr Gouverneur zählte also zu den eifrigsten und aufmerksamsten Besuchern der Gallschen Vorlesungen, was in der guten Stiftsstadt sehr bemerkt wurde und zu allerlei Vermutungen und Auslegungen Anlaß gab.
Mit ehrfürchtigem Staunen blickten die guten Münsterianer scheu zu seiner hohen Gestalt hinüber, die, in der ersten Stuhlreihe sitzend, alle überragte, und mindestens ebensosehr die Aufmerksamkeit auf sich zog wie die ketzerischen Ausführungen des gelahrten Herrn Physikus.
Weder das noch die wortlose Entrüstung eines ehrsamen Auditoriums entgingen seiner Aufmerksamkeit.
Mit liebkosender Schärfe musterten seine Blicke die Sammlung erlesener Schädel, die sich hier ein Stelldichein gegeben hatten, wie um als unfreiwillige Demonstrationsobjekte zu dienen. Seine Augen leuchteten vor diebischer Freude auf, und es zuckte spitzbübisch schlau um die Mundwinkel hinter dem herabhängenden Schnauzbart, wenn er einen besonders leckeren „Ball“ entdeckte.
Am häufigsten schielte er zum Nachbar links hin, dessen kurze stämmige Gestalt den geraden Gegensatz zu ihm selbst ausmachte. Wie Raubvögel umkreisten seine Adlerblicke den gewaltigen Kopf, aus dessen Gesicht, unter buschigen Brauen, eine mächtige Hakennase gebietend hervorsprang.
Schmunzelnd wie ein Gourmet, dem sein Leibgericht aufgetragen wird, saß er mausestill da, stellte aus nächster Nähe seine Untersuchungen an und schien zu ganz merkwürdigen Schlüssen zu kommen. Indessen sein Opfer, in Gedanken versunken, den Vorlesungen kaum zuzuhören schien und noch weniger die Aufmerksamkeit beachtete, deren Gegenstand es war.
Endlich war der Anatomus mit seinen Ausführungen zu Ende, nahm sein Kranium unter den Arm, rollte sein Manuskript zusammen, verneigte sich würdevoll, ging und ließ sein kopfschüttelndes Auditorium sitzen.
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Blücher stand auf, und sein Nachbar ebenso, den er jetzt, im Stehen, um Haupteslänge überragte.
„Wissen Sie was, Baron?“ fragte er lächelnd und strich seinen langen Schnurrbart hoch. „Als der Physikus soeben den Totenschädel aufhob, da dachte ich: ‚Nun geht das Kegelschieben los! Nun schmeißt er ihn nach den anderen Köpfen!‘ Die wackelten auch schon bedenklich! Die wären durcheinandergekollert, daß es eine Lust wäre! An seiner Stelle hätte ich den Wurf getan! So ’ne Sammlung Dösköppe war noch nicht da! Sehen Sie sie nur an!“ flüsterte er. „Ausschaun tun sie wie ein Haufen ‚Marterln‘ von allen möglichen Stoppelfeldern hierherverpflanzt! Und statt der gewohnten Krähen und Dohlen schwirren ihnen lauter funkelnagelneue Gedanken um die Köpfe, daß sie nicht mehr wissen, woran sie sind, und der Herr Physikus noch weniger.
Keine Ahnung hat er – keine Ahnung! Was er da schwefelt, mag vor die Franzosen gut genug sein, ihnen die Würmer aus der Nase und das Geld aus den Taschen zu ziehen – was ich übrigens den Geizhälsen gönne! Aber so’n richtiger preußischer Dickkopp, wie ich einer bin, und Sie erst recht, Baron, der wird nimmermehr zugeben, daß man den Schädel erst befühlen muß, um zu wissen, ob einer lange Finger hat oder nicht. Der wird nicht sein ‚Bekämpfungsvermögen‘, wie die Ochsen, mit dem Schädel dartun, sondern mit blanken Hieben und derben Maulschellen, wenn’s not tut. Und was das ‚Eigentumsvermögen‘ betrifft, das er auch vom Schädel ablesen will – –“
„Da“, lachte der Baron, „setzen Sie sich an den Spieltisch und verlieren Sie und weisen es so – negativ nach!“
„Ich gewinne auch, mein Verehrtester, und nicht zu knapp! Und das liegt bei den Karten und hat mit dem Schädel nichts zu tun!“
„Soweit ich ihn verstanden habe,“ sagte der Baron, „gingen seine Ausführungen auch nicht so weit auf das Gebiet des praktischen Lebens ein. Er wollte, meines Erachtens, nur rein theoretisch dartun, wie eine geistige Fähigkeit mit den Hirnpartien, in denen sie ihren Sitz hat, ab- oder zunimmt, [pg 89]und nachher durch die dadurch entstehenden Unebenheiten des Schädels nachzuweisen ist.“
„Das ist eben falsch“, sagte Blücher bestimmt. „Die Erhöhungen des Schädels besagen gar nichts – bei den meisten Menschen jedenfalls nicht mehr als: ‚Hier ist beim gewöhnlichen Rindvieh der Platz für die Hörner!‘ – Da können Sie sich auf mich, als alten Landwirt, verlassen! Sehen Sie sich nur in den Spiegel, Baron!“
Der Baron blickte ihn an.
„Ich möchte doch sehr bitten!“ sagte er scharf.
„Sehen Sie sich nur in den Spiegel!“ lachte Blücher. „Nach den Theorien Galls müßten Sie ein gutmütiger, braver Spießer sein – sanft, fromm und nachgiebig – das Muster eines Familienvaters! Nach meinen dagegen – und ich verstehe etwas von Köppen – ich habe mein Lebtag so ville eingeseift – nach meinen Theorien also, und wenn ich nicht wüßte, daß Sie der Reichsfreiherr vom Stein sind und Oberpräsident der Westfälischen Domänenkammer – da würde ich sagen: das ist ein Raufbold schlimmster Sorte!“
„Um Gottes willen!“
„Oder zum mindesten ein geheimer Raubmörder!“
„Das auch noch!“
„Gestehen Sie’s nur, Sie haben so etwas auf dem Kerbholz!“
„Nicht einmal im Traum!“
„Sie werden doch unter Ihren reichsritterlichen Ahnen wenigstens einen von der Sorte haben?“
„Kann schon sein!“
„Nun, sehen Sie! Da werden Sie von ihm ebensoviel geerbt haben, wie ich von dem meinigen, und mit mir eines Sinnes sein und eine Schädellehre haben, und die ist nun die nämliche: wenn all die Dickköppe und Strohköppe und Hohlköppe und Dösköppe und Schafsköppe und Quasselköppe, von denen der Schädelgelehrte da nichts wußte, obwohl wir hier im Lande einen Überfluß daran haben – wenn die alle im Staate mitreden sollten, wie Sie es wollen, oder [pg 90]sich gar zu einem Parlament zusammentun dürften, um Geschrei und allerlei Konfusion zu machen – wie drüben in Paris –, das wäre weit schlimmer als eine allgemeine Kopflosigkeit! Da hilft nur ein Mittel dagegen, und das ist nun das nämliche, was die Jakobiner so gut zu handhaben wußten, nämlich: die Guillotine! Aber auf die richtige Art angewandt – an den Jakobinern selbst. Runter mit dem Salat, das hilft! Nachher wird kein unnütz Stroh gedroschen!“
„Der Meinung bin ich nun nicht!“ antwortete der Baron energisch. „Es schadet nicht, daß die Leute ihr Stroh dreschen, wenn sie nur mittun und mitempfinden lernen. Nur wenn sie sich auch verantwortlich fühlen, nur dann wird das eingeschlafene Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem Vaterland wieder wachgerüttelt. Und kein Fremder darf dann wagen, an deutsche Gaue Hand legen zu wollen, wie er es jetzt wieder versucht!“
Sie waren inzwischen aus der Akademie herausgekommen und gingen langsam durch die Straßen der alten Stadt nach Hause.
Auf dem Domhof kam ihnen eine goldstrotzende Prozession entgegen mit wehenden Fahnen, Blumen und Weihrauch und der gesamten Geistlichkeit in prachtvollen Gewändern.
„Was nützt uns das Wachrütteln,“ sagte Blücher, „wenn die da die Macht haben, die Geister wieder einzuschläfern?“
Der Freiherr zog seinen Hut, und Blücher salutierte, bis die Prozession vorbei war.
„Haben Sie gesehen, wie bös die Kerle mich anschielten?“ fragte er dann den Baron. „Die giften sich gewaltig, weil ich hier die Freimaurerloge wieder aufgemacht habe. Een ‚prüsken Windbüdel‘ – een ‚lutherschen Dickkopp‘ haben sie mich genannt. Der Windbüdel setzt ihnen aber noch ganz was anderes als die Loge auf die Nase!“
„Da drüben hält eine andere Prozession“, sagte der Freiherr und zeigte auf drei Soldaten, die einen gefangenen Deserteur transportierten und ebenfalls von der Prozession [pg 91]aufgehalten worden waren. Sie blieben noch stehen, um den General zu salutieren.
„Antreten! Melden!“ rief Blücher sogleich, als er sie sah. Und die Leute kamen über die Straße, grüßten ihn nochmals und gaben ihren Rapport ab.
Blücher blickte den Gefangenen unwillig an. Er war ein junger, kräftiger Bursche. Die Hände waren ihm auf dem Rücken gefesselt.
„Schämst du dich nicht, Bursche?“ rief Blücher ihm zu. „Siehst, wie der Franzos überall in der Welt haust und wie er seine langen Finger nach immer mehr deutscher Erde ausstreckt – hast zwei kräftige Arme zum Dreschen und willst dich drücken, willst nicht helfen, deine Heimat von den Schuften zu säubern?! Abführen!“ rief er, und die Leute salutierten und zogen mit ihrem Gefangenen ab.
„Vaterlandsloser Gesell!“ kam es noch verdrießlich aus dem Gehege seiner Zähne hervor.
„Das ist er wohl. Aber nicht durch eigene Schuld!“ sagte Stein energisch. „Und das dürfen Sie ihm darum auch nicht vorwerfen!“
„Das wäre wohl auch!“
„Der, wie die meisten seinesgleichen, hat kein Vaterland! Der hat nur einen Herrn, der von ihm möglichst viel Steuern herauspreßt und ihn womöglich noch zum Kriegsdienst aushebt. Und hat er nicht den einen Herrn, so hat er den andern. Wer’s ist, ist ihm gleich – ob Preuße, ob Franzose, was schert das ihn, wenn er ihn nur möglichst wenig bedrückt! Das vaterländische Gefühl ist eben überall bei uns im Aussterben. Ich sagte es ja schon, und auch, wie es zu bessern wäre, wenn nicht zu spät damit angefangen wird!“
„Ein Glück, daß die Fahnenflüchtigen unter meine Gerichtsbarkeit fallen! Denn wenn Sie, Herr Präsident, ihn abzuurteilen hätten –“
„Ich würde in dem Falle versucht sein, Milde walten zu lassen – ich gestehe es! Übrigens werde ich bald hier nichts mehr zu richten haben!“
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„Sie sind schon amtsmüde? Nach kaum zwei Jahren?“
„Das nicht! Man hat mich nach Berlin in die Regierung berufen. Ich soll Minister werden.“
„Und Sie? Haben Sie angenommen?“
„Ich habe – bedingt angenommen. Ich möchte mir wohl die Gelegenheit nicht entgehen lassen, zum Besten meines Vaterlandes tätig zu sein. Aber – ich möchte sie auch gehörig ausnutzen können!“
„Das traue ich Ihnen schon zu. Der König liebt es aber nicht, wenn man ihm Bedingungen stellt!“
„Ist mir gleich!“
„Was hat er denn geantwortet?“
„Er hat – bedingt zugestimmt!“
„Das ist bei ihm schon viel! Mehr erreichen Sie sicher nicht!“
„Das genügt mir aber nicht. Entweder ich bekomme die Befugnisse, die ich brauche, um etwas leisten zu können, oder ich gebe mich mit dem ganzen Kram nicht ab!“
„Was haben Sie denn verlangt?“
Der Freiherr blieb stehen, faßte Blücher an einem Rockknopf und zwang ihn so, auch stehenzubleiben. Ohne sich um die Blicke der Vorübergehenden zu kümmern, fing er dann an, seine Pläne zu entwickeln, durch die er dem alten Schlendrian den Garaus zu machen gedachte und das alte Preußen von Grund aus umgestalten wollte.
Erst den Beamtenkörper neuordnen, die ganze Verwaltung vereinfachen, die eigene Jurisdiktion und Finanzverwaltung der Provinzen aufheben und einschlägige Fachminister für das ganze Land einsetzen, so dem Reich den fast föderativen Charakter nehmen und seine Teile zu einem Ganzen verschmelzen – die Regierung vereinfachen; statt Generaldirektion und Justizministerium und dem allein mit der Person des Königs verkehrenden „Kabinettsministerium“ ein Konseil einführen, dessen Mitglieder sämtlich direkt mit dem König verkehren könnten – dann durch Städte- und Landgemeindeordnungen Rechte und Pflichten der Bürger und der Landbevölkerung festlegen, ihnen Selbstverwaltung [pg 93]geben, das Gewerbe frei machen, den Besitz ebenso, die Fessel des Handels beseitigen, die Armee neuordnen auf Grund der allgemeinen Wehrpflicht, so daß das Werbesystem abgeschafft würde und ein jeder es als eine Ehre statt als einen Zwang empfände, das Vaterland zu verteidigen. Zuletzt eine Volksvertretung einsetzen, mit gesetzgebender Gewalt, die die Haushaltung des ganzen Staates zu regeln haben würde – –“
„Das ist schlau von Ihnen, Baron, die Volksvertretung zuletzt zu nennen“, sagte Blücher. „Ich hatte schon Angst, Sie würden damit den Anfang machen wollen! Die Jakobiner und ihr Gequassel hätten wir sowieso früh genug! Wenn die bei Ihren Reformplänen mitreden sollten – Sie würden sich wundern, was dabei alles herauskäme! – Sie würden Ihr eigenes Kind nicht mehr wiedererkennen und all Ihre schönen Pläne ins Wasser fallen sehen! Am besten lassen Sie die Redebude ganz fahren. Die vertrödelt bloß die Zeit, weiter nichts! Wozu denn! Machen Sie’s lieber ganz allein! Machen Sie’s mit der königlichen Verordnung – die schafft’s, wenn der richtige Mann sie handhabt. Das sah man beim Alten Fritzen! Beschließen – befehlen, und die Sache ist da! Und ist sie gut und ist sie richtig gemacht, dann erst lassen Sie die Leute reden, wenn’s durchaus sein muß! Da ändert an einer rechten Sache auch ein ganzes Parlament von Hohlköpfen nichts!“
„Das Volk muß,“ sagte der Freiherr energisch, „und das ist das allerwichtigste und davon gehe ich nicht ab – das Volk muß wissen, daß es in seinen eigenen Lebensangelegenheiten mitzureden hat! – Es muß fühlen, daß es nicht nur dazu da ist, um ausgebeutet zu werden. So wie jetzt, ist es ganz teilnahmlos. Wenn heute alles zugrunde ginge – es würde sich nicht im geringsten dafür interessieren. Denn der Staat ist sein Feind – oder er ist ihm zum mindesten gleichgültig! Das Volk empfindet nicht, daß es selbst der Staat ist! Gelingt es nicht, ihm das zum Bewußtsein zu Dingen, so sind wir als Staat verloren und als Volk erst recht.“
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„Verehrter Freund,“ antwortete Blücher, „es kann sein, daß Sie recht haben! Wir haben aber keine Zeit, kostspielige Versuche zu machen. Die Welt brennt jetzt an allen Ecken und Enden – sollen wir da Kinder und unerfahrene Leute mit dem Feuer spielen und unser eigenes Dach in Brand setzen lassen? Was sagte ich vorhin – den reinen Verbrecherkopf, den reinen Verbrecherkopf haben Sie!“
Stein lachte. Aber Blücher faßte ihn beim Arm und zeigte auf den Turm der Lambertikirche.
„Sehen Sie da hinauf“, sagte er. „Da oben baumelten vor etlichen Jahrhunderten – wie viele ist mir Wurst – zwischen Himmel und Erde, in den drei eisernen Käfigen, je ein solcher Neuerer wie Sie! Sie wissen: der Schneidermeister und König vom ‚Neuen Zion‘, Johann von Leiden, Knipperdolling, sein Kanzler und Henker, und Krechting – denn so hieß wohl der Dritte im Bunde! Die hingen da, bis die Vögel des Himmels ihnen das Fleisch von den Knochen gerissen hatten. Und das waren Leute, die auch – in ihrer Weise – das Volk ‚frei‘ machten, das Alte, Bewährte in Trümmer schlugen, mit Feuer und Schwert vertilgten und ‚das Neue Reich‘ auf dem Schutthaufen aufrichteten. Vergessen Sie nicht: wir stehen hier auf dem klassischen Boden solcher Revolutionen, mitten im ehemaligen Reiche der Wiedertäufer.“
„Für blutige Revolutionen,“ sagte der Baron ruhig, „wie damals die der Wiedertäufer und heute die Französische, ist hier bei uns kein dauernder Boden. Die Methode führt bei uns zu weiter nichts, als zu stärkster Gegenwirkung. Wir müssen das anders machen, wenn wir uns verbessern wollen – und das möchte ich eben versuchen.“
„Das tun Sie nur, Baron. Gehen Sie nach Berlin! Ich behielte Sie wohl am liebsten hier, aber da sind Sie uns viel nötiger! Gehen Sie nach Berlin – – seien Sie frech –!“
„Frech nicht, aber entschieden!“ lächelte der Baron.
„Das ist bei mir ein und dieselbe Chose!“ sagte Blücher, nahm ihn beim Arm und zog ihn weiter mit.
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„Eins bitte ich nur aber aus“, sagte er dann im Gehen. „Wenn Sie dabei sind, alles neu zu machen – von der Armee lassen Sie die Finger! Die besorgen wir vom Bau besser!“
„Ihr vom Bau hängt zu sehr am Althergebrachten, um Neuerungen die rechte Unbefangenheit entgegenzubringen!“
„Man muß wohl, wie Sie, unabhängiger Reichsritter gewesen sein, keine Armee zu kommandieren und kein Land zu regieren gehabt haben, um beides besser zu verstehen – nicht wahr?“ lachte Blücher.
„Ganz gewiß. Da behält man eben den Kopf frei, hat keine Scheuklappen vor den Augen und ist an nichts gebunden als an sein gesundes, natürliches Urteil!“
„Sehen Sie – das gefällt mir bei Ihnen, Baron! Aber trotzdem mag ich nicht, daß die Zivilisten an der preußischen Armee herummäkeln! Es ist ja viel daran zu bessern, das stimmt. Aber es steckt ein guter Kern darin, der erhalten zu werden verdient –“
„Eben weil der Kern in der preußischen Volkskraft ruht“, sagte der Freiherr. „Aber nur wir Eingeweihte empfinden das. Das Volk müßte sich dessen auch bewußt werden, damit es an unserer Wehr mitschafft und so seine Kraft verdoppelt!“
„Wer würde das nicht wünschen? Sie wollen aber alles wegwerfen und von Grund aus neu aufbauen.“
„Auf altem Grund neu – –“
„Das geht zu weit. Was gut und wertvoll ist vom alten Gemäuer, das müssen wir mit hinübernehmen – wie unsere Vorfahren bei ihren Kirchenbauten. Die fingen oft romanisch an – sehen Sie nur die alten Kirchen im Lande an – und bauten ruhig gotisch weiter, sobald die Zeit es verlangte, und schlugen so in einem Bau Brücken von Zeitalter zu Zeitalter. So eine Brücke ist unsere Armee. Werft sie ab – und drüben bleibt der Geist der Ordnung, der Tapferkeit und des unbeugsamen Mutes, der sie immer auszeichnete, und kann nicht zu uns herüber.“
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