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Adi Waser
Gefährliche Geschäfte
1. Auflage 2013
© 2013 Adi Waser
Alle Rechte vorbehalten
Widmung:
„Dieses Buch widme ich meiner Frau Jeanine, in dankbarer Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit, und meinen beiden Söhnen Mischa und Marcel, auf die ich sehr stolz bin.“
1
Dr. Otto Abramowitsch schlief erneut unruhig in dieser Nacht. Zentnerschwere Albträume raubten dem Vierundfünfzigjährigen seit Tagen den Schlaf.
Im Traum wurde einmal mehr sein in viel Glas und blauem Stahl gehaltenen Sichtbetonhaus von einem riesigen Bergsturz verwüstet. Gesteinsbrocken, so gross wie Einfamilienhäuser, donnerten wie das Jüngste Gericht mit ohrenbetäubendem Getöse zu Tal, vollführten Riesensprünge und zerstörten beim Aufprall alles. Glas splitterte mit hellem Laut, und fiel rieselnd zu Boden. Stahlträger ächzten und quietschten markerschütternd, bevor sie sich in alle Richtungen verbogen. Der Seitenarm eines Murganges schob kleinere Steine rumorend und scheppernd wie Vorposten einer Apokalypse bedrohlich von drei Seiten her ans Haus. Sein futuristisch angelegter Vorgarten mit seinen teuren Bonsai-Bäumen und rostigen Metallskulpturen wurde dabei gnadenlos Stück für Stück verschluckt.
Nur seine weit aufgerissenen, überquellenden Augen und sein Gehirn waren fähig, das Unabänderliche in sich aufzunehmen. Der Rest war wie vom Bannstrahl getroffen. Als er die Lethargie endlich überwinden konnte, versuchte er, sich im Labyrinth seines bunkerartigen Untergeschosses in Sicherheit zu bringen. Beim Laufen kam es ihm vor, als ob er zähen Leim an seinen Schuhsohlen hätte. Es nützte alles nichts, die Grundmauern wurden vom Inferno aus dem Fundament gesogen, und zurück blieb nichts als ein schwerer Mantel aus Staub und stockdicker Luft. Und eine lähmende Stille.
Schweissgebadet und nach Luft japsend, zog Abramowitsch gierig frische Luft in seine Lungen. Zitternd knipste er sein Nachtlicht an, hockte auf den Bettrand und versuchte, sich zu beruhigen.
Sein Haus lag mitten in Zürich, am Zürichberg und weitab von Bergen und Felsen, geschützt von viel Mischwald aus massigen Buchenstämmen und schlanken, hochgewachsenen Tannen.
„Was sollen die Scheissgeschichten, die ich seit einigen Nächten träume?“ Ärgerlich rieb er sich die Augen und gähnte dazu wie ein Flusspferd. Er schielte auf den Wecker und fragte sich, ob sich um fünf Uhr in der Früh ein Weiterschlafen denn noch lohnen würde.
Schon gestern litt er unter furchtbaren Träumen. Ein totenbleiches, schweigendes Gesicht tauchte aus dem Nichts auf, geboren wie aus dem Gruselkabinett. Ausdruckslos, mit übergrossen, schräggestellten Augen, lid-, wimpern- und brauenlos schaute es ihn an. Ohne auch nur eine winzige Regung zu zeigen, kroch jetzt ein Abbild des Gruselgesichts direkt in die Gedankenwelt Abramowitschs hinein. Es machte unmissverständlich klar, dass es ihm jetzt gleich sein Gehirn zur Nase herausziehen werde.
Abramowitsch brüllte, fuchtelte mit den Armen, und versuchte sich irgendwie zu wehren. Es nützte nichts. Er verlegte sich aufs Betteln. Das schweigende Gesicht starrte nur teilnahmslos durch ihn hindurch, so, als ob es ihn gar nicht realisieren würde.
Abramowitsch konnte plötzlich einen ansteigenden Druck im Kopf verspüren, der sich rasch zum rasenden und pochenden Schmerz auswuchs. Feuerräder tanzten vor seinen Augen:
„Dieses Ungeheuer will mir doch tatsächlich mein Gehirn aus der Nase ziehen? Mit reiner Gedankenkraft?“ durchschoss es ihn entsetzt. Zu spät! Stöhnend wand er sich um die eigene Achse, als er fühlte, wie seine glitschig kalten Hirnwindungen langsam durch die warme Nasenwand herunter rannen, und dann mit einem schmatzenden Geräusch in einer Schüssel liegen blieben.
Noch heute musste er sich angeekelt schütteln. Da fiel ihm auf, dass sich seit einigen Nächten seine Träume ständig um Rohstoffe und Diamanten drehten. Für seine Traumdienste wurde er vom Käufer stets im Voraus bezahlt. Sobald er aber liefern wollte, löste sich die Ware vor seinen Augen in Luft auf. In dieser Traumlandschaft geizten seine Geschäftsfreunde nicht mit Spott und Tadel, und als Geschäftsführer erntete er nur noch Kopfschütteln.
„Verdammter Alltag, der jetzt auch noch in meine Träume dringt!“ Abramowitsch liess sich in die Kissen plumpsen, schloss die Augen und seufzte. „Zum Teufel, aber damit werde ich wohl auch nicht besser schlafen können!“
Und den Schlaf, den hatte er doch bitter nötig, denn erst gestern hatte seine Sekretärin ihn im Vertrauen gefragt, ob er krank sei. Später, vor dem Spiegel des Toilettenraums, entdeckte er erstmals die dunkeln Ringe und Augensäcke. Sogar seine Sommersprossen schienen blass und kraftlos.
Und obendrein spottete ein Geschäftsfreund, dass vermutlich kurze Nächte mit viel Champagner und teuren Zigarren dahinterstecken. Vielleicht aber, wer weiss, habe es auch mit einer neuen Tussi zu tun? Ausgerechnet er, der Alkohol und Tabak verabscheute und endlich wieder glücklicher Junggeselle war.
Abramowitsch teilte unter seinen Mitmenschen gerne verbal aus. Er konnte aber auch so einiges einstecken, denn eine Mimose war er wahrlich nicht. Von seinem Stiernacken bis zum breiten Kreuz hatte er im Verlaufe seines Lebens im übertragenen Sinne ein dickes Fell bekommen. Stur und uneinsichtig versuchte er, allen seinen Stempel aufzudrücken. Bei einigen eckte er derart an, dass es zu Verpuffungen oder sogar zu ausgewachsenen Explosionen kam. Aber auch dies konnte seiner Karriere keinen Abbruch tun.
Nur bei Spott, da brannten ihm die Sicherungen durch. Da fühlte er sich missverstanden und gekränkt, was eigentlich überhaupt nicht zu seiner massigen Gestalt passte. Mit Untergebenen oder Menschen, mit denen er nichts zu tun haben wollte, fiel er im Gespräch durch ungehobelte Redensweise und unziemliches Benehmens auf. Er war aber keineswegs ein ungebildeter Mensch, wie es oft den Anschein hatte. Aber er trat einfach in jeden unnötigen Fettnapf, der auch nur in Sichtweite war.
2
Seltsames tat sich an jenem Morgen an der ältesten Diamantenbörse Antwerpens, der „Beurs voor“, an der Pelicanstraat 78. Wie viele Handelsgesellschaften war dort auch De Beers als weltgrösste Diamantengesellschaft vertreten. Ihre Interessen nahmen seit vielen Jahren unter anderen der jüdische Händler Ruben Stern erfolgreich war.
Wie alle Tage sass Stern auch heute wieder an der Börse. Stern kratzte sich den Schädel, rieb sich die Augen und starrte weiter auf den Monitor. Seit Stunden schon zuckelte der Lospreis für eine gewisse Reinheitsklasse kontinuierlich in eine ihm unerklärliche Baisse.
„Das wird sich sicher erklären lassen“, sinnierte er, den Kopf räuspernd auf beide Hände gestützt, fand aber keinen stichhaltigen Grund. Jedenfalls keinen, der ihm die grosse Erleuchtung brachte.
Grosse, eigene Aufkäufe vermochten die Baisse nicht zu stoppen. Tiefes Durchatmen machte die Sache auch nicht besser. Und nichts, aber auch gar nichts wollte sich an jenem Morgen bewegen.
Dabei war Stern bei Gott keiner, der sich mit über zwanzig Jahren Berufserfahrung so rasch ins Bockshorn jagen liess. Tief seufzte er auf, und streckte gleichzeitig die verkrampften Glieder:
„Damit verbreite ich bei De Beers sicher keine eitle Freude! Wie im Tollhaus wird es dort nächstens zugehen. Eigene Klienten werden mich telefonisch bis tief in die Nacht hinein bestürmen, werden jammern und sich notfalls gar aufs betteln besinnen. Als ob ich denn ein Auskunftsbüro, oder gar ein Prognosen-Institut mit Garantieabgabe wäre“, murrte er.
Ja, dieser Morgen war wahrlich nicht nach dem Geschmack von Ruben Stern, er roch förmlich schon das kommende Ungemach.
Stern war ein traditionell geprägter Jude mit allem drum und dran, was halt so dazu gehört: Ein naturbelassener, wilder Vollbart, den Kopf stets mit Hut bedeckt und den empfohlenen langen Schläfenlocken. So, und mit korrekt geknüpftem Mantel trat er gemessenen Schrittes seinen Mitmenschen entgegen. Dabei blickte er ernst und würdevoll durch seine spiegelnde Nickelbrille, die ihm ein gewisses intellektuelles Aussehen verlieh. Auch innere Werte legte er gerne an den Tag: Das freundliche Nachfragen bei den Nachbarn. Der regelmässige Besuch in seiner Synagoge. Das anschliessende Gespräch mit Glaubensbrüdern. Die hilfreiche Suche nach einer geeigneten Arbeit für den jungen Raphael. Ein heisser Börsentipp für Herrn Goldmann. Ja, man wollte allen, und Jahwe im Besonderen, stets zu Diensten sein. Wer wusste denn schon, wann einem das letzte Stündlein blühte?
Stern wohnte seit Kindsbeinen an mitten in Antwerpen, an der Rijfstraat im Joodse Buurt, dem jüdischen Viertel, das eingesäumt mit achtunddreissig Synagogen und unweit der Schelde liegt, die seit Urzeiten als Nabel zur Welt gilt.
Seine Eltern hatten ihm das praktische Altstadthaus nach ihrem Tode vererbt, wohl in der Hoffnung, dass er hier traditionell eine weitere Familie gründen und Geschlecht und Handwerk der Sterns weiter erhalten würde.
Geheiratet im eigentlichen Sinne hat Stern zu seinem Leidwesen nie. Er war sich dieser Unvollkommenheit stets bewusst und klagte gelegentlich zu Jahwe. Geheiratet, aber im übertragenen Sinne, hatte Ruben Stern nämlich nur seinen Beruf, den er als eingetragener und lizenzierter Diamantenhändler der Gilde nach deren allgemein verbindlichen Richtlinien und moralischen Grundsätzen pflichtgetreu betrieb. In diesem erlauchten Kreis haben seit Jahrhunderten fast nur Händler jüdischen Ursprungs Zugang. Sozusagen vom Vater auf den Sohn vererbt. Andere, nichtjüdische Händler hatten praktisch keine Chance, in dieser abgeschotteten Gilde Fuss zu fassen.
Antwerpen ist alte Stadt mit viel Kunst- und Traditionsbewusstsein. Spätestens seit den Fünfzigerjahren ist sie zudem Dreh- und Angelpunkt des weltweiten Diamantenhandels. Alleine hier sind vier der neunundzwanzig Diamantenbörsen weltweit angesiedelt. Ruben Stern gehörte den „Beurs voor“ Händlern an, der ältesten Gilde in Antwerpen, und war einer der dreitausend lizenzierten Händler weltweit. Jedes Jahr werden für dreizehn Milliarden Dollar Rohdiamanten geschürft und zwanzig Milliarden Dollar an der Börse umgesetzt. Die Stadt verdankt ihren Reichtum und Bekanntheitsgrad seit Jahrhunderten zum grossen Teil diesem Diamantenhandel und den andienenden Geschäften und Schleifereien, Goldschmieden, Schmuckdesignern sowie unzähligen Zulieferbetrieben.
Ruben Stern wich in punkto Essen auch niemals nur ein Jota von den Glaubensauslegungen der Thora ab. Ja koscher hat halt koscher zu bleiben, und da gibt es eben nur eine Auslegung, nämlich die des Rabbi. Und so konsultierte er in seinem Bezirk denn auch fleissig den einflussreichsten Rabbi Abraham Malinsky, um so stets auf der sicheren Seite zu sein.
Auch geschäftlich lief es bei Stern ausserordentlich gut. Er konnte sich denn auch alle Annehmlichkeiten und Extravaganzen des Lebens erlauben. Für diesen Luxus schuftete er wie ein Irrer an der Börse und bis spät in die Nacht hinein bei sich zu Hause, um optimale Kundenlösungen auszutüfteln.
Heute vor dem Zubettgehen ging ihm durch den Kopf, ob er wohl dieses oder erst nächstes Wochenende nach New York fliegen sollte. Seinen ehemaligen Schulkollegen wollte er treffen, von dem er seit Abitur nichts mehr gehört hatte. Sie hatten sich vor einiger Zeit auf einer Internetplattform bei einem Chat per absoluten Zufall virtuell wieder getroffen. Sie beschlossen, dies nächstens ein wenig zu feiern, und dass Ruben als Erster über den grossen Teich reisen soll. In Vorfreude des Wiedersehens überlegte sich Ruben angestrengt, mit welchem Überraschungsgeschenk er den Kameraden beeindrucken konnte.
„Soll es eine besondere Schweizeruhr oder vielleicht doch lieber ein kleiner Brillantring sein? Es muss ja kein allzu grosser sein, ach nein ach nein! Solch profane Entscheidungen, ach herrje und Jahwe sei dank, muss ich nicht jeden Tag fällen. Oder würde er sich über eine Uhr wohl eher freuen? Uhr oder Ring, oder Ring und Uhr? Ach, ich weiss es einfach nicht.“
Die Gnade des Schlafes übermannte ihn endlich. Ruben schlummerte unruhig. Fetzen seiner täglichen Gedankengänge verfolgten ihn wie Rauchschwaden. Er träumte von ungeheuren Mengen Diamanten, die er an der Börse kaufen müsse. Diesen Auftrag sollte er wieder und wieder ausführen, stets auf Geheiss eines mysteriösen Kunden. Zwischendurch mischte sich das Gesicht von Chaim ins Bild, der ihn ernst und fordernd fixierte:
„Und wage ja nicht dich zu sträuben, du wirst fürstlich bezahlt werden!“, schien ihm das Gesicht von Chaim mit unbewegtem Mund suggerieren zu wollen.
„Du wirst als führender Diamantenhändler in Europa in ungeahnte Sphären hochsteigen!“, und: „Man wird dich, Ruben, auch auf der andern Seite der Weltkugel achten und respektieren. Auf allen Kongressen der Welt wird in Zukunft deine Meinung gefragt sein!“
Stern ächzte und stöhnte im Bett, wand sich von einer auf die andere Seite. Die Zentnerlast auf Brust und Magen wollte und wollte nicht weichen. Und obenauf hockte Chaim, rittlings und mit stattlichem Gewicht, und lachte und lachte mit schallendem, hohlen Echo, und hopste auf ihm auf und nieder und auf und nieder. Wie auf einem Schaukelpferd.
Schweissgebadet erwachte Ruben Stern am frühen Morgen. Stern war schon immer ein schlechter Schläfer. Er hatte sich deshalb angewöhnt, in einem kleinen Nebenraum, seiner Bibliothek wie er dieses Zimmer zu nennen pflegte, zu lesen. Die Kammer war aber beileibe nichts Grossartiges, sie war reichlich heruntergekommen und hätte einen Anstrich bitter nötig gehabt. Der Teppich war löchrig wie ein Schweizerkäse und die Gardinen grau, wie der kommende Winter wohl wieder werden würde.
Für Stern jedoch tat die Kammer ihren Dienst. Vor allem im Winter, da dieser Raum mit kleinem Fenster das am besten beheizte Zimmer im ganzen Haus war und er hier seine chronisch kalten Füsse wärmen konnte. Lesen, das wollte er auch heute, denn, so glaubte er, an Schlaf war eh nicht mehr zu denken.
3
Carl Boromeo erwachte bei anbrechender Morgendämmerung eigentlich wie jeden Tag. Nämlich früh. Die Nacht wollte auch heute nicht abkühlen, es war wieder eine der von ihm so gefürchteten, schwülen Tropennächte und weiss Gott stickig im Raum. Bei geöffnetem Fenster störte ihn nämlich der nächtliche und vor allem morgendliche Berufsverkehr. Ein nicht enden wollender Moloch von Fahrzeugen, deren Besitzer irgendwohin fuhren, wälzte sich durch schlaftrunkene Strassen.
Carl fing an, sich wieder über den langsam anschwellenden Verkehr zu ärgern:
„Da drängt sich einmal mehr die Frage auf, ob die Entscheidung damals richtig war, dieses Haus als Schnäppchen zu kaufen“, sinnierte Carl stirnrunzelnd und noch im Halbschlaf.
Unruhig wälzte er sich hin und her, zerpflügte seine Laken, unfähig, nochmals in einen milden Dämmerschlaf zu fallen. Dies ganz im Gegensatz zu Tanja, die so was so richtig zelebrieren konnte. Sie pflegte sich dann jeweils wie eine Katze zu strecken, gähnte zwei- dreimal herzhaft hintereinander, liess gar ein zufriedenes Stöhnen von sich und konnte ein paar Sekunden später wieder in Tiefschlaf fallen.
Carl war seit vielen Jahren Unternehmensberater bei Finegood & Co Ldt. in der Niederlassung Zürich. Die Firma war ein weltweit gut eingeführtes Unternehmen im Diamant- und Rohstoffhandelsgeschäft und genoss allgemein ein gutes Renommee. Mit seinen achtunddreissig Jahren war er seiner Meinung nach auf dem Zenit der beruflichen Laufbahn.
„Weitere Herausforderungen, wie etwa der Aufkauf eines grossen Mitbewerbers oder die Neustrukturierung aller Niederlassungen bleiben mir doch hoffentlich erspart! Einfach in Ruhe noch bis zur fernen Pension eine ruhige Kugel schieben, immer gutes Mittelmass liefern, einfach mitten im Mainstream bleiben. Jaja.“
Wieder verdrehte er sich in den Laken, um vermeintlich besser zu liegen.
„Heute steht doch eine wichtige Sitzung an? Verdammt nochmal, diese Sitzung!“
Carl rieb sich zum x-ten Mal die Augen. Vor sechs Uhr hielt er es nicht mehr aus. Es war wie ein Fluch: Weder am Wochenende noch im Urlaub war er imstande, einen gepflegten Morgenschlaf zu halten. Tanja zog ihn deswegen immer wieder auf.
Auf Zehenspitzen verliess er behutsam das Bett, peinlich besorgt, seine Frau nicht zu stören. Er schlich zur Tür, so grazil wie nur Pink Panther es konnte, und schnappte sich den Morgenmantel. Um seinen sportlich schlanken und gebräunten Körper schmiegte sich jetzt ein seidener, buntbedruckter Kimono. Das Mitbringsel eines Kunden aus Okayama. Aus alten Tagen. In seiner linken Tasche fischte er nach einer Schachtel Zigaretten, während die rechte Hand dem Feuerzeug neues Leben einhauchte. Mit zurückgelegtem Kopf inhalierte er hörbar zufrieden den ersten Zug.
„Das Teufelszeug schmeckt mir auch nach zwanzig Jahren noch“, meinte er mehr als Selbstbestätigung, denn als Tatsache.
„Als chronischer Raucher hat man es heutzutage aber schwer. Überall wird man diskriminiert. Dabei stank vor hundert Jahren jeder nach Kuhmist. Gebadet wurde auch nicht. Und jeder fand es normal.“
Abgewöhnen wollte er sich das Rauchen partout nicht, er war ein selbsternannter Geniesser und absolut kein Süchtiger. Nein. Auch Bedenken und Einwände seines Arztes konnten ihn nicht dazu bewegen, sowenig wie Tanjas periodische Tiraden, wenn es wieder einmal auf dem Örtchen stank. Und zwar nach Qualm.
„Nein, süchtig bin ich nicht. Das wäre doch gelacht, ich und süchtig, haha! Meine tägliche Ration habe ich allemal im Griff. Und das bisschen Raucherhusten bekämpfe ich morgens mit einem Hub aus der Inhalationsdose. Seit Jahren. Dies bringt meine Bronchien auf Zack und ich bin wieder so gut wie neu!“
Stehend gönnte er sich aus dem Kühlschrank einen kräftigen Schluck Orangensaft direkt ab Tüte. Im bequemen TV-Sessel schaltete er den Flachbildschirm ein, eher als Gewohnheit, denn aus Interesse, während sich in der Küche ein köstlicher Duft von frisch gebrühtem Kaffee ausbreitete.
„Meine Magennerven biegen sich heute wieder einmal wie gequälte Regenwürmer.“ Carl machte einen entsprechenden Gesichtsausdruck und brummelte vor sich hin:
„Jaja, ich weiss, dass ich dies mit dem eiskalten O-Saft besser bleiben lasse. Wenn sich der Magen aber nicht bald beruhigt, muss ich wohl wieder eine Wundertablette von Dr. Sommer einwerfen.“
Nach einem weiteren Schluck Kaffee und einer zweiten Zigarette tauchte er ab in seine ureigene Gedankenwelt. Sein Chef hier in Zürich, Dr. Otto Abramowitsch, hatte ihm gestern höchstpersönlich wieder Vorhaltungen gemacht und griesgrämig gemeint:
„Es hätte mehr aus diesem Südamerika Geschäft herausschauen können. Wenn es nur gründlicher abgeklärt worden wäre, und Sie strategisch zur Abwechslung mal ihr Gehirn eingeschaltet hätten, Boromeo, dann würden wir alle nicht mit abgesägten Hosen dastehen!“
Dieser elende Trottel! Hatte er nicht selber darauf bestanden, dass die Sache im Eilzugstempo durchgepeitscht werden müsse?
„Der Preis ist heiss“, hatte ihm Abramowitsch mit dieser abgedroschenen Phrase erklärt. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“ Wieder so einer seiner selbst erfundenen Lieblingssprüche, oder war letzterer doch von Michail Gorbatschow? Die möglichen Trittbrettfahrer dieses ach so wichtigen Scheisskunden konnten so ja nicht genügend lange beackert werden. Es war schlicht keine Zeit! Mir, ausgerechnet mir als langjährigen Unternehmensberater deswegen Vorhaltungen zu machen. Dabei bin ich seit bald zehn Jahren in der Firma und kenne mein Metier wie kein Zweiter.“
Dieser Abramowitsch! Er schäumte, wenn er nur an den Namen dachte. Er hatte ihn noch nie gemocht, diesen Emporkömmling, diesen Ellbögler und neureichen Pingel. Carl nahm noch einen letzten Zug und drückte mit spitzen Fingern die Kippe aus.
„Vor meine Nase haben sie ihn gesetzt. Eigentlich hätte ich nach diesem Personalentscheid postwendend kündigen müssen. Jawohl. Stattdessen habe ich mir eingeredet, dass eine Flucht nach vorne hilfreich wäre. Mich noch tiefer in lohnenswerte Projekte hineinbohren, Überstunden machen, ja zeigen wollte ich es allen. Heute ödet mich das Ganze an!“
Ein sibyllisches Lächeln huschte jäh über sein Gesicht: „Es wird sich ein Weg auftun, es ihm richtig heimzuzahlen! Wie heisst es so schön: Kommt Zeit, kommt Rat.“
Carl fuhr aus seinen Tagträumen hoch, sein SmartPhone meldete sich mit giftelndem Ton. Er konnte sich noch immer nicht mit dem bohrenden, fordernden Ton anfreunden. Hatte es immer wieder verschoben, sich einen milderen, beruhigenden Ton herunterzuladen. Mit beiden Händen fuhr er sich durch die schwarzen Haare und blickte stirnrunzelnd auf seine Uhr.
„Was um Teufels Willen will jemand um diese Uhrzeit?“
Er taumelte Richtung Küche und schnappte sich den mobilen Übeltäter. Auf dem blinkenden Display erkannte er das Konterfei seiner Sekretärin Carry March.
„Hallo Carry, was gibt’s denn um diese Uhrzeit? Haben Sie schlecht geschlafen, oder sind Sie schon vom Ausgang zurück?“
Die vergnügte, leicht rauchige Stimme seiner Sekretärin drang an sein Ohr und liess endgültig seinen Ärger verfliegen.
„Hahaha, Sie sind gut, Mister Boromeo! Zuerst möchte ich Ihnen einen wunderschönen guten Morgen wünschen. Und seien Sie am frühen Morgen nicht so sarkastisch, die Sonne scheint uns mild auf den Kopf, und alles ist in Butter. Und nein, Sir, ich bin bereits im Büro, da ich abends zeitig weg muss. Und ja, Sir, ich habe gut geschlafen und deshalb nicht von Ihnen geträumt. Aber warum ich Sie so früh störe, Sir: Soeben erreicht mich eine Mail von Dr. Abramowitsch, der mich beauftragt, Ihnen mitzuteilen, dass er Sie unverzüglich in seinem Büro zu sprechen wünsche. Und es sei äusserst dringend“, meinte sie in warnendem Ton.
„Jaja, da habe ich wohl die Wahl“, meinte er halb zu sich. „Richten Sie ihm aus, dass ich es wohl trotz Rushhour in einer dreiviertel Stunde schaffe, vorher nicht!“
Carl stürmte fluchend ins Badezimmer und ging unter die Dusche. Der kalte Strahl tat ihm gut. Die Lebensgeister kehrten zurück und vertrieben die dunklen Gedanken. Und Tanja, ganz Hausfrau, hatte seit je die angenehme Angewohnheit, ihm täglich neue Unterkleider, Hose, Hemd und Krawatte bereitzulegen.
„Tanja Mäuschen, ich muss schnellstmöglich in die Firma. Sehe Dich dann am Abend.“
Tanja dreht sich dem Ruhestörer prustend zu und blinzelte ihn an: „Was ist los am Abend?“
„Sehe dich am Abend, Schatz, ich muss jetzt aber wirklich los“, meinte Carl ungeduldig und schloss die Tür hinter sich. Lauter als er beabsichtigte und ihm lieb war.
Auf dem Weg in die angebaute Garage schnappte er sich noch schnell den Aktenkoffer. Da wurde ihm erst bewusst, dass er nicht einmal gefrühstückt, ja geschweige denn seinen Kaffee ausgetrunken hatte.
„Eine solche Scheisse, und dies am frühen Morgen!“, schimpfte er unterdrückt, und trat mit seinem Schuh nach einem unschuldigen Gegenstand auf dem Boden.
Mit seinem neu erworbenen grauen Audi A8 hatte er sich einen lang ersehnten Traum verwirklicht. Die Limousine wirkte sportlich, fuhr sich auch so und hatte trotzdem ein edles Aussehen. Das Garagentor öffnete und schloss sich automatisch. Etwas später ordnete er sich routiniert in den morgendlichen Verkehr ein.
„Was Abramowitsch wohl wieder zu meckern hat?“
Alles Mögliche geriet in seinem Gehirn durcheinander, und er hatte Mühe, sich zu konzentrieren. Carl bremste plötzlich hart hinter seinem Vordermann. Die Nebel vor seinen Augen hatten sich gelichtet. Erneut tauchte er ab und konzentrierte sich auf seinen Intimfeind, der ganz nebenbei auch sein Chef war. Abramowitsch! Sein Magen machte sich wieder bemerkbar. Carl fischte aus der Schachtel eine Pille und hoffte, dass es Ruhe geben möge. Nein, einen Reim auf den frühen Termin konnte er sich nicht machen. Hatte er womöglich einen üblen Bock geschossen? Nein, nein, ihm war nichts bewusst. Die Unsicherheit aber blieb.
4
Dr. Otto Abramowitsch rutschte ächzend in seinem extrabreiten und Ehrfurcht gebietenden Chefsessel von einer Seite zur andern, viele farbige Listen und komplizierte Grafiken in der Hand und auf dem Pult verstreut. Einige hatten bereits Eselsohren, andere waren zerknittert. Sein glatt rasiertes, fettiges Gesicht mit hoher Stirnglatze glänzte schon am frühen Morgen vor Schweiss und üblen Vorahnungen, und sein rotes Borstenhaar stand in allen Richtungen ab. Ständig rückte er an seiner Hornbrille und hoffte, die Zahlen und Tabellen doch noch zu verstehen. Es klopfte.
„Herein“, rief er mit gereizter Stimme.
Carl trat ein und grüsste. Abramowitsch grunzte etwas Unverständliches, ohne ihn anzusehen und kam gleich zur Sache.
„Die Börsen spinnen weltweit, und wenn ich diese Papiere richtig interpretiere, sinken einerseits die Diamanten- und andererseits die Aluminiumpreise. Und dies überflüssiger- und unverständlicherweise! China allein müsste laut seinem Mehrbedarf den Aluminiumpreis mehr als stützen können. Und in der heutigen Wirtschaftslage sind Diamanten eine stabile und kriesenresistente Wertanlage. Andere, vergleichbare Metalle wie Gold, Silber, Wolfram, Industriestahl und so weiter bleiben in der Hausse mit minimalen Schwankungen. Alles bis auf das verdammte Pressstrang-Alu und die Klunker.“
Über den blinkenden Brillenrand hinweg funkelte er Carl jetzt mit zornesrotem Gesicht an und klopfte mit den Fingern hart auf das wehrlose Papier:
„Es wird Ihre Aufgabe sein, Carl , dies herauszufinden. Just haben wir grosse Mengen an Aluminium und Diamanten verschiedener Güteklassen bei uns gebunkert, um sie zu gegebener Zeit auf den Markt werfen zu können. Dies hätte uns ein überdurchschnittliches Jahr beschert. Aber dieses Konzept geht so nicht auf!“
Dann fixierte er ihn durchbohrend:
„Es war übrigens Ihre Idee, das mit dem Bunkern! Eine Idiotenidee, wie Sie jetzt selber feststellen können. Nicht auszudenken, was London dazu meint, da werden vermutlich Köpfe rollen, ja rollen müssen!“
Schnaufend schob er mit beiden Händen einen Wusch Papiere zu Carl hinüber, der sie kleinlaut sortierte und überflog. Ja, daran schien etwas Wahres zu sein, fuhr es Carl jetzt in die Knochen.
Habe ich bei der letzten Sitzung vielleicht bei Ruben Stern oder James Locklear zu viel durchblicken lassen, so eine Art mittelfristiges Konzept ausgeplappert? Die beiden Broker wären sicher fähig, eins und eins zusammenzuzählen, um dann unerkannt mit grossem Profit mitzumischen. Man wusste ja aus Erfahrung, dass Insiderwissen immer nur dann bestraft wird, wenn es auch bewiesen werden konnte. Milde bestraft, wohlgemerkt! Und diese Sippschaft da war sehr verschwiegen, verschwestert und verbrüdert.
Mindestens bei James als einem seiner besten Freunde würde er dies zwar nicht wirklich glauben können, denn dieser war fast so etwas wie ein weisses Schaf in seiner Branche.
Und Ruben Stern? Dieser orthodoxe Jude in seinem pelzverbrämten schwarzen Mantel und Hut und den ölig wirkenden Schläfenlocken? Äusserst geschäftstüchtig würde es aus seinem grau-gelben, ungepflegten Vollbart und seinen gelben Zähnen tönen: „Mister Boromeo, wie lange kennen wir uns schon? Sie wissen doch sicher, Mister Boromeo, dass ich immer loyal zu Ihnen und Ihrer Firma war. Haben Sie doch die grosse Giite, mir zu sagen, wann ich sie habe enttäuscht zum Letzten mal?“
Und schniefend in sein Taschentuch würde er anfügen: „Lassen Sie es mich meine Sorge sein, machen Sie keine fiebrigen Nächte deswegen. Ich kümmere mich um alles und spreche auch mit meinen werten Kollegen. Aber Sie müssten es doch eigentlich wissen, mein lieber Mister Boromeo, alles wendet sich mit Stern zum Guten!“
„Nun was ist?“, platzte Abramowitsch grob in seine Gedankenwelt und trommelte mit den Fäusten auf den Tisch. Zum zweiten Mal an diesem Tag lüfteten sich bei Carl die Nebel. Er schrak auf:
„Ich gehe die Papiere durch, Otto, und telefoniere ein bisschen herum. Bis zum Abend haben Sie Bescheid!“
„Bis Mittag!“, brüllte Abramowitsch und schlug mit der flachen Hand auf den armen Tisch. „Bis Mittag!“
„Es ist unmöglich, gesicherte Abklärungen bis Mittag zu machen“, monierte Carl.
„Das Wort „unmöglich“ gibt es nicht im Wortschatz dieser Firma!“, bellte Abramowitsch. Leck mich doch am Arsch, dachte Carl und ging wortlos hinaus.
5
James Locklear, der smarte, graumelierte Frauenschwarm und Rohstoffhändler bei JP Morgan Chase in London und Zürich war ein Yuppie, wie er im Buche steht. Er arbeitete wochentags normalerweise an der Metal Exchange, der Rohstoffbörse in London. Seit vielen Jahren vertrat er auch die Interessen der Firma Finegood und arbeitete so auch beruflich eng mit Carl Boromeo zusammen.
Natürlich fiel es auch James seit dem heutigen Handelsbeginn auf, dass Strangguss-Aluminium offenbar im Begriff stand, in eine Baisse zu sacken. Auch um neun Uhr dreissig kannte dieses Handelsgut nur eine Richtung, und zwar die nach unten: Langsamer Fall wohlgemerkt, aber kontinuierlich ins Bodenlose fallend.
An den kleinen, aufbäumenden Verlaufskurven auf den Monitoren erkannte er den kläglichen Versuch einiger Händler, grosse Chargen aufzukaufen, so richtig zu klotzen, um den Preis zu stützen. Vergebliche Liebesmüh!
„Und dies ausgerechnet heute, wo ich Lose grosser Chargen auf den freien Spotmarkt werfen wollte!“, maulte er zwischen zusammengebissenen Zähnen. Schweiss perlte auf seiner Stirn.
„Lieferung, Abnahme, Bezahlung! Ein klassisches, schnelles, übliches und sicheres Kassageschäft. Auch diskret, aber eben, es hat halt heut nicht sollen sein! Wer ist mir da nur zuvorgekommen? Ist im momentanen Konjunkturverlauf, vor allem in Asien, atypisch, da doch vor allem China ungeheuren Appetit auf Alu hat?“
Sein wichtigster Kunde heute wollte nämlich auf andere Rohstoffe setzen, deren Voraussetzungen optimaleren und schnelleren Gewinn versprachen. James wurde auf diese Feststellung hin von sich aus aktiv und startete ebenfalls einen grossen Stützungskauf. Eine Art letzter Versuchsballon.
„Ich werde dies wohl oder übel in einem internen Ausgleichskonto umbuchen müssen, um es zu einem späteren Zeitpunkt wieder am Markt anzubieten. Freude daran wird Olav von Finegood nicht haben. Unbegreiflicherweise lässt sich der heutige Kurs einfach nicht beeinflussen. Offenbar haben da ein paar Herren die Hosen gestrichen voll.“
Voller Lust biss er in sein sündhaft teures Roastbeef-Sandwich, geliefert vom Delikatessengeschäft gleich um die Ecke, und wischte sich mit dem Handrücken die Sauce von den Lippen.
„Ah, diese Tartarsauce, die ist heute aber wieder heftig abgeschmeckt. Und das rosa Fleisch schmilzt geradezu auf der Zunge. Nächstes Mal muss ich David aber unbedingt beibringen, dass mehrere Fleischlagen einen besseren Biss bedeuten, und so der Geschmack besser zum Tragen kommt. Soll er ruhig mehr berechnen, ist mir furzegal. Aber fette Sahne muss es sein!“
Nach ein paar Blicken auf den Monitor und einem ganz langen Blick auf die vorbeizuckelnde Dame mit den monströsen Highheels und dem kurzen Mini wandte er seine Aufmerksamkeit wieder seinem aufwändigen Privatleben zu.
„Was soll ich heute Abend machen? Ich könnte mir mit Maggie das Musical Catwoman reinziehen, wär doch was! Und danach könnten wir bei mir noch ein gepflegtes Glas Wein trinken. Ich glaube, ich besorg mal schnell noch Karten.“
Eine Stunde vor Handelsschluss nahm er einen neuen Anlauf und starrte wie hypnotisiert weiter auf den Bildschirm. Die Preise fielen, plip, plip, plip immer weiter nach unten, unaufhörlich, unerklärlich.
„Wenn das so weitergeht, wird der Titel nächstens abgeläutet. Und dann wird es Ewigkeiten dauern, bis sich Spekulanten und Trittbrettfahrer wieder fassen und der Kurs sich einigermassen einpendelt“, meinte er halblaut mehr zu sich als zu seinem Nachbarn, der aber mit einem ganz anderen Problem zu kämpfen schien. James suchte intensiv nach Möglichkeiten und geriet zusehends unter grossen Zeitdruck.
„Aber allein die Industrien klassischer Schwellenländer sollten dies doch locker kompensieren, die Konjunktur läuft dort ja ganz passabel. Es ist zum Mäusemelken!“
Mit der Faust hieb er als unterstützende Massnahme kräftig auf den Tisch und erntete prompt einen giftigen Blick von seinem Nachbarn, der ihn vermutlich töten sollte.
„Womöglich steckt hier System dahinter, aber welches?“, nuschelte er entnervt und raufte sich die Haare. Aber auch ein James Locklear konnte nicht hellsehen. Entsprechenden Rat oder auch Trost wollte er sich bei seinem Börsenkollegen Benedict Sorento holen, der an der New Yorker Mercantile Exchange arbeitete. Dieser bestätigte ihm wenig später, dass auch in New York ein ihm offensichtlich nicht erklärbarer Kurszerfall aufgefallen war, der diesen aber nicht weiter zu beschäftigen schien.
„Wird morgen wieder steigen, James“, meinte er aufmunternd.
„Nimm’s nicht persönlich, lieber Freund, aber wie sagt man so schön: Neues Spiel neues Glück. Lass Dir gesagt sein: Nie passiert etwas zufällig, denn…. Oh sorry my dear, mein Blackberry meldet sich, James, man hört sich!“
„Dein Hemd steht dir aber heute näher als dein Kittel! Dein Augenmerk liegt offensichtlich mehr beim Weizen- und Zuckerpreis. Ist aber schon okay mein Lieber“, murmelte James resigniert und liess den Hörer kraftlos auf das Basisgerät fallen.
Einige Zeit lang starrte James bewegungslos Löcher in die Wände. Dann durchfuhr ihn urplötzlich ein Ruck. Als loyaler Händler informierte er jetzt per Mail die Firma Finegood mit Hauptsitz in London und Niederlassungen in Zürich, Wien, Rom, Paris und Bonn. Dann führte er persönliche Telefongespräche mit weiteren, hoffentlich nicht allzu aufgebrachten Kunden.
6
Die Mission war gut angelaufen, das Mutterschiff glitt still durch die ewigen Weiten des Alls. Grünfluoreszierendes Licht waberte um die Kommandobrücke. Zwei Wachoffiziere schwebten mit verschränkten Armen und ausdruckslosen Gesichtern schweigend vor zwei riesigen, farbigen Wänden aus Leucht-Dioden. Diese blinkten in verschiedenen Farben auf, aktualisierten unter anderem selbstständig die Reiseposition. Eine Unmenge weiterer Zusatzinformationen gliederten sich als Sekundärinformationen mit glucksenden Tönen unterschiedlicher Höhe an.
Transportable Monitore, kabellos verbunden mit einem Zentralrechner, standen an unzähligen Tischen und schmalen Stehpulten. In diesem Raum arbeiteten angestrengt zwei Dutzend Techniker und Ingenieure, und stimmten unzählige Apparate und Listen miteinander ab.
Die Kommandobrücke, ein Oktogon unerhörten Ausmasses, bot einen atemberaubenden Rundblick auf das lautlose, schwarze und kalte Nichts mit seinen Milliarden von Sonnen. Zwischendurch flimmerten zartschimmernde, bläuliche Spiralnebel ganzer Galaxien auf, Kometen schleppten schwer an ihren feurigen Schweifen, und geheimnisvoll rötliche Sonnen zogen majestätisch und still am künstlichen Horizont ihre Bahnen.
Uro fand heute in seiner klimatisierten, in sanften Pastellfarben gehaltenen und schwach erleuchteten Regenerationsbox einfach keine Ruhe. Zu viel ging ihm durch den Kopf. Tonnenschwer lastete der Druck als Missionschef eines Raumgleiters auf ihm. Vor seinem inneren Auge erschien der Planet Dwan: Ein Planet, ungefähr zwei Komma drei Millionen Lichtjahre vom Ziel seiner Mission, der Erde, entfernt, nahe des Andromeda Nebels. Alle dort waren Veganer und lebten in totaler Harmonie mit Flora und Fauna. Es gab keine Haus- oder Nutztiere, alle Lebewesen waren heilig und genossen als Teil der Schöpfung Respekt.
Seit Jahrtausenden waren sie nun Teil dieses perfektionierten Systems. Die vielleicht wichtigste Errungenschaft ihrer Kultur war das soziale Gefühl der Verbundenheit aller Bewohner.
Es gab, da auch auf Dwan niemand vollkommen war und jeder seine Meinung äussern durfte, hie und da Rückschläge. Wenn die Kontrahenten aber wieder auf die bewährte Spur der Gesellschaftsordnung einschwenkten, entwirrte sich der Knoten, und das Leben erschien jedem heller und schöner denn je zuvor.
Eine ökologische Katastrophe vor bald zweihundertdreissig Jahren wurde von einem gewaltigen Meteoriteneinschlag ausgelöst, der das Gleichgewicht des Planeten unweigerlich auf den Kopf stellte. Fast zwanzig Prozent der Atmosphäre verlor sich auf einen Schlag im Weltall. Diese physikalische Barriere konnte ab diesem Zeitpunkt nur noch unzureichend vor dem tödlichen Sonnenwind schützen. Das natürliche Magnetfeld des Planeten und alle elektronischen Apparaturen wurden dadurch schwer in Mitleidenschaft gezogen.
Ein gewaltiges Problem stellte der aufgewirbelte Staub in der Atmosphäre dar. Er konnte sich bei der ohnehin schon geringen Anziehungskraft nicht legen. Es gab, statt strahlender Tageswärme, nur eine diffuse Dämmerung. Dadurch wurde es immer kälter. Die Flora stellte nahezu das Wachstum ein, und es entbrannte ein Kampf um das Überleben eines jeden Pflänzchens.
Dank fortgeschrittener Technologie war man einigermassen imstande, sich weiterzuhelfen. Im All installierten Techniker riesige Spiegelflächen, die gittermässig angeordnet und untereinander vernetzt wurden. Dies diente dem Einfangen zusätzlichen Sonnenlichtes. Und damit auf Dwan deswegen keine Brände ausbrachen, bestückte man Spiegel mit Diamanten, um eine ausreichende Lichtrefraktion sicherzustellen. Die unvorteilhafte Bündelung des Lichts wich zugunsten gleichmässig verteilter Einstrahlung. Diamanten verfügen nebst erwünschter Lichtbrechung auch über ein exzellentes Wärmeleitvermögen, welches das Vorhaben zusätzlich unterstützt. Somit wurden zwei Probleme gelöst: Es gab wieder mehr Tageslicht, sowie Wärme für Wachstum der Biosphäre und Wohlbefinden seiner Bewohner.
Eine dringende Aufgabe wartete aber immer noch darauf, gelöst zu werden. In der Luft lag nach wie vor ein gelbrötlicher Dunst- und Staubschleier. Die Techniker fanden die Lösung, indem sie am Boden magnetisch aufgeladene und vom Sonnenwind isolierte Konverter aufstellten. Diese hatten die Aufgabe, den Staub in der Atmosphäre mittels eines künstlich erzeugten Kraftfeldes anzuziehen und zu absorbieren. Es war ein mühseliges Unterfangen, aber die Fortschritte liessen sich nach und nach sehen.
Daraus entstand eine neue Herausforderung: Die Diamanten- und Aluminiumvorkommen auf Dwan waren nahezu abgebaut. Die Silbervorräte hätten zur Not für die Herstellung von Spiegeln herangezogen werden können, aber man wollte diesen Schatz passender nutzen. Also musste ausserhalb Dwans nach neuen Möglichkeiten gesucht werden.
Auf der Suche nach geeignetem Rohmaterial stiess man auf den Planeten Erde, am Ende eines Spiralnebels der Milchstrasse gelegen. Hier hatte es schier unerschöpfliche Mengen von Aluminium, ohne dass deswegen die Ressourcen gefährdet wurden. Bei den Diamanten sah es schon schwieriger aus: Es werden auf diesem Planeten jährlich nur ungefähr zwanzig Tonnen natürlich gewachsener Diamanten gefördert, was kaum die Nachfrage deckt. Trotzdem bahnte sich eine Lösung ohne gravierende Schwierigkeiten für Dwan an, da man die Erde und das Verhalten seiner Bewohner von früheren Missionen her kannte.
Von der intergalaktischen Föderation erhielt die Mission endlich knapp vor der Abreise das Okay, das aber an klare Bedingungen geknüpft war: So wenig wie möglich in die Geschichte der Erde eingreifen, keine Lebewesen gefährden, moralisch vertretbare Entscheidungen treffen und weitere, standardisierte Auflagen. Uro würde den genauen Wortlaut bei Ankunft auf Erden erfahren und entsprechende Weisungen erteilen.
Um eine Expedition durchzuführen, hatte eine Vorhut bereits während Jahren Wissen und Funktionalität des Planeten Erde ergründet und zusammengetragen. Bei den irdischen Teilnehmern wurde bei gewissen Personen im Vorfeld bereits eine mentale Stimulanz eingeleitet. Somit hatte die Mission im eigentlichen Sinne schon längst begonnen.
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Schwarze Löcher für Raumfahrten zu nutzen ist eine hocheffiziente, wenngleich risikoreichste Methode, um Wege abzukürzen. Einer der Schwachpunkte ist, dass die Reiseroute nur rudimentär berechnet werden kann. Schon mancher Raumfahrer hat nie mehr zurückgefunden, und man weiss bis heute nicht, ob er vom Loch geschluckt, oder in eine Zeitdimension hinein geschleudert wurde, wo er die Orientierung verlor und nie mehr herausfand.
Eine andere Möglichkeit ist die Nutzung sogenannter „Wurmlöcher“, welche auch bekannt sind als „Krümmung des Raums“, also direkte Verbindungen zwischen zwei Punkten.
Konventionell sind Reisen mit Lichtgeschwindigkeit, wird aber höchstens zwischen Planeten angewandt, da dies trotzdem noch viel Zeit benötigen kann. Die Zielgenauigkeit kann aber verlässlich vorausberechnet werden, und wird nicht von den bekannten Belastungen der wechselnden Gravitationsfelder irritiert.
Bei einer Reise vom Andromeda-Nebel bis ins Milchstrassensystem bleibt nur die Alternative des Schwarzen Lochs mit all den unberechenbaren Gefahren. Es können psychische Schäden bei Lebewesen auftreten, physische Schäden an Raumschiffen entstehen oder, noch schlimmer, es kann elektronische Totalausfälle geben, um nur einige zu nennen.
Die Reise mit dem Mutterschiff ging ruhig vonstatten. Als das Mutterschiff sich besagtem Schwarzen Loch näherte, spürte man die steigende Anspannung der Techniker und Ingenieure. Die tägliche Routine war dahin, was jetzt kam, war die totale Herausforderung an Mensch und Technik. Eine eigenartige elektrische Spannung war fast mit den Händen greifbar. Alle fürchten die schier unerträglichen psychischen und physischen Schmerzen vor der Entmaterialisierung.
Tische und Stehpulte waren jetzt mit der operativen Mannschaft besetzt, ja es herrschte ein regelrechtes Gedränge. Auf der Kanzel mitten im Raum, die einen Rundumblick auf alle Mitarbeitenden erlaubte, standen der Kommandant und hohe Offiziere vor ihren farbigen Plasmawänden. Sie traten physisch direkt in Hologramme ein, um so mit anspruchsvollen Berechnungen und Lösungsvorschlägen die Vorgänge laufend verstehen zu lernen. Gleichzeitig übermittelten sie telepathische Anweisungen an ihre Untergebenen an den Pulten und Tischen, die wiederum ihre Geräte damit fütterten.
Unzählige bunte Lämpchen glühten auf den Monitoren, blinkten oder wechselten je nach Status die Farbe. Mit spitzen Fingern tippte jeder Logarithmen, Positionen oder Szenarien direkt auf den Bildschirm ein. Trotz geschäftigem Hin und Her war kaum ein Geräusch im Raum zu vernehmen.
Ein grosses, orangefarbenes Drehlicht an der mausgrauen Metalldecke leuchtete urplötzlich auf. Bewegliche Gegenstände wurden augenblicklich im Boden oder auf den Tischen verankert, Bildschirme, Tabellen und weiteres Material fügten sich wie mit Zauberhand in vorher verborgene Öffnungen ein. Alle nahmen auf gepolsterten Schalensitzen Platz. Die Rückenlehne wurde in die Vertikale eingeklickt, Fussgelenke und Stirn umfasste jetzt ein Mehrfach-Sicherheitsgurt, sodass der ganze Körper streng fixiert war. Es würde ruppig werden, das wusste jeder. Aber wie ruppig? Bewegungsfreiheit hatten jetzt einzig noch die Arme. Nach letzter Selbstkontrolle wurden diese in eine Art Vakuumröhre gesteckt, damit jedes Verletzungsrisiko vermieden wurde.
Seltsam eigentlich, dass ein Schwarzes Loch, aus genügend weiter Distanz betrachtet, nichts weiter als eine schwarze trost- und lichtlose Fläche, oder richtigerweise eine Tiefe im All darstellt, ein Nichts im Nichts. Trotzdem ist das Nichts Antimaterie mit einem gigantischen, magnetischen und absolut tödlichen Kern. Dieses Nichts ändert sich aber schlagartig, wenn man nahe genug an den Ort des Geschehens ist.
Durch die Panoramascheiben des Schiffs wurde jetzt langsam ein flacher, grauweisser und feiner Spiralnebel ungeheuren Ausmasses sichtbar. Zuoberst am Kelchrand hatte dieser alleine schon einen Durchmesser von vielen Lichtjahren. Dieses gefrässige Ungeheuer war ein rotierendes, sicher Millionen von Sonnenmassen schweres Loch mit enormer elektrischer Ladung, in das man bald hineinstürzen und sich dematerialisieren würde. In feinen Wirbeln war weit unten im Trichter sogar eine gleissendhelle, berstende Sonne zu erkennen, die einfach mitsamt ihrem Licht eingesaugt wurde. Etwas höher blaurötliche Gasnebel, die in langsamer Eigenrotation ihre Bahnen in die tödliche Spirale hinab zogen.
Anhand feiner Erschütterungen war allmählich spürbar, dass das Schiff ohne eigenes Dazutun schneller wurde. Der künstliche Horizont an den Apparaturen begann sich zu drehen, was mit der langsamen Rotation am Kelchrand des Lochs übereinstimmte. Die feinen Erschütterungen machten sich stärker bemerkbar.
Das Tempo des Schiffs nahm spürbar zu, und im gleichen Masse auch die Kraft der Erschütterungen. Die Rotation um die eigene Achse fühlte sich an wie ein Karussell mit steigender Drehzahl. Blickte man nach unten, schob sich jetzt ein gigantischer, ebenfalls um die Längsachse drehender und aufgestülpter Trichter ins Blickfeld. Am Boden, in unbestimmbarer Tiefe bereits gut sichtbar das alles verschlingende, tödliche Auge.
Gigantisch, unvorstellbar und faszinierend ist ein Anblick solch infernaler Kraft! Ganze Milchstrassen mit ihren Tausenden von Sonnen, Monden und Planeten kippen in ein solches System, werden geschluckt und nie wieder ausgespien - von einem Spielzeug wie diesem Mutterschiff erst gar nicht zu reden.
Das Tempo wurde horrend. Die Erschütterungen gingen wellenartig durchs Schiff, es schepperte und grollte wie bei einem Erdbeben. Die Körper der Raumfahrer wurden so brutal durchgeschüttelt, dass man um deren Leben fürchten musste.
Jetzt brach das Lichtspektrum der Farben. Farbschattierungen schienen verschmiert, Schwarz-, Violett- und Blautöne wurden zusehends hellblau und grünlich, dann fielen sie ins orange-, gelb-, und letztendlich ins Rotspektrum, bevor sie dann in grau-weissliche Töne zerfielen und sich völlig auflösten. Das Loch fordert alles Licht und Farbe für sich, setzt alle bekannten physikalischen Gesetze ausser Kraft.
Sogar die Luft drohte zu bersten. Sie wurde von Atemzug zu Atemzug dick und dicker, und mutierte wie Licht und Farben zu einem schmierig grauen Etwas. In den Ohren brauste und sauste es den armen Raumfahrern wie beim ärgsten Orkan. Jeder Atemzug wurde zum brutalen Ringkampf mit entfesselten Gewalten.
Als Passagier nimmt man all diese Phänomene nur noch traumartig und unbeteiligt wahr. So, als ob man gar nicht mit von der Partie wäre. Wie in einer Disco mit Stroboskop, in dessen Licht sich Tanzende ekstatisch und ruckartig bewegen; irgendwie irreal und entrückt.
Raumschiffe sind dem gigantischen Gravitationsfeld des Lochs mit seinen enormem Drücken und Verdrehungen entlang der Längsachse schutzlos ausgeliefert. Protonen- und Neutronenteilchen der Atomkerne beginnen die Bahn und ihre spezifische Ladung umzukehren.
Das eigene Gravitationsfeld des Mutterschiffes muss bis zu einer gewissen Gradstärke hinaufgefahren werden, um druckstabil gegen aussen zu bleiben. Dann kam der exakt errechnete Zeitpunkt, wo die eigene elektrische Ladung der Atomkerne umgekehrt werden musste, um dem immer höher werdenden Aussendruck die Angriffsfläche zu nehmen. Da auch Bordelektronik bei Umkehr der Ladung atomarer Struktur naturgemäss ausfällt, werden Manöver ab einem gewissen Zeitpunkt manuell von mehreren Offizieren gleichzeitig ausgeführt. Es liegt in der Natur der Sache, dass der eine oder andere dabei ohnmächtig wird. Eine Fahrt durch ein Schwarzes Loch ist stets eine Zerreissprobe auf Messers Schneide für Crew und Schiff. Man überlässt es jetzt alleine der Höheren Macht, ob man dies überlebt oder nicht.
Ab hier wird die Mannschaft zum reinen Betrachter degradiert, die dem Geschehen nur noch hilflos zuschauen kann, unfähig, eigene Gedanken zu produzieren.
Rote Schockwellen prügeln jetzt wie Laserknüppel auf das geistige Auge ein. Der Körper krampft sich scheinbar auf Erbsengrösse zusammen, um sich dann in einem gewaltigen Knall mit gleichzeitigem Lichtblitz zu entladen.
Alles läuft jetzt verkehrt rum; man fliegt nicht mehr, sondern der Raum selber stürzt auf einen zu, man fühlt sich nicht bleischwer, sondern schwebt befreit im Nirgendwo. Chemische Denkprozesse sind völlig ausgeschaltet, Schmerzen hören auf zu existieren. Wohin man jetzt geistig auch schauen mag: Es scheint dem Betrachter viel weisser, durchsichtiger, unwirklicher, schemenhafter, entrückter. Und auch trostvoller. Schmerzlos implodiert das Gehirn. Von einem Moment zum andern ist das Individuum nicht mehr existent. Es ist aufgelöst im Nichts. Erstmals körperlos und frei. Getrennt von Geist und Seele. Ziellos im All umhertreibend. Nur noch lose verbunden mit dem lebenswichtigen Silberband. Und der Hoffnung, dass dieses nicht reissen möge ……..
8
Irgendwo, in sicherer Distanz zum Gas- und Eisplaneten Uranus, drehte das Mutterschiff seine einsamen Runden. Fünf Expeditionsteilnehmer lagen in speziellen Körperumwandlungskabinen, die an überdimensionale Brutkästen erinnern, um den Umformungsprozess zum Erdenmenschen erlernen zu können. Das bereits bekannte Wissen über den Planeten Erde samt Bewohner wurde in ihre persönliche DNS eingespeichert.
Die Aufwachperiode war eben just angebrochen, und die Missionsteilnehmer gingen stumm die letzten Stunden vor dem Flug zur Erde durch. Was ab jetzt zählte, war nur noch die Mission.
Nacheinander verliessen sie die Kabinen. Im Gemeinschaftsraum tauschten sie sich untereinander aus, zuerst zögerlich, dann immer sicherer in der ungewohnten Sprache der Erdenbürger. Menschliche Gestalt hatten sie noch nicht angenommen, sie war ihnen noch zu befremdlich. Etwas später kletterten sie gemeinsam in den Gleiter. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Der Missionschef und Pilot gab die Koordinaten unter Berücksichtigung aller benutzbaren Zeitfenster ein.
Raumfahrer nutzen in Planetennähe natürlich vorkommende, jedoch stetig wechselnde Gravitationsfelder, die eine Art Zusatzschub auslösen und die Reisezeit wesentlich verkürzen. Ungenutzte Zeitfenster verunmöglichen die Benutzung dieser Gravitationsfelder, und ein neues Zeitfenster muss gesucht und berechnet werden, falls denn überhaupt eines zur Verfügung steht. Eine konventionelle Reise vom Uranus zur Erde würde viel zu langen dauern.
Später, als sich der Raumgleiter Richtung Erde bewegte, heiterte sich die angespannte und etwas trübe Stimmung auf. Die Mission lief wie geplant. Alle hatten menschliche Körper angenommen. Sozusagen als Probe für den Ernstfall. Uro summte zufrieden vor sich hin. Seine Tochter Eclipse liess sich davon aber nicht anstecken. Sie sass etwas seitab und hantierte an ihren Apparaturen. Als Biologie- und Chemiewissenschaftlerin bereitete sie unterdessen umfangreiche Testreihen vor. Diese galten vor allem der Atmosphäre, dem Schwerkraftfeld und dem Wärmehaushalt der Erde. Verschiedene Peripheriegeräte mussten noch an den etwas anderen Druck der Erde angepasst werden.
Zenaco rumorte im hinteren Teil des Gleiters. Als gewiefter Bordingenieur und Mann für alles überprüfte er nochmals den gewählten Landeplatz. Momentan hatte er aber andere Probleme. Er kniete vor einer grossen Öffnung in der Bodenplatte des Gleiters, die Hände in die Seiten gestemmt, und starrte hypnotisierend auf das Innenleben der Landekonstruktion.
„So eine Sauerei“, schimpfte er, und es hörte sich schon ganz menschlich an: „Eines der Landebeine klemmt, und keiner hat sich im Vorfeld darum gekümmert. Bei einer Mission wie dieser sollten wir uns wirklich nicht mit Steinzeittechnik herumschlagen müssen.“
Nimroy als junger, ambitionierter Arzt und Heiler warf einen ärgerlichen Blick auf Zenaco, da er sich in seinen Gedankengängen gestört fühlte. Mit der Zunge schnalzend, wandte er sich wieder seinem Bildschirm zu, und brütete über differenzierte Studien des menschlichen Stoffwechsels.
Beria, eine begnadete Seherin und Medium, sass mit geschlossenen Augen kerzengerade wie eine Salzsäule auf ihrem Stuhl, die Hände auf ihre Oberschenkel gelegt. Sie schien vollkommen entrückt. Unvermittelt öffnete sie ihre ausdrucksstarken Augen und beugte sich zu Nimroy hinüber:
„Ich hatte soeben Kontakt mit dem Universellen Grossen Rat Der Ahnen: Die gute Nachricht zuerst: Unsere Mission steht unter einem guten Stern. Alles fügt sich, wie es sich fügen soll. Jedoch haben wir ein grosses Problem: Mit unserer Nahrung stimmt etwas nicht. Ich weiss noch nicht, was es ist, aber ich fühle die grossen Schwierigkeiten und bin sehr, sehr beunruhigt.“
Nimroy blickte sie entgeistert an, herausgerissen aus seinen tiefgreifenden Gedanken, und meinte dann etwas genervt:
„Na was soll denn das jetzt wieder? Diese wird wohl nicht anders schmecken als früher schon. Wenn du aber darauf bestehst, werde ich mich später darum kümmern. Aber erst nach meinen Recherchen, und das braucht Zeit. Es ist zwar die ganz profane Angelegenheit der Erdenmenschen, aber in Zukunft wohl auch für uns von essenzieller Wichtigkeit!“
9
Carl Boromeo war nach einem langen Arbeitstag und einer noch längeren Abendsitzung abgespannt und hundemüde. Eigentlich zu müde, um überhaupt noch heim zu fahren. Und gegessen hatte er auch noch nichts. Tanja würde sicher schon zu Bett gegangen sein, schätzte er, und bestimmt keine Lust haben, ihn noch zu bekochen.
Auf der Heimfahrt entspannte er sich bei klassischer Musik. Nach einer weiteren Zigarette kam ihm die Idee, beim Fressbalken, einer Autobahnraststätte, etwas zu essen. Gesagt, getan: Bei einem scharfen Rinds-Tartar fühlte er langsam wieder Lebensgeister in sich aufsteigen.
„So, und jetzt nichts wie ab nach Hause!“ Wenige Autobahnkilometer weiter nahm er die Abfahrt und etwas später eine Wegabkürzung durch ein Wäldchen. Er fuhr hier gerne nachts, es war friedlich und verkehrsfrei. Die beste Gelegenheit, dem vergangenen Tag noch etwas nachzusinnen:
Natürlich hatte sich an der Diamanten- und Rohstoffbörse nichts Konkretes ergeben. Das ständige Sinken des Diamanten- und Aluminiumpreises konnte sich, trotz verzweifelter Erklärungsversuche, keiner der Spezialisten plausibel erklären. Carl hatte solches auch nicht erwartet. Kursstürze dieser Art gab es immer wieder, sie hatten eine Vorgeschichte, die man, wenn überhaupt, nur in der Branche kennt. Und diese ist verschwiegen. Wer pinkelt sich denn schon gerne auf die eigenen Schuhe?
Trotzdem war es auch für Carl als Nichtmakler schwierig, dies richtig einzuordnen und mit dem nötigen Fingerspitzengefühl in die Sitzung einzubringen. Abramowitsch hatte eingangs getobt, musste aber einsehen, dass das Problem momentan so nicht aus der Welt zu schaffen war. James, der heute extra hergeflogen und trotzdem viel zu spät ankam, hatte ihm, Carl, danach in ruhiger Art und süffisantem Unterton börsenkundige Nachhilfestunden gegeben. Abramowitsch telefonierte während der Sitzung längere Zeit mit CEO Dr. Arthur Miller vom Hauptquartier in London, sowie mit Sir Steven Bold als Verwaltungsratspräsidenten von Finegood International Ldt. Anfangs tönte seine Stimme noch laut und nervig, wurde dann aber kleinlaut und endete mit „Ja, Sir! Selbstverständlich, Sir, und danke vielmals, Sir!“
Jetzt in der Runde aber drehte er wieder auf:
„Dies ist jetzt zur Chefsache erklärt worden. Ich darf annehmen, dass mich alle unterstützen, Lösungsansätze aktiv in die Tat umzusetzen, und so weiter und so fort. Vor allem auf Sie, Carl, warten Spezialaufgaben. Bereiten Sie mir keine Schande. Jetzt können Sie zeigen, was Sie draufhaben. Wäre ja gelacht, wenn ich das Problem nicht in den Griff bekäme!“
Der hochaufgeschossene Verkaufschef Waldemar Köpfli als ehemaliger Diamanten- und Rohstoffexperte gab ebenfalls noch seinen Senf in ätzendem Baslerdeutsch. Und Ernesto Koller als Kommunikationsbeauftragter leckte seinem Chef mit brauner Zunge nach. Sie waren einhellig der Meinung, dass etwas getan werden müsse. Aber das war auch schon der einzige gemeinsame Nenner.
Carl realisierte im Radio das Nachrichtensignet und drehte etwas lauter auf. Die Nachrichten rieselten so durch. Dann plötzlich stockte ihm der Atem:
„Da! Schon wieder! Was ist das bloss?“
Vor ein paar Momenten schon war ihm ein weisses Scheinwerferlicht in den Baumkronen aufgefallen. Es zuckelte zwischen Bäumen und Büschen herum, fiel zwischendurch auch mal auf die Strasse. Carl verkrampfte sich:
„Was soll denn das?“
Vielleicht fünfzig Meter vor ihm setzte ein rundes, hellweiss- und lichtdurchflutetes Ungetüm mit sirrendem Geräusch mitten auf der Strasse auf. Es tauchte seinen Wagen in grellstes Scheinwerferlicht. Carl trat mit aller Kraft auf die Bremse. Zeitgleich würgte es ihm den Motor und das ganze elektrische System ab.
Vom gleissendem Licht geblendet und mit brennender Zigarette im Mundwinkel stieg ihm vom Bauch her Richtung Kopf eine heisse Wahnsinnspanik auf. Klebriger Schweiss trat aus. Er hatte schon von ähnlichen Situationen gelesen, dem Ganzen aber nie eine besondere Bedeutung beigemessen.
„Ich? Nun also ich? Nein, lieber Gott, lass es nur ein Traum sein. Sicher nur ein Traum. Gleich ist es vorbei!“
Es ging nicht vorbei. Dem Ersticken nahe, zerrte er an der Krawatte und löste mit einer Hand den obersten Knopf des Hemdes, um Luft zu bekommen. Er zwinkerte noch zweimal mit den Augen, aber es änderte sich nichts. Ihn überfiel heftige Übelkeit und ein traumhaftes, starkes Gefühl, als sitze er schon ewig hier im Auto und beobachte diese Szene.
Plötzlich glaubte er zu bemerken, wie sich am Riesending eine Luke oder so etwas Ähnliches öffnete. Wie von Geisterhand schob sich eine schmale Rampe langsam zu Boden. Einen Wimpernschlag später stand eine weissbeleuchtete, fast schon durchsichtige Gestalt in der Öffnung.
Carls Nackenhaare sträubten sich jetzt, der Schweiss rann in den Nacken. Langsam bewegte sich die Kreatur, oder was auch immer es sein mochte, über die Rampe in Richtung Strasse. Er blinzelte nochmals, dann überkam ihn neues Grauen: Die Gestalt lief nicht, nein, sie schwebte. Einfach so!
Sein Puls raste hart, er hatte das Gefühl, dass sein Herz gleich zerspringen müsse. Keuchend, und mit aufgerissenen Augen rang er nach Luft, unfähig, auch nur den kleinsten Finger zu rühren. Carl konnte trotz tränender Augen seinen Blick nicht davon wegbewegen. Er fokussierte sich krampfhaft auf die Gestalt, die da langsam, aber stetig auf ihn zu schwebte. Neue Panikattacken schüttelten ihn durch. Er krallte sich noch fester ans Lenkrad. So, jetzt konnte er es deutlich sehen: Die dunkeln, übergrossen Augen im kalkigen, haarlosen und unbewegten Gesicht. Den Körper, eingehüllt in einen beigen, fast bodenlangen offenen Mantel mit hohem, steifen Stehkragen mit Zacken. Unter dem Mantel enge, blendend weisse Hosen. Eine Art Stiefel mit komischen Verzierungen staken an den Beinen. Ein rüschenartiges, goldbedresstes und ebenfalls helles Hemd deckte den schmalen Oberkörper. Ein dunkler, breiter Gürtel hielt schliesslich die ganze Figur zusammen.
Carl fehlte jegliches Zeitgefühl. Er wusste nicht warum, aber jetzt spürte er das dringende Bedürfnis, auszusteigen. Wie in Trance öffnete er lethargisch die Autotür, und dies ohne den Blick von der grausigen Szene abzuwenden.
Ein paar Meter vor ihm hielt die hochaufgerichtete Kreatur nun plötzlich inne. Sie bannte ihn ohne jegliche Gesichtsregung. Jetzt fühlte es sich in seinem Gehirn an, als ob diese in sein Innerstes hineinkriechen würde. Es löste einen Wasserfall an verschiedenen Gefühlsregungen aus, ungeordnet, ungebändigt, ungefragt. Nach einer Ewigkeit, so schien ihm, kam etwas Ordnung ins Chaos, und ihm war jetzt, als verstünde er, was die Kreatur sagen wollte. Oder tönt nur meine innere Stimme so, ging es ihm durch den Kopf. Carl wollte sich in seinem Leben nie auf eine innere Stimme einlassen, dafür war er viel zu sehr Zahlenmensch. Und wie sollte er eine Antwort geben? Sollte er reden? Oder besser nur denken? Oder beides?
„Was hat die innere Stimme jetzt gleich gefragt?“
Carl war sich plötzlich seiner weichen Knie und der allgemeinen Schwäche bewusst und hielt sich einhändig an der Wagentüre fest. Die Übelkeit verstärkte sich, und er hätte sich am liebsten übergeben. Er versuchte, sich auf die innere Stimme, oder was es sein mochte, zu konzentrieren, und glaubte etwas zu hören wie:
„Komme morgen um eins in der Früh hierher. Alleine. Wenn du nicht kommst, holen wir dich von zu hause ab!“
„Morgen, um eins in der Früh, jaja“, echote Carl mit dünner, brechender Stimme. Wie ein Depp kam er sich dabei vor, gab sich aber Mühe, sein Gegenüber etwas genauer zu betrachten.
Im wächsernen Gesicht der Kreatur regte sich kein Muskel, er las darin keine Zustimmung, keine Regung oder sonstiges. Nur ernste, unergründliche Augen lasteten wie Blei auf ihm. Carl schaute weiterhin in das leicht bekümmerte Gesicht wie ihm schien, und versuchte, sich jede Unebenheit einzuprägen. Minutenlang, stundenlang, ganze Ewigkeiten.
Irgendwann erschreckte er sich wie ein Nachtwandler. Mutterseelenallein stand er auf der dunkeln Waldstrasse.
„Alles weg? Wie weggepustet, oder soll ich sagen wie ausgeknipst? Unglaublich, ich erinnere mich nicht, dass es zurückschwebte oder gar wegflog?“
Als Carl wieder einigermassen bei Sinnen war, zündete er sich mechanisch eine Zigarette an, stieg ins Auto und drehte am Zündschlüssel. Der Motor sprang an, und zu seiner Verblüffung funktionierte auch Licht und Radio. Langsam, und mit gütiger Unterstützung des neuen Nikotinschubs beruhigten sich seine Nerven etwas.
„Was war das? Bin ich denn reif für die Klapse?“
Aufgewühlt fuhr er langsam aus dem Wald, immer wieder angstvoll zum Himmel blickend, aber dort tat sich nichts. Kurze Zeit später drückte er die Fernbedienung seiner Aussengarage und war dafür nie dankbarer als heute. Rundum lagen die Häuser im Dunkeln, ein paar Strassenlaternen verbreiteten trübes Licht. Irgendwo bellte ein Hund.
10
Im Wohnzimmer getraute sich Carl aus diffusen Gründen nicht, Licht zu machen. Im Halbdunkel goss er sich zitternd einen dreistöckigen Whiskey ein, und leerte diesen in einem Zug. Einen vierundzwanzigjährigen Oban Single-Malt, gelagert und liebevoll gepflegt im Eichenfass, für die momentane Situation aber völlig unbedeutend. Im bequemen Hochlehner einer beigen deSede Leder-Polstergruppe versuchte er, Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Er goss nach und warf automatisch einen Blick auf seine Rolex. Und erschrak:
„Was? Das kann doch nicht sein! Es ist halb zwei? Wenn ich mich richtig erinnere, hörte ich doch die elf Uhr Spätnachrichten?“
In beklemmender und angstvoller Stimmungslage versuchte er verzweifelt, sich einen Überblick der vergangenen zweieinhalb Stunden zu verschaffen. Halblaut murmelte er:
„Das heisst im Klartext, ich habe zweieinhalb Stunden gebraucht, um rund drei Kilometer im Auto zurückzulegen? Aber was ist zwischenzeitlich passiert, mal vom Erscheinen dieser Kreatur abgesehen?“
Er ordnete dies mit vielleicht zwanzig Minuten ein, vielleicht auch etwas weniger.
„Und der grosse Rest? Jetzt glaube ich langsam, dass ich tatsächlich so etwas wie Zeit verloren habe? Ja wenn man Zeit überhaupt verlieren kann?“
Diese Erkenntnis liess ihn erschauern. Die verloren geglaubte Zeit war ähnlich einem Loch im Gehirn und nichts, aber auch gar nichts fiel ihm dazu ein.
„Und was hat dieses Monster gesagt? Morgen um eins in der Früh? Nein, nein, das habe ich mir bloss eingebildet. Vermutlich eine Fehlreaktion meines Gehirns. Weiter nichts.“
Carl war sich trotzdem nicht ganz sicher und überlegte weiter:
„Ich könnte flüchten? Ja könnte ich. Morgen. Mit dem Flieger nach London. Sie würden mich sicher nicht finden. Früher oder später vielleicht doch? Und dann? Soll ich vielleicht Tanja vom Vorfall erzählen? Nein, die würde mich auslachen, und ich müsste mir dies jahrelang wieder und wieder anhören. Ein Burnout Syndrom? Nein. Bestenfalls würde sie meinen Hausarzt ins Vertrauen ziehen, und darüber tratschen wie über einen armen Irren. Nein, sie kann ich nicht ins Vertrauen ziehen. Die Sache alleine durchstehen? Ja, durchsitzen, absitzen, wie auch immer. Aber alleine!“
Eine Zigarette später verliess ihn der Mut. Und nach dem Einschenken eines weiteren Single-Malt kam er zum Entschluss, dass er eine Entscheidung für heute vertagen musste:
„Gedanken und Probleme lösen sich manchmal von selbst, man muss nur die nötige Distanz wahren. Ich beende jetzt augenblicklich dieses idiotische Brainstorming, und hau mich in die Pfanne.“
Schlafen konnte er trotz des vielen Alkohols nicht. Seine Gedanken liessen ihn sich hin und her wälzen. Die Dämmerung hatte schon eingesetzt, als er endlich einschlief. Heute sollte sich Carl zum ersten Mal seit langer Zeit verschlafen. Und Tanja war da keine Hilfe.
11
Geweckt wurde Carl dann von Ramon, Tanjas kleinem Sohn aus erster Ehe. Noch halb im Schlaf schaute er sich verwirrt um und brauchte einen Moment, bis er seine Sinne wieder beisammen hatte. Ein Blick auf die Uhr liess ihn dann entsetzt feststellen, dass es zehn Minuten nach acht war. Mit einem Satz war er aus dem Bett und im Bad unter der Dusche. Der kalte Strahl versetzte ihn in einen wachen Zustand. Damit zeigten sich aber auch wieder die Schrecken der vergangenen Nacht.
Tanja bequemte sich schliesslich doch noch ins Badezimmer und erkundigte sich schmollend nach seinem Befinden, und dem langen Ausbleiben von gestern Abend.
„Wenigstens anrufen hättest du können!“ meinte sie strafend.
„Ich bin es ja gewohnt, dass du zu allen Tages- und Nachtzeiten nicht erreichbar bist, aber heutzutage hat doch jeder ein Handy. Ich habe nach elf Uhr versucht, dich zu erreichen. Da du das Handy aber abgeschaltet hast, vermutete ich, dass du eine Sitzung hättest.“
Und dann folgte die typische Frauenlogik, die Carl so hasste:
„Du hast auffällig viele Sitzungen in letzter Zeit? Wann bist du denn überhaupt nach Hause gekommen?“
Carl murmelte etwas von halb eins, und war plötzlich sehr pressant.
„Bin dafür heute früh zum Nachtessen da. Muss später dann nochmals weg. Eine Besprechung mit einem Kunden, du weisst ja. Ich muss ihn am Flughafen abholen. Wird wieder spät heute, Tanja. Sehr spät!“
„In letzter Zeit ist es immer etwas gar spät geworden, Carl!“ meinte Tanja gedehnt mit einem Unterton, der nichts Gutes verhiess:
„Nicht dass du mir aber was verheimlichst, gell?“
Carl verwarf die Arme. Die Gestik sollte wohl ausdrücken, dass ihn für die langen nächtlichen Einsätze keine Schuld treffe, und er nichts, aber auch gar nichts anderes getan habe, als seine Pflicht der Firma gegenüber. Später, auf der Fahrt in die Firma, konzentrierten sich seine Gedanken wieder auf die gestrige Nacht und den kommenden, nächtlichen Horror von heute Abend:
„Soll ich wirklich zum vereinbarten Treffpunkt gehen? Und wenn nicht? Die werden mich wohl kaum aus dem Bett schleppen. Zeter und Mordio würde ich schreien, jawohl!“
Und er gestand es sich jetzt selber ein: Diese besitzergreifende, kalte Heidenangst vor der unbekannten Kreatur, die ihn so spät noch sehen wollte. Es plagte ihn wie einen Verurteilten vor der Exekution. Jede Sekunde. Er konnte nichts anderes denken und hatte überhaupt grösste Mühe, sich auf sein Tagwerk einzustellen. Auch der Nachmittag schlich so träge dahin; es wollte und wollte nicht Feierabend werden. Um zehn Minuten nach fünf schliesslich hielt er es nicht mehr aus. Die meisten Mitarbeiter hatten ohnehin schon Feierabend gemacht.
So konnte auch er sich getrost wegschleichen, ohne dass es von allen Seiten hiess: Oh Carl, stecken Sie noch tief in der Arbeit, oder machen Sie gleich Feierabend? Sonst hätt ich da noch eine Kleinigkeit, wenn Sie erlauben?
Oder auch die Bemerkungen einiger Kollegen: Ja, ja, typisch Boromeo, der kommt morgens spät und verreist dafür abends zeitig. Carl hatte immer schon etwas Schwierigkeiten gehabt mit seiner Funktion als Geschäftsleitungsmitglied, und als gleichzeitiger Mitarbeiter unter Arbeitskollegen. Diesen Spagat zwischen Leitungsfunktion und kollegialer Atmosphäre machte ihm auch heute noch zu schaffen.
Auch hörte er im Geiste seine Kollegen mit einem geflügelten Zitat lästern: Mitarbeiter kommen meistens zu spät zur Arbeit, dafür gehen sie am Abend zu früh nach Hause, Kaderleute sind schon beim Morgengrauen im Betrieb und verlassen ihn erst, wenn gute Bürger längst schlafen. Als Geschäftleitungsmitglied war er eigentlich nur wegen einer spezifischen Weiterbildung angefragt worden. Aktiv beworben hatte er sich nie darum. Er fühlte sich einfach unwohl unter klassischen Kaderleuten. Dieses elitäre Getue dort war ihm einfach zuwider und zu aufgesetzt. Nein, er wollte jetzt und sofort auch nach hause. Ohne schlechtes Gewissen.
Tanja erwartete ihn bereits ungeduldig und voller Tatendrang an der schön gedeckten Tafel inmitten grünen Rasens. Sie hatte sein asiatisches Lieblingsessen gekocht und fragte ihn in aufreizender Pose, mit einem verschämten Knicks wie anno dazumal:
„Darf ich dem gnädigen Herrn des Hauses beschreiben, was ich für ihn gekocht habe? Zum Apéro gibt es einen lauwarmen japanischen Sake, der hervorragend zum ebenso lauen Sommerabend passt. Dann als Entrée ein Kokossüppchen mit viel Lemon-Gras und Saft, einer Extraportion Shitaki-Pilzen, und genügend Kokosmilch mit vielen frischen Kräutern und höllisch scharfen Gewürzen. Zum Hauptgang gebratenen, und herrlich klebrigen Thaireis mit buntem Streifengemüse und feingeschnittenem Rindfleisch an dunkler Sojasosse. Alles ganz schön scharf mit viel frischem, geraffeltem Ingwer und scharfen Chilischoten. Zum Dessert kredenze ich gebratene, gewürfelte Ananas und Bananen, mit etwas Alkohol parfümiert, und einer Kugel Vanilleeis. Ein wahres Festessen, fürwahr, und ganz zu Ihren Ehren!“ strahlte Tanja gutgelaunt.
Carl gab sich grösste Mühe, gesprächig und in aufgeräumter Stimmung zu sein, war aber offenbar doch einsilbig und wider Erwarten überhaupt nicht hungrig.
Tanja nahm plötzlich Carls beklemmende Stimmung wahr, und schraubte einen Gang zurück. Sogar Ramon merkte, dass irgendwie etwas nicht war wie sonst. Carl hatte immer schon ein ausgesprochen gutes Verhältnis zu ihm. Wenn er auch nicht der leibliche Vater des Kindes war, so unternahm er als verantwortungsvoller Ersatzvater alles für das Wohl seines kleinen Sohnes. Doch heute war ihm gar nicht ums Spielen.
Tanja erkundigte sich vorsichtig, ob er wieder Ärger im Büro gegeben hätte. Carl schüttelte nur stumm den Kopf. Verwundert stellte Tanja im Weiteren fest, dass er sich nur einen halben Nachschlag holte.
„Carl? Es ist doch was, oder?“
„Nein“, antwortete Carl gequält, „Ich habe einfach heute keinen Appetit, vielleicht ist es der stete Druck in der Firma, Abramowitch spinnt ja auch von Tag zu Tag mehr. Vielleicht sind es auch nur die Magennerven, du weisst ja. Ich bräuchte dringend ein paar Tage Urlaub, es wird mir langsam alles etwas zu viel. Wir könnten vielleicht nächstes Wochenende schnell mal einen Abstecher nach Rom machen? Du warst ja noch nie dort. Ich könnte am Freitagnachmittag in der Niederlassung beim Kolosseum in der Via di Fori Imperiali rasch reinschauen, und so das Nützliche mit dem Schönen sinnvoll zu verbinden, ja?“
Tanja blühte sichtlich auf, fand die Idee fabulös und freute sich einfach wie ein Teeny. Beim Kaffee aber versank Carl wieder mehr und mehr in einen lethargischen, unzugänglichen Zustand. Zwischendurch schaute er verstohlen auf die Uhr. Dunkelheit überlagerte langsam schwindendes Tageslicht. Carl wurde unruhiger. Nach einem tiefen Durchschnaufer meinte er unvermittelt:
„Ja dann mach ich mich mal auf den Weg!“
Tanja schaute ihn verwundert an:
„Aber Carl, ist es nicht noch arg früh?“
Dieser aber ging nicht auf den Einwand ein. Mit einem Dankeskuss verabschiedete er sich, entschuldigte sich zum wiederholten Male und gab vor, heute einfach nicht auf der Höhe zu sein:
„Ich werde so um zwei zu hause sein, suche mich aber bitte ja nicht übers Handy!“
12
Carl fuhr aufgewühlt und ziellos durch die nähere Umgebung, und suchte sich einen diskreten Platz, wo er ungestört seinem Gedankenchaos nachhängen konnte. Von Minute zu Minute ergriff die innere Unruhe von ihm mehr und mehr Besitz. Seine zittrigen Hände wurden zusehends schweissnass. Die Zeit trödelte endlos. Von der benachbarten Turmuhr schlug es behäbig elf, dann endlich zwölf.
Carl hielt sich krampfhaft zurück, um dann um halb eins endlich an den vereinbarten Platz zu fahren. Der Wald schien jegliches Licht zu schlucken. Es war still geworden, sogar der leichte Nachtwind war eingeschlafen. Nur die Grillen zirpten ihr eintöniges Lied der Paarung. Carl parkte erstmal in einer kleinen Strassenausbuchtung.
„Da! War da was?“ Carls Nerven flatterten. Ein weisses Licht funkelte durch den Wald, züngelte mal in diese, mal in jene Richtung. Schweiss trat auf seine Stirn. Mit aufheulendem Motor bog ein Cabriolet mit winkenden und kreischenden Partygängern um die Ecke. Der grollende Bass der Hightechanlage machte bumbumbumbum. Sekunden später schluckte der Wald Licht und Bass. Vorbei der Spuk. Kühle senkte sich herab.
Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er noch immer zehn Minuten zu früh war. Schon beim blossen Gedanken an das Kommende wurden seine Hände feuchter und so klamm wie bei einem Primaner, der sein erstes Date mit der Dame seines Herzens hat. Er fuhr jetzt noch ein Stückchen weiter bis zur vereinbarten Stelle und parkte. Die offenen Fenster brachten wenigstens etwas Kühlung auf die schweissglänzende Stirn.
„Tock, tock, tock!“, klopfte es urplötzlich aufs Autodach. Jedenfalls glaubte Carl, dies so zu hören, und krampfte sich instinktiv zusammen. Mit eingezogenem Kopf äugte er wie ein verängstigtes Reh hektisch nach allen Seiten. Er konnte niemanden sehen, auch nicht im Rückspiegel. Zögerlich öffnete er die Tür und zog den Schlüssel ab.
Mit einem heftigen Ruck stand er dann endgültig mit beiden Beinen auf der Strasse. Und wäre beinahe einem Schreikrampf verfallen: Da, links vor ihm, fünf sechs Meter im Gebüsch, schwebten drei Kreaturen mit unbewegtem Gesichtsausdruck und verschränkten Armen vor der Brust.
Haben die schon lange auf mich gewartet? Mich womöglich im Wagen beobachtet? Allenfalls gelächelt ob meiner Nervosität und Angst?
Carl stand da mit geweiteten Augen und zur Salzsäule erstarrt. Da löste sich eins der Wesen langsam aus der Gruppe und schwebte bis auf zwei Meter an ihn heran.
Carl konnte gerade noch einen Aufschrei unterdrücken. Seine Hirnwindungen begannen nun ohne sein zutun zu arbeiten: Alte, längst vergessen geglaubte Erinnerungen nahmen Gestalt an, und drehten sich vor seinem inneren Auge wie ein dreidimensionales PC-Programm. Erfahrungen wurden wie schwere Steine aus klebrigem Matsch ausgegraben. Und ein Gefühl war dies! Wie wenn ausverkaufswütige Hausfrauen ein kunterbuntes Angebot mit gierigen Händen nach fehlerhaften Stellen abtasten würden.
Offenbar hatte die Kreatur jetzt gefunden, wonach sie suchte, und das Gehirn fiel wie ein nasser Lappen in die Hirnschale zurück. In Carl stiegen jetzt zwingende Gefühle auf, irgendwohin gehen zu müssen. Richtig kombiniert. Auch zwei der Kreaturen schwebten zügig Richtung naher Waldlichtung. Die Dritte, vielleicht als Nachhut gedacht, liess Carl gleichzeitig merken, dass eine plötzliche Flucht im Keine erstickt würde.
Die Waldlichtung war mit niederen Gehölz und allerlei Dornenzeug bewachsen, das sich im Dunkel nicht näher erkennen liess. Geschätzte hundert Meter mass der fast kreisrunde Platz. Der klare Sternenhimmel schien heute geheimnisvoll kalt und abweisend beleuchtet. Ihm war, als sei die Temperatur um zehn Grad gefallen. In diesem Moment zog ein Meteoritenschwarm seine Bahn durchs Firmament: Ein wahres Schauspiel dieser Sommernacht. Carl hätte einen Wunsch frei gehabt, aber heute stand ihm nicht der Sinn danach.
Eine innere Stimme gebot ihm, dass er anhalten solle. Die drei Grausigen gruppierten sich jetzt eng um ihn. Carl hätte ihnen um nichts in der Welt in diese Augen sehen können, und richtete deshalb seinen Blick starr zu Boden. Kalte Schauerwellen schossen über seinen Rücken, und stellten auch die feinsten Härchen zu Berge. Ein unangenehmes Kribbeln bemächtigte sich jetzt des ganzen Körpers, ähnlich einem Ameisenlaufen. Auch machte sich ein unangenehmer Druck im Innenohr bemerkbar und liess ihn leer schlucken. Vor seinen Augen drehten sich langsam rote Feuerräder, die immer schneller wirbelten. Die Umgebung geriet zur trüben und wankenden Angelegenheit. Ihm wurde speiübel, und er lief Gefahr, ohnmächtig zu werden.
Ein Gefühl wie ein Kurzsichtiger mit Brillengläsern aus Flaschenböden, ging es ihm noch durch den Kopf, dann ward nur noch Dunkelheit. Das Nächste, an was er sich erinnerte, war ein kubischer Raum ohne sichtbare Öffnungen. In der Mitte stand eine Art Salontisch mit vier ergonomisch futuristischen Sesseln. Der Raum war in kaltes, blauweisses Licht getaucht. Die direkte Lichtquelle konnte er dennoch nicht ausmachen. Es war einfach hell im fensterlosen Raum. Der Fussboden fühlte sich an wie ein Industrieboden aus anthrazitfarbigem Kunststoff. Die Wände in hellem, metallfarbigen Grau gehalten und die Decke in Weiss. Alles machte einen zweckmässigen, aber schmucklosen und kalten Eindruck.
Carl bemerkte im Augenwinkel zwei dieser Kreaturen. Die hatten kurz zuvor mit Bestimmtheit noch nicht hiergestanden, dessen war er sich sicher. Er unterdrückte aufsteigende Panik, und atmete rhythmisch tief ein und aus. Diese Ungeheuer, oder was immer sie waren, schwebten in stoischer Ruhe zu den Sesseln und setzten sich. Carl beschlich das Gefühl, dass sie nicht den geringsten Druck auf die Sesselpolster ausübten:
Sind diese schwerelos? So, als ob sie sich weltlicher Physik nicht beugen müssten?
Carl gab seinem Drängen im Kopf wieder nach, und setzte sich umständlich auf die äusserste Kante des Sessels. Die Wesen schauten ihm jetzt lange Zeit ernst und unbeweglich in die Augen.
Die saugen mich tatsächlich in sich hinein. Herrje, wie mit Röntgenaugen sezieren sie mich. Und lesen zusätzlich meine innersten Geheimnisse? dachte er mehr verwundert als erschreckt. Übergangslos wurde er von Unbehagen befallen.
Wenn ich mich nicht irrte, sollte ich jetzt sprechen. Aber was wollen sie hören?
Carl hatte einen so staubtrockenen Hals, dass er sich zuerst ganz vorsichtig räuspern musste, um festzustellen, ob er überhaupt sprechen konnte. Auf dem Tisch bildete sich nach einem kurzen Flimmern ein Glas aus dem Nichts. Darin war offensichtlich Wasser.
Als ob man nur daran denken müsse, und schon ist es Realität? ging ihm durch den Sinn. Wahnsinnsvorstellung. Dankbar nahm er einen Schluck. Wasser war ihm übrigens noch nie so köstlich und würzig vorgekommen wie heute.
„Ja was wollt ihr denn von mir hören? Wo bin ich hier, und was habt ihr mit mir vor?“ versuchte er mit fester Stimme zu sprechen, und schaute verwirrt von einem zu andern. Zu seiner Verblüffung entgegnete das Wesen ihm gegenüber in gut verständlicher Erdensprache, und ohne den geringsten Akzent einer Roboterstimme:
„Willkommen in unserer Welt, die anders ist als die eure. Wir möchten ein Geschäft mit euch Erdlingen machen. Du bist einer unter vielen Erwählten, die uns dienlich sein werden.“
Jetzt aber blieb Carl das Maul offen, und ein ihm unbekannter Trotz regte sich in ihm:
„Halt halt! Warum ausgerechnet ich? Ich bin weder Naturwissenschaftler noch Mathematiker oder sonstiger Sachverständiger auf dem Gebiet ausserirdischer Intelligenz. Seid ihr denn überhaupt sicher, den Richtigen geschnappt zu haben? Lasst mich bloss in Frieden mit eurem Geschäft!“
Nach diesem Schwall emotionsgeladener, herausgeschleuderter Wörter und ohnmächtigem Gefühl noch nicht ausgesprochener Worte fühlte er zu seinem noch grösseren Ärger, dass das Wesen rechts sich offenbar heillos belustigt fühlte. Nach einer kleinen Pause nahm das andere Wesen links wieder den Dialog auf:
„Nein, wo denkst du denn hin? Eure Wissenschaft, was sollen wir damit? Diese haben wir seit Jahrhunderten. Wir möchten dir bloss ein Geschäft vorschlagen. Ein ganz normales Geschäft, wie es bei euch so üblich ist, und dir überdies bedeutende Vorteile bringen kann“, meinte die linke Seite geschäftstüchtig, wie sie offenbar war. Jetzt aber wollte Carl gar nichts mehr begreifen.
13
Carl wurde knapp im Rahmen des Nötigen aufgeklärt. Nachdem er sich später auf der Waldlichtung wiedergefunden hatte, musste er all dies zuerst in Ruhe verdauen:
Keinen Schimmer mehr, wann und wer das Gespräch beendet hatte. Irgendwann hat mein Gehirn zu denken aufgehört. Ja und wie bin ich auf den Waldboden gekommen? Habe ich dieses letztendlich nur geträumt?
Und um diese Gewissheit zu erlangen, kniff er sich fest in den Arm. Ja, jetzt konnte er den Schmerz deutlich spüren. Aber endgültige Gewissheit hatte er deswegen nicht. In wenigen hundert Schritten war er bei seinem Wagen und stieg ein. Er schloss erstmal erschöpft die Augen. In seinem Kopf herrschte das reinste Affentheater. Dass solches ihm, gerade ihm widerfahren musste. Es war nie seine Art, sich um heldenhafte Taten zu reissen. Offenbar war er für diese Wesen so eine Art Schlüsselfigur, aber ohne irgendwelche Entscheidungskompetenzen. Eigentlich nicht mehr als eine Gallionsfigur, die man benutzt und später wegwirft. Ja Carl war richtig unwohl beim Gedanken, dass diese ausserirdische Macht Diamanten und Aluminium braucht, und er dies einfädeln soll. Carl stöhnte auf:
Und dann diese Mengen! Teillieferungen, haben sie gesagt. Während Jahren. Aber ich werde wohl gute Miene zum bösen Spiel machen müssen, was bleibt mir anderes übrig? Bei näherer Betrachtungsweise zeigt das Geschäft aber auch faszinierende Seiten. Sie versprachen mir zwei Dinge als Gegenleistung:
Erstens, das Geheimnis der Teleportation. Sie soll den Transport aller Güter ohne zeitliche Verzögerung von A nach B ermöglichen. Entsprechende Transportlizenzen können von Logistikunternehmen und weiteren Interessenten über ihn gekauft werden. So refinanziere ich den Kauf der Rohstoffe an der Börse. Ja und Transportwege würde es in Zukunft auch keine mehr brauchen. Zurückgebaut gäbe dies enormen Raum für neue Ideen. Mehr Parks zum Flanieren in Städten, mehr Platz für die Landwirtschaft. Ja und die Luftqualität würde um Quantensprünge besser.
Und dann wollten sie noch ein zweitens Geschenk machen, sagten sie. Die Gabe der Telepathie: Sie erlaubt eine weltumspannende, totale Kommunikation in Bild und Ton. Mit allen Menschen und ohne zeitliche Verzögerung. Nicht schlecht, muss ich sagen. Dann würden wohl störende Antennen, schädlicher Elektrosmog und unschöne Telefondrähte der Vergangenheit angehören. Und logischerweise mit ihnen auch die ganze Industrie der Kommunikationsapparate. Das Angebot lässt sich hören!
Mir persönlich würde dies sicher unermesslichen Wohlstand, Anerkennung und weltweiten Einfluss einbringen. Im Klartext: Finegood würde in der obersten Liga mitspielen, alle Fäden laufen bei mir persönlich zusammen. So würde die grösste und einflussreichste Handelsgesellschaft entstehen. Die ganze Welt wäre auf Finegood fixiert, und auf ihren Goodwill angewiesen.
Ach was rede ich da: Ich gründe noch besser meine eigene Gesellschaft, deren uneingeschränkter Chef ich selber bin. Boromeo - Enterprises. Kein „Co.“ am Schluss Ich alleine. Endlich würden Träume wahr. Und meine engsten Mitarbeiter bei Finegood nehme ich gleich in die neue Firma mit. Dieser Abramowitsch, er würde sich in den eigenen, dicken Arsch beissen vor Wut. Soll er doch diesen Scheiss in Zukunft selber machen!
Carl erschauerte bei solchen Gedankengängen. Und jetzt brannte seine Phantasie endgültig durch:
Haha, und ich, ausgerechnet ich soll der Schlüssel dazu sein? Naturgesetze der Schwerkraft werden ausser Kraft gesetzt, Physik müsste neu definiert werden. Die ganze Transportlogistik würde eingestampft da überflüssig, ja gar ein neues Weltbild würde geschaffen. Schaltstelle der ganzen Welt würde ich werden. Einen Wolkenkratzer als Bürogebäude mein Eigen nennen? Ich als Chairman zuoberst im fünfundneunzigsten Stock mit Rundumsicht auf Stadt und See?“
Danach kam aber auch wieder eine diffuse Angst auf, dem allem gar nicht gewachsen zu sein. In ernster Miene hatten ihn doch die Wesen zur totalen Geheimhaltung aufgefordert. Zuerst solle er einen Planungsablauf erarbeiten. So mit Wirst- und Best-Case–Szenarien. Den berühmten Plan B aus der Schublade nehmen können, und so weiter und so fort. Dies sollte er mit ihnen laufend absprechen, sodass, wo nötig, Schützenhilfe ihrerseits geleistet werden könnte.
Carl tauchte aus seinem Wachtraum auf und schaute auf die Uhr. Erschrocken stellte er fest, dass zwei Uhr dreissig längst vorüber war. Ein paar Minuten später war er zu Hause und kroch unter die Decke. Zuvor stellte er aber sicherheitshalber seinen Wecker, was er sonst nie tat.
14
Zenaco merkte es als Erster: Der Nahrungsbrei im Kühlregal! Abgezählt bis auf die letzte Portion, und auf bestem Wege zu verderben. Das Aggregat arbeitete offenbar mangelhaft, und das Risiko war hoch, dass Keime das Produkt ungeniessbar machen.
Eclipse als Biologin setzte Proben an. Etwas später wurde die Feststellung von Zenaco bestätigt. Nun war guter Rat teuer. Nachschub konnte nicht innert nützlicher Frist organisiert werden, da die Zeitfenster der Gravitationsfelder ungünstig standen.
Eine Esskultur, wie wir Menschen sie kennen, war den Wesen von Dwan gänzlich unbekannt. Sie hielten sich stets ans Wesentliche, nämlich, dass der Organismus so optimal wie möglich versorgt werden soll. So hat keiner mit den Pfunden zu kämpfen, da Lust auf Essen schon gar nicht aufkommt. Und da es nichts zu kauen gibt, ist auch schneller gegessen. Ein Vorteil, denn die Zeit kann sinnvoller genutzt werden.
Zenaco mit seinen praktischen Ideen schlug vor, an den kommenden Tagen trotz zweifelhaftem Brei wenigstens eine halbe Portion zu essen. Unterdessen konnte man sich beratschlagen, und niemand muss deshalb Hunger leiden.
Beria beschwor in psychedelischem Singsang die allgegenwärtige, kosmische Allmacht, Lösungen bereitzustellen. Sie versicherte später, bereits in Kontakt mit verschiedenen Führern zu stehen. Alles würde sich rechtzeitig in die richtigen Bahnen bewegen, meinte sie.
15
Carl fuhr ins Büro. Mit ganz neuem Elan. Locker, fröhlich, unternehmenslustig, ja fast schon eine Spur abgehoben, und wie von einem anderen Stern.
„Jetzt bricht ein neues Zeitalter an, und nur ich weiss davon“ textete er laut vor sich hin, und lachte dabei wie einer, der im Lotto gewonnen hat. Beschwingt stellte er die Musik lauter als üblich. Schnell wollte er sein Tagwerk hinter sich bringen und alles, was nur irgendwie möglich war, delegieren. Termine sollen im Kalender nach vorne, oder womöglich auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben werden. Auch seine Präsenz für die wiederkehrenden Tage der offenen Türen wollte er, grosszügig wie er sich in Zukunft geben wollte, dem Medienverantwortlichen Ernesto Koller abtreten.
„Soll der sich doch selbst mit diesem hochnäsigen und herablassenden, neureichen Pack herumschlagen!“ fauchte er. Er hörte im Geiste schon, wie Koller nörgeln würde:
Carl, Sie kommen mir neuerdings so umtriebig vor. Das schätze ich. Ich finde es toll, dass Sie die Mahnung des Chefs endlich ernst nehmen, und ein Konzept für unsere Probleme ausarbeiten. Gehen Sie aber mit unserm besprochenen Budget sparsam um. Ich sehe es ungern, wenn fremdes Geld von Mitarbeitern sorglos verschleudert wird. Er sah ihn in Gedanken dahin humpeln, den alten, viel zu dicken Mann mit den hängenden Hamsterbacken. Wie er alleweil mit verschränkten Händen auf dem Rücken leise das bekannte Kinderliedchen pfeift: Ach wie gut dass niemand weiss, dass Koller es schon lange weiss. Einer, der eigentlich schon vor zehn Jahren hätte pensioniert werden sollen. Aber wenn man eben keine Hobbys hat, bleibt einem im Alter nur die Arbeit.
„Huch, zum Teufel mit dir, du alter Satansbraten!“ lachte Carl, und schlug mit der flachen Hand aufs Steuerrad. Und zur Unterstützung seiner Verachtung und seines momentanen Hochgefühls zeigte er dem nächstbesten Auto den Stinkefinger.
„Ihr könnt mich alle mal! Jetzt hab ich mein eigenes Geschäftsmodel, nur wisst ihr alle nichts davon, ihr Elenden in den Niederungen. Aber das wird schon noch.“
Später im Büro liess er seine Sekretärin vom Vorzimmer kommen:
„Bitte Carry, seinen Sie so lieb und stornieren Sie alle unwichtigen Termine von dieser und nächster Woche. Interne Besprechungen und auswärtige Geschäftskunden ebenso wie telefonische Anfragen. Halten Sie mir einfach den Rücken frei, so gut es eben möglich ist. Erstellen Sie anschliessend einen Plan, wer mich wann und wo vertreten kann. Kriegen Sie das bis Mittag hin?“
Carry nickte diensteifrig, meinte aber doch neugierig:
„Aber gewiss doch, Mister Boromeo, äh, ich meine Carl!“ Sie errötete dabei leicht. Dieser hatte ihr gestern angeboten, ihn doch beim Vornamen zu nennen, da sie ja eh schon seit Jahren eng miteinander zusammenarbeiteten, und auch sonst. Ach, was soll die Etikette?
„Aber wie kriegen wir die Termine von nächster Woche unter Dach und Fach? Es sind einige, die nicht mehr verschoben werden können, und ihrer persönlichen Anwesenheit bedürfen?“
„Jaja, ich kümmere mich dann schon darum. Orientieren Sie mich ad hoc, und dies bitte rechtzeitig, wenn das möglich ist, okay?“
So leicht wird einem ums Herz, wenn man Arbeit delegiert! dachte Carl im Nachhinein ganz verwundert. Er reckte die geballten Fäuste weit von sich, und gähnte herzhaft und lange.
„Na dann“, sagte er laut, „Dann wollen wir mal!“
Zuerst führte er ein ausführliches Telefonat mit James Locklear, und verabredete sich auf kommenden Samstag um neun bei ihm zuhause, da dieser alleinstehend und momentan ohne Freundin war.
Um den Mittag verabschiedete sich Carl bei seiner Sekretärin, und schob einen wichtigen Termin vor. Er setzte sich in ein nahegelegenes Restaurant in eine ruhige Ecke mit schönem Ambiente, und genoss bei einem guten Glas Wein den milden Tag. Verschiedene Dinge wollte er mit sich in gemütlicher Atmosphäre klarlegen:
Er hatte James am Telefon natürlich nicht voll einweihen können, ihm aber immerhin verraten, dass es um einen Knaller erster Güte gehe. Natürlich wollte dieser gleich alles wissen. Carl musste abwehren: Es sei rein geschäftlich, habe aber trotzdem eine private Note. Da wurden die Ohren von James natürlich länger und spitzer. Er klärte ihn wenigstens dahin auf, dass es um Aluminiumlieferungen ungeheuren Ausmasses gehe, und er einen Plan im Sinne hätte.
Carl kannte James und seine früh verstorbenen Eltern schon als Jugendlicher, die in der gleichen Stadt wohnten. Sie hatten zusammen die ersten Frauengeschichten, veranstalteten, wenn die Luft rein war, zu hause Saufgelage, und taten all dies, was Jugendliche in diesem Alter so tun. Ihre Väter kannten sich bestens vom Geschäft her, waren gegenseitig auf Besuch, und kamen aus ähnlichen, gutbürgerlichen Familienverhältnissen.
Ihm graute nur im Stillen davor, James sagen zu müssen, dass er mit Ausserirdischen Geschäfte machen wolle. James würde sicher sein feines, überlegenes Lächeln aufsetzen, die Brauen hochziehen und die Stirnrunzeln spielen lassen. Und ihn dann fragen, ob auch die Meise in seinem Kopf neu sei. Nun ja.
Des Weiteren würde es um Diamanten gehen. Ruben Stern handelte ja für Finegood seit Jahren die ganze Palette, aber diesen konnte er unmöglich einweihen. Er traute es ihm einfach nicht zu. Nicht fachlich, aber als Mensch traute er ihm nicht über den Weg. Nicht auszudenken, Stern würde bei Abramowitsch nachhaken. Dieses Theater. Rausfliegen würde er, hochkant und fristlos.
Aber vielleicht könnte James dies bei Kollega Stern einfädeln? Wäre Stern denn mit einer Erfolgsprämie zu ködern? Wenn er andererseits aber Wind bekäme, wer die wahren Abnehmer dieser Diamanten sind? Ja, nur schon die schiere Grösse des Geschäftes konnte Ängste hervorrufen. Die Sache mit Stern will also genau überlegt sein.
Dann war da auch noch der logistische Kraftakt mit dem vielen Aluminium. Wohin damit? Da konnte man ja kaum lastwagenweise Ware unbemerkt in Waldlichtungen karren?
Ein zentraler Punkt war auch noch die ganz profane Frage des Geldes: Mit Hosenknöpfen kann man wohl kaum Rohstoffe kaufen. Fehlt also noch das Geld, richtig. Aber woher nehmen? Sicher nicht von Banken, die wollen immer alles so genau wissen. Man bräuchte von irgendwoher einen ungeheuer potenten Investor?
In Carl tauchte eine vage Idee auf: Ein alter und persönlicher Kunde, Jakob Blumenstein? Ein steinreicher Erbe dieses alteingesessenen, schweizerischen Pharmaunternehmens? Ja warum denn nicht? Genau dieser Blumenstein: In der Blüte seines Lebens, und immer noch Junggeselle. Hatte noch nie etwas Sinnvolles zustande gebracht, geschweige denn etwas zum eigenen Lebensunterhalt beigetragen. Stets lebte dieser nur seinen Tagträumereien nach. Sein Fokus richtete sich einzig darauf, eines Tages ein berühmter und erfolgreicher Alchemist zu werden, der es als Erster zustande bringen würde, aus Blei Gold zu machen. In seinem Studierzimmer überquollen jedenfalls die Regale mit einschlägigem Material.
Blumenstein war Narzisst im reinsten Sinne und hatte die schlechte Eigenschaft, äusserst empfindlich auf etwelche Kritik zu reagieren. In seinem Weltbild war er der alleinige Denker und grösste Mysterienversteher, der, abseits der Allgemeinheit, die letzten Rätsel dieser Welt lösen will.
„Das ist doch genau die Sorte Mensch, die hier gebraucht wird!“ sagte Carl, erfreut über seinen schlauen Einfall und klopfte dabei mit der flachen Hand auf den Tisch:
„Unfähig, alleine etwas zustande zu bringen, gebauchpinselt, wenn man ihn braucht, und läuft zur Höchstform auf, wenn man ihn mitmachen lässt. Und als oberster Verkünder wird er der staunenden Welt dann mitteilen, dass Physik von ihm neu geschrieben wird. Genau! Geld interessiert ihn sowieso nicht, da er schon viel zu viel davon hat. Nur Anerkennung. Reiner Dank und ewige Berühmtheit. Vielleicht reicht es später gar zum Nobelpreis?“
Jetzt war Carl in seinem Element und sein Redefluss verstärkte sich:
„Ja, den will ich heute oder morgen treffen. Mit Blumenstein an Bord lassen sich die immensen Geldprobleme ohne lästige Banken lösen. Und es entspricht nicht Blumenstein, alles allzu lange zu hinterfragen. Aber die Schwäche für Lob und Anerkennung im Speziellen, die wird ich mir merken!“
Dies war heute schon sein zweites, wichtiges Telefongespräch. Sie verabredeten sich auf drei Uhr nachmittags.
16
Und bereits eine Viertelstunde vor Drei fuhr Carl mit seinem Audi über die kiesbedeckte Zufahrt zum Anwesen Jakob Blumenstein. Das automatische und videoüberwachte Tor öffnete sich, als Carl ins Bild der Kamera geriet. Uralte gepflegte, riesige Ulmen säumten die grosszügige Allee zu den Gebäudetrakten.
Der dicht bewachsene, kurzgeschnittene Rasen hatte beinahe schon Golfplatzqualität. Farbenprächtige Blumenbeete aus Sommerflor und erlesene Büsche aus allen Teilen der Erde, sowie Sträucher aus Buchs und Zierahorn verwöhnten das Kennerauge. Künstlich angelegte, liebliche Teiche unterbrachen das üppige Wiesengrün, das einem Hauch des Schlossgartens von Versailles nachempfunden war.
Cremefarbig gestrichene Lusthäuschen mit gefasstem Fayenceglas, noch original aus der Belle Epoque erhalten, säumten die kiesgepflegten Gehwege, und unterstrichen die Exklusivität und Anmut des Anwesens.
Dieses selbst glich einem Schloss, hatte zwei Flügeltrakte und einem Mittelteil. Da und dort verzierten grössere und kleinere Erker die klobige Mauer aus Natursteinen. An allen Eckpunkten wuchsen schlanke Türmchen aus dem Mauerwerk mit langen, rötlichen Ziegelspitzdächern und farbigen Fähnchen obendrauf. Ganz oben verband ein schmaler, tiefgelegter und mit Zinnen bewehrter Spazierweg alle Eckpunkte miteinander. An der Südfassade hingen grössere und kleinere Balkone mit dazugehörigen Balustraden, die zum Bestaunen der Märchenlandschaft dienten.
Der Hauptteich, direkt vor der Haupttreppe, war geteilt mit einer filigran geschwungenen, weissen Holzbrücke. Vier Schwäne mit schlanken Hälsen, in edles Weiss gefiedert, durchpflügten erhobenen Hauptes das Wasser. Und auch der Geheimtipp Jakob Blumensteins sei hier verraten: Mystischen Kennern des Balletts Schwanensee offenbaren sie bei Vollmondlicht den Tanz der vier kleinen Schwäne. Ja, und es gab sogar Gäste die insistierten, die verzauberte Prinzessin Odette in einem der Schwäne erkannt zu haben.
Aber Carl scherte sich heute einen Deut um Schwäne und Seen. Er bremste hart direkt an der weit ausladenden, äusseren Haupttreppe, und hinterliess eine unschöne Bremsspur auf dem Kies. In stiller Vorfreude genoss er bereits seinen baldigen Triumpf über Blumenstein.
Die weiss rot gestreiften Flügel der hölzernen Eingangstüre öffneten sich wie auf Kommando gleichzeitig, und ein livrierter Hausdiener beeilte sich schnellen Schrittes, den Gast mit gebührender Aufmerksamkeit zu empfangen.
„Ich heisse Sie im Namen des Hausherrn Jakob Blumenstein herzlich Willkommen, Mister Boromeo!“, schnarrte der Diener, der jetzt wie ein Zinnsoldat vor ihm stand, um dann mit einer etwas weniger steifen Verbeugung fortzufahren:
„Herr Blumenstein erwartet Sie bereits in der Bibliothek. Bitte folgen Sie mir!“
Die Eingangshalle in weissem Kalkgemäuer wirkte schlicht prachtvoll. Sie war lichtdurchflutet, hoch geschnitten und mit einer wuchtigen Glaskuppel gedeckt. Die in Blattgold gefertigten Wandstuckaturen ergänzten sich prächtig mit Gängen und Treppen, die in schwarzem, unbehandelten Naturschiefer gehalten waren. Und sozusagen das Tüpfchen aufs i waren die schmideisernen Handläufe mit kunstvoll verzierten Tierköpfen. Man hatte seinerzeit bei der Rennovation auf jedes Detail geachtet. Zwei Haupttreppen führten von hier links und rechts in die Flügeltrakte.
Mit einladenden Handbewegungen animierte dieser wiederholt, dass Carl doch voranschreiten solle. Nach einigem Treppensteigen und durchschreiten ausladender Gänge erreichten sie die Bibliothek. Der Bedienstete klopfte dezent, und öffnete beide Türflügel weit. Er entliess Carl mit einem leichten Knicks, schloss die Türen behutsam von Aussen und entschwand.
„Ja mein lieber Herr Boromeo, was mag Sie wohl zu mir führen? Was hat das Schicksal denn heute für mich parat?“
Blumenstein, mit leicht geröteten Wangen und erhobenen, ausladenden Armen flog Carl buchstäblich in die Arme. Mit theatralischer Gestik beeilte er sich, Carl um das Monstrum von Lese- und Arbeitstisch herumzunavigieren.
„Ist mir ein grosses Vergnügen, Sir, Sie hier begrüssen zu dürfen!“ Dabei wies er auf buntbezogene Sessel einer Relaxsitzgruppe: „Bitte, nehmen Sie doch Platz.“
Blumenstein beklagte seit seiner Jugendzeit die hohe Stirnglatze, die er mit einem Toupet geschickt zu kaschieren wusste. Seine braungelockten, gepflegt geschnittenen Haare wiesen keine einzige graue Stelle auf. Eine Lesebrille baumelte an einem goldenen Kettchen auf seiner Brust. Es gehörte zu seinen ureigenen Gepflogenheiten, auch im Sommer bei grosser Hitze Anzug, Gilet und Krawatte zu tragen.
Carl musste es auch jetzt wieder feststellen: Er sah gepflegt, aber einfach spiessig aus, dieser Blumenstein. Overdresst, würde man heute sagen. Mit den beiden aus dem Gilet baumelnden Taschenuhrketten und den massigen Manschettenknöpfen wollte er wohl alten Reichtum unterstreichen. Dies signalisierte auch ein goldener Ring mit blutrotem Stein am rechten kleinen Finger, sowie ein alter, protzig wirkender Goldsiegelring am linken Ringfinger.
Wenn man sich überall ein bisschen umsah, konnte man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass Blumenstein nicht wusste, wo überall er seinen Reichtum verstreuen sollte. Skulpturen auf Steinsockeln oder erlesene Blumengefässe mit entsprechendem grünem Inhalt sorgten in den ausgedehnten Räumlichkeiten und Gängen wenigstens dafür, dass man sich nicht so verloren vorkam.
Ein Blick durch die offene Tür in den angrenzenden Speise- und Ballsaal zeigte die Ahnengalerie. Blumensteins besonderer Stolz. Er pflegte jeweils immer zu betonen, wie wichtig es sei, Familiengeschichte und Kulturgut zu pflegen. So eine Galerie zeige dem Besucher ohne grosse Worte den gesellschaftlichen Stand. Carl erinnerte sich:
Dies waren jetzt also seine mehr- oder weniger erfolgreichen Vorfahren? Alle kunstvoll an die Wand gepinselt. Dereinst würde auch er hier hängen. Ja wenigstens gepinselt, und hängen höchstens im Rahmen. Momentan liess aber ein leerer Bilderrahmen an der Wand, etwas links seines Vaters selig ahnen, dass es noch nicht ganz soweit war.
Blumenstein hatte Carl einmal etwas verschämt gestanden, dass auch er sich unlängst von einem namhaften Porträtisten in Öl hatte malen lassen. Erst nach seinem Tode soll dieses aber gerahmt, und dem erlauchten Kreis der Ahnen angegliedert werden. Es zeigte einen Jakob Blumenstein, etwas gesetzter als heute, und noch gedankenverlorener am Studierpult sitzend als heute schon. Vor sich Zirkel und Vergrösserungsglas in der Hand, beugte er sich über einen Bunsenbrenner. Daneben handgeschriebene, alte und vergilbte Manuskriptrollen aus Pergament. Im Hintergrund gut sichtbar den riesigen, antiken Globus, sein weiterer, besonderer Stolz.
Unterdessen hatte ein Lakai in goldbedresster Jacke mit unterwürfigem Knicksen eine Flasche alten Armagnacs und zwei bauchige Schwenker auf einem Silbertablett behutsam hingestellt, und sich dann lautlos verdrückt.
„Na dann Prost mein Freund, und jetzt schiessen Sie endlich los!“ sagte Blumenstein nach dem Einschenken, und rieb sich in Vorfreude auf die kommenden Enthüllungen die dicken Patsch-Händchen.
Carl schwenkte das Glas und betrachtete wie hypnotisiert den leuchtenden, bernsteinfarbigen und stark duftenden Inhalt. Dicke Tränen rannen am Innenglas herunter, genau so, wie es sein musste. Diese andächtige Betrachtung verhalf ihm zu etwas Abstand für seine kommende, verrückte Geschichte. Er hatte ein wenig Bammel und wusste nicht recht, wie er damit beginnen sollte.
Carl nahm einen Schluck des köstlichen Nass, und liess ihn im Munde hin und her rollen. Das schnörkellose Aroma dieses herrlichen Brandweins entfaltete sich rasch in seinen Geschmacksknospen. Aber es nützte nichts, auch dieser Augenblick ging vorbei. Noch einmal durchatmen, dann berichtete Carl. Das mit seiner persönlichen Angst erzählte er etwas kürzer, und das Angebot der fremden Wesen dafür etwas mystifizierter, ganz dem Gusto Blumensteins entsprechend.
Etwas musste Carl ihm zugestehen: Blumenstein unterbrach ihn nicht ein einziges Mal, zog nicht mal die Stirne kraus. Mit grossen Augen folgte er konzentriert den Ausführungen, seufzte zwischendurch und nickte an bestimmten Stellen. Er akzeptierte die fast unglaubliche Geschichte mit der grössten Selbstverständlichkeit, wie Carl es schien.
„Mensch, das ist ja ein Ding!“ meinte er am Ende staunend. Seine Härchen im Nacken sträubten sich, und er fuhr versonnen fort:
„Und ist es nicht faszinierend, dass ausgerechnet wir zwei von einer höheren Macht dazu ausgewählt worden sind, die nächsten, wichtigen Schritte der Menschheit einzuleiten?“
Carl atmete tief durch, als er feststellte, dass Blumenstein seine nächsten Schritte erwartete. Er wollte ihn aber noch etwas auf die Folter spannen und versprach, sich gelegentlich, ja gelegentlich melden zu wollen. Wenn die Sache sich erst etwas setzt, wird der Appetit noch grösser, dachte ein durchtriebener Carl.
17
Als er später nach hause kam, fand er Tanja tratschend mit ihrer besten Freundin Traude Hertig in der Gartenlaube. Traude wohnte schräg gegenüber und war beinahe jeden Tag zu Besuch.
Sie war seit bald zwei Jahren von ihrem Mann David geschieden; ein hässlicher Rosenkrieg, der auch finanzielle Spuren hinterlassen hatte. Es hatte ihn unzählige Flaschen guten Weins, und eine ganze Menge Abendstunden gekostet, bis Traude wieder auf die normale Lebensspur zurückfand. Seither war sie für Carl fast so etwas wie eine Schwester, die er nie hatte.
Traude bot ihm ein Glas selbstgemachter Himbeer-Bowle an, was er jedoch dankend ablehnte. Stattdessen setzte er sich mit einer Dose Bier aus dem Kühlschrank an eine Ecke des Tisches, und lauschte mit halbem Ohr ihren Gesprächen. Halbherzig riskierte er einen Blick auf seinen Blackberry, froh um jede Nachricht, die er weiterleiten konnte.
Er fokussierte seinen inneren Blick wieder auf den vergangenen Nachmittag. Die Sache mit Blumenstein war nicht schlecht gelaufen. Fragte sich nur noch, was James für Anliegen und Wünsche hatte, und mit den Wesen, er nannte sie inzwischen so, hatten sie vereinbart, dass sie sich melden würden. Nächste Woche, vermutlich. Auf Diskussionen, wo und wann es denn sein sollte, liessen sie sich erst gar nicht ein.
Eigentlich wusste er gar nichts über sie. Nicht mal so banales, ob sie sich untereinander beim Namen riefen, oder solche Nebensächlichkeiten. Geschweige denn, aus welchem Sternhaufen sie kamen. Sie ähnelten sich frappant, fast wie ein Tupfen Wasser. Auch hatte er keine Ahnung, welchen Geschlechts sie waren.
Vielleicht gibt es dort ja nur gleichgeschlechtliche Wesen, ging es ihm durch den Kopf.
Somit müssten sie sich sogar noch selber befruchten? Eine Freude weniger im Leben. Bei diesem Gedanken musste er lächeln. Es waren bisher so einschneidende Szenen und Geschehnisse, dass solche Fragen verständlicherweise untergingen. Vielleicht bekam er später sogar Einblick in ihr Raumschiff, vielleicht durfte er sogar mitfliegen? Ein Schauer huschte über seinen Rücken.
Carl erstarrte mit grossen Augen inmitten grüblerischer Gedanken: Es kramte in seinem Gehirn. Und dies wiederum von alleine:
Da. Da ist es wieder! Ein Sturzbach ungefragter Bilder zog in seinem Gehirn vorbei. Kunterbunt wie eine Fotosichtung, und ohne persönliches zutun.
Sie sind es wieder! Nein heute ist Wochenende, da mag ich nicht. Wir wollten uns doch erst nächste Woche treffen?
Es nützte nichts. Er hatte das zwingende Bedürfnis, wegzufahren. Tanja und Traude schauten verwundert:
„Carl, was ist denn los? Was schaust du so belämmert drein?“ fragte Tanja ahnungsvoll, und zu Traude gewandt so leise, dass Carl es nicht hören sollte:
„Ich mache mir ernste Sorgen, Traude. Siehst du jetzt die Symptome, die ich dir beschrieben habe? Sie treten öfters auf. Ich glaube, es wäre jetzt höchste Zeit, einen Spezialisten herbeizuziehen!“
Carl versuchte krampfhaft, die Situation abzuwiegeln und wehrte gestikulierend und in fast schrillem Tone ab:
„Nein, nein es ist nicht so wie ihr denkt. Mir geht es gut. Ich Esel. Habe bloss vergessen, dass ich mit einem Kunden noch eine Verabredung habe. Irgendwie ist dies mir heute komplett durch die Lappen gegangen. Bin bald wieder zurück. Entschuldigt mich!“
Tanja und Traude kreuzten vielsagende Blicke und zuckten die Schultern.
Carl fuhr ziellos über Land, wie er meinte. Nervös zog er an einer Zigarette. Er dachte, sich bereits ein wenig in die Gedankenwelt seiner neuen Bekannten hineinversetzen zu können. Die Panik war nicht mehr so hoch, das Herzklopfen schon. Nach einiger Zeit des hin- und her Fahrens fühlte er, bei der nächstbietenden Gelegenheit anhalten zu müssen.
Auf dieser Anhöhe parkte er auf dem Rastplatz, der an ein Wäldchen grenzte, und als Aussichtspunkt in der Umgebung bekannt war. Er zog den Zündschlüssel und wollte abwarten. Sein Augenmerk fiel unter anderem auf drei Personen, die angeregt miteinander diskutierten. Die eine war eine blonde, jüngere und gut aussehende Frau. Sie hatte eine Ponyfrisur mit hinten hochgesteckten Haaren. In den Haaren lugte eine grossrandige Sonnenbrille heraus, mehr Zierde denn Zweck, wie es Carl vorkam. Auch fiel ihm ein viel zu breiter Gürtel auf. Einer der Männer hatte schneeweisse, der andere graumelierte, braune Haare. Beide trugen bequeme, graufarbene Trainer mit dem bekannten Häkchen, roten Seitenstreifen und Laufschuhe mit einer schwarzen, springenden Katze drauf. Auch sie trugen modische Sonnenbrillen, aber auf der Nase, und den gleichen, überbreiten Gürtel wie die Frau.
Es schien Carl, als wollten sie aufbrechen. Sie näherten sich diskutierend seinem Wagen. Auf Höhe der Fahrertür klopfte der Weisshaarige unvermittelt an die Seitenscheibe. Unwillig, aber doch etwas aufgeschreckt öffnete Carl einen Spaltbreit das Fenster:
„Ja bitte?“ Carl wollte eigentlich seiner Stimme einen festen Klag geben. Es missriet aber gründlich.
„Schön, dass Sie gleich kommen konnten“, meinte der Fremde etwas steif und ungelenk.
Carl hatte das Gefühl, als trete ihn ein Pferd. Die Kippe fiel brennend auf den teuren Teppichboden, und vor lauter Schreck konnte er kaum sprechen, noch sich rühren:
Herrgott, sie haben sogar Fähigkeiten, sich in menschlicher Gestalt zu zeigen? Und heute schweben sie nicht, sie laufen, wie normale Menschen dies tun. Sie laufen!
Ein paar Herzschläge später fühlte er sich langsam imstande, diesen Wesen ins Gesicht zu schauen. Die blonde Frau drückte ihre Sonnenbrille tiefer ins Haar und ergriff energisch die Initiative.
„Ich bin Eclipse!“ meinte sie mit einer angedeuteten Verbeugung, aber ohne die Hand anzubieten, „Und das ist mein Vater Uro“ auf den Weisshaarigen zeigend.
Und der graumelierte Herr meinte mit angedeutetem Lächeln und vollendeten Manieren:
„Und ich bin Zenaco, der Mann für alles!“
Carl hockte wortlos im Wagen und stierte wie ein Depp vor sich hin.
„Bitte Carl, steige aus! Ich darf dich doch duzen und Carl nennen, nicht? fragte Eclipse in einem Tonfall, als wäre es das Normalste der Welt. Carl brachte nur ein dümmliches Nicken zustande.
„Wollen wir ein paar Schritte gehen? Wäre das für dich okay?“ fragte Eclipse. „Wir möchten gerne etwas mit dir besprechen!“
Ohne eine Antwort abzuwarten, steuerte sie einem schmalen Spazierweg zu.
„Wir haben festgestellt, dass du über unser wirkliches Aussehen sehr geschockt warst, und dies tut uns leid und lag nie in unserer Absicht. Wir haben beschlossen, uns wenn immer möglich, nur noch in menschlicher Gestalt zu zeigen, denn wir möchten, dass du dich in unserer Gegenwart wohlfühlst.“
Es folgte ein längerer Monolog von Eclipse. Darin schilderte sie nochmals ihren Auftrag und informierte Carl über das neu aufgetretene Problem mit dem Nahrungsbrei. Carl meinte, falsch verstanden zu haben:
„Ja aber wie soll ich euch denn helfen? Ich habe keine Ahnung, was ihr so braucht, respektive essen dürft. Ihr dürft doch unsere Nahrung…..? Ich bin einfach kein Ernährungsexperte.“
Eclipse lächelte:
“Wir möchten jetzt alle drei mit dir an den Ort gehen, wo Menschen die Nahrungsmittel abholen!“
Jetzt war es an Carl, zurückzulächeln:
„Das scheint ein Irrtum zu sein. Wir holen dort keine Lebensmittel ab, sondern wir entscheiden aus freien Stücken, was wir so alles einkaufen möchten. Und unseren Einkauf, den müssen wir auch bezahlen: Das heisst, wir müssen Geld ausgeben …….“
Carl kam er ins Stottern. Uro schaltete sich klärend in die Diskussion ein:
„Sicher meint er damit, dass für Lebensmittel eine Art Gegenleistung erbracht werden muss!“
„Jaja, richtig“, meinte Carl fahrig, den Faden langsam wieder findend und dankbar dafür, dass seine ins Stocken geratene Erklärung allgemein verstanden wurde. Etwas mutiger geworden fügte er an, dass jeder Mensch den freien Willen habe, nach Lust und Laune einzukaufen, sofern er es auch bezahlen könne. Die drei hörten erstaunt zu, und Zenaco meinte:
„Wieso vergeudet ihr soviel Energie, um von diesem riesigen, und im Grunde doch nutzlosen Angebot zu profitieren? Es geht doch bei Ernährung sicher nur darum, seinem Körper das zu geben, was er für eine gute Gesundheit braucht?“
Carl widersprach und erklärte, dass hier auf Erden Essen nebst dem Zweck des Sattwerdens auch noch so eine Art sozialen Charakter erfülle. Denn gute Sensorik in Gaumen und Nase führe zu einer Art Wohlfühlatmosphäre und Zufriedenheit.
Endlich mal eine schlaue Erklärung und etwas, womit ich bei denen auftrumpfen kann! dachte er.
Die drei hatten offensichtlich noch nie etwas derart Merkwürdiges gehört, und das Staunen nahm kein Ende. Carl nahm sich jetzt Zeit, die Drei etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.
Eclipse trug eine farbige, kurzarmige Sommerbluse, die die gebräunten Arme und schlanken Finger mit den buntlackierten Fingernägeln vorteilhaft zur Geltung brachte. Dazu leichte, weisse Pumphosen. Die schlanken Füsse steckten in luftig offenen, zitronenfarbigen Sandaletten. Ein Admirals-Schmetterling hielt die gekreuzten Bänder auf der Höhe der Zehen zusammen. Nebst dem auffallenden Gürtel trug sie seltsamerweise keinen weiteren Schmuck.
Die Herren schienen sportlich durchtrainiert, und ihrer Körperfarbe nach zu urteilen fanden sie offensichtlich auch Gefallen am Sonnenbaden? An den Handgelenken konnte Carl weder Uhr noch sonstigen Tand sehen, und der überbreite Gürtel passte einfach scheusslich zum Trainingsanzug.
„Ja dann wollen wir mal!“ meinte Carl.
18
Alle drei nahmen neugierig in Carls Wagen Platz. Als stolzer Besitzer erklärte er detailgenau mit viel Herzblut die Funktionen. Er fühlte sich in ihrer Gesellschaft erstmals wohler, und hatte das Gefühl, gehört und verstanden, und nicht nur benutzt zu werden.
„Wir haben nicht mehr viel Zeit, da die Geschäfte bald schliessen. Ein Einkaufscenter liegt hier ganz in der Nähe, da werden wir sicher was Passendes finden, wenn wir uns sputen.“
Zusammen betraten sie etwas später mit steigender Spannung das Zentrum. Voll des Staunens begutachteten die Gäste wie kleine Kinder das überladene Angebot mit all den tausend unbekannten Sachen. Gemüse, Käse, Fleischprodukte, Molkereiartikel. Und dann das Hartwarensortiment vom Kaffee über Waschmittel bis zu den Ravioli. Einfach alles war da und noch viel mehr, was der Mensch sowieso nicht brauchen kann. Voller Aufregung zupfte Eclipse Carl am Arm und zeigte aufgeregt auf Frühstücksflocken und Müesli:
„So etwas in dieser Richtung können wir sicher gebrauchen, etwas grob sieht es zwar aus, aber sonst gut!“
Carl erstarrte. Seine Nackenhaare sträubten sich bis zu den Lenden: Gerade hatte ihn ein Wesen eines andern Sterns berührt! Er fühlte eine sich überschlagende Gefühlswallung aufsteigen. Ganz heiss und schweissig wurde sein Kopf, und er musste tief durchschnaufen.
„Ja sicher, das könnte was sein“ meinte er ganz atemlos, und noch völlig neben den Schuhen stehend.
„Wir mischen dies gewöhnlich mit Milch.“
„Was? Kuh? Was ist das? Melken? Neiiiiin! Alle drei schauten sich gegenseitig erschreckt an, und schüttelten im Gleichtakt energisch den Kopf, als sie vom Schicksal des armen Nutztiers erfuhren.
„Als Alternative könnten wir Fruchtsaft nehmen!“ schlug Carl rasch vor.
„Früchte? Ja gerne!“ Jetzt nickten alle drei begeistert und glücklich. Eigentlich wollte Carl so schnell als möglich von hier verschwinden, da bei seinen Gästen schnell einiges zu Verkrampfungen neigte. Die drei zeigten aber überhaupt keine Eile. Es gab da unendlich viel zu entdecken.
„Was ist denn das?“ fragte Zenaco, auf eine PlayStation zeigend, die im Angebot stand.
„Und was tun die Menschen hier auf der Pappschachtel? Nein! Täusche ich mich oder schiessen sie wirklich aufeinander, um sich gegenseitig umbringen?“
Sechs Augen guckten Carl ratlos an. Er versuchte zu erklären, was eine Spielkonsole sei. Die Gäste waren ganz Ohr. Das eigentliche Spiel zu erklären, fiel ihm aber sichtlich schwerer. Immer wieder hakten die Drei nach dem eigentlichen Sinn des Spiels, da ihnen dies völlig unbegreiflich war.
„Das kann sich doch nicht um Spass handeln, den eigenen Nachbarn zu ermorden?“, meinte Eclipse mit weit aufgerissenen, erschreckten Augen. Er sah dabei in verdutzte, fragende Gesichter, die sich plötzlich mit dem Mörderspiel nicht mehr länger beschäftigen mochten.
„Soso, ihr ermordet euch also gegenseitig, nur so zum Zeitvertrieb, und findet dies lustig? Aber Kindern gibt man doch so ein völlig falsches Bild vom Leben?“, doppelte Uro nach, und kratzte sich in den Haaren.
Carl wurde dies alles höchst peinlich. Hatte er doch gerade versucht, die Menschheit in einem positiven Licht und hohem Entwicklungsstand darzustellen. Nicht mehr so rückständig wie zu Zeiten der Pfahlbauer. Und jetzt dies!
Auf der Heimfahrt wurde nicht mehr viel gesprochen. Carl konnte die Ernüchterung seiner Gäste förmlich spüren. Als er dann selbst über das Spiel nachdachte, konnte er plötzlich ihren Unglauben und ihr Entrüsten verstehen. Man verabschiedete sich rasch.
Zuhause angekommen, erwartete Tanja ihn bereits mit dem bekannten, fragendem Gesicht, und der noch mehr gefürchteten Zornesfalte. Wie die Donnergöttin persönlich stand sie breitbeinig und kampfeslustig da:
„Das hast du aber das letzte Mal mit mir gemacht, mein Lieber! Dein Essen steht in der Mikrowelle, wenn du denn überhaupt noch Appetit hast!“
Dabei zeigte sie mit ausgestrecktem Zeigefinger auf das Gerät. Carl brachte verschiedene Entschuldigungsvarianten vor. Sie kamen zäh wie Schleim über die Lippen. Krampfhaft versuchte er, das Gespräch in Gang zu halten. Nach einigem Hin und Her versuchte Tanja nochmals, seinen aktuellen Seelenzustand zu ergründen:
„Carl!“ meinte sie jetzt etwas versöhnlicher, denn der Zorn war etwas verraucht, und auch der Dampf nicht mehr gar so heiss:
„Ich bin echt in Sorge um dich. Du machst seit Tagen einen absolut abwesenden, ja entrückten Eindruck. Offenbar hat es nichts mit dem Geschäft zu tun, wie du sagst. Dann tu mir aber bitte den Gefallen und verrate mir endlich, wo dich der Schuh drückt?“
Nach erfolglosen Ausflüchten überwand sich Carl und war gewillt, seiner Frau reinen Wein einzuschenken:
„Ja weisst du, das alles ist etwas kompliziert. Ich weiss gar nicht genau, wie ich es erzählen und wo ich anfangen soll. Du erinnerst dich neulich, als ich eine Sitzung mit James, Abramowitsch und Konsorte wegen der Börsenbaisse hatte?“
Tanja machte stumm eine ungeduldige Handbewegung, die wohl heissen sollte: Weiterfahren weiterfahren, spuck‘s endlich aus.
„Ja und dann auf dem Heimweg haben mich Ausserirdische im Wald regelrecht geentert. Ich habe mich furchtbar erschreckt, und mir haben diese Aliens dann gesagt, dass sie ein Geschäft mit mir machen möchten! Das war folgendermassen. Ich ……“
Kreischend und Ohrfeigen austeilend unterbrach ihn Tanja: „Jaja, und darauf kam der Ali Baba mit seinen vierzig Räubern und hat dir deine Geliebte gestohlen! Dir hat wohl der Oberkuckuck ins Gehirn geschissen?“ heulte sie und riss sich an den Haaren. Zornesröte überzog ihr Gesicht. Sie ergriff die nächstbeste Blumenvase und schleuderte sie samt Inhalt nach ihm. Carl wusste nicht mehr, wie ihm geschah.
„Solche Fabeln kannst du Ramon erzählen, aber so nicht mit mir! So eine bodenlose Frechheit hätte ich nach alldem von dir nicht erwartet: Kommst seit Tagen nach Mitternacht ins Bett gekrochen, verschläfst dich neuerdings morgens, und veräppelst mich obendrein. Carl, es ist genug Heu drunten. Rück jetzt sofort mit der Wahrheit heraus, oder ich verlasse dieses Haus auf der Stelle!“
„Tanja!“ Jetzt war es auch Carl, der ernstlich böse wurde. Er schlug mit der Faust dermassen auf den Tisch, dass Gläser Geschirr und Besteck schepperten und mit lautem Gepolter zu Boden fielen. Tanja fing dar ob furchtbar zu weinen an. Nach einer Weile steckte er ihr wortlos ein Taschentuch zu. Danach schien sie sich etwas zu beruhigen. Carl setzte nochmals an:
„Also, ob du es nun glaubst oder nicht. Es war so. So unglaublich es tönen mag. Ich kann es nicht ändern und muss es auch nicht. Es entspricht der Wahrheit und hat mit keinem Kuckuck der Welt etwas zu tun!“
Tanja sah ihn mit grossen, wässrigen Augen, verschmiertem Make-up und nassem Taschentuch vor dem Mund noch immer skeptisch an. Carl redete sich immer schneller den Druck und seine ganze Angst von der Seele, so, als ob ein Dampfventil geöffnet würde. Es wurde ihm langsam leicht ums Herz. Sie redeten noch die halbe Nacht bei Kerzenschein und einer Flasche Rotwein im Bett und beratschlagten, wie es weitergehen solle. Beide waren trotz des langen Gesprächs sehr aufgewühlt, und Tanja fand erstmals wenig Schlaf in dieser Nacht.
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