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Abdullah Dur Der Pascha aus Urnäsch

Abdullah Dur

Der Pascha aus Urnäsch

Aus dem Türkischen von Eva Lacour und Wolfgang Riemann

orte Verlag

Unterstützt durch:

Jakob und Rosmarie Frischknecht-Stiftung, Urnäsch

Kulturförderung des Kantons St. Gallen

Kulturförderung Appenzell Ausserrhoden

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© 2019 by orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen,

fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger

und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Janine Durot

Umschlagbilder: istock, belterz und shutterstock, Ake13bk

Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn

E-Book-Herstellung und Auslieferung: HEROLD Auslieferung Service GmbH, www.herold-va.de

ISBN Buch 978-3-85830-253-3

ISBN eBook 978-3-85830-258-8

www.orteverlag.ch

Ueli Kurt aus Urnäsch

In den Wintermonaten lag in Urnäsch, einem kleinen Dorf in der Ostschweiz am Fuss des Säntis, alles unter einer dicken Schneedecke begraben. Mitte des 19. Jahrhunderts floss das Leben ohnehin etwas gemächlicher dahin als heute, doch in der kalten Jahreszeit versank das Dorf noch mehr in Ruhe und Verschlafenheit. Die Frauen widmeten sich der Handarbeit, strickten und spannen Wolle, die sie im Sommer gewaschen und gekämmt hatten, und wenn den Männern neben ihren ausgiebigen Plaudereien im Wirtshaus noch unausgefüllte Stunden blieben, gingen sie auf die Jagd oder tauschten an Haus und Stallungen Bretter aus, die es nötig hatten. Endlich hatte man die Musse, durchgesessene Polster und abgewetzte Kissen auszubessern und zerrissene Kleidung zu flicken, damit man sie zukünftig wieder tragen konnte. Die Tiere im Stall wurden mit dem in den Scheuern aufgetürmten Heu gefüttert und warteten geduldig auf die Schneeschmelze.

Es war auch die Jahreszeit, in der die Männer ihre Kostüme und Masken für das Silvesterklausen richteten, ein traditionelles Fest, das man jeweils am 13. Januar beging. Diese Kostüme und Masken wurden hauptsächlich aus Dingen gefertigt, die man im Wald fand, von Baumrinde über Tannenzapfen bis hin zu dürren Halmen, Moos und Flechten. Man wetteiferte darum, das beste, das prächtigste Kostüm herzustellen und liess dabei seiner Fantasie freien Lauf. Mit den Masken verjagte man die bösen Geister – so erklärten es die Alten – oder man nutzte die Gunst der Stunde, um jemandem unerkannt seine Liebe zu gestehen oder umgekehrt seine Abneigung ins Gesicht zu schleudern oder Dinge zu sagen, die einem sonst die Schamröte ins Gesicht getrieben hätten.

Ein guter Teil der Männer versammelte sich regelmässig um den Ofen der Dorfwirtschaft, um über alles und jeden zu reden. In ihren Gesichtern las man die Zufriedenheit mit ihrem Leben. Ein freundlicher Zug lag ihnen um den Mund, mochte es in manchen Haushalten auch am Mehl für die Suppe fehlen. Die meisten hatten kein Geld in der Tasche, um ihre Zeche zu bezahlen, doch der Wirt Jörg Müller zog einfach sein dickes, zerknittertes Heft hervor und notierte die Schuld. Während er das tat, pflegte er dem Gast tief in die Augen zu blicken und zu murmeln: «Oh du lieber Jesus, warum kommen Leute ohne Grips und Geld ausgerechnet in mein Gasthaus!» Man wusste nicht recht, ob er sich mit diesem Spruch über seine Gäste lustig machen oder zu Gott klagen wollte. Hatte einer seinen Kreditrahmen wirklich überschritten, ermahnte er denjenigen höflich und riet ihm, gegen den Durst besser Schnee zu schlecken. In solchen Momenten wandte sich einer der Dorfbewohner an den zahlungsunfähigen Gast und meinte, wenn er keinen Geschmack an Schnee fände, solle er eben Jörg Müller den Hintern ablecken, was regelmässig lautes Lachen und Grölen hervorrief. Trotz alledem fand sich immer jemand, der dem Betroffenen ein Gläschen spendierte.

Am stillsten war es in der Wirtschaft, wenn einer, der lesen und schreiben konnte, den anderen die Appenzeller Zeitung vom Anfang bis zum Ende laut vorlas. Der Vorleser trug den gesamten Inhalt der Zeitung vor, ohne dessen müde zu werden, und die übrigen Gäste lauschten ihm aufmerksam wie dem Pfarrer.

In den Wintermonaten rauchten alle Schornsteine, und der Geruch nach Holzfeuer erfüllte das ganze Dorf. Die Kinder versammelten sich um die knisternden Tannenscheite, um den Geschichten der Ältesten zu lauschen und auf eine lange, geheimnisvolle Reise zu gehen. Diese Geschichten begleiteten sie ein Leben lang, und wenn sie selbst alt wurden, gaben sie die Erzählungen an die nächste junge Generation weiter.

Ueli Kurt hatte diese Nacht sehr schlecht geschlafen. Im Traum hatte er sogar gemerkt, dass er schlief. Es waren so schreckliche Träume gewesen, dass er nicht wusste, ob er besser weiterschlafen oder aufwachen solle, um sie abzuschütteln. Er wurde von Ungeheuern verfolgt, kletterte andauernd auf die höchsten Gipfel, um ihnen zu entkommen, sprang dann ins Leere und begann zu fliegen, um seine Verfolger abzuhängen. Bisweilen verlor er das Gleichgewicht und drohte abzustürzen, wedelte dann wie ein Vogel mit den Armen und flog noch höher hinauf. Wenn er sich umdrehte und seine Verfolger nicht mehr sah, erfüllte ihn grosse Erleichterung und Stolz. Aber plötzlich tauchten die Ungeheuer wieder auf und zwangen Ueli, in noch grössere Höhen aufzusteigen und schneller zu fliegen. Diese Verfolgungsjagd ging immer so weiter.

Diese Alpträume hatte er seit seiner Hochzeit im Jahr 1842. Hätte er diese Träume schon früher gehabt, hätte er ganz sicher in seinem Tagebuch davon erzählt, das er seit seinem zwölften Lebensjahr führte. In dem Tagebuch ging nichts verloren, im Gegenteil, manches wurde mit der Zeit mehr, erlangte tiefere Bedeutung und nahm eine Gestalt an, die Ueli selbst kaum noch begriff. Sein Tagebuch war sein engster Freund und Gefährte. Die darin festgehaltenen Erinnerungen waren wie ein Lebewesen, das zu ihm sprach und ihm sein Herz ausschüttete.

Als Ueli seiner Frau Rösli von den schrecklichen Alpträumen erzählte, interessierte sie sich vor allem für die Ungeheuer: Wer waren sie, wem glichen sie? Ueli konnte sich nicht entscheiden, ob er die Ungeheuer mit Mensch oder Tier vergleichen oder wie er sie bezeichnen sollte. Ihm kam es so vor, als müsste er sonst lügen.

Als Rösli seine Unentschlossenheit merkte, fing sie sofort an, den Traum zu deuten: «Gott erhöht den Menschen, den er liebt. Dass du in die Höhe fliegst, ist ein Zeichen für den Wert, den Gott dir beimisst. Die dreckigen Ungeheuer, die dich verfolgen, sind deine Sünden. Aber sie erwischen dich nicht, denn du stehst unter Gottes Schutz und bist sein geliebter Knecht. Du musst öfter zu Pfarrer Johannes in die Kirche gehen.»

Die Kommentare des Pfarrers deckten sich praktisch mit denen seiner Frau. War das nicht der Beweis für die Richtigkeit dieser Deutung? Ueli versuchte herauszufinden, welche schmutzigen Sünden ihn in Gestalt von Ungeheuern verfolgten, und überlegte, ob es die Flüche sein konnten, die er ausstiess, wenn Ziegen und Schafe ihm nicht gehorchen wollten.

Doch was ihn an diesem Morgen aus dem Schlaf riss, waren nicht die Alpträume, an deren Auftreten er bereits gewöhnt war, sondern das Weinen seines Töchterchens Maria im Zimmer nebenan. Es war der 13. Januar, und er musste noch im Dunkel der Nacht aufstehen, sein Groscht, den mit Tannenzweigen geschmückten Mantel, anziehen, seine Maske aufsetzen und sich die Schellen über die Schulter hängen, um sich dann mit den Kameraden zu treffen. Es war der Tag des Silvesterklausens. In den frühen Morgenstunden gingen er und seine Freunde in ihren selbstgemachten Groscht von Haus zu Haus und liessen dabei die schweren Schellen erklingen, die sie über der Schulter trugen. Seit seiner Kindheit erwartete er den 13. Januar stets mit grosser Vorfreude. Das ganze Dorf im Morgengrauen mit dem Läuten der Schellen aus den Federn zu holen und bei Geplauder und Scherzen den gereichten Schnaps zu trinken, war ein unvergleichliches Vergnügen.

Sofort sprang er auf und stürzte in Marias Zimmer. Sie sass im Bett und schluchzte mit erstickter Stimme.

«Was hast du denn, mein lieber Schatz? Warum weinst du so?»

«Ich hab versucht, keinen Lärm zu machen, aber mein Knie tut so arg weh. Ich wollte dich nicht aufwecken.»

In der Dunkelheit nahm Ueli das Gesicht des Kindes in seine Hände und küsste es auf die Stirn. Als er das nasse Gesicht spürte, krampfte sich etwas in ihm zusammen. Mit den Lippen ganz nah an ihrem Ohr flüsterte er: «Weisst du, du bist ein sehr kluges und besonnenes Kind. Weinen ist doch kein Lärm! Wenn du nicht geweint hättest, hätte ich dich nicht gehört, und dann hätte ich dir auch nicht helfen können. Warte mal, jetzt überlege ich, was ich gegen deine Schmerzen tun kann. Ausserdem ist heute das Silvesterklausen, da wollte ich sowieso früh aufstehen. Gut, dass du mich aufgeweckt hast.»

In der Dunkelheit tastete er nach der Öllampe. Erst spät fiel ihm ein, dass fast kein Öl mehr da war. Insgeheim stiess er einen derben Fluch aus. Deswegen nämlich sass die Familie seit drei Wochen abends noch eine Weile vor der leuchtenden Glut des Ofens, bevor man zeitig zu Bett ging. Noch nicht einmal Geld für Kerzen war da. Er löste den Riegel am Fenster, um die Läden zu öffnen. Draussen schneite es dicke Flocken. Ein trübes Licht, eiskalte Luft und einige Schneeflocken drangen in den Raum. Eine Weile schaute er dem Treiben der Schneeflocken zu.

«Vater, lass das Fenster auf! Die kalte Luft hat geholfen. Auf einmal tut es weniger weh!»

«Aber das geht doch nicht, mein Blüemli, im Zimmer ist es ja schon eiskalt.»

Ueli hob die Decke und machte sich daran, das Knie des Mädchens zu massieren, wie er es jeden Abend tat. Der Umschlag, den seine Frau Rösli jeden Abend mit Maismehl machte, war im Bett aufgegangen. Er versuchte, ihn wieder anzulegen, aber die Maispaste war zu trocken. Und die Beine des Kindes waren heiss wie Feuer.

«Im Zimmer ist es bitterkalt, aber deine Beine sind glühend heiss. So heiss haben sie sich noch nie angefühlt.»

Maria fragte flüsternd: «Vater, kannst du meine Beine in den Schnee stecken?»

Auf die Idee war er nicht gekommen. Er nahm das Mädchen auf den Arm und ging zur Tür. Draussen rollte er ihr das Nachthemd nach oben, um die verkrüppelten Beine in den Schnee zu stecken. Es war mitten in der Nacht. Maria hatte den Blick an den Vater geheftet. Dann steckte sie auch noch ihre keineswegs verkrüppelten Arme und die geschickten Hände in den Schnee.

«Ah, das tut gut! Wie schön wäre es, hier im Schnee zu schlafen!»

Ueli brachte sein Töchterchen wieder zurück ins Bett. Gleich weichte er die eingetrockneten Maismehlumschläge mit etwas Wasser auf, knetete sie durch und legte sie dem Kind wieder ums Knie. Ihre Beine waren nun recht kalt. Er deckte sie gut zu. Dann beobachtete er noch einmal die Schneeflocken, die vor dem Fenster munter tanzten. Draussen war im Mondlicht alles in ein russiges Weiss getaucht. Wenn im Winter das Spitzli hinter den Häusern so völlig weiss war, hatte er seit seiner Kindheit einen riesigen Schneemann in ihm gesehen. Der Berg direkt hinter den Häusern war der dicke Bauch dieses riesigen Mannes. Nun drückte er die Nase gegen die Fensterscheibe, um auf der Bergkette den Schneemann zu suchen, der lang ausgestreckt am Fuss des Säntis dalag, als sei er müde vom Laufen. Im Mondlicht konnte er den Bauch und die Arme des Schneemanns sehen, aber sein Kopf war hinter den dicken Schneeflocken verschwunden. Maria war inzwischen eingeschlafen. Ueli hörte die ruhigen Atemzüge des Mädchens. Offenbar hatte ihr die Kälte tatsächlich gut getan.

Seit Maria auf der Welt war, mochte sie den Winter sehr. Sie war ja auch in einem Februar im Wald am Kleinberg geboren. Ueli Kurt war in den Wintermonaten, wenn kaum jemand einen Zimmermann brauchte, mit Arbeiten an seinem eigenen Haus beschäftigt. Das Haus, in das er mit seiner Frau frisch eingezogen war, hatten sein Vater und sein Schwiegervater, der zugleich sein Onkel war, für das junge Paar gebaut. Es war klein, aber sehr gemütlich geworden. Zusammen mit seinem Grossvater hatte Ueli sämtliche Zimmermannsarbeiten selbst verrichtet. Und da es sein eigenes Haus war und er Schnitzwerk sehr liebte, hatte er an vielen Stellen des Hauses Verzierungen angebracht. Von den Türzargen bis hin zu den Fensterumrandungen war alles mit geschnitzten und bemalten Rosenmustern verziert. Das Holzhaus stand auf einem gemauerten Sockel von einem halben Meter Höhe, den sein Vater, ein Maurermeister, errichtet hatte. Auch die hölzerne Aussenfassade war mit Bildern von Rosen und Vögeln geschmückt.

Marias Geburt

An jenem Tag war das Wetter sehr schön. Nur der Gipfel des Säntis steckte in den Wolken. Alles strahlte weiss. Ueli holte den Schlitten hervor und machte sich bereit, im Wald nach frischen Kratzbeerblättern für die Lämmer zu suchen. Rösli meinte beharrlich: «Ich habe im Haus nichts weiter zu tun, ich komme mit.» Ihre Hochzeit war gerade neun Monate her, doch nach ihren Berechnungen war es noch etwa einen Monat Zeit bis zur Geburt. Sie war vergleichsweise klein und mit ihrem dicken Bauch nun fast so hoch wie breit – fast so rund wie die Heuballen, die man von den Bergen nach unten rollte. Trotz ihres Zustandes verrichtete sie unermüdlich alle Hausarbeit der gesamten Familie Kurt und noch dazu die des Pfarrers, ohne dass etwas liegen blieb. Und obendrein war heute ihr Geburtstag. Sie wurde siebzehn. Als Einziger hatte Pfarrer Johannes an ihren Geburtstag gedacht. Zeitig früh hatte er Ueli eine Karte gegeben, auf die er ein Gebet und Glückwünsche geschrieben hatte und die Ueli seiner Frau vorlesen sollte. Dadurch wurde Ueli an den Geburtstag seiner Frau erinnert.

«Du bist hochschwanger. Bleib bei dieser Kälte doch lieber zu Hause. Leg dich ein bisschen hin, ruh dich aus. Heute ist ja schliesslich dein Geburtstag!», protestierte Ueli zwar, aber Rösli liess sich nichts sagen. Sie meinte, ein bisschen Bewegung täte ihr gut, und blieb stur. Gemächlichen Schritts machten sie sich in Richtung Wald auf. Teils ging Rösli selbst, auf ebenen Strecken zog Ueli sie mit dem Schlitten. Im Wald lag weniger Schnee. Rösli setzte sich und beobachtete eine Zeit lang ihren Mann dabei, wie er unter dem Schnee die Kratzbeerblätter abschnitt. Dann türmte er das frische Grün auf den Schlitten. Auf einmal bemerkte Rösli Feuchtigkeit zwischen ihren Beinen und spürte einen heftigen Schmerz. Ueli hörte sie schreien und rannte gleich hin. Rat- und sprachlos stand er da.

«Ueli, ich glaube, unser Kind kommt! Ich hab schreckliches Bauchweh. Jetzt hilft nur, zu Gott zu beten. Lieber Gott im Himmel! Allmächtiger, steh mir bei! Mach, dass unser Kind gesund geboren wird. Nur mit Deiner Hilfe kann ich es hier im kalten Wald zur Welt bringen. Deine Allmacht und Deine Kraft lässt alles nach Deinem Willen geschehen. Hilf mir, dass mein Kind gesund auf die Welt kommt! Lieber Gott, steh mir bei!»

Anfangs flüsterte Rösli ihr Gebet noch, dann schrie sie es plötzlich laut heraus. Das versetzte Ueli noch mehr in Angst und Schrecken. Er schaute sich eilig um und stiess insgeheim einen Fluch aus. Doch dann schämte er sich geflucht zu haben, während seine Frau betete, und bat Gott um Verzeihung. Ueli Kurt war gerade siebzehn Jahre alt geworden. Bisher hatte er bloss miterlebt, wie im Stall Schafe und Ziegen geboren wurden. Und dabei hatte er nur verschämt mit vors Gesicht gehaltenen Händen zugeschaut. Wie verhielt sich eine Frau, wenn sie gebar? Wie konnte man ihr beistehen? Er war da völlig ahnungslos. Einige Zeit stapfte er hilflos im Schnee hin und her wie ein nervöses Pferd. Dann schlug er Rösli vor, sie auf dem Rücken nach Hause zu tragen oder auf dem Schlitten zu ziehen.

Aber Rösli meinte: «Ich kann nirgendwo hingehen, ich bringe mein Kind hier zur Welt. Geh du und hol die Hebamme!» Ihre Stimme zitterte, und ihr Gesicht war knallrot angelaufen. Vor Schmerzen presste sie sich beide Hände fest gegen den Bauch.

«Mein Gott, wie kann ich dich denn hier allein lassen? Lieber Gott, ich fleh dich an, steh mir bei!»

Zwischen den Bäumen hindurch kämpfte er sich durch den Schnee. Als die Bäume aufhörten, wurde der Schnee tiefer. Er kam nur noch mit Mühe voran, aber als er es bis zu einer Stelle geschafft hatte, von der aus man das Dorf sehen konnte, holte er so tief Luft, wie er konnte, und stiess einen schrillen, langen Pfiff aus. Nach kurzer Zeit wurde aus dem Dorf mit einem Pfiff geantwortet. Das war sein Grossvater. Ueli war sich sicher, dass er die Nachricht verstanden hatte. Aus der Ferne konnte er sehen, dass im Dorf plötzlich ein hektisches Gerenne ausgebrochen war. Bald schon machten sich einige Dorfbewohner zum Kleinberg auf. Ueli rannte zu Rösli zurück.

«Alles in Ordnung. Sie kommen. Grossvater hat mich gehört. Er hat ganz bestimmt verstanden, was los ist.»

Er zog Jacke und Pullover aus und breitete beides über den frisch geschnittenen Kratzbeerblättern aus, um ein Lager zu richten. Verzweifelt sah er Rösli an, wenn er ihre Schmerzensschreie hörte. Er zitterte. Rösli betete weiter und rieb sich gleichzeitig Gesicht und Brust mit Schnee ein. Blut quoll ihr zwischen den Beinen hervor und färbte den Schnee rot. Ratlos stand Ueli da und betete leise.

Endlich tauchten ein paar Frauen aus dem Dorf auf, unter ihnen die Hebamme, seine und Röslis Mutter. Sie brachten Krüge voll Wasser, Tücher und runde Holzschüsseln mit.

Die Hebamme zischte Ueli an: «Seid ihr denn übergeschnappt? Was hat eine hochschwangere Frau bloss im Wald verloren? Grosser Gott, vergib ihnen ihren Leichtsinn und ihre Dummheit! Geh du jetzt zu den Männern. Wenn ich dich rufe, kannst du kommen.»

Die Ältesten der Familie Kurt und einige Dorfleute warteten mit einer hölzernen Trage. Uelis Grossvater streckte ihm die Flasche mit dem Schnaps entgegen: «Junge, du kannst jetzt einen kräftigen Schluck gebrauchen. Gott sei Dank habt ihr mir gesagt, dass Rösli mit dir in den Wald geht. Als ich deinen aufgeregten, schrillen Pfiff gehört habe, wusste ich gleich, dass ihr die Hebamme braucht. Gott ist voller Gnade und hilft den Bedürftigen.»

Ueli trank den Schnaps in grossen Schlucken, bis es ihn im Hals brannte und ihm überall heiss wurde. Der Grossvater nahm einen Gulden aus der Tasche und sagte ihm, den solle er der Hebamme geben.

Nach einer Weile rief die Frau: «Bringt die Trage her!» Sie rannten hin. Mit energischer Stimme sprach die Hebamme: «Ihr habt eine Tochter bekommen. Gott hat ein Licht in euer Leben gebracht.» Ueli wusste nicht, was er sagen sollte, griff nach der Hand der Hebamme und wollte ihr den Gulden hineindrücken, aber die Frau flüsterte: «Behalt dein Geld. Du bist jetzt Vater und wirst es brauchen. Komm mal bei mir vorbei. Ich brauche ein, zwei Bretter in meinen Schrank. Die machst du mir, dann sind wir quitt.»

Der Säugling war regelrecht zum Paket gewickelt und lag zwischen Röslis Brüsten. Die Hebamme meinte: «Tragt die beiden ganz geschwind ans warme Feuer, sonst wird keins von beiden überleben.» Dann wandte sie sich zu Uelis Mutter Anna Maria und sagte: «Geh du schnell voraus und schür kräftig das Feuer. Koch eine Milchsuppe mit Reis und mach viel Wasser warm.»

Anna Maria verschwand wie der Blitz.

Vier Männer schulterten die Trage. Behutsam, aber doch so schnell wie möglich gingen sie uf dem verschneiten, gewundenen Pfad zum Dorf. Einer der vier Träger rief: «Meine Herren, wir tragen doch keinen Toten! Heute ist ein schöner Tag, denn wieder wurde im Wald auf dem Kleinberg ein Kind geboren. Singen wir ein Lied!» Dann machte er gleich selbst den Anfang:

«Vor em Hüüsli of de Stege

singid ali, grooss ond chlii,

ond de Vollmoo geed de Sege

met sim milde Silberschii.

Monter chlingled ääs am ääne,

s Singe macht äm nomme müed.

S ischt so fiirlig, chöntntischt määne,

s chäm en Bsuech os jedem Lied.

Singid, singid ohni Note,

was das Herz mag use gee!

Jo, globs, du heschs verroote,

s chönntid Engel om üs see.»

Von der Trage vernahm man das gedämpfte Weinen des Neugeborenen und Röslis Stöhnen. Viele Dorfleute, die von dem Vorfall gehört hatten, kamen ihnen mit Decken entgegen, um Rösli warm zuzudecken. Andere Männer lösten die Träger ab.

Unterwegs legte die Hebamme Ueli die Hand auf die Schulter und murmelte: «Gott hat dir eine Tochter geschenkt. Gottes Gaben muss man annehmen, so wie sie sind. Wir müssen zu Ihm beten, um Ihm zu danken. Wir Knechte Gottes können den Wert Seiner Gaben nicht beurteilen. Unsere Pflicht ist es, sie mit Freude anzunehmen und Ihm dafür zu danken. Unsere Aufgabe ist es, dieses Geschenk in unsere Obhut zu nehmen, es zu behüten und zu lieben. Gott liebt und beschützt uns genauso sehr, wie wir seine Gabe lieben und beschützen.» Dann betete sie leise weiter.

Man trug Rösli und das Neugeborene bis zu ihrem Haus, das am Geissenpfad lag. Sie hatten darin drei Zimmer. Beim Ofen stand die Wiege bereit, die Ueli für sein Kind gebaut hatte. Als man das Kind hineinlegte, konnte Ueli zum ersten Mal sein Gesicht sehen.

«Mein Gott, was hat sie für lange Haare!»

Rösli flüsterte: «Du kannst Maria zu ihr sagen.»

«Weine nicht, Maria, mein schönes Schneeglöckchen!» Ueli beugte den Zeigefinger, um die Wangen des Säuglings zu streicheln. Erst eine Woche war vergangen, seit sie in dieses Haus eingezogen waren, und es fehlte noch an vielem. Das Haus war vom harzigen Geruch der Holztäfelung erfüllt. Der Grossvater hatte dem jungen Paar einen guten Ofen aus dickem Gusseisen geschenkt. Was einem im Innern des Hauses aber ins Auge stach, waren der Holztisch und die Stühle, die Wiege und der noch unfertige Kleiderschrank – Möbelstücke, die Ueli sämtlich selbst angefertigt hatte. Seit Tagen arbeitete er nur an diesem Schrank, denn ansonsten gab es für ihn nicht viel zu tun. Auf einem der beiden viereckigen Felder in der Mitte der Türen befand sich das Bild einer Kirche mit Bergen im Hintergrund. Auf dem anderen waren Männer in der Tracht beim Alpaufzug abgebildet. Sie trugen en gebogenen Schellenstecken über der Schulter, an dessen beiden Enden riesige Schellen baumelten. Alle Männer hatten rote Westen an und trugen mit Kuhmotiven verzierte Hosenträger. Wenn Ueli an dem Schrank schnitzte, liess er seiner Fantasie freien Lauf, und das bereitete ihm grosses Vergnügen. Den kleinsten Einzelheiten widmete er stundenlange Arbeit.

Später am Tag von Marias Geburt nahm die Hebamme ihn zur Seite und sagte: «Du musst zwei Wochen lang im Elternhaus wohnen. Ich bleibe mit euren beiden Müttern hier. Rösli und das Kind brauchen uns. Es reicht, wenn du uns genug Brennholz und Wasser bringst.»

Eine Woche nach Marias Geburt eröffnete der Grossvater ihm: «Sieh mal, mein Junge. Maria ist nicht ganz gesund geboren worden. Die Hebamme hat gesagt, dass ihre Beine nicht richtig entwickelt sind. Sie wird nie laufen können. Vielleicht überlebt sie nicht. Wir müssen akzeptieren, was Gott uns gegeben hat. Das Einzige, was wir tun können, ist beten. Eine andere Wahl haben wir nicht. Alles kommt von Gott, alles geht zu Gott. Wir müssen Gott für alles danken, was er uns gibt. Du weisst ja, dass diese Geburt deine Frau sehr mitgenommen hat und dass wir auch für sie beten müssen.»

Ueli rannte sofort zu seinem Haus am Geissenpfad. Er löste Marias gewickelte Beine, betastete sie und küsste sie. Die Frauen im Raum beobachteten ihn staunend. Rösli lag erschöpft im Bett. Sie konnte die Erregung und Sorge ihres Mannes nachvollziehen. «Gott steh uns bei, denn es ist unser Kind. Der Allmächtige hat es uns gegeben», murmelte sie und blickte ihm eindringlich in die Augen.

Ueli wollte an Röslis Bett treten und ihre Hand halten, aber weil die Frauen im Raum ihre Augen an ihn geheftet hatten, liess er es sein. Stattdessen rannte er zurück ins andere Haus zu seinem Grossvater. Der alte Mann sass am Ofen und war damit beschäftigt, aus Tannenholz kleine Kühe zu schnitzen.

«Sag, Grossvater, ist die Kleine behindert, weil sie im Wald geboren wurde?»

Der Grossvater hob die Späne auf, die sich am Boden angesammelt hatten und warf sie in den Ofen. Die Flammen loderten auf, und der Geruch nach Tannenholz verbreitet sich im Raum. «Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Das halbe Dorf ist im Stall oder im Wald geboren. Auch dein eigener Vater kam in der Hütte auf der Schwägalp zur Welt. Und die Hebamme war noch dazu ich. Oder nein, das stimmt eigentlich nicht. Ich hatte Angst und habe eine Nachbarin aus der Hütte auf dem Berg weiter oben gerufen. Alles geschieht nach Gottes Willen. Maria wurde zu früh geboren, sie ist nicht voll entwickelt und deshalb behindert. Aber sagen wir besser trotzdem, dass Gott es so gewollt hat.»

«Warum sagen wir immer, wenn uns etwas Schlechtes zustösst, Gott hat es so gewollt? Warum macht Gott uns das Leben nur schwer statt leichter, statt uns zu beschützen? Ist Gott für die vielen schlimmen Dinge verantwortlich, die passieren? Bedeutet das denn nicht, Gott zu beschuldigen?»

«Sieh mal, mein Junge. Gott hat uns reichlich Brennholz gegeben, aber es ist im Wald. Wir müssen es holen, sonst erfrieren wir. Das Holz kommt nicht von alleine her. Wenn wir im Wald Holz fällen, kann es uns passieren, dass wir einen Arm oder ein Bein verlieren. Oder wenn man einen Haufen schweres Holz auf dem Buckel schleppt, kann man ausrutschen und von dem Holz erschlagen werden. Das alles geschieht mit Gottes Billigung.»

Manchmal verstand Ueli überhaupt nicht, was sein Grossvater sagen wollte. Trotzdem nickte er zustimmend mit dem Kopf. «Hm, ja. Wenn wir das Holz nicht im Wald holen, bestraft uns Gott, indem er uns vor Kälte erfrieren lässt. Wenn wir einen gesunden Baum fällen, bestraft Gott uns auch. Hast du das gemeint?»

Der Grossvater klemmte sich den Stumpen zwischen die Zähne und murmelte kaum verständlich etwas Zustimmendes: «Genau so hab ich das gemeint.»

Im Ofen knisterten die Tannenscheite. Der alte Mann schnitzte nun wieder an der kleinen Kuhfigur, die er fest mit der linken Hand umklammert hatte.

Auch Ueli Kurt zog das Klappmesser hervor und machte sich daran, eine Kuh aus den Tannenholzstücken zu schnitzen, die der Grossvater bereitgelegt hatte. Es machte ihm grossen Spass, die kleinen Holzstücke in der Hand zu halten und daraus eine Kuh entstehen zu lassen. Beim Schnitzen mit dem kleinen Klappmesser konnte er stundenlang die Gedanken schweifen lassen. Doch eine seiner allerliebsten Beschäftigungen war es, je nach Lust und Laune etwas in das braune Heft zu notieren, das er ständig bei sich trug. Manchmal brachte er viele Stunden damit zu, die treffenden Worte zu suchen, um seine alltäglichen Erlebnisse dem Heft zu überantworten.

Sein Grossvater hatte einmal gesagt: «Dieses Heft ist dein Zwillingsbruder. Es weicht dir nicht von der Seite und denkt vielleicht dasselbe wie du. Mich würde schon sehr interessieren, was da für Geschichten drinstehen. Warum lässt du es niemanden lesen?»

Uelis Antwort war immer gleich: «Lass gut sein, Grossvater. Das ist eine kleine Welt, die ich mir auf dem Papier gebaut habe. Ich möchte nicht, dass jemand dort eindringt, und das kann sogar der Mensch nicht ändern, den ich am meisten lieb hab, nämlich du.»

Mit der Zeit akzeptierte der Grossvater Uelis Entscheidung und gab die Hoffnung auf, in dem Heft lesen zu dürfen. Er wurde sogar – neben Ueli selbst – zum grössten Beschützer des Tagebuchs. Wenn der Enkel es einmal an einem Ort liegen liess, an dem sie zusammengearbeitet hatten, war die erste Tat des Grossvaters, das braune Heft an sich zu nehmen und es dem Enkel auszuhändigen.

Auch Rösli war sehr neugierig auf den Inhalt des Hefts. «Was hast du bloss davon, den ganzen Tag etwas in das Heft zu schreiben? Manchmal denke ich, du schreibst von deiner Liebe zu Julia! Woher soll ich wissen, dass das nicht stimmt? Los, sag, hab ich etwa Unrecht? Oder stimmt es nicht, dass du dieses hochnäsige, herausgeputzte Mädchen mehr liebst als mich? Mich liebst du ja gar nicht. Anstatt in diesem Heft herumzukritzeln würdest du besser in der Heiligen Schrift lesen! Dann würdest du wenigstens von Gott erleuchtet und könntest auch mich erleuchten. Für mich ist es schwer, dass ich nicht in die Schule gegangen bin und nicht lesen kann. Dabei würde ich so gern in der Bibel lesen. Und ich möchte wissen, was du in das Heft kritzelst. Der einzige Grund, warum ich so im Hintertreffen bin, ist mein Vater. Wenn er nicht gedacht hätte, wozu soll ein Mädchen denn lesen und schreiben lernen, das hilft ihr doch nicht bei der Arbeit, sondern mich zur Schule geschickt hätte, könnte ich die Heilige Schrift und dein Heft lesen», beklagte sie sich.

Nach Marias Geburt begann eine schwere Zeit für das junge Paar. Maria entwickelte sich schlecht, wuchs nur langsam und war ständig krank. Sie bekam schwer Luft. Uelis Mutter kochte Tee aus allen möglichen Kräutern, die sie in den Bergen sammelte, und flösste ihn Maria ein. Ueli versuchte, die Leiden des Töchterchens zu lindern, indem er in den nächstgelegenen grösseren Ortschaften, Appenzell und Herisau, von Arzt zu Arzt lief und keinen Mönch oder Naturheiler ausliess. Jeder, an den er sich in seiner Not wandte, meinte, er hätte als Einziger das Patentrezept, um das Kind zu heilen. Ihnen allen musste Ueli Geld geben, und das war schwer. Deswegen schleppte er neben dem Kind noch Stühle und Schemel, geschnitzte Kühe und andere Tierfiguren auf dem Rücken mit, um sie den Heilern als Lohn anzubieten. Es gab sowieso wenig Arbeit für Zimmerleute und Schreiner, und die paar Gulden, die er verdiente, reichten nicht einmal, um die Familie satt zu bekommen.

Der Tod des Grossvaters war für Ueli Kurt ein schwerer Schlag. Er war ihm Freund und Meister, einfach alles gewesen. Ihm kam es vor, als sei ihm die Orientierung im Leben abhandengekommen. Der Ast war gebrochen, an dem er sich festhielt, der Pfad verschwunden, auf dem er ging; es war, als sei er mutterseelenallein in einer Einöde zurückgeblieben.

Als Ueli klein war, versammelten sich an kalten Wintertagen alle Kinder der ganzen Sippe um den Grossvater, um atemlos den Geschichten zu lauschen, die er erzählte. Uelis Mutter konnte ihren Kindern keine Geschichten erzählen, weil sie stotterte. Aber der Grossvater imitierte beim Erzählen die Stimmen von Mensch und Tieren aller Art und zog die Zuhörer in seinen Bann. Doch der Grossvater hatte Ueli nicht nur Geschichten erzählt und sein Handwerk gelehrt, sondern ihn auch in allen Facetten in die Geheimnisse des Lebens eingeführt. Zeitlebens hatte Ueli alles Erdenkliche von ihm gelernt. Der Grossvater wurde niemals müde, sein ganzes Wissen wieder und wieder vor dem Enkel auszubreiten. Wenn er über die Geheimnisse des Handwerks sprach, pflegte er zu sagen: «Was du bei mir lernst, sind keine unverrückbaren Gesetze der Zimmerei und Schreinerei. Es liegt in deiner Hand, das Handwerk weiterzuentwickeln, und das kannst du so tun, wie es dir richtig erscheint. Das ist der goldene Weg zum Erfolg. Führe das, was du von anderen gelernt hast, so aus, wie es dein Gespür dir sagt. Lass nicht zu, dass andere sich da einmischen. Aber vergiss nicht: Wir sind nicht die besten Experten auf unserem Gebiet. Es gibt Leute, die es noch besser können. Hör auf sie und nutze ihr Wissen und Können für dich. Und tu deine Arbeit nicht nur für Geld. Tu sie mit deiner ganzen Seele und werde glücklich dabei. Sei mit Freude bei der Arbeit. Und vergiss auch das nicht: Du musst dich daran gewöhnen, dass deine Arbeit dir nicht viel Geld ins Haus bringt. Deine Frau wird dann meckern und dir den Kopf voll schwatzen, daran musst du dich gewöhnen. Du musst lernen, dass dir solches Genörgel zum einen Ohr hinein- und zum anderen wieder hinausgeht.»

Der schlagende Beweis dafür, dass der Grossvater lebenslang nicht um des Geldes willen gearbeitet hatte, war der Menschenauflauf anlässlich seiner Beerdigung. Nicht nur aus den nahe gelegenen Dörfern, auch aus entfernteren Ortschaften strömten die Menschen herbei. In Urnäsch erlebte man einen solchen Andrang zum ersten Mal. Kutschen und Pferde fanden keinen Platz mehr zum Halten.

Pfarrer Johannes eröffnete seine lange Ansprache mit den Worten: «Zum ersten Mal erlebe ich, dass jemand in solch einer grossen Trauergemeinde beigesetzt wird. Der Grund dafür ist, dass es in der ganzen Gegend kein Haus gibt, in das der Zimmermann Kurt keinen Nagel geschlagen hätte, und dass der materielle Gewinn für ihn nicht im Vordergrund stand. Das ist die höchste Gnade, die man von Gott empfangen kann. Möge Gott uns allen gnädig sein. Trotz dieses Regenwetters seid ihr aus grosser Ferne zu dieser Trauerfeier gekommen. Gott hat euch mit den Wohltaten des Zimmermanns Kurt beschenkt, und Gottes Lohn ist der höchste Lohn. Möge Er uns allen einen solchen Abschied bescheren.» Da der Pfarrer nun schon einmal einer so grossen Gemeinde gegenüberstand, nutzte er die Gelegenheit für eine sehr, sehr lange Predigt.

Maria war gerade vier, Ueli zwanzig Jahre alt geworden. Zuletzt hatte Ueli zwei Jahre zuvor im kleinen Ort Heiden den Doktor Leuenberger aufgesucht. Dank des Sirups, den der Arzt dem Kind gegeben hatte, waren ihre Atemwegprobleme verschwunden. Lediglich die Schmerzen in ihren verkrüppelten Beinen nahmen von Zeit zu Zeit ein unerträgliches Ausmass an. Die beste Behandlung waren Umschläge aus Maismehl nach dem Rezept von Uelis Grossmutter. Sobald die Schmerzen häufiger auftraten, wurden diese Umschläge gemacht.

Maria war ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Das kräftige, blonde Haar fiel ihr über die blauen Augen und die gerade Nase wie ein Vorhang, der ihr Gesicht verbarg. Trotz ihrer Gehbehinderung konnte sie – dank der Knieschoner, die Doktor Leuenberger ihr gegeben hatte – auf Berge rutschen, Brennholz sammeln, die Kuh melken und ihrer Mutter bei Hausarbeiten aller Art zur Hand gehen. Morgens stand sie in aller Herrgottsfrühe auf und noch bevor ihre Eltern aus den Federn kamen, beobachtete sie die Umgebung, um später in allen Einzelheiten zu berichten, wer vorbeigegangen war und wessen Kühe oder sonstiges Vieh schon in den Wald getrieben worden war. Am liebsten hätte sie den ganzen Tag im Freien verbracht. Wenn es regnete und sie nicht nach draussen konnte, sass sie vor dem zum Bach gelegenen Küchenfenster und sah stundenlang dem dahinfliessenden Wasser zu. Gab es Hochwasser, schrie sie jedes Mal auf, wenn Baumstämme vorbeitrieben, womit sie ihre Mutter heftig erschreckte. Hinter dem Haarvorhang spielte stets ein heimliches Lächeln um ihren Mund. Sie hatte einen unglaublichen Verstand. Von der Herstellung von Käse über Butter bis hin zum Brotteig erteilte sie ihrer Mutter Lektionen, wie man diese Nahrungsmittel schmackhafter zubereiten konnte. Sie ermahnte die Familie sogar, Scheite nicht senkrecht, sondern waagrecht in den Ofen zu legen, damit sie nicht so schnell herunterbrannten und man Brennholz sparen konnte.

Die Mutter wunderte sich: «Maria, woher weisst du das alles bloss? Von mir kannst du es ja nicht haben, denn ich höre es von dir zum ersten Mal.»

«Vom Grossvater, von der Grossmutter, von den alten Leuten, von allen möglichen Leuten hab ich das halt.»

«Alle diese Leute kenne ich ja nicht einmal! Warum erfahre ich solche Sachen nicht?»

«Was weiss denn ich? Vielleicht fragst du nicht danach. Aber ich will alles wissen, und Gott hilft mir dabei.»

Pfarrer Johannes meinte: «Gott hat dem Kind die Energie fürs Laufen ins Hirn gegeben. Das Mädchen sieht und spürt vielleicht viele Dinge, die wir gar nicht bemerken. Warum hat Gott nicht dich oder mich, sondern sie krank werden lassen? Darüber müssen wir nachdenken. Sie ist eindeutig etwas Besonderes. Und damit ist die Antwort auf unsere Frage auch einfach: Gott liebt dieses Kind ganz besonders. Gott hat sie auserwählt und sie vielleicht für eine heilige Aufgabe erschaffen.»

Diese Worte des Pfarrers machten Maria in den Augen ihrer Eltern zu einem noch wertvolleren Geschöpf.

Rösli und Ueli

Ueli Kurt kannte Rösli, solange er denken konnte, denn sie war die Tochter seines Onkels Karl und im selben Haus geboren. Im Parterre des zweigeschossigen Hauses der Kurts lebten die Grosseltern und Uelis Familie mit ihren sechs Kindern, im Obergeschoss die Familie von Onkel Karl mit acht Kindern. Ueli und Rösli waren wie Geschwister. Gemeinsam lauschten sie in den Wintermonaten stundenlang den Geschichten des Grossvaters, sie zogen sich an den Haaren und rauften sich, sie teilten in ihrem jungen Leben gute wie schlechte Zeiten.

Ueli hatte sein sechzehntes Lebensjahr noch nicht vollendet, da eröffnete ihm eines Tages der Vater: «Diesen Sommer wirst du Rösli heiraten. Ich habe das mit Karl so beschlossen. Rösli ist ein sehr fleissiges Mädchen, da wollen wir, dass sie in der Familie bleibt. Und ihr beide passt gut zusammen. Dass mein Bruder Karl und ich ein- und derselben Meinung sind, ist ein sicheres Zeichen dafür, dass es mit Gottes Segen so sein soll. Das Haus am Geissenpfad wollen wir bis in einem Jahr fertig haben. Den Innenausbau machst du zusammen mit deinem Grossvater. Wir haben genug Holz dafür gelagert. Nimm die Masse für die Fensterrahmen und fang gleich mit den Vorbereitungen an. Wir gehen bald nach Herisau und besorgen Glasscheiben und Fensterkitt. Natürlich nur, wenn das Geld reicht – wenn wir dieses Jahr die Schafe und Geissen auf der Alp gut füttern, oder besser gesagt, wenn ihr sie gut füttert, denn diesmal gehst du mit Rösli auf die Alp. Deine Mutter kommt später nach und hilft euch, den Käse zu machen. Ich bringe euch dieses Jahr nur mit dem Vieh hinauf und muss gleich wieder hinunter, denn in Jakobsbad wird ein riesiges Kloster gebaut. Das ist für mich eine einmalige Gelegenheit. Der Polier Tobler hat gesagt, die Arbeiten dauern mindestens drei Monate, vielleicht sogar mehr. Im Moment hat ja keiner Geld, aber andernorts geht es den Menschen besser. Vielleicht findest du dort für dich eine Arbeit. Wenn ich dich benachrichtige, kommst du sofort herunter. Und dass du mir auf der Alp nur keine ruhige Kugel schiebst! Du erledigst dort alles, was an Holzarbeiten anfällt. Geh übers Dach und tausch die morschen Bretter aus. Es gibt dort viele Bauern, die einen Zimmermann brauchen können. Wenn du länger als einen halben Tag für sie arbeitest, lass dich dafür bezahlen! Sag, dass du frisch verheiratet bist und das Geld dringend brauchst. Sag ihnen, dass du nicht wie dein Grossvater für Gotteslohn oder auf Anschreiben arbeiten kannst. Wer kein Geld hat, von dem kannst du Käse, Wolle oder Holz verlangen. Aber lasst das Vieh nie aus den Augen! Da oben kann das Wetter von einem Moment zum anderen umschlagen. Wenn alles im Nebel liegt, kannst du nichts sehen und findest die Tiere nicht mehr. Das ist eine willkommene Gelegenheit für Diebe und Wölfe. Ihr müsst ständig Augen und Ohren aufsperren. Du kannst die Schafe nicht selbst scheren, du verdirbst die Wolle. Das soll Joseph Glockner machen. Grüss ihn von mir, dann macht er es. Er hat eine gute Schere und kennt sich damit aus. Die Schurwolle müsst ihr gut waschen und trocknen. Dann soll Rösli sie kämmen, bis Gras und Dreck draussen sind. Schafwolle ist jetzt sehr teuer. In St. Gallen haben sie anscheinend Werkstätten aufgemacht, sie weben Stoff aus der Wolle und nähen alle möglichen Kleider daraus. Der Polier Tobler hat berichtet, dass in den Werkstätten zwanzig, dreissig Leute arbeiten. Den fertigen Stoff verschicken sie bis nach England. Er hat sogar gesagt, dass sie bald noch mehr Weber brauchen werden. Wer weiss, vielleicht findest du mit deinen Geschwistern später dort Arbeit. Die Familie Kurt wird immer grösser, und das Land reicht nicht für alle. Wenn ihr später noch Kinder bekommt, könnt ihr sie nicht ernähren. Auch wenn man ein Handwerk beherrscht, hilft einem das nicht weiter. Ich bekomme oft keinen Lohn für meine Arbeit. Immer, wenn es ans Zahlen geht, sagen die Leute: Ich geb es dir später. Aber die Leute haben weder jetzt noch später Geld. Vielleicht ist es sogar besser, wenn du dich eine Zeitlang nur mit dem Vieh beschäftigst. Ihr wohnt jetzt erst noch einige Zeit bei uns, dann zieht ihr in das Haus am Geissenpfad.»

Ueli war die endlosen Ratschläge seines Vaters schon gewöhnt. Schweigend hörte er der Litanei zu, mit der der Vater der Reihe nach ein Thema nach dem anderen herunterbetete, und nickte leicht mit dem Kopf, so als wäre er mit allem einverstanden.

Dabei war ihm danach zumute, herauszuschreien: «Nein, ich will nicht heiraten, ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht! Rösli ist für mich wie eine Schwester. Wir haben das Bett geteilt, haben Milch aus derselben Schale getrunken, wurden in demselben Korb auf die Schwägalp getragen. Und ich will mich auch nicht mit Viehzucht beschäftigen! Ich liebe die Arbeit mit Holz! Das ist es, was ich machen will!» Doch er schwieg, wohl wissend, dass es ihm nicht zustand, sich gegen den Vater aufzulehnen. Den Vater brachte es schon aus dem Häuschen, wenn man nur eine kleine Anmerkung machte. In solchen Momenten scheute Ueli sich sogar, ihm nur ins Gesicht zu sehen.

Der Grossvater pflegte zu sagen: «Wenn du jemanden gegenüber hast, der dich nicht verstehen will, dann schweig und bleib ruhig. Das ist die beste Antwort. Manchmal kann man sich mit Schweigen besser ausdrücken als mit vielen Worten.»

Sepp Kurt, der Vater, war ein sehr harter Mensch. Von Kindesbeinen an hatte Ueli gelernt, dass man ihm ständig zustimmen musste: «Ja, das stimmt, genauso ist es.» Das Wort des Vaters war Gesetz. Was andere dachten, zählte nicht. Kinder wurden in die Welt gesetzt, um nach dem Willen des Vaters zu leben.

Nach diesem Gespräch mit dem Vater liess Ueli den Kopf hängen. Er wurde rot im Gesicht und wich den Blicken der anderen aus. Morgens stand er zeitig auf, um mit seinem kleinen Bruder den Viehbestand der gesamten Familie Kurt, zehn Ziegen und fünf Schafe, die Berghänge hinaufzutreiben. Rösli musste auch in die Heiratspläne eingeweiht worden sein, denn sie sah ihn nicht an. Manchmal dachte er darüber nach, ganz weit wegzulaufen. Doch er war noch nie weiter als bis nach Appenzell gekommen, und dort war es sehr schwer, Arbeit und Obdach zu finden. Von seinem Grossvater hatte Ueli viel über die Zimmerei und das Schreinerhandwerk gelernt, aber es gab noch viel mehr zu lernen. Der Grossvater beschäftigte sich tagelang mit den feinen Verzierungen an seinen Schränken. Seine Schnitzereien stellten die Viehzucht, den dörflichen Alltag und die Natur mit ihrer Vielfalt an Blumen, Kräutern und Bäumen dar. Jedermann betrachtete diese Bilder voller Bewunderung und Anerkennung, nur der Vater nörgelte: «In der Zeit, die du mit diesen komischen Verzierungen zubringst, hättest du noch einen Schrank machen können. Ein Schrank ist dazu da, um Kleider hineinzuhängen. Niemand kauft einen Kleiderschrank, um sich die Bilder anzuschauen. Was nützt dir ein Schrank, wenn du keine Kleider zum Reinhängen hast? Aber dafür musst du Geld verdienen. Und kannst du die Kuhfiguren etwa melken, die du da schnitzt? Du kannst sie zusammendrücken, so viel du willst, es kommt kein Tropfen Milch heraus. Sie taugen höchstens als Brennholz! Mein Gott! Wenn ich auf meine Mauern auch Bilder malen würde, würde mir niemand mehr Arbeit geben. Hör doch auf mit diesem verspielten Quatsch und arbeite schneller, mach mehr Schränke. Davon hättest du mehr!»

Der Grossvater aber pflegte daraufhin Ueli zärtlich bei der Schulter zu nehmen und zu sagen: «Achte nicht auf das, was er sagt. Er ist Maurermeister, und der Sinn für solche Feinheiten geht ihm ab. In seiner Welt ist kein Platz für Kreativität. Es ist Unsinn, wenn er sich in unsere Angelegenheiten mischt. Er ist nicht in der Lage zu erkennen, dass Arbeit auch etwas mit Gefühl zu tun hat. Wenn es keine Leute gegeben hätte, die in der Arbeit des Maurers mehr gesehen hätten, als Stein auf Stein zu schichten, gäbe es heute keine kunstvollen Bauten. Aber die armen Leute haben kein Geld für andere Maurer als deinen Vater, und sie haben weder ihre eigene Fantasie, die sie innerlich bereichert, noch haben sie das Geld, um jemanden für so etwas zu bezahlen. Dein Vater kann nichts anderes, als Stein auf Stein zu setzen. Man muss allerdings dazu sagen, dass er ein wirklich guter Maurer ist, denn sein Ruf ist bis nach Appenzell gedrungen.»

Ueli konnte sich noch gut erinnern, dass der Vater früher oft in Appenzell gearbeitet hatte und von dort immer Süssigkeiten mitbrachte; beim Gedanken daran lief ihm jetzt noch das Wasser im Mund zusammen. Er und seine vier Geschwister warteten ungeduldig und voller Vorfreude auf seine Rückkehr. Wenn sie ihn aus der Ferne kommen sahen, rannten sie ihm entgegen und warfen sich ihm in die Arme. Der Vater gab jedem von ihnen ein, zwei Bonbons, und die Kinder setzten sich auf einen Stein, um sie glücklich zu lutschen. Diese Momente gehörten zu Uelis glücklichsten Kindheitserinnerungen.

Nun war gar nicht mehr an solche Freuden zu denken. Er war sechzehn Jahre alt und würde bald heiraten. Wer weiss, vielleicht bekomme ich bald selbst Kinder und bringe ihnen Süssigkeiten, dachte er. Zu heiraten hätte er sich schon vorstellen können, nur dass es Rösli sein sollte, machte ihn wütend. Der einzige Mensch, mit dem er über das Thema sprechen konnte, war seine Mutter, doch als er ihr eröffnete, dass er Rösli nicht zur Frau haben wolle, bekam er zur Antwort: «Das eigene Kupfer ist besser als fremdes Gold.»

Uelis Mutter Anna Maria hatte eine Sprachbehinderung, deshalb ging sie Gesprächen mit Fremden aus dem Weg. Die Worte stolperten und holperten ihr in Bruchstücken über die Lippen. Die Familie verstand zwar auch nicht immer, was sie meinte, konnte es aber meist erraten. Manchmal, wenn sie sich gar nicht auszudrücken vermochte, verkroch sie sich in einen Winkel und hing düsteren Gedanken nach. Märchen konnte sie ihren Kindern nie erzählen. Aber sie machte Faxen, um die Kinder aufzuheitern, bemalte sich das Gesicht mit Kohle, verkleidete sich und imitierte die Tiere. Immer morgens, wenn sie zum Melken in den Stall ging, sprach sie lang mit den Tieren. Es war, als erzählte sie den Kühen, Schafen, Ziegen und Hühnern im Stall all das, was sie ihrer Familie nicht sagen konnte.

Der Vater spottete darüber: «Dieses Weib versteht sich am besten mit dem Vieh, soll sie doch gleich im Stall schlafen!» Die Mutter hörte stumm zu, wenn er solche gefühllosen, überheblichen Angriffe machte.

Wenn man dem Vater widersprach oder ungehorsam war, setzte es eine gehörige Tracht Prügel. Den grössten Teil davon bekam die Mutter ab. In den Augen des Vaters war sie ein wertloses, nichtsnutziges Geschöpf, das nichts anderes als Schläge und Verachtung verdiente. Der Anlass für Hiebe und Ohrfeigen konnte sein, dass zu wenig Salz in der Suppe war, die Kinder beim Spiel lärmten oder er einen seiner Socken nicht fand. War die Mutter schwer geschlagen worden, ging sie zum Kleinberg, um dort im Wald zu verschwinden, damit die Kinder ihr Schluchzen nicht hören sollten. An solchen Tagen sassen Ueli und seine Geschwister stundenlang am Fenster und warteten auf sie.

Oft betete Ueli dann: «Lieber Gott, bitte mach, dass die Mutter nicht mehr wiederkommt. Rette sie vor diesem Grobian. Versteck sie im Wald. Mach, dass nur wir sie sehen können, wenn wir sie brauchen. Nur so ist sie vor der Grausamkeit des Vaters geschützt.»

Eine Weile glaubte er dann, Gott hätte die Gebete erhört, die Mutter würde nicht wiederkommen und wäre erlöst. Unvergleichliche Seligkeit erfüllte ihn, wenn er sich vorstellte, wie er die Mutter im Wald besuchte, wo sie den ganzen Tag mit den Vögeln und wilden Tieren sprach und sich nicht mehr grämen musste.

Wenn die Mutter viel später mit einem Bündel Holz auf dem Rücken heimkehrte, liefen die Geschwister freudig zur Tür und fielen ihr um den Hals. In solchen Momenten bemerkte Ueli erst richtig, wie sehr er die Mutter liebte. Es war ihm doch lieber, wenn sie nicht im Wald, sondern zu Hause lebte.

Dann betete er noch einmal: «Lieber Gott, ich habe etwas Falsches gebetet, aber du hast mich verstanden. Eigentlich wollte ich, dass der Vater nicht mehr heimkommt. Bitte lieber Gott, mach, dass er nicht mehr heimkommt!»

Als er der Mutter einmal von diesen Gebeten erzählte, ermahnte sie ihn: «Aber, mein Junge, wie kannst du Gott um so etwas bitten? Wovon sollten wir denn leben, wenn dein Vater nicht mehr da wäre? Wir hätten noch nicht einmal Brot im Haus! Ich will nicht, dass du Gott noch einmal um so etwas bittest.»

Nun war es also beschlossene Sache, dass Ueli seine Cousine heiraten würde. An den Gedanken musste er sich erst gewöhnen. Bei den Schreinerarbeiten mit seinem Grossvater wendete sich Ueli noch stärker den feinen Details zu. Er hatte gelernt, viele verschiedene Dinge anzufertigen: Holzvertäfelungen, Fensterrahmen, mit Reliefs beschnitzte Haustüren, Tische, Bänke, Schränke, Käseformen. Sogar die Tür der Dorfkirche machte er. Sorgsam fügte er auf der Werkbank Bretter aus Kirschbaumholz aneinander, dann stellte er im Kopf lange Berechnungen an und murmelte dazu, als spräche er mit dem Holz, schliesslich setzte er mit dem Bleistift viele Markierungen, um dann die Motive, die der Grossvater auf braunes Papier gezeichnet hatte, mit grösster Sorgfalt in das Holz zu schnitzen. Stundenlang stach er Vertiefungen ins Holz, betrachtete das Schnitzwerk mit halb zugekniffenen Augen aus verschiedenen Blickwinkeln, strich mit den Fingerspitzen über das entstehende Relief, blies die Späne fort und liess so die einzelnen Motive des Reliefs hervortreten. Diese Arbeit tat er mit grosser Freude.

Als die Kirchentür fertig war, strich der Grossvater mit der flachen Hand zärtlich über deren Oberfläche und lobte ihn: «Sehr schön. Nicht einmal ich hätte das fertig gebracht. Die Reliefs sind makellos. Die Proportionen stimmen genau. Dabei bist du erst sechzehn. Aus dir wird einmal ein sehr guter Schreiner. Wie sehr habe ich mich abgemüht, deinem Vater das beizubringen! Dieser Steinemann konnte in deinem Alter noch nicht einmal einen Nagel gerade einschlagen. Gut, ich geb’s zu, ein guter Maurer ist schon aus ihm geworden, aber Stein ist schwerer als Holz, und man braucht beim Mauern viel Kraft. Nun schau ihn dir an, er ist schon ganz verbraucht und sieht beinahe älter aus als ich. Na ja, lassen wir das. Diese Tür wird dir ein Tor zur jenseitigen Welt und in der diesseitigen viele Türen öffnen. Gott lässt gute Taten nicht unbelohnt. Wenn du in Gottes Diensten Gutes tust, gibt er es dir vielfach zurück. Jesus kam nach einer langen Wanderung einmal durch ein Dorf und war sehr erschöpft und hungrig. Da kam ein Hirte zu ihm und gab ihm eine Schale Milch. Jahre vergingen, bis Jesus wieder durch dieses Dorf kam. Der Bauer lief eilig zu ihm und sprach: ‹Herr, vor vielen Jahren habe ich Euch eine Schale Milch zu trinken gegeben, das entspricht einem Tageslohn. Seit dieser Zeit gibt meine Kuh drei Schalen Milch am Tag.› Jesus wandte sich zu dem Hirten und sprach: ‹Was du Gott Gutes tust, wird dir tausendfach vergolten.› Dann ging er weiter.»

Das Lob des Grossvaters für die Kirchentür, die Ueli mit Bravour vollendet hatte, gab ihm Selbstvertrauen. In seinem Streben, ein guter Schreiner zu werden, war er ein grosses Stück vorangekommen. Die Arbeit lag Ueli, doch der Hauptgrund seines Erfolgs war, dass der Grossvater nimmer müde wurde, ihn in alle Geheimnisse dieses Berufs einzuweihen. Der Grossvater war der beste Schreiner und Zimmermann in der ganzen Umgebung. Er tat seine Arbeit hauptsächlich für Gotteslohn und mit dem Herzen. Ständig betonte er, dass auch Jesus Schreiner gewesen sei. Wenn es eine gute Sache zu tun gab, eilte er unverzüglich hin.

Die Grossmutter hingegen beklagte sich. «Wir haben noch nicht einmal Mehl im Haus, und du arbeitest für nichts. Du bist doch nicht der Herrgott, so dass du jedermann helfen musst. Wie oft gehst du zur Arbeit und kommst mit leeren Händen heim. In der ganzen Gegend gibt es kein Haus, in dem du nicht gearbeitet hast. Du arbeitest Tag und Nacht für Leute, die haben zehnmal mehr Mehl in der Vorratskammer als wir. Die Leute nutzen dich aus, weil sie wissen, dass du ein weiches Herz hast: Schreib es auf, ich komme später und zahle. In deinem Heft über die offenen Beträge ist bald keine Seite mehr frei!»

Der Grossvater nahm sich diese Nörgeleien seiner Frau niemals zu Herzen. «Ihr Weibsbilder sitzt den ganzen Tag auf der Ofenbank und häkelt Spitzen oder lasst die Spindel surren. Von dort aus schaut ihr auf die Welt, aber es gibt so viel, was ihr da nicht sehen könnt.»

Die Grossmutter war nicht auf den Mund gefallen und legte nach: «Nun hör mir mal gut zu, du grosser Kindskopf! Ich habe von ganz oben auf dem Säntis auf die Welt heruntergeschaut. Ich war sogar auf dem Hohen Kasten und hab von dort aufs Rheintal und nach Österreich geschaut. Und was hab ich gesehen? Überall nur Berge und Wald. Hast du mich einmal in eine Stadt ausgeführt? Von welcher Welt redest du denn? Sogar der Schornsteinfeger Zwicker hat seine Frau zum Einkaufen nach St. Gallen mitgenommen. Und dort hat er ihr Geschenke gekauft. Die Frau hat von den Häusern und Geschäften erzählt, da kann man nur neidisch werden! Du weisst das natürlich nicht, weil du so etwas auch noch nie gesehen hast! Du kommst ja höchstens bis auf die Schwägalp und wieder zurück nach Urnäsch. Das ist eben mein Schicksal. Alles, was ich am Leib trage, hab ich selbst genäht, und meine Kleider sind überall geflickt. Ich möchte auch ab und zu ein Stück Fleisch essen! Aber du bist ja nicht einmal imstande, die Wildschweine und Rehe im Wald zu jagen, die Gott uns allen gegeben hat. Wenn mir Gott nicht einen Mann gegeben hätte, der für die anderen umsonst arbeitet, wär mir all das erspart geblieben!»

Der Grossvater erwiderte die Klagen seiner Frau bloss mit einem leisen Schmunzeln in seinen Bart hinein.

Die ersten Gehversuche als Zimmermann

Es war im September 1838. Bei ungewöhnlicher Hitze sammelten Ueli und sein Grossvater im Wald Pilze.

«Mein Gott, so eine Hitze, und das zu dieser Jahreszeit!», stöhnte der Grossvater. «Das hat nichts Gutes zu bedeuten. Dieser warme Föhnwind dörrt alles aus. Es ist erst eine Woche her, da hat es ununterbrochen geregnet, aber jetzt ist schon alles wie versengt. Dass die Pilze so aus dem Boden schiessen, muss an diesem warmen Wetter liegen.»

Genau in diesem Moment sahen sie am Horizont dicke Rauchschwaden aufsteigen, es musste im Dorf Heiden sein. Ueli merkte, wie der Grossvater vor Furcht zitterte.

«Was für ein Qualm! Ich hab mein Lebtag kein so grosses Feuer gesehen.»

Sofort machten sie sich auf den Rückweg. Einen Korb Pilze hatten sie gesammelt, beim Tragen wechselten sie sich ab. Auf dem Heimweg sprach der Grossvater rhythmisch vor sich hin, als sänge er ein Lied:

«Meine Damen, meine Herren!

Die Speisekarte für diesen Winter:

Pilzsuppe hmmm

Eingelegte Pilze hmmm

Gebratene Pilze hmmm

Graupen mit Pilzen hmmm

Jawohl, wie man schon sieht

Diesen Winter gibt’s sonst nichts

Als lauter Pilze!»

Ueli fügte hinzu: «Etwas hast du aber vergessen, Pilzgrossvater!»

«Was denn?»

«Pilzschnaps!»

«Du bist doch erst zwölf, du kleiner Pilzkopf, aber du weisst wohl schon alles!»

«Das liegt vielleicht daran, dass ich dein Enkel bin!»

Sie kicherten.

Schlechte Nachrichten verbreiten sich wie ein Lauffeuer. Heiden lag sieben Stunden Fussmarsch entfernt. Doch jedermann weit und breit wusste bereits, dass in der Werkstatt des Schmieds Konrad ein Brand ausgebrochen war, dessen Flammen auf das ganze Dorf übergegriffen hatten, so dass die aneinander gebauten Häuser sämtlich abgebrannt waren.

Sofort am Tag nach dem Brand versammelte der Grossvater die ganze Familie Kurt um sich, um zu verkünden: «In einer solchen Lage kann man die Heidener nicht im Stich lassen. Wir gehen gleich morgen dorthin. Niemand weiss, wie lange wir bleiben werden. Für euch hier wird das Leben vielleicht mühselig, solange wir weg sind» – als er das sagte, wandte er den Blick den Frauen zu, um sie eindringlich anzusehen – «aber ihr habt wenigstens ein Bett und ein Dach über dem Kopf. Die Obdachlosen dort haben nicht einmal das. Der Winter steht vor der Tür. Wenn wir ihnen nicht helfen, erfrieren sie. Und in den Augen unseres Herrgotts sind dann auch wir gestorben.»

Am nächsten Morgen ritten Ueli Kurt, der Grossvater, der Vater und der Onkel auf den fünf Rössern, die es im Dorf gab, nach Heiden. Die Besitzer der Pferde hatten sie der Familie Kurt mit auf den Weg gegeben, denn zu Fuss wäre es unmöglich gewesen, das ganze Zimmermanns- und Maurerwerkzeug bis nach Heiden mitzunehmen, und sie schleppten alles mit, was sie an Werkzeug besassen. Einer der Pferdebesitzer begleitete sie, um die Tiere wieder zurückzubringen.

Auch viele andere Urnäscher vergassen ihre eigene Armut. Sie packten alles in Säcke, was sie an Lebensmitteln und Kleidung entbehren konnten und machten sich nach Heiden auf.

Dass Ueli mit seinen zwölf Jahren vom Grossvater mitgenommen und wie ein Erwachsener behandelt wurde, gefiel dem Jungen natürlich sehr und erfüllte ihn mit Stolz. Als sie unterwegs eine Verschnaufpause einlegten, ging Ueli zum Grossvater, um ihn zu fragen: «Was bedeutet es, wenn wir in den Augen unseres Herrgotts gestorben sind?»

Der Grossvater fuhr sich mit der Ellbogenbeuge über die Nase, um den Schweiss abzuwischen. «Von wem hast du dieses leere Gerede?»

«Von dir! Erst gestern hast du gesagt, wenn wir den Heidenern nicht helfen, sterben sie alle, und dann sind wir für unseren Herrgott auch tot. Hast du das etwa vergessen?»

«Das soll ich gesagt haben?»

«Ja, du, und zwar vor der ganzen Familie! Gestern Abend erst, als du uns alle zusammengerufen hast.»

Schnell machte der Grossvater sich auf und ging weiter, als liefe er vor etwas davon. Ueli verstand die Antwort trotzdem. Der alte Mann war keiner, der auf jede Frage eine Antwort parat hatte. Fragen, auf die er keine Antwort wusste oder keine geben wollte, überhörte er einfach oder wich ihnen aus.

Als sie nach Heiden kamen, erstarrten sie. Der Grossvater stammelte: «Um Gottes willen! Was für eine Brandkatastrophe, unglaublich! Ich hatte nicht gedacht, dass es so schlimm wäre.» Er legte Ueli die linke Hand auf die Schulter und deutete mit der rechten auf die Überreste eines Gebäudes. «Das Haus da hat den Steiners gehört. Alles ausser den Grundmauern haben zwei Meister aus Heiden und ich gebaut. Die ganzen Verzierungen an der Fassade habe ich geschnitzt. Du warst damals noch nicht auf der Welt.»

Das Dorf war kohlrabenschwarz. Vor den Mauerresten sassen verzweifelt blickende Menschen, deren Kleidung, Haare und Gesichter ebenso schwarz waren wie ihre verkohlten Häuser. Auf den Wegen war einfacher, kleiner Hausrat aufgestapelt. Die Dorfbewohner hatten alles, was sie vor den Flammen bewahren konnten, weit entfernt von den Brandherden aufgeschichtet.

Alte Leute und Kinder lagen ausgestreckt auf Matratzen, die kreuz und quer auf die Wege geworfen waren. Frauen kochten in grossen Kesseln auf offenem Feuer Graupensuppe und Ribelmais. In manchen Kesseln schmorte das Fleisch der verendeten Tiere und wurde Einheimischen wie von weither kommenden Fremden gereicht. Die Menschen hatten sich auf der Strasse versammelt. In ihren Gesichtern erkannte man die schrecklichen Spuren von düsterer Hoffnungslosigkeit und Erschöpfung. Aus vielen Ruinen stieg immer noch pechschwarzer Rauch auf. Alles war abgebrannt ausser einer Handvoll Häuser, die etwas abseits des Dorfs lagen.

Als der älteste Sohn von Albert Sonderegger beim Versuch, Mobiliar zu retten, den Flammen zum Opfer fiel, schrie Pfarrer Hohl in einem fort: «Ins Feuer zu gehen bedeutet, sich gegen Gott aufzulehnen, es bedeutet, ihn zu missachten! Das ist eine unverzeihliche Sünde. Wenn ihr überlebt, wird Gott euch wieder Bett und Tisch, Schüsseln und Geschirr bescheren. Aber dazu müsst ihr überleben. Gott, der Allmächtige, gibt euch alles, was ihr braucht, wenn ihr euch nur ehrlich darum bemüht. Geht nicht ins Feuer! Euer Leben ist doch wertvoller als ein hölzerner Milchtopf! Lehnt euch nicht gegen Gott auf!»

Ein Heidener reichte den vier Ankömmlingen Wasser aus einem Tonkrug. «Seht ihr, genau hundertfünfzig Häuser sind abgebrannt. Nur sieben Häuser konnten erhalten werden. Dafür danken wir Gott. Alles geschieht nach seinem Willen.»

Genau in diesem Moment stieg Pfarrer Hohl auf eine Erhöhung auf dem Dorfplatz vor der halb abgebrannten Kirche, um eine kurze Rede zu halten: «Euch allen gilt mein Mitgefühl. Dass ich heute diese Ansprache vor einer halb verbrannten Kirche halte, ist vielleicht eine Ehre, die mir und euch von Gott zuteil wird, eine Ehre nicht nur für uns Heidler, sondern auch für all die Menschen, die uns in diesem Moment beistehen. Mit dem Brand wurden uns nicht nur unsere Häuser, sondern auch unsere Erinnerungen genommen. Manchen unter uns war es noch nicht einmal beschieden, einen einzigen Tag in dem Haus zu leben, das sie unter tausend Mühen errichtet hatten. Vielleicht wollte Gott uns lehren, die Schwierigkeiten nachzuvollziehen, mit denen unser Herr Jesus Christus einst zu kämpfen hatte. Ihr wisst ja, dass er in einem Stall geboren wurde und lange unter schweren Bedingungen lebte. Doch es ist nicht sein Wille, dass andere Vergleichbares durchmachen müssen. Als ich heute sah, wie unsere Brüder aus St. Gallen, Appenzell, Herisau, Urnäsch und vielen anderen Orten herkamen, um uns zu helfen, verstand ich einmal mehr Gottes Grösse. Gott, unser Herr, hat uns durch Seine geliebten Diener die Hand gereicht. Unsere Brüder sind Gottes Werkzeuge. Im Namen Gottes heisse ich euch alle willkommen. Doch nun möchte ich euch nicht weiter aufhalten. Ich möchte allen unseren Helfern unsere Dankbarkeit bezeugen und Ehrerbietung erweisen. Und nun an die Arbeit! Es gibt viel zu tun, und Gott liebt den Arbeitenden.»

Sie machten sich sofort ans Werk. Pferdefuhrwerke brachten unentwegt Baumaterialien, Holz und Steine von ausserhalb, verkohltes Holz und verrusste Reste wurden weggefahren. Man fing mit der Reparatur der am wenigsten beschädigten Häuser an. Angesichts des bevorstehenden Winters wurden zuerst die Dächer wiederhergestellt.

Ueli Kurts Zimmermannslehre begann mit den Aufbauarbeiten an den niedergebrannten Häusern des Dorfs Heiden. Für ihn war es ein grosses Vergnügen, den lieben langen Tag Mass zu nehmen, Bretter zu hobeln und Nägel einzuschlagen. Auf dem Dach war es ihm ein Leichtes, bis an Stellen vorzudringen, an die der Grossvater nur mit Mühe kam. Er riss verbrannte Bretter und Balken herunter, nahm die Masse und rief sie dem Grossvater zu. Dabei spornte es seinen Eifer noch weiter an, wenn er hörte, wie der Grossvater ihn über die Masse lobte und allen rings herum erklärte, dass Ueli mit seinen zwölf Jahren besser arbeite als viele Meister.

Die vier Männer der Familie Kurt schliefen nachts im Heuschober des Bauern, dessen Haus sie gerade wieder aufbauten. Zeitig standen sie auf, stärkten sich mit einem Zmorge aus altbackenem Brot, das sie im Wasser aufweichten, und einem Stück Hartkäse. Dann ging es an die Arbeit. Ueli und sein Grossvater erledigten die Zimmerarbeiten, Vater und Onkel mauerten. Innerhalb eines Monats wurde viele Dachstühle aufgerichtet, Dächer gedeckt und das Innere der Häuser in einen bewohnbaren Zustand gebracht. Die Familie Kurt arbeitete nach dem verheerenden Brand in Heiden am längsten für Gotteslohn. Als sie fortgingen, hatten die Dorfbewohner beim Abschied feuchte Augen. Nach einem Monat liessen die vier Männer Menschen zurück, deren Augen strahlten und nichts mehr von ihrem anfänglichen schwarzen Pessimismus erkennen liessen. Pfarrer Hohl und die Dorfleute gedachten ihrer noch lange in ihren Gebeten. Etwas anderes als ihre Gebete hätte ihnen in Heiden auch niemand schenken können.

Unterwegs lobte der Grossvater den Enkel: «Aus dir wird einmal ein guter Zimmermann. Ich hatte Gelegenheit mehr als genug, mich davon zu überzeugen, dass das Handwerk dir liegt, denn ich habe dir beim Sägen und Nageln zugesehen. Die Arbeit kommt dir aus dem Herzen. Du bist noch sehr jung und hast viel Zeit, um alle Feinheiten des Handwerks zu erlernen. Mach so weiter, aber vergiss nie, dir etwas von Leuten abzuschauen, die es noch besser können. Nur so kannst du dich weiterentwickeln.»

Bis zum traditionellen Silvesterklausen waren es noch drei Tage. Eine Woche vor Neujahr holte man die grossen Schellen oder die kleineren Rollen hervor und polierte sie. An Silvester zogen die Männern in Schuppeln von Hof zu Hof, um den Menschen Glück fürs neue Jahr zu wünschen. Die grossen Hauben und Hüte zusammen mit den Schellen zu tragen, war Schwerarbeit. Auf dem Weg nach Urnäsch hatten die Männer der Familie Kurt beschlossen, dieses Jahr nicht beim Silvesterklausen mitzumachen. Alle vier waren abgekämpft und erschöpft. Inzwischen war auch der Winter hereingebrochen, alles war schneebedeckt, der gewaltige Säntis lag hinter den dicken Schneeflocken verborgen.

Sechs Jahre nach dem Brand, im Jahr 1844, führte der Weg Ueli Kurt noch einmal nach Heiden. Doch diesmal war er kein kleiner Junge, der helfen wollte, sondern der Vater eines kranken Töchterchens, der Hilfe suchte. Maria war noch keine zwei Jahre alt und ständig krank. Ausser den Schmerzen in den Beinen litt sie unter Atemnot. Sie entwickelte sich schlecht. Ihre Beine waren dünn wie Zündhölzer. Ueli band sich das Kind auf den Rücken und zog von Arzt zu Arzt. Sein bisschen Geld gab er Leuten, die dem Mädchen Heilung versprachen. Bekannte hatten ihm geraten, Maria nach Heiden zum Dorfarzt Hans Leuenberger zu bringen, der für seine Behandlungserfolge bei Knochenerkrankungen bekannt war, und Ueli wäre für Maria jederzeit bis ans Ende der Welt gelaufen.

Insgeheim dachte er: Sieh an, das muss Gottes Fügung sein. Es war an einem Freitag in der zweiten Septemberwoche. Ueli lieh sich das Pferd des Nachbarn, band sich Maria auf den Rücken und brach noch vor Sonnenaufgang nach Heiden auf. Wie immer nahm er in einem Säckchen seine geschnitzten Kuhfigürchen mit, denn etwas anderes konnte er dem Arzt als Entlöhnung nicht anbieten.

Als er auf den Dorfplatz von Heiden kam, staunte er über die grösstenteils dicht an dicht aneinander gereihten, prächtigen Häuser. Gerade mal sechs Jahre waren seit dem Brand vergangen, doch keine Spur war mehr davon zu sehen. Vor ihm lag ein nagelneues Dorf. An viele dieser Häuser hatte er selbst Hand angelegt. In ihm stieg die Erinnerung an jene Zeit auf, als er mit dem Grossvater Dachstühle und Fensterrahmen baute, im Heu schlief, als sie miteinander am Dorfbrunnen sassen, um an hartem Brot zu nagen … Mit seinem wuchernden Bart hatte der Grossvater ausgesehen wie ein Waldschrat.

Ueli ging auf dem Dorfplatz umher, um nach einem bekannten Gesicht oder einem Erinnerungsstück zu suchen. Schliesslich setzte er sich auf die Treppe vor der Kirche. Dann fragte er sich zur Praxis von Doktor Leuenberger durch. Ein paar Mal schlug er mit dem eisernen Türklopfer, der einen Fuchskopf darstellte, gegen die darunter angebrachte Eisenplatte. Es dauerte nicht lange, da tauchte ein junges Mädchen auf, dessen langer Rock über den Boden schleifte. Sein erster Satz war: «Bindet das Pferd nicht hier vor der Tür an, sondern da vorne beim Stall. Wer ist der Kranke?»

«Ich bringe mein Töchterchen zur Untersuchung. Sie ist krank.»

«Doktor Leuenberger ist kein Kinderarzt. Ich weiss nicht, ob er das Kind untersucht.»

«Ich komme von weit her, aus Urnäsch. Sieben Stunden waren wir unterwegs! Schickt mich um Himmels willen nicht fort, ohne dass der Doktor mein Mädli untersucht hat. Ich flehe euch an!»

«Schon gut. An eurer Sprache hört man schon, dass ihr von dort hinten kommt. Ich bin ja nicht blöd. Wartet vor der Tür!» Mit dieser frechen Antwort schlug das Mädchen Ueli die Tür vor der Nase zu.

Nur wenig später tauchte der Doktor an der Treppe auf, sein rundes Gesicht war nach oben gerichtet, und auch beide Hände öffnete er zum Himmel, als wolle er sich an Gott wenden. «Mein junger Freund aus Urnäsch! Sei mir willkommen! Ich schicke gleich jemanden, der das Pferd in meinen eigenen Stall bringt», rief er.

Ueli wollte schon einwenden, das Pferd gebe er lieber nicht aus der Hand, denn es sei nicht sein eigenes, er habe nämlich kein Geld für die Behandlung – das war zwar nicht ganz richtig, denn der Grossvater hatte ihm mit der Ermahnung, er könne den weiten Weg doch nicht ohne einen Heller in der Tasche antreten, zwei Gulden zugesteckt, doch die wollte er sich als letzten Trumpf aufsparen – er habe aber kleine Kuhskulpturen im Gepäck, die er dem Arzt für die Behandlung anbieten könne, doch würde dieser sie als Lohn annehmen?

Da kam Leuenberger ihm schon zuvor: «Zu welcher Familie in Urnäsch gehörst du denn, junger Mann?»

«Kurt, zur Familie Kurt», stotterte Ueli.

Die Augen des Doktors fingen an zu leuchten. Vor Aufregung entglitt ihm das Buch, das er sich unter die Achsel geklemmt hatte, es fiel zu Boden, und mit ihm ergoss sich eine Menge Notizzettel über die ganze Treppe. Doch der Arzt bemerkte das Buch und die Notizen entweder gar nicht oder wollte sie nicht bemerken. «Kurt, die Familie Kurt! Komm, lass dich an meine Brust drücken!» Er legte die ausgebreiteten Arme um Ueli. «Sei mir willkommen, mein lieber, junger Freund!»

Bei der stürmischen Umarmung erwachte Maria, die auf dem Rücken des Vaters geschlummert hatte. Als sie das Vollmondgesicht des fremden Mannes so nah vor sich sah, fing sie an zu schreien. Der Arzt griff Maria unter den Schultern und half Ueli dabei, sie sich vom Rücken zu schnüren. Dann nahm er Maria auf den Arm. Das Kind hörte auf zu weinen und blickte ihm staunend ins Gesicht. Die Assistentin des Arztes, eine kleine Frau, sah dem Geschehen verständnislos zu. Als sie sich aus der Starre gelöst hatte, machte sie sich daran, die über die Treppe verstreuten Notizen des Doktors aufzulesen.

Sie gingen zusammen ins Sprechzimmer. Ueli Kurt erzählte kurz seine Lebensgeschichte.

«In ganz Heiden gibt es niemanden, der nicht wüsste, was die Familie Kurt für uns getan hat», erklärte der Arzt. «Mich hat es damals tief beeindruckt, wie du mit deinen zwölf Jahren hier geschuftet hast. Deine Holzskulptürchen sind ausserordentlich schön. Ich nehme dir alle ab und gebe dir zehn Gulden dafür. Zur Behandlung deiner Tochter bleibt ihr drei bis fünf Tage hier bei mir zu Gast. Die Kosten dafür hat die Familie Kurt schon vor Jahren im Voraus bezahlt.» Dann fügte er hinzu: «Und mach dir keine Sorgen, ich lasse deiner Familie Bescheid geben, dass ihr ein paar Tage hier bleibt.»

Dann zog Doktor Leuenberger ein paar Mal an einer Schnur, die im Behandlungsraum von der Decke hing. Oben hörte man eine Glocke läuten, wenig später öffnete sich die Tür und eine Frau mittleren Alters trat ein. «Frau Bäumli, dieser junge Mann aus Urnäsch ist mit seinem Töchterchen eine Woche unser Gast. Richten Sie ihm das Zimmer oben. Sie haben einen weiten Weg hinter sich und müssen sich vor dem Essen ein wenig ausruhen», wies Leuenberger sie an, bevor er sich wieder Ueli zuwandte: «Nun geh hinauf und ruh dich aus. Ein bisschen später kommt ihr zum Mittagessen ins oberste Geschoss hinauf. Meine Frau Ida wird ohne jeden Zweifel sehr erfreut sein, euch kennenzulernen. Nach dem Essen fange ich mit der Behandlung an. Wir haben ja viel Zeit.»

Frau Bäumli hatte Maria mitgenommen. Ueli ging auf sein Zimmer und liess sich aufs Bett fallen. Kaum lag er da, fühlte er eine bleierne Müdigkeit. Er schlief so fest, dass Frau Bäumli es nicht über sich brachte, ihn zum Essen zu wecken. Als Ueli erwachte, war es schon beinahe Abend. Frau Bäumli tauchte mit einem Berg Kleidung auf.

«Doktor Leuenberger schenkt Ihnen dieses Bündel Kleider. Darin sind auch ausreichend Unterwäsche und Strümpfe. Im Bad habe ich Ihnen Wasser heiss gemacht. Anschliessend erwartet der Herr Doktor Sie zum Nachtessen.»

Nach dem heissen Bad fühlte Ueli sich federleicht. Das Esszimmer war von drei Öllampen und zwei Kerzen auf dem Esstisch hell erleuchtet. Frau Leuenberger begrüsste ihn mit einem herzlichen Lächeln und umarmte ihn, wie ihr Mann das getan hatte: «Herzlich willkommen, junger Urnäscher! Dein Töchterchen ist sehr lieb. Ich habe mich den ganzen Nachmittag mit ihr befasst, sie gewaschen, gefüttert und frisch angezogen. Anfangs hat sie ein paar Mal gefragt, wo der Vater sei, aber dann hat sie dich ganz vergessen. Jetzt schläft sie wie ein Murmeltier.»

Doktor Leuenberger schlug das Buch zu, in dem er gelesen hatte. «Ida und ich mögen Kinder sehr. Wir hätten uns auch welche gewünscht, aber es war uns nicht beschieden. Man träumt manchmal von den Dingen, die einem fehlen … Aber lassen wir es damit gut sein. Zu Tisch, bitte sehr.»

Sie setzten sich an einen auf Hochglanz polierten Nussbaumtisch. Die geschnitzten Rosenmotive am Rand waren sehr fein gearbeitet. An der Wand stand ein langes Regal voller Bücher. Es waren zehn mal mehr Bücher als die im Haus von Pfarrer Johannes. Auf dem Tisch stand an jedem Platz ein eigener Teller. Offensichtlich assen hier nicht alle aus derselben Schüssel wie im Hause Kurt …

Nachdem die Dienstmagd den Tisch abgeräumt hatte, zog Frau Leuenberger sich zurück, um ein Buch zu lesen. Ueli sah zum ersten Mal, dass eine Frau in ihrer freien Zeit etwas anderes tat, als Wolle zu spinnen und zu stricken. In Urnäsch war es unvorstellbar, dass eine Frau diesen Alters lesen und schreiben konnte.

Ueli Kurt und Doktor Leuenberger tranken derweil Wein.

«Wie bist du mit deiner Frau verwandt?»

Ueli blickte den Arzt verständnislos an.

«Ich habe dein Töchterchen heute kurz untersucht. Die Beine zu behandeln, ist aussichtslos. Die Knochen sind von Geburt an verkümmert und deformiert. Und sie hat Probleme mit den Atemwegen. Das können wir lindern. Trotz allem ist sie ein sehr aufgewecktes Kind. Ihre Wahrnehmung und ihre geistigen Fähigkeiten sind völlig normal, sie ist ihrem Alter sogar voraus. Die Eheschliessung zwischen Verwandten empfiehlt sich nicht. Man müsste die Verwandtenehe sogar verbieten. Solchen Familien werden häufig behinderte Kinder geboren. Denn Verwandte haben dasselbe Blut, und Kinder aus solchen Verbindungen zahlen ein Leben lang den Preis dafür. Bist du mit deiner Frau verwandt?»

«Sie ist meine Cousine. Rösli und ich sind zusammen gross geworden. Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, sie zu heiraten, aber mein Vater und mein Onkel wollten es so. Alle, fast die ganze Familie Kurt und sogar der Pfarrer, waren dafür. Er meinte sogar, dass Gott es so gewollt hat. Doktor Leuenberger, ich muss Sie etwas fragen. Wenn ich mir die vielen Bücher hier so ansehe – Sie lesen sogar mehr als der Pfarrer. Mir gehen so viele Fragen durch den Kopf, auf die ich einfach keine Antwort finde …»

«All diese Bücher reichen nicht aus, um auf alles eine Antwort zu finden. Aber vielleicht können wir die Antworten auf deine Fragen gemeinsam finden. Worum geht es denn?»

«Der Pfarrer Hohl sagte, dass der Brand von Heiden Gottes Fügung war. Zur Heirat mit meiner Cousine sagten auch alle, dass Gott es so gewollt hat. Und als auf der Schwägalp ein Rudel Wölfe alle Schafe und Ziegen gerissen hat, hiess es wieder, das war Gottes Wille. Ich verstehe das alles nicht. Warum ist Gott so grausam, warum bringt er die Menschen so in Bedrängnis? Ich begreife das nicht!»

Leuenberger blickte Ueli nachdenklich an.

«Sieh mal, Ueli. Gott will überhaupt nichts», erklärte er dann. «Bloss wir Menschen schreiben alles Gott zu. Die Frage, die dich beschäftigt, ist ganz leicht zu beantworten, dafür braucht man keine Bücher zu lesen. Wenn wir Menschen bei allem immer meinen, Gott habe es so gewollt, dann können wir weder uns selbst weiterentwickeln noch die Gesellschaft, in der wir leben. Deshalb ist es notwendig, dass wir nicht einfach ständig Gottes Hilfe erwarten, sondern im Gegenteil Fragen stellen, nach Antworten forschen, ja uns sogar auflehnen. Nur so kann eine Entwicklung zum Besseren stattfinden. Wenn ich meinen Patienten mit der Auffassung gegenübertrete, deren Krankheit sei von Gott gewollt, dann brauche ich gar nicht nach Behandlungsmethoden zu suchen. Wir müssen versuchen, an schlechten Erfahrungen zu wachsen. Ich lerne jeden Tag etwas dazu.

Erstens hat Gott das Dorf Heiden nicht in Brand gesetzt. Wenn ich jetzt hier mitten im Haus ein offenes Feuer entfache, brennt das ganze Haus ab. Wir machen es uns zu leicht, wenn wir das Gott in die Schuhe schieben. Der Grund für den Brand in Heiden war ein nachlässiger Schmied. Seiner Unaufmerksamkeit ist es zuzuschreiben, dass der Brand ausbrach, der schliesslich das ganze Dorf in Flammen aufgehen liess. Hinzu kam der heisse Föhnwind, der damals zwei Tage lang alles aufheizt und ausgedorrt hatte. Ausserdem waren die Häuser aneinander gebaut, so dass die Flammen leicht von einem Haus zum nächsten übergreifen konnten. Der Schmied konnte das Feuer in seiner Werkstatt nicht löschen, weil er nicht wusste, wie man das anstellt. Hätte man sich in Heiden auf so einen Fall vorbereitet und einen Plan zum Feuerlöschen gemacht, wären vielleicht nicht mehr als zwei Häuser abgebrannt. Doch inzwischen zog man eine Lehre aus der Brandkatastrophe. In Heiden gibt es jetzt eine Feuerwehr. Wir haben für den Brandfall einen zweirädrigen Löschwagen mit einem Wassertank. Es wird hier wieder Brände geben, aber wir haben eine ausgebildete Feuerwehr. Das wird die Ereignisse seltener machen, für deren schlimme Folgen wir Gott die Verantwortung zuschieben. Und es gibt noch andere, vergleichbare Fälle. Vor drei Jahren, also 1841, wurde für den Kanton Appenzell Ausserrhoden eine Gebäudeversicherung gegründet. Die übernimmt jetzt den Schaden, wenn ein Haus abbrennt. Doch dafür muss man jährlich einen bestimmten Betrag einbezahlen, und leider versichern nur wenige Leute ihre Häuser, die anderen möchten diesen Betrag nicht bezahlen. Was kann Gott dafür? Für vieles, was uns zustösst, sind wir Menschen selbst verantwortlich. Wenn wir im Winter barfuss im Schnee spazieren gehen, erkälten wir uns. Um das zu vermeiden, ziehen wir Strümpfe und Schuhe an, und zwar bevor wir hinausgehen. Eine Versicherung funktioniert so ähnlich.»

Leuenberger trank einen Schluck Wein, um seine trocken gewordene Kehle anzufeuchten. Dann fuhr er fort: «Nun zum zweiten Punkt: Du bist nicht der Erste, der seine Cousine geheiratet hat. Die Älteren in deiner Familie haben so etwas schon öfter erlebt und müssen wissen, dass aus solchen Ehen behinderte Kinder hervorgehen. Das nennt man unbelehrbar! Andere Dinge sind ihnen eben wichtiger. ‹Wenn wir die Kinder untereinander verheiraten, müssen wir unsere Kartoffeläcker und Getreidefelder nicht mit Fremden teilen.› Wichtiger als die Gesundheit der Kinder ist ihnen, dass die Äcker in der Familie bleiben. Die Behinderung der Kinder nehmen sie auf die leichte Schulter, denn sie sind im Denken selbst behindert.

Und nun zu deinem dritten Beispiel, da liegt die Sache ähnlich, es geht um Ursache und Wirkung. Der Wolf jagt nun einmal Schafe und Ziegen, das ist ein Gesetz der Natur. Es liegt an dir, dein Vieh vor der Gefahr zu bewahren. Wenn deine Tiere den Wölfen zum Opfer gefallen sind, hast du nicht gut auf sie aufgepasst. Wenn du dann behauptest, das war Gottes Wille, sagst du das, um die Last der Verantwortung abzuwälzen.»

Später auf seinem Zimmer dachte Ueli noch lange über die Worte des Doktors nach. Doktor Leuenberger war keiner, der ständig den Namen Gottes im Mund führte wie die Menschen aus Uelis Umfeld. Und es war unglaublich, dass er für die Kuhfiguren zehn Gulden angeboten hatte. Vielleicht hatte Ueli ihn missverstanden … Ein Gulden wäre schon ein sehr guter Preis für die Holzfigürchen gewesen. Ueli hatte noch nie im Leben ein Zimmer für sich allein gehabt und schlief wie ein Murmeltier bis zum nächsten Tag.

Beim Morgenessen berichtete der Doktor, dass er als Arzt sehr lange in Zürich tätig gewesen war. «Dann sind wir hierhergezogen, einerseits, um den Rest meiner Tage an dem Ort zu verbringen, in dem ich geboren bin, und andererseits, um den Menschen hier zu dienen. Wenn hier jemand krank wird, hält er es nicht für notwendig, einen Arzt aufzusuchen, man wendet sich eher an den Pfarrer oder an Wunderheiler. Die Leute rufen mich erst, wenn sie schon im Sterben liegen. Dann kann ich meist auch nicht mehr viel für sie tun. Wir leben hier noch von dem, was ich in Zürich verdient habe. An einem Ort, wo die Menschen Hunger leiden, kann ein Arzt kein Geld verdienen. Mir geht es letztlich wie dir: Du bist Schreiner, aber die Leute haben kein Geld, um deine Arbeit zu bezahlen.»

Ueli unterbrach den Doktor, um zu gestehen, dass auch er Maria schon oft zu Mönchen und Wunderheilern gebracht hatte.

Leuenberger verzog ein wenig das Gesicht. «Tu das nie wieder», riet er. «Diese Art der Behandlung ist für Kinder sehr schädlich. Bei Erwachsenen liegt die Sache anders. Sie glauben fest an die Wirkung solcher Quacksalberei und meinen anschliessend, Besserung zu verspüren – und ich muss zugeben, dass es Leute gibt, die allein aufgrund dieser Überzeugung tatsächlich gesund werden. Denn der Glaube versetzt Berge und ist der entscheidende Faktor bei der Genesung. Doch weil bei Kindern dieser Glaube an die Wirksamkeit noch nicht vorhanden ist, kann es keinen Nutzen geben. Bring Maria nur noch zu Leuten, die über medizinische Kenntnisse verfügen.»

Der Arzt schloss Marias Behandlung innerhalb von drei Tagen ab. Ihre Luftröhre war von Geburt an sehr eng, weshalb sie sich leicht entzündete, was ihr das Atmen schwer machte. Drei Tage lang massierte Leuenberger den Brustkorb des Kindes mit verschiedenen Techniken, um ihn zu weiten und das Atmen zu erleichtern. Ausserdem bereitete er einen Sirup aus dem Inhalt verschiedenfarbiger Flaschen zu und schärfte Ueli ein, Maria diesen dreimal täglich einzuflössen. Zu Marias Beinen sagte er, sie werde niemals laufen können, doch bei guter Ernährung könne sie kriechen. Wenn sie zu krabbeln beginne, solle man ihr zur Schonung der Knie die ledernen Knieschoner anziehen, die er vom Schuhmacher hatte anfertigen lassen.

Als sie sich auf den Heimweg machten, waren ihre Taschen mit reichlich Kleidung gefüllt. Und trotz Uelis heftigem Protest hatte der Doktor nach all seinen Wohltaten auch noch zehn Gulden daraufgelegt.

Diesmal schneite es nicht auf dem Rückweg wie vor sechs Jahren, sondern es herrschte strahlender Sonnenschein. Nur der Gipfel des Säntis war weiss von Schnee. Auf Uelis Rücken spielte Maria mit den Haaren des Vaters und summte vor sich hin. Ueli tastete in der Tasche nach den zehn Gulden. Er war unvorstellbar glücklich. Wenn er Maria zu Mönchen oder Quacksalbern gebracht hatte, war er jedes Mal mit leeren Taschen heimgekehrt.

Spontan schlug er einen Umweg über Appenzell ein. «He, Maria, ich zeig dir Appenzell!»

«Was ist das?»

«Was das ist? Ein Schleckstängel.»

«Ja, jaaaaa!»

In Appenzell kaufte Ueli dem Grossvater hundert Gramm Tabak, der Mutter und Rösli je ein Handtuch und vier Meter Stoff, der mit Blumenmotiven bedruckt war, dem Vater einen neuen Hammer und für den Rest der Familie Süssigkeiten. Danach hatte er immer noch fünf Gulden in der Tasche.

Der Werkzeughändler erkannte ihn. Als er das Pferd und die vollen Taschen sah, murmelte er: «Die Geschäfte der Familie Kurt laufen wohl wie am Schnürchen. Dein Pferd ist wohlgenährt.»

Ueli nickte und machte sich eilig davon. Er wollte nicht Herrn Dörig über den Weg laufen, denn die Familie Kurt stand bei ihm mit mindestens zweihundert Gulden tief in der Kreide.

Maria nuckelte indessen an ihrem Schleckstängel. «Appenzell ist aber gut», murmelte sie.

Die Hochzeit

Pfarrer Johannes hatte Ueli vor der Hochzeit ins Pfarrhaus geladen. Zum ersten Mal betrat Ueli das grosse, auf mächtigen Mauern errichtete Gebäude direkt hinter der Kirche. Der schwarzweiss gestrichene, hölzerne Dachhimmel war weit nach vorne über die Fassade gezogen. Direkt neben dem Haus stand eine riesige Tanne, die fast bis zu seinem First reichte.

Rösli war sehr oft zum Putzen dort und erzählte bewundernd von dem geräumigen Haus, angefangen bei den vielen Büchern, die ein ganzes Zimmer füllten, den glänzend lackierten Schränken bis hin zu den glitzernden Weingläsern. Auch den Pfarrer verehrte sie sehr, er war sehr höflich, kultiviert und trotz seines hohen Amtes nicht überheblich. Den Reichtum wertete sie als Lohn seiner Nähe zu Gott.

Pfarrer Johannes empfing Ueli an der Tür. Höflich erkundigte er sich nach dem Befinden, um ihn dann ins riesige Wohnzimmer zu führen. Sie setzten sich an einen grossen Tisch. Der Pfarrer warf einen kurzen Blick in die aufgeschlagene Seite der Bibel auf dem Tisch, als suche er eine bestimmte Stelle, dann klappte er das Buch behutsam zu. Dabei murmelte er etwas Unverständliches. Sie prosteten sich mit Wein zu, der in grossen Gläsern schon bereit stand.

«Lieber Ueli, du bist jetzt ein richtiger Mann. Gott möchte, dass du eine Familie gründest und hat dir das Zeug gegeben, sie zu ernähren. Das beweist schon die Kirchentür, die du gerade mit deinen geschnitzten Reliefs so schön verziert hast. Du beherrschst dein Handwerk. Deine Fähigkeiten und dein Fleiss ermöglichen es dir, eine Familie zu ernähren. Und Rösli ist genau die richtige Frau für dich. Gott hat euch für einander erschaffen. Wenn Gott einen Menschen schafft, gibt er ihm auch einen Partner. Zusammen mit deiner Frau sollst du auf Gottes Wegen wandeln, möge er euch leiten. Je näher ihr Gott seid, desto mehr ist Gott mit euch und steht euch bei. Ein Heim zu gründen, Nachkommen zu zeugen, ist eure heilige Pflicht als Gottes treue Diener. Wer dieser Pflicht nachkommt, tut Gutes.»

Die Ratschläge und Ermahnungen wollten kein Ende nehmen. Während der Pfarrer sprach, blickte er Ueli ruhig und fest in die Augen, wie um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Doch was in Ueli Kurt vorging, war etwas ganz anderes. Er hatte zu hören gehofft: «Ihr seid sehr nah miteinander verwandt. Es ist nicht richtig, dieses Mädchen zu heiraten.» Aber nach dieser Unterredung mit dem Pfarrer erschien die Eheschliessung unausweichlich.

Doch die schöne Kirchentür aus Kirschbaumholz fand noch mehr Bewunderer. Eine Woche nach ihrer Vollendung hatten Ueli und sein Grossvater im Haus der Familie Schmied zu tun, der reichsten Familie des Dorfs. In St. Gallen besassen die Schmieds ein Juweliergeschäft, ihr Haus in Urnäsch war das grösste und prächtigste im Dorf, und sie hatten zwei vierspännige Kutschen. Bei den Schmieds sah Ueli zum ersten Mal im Leben silberne Tabletts, Schalen und Besteck. Und ihre Tochter war das schönste Mädchen im Dorf. Lange Jahre erschien sie Ueli im Traum, ja, er war sogar in sie verliebt. Die beiden waren gleichaltrig und hatten als kleine Kinder am Bach zusammen Frösche gefangen. Julia hatte ein Kindermädchen, und wenn sie einmal einen Frosch erwischten, packte sie das Mädchen gleich am Arm. Julia blickte Ueli dann hilfesuchend an und weinte, während das Kindermädchen sie am Arm fortzerrte. Ab einem Alter von acht Jahren war sie im Dorf kaum mehr zu sehen. Man konnte von dieser wohlhabenden Familie natürlich nicht erwarten, dass sie ihre Kinder in die Dorfschule schickte. Ueli erfuhr, dass Julia in St. Gallen ein Internat besuchte. Fortan sah er sie nur noch beim Silvesterklausen oder wenn sie in den Schulferien nach Hause kam und manchmal auf dem Balkon ein Buch las. Sie war ein schönes junges Mädchen geworden, und womöglich war sie auch noch gebildet. Für Ueli glich sie den Prinzessinnen in Grossvaters Märchen. Ihr blondes Haar fiel ihr in zwei langen Zöpfen über die Schultern, und wenn sie Ueli mit strahlenden Augen ansah, wurde er rot und blickte zu Boden.

Als sie an jenem Tag zur Arbeit ins Haus der Schmieds gingen, hoffte Ueli insgeheim, Julia zu sehen, und allein der Gedanke machte ihn schon nervös. Der Hausverwalter zeigte ihnen ein paar kleine Schreinerarbeiten, die zu erledigen waren. Ueli machte sich daran, den Parkettboden im Wohnzimmer zu polieren. Auf der ganzen Fläche war feiner Sand ausgebracht, der mit einem Reibstein, ähnlich einem Wallholz, dazu diente, den Boden abzuschleifen – normalerweise Frauenarbeit. Plötzlich kam gazellengleich Julia in den Raum gehüpft. Sie stemmte beide Hände in die Hüften und stellte sich vor Ueli hin. Alles ging so schnell, ihm wäre beinahe das Herz stehen geblieben. Hilfesuchend blickte er den Grossvater an, doch der tat so, als merke er gar nichts.

Julia fing sehr betont zu sprechen an: «Sag einmal, stimmt es, dass du die Kirchentür gemacht hast? Die Reliefs und das Schnitzwerk sind grossartig! Wenn das wirklich dein Werk ist, dann muss ich sagen: Hut ab!»

Ueli schluckte. Es hatte ihm die Sprache verschlagen. Kniend fuhr er fort, den Poliersand mit der Steinwalze über das Parkett zu reiben. Julia zog ihren langen Rock bis zu den Knien hoch und hockte sich vor ihm hin. Mit beiden Händen packte sie die Griffe des Poliersteins. Ihre zarten, warmen Finger berührten Uelis Hände.

«Bist du mir etwa böse? Sprichst du nicht mehr mit mir? Immer, wenn ich mit dir zwei Worte wechseln will, wendest du dich ab.»

Ueli wurde hochrot im Gesicht. Mit bebender Stimme stotterte er: «Nein, ich bin ganz bestimmt nicht böse auf dich.»

Der Grossvater, der gerade dabei war, den Namen Schmied in die Ecke einer Tür des Wohnzimmerschranks zu malen, konnte das Schauspiel nicht länger mitansehen. «Die Tür hat wirklich er gemacht. Nicht einmal ich hätte das so gut gekonnt.»

«Ein richtiges Kunstwerk! So schöne Motive gibt es nicht einmal am Dom von St. Gallen. Noch nicht einmal in Zürich oder Genf habe ich so etwas gesehen.»

Ueli verstand nicht ganz, was Julia meinte.

«Willst du damit sagen, dass du in deinem Alter schon in Zürich und Genf warst?», fuhr der Grossvater dazwischen.

«Ja, was ist denn dabei? Das sind doch heutzutage keine Entfernungen mehr. Mit der Kutsche meines Vaters sind wir an einem Tag von St. Gallen nach Zürich gefahren. Und in drei Tagen nach Genf. Oh, Zürich müsst ihr unbedingt sehen. Abends ist die ganze Stadt von Gaslaternen erleuchtet. Man kann durch die Stadt promenieren, ohne sich zu fürchten. Und tagsüber die vielen Kutschen, das könnt ihr euch nicht vorstellen. Hunderte von Bekleidungsgeschäften gibt es da, sogar Uhrenläden, alles, was ihr euch nur ausmalen könnt … Ja, also, es ist besser, wenn Vater nicht sieht, dass ich mit euch spreche. Ich muss jetzt auf mein Zimmer.»

Wie ein Schmetterling schwirrte sie davon und mit ihr Uelis Verstand. Es dauerte lange, bis er mit den Gedanken wieder bei der Arbeit war. Unkonzentriert liess er den Polierstein vor und zurückgleiten.

Der Grossvater schmunzelte in seinen Bart hinein: «Noch nicht ein einziges Wort hast du mit dem Mädchen gesprochen. Wenn du sie siehst, schmilzt du dahin. Wenn das nicht Liebe ist! Aber dafür ist es zu spät! Du bist ja schon so gut wie verheiratet.»

Als sie abends erschöpft und müde nach Hause gingen, packte Ueli den Grossvater am Arm: «Wäre es nicht besser, ich würde Julia heiraten? Dann wäre ich nicht mehr arm und ausserdem mit einer Frau zusammen, die ich liebe!»

Der alte Kurt nahm die Pfeife aus dem Mund und blies den Rauch aus. Wie immer lachte er erst einmal lange. Dann nahm er Ueli bei der Schulter und sah ihm halb spöttisch, halb ernst in die Augen. Als er den Jungen wieder losliess, schien es schon, als würde er gar nichts sagen. Doch dann schüttelte er ihn, wie um ihn aus einem Traum aufzuwecken: «Erstens: Wenn du Hunger hast, träumst du von Brathuhn. Alles ist möglich! Zweitens: Vergiss nicht, dass es zu Hause nur trockenes Brot und Kartoffelsuppe gibt. Drittens: Du verstehst noch nicht einmal, was Julia redet. Du bist nur bis zur zweiten Klasse gekommen, aber sie geht immer noch zur Schule. Viertens: Wir beide haben einen Bärenhunger. Es gibt nichts Schöneres, als heute Abend satt zu werden. Fünftens: Vergiss es. Gib in deinen Zukunftsträumen auch Rösli einen Platz. Dein Vater, dein Onkel, deine Mutter und deine Tante wollen es so.»

«Willst du auch, dass ich Rösli heirate?»

«Ich will dir verraten, was mein Herz mir sagt: Nein, ich will es nicht. Du solltest dir deine Frau selbst aussuchen können. Du müsstest sogar in sie verliebt sein. Die Ehe besteht nicht nur darin, der Familie ihre Kartoffeläcker zu erhalten. Doch so denken nur du und ich. Die anderen um uns herum denken anders. Wir sind in der Minderheit und können das nicht ändern. Der Stärkere siegt, nicht der, der im Recht ist. Und sie sind stärker und zahlreicher. Du bis sechzehn, und ich stehe mit einem Bein schon im Grab. Verstehst du? Im Leben ist es oft so, dass wir uns einer Sache beugen müssen, die wir nicht wollen.»

«Warum sagst du das nicht deinen Söhnen? Du kannst ihnen erklären, dass es diese Heirat nicht geben darf.»

«Glaubst du denn, ich hätte es ihnen nicht gesagt? Natürlich habe ich das! Sie meinten, ich sei unfähig, die Wirklichkeit zu sehen. Wenn man fünf Leuten gegenübersteht, die das sagen, fängt man selbst an, es zu glauben.»

Der Grossvater hatte den vierten Punkt ein wenig scherzhaft gesagt, aber er war tatsächlich sehr hungrig und hatte keine Kraft mehr für diese Diskussion.

«Schon gut, ich habe verstanden. Aber Rösli war überhaupt nicht in der Schule, also passt sie auch nicht zu mir. Und Julia geht zwar immer noch zur Schule, aber könnte sie so eine Kirchentür machen?»

«Du hast Recht, daran hatte ich nicht gedacht.»

Sie lachten.

Julia sollte Ueli noch oft im Traum erscheinen, auch nach der Hochzeit mit Rösli. Als er klein war, hatte er sogar geträumt, dass sie am Bach im Gras lagen und sich küssten. Meistens träumte er, mit Julia viele Kinder zu haben und in einem grossen Haus nahe am Bach zu leben, vor dem Kutschen standen.

Wenn Rösli die Bilder junger Mädchen betrachtete, die Ueli schnitzte oder malte, wurde sie ärgerlich: «Warum sehen diese Mädchen immer aus wie Julia? Warum sieht keines so aus wie ich? Ich weiss schon, warum. Weil du mich nicht einmal anschaust. Warum hast du nicht diese herausgeputzte Ziege geheiratet, wenn du sie so liebst?», beklagte sie sich.

In solchen Momenten wandte Ueli die Taktik an, die er vom Grossvater gelernt hatte: Schweigen. Wenn die Grossmutter Vorwürfe hageln liess, drehte er ihr den Rücken zu und tat so, als fühle er sich nicht angesprochen – was die Grossmutter natürlich noch mehr aus dem Häuschen brachte.

Der Tag der Hochzeit kam schnell. Als Ueli Kurt und Rösli an einem Sonntag des Jahres 1842 in der Dorfkirche heirateten, waren beide erst sechzehn. Zunächst hielt er die Ehe für eines ihrer früheren Kinderspiele. Es war erst wenige Jahre her, seit sie miteinander «Vater, Mutter, Kind» gespielt hatten.

Von der Hochzeitsfeier blieb ihm einzig in Erinnerung, dass Pfarrer Johannes ihn als sehr guten Schreiner gelobt und mehrfach betont hatte, die prächtige Kirchentür sei der Würde des Orts völlig angemessen. Danach wurde die Hochzeit im Gasthaus Krone gefeiert, der Dorfwirtschaft. Ueli musste wohl dem Wein zu sehr zugesprochen haben, denn anschliessend schlief er drei Tage und Nächte wie ein Toter und konnte sich später an nichts mehr erinnern.

Die zweite Woche ihrer Ehe fiel zufällig in die Zeit des Alpauftriebs. Oder vielleicht war das von den Eltern so eingefädelt worden. Wenn der Schnee auf der Schwägalp geschmolzen war, trieb man das Vieh hinauf und lebte drei bis vier Monate in einer Hütte auf der Alp. In Urnäsch brach grosse Hektik aus. Die Kuhglocken wurden hervorgeholt, geputzt und poliert, bevor man sie dem Vieh um den Hals hängte, und die Dorfleute zogen ihre traditionelle Tracht an, um die Alpfahrt würdig zu begehen. An den Hälsen der schönsten und gepflegtesten Kühe baumelten die Schellen an farbig und mit Messingbeschlägen verzierten Lederriemen. Die Männer trugen zu ihren gelben Lederhosen weisse Kniestrümpfe und weisse Hemden unter roten Westen, die mit ihren von Hand gestickten Verzierungen und den grossen silbernen Knöpfen ins Auge stachen. Die Frauen trugen ihre Trachten, die ebenfalls reichlich mit Stickereien verziert waren. Lachend und scherzend zogen die Menschen auf dem gewundenen Pfad zur Alp, sangen Volkslieder, jodelten und tranken Schnaps. Die Sennen trieben das Vieh mit langen Stecken an und trugen das Milchgeschirr und die Gerätschaften zur Käseherstellung mit.

Die Familie Kurt begleitete mit ihren achtzehn Schafen und Lämmern sowie vierzehn Ziegen und Zicklein die Jungverheirateten auf die Alp. Nachdem sie die Gerätschaften und einige Lebensmittel in der Hütte verstaut hatten, verabschiedeten sich die übrigen Familienmitglieder eilig und liessen das junge Paar allein. Für Ueli und Rösli war es das erste Mal seit ihrer Hochzeit, dass sie allein sein konnten, und das war von der Familie bewusst so eingerichtet worden.

Ueli und Rösli brachten das Vieh in den Pferch und stellten Wasser und Lecksalz hinein. Die Milch von Schafen und Ziegen wurde in getrennten Bottichen gesammelt. Ueli machte im offenen Kamin der Hütte ein Feuer. Daneben gab es einen eigenen Pferch für neu geborene Jungtiere, in dem er zwei kleine Lämmer unterbrachte. Die Mutter hatte ihn nämlich ermahnt: «Die Nächte auf der Alp sind kalt, das halten die Jungtiere nicht aus. Du musst sie jeden Abend zu euch in die Hütte holen.»

Rösli machte sich daran, Mehlsuppe zu kochen, dann stellte sie einen Becher Milch vor Ueli auf den Tisch. Ueli trank einen Teil und gab den Lämmern den Rest.

Die Abendsonne fiel durch die Ritzen in der Holzwand. Ueli legte sich auf den Rücken und sah dem Spiel der Staubteilchen in den letzten Sonnenstrahlen zu, wie er es seit Kindertagen liebte. Tagsüber hatte er bei dem festlichen Treiben etwas über den Durst getrunken. Kaum lag er ausgestreckt da, machte sich die Trunkenheit bemerkbar, der ganze Körper wurde ihm schwer. Nur mit der Hand führte er einen Tanz mit den Lichtstrahlen auf. Plötzlich fasste Rösli ihn bei der Hand.

«Spielen wir Vater, Mutter, Kind?»

«Aber wir sind doch schon verheiratet.»

«Ja, aber was ist das denn für eine Ehe? Wir haben uns noch nicht einmal richtig an der Hand gehalten. Ich bin verheiratet und schlafe immer noch mit meinen Geschwistern im selben Bett!»

Rösli liess sich in Uelis Arme sinken. Als später Maria geboren wurde, nannten sie sie scherzhaft ein Alpmäädli.

Am selben Abend gab es einen Wetterumsturz, erst donnerte es, dann prasselte der Regen herunter. Unter dem monotonen Trommeln des Regens auf dem Dach schliefen die beiden den Schlaf der Gerechten. Doch den folgenden Morgen sollte Ueli sein Lebtag nicht vergessen.

Rösli stiess einen gellenden Schrei aus und kam in die Alphütte gerannt: «Jessesgott! Alle tot, tot, tooooot! Steh auf, Ueli, aufstehen! Um Gottes willen! Was ist bloss passiert?»

Dichter Nebel lag über der ganzen Gegend, er hatte den Säntis und sogar die Tannenwälder an den Hängen des Kronbergs verschluckt. Wassertropfen hingen an den Grashalmen. Rösli zitterte.

Ueli stürzte zum Pferch. Auch andere Sennen auf der Alp hatten das Geschrei gehört und kamen herbei. Während er mit seinem Stock in der Erde herumstocherte, seufzte ein alter Bauer: «Allmächtiger Herrgott! Was für ein Gemetzel! Wie viele Wölfe müssen das wohl gewesen sein? Ein solches Blutbad habe ich noch nie gesehen! Gott steh euch bei!»

Der Pferch für Schafe und Ziegen grenzte direkt an die Hütte. Überall waren grosse Blutlachen. Alle Tiere waren verendet. Manchen war der Leib aufgerissen, die Gedärme herausgezerrt, anderen der Kopf abgebissen. Ueli und Rösli fürchteten sich schon beim Anblick. Beide zitterten wie Espenlaub und starrten hilflos vor sich hin. Sie gingen in die Hütte und weinten verzweifelt. Rösli streichelte die beiden Lämmer neben der Feuerstelle und flüsterte: «Dem Allmächtigen sei Dank, dass uns diese beiden erhalten geblieben sind. Vielleicht vermehren sie sich, und wir bekommen wieder eine grosse Herde. Vielleicht haben wir gestern Nacht ein Kind gezeugt, und Gott hat sich das Vieh als Dankesopfer geholt.»

Ueli blickte seine Frau wütend an: «Das sind beides Böcke, und wir sind nicht so reich, als dass wir Gott so ein grosses Opfer bringen könnten!»

Die Nachricht von dem Unglück verbreitete sich schnell. Am nächsten Tag erschien eine Gruppe neugieriger Urnäscher mit der Familie Kurt auf der Alp.

Das erste Wort, das der Vater zu Ueli sagte, war: «Ja, habt ihr denn auf den Ohren geschlafen? Es ist doch nicht möglich, dass man so etwas nicht hört! Ihr habt nicht mal genug Hirn, um auf ein paar Viecher aufzupassen! Aber wir sind ja selbst schuld. Wir hätten wissen müssen, wie es herauskommt, wenn man sich auf zwei halbschlaue Hohlköpfe verlässt!»

Hätte der Grossvater nicht eingegriffen, wer weiss, was dem Vater noch alles eingefallen wäre … Der Grossvater legte Ueli tröstend den rechten Arm auf die Schulter: «Alles kommt, wie es kommen muss. Gott schlägt eine Tür zu und öffnet eine andere. Zukünftig musst du dich noch mehr auf die Schreinerei verlegen und dein Brot damit verdienen.»

Der Verlust all ihres Viehs war ein schwerer Schlag für die ganze Familie Kurt. Und dass die kleine Herde sich in der Obhut der beiden Jungverheirateten befunden hatte, war ein bitterer Zufall.

Mit Hilfe der Nachbarn wurde das Fleisch der verendeten Tiere geborgen, verwurstet und getrocknet oder geräuchert. Die Kinder waren die Einzigen, die sich insgeheim darüber freuten, denn sie hatten lange kein Fleisch mehr gegessen, und in diesem Jahr kam so viel Fleisch auf den Tisch wie vorher und nachher nie mehr. Niemand war so dumm oder so reich, um nur um des Fleisches willen ein Tier zu schlachten. Fleisch kam nur bei den Reichen auf den Tisch, die Kurts hatten dafür kein Geld übrig. Und von der Jagd brachten Ueli und der Grossvater im Allgemeinen keine Beute heim. Sie brachten es noch nicht einmal übers Herz, einen Hasen abzuschiessen. Wenn sie sich in den Wald aufmachten, gingen sie auf die Suche nach einem verletzten Tier, doch die wilden Räuber waren ihnen meist schon zuvorgekommen. Einmal trugen sie einen halb verhungerten Hirsch auf dem Rücken heim, da lachte das ganze Dorf über sie. Schulterklopfend hatte der Grossvater zu Ueli gemeint: «Achte nicht auf sie. Die können Lachen und Weinen nicht auseinanderhalten.»

In jenem Jahr blieben die Kurts nur vier Tage auf der Alp, denn was gab es dort noch zu tun? Ueli legte die beiden Lämmer in einen Korb, den er sich auf den Rücken band. Gott sei Dank hatte die Kuh gerade am Tag der Alpfahrt gekalbt, so dass man sie nicht hinauftreiben konnte. Wenigstens sie blieb der Familie erhalten. Die beiden Lämmer mussten nun mit Kuhmilch grossgezogen werden. Je besser genährt sie waren, desto besser würde man sie eintauschen können.

Nach der Katastrophe auf der Alp stürzte Ueli sich vollends in die Schreinerei. Wenn es irgendwo eine Holzarbeit zu erledigen gab, eilte er sofort hin.

Die Welt, in der sie lebten, war ein Schlachtfeld, auf dem die Starken über die Schwachen herfielen. So erklärte es stets der Grossvater. Niemand hatte noch das Geld, einen Schreiner zu beschäftigen. Der Grossvater verzeichnete ständig neue ausstehende Beträge in sein Buch. Und gleichzeitig verschuldete sich die Familie Kurt bei anderen. Die Arbeit an dem Haus am Geissenpfad, das der Vater für das junge Paar vorgesehen hatte, ging nur schleppend voran. Röslis Bauch war schon reichlich dick, doch sie konnten noch immer nicht einziehen.

Rösli klagte unentwegt: «Ach, Ueli, wie viele Monate sind es her, seit wir geheiratet haben? Bald kommt unser Kind. Anstatt umsonst für andere zu arbeiten, mach unser eigenes Haus fertig! Seit damals auf der Schwägalp sind wir nicht mehr zusammen gelegen. Wir sind doch frisch verheiratet und müssen auch einmal für uns allein sein! Begreifst du das denn nicht?»

Wenn Ueli an dem Haus am Geissenpfad arbeitete, widmete er sich liebevoll jedem Detail. Wochen brachte er damit zu, die Fensterläden auf der Talseite mit Vögeln und Blumenmotiven zu bemalen. Auch die Schäftchen und Ablagen in der Küche verzierte er aufwendig, während der Vater schimpfte: «In der langen Zeit hätten andere schon drei Häuser gebaut, und zwar viel grössere!»

Ueli baute für das Haus einen riesengrossen Kleiderschrank, in dessen farbiger Bemalung er regelrecht aufging. In den Bergen hatte er zu diesem Zweck Färberpflanzen gesammelt. Manchmal widmete er winzigen Einzelheiten ganze Tage, und das Lob des Grossvaters spornte ihn noch weiter an.

Man schrieb das Jahr 1844. Ueli Kurt zählte achtzehn Jahre und war Vater eines Kindes. Es gab nicht viel Arbeit für Zimmerleute und Schreiner. Zwei Jahre waren seit dem Blutbad auf der Schwägalp vergangen, und die Familie hatte die beiden verbliebenen Lämmer verkaufen müssen. Die Kurts verarmten von Tag zu Tag mehr, und Ueli gab sich die Schuld daran. Denn der Vater hörte nicht auf, ihm den Verlust des Viehs vorzuhalten und trieb den Stachel tiefer und tiefer ins Fleisch.

Nach dem Tod des Grossvaters gingen die Aufträge weiter zurück. Niemand wollte einen Achtzehnjährigen beschäftigen. Als auch die Arbeit beim Klosterbau am Fuss des Kronbergs keinen Lohn einbrachte, stand die Familie vor einem sehr harten Winter. Der Mönch, der die Arbeiten leitete, hatte Uelis vierwöchige Arbeitsleistung mit einem Sack Kartoffeln und einer langen Gebetslitanei vergolten.

«Hochwürdiger Pater, ich hab daheim ein kleines Kind und mehrere Angehörige zu versorgen. Sie hoffen sehnlichst auf die paar Gulden, die ich mit nach Hause bringe. Sie haben sie bitter nötig. Könntet Ihr mir nicht etwas geben, damit ich sie ernähren kann?», bettelte Ueli, doch der Mönch fuhr ihn harsch an:

«Ach, wenn doch dein Grossvater noch lebte! Was würde er wohl dazu sagen? Deine Arbeit hier tust du für Gott, und er weiss dich sehr wohl angemessen zu entlohnen. Danke du besser Gott dafür, dass er dir Weib und Kind geschenkt hat! Um Gottes Lohn hast du hier ein paar Nägel eingeschlagen, und nun bist du mit dem Sack Kartoffeln nicht zufrieden, den er dir schenkt!» Nachdem der Mönch Ueli diese Worte voller Verachtung entgegengeschleudert hatte, drehte er sich um und schlurfte davon.

Wieder hatte Ueli für Gotteslohn gearbeitet … Nach seiner wochenlangen Arbeit an der Kirchentür hatte er ebenfalls zu hören bekommen, Gott wisse ihn angemessen zu entlohnen.

Hatte ihm Gott Rösli etwa als Lohn zur Frau gegeben und ihm das Vieh auf der Alp zum Dank vernichtet? «Wenn das mein Lohn ist, dann verzichte ich lieber darauf! Diese Wohltaten Gottes sind so ähnlich wie die gemeinen Ungeheuer, die mich im Traum verfolgen», ärgerte sich Ueli.

Er schulterte den Kartoffelsack und trat den Heimweg an. Wenn noch nicht einmal Gott mehr Geld hatte, dann brauchte man sich über gar nichts zu wundern. Ueli seufzte, als er an das Heft mit den geschuldeten Geldbeträgen dachte, das der Grossvater hinterlassen hatte.

Er hatte geglaubt, Rösli würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn er mit nichts als dem Kartoffelsack ankäme, doch sie verhielt sich unerwartet anders.

«Gibt es denn etwas Schöneres, als Gott zu dienen, ohne etwas dafür zu erwarten? Wenn Gott eine Tür schliesst, macht er zugleich eine andere auf. Schau, ausgerechnet heute hat mir Pfarrer Johannes Zucker, Salz, Weissmehl und eine Menge Früchte gegeben.» Rösli deutete auf ein Bündel in der Küche.

«Wenn du ja sowieso den ganzen Tag bei dem Pfarrer bist, während meine und deine Mutter sich um Maria kümmern, kannst du dir gleich den Heimweg sparen und dort übernachten. Die Betten sind da bestimmt weicher als bei uns», ärgerte sich Ueli.

«Wenn du Geld nach Hause brächtest, bräuchte ich nicht putzen zu gehen. Dann könnte ich Essen und Kleidung für Maria und mich kaufen, und alles wäre gut. Hast du noch nicht gemerkt, dass das meiste von dem, was hier auf den Tisch kommt, von Pfarrer Johannes ist? Seit unserer Hochzeit schaust du mich nicht mehr an, du sprichst kaum noch mit mir. Deine ganze Zeit bringst du damit zu, Bilder auf deinen Kleiderkasten zu pinseln. Dein Vater hat dir doch schon so oft gesagt, dass es Unsinn ist, den Kasten dermassen herauszuputzen. Du verschwendest bloss deine Zeit damit. Ein Kasten ist dazu da, um Kleider hineinzuhängen. Aber du hörst ja nicht einmal auf deinen Vater. Und auf mich schon gar nicht. Pfarrer Johannes ist ganz anders. Er spricht mit mir. Er sieht in mir nicht nur seine Putzfrau, sondern ein Geschöpf Gottes mit Wünschen und Gefühlen. Und er bringt mir das Lesen bei! Ich möchte endlich auch lesen lernen. Während meine Kameraden zur Schule gegangen sind, habe ich Geissen und Schafe in die Berge treiben müssen. Mein Vater hat nicht eingesehen, wozu ein Mädchen in die Schule soll. Sie wird ja doch nur Hausfrau. Ich möchte eines Tages auch mehr kennenlernen als nur den Säntis und die Schwägalp!»

«Gut, gut, du hast ja Recht», wimmelte Ueli sie ab.

Das Jahr 1846 war für Ueli und seine Familie noch härter als das vorhergegangene. Schon Ende Januar waren alle Lebensmittel in der Vorratskammer aufgebraucht. Ueli stellte keine Schränke, Holzbänke und Kuhskulptürchen mehr her, sondern schleppte für einen Eimer Mais oder Gerste das Getreide der Bauern zum Mahlen zur Mühle von Heinrich Müller und wieder zurück. In der ersten Februarwoche machte Ueli sich nach Appenzell auf, um sich bei Herrn Dörig etwas Geld zu leihen.

An der Ladentür hing ein Schild, auf dem in riesigen Lettern zu lesen war: «Nur das Beste auf den Teller – Appenzeller». Und darunter etwas kleiner: «Einfach köstlich!» Das Geschäft von Herrn Dörig befand sich in der prächtigsten Gasse Appenzells. Die Fassaden der aneinander gebauten Holzhäuser waren mit Malereien geschmückt. Uelis grösstes Talent lag darin, sich jedes Detail merken zu können; was er einmal sah, blieb in seiner Erinnerung haften. Daher kannte er alle Appenzeller Händler, alle Geschäfte und deren Inhaber mit Namen – natürlich dank seines Grossvaters, der bei jedem Gang nach Appenzell ausgiebig mit allen geplaudert, während Ueli neugierig gelauscht hatte.

Im Geschäft von Herrn Dörig standen ein paar Bauern herum. Alle schrieen durcheinander, niemand hörte zu, und alle erzählten mehr oder weniger dieselbe Geschichte, nämlich wie gut die Eröffnung eines Hotels für Feriengäste in Weissbad sei. Dank der Gäste bekomme man einen besseren Preis für Käse, Handarbeiten und Gebirgskräuter.

Ein Dorfbewohner prahlte: «Letzten Sommer, als meine Kühe in Wasserauen auf der Weide waren, ist ein deutscher Feriengast zu mir gekommen und hat gefragt: ‹Verkaufst du mir eine Kuh, wenn ich eine haben will?› Ich hab geantwortet: ‹Sicher, gebt mir zwanzig Gulden, und ihr könnt die mitnehmen, die euch gefällt.› Der Deutsche hat gesagt: ‹Das ist sehr günstig, aber wie soll ich sie mit der Kutsche nach Deutschland bringen?› Wenn das mit der Kutsche einfacher wäre, hätte er mir auf der Stelle zwanzig Gulden für eine Kuh gegeben.»

Ein anderer Bauer fiel ein: «Sei froh, dass er kein Auge auf dein Weib geworfen hat! Was hättest du gemacht, wenn er sie hätte mitnehmen wollen? Da gäb es kein Problem in der Kutsche. Sie könnte bei dem Deutschen auf dem Schoss sitzen!»

Da blieben schlagfertige Antworten nicht aus: «Hätte ich doch so ein Glück! Wenn er meine Frau gewollt hätte, da hätte ich ihm die Kuh noch mit dazu gegeben!»

Im Geschäft brach dröhnendes Gelächter aus.

Herr Dörig mischte sich ein: «Das Interesse der Fremden an unseren Produkten rührt von den Molkenkuren her. Sie kommen dafür aus England, Frankreich, Deutschland und Österreich hierher. Wenn die Kurgäste nach der Molkenkur froh und erholt heimfahren, kaufen sie, soviel sie nur mitnehmen können. Vielleicht lacht euch irgendwann auch das Glück und jemand kauft eure Frau für ein schönes Sümmchen. Da habt ihr dann zwei Fliegen mit einer Klappe: Ihr seid das Genörgel los und habt leichtes Geld verdient.»

Wieder brach im Laden ein lautes Grölen los. Lange wartete Ueli Kurt in einer Ecke, dass die lustige Unterhaltung ein Ende fände, und lachte derweil mit.

Nach einer Weile stand Herr Dörig auf, um die Bauern hinauszukomplimentieren: «Also, meine Herren. Ich habe leider nicht die Zeit, um wie ihr den ganzen Tag herumzusitzen und zu plaudern. Ich habe viel zu tun. Geht jetzt nach Hause, setzt eure Weiber in die Badewanne, damit sie den Mistgeruch loswerden, und macht euch gleich an die Vorbereitungen, um sie gewinnbringend zu verschachern. Wenn bald der Schnee schmilzt, rollen wieder die Kutschen der Feriengäste zum Hotel Ochsen in Weissbad.»

Ein Bauer klemmte sich seinen krummen Stumpen zwischen die Finger, um zu murmeln: «Die Kurgäste in Weissbad sollen mehr für Hotelzimmer zahlen, die nahe am Kuhstall sind. Der Mistgeruch soll gut für die Lunge sein. Wenn die Gäste für diese Zimmer mehr bezahlen, brauchen wir unsere Weiber nicht einmal zu baden.»

Langsam setzte sich die Menge in Bewegung, um unter lautem Lachen den Laden zu verlassen.

Da bemerkte Herr Dörig Ueli Kurt in seinem Winkel und grüsste ihn mit einem Lächeln. «Na, junger Urnäscher, seit wann bist du denn hier? Normalerweise grüsst man lauthals beim Eintreten. Deine Arbeit an der Kirche in Urnäsch ist bis hierher bekannt geworden. Aber wenn du mich fragst, arbeite besser an den katholischen Kirchen. Gegen die Pracht unserer katholischen Kirchen sehen die protestantischen aus wie schmucklose Hallen. Wem haben die Protestanten schon genutzt? Was hast du von denen also zu erwarten? Aber lassen wir das. Deine Handwerkskunst ist in aller Munde. Wenn du in eine Gesellschaft kommst, musst du dich vorstellen, damit die Leute dich erkennen und sich dir die Tür zu neuen Aufträgen öffnet. Niemand kennt den Wert eines verborgenen Schatzes. Er muss erst entdeckt werden, damit man ihn schätzen kann. Verstehst du, was ich sagen will?»

«Ihr habt Recht, Herr Dörig. Ich bin ein bisschen schüchtern.»

«Das ist nicht weiter schlimm, du bist ja noch jung. Du hast noch viel Zeit, um deine Scheu loszuwerden. Was führt dich her? Ich hoffe, dein Kommen ist auch zu meinem Nutzen. Im Augenblick werde ich nur froh, wenn bei mir die Kasse klingelt. Denn ich hole die Gulden nur aus der Kasse, um sie zu vermehren, nicht um sie zu verschleudern. Die Familie Kurt hat mit Zins und Zinseszins zweihundertfünfzig Gulden Schulden bei mir. Ich könnte mir vorstellen, dass du vielleicht ein bisschen Geld mitgebracht hast, oder täusche ich mich etwa?»

Ueli wusste nicht, was er sagen sollte, und wurde rot im Gesicht. In einem plötzlichen Impuls leerte er den Inhalt seines Rucksacks auf den Ladentisch. Die Kuhfigürchen fielen heraus. «Das habe ich Euch mitgebracht. Ich schenke sie Euch.»

Dörig nahm eines der Figürchen in die Hand, strich mit den Fingerspitzen darüber und sah sie aufmerksam an: «Die sind sehr schön. Ich danke dir sehr. Ich freue mich, dass du von Urnäsch extra hierhergekommen bist, um sie mir zu bringen. Du hast die Figuren sehr schön bemalt. Hast du auch die kleinen Schellen selbst gemacht, die ihnen um den Hals hängen?»

«Ja, die Schellen habe ich aus Blech geschnitten und die Halsbänder aus Lederresten.»

«Man kann dazu nichts anderes sagen als sehr schön. Aber wie ich dir vorhin schon sagte, der Schatz muss erst entdeckt werden … Du hast die Gespräche der Bauern mit angehört. Jede Arbeit braucht auch etwas Kreativität. Wenn ich mit meiner Molke Geld verdienen kann, kannst du das auch mit deinen Kuhfiguren. Aber du musst lernen, deine Fähigkeiten zu vermarkten. Heutzutage reicht es nicht, einfach zu produzieren, du musst den besten Weg der Vermarktung finden. Die Leute hier verkaufen den Gästen alles. Das musst du auch versuchen. Warum probierst du nicht, den Feriengästen deine Skulptürchen zu verkaufen? Damit könntest du Geld verdienen. Hör zu, ich weiss, dass du nicht hergekommen bist, um mir diese Figürchen zu bringen. Ich kann dir nur zehn Gulden geben. Ihr habt bei mir keinen Kredit mehr. Damit sind die Schulden der Familie Kurt auf zweihundertsechzig Gulden angewachsen. Von den zehn Gulden, die ich dir gebe, nehme ich keinen Zins. Aber sag deinem Vater, dass ihr bis August mindestens die Hälfte eurer Schulden bezahlen müsst. Normalerweise leihe ich niemandem ausserhalb Appenzells Geld. Der einzige Grund, warum ich euch Geld gegeben habe, war dein Grossvater, aber der ist tot. Eure Zahlungsmoral wird zeigen, wie ich in Zukunft mit euch umgehe.»

Herr Dörig nahm ein braunes Heft aus dem Schrank, liess Ueli unterschreiben und zählte die zehn Gulden auf den Tisch. Dann stieg er stampfend die Treppe nach oben.

Ueli Kurt verliess den Laden. Er war gerade ein paar Schritte weit gekommen, da hörte er hinter sich Hammerschläge. Herr Dörig nagelte unter sein Werbeschild für den Appenzeller Käse ein weiteres Schild mit der Aufschrift: «Export nach Deutschland und Frankreich».

Ueli ging sofort zur nächsten Bäckerei, um einen riesengrossen Laib Brot zu kaufen. Dann kaufte er einen Schleckstängel für Maria und machte sich auf den Heimweg. Schon auf dem Weg ass er gierig ein Stück des Brots.

Die langen Wintermonate brachte Ueli überwiegend damit zu, Holzlöffel, Teller, Schemel und Wiegen anzufertigen. Mit den zehn Gulden von Herrn Dörig und kleinen Schreinerarbeiten im Dorf kam die Familie mit Müh und Not über den Winter.

An einem sonnigen Samstag in der ersten Maiwoche machten er und Rösli sich mit Maria auf dem Rücken auf den Weg nach Appenzell, denn sie wussten, dass an diesem Tag Markt war. Ueli hatte Rösli von der Kaufwut der Feriengäste berichtet. Rösli schleppte alles mit, was die weiblichen Familienmitglieder den Winter über an Handarbeiten angefertigt hatten: gestrickte Wollstrümpfe und gehäkelte Spitzen, die vielfältigsten Trockenblumen und Kräuter. Ueli hatte sich mit Kuhfigürchen bepackt, mit hölzernen Küchengeräten und allem, was er tragen konnte.

Um auf dem Markt einen guten Platz zu ergattern, waren sie im Morgengrauen zu Hause aufgebrochen. Sie breiteten ihre Ware auf dem Boden aus. Aber später Angekommene scheuchten sie fort: Das sei ihr Stammplatz. Ueli und Rösli mussten sechs Mal umziehen. Auf dem Markt duldete man Leute aus anderen Ortschaften nur ungern. «Da kommt ihr von Urnäsch bis hierher, um den Platz auf unserem Markt zu belegen! Das hier ist nicht euer Land. Sammelt euren Mist sofort ein und verschwindet, sonst werfe ich euch mit eurem Plunder in den Bach!» Sogar solche Drohungen bekamen sie zu hören.

Dass Ueli daraufhin still ihre Waren einpackte, versetzte Rösli in Rage: «Was bist du nur für ein Kerl! Warum zeigst du dieser Drecksau nicht die Zähne? Wenn du so lammfromm bist, wenden sich die hier nur noch mehr gegen uns. Das ist auch unser Land, wir haben das Recht, hier unsere Ware anzubieten.»

Ueli sah seine Frau lange an. «Soll ich mich etwa um einen Platz auf dem Markt prügeln? Hast du vergessen, dass sie erst letzte Woche jemanden wegen eines Huhns umgebracht haben?»

Sie legten noch einmal ihre Ware aus. Nach jedem Umzug robbte Maria auf den Knien, um die Kuhfigürchen wieder aufzustellen.

Bis zum Mittag kam fast niemand zu ihnen. Nur ein schlauer alter Bauer feilschte lange, um die Wiege und die Schemel für einen Spottpreis zu erstehen. Wäre es nach Ueli gegangen, hätte er schon längst verkauft, doch Rösli versuchte, dem alten Bauern schreiend klarzumachen, dass sie für den von ihm gebotenen Preis nicht verkauften. Ueli setzte sich hin, nahm Maria auf den Schoss und beobachtete seine Frau. Er hatte längst gemerkt, dass das Verkaufen nichts für ihn war.

Nachmittags betrachtete ein gut gekleideter Herr ihre Auslage eingehend. Die Holzfigürchen nahm er einzeln in die Hand. Er setzte sich auf den Holzschemel und betastete die Schnitzereien darauf. Dann fragte er: «Das ist sehr schön gearbeitet. Hast du das gemacht?»

Ueli nickte mit einem müden Lächeln.

«Gut, alles das ist schön, aber schwer zu verkaufen. Hier kauft keiner so etwas. Höchstens die Feriengäste. Habt ihr Fremdsprachenkenntnisse?»

Er blickte Rösli an, als er das sagte.

Rösli war verwirrt. Mit einer flinken Handbewegung fuhr sie durch die Socken und Spitzen: «Das nicht, aber ich habe Strümpfe und Spitzen.»

Der Mann lachte lange über Röslis Naivität. Dann wandte er sich an Ueli: «Sprecht ihr Englisch oder Französisch?»

«Nein.»

«Dann ist es sehr schwer, den Fremden etwas zu verkaufen. Ihr könnt ihnen ja noch nicht einmal klarmachen, wie viel ihr dafür haben wollt. Ich will euch einen Gefallen tun. Ihr habt ein kleines Kind, das ist müde. Plagt euch hier nicht länger. Überlasst das ganze Zeug mir, ich gebe euch fünf Gulden dafür. Einverstanden? Ich gebe euch das Geld bar auf die Hand. Und seid euch darüber im Klaren, dass ihr hier von niemandem einen so guten Preis bekommen werdet.»

Rösli mischte sich sofort ein: «Das ist zu wenig, mein Herr. Die Waren hier sind mindestens fünfzig Gulden wert. Allein für diese Handarbeiten haben wir Frauen zu fünft den ganzen Winter gearbeitet.»

«Zu wenig? Ja, hast du denn vor gar nichts Respekt? Hast du überhaupt schon einmal fünf Gulden auf einem Haufen beisammen gesehen? Junger Herr, warum lässt du mich mit einer Frau verhandeln? Sag etwas dazu!»

«Meine Frau hat Recht, ihr müsst mehr bieten.»

«Na gut, gut, ich gebe euch zehn.» Er griff sofort in die Tasche und drückte Ueli zehn Gulden in die Hand. Starr vor Staunen sah Ueli seine Frau an. Rösli nickte kaum merklich mit dem Kopf. Der gut gekleidete Herr packte in Windeseile alles in einen Sack und verschwand.

Ueli band sich das Kind auf den Rücken, dann gingen sie zum Einkaufen ins Dorf. Zu Hause gab es weder Mehl noch Salz mehr.

Unterwegs meinte Rösli: «Wir haben das alles sehr billig verkauft, aber wenigstens brauchen wir es nicht wieder zurückzuschleppen. Verkaufen ist keine schlechte Sache. Das können wir öfter machen.»

«Für mich ist das nichts», murmelte Ueli.

«Schau mal, wenn wir schon Geld haben – wollen wir ein bisschen Fleisch kaufen? Ich habe lange keins mehr gegessen. Ich koche euch einen schönen, fetten Schmorbraten. Das ausgelassene Fett tunken wir mit Brot auf. Das wird Maria schmecken.»

«Ja, das wäre gut. Mir steigt der Duft jetzt schon in die Nase.» Ueli war einverstanden.

Die Taschen mit Mehl, Zucker, Salz, Fleisch und einem riesigen Laib Brot gefüllt, machten sie sich auf den Rückweg. Das Klimpern der Münzen in ihrem Beutel und der Gedanke an den fetten Braten, der am Abend in die Röhre geschoben würde, machte sie richtig glücklich. Ueli fing an, sein Lieblingslied zu summen, und Rösli stimmte ein.

«Vor em Hüüsli of de Stege

singid ali, grooss ond chlii,

ond de Vollmoo geed de Sege

met sim milde Silberschii.»

«Dieses Lied singst du mir vor? Bin ich etwa das Mädchen?»

Ueli hörte ihre Frage gar nicht oder wollte sie nicht hören. Lauthals sang er weiter:

«Monter chlingled ääs am ääne,

s Singe macht äm nomme müed.

S ischt so fiirlig, chöntntischt määne,

s chäm en Bsuech os jedem Lied.»

Rösli zwickte ihn am Arm und wiederholte ihre Frage.

«Natürlich bist du das! Wer denn sonst?»

«Willst du damit etwa sagen, dass ich nicht einmal so viel wert bin wie eine Geiss?» Rösli hob einen Stock vom Boden auf und stiess Ueli damit am Bein: «Dann gibt es für dich heute Abend nichts vom Braten!»

Maria brüllte hinter Uelis Rücken hervor: «Nein, Mama, nein, Vater muss auch Fleisch essen!»

Darüber mussten sie beide lachen, und Maria lachte mit ihnen.

Abschied von Urnäsch

Nach dem Tod des Grossvaters gingen Ueli Kurts Aufträge immer mehr zurück. In Geldangelegenheiten war er aus demselben Holz geschnitzt wie der Grossvater. Er brachte es nicht über sich, den Leuten zu sagen: «Soundsoviel bis dannunddann.» Die Auseinandersetzungen mit dem Vater spitzten sich zu. «Als gestandener Mann und Kindsvater vergeudest du deine Zeit mit Kuhfigürchen! Glaub bloss nicht, dass ich es nicht merke, wenn deine Mutter euch aus meinem Haushalt heimlich Öl und Salz zusteckt!»

Ueli war seelisch auf einem Tiefpunkt. Alpträume quälten ihn Nacht für Nacht. Niemandem konnte er sein Herz ausschütten. Nicht nur er, auch Rösli litt unter der unglücklichen Ehe und blieb von Tag zu Tag länger bei Pfarrer Johannes.

Doch in der ersten Juniwoche geschah etwas, das Ueli in regelrechte Euphorie versetzte. Der Lastenträger Peter Hug, sein Nachbar, überbrachte ihm Grüsse von Herrn Dörig. «Ich war heute in Appenzell. Du sollst zu ihm kommen, er hat gute Neuigkeiten für dich.»

Gut und schön, aber was konnte das sein? Die Schulden würde Herr Dörig kaum tilgen, ob er wohl in seinem Laden Arbeit für Ueli hätte? Gleich am nächsten Tag machte sich Ueli auf nach Appenzell.

Am Käseladen von Herrn Dörig hing neben den Schildern nun auch noch das Bild eines riesigen Käselaibs. Wer auch immer es gemacht hatte, es war sehr gut gelungen.

Wie immer war das Geschäft voller Bauern, die immerhin lachen konnten, jederzeit für leeres Geschwätz zu haben waren und immer eine witzige Geschichte zu erzählen wussten. Im Gegensatz zum letzten Mal grüsste Ueli gleich beim Eintreten, so laut er konnte.

Herr Dörig erzählte gerade von einem Jagdabenteuer auf der Ebenalp. «Und als ich hingegangen bin, um mir den erlegten Hirsch zu holen, was sehe ich da? Ein Hirsch lag am Boden. Aber im Schnee führten blutrote Spuren zum Wald. Denen bin ich natürlich nachgegangen, und was war los? Im Schnee war noch ein Hirsch tot zusammengebrochen. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich zwei Hirsche auf einen Streich erlegt hatte!»

Ein Bauer fiel sofort ein: «Da hast du aber Schwein gehabt! Ich wette, wenn du mit dem Fudi ins Wasser fällst, erschlägst du gleich noch einen Fisch dazu.»

Im Laden brach schallendes Gelächter aus.

«Was hat das mit Glück zu tun, du Ochsenschädel? Ich bin halt ein guter Jäger, aber um das zu begreifen, braucht’s etwas Hirn. Und das ist ja, was euch allen hier fehlt. Ueli Kurt, du bist ausgenommen, du brauchst dich nicht angesprochen zu fühlen. Ich rede von diesen Hohlköpfen hier.»

Herr Dörig bedeutete Ueli mit einer raschen Bewegung, er solle mitkommen, dann stieg er mit energischem Schritt die Treppe ins Obergeschoss hinauf.

Oben angekommen, meinte Herr Dörig: «Was ich dir zu sagen habe, braucht nicht jeder zu hören. Hier sind alle auf der Jagd nach Neuigkeiten, du erzählst einem etwas, und fünf Minuten später weiss man es am anderen Ende Appenzells, allerdings völlig verdreht. Also gut, zum Thema: Ich suche fünfzehn gute Handwerker für eine Arbeit in Frankreich. Monsieur Favre, ein Franzose, der bei mir Käse kauft, braucht Handwerker für Restaurationsarbeiten an einem Schloss. Das ist keine Arbeit für drei, vier Tage, sondern für Monate, wenn nicht sogar Jahre. Die Leute dort haben Arbeit im Überfluss und das nötige Geld dazu. Lass dir die Gelegenheit nicht entgehen! Sprich mit deiner Familie darüber, aber sonst mit niemandem! Und dass auch deine Frau es keinem weitererzählt! Komm am Sonntag um elf ins Gasthaus Öchsli. Ich habe dreissig Leute eingeladen, davon können die Franzosen fürs Erste fünfzehn gebrauchen. Am Sonntag wird alles besprochen. Die Angelegenheit ist eilig, denn dieser Franzose will, dass die Handwerker sich am zehnten Juli auf den Weg machen.»

«Ich bin dabei! Niemand in meiner Familie wird etwas dagegen haben. Das ist genau das Richtige für mich. Seit ich denken kann, möchte ich ferne Länder sehen.»

«Freut mich. Du wirst sehen, das wird sowohl zu deinem als auch zu meinem Nutzen sein.»

Als Ueli Kurt die Käserei verliess, war er ausser sich vor Freude. Sein Leben bestand nur aus Elend und Trübsal – die glücklose Ehe mit Rösli, die Arbeitslosigkeit, die Armut, die Einsamkeit, das Desinteresse an seiner Handwerkskunst, das alles waren Stachel in seinem Fleisch. Könnte er doch nach Frankreich gehen, dann hätte er Abstand von diesen schmerzenden Stacheln! Er hätte Geld in der Tasche, würde seine Schulden bezahlen, und Rösli bräuchte kein Mehl und Salz mehr aus ihrem Elternhaus zu stibitzen. Seiner Mutter würde er bunte Tücher und Porzellangeschirr kaufen können und allen Kindern der Familie Kurt Süssigkeiten!

Ueli war sehr gespannt auf das Land jenseits der Berge: Wie mochte man dort leben, wie sahen die Menschen, die Tiere, die Häuser aus? Julia hatte von den Gaslaternen, zahllosen Pferdekutschen und Geschäften in Zürich erzählt. Wie hatte man sich das vorzustellen? Ueli und seine Familie hatten nicht einmal Geld für das Öl der Öllampen und benutzen trotz des schwarzen Rauchs das Harz der Tannen, um für Licht zu sorgen. Wer weiss, was es in diesen fernen Städten noch zu entdecken gab? Sie mit eigenen Augen zu sehen, hineinzugehen, alles zu betasten und zu verstehen zu suchen – die Vorstellung war sehr aufregend! Wie und mit welchem Werkzeug bearbeitete man andernorts das Holz? Waren die Fensterrahmen klein, wie er es vom Grossvater gelernt hatte, oder etwa gross? Lagen die Ortschaften am Fuss von Gebirgen? Hatten andernorts auch nur die Reichen eine Pferdekutsche wie in Urnäsch? Konnten die Frauen dort auch nicht lesen und schreiben, befassten sie sich auch mit nichts anderem als Hausarbeit, den Kindern, dem Gemüsegarten, dem Vieh und Handarbeiten? War das Wort des Vaters auch dort Gesetz? Schlug der Mann auch dort Frau und Kinder nach Belieben?

Am zweiten Junisonntag 1846 ging Ueli Kurt zeitig früh nach Appenzell. Den wahren Grund hatte er niemandem verraten. Dass Herr Dörig dreissig Handwerker eingeladen hatte, aber nur fünfzehn von ihnen nach Frankreich schicken würde, liess ihm keine Ruhe. «Und wenn ich nicht unter den fünfzehn bin?» Der Gedanke flösste ihm Angst ein. Besser nicht zu früh davon erzählen … «Wenn der Grossvater noch am Leben wäre, dem hätte ich es natürlich erzählt. Er hätte mir den Rücken gestärkt.»

Als er zum Gasthaus Öchsli kam, herrschte dort rege Betriebsamkeit.

Der Wirt hielt ihn an der Tür zurück: «Junger Mann, wir haben heute geschlossen.»

«Geschlossen? Soll das ein Scherz sein? Jede Menge Leute gehen doch ins Gasthaus.»

«Ja, aber die sind eingeladen. Wir haben eine geschlossene Gesellschaft.»

«Ich bin auch eingeladen! Herr Dörig hat mich eingeladen. Fragt ihn doch!»

«Mein Gott! Jeder kommt hier an und behauptet: Herr Dörig hat mich eingeladen. Mir hat er gesagt, er hätte dreissig Personen eingeladen. Drinnen sind aber bestimmt schon sechzig! Wie soll ich das Herrn Dörig erklären?»

«Herr Wirt, ich lüge nicht! Aber wenn ihr drauf besteht, warte ich eben vor der Tür, bis Herr Dörig kommt.»

«Das ist mir lieber. Dörig gerät leicht in Rage, und ich will keine Kugel in den Bauch bekommen», murmelte er und schlug Ueli die Tür vor der Nase zu. Doch dann öffnete er sie wieder, um zu fragen: «Wer bist du überhaupt, und woher kommst du?»

«Ich heisse Ueli Kurt und bin der Enkel des Schreiners Kurt aus Urnäsch.»

«Im Ernst? Bist du der Enkel des guten Kurt aus Urnäsch? Deinen Grossvater habe ich gut gekannt, ein guter Mensch. Er lebt leider nicht mehr. Die Guten gehen zu früh. Bist du denn derjenige, der im Kloster den Beichtstuhl gemacht hat?»

«Ja, der bin ich.»

«Na, dann komm rein. Wir wollen Herrn Dörig nicht warten lassen.»

In der Gaststube standen die Fenster offen, trotzdem war die Luft vom Tabaksqualm zum Schneiden dick. Am Stammtisch sassen einige Kartenspieler, umringt von einer Menschenmenge, die ihnen zusah. Alle redeten lautstark aufeinander ein.

Wenn die alle hergekommen sind, um in Frankreich Arbeit zu bekommen, habe ich keine Chance, fuhr es Ueli durch den Kopf. Aus seiner Altersgruppe war niemand hier. Er zog sich in eine Ecke zurück und beobachtete die Menschen. Draussen strahlte die Sonne. Aus der Ferne näherte sich majestätisch eine Kutsche.

Jemand rief laut in die Menge: «He, Leute, der Dörig kommt, die alte Sau!»

Als Dörig und zwei seiner Männer das Wirtshaus betraten, verstummte die lärmende Menge augenblicklich.

Mit dem Kolben seines Gewehrs schlug Dörig ein paar Mal gegen die Wand, dann begann er zu sprechen: «Ich sehe, dass nach der Kirche jedermann direkt hierher gelaufen ist. Dabei hatte ich nur vierundzwanzig Personen eingeladen. Dafür werde ich Herrn Fässler zur Rechenschaft ziehen müssen.»

Fässler, der Wirt, wandte sofort ein: «Herr Dörig, alle hier haben behauptet, eingeladen zu sein! Was sollte ich denn tun? Eine schriftliche Einladung hatte keiner dabei.»

«Ja, das ist tatsächlich eine gute Idee. Nächstes Mal lasse ich Einladungskarten vorbereiten. Das ist eben auch für mich der erste Versuch. Also, ich habe nicht die Absicht, es hier zum Streit kommen zu lassen. Meine Gewehr ist geladen, aber ich will es nicht abfeuern. Wenn die Leute, die unaufgefordert hierhergekommen sind, sich ruhig verhalten, können sie bleiben. Aber wenn es Unruhe im Saal gibt, werden meine Männer euch auf direktem Weg aus dem Fenster befördern. Die Personen, deren Namen ich jetzt vorlese, bekommen ein Glas auf meine Kosten. Das sind die geladenen Gäste. Die Aufgerufenen sollen die Hand heben.»

Auf ein Zeichen Dörigs fing sein Gehilfe an, die Liste vorzulesen: «Eins: Jakob Dörig, Dachdeckermeister, Appenzell. Zwei: Albert Fässler, Maurermeister, Appenzell. Drei: Köbi Fuchs, Schreiner, Appenzell. Vier: Werner Nef, Schreiner, Appenzell. Fünf: Willi Alder, Maurermeister, Appenzell. Sechs: Bachmann Franz, Schreiner, Appenzell. Sieben: Peter Bühler, Schmiedemeister, Gais. Acht: Bauer Emil, Schreiner, Herisau. Neun: Buff Emil, Schmied, Herisau. Zehn: Hans Eugster, Maurer, Bühler. Elf: Markus Nef, Dachdecker, Urnäsch. Zwölf: Christian Baum, Schreiner, Herisau. Dreizehn: Jakob Frischknecht, Schreiner, Hundwil. Vierzehn: Ulrich Grubemann, Dachdeckermeister, Gonten. Fünfzehn: Franz Hinterberger, Maurer, Brülisau. Sechzehn: Jakob Hungerbühler, Maurer, Stein. Siebzehn: Johannes Knechtle, Maurer, Schwende. Achtzehn: Ueli Kurt, Schreiner, Urnäsch.»

Uelis Hand schnellte in die Luft. Dörigs Gehilfe legte die Liste auf den Tisch, um Ueli anzusehen: «Der willst du sein? Bist du wirklich dieser Ueli Kurt?»

Ueli zitterte und wusste nicht, was er sagen sollte.

Der Gehilfe drehte sich zu Dörig um: «Das Milchgesicht! Haben Sie diesen Grünschnabel wirklich eingeladen?»

Ärgerlich fauchte Dörig: «Schwatz kein dummes Zeug, sondern tu deine Arbeit, anstatt dich in meine Angelegenheiten zu mischen! Ausgerechnet dich werde ich fragen, wen ich einladen soll!»

Entschuldigend beugte der Gehilfe den Kopf und fuhr fort: «Neunzehn:Jakob Zeller, Maurer, Rüte. Zwanzig: Eugen Steinmüller, Maurer, Degersheim. Einunzwanzig: Emil Ebneter, Schreiner, Teufen. Zweiundzwanzig: Konrad Kürsteiner, Schmied, Gais. Dreiundzwanzig: Johannes Rechsteiner, Maurer, Bühler. Vierundzwanzig: Jakob Sutter.» Beim letzten Namen blickte er Dörig an und flüsterte ihm etwas zu.

Dörig erhob sich. «Meine Herren, Sie werden es gehört haben. Der letztgenannte Kollege ist vergangene Woche verstorben. Oder richtiger gesagt, er wurde ermordet. Der Täter ist noch nicht bekannt. Gott sei seiner Seele gnädig. Ich bitte um eine Schweigeminute.»

Alle erhoben sich, falteten die Hände vor dem Bauch und senkten den Kopf.

Anschliessend trat Dörig nach vorn. Er trug ein weisses Hemd und eine Weste mit zwei kleinen Taschen und vielen Knöpfen. Aus der rechten Westentasche hing die Kette seiner silbernen Taschenuhr. Seine glänzenden Lederstiefel waren frisch gewichst. Wie immer ging er eiligen Schritts auf und ab. «Sehr geehrte Herren, zunächst möchte ich alle begrüssen, die auf meine Einladung den Weg hierher gefunden haben. Ich weiss, dass der Weg für manche von Ihnen weit war. Was ich zu sagen habe, interessiert sicher auch die ungeladenen Gäste. Deshalb habe ich ihnen gestattet, hier zu bleiben. Übrigens habe ich mich anders entschieden: Den geladenen Gästen spendiere ich zwei Gläser, den ungeladenen eines.»

Während er das sagte, blickte er den Wirt an. Herr Fässler strahlte erfreut, wobei er seine Zahnlücken sehen liess, und machte sich hinter dem Tresen daran, die Gläser zu füllen.

«Meine Herren, wir alle wissen, dass unser Land im vergangenen Jahrhundert fünfzehn von hundert Männern im Krieg verloren hat. Und das Bittere daran ist: Es waren gar nicht unsere eigenen Kriege, sondern die Leute haben für fremde Länder gekämpft. Das taten sie nur, um Geld zu verdienen und ihren Familien ein besseres Leben zu ermöglichen. Auch mein Vater gehörte zu den Männern, die so ihr Leben verloren. Warum erzähle ich Ihnen das? Nun, niemand soll sich mehr als Söldner im Ausland verdingen müssen. Als einer, der den Vater im Krieg verlor, spreche ich mich dagegen aus. Ich will nicht, dass andere Kinder dasselbe Schicksal ereilt. Es gibt Leute, die das Gerücht verbreiten, ich würde Söldner für Frankreich werben. Ich habe Ihnen gesagt, was ich vom Söldnertum halte. Ich schicke gute Handwerker nach Frankreich, damit sie dort in ihrem Beruf arbeiten. Wenn ich Söldner werben wollte, hätte ich bestimmt nicht die besten Meister der ganzen Gegend eingeladen. Ich wünschte, die Eidgenossenschaft wäre nicht so übel dran und jeder könnte hier im Wohlstand leben. Ich wünschte, niemand müsste seine Heimat verlassen, um ins Ausland zu gehen. Aber es ist an der Zeit, neue Wege zu beschreiten, um dem Hunger und dem Elend hier zu entkommen. Verehrte Herren, wer von Ihnen besitzt so eine Uhr?»

Voller Stolz zog er seine silberne Taschenuhr hervor, hob sie hoch und verstaute sie dann wieder sorgfältig in seiner Westentasche. «Diese Uhren werden in unserem Land hergestellt. Die Menschen in der Schweiz sind fleissig wie die winzigen Zahnräder in dieser Uhr. Vergangenes Jahr habe ich in Weissbad einen Herrn namens François Constantin kennen gelernt. Er hat mir seine Lebensgeschichte erzählt, nämlich dass er Uhrmachermeister ist und jahrelang in Frankreich gearbeitet hat, um diese Kunst zu erlernen. Jetzt verkauft Herr Constantin sogar Uhren nach Amerika. Wie schafft man das? Indem man seine Einstellung verändert, mehr erreichen will und Risiken eingeht. Nur wer wagt, gewinnt! Wenn wir aber auf der faulen Haut liegen und alles von Gott erwarten, werden wir nie etwas besitzen. Wenn Leute wie Schottensepp, Karl Jakob, Ignaz Johann, Anton Innauen unseren Horizont nicht erweitert hätten, ginge es uns heute noch viel schlechter. Der Punkt, an dem wir heute sind, beweist, wie Recht diese Pioniere hatten.

Als Schottensepp schon vor Jahren Molkenkuren gegen viele Krankheiten, von Schwächezuständen bis hin zur Schwindsucht, empfohlen hat, haben ihn alle ausgelacht, um nicht zu sagen, verhöhnt und für verrückt erklärt. Doch wenn Männer wie Schottensepp nicht Kurgäste hierhergeholt und uns damit den Weg gewiesen hätten, würde heute vielleicht niemand unseren Käse kennen. Seit zehn Jahren verkaufe ich Käse nach Frankreich, Deutschland, Italien und Österreich. Neuerdings kommen auch die Engländer, und bald verkaufe ich auch an sie. Schottensepp hat mit seinem Hotel in Weissbad den Anfang gemacht. Inzwischen leben zahlreiche Familien von den Kurgästen.

Letzten Monat bin ich mit meinem Kunden Monsieur Favre in Weissbad zum Essen zusammengesessen. Da erzählte er mir, dass er in Rigny in Frankreich ein Schloss gekauft hat. Er hat mich gebeten, ihm vorerst fünfzehn Leute zu besorgen, fünf Maurer, fünf Schreiner, zwei Dachdecker und drei Schmiede. Und wenn er zufrieden sei, werde er noch mehr Handwerker anfordern.

Verehrte Herren, sperren Sie die Ohren auf! Unter Ihnen sind nur wenige, die nicht bei mir in der Kreide stehen. Ich bin nicht der liebe Gott, dass ich euch Geld leihen und es am Ende sogar schenken könnte. Ich leihe euch Geld, damit ihr es zurückzahlt, wenn die Frist gekommen ist. Ich will nicht in euren Stall gehen, um eure Kuh oder Geiss zu pfänden.

Sie alle, insbesondere die von mir Eingeladenen, beherrschen ein Handwerk und haben doch keinen Gulden in der Tasche. Warum? Weil es entweder keine Arbeit gibt oder ihre Kunden ihre Arbeit nicht bezahlen können. Jetzt bietet sich Ihnen eine einmalige Gelegenheit. Nutzen Sie sie. Heute können fünfzehn Handwerker Lohn und Brot bekommen. Und es werden noch mehr gebraucht, da bin ich sicher. Sie müssen begreifen, dass Sie mit einer Kuh und drei Geissen keine Familie satt bekommen. Es ist sinnlos, sich damit abzumühen. Es ist an der Zeit, neue Wege zu beschreiten!»

Ein Bauer schrie: «Herr Dörig, wenn wir uns nichts mehr aus unseren Geissen und Kühen machen, habt ihr auch keinen Käse mehr, um ihn an die Feriengäste zu verkaufen und keine Molke für die Molkenbäder!»

«Ihr habt mich missverstanden. So habe ich das nicht gemeint, ich bin ja nicht blöd. Aber man braucht keine fünf Sennen für eine Kuh. Davon wird keiner satt. Ich hoffe, unser Freund Walter hat mich verstanden.» Offenbar kannte er den vorlauten Bauern. «Liebe Freunde, ich will euch etwas sagen. Seid offen für Neues! Wenn ihr den lieben langen Tag beim Kartenspiel im Wirtshaus sitzt, werdet ihr eure Probleme nicht los. Im Moment bringt das vielleicht gute Laune, aber am nächsten Tag habt ihr noch mehr Probleme als vorher.

Aber nun möchte ich ein paar Einzelheiten zu eurer Arbeit in Frankreich sagen. Ich denke mir das nicht aus, sondern Monsieur Favre erwartet es so.»

Er durchwühlte seine Jackentaschen, um vergilbte Papiere hervorzukramen. Nachdem er einige aussortiert hatte, übergab er den Rest seinem Gehilfen und wies ihn an, diese laut vorzulesen.

«Erstens: Das Alter der Arbeiter soll zwischen fünfundzwanzig und fünfzig Jahren liegen.»

Herr Dörig schob unmittelbar eine Erklärung nach: «Ach ja, unser junger Freund Ueli Kurt aus Urnäsch ist noch keine fünfundzwanzig, aber wir haben da eine Ausnahme gemacht. Immerhin ist er der Enkel des Urnäscher Zimmermanns und Schreiners Kurt, der zu unserem grossen Bedauern letztes Jahr verstarb. Es gibt niemanden in dieser Runde, der ihn nicht kannte, und auch der Enkel hat sich in unserer Gegend als hervorragender Handwerker schon einen Namen gemacht.»

Der Gehilfe fuhr fort: «Zweitens: Wer an einer Krankheit leidet, wird zurückgeschickt. Drittens: Wer ein Verbrechen begeht oder sich einen Verstoss gegen die Regeln zu Schulden kommen lässt, wird zurückgeschickt. Viertens: Die Reisekosten übernimmt ab der Schweizer Grenze Monsieur Favre. Die Rückführungskosten gehen zu Lasten der Arbeiter. Fünftens: Sämtliche Gewerke werden von französischen Meistern geleitet. Die Arbeiter aus der Schweiz sind ihnen gegenüber zum Gehorsam verpflichtet. Sechstens: Unterkunft und Mittagsmahlzeit wird von Monsieur Favre gestellt, dies jedoch nur für die Arbeiter. Ehefrauen und andere Familienmitglieder dürfen sich nicht in der Unterkunft aufhalten.»

Nun ergriff wieder Herr Dörig das Wort: «So weit das, was Sie wissen müssen. Behalten Sie diese Regeln gut im Gedächtnis. Halten Sie sich daran, damit es keine Schwierigkeiten gibt, andernfalls sind Sie selbst die Leidtragenden. Gibt es noch Fragen?»

«Wie hoch ist der Lohn?», brüllte einer aus den hinteren Reihen.

«Ich kann Ihnen garantieren, dass Sie dort mehr verdienen als hier. Und das Beste daran ist: Monsieur Favre zahlt Ihnen Ihren Lohn sofort auf die Hand – nicht wie hier, wo Sie zu hören bekommen: ‹Ich gebe es dir, sobald ich Geld habe.› Was wollen Sie mehr? Sie werden Geld im Hosensack haben, und es wird nicht nur reichen, um den gröbsten Hunger zu stillen, sondern Sie werden auch andere Bedürfnisse befriedigen und sich sogar Wünsche erfüllen können. Das muss Ihnen vorerst genügen. Wer noch Fragen hat, kann an meinen Tisch kommen. Der Hals ist mir trocken geworden, jetzt kann ich ein Gläschen vertragen. Danke für Ihre Aufmerksamkeit!»

Nach diesen Erläuterungen setzte Dörig sich mit seinen beiden Gehilfen an einen reservierten Tisch. Die Handwerker versuchten, unter Schieben und Stossen bis zu Dörigs Tisch vorzudringen, um ihm leise Fragen zu stellen, die er knapp beantwortete. Manche fragten, ob man dort auch Chancen hätte, ohne ein Handwerk gelernt zu haben, andere wollten wissen, ob sie als über Fünfzigjährige nicht mehr zum Arbeiten nach Frankreich gehen könnten.

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