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Im Licht des Mondes
Kanji und Colin
von A. Cayden
1. Auflage: August 2021
Copyright by A. Cayden, Alexandra Kraus
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags, sowie der Übertragung durch Rundfunk, Internet und Fernsehen, auch einzelner Teile Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung der Autorin A. Cayden
Impressum
Texte: © Copyright by A. Cayden
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Verlag: A. Cayden
www.a-kaiden.de
Druck: epubli ein Service der
neopubli GmbH, Berlin
Printed in Germany
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar
Die Handlung und die handelnden Personen dieser Geschichte sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit toten oder lebenden Personen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig.
Inhaltswarnung mit Details:
Dieses Werk enthält Inhalte, die einige Menschen triggern oder für anstößig halten könnten. Die Inhalte beziehen sich auf folgende Themen:
Achtung, mögliche Spoiler!
- Explizite Darstellung von erotischen Liebesszenen zwischen Männern
- Eine ausgeschilderte Szene, in der ein Tier getötet wird
- Grabschändung
- Thematisierung von Beeinflussung und Druckausübung einer Sekte
Widmung
Für Jason, der Tag und Nacht über mich wacht.
Prolog
Colin:
Der Bass der viel zu lauten Partyschlager hallt unangenehm in meinen Ohren wider. Das Kreuzfahrtschiff ist voll mit Feierwütigen, die sich alle in den Hauptraum drängen, wo der DJ einen schlechten Song nach dem nächsten mixt, als möchte er versuchen, die Lieder dadurch zu verbessern. Offensichtlich denkt er selbst, dass es ihm gelingt, wie sein eifrig auf und ab hüpfender Körper bezeugt. Ich lasse meinen Blick kurz über die tanzenden Leute schweifen. Die meisten von ihnen sind dermaßen betrunken, dass sie aussehen wie sich windende Schlangen. Ein leichtes Schmunzeln umspielt meine Mundwinkel. Kein Wunder, dass sie die Musik toll finden, so berauscht wie sie sind. Ich habe definitiv zu wenig getankt. Allerdings habe ich nicht vor, mich zu betrinken. Immerhin muss ich noch Auto fahren, doch wie überstehe ich diesen furchtbaren Abend? Etwas unwohl streiche ich mir durch die Haare, als sich jemand von hinten an mich schmiegt und mir einen Kuss in den Nacken haucht. Warme Hände schieben sich unter mein Shirt und gleiten spielerisch über meinen Bauch zum Oberkörper hinauf. Seufzend schließe ich die Augen und lehne mich nach hinten und ihm entgegen. Meine Anspannung fällt mit einem Schlag von mir ab. Was bleibt, ist das Gefühl von Geborgen- und Zufriedenheit.
„Es gefällt dir nicht, oder?“, dringt Shuzees Stimme durch den ohrenbetäubenden Lärm an mein Ohr. Sein Atem streichelt sanft meine Haut und bereitet mir einen wohligen Schauer.
„Wie kommst du darauf?“, entgegne ich, obwohl er mich durchschaut hat. Ich mag überfüllte Feste nicht. Schon gar nicht an Fasching, das nur dazu benutzt wird, die fantasielosen und knappen Outfits zu präsentieren, sich sinnlos zu betrinken und dann mit dem Nächstbesten im Bett zu landen. Allerdings weiß ich auch, wie gerne mein Freund feiern geht. Da muss ich wohl durch.
„Selbst ein Blinder erkennt, wie unwohl du dich fühlst. Wenn es gar nicht geht, steigen wir bei der nächsten Gelegenheit aus.“ Er sagt das zwar, doch ich höre die Enttäuschung in seiner Stimme deutlich heraus. Vorsichtig löse ich mich aus der gemütlichen Position, drehe mich zu ihm um und ziehe ihn dicht zu mir. Meine Lippen suchen seine und verschmelzen zu einem innigen Kuss.
„Nein, jetzt ist alles okay.“
„Das heißt, wir bleiben?“
„Solange du willst, Darling.“
Seine Miene erhellt sich schlagartig. Er beginnt regelrecht zu strahlen.
„Ehrlich? Bis zum Schluss?“
„Solange du bei mir bist, ja.“
Erfreut beginnt er zu schnurren und schenkt mir einen weiteren Kuss, den ich nur allzu gerne erwidere. Sehnsüchtig ziehe ich ihn enger zu mir heran und lasse meine Hände über seinen Rücken auf sein Gesäß gleiten. Fordernd drücke ich sein Becken an meins. Zu meinem Bedauern löst sich Shuzee von mir und grinst mich mit einem verheißungsvollen Blick an.
„Warte noch ein bisschen. Die Fortsetzung dazu folgt nach der Party.“
Meine Mundwinkel ziehen sich in freudiger Erwartung nach oben.
„Versprochen?“
„Sicher.“ Er zwinkert mir zu und leckt sich lasziv über die Lippen, sodass mein Herz einen taumelnden Freudensprung vollführt. Ich greife nach seiner Hand, um ihn erneut zu mir zu ziehen, doch er ist schneller, schüttelt leicht den Kopf und hebt ermahnend den Zeigefinger.
„Später.“
Ich ziehe einen Schmollmund, worauf er zu lachen beginnt.
„Lass das. Dafür bist du nun wirklich zu alt und es steht dir absolut nicht.“
Mein Lächeln gefriert, mein Freund scheint dies jedoch nicht zu bemerken.
„Ich brauche unbedingt einen Drink.“
„Soll ich uns was holen?“, biete ich ihm schnell an und versuche, meinen aufsteigenden Unmut zu verdrängen. Ich weiß selbst, dass es dumm ist, und frage mich im Stillen, warum mir seine Kommentare bezüglich des Alters derart nahe gehen. Bestimmt hat er es nicht so gemeint. Ich bin viel zu empfindlich. Immerhin trennen uns nur zehn Jahre.
„Nein, ich bin dran. Was möchtest du? Ich schlängle mich kurz zur Bar.“
Ein gehauchter Kuss auf meine Nasenspitze lässt mich die trübseligen Gedanken wieder vergessen. Ich bin wirklich zu unsicher. Eine Angewohnheit, die ich dringend ablegen muss.
„Ein Coconut Kiss oder ein anderer Cocktail ohne Alkohol wäre gut.“
„Sicher?“ Er verzieht kurz sein Gesicht.
„He, wer fährt uns sonst nachher zurück?“
„Aber einen kannst du doch trinken“, schmollt Shuzee. „Ich wollte zwischendrin mit dir den Cocktail tauschen, aber alkoholfrei mag ich nicht. Wo liegt da der Sinn, überhaupt einen zu trinken wenn der Sprit fehlt?“
Ich schüttle hartnäckig meinen Kopf. Auch sein perfektionierter Bettelblick dringt nicht zu mir durch. Es gibt eben Dinge, die ich verdammt ernst nehme. Und Alkohol am Steuer ist eins davon.
„Okay, du hast gewonnen. Warte hier, ich düse los.“
Shuzee seufzt ergeben und dreht sich dann beschwingt um. Verträumt schaue ich ihm hinterher, während er sich seinen Weg zum Tresen schlängelt. Ich kann mein Glück kaum fassen, dass er wirklich zu mir gehört. Er ist unglaublich schön. Sein zierlicher Körper. Der elegante Gang einer Raubkatze. Die seidenen Haare. Ein wahr gewordener, asiatischer Traum. Ein wohliges Kribbeln breitet sich in mir aus. Meine Euphorie wird allerdings gedämpft, als Shuzee auf halber Strecke stehen bleibt und mit ein paar Typen Anfang zwanzig ins Gespräch kommt. Natürlich verstehe ich von der Entfernung nicht, was sie reden, jedoch kann ich erkennen, dass mein Freund spielerisch mit seinen Augen in die Runde klimpert und lacht. Ein Stich durchfährt mein Herz. Ich schließe meine Lider, hole tief Luft und versuche mich zu beruhigen. Es ist nichts. Im Grunde genommen weiß ich das. Mir war von Anfang an klar, dass er gerne flirtet. Das hat nicht das Geringste zu bedeuten. Das Thema habe ich bereits mit ihm geklärt. Er ist mein Freund. Ich vertraue ihm. Und trotzdem fühlt es sich an, als würden sich meine Eingeweide zusammenziehen. Noch einmal atme ich tief durch. Ich sollte mich glücklich schätzen. Mein Freund ist heiß begehrt und dennoch hat er sich für mich entschieden. Genau, so muss ich das sehen. Was spricht dagegen, wenn er sich das Angebot ansieht, nur um dann wieder zu mir zurückzukehren? Ich bin echt paranoid.
Ein Schmunzeln kreuzt meine Mundwinkel. Das ist albern. Wo ist nur mein Selbstbewusstsein geblieben? Wahrscheinlich in London, unter dem Fußabtreter meines Elternhauses ...
„Ein wundervoller Anblick, nicht wahr? Sie müssen sehr glücklich sein.“
Irritiert wende ich mich von dem Bild ab und blinzle den fremden Mann an, der plötzlich neben mir steht. Ich mustere ihn kurz und schätze ihn auf Anfang sechzig.
„W… wie bitte?“
Er wendet den Blick nicht von den jungen Männern ab und deutet leicht in die Richtung der Gruppe, bei der mein Freund steht. Mir entgeht nicht der verträumte Ausdruck in seinen Augen. Das macht mich stutzig. Unbehaglich zupfe ich an einer meiner Haarsträhnen und schiele zu Shuzee, der zu meinem Leidwesen noch immer bei den Feierwütigen verweilt.
„Die Sahneschnitten da hinten. Insbesondere Ihr Freund. Anziehend, in der Blüte ihres Lebens und ganz und gar faszinierend.“
„Ja, und mit mir zusammen und damit für Sie tabu“, gebe ich zurück und kann meine Verärgerung in der Stimme nicht verstecken. Der Mann zieht eine Braue in die Höhe und beginnt leise vor sich hin zu lachen. Allerdings kein Fröhliches, sondern ein Tieftrauriges, das mir einen Kloß in der Kehle beschert.
„Keine Sorge, das ist nicht meine Absicht. Ich bin nicht derjenige, den Sie fürchten sollten.“
„Ich vertraue ihm. Gegen ein bisschen Flirten ist nichts einzuwenden“, entgegne ich und versuche, zuversichtlich zu klingen, was mir meiner Meinung nach auch ganz gut gelingt, aber er grinst nur schief und geht nicht darauf ein.
„Junge Männer sind wie ein wunderschöner und vergänglicher Traum … bittersüßes Gift.“
„Ich bin nur zehn Jahre älter als er“, murmle ich leiser und unsicherer als gewollt. Dabei ertappe ich mich, wie meine Hände in die Jackentasche wandern, um nach einer Zigarette zu fischen. Natürlich werde ich nicht fündig. Das Rauchen habe ich mir seit fast einem Jahr abgewöhnt, doch in Momenten wie diesem, wünschte ich mir eine, um meine Nerven zu glätten.
„Es spielt keine Rolle, ob Sie zehn oder zwanzig Jahre älter sind. Ich gebe Ihnen einen guten Rat: gewöhnen Sie sich nicht zu sehr an ihn.“
„Was soll das?!“
„Ich möchte Sie vor dem gleichen Fehler bewahren, denn ich begangen habe …“
Meine Augen blitzen verärgert auf und wandern entsetzt über sein aschfahles Gesicht mit den dicken Tränensäcken. Unbehagen schnürt mir die Kehle zu.
„Hören Sie, es tut mir leid, wenn Sie schlechte Erfahrungen gemacht haben, aber …“
„Es ist immer dasselbe, nur mit anderen Schaustellern. Die jungen, verführerischen Tiger fühlen sich zu erfahrenen Typen hingezogen, die ihnen etwas bieten können und ihnen anscheinend die Welt zu Füßen legen, jedoch nur für eine gewisse Zeit. Am Ende ist man nur ein netter Zeitvertreib mit einem Auto, einer Wohnung, etwas Geld … bis sie sich selbst einen jüngeren suchen. Und zurück bleiben wir – allein und mit gebrochenem Herzen. Glauben Sie mir, so war es schon immer und so wird es immer sein. Die Schauspieler ändern sich, aber nicht das grausame Spiel des Verlassens.“
Wie hypnotisiert wende ich mich von ihm ab. Langsam, wie in Zeitlupe. Meine Augen beißen sich an Shuzee fest, der sich von seinen Flirtpartnern losreißt, sich dabei lasziv über die Lippen leckt und den Weg zur Bar endlich fortsetzt. Ich schüttle leicht meinen Kopf.
„Nein“, flüstere ich, doch mein Gesprächspartner ist bereits wieder verschwunden. „Nein, das ist nicht wahr. So ist das nicht. Völliger Unsinn.“ Ich wiederhole die Worte immer und immer wieder, bis die ersehnte beruhigende Wirkung einsetzt.
Lächelnd laufe ich Shuzee entgegen und schließe ihn in meine Arme, woraufhin er sich vorsichtig mit den Getränken in den Händen an mich schmiegt. Ich ahnte ja nicht, wie Recht der Fremde haben sollte.
Kapitel 1
Colin:
Die Luft um mich herum zieht sich zu wie ein Strick. Ich habe das Gefühl, nicht richtig atmen zu können und dennoch schaffe ich es irgendwie mich aufrecht zu halten. Unter ihren belustigten Blicken packe ich meine restlichen Sachen in einen großen Karton. Ich habe nicht gedacht, so viele Dinge in Shuzees Wohnung gelassen zu haben. Allerdings habe ich auch nicht daran geglaubt, dass er mich abserviert. Es ist jetzt zwölf Tage her, dass er mich mit Koichi betrogen hat. Ein kleiner, schmächtiger Typ, der gerade mal sechzehn Jahre alt ist. Ein halbes Kind … schnell verdränge ich die aufkommende Erinnerung an die Worte des alten Mannes und schlucke bitter, während ich mich weiter dem Einsammeln meiner verstreuten Habseligkeiten widme. Ich möchte nur noch hier raus, und zwar schnellstens. Die Situation ist dermaßen erniedrigend, dass es mich zerreißt. Shuzee und Koichi beobachten jeden meiner Handgriffe. Dabei vermute ich, dass es weniger aus Sorge ist, dass ich etwas mitnehmen könnte, was mir nicht gehört. Nein. Ich bin mir relativ sicher, dass sie die Situation genießen.
Meine Haut beginnt unangenehm zu Prickeln. Ich fühle mich wie eine graue, zitternde Maus, kurz bevor sie im Rachen einer gefräßigen Katze verschwindet. Ich bete innerlich, dass sie mich ziehen lassen, ohne etwas zu sagen. Ich will nichts hören. Weder eine gelogene Entschuldigung, noch falsche Sorge oder gespieltes Bedauern. Nicht jetzt. Nicht hier. Ich fühle mich, als wäre ich nur ein Schatten meiner selbst, der zerbricht. Eilig schnappe ich mir die halbvolle Kiste. Egal, ob ich etwas vergessen habe oder nicht, ich halte es nicht länger aus. Ich muss unbedingt aus der Wohnung raus. Jetzt. Sofort.
Ohne mich zu ihnen umzudrehen, eile ich zum rettenden Ausgang und habe ihn fast erreicht, aber Shuzee und sein Toyboy setzen mir hinterher.
„Colin, jetzt warte doch!“ Mein Exfreund springt vor mich und ich blicke ihn fordernd an.
„Geh bitte zur Seite. Ich habe alles.“
„Sei nicht stur. Lass mich dir wenigstens die Tür aufmachen. Du hast beide Hände voll“, gibt er nüchtern zur Antwort und mich fröstelt, als ich nicht die winzigste Emotion aus seiner Stimme hören kann.
„Okay, wärst du bitte so nett?“, presse ich hervor und versuche, dabei möglichst freundlich zu klingen, während mein Herz sich qualvoll krümmt.
„Meinst du nicht, wir sollten uns … anders verabschieden. Immerhin waren wir eine ganze Zeit lang zusammen.“
Ich beiße mir auf die Innenbacke und kämpfe gegen die aufsteigenden Tränen an. Mein Herz schreit gepeinigt auf und beginnt zu wimmern. Wieso kann er nicht einfach die verdammte Tür aufmachen und mich gehen lassen? Auf keinen Fall möchte ich mir die Blöße geben und vor ihm Weinen. Nein, er wird mich niemals heulen sehen. Um keinen Preis. Doch dass er nicht einmal unseren Jahrestag kennt ...
„Zwei Jahre … es waren genau zwei Jahre“, murmle ich, worauf Shuzee leise lacht und sich verlegen am Hinterkopf kratzt.
„Ha ha, ja. Stimmt. Das konnte ich mir noch nie merken.“
„Scheinbar, sonst hätte ich dich wohl kaum an unserem Jahrestag mit deinem Betthäschen erwischt“, gebe ich bissig zurück und versuche gar nicht erst, die Enttäuschung zurückzuhalten. Mein Körper zittert vor Anspannung, als das hässliche Bild sich penetrant vor mein geistiges Auge schiebt. Ich hatte mir an dem Tag extra freigenommen, wollte ihn zu unserem Zweijährigen überraschen. Mit Blumen, Pralinen, Wein und allem, was dazu gehört. Stattdessen wurde ich unschön überrascht.
„Tzz… ich bitte dich, Colin. Klar, es ist nicht ideal gelaufen und es tut mir leid, dass du uns dabei gesehen hast, aber früher oder später hätte ich es dir ohnehin sagen müssen.“
Bitterkeit steigt in mir auf und schneidet sich schmerzhaft durch meine Organe.
„Ach, dann soll ich mich jetzt auch noch glücklich schätzen oder wie?“, presse ich aus zusammengebissenen Zähnen hervor. Seine Augen blitzen amüsiert auf und entreißen mir das letzte Stück Boden unter den Füßen. War er schon immer so gewesen? Wo ist der süße, wunderschöne junge Mann, der mich aus verführerischen Augen anhimmelte? Der an meiner Seite stand und den ich glaubte, nie verlieren zu können? Wie konnte ich mich nur derart in ihm täuschen? Ich spüre abermals Tränen aufsteigen und wende mich schnell von ihm ab. Mein Herz zerreißt, Schmerz explodiert in meinem Inneren und füllt mich aus.
Koichi, der die gesamte Zeit über schweigend daneben gestanden war, löst sich von Shuzees Seite und öffnet mir die Haustür. Ich sehe ihn nicht an und glaube zu spüren, dass auch er den Blick mittlerweile zu Boden gesenkt hat. Anscheinend sind ihm die Schadenfreude und der Hohn vergangen.
„Alles Gute“, frohlockt Shuzee, während ich mich an ihm vorbei schiebe und die Flucht ergreife. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend haste ich die Treppe hinunter und drehe mich nicht um. Ich kann seinen hämischen Blick im Nacken spüren, der die letzten Reste meines Herzens mit Füßen tritt. Woher kommt nur seine Biestigkeit? Ich sollte derjenige sein, der ihn mit bissigen Kommentaren bewirft. Doch alles was ich fühle, ist lediglich der vernichtende Schmerz. Er hingegen mutiert zum reinen Scheusal. Woher dieser Wandel? Was habe ich verpasst? Und noch schlimmer ist die Erkenntnis, dass ich sofort zu ihm zurückkehren würde, wenn er mich rufen würde … Was hat er in unserer Beziehung vermisst? Was habe ich falsch gemacht? Die Antworten werde ich wohl nie erhalten.
Als die Haustür hinter mir zuknallt, bleibe ich kurz stehen, lausche und atme die feuchte Luft tief ein, während der Wind erzürnt um die Ecken weht. Der Regen schlägt unaufhörlich wie ein Boxer auf die Stadt ein. Aus meiner Kehle drängt sich ein kaltes und trauriges Lachen. Das Wetter passt wunderbar zum glorreichen Ende meiner Beziehung. Mit einem Seufzen schlucke ich den Frust hinunter und renne die Straße entlang zum Auto. Behände lade ich mein Hab und Gut ein, dann rette ich mich selbst vor dem Niederschlag ins Innere. Ich starrte den knatternden Motor des betagten Wagens, als ein weiterer Gedanke meine Sinne kreuzte. Shuzee mochte den fahrbaren Untersatz nie. Zwar fand er es schön und praktisch, dass ich ihn überall hingefahren habe und er nicht mehr auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen war, jedoch hatte er sich ständig darüber beschwert, was für eine alte Schrottlaube es doch sei. Überhaupt hatte ihm in den letzten Monaten immer häufiger etwas nicht gepasst. Sei es mein nicht zeitgemäßer Musikgeschmack, der wahrscheinlich von meinem fortgeschrittenen Alter herrührte. Genauso wenig war er mit dem Kaffee zufrieden gewesen, den ich extra für ihn gekocht hatte. Klar war er nicht der Beste. Da mache ich mir nichts vor, immerhin trinke ich selbst keinen Kaffee, aber dennoch war es keine Plörre gewesen … glaube ich zumindest.
Ich schäle mich aus dem nassen Mantel und werfe ihn auf die vollbepackte Rückbank. Der Jobwechsel kommt gerade recht. Ich hätte nicht gedacht, dass ich bei meinem morgigen Umzug derart viel Zeug mitnehmen würde. Wäre ich noch mit Shuzee zusammen, wäre er mit mir nach Linderhof gekommen und wir hätten uns eine eigene Unterkunft in der Umgebung suchen müssen. Immerhin einen Pluspunkt hat unsere Trennung: Ich kann mir das Geld für eine Bleibe sparen und die vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellte Bedienstetenwohnung in Anspruch nehmen.
Ich ertappe mich kurz dabei, wie ich in den Rückspiegel schaue und ihn suche. Schnell schüttle ich den Kopf. Es reicht jetzt. Ich habe lange genug gelitten und einem Lügengerüst hinterher getrauert. Ab morgen beginnt ein Neuanfang. Ich werde Shuzee schon irgendwie vergessen. Ein Tapetenwechsel und etliche Kilometer Distanz sind sicherlich förderlich. Ich werde nicht so enden, wie der alte Mann auf der Faschingsparty. Einsam, allein und verbittert. Das hoffe ich zumindest …
Mit Tränen in den Augen starte ich den Wagen, versuche meinen Kopf zu leeren und fahre nach Hause, in die verwaiste Mietwohnung. Dennoch: Ich kann es mir einreden, so oft ich möchte. Shuzee war alles für mich – er war mein Licht. Ich habe mein gesamtes Leben versucht an seines anzupassen und nun ist er fort. Für immer. Einfach so. Mit einem Schlag ist meine Welt verdunkelt.
Kapitel 2
Kanji:
Ich kann nicht genau benennen, woran es liegt, doch irgendwie fühle ich mich nicht wohl. Es ist das erste Mal, dass ich bei Howard bin, allerdings sind wir auch erst seit ein paar Tagen zusammen. Vor einer Woche traf ich ihn in meiner Lieblingsdisco. Ein Schmunzeln umspielt meine Mundwinkel und ich muss mir ein Lachen bei der Erinnerung verkneifen. An besagtem Tag war kaum etwas in der Diskothek losgewesen. Nur einige Stammkunden, ein paar Kumpels von mir und ich selbst, hatten sich dorthin verirrt. Da ohnehin jeder jeden zu kennen schien, habe ich mich nicht weiter nach möglichem Frischfleisch umgesehen und bin gleich auf die Tanzfläche gesprungen. Denn egal ob meine Stammdisko voll oder halb leer ist, die Musik ist einfach genial. Und wenn mein Lieblingssong von Imany „Don‘t be so shy“ läuft, kann mich nichts mehr vom Tanzen abhalten. Ich war so in den Rhythmus vertieft gewesen, dass ich gar nicht bemerkte, wie mich Howard antanzte. In dem Moment hat der Song aufgehört und ich war durstig. Also verließ ich die Tanzfläche und ließ den armen Kerl, der extra zu mir gekommen war, um mit mir zu flirten, auf der Fläche allein stehen. Der starrte mir entgeistert hinterher, was ich natürlich auch nicht wahrgenommen hatte. Meine Kumpels machten mich prustend und köstlich amüsiert darauf aufmerksam. Als ich mich umwandte, kam mir Howard schon entgegen und meinte verschmitzt und bedröppelt lächelnd, dass er noch nie eine derart eindeutige Abfuhr kassiert habe. So kamen wir ins Gespräch und ich fand ihn interessant.
Und nun stehe ich hier, öffne unsicher das Tor und trete in den großen Hof, der den Eingang für gleich drei getrennte Haushalte darstellt. Wenn ich mich richtig erinnere, wohnt er in dem kleinsten Haus rechts von mir. Die anderen zwei Bauten werden von seiner Tante und Mutter bewohnt. Behutsam sehe ich mich um. Eine Angewohnheit, die wohl mit meinem Beruf zusammenhängt. Auf den ersten Blick kann ich nichts Ungewöhnliches feststellen und laufe nach rechts zum Eingang. Warum bin ich nur dermaßen nervös? Ich besuche meinen Freund und nicht den Papst.
Beherzt klopfe ich an und vernehme nur wenige Sekunden später herbeieilende Schritte. Howard reißt die Tür auf und zieht mich stürmisch in seine Arme. Unsere Lippen treffen sich zu einem leidenschaftlichen Kuss, der mir fast die Luft raubt. Das Gefühl des Unwohlseins ist mit einem Schlag verflogen.
„Wow, hallo. Ich habe dich auch vermisst“, begrüße ich ihn atemlos, nachdem ich mich von seinem Mund lösen kann. Er schenkt mir ein breites Grinsen und zieht mich schnell ins Innere.
„Wir waren lange genug getrennt“, flüstert er in mein Ohr, während er mich wieder an sich drückt. Ich bekomme eine Gänsehaut und seufze leise.
„Es war nur ein Tag an dem wir uns nicht gesehen haben“, gebe ich neckend zurück und ernte dafür einen Klaps auf dem Po.
„Ein Tag zu viel“, nuschelt er und beginnt an meinem Nacken entlang zu knabbern. Zwar gefällt mir seine forsche Art, dennoch möchte ich ihn gern etwas zappeln lassen.
„Magst du mich nicht erstmal rumführen und mir als guter Gastgeber was zu trinken anbieten?“ Sachte aber bestimmt schiebe ich ihn von mir, worauf er vor sich hin brummelt wie ein Bär.
„Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du echt grausam bist? Erst ignorierst du mich in der Disco, lässt mich einfach stehen …“
„Ich hatte dich nicht bemerkt.“
„Dann zeige ich dir, wie sehr ich dich vermisst habe, und du wimmelst mich ab …“
„Ich fühle mich geehrt, bin jedoch durstig.“
„Eiskalt trifft es wohl eher“, gibt er mir gespielt schmollend zurück und ich muss mir ein Lachen verkneifen. Ich mache einen Schritt auf ihn zu und schmiege mich verführerisch an ihn, während ich meine Fingerspitzen über seine Oberarme kreisen lasse.
„Eiskalt, mh? Also ich hätte mich eher als heiß bezeichnet.“
Er zieht scharf die Luft ein und will abermals seine Arme um mich schlingen, doch ich bin schneller und ziehe mich flink zurück, sodass er ins Leere greift. Er lacht und schüttelt seinen Kopf, bevor er mir zuzwinkert.
„Eiskalt. Ich hatte recht.“
„Und ich gewonnen“, kontere ich, worauf er nickt. Mit einer ausschweifenden Handbewegung dreht er sich im Kreis des fast viereckigen Raumes.
„Also Herr Duncalf, Sie befinden sich im Eingangsbereich, wobei dieser auch gleich den Essraum darstellt, wie der Tisch direkt vor Ihnen beweist. Dahinter befindet sich die Kochnische, in der sich allerlei Köstlichkeiten für den Gaumen zubereiten lassen, sofern sie benutzt wird. Nun wenden Sie sich bitte nach rechts.“
Übertrieben langsam drehen wir uns zur Seite und er deutet auf eine verschlossene Tür.
„Dieser Raum dient der körperlichen Pflege und der Erleichterung. Und in der letzten Kammer können Sie bereits durch den Eingang mein Schlafgemach erkennen. Was kann ich Ihnen zu trinken anbieten, Herr Duncalf?“
„Ein Wasser reicht fürs Erste. Und warum plötzlich so förmlich?“ Ich beginne leicht zu grienen, während er eine Verbeugung andeutet und in scherzhaftem Ton antwortet:
„Es schien mir angebracht.“
„Verstehe. Dann nenne mich ab nun einfach Mein Gebieter.“
„He!“ Empört beginnt er mich zu kitzeln und ich fliehe lachend zum Küchenbereich. Er kommt mir nach und reicht mir ein Glas Wasser, das ich dankend ergreife.
„Du bist ganz schön schnell.“
Ich zucke mit den Schultern.
„Muss ich auch in meinem Beruf.“
Er runzelt nachdenklich die Stirn.
„Das wirft jetzt nicht das beste Licht auf mich, aber was machst du nochmal beruflich?“
Ich leere mein Glas mit einem Zug und sehe ihn eindringlich an.
„Tagsüber bin ich ein ganz normaler Mensch, doch nachts gehe ich auf Dämonenjagd und rette Menschenleben.“
Seine Gesichtszüge entgleisen, anschließend verpasst er mir einen leichten Stoß.
„Spaßvogel! Dann eben nicht.“
Ich grinse nur und erwidere nichts. Natürlich kann ich ihm nicht direkt die Wahrheit über meinen Beruf verraten. Angelogen habe ich ihn jedoch auch nicht. Wenn er es für einen Scherz hält und nicht weiter nachbohrt umso besser. Ich lasse noch einmal meinen Blick umher schweifen. Seine Einrichtung ist auf das Nötigste beschränkt, allerdings auch nicht gerade billig. Mir fällt sofort auf, dass es sich um Markenstücke handelt.
„Suchst du was?“, unterbricht Howard meine Inspektion.
„Ich schaue mir nur an, wie du wohnst“, gebe ich achselzuckend zurück. „Immerhin bin ich das erste Mal bei dir … Hast du Angst, ich entdecke etwas, das mir nicht gefällt oder versteckst du vielleicht was vor mir?“ Ich grinse ihn verschmitzt an und seien Mundwinkel beginnen zu zucken. Er nimmt mir mein Glas aus der Hand, stellt es auf die Spüle und schiebt mich in einer festen Umarmung rückwärts.
„Und ob ich das tue. Allerdings bin ich nicht gut darin, Geheimnisse zu bewahren. Deswegen muss ich sie dir wohl gleich … enthüllen.“
Ich öffne den Mund, um zu kontern, doch seine Lippen legen sich fordernd auf meine zu einem verlangenden Kuss. Ein wilder Zungentanz fordert meine gesamte Aufmerksamkeit, sodass ich gar nicht recht mitbekomme, dass wir bereits im Schlafzimmer sind. Erst als ich mit den Kniebeugen an den Sessel stoße, den Halt verliere und auf das Polster falle, nehme ich den Raumwechsel wahr. Ich schaffe es gerade noch, mich etwas aufzurichten, als er sich auf mich sinken lässt und genüsslich an meinem Hals zu saugen beginnt. Meine Hände suchen nach dem Anfang seines Shirts und ich brumme zufrieden, als ich fündig werde. Hungrig gleiten meine Fingerspitzen über seinen Rücken und ertasten jeden Winkel.
„He, markierst du mich gerade?“, hauche ich, als er immer stärker an meinem Hals zu saugen beginnt.
„Darauf kannst du wetten“, nuschelt er und sein warmer Atem streichelt meine Haut, sodass ich eine Gänsehaut bekomme. Ich drücke mich noch enger an ihn und meine Hände gleiten hinunter zu seinem Po. Er stöhnt leise auf, als sich unsere Lenden sehnsüchtig gegeneinander reiben. Doch das ist mir nicht genug. Der Stoff zwischen uns stört. Eigentlich wollte ich es langsamer angehen und ein paar Tage warten, doch meine guten Vorsätze ertrinken in meiner Begierde. Nachdem er sein Zeichen gesetzt hat, begegnen sich unsere Lippen zu einem weiteren, wilden Kuss. Ungeduldig beginnt er an meinem Pullover zu ziehen, während ich seine wachsende Erektion deutlich unter dem Stoff seiner Leinenhose spüren kann. Mit einem bedauernden Seufzen löst er sich von mir, was ich ihm nicht so leicht mache, indem ich ihn sehnsüchtig zu mir zurückzuziehen versuche. Er lacht leise auf und zwickt mir in die Schulter.
„Warte einen Moment.“
Er drückt mich zurück und fängt damit an, die Knöpfe an seinem Hemd aufzuknöpfen. Ich helfe ihm dabei und frage mich, ob Hemden immer derart viele Knöpfe haben oder ob seines nur extrem viele besitzt. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, bis der Fetzen endlich zu Boden fliegt. Dann zieht er mir etwas unsanft den Pullover über den Kopf. Während ich ihn wieder zu mir ziehe und hungrig einen weiteren Kuss fordere, bemerke ich, dass seine Aufmerksamkeit auf meinem Oberkörper verweilt. Um genau zu sein, an einer bestimmten Stelle. Ich seufze lautlos. Den Schönheitsfleck vergesse ich immer wieder. Allerdings stört mich die Pigmentstörung an meinem Schlüsselbein nicht. Andere Typen des Öfteren jedoch schon. Das nervt. Um die Stimmung nicht zu versauen, lasse ich meine Zungenspitze über seinen Hals gleiten, während meine Hände abermals auf Erkundungstour gehen. Das genügt allerdings nicht, um Howard wieder auf das richtige Gleis zu lenken. Er stützt sich langsam ab und stiert noch immer auf den Fleck.
„Was ist das für ein seltsamer Klecks?“ Er schnippt mit den Fingern gegen die besagte Stelle und stiert unverblümt drauf. Ich kann seinen Blick nicht direkt deuten, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es ihn stört. Es ist kaum zu glauben, wie viele Typen völlig oberflächlich sind. Er wäre nicht der Erste …
„Das ist nur eine Pigmentstörung, nichts weiter. Hatte ich schon immer. Keine Ahnung. Stört es dich?“, bringe ich das Thema gleich zum entscheidenden Punkt und bin gespannt auf seine Antwort.
„Ähm … nein, natürlich nicht. Es wirkt nur etwas eigenartig … wie ein Mal aus einem Gruselstreifen oder so.“
Er grinst unsicher und in meinen Gedanken versetze ich ihm einen Schlag und drücke ihm ein Kissen ins Gesicht. Ich schlucke die aufschießenden Emotionen hinunter und gebe etwas grummelig zurück: „Es ist nur ein Schönheitsfleck, mehr nicht.“
„Ja, jetzt sei nicht beleidigt. Ich meine es nicht böse, aber ich war halt verwirrt.“ Er fängt an, zärtlich an meinem Ohr zu knabbern, und sein Besänftigungsversuch beginnt Früchte zu tragen, als er hinzufügt: „Du hättest mich halt ruhig vorwarnen können.“
Ich verharre in meiner Bewegung und versuche, seine Worte zu verdauen, die mir unangenehm in den Ohren widerhallen. Vorwarnen? Was soll dieser Mist denn jetzt? Ich habe nicht die Krätze oder Windpocken! In mir beginnen zwei Seiten zu ringen. Die eine in mir möchte ihn von mir zu Boden stoßen und ihm den Kopf waschen. Ich kann Oberflächlichkeit und Arroganz nicht ab. Schon gar nicht von irgendwelchen gutbetuchten Schnöseln. Ich weiß, was ich möchte und was nicht. Solche abwertenden Kommentare gehören definitiv nicht zu den Dingen, die ich tolerieren und akzeptieren kann. Schon gar nicht, wenn das zwischen uns was Ernstes werden soll. Auf der anderen Seite haben mir meine Kumpels bereits öfter ans Herz gelegt, nicht immer so impulsiv zu handeln und damit meine Mitmenschen und Lover vor den Kopf zu stoßen. Ich weiß selbst, dass ich oftmals vorschnell reagiere und mich von Emotionen tragen lasse. Aber ist das so schlecht?
Ich beiße mir leicht auf die Unterlippe. Verzwickte Lage. Noch während ich überlege, ob ich Howard von mir stoßen soll, dessen Küsse hinunter zu meinem Torso wandern, bemerke ich am Fenster eine Bewegung. Ich kneife die Augen zusammen und sehe nochmal genauer hin. Tatsächlich! Da steht eine junge Frau und schaut uns zu. Ich klopfe meinem Freund auf die Schulter. Als er jedoch nicht gleich reagiert, ziehe ich ihn an den Haaren etwas unsanft nach oben.
„Au, was zum …?!“
„Howard, da ist jemand am Fenster!“
„Quatsch.“
„Wenn ich es dir doch sage!“
Endlich richtet er sich auf, doch als die junge Frau den Umschwung bemerkt, huscht sie davon. Bis mein Freund so weit ist und sich umwendet, ist sie natürlich nicht mehr da.
„Da ist niemand.“
„Howard, wenn ich es dir doch sage! Da war eine Frau, die dir eigentlich recht ähnlich sah.“
Er runzelt die Stirn und streicht sich über seinen Nacken.
„Wie alt war sie?“
„Keine Ahnung. Ich schätze zwischen sechzehn und zwanzig.“ Auch ich springe von der Couch auf und schnappe mir eilig mein Oberteil, als seine Augen schon wieder meine Pigmentstörung mustern. Das muss aufhören, sonst werde ich mein Temperament nicht lange zurückhalten können.
„Sie hatte eine dunkelblaue Strickmütze an“, füge ich hinzu und er wiegt seinen Kopf leicht hin und her.
„Das hört sich nach meiner Cousine an, aber eigentlich kann das nicht sein.“
„Warum?“
„Weil sie sonst nie durch das Fenster reinschaut. Außerdem wusste sie, dass ich heute Besuch habe.“
Ich ziehe eine Braue nach oben. Meint er das ernst?
„Vielleicht war sie neugierig. Soll vorkommen“, entgegne ich leicht genervt.
„Ach was, das tut sie sonst nie. Abgesehen davon lernst du sie in ein paar Minuten eh persönlich kennen, wenn wir zu dem Konzert fahren.“
„Ja …“ Ich streiche mir durch die Haare, lasse ihn stehen und laufe zur Kochnische, um mir noch etwas zu trinken zu besorgen. Irgendwie habe ich das drückende Gefühl, dass das heute ein verdammt langer Tag werden wird.
***
Hingebungsvoll gibt der Sänger einen Hit nach dem anderen von Phil Collins zum Besten. Die Band ist perfekt untereinander und mit dem Orchester abgestimmt. Dass es nicht meine Musikrichtung ist, stört mich nicht im Geringsten. Ich liebe Konzerte jeder Art, solange die Zusammensetzung der Instrumente und die Stimme der Sänger passen, würde ich mir alles anhören. Musikaufführungen sind einfach einmalig. Eine Kunst für sich.
Dass die Coverband so gut ist entschädigt für die seltsame Atmosphäre, die Howards Familie umgibt. Trotz dass er sich schon seit Jahren geoutet hat und sowohl seine Tante, als auch seine Mutter, Schwester und Cousine laut seiner Aussage damit cool seien, sind sie mir gegenüber sehr distanziert. Besonders, was die Mutter angeht. Ich habe alle Höflichkeitsfloskeln eingehalten, mich nett vorgestellt, den Damen des Hauses Pralinen mitgebracht, worüber sich seine Tante besonders gefreut hat, doch die Mutter ist ziemlich bemüht, mich nicht anzusehen. In ihrer Anwesenheit fühle ich mich wie in einem Tigerkäfig. Es ist mir sogar unangenehm, als mich Howard von hinten in seine Arme zieht und sich mit mir sanft im Takt der Melodie zu bewegen beginnt. Ich fühle mich beobachtet. Dennoch versuche ich, den Großteil meiner Aufmerksamkeit auf die Bühne zu richten. Als der Ton zur Pause erklingt, zwickt er mir in das Ohrläppchen und löst sich von mir. Seine Schwester Amelia und seine Cousine Audrie, bei der ich mir hundertprozentig sicher bin, dass sie es war, die ich am Fenster gesehen habe, gesellen sich zu uns und schauen Howard auffordernd an.
„Wir haben Durst. Wie sieht es mit euch Verliebten aus?“, fragt Amelia und ihr Bruder nickt.
„Ja, versuchen wir unser Glück draußen an der Bar.“
Audrie und ich nicken nur und folgen ihnen im Strom der Menschenmasse nach draußen, um festzustellen, dass wohl alle Gäste in der Halle auf dieselbe Idee gekommen sind.
„Oh… das ist aber eine lange Schlange. Vielleicht sollten wir etwas warten“, meint seine Cousine, doch Amelia widerspricht sofort.
„Nee, nachher sieht es auch nicht besser aus. Howard, bringst du Audrie und mir eine Cola mit?“
Ich ziehe leicht eine Braue in die Höhe. Ganz schön forsch. Zu meinem Entsetzen lacht Howard leise auf und gibt sich ohne Widerrede geschlagen.
„Okay, was möchtest du, Kanji?“
„Ich komme mit vor“, entgegne ich, aber auch hier schaltet sich seine Schwester sogleich ein.
„Nein, das musst du nicht. Leiste uns lieber etwas Gesellschaft. Wir Mädels fühlen uns in Begleitung eines Mannes gleich viel wohler und sicherer.“ Sie zwinkert mir zu und ich lächle, jedoch kann ich ihre Sympathie nicht teilen. Ich setze zum Widerspruch an, doch Howard kommt mir zuvor.
„Du hast sie gehört. Also, was kann ich dir mitbringen?“ Er grinst verschmitzt und fügt hinzu „So sind sie nun mal, die Frauen.“
„Beschwer dich nicht. Immerhin ist dein Herzblatt ein Kerl und keine Frau. Da wirst du Audrie und mich wohl aushalten“, kontert Amelia und lacht herzhaft auf. Ich schiele aus einem Instinkt heraus zur Cousine, die schnell den Blick von mir wendet.
„Eine Limo. Ganz egal welche“, murmle ich nachdenklich, worauf mein Freund nickt und sich bereits in Bewegung setzen will, doch ich halte ihn zurück.
„Was bekommst du von mir?“
„Nichts.“
„Du hast mich schon zu dem Konzert eingeladen, da kann ich wenigstens die Getränke bezahlen.“
„Passt schon.“
„Ja, lass ihn. Mein Brüderchen verdient am meisten hier. Er lädt uns gerne ein“, weist mich Amelia zurecht und grinst über beide Backen. Mir verschlägt es regelrecht die Sprache und das kommt wahrlich selten vor. Howard macht eine abwinkende Handbewegung, bahnt sich aber dennoch den Weg zur Theke. Wieder schiele ich zu seiner Cousine, die ihm lange hinterherschaut. Sehr lange. Ein misstrauisches Gefühl erwacht in mir und lässt meinen Magen rumoren.
Amelia hängt sich bei mir und Audrie ein. Sie führt uns zu einem der freien Stehtische und fängt an, mich regelrecht auszuquetschen. Ihre Cousine hält sich zum größten Teil zurück und ich versuche, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, was mir einigermaßen gelingt. Erleichtert atme ich auf, als Howard endlich mit den Getränken zurückkommt. Eilig komme ich ihm entgegen, um ihm beim Tragen zu helfen. Wir halten zu viert noch ein bisschen Small Talk, wobei ich mir stark auf die Zunge beißen muss, um Amelias vorlautes Mundwerk über mich ergehen zu lassen. Megaanstrengend. Ihre Cousine dagegen ist zurückhaltender und wäre mir nicht mal unsympathisch, wenn meine innere Stimme mich nicht minütlich warnen würde. Ich beobachte sie die gesamte Zeit über aus den Augenwinkeln. Howard scheint mit seiner Schwester und mit Audrie sehr verbunden. Sie haben viel gemeinsam erlebt und einiges zu erzählen. Das schüchterne Mädchen ist bemüht, ihren Blick in der Runde wandern zu lassen, doch ich ertappe sie immer wieder dabei, wie sie an meinem Freund hängen bleibt. Das wäre keine Tatsache, die mich unbedingt stören würde. Ich bin kein eifersüchtiger Mensch, der in jedes Wort oder jede Geste etwas hinein interpretiert. Allerdings stören mich die Intensität und das hoffnungsvolle Flimmern in ihren Augen.
Als Howard ihr dann bei einem Scherz neckisch durch die Haare wuschelt, verfliegt meine Vermutung mitsamt der Zweifel und macht einer stechenden Überzeugung Platz. Ihr anhimmelnder Blick, und wenn es nur für ein paar Sekunden ist, spricht Bände. Sie ist Hals über Kopf in ihren Cousin verschossen.
Kapitel 3
Colin:
Etwas ungelenk steige ich aus und strecke meine angespannten Glieder. Die stundenlange Fahrt war anstrengender als gedacht. Die drei Staus stecken mir schwer in den Knochen. Müde reibe ich mir die Augen und lasse meinen Blick über die majestätische Berglandschaft schweifen. Schon auf der Hinfahrt konnte ich mich nicht sattsehen. Ich liebe die Alpen. Sie vermitteln ein Gefühl von Freiheit, Anmut und Ruhe. Auch der Vorort Graswang, durch den ich hindurchgefahren bin und der nur aus ein paar schäbigen Baracken bestand, hatte durch die Landschaft irgendetwas Unschuldiges. Ein blöder Gedanke, ich weiß. Ich bin froh, dass ich den niemand mitteilen und erklären muss, denn ich kann mir meine Gefühle, die mich beim Anblick der bergischen Riesen überkommen, selbst nicht erklären. Gähnend werfe ich einen Blick auf die Armbanduhr. Es ist gerade mal elf Uhr. Ich bin viel zu früh. Zwar habe ich an der ersten Raststelle angerufen und mich früher angekündigt, dennoch fühle ich mich etwas unwohl dabei. Die Bedienstete am anderen Ende der Leitung war sehr freundlich, trotzdem konnte ich deutlich heraushören, dass ich ihnen Umstände bereite. Allerdings habe ich es daheim nicht mehr länger ausgehalten. Der Abschied von Shuzee, wenn man es denn als solchen bezeichnen möchte, ging mir nicht aus dem Kopf und ließ mich nicht schlafen. Mein Innerstes hat danach geschrien, endlich alles hinter mir zu lassen, zu fliehen und einen Neuanfang zu wagen. Dass Überpünktlichkeit auch als Unfreundlichkeit ausgelegt werden kann, daran habe ich in dem Moment nicht gedacht. Na ja, jetzt ist es ohnehin zu spät. Unschlüssig hieve ich meine zwei Koffer aus dem Auto und schlendere zum Tor, das von einer dicken Steinmauer umrahmt wird. Ich versuche, einen Blick hinter die Mauern zu erhaschen, doch sie sind zu hoch. Irgendwie kreuzt das Bild einer Festung meine Gedanken. Was mir sofort ins Auge sticht, sind die vielen Bäume, deren buntes Herbstlaub sachte zu Boden fällt. Ein seltener Anblick. In Karlsruhe gibt es nur vereinzeltes, knochiges Geäst, in dem kaum ein Funken Leben steckt. Zwar habe ich bereits davon gehört, dass es Orte geben soll, an denen noch so etwas wie Natur besteht, doch gesehen habe ich bisher keinen davon. Bis jetzt.
Ich atme die frische Bergluft abermals tief ein und betätige dann die Klingel. Nur ein paar Sekunden später ertönt ein Surren, dicht gefolgt von einer angenehmen Frauenstimme.
„Meryl Father am Empfang. Was kann ich für Sie tun?“
„Ich … bin der neue Buchhalter. Colin Morningquest“, antworte ich etwas steif. „Ich bin ein bisschen früh …“
„Ah, wir haben heute Morgen telefoniert. Einen kurzen Moment bitte, ich hole Sie gleich ab.“
„Ja, vielen Dank.“
Das Surren erstirbt und ich lausche nervös in die Stille. Ich habe noch nie in einem Herrenhaus einer reichen Familie gearbeitet. Wie es wohl werden wird? Ob es arg unterschiedlich zu einer Stelle in einer Firma ist? Ich bin wirklich gespannt. Es wird auf meinen Lebenslauf auf jeden Fall kein schlechtes Licht werfen, denn laut den Berichten im Internet ist die Familie Loire sehr einflussreich in fast allen erdenklichen Bereichen der Gesellschaft. Die Anzahl der Bewerber für die Stelle muss riesig gewesen sein. Ich kann mein Glück kaum fassen, dass die Wahl tatsächlich auf mich gefallen ist.
Das Klacken des metallenen Schlosses lässt mich aus meinen Gedanken aufschrecken. Ich straffe die Schultern und streiche mir eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht. Knatternd öffnet sich das Tor und ich schaue in das Antlitz einer Frau mittleren Alters, die mir auf den ersten Blick sympathisch ist. Anscheinend haben die Hausherren nichts gegen individuellen und auffälligen Stil, wie mir die langen, jadefarbenen Haare verraten, die sie zu einem ordentlichen Zopf geflochten hat. Erleichterung macht sich in mir breit. Dann dürften meine blaugefärbten Haare auch kein Thema sein. So hoffe ich zumindest. Beim Vorstellungsgespräch schienen sie jedenfalls nicht hinderlich gewesen zu sein. Sie begrüßt mich mit einem Lächeln.
„Willkommen in Linderhof. Ich hoffe, Sie hatten eine gute Anreise?“
„Danke sehr. Es tut mir leid, dass ich zu früh bin.“
„Kein Problem. Bitte folgen Sie mir. Ich bringe Sie zuerst zu den Unterkünften der Angestellten und auf Ihr Zimmer, damit Sie sich einrichten und frisch machen können. Danach werden die Herrschaften Sie empfangen.“
„Vielen Dank.“
Ich trete durch das Tor und folge ihr nach links, wo sich einige längliche und gut erhaltene Gebäude aneinanderreihen wie eine Karawane. Meine vorherige Wohnung ist damit nicht vergleichbar. Ich bin gespannt auf das Innere. Neugierig lasse ich meinen Blick durch den menschenleeren Hof schweifen. Ich entdecke ein paar Arbeitsmaschinen sowie Besen, Rechen und andere Gartenutensilien. Meryl bringt mich zu einem der hinteren Bauten und öffnet die Tür. Während sie mich herumführt und mir unter anderem die Gemeinschaftsküche und den Aufenthaltsraum in Form eines geräumigen Wohnzimmers zeigt, fällt mir auf, dass sie unglaublich schmal ist. Ich habe noch nie eine Frau mit einer derart perfekten Taille gesehen. Ich kann meinen Blick gar nicht von ihrer zierlichen Silhouette abwenden.
„Und hier wäre Ihr Zimmer.“
Sie bleibt vor Nummer 105 stehen und überreicht mir einen Schlüssel.
„Ich hoffe, Sie fühlen sich hier wohl.“
„Bestimmt“, ich nicke ihr dankbar zu und schließe die Tür mit klopfendem Herzen auf.
„Ich melde Sie an und hole Sie später ab, um Sie zu den Herrschaften zu bringen.“
„Vielen Dank.“
Mit einem scheuen Lächeln dreht sie sich um und eilt den Gang entlang, raus aus dem Gebäude. Ich warte ein paar Sekunden, bis sich mein pochendes Herz beruhigt hat, dann drehe ich den Schlüssel im Schloss um und öffne den Eingang zu meinem neuen Zuhause. Der Raum ist nicht groß und ähnelt einem Hotelzimmer. Direkt neben der Eingangstür befindet sich rechts ein einfacher Kleiderschrank und links die Tür zum Badezimmer, das aus einem Waschbecken mit großem Spiegel, Eckdusche und einer Toilette besteht. Ich laufe ein paar Schritte über den dunklen Teppichboden und stehe in der Mitte des Raumes. Langsam befreie ich mich aus meinem dicken Wintermantel und hänge ihn über den Stuhl vor dem Schreibtisch. Ich habe sogar einen kleinen Fernseher, auch wenn ich den vorerst eher nicht benutzen werde, denn ich brenne darauf, die Umgebung zu erkunden.
Ich drehe mich um und lasse meine Finger prüfend über das große Bett streichen, in dem locker zwei Personen Platz finden können. Ich spüre, wie etwas in mir zerbricht und schiebe die aufkeimende Sehnsucht nach Shuzee beiseite. Stattdessen schweift mein Blick schnell nach rechts zur Fensterfront, durch die ich direkt auf den Hof schauen kann. Ich lasse frische Luft ins Innere und beginne, meine Koffer auszupacken. Ich kann es kaum erwarten, mich auf dem Anwesen umzusehen und meine Arbeitgeber plus Kollegen kennenzulernen.
***
Ich habe mich nach der Dusche angezogen und gerade meine Haare gezähmt, als es an der Tür klopft. Mit einem Satz bin ich am Eingang. Wie erwartet steht Meryl davor und lächelt mich freudig an.
„Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl?“
„Ja, vielen Dank. Ich finde es wirklich schön hier“, antworte ich und meine es durchaus ernst. Mit jeder weiter verstreichenden Minute habe ich das Gefühl, als würde die Last der letzten Zeit Stück für Stück von mir abfallen.
„Es wird noch besser. Sie haben das Anwesen und den Garten noch nicht gesehen.“
„Ich bin gespannt.“
„Dürfen Sie. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber es ist wirklich riesig und außergewöhnlich schön.“
„Ich freue mich schon darauf.“
„Sind Sie bereit? Ich habe Sie bei den Herrschaften Loire angekündigt. Sie erwarten Sie.“
„Natürlich“, gebe ich eifrig zurück und spüre, wie Nervosität und Aufregung zurückkehren. Ich möchte ihr schon nach draußen folgen, doch sie verharrt und grinst mich amüsiert an. Irritiert streiche ich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Ist irgendetwas?“
„Haben Sie nicht etwas vergessen?“
Ich lasse meine Augen prüfend über meine Leinenhose und Hemd wandern. Alles sitzt anstandslos. Eine Krawatte habe ich ebenfalls nicht vergessen. Schuhe habe ich auch an – was meint sie nur? Zu meinem Glück lässt sie mich nicht länger zappeln und erlöst mich aus der unangenehmen Situation.
„Sie sollten eine Jacke anziehen. Es ist kalt draußen.“
Meine Miene erhellt sich schlagartig. Das macht Sinn. Etwas peinlich berührt schnappe ich mir den Mantel und streife ihn schnell über.
„Den hätte ich jetzt wirklich vergessen“, gestehe ich und sie nickt kichernd.
„Ja, die meisten, die nicht aus unserer Region kommen unterschätzen den Temperaturunterschied in den Bergen. Nicht mehr lange und wir werden den ersten Schnee bekommen.“
„Schnee? Im Oktober?“
„Das ist hier keine Seltenheit“, meint sie mit einem Zwinkern und läuft voraus. Während ich ihr folge und mein Blick über die vielen prächtigen Grünflächen gleiten, überlege ich, wann ich das letzte Mal richtigen Schnee gesehen habe. In Karlsruhe hat es zwar im Januar und Februar geschneit, allerdings ist er nie liegengeblieben. Mein Körper beginnt vor Freude zu prickeln und ich fühle mich wie ein kleines Kind, das sich auf Heiligabend freut.
„Zu unserer rechten befindet sich der Schwanenweiher“, reißt mich Meryls Stimme aus meiner Träumerei in das Hier und Jetzt zurück. Ich bleibe automatisch stehen, kann mich dem magischen Bann der Landschaft nicht entziehen. Der überschaubare See ist umgeben von saftigem Grün. Ich wusste gar nicht, wie farbenfroh Gras sein kann. Irgendwie wirkt hier alles anders. Schöner. Intensiver. Faszinierend. Meine Augen gleiten vom See zu den dahinter liegenden Bergspitzen, die bereits von einem weißen Schleier bedeckt sind.
„Gefällt es Ihnen?“
„Es ist … unglaublich.“
„Dann warten Sie ab, bis Sie den Rest sehen.“ Sie schenkt mir ein wohlwissendes Lächeln und wir setzen den Weg fort. Ich staune nicht schlecht. Nicht nur, dass das Grundstück riesig ist, die Natur ist atemberaubend. Wie kann es sein, dass davon nichts bekannt ist? Überall habe ich Berichte über die Familie und den Sitz im Netz gefunden, doch über unzählige Bäume und Grünflächen habe ich nicht das Geringste gesehen. Seltsam. Oder habe ich es tatsächlich überlesen, da ich nur die wichtigsten Fakten für die Bewerbung heraus suchen wollte?
„Zur linken befindet sich das Gärtnerhaus auf der Anhöhe“, informiert mich Meryl als sich plötzlich die Bäume lichten und einen grasbedeckten Hügel freigeben, auf dessen Mitte ein weißbraunes Haus steht. Allerdings ist es nicht das Gebäude, das meine Aufmerksamkeit erregt, sondern die Gruppe der Gärtner davor, wie mir ihre Arbeitskleidung eindeutig verrät. Ich schätze jeden von ihnen zwischen vierzig und sechzig, abgesehen von einem Mann, an dem meine Augen ungewollt hängen bleiben. Breite Schultern, die in einem roten Holzfällerhemd stecken, fließen in einem Stiernacken aus. Der trägt einen schwarzbelockten Kopf mit Rotstich, aus dem zwei grüne Augen spitzbübisch durch die Gegend schauen. Ein Prachtexemplar Anfang zwanzig. Er scheint zu bemerken, dass er beobachtet wird. Ich will mich endlich losreißen, als er sich mir zuwendet und sich unsere Blicke treffen. Ein Prickeln durchzieht meinen Körper und beschert mir eine Gänsehaut. Schnell wende ich mich ab und springe Meryl hinterher, die bereits einige Meter Vorsprung hat.
Nach ungefähr zehn Minuten und mehreren passierten Abzweigungen erreichen wir das Ziel. Mir stockt der Atem. Ich kann nicht glauben, was ich sehe.
„Kann mich mal einer kneifen?“, murmle ich vor mich hin und blicke vom prachtvollen, filigranen Schloss zu meiner linken zu der märchenhaften Gartenanlage mit elysischem Brunnen auf meiner rechten. Unzählige, individuelle Skulpturen zieren sowohl die Schlossfassade als auch die Landschaft. Ich fühle mich wie in einem Traum, aus dem ich am liebsten nicht erwachen möchte. Das paradiesische Königreich, umgeben und beschützt von dem kraftvollen Gebirge.
„Ich werde Sie nicht kneifen, doch ich verspreche Ihnen, dass Sie nicht schlafen. Es ist alles echt“, beteuert Meryl und nickt mir freudig zu. „Sind Sie bereit, die Herrschaften kennenzulernen? Danach haben Sie genug Zeit, um sich in Ruhe umzusehen und das Anwesen zu erkunden.“
„J-ja, gerne.“ Noch immer sprachlos folge ich ihr zum reich verzierten und vergoldeten Eingangstor in der Mitte. Der opulente Anblick überfordert mich. Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinsehen soll. Das ändert sich auch nicht, als ich das Innere betrete. In der Mitte des Eingangsbereiches begrüßt uns das Abbild eines Reiters. Ich erhasche einen kurzen Blick zur Decke, an dem zwei Engel aus goldenen Strahlen emporzufliegen scheinen, jeder den Zipfel eines Bandes gemeinsam in der Hand halten, auf der Nec Pluribus Impar vermerkt ist. Die Angestellte führt mich an drei Marmorsäulen vorbei in den zweiten Eingangsbereich, der mit einem roten Teppich geschmückt ist. Wir passieren einen Sockel mit einer kobaltblauen Vase, die von einer mir unbekannten Motivszene geziert wird. Ich habe keine Zeit, länger darüber nachzudenken oder sie mir genauer zu betrachten, da sie nicht stehenbleibt und schnurstracks die dahinterliegende Treppe, die nicht minder verziert ist, hinaufschreitet. Ich eile ihr hinterher, durch weitere prachtvolle Räume hindurch in eine Art Büro, das zu meiner Erleichterung etwas schlichter gehalten ist. Vor einem antiken Holztisch bleibt sie stehen und deutet ein bisschen steif auf den davorstehenden Lederstuhl. Kommt es mir nur so vor oder ist sie plötzlich angespannt?
„Bitte, nehmen Sie doch Platz. Ich gebe Frau Loire Bescheid und hole den Tee. Möchten Sie ein Wasser dazu?“
„Nein, danke. Tee hört sich toll an.“
„Noch einen Rat. Reichen Sie Frau Loire nicht die Hand, sondern verbeugen Sie sich stattdessen vor ihr.“
Ich sehe sie irritiert an, doch sie nickt mir bestimmt zu.
„Glauben Sie mir. Sie mag keinen Körperkontakt. Wir verneigen uns alle vor ihr.“
„Okay … danke.“
Ich schenke ihr ein Lächeln und lasse mich dann auf die braune Ledergarnitur fallen, während sie kerzengerade den Raum verlässt. Nachdenklich schaue ich ihr hinterher. Verbeugen? Könnte eine Szene aus einem Film sein. Ein mulmiges Gefühl lässt meinen Magen krümmen. Und überhaupt: Die Stimmung ist von jetzt auf nachher gekippt. Kein Zweifel. Vorhin war Meryl lockerer gewesen. Ich weiß nicht, ob es an den Räumlichkeiten oder dem erschlagenden Prunk liegt, doch auch ich verspüre ein beklemmendes Gefühl um die Brust. Als würde jemand mit beiden Händen dagegen drücken. Ich konzentriere mich auf meinen Atem und versuche, eine Gleichmäßigkeit hineinzubringen. Das lenkt mich ab und beruhigt. Ich hasse Vorstellungsgespräche. Zwar habe ich den Job schon sicher, das Gespräch hatte ich online vor ein paar Wochen, doch es ist das erste Mal, dass ich meinen Arbeitgeber vis à vis gegenüberstehe. Und nachdem ich den ganzen Reichtum gesehen habe … ich habe ganz schön Muffensausen. Sollten sie es sich anders überlegen, stehe ich ohne Dach über dem Kopf da. Vielleicht habe ich zu vorschnell gehandelt? Ich hätte meine Wohnung nicht gleich kündigen sollen und …
Das Klackern der Türklinke reißt mich aus meinem paranoiden Gedankenkarussell. Eine Frau Mitte Fünfzig in einem teuren Kostüm und funkelndem Schmuck betritt den Raum. Ihre langen, brünetten Haare hat sie zu einem strengen Zopf hochgesteckt. Reflexartig stehe ich auf und strecke ihr schon meine Hand entgegen, als ich ihre hochgezogene Augenbraue und ihren missmutigen Blick bemerke. Flugs ziehe ich meine Hand zurück und mache stattdessen eine leichte Verbeugung. Ihre rotgeschminkten Lippen verformen sich zu einem Lächeln, das mir zeigt, dass ich anscheinend gerade noch einmal die Kurve bekommen habe. Für den Tipp muss ich mich unbedingt später bei meiner neuen Arbeitskollegin bedanken.
„Herr Morningquest, bitte nehmen Sie Platz“, schnurrt sie und setzt sich mir gegenüber. Die Tür öffnet sich erneut und Meryl serviert den Tee. Frau Loire wartet geduldig, bis die Angestellte wieder aus dem Zimmer ist, dann beginnt sie das Gespräch erneut.
„Ich freue mich, Sie endlich persönlich kennenzulernen.“
„Die Freude ist ganz meinerseits.“
„Und? Wie gefällt Ihnen unser trautes Heim?“ Bei der Frage lächelt sie mich auffordernd an, denn natürlich ahnt sie die Antwort bereits. Was sollte ich auch anderes darauf sagen?
„Es ist wirklich außergewöhnlich schön.“
„Ja, nicht wahr? Und Sie können sich noch immer vorstellen, hier zu arbeiten?“
„Das möchte ich unbedingt.“
„Sehr gut. Dann spricht auch nichts dagegen. Sie könnten ab morgen anfangen. Die wichtigsten Punkte haben Sie ja bereits mit meinem Mann online geklärt. Dann müsste ich Sie nur noch zum einen auf das Wichtigste hinweisen und zum anderen würden Sie dann noch den Arbeitsvertrag unterschreiben müssen.“
„Natürlich. Gerne.“ Ein kleiner Anflug von Erleichterung macht sich in mir breit. Jedoch reicht er nicht, um die mir unerklärlich starke Anspannung zu vertreiben.
„Herr Morningquest, Sie haben bereits gesehen, dass bei uns die Natur gehegt und gepflegt wird – somit an erster Stelle steht?“
„Ja, die Anlagen und Gärten sind wahrlich einzigartig …“
„Das stimmt, und damit es so bleibt, verlangen wir von Ihnen äußerste Verschwiegenheit. Alles, was hinter den Mauern in und auf unserem Grundstück passiert, darf unter keinen Umständen an die Öffentlichkeit geraten.“
Etwas perplex sehe ich sie an und gebe mir alle Mühe, meine Gesichtszüge aufrecht zu erhalten. Ich verstehe zwar ihr Anliegen, allerdings nicht den Zweck dahinter. Was sollte schon groß passieren, wenn die Gesellschaft von der unbeschadeten Natur erfährt? Das ist doch nichts Schlimmes. Im Gegenteil.
Sie scheint meine Zweifel trotz der Bemühungen aus meiner Miene ablesen zu können. Ihre Mundwinkel zucken für einen flüchtigen Moment und mir stockt kurz der Atem. Hoffentlich habe ich es jetzt nicht versaut. Zu meiner Erleichterung formen sich ihre wohlgeformten Lippen zu einem Lächeln.
„Mein Mann und ich stehen bereits genug in der Öffentlichkeit. Wenn nun auch noch bekannt würde, dass unser Familiensitz von der Natur gesegnet ist, dann könnten wir uns vor Journalisten, Schaulustigen und Geistlichen nicht mehr retten. Letztere würden eventuell noch Besitzansprüche stellen oder ein Recht erwerben wollen, den Ort den Priestern für ihre Forschung in Sachen Biologie zur Verfügung zu stellen. Davor wollen wir uns schützen.“
Ich lasse ihre Worte sacken und muss gestehen, dass sie mit ihren Vermutungen wohl nicht ganz Unrecht hat.
„Das verstehe ich. Ich werde es selbstverständlich für mich behalten.“
„Das freut mich. Dann gibt es nur noch ein Anliegen, das Ihrer Zustimmung bedarf.“
Sie steht auf und läuft geschmeidig wie eine Katze zu dem Schreibtisch an der Frontseite des Zimmers und holt einige Blätter hervor. Ich beobachte jeden ihrer Schritte und ihrer Handgriffe. Noch nie in meinem Leben habe ich jemanden gesehen, der so anmutig ist. Sie führt jede ihrer Bewegungen mit Bedacht und Grazie aus.
„Das ist Ihr Arbeitsvertrag. Da ich leider gleich noch einen Termin habe, würde ich Sie bitten, ihn kurz zu Überfliegen und zu unterzeichnen. Sie haben mit meinem Mann ja bereits alle Punkte besprochen. Das Einzige, was dazu kommt, finden Sie auf der letzten Seite.“
Ich nicke, nehme die Dokumente entgegen und lese schnell die mir wichtigsten Punkte durch. Tatsächlich ist alles zusammengefasst wie zuvor vereinbart. Ich greife schon nach der auf dem Tisch stehenden Tintenfeder, als mir die erwähnte zusätzliche Klausel ins Auge fällt. Verpflichtung zur Mitgliedschaft der Bukischen Jünger. Was soll das denn sein? Ich arbeite mich durch die ersten Zeilen, als mich Frau Loire unterbricht.
„Wir sind sehr gläubig. Unser Kult ist Tradition und reicht tief in die Wurzeln unserer Vorfahren. Deswegen liegt es uns sehr am Herzen, diesen weiterzuleben. Das wiederum erfordert, dass wir unsere Mitarbeiter miteinbinden. Das fördert das Verständnis zueinander und ein besseres Miteinander. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass durch den Kult die Angestellten wie eine Familie untereinander sind. Ein gemeinsames Geheimnis und Interesse bindet aneinander. Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist unter unseren Bediensteten so stark wie nirgends sonst. Sie kennen in der Gegend noch niemanden, nehme ich an?“
„N-nein, das tue ich nicht“, gestehe ich und habe Probleme, ihre Worte zu ordnen. Darf so etwas in einem Arbeitsvertrag stehen? Eigentlich nicht. Zumindest habe ich nie davon gehört. Vielleicht ist das in Bayern üblich? Ich habe bereits gelesen, dass man in dieser Region gläubiger ist. Zugegebenermaßen ist mir die Religion recht herzlich egal. Ich bin nicht religiös. War ich noch nie. Von daher stört mich das Ganze weniger, doch ein bitterer Beigeschmack bleibt.
„Na wunderbar. Dann ist der Kult die Gelegenheit, gleich Bekanntschaften zu knüpfen.“
„Was genau muss man denn als Jünger tun?“, frage ich und versuche, meiner Stimme einen festen Klang zu verleihen und die Unsicherheit zu verbergen.
„Nur ein paar harmlose Rituale und Gebete für den Aufnahmezyklus. Ihre Kollegen werden Ihnen dabei helfen. Keinen Grund zur Beunruhigung. Danach nur die regelmäßige Teilnahme an den Messen. Natürlich sind Sie sowohl für die Rituale als auch für die Messen von Ihrer Arbeit befreit. Das versteht sich von selbst.“
Ich nicke gedankenverloren und überfliege den Text. Auf den ersten Blick kann ich nichts Seltsames entdecken, abgesehen davon, dass die Existenz der Kultklausel mir obskur erscheint. Aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, dass Frau Loire ungeduldig mit den Fingernägeln auf der Tischplatte trommelt. Da ich sie nicht verärgern möchte und die Stelle unbedingt brauche, beeile ich mich, breche mittendrin ab und unterzeichne den Vertrag. Erfreut nimmt sie die Papiere an sich und reicht mir eine Kopie.
„Ich freue mich, Sie bei uns begrüßen zu dürfen. In unserem Anwesen, in unserem Kult und unserer Familie. Meryl wird Ihnen Ihren Arbeitsplatz und alle weiteren, wichtigen Dinge zeigen.“
Ich stehe zeitgleich mit ihr auf und verbeuge mich geflissentlich.
„Vielen Dank.“
Sie nickt mir zufrieden zu und verlässt das Zimmer. Gleich darauf betritt Meryl den Raum, um mich herumzuführen.
„Glückwunsch. Dann zeige ich Ihnen mal den Rest des Anwesens. Bitte folgen Sie mir.“
Während ich den Vertrag verstaue, fällt mein Blick abermals auf die Kultklausel. Ganz wohl ist mir bei dem Gedanken nicht. Doch sei es drum. Ich habe keine andere Wahl und ein bisschen Religion kann nicht schaden. Entschlossen folge ich Meryl durch die Tür.
Kapitel 4
Kanji:
„Kein Wunder, dass der Laden hier wie ausgestorben ist. Solange wie man warten muss, verhungern alle, bevor sie was zu beißen bekommen“, knurre ich unwirsch und spiele ungeduldig mit der Servierte. „Wieso grinst du so?!“
Ich schaue genervt zu meinem Kumpel, dessen Grinsen daraufhin noch breiter wird.
„Jetzt entspann dich mal ein bisschen.“
„Entspannen? Der Laden ist eine Katastrophe! Komm schon, Mann!“, murre ich und schaue mich nach der Bedienung um, die damit beschäftigt ist, sich bloß nicht blicken zu lassen.
„Ich gebe zu, wir warten bereits ein Weilchen, doch ich bin mir sicher, dass unser Essen bald fertig ist. Wir haben doch noch Zeit, also kein Grund zur Eile.“ Er hebt seinen Arm und deutet mit dem Zeigefinger auf die Armbanduhr.
„Sag das mal den Opfern, die Besuch von nem räudigen Dämon erhalten, der sich ihr Leben schnappt!“
„Keine Sorge, wir werden pünktlich mit der Arbeit beginnen.“
Ich schnaufe auf und mache eine abwinkende Begegnung. Klar, weiß ich, dass er recht hat. Trotzdem habe ich Hunger.
„Kannst du bitte aufhören, mich anzugrinsen?!“
„Okay, okay. Moment.“ Link schließt die Augen und atmet übertrieben tief durch. Ich bin mir sicher, dass er das macht, um mich zu ärgern. Allerdings kann ich es ihm nicht lange krummnehmen. Wir kennen uns bereits seit der Ausbildung zum Anwärter. Er war mein Wunschpartner gewesen und ich bin bis heute überglücklich, dass es funktioniert hat. Kaum zu glauben, dass dies nun schon acht Jahre her ist. Wohl könnten wir unterschiedlicher nicht sein, doch vielleicht ist es gerade das, warum wir uns perfekt ergänzen.
„So, besser?“ Zwar ist das lästige Grinsen aus seinem Gesicht gewichen, doch ein Schmunzeln umspielt noch immer die dünnen Lippen.
„Du treibst mich zur Weißglut, weißt du das?“
„Wenn nicht ich, wer denn dann?“
„Das Leben könnte so einfach sein, wenn man als Anwärter allein arbeiten könnte“, gebe ich spitz zurück und schaue ihn auffordernd an. Prompt ernte ich einen Tritt an mein Schienbein.
„Du würdest dich ohne mich ganz schön langweilen, mein lieber Klaudius.“
„Argh! Lass das!“ Ich raufe mir die Haare und schaue mich kurz um. Allerdings ist meine Sorge, dass jemand unser Geplänkel mitbekommen könnte, umsonst. Die wenigen Gäste in dem Restaurant sind selber in hitzige Diskussionen vertieft.
„Was denn? Du sollst deine Herkunft nicht leugnen“, kalauert mein Kumpel und wieder schleicht sich dieses fiese Grinsen auf sein Gesicht.
„Was hat denn meine Herkunft bitteschön mit meinem furchtbaren Namen zu tun?“
„Er ist ein Teil deiner selbst und untrennbar damit verwoben.“
„Ach? Fang jetzt bloß nicht damit an, dass du mich beim richtigen Namen rufen möchtest.“
„Wieso nicht?“
Jetzt bin ich es, der unter dem Tisch nach ihm tritt.
„Das weißt du ganz genau! Mein Namen ist wohl eher eine Bestrafung meiner Alten damals. Als hätten sie vorhergesehen, dass ich nicht auf Frauen stehen werde und sie keine Enkelkinder bekommen werden. Abgesehen davon, hatten wir einen Deal“, erinnere ich ihn an unsere getroffene Abmachung. „Du nennst mich bei meinen Spitznamen und ich dich bei deinem.“
Seine Augen funkeln belustigt auf. Er verschränkt die Arme vor der Brust und lässt sich langsam in die Stuhllehne sinken.
„Also du kannst mich ruhig bei meinem vollständigen Namen nennen.“
„Sehr witzig, du Schlaumeier! Als ob den hier jemand aussprechen kann!“
„Das ist dann wohl nicht mein Problem“, gibt er lachend zurück und wischt sich die Tränen weg.
Ich mustere ihn schweigend. Er sieht wirklich süß aus, wenn er sich vor Lachen kugelt. Hätte er keinen langjährigen Freund und wären wir nicht Anwärterpartner, wäre er durchaus mein Beuteschema. Die ebenholzschwarzen Haare, welche ihm widerspenstig ins Gesicht fallen und immer wieder seine schmalen, schwarzen Augen zu verdecken versuchen. Die nougatbraune Haut und dann erst dieser Körper. Makellos. Zum Anbeißen.
„Wo genau kommst du nochmal her?“
„Wir kennen uns schon so lange. Das solltest du nun wirklich wissen“, gibt er zwinkernd zurück und spielt an seinem Ohrring am linken Ohr.
„Irgendwo aus Afrika …“
„Falsch. Deutschland, aber meine Eltern stammen aus Tanzania.“
„Sag ich doch“, murmle ich und nestle weiter an der Servierte herum. „Wie heißt du nochmal?“ Sein Name ist nicht nur unaussprechlich, sondern auch sehr lang. Ich kann ihn mir einfach nicht merken. Wenn er doch ebenso meinen Geburtsnamen vergessen würde. Leider tut er mir den Gefallen nicht. Anders als ich hatte nicht er sich den Spitznamen ausgesucht, sondern seine Freunde unter anderem ich. Mein Mundwinkel zuckt leicht nach oben, als ich ihn nochmal mustere. Der Name Link passt einfach perfekt. Nicht nur, dass er es wunderbar versteht, als Vermittler zwischen Leuten zu fungieren, er sieht auch dem elfischen Helden aus der Spielreihe Zelda sehr ähnlich. Ich kann nicht sagen, was genau an ihm an den Elfen erinnert, zumal er auch 1,70 groß ist, aber der Vergleich schleicht sich dem Betrachter jedes Mal in den Sinn.
„Das tut nichts zur Sache. Du vergisst ihn ohnehin wieder. Jetzt mal ernsthaft: es ist nicht nur der lahme Service hier, der dich ärgert. Das Hauptproblem liegt ganz woanders, oder? Also, was ist passiert?“
Ich seufze. Da hat er mich wieder mal durchschaut. Eigentlich gelingt ihm das immer. Keine Ahnung wie er das macht.
„Bin ich mal wieder so unerträglich?“
„Mh … ich würde sagen, du liegst auf der Skala momentan bei kleiner Kotzbrocken.“
Er zwinkert mir auffordernd zu und ich nicke.
„Okay, ich bin tierisch von Howard genervt“, gebe ich ohne Umschweife zu. Wozu auch? Mit Link konnte ich schon immer über alles reden. Er kennt mich besser wie kein anderer. Mein Kumpel zieht fragend eine Braue in die Höhe.
„Jetzt schon? Das ging aber schnell. Ihr seid gerade mal ein paar Tage zusammen, oder? Vor fast zwei Wochen ...“
„Ja, nicht mal ganz zwei Wochen ist es her, dass ich ihn in der Disco übersehen habe. Wahrscheinlich ein Zeichen“, murmle ich bissig und knülle die billige Papierserviette endgültig zusammen.
„Ach herrje. Was hat der gute Kerl denn verbrochen?“ Link schenkt mir ein verschmitztes Lächeln. Ich rolle mit den Augen. Mir ist klar, worauf er anspielt. Ja, ich weiß, dass nicht jeder mit meiner offenen Art und meinem hitzigen Temperament umgehen kann. Ich habe dadurch bereits einige Beziehungen in den Sand gesetzt. Trotzdem: Anfangs halte ich mich damit immer zurück, egal wie schwer es mir fällt, denn ich möchte meine Partner nicht sofort überrollen, sondern langsam daran gewöhnen und bei Howard habe ich mich bisher gänzlich zurückgehalten. Okay, ich muss gestehen, dass ich in der Vergangenheit schon öfter nach den ersten Tagen dachte, die Beziehung hätte keinen Sinn. Aber hey – letztendlich hatte ich immer recht!
„Er nervt“, antworte ich knapp, nachdem sich mein Kumpel ungeduldig räuspert.
„Und mit was?“
„Ach … er weiß immer alles besser!“
„Da kenne ich noch jemanden.“
„LINK!“
Er beginnt schallend zu lachen und entlockt mir ein Schmunzeln.
„Idiot.“ Ich schnipse den Serviettenklumpen zu ihm und schüttle lächelnd den Kopf.
„Sorry, konnt ich mir jetzt wirklich nicht verkneifen.“ Abermals wischt sich mein Freund die Tränen aus den Augen, bevor seine Gesichtszüge wieder ernster werden. „So, jetzt aber ernsthaft. Du hast bestimmt Beispiele?“
Oh ja, die habe ich. Da brauche ich nicht lange zu überlegen.
„Nehmen wir gerade gestern. Wir sind über den Jahrmarkt geschlendert und er hat sich darüber aufgeregt, dass lang angestellte Leute in seiner Firma dasselbe verdienen können wie Studierte. Sprich: wenn jemand schon über zwanzig Jahre im Unternehmen arbeitet kann er eventuell dasselbe Gehalt beziehen wie ein frisch fertiger Student auf derselben Position.“
Link verzieht grübelnd die Stirn in Falten.
„Ich verstehe nicht, das ist doch gut.“
„Eben! Das ist genau meine Meinung, doch Howard findet das unfair. Für ihn zählt Berufserfahrung nicht ganz so viel, als wenn jemand sich durch ein langjähriges und kostspieliges Studium hat quälen müssen! Ich finde die Einstellung zum kotzen!“
„Verstehe ich, dennoch hoffe ich, du hast ihm das anders rüber gebracht?“
„Ja, ich meinte, dass ich seine Einstellung nicht teile und ebenfalls nicht studiert habe.“
„Und?“
„Seine Antwort lautete: Das hast du dir selbst rausgesucht.“
Link zieht scharf die Luft ein und verkneift sich ein erneutes Lachen.
„Das ist nicht witzig!“
„Nein, sorry. Ich kann mir die Situation nur gerade bildhaft vorstellen. Wie du neben ihm herläufst und vor Wut bebst.“
„Darauf kannst du aber wetten …“
„Okay, dann habt ihr eben unterschiedliche Meinungen, was dieses Thema angeht. Wenn das jedoch der einzige Grund …“
„Ist es nicht“, unterbreche ich ihn schnell. „Stell dir vor, der Herr schämt sich sogar seinen Freunden zu erzählen, wie wir uns kennengelernt haben.“
Mein Kumpel zuckt nur gelassen mit den Schultern.
„Du musst zugeben, er kommt bei eurem Kennenlernen nicht besonders cool rüber. Ich kenne ihn jetzt nicht richtig, aber ich vermute mal, dass es ihm peinlich ist.“
„Was ist denn daran peinlich? Wenn dann müsste ich derjenige sein, der vor Scham im Boden versinkt. Doch davon abgesehen gibt es da noch etwas, was mich viel mehr stört.“
„Jetzt bin ich aber neugierig.“
„Wann nicht?“ Ich griene ihn vielsagend an und er hebt ergebend die Hände.
„Touché.“
„Seine Familie ist echt strange. Und das wirklich ausnahmslos alle. Die einzige, die einigermaßen nett war, war seine Tante. Seine Mutter ist voll abweisend zu mir und wollte partout kein Wort mit mir wechseln. Mir kam es vor, als wäre sie mir aus dem Weg gegangen. Und wie sie mich angesehen hat …“
„Vielleicht braucht sie ein bisschen Zeit sich an dich zu gewöhnen. Wie lange ist Howard bereits geoutet? Hat er normalerweise Durchgangsverkehr in Sachen Liebe oder …“
„Keine Ahnung“, gestehe ich nachdenklich und zucke mit den Schultern. „Wobei … laut seiner Schwester hatte er nicht so viele Freunde bisher mitgebracht. Also eher weniger und dementsprechend müsste er schon länger geoutet sein.“
„Vielleicht ist es ja wie bei deinen Eltern“, meint Link und nimmt einen Schluck Wasser aus seinem Glas. „Sie wissen es auch, akzeptieren es offensichtlich und hoffen dennoch, dass es sich dabei nur um eine längere Phase handelt.“
Bei dem Gedanken an meine Alten muss ich grinsen. Sie hatten mein Outing damals nicht richtig ernst genommen und mich regelmäßig gefragt, ob ich wieder bei Sinnen wäre.
„Schon, allerdings habe ich den Vorteil, dass meine Eltern weit weg wohnen. Zudem habe ich den Beginn meiner Ausbildung genutzt und bin ziemlich schnell ausgezogen. Dennoch: seine Schwester ist total selbstüberzeugt und muss jedem ihre Meinung auf die Nase binden. Sie findet es selbstverständlich, dass er alles bezahlt, wenn sie zusammen weg sind.“
„Wenn er es sich gefallen lässt …“
„Und dann ist da noch seine Cousine“, unterbreche ich ihn, bevor er versucht, mich umzustimmen. „Sie ist eigentlich die sympathischste, aber erstens beobachtet sie ihren Cousin wohl gern durchs Fenster und zweitens vergöttert sie ihn für meinen Geschmack etwas zu sehr.“
„Du willst mir jetzt nicht erzählen, dass sie in ihn verliebt ist, oder?“
„Oh doch, genau das. Du müsstest mal sehen, wie sie ihn anstarrt. Das ist mehr als offensichtlich.“ Ich schnippe bei der Erinnerung genervt gegen die Gabel.
„Na ja, wie alt ist sie? Eine kleine Schwärmerei in jungen Jahren, das kann schon mal vorkommen“, unternimmt Link einen Beschwichtigungsversuch. Jedoch kann er mich damit nicht beruhigen. Er war nicht dabei und hat nicht gesehen, was ich gesehen habe. Denn leider hege ich noch einen weiteren Verdacht, der tief in meinem Innern erwacht ist und mit jedem Tag, an dem ich darüber nachdenke, wächst und seine Wurzeln schlägt.
„Ich bin mir nicht sicher, ob da nicht mal ein bisschen mehr zwischen den beiden war.“
Link lässt das Glas wieder sinken, das er sich gerade an die Lippen geführt hat. Seine Gesichtszüge entgleisen und er blickt mich ungläubig an.
„Das … wie kommst du darauf?“
„Ich weiß nicht. Es ist so ein Gefühl.“
„Kanji, ich denke, du bist momentan einfach etwas angespannt. Hast du ihn mal darauf angesprochen?“
„Nein. Was soll ich ihn denn fragen? Ob er bemerkt hat, dass seine Cousine ein Auge auf ihn geworfen hat?“
„Warum nicht? Du bist doch sonst nicht auf den Mund gefallen.“
„Du bist lustig. So viel zum Thema das Temperament zügeln und meine Partner langsam darauf vorzubereiten und sie nicht auf einmal damit zu überrollen.“
Mein Kumpel schenkt mir ein schiefes Grinsen. Er verkneift sich seinen Kommentar, da die Bedienung tatsächlich an unseren Tisch schlurft und uns mit übertriebener Freundlichkeit endlich das Essen serviert. Sie hat es kaum abgestellt, als wir auch schon hungrig über unsere Pasta herfallen. Mein Magen vollführt Freudensprünge und der Geschmack ist nicht übel, allerdings entschuldigt er nicht die lange Wartezeit. Für einige Minuten genießen wir schweigend unser Essen.
„Um auf das eigentliche Thema nochmal zurückzukommen“, greift Link den Gesprächsfaden wieder auf, „wenn das mit Howard und dir vielleicht doch nichts ist, ich kenne da jemanden, den ich dir gerne vorstellen würde.“
Ich unterbreche in meiner Bewegung und lasse die volle Gabel abrupt in der Luft hängen. Der Schalk springt ihm fast aus dem Gesicht. Da kann jetzt einfach nichts Gescheites kommen. Trotzdem: Ich bin neugierig.
„Und das wäre?“
„Sein Name ist Trower. Er ist fünf Jahre jünger und Single.“
„Stopp. Ist das nicht der Bruder deines Mackers?“
„Nicht Macker, sondern Freund und der hat einen Namen: Seiji.“
„Okay, okay“, ich hebe abwehrend die Arme. Klar weiß ich wie Links Lover heißt, immerhin ist er schon jahrelang mit ihm zusammen, was ich sehr beneide. Trotzdem macht es einfach immer wieder aufs Neue Spaß, ihn damit aufzuziehen. „Also der Bruder von Seiji?“
„Ja, ich denke, ihr solltet euch mal kennenlernen.“
Ich kann nicht verhindern, dass mein Mund sich zu einem schiefen Grinsen formt.
„Die beiden sehen sich ähnlich? Hast du ein Bild?“
Mein Kumpel seufzt und schüttelt den Kopf.
„Wenn du jetzt wieder auf die roten Haare anspielst …“
„Falsch. Es dreht sich um die sowohl rotgefärbten als auch rosagefärbten Haare“, korrigiere ich ihn und beginne leicht zu kichern. Keine Ahnung, wie sich jemand freiwillig diese schneidende Farbkombi zulegen kann, aber bei Seiji ist das der Fall.
„Sein Bruder hat nicht nur rot und rosagefärbte Haare. Ein Teil ist auch noch naturfarben braun.“
„Oh, das macht Sinn“, bekomme ich gerade noch raus, bevor ich lauthals loszuprusten beginne.
„He! So schlimm ist das nicht. Ich gebe zu, es ist nicht alltäglich, aber gegen den Strom ist gut – waren das nicht deine Worte?“
„Aber nicht, wenn du mich mit jemand verkuppeln möchtest, der aussieht wie eine Kreuzung aus Erdbeere und Tomate.“
Jetzt bin ich es, dem die Tränen vor Lachen kommen. Für einen Moment verzieht mein Kumpel verärgert das Gesicht, doch es dauert nicht lange, bis er verschmitzt zu lächeln beginnt.
„Schon verstanden, ich hab’s versucht.“
„Danke, ich weiß, du meinst es nur gut, aber ich habe an Trower echt kein Interesse. Abgesehen davon kann ich Verkupplungsgeschichten nicht ab. Wahrscheinlich muss ich nur ein paar Nächte drüber schlafen und einen klaren Kopf bekommen, bevor ich Howard auf das Thema anstoße.“
„Okay, verstehe. Halt mich auf dem Laufenden.“
„Sowieso.“
Wir schlingen den Rest unserer Pasta hinunter und lassen uns gesättigt ins Polster zurücksinken.
„Meinst du, die brauchen für die Rechnung genauso lange, wie fürs Essen?“
Link zuckt gelassen mit den Schultern.
„Keine Ahnung. Wie ich allerdings bereits sagte: wir sind in der Zeit, also chill.“
„Ja, ja …“ Ich verdrehe die Augen. Seine Ruhe und Gelassenheit ist manchmal einfach nicht auszuhalten.
„Mal was anderes: was hältst du grundsätzlich eigentlich von einer Versetzung? Ich meine, Würzburg ist so gut wie hundert Prozent Dämonenfrei und auch die Umgebung ist gut gesichert. Wie wäre es mit einer neuen Herausforderung?“
Ich denke kurz über seine Worte nach und leere mein Glas mit einem Schluck.
„Klar, warum nicht. Langsam beginne auch ich mich zu langweilen. Würzburg ist voll von Wächtern. Die Mönche sind bereits dabei und versetzen ein Wächterduo nach dem anderen.“
„Okay, dann können wir über einen Versetzungsantrag nachdenken?“
„Meinetwegen können wir ihn auch gleich ausfüllen. Hast du ein besonderes Ziel im Auge?“
„Willst du nicht noch ein bisschen warten? Ich meine, immerhin könnte das mit Howard doch klappen. Gib ihm ne Chance und schau erstmal, was daraus wird. Dann sehen wir weiter.“
„Quark. Wenn das mit Howard was Ernstes wird, dann klappt das auch mit etwas Distanz. Verrat mir lieber, welches Gebiet du ins Auge gefasst hast. Ich kenne dich lange genug um zu wissen, dass du nicht ohne Grund fragst.“
Er nickt und senkt leicht den Kopf. Ich bin mir nicht sicher, aber wird er gerade rot? Oh weiha. Ich kann mir denken, was jetzt kommt.
„Nun ja, ich würde die Gelegenheit nutzen und versuchen, näher in eine Richtung mit Seiji zu kommen, damit wir nicht so weit voneinander entfernt sind. Irgendwann würden wir uns schon gerne öfter sehen oder zusammenziehen …“
„Klar, verständlich. Also? Welche Richtung darf es denn sein? Ich bin für alles offen, solange es nicht der Chiemsee ist“, ermuntere ich ihn und meine es durchaus ernst. Ich erkunde gerne neue Landschaften und grundsätzlich habe ich keine bestimmte Richtung im Auge. Jedoch geht mir das Messer in der Tasche auf, wenn ich an den neu errichteten Orden am Chiemsee denke. Da bringen mich keine zehn Pferde hin. Link errät meine Gedanken und grinst.
„Wegen Rayek und Reico, oder? Was hast du nur gegen die zwei? Du kennst sie doch gar nicht.“
„Ja, brauche und möchte ich auch nicht! Wer kann schon zwei Grünschnäbel leiden, die wegen eines Glückstreffers gehiped werden? Es ist nicht fair, dass dem Junggemüse alles in den Schoß fällt. Gerade mal die Ausbildung gemeistert und sofort auf Platz zwei der Top Anwärter gelandet! Wie lange sind wir jetzt bereits dabei? Und dann auch noch Rayek, der Menschenmuffel. Wieso grinst du denn jetzt wieder? Das ist nicht lustig! Regt dich das denn nicht auf?“
Link kichert vor sich hin, während ich versuche, meinen Ärger hinunterzuschlucken.
„Nein, ich gönne es ihnen. Von dem was man gehört hat, haben sie sehr viele Dämonen vernichtet und dort aufgeräumt. Zumal haben sie den Ort entdeckt. Der Ruhm steht ihnen zu. Egal ob nun, jung oder alt, Muffel, Menschenfreund, Glückstreffer oder was auch immer. Leistung ist Leistung.“
„Pfh …“ Ich verschränke die Arme vor der Brust und grummle vor mich hin. Im Grunde genommen weiß ich, dass mein Zorn unbegründet ist und auf Eifersucht beruht. Es ist dumm, aber ich missgönne es den jungen Gören dennoch.
„Keine Sorge. Ich möchte nicht an den Chiemsee. Vielmehr zieht es mich in Richtung München, Ettal oder Umgebung. Seiji hat sich in der Region an einigen Stellen beworben und ich denke, seine Chancen stehen gut. Was meinst du?“
„Ich bin dafür. Lass es uns versuchen. Immerhin kann ich nicht mit dir zusammenarbeiten, wenn du Liebeskummer hast.“
„Wie bitte?“
Mit einem breiten Grinsen nehme ich zur Kenntnis, dass er eine Braue in die Höhe zieht und mich misstrauisch beäugt. Da muss ich einfach noch etwas hinterherschießen.
„Ja, du bist dann unerträglich.“
Schnell springe ich vom Tisch auf und sprinte in Richtung Kasse, wo ich die Rechnung begleiche und nach draußen fliehe, gefolgt von meinem drohenden Partner.
„Das kriegst du noch zurück – das ist dir klar, oder?“ Er boxt mir spielerisch in die Seite.
„Ich wäre enttäuscht wenn nicht.“ Ich zwinkere ihm zu und strecke mich genüsslich. „Dann lass uns mal mit der Arbeit beginnen und nach ein paar Dämonen Ausschau halten.“
Kapitel 5
Colin:
Endlich Feierabend! Ich atme die kalte Luft tief ein und schlinge den Schal noch etwas höher um meinen Hals. Es war eine gute Idee gewesen, mir neue Wintersachen zu kaufen. Ich bin die Kälte nicht gewohnt und dennoch: Ich kann mich an den Bergen einfach nicht satt sehen, obwohl ich bereits eine Woche hier bin. Und dann dieses Anwesen! Ein Traum. Mit schnellen Schritten laufe ich an der Wasserparterre entlang und steige die Treppenstufen zum Venustempel empor. Das Bild, das sich mir von oben bietet, ist atemberaubend. Ein märchenhaftes Herrenhaus liegt direkt vor mir, als hätte es nur auf mich gewartet, um sich in seiner gesamten Pracht zu zeigen. Die Sonne kämpft sich mit einzelnen Strahlen durch die dicke Wolkendecke empor und taucht die Landschaft in ein mystisches Licht. Leichte Nebel- und Dunstschwaden verschönern das Bild und ich fühle mich für einen Moment in eine andere Zeit versetzt. Fantastisch. Rätselhaft. Voller Magie.
Ich verharre ein paar Minuten und genieße die Aussicht, bis ich mich losreißen kann und den schmalen Pfad in den Wald hinein schlendere. Das ist mein tägliches Ritual nach der Arbeit geworden. Die frische Bergluft klärt meinen Geist und lässt mich abschalten. Alle belastenden Gedanken wirbeln mir durch den Kopf und werden ausgeschieden. Befreiend. So auch heute.
Ich habe mich mittlerweile ganz gut eingelebt. Die Arbeit geht mir relativ leicht von der Hand, auch wenn sie sehr viel umfangreicher als bei meiner vorherigen Stelle ist. Zum Glück hat mein Vorgänger ein ausgiebig detailliertes Protokoll über sein Tun hinterlassen. So war das Einlesen trotz fehlender Einarbeitung kein Problem. Keine Ahnung, warum die Anstellung freigeworden ist, wie lange sie schon unbesetzt oder wo mein Vorgänger jetzt ist. Ich habe bisher nichts in Erfahrung bringen können. Die Herrschaften Loire habe ich seit dem ersten Arbeitstag nicht mehr gesehen und die Angestellten sind recht verschlossen. Selbst Meryl ist reserviert. Private Gespräche scheinen mit ihr undenkbar. Zwar ist sie freundlich und hilfsbereit, aber sehr distanziert. Überhaupt konnte ich seit meiner Ankunft keinen Anschluss finden. Seltsam, wenn ich bedenke, dass ich diese sonderbare Klausel bezüglich der religiösen Zugehörigkeit des Kultes unterschreiben musste. Meinte Frau Loire nicht, dass ich dadurch sofort bei meinen Kollegen akzeptiert werden würde? Zusammenhalt, Freunde, wie eine Familie … waren das nicht ihre Worte?
Ich seufze leise. Ob es an mir liegt? Ich bin zuerst immer etwas introvertiert und schüchtern, wenn ich neu bin. Um aufzutauen brauche ich meine Zeit. Grundsätzlich nichts Schlimmes. Zwar etwas hinderlich, um neue Kontakte zu knüpfen, aber bisher hat es immer irgendwie geklappt. Einen Freund oder gute Bekanntschaft hatte ich eigentlich überall, doch hier sieht die Sache etwas anders aus. Könnte es sein, dass es an der bayrischen Art liegt? Ich war noch nie zuvor in Bayern und der Umgang der Leute erscheint mir anders. Vielleicht benötigen auch sie einige Zeit, um Neuankömmlingen gegenüber redseliger und offener zu werden. Ich sollte mich mehr in Geduld üben. Trotzdem fällt es mir schwer, jeden Abend allein zu verbringen. Ich fühle mich ausgeschlossen. Mir fehlt der Austausch. Vertraute Gespräche. Körpernähe. Shuzee …
Verdammt. Er ist der Letzte, an den ich jetzt denken sollte. Ich schließe meine Lider und klatsche mir mit den Handflächen auf die Wangen. Das hilft etwas. Als ich meine Augen wieder öffne, fällt mir auf, dass ich geradewegs auf eine Sackgasse zulaufe. Ein großes Gitter ragt vor mir in die Höhe und verhindert ein Weitergehen. Das grünliche Tor ist eingerahmt von einer dicken Mauer. Vorsichtig betätige ich die Klinke. Nichts. Wie bereits geahnt ist der Durchgang verschlossen. Neugierig spähe ich durch die metallenen Stäbe, doch außer weiteren Bäumen kann ich nichts erkennen. Ob es sich einfach um einen anderen Zugang zum Anwesen handelt? Oder gehört das Grundstück dahinter auch noch dazu? Nachdenklich lasse ich meine Finger über das Gitter gleiten.
„Möchtest du hindurch?“
Ich zucke erschrocken zusammen, als die männliche Stimme hinter mir ertönt. Langsam drehe ich mich um und sehe dem jungen Gärtner in die Augen, der mir schon beim Herumführen aufgefallen ist. Peinlich. Was sucht er hier?
„Ich … ähm … gehört das Grundstück dahinter auch zum Anwesen?“, stottere ich peinlich berührt und streiche mir meine Haare aus dem Gesicht, darauf bemüht, ihn nicht allzu sehr anzustarren. Grinsend stellt er sich neben mich und wirft einen Blick durch das Tor.
„Sicher. Das gehört alles den Loires.“
„Wieso ist das Tor abgeschlossen?“
Er wirft mir einen misstrauischen Blick zu und ich könnte mir im selben Moment in den Hintern beißen. Natürlich muss ihm meine Frage komisch erscheinen.
„Also ... weil man über das gesamte Anwesen spazieren kann, ohne auf verschlossene Pforten zu treffen und das hier, naja … es ist abgesperrt.“
Das Misstrauen weicht und lässt ein strahlendes Lächeln zurück, das mein Herz zum Taumeln bringt, sodass es stolpert. Ich muss mich zusammenreißen. So etwas will ich jetzt wahrlich nicht fühlen.
„Nun, man nennt es auch das Verbotene Tor. Dahinter befindet sich ein privater Bereich für besondere Zeremonien.“
„Zeremonien?“, wiederhole ich argwöhnisch und der Gärtner schenkt mir ein Zwinkern.
„Ja, religiöse Feiern und Rituale. Enttäuschend langweilig und harmlos. Hast du etwas Zeit? Ich bin gerade mit der Arbeit fertig. Wenn du magst könnten wir ja ein bisschen über Linderhof schlendern und uns unterhalten.“
Hat mein Herz vorhin noch gestrauchelt, vollführt es nun einen Freudensprung nach dem anderen. Sprachlos und mit weit aufgerissenen Augen sehe ich ihn an, unfähig einen Ton über die Lippen zu bringen. Glück, so gleißend hell, dass mir schwindelig wird, flutet meinen Körper.
„Ähm, das ist natürlich nur ein Angebot. Du musst es nicht annehmen, falls du nicht möchtest.“ Mit einem verlegenen Lachen kratzt er sich am Nacken.
„Doch … ich … gerne“, platzt es aus mir heraus und ich fühle mich wahnsinnig unbeholfen und tollpatschig. Dabei bin ich der Ältere von uns beiden. Sollte ich da nicht auch der Besonnenere sein? Doch die Freude überlagert meine Vernunft.
Er beginnt breit zu grinsen und streckt mir seine Hand einladend entgegen.
„Wir wurden uns noch nicht richtig vorgestellt. Ich bin Emanuel.“
„Colin, freut mich.“ Ich erwidere seinen festen Händedruck und komme nicht umhin, die rauen, starken Hände von ihm zu bewundern.
„Schöner Name.“
„Danke …“
Er blickt mir lange in die Augen. Flirtet er gerade mit mir? Da ist etwas in seinem Blick … ich weiß auch nicht so genau. Vielleicht bilde ich mir das nur ein. Immerhin bin ich in letzter Zeit ziemlich durch den Wind.
„Also, wollen wir da lang? Wir könnten einen schönen Rundgang über den Musikpavillon machen. Den Ausblick hast du bestimmt schon bewundert, oder?“
„Ja, ich liebe die Stelle“, gestehe ich und er zwinkert mir zu und legt den Arm auf meinen Rücken, um mich etwas vorzuschieben.
„Dann haben wir ja schon einmal was gemeinsam.“
Wie meint er das denn jetzt? Interpretiere ich wirklich zuviel hinein? Ich komme nicht dazu, weiter über sein Verhalten nachzudenken, denn Emanuel führt das Gespräch fort.
„Ich denke, ich weiß die Antwort bereits, aber rein Formhalber: wie gefällt es dir auf Linderhof?“
„Gut, es ist wirklich schön hier.“
„Noch keinen Bergkoller gekriegt?“
Bergkoller? Klingt interessant. Bei der Aussage schleicht sich ein Lächeln auf mein Gesicht.
„Nein, ganz und gar nicht. Ich liebe die Alpen.“
„Das ist schön. Ich kenne nur zwei Arten von Personen: entweder man liebt die Berge oder man hasst sie.“
Ich nicke stumm, kann mir aber nicht vorstellen, mich jemals an den majestätischen Riesen einmal satt zu sehen. Ich freu mich bereits auf den ersten Schnee wie ein kleines Kind auf den Weihnachtsmann …
„Du bist nun auch bei den Bukischen Jüngern dabei?“
Irgendwie verursacht mir die Nennung des Kultes einen ziehenden Knoten im Magen. Ich versuche, mir mein Unbehagen nicht anmerken zu lassen. Wie soll Emanuel mein Befinden verstehen, wenn ich es selbst nicht einmal zu deuten weiß?
„Also schriftlich ja …“
„Aber?“
Ich zucke unbeholfen mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Frau Loire meinte, man käme deswegen auf mich zu, doch bisher scheint es mir eher so, als …“ Ich stocke. Wie soll ich ihm erklären, dass ich mich ausgeschlossen fühle, ohne dabei völlig kindisch zu klingen?
„Ach so. Keine Sorge.“ Seine Hand streift meine und für einen kurzen Moment bin ich mir nicht sicher, ob er sie ergreifen möchte. Ich schiele unsicher in Emanuels Richtung und begegne seinen dunkelgrünen, hypnotisierenden Augen. Die Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag. Darauf war ich nicht vorbereitet. Ich bilde mir den Flirt nicht ein. Sein Verhalten überrumpelt mich. Sein kleiner Finger streichelt sanft über meinen Handrücken und ich? Ich bin dermaßen überfordert, dass ich einfach nichts tue.
„Du musst dir keine Gedanken machen, das kommt noch. Die Rituale unterstehen bestimmten Zyklen und Mondphasen. Wir werden noch auf dich zukommen. Und wenn du magst, stelle ich mich freiwillig als dein Pate zur Verfügung.“
„Pate?“, wiederhole ich ungläubig und frage mich, wozu man so etwas braucht. Er liest die Sorge aus meinem Gesicht und reagiert sofort.
„Das hört sich wichtiger an, als es ist. Es ist einfach der Form halber. Der Pate ist deine Ansprechperson bei Fragen und hilft dir falls nötig. Mehr nicht. Und ich dachte, da du anscheinend noch nicht richtig mit den anderen ins Gespräch gekommen bist, könnte ich das doch machen. Also nur, falls du nichts dagegen hast …“
„Nein, ich würde mich freuen“, entgegne ich und lächle ihn dankbar an. „Ich bin wirklich froh, mich endlich mal mit jemandem zu unterhalten … außerhalb der Arbeit.“
„Verstehe. Die anderen meinen es nicht böse. Der Oktober ist immer ein sehr stressiger Monat. Das hat nichts mit dir zu tun. Abgesehen davon gebe ich zu, dass man hier zu Lande etwas reservierter ist. Zumindest die Meisten. Doch du wirst sehen, wenn du das erste Ritual hinter dir hast und richtig dabei bist, dann wird auch der Rest Vertrauen zu dir fassen. Hab etwas Geduld.“
„Danke. Ehrlich. Du kannst dir nicht vorstellen, wie gut das gerade tut.“
„Keine Ursache. Jeder von uns hat hier mal neu angefangen und wie sagt man so schön: jeder Anfang ist bekanntlich schwer. Die meisten haben das leider nur wieder vergessen.“
Ich nicke und lasse meinen Blick durch die wundervolle Gegend schweifen.
„Als Gärtner habt ihr hier bestimmt voll viel zu tun, oder?“
„Sagen wir mal: langweilig wird uns nicht. Und im Übrigen unterhalte ich mich gerne mit dir. Ich mag dich und würde mich freuen, wenn ich dich unterstützen kann oder wir mal zusammen was trinken gehen können. Rein freundschaftlich versteht sich.“
„Klar, versteht sich wohl von selbst“, antworte ich und dieses Mal bin ich es, der ihm zuzwinkert. Sofort schleicht sich ein breites Grinsen auf sein Gesicht, das ihn ziemlich verwegen aussehen lässt. Mir ist klar, dass es zu früh ist, um mit jemanden anzubandeln. Ich bin noch nicht über Shuzee hinweg und ein Arbeitskollege ist wohl auch nicht die beste Wahl. Allerdings bin ich wirklich erleichtert, endlich mit jemandem in Kontakt zu kommen und ein bisschen Flirten schadet doch nicht, oder? Abgesehen davon hat er echt wahnsinnig attraktive Muskeln und seine Augen ziehen mich magisch in den Bann, sodass ich gar nicht anders kann, selbst wenn ich wollte.
Kapitel 6
Kanji:
„Lass ihn nicht entkommen!“
„Pass auf! Er biegt nach rechts ab!“, ruft mir Link zu, während wir den Kater nicht aus den Augen lassen und ihm dicht auf den Fersen sind. Der Vierbeiner ist flink und scheint einfach nicht müde zu werden. Im Gegensatz zu mir. Jetzt verfluche ich mich dafür, dass ich mein Ausdauertraining habe schleifen lassen. Es gab so viele Dinge, die mir in den letzten Monaten, na gut, vielleicht auch Jahren, wichtiger erschienen. Party, Freunde, Männer … das Übliche halt. Ich schiele keuchend zu Link. Anders als ich hat er keine Probleme, die Geschwindigkeit zu halten.
Mein Atem beginnt zu rasseln und ich hoffe, dass das Biest bald einen Fehler begeht, während unsere Verfolgungsjagd durch die schlammigen Straßen der Baracken andauert. Geschickt weicht der vermeintliche Dämon allen Hindernissen aus. Vermeintlich deshalb, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich tatsächlich eine dämonische Aura wahrgenommen habe. Ich hoffe nur, dass ich mich nicht geirrt habe, doch eigentlich sind Katzen in unserer Gegend so gut wie ausgestorben. Tiere sind seit dem Krieg in den meisten Gebieten nicht mehr gern gesehen. Auch wenn Würzburg sehr sicher und fortschrittlich ist, Katzen genießen einen schlechten Ruf, was nun mal eben von den Dämonen kommt, die in deren Gestalt Menschenleben rauben. Es würde mich nicht wundern, wenn es bald keine der Fellknäuel mehr gibt. Die Menschheit hat leider ohnehin schon viele Tierrassen ausgerottet und bei Katzen wäre es wohl nicht die schlechteste Wahl. Wobei … ich denke die Dämonen würden es schaffen und sich in etwas anderes zum Lebensammeln zu verwandeln.
„Ich rufe die vier Erzengel zu Hilfe!“ Links Worte reißen mich aus meinen Gedanken und ich fluche leise auf. Verdammt. Ich muss mich besser konzentrieren. Wie stark habe ich denn bitteschön nachgelassen? Das darf auf keinen Fall so weiter gehen. Zu meiner Freude hat mein Partner den Vierbeiner fast eingeholt – anscheinend geht dem Biest doch die Puste aus. Noch während des Laufs spricht er weiter, das handliche Kreuz mit dem geweihten Blut hoch erhoben in der linken Hand. Es ist mir peinlich, aber ich röchle noch immer hinterher und bin nicht fähig, aufzuschließen.
„Samuel, Michael, Raphael und Gabriel – gebt uns Euer Licht und führt das verlorene Wesen fortan von der irdischen Welt!“
Obwohl ich einige Meter hintendran bin, spüre ich die wahnsinnige Hitze, die von dem Artefakt ausgeht und höre das Blubbern des Engelblutes in ihm. Gleißende Lichtfäden schießen aus dem Kreuz hervor, ziehen sich in Sekundenschnelle über den Boden, holen das Wesen ein und umkreisen es. Angsterfüllt bleibt der Vierbeiner stehen, bäumt seinen Rücken und faucht meinen Partner mit gesträubtem Fell an. Link ist einfach unglaublich. Dass er den Dämon einholen konnte und den magischen Bannkreis tatsächlich auch aus dem Rennen heraufbeschwören kann, ist eine wahre Kunst. Er ist ein Meister als Anwärter. Ich kann mich glücklich schätzen, ihn als Partner zu haben. Ein Grund mehr, mich endlich mal wieder mehr ins Zeug zu legen. Ich komme neben ihm zum Stehen, zücke mein eigenes Artefakt und schmettere es gegen den Bannkreis, wo es schwebend haften bleibt und nun auch blendendes Licht gen Firmament schickt wie eine Lichtsäule.
„Die Boten des Himmels rufe ich an: Gewährt uns eure Dienste und nehmt das Untier aus dieser Welt, werfet es ins Licht, dass der Rest seiner verlorenen Seele erfüllet und bekehret werde von der Macht des einzig wahren Gottes! Amen!“
Der Bannkreis beginnt elektrisiert zu funkeln und zu sprühen. Ein siegessicheres Schmunzeln umspielt meine Lippen. Das ist unser erster Dämon seit Monaten. Wurde mal wieder Zeit, dass wir einen fangen, doch die Freude wird jäh zerstört, als das wehmütige Schreien des Vierbeiners ausbleibt. Weder krümmt er sich vor Schmerzen, noch löst er sich auf und lässt einen schwarzen Edelstein zurück. Nein. Er beruhigt sich langsam wieder und beginnt, mit der Pfote nach den Lichtfäden zu schlagen. Ein erquickendes Mauen erklingt, als er sich begeistert im Spiel darauf stürzen will. Es passiert nichts. Mein Herz macht einen Sprung in die Hose. Meine Scham und Enttäuschung könnte nicht größer sein. Na super, wir haben tatsächlich eine echte Katze gefunden …
Link löst den Bann- und Läuterungskreis auf, woraufhin sich das Fellknäuel irritiert umschaut. Mein Blick verharrt verdrossen auf dem Tier, bis mein Partner amüsiert losprustet. Sofort wird sich das Tier der Situation wieder bewusst und springt mit schnellen Sätzen davon. Als mein Kumpel meinen angesäuerten Gesichtsausdruck sieht, kann er gar nicht mehr an sich halten. Dass er sich nicht lachend am Boden hin und her kugelt, ist gerade alles.
„Mensch, Kanji! Du solltest mal dein Gesicht sehen!“ Tränen laufen über seine Wangen und er hält sich den Bauch, während er aus dem Prusten gar nicht mehr herauskommt. Wie kann er nach dem Reinfall nur derart gut drauf sein? Lustig ist anders. Ich dampfe regelrecht von innen.
„Du findest das wirklich witzig, oder?“, knurre ich, was ihn nur noch lauter aufjohlen lässt.
„Ja, du anscheinend nicht.“
„Ich finde es frustrierend, dass die ganze Aktion einfach nur peinlich und umsonst war! Jetzt stell dir mal vor, dass unsere Verfolgungsjagd eines tatsächlich harmlosen Stubentigers im Orden die Runde macht. Den Ruf würden wir nicht mehr los!“
„Ach, jetzt sei doch nicht so! Außerdem hat es keiner mitbekommen.“
Er wischt sich die Tränen aus den Augen und kommt langsam von seinem Lachflash herunter. Meine Stimmung ändert sich allerdings nicht. Die ganze Verfolgungsjagd war nicht nur schweißtreibend, sondern auch noch unnötig. Ärgerlich.
„Jetzt aber mal ehrlich: es tut mir leid.“
„Kanji, du musst dich nicht entschuldigen. Dermaßen viel Spaß hatte ich schon lange nicht mehr bei unseren Patrouillen. Chill.“
„Du vielleicht … mir wird nur bewusst, wie ich nachgelassen habe. Echt ätzend.“
Ich lasse deprimiert die Schultern sinken und ernte ein aufmunterndes Klopfen seinerseits.
„Mach dir nichts draus. Das zeigt lediglich eins.“
„Und das wäre?“
„Na, dass wir bereits viel zu lange in Würzburg sind. Es ist eine schöne Stadt, keine Frage, aber beruflich fehlt die Herausforderung.“
Ich denke kurz über seine Worte nach, doch er hat vollkommen recht. Die Straßen und Gassen sind sicher.
„Stimmt. Wann wurde in Würzburg das letzte Mal ein Dämon zur Strecke gebracht?“
„Nicht nur das“, ergänzt Link. „In den gesamten Nachbarstädten im gesamten Kreis gab es auch ewig keine Opfer mehr. Das Gebiet ist sauber wie wir letztens bereits festgestellt haben. Wir sind viel zu viele Anwärter auf einem Haufen.“
„Die Versetzung der Anwärterpaare durch die Mönche dauert für meinen Geschmack noch viel zu lange.“
„Na ja, wahrscheinlich haben sie Angst, dass plötzlich zu wenig hier sind und die Morde wieder zunehmen.“
„Pfh… kann ich mir nicht vorstellen.“
„Du weißt doch, wie die alten Tattergreise sind. Abgesehen davon sind viele unserer Kollegen auch sehr bequem geworden.“ Er zwinkert mir zu und ich versetze ihm prompt einen Stoß in die Seite.
„Schon klar, ich hab verstanden.“
„Ich weiß nicht, was du meinst“, entgegnet er, aber sein breites Grinsen besagt etwas ganz anderes.
„Wer’s glaubt! Aber im Gegensatz zu unseren werten Kollegen bin ich gelangweilt und gewillt das zu ändern. Es wird echt Zeit, dass wir den Antrag einreichen.“
Link nickt und streicht sich seine schwarzen Haare aus dem Gesicht.
„Ich habe bereits einen Bogen für uns mitgenommen. Magst du dir die Gebiete anschauen und …“
„Nein“, unterbreche ich ihn lächelnd. „Füll du ihn aus und ich komme einfach mit. Egal wohin. Das Thema hatten wir schon.“
„Bist du sicher?“
„Ja, klar.“
„Möchtest du vielleicht nicht doch vorher mit Howard darüber sprechen und es abklären?“
„Ach quatsch. Das passt schon. Ich bin mir nicht mal sicher, ob die Beziehung hält.“
„Du hörst dich nicht gerade optimistisch an, sondern eher, als hättest du mit der ganzen Sache bereits abgeschlossen.“ Er runzelt nachdenklich die Stirn und mustert mich mit einem undurchschaubaren Blick. Ich seufze und zucke mit den Schultern.
„Abgeschlossen nicht, ich hab nur irgendwie wieder so ein seltsames Gefühl.“
„Kanji, bei aller Freundschaft: du hast immer ein komisches Gefühl.“
„Ich habe vielleicht einfach kein Händchen für Typen.“
„Ich sag nur, da wäre noch Trower …“
Ich lache leise vor mich hin. Typisch Link.
„Nee, lass mal. Danke.“
„Magst du überhaupt eine Beziehung? Vielleicht … “
„Komm mir jetzt bitte nicht mit Mehr der offenere Typ“, meine ich genervt und fahre mir durchs Haar. „Ich hätte gerne eine feste, tiefgehende Beziehung. Es war einfach nur nicht der Richtige dabei. Weißt du eigentlich, dass ich dich dafür echt beneide?“
„Du beneidest mich? Wegen Seiji? Darfst du, aber er gehört mir. Doch Trower …“
„Link“, ermahne ich ihn, worauf er lediglich abwinkt und schweigt. Wir schauen für einige Minuten schweigend in den sternenklaren Himmel. Die Gestirne erinnern mich an funkelnde kleine Edelsteine und machen mir meine tiefe Sehnsucht umso schmerzlicher bewusst.
„Jetzt mal ehrlich, Link. Ich möchte einfach auch meinen ganz bestimmten Menschen finden mit dem ich alles teilen kann und endlich ankommen. Einfach nur ankommen …“
„Das wirst du. Da bin ich mir sicher.“
„Dein Wort in Gottes Ohr.“ Ich seufze und wir treten den Rückweg an.
„Was machst du eigentlich an Halloween? Ist ja nur noch paar Tage hin.“
„Puh … kein Plan. Du weißt, die amerikanischen Feiertage sind nicht mein Ding.“
„Macht nichts, ich verzeihe dir, du Halloweenmuffel. Das heißt, du hast Zeit?“
Ich grinse schief und nicke ergeben. Er wird ohnehin nicht locker lassen. Da bin ich mir sicher.
„Seiji kommt ein paar Tage rüber und wir wollen einen gemütlichen DVD Abend mit Gruselmenü machen. Was sagst du? Howard darfst und sollst du natürlich gerne mitbringen.“
„Hört sich gut an. Ich denke, wir sind dabei. Ich schreibe ihm gleich mal.“
Ich zücke mein Handy und sende meinem Freund die Halloweenpläne zu. Ich hoffe, er hat nichts anderes vor. Wir haben noch nicht darüber gesprochen. Allerdings würde ich notfalls auch allein zu Link und Seiji fahren. Ein gemütlicher Abend mit gutem Essen und ein paar Horrorstreifen scheint mir momentan genau das Richtige zu sein. Ein sehnsüchtiger Blick zu den leuchtenden Sternen bestätigt mir, dass mir zur Zeit nicht der Sinn nach großen Partys steht.
„Und hey, richte ihm aus, dass wir auch noch Platz für seine Cousine hätten.“
Ich wirble empört zu Link herum, dessen Grinsen nicht breiter sein könnte.
„Blödmann!“, rufe ich spaßig, während er lachend meinem Schlag ausweicht und laut prustend die Flucht ergreift.
Kapitel 7
Colin:
Siebzehn Uhr. Feierabend. Seufzend schließe ich das Büro ab und sehe mich um. Wie erwartet verstreuen sich die restlichen Angestellten in verschiedene Richtungen. Mittlerweile bin ich schon zwei Wochen hier und immer noch mit niemandem groß in Kontakt. Emanuel habe ich bisher nicht mehr gesehen. Vielleicht hat er doch keine Lust, etwas mit mir zu unternehmen und wollte nur freundlich sein. Wie dem auch sei, heute ist Halloween und irgendwie habe ich an diesem Tag immer etwas unternommen. Sei es in einer Kneipe was zu Trinken, einen gemütlichen Filmabend mit Freunden zu organisieren oder eine Party, meistens von Shuzee ausgehend.
Gedankenversunken verlasse ich den Hauptsitz und spaziere zu den Angestelltenwohnungen. Ich muss etwas tun. Heute möchte ich wirklich nicht allein in meinem Zimmer sitzen oder einfach nur spazieren gehen. Nur was soll ich unternehmen? Ich habe mich bereits in den umliegenden Dörfern umgesehen, die nur aus Baracken bestehen. Mehr als ein oder zwei Einkaufsmöglichkeiten gibt es dort nicht. Vielleicht sollte ich es ein paar Kilometer weiter weg probieren. Oberammergau soll etwas größer sein. Einen Versuch ist es definitiv wert. Entschlossen betrete ich meine Wohnung und springe unter die Dusche.
***
Ich werfe noch einmal einen prüfenden Blick in den Spiegel. Die Haare sitzen und die Klamotten sollten reichen. Ich bin niemand, der sich gerne in übertrieben knappe Disco Outfits zwängt. Abgesehen davon weiß ich gar nicht, ob es dort eine Kneipe gibt. Deshalb habe ich mich auch für eine figurbetonte blaue Jeans und ein eng anliegendes, dunkelgrünes Longshirt entschieden. Als ich gerade Mantel, Schal und Handschuhe anlege, klopft es plötzlich an meine Tür. Verwundert verharre ich in der Bewegung und lausche, was natürlich völlig dämlich ist, denn sie öffnet sich nicht von allein. Als es erneut klopft, mache ich einen Sprung nach vorne und drücke die Klinke herunter. Vor mir steht Emanuel, grinsend über das ganze Gesicht.
„Hey, hab ich dich grad noch erwischt. Du hast was vor?“
„Ähm, nicht direkt. Also heute ist Halloween und ich wollte die Umgebung mal checken, ob es irgendwo ein paar interessante Kneipen gibt.“
„Klar gibt es die.“ Sein Grinsen wird noch breiter, falls das überhaupt möglich ist. „Das heißt, du hast nichts Bestimmtes im Auge?“
„Nein, nicht wirklich“, gestehe ich. „Ich dachte, ich probiere mein Glück einfach mal in Oberammergau.“
Er lehnt sich an den Türrahmen und verschränkt die Arme vor seiner Brust.
„Oberammergau – gute Wahl. Hättest du was dagegen, wenn ich dich begleite? Ich kenne dort eine coole Location.“
„Klar, gerne.“ Die Antwort kommt ganz automatisch über meine Lippen. Ich kann mein Glück kaum fassen. Ich wäre auf jeden Fall gegangen, doch zu zweit fühle ich mich nicht so verloren und abgesehen davon kennt er sich hier aus. Ein Zweifel keimt dennoch in mir auf. Ich hoffe nur, er schleppt mich nicht in irgendeinen Club oder Disco für Teenies. Immerhin trennen uns ein paar Jahre. Shuzee hat solche Locations gerne besucht und ich kam mir immer irgendwie fehl am Platz vor.
„Super, dann gib mir zwei Minuten, damit ich mir was über schmeißen kann und ich bin sofort wieder bei dir.“
Ich nicke, doch das sieht er bereits nicht mehr, da er wie von der Tarantel gestochen herumwirbelt und den Gang hinunter rennt. Er scheint das mit den zwei Minuten ernst zu meinen. Schmunzelnd schaue ich ihm hinterher. Ich bin gespannt, was der Abend bringt.
***
Tatsächlich hat Emanuel nur ganze zwei Minuten gebraucht, um mich abzuholen. Nun sitze ich staunend auf seinem Beifahrersitz und schaue aus dem Fenster. Ich kann mich gar nicht sattsehen. Ich hatte befürchtet, dass Oberammergau genauso aus Baracken besteht wie Graswang und die restlichen umliegenden Dörfer, die ich mir bisher angesehen habe. Zum Glück habe ich mich geirrt. Alte, recht gut erhaltene Fachwerkhäuser mit verblassten Gemälden auf den Fassaden tummeln sich am Rand der gewundenen Straßen und erinnern an ein Märchendorf längst vergangener Zeit. Wundervoll. Viel zu schnell findet Emanuel einen Parkplatz und hält an.
„Da wären wir. Nur eine Straße weiter und wir sind da.“ Er zwinkert mir zu und steigt schwungvoll aus. Ich tue es ihm gleich, wenn auch nicht ganz so energisch. Mein Blick gleitet noch immer an den eindrucksvollen Häusern entlang und ich frage mich, warum ich nicht früher hierher gekommen bin. Kleine Geschäfte laden zum Einkaufen ein und ich denke, den ein oder anderen freien Tag kann ich hier gerne verbringen.
Emanuel führt mich um eine Kurve in eine Seitenstraße und läuft bis zum Ende durch. Dort angelangt, ein sehr gutes Stück von der Stadt entfernt, bleibt er vor einem großen Gebäude stehen, das zum Teil blaue Wände und teilweise eine hölzerne Fassade vorweist. Gedankenverloren lasse ich meine Augen prüfend darüber wandern. In der Mitte ist eine massive Holzplatte mit der Aufschrift „Stronger“ angebracht.
„War das mal ein Hotel?“
„Dicht dran. Es war vor dem großen Krieg eine Jugendherberge. Mittlerweile kommen keine Touristenschwärme mehr hierher, sodass sich eine Neueröffnung nicht einmal ansatzweise gelohnt hätte“, erläutert er mir. „Zum Glück kam Timmy auf die Idee, aus dem Gebäude einen Club zu machen.“
„Timmy?“
„Der Besitzer des Ladens. Der Sohn eines Neureichen. Er ist okay – wie könnte er auch nicht? Immerhin erschuf er uns etwas, wo wir Feiern und Trinken können. Es ist dir vielleicht schon aufgefallen: die Gegend ist nicht unbedingt das, was man eine Party Metropole nennt.“
Ich nicke leicht, aber schweige. Also doch ein Club. Mal schauen, wie lange ich es hier aushalte. Mein Arbeitskollege mustert mich von der Seite und ich zwinge mir ein Lächeln auf das Gesicht. Ich sollte nicht gleich so negativ an die Sache rangehen. Immerhin hat er mich extra mitgenommen und ich bin froh, endlich etwas Anschluss gefunden zu haben.
„Nicht gut?“
„Quatsch. Ich bin einfach etwas skeptisch, aber sehr gespannt, wie das Stronger von Innen aussieht“, versuche ich es im versöhnlichen Ton und kann ihn damit beruhigen. Begeistert greift er nach meinem Arm und zieht mich in die überschaubare Schlange vorm Eingang. Binnen fünf Minuten betreten wir die Location und geben unsere Jacken, Schals und Handschuhe an der Garderobe ab.
„Bereit?“ Er grient mich über beide Backen an, als würde er mir den ultimativen Schatz des Universums präsentieren. Oder in diesem Fall: von Oberammergau.
„Klar. Wenn du es bist?“
Er lacht und schiebt mich eilig vom Eingangsbereich in den rechteckigen und geräumigen Hauptraum. Entgegen meiner Erwartung fühle ich mich gleich wohl. Zwar ist der Saal riesig, doch die Anzahl der Besucher relativ überschaubar, weswegen nicht alle wie die Motten aufeinander sitzen. Das rustikale Ambiente vermittelt sofort ein Gefühl der Geborgenheit und die Musik könnte für mich nicht besser sein. Ein bunter Mix aus den 90er und 80er Jahren hallt mir entgegen. In der Mitte des Raumes befindet sich die Theke und wirkt wie eine Insel. Zu meinem Erstaunen bugsiert mich Emanuel jedoch nicht an die Bar, sondern an einen der vielen Holztische am Rand, der noch frei ist. Mein Blick gleitet über die diversen beweglichen Glitzerbilder, wie ich sie von früher kenne. Ein Schmunzeln umspielt meine Lippen. Tatsächlich habe ich die Dinger vor Jahren einmal gesammelt.
Das Stronger gefällt mir. Auch das Publikum ist komplett gemischt. Die jüngsten Gäste schätze ich auf Anfang Zwanzig und die Ältesten auf Ende Fünfzig. Ich bewege mich damit im Mittelfeld, was mich erleichtert verschnaufen lässt. Auch was den Kleidungsstil betrifft, ist alles dabei, sodass ich gut ins Bild passe.
„Und? Was sagst du?“ Mit einer kindlichen Neugier sieht er mich an und entlockt mir damit ein Lächeln.
„Ich finde es echt cool. Hätte ich nicht gedacht“, gestehe ich und er klatscht daraufhin triumphierend in die Hände.
„Ha, hab ich mir doch gedacht. Timmy ist schon ein komischer Vogel. Er ist Mitte Zwanzig, aber steht total auf Retro Zeug. Die Musik, die Einrichtung … einfach alles. Ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber irgendwie auch witzig. Magst du was trinken? Die erste Runde geht auf mich.“
„Gerne, dann übernehme ich die nächste.“
„Ist Tequila okay?“
Das habe ich schon eine Ewigkeit nicht mehr getrunken. Aber warum nicht? Doch wenn er fährt, sollte er keinen Alkohol trinken.
„Sicher … “
„Macht es dir was aus, wenn ich einen mit trinke? Danach steige ich auf Cola um.“
„Sollte passen“, antworte ich und lächle ihn an. Gutheißen kann ich es nicht ganz. Allerdings muss er selbst einschätzen können, ob er noch fahrtüchtig ist. Im Notfall nehme ich mir eben ein Taxi. Oh mein Gott – bin ich spießig geworden?
„Okay, bin sofort wieder zurück.“ Er flitzt schnurstracks zur Raummitte und ich nutze die Gelegenheit und sehe mich ein bisschen genauer um. Ich habe schon gehört, dass in Bayern die Leute konservativer und nicht sehr offen sein sollen, was Homosexualität angeht. Dennoch scheint das hier nicht der Fall zu sein. Das Publikum ist wirklich bunt gemischt, auch was die Neigungen und wohl sexuellen Vorlieben angeht. Zwar sieht man nicht viele offensichtlich schwule oder lesbische Pärchen, doch die ein oder anderen sind dabei und machen kein Geheimnis daraus. Niemand stört sich daran. Das Stronger werde ich mir auf jeden Fall merken.
Keine fünf Minuten später kehrt Emanuel mit den Getränken zurück und setzt sich mir gegenüber.
„Ist zwar etwas spät, aber auf deinen Start bei uns in Linderhof!“
„Danke.“
Wir stoßen an und nehmen beide einen großen Schluck aus der Flasche. Für ein paar Minuten schweigen wir und während er sich umsieht, mustere ich ihn nochmals. Er sieht richtig gut aus und ich wundere mich, warum er heute Abend nicht etwas vorhat. Nicht dass ich was dagegen habe, wenn er mit mir abhängt, doch ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er wirklich Single ist. Soll ich ihn fragen? Lieber nicht. Dafür ist es wohl zu früh und es erscheint mir unpassend. Abgesehen davon liegt es nahe, dass er eine Gegenfrage stellt und ich bin noch nicht bereit, über Shuzee zu sprechen.
„Bist du schon aufgeregt?“ Seine Frage trifft mich unerwartet und ich blinzle ihn irritiert an.
„Entschuldigung, was meinst du?“
„Kein Ding, kam ja jetzt auch ohne Einleitung. Das passiert mir ab und an“, er sieht mir tief in die Augen. „Das erste Ritual der bukischen Jünger wird bald stattfinden.“
„Oh…“, ich ziehe eine Augenbraue in die Höhe und in meinem Magen erwacht ein kleines Tier – eine Kreuzung aus Nervosität und Neugier. „Muss oder kann ich mich irgendwie vorbereiten?“
„Nein, ganz easy. Du musst nichts im Voraus machen. Das Ritual erklärt sich von selbst und ist nicht schwierig.“
„Ähm … ein paar Details zum Ablauf wären trotzdem sehr nett.“
Er lacht leise auf und seine Lippen formen sich zu einem breiten Grinsen.
„Du musst dir keine Sorgen machen. Ehrlich.“
Ich warte darauf, dass er fortfährt und mir zumindest einen kleinen Hinweis gibt, doch nichts.
„Verstehe ich deine Reaktion richtig und du willst mir den Ablauf nicht erklären?“, frage ich mit einem Seufzen, was ihm wiederum ein Lachen entlockt.
„Ich würde gerne, aber das ist nicht erlaubt. Alles was ich dir dazu sagen kann ist, dass du unbesorgt sein kannst. Es ist harmlos. Wie ich bereits vor ein paar Tagen schon erwähnte: es ist enttäuschend langweilig.“
„Okay … und an welchem Tag steht mir das Aufnahmeritual bevor?“
„Also es ist nicht direkt die Aufnahmezeremonie, sondern eher das einführende Ritual“, korrigiert er mich und das Tier in meinem Magen wächst misstrauisch an.
„Einführendes Ritual? Wie viele Riten gibt es denn?“
„Einige“, ist alles, was er mir mit einem erneuten Zwinkern zur Antwort gibt.
„Und wann …?“
„Das darf ich dir leider nicht verraten.“
Ich massiere mir für ein paar Sekunden die Schläfe. Das Ganze bereitet mir so langsam Kopfschmerzen. Er zieht mir die Nase lang, verrät mir jedoch nicht das Geringste. Ich war wohl besser dran, als ich gar nichts ahnte.
„Ha ha, du magst wohl keine Überraschungen, oder?“
„Wie kommst du nur darauf?“, entgegne ich mit einem sarkastischen Unterton. „Sorry, aber ich bin mehr der Planungstyp. Mit Überraschungen kann ich nicht gut umgehen“, füge ich erklärend hinzu. Emanuel kratzt sich peinlich berührt seinen Hinterkopf und schaut mich entschuldigend an.
„Da bin ich ja gewaltig ins Fettnäpfchen getreten. Tut mir echt leid.“
„Schon okay. Kannst du ja nicht wissen. Ist eine dumme Eigenart von mir, die ich einfach nicht ablegen kann.“
„Nee, wirklich. Das wollte ich nicht. Ich dachte eher, dass du dich freust, wenn es bald beginnt, sodass auch die anderen auftauen und du mit ihnen warm werden kannst. Was kann ich tun, um es wieder gut zu machen?“
„Das musst du nicht.“
„Ich weiß, aber ich möchte.“ Seine dunkelgrünen Augen nehmen mich gefangen, sodass ich mich nicht abwenden kann. Ich öffne leicht die Lippen, allerdings schließe ich sie ungesagt wieder. Keine Ahnung, was ich von ihm verlangen könnte, zumal das wirklich nicht nötig ist. Dennoch habe ich das Gefühl, dass er sich damit nicht zufriedengeben wird und … verdammt, diese magisch grünen Augen! Ich weiß nicht, was es ist, was mich darin gefangen hält. Irgendetwas in ihnen lässt meine Alarmglocken läuten und trotzdem bin ich nicht fähig, mich ihrem Bann zu entziehen. Emanuels Mundwinkel zucken verführerisch. Was macht dieser Kerl nur mit mir?
„Okay, ich denke, dem Wunsch komme ich gerne nach“, flüstert er und bevor ich nachfragen kann, was er damit meint, beugt er sich zu mir über den Tisch. Alles geht so schnell, dass ich nicht reagieren kann. Oder möchte ich es vielleicht auch gar nicht? Seine Hand streicht mit kurz über die Wange hinunter zu meinem Kinn, um mich zu ihm zu bugsieren. Für den Hauch einer Sekunde überlege ich, mich ihm zu entziehen, doch dann lasse ich es zu, dass seine Lippen die meinen verschließen. Ich wollte einen Neuanfang und hier bekomme ich ihn. Wieso also dagegen wehren? Mit diesem Gedanken schmeiße ich meine Zweifel über Board, schließe die Augen und lasse mich von dem aufregend kribbelnden Gefühl treiben.
Kapitel 8
Kanji:
„Du wirst sehen, das wird ganz lustig.“
„Mh… mal sehen“, ist Howards knappe und gemurrte Antwort. Damit gebe ich mich jedoch zufrieden. Ich bin heilfroh, dass wir uns einigen konnten. Er war nämlich nicht begeistert von meinem Vorschlag gewesen. Denn was ich nicht wusste und er mir vergessen hatte zu sagen, war, dass er jedes Jahr an Halloween mit seiner Schwester und Cousine in einem Club feiern geht. Er war einfach davon ausgegangen, dass ich nichts anderes vorhabe und mitgehe. Die Tatsache allein ärgert mich. Nachdem wir beide hitzig diskutiert hatten, weil keiner nachgeben wollte, haben wir uns dann auf einen Deal geeinigt. Wir gehen zuvor zu Link und Seiji, um gemütlich zu essen, einen oder zwei Filme zu schauen und etwas vorzuglühen – zumindest er, denn ich habe mich sogar zum Fahren angeboten, um ihn zu besänftigen – und danach düsen wir noch für ein paar Stunden in den Club zu seiner Schwester und Cousine. Zugegeben: Ich hege die kleine Hoffnung, dass es ihm so gut bei meinem Kumpel gefallen wird und er die Zeit vergisst, sodass er gar keine Lust mehr hat, zur Party zu fahren. Nicht ganz fair? Ich weiß, aber hoffen darf ich doch. Natürlich werde ich mich an unsere Abmachung halten, wenn er darauf besteht. Ich halte mich an Vereinbarungen und halbe halbe für jeden ist ein fairer Deal, aber mal schauen, vielleicht habe ich ja Glück.
Ich parke das Auto am Straßenrand, steige aus und führe Howard zum Zwei-Zimmer-Apartment meines Kumpels. Er erwartet uns bereits, weshalb ich nicht einmal dazu komme, auf die Klingel zu drücken. Kurz bevor ich den Knopf berühre, ertönt das Surren des Türöffners.
„Hat er uns gesehen?“ Howard schaut sich verwundert um und ich schmunzle.
„Bestimmt haben sie aus dem Fenster gesehen.“
Wir erklimmen im Nu den zweiten Stock, wo Link im Türrahmen angelehnt steht, die Arme lässig in den weit geschnittenen Stoffhosen vergraben. Auf seinem Gesicht zeichnet sich ein laszives Grinsen ab und mit dem offenen Hemd wirkt er mehr als nur appetitanregend. Das fällt nicht nur mir auf, sondern auch Howard, dessen anzügliches Lächeln ich aus meinen Augenwinkeln wahrnehme und ihm einen ermahnenden Stoß mit dem Ellenbogen in die Rippen verpasse.
„Ich nehme an, Seiji ist bereits hier oder wolltest du uns in dem Aufzug verführen?“
„Ja, er duscht gerade.“ Sein Grienen wird noch etwas breiter und ich erspare mir weitere Fragen und schlängle mich an ihm vorbei.
„Da ihr euch bereits kennt muss ich euch nicht mehr einander vorstellen.“
„Klar, ich war doch dabei, als du den armen Kerl hast auf der Tanzfläche stehen lassen.“
Die beiden begrüßen sich mit Handschlag, während ich schon meine Jacke und Schuhe ausziehe. Im nächsten Moment kommt Seiji aus der Dusche, ebenfalls im bequemen Outfit und mit noch feuchten Haaren. Sein Anblick entlockt mir ein leises Lachen. Diese bunte Wolle. Daran werde ich mich nie gewöhnen können.
„He, Kanji! Lange nicht mehr gesehen! Wie geht es dir?“, begrüßt er mich und nimmt mich flüchtig in den Arm.
„Ja, dürfte auf jeden Fall ein halbes Jahr her sein“, meine ich und klopfe ihm kameradschaftlich auf die Schulter. „Mir geht’s gut und dir, soweit ich sehe, auch?“
„He he, immer, wenn ich mein Babe in der Nähe habe.“
Link schleicht auf ihn zu wie eine Raubkatze und stiehlt ihm einen innigen Kuss von den Lippen, der mich fast neidisch macht.
„He, ist das eine Herausforderung für ein Kussduell?“ Howard schlingt von hinten seine Arme um meine Taille und zieht mich zu sich. Sein Mund benetzt meinen Hals mit feuchten Küssen und ich seufze wohlig auf.
„Oh je, ich glaube, wir essen jetzt lieber, sonst artet unser gemütlicher DVD Abend noch aus“, meint Link grinsend und läuft in die Küche, aus der ein verführerisches Duftgemisch aus Kürbissuppe und gefüllten Paprika strömt. Seiji folgt ihm prompt, ich bin allerdings nicht gewillt, mich aus der wohligen Umarmung meines Freundes zu lösen. Zumindest nicht so lange, bis sich sein knurrender Magen lautstark zu Wort meldet und er mich lachend hinterher schiebt.
Das Essen ist lecker und mehr als genug, Seiji und Link haben sich wirklich ins Zeug gelegt.
„Uff, wie viele Gäste habt ihr denn erwartet?“, hauche ich, als mein Kumpel nach dem Hauptgang noch eine riesige Schüssel mit der Süßspeise Blumenerde serviert.
„Tja, das muss alles weg. Vorher lassen wir euch nicht hier raus.“
„Wenn wir das alles verputzen, muss man uns rollen“, meint Howard und greift dennoch beherzt zu.
„Ihr seid echt verrückt.“
„Kanji, das nennt man Gastfreundschaft. Das liegt an meinen afrikanischen Genen. Da kannst du mit deiner kalten, englischen Art nicht mithalten.“
„He, ebenso wie du bin ich in Deutschland aufgewachsen. Das wiederum bedeutet, dass Deutsche auch nicht besser sind und damit kritisierst du sowohl Seiji als auch Howard“, kontere ich spaßig, woraufhin mir Link neckisch seine Zunge herausstreckt.
***
Ich weiß nicht wieso, aber Howard scheint irgendetwas nicht zu passen. Obwohl das Essen fantastisch war, sowohl Seiji als auch Link freundlich und die Atmosphäre komplett entspannt, ist er plötzlich distanziert. Ich kann nur hoffen, dass sich das noch legt, da es absolut keinen Grund für sein Verhalten gibt.
Wir haben es uns alle vier auf Links Couch gemütlich gemacht und ich bin im Kuschelmodus. Der Horrorstreifen selbst interessiert mich nicht wirklich – Horrorfilme sind okay, aber nichts, was mich fesselt. Als der Film endet, bin ich auf Howards Brust tiefenentspannt. Und auch er scheint gelassener geworden zu sein.
„Was schauen wir als nächstes? Jemand einen bestimmten Wunsch?“, fragt Link und richtet sich wohlig räkelnd auf.
„Wie wäre es vielleicht mit einem Klassiker? Freitag, der 13te oder so was in der Art?“ Seiji schaut fragend in die Runde und ich nicke.
„Können wir gerne machen …“
„Nein, wir gehen.“ Howards Worte lassen mich kurz erstarren. Sein Ernst? Langsam richte ich mich auf und sehe ihn an. Klar ist mir unsere Abmachung bewusst, aber wir haben noch nicht einmal Mitternacht. Einen Film hatte ich noch einkalkuliert, da er ja dann bis zum Frühstück durchfeiern möchte. Abgesehen von meiner Hoffnung, ihn zum Bleiben zu überreden.
„Jetzt schon? Einen Film können wir doch noch schauen.“
„Wir gehen“, murmelt er mürrisch und steht auf. Meine Gesichtszüge entgleisen und ich bin nicht fähig, den Blick von ihm abzuwenden oder aufzustehen.
„Wir können auch gerne einen anderen Film schauen oder was spielen“, unternimmt Link einen Kompromissversuch, der ebenfalls wie Seiji und ich von der barschen Reaktion meines Freundes geschockt zu sein scheint.
„Nein, danke. Wir gehen jetzt!“
Ich beiße mir auf die Zunge. Nicht nur, dass sein Verhalten dermaßen unangebracht ist, ich kann es mir nicht einmal erklären. Abgesehen davon ist es mir peinlich. Ich fühle mich bloßgestellt. Wären wir nicht zusammen in einem Auto gefahren, oder mit seinem Wagen da, dann würde ich hier bleiben und ihn heimschicken, doch so …
Ich schiele kurz zu meinen Freunden, die verdattert Howard ansehen. Seiji ist nicht oft hier und die wenige Zeit, die die beiden miteinander verbringen können, möchte ich ihnen nicht verderben. Die Reaktion meines Freundes treibt mich innerlich zur Weißglut, aber die zwei haben nichts damit zu tun. Ich kann jetzt keine Szene machen und ihnen den restlichen Abend verderben. Deswegen beiße ich mir auf die Zunge, schlucke meine Wut hinunter und zwinge mir ein Lächeln aufs Gesicht.
„Okay, schade. Link, Seiji, was bekommt ihr fürs Essen? Können wir kurz die Abrechnung machen?“
Mein Kumpel winkt ab und schüttelt den Kopf.
„Unsinn. Ich habe euch eingeladen. Du bezahlst einfach das nächste Mal, wenn wir beide wieder Essen gehen und wir sind quitt.“
„Sicher?“
„Klar. Du kennst mich. Ich kann viel essen.“
Ich grinse schief. Da hat er allerdings recht. Ich frage mich nur, wieso bei ihm nichts ansetzt. Seine Figur erscheint so perfekt. Kein überflüssiges Fettpölsterchen – faszinierend.
„Danke.“ Ich ziehe sowohl Link als auch Seiji in eine kurze Abschiedsumarmung, wobei mir mein Kumpel vielsagend auf die Schulter klopft.
„Auch von mir danke für die Einladung“, fügt Howard hinzu und reicht beiden flüchtig die Hand.
Ich verfluche ihn stumm und wir verlassen die Wohnung und steigen in mein Auto. Wortlos starte ich den Wagen und fahre los. Die nächsten zehn Minuten sitzen wir schweigend nebeneinander und ich grüble über sein seltsames Verhalten nach. Was sollte die Szene? Ich habe nichts gegen dominante Kerle, aber ich lasse mich nicht herumkommandieren. Wo kämen wir denn da hin? Wenn er nicht einen verdammt guten Grund dafür hat, dann …
Ich atme tief durch und versuche, meinen Zorn unter Kontrolle zu bekommen. Mir ist bewusst, dass ich wahrscheinlich unfair reagiere. Immerhin hatten wir abgemacht, nicht ewig zu bleiben, doch die Stimmung war gut und es war bequem gewesen. Ach verdammt! Ich komme einfach nicht drüber weg. Zu allem Unglück ist auch noch ein dichter Nebel aufgezogen, der die Landstraße einhüllt wie eine Waffel in Puderzucker. Ich bin kein unsicherer Autofahrer, doch wenn sich die Sicht auf fünf Meter beschränkt finde selbst ich das Fahren nicht angenehm.
„Du müsstest die Adresse des Clubs noch im Navi eingeben. Ich kenne ihn nicht und weiß nicht, wo ich hin muss“, unterbreche ich die Stille und versuche, einen ruhigen Ton zu bewahren.
„Nein, nicht nötig. Fahren wir einfach zu dir.“
Ich glaube, ich höre nicht recht. Müsste ich nicht so angestrengt auf die Straße schauen, würde ich ihn vernichtend anstarren.
„Wie? Möchtest du nicht mehr in den Club?“
„Nein, nicht wirklich. Ich möchte lieber zu dir.“ Er reibt sich müde übers Gesicht und grinst mich schief an, was ich aus meinen Augenwinkeln wahrnehme. Wieder kämpft sich mein ungebändigter Frust nach oben und ist kurz davor, vulkanartig auszubrechen.
„Wieso das auf einmal?!“
„Ich habe einfach keine Lust mehr und wenn du ehrlich bist, bist du auch nicht sonderlich scharf darauf.“
„Aber wenn du keinen Bock mehr hast feiern zu gehen, wieso konnten wir dann nicht länger bei Link und Seiji bleiben? Hat es dir denn nicht gefallen?“
„Doch, das schon. Es war ganz okay.“
„Aber? Wieso wolltest du unbedingt gehen?!“
„Ich bin einfach müde und ich hatte das Gefühl auf der Couch gleich einzuschlafen.“
Ich warte darauf, dass er fortfährt, doch das tut er nicht. Ist das alles? Ich versteh das verfluchte Problem nicht!
„Und was ist daran so schlimm?“
„Ich wollte nicht, dass sie mich schlafen sehen. Das ist peinlich.“
„Es hätte niemanden interessiert oder gestört!“ Ich kann nicht sagen, wie gerne ich das Lenkrad herumreißen würde, um wieder zurückzufahren.
„Doch hätte es. Mich. Ich kenne sie praktisch gar nicht. Es wäre mir unangenehm.“
Ich schlucke schwer. Der Typ bringt mich gerade zur Weißglut. In meinem Brustkorb explodieren lauter kleine Sprengkörper.
„Dann gib mir jetzt bitte die Adresse für den Club.“
„Ich habe bereits gesagt, dass ich keine Lust mehr darauf habe. Ich will lieber noch etwas mit dir allein sein.“
Ich knirsche mit den Zähnen und ohrfeige ihn in Gedanken tausendfach, als er mir plötzlich ins Lenkrad greift und es mit einem Schrei herumzieht.
„Achtung!“
Keine Ahnung, wo der Fahrradfahrer gerade mitten auf der Straße aufgetaucht ist, aber beinahe hätte er sein ganz eigenes, persönliches Halloweenerlebnis gehabt. Eventuell sein letztes und das meinetwegen.
„Alles okay?“, holt mich Howards Stimme in die Wirklichkeit zurück.
„J-ja“, stottere ich fassungslos, den Blick stur auf die Fahrbahn gerichtet, während ich mit reduzierter Geschwindigkeit die Landstraße entlang fahre. „Das wäre beinahe schief gegangen … das nenne ich mal ein eindrucksvolles Halloween.“
„Es ist doch alles gut gegangen. Es sah nicht einmal danach aus, als hätte er etwas bemerkt.“
„Und wenn schon … das ist dein Verdienst. Ich hätte ihn überrollt“, presse ich hervor und kämpfe noch immer gegen den Schock an, der nicht mehr aus meinem Körper weichen möchte. Auch wenn sich eine Stimme in meinem Hinterkopf meldet, die mir besagt, dass Howard ebenfalls Schuld hat, denn immerhin bringt er mich momentan zur Weißglut. Und wäre er nicht so stur gewesen, dann wären wir noch bei Link und Seiji. Auf der anderen Seite weiß ich, dass das Unsinn ist und ich versuche, die Stimme zum Schweigen zu bringen.
„Hast du aber nicht“, redet er beschwichtigend auf mich ein und ich beschließe, ihm zu verzeihen und mich voll und ganz einer sicheren Rückfahrt zu widmen.
***
Die restliche Rückfahrt verlief schweigend. Der Fast-Unfall hängt mir noch immer nach, selbst zwei Stunden später. Ich habe Howard tatsächlich nicht mehr dazu überreden können, zur Party zu fahren. Einerseits war ich froh darüber, denn ich möchte jetzt nicht mehr unbedingt ins Auto steigen. Andererseits bin ich nach wie vor frustriert, dass er mich vor Link und Seiji hat auflaufen lassen.
Nun liegen wir schmusend auf meiner breiten Couch und ich habe große Mühe, den Herrn im Zaum zu halten, der plötzlich gar nicht mehr so müde ist. Ich mag jetzt einfach nicht auf Tuchfühlung gehen, nicht nachdem der ganze Abend derart abrupt abgestürzt ist. Abgesehen davon lässt mein Stolz das nicht zu. Meint er echt, er kann sich alles erlauben? Mich vor meinen Freunden anschnauzen und herumkommandieren, sich nicht an den Deal halten und mir stattdessen an die Wäsche gehen? Denkste! Nicht mit mir! Deswegen ist zwar fummeln und küssen erlaubt, doch die Hände haben gefälligst über der Hose zu bleiben. Und ja, selbst wenn er mich an meinen empfindlichsten Stellen berührt und mir einen Schauer verursacht – ich habe keine Lust und das wird sich auch nicht ändern.
Howards Frust und Ungeduld wird mit jedem Wegschieben und Korrigieren seiner Hände deutlicher. Das wiederum freut mich. Meine Lippen fühlen sich wund an und ich spüre langsam die Müdigkeit aufsteigen. Ich sehne mich nach Ruhe und während er weiterhin versucht, sich erneut an meinen Hosenbund vorzuarbeiten schiele ich zur Uhr. Es ist mittlerweile fast zwei Uhr morgens. Ich kann mein Bett förmlich aus dem Schlafzimmer schreien hören.
„Davon dass du müde bist, merke ich nichts“, murmle ich in sein Haar, während er über meinen Hals leckt. Er murmelt eine unverständliche Antwort und fährt mit seiner Bearbeitung fort. Erst als ich ihn sanft, aber bestimmt von mir drücke, unterbricht er sein Tun mit einem protestierenden Knurren.
„Howard, ich bin wirklich müde.“ Ich umschließe sein Gesicht mit meinen Händen und schaue ihm schläfrig in die Augen. Die Enttäuschung ist ihm deutlich anzusehen.
„Kann ich dich nicht irgendwie wieder aufwecken?“, nuschelt er und lässt seine Hand spielerisch über meinen Hosenbund wandern. Ich schüttle den Kopf und er muss einsehen, dass sein Vorhaben nicht fruchtet. Vielleicht ticke ich etwas anders als der normale Mann, doch wenn ich sauer bin, bin ich sauer und wenn ich schlafen möchte, möchte ich schlafen. Nicht mehr und nicht weniger. Da könnte eine Herde nackter Models an mir vorbeirennen und es würde mich nicht interessieren. Wobei … bei einem guten George Clooney Double würde ich es mir durchaus überlegen.
„Warum bist du denn auf einmal so wach? Bist du wirklich wieder fit?“
„Ja, irgendwie schon“, gibt er mir schief grinsend zur Antwort, nichtsahnend, dass er damit sein Schicksal für heute besiegelt. Wäre er schlaftrunken gewesen, hätte ich mich nicht getraut, ihn rauszuwerfen und heimzuschicken, doch unter diesen Umständen ist er durchaus fähig noch Auto zu fahren.
„Sorry, aber ich möchte echt in mein Bett und würde dich rausschmeißen.“
Seine Gesichtszüge entgleisen und ich muss mich zusammenreißen, um nicht in Gelächter auszubrechen und ernst zu bleiben. Enttäuschung pur bei Howard. Tja so kann’s gehen, selber schuld.
„Dein Ernst? Und wenn wir …?“
„Nein, tut mir leid, aber es ist besser, wenn du gehst“, unterbreche ich ihn mit einem Gähnen, worauf er sich murrend erhebt und seine Sachen zusammen sucht. Als guter Freund helfe ich ihm natürlich dabei. Ich möchte ja nicht, dass der arme Kerl etwas vergisst und wieder umdrehen muss. Das kann ich ihm nicht zumuten.
„Meldest du dich, wenn du daheim angekommen bist?“, frage ich und hauche ihm einen Abschiedskuss auf die Lippen. Er seufzt und zieht mich zu einem längeren Kuss zu sich, den ich träge erwidere. Aus dem Schlafzimmer höre ich mein Bett eine einlullende Melodie summen.
„Bist du da überhaupt noch wach?“
„Ich versuche es?“, gebe ich mit einem Lächeln zurück.
„Okay, mach ich. Dann schlaf gut.“
„Du dann auch – aber natürlich erst, wenn du daheim bist.“
Er starrt nochmal sehnsüchtig in mein Schlafzimmer und macht Anstalten, zu widersprechen. Flink hauche ich ihm abermals ein Kuss auf den Mund, bevor er einen Ton herausbringen kann, schiebe ihn nach draußen und schließe die Tür. Sein frustrierter Blick ist mir natürlich nicht entgangen. Tja, Pech gehabt. Die Nacht hätte auch anders enden können, doch so nicht. Räkelnd mache ich mich auf den Weg ins Badezimmer und danach in mein kuscheliges Bett.
Kapitel 9
Colin:
Oh Mann. Ehrlich gesagt, bin ich – Colin Morninquest – frustriert. Und das kommt wahrlich nicht oft vor. Ich bin zwar öfter nachdenklich und zur Zeit auch sehr oft traurig, doch nun bin ich wirklich enttäuscht. Das liegt nicht an meiner Arbeit direkt, Buchhaltung ist zwar nicht das spannendste Gebiet, doch mir hat das Buchen und Kontieren schon immer Spaß gemacht. Ich finde es beruhigend, alles zu ordnen und ins Reine zu bringen. Seltsam? Kann sein, aber ich steh dazu. Doch das ist nicht das Problem. Nein, Emanuel bereitet mir Kopfzerbrechen. Seit dem Abend im Stronger und das ist jetzt bereits drei Tage her, haben wir uns nicht mehr unterhalten. Zwar haben wir uns beim Vorbeigehen gesehen und gegrüßt, aber mehr war nicht drin. Bin ich albern, wenn ich mir Gedanken über den Kuss mache? Wahrscheinlich hat es ihm nichts bedeutet. Es war einfach nur der Moment, er war gut gelaunt und in Partystimmung und ich war eben verfügbar … Ich weiß auch nicht. Ich benehme mich völlig idiotisch. Womöglich möchte ich zu viel zu schnell. Abgesehen davon weiß ich nicht einmal, ob ich etwas für ihn empfinde. Klar, er ist heiß. Verdammt heiß. Diese Muskeln, die grünen Augen und sein Blick … wer könnte da schon widerstehen? Und vermutlich ist genau das das Problem. Es scheint zu stimmen, was man sagt: Die Jungen müssen sich heutzutage erst einmal die Hörner abstoßen. Vielleicht wäre das bei mir auch der Fall gewesen, wenn ich später geboren worden wäre. Kann, wäre, hätte – egal. Fakt ist, ich sollte endlich meinen Kopf freibekommen und mich nicht an jeden Strohhalm klammern wie ein Ertrinkender. Wenn mich einer retten kann, dann bin ich das selbst. Und trotzdem … warum tut Emanuel jetzt so, als wäre nichts passiert? War es für ihn womöglich nicht von Bedeutung? Und wieso bekomme ich diesen blöden Kuss nicht mehr aus dem Kopf? Warum habe ich mich überhaupt darauf eingelassen? Das ganze Gefühlschaos nervt und macht mich kaputt. Was ich brauche, ist ein Ausschaltknopf. Zumindest für einige Zeit. Das würde alles einfacher machen. Seufzend räume ich meinen Arbeitsplatz auf. Der tägliche Spaziergang und etwas frische Luft werden mir guttun.
Ich schließe mein Büro ab und verlasse den Hauptsitz der Loires. Nach ein paar Metern, als ich gerade dabei bin, endlich mein Gedankenkarussell zu entwirren, höre ich eine vertraute Stimme hinter mir.
„Colin! Colin, Moment.“
Ich bleibe stehen und warte bis Emanuel zu mir aufgeschlossen hat. So viel zum Klären meiner Gedanken. Jetzt beginnt das Ganze von vorne.
„Du machst Feierabend?“
„Ja, reicht für heute. Und wie schaut es mit dir aus?“
„He he, leider noch nicht. Nur eine kurze Pause. Ich denke, so zwei Stunden muss ich noch ran. Hast du dann Zeit? Ich würde dir gerne was vorbeibringen.“
Überrascht sehe ich ihn an und warte darauf, dass er fortfährt. Seine Antwort ist ein breites Grinsen. Gerade als ich nachhaken möchte, rückt er mit der Sprache heraus.
„Bist du bereit in den Inner Circle von den Bukischen Jüngern einzutreten?“
Meine Augen weiten sich und ich verharre in der Bewegung.
„Dann geht das mit dem Kult jetzt los?“
„Ja, die Zeit ist gekommen. Schon bald bist du ein vollwertiges Mitglied. Aber dafür musst du auch ein bisschen was tun.“
Aha, also doch. Lauernd sehe ich ihn an. Ich bin gespannt, was von mir erwartet wird. Zu meiner Überraschung beginnt er herzhaft zu lachen.
„Mensch Colin, du siehst mich an, als würden wir als Gegenleistung einen Finger von dir verlangen.“
„Tut ihr nicht?“, gebe ich schmunzelnd zurück, worauf er richtig losprustet und mir auf die Schulter schlägt.
„Nein, so etwas tun wir nun wirklich nicht. Aber ich werde dir nachher etwas Fleißarbeit vorbeibringen, falls du da bist. Oder hast du andere Pläne?“
„Nein, ich bin daheim.“
„Gut, dann schau ich in ein paar Stunden vorbei.“
„Du verrätst mir nicht, um was es sich handelt, oder?“ Ich ahne die Antwort zwar bereits, denn so gut kenne ich ihn mittlerweile, dennoch riskiere ich die Frage.
„Natürlich nicht“, bestätigt er mir meine Vermutung mit einem breiten Grinsen. „Dann bis später. Ich mach mich mal ran, umso früher bin ich fertig.“
„Alles klar, bis dann.“
Ich nicke ihm kurz zu und drehe mich um, als er mich am Handgelenk ergreift und schwungvoll zu sich herumwirbelt. Den Halt verlierend fliege ich ihm entgegen und finde mich plötzlich in seinen Armen wieder.
„Hey, was …?“
Sein Mund verschließt den meinen, sodass meine Worte verstummen. So schnell die Aktion begann, so schnell ist sie auch wieder vorüber. Lasziv leckt er sich über die Lippen und zwinkert mir zu.
„Ich wollte mich nur anständig verabschieden.“
Mit diesen Worten dreht er sich um und lässt mich verwirrt zurück.
***
„Was soll ich damit?“, frage ich stirnrunzelnd und nehme das Blatt entgegen, während ich ihn eintreten lasse.
„Das ist deine Fleißarbeit für das Ritual. Die Zeilen musst du auswendig lernen.“
Skeptisch lese ich mir die Verse durch. Ernsthaft?
„Sind das … Gebete?“
„Genau.“
„Wozu?“
„Die musst du im Ritual vortragen und zwar auswendig.“
„Und wann genau ist das Ritual?“ Dumme Frage. Noch während ich sie stelle, weiß ich, dass er sie mir nicht beantworten wird.
„Lass dich überraschen. Du solltest sie auf jeden Fall schnell verinnerlichen. Die Gebete und die Zeremonie an für sich, dienen dazu, deinen Geist und dein Herz zu fester Entschlossenheit zu stählen.“
Ich ziehe argwöhnisch meine Brauen in die Höhe und ernte ein Grienen.
„Hast du das jetzt irgendwo auswendig gelernt?“
„Hat man das so eindeutig gehört? Die weisen und gehobenen Worte könnten ja auch von mir stammen.“
„Ach?“ Ich beginne zu schmunzeln und er hebt spielerisch drohend den Zeigefinger.
„Hey, also bitte. Was willst du mir damit sagen? In mir stecken viele Dinge und verborgene Talente, die du noch nicht kennst.“
Mit einem anzüglichen Grinsen tritt er einen Schritt auf mich zu und streicht mir eine Strähne aus dem Gesicht. Ich bin wie elektrisiert. Kaum fähig, mich zu bewegen. Mein Kopf ist in dem Moment wie leergefegt. Wie macht er das nur?
„Du siehst nicht gerade aus, als würdest du mir glauben“, flüstert er mir ins Ohr und mein Körper reagiert mit einer Gänsehaut. „Dann sollte ich dich wohl von meinen außergewöhnlichen Fähigkeiten überzeugen.“
Seine Lippen legen sich abermals auf meine und er schiebt mich rückwärts zum Bett. Ehe ich mich versehe, landen wir beide auf der Matratze und lassen unsere Hände den Körper des jeweils anderen erkunden. Ich fühle mich gefangen in der Hitze des Gefechts und bin doch zwiegespalten. Meine Haut schreit förmlich ja, aber mein Verstand stutzt. Warum das der Fall ist? Ganz einfach: Shuzee schiebt sich immer wieder in meine Gedanken. Und so blöd und unglücklich das jetzt in der Situation kommen mag, denn ich finde Emanuel wirklich interessant, doch ich kann mich einfach nicht fallen lassen. Nicht nur meine kürzliche Beziehung, sondern auch der Fakt, das der junge Gärtner und ich uns fast täglich über den Weg laufen könnte ein Problem werden, falls die Liebelei nach hinten losgeht. Wahrscheinlich mache ich mir zu viele Gedanken und meine Hüfte drückt sich sehnsüchtig an seine, doch ich unterbreche den Kuss und schiebe ihn vorsichtig mit den Händen zurück. Verdattert über meine gespaltene Reaktion starrt er mich an, bewegt sich allerdings nicht von mir runter.
„Was ist?“, fragt er atemlos und sofort bekomme ich ein schlechtes Gewissen – was wiederum Schwachsinn ist, dennoch kann ich es nicht abstellen.
„Sorry, ich kann nicht … das geht mir alles etwas zu schnell“, bringe ich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich hervor, worauf er den Kopf leicht schief legt.
„Zu schnell? Aber es gefällt dir, oder?“ Er unterstreicht seine Worte, indem er seinen Unterkörper verführerisch gegen meinen drückt und sich unsere Erektionen aufreizend aneinander reiben. Ein sehnsüchtiges Seufzen entrinnt meinen Lippen und mein Körper straft mich für meine Vernunft, aber es wäre einfach nicht richtig.
„Schon … das ist nicht das Problem“, gestehe ich und wünschte, er würde von mir runtergehen und mich von der Situation erlösen, denn ich habe Angst, doch schwach zu werden.
„Was ist es dann?“
„Ich habe erst eine längere Beziehung hinter mir und bin noch nicht über ihn hinweg“, verrate ich gerade heraus. „Ich kann jetzt nicht … ich würde schon gerne, aber ich kann nicht.“
Emanuels Gesichtszüge werden ernst. Trotzdem rührt er sich zu meinem Leidwesen keinen Millimeter.
„Okay, das verstehe ich sogar, auch wenn ich es natürlich schade finde.“ Er betrachtet mich eine Weile nachdenklich und ich bin am überlegen, wie ich ihm freundlich klar mache, dass er von mir runtergehen soll. Plötzlich umspielt ein schelmisches Grinsen seine Lippen. „Und wenn ich dir verspreche, nicht mit dir zu schlafen?“
Wie meint er das denn jetzt? Und wieso macht er dann keine Anstalten, aufzustehen?
„Was meinst du?“
„Ich möchte dich lediglich etwas verwöhnen. Ist das okay?“
Verwirrt schaue ich in seine hypnotisierenden, dunkelgrünen Augen. Selbst wenn ich ernsthaft widersprechen wollte, könnte ich es jetzt nicht. Verdammt, mir ist echt nicht mehr zu helfen. Ein Blick in dieses Smaragdgrün und alle meine guten Vorsätze ertrinken auf der Stelle. Ich erkenne mich selbst nicht mehr wieder. Und dennoch ist da dieses warnende Gefühl tief in meinem Innern, das ich mir nicht erklären kann.
„J-ja, ich denke schon …“
Er beginnt über das ganze Gesicht zu strahlen und seine Augen funkeln verheißungsvoll.
„Dann lehn dich zurück und ich werde dir einen Blow Job verpassen, der dich deinen bescheuerten Ex gänzlich vergessen lässt.“ Mit diesen Worten fahren seine Hände unter meinen Pullover über den Oberkörper und ein wohliger Schauer lässt mich erzittern. Ich lasse mich ins Kissen zurücksinken, als seine Zungenspitze über mein Brustbein tanzt und spielerische Kreise auf meiner Haut zeichnet. Nur wenige Minuten später arbeitet er sich zum Hosenbund hinunter, um mich von seinen verborgenen Talenten zu überzeugen. Und ich muss gestehen: Er ist richtig gut. So soll er tatsächlich recht behalten und Shuzee verschwindet für den restlichen Abend aus meinen Gedanken.
Kapitel 10
Kanji:
So kann es nicht weitergehen. Seit Halloween ist der Wurm drin. Wir haben uns nicht mehr getroffen, sondern nur noch über das Handy kommuniziert. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass er sauer ist. Wahrscheinlich hat das damit zu tun, dass ich ihn rausgeworfen habe. Dennoch: Es war zu hundert Prozent richtig und ich würde es wieder tun. Soll er ruhig angepisst sein, ich bin auch wütend! Ich habe auf eine Entschuldigung für seinen Tonfall vor meinen Freunden gewartet, doch die blieb aus. Per Handy drucksen wir beide nur herum und kommen nicht zum Punkt. So praktisch ich die Smart- und I-Phones finde, sie erschweren die Kommunikation im Endeffekt gewaltig, denn man versteht sich sehr oft falsch.
Jedenfalls ist das der Grund, warum ich mich spontan entschlossen habe, nach der Arbeit bei Howard vorbeizufahren. Ich habe mit Link vorher darüber gesprochen und auch er hielt es für eine gute Idee. Allerdings muss man dazu sagen, dass es Howard sowohl bei meinem Kumpel als auch bei Seiji total verkackt hat. Sein Auftritt an Halloween hat gesessen.
Ich parke mein Auto am Straßenrand und stelle überrascht fest, dass das Hoftor offen ist. Nun gut, so erspare ich mir das Klingeln. Ich bin nicht scharf darauf, seiner Schwester oder gar der Mutter zu begegnen. Mit schnellen Schritten laufe ich auf den Gebäudekomplex zu, doch überlege es mir nochmal anders und beschließe, es Audrie gleichzutun. Mal schauen, welchen Blick sie durch das Fenster erhaschen konnte. Da ich ein ganzes Stück größer bin, als sie, muss ich mich nicht auf die Zehenspitzen stellen und sehe durch das Glas. Von dem Blickwinkel aus, konnte sie uns perfekt auf der Couch rummachen sehen. Na toll. Was jedoch noch viel schlimmer ist, ist die eindeutige Szene, die sich gerade innen abspielt. Audrie und Howard stehen sich gegenüber, eng umschlungen, und tauschen Speichel aus. Meine Kinnlade klappt entgeistert nach unten. Ich kann einfach nicht glauben, was ich da sehe. Eine unbändige Wut erwacht in mir und schlägt hohe Wellen. Dieser blöde Arsch! Das kann ja wohl nicht wahr sein. Wie Panne ist das denn?!
Wütend klopfe ich gegen das Fenster. Die beiden fahren erschrocken auseinander und wirbeln herum. Als Howard mich erblickt wird er totenblass und Audrie dreht sich schnell von mir weg. Ein sarkastisches Grinsen bildet sich um meine Mundwinkel. Das reicht mir als Reaktion der zwei Inzestturteltäubchen. Schweigen sagt in solchen Fällen mehr als tausend Worte. Ich drehe mich um, um den Schauplatz der Tragödie zu verlassen, habe das offene Hoftor fast erreicht, als die Haustür schwungvoll aufgerissen wird.
„Kanji! Kanji, bleib stehen!“
Natürlich mache ich das nicht. Am besten ruft er mich gleich bei Fuß wie ein treudoofes Schoßhündchen. Ohne mich umzudrehen laufe ich weiter, bin schon fast draußen, als er mich eingeholt hat und festhält.
„Mensch, Kanji, ich hab gesagt du sollst warten!“
Ich funkle ihn wütend an und entreiße mich seinem Griff. In meinem Innern beginnt es gefährlich zu brodeln, wie ein Vulkan, der kurz vor dem Ausbruch ist.
„Und warum sollte ich das deiner Meinung nach tun?“
„Weil du mein Freund bist und …“
„Ach? Sieht für mich eher aus, als hättest du was mit deiner Cousine am Laufen.“
„Nein, nein, so ist das nicht“, beginnt er verzweifelt zu lamentieren und versucht, nach meinen Händen zu greifen, worauf ich allerdings keine Lust habe. „Ich weiß, wie das für dich ausgesehen haben muss, aber verdammt, warum guckst du auch durch das Fenster? Wieso hast du nicht gesagt, dass du kommst und wie bist du durch das Hoftor gekommen?“
„Ernsthaft?“, fauche ich ihn an und ich kann gar nicht sagen, wieviel Kraft es mich kostet, ihm keine zu verpassen. Der Kerl hat echt Nerven. Will er jetzt mir den schwarzen Peter zu werfen? Ich soll mich das nächste Mal anmelden, damit er nicht mit seiner Cousine rummacht? Unglaublich.
„Warte, nein, das meine ich nicht!“ Er rauft sich die Haare und sieht mich bettelnd an. „Kanji, bitte hör mir zu. Du musst mir glauben. Audrie hat sich da in einen Jungen aus ihrer Klasse verknallt und sie hat noch nie geküsst.“
„Ach und du bist ihr Lehrmeister oder was?“ Ich werde plötzlich ruhiger, meine Tonlage spitzer.
„Mensch, Kanji, sie hat Angst sich bei ihrem ersten Kuss zu blamieren! Kannst du das nicht nachvollziehen?!“
Ein sarkastisches Lachen entrinnt meiner Kehle. In was für einer Schmierenkomödie bin ich denn da gelandet? Ist das wirklich kein Traum? Die Situation ist zu verrückt, um wahr zu sein.
„Wie selbstlos von dir.“
Er mustert mich auf meine tonlose Antwort und versucht sie abzuwägen. Ich weiß selbst nicht, wo die Wut auf einmal hin ist, doch sie ist abrupt verpufft. Ich betrachte ihn von oben bis unten, schiele leicht über seine Schulter, wo Audrie hinter der Hausecke steht und uns beobachtet. Das Ganze erscheint mir schlagartig derart lächerlich, dass es sich schlichtweg nicht lohnt, verärgert zu sein. Meine restliche Zuneigung zu Howard, und ich gestehe, es war leider ohnehin nicht viel, denn sie hat von Tag zu Tag abgenommen, löst sich in Luft auf. Zurück bleiben nur ein schwaches Lächeln und die Frage, warum ich nicht schon früher auf den Trichter gekommen bin, anstatt meine Zeit mit ihm zu verschwenden.
„Kanji, ich …“
„Howard, sorry dass ich dich jetzt unterbreche, aber die Ausflüchte kannst du dir sparen.“
„Du glaubst mir nicht?“
„Nein, tue ich nicht, aber selbst wenn: diese Beziehung – wir haben keine Zukunft. Das funktioniert einfach nicht.“
„Aber du hast es doch noch gar nicht versucht!“
Jetzt muss ich tatsächlich lachen. Das Einzige was mich fortlaufend ärgert, ist die vergeudete Zeit.
„Oh und wie ich es versucht habe! Ich gebe dir auch nicht wirklich die Schuld, es passt zwischen uns nur nicht. Das musst du doch auch spüren!“
„Du gibst zu schnell auf“, bringt er resigniert hervor und wirft mir einen schuldzuweisenden Blick zu. Darauf kann ich nur leicht den Kopf schütteln.
„Kann sein, aber ich habe keine Lust mehr. Weder habe ich Bock, deine schräge Familie näher kennenzulernen, was auf Gegenseitigkeit zu beruhen scheint, noch habe ich das Bedürfnis, weiter deine Ausflüchte zu hören, warum du deine Cousine abschlabberst, die dich mehr als nur anhimmelt. Ich wünsch dir was.“
Ich beuge mich kurz auf die Seite und wende mich direkt an Audrie, die mich aus großen, erschrockenen, aber hoffnungsvollen Augen ansieht.
„Viel Spaß noch.“
Mit einem kurzen Winken drehe ich mich um. Aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, wie mein Exfreund nach mir greifen möchte, es sich dann aber anders überlegt. Die Bitterkeit in seinem Gesicht ist nicht zu übersehen, sei es drum. Ich bin froh, dass ich ihn los bin. Beschwingt setze ich mich in mein Auto und starte den Motor. Ich weiß auch schon genau, wo ich hin möchte.
***
Eine Stunde später öffnet mir Link mit einem schiefen Lächeln die Tür.
„Hat wohl nicht so gut funktioniert, deine Aussprache?“, begrüßt er mich und lässt mich nach einer freundschaftlichen Umarmung in seine Wohnung. Seiji ist gestern bereits wieder abgereist, sodass ich ungestört mit ihm reden kann.
„Wie man es nimmt.“
„Magst du was trinken?“
„Davon kannst du ausgehen – ich habe uns was mitgebracht.“ Mit einem Grinsen hole ich eine kleine Flasche Rotwein hervor und reiche sie Link, der sie lachend entgegennimmt. Wir wandern mit dem Wein und zwei Gläsern auf die Couch. Dass ich heute bei ihm übernachte, ist beschlossene Sache, ansonsten würde ich nichts trinken. In der Hinsicht ist sowohl Link als auch ich sehr straight.
„Okay, dann schieß mal los. Was ist passiert?“
„Eigentlich nicht viel oder nichts, was ich nicht eh bereits geahnt habe.“ Ich schwenke den Wein spielerisch im Glas und beobachte seine Bewegung. Bevor Link am Platzen ist, dem ich die Neugier überdeutlich ansehe, fahre ich fort. „Das Hoftor war offen als ich ankam. Also bin ich rein und dachte, ich schau mal, was seine kleine Cousine durch das Fenster damals alles gesehen hat.“
„Hatte sie einen guten Blick?“
„Und wie. Ebenso wie ich. So konnte ich genau sehen, wie er ihr das Küssen beigebracht hat.“
„Nicht wahr?!“
„Doch.“
„Scheiße.“ Link beginnt peinlich berührt zu lachen und schüttelt den Kopf. „Mann, Kanji, sorry, das hätte ich jetzt echt nicht gedacht.“
„Kein Ding. Ich hatte ja so ein Gefühl, wollte es aber selber nicht direkt glauben.“
„Was hast du gemacht? Ich kenne dich jetzt schon lange genug um zu wissen, dass du garantiert nicht einfach still und heimlich wieder gegangen bist.“
„Wieso nicht?“
„Das kauf ich dir nicht ab.“
Ich kann mir ein weiteres Grinsen nicht verkneifen und nicke.
„Du hast gewonnen. Ich habe gegen die Scheibe geklopft und wollte gehen, als er hinterher gerannt kam und ich ihn zur Rede gestellt habe. Er hat sich krampfhaft versucht rauszureden und irgendwie … keine Ahnung. Am Anfang wollte ich ihm eine runter hauen, doch dann war es mir einfach zu blöd. Ich hab mit ihm Schluss gemacht und bin froh, dass ich diesen Spinner los bin.“
„Ts… echt krass. Tut mir leid, Alter.“
„Wie gesagt: ist besser. Es war eh von Anfang an nicht harmonisch zwischen uns. Abgesehen davon gibt es jetzt wirklich nichts mehr, was mich in Würzburg hält.“
„Trifft sich gut. Darüber wollte ich nämlich noch mit dir sprechen.“ Link greift neben sich in die Schublade und holt ein paar Briefe hervor.
„Was ist das?“
„Die Genehmigung für unsere Versetzung. Wir dürfen zwischen zwei Orten wählen.“
„Du musst mir nicht beide nennen, wie ich dich kenne, hast du bereits einen Favoriten, oder?“
„Japp, aber ich möchte es trotzdem mit dir absprechen. Wir sind immerhin Partner und deine Meinung ist mir wichtig.“
Ich winke ab und nehme einen ausgiebigen Schluck aus meinem Glas.
„Wo ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass Seiji in der Nähe genommen wird?“
„Ettal …“
Ein verträumtes Schmunzeln umspielt seine Lippen und ich lache leise auf. Hatte ich also mit allem Recht. Nun denn, ich bin bereit für eine Reise. Auffordernd hebe ich zum Prost das Glas.
„Na dann, auf ins Ettal!“
Kapitel 11
Colin:
Ich reibe meine Hände aneinander und bewundere den ersten Schnee. Anfang November und es schneit! In freudiger Erwartung mache ich mich schnell frisch und schnappe mir meinen Mantel mitsamt Handschuhe und Mütze. Vom Musikpavillon hat man bestimmt einen wundervollen Blick auf die eingeschneite Landschaft. Das muss ich mir einfach ansehen und am besten, bevor es völlig dunkel ist. Wobei der Venustempel sowie auch das Schloss und Wasserparterre nachts beleuchtet werden. Der Anblick ist bereits ohne Schnee ein Traum, aber mit … ich kann es kaum erwarten!
Ich will die Tür gerade aufreißen, als ich viele Schritte und eine Art Gesang auf dem Flur höre. Ich kenne die Sprache nicht, aber die Leute, zu denen die Stimmen gehören. Unter anderem Meryl und Emanuel. Ich strecke meine Hand aus, doch zögere. Es fühlt sich nicht richtig an. Da ist etwas Beängstigendes. Bedrohliches. Gefährliches.
Ich zucke erschrocken zusammen, als es klopft. Ein hohles und lautes Klopfen. Ich bin erstarrt. Die Furcht lähmt mich, wenngleich mein Herz sich bei seinen Sprüngen regelrecht überschlägt.
„Colin?“ Emanuels Stimme reißt mich aus meiner beängstigenden Trance und ich öffne mit bangem Herz die Tür. Vielleicht sollte ich beruhigt sein, das vertraute Gesicht zur Stimme zu sehen, von dem Kerl, in den ich mich offensichtlich verguckt habe, wäre da nicht diese seltsame Aufmachung. Seine Bekleidung besteht aus einer tristen, grauen Kutte, die in der Taille mit einer Kordel zusammen gebunden ist. Er ignoriert meinen offensichtlich verwirrten Blick und sieht mich ernst an.
„Bist du bereit, Colin Morningquest?“
Mein Mund öffnet sich zwar, doch kein Ton kommt daraus hervor. Erst recht nicht, als ich Meryl und viele weitere Angestellte in derselben Kluft hinter ihm stehen sehe. In den Händen hat jeder Einzelne von ihnen eine entzündete Kerze.
Emanuel räuspert sich und verpasst mir einen leichten Stups.
„Bereit wofür?“, flüstere ich noch immer fassungslos und fühle mich, als wäre ich aus Versehen inmitten eines Theaterstücks gelandet, dessen Text und Handlung mir völlig unbekannt sind.
„Für das erste Ritual. Es ist Neumond. Die Zeit ist reif.“
Kurz gerate ich in Versuchung über seine Wortwahl zu lachen, doch die vielen Mienen, die mich todernst anblicken lassen mich im letzten Moment umschwenken. Die scheinen das mit ihrem Kult aber verdammt ernst zu nehmen, dafür dass alles angeblich so harmlos ist. Oder handelt es sich doch um einen Scherz und ich steige nicht dahinter? Hierfür ist die Stimmung jedoch zu angespannt. Sei es drum. Ich straffe meine Schultern und versuche gleichzeitig, die Angst abzuschütteln. Wovor sollte ich mich auch fürchten? Lächerlich.
„Ja, ich bin bereit.“
„Sehr gut. Wie ich sehe, hast du deine Wintersachen bereits an. Mehr benötigst du nicht. Bitte folge mir.“
Emanuel nickt mir zufrieden zu. Ich tue wie mir aufgetragen, und schließe mich der Gruppe an. Der Gärtner und ich bilden die Spitze, die anderen folgen uns und beginnen wieder leise vor sich hin zu singen. Ich muss wirklich mit mir kämpfen, um nicht zu grinsen oder gar loszuprusten. Das ist einfach zu verrückt. Ganz und gar nicht meine Welt.
Da Emanuel keine Anstalten machen wird, sich mit mir zu unterhalten und mit den anderen auch nichts anzufangen ist, nutze ich die Zeit, um mich umzusehen und die Landschaft zu genießen. Dicke Flocken fallen tanzend vom Abendhimmel herab und hüllen die Szenerie in ein atemberaubendes Weiß. In ein paar Stunden wird das gesamte Areal in eine glitzernde und majestätische Blässe gehüllt sein. Meine Haut beginnt voller Vorfreude zu kribbeln und ich fühle mich fast wie ein Kind, das sich auf seine Weihnachtsgeschenke freut. Ich kann nur hoffen, dass diese Zeremonie nicht allzu lange dauert und ich noch etwas von dem Abend habe.
Zu meiner Überraschung laufen wir nicht zum Anwesen, sondern biegen die Steigung nach links ab, die zum Marokkanischen Haus führt. Ich bin bereits die Tage ein paar Mal daran vorbei gelaufen. Da das kleine in Weiß, Rot und Gold gehaltene Gebäude allerdings abgeschlossen war und man nicht hineinsehen konnte, habe ich mich nicht weiter damit befasst. Wir erklimmen die wenigen Treppenstufen. Erst auf den zweiten Blick entdecke ich, dass das sperrige Gittertor dieses Mal nicht vorgezogen ist. Emanuel bleibt stehen und der Gesang hinter mir verstummt. Im nächsten Augenblick ist es gespenstisch still, sodass ich mir die Melodie fast schon wieder herbei sehne. Das Klackern des zierlichen Schlüssels im Schloss klingt unglaublich laut in meinen Ohren. Mit einer andächtigen Bewegung öffnet er die Tür, bleibt jedoch davor stehen, sodass ich keinen Blick ins Innere erhaschen kann. Langsam dreht er sich zu mir um und seine Augen bohren sich eindringlich in meine. Ich bin versucht, mich abzuwenden, denn die Massivität erdrückt mich, doch ich halte stand.
„Colin, hör mir jetzt bitte gut zu, denn ich werde mich nicht wiederholen.“
Benommen nicke ich und kann nicht verhindern, dass die Aufregung doch wieder die Oberhand über mich gewinnt. Die gesamte Stimmung ist so extrem seltsam. Ich kann damit nicht umgehen. Das macht mich noch verrückt.
„Du wirst dich allein in das Marokkanische Haus begeben. Deine Aufgabe besteht darin, nicht einzuschlafen. Meryl, Charlie und ich sind deine Mentoren und werden dir helfen, wach zu bleiben. Des Weiteren werden wir Wache halten und dir zwei Mahlzeiten am Tag bringen. Jeweils zur Mittagsstunde und um Mitternacht. Vor dem Essen musst du deine Gebete laut und deutlich aufsagen, die du dir verinnerlicht hast. Die Dauer des Rituals beträgt eine Woche und beginnt ab sofort.“
Abermals nicke ich, aber seine Worte kommen nicht gleich bei mir an. Oder kann ich ihn nur nicht verstehen? Hat er tatsächlich gesagt, dass die gesamte Prozedur eine ganze Woche gehen soll? Was ist mit meiner Arbeit? Mein Kopf beginnt zu schwirren. Emanuel scheint aus mir lesen zu können wie aus einem offenen Buch.
„Mach dir keine Sorgen. Die Herrschaften Loire wissen Bescheid. Du bist natürlich für die Dauer des Rituals von der Buchhaltung befreit.“
Er nickt mir zu und schenkt mir ein aufmunterndes Lächeln. Das beruhigt mich ein bisschen. Ich atme tief durch und trete in das Marokkanische Haus ein. Das prunkvolle Innere erschlägt mich fast mit seiner orientalischen Pracht aus Blau, Rot und Gold. Ich kann mich nicht entscheiden, wo ich zuerst hinsehen soll. Wände, Fußboden, Säule und Decke – alles ist über und über mit Zierrat und edlen Mustern bedeckt. Mein Auge ist überfordert. Halt suchend krallt sich mein Blick an einer Art Altar fest, der reich mit exotischen Pflanzen und Blumen geziert ist. Davor liegt eine dicke Wolldecke, wohl mein einziger Komfort in dieser Behausung. Ein Kissen oder gar eine Schlafstätte suche ich vergebens. Ein dumpfes Geräusch lässt mich zusammen fahren. Schnell wirble ich herum und stelle fest, dass die Tür geschlossen wurde. Ich bin allein. An der Decke hängt ein bunter Kronleuchter und flutet den Raum in helles Licht, wahrscheinlich um ein Einschlafen zu verhindern. Ich seufze. So hatte ich mir meinen Abend wahrlich nicht vorgestellt. Eine ganze Woche hier drin. Eingesperrt. Allein. Bereits der Gedanke lässt mich frösteln. Und da stellt sich noch ein weiteres Problem, wenn ich sieben Tage hierbleiben soll: die Toilette. Mit einem flauen Gefühl im Magen mache ich mich auf die Suche. Da das Gebäude nicht sehr groß ist, werde ich in einer der wenigen Nischen schnell fündig. Ein winziges WC, jedoch keine einzige Waschmöglichkeit. Ich laufe die Räumlichkeiten noch drei weitere Male ab und werde nicht fündig.
„Das kann ja heiter weiter …“, nuschle ich und versuche mich auf die auswendig gelernten Gebete zurückzubesinnen. Ohne eingebildet zu klingen, aber ich hatte schon immer ein recht gutes Gedächtnis, sodass mir das Auswendiglernen von Gedichten und Ähnlichem nie sonderlich schwergefallen ist. Das kommt mir nun zu Gute. Ich hoffe nur, dass ich die Gebete auch zusammen bekomme, wenn ich eine Woche lang nicht schlafen darf. Ist das überhaupt möglich? Sieben Tage ohne Nachtruhe? Mir graut davor. Um dem Vergessen der Gebete etwas vorzubeugen und mich selbst zu beschäftigen, gehe ich die Verse im Stillen noch mal durch und hoffe, dass ich diese furchtbaren Tage schnell und so gut wie nur möglich überstehe.
***
Mir ist kalt. Und ich meine nicht einfach ein bisschen, sondern richtig. Ich habe das Gefühl zu erfrieren. Müde und hungrig laufe ich auf und ab, die Decke fest um mich geschlungen. Wärmend puste ich in mir in die Hände, doch der Erfolg bleibt aus. Bisher sind zwei Tage vergangen. Ich stinke und fühle mich unwohl. Auf meinen Zähnen hat sich ein ekliger Belag gebildet. Ich triefe vor Dreck und ich sehne mich nach frischer Luft. Einem Bett. Schlaf. Oh wie sehr lechze ich danach zu träumen. Die Müdigkeit zerrt an meinen Knochen und ich bin auch fast ein paar Mal eingenickt, doch Emanuel, Charlie und Meryl scheinen mich irgendwie zu beobachten und schrecken mich jedes Mal wieder auf. Entweder haben die Wände Augen oder es sind irgendwo Kameras versteckt. Ich weiß nicht, wie ich das mindestens fünf weitere Tage durchstehen soll. Jede einzelne Sekunde zieht sich zu einem einzigen Albtraum.
Es klopft an die Tür und sogleich höre ich den Schlüssel im Schloss, bevor die Tür leise aufschwingt. Meryl tritt ein, in ihrer Hand das gewohnte Tablett mit einer großen Karaffe mit warmen Wasser und einer Schale dampfenden Haferschleims. Noch vor drei Tagen hätte mich keiner dazu bewegen können, das anzurühren. Nun erscheint es mir wie das reinste Ambrosia. Mein Magen meldet sich grummelnd zu Wort, während meine Kollegin schweigend an mir vorbeigeht, das Tablett auf dem Altar abstellt und wortlos verschwindet. So lief das bisher immer. Außer wenn ich am Einschlafen bin, wechselt keiner ein Wort mit mir. Eine Gefangenschaft könnte kaum schlimmer sein. Ich warte, bis sie die Tür wieder verschlossen hat, und setze mich vor den gedeckten Altar. Bevor ich den warmen Brei hinunterschlingen kann, muss ich allerdings das Gebet aufsagen. Ich merke bereits jetzt die deutlichen Spuren der Erschöpfung, die mir das Erinnern erheblich erschweren. Tief Luft holend sammle ich meine Kräfte, bevor ich beginne.
„Dich, große und mächtige Buki, Beherrscherin aller Geister, flehe ich an! Oh große Buki, dir weihe ich meine Seele, mein Herz, meine Eingeweide, meine Hände, meine Beine, meine Seufzer, mein ganzes Dasein und Wesen. Oh große Buki, sei mir huldreich und gnädig.“
Hungrig mache ich mich über den wärmenden Haferschleim her und frage mich im Stillen nicht das erste Mal, in was für einen Mist ich da nur hineingeraten bin und wie ich das Ganze durchstehen soll. Allerdings brauche ich die Stelle und die Wohnung. Die Erkenntnis zieht mich herunter in einem schwarzen Sog. Ich bin ausgeliefert. Mir bleibt nichts anderes übrig, als das Ritual durchzuziehen und zu hoffen, dass es damit beendet ist und nicht noch mehr grauenhafte Zeremonien auf mich warten. So viel zu Emanuels Aussage, die Riten wären langweilig, harmlos und unspektakulär. Anscheinend ist das Ansichtssache.
Kapitel 12
Kanji:
„Was die von uns wollen?“ Ich gähne ausgiebig und strecke meine müden Knochen, dass es kracht. Link zuckt mit einem Schmunzeln die Schultern.
„Keine Ahnung. Hast du wieder Mist gebaut?“
„Ey! Wann hab ich denn das letzte Mal was verbockt?!“
„Na ja, du weißt öfter nicht, wann es besser ist zu schweigen und ich darf dich dann wieder raushauen, wenn dein Mundwerk schneller war als dein Verstand.“
„Pfh… also echt!“, entgegne ich mit einem weiteren Gähnen und kann mich wohl glücklich schätzen, dass er immerhin meinen Verstand nicht anzweifelt.
„Wahrscheinlich geht es um unsere Versetzung“, stimmt er mich mit einem Zwinkern versöhnlich.
„Was gibt es denn da noch zu klären? Die Versetzung wurde doch genehmigt?“
„Zum einen wurde sie nur von unserem Orden genehmigt. Dort wo wir hinmöchten, brauchen wir auch nochmal explizit eine Annahmebescheinigung. Und zweitens wäre zu klären, wann wir gehen können.“
Okay, Letzteres erscheint mir logisch, aber der erste Punkt? Geht viel mehr Bürokratie überhaupt noch? Lieber nicht weiter darüber nachdenken. Wenn die alten Tattergreise etwas verehren, dann ist es ihr Papierkram.
„Dann mal auf in den Kampf“, murmle ich lustlos und halten meinem Partner die Tür zum Korridor auf. Er beginnt amüsiert zu lachen.
„So schlimm wird es schon nicht werden. Aber sag mal, hat sich Howard nochmal bei dir gemeldet?“
Ich schnaufe hörbar. Es ist mittlerweile eine Woche her, dass ich ihn in der verfänglichen Situation mit seiner Cousine erwischt und Schluss gemacht habe. Für mich war die Sache gegessen, doch nicht für meinen Ex. Der schrieb mir immer wieder Nachrichten. Natürlich habe ich mit Link darüber gesprochen. Ich rede über alles mit ihm. Er ist wie mein Bruder. Es gibt niemand, dem ich mehr vertraue.
„Ja, nicht nur einmal. Er hat mich derart genervt, dass ich seine Nummer letztendlich geblockt habe.“
„Du bist eiskalt!“ Link lacht und versetzt mir einen Stoß.
„Von wegen eiskalt. Du brauchst mir nicht erzählen, dass du dir seelenruhig alle Vorwürfe von ihm durchlesen würdest. Ich hab mir jetzt X-Mal anhören können, dass ich alles missverstanden habe und grausam bin, da ich der Beziehung keine Chance gebe und wohl nur mit seinen Gefühlen gespielt habe.“
„Oha … was habe ich nur für einen gefühllosen Partner an meiner Seite?“
„So sieht es aus. Bereit?“ Ich schaue ihn auffordernd an, als wir an der Bürotür des Ältesten ankommen.
„Wie du bereits sagtest: auf in den Kampf.“
Ich zeige ihm kurz den Mittelfinger und klopfe an. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit bis von drinnen endlich die Aufforderung zum Eintreten ertönt. Dass sich die alten Mönche aber auch jedes Mal dramatisch viel Zeit lassen müssen als befände sich das gesamte Universum in einer endlosen Schleife.
Die Höflichkeiten und Begrüßungsfloskeln überlasse ich Link. Das liegt mir nicht und ich möchte die obere Geistlichkeit keinesfalls gegen uns aufbringen, wo wir die endgültige Versetzungsbestätigung noch nicht haben. Wer weiß, auf was für Ideen die Kuttenpupser kommen. Pater Benedikt bittet uns, uns zu setzen, und wir folgen der Einladung schweigend.
„Ihr habt euch also entschlossen, unseren Sitz zu verlassen“, beginnt er das Gespräch und schaut fragend von Link zu mir. Wir nicken gleichzeitig und warten darauf, dass er fortfährt. Wie nicht anders zu erwarten, lässt er sich dafür eine Menge Zeit.
„Seid ihr euch auch sicher?“
„Ja, das sind wir, euer Ehrwürden. Wir lieben Würzburg und der Abschied fällt uns nicht leicht, dennoch haben Kanji und ich das Gefühl, weiterziehen zu müssen. Uns neuen Herausforderungen zu stellen.“
Der Alte lässt die Worte sacken und nickt nachdenklich.
„Eine wahrlich gute Antwort. Ihr seid zwei sehr geschickte Anwärter und werdet der Marienfeste fehlen.“
Ich versuche, mir ein schiefes Grinsen zu verkneifen. Hätte er die Jagd des vierbeinigen Fellknäuels mitbekommen, würde er das gewiss nicht sagen.
„Wie ich sehe, habt ihr euch für den Orden im Ettal entschieden. Darf ich euch nach euren Beweggründen fragen?“
Zu meinem Entsetzen fällt sein Blick auf mich. Was sage ich denn jetzt? Ach herrje, das kann ja nur in die Hose gehen. Wieso eigentlich noch das unnötige Geschwätz? Kann er nicht einfach sagen, ob wir angenommen wurden und wann wir versetzt werden? Ätzend. Ich öffne den Mund, um etwas zu erwidern, da ich jedoch keinen Plan habe, was ich von mir geben soll, entweicht mir nur ein dümmliches Ähm.
„Die bergige Landschaft schien uns interessant“, kommt mir Link zu Hilfe und ich lasse mich entspannt in den Stuhl zurücksinken. „Zumal soll es im Ettal sehr viele Barackendörfer im Umkreis geben. Wir dachten, dass unsere Dienste dort am meisten benötigt würden.“
„Ich verstehe. Auch wenn das bedeuten würde, dass ihr nicht hauptsächlich für die Jagd eingesetzt werden würdet?“
Das lässt mich aufhorchen. Bevor ich jedoch nachhaken kann, kommt mir mein Partner zuvor.
„Natürlich. Für welche Art der Arbeit auch immer. Wir helfen wo wir können und wo wir gebraucht werden.“
Pater Benedikt mustert Link eindringlich. Der weicht dem Blick des Priesters nicht aus und verzieht keine Miene. Das ist eine Gabe, für die ich ihn ehrlich bewundere. Er vertritt seine Meinung ohne mit der Wimper zu zucken, lässt sich nicht verunsichern oder aus der Ruhe bringen und bleibt dennoch höflich. Der Mönch nickt schließlich und tätigt ein paar Notizen.
„Der Antrag ist genehmigt. Unsere Brüder im Ettal freuen sich, euch in zwei Wochen begrüßen zu dürfen. Mir ist bewusst, dass die Zeit sehr knapp ist, aber ihr braucht euch nicht um viel zu kümmern. Im Ettal wohnen die meisten beziehungsweise die wenigen Anwärter im Kloster. Natürlich könnt ihr euch noch eine eigene Unterkunft suchen, wenn ihr das möchtet. Schaut es euch am besten an. Ihr werdet selbstverständlich ab sofort bis zum Arbeitsbeginn im neuen Sitz von der Arbeit freigestellt, um eure restlichen Angelegenheiten wie zum Beispiel das Kündigen eurer Wohnung zu regeln. Die Unterlagen zu Ansprechpartnern und vielem mehr erhaltet ihr in den nächsten Tagen.“
„Vielen Dank. Wir wissen das zu würdigen.“
Wir stehen auf und wenden uns ab. Ich strecke bereits meine Hand nach der Türklinke aus, um endlich aus dem Verhör zu entkommen, als der Geistliche sich nochmal zu Wort meldet.
„Herr Duncalf, Herr Kisuda – enttäuscht uns nicht.“
„Wir werden unser Bestes geben“, verspricht Link und ich verkneife mir meinen bissigen Kommentar. Schnell verlassen wir das Zimmer und ich seufze auf, als die Tür knackend zufällt. Mein Partner schenkt mir ein schiefes Grinsen und klopft mir aufmunternd auf die Schulter.
„Na, war doch gar nicht so übel.“
„Willst du mich verkackalbern? Der Alte spinnt doch! Enttäuscht uns nicht ... Als ob wir nur herumlungern wollten! Dann könnten wir ja genauso gut in Würzburg bleiben wie all die anderen!“
„Ha ha, ich weiß und ich denke, das ist auch bekannt. Lass uns jetzt nicht weiter darüber nachdenken, sondern lieber anfangen zu packen. Und dann ziehen wir hier nochmal richtig um die Häuser. Was meinst du?“
Ich grinse schief.
„Hört sich gut an. Auf geht’s!“
Kapitel 13
Colin:
Wie viel Tage sind inzwischen vergangen? Ist es Nacht oder Tag? Mein zitternder Körper fühlt sich taub an vor Kälte. Ich liege auf dem Boden und habe die Decke fest um mich geschlungen. Keine Ahnung wie lange ich hier bereits schlotternd verharre, geschlafen habe ich allerdings nicht. Ich wünschte, ich hätte. Jedes Mal, wenn ich kurz davor war, endlich ins Reich der Träume zu finden, wurde ich von meinen Kollegen durchgeschüttelt. Wie lange geht dieses Ritual noch? Ist es ein Spiel? Verrückt. Die ganze Prozedur ist krank.
„Colin, bist du wach?!“ Emanuels mahnende Stimme dringt an mein Ohr und ich stöhne verzweifelt auf. Ich will nur, dass es endet. Egal wie. Wie konnte ich mich nur auf so einen Unsinn einlassen? Nie im Leben hätte ich gedacht, dass die Arbeit mit einem Sektenbeitritt verbunden sein würde. Natürlich habe ich bereits von Sekten gehört, aber das alles erschien mir weit weg, als könnte es mich nie betreffen.
„Colin!“
„Ja, ich bin wach. Ich bin wach. Ich bin wach“, murmle ich immer wieder vor mich hin, was ihm als Antwort nicht zu genügen scheint.
„Steh auf! Mach die Augen auf!“
Tränen der Verzweiflung und des Frusts fließen über meine Wangen. Ich kämpfe mich erschöpft auf die Knie und richte mich mit Hilfe der stützenden Wand auf. Wie lange ich dafür brauche? Kann ich nicht sagen. Ich bin überrascht genug, dass ich es überhaupt schaffe, mich auf meine Beine zu kämpfen. Sie fühlen sich an wie Wackelpudding und es fällt mir schwer, den Halt zu bewahren. Ablenken. Ich muss mich irgendwie wach halten. Einschlafen werden sie mich ohnehin nicht lassen. Kann ich das Ganze nicht abbrechen? Ist das die Arbeitsstelle wirklich wert? Doch selbst wenn sie sich darauf einlassen, diesen verfluchten Unsinn vorzeitig zu beenden bin ich mir nicht sicher, wie sie reagieren werden. Vor einem Rauswurf fürchte ich mich seltsamerweise nicht mehr. Das muss an meinem benebelten Zustand liegen. Nein, vielmehr graut es mir davor, zu was diese Leute noch fähig sind. Vielleicht ist das Unsinn. Kann sein, dass ich jetzt völlig paranoid werde, aber ich kann einfach nicht mehr klar denken. Mein gesamter Körper schreit vor Schmerz und vor Müdigkeit auf. Ich fühle mich, als würde mir der letzte Funke an Kraft mit aller Gewalt herausgerissen werden.
Meine Augen versuchen, sich krampfhaft auf einen Punkt an der Wand zu fixieren. Zu meinem Entsetzen fängt diese an zu rotieren. Ich blinzle ein paar Mal hintereinander, doch die Muster bleiben partout nicht stehen. Sie tanzen miteinander, verfließen zu einer Einheit und verharren dennoch nie still. Ein irres Lachen hallt durch den Raum und lässt mich erschauern. Ich sehe mich um, kann jedoch niemanden entdecken. Mit Erschrecken stelle ich fest, dass ich derjenige bin, der dieses unheimliche Gelächter ausstößt. Ist es soweit? Verliere ich meinen Verstand? Befinde ich mich gegebenenfalls nicht nur in einem nicht enden wollenden Albtraum? Bin ich nicht fähig aufzuwachen? Was passiert hier? Und noch wichtiger: Was geschieht hier mit mir? Zum ersten Mal bin ich froh, keinen Spiegel griffbereit zu haben. Das Bild, das sich mir bieten würde, gäbe mir den Rest.
Meine Gedanken überschlagen sich, hören nicht auf sich zu drehen, ebenso wie die Wandtafeln vor mir. Ich fühle mich plötzlich im eigenen Kopf gefangen – in einem Kreisel aus Gedanken, der einfach nicht enden will.
„Bitte, bitte, hol mich einfach nur einer raus …“, flüstere ich und schließe meine Lider wider der Forderung von Emanuel, die Augen offen zu halten. Doch ich ertrage die schlingernden Wandmuster nicht mehr. Diese bunten Farben. Die grotesken Fratzen, die sich daraus bilden. Ein erneuter Schüttelfrost lässt mich erbeben und ich sinke langsam, aber unaufhaltsam auf den Boden.
„Colin. Colin“, höre ich eine Stimme meinen Namen rufen. Zuerst denke ich an die nervigen Kollegen, doch dann fällt mir auf, dass ich sie nicht zuordnen kann. Grübelnd ziehe ich die Stirn in Falten, nicht fähig, genug Kraft aufzubringen, um meine Lider zu öffnen.
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