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ibidem-Verlag, Stuttgart

Dem Andenken an meinen Vater

der mich mehr liebte

als alle anderen

Aria

Schlaf, Kindchen, schlaf!

Dein Vater ist ein Graf.

Deine Mutter ist eine Edelfrau.

Sie badet dich im Morgentau.

Schlaf, Kindchen, schlaf!

Inhaltsverzeichnis

TEIL EINS

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TEIL ZWEI

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TEIL DREI

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Variation

Stimmen zur englischsprachigen Ausgabe

TEIL EINS

WARME

1

Wie war das Zimmer?

Es war lang und schmal, mit einer hohen Decke, erfüllt von dem rosen- und honigfarbenen Licht einer Kerosinlampe, und Schatten an den Wänden, die ausschauten wie Reihen großer Männer, in lange schwarze Roben gekleidet, streng aussehend, aber freundlich mir zugewandt. Sie nickten zustimmend, als ich, bevor ich zu Bett gebracht wurde, in einer Zinkwanne in warmem Wasser gebadet wurde, das von der in es getauchten Eichenrinde, die meine Haut quietschen ließ, hellbraun gefärbt war. Manchmal wurde stattdessen Minze beigegeben und ihr frischer Duft begleitete mich in die kuschelige Welt meines Bettes.

An einer der Wände befand sich ein weiches, moosgrünes Chesterfield-Sofa, ein riesiger Kleiderschrank aus glänzend lackiertem, strohfarbenem Holz neben einem weiteren und ein großer runder Tisch in der Mitte, der mit einem dunkelgrünen Samttuch bedeckt war, das stellenweise den Boden erreichte. Ich versteckte mich gern darunter und tat so, als wäre ich in einem Zelt und spähte nach Indianern, die mich skalpieren wollten, auf die ich mit einem selbstgebauten Bogen einen langen hölzernen Federhalter schießen wollte, dessen scharfe Stahlspitze, um ihn giftig zu machen, in rote Tinte getaucht war.

Am Abend ging Vater umher mit gerunzelten Brauen, den Kopf gesenkt und die Arme hinter dem Rücken verschränkt, versunken in Gedanken, während ich auf dem Sofa liegend ihn beobachtete. Sie zogen mir das Nachthemd an, wenn ich es nicht schon trug und eingeschlafen war, und brachten mich ins Bett, ohne dass ich aufwachte. Es war schön, am Morgen im eigenen weißen Bettkasten aufzuwachen, eingekuschelt in die weiche Daunendecke.

Ein Psyche-Spiegel?

Er befand sich im Schlafzimmer meiner Eltern, wo auch ich schlief, Teil einer Kommode aus glänzend lackiertem, strohfarbenem Holz, die zum Kleiderschrank im großen Raum und dem großen Bett meiner Eltern sowie den beiden Nachttischen auf beiden Seiten davon passte.

Die Schubladen auf der rechten Seite des Spiegels stiegen höher als die auf der linken Seite, und zwischen ihnen befand sich ein kleines Podest, auf das ich hinaufkletterte und wo ich Sachen machte, während ich mich im Spiegel beobachtete. Wenn du ihn in eine Richtung kipptest, konntest du mehr von deinen Füßen sehen, und wenn in die andere Richtung, die Decke über deinem Kopf.

Wo lag das Zimmer?

In einem langen einstöckigen verputzten Gebäude mit einem grünen Metalldach. Unsere Wohnung nahm den größten Teil des Gebäudes in Anspruch, während der Rest von dem Bureau belegt wurde, in dem Vater tagsüber viel Zeit zubrachte. Entlang der langen Vorderwand wuchsen große Johannisbeersträucher, in denen ich wiederum viel Zeit beim Spielen im Freien verbrachte. Der starke Weingeruch ihrer Blätter ist mir bis heute wie eine noch in der Luft hängende Rauchschwade im Gedächtnis geblieben.

Wo stand das Gebäude?

Auf einem Herrengut, das aus einem Park bestand, in dem riesige alte Bäume wuchsen, und den Wege von hartem gelbem Sand querten und wo an Plätzen Marmorstatuen von menschlichen Figuren standen, von denen einige nackt, andere gekleidet waren. Er war voll von Vögeln, die man nie sehen konnte, weil sie hoch oben in den Bäumen saßen. Es schien, als würden tiefe Pfützen von schönen Klängen hoch oben in den Blättern sein, und die Vögel badeten in ihnen, mit ihren Flügeln sie beim Waschen aufspritzend, so dass sie tropfenweise zu Boden fielen.

Der Park war von einer hohen, aus Ziegeln errichteten verputzten Mauer umgeben, und das Herrenhaus stand in seiner Mitte mit einem breiten Rasen davor. Das Gebäude, in dem wir wohnten, lag dem Herrenhaus gegenüber auf der anderen Seite des Rasens, den eine geschwungene Einfahrt teilte.

Wie sah das Herrenhaus aus?

Groß, zweistöckig, aus Ziegeln gebaut und verputzt und unter einem hohen, roten Ziegeldach, mit einem Portikus davor, unter den Kutschen und Autos fahren konnten, und an jeder der beiden Seiten einem einstöckigen Flügel. Eine offene Galerie verlief in der Mitte der Hauptfassade im zweiten Stock, die rechts eine Terrasse mit einer Balustrade umschloss. Entlang der Galerie und auf der Terrasse wuchsen in riesigen Töpfen Palmen und entlang der beiden Flügel Rhododendronbüsche.

Im Inneren befand sich ein langer Korridor mit Türen, die zu den Räumen rechts und links führten, und Fenstern an den Enden. Der Boden war mit schwarzen Marmorfliesen bedeckt, auf denen das Licht des Fensters, das vor dir lag, reflektiert wurde, sodass er aussah, als sei er schwarz-weiß kariert.

Wer wohnte im Herrenhaus?

Hrabia – Graf – Karol und seine Familie sowie die Diener. Dort waren seine Frau, Hrabina – Gräfin – Apolinaria, seine Schwester Anna und die beiden identisch ausschauenden eineiigen Zwillinge, die halbwüchsigen Söhne Karol Adam und Karol Bogdan, genannt Adek und Bodek. Adek kam eine halbe Stunde vor Bodek auf die Welt und spielte die Rolle des älteren Bruders, die Bodek ohne jeglichen Protest akzeptierte, als wäre dies eine natürliche Sache. Die beiden waren die meiste Zeit fort, da sie in einer großen Stadt zur Schule gingen, kamen aber oft selbst für kurze Ferien nach Hause und verbrachten ganze Sommer auf dem Landgut.

Was war mit Pferden?

Neben Arbeitspferden gab es auch einige zum Reiten, vielleicht sieben oder acht. Das Pferd des Hrabia war ein großer Brauner, der Marszałek genannt wurde, das der Hrabina die kleine weiße Stute Marysia, Vater ritt ein wunderschön gesprenkeltes Pferd, genannt Tarant, aber auch oft Jan Amor, und die beiden Kastanienpferde der Jungen Adek und Bodek, nach den Filmkomikern Stan und Ollie benannt, nach denen die Jungs verrückt waren. (Manchmal waren sie für ein paar Tage fort, um einen ihrer Filme zu sehen, wenn sie herausfanden, dass sie in einer weit entfernten Stadt liefen.) Es gab auch ein kurzbeiniges Dun-Shetlandpony namens Wee Jerzyk, das meistens genutzt wurde, um einen kleinen zweirädrigen Wagen zu ziehen, auf dem ich manchmal aber auch reiten durfte. Die beiden Jungen hatten einige Zeit in England auf einer Schule verbracht und sprachen oft Englisch miteinander, was niemand verstand. Sie hatten dem Pony den Namen gegeben.

Nora?

Nora? Nora bedeutet Höhle, ein Loch in der Erde, in dem ein Tier lebt – ein dunkler, feuchter Ort. Sie war meine Schwester. Sie spielte ununterbrochen Klavier. Sie nahm den Bus oder fuhr ein paar Mal in der Woche mit dem Fahrrad, um ihren Klavierlehrer im Dorf zu besuchen, sofern er nicht bei uns vorbeischaute. Sie ging immer an mir vorbei und schaute durch mich, als wäre ich nicht da. Sie spielte mit den beiden Töchtern des Schuldirektors im Dorf und ging mit ihnen Händchen haltend herum, als hätte sie Angst, sie könnten einander verlieren.

Deine Mutter?

Sie hatte riesige blaue Augen und kastanienbraunes Haar, das an den Seiten und hinten kurz geschnitten war und ihren Nacken freilegte. Sie war kurzsichtig und trug eine goldgerahmte Pince-nez, die wir Cviker nannten, vom deutschen »Zwicker«. Sie versuchte zu vermeiden, sie zu tragen, aber sie hinterließen auf ihrem Nasenrücken bleibende winzige nierenfarbene und -förmige Druckstellen. Sie war oft krank und bewegte sich dann langsam, hielt häufig an, als wäre sie nicht sicher, ob sie es bis zum Ziel schaffen würde. Sie trug schöne Kleidung, weite Blusen oder Kombinationen mit Röcken bis knapp unter das Knie, goldene oder kupferfarbene Seidenstrümpfe und hochhackige Schuhe. Wenn das Wetter kühler war, trug sie weite Mäntel, die sie fest um sich wickelte. Im Winter einen langen Rotfuchs-Pelzmantel und einen dazu passenden Muff. Sie ging selten unbedeckt nach draußen und trug Cloche-Hüte, die tief in die Stirn gezogen waren, was scheinbar bleibende schwarzgeränderte Schatten unter den Augen warf. Sie sprach mit Dienstmädchen in der Küche und mit allen insgesamt leise. Manchmal, wenn sie nicht in der Schule unterrichtete, ging sie in Noras Zimmer und spielte Klavier – wunderschön und leise, so dass du es kaum hören konntest – Nora hieb immer wütend in die Tasten. Ich pflegte dann neben der Tür, selbst wenn sie offen war, im Nebenraum auf dem Boden zu sitzen, mich an die Wand zu lehnen, und lauschte ihrem Spiel. Die Musik schien auf diese Weise schöner zu sein.

Da sie sehr gesundheitsbewusst war, ließ sie Nora und mich vor jedem Abendessen einen Aufguss von bitterem Wermut trinken, um unsere Verdauung zu unterstützen, und im Winter den Dampf von Kaliumhypomanganat einatmen, indem wir uns über ein Becken mit kochendem Wasser mit unseren mit einem dicken Handtuch bedeckten Köpfen neigten, damit wir uns nicht erkälteten. Ich mochte beides, das erste, weil es schlecht schmeckte und ich mir beweisen musste, dass ich es tun konnte, und das zweite, weil das Becken wie ein schöner runder See aus violettem Wasser aussah, über den ich wie ein Falke auf seinen stillen Flügeln in den Himmel glitt. Nora hasste ersteres, aber ich weiß nicht, was sie für das zweite fühlte. Sie sprach darüber nie.

Es gab viele Fotos von Mutter, bevor sie Vater heiratete – im Winter in Skikleidung und auf Skiern mit einer Schar von Freunden auf einem schneebedeckten Berghang, Fechten, Turnen in einer fremdartigen Kleidung, Schwimmen, dazu oft Duplikate in verschiedenen Tönen – blau, grün, rosa, braun, schwarz.

Und Dein Vater?

Man könnte sagen, er war Soldat, auch wenn er Zivilkleidung trug. Sein Rücken war immer gerade, als würde er auf einem Pferd sitzen, egal was er tat. Er lief sogar so, außer wenn er nachts um den Tisch herumging und seinen Gedanken nachhing. Dann sah er aus wie alle anderen. Ihn umgab ein ständiger Schein von silbergrauem Licht – seine stahlgrauen Augen, silberne Schläfen, glatt rasierte senkrechte Wangen, fest wie ein Stahlschloss zusammengepresste Lippen und gut geschnittene graue Anzüge. Aber seine Lippen und sein Atem waren, wenn er mir den Gutenachtkuss gab, warm. Und so war auch seine starke Hand, die meine hielt, wenn wir nach draußen gingen.

Am besten sah er jedoch aus in seiner senffarbenen, eng anliegenden Offiziersuniform, die hohe, vierkantige Mütze auf dem Kopf, die ein schwarzglänzendes Visier mit einer Metallkrempe am Rand hatte, mit silbernen Insignien an seinem Kragen wie ein eingefangener leuchtender Blitz und gezwungen, für immer dort zu bleiben, einen breiten braunen Gürtel mit Messingschnalle um die Taille, einen passenden Pistolenhalfter mit der Pistole an der Seite und hohen, glänzenden schwarzen Stiefeln. Am faszinierendsten war die Pistole, die schwarz war, aber wie aus Silber glänzte, mit einem geheimnisvollen roten Punkt an einer Stelle, die ich manchmal sehen und berühren, aber niemals in meine Hände nehmen durfte.

Jeden Sommer ging er für ein paar Wochen zum militärischen Training, und obwohl ich ihn dann vermisste, dachte ich auch gern darüber nach, was er tat, den Truppen dies und das zu tun befehlend, während er hoch auf seinem Pferd saß. Wenn er zurückkam, bat ich ihn, zu beschreiben, was er getan hatte und es war, als wäre ich selbst dort gewesen.

Es gab eine Bank neben dem Gebäude?

An der Seite des Gebäudes befand sich neben der Auffahrt zum Herrenhaus eine Parkbank. Sie bestand aus dünnen, weiß lackierten Holzlatten, die nach vorne hin elegant gekrümmt waren, so dass deine Beine sich wohl fühlten, und ebenso ganz oben hinten im Rücken, wo du dich anlehntest.

Und ein Foto von Dir auf der Bank?

Es gab ein Foto von mir, wie meine Mutter mich hält, sie sitzt auf der Bank, mit Nora zu ihrer Linken und Vater aufrecht hinter ihnen stehend. Es muss entweder im frühen Frühling oder im späten Herbst aufgenommen worden sein, weil wir alle warm angezogen sind, wenn auch nicht so, wie im Winter. Und es liegt kein Schnee auf dem Boden. Eigentlich muss es Anfang Frühling des Jahres nach meiner Geburt gewesen sein, denn ich sehe mehr als nur ein paar Wochen alt aus. Dies wäre der Fall gewesen, wenn es im Herbst des vorangegangenen Jahres gewesen wäre, aber ich bin definitiv nicht älter als ein Jahr. Ich habe eine weiße, unter meinem Kinn zusammengebundene Strickmütze auf meinem Kopf und einen passenden warmen Babyanzug mit Füßen. Nora hat auch eine Strickmütze auf dem Kopf, aber sie ist grau und umschließt ihren Kopf fest und hat zwei Klappen, die über die Ohren gehen. Sie trägt einen hellen Übermantel und dunkle dicke Strümpfe, die wir Rajtuzy nannten, also Strumpfhosen. Die Mutter trägt einen dunklen Übermantel und einen grauen Cloche-Hut. Der Vater hat einen grauen Übermantel mit breiten Revers und einen grauen Fedora-Filzhut auf dem Kopf.

Nur ein Foto?

Es gab einige von ihnen, nicht in verschiedenen Farbtönen wie die von Mutter, sondern alle in den gleichen Schwarz-Weiß-Farben, bei einem Teil von ihnen war aber etwas mit einer Schere abgeschnitten. Ich erinnere mich jetzt, da saß tatsächlich eine andere Frau auf der Bank, etwas abseits der Mutter, zu ihrer Rechten, und auf dem oben beschriebenen Bild ist sie abgeschnitten. Sie sieht jung aus, jünger als Mutter und trägt auch einen grauen Übermantel und einen kleinen runden schwarzen Hut auf dem Kopf. Und Vater steht nicht hinter Mutter und Nora, sondern in der Lücke zwischen Mutter und der Frau.

Und dann gab es noch ein weiteres Bild mit der Frau und dem abgeschnittenen Vater sowie eine zweite nicht abgeschnittene Version.

Wer war die Frau?

Ich glaube, es war wahrscheinlich Panna — Fräulein — Adela. Sie sah auf dem Bild anders aus, als ich mich erinnere, wie sie aussah, aber das liegt möglicherweise daran, dass sie damals einige Jahre jünger war.

Wer war Adela?

Ich bin mir nicht sicher. Sie war jemand, mit der Vater manchmal zusammen arbeitete, aber ich weiß nicht, ob sie eine Verwandte des Hrabia oder eine Angestellte war. Ich glaube, sie blieb manchmal im Herrenhaus, lebte aber meistens anderswo.

Sie mochte mich sehr und streichelte mir ständig den Kopf und gab mir manchmal einen Kuss – oben auf meinen Kopf oder auf meine Augen. Sie sagte, ich habe schöne Augen.

Wer zerschnitt die Bilder?

Ich habe keine Ahnung. Es könnte Nora gewesen sein, die ein Bild von Vater allein haben wollte, also zerschnitt sie versehentlich dieses Blatt in zwei Bilder und schnitt dann das Bild des Vaters bei einem von ihnen ab, um es zu behalten, oder wenn es Nora nicht war, dann wird es höchstwahrscheinlich Mutter gewesen sein, die nur ein Bild von den vieren und dann von uns drei haben wollte.

Aber höchstwahrscheinlich war es Nora, die es aus einem Grund getan hat, den nur sie selbst wusste. Sie war in vielerlei Hinsicht geheimnisvoll.

2

Dein Vater und Panna Adela fuhren im Auto fort?

Es war früh am Morgen und ich spielte zwischen den schwarzen Johannisbeersträuchern entlang der Vorderwand unseres Hauses, betäubt von ihrem schweren, berauschenden Duft, wie immer so tuend, als wäre ich ein Riese in einer winzigen Miniaturwelt, während ich durch das offene Fenster die lauten Stimmen von Vater und Mutter sich über etwas streiten hörte, wozu im Hintergrund Nora in ihrem Zimmer wütend Klavier spielte.

Dann fuhr ein großes cremefarbenes Auto mit heruntergeklapptem Dach und Panna Adela hinter dem Lenkrad die Auffahrt entlang und hielt vor der Tür. Es hatte glänzend verchromte Speichenräder und hellbraune Ledersitze, die einen schönen Kontrast zur Cremefarbe des Wagens bildeten. Seine Türen öffneten sich von vorne nach hinten und nicht wie üblich von hinten nach vorne. Sie hatten glänzende Metallgriffe.

In dem Moment, als der Wagen ankam, hielt der Streit inne und Vater stürmte aus der Tür, rannte zum Wagen, öffnete ihn, stieg ein und setzte sich auf den Beifahrersitz. Er trug einen hellgrauen Anzug und glänzende schwarze Schuhe und sein Kopf war unbedeckt. Panna Adela war in einem geblümten Kleid und ihr Kopf war in ein weißes Seidentuch gehüllt.

Ich sprang aus den Büschen und rannte zum Auto, fragte Vater, wohin er wolle. Sein Gesicht hellte sich auf, als er mich sah, und er sagte, er und Panna Adela müssten aus geschäftlichen Gründen in die Stadt fahren und würden am späten Nachmittag zurückkommen.

Panna Adela lächelte mich an, beide winkten mit den Händen in meine Richtung, das Auto fuhr los, kurvte um die Auffahrt herum und fuhr auf den Ausgang des Guts zu.

Ich bemerkte alsbald, dass im Haus jetzt alles still war. Noras Klavierspiel hatte aufgehört.

Deine Mutter und Nora kamen dann heraus?

Augenblicke später traten Mutter und Nora aus der Tür und gingen, ohne auf mich zu achten, als würden sie mich nicht sehen, schnell einen Weg entlang, der in Richtung Park führte. Beide trugen leichte Sommerkleider. Nora ging an Mutters rechter Seite und nach ein paar Schritten hing sich an ihren Arm, schmiegte sich an sie und auf diese Weise gehend verschwanden sie zwischen den Bäumen.

Die kleine Kutsche fuhr vor?

Ich hatte keine Lust mehr, in den Büschen zu spielen und wusste nicht, was ich tun sollte. In diesem Moment fuhren Adek und Bodek in der kleinen, vom Pony gezogenen, zweirädrigen Kutsche vor. Sie hielten an und fragten mich, ob ich mitkommen wolle.

Ich stimmte gerne zu, stieg in die Kutsche und zwängte mich zwischen die beiden. Bodek saß links, die Zügel in der Hand, und Adek rechts. Wir fuhren auf einem der Wege nach rechts, Bodek schnappte die Zügel, damit das Pony schneller lief, und es galoppierte auf seinen kurzen Beinen den glatten, sandigen Weg entlang.

Adek hatte sein wunderschönes Flobert-Gewehr mit einem glänzenden schwarzen Lauf und einem hellbraunen, fast gelben polierten Holzschaft dabei und richtete es hoch in die Bäume, als würde er auf Vögel schießen, aber er rief nur: »Paff, paff, paff!«

Als wir an einer der Statuen vorbeifuhren, richtete er die Waffe auf sie und rief erneut: »Paff, paff, paff!«

Da sich die Kutsche von Zeit zu Zeit verlangsamen sollte, hatte ich Angst, kopfüber zu fallen und hielt mich an Adek fest, indem ich meine Arme um seine Taille schlang.

Er sah mich lachend an und fragte, ob ich Angst habe zu sterben.

Ich hatte eine vage Vorstellung davon, was das bedeutete, war mir aber nicht ganz sicher und bat ihn, es zu erklären.

Er sagte, es hieße dort hinaufgehen und zeigte auf die Baumkronen.

Ich fragte, ob das da sei, wo die Vögel die ganze Zeit sangen.

Er lachte und sagte, nein, es sei höher, hoch oben über den Wolken ... im Himmel.

Aber war es auch dort oben schön? fragte ich. Wie da, wo die Vögel lebten?

Er sagte, ja, dass es dort schön sei, ja schöner noch ... schöner als irgendwo auf der Erde.

Ich sagte darauf, ja, es würde mir nichts ausmachen zu sterben, aber nach einer Weile, angesichts der Konsequenzen, fügte ich hinzu, dass ich es tun würde, solange ich herunterkommen könnte, wenn ich wollte, um meine Eltern und alle anderen zu sehen.

Da lachten die beiden Jungen und sagten, ja, das wäre schön, dass es ihnen dann auch nichts ausmachen würde zu sterben. Wer würde nicht in den Himmel gehen wollen, wenn er auf die Erde herunterkommen könnte, wann immer er möchte?

3

Sonntagsessen?

Wir haben immer gleich zu Mittag gegessen, nachdem wir vom Gottesdienst am Sonntagmorgen nach Hause gekommen waren.

Ich liebte Suppen, insbesondere Hühnerbrühe mit Nudeln, die Rosil genannt wurde, Tomaten- und Reissuppe, und Sauerampfersuppe mit Reis und hart gekochten Eiern.

Die Nudeln wurden aus dünnen Teigblättern hergestellt, die zu Rollen gewickelt und mit einem Messer in feine Streifen geschnitten wurden. Diese wurden auseinander gebreitet, mit Mehl bestäubt und auf einem Tuch ein wenig trocknen gelassen. Sie wurden separat in Wasser gekocht, bevor sie mit der würzigen Brühe serviert wurden. Einen Löffel davon in den Mund zu stecken, schien, als würde man einen Schluck heißes und salziges Selterswasser schlucken, was ich schön fand.

Tomatensuppe wurde mit Reis zubereitet, der zusammen mit den Tomaten gekocht wurde, und nach dem Abkühlen wurde viel Sauerrahm hinzugefügt, wodurch die Farbe einer blassen Koralle entstand. Der milde Geschmack der sauren Sahne und des klebrigen Reises reduzierten den scharfen Geschmack der Tomaten und machten die Kombination leicht herb.

Die dunklen Sauerampferblätter, die in der klaren Brühe schwammen, gaben dieser einen zarten säuerlichen Geschmack. Der Reis wurde separat gekocht und vor dem Servieren hinzugefügt. Ein hartgekochtes Ei wurde in zwei Hälften geschnitten und danach in den Teller gegeben, ebenso wie ein oder zwei Löffel Sauerrahm. Der fast geschmacklose Reis, das fade Eiweiß und das krümelig trockene Eigelb, das sich in der Brühe leicht löste, balancierten die würzige Flüssigkeit aus.

Das Hauptgericht bestand oft aus Fleischpasteten, die in Schmalz oder Butter gebraten wurden und Šnycli – Schnitzel – genannt wurden, die mit Kartoffelpüree und rotem Rübenrahm oder in dünne Scheiben geschnittenen Gurken mit Essig oder Dill und Sauerrahm serviert wurden, was aus irgendeinem Grund Mizerja genannt wurde, Brathähnchen mit Kartoffelpüree und Püree von Möhren oder roten Rüben, oder Rinderbraten mit Salzkartoffeln, Meerrettich und Sauerrahmsauce.

Der Nachtisch war normalerweise ein Kompott aus verfügbaren Früchten, oder ein flacher Sträuselkuchen mit einer Marmeladenschicht in der Mitte, Pljacok genannt, in kleine Rhomboide oder Quadrate geschnitten und bei besonderen Anlässen eine Walnuss-, Haselnuss- oder Mohntorte mit einer dicken Schicht gezuckerter Butter in der Mitte.

Vater und Mutter tanzten?

Manchmal, nach dem Sonntagsessen, wenn der Tisch abgeräumt war und die Mädchen in der Küche das Geschirr spülten, tanzten Vater und Mutter auf der Freifläche um den Tisch herum, zwischen Tisch und Schrank und den Fenstern.

Wir hatten ein Radio, das von einer großen Batterie betrieben wurde, die wir Akumuljator nannten, bestehend aus einer Glasbox und einem Bündel verbundener Metallplatten, die in sie hineinragten, in die man von Zeit zu Zeit Säure gießen musste, um sie am Laufen zu halten. Ich mochte die Art, wie die Säure roch und hätte sie gerne geschmeckt, aber man sagte mir, ich solle mich von ihr fernhalten, da sie mich verletzen könnte, meinen Mund und meine Haut verbrennen und möglicherweise sogar blind machen würde. Das verschreckte mich und ich hörte auf die Warnung und gab niemals meiner Versuchung nach.

Das Radio befand sich in einem großen, quadratischen Kasten aus glänzendem, hartem schwarzem Material mit einem schmalen Glasfenster, auf dessen beiden Seiten jeweils ein Drehknopf angebracht war, von dem einer einen dünnen roten vertikalen Strich über das Fenster hin und her bewegte und der andere die Lautstärke einstellte. Seltsame, schöne Klänge kamen aus der Box, wenn man den ersten Drehknopf betätigte, als ob ein exotischer Vogel in der Kiste lebte und man ihn durch das Bewegen des Strichs dazu brachte, dass er sein Lied sang. Das Lied unterschied sich jedoch auf ungewöhnliche Weise von denen der Vögel, die in den Parkbäumen lebten, als wäre der Vogel verrückt.

Das Fenster war beleuchtet und es schien in der Kiste eine magische Welt zu sein, in der winzige Menschen, noch kleiner als Ameisen, lebten, sprachen, sangen und Musik spielten, und ich träumte davon, in sie einzutauchen und einige Zeit unter ihnen zu verbringen, bevor ich zu der Welt zurückkehrte, in der ich lebte.

Wir hatten auch einen Plattenspieler, der aus einem flachen, rechteckigen, grauen Kasten bestand, der wie ein kleiner Koffer aussah, mit einer Kurbel an einer der Seiten. Man öffnete den Deckel, drehte die Kurbel, bis es nicht mehr ging, steckte die Platte durch eine Spindel, die auf einer Scheibe steckte, die sich drehen konnte, drückte einen Hebel, der die Scheibe drehen ließ, und senkte mit den Fingern einen glänzenden Metallarm mit einer dicken spitzen Nadel am Ende auf die Platte, und wieder sollte schöne Musik die Luft erfüllen. Beim Drehen sah die Schallplatte aus wie ein See, der dem Waschbecken mit darin aufgelöstem Kaliumhypomanganat ähnelte, nur war dieser schwarz und von einem sehr hohen, weit entfernten Berg gesehen anstatt von oben in der Luft, mit Musik unter seiner schimmernden Oberfläche, die die Nadel hervorlockte.

Das Tanzen mochte zu den Klängen des Plattenspielers oder des Radios stattfinden, wobei das Licht durch die Fenster hereinfiel wie die Spinnweben an den weißen bodenlangen Vorhängen, und Nora und ich saßen still am Tisch oder auf dem Sofa, Vater und Mutter beim Tanzen beobachtend, fasziniert von der Leichtigkeit, mit der sie über den glänzenden Parkettboden glitten. In seinem grauen Anzug groß und schlank, seinen Rücken immer gerade und sein Gesicht ruhig, hielt Vater den linken Arm hoch und hielt die rechte Hand Mutters in seiner, während er sie mit der rechten Hand auf der Rückseite ihrer Taille stützte und sie herumwirbelte und führte. Sich zurücklehnend, ihr lockiges Haar wippend, den Mund geöffnet, die Augen lächelnd und den weiten knielangen Rock um ihre Oberschenkel flatternd, sah sie um Jahre jünger aus, als sie in Wirklichkeit war, fast wie auf ihren Schulfotos. Ihre Füße in den glänzenden, gut polierten Schuhen – Vaters spitze, flache, und Mutters runde mit dicken hohen Absätzen – zogen komplexe unbegreifliche Muster auf dem Untergrund des Fußbodens nach, mal dicht beieinander, sich fast berührend, mal weit voneinander entfernt, so, als wären sie imstande, den Standort des Partners durch magische Mittel zu erfassen.

Hätte mich jemand gefragt, was ich mir für mein Leben gewünscht hätte, hätte ich geantwortet, still dazusitzen und dem immer und ewig zuzusehen.

4

Unter den Rhododendronbüschen?

Unter den Rhododendronbüschen entlang des rechten Flügels des Herrenhauses. Sie bekamen dort mehr Sonnenlicht und waren dicker und größer als auf der anderen Seite.

Es war spät am Morgen, und ich wurde es müde, zwischen den Büschen der schwarzen Johannisbeere neben unserem Haus zu spielen, und beschloss, dort hinüber zu rennen. Als ich an die Stelle kam, an der ich normalerweise spielte, sah ich etwas Schwarzweißes zwischen den Zweigen sich rühren und dachte zuerst, es wäre irgendein Tier – ein schwarzweißer Hund oder so -, aber dann wurde mir klar, dass es ein Mädchen war. Sie sah ein paar Jahre älter aus als ich, hatte lange, blonde Zöpfe und trug ein schwarzes Kleid mit weißen Applikationen und einem breiten weißen Kragen. Ich hatte sie noch nie zuvor gesehen und war zu schüchtern, um zu ihr zu gehen oder etwas zu sagen, wollte aber nicht weglaufen und stand still und beobachtete, was sie tat.

Karolina?

Es war Karolina. Sie war Adeks und Bodeks Cousine, und sie war gekommen, um einen Teil des Sommers mit ihnen zu verbringen.

Du spieltest mit ihr?

Sie sah mich und forderte mich auf, in die Büsche zu klettern, damit sie mir etwas zeigen konnte.

Ich tat das gerne und kniete mich neben sie auf den weichen Boden.

Sieh mal, sagte sie, und deutete auf die nackten Zweige, die sich vom Boden nach oben reckten. Dies sind Straßen und Wege, auf denen Leute laufen können. Es gibt diese kleinen Leute, von der Größe von Ameisen, die hier in kleinen Dörfern am Boden leben, die Erde beackern und alle Arten von Nahrung anbauen, die sie dann diese Straßen und Wege hinauftragen, um sie auf dem Markt zu verkaufen.

Ihre Zeit ist anders als unsere. Dort ist immer noch Nacht und sie schlafen, aber wenn es heller wird, stehen sie auf und manche von ihnen gehen auf die Felder und andere laufen auf den Markt. Sie tragen das, was sie angebaut haben, verkaufen es dort und bringen das Geld und die von ihnen gekauften Sachen nach Hause, etwa Süßigkeiten und Spielzeug für Kinder, Töpfe und Pfannen, Messer, Löffel und Gabeln, Kämme und Spiegel, Halsketten für Mädchen und solche Dinge, die sie nicht selbst machen.

Sie zeichnete die Wege entlang der Äste nach, als sie mir erzählte, wie diese Leute kletterten, und ich folgte ihr mit Interesse.

Dann begannen wir so zu tun, als ob es in der Welt der kleinen Leute hell geworden sei, und sie sagte mir, was sie sah, und ich tat dasselbe, und so spielten wir bis zum Mittag.

Von da an spielten wir jeden Tag auf diese Weise zwischen den Rhododendren, den schwarzen Johannisbeersträuchern vor dem Gebäude, in dem ich wohnte, und neben den Hofgebäuden des Herrenhauses sowie zwischen den Büschen und Bäumen im Park und sie lud mich ein in das Herrenhaus, um ihr Zimmer zu sehen, und ich war einige Male zu Tee und Kuchen bei ihr. So ging es den ganzen Sommer lang.

Pinkeln?

Als wir einmal unter den Rhododendren spielten, bemerkte ich, dass sie nicht mehr neben mir war, und als ich mich umsah, sah ich, dass sie ein paar Meter hinter mir hockte und, nachdem sie ihr Höschen heruntergelassen hatte, pinkelte.

Ich wusste nicht, wie Mädchen dort aussahen und fand das, was ich sah, faszinierend und konnte meine Augen nicht von ihr lassen.

Als sie das bemerkte, sagte sie mir, ich könne näher kommen und schauen, was ich tat. Sie ließ mich das eine Weile machen, auch nachdem sie aufgehört hatte zu pinkeln, aber dann bat sie mich, ihr zu zeigen, wie ich pinkelte.

Ohne zu zögern, öffnete ich meine Shorts und versuchte zu pinkeln, konnte es aber aus irgendeinem Grund nicht. Sie hatte ihr Höschen inzwischen hochgezogen und kniete neben mir, streckte ihre Hände aus und berührte mein Ding.

Es war hart und sie sagte, es sehe aus wie eine Eichel und fragte mich, ob es kaputt ist, weil es so hart sei und nicht pinkeln würde.

Ich sagte, dass daran nichts verkehrt war, dass es manchmal wie jetzt hart wurde, aber bald wieder weich werden würde und dass es nur aus irgendeinem Grund war, dass ich nicht pinkeln konnte. Ich war mir sicher, dass ich es später schaffen würde.

Sie war mit meiner Antwort zufrieden und wir fingen wieder dort an, wo wir aufgehört hatten, als wäre nichts geschehen.

Danach haben wir nie darüber gesprochen, als hätten wir es aus unseren Erinnerungen gelöscht, und spielten wie zuvor, bis sie am Ende des Sommers fortging.

Sie kam im nächsten Sommer zurück?

Sie kam im nächsten Sommer zurück und danach noch einmal, aber wir haben nie wieder so gespielt wie im ersten Jahr. Sie war größer geworden und gab vor, eine junge Frau zu sein, zog sich schicke Kleider an und kämmte ihr Haar schön, und manchmal, wenn sie darankam, tönte sie ihr Gesicht mit dem Rouge der Hrabina und legte Lippenstift auf ihre Lippen, und es war, als wären wir nie Spielgefährten gewesen.

5

Unter den Sternen?

Für eine Weile schlief ich nachts draußen und versuchte, mich abzuhärten. Mein Vater hatte mir erzählt, wie er das als kleines Kind gemacht hatte, um sich für alles, was das Leben bringen mochte, zu stählen, also wollte ich das auch. Mutter war strengstens dagegen, aber Vater sagte, es würde mir gut tun und es wurde mir erlaubt.

Ich dachte, ich würde es auf dem Boden neben unserem Haus tun, aber man sagte mir, es sei zu gefährlich, weil ein Tier kommen und mich beißen könnte, und da das Gebäude, in dem wir wohnten, nur eine Etage hatte und daher keinen Balkon, wurde es so eingerichtet, dass ich auf der Terrasse im Herrenhaus schlief. Ich hatte eine dünne, kleine Matratze, die ich zu Hause zusammengerollt hatte, und ich nahm sie mit, um sie auf der Bank, die dort war, auszubreiten, mich in eine Decke zu wickeln und so zu schlafen.

Es war zuerst unangenehm, auf hartem Untergrund und ohne Kissen zu schlafen, aber nach und nach gewöhnte ich mich daran und am Ende fing ich an, es als etwas Angenehmes zu mögen. Jede Sekunde des Unbehagens, das ich fühlte, schien ein Tropfen Gegenmittel gegen den Schmerz zu sein, den ich in der Zukunft ertragen sollte. Wenn ich durchhielte, gäbe es nichts, dem ich nicht widerstehen könnte, wenn es schließlich kam.

Es war Herbst und die Nächte wurden kalt, aber der Himmel war klar und voller Sterne, und ich konnte unter der Decke hervorschauend meine Augen nicht von ihm abwenden, bis ich, ohne es zu bemerken, einschlief, vollständig von seiner Schönheit und Weite getränkt wie ein Blatt Löschpapier, das die ganze Flüssigkeit absorbiert hatte, die darauf verschüttet worden war.

Manchmal erwachte ich mitten in der Nacht und fühlte ich mich am Anfang einsam und hatte Heimweh nach meinem Bett und dem Schutz des Schlafzimmers meiner Eltern. Dann war ich überwältigt von dem Drang, meine Sachen zusammenzupacken und mit Tränen in den Augen nach der Liebe und dem Trost zu laufen, die ich dort finden würde, aber ich konnte mich jedes Mal beherrschen und blieb auf der Bank. Ich würde in Zukunft viel schwierigeren Dingen gegenüberstehen und wie würde ich ihnen widerstehen können, wenn ich diese kleine Einsamkeit, die ich erlebte, nicht ertragen konnte? Ich musste stark sein und durfte nicht meiner Schwäche nachgeben. Beruhigt schlief ich ein und wachte morgens auf, stolz darauf, nachts stark gewesen zu sein.

Es regnete?

Eines Nachts regnete es und ich wurde kalt und nass wach. Ich fühlte instinktiv, dass ich nicht bleiben sollte, wusste aber nicht, wie ich nach Hause kommen sollte. Die Türen im Herrenhaus waren alle verschlossen und wie sollte ich sie öffnen? Ich konnte die Leute nicht wecken. Was würden sie von mir denken? Ich dachte daran, mich auf der Galerie zu verstecken, aber dort war keine Bank und ich wollte nicht auf dem kalten Steinboden schlafen. Ich rollte mich so eng wie möglich zu einer Kugel zusammen, versteckte mich unter der Decke und lag zitternd da, ohne zu wissen, was ich tun sollte. Bald darauf hörte ich jedoch Mutters wütendes Schreien unter der Balustrade, die mich aufforderte aufzuwachen. Sie war vom Regen geweckt worden und zu mir herübergerannt.

Irgendwie holten sie mich nach Hause, ich wurde abgetrocknet, in ein frisches Nachthemd gekleidet, mit warmer Milch versorgt und ins Bett gebracht, das sich besser als je zuvor anfühlte.

Du wurdest krank?

Am nächsten Tag ging es mir gut, aber nachts bekam ich Schüttelfrost, ich wurde ins Bett gebracht und bekam hohes Fieber. Am Morgen riefen sie den Arzt an, er kam herüber und es stellte sich heraus, dass ich eine Lungenentzündung hatte.

Ich war mehr als einen Monat krank, hatte hohe Temperatur und war schweißgebadet, so dass meine Kleider und Laken oft gewechselt werden mussten, und ich hatte furchtbare Alpträume, meine Zunge sei eine riesige Ebene, die mit großen scharfen Steinblöcken bedeckt war, deren schreckliche Schärfe und Härte ich schmeckte, woran ich mich bis heute erinnere. Auf ihr musste ich reisen, stieß ständig auf die Felsbrocken und verletzte mich an den scharfen Kanten. Ich wurde mit klarer Hühnerbrühe und Limonade gefüttert und bekam meine Brust mit Dachsfett eingerieben, Schröpfköpfe auf meinen Rücken und hatte Blutegel an meinem Körper, die faul von selbst abfielen – nachdem sie sich an meinem Blut fettgefressen hatten, sie abzustreifen war ich zu schwach. Als es mir besser ging, musste ich mir selbst beibringen, wieder zu laufen, hielt mich an Stühlen und Tischen fest und rutschte auf dem harten Holzfußboden in meinen Schuhen mit harten Absätzen und harten Sohlen herum.

Es dauerte mehr als einen Monat, bis ich gesund wurde. Mutter sagte, ich wäre krank geworden, weil ich mich erkältet hätte, aber Vater behauptete, man bekäme keine Lungenentzündung, weil man sich erkältet hatte, sondern von der Infektion mit einem Bazillus. Er gab jedoch zu, ich hätte krank geworden sein können, weil meine Infektionsresistenz infolge der Erkältung geschwächt worden war. Man war sich jedoch einig, dass es zu riskant für mich war, erneut draußen zu schlafen, und ich kam nie wieder darauf zurück, da ich selbst den Geschmack daran verloren hatte.

6

In geschlossenen Räumen?

Der Kleiderschrank war wunderbar, um sich zu verstecken, vor allem zwischen den Kleidern, besonders wenn man die Tür geschlossen hatte, aber unter den Betten war es besser. Mein Bett war etwas hoch, aber das meiner Eltern war perfekt – es war niedrig und man lebte dort in einer kleinen Welt, anders als in der realen. Ich habe mir alle möglichen Geschichten einfallen lassen, während ich mich darunter versteckte, und wollte sie anderen Leuten erzählen. Aber wenn mir niemand zuhörte, war es auch gut. Ich rollte mich zu einem Ball zusammen, schloss meine Augen und ließ Dinge geschehen, wie sie gerade wollten. Es war wie ein anderes Leben zu leben. Im Freien zu sein, störte mein Denken, aber eingeklemmt zu sein, machte mich frei.

Das Problem war jedoch, dass es für die Menschen schwer war, mit mir dort hinein zu klettern. Ich überredete Nora, einige Male mit mir hineinzugehen, bis sie anfing, sich zu beklagen, dass ich sie nicht allein gelassen habe. Mutter ging ein oder zweimal mit mir in den Schrank, aber sie konnte nicht mit unter ihr Bett kommen. Und Vater war für solche Dinge zu beschäftigt.

Was waren das für Geschichten?

Es handelte sich hauptsächlich um kleine Menschen – um Gnome. Aus irgendeinem Grund habe ich das am meisten geliebt. Sie waren von der Größe mir näher und lebten in einer Welt, die sich von der wirklichen unterschied, was am wichtigsten war. In dieser Welt passierten die Dinge auf uninteressante Weise, aber in der anderen konnte man alles tun, was man wollte.

Ich stellte mir vor, dass sie im Park oder in den Büschen um die Gebäude lebten, wie ich mit Karolina es mit den winzigen Leuten tat. Vor allem aber liebte ich die Geschichte, die ich über jene vier Gnome erfunden hatte, die auf einer magischen Insel lebten, die ihre Gestalt die ganze Zeit veränderte, weit weg in einem Ozean.

Sie hießen Romo, Oro, Momo und Moro, und sie gerieten ständig in Schwierigkeiten. Sie waren klein wie alle Gnome, hatten aber große Füße, die ihnen manchmal im Weg standen. Sie liebten es, zusammen zu tanzen, und weil ihre Füße so groß waren, traten sie einander ständig auf die Zehenspitzen und riefen: »Hör auf! Hör auf!«, schlugen einander und gerieten in einen echten Kampf. Sie gruben manchmal ein Loch in den Boden und reisten in eine noch andere, auf den Kopf gestellte Welt, in der alles rosa oder blau oder lila war.

Die meiste Zeit wurde jedoch mit dem Kampf gegen einen riesigen schwarzen Drachen namens Schwarzer Zahn verbracht. Er ernährte sich von Kohle und flog zu einer Zeche, um sich auf Kohle zu stürzen, oder zu einem Markt, um welche zu kaufen, und kam mit riesigen Säcken, die damit gefüllt waren, zurück und trug sie unter jedem seiner sechzehn Beine, um später zu essen. Er lebte in einer Höhle, die eine Tür hatte, die er mit einem Schlüssel verriegelte und den er beim Fortfliegen unter einem Felsen aufbewahrte. Die Gnome wussten davon und nahmen den Schlüssel und schlossen die Tür auf, so dass er, wenn er zurückkam, in seiner großen Dummheit die Tür abschloss und da er dachte, er würde sie öffnen, dann den Türgriff abriss und darüber fluchte.

Er brauchte Kohle, weil in seinem Bauch ein Feuer brannte, wenn es ausging, würde er sterben, und seine Drachenfrau musste die Tür öffnen, die er am Boden hatte, und dort Kohle hineinschaufeln und ein Feuer anzünden, um ihren Ehemann wieder zum Leben zu bringen.

Die Gnome hatten Einmachgläser voller Zeit, die, wenn man sie öffnete, alle anderen davon abhielt, sich zu bewegen, so dass man tun konnten, was man wollte, während die Welt drum herum stillstand. Wenn es für sie schwierig wurde, gegen Schwarzer Zahn zu kämpfen, öffneten sie ihre Weckgläser, öffneten dann die Tür in seinem Bauch und schaufelten die brennende Kohle heraus, und als sie das Glas schlossen, war Schwarzer Zahn tot und seine Frau musste erneut in seinem Bauch Feuer machen.

Die Gnome hatten auch einen kleinen Pilzfreund namens Ero, der sehr mutig war. Er kämpfte mit ihnen gegen Schwarzer Zahn und stach seinen scharfen Speer in seinen Bauch, um ihn vom Kampf abzulenken. Das Problem war, dass die Gnome viel darüber nachdenken mussten, wie sie Schwarzer Zahn bekämpfen sollten, und Ero musste daran gehindert werden, weil seine Pilzkappe, die sein Kopf war, sich erhitzen würde und er Gefahr lief, sich selbst zu kochen. Als die Gnome also nachdachten und sahen, wie Dampf aus Eros Mütze stieg, da wussten sie, dass er in Schwierigkeiten steckte und sie gossen Wasser auf ihn und schubsten ihn herum, immer weiter, damit er nicht nachdächte, und brachten ihn so wieder zum Leben.

Du hattest einen Bruder?

Einmal habe ich eine Zeit lang so getan, als würde ich einen Bruder haben, der jenseits des Ozeans lebte und der sehr arm dran war, weil er allein lebte und niemanden hatte, der sich um ihn kümmerte. Er war im gleichen Alter wie ich, also wäre er mein Zwilling gewesen, obwohl ich nie über ihn als einen solchen nachgedacht hatte. Er war nur mein Bruder, für den ich große Liebe empfand und der meine Hilfe brauchte.

In der Nähe unseres Hauses floss ein kleiner Bach durch den Park, und ich begann, ihm Sachen zu schicken, indem ich sie auf Bretterstücke legte, die ich in der Nähe der Wirtschaftsgebäude des Guts fand, oder flache Holzbrettchen oder andere Dinge, die trieben, wie Blechdosen und Metallschüsseln. Der Bach sollte sie zu einem großen Fluss führen, der sie zum Meer leitete, das sie schließlich zu ihm bringen würde.

Zuerst schickte ich ihm einige meiner Lieblingsspielzeuge und überzeugte sogar Nora, auch einige von ihren zu schicken, obwohl sie nach ein paar Versuchen das Interesse daran verlor und sich weigerte, weiter daran teilzunehmen. Aber es wurde kalt, und ich fing an, ihm ein paar Kleider und dann etwas zu essen zu schicken, manchmal das, was ich selbst zu mir nahm, beispielsweise zum Frühstück, weil ich normalerweise alleine frühstückte.

Es wurde dann bemerkt, dass einige Teller und Besteck fehlten und auch meine warmen Anziehsachen, und dass ich mit meinem Frühstück von Zeit zu Zeit verschwand. Nora erzählte meinen Eltern von dem Bruder, den ich mir erträumt hatte, und was ich getan hatte. So musste ich aufhören, dies zu tun, obwohl ich noch eine Weile an die Existenz meines Bruders glaubte.

Ein Schwert?

Ich hatte ein schönes kleines Schwert, das mir an einem meiner Geburtstage geschenkt worden war, es war eine weitere Hilfe für meine Geschichten.

Ich tat so, als ich durch eine Lichtung im Park lief, die Köpfe von Blumen abschnitt und dabei mit hoher Stimme blutrünstige Schreie ausstieß, als würde ich auf einem Pferd galoppieren, während ich die Köpfe feindlicher Soldaten abschnitt.

Ich wollte das auf dem Pony reitend tun, das wurde aber verboten, weil befürchtet wurde, ich könnte fallen und mich verletzen.

Noras Puppe?

Ich schuf mir richtig Ärger wegen Noras Puppe. Sie war die größte, die sie hatte, und ihr Liebling, hergestellt aus Kavčuk – Hartgummi – und war innen hohl.

Ich wollte immer wissen, wie es in ihrem Inneren aussieht, und eines Tages, als ich im Wohnzimmer meine Schwertkunst übte, beschloss ich, als niemand da war, den Kopf der Puppe mit dem Schwert abzuschneiden und einen Blick darauf zu werfen.

Die Puppe saß auf Noras Bett und stützte sich auf ein Kissen. Ich setzte sie so auf, dass ihr Kopf nach oben ragte, und hieb mit dem Schwert auf ihren Hals. Die Puppe wurde beschädigt, aber der Kopf wurde nicht abgetrennt. Die Puppe war umgekippt und lag auf der Seite. In einem Anfall von Raserei, den ich nicht kontrollieren konnte, fing ich an, mit dem Schwert auf den Hals zu hacken, bis sich der Kopf löste.

Wie war es drinnen?

Es war nichts Besonderes im Inneren – nur Leere. Es sah zwar feucht aus, was mich faszinierte, und so rieb ich meinen Finger an der Innenseite des Kopfes, probierte es und fand es salzig wie Schweiß. Es gab auch einen kleinen weißen Würfel wie ein Zuckerwürfel aus leichtem Material, der innen am Hinterkopf festgeklebt war. Ich versuchte herauszufinden, wozu er diente, konnte es aber nicht, wollte aber niemanden fragen, aus Angst, die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was ich getan hatte, als würde ich glauben, dass es nicht bemerkt würde.

Es wurde natürlich bemerkt und es gab wenig Zweifel, wer es getan hatte, so gestand ich, als ich gefragt wurde, ohne zu zögern, dass ich es getan hatte.

Du wurdest bestraft?

Nora wurde hysterisch, als sie sah, was ich getan hatte, schrie und weinte, sperrte sich im Zimmer ein und kam den ganzen Abend nicht heraus, und sprach tagelang nicht mit mir. Ich glaube nicht, dass sie mir jemals vergeben hat.

Mutter wollte, dass ich verprügelt wurde, aber Vater sagte, dass Schläge schlechtes Benehmen nicht korrigierten, sondern es fördern, indem es zeigte, dass Gewalt akzeptabel ist. Stattdessen sollte ich, wenn alle zu Abend aßen, in der Ecke stehen, und drei Tage lang hungrig zu Bett gehen.

Ich habe diese Bestrafung jedoch genossen und hätte gerne länger damit fortgefahren. Ich stand gerade wie eine Stange und starrte auf die leere Wand vor mir. Ich hörte das Klappern von Löffeln, Messern und Gabeln, die hinter meinem Rücken auf das Porzellan trafen, während Hunger schmerzhaft meinen Bauch rieb und ich spürte, wie ich dadurch mehr und mehr bereit wurde, die schlechten Dinge zu verkraften, die das Leben mir eines Tages bereiten würde.

In der zweiten Nacht wollte Mutter mir, als ich ins Bett ging, heimlich etwas zu essen geben, ohne dass Vater es wusste, aber obwohl ich versucht war, ihr Angebot anzunehmen, lehnte ich es ab und schlief noch glücklicher ein, als ich es war, während ich vor der Wand stand. Hätte ich ihr Angebot angenommen, hätte es alles verdorben, was ich erreicht hatte.

In der dritten Nacht ließ sie mich in Ruhe.

7

Deine Großmutter?

Jeden Sommer verbrachten wir einige Wochen bei meiner Großmutter, die weit weg in den Bergen lebte. Wir nahmen zuerst für eine kurze Strecke einen Zug und stiegen dann um in einen anderen, mit dem wir stundenlang fuhren. Es dauerte fast den ganzen Tag, um dorthin zu gelangen.

Der zweite Teil der Reise gefiel mir am besten. Wir waren normalerweise allein im Abteil und ich saß am offenen Fenster und blickte in die Richtung, in die wir reisten, die hereinströmende Luft drückte wie ein kaltes Kissen fest gegen mein Gesicht, was mir das Atmen schwer machte. Sie war mit Rauch vermischt, der aus der Lokomotive austrat, und roch nach hartgekochten Eiern, wie die, die wir mit den belegten Broten gegessen hatten, die Mutter zubereitet und in einem großen Korb mitgebracht hatte, was ich mochte.

Mehr noch mochte ich es, meinen Kopf aus dem Fenster zu stecken und dann wirklich von der Luft erstickt zu werden, so dass ich nach Luft schnappte, aber man sagte mir, ich solle es nicht tun, weil ein Funke im Rauch in mein Auge geraten und mich blenden könnte. Obgleich ich davor Angst hatte, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mich immer wieder erneut aus dem Fenster zu lehnen, besonders in den Kurven, denn dann konnte ich den gesamten Zug von der Lokomotive vorne bis zum letzten Wagon am Ende sehen. Sie sahen beide überraschend klein aus, fast wie Spielzeug, und der Zug war kürzer als ich gedacht hatte, was ich schön fand.

Manchmal hatte Vater jedoch genug von meinem Benehmen und schloss wütend das Fenster. Er zog es mit einem Lederriemen hoch, der aus einem Spalt im Fenstersims herausragte.

Die Luft wurde, je höher wir in die Berge kamen, zunehmend kühler und frischer. Das gefiel allen, das Fenster wurde, wenn es hochgeschoben worden war, wieder heruntergelassen, und ich verhielt mich so, dass es nicht wieder geschlossen wurde.

Es gab einen Tunnel, den wir passieren mussten, bevor wir unser Ziel erreichten. Das Abteil wurde ganz dunkel, als wir hineinfuhren, die Luft stank nach Rauch und der Lärm, den der Zug machte, der nun von den Steinmauern widerhallte, wurde so laut, dass man nichts anderes hören konnte.

Dies dauerte lange, so dass es so schien, als würde es nie enden, aber plötzlich war alles wieder hell, die Luft roch frisch, der Lärm war verschwunden, und man hörte das rhythmische Rattern der Räder des Zuges beim Rollen auf den Schienen. Die Stadt lag unter dem hohen Viadukt ausgebreitet vor uns und der Zug fuhr langsam weiter, bis er auf der anderen Seite den Bahnhof erreichte.

Er hatte verputzte Wände und ein rotes Ziegeldach, an dessen Dachtraufen Blumentöpfe mit roten Blumen aufgehängt waren, die wie Flammen aussahen.

Der peron – der Bahnsteig – war mit in kleine Quadrate unterteilten Fliesen belegt, wodurch er wie eine Schokoladentafel aussah. Wenn man ihn entlang ging, machten die Füße scharfe Klackgeräusche wie eine Schokoladentafel, die bricht. Als wir ankamen, um meine Großmutter zu besuchen, hatte ich immer das Gefühl, als würde ich eine riesige Schokoladentafel entlanggehen, von der das Silberpapier abgezogen war, und freute mich besonders darauf.

Sie erwartete Euch?

Vor dem Bahnhof erwartete uns Großmutter immer in einem Fiaker, das Verdeck hinterrücks heruntergeklappt, sie ganz in Schwarz, den Kopf in ein Tuch gehüllt und ein bodenlanges Kleid tragend, ihre Hände auf dem elfenbeinernen Griff eines Stocks, den sie draußen trug.

Sie küsste mich, wenn ich neben sie in den Fiaker kam und drückte mir eine Schokoladentafel in die Hand, wie ich es mir vorstellte, als ich den Peron hinunterging, die sie irgendwo zwischen den Falten ihres Kleides hervorbrachte und von der sie wusste, dass ich sie erwartet hatte. Unser Gepäck wurde in den Kofferraum im Fond gesteckt, meine Eltern und Nora zwängten sich auf die Vorder- und Rücksitze, die einander gegenüber lagen, der Fahrer stieg auf seinen hohen Sitz, seine Peitsche knallte und der Fiaker rollte los in die Stadt.

Die Straße war mit Pflastersteinen gepflastert und das Geräusch, das die Hufe des Pferdes auf ihm machten, ließ mich wieder an den Laut einer Schokoladentafel denken, wenn man sie bricht, und ich freute mich darauf, den Laut von derjenigen zu hören, die Großmutter mir gab, wenn ich sie brechen würde, sobald wir endlich bei ihr daheim waren und gegessen hatten, was sie für uns zubereitet hatte. Du durftest keine Süßigkeiten vor einer Mahlzeit nehmen und nicht zulassen, dass dein Magen dein Leben lenkt.

Was hast Du gegessen?

Selbstgebackenes Sauerteig-Roggenbrot, glänzend und mit dem Abdruck eines Kohlblattes oben auf dem Laib, mit frisch geschlagener Butter und Quark mit Sauerrahm und Radieschen und Frühlingszwiebeln und Dill, dazu frische Buttermilch und Sauerampfer-Suppe mit Reis und Sauerrahm und in Hälften geschnittene hartgekochte Eier, so wie Mutter es machte, und gedünstetes Kaninchen in Sauerrahmsauce mit Kartoffelpüree und pürierter roter Bete und in Butter sautierten Weißkäsepastetchen, serviert mit Kirsch-Johannisbeer-Konfitüren und Honigbrot und wilden Erdbeeren und Himbeeren und Blaubeeren, serviert mit Zucker und Sahne, Minztee mit Honig und örtlichem Mineralwasser mit Himbeersirup oder ohne zum Abschluss.

Du gingst schlafen?

Das leicht gestärkte und sorgfältig gebügelte Leinen streichelte sanft meine Haut, als ich zwischen die Laken kroch und sofort in den Schlaf glitt, als ginge es kopfüber entlang eines rutschigen, steil geneigten Brettes, begleitet von dem süßen Duft von Äpfeln, die verwendet wurden, um das Bettzeug in der Truhe, in der es aufbewahrt wurde, zu parfümieren.

Eine singende Pforte?

Vor dem Haus gab es einen Blumengarten, der durch einen Eisenzaun von der Straße getrennt war. Diese Pforte darin machte, wenn man sie öffnete oder schloss, ein Geräusch wie ein Vogel, der dezent einige Male zwitscherte und dann verstummte.

Blumen im Garten?

Entlang des Zauns wuchsen rote Kletterrosen. Ein breiter gelber Ziegelsteinweg, der vom Tor zur Eingangstür führte, schnitt den Garten in zwei Hälften und ging um jedes der beiden Rechtecke herum, die den Rest des Gartens einnahmen und mit denselben Ziegelsteinen, die senkrecht auf einer Seite standen, eingefasst waren. In der Mitte von jedem befand sich ein großer Kreis mit weißen Pfingstrosen am Rand in einem von ihnen und rosafarbenen im anderen, und hohen, flammenroten Dahlien in der Mitte. Ein dicker Teppich von Levkojen füllte den Rest jedes Rechtecks. Wenn es dunkel wurde, strahlten sie einen süßen, berauschenden Duft aus, der bis zum Morgengrauen anhielt. Er war so stark, dass er mich manchmal mitten in der Nacht weckte.

Eine singende Wasserpumpe?

Im Gemüsegarten auf der Rückseite des Hauses befand sich eine Wasserpumpe. Sie gab, sobald man sie betätigte, ein Geräusch von sich wie ein Vogel, der sang, immer weiter und weiter, nie bereit, aufzuhören. Ich musste manchmal, wenn wir den Eimer füllten, darum kämpfen, den Griff zu bewegen, weil ich gerne derjenige sein wollte, der sie zum Singen brachte.

Das Wasser?

Das Wasser, das aus dem Kran in den Eimer floss, fühlte sich an wie der muskulöse Arm eines Mannes. Das im Eimer roch wie ein Strauß kalter Blumen.

Der Garten auf der Rückseite?

In einer Ecke des Gartens auf der Rückseite, den das Sonnenlicht kaum durchdrang, wuchs ein riesiger Apfelbaum. Es war immer halb dunkel zwischen seinen Ästen wie in einer Mondnacht. Die Äpfel waren klein und rot und schienen, wenn man sie pflücken wollte, wie Vögel auf den Ästen zu hüpfen. Nachts konnte man sie wie Flöten, die lange traurige Laute machten, in das Gras fallen hören, was mir ebenfalls gefiel.

Es wuchsen darin auch rote und gelbe Johannisbeersträucher, deren Beeren wie winzige Sonnen, rot oder gelb, in engen Fruchtständen gebündelt waren, Stachelbeeren, deren gelbgrünes Innere trübe wie stehende Gewässer war, Erdbeeren in ordentlichen Reihen, die beim Hineinbeißen in deinem Mund voller Aromen explodierten und Deinen Gaumen zu durchstechen drohten, in noch saubereren Reihen wachsende Möhren, süß, als wären sie in Zucker getaucht, wenn Du sie nach dem Abwaschen unter der Pumpe kautest, ebenso Kohl, Kohlrabi und süße Erbsen, die behände an hohen Spalieren entlangkletterten, die Erbsen in den Schoten wie Tropfen grünen Zuckerwassers und die Schoten, wenn du die klare Membran von ihnen abgezogen hattest, ebenfalls süß.

Du gingst schwimmen?

Manchmal bereitete Mutter Essen für den ganzen Tag vor, das sie in einen Korb stellte, den sie im Zug mitgebracht hatte, und wir heuerten einen Fiaker an, der uns einige Kilometer außerhalb der Stadt zu einem großen Fluss brachte und später abholte. Dort waren kaum Leute, aber zwischen hohen Büschen lagen breite, flache Kieselstrände, so legten wir unsere Decke und Handtücher auf denjenigen, den wir mochten, und ließen uns sonnen oder badeten. Der Fluss war flach mit nur gelegentlich tiefen Stellen, Mutter schwamm dort, während Nora und ich nahe am Ufer plantschten. Ihre Bewegungen waren sanft und ruhig, als wäre auf der Wasseroberfläche eine Ölpfütze, die ständig ihre Form veränderte.

Vater blieb normalerweise auf der Decke, las Zeitung oder spielte Schach gegen sich selbst.

Und Picknicks?

Mutter bereitete erneut Essen zu, und wir gingen in die Hügel außerhalb der Stadt und machten Picknick auf einem Hügel in der Mitte eines Feldes oder am Waldrand im hohen Gras, wo es kurz war. Normalerweise waren wir nur zu viert, aber gelegentlich kamen einige Freunde meiner Eltern mit. Sie hatten zwei Mädchen in Noras Alter, und sie spielte mit ihnen, während ich alleine spielte oder meinen Eltern und den beiden anderen Erwachsenen beim Gespräch zuhörte. Vater spielte manchmal Schach mit dem Mann, wenn dieser da war, ansonsten spielte er mit sich alleine, während ich ihn beobachtete, wie er die Züge machte und Fragen stellte.

Pilze- und Beerensammeln?

Die Wälder waren kühl und rochen nach Harz. Der Boden in ihnen war von Kiefernadeln, die ihn wie kurz geschorenes Haar bedeckten, glitschig, so dass Du darauf ausrutschen und hinfallen konntest, wenn Du nicht vorsichtig warst. Die Pilze sprangen aus dem Boden hervor wie schüchterne kleine Tiere, die Angst haben oder nicht durchbrechen können, oder sie standen stark und stolz da, ob wohl jemand es wagen würde, sie zu pflücken. Diejenigen mit kleinen Kappen auf einem großen fetten Stiehl, der wie ein Fass geformt war, und die Bili – die Weißen – also Steinpilze, hießen, waren die besten, vor allem, wenn sie in einer Sauerrahmsauce serviert wurden, aber ich mochte auch die kleinen gelben Lysyčky – kleine Füchse – also Pfifferlinge, und die blauen oder violetten, die Holubinky genannt werden – Taubenpilze – oder alle andern, die wir sammelten.

Es war heiß im starken Sonnenlicht auf den Lichtungen, Insekten summten auf ihnen wie eine Harfe, die gezupft und in das Gras geworfen worden war und nicht aufhören würde zu erklingen, wilde Erdbeeren wuchsen auf ihnen im Gras wie süße Tropfen duftenden Blutes und du suchtest mit den Fingern unter den Blättern der langen Kletterranken, in denen sie sich versteckten, nach Himbeeren und Brombeeren und fandst sie weich und willig, von dir sich pflücken lassend und nicht zu entkommen versuchend. Blaubeeren wuchsen auf kurzen lockigen Büschen, du pflücktest sie mit einem besonders breiten Holzkamm, der wie durch Haare durch die Blätter strich.

Ein Zirkus?

Es gab ein paar Zirkusse, die ich beim Besuch meiner Großmutter sah, aber ich erinnere mich besonders an einen mit einer Akrobatenfamilie, die alle möglichen Dinge ausführte und mit einer stillstehenden Figur endete, die aus allen bestand. Da gab es Vater, Mutter, zwei Jungen, ein Mädchen und einen kleinen schwarzweißen Hund mit einem zusammengerollten Schwanz.

Mit Ausnahme des Hundes trugen sie alle schwarz-weiß gestreifte einteilige Badeanzüge mit kurzen Ärmeln. Der Vater stand mit gebeugten Beinen auf einem großen weißen Brett, balancierte auf einer riesigen schwarzen Eisenkugel und streckte die Arme zur Seite aus, während die Mutter mit ihren Beinen auf seinen Schultern saß, ihre Beine um seine Brust und unter seine Achsel geschlungen, ihre Arme ausgebreitet wie die ihres Mannes. Die Jungen, die größer waren als das Mädchen, standen auf den Schenkeln des Vaters und lehnten sich nach außen, während sie sich an den Händen festhielten. Das Mädchen saß auf den Schultern ihrer Mutter, so wie diese auf dem Ehemann saß. Ihre Arme waren auf ähnliche Weise ausgestreckt. Der Hund rollte sich adrett auf ihrem Kopf zusammen. Er kam dort hin, indem er wie ein Affe schnell und geschickt an den Körpern der Menschen entlangkletterte.

Die Figur blieb lange stehen, alle Familienmitglieder mit Ausnahme des Vaters sowie des Hundes lächelten. Der Gesichtsausdruck des ersteren war von unglaublicher Anspannung – es war dunkelrot geschwollen, fast schwarz von Blut, seine Lippen waren fest geschlossen, seine Wangen und Augen waren gewölbt und die Muskeln und Venen unter seiner Haut kräuselten sich wie Schlangen, die versuchen, zu entschwinden. Man konnte sehen, dass es ihm immer schwerer wurde, weiterzumachen, und als es so aussah, als würde er zusammenbrechen, ertönte irgendwo ein Schuss, und die ganze Figur zerfiel in einem Moment und jeder sprang zu Boden und verbeugte sich, einschließlich des Hundes.

Sie wurden mit einem lauten Gebrüll von Zustimmung und Beifall vom Publikum belohnt und standen lange Zeit aufrecht, verneigten sich, der Vater schwer atmend und wieder zu Luft kommen versuchend.

Ein Zwergelefant?

Eine andere Attraktion in diesem Zirkus war ein kleiner weißer Zwergelefant von der Größe eines Bernhardinerhundes. Sein Herrchen war ein kahlköpfiger älterer Herr mit einer goldgeränderten Brille. Der Elefant erledigte für ihn alle möglichen Dinge, wie beispielsweise zählen, indem er seinen Fuß tippte, und Namen buchstabieren, indem er mit seinem Rüssel auf eine Tafel mit dem Alphabet zeigte.

Ich war so aufgeregt, dass ich die ganze Nacht nicht einschlafen konnte und wollte ihn am nächsten Tag wieder sehen. Es war Montag, und der Zirkus brach an diesem Tag auf. Ich hatte also keine Chance, wieder an der Aufführung teilzunehmen, aber da sie sah, wie aufgeregt ich war, brachte mich meine Mutter dorthin, wo der Zirkus kampierte und wir durften zum Wagen des Besitzers.

Er war kleiner als einige andere, aber sehr schön, aus gelb lackiertem Holz mit Messing und einer runden, grünen Metalloberseite mit Messingrinnen. Mutter klopfte an die Tür, und als der Besitzer hörte, warum wir dort waren, durften wir hineingehen. Der Elefant befand sich in einem kleinen abgeschlossenen Bereich im hinteren Teil des Wagens mit zwei blauen Sesseln und einem passenden Sofa. Seine Haut war eigentlich eher ein blasses Grau als reines Weiß, nur wo sie knitterte, war sie blau wie Markierungen, wenn du über eine Durchschlagkopie scharf hinüberstreichst.

Wir saßen auf dem Sofa und der Besitzer und der Elefant in den Sesseln, letzterer etwas unbeholfen, mich mit seinen kleinen, glänzenden roten Augen eines weisen alten Mannes interessiert anblickend, während er sich mit einem der Vorderbeine abstützte. Er zählte mein Alter, als ich sagte, wie alt ich sei, indem er sanft mit dem Fuß auf die Bühne klopfte und buchstabierte meinen Namen, indem er auf die Tabelle zeigte. Dann wurde uns Tee in kleinen weißen und blauen Porzellantassen serviert, die der Elefant aus einer passenden weiß-blauen Teekanne einschenkte, die er mit seinem Rüssel hielt.

Er drückte, als wir uns verabschiedeten, mit dem Rüssel erneut leicht meine Hand, so als wäre er gelangweilt, und folgte uns mit seinen Augen, als wir durch die Tür hinaustraten.

Mehr Geschichten?

Außer dem Zwergelefanten mochte ich keine Elefanten – wegen ihrer nackten schlaffen Hintern und weil sie gehorsam im Kreis liefen, während sie den Schwanz des Vorgängers in ihren Rüsseln hielten, und erfand Geschichten darüber, wie sie wie Wolken im Himmel schwebten, nachdem sie sich wie Luftballons aufgeblasen hatten, indem sie ihre Rüssel sich in den Hintern steckten. Diejenigen, die es nicht selbst tun konnten, mussten ihre Freunde bitten, es für sie zu tun. Und wenn sie keine Freunde hatten, blieben sie auf dem Boden und verwandelten sich in weiche Felsen.

Giraffen waren eine andere Sache. Ich sah sie in einem Zoo in einer Stadt nicht weit von dort, wo wir lebten, sowie auf Bildern und war beeindruckt von ihren unglaublich langen, anmutigen Hälsen. Ich erzählte Geschichten über einige von ihnen, die so groß waren, dass ihre Köpfe über die Wolken reichten, und die von Regen- und Schneeblüten lebten, die auf letzteren wuchsen. Wenn das Wetter sonnig war, wurden sie hungrig und mussten einen hohen glatten Berg finden, um an seiner Flanke zu grasen.

Ihre Köpfe waren so hoch im Himmel, dass sie Brillen brauchten, um zu sehen, was auf dem Boden geschah. Um sie ihnen anzupassen, brauchten die Ärzte sehr hohe Leitern, um an sie heranzukommen, und nur sehr mutige machten das.

8

Die Küste?

Wie ich bereits erwähnte, begab sich Vater jeden Sommer für ein paar Wochen zur Militärübung, so wurde in einem Jahr beschlossen, dass wir Urlaub an der nahe gelegenen Küste machen sollten.

An dem Tag, an dem er fertig war, fuhren Mutter, Nora und ich mit der Bahn los, und er sollte uns treffen, als wir durch die Stadt fuhren, in der er war. Wir nahmen den gleichen ersten Zug wie zu meiner Großmutter, stiegen aber danach in einen anderen, der Wagons hatte, dessen Sitze gepolstert und Abteilwände mit Plüschmaterial bedeckt waren; die Sitze in dem Zug, den wir zu Großmutter nahmen, hatten Holzbänke, die ähnlich wie die vor unserem Haus gebaut waren, abgesehen von dem lackierten gelben Holz und Wänden aus demselben Material.

Die Fahrt dauerte noch länger als die zu meiner Großmutter, es war spät am Nachmittag, als wir in der Stadt ankamen, in der uns Vater treffen sollte. Ich rannte in den Gang und suchte durch das offene Fenster nach ihm. Ich suchte immer wieder nach ihm unter den Leuten, die auf dem Bahnsteig drängten, aber er war nirgendwo zu sehen. Die Menge wurde immer dünner und ich begann zu befürchten, dass er nicht kommen würde, aber dann bemerkte ich, dass er in der Ferne stand und mit Panna Adela sprach. Ich war drauf und dran ihn zu rufen, obwohl er mich wahrscheinlich nicht hören würde, aber dann verabschiedeten sie sich voneinander, Panna Adela ging in eine Richtung davon und er in die andere auf mich zu. Ich wollte meiner Mutter schon erzählen, was ich gesehen hatte, entschied mich aber dagegen. Ich war mir sicher, dass sie es nicht gemocht hätte. Sie stand neben mir und obwohl sie ihre Brille trug, vermutete ich, dass sie sie nicht gesehen hatte. Sie sah schlecht, selbst wenn sie ihre Brille trug. Nora war bei uns, hatte aber in die andere Richtung geschaut.

Er trug Zivilkleidung, hielt einen großen Koffer in der Hand und suchte mit den Augen mit ernstem Gesichtsausdruck nach den Wagonnummern. Jetzt rief ich ihm zu, er sah mich, sein Gesicht hellte sich auf, er beschleunigte und ging auf den Wagon zu, in dem wir uns befanden.

Schnell war er auf dem Gang, umarmte und küsste uns alle, wir gingen in das Abteil zurück und setzten unsere Fahrt fort.

Ein Haus am Ufer?

Wir hatten ein Zimmer in einem Haus am Rande der Stadt zwischen Dünen nahe am Wasser gemietet. Es war fast dunkel, als wir an unserem Bahnhof ankamen, und wir fuhren mit einer Kutsche dorthin, wo wir bleiben sollten.

Unser Zimmer war im zweiten Stock und man konnte einen Streifen von etwas Hellem schimmern sehen, das sich in der Ferne über den dunklen Gipfeln der Dünen bewegte. Es war das Meer.

Eine starke Brise, die nach Jod roch, der Art, wie du auf eine Wunde streichst, wenn du dich schneidest, blies von ihm her, drückte den Vorhang am Fenster in mein Gesicht, als ich ihn immer wieder beiseite strich und versuchte, herauszusehen.

Ich wollte sofort zum Meer rennen, um es zu sehen, aber man sagte mir, es sei zu spät. Wir würden es morgen früh gemeinsam sehen.

Nach einer kleinen Mahlzeit im Esszimmer im Erdgeschoss gingen wir zurück in unser Zimmer und dann ins Bett. Ich lag da und lauschte dem Geräusch, das das Meer machte, wie ein Baum, der für einen kurzen Moment im Wind raschelt, dann innehält, raschelt und dann erneut innehält, bis ich, wie immer ohne es mitzubekommen, einschlief.

Wie war das Meer?

Am nächsten Morgen war es ruhig und flach, es gab nicht das Geräusch von sich, das es bei unserer Ankunft machte. Die Wellen waren klein und sie schienen geistesabwesend auf dem Sand zu brechen, wie Bewegungen, die Menschen, ohne sich dessen bewusst zu sein, mit ihren Fingern machen, wenn sie nervös sind.

Es war jedoch riesig, die Sonne spiegelte sich auf seiner Oberfläche wie auf einem riesigen, silbergrau gestrichenen Brett, ich konnte nicht aufhören, es anzusehen.

Dein Bruder?

Ich hatte schon lange nicht mehr davon geträumt, einen Bruder zu haben, aber als ich das Meer sah, brachte es mir die Erinnerung zurück.

Ich sah die gerade Linie des Horizonts und sagte mir, mein Bruder stehe am anderen Ufer und denke an mich, wie ich an ihn dachte. Aber die Richtung, in die ich schaute, war eine andere als die, wo ich ihn mir zuvor vorgestellt hatte, die Idee erregte mich also nicht mehr so sehr wie damals, und so hörte ich auf, an ihn zu denken und tat es nie mehr wieder.

Du bist geschwommen und hast andere Dinge getan?

Ich ging in der Nähe des Ufers schwimmen und hielt mich an Vaters Hand, allerdings nur wenige Augenblicke, weil das Wasser kalt war. Vater schwamm jedoch sehr oft und Nora ein bisschen mehr als ich. Für Mutter aber war es zu kalt und sie ging nie ins Wasser.

Wir legten unsere Decken weit weg von anderen Leuten, in der Nähe der Dünen, wo es wärmer war, und sonnten uns und picknickten dort.

Vater las stundenlang Zeitungen und spielte gegen sich selbst Schach, und ich beobachtete ihn und stellte Fragen, was er tat.

Männer mit einem Kleiderschrank?

Eines Tages kamen zwei Männer mit einem großen Kleiderschrank aus den Dünen. Sie waren schäbig gekleidet und ungepflegt und sahen aus wie Hobos.

Sie gingen ins Wasser, ließen den Kleiderschrank hinein und schwammen neben ihm, während sie ihn vom Ufer wegstupsten. Alle standen auf und beobachteten sie lange, bis man sie nicht mehr sehen konnte.

Die Leute sprachen tagelang darüber, und in den Zeitungen gab es Berichte darüber, aber niemand wusste, wer die Männer waren, warum sie das getan hatten und was mit ihnen geschah.

Mutter dachte, sie wollten das Land am anderen Ufer erreichen, aber Vater meinte, es wäre verrückt gewesen, das zu versuchen, weil es zu weit war. Sie hätten es niemals geschafft. Er sagte, es sei wahrscheinlich nur ein Trick, um alle zu verwirren. Sie wurden vermutlich später von einem Boot abgeholt.

Aber ich wusste, dass beide falsch lagen. Die Männer wollten nur den Kleiderschrank mit aufs Meer nehmen. Warum war das so schwer zu verstehen?

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Возрастное ограничение:
18+
Дата выхода на Литрес:
25 мая 2021
Объем:
190 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783838275109
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