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Wolfgang Quest

Mörderwelt

Thriller

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Impressum neobooks

Kapitel 1

Reporter Benny Paulsen beobachtete die Wespe, die zwischen ihren Köpfen hin und her sauste. Genauso vorwitzig wie ich, dachte er. Baranoff schien sie nicht zu stören. Dann machte die Wespe den Fehler und setzte sich auf seine Rennzeitung. Der Hoteldetektiv hob die Faust und schlug zu.

„Was wollen Sie denn anlegen?“, sagte Baranoff und kratzte mit dem Daumnagel den Rest der toten Wespe vom Papier.

„Was meinen Sie mit anlegen?“

„Schwer von Begriff? Pinke-Pinke, Asche, Mäuse, Knete …“

Paulsen lehnte sich an die Theke und blickte auf die borstigen Brusthaare, die aus Baranoffs zerknitterten Hemdkragen ragten.

„Und was soll damit sein?“

„Ganz einfach. Für ‘n Hunderter könnt ihr das Bett filmen. Mit Blutspritzern drauf. Auf sowas seid ihr doch scharf.“

„Uns interessieren Fakten, keine schmutzige Bettwäsche.“

„Hauen Sie nicht so aufn Putz. Ich kenn euch Brüder doch.“

Paulsen blickte sich um. Das Foyer des Hotels Prärieblume lag im Dämmerlicht trüber Stehlampen, an den Wänden altertümliche Jagdbüchsen, Sattelzeug und historische Fotografien aus der amerikanischen Pionierzeit. Die Empfangstheke, aus groben Holzplanken gezimmert, ähnelte dem Vorbau einer Blockhütte. Von der Decke baumelte ein Holzschild mit zwei gekreuzten Colts und darunter in geschnörkelter Westernschrift: Reception. Mit dem imitierten Western-Look hätte das Hotel besser in einen Vorort von Las Vegas gepasst als ins beschauliche Aachen, dachte Paulsen.

„Gibt’s in Ihrer Westernhütte auch einen Sheriff?“ Statt zu antworten knurrte Baranoff etwas Unverständliches und vertiefte sich wieder in die Pferdezeitung mit den letzten Rennergebnissen. Paulsen wandte sich zum Ausgang.

„Viel Glück beim Wetten.“

Ein Räuspern von Baranoff.

„Nicht mal einen Blick reinwerfen?“

Paulsen blieb stehen und wandte sich um.

„In die Rennzeitung?“

Der Witz schien Baranoff zu gefallen. Er grinste. „Ins

Gruselkabinett.“

„Wenn’s nichts kostet.“

Baranoff faltete die Rennzeitung zusammen und schob sie in die Tasche.

„Na schön, ich weiß nicht warum, aber ich mach’ heute mal

’ne Ausnahme.“

Er ging voran, wobei er das rechte Bein nachzog und leicht hinkte. Sie passierten eine halbhohe Schwingtür und kamen zu einem altertümlichen Lift mit vergittertem Schacht.

„Der hat mit ’nem Hackebeil gewütet.“

„Wer?“

„Das wüssten alle gerne.“

„Hat keiner was gehört?“

Baranoff hämmerte mit der Faust auf den Türknopf und spähte nach oben in den Schacht.

„Ich jedenfalls nicht, ich hab’ an der Matratze gehorcht.“

Als er den fragenden Blick des Reporters sah, fügte er hinzu:

„War krank und hatte ’ne Schlaftablette eingeworfen.“

Der Aufzug kam heruntergerumpelt, und sie stiegen ein. Paulsen, dicht neben Baranoff, blickte in dessen schwammiges, rot geflecktes Gesicht, mit Poren auf der Nase wie kleine Bombentrichter.

„Wohnen Sie hier im Hotel?“

„Wo denn sonst? Meinen Sie, ich mach’ den Job ferngesteuert mit Drohnen?“

Er lachte rasselnd, das Lachen ging über in Husten und verbreitete einen säuerlichen Biergeruch.

„Wer hat das Mädchen gefunden?“

„Die Putzfrau.“

Oben angekommen ließ Baranoff den Reporter am Aufzug warten, er wolle erst nachschauen, ob die Luft rein ist. Was er damit meinte, war nicht ersichtlich. Eine Minute später kam er zurück.

„Alles klar, Zimmer sieben. Gehen Sie schon rein. Ich muss noch mal kurz nach unten.“

Damit verschwand er im Treppenhaus. Paulsen tappte den düsteren Flur entlang und fragte sich, was er im Zimmer der Ermordeten überhaupt wollte. Sie war gestern Morgen entdeckt worden, und er würde nichts finden, was die Spurensicherung nicht schon gefunden hatte. Doch irgendetwas zog ihn dorthin.

Die Tür stand sperrangelweit auf. Die Fenstervorhänge waren geschlossen und er schaltete das Licht ein. Das Bett noch nicht abgezogen, das zerwühlte Laken gesprenkelt mit getrocknetem Blut, auf Sesseln und Teppichboden ein Dutzend rostbrauner Flecken, markiert mit Kreidezeichen.

„Was machen Sie hier?“

Paulsen wandte mich um. Die scharfe Stimme kam von einem dürren, etwa fünfzigjährigen Mann mit hagerem Gesicht und tiefen Falten um den Mund.

Paulsen trat zurück auf den Flur.

„Regio TV. Hab’ nur einen Blick reingeworfen.“

Der Mann trug Jeansanzug, schwarzes Hemd mit

Schnürsenkel-Krawatte und auf Hochglanz gewichste Cowboystiefel, fehlte nur der Sheriff-Stern. Mit leicht gespreizten Beinen stand er da wie ein Westernheld vor seinem Duellpartner.

„Und das Polizeisiegel aufgebrochen.“

Er deutete auf den Türrahmen, wo ein zerrissenes, graues Band mit Polizeistempel baumelte.

„Die Tür war offen.“

Der Cowboy lachte trocken. „Glaub nicht, dass die Polizei

Ihnen das abnimmt.“

„Darf man mal erfahren, wer Sie sind?“, sagte Paulsen.

„Kohlhammer. Der Chef vom Laden. Schätze, Sie sitzen ganz schön in der Tinte.“

Klang nach John Wayne.

„Richtig, falls ich das Siegel geknackt hätte. Aber als ich kam, war die Tür schon weit offen. Ihr Hausdetektiv hat mich reingeschickt.“

Kohlhammer runzelte die Stirn.

„Baranoff?“

„Ich weiß nicht, was Ihr Detektiv mir in die Schuhe schieben will, aber ich bin mal gespannt, wessen Version die Polizei eher glaubt.“

Damit ließ er den Cowboy stehen und ging zum Treppenhaus.

Am Hoteleingang kam ihm das Kamerateam entgegengetrottet. Kameramann Lippe und Assistent Wisch. Sie sahen nicht gerade einsatzfreudig aus, dafür waren sie beim Sender auch nicht bekannt, eher dafür, dass sie am liebsten jeder

Anstrengung aus dem Weg gingen. Kurz besprachen sie die

Lage. Lippe maulte wegen der strahlenden Sonne und harten Kontraste und filmte unter Vorbehalt die Außenfassade des Hotels.

Paulsen wollte jemand finden, der bereit war, ein paar Fragen zu beantworten, doch Inhaber Kohlhammer lehnte ab, sein Faktotum Baranoff war nicht aufzutreiben, und den anderen Angestellten hatte Kohlhammer offenbar einen Maulkorb verpasst.

Paulsen und sein Team packten ihre Sachen, fuhren zum

Polizeipräsidium, um eine Stellungnahme von Pressesprecher Hugo Lambert einzuholen. Für die Aufnahme postierten sie ihn dekorativ am Eingang vor einer Reihe geparkter Polizeiwagen. Lambert erzählte wenig Neues. Im Hotel Prärieblume sei eine junge Frau tot aufgefunden worden, eine Angestellte habe die Leiche am Sonntagmorgen gegen acht Uhr fünfzig entdeckt, die Frau stamme aus Nigeria, die genaue Identität noch ungeklärt.

„Können Sie schon sagen, ob Mord oder Selbstmord?“

Lambert räusperte sich. „Wir gehen davon aus, dass ein

Fremdverschulden vorliegt.“

„Also Mord?“

„Kann man wohl von ausgehen, wenn jemand enthauptet worden ist.“

„Gut, dass Sie es nochmal erklärt haben.“

Sie verabschiedeten sich so herzlich, wie das Gespräch verlaufen war. Auf dem Weg zum Fernsehstudio überlegte Paulsen, ob der Mord an der jungen Nigerianerin das Zeug zu einer größeren Story hatte. Was seine Fantasie anheizte, waren weniger die spärlichen Fakten als die merkwürdigen Umstände am Tatort – samt dubiosem Detektiv und schrägem Hotelbesitzer. Als sie in den Hof von Regio TV einbogen, beschloss er, seinem Bauchgefühl zu folgen, es sagte ihm, dass es sich lohnen würde, Zeit und Energie in den Fall zu investieren. Davon musste er allerdings noch Redakteur Krohnke überzeugen.

Krohnkes Reich lag am Ende eines fensterlosen Flurs. Ein kleines, hässliches Büro mit grauen Metallschränken wie

Bundeswehr-Spinde, einem olivbraunen Teppich und einem Resopal-Schreibtisch mit Chrombeinen. Aus dieser unscheinbaren Klause heraus steuerte er das Nachrichtengeschäft.

Krohnke war ein Mann voller Gegensätze. Der dynamische Kurzhaarschnitt passte nicht zu dem müden Knautschgesicht, und er kombinierte modische Jeans mit ärmellosen Pullovern. Gewöhnlich muffelte er hier in seiner Bude herum, und man wagte kaum, ihn anzusprechen, dann wieder konnte er unerwartet nett und freundlich sein. Was seine Laune auf jeden Fall aufbesserte, war ein Schlagabtausch – am besten deftig oder fintenreich wie ein Duell.

Kapitel 2

„Da haben Sie sich ein echtes Ei gelegt, Paulsen“, empfing er Paulsen. Eine Spur Schadenfreude war nicht zu überhören.

Paulsen nahm einen Stuhl, schob ihn an den Schreibtisch. „Freut mich, wenn ich Ihren tristen Büroalltag ein bisschen aufheitern kann.“

„Menschenskind, Paulsen, ausgerechnet jetzt, wo die

Medien so im Fokus stehen. ‚Lügenpresse’ und so weiter …“

„Hört sich an wie Feigheit vor dem Feind.“

„Im Ernst, Paulsen, diesmal kann ich Sie nicht decken.“

Paulsen schlug die Beine übereinander und lehnte sich zurück. „Sagen Sie doch erst mal, warum Sie so aus dem

Häuschen sind.“

„Vor ein paar Minuten kam ein Anruf von der Polizei …“

Krohnke legte eine Pause ein, als wollte er ihn auf die Folter spannen. Es funktionierte. Paulsen überkam ein mulmiges Gefühl. Dann fuhr Krohnke mit boshaftem Lächeln fort.

„Pressesprecher Lambert hat uns einen freundlichen Tipp gegeben. Wir sollen bloß nicht auf die Idee kommen,

Aufnahmen vom Tatort zu verwenden.“

„Von dem Zimmer haben wir gar keine Aufnahmen.“

„Und wieso nicht?“, rutschte es Krohnke heraus. Der Reflex des alten Jagdhundes.

„Sie meinen, wir hätten im Zimmer drehen sollen?“

„Ach, Quatsch, ich meinte … was habt ihr denn gedreht?“ „Hotel außen und Statement vom Lambert.“

„Aber vorher waren Sie im Hotelzimmer, das steht ja nun mal fest. Trotz der Absperrung. Das kann Sie teuer zu stehen kommen. Beschädigen eines Dienstsiegels.

Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr.“

Paulsen war nicht in Stimmung für Rededuelle, aber Krohnke ließ sich am ehesten mit frechen Antworten beeindrucken.

„Juckt mich nicht“, sagte Paulsen.

„Mich allerdings auch nicht. Wäre vielleicht gar nicht schlecht, wenn Sie mal ’ne Zeitlang aus dem Verkehr gezogen würden. Dann könnten Sie sich mal in Ruhe besinnen.“ Er lachte, stand auf und blickte auf die Straße, wo ein Polizeiwagen mit Geheul vorbeiraste.

„Obwohl ich bezweifle, dass ein Resozialisierungsversuch bei Ihnen Erfolg hätte.“

Paulsen belohnte Krohnkes Scherz mit einem Lächeln.

„Wenn Sie es genau wissen wollen: Ich bin reingelegt worden.“

Krohnke setzte sich wieder. „Sie? Wo Sie doch sonst immer so gewitzt sein wollen?“

„Im Ernst. Ich weiß nicht, was in der Absteige für ein

Spiel getrieben wird, aber ich gehe davon aus, es war kein Zufall, dass sein Angestellter mich in das Mordzimmer hat rennen lassen. Keine Ahnung, warum er mich reinlegen wollte, ich weiß nur eins: Wir sollten der Sache nachgehen.“

„So, meinen Sie? Jetzt sag ich Ihnen mal, was ich meine.

Wegen Ihnen haben wir schon Ärger genug am Hals. Ich will von dem Mist nichts mehr hören.“

„Ich bin überrumpelt worden und will herausfinden warum.“

„Wir bezahlen Sie nicht als Hobby-Detektiv.“

Paulsen kannte Krohnke lange genug und wusste, er durfte jetzt nicht klein beigeben. Krohnke war aus hartem Holz geschnitzt, aber von ganzem Herzen Reporter, jederzeit bereit, für eine gute Story Kopf und Kragen zu riskieren. „Ich habe den Geruch von Trüffeln in der Nase“, lockte Paulsen ihn.

„Pilze sammeln können Sie in Ihrer Freizeit.“

„Ich rede von Trüffeln, um die uns alle anderen beneiden werden.“

„Klingt nach einem Ihrer berüchtigten investigativen

Anfälle.“

„Ich sag nur: Quotenhit.“

„Ja, ja.“ Krohnke winkte ab. „Mit Speck fängt man Mäuse.“ „Geben Sie mir ’ne Chance.“

„Wie ich Ihre Anfälle so kenne, haben Sie auch schon eine

Idee.“

„Wenn das okay heißen soll, verrate ich Sie Ihnen: Laut

Polizei stammt das Mädchen aus Nigeria.“

„Ja und?“

„Wieso wohnte sie in einem Hotel?“

„Was weiß ich, vielleicht auf Urlaubsreise.“

„Mit achtzehn Jahren und ohne einen Cent in der Tasche?“

In Krohnkes Augen erschien ein verträumter Blick. „Früher sind wir auch ohne einen Pfennig losgetrampt. Isomatte gepackt und –“

„Und unter Brücken geschlafen, ich weiß.“

„Jawohl, unter Brücken geschlafen.“ Krohnke war eingeschnappt. „Haben Sie sonst noch was Spektakuläres auf der Pfanne?“

„Ja, der angebliche Hoteldetektiv. Ein dubioser Typ. Dem sollten wir als erstes auf den Zahn fühlen.“

„Das wird die Polizei schon machen. Dafür ist sie ja da.“

„Wir könnten schneller sein.“

Krohnke starrte aus dem Fenster und schien zu überlegen.

Paulsen legte nach. „Ich habe nämlich nicht nur eine Idee, sondern auch schon einen Plan. Könnte fast von Ihnen sein.“

„Das werde ich eidesstattlich bestreiten.“

„Lassen Sie sich überraschen.“

Krohnke setzte sich, nahm die Computermaus und klickte auf dem Bildschirm herum.

„Verdammt, ich glaube, ich werde alt und milde. Ich gebe Ihnen eine Woche, Paulsen. Aber wenn Sie bis dahin nicht mit was Brauchbarem angetanzt kommen, wird es ungemütlich für Sie, ist das klar?“

„Habe ich Sie schon jemals enttäuscht?“

„Hauen Sie ab, bevor ich anfange, ernsthaft darüber nachzudenken.“

Krohnke hackte mit zwei Fingern in die Tasten, als spiele er ‚Hänschen klein‘ auf einem Keyboard.

Als Paulsen am nächsten Morgen zur Prärieblume kam, hockte hinter der Rezeption ein schnauzbärtiger Jüngling in dunklem Kapuzen-Shirt. Mit bleichem Gesicht und geröteten Augen verfolgte er auf dem Computerbildschirm ein Videospiel und fummelte zur gleichen Zeit an einem iPod herum. Auf dem Namensschild stand: Tilman Aschhoff, Nachtportier.

Paulsen fragte nach Baranoff.

„Hä?“

Paulsen deutete auf die Stöpsel in seinen Ohren. Aschhoff nahm sie heraus und musterte ihn wie einen lästigen Eindringling. Paulsen wiederholte seine Frage, und Aschhoff ließ sich zu einer Antwort herab.

„Dritte Etage, linke Hand, letztes Zimmer“. Mit mürrischer Miene stöpselte er die Ohren wieder zu.

Paulsen nahm das Treppenhaus. Hier war vom Western-Stil nicht mehr viel zu sehen, die Wände waren mit Holz imitierender Tapete beklebt, als sei dem Hotelbesitzer das Geld für Historisches ausgegangen.

Im dritten Stock klopfte Paulsen an die Tür mit dem Schild Detektivbüro Baranoff. Keine Reaktion. Er versuchte es noch mal dezent, dann hämmerte er mit der Faust. Von drinnen Poltern, Fluchen und schlurfende Schritte, die Tür öffnete sich einen Spalt, und Baranoffs aufgedunsenes Katergesicht blickte ihn an.

„Was wollen Sie?“

„Ein paar Takte reden.“

„Dann kommen Sie zu meinen Bürozeiten.“

Baranoff zog die Tür zu. Im letzten Moment stellte Paulsen den Fuß dazwischen.

„Ich scheiße auf Ihre Bürozeiten.“

„Die Haxen weg!“

Baranoff trat nach Paulsens Fuß. Paulsen drückte mit dem Ellenbogen gegen die Tür und versuchte, sich hineinzuzwängen.

„Ich lasse mich nicht gerne reinlegen.“

Baranoff ließ die Tür los und schaute sich um, als suche er etwas, mit dem er Paulsen eins über den Schädel ziehen könnte. Er fand nichts Geeignetes.

„Was wollen Sie? Kommen hier mir nichts, dir nichts reingeschneit … “

„Wegen Ihnen habe ich womöglich eine Anzeige am Hals. Was sollte die Tour mit dem Zimmer?“

Baranoff spielte den Empörten. „Ich habe gesagt, Sie sollen schon mal vorgehen, und nicht, dass Sie einbrechen sollen.“ Dabei sah er Paulsen frech in die Augen.

Paulsen trat auf ihn zu, als wolle er ihn an den Kragen gehen.

„Ich will wissen, was das Ganze soll.“

Baranoff wich zur Seite aus.

„Okay, okay, ich kann's erklären.“ Er beugte sich zur Tür und blickte in den Hotelflur. „Mein Gott, müssen Sie gleich so ’n Alarm machen? Wir haben Gäste im Haus.“

„Ich mache gleich noch mehr Alarm. Vielleicht hilft Ihnen das auf die Sprünge.“

Baranoff machte eine beschwichtigende Geste. „Warten Sie unten, ich komme runter.“

„Ich gebe Ihnen fünf Minuten.“

Als Paulsen die Treppe hinunterging, klapperte auf der zweiten Etage ein Eimer. Er traf auf eine kleine, grauhaarige Frau, die einen Handwagen mit Besen und Putzzeug hinter sich herzog. Auf seine Frage bestätigte sie, ja, sie habe die Tote am frühen Morgen gefunden, an Details können sie sich aber nicht mehr erinnern, die seien wie ausgelöscht. Sie habe das Hotelzimmer geöffnet, die Leiche erblickt und sei sofort davongelaufen. Das Einzige, was sich in ihr Gedächtnis gebrannt habe, sei der blutüberströmte Körper. Er drückte ihr ein Trinkgeld in die Hand, und sie zuckelte mit ihrem Reinigungswagen weiter.

Im Foyer, gegenüber der Empfangstheke, gab es eine Sitzecke mit Wildwest-Flair: drei mit Büffelleder-Imitaten bezogene Sessel und als niedriger Tisch ein dunkelbraun gebeiztes Wagenrad unter Glas, vor der Wand ein Piano im Honky-Tonk-Stil.

Paulsen rückte den Sessel so zurecht, dass er Aufzugtür und Treppenhaus im Auge hatte, falls Baranoff sich aus dem Staub machen wollte. Auf der anderen Seite der Sitzgruppe, hinter einem Spalier Bambuspflanzen, saß ein Mann in hellem Anzug, anscheinend ein Hotelgast, und las Zeitung. Nach zehn Minuten rasselte die Aufzugtür, und Baranoff erschien, eingezwängt in den gleichen verschwitzten schrumpeligen Anzug wie gestern. Ächzend ließ er sich in den Büffel-Sessel plumpsen.

„Ist alles ein Missverständnis.“

„Was heißt Missverständnis? Die Tür stand offen und das

Siegel war aufgebrochen.“

„Tatsache?“ Baranoff grinste. „Na ja, auch wenn es die

Bullen nicht tun, ich glaube Ihnen.“

„Hören Sie auf, Sie wussten doch, dass das Zimmer

offenstand.“

Baranoff kratzte an seinem Speckbauch. „Vielleicht war’s ja auch eine der Putzfrauen. Ich werde der Sache noch mal selbst nachgehen.“

Nicht zu fassen, wie unverfroren er war, aber Paulsen ging es um etwas Anderes.

„Vorschlag zur Güte, wir lassen die Geschichte erst mal beiseite. Ich bin nämlich noch aus einem anderen Grund hier.“

Baranoff merkte, dass sich die Lage für ihn entspannte, hatte sofort wieder Oberwasser und setzte eine geschäftsmäßige Miene auf.

„Dann lassen Sie mal die Katze aus dem Sack. Meine Zeit ist begrenzt.“

Paulsen blieb freundlich und ignorierte den unverschämten Ton.

„Wir planen eine Reportage über den Beruf des

Privatdetektivs.“

„Prima. Und was geht mich das an?“

„Ganz einfach: Sie sind unser Mann.“

Baranoff glotzte verständnislos.

„Bei der Reportage geht es um Folgendes. Wir wollen ein paar Fragen nachgehen: Was macht ein Privatdetektiv? Wie kommt er an seine Aufträge? Wie geht er dabei vor? Was unterscheidet ihn von den Privatdetektiven, wie man sie aus den Krimis kennt? Man könnte auch sagen, wir vergleichen

Mythos und Realität des Detektivberufes.“ Baranoff starrte Paulsen an.

„Wollen Sie mich verarschen?“

„Keinesfalls. Überlegen Sie doch mal, Sie könnten dazu beitragen, das schlechte Image des Berufs zu verbessern. Sie wissen, das Bild in der Öffentlichkeit ist heutzutage mies. Die Leute halten Privatdetektive für Spanner, die in der schmutzigen Wäsche anderer Leute schnüffeln und es mit dem Gesetz nicht so genau nehmen.“

„Weil die Leute bekloppt sind.“

„Sie haben es in der Hand, das Bild zu korrigieren.“ Baranoff rutschte auf dem Sessel herum.

„Sonst noch was?“

„Erstmal alles.“

„Für so ’n Quatsch habe ich keine Zeit.“

Er erhob sich und hinkte in Richtung Aufzug. Hatte

Paulsen sich in ihm getäuscht? Er war davon ausgegangen, Baranoff würde aus Großmannssucht nicht nein sagen können, wenn er die Chance hatte, ins Fernsehen zu kommen. Offenbar hatte er ihn falsch eingeschätzt.

Nach ein paar Schritten blieb Baranoff stehen und drehte sich um.

„Ich bin für ein Hotel mit dreißig Zimmern verantwortlich. Wissen Sie überhaupt, was das heißt? Das heißt, Tag und Nacht in Bereitschaft sein. Ich hab’ genug um die Ohren, auch wenn hier nicht jeden Tag einer abgemurkst wird.“

„Ah, der Baranoff!“

Der Zeitungsleser von nebenan kam hinter den Bambuspflanzen hervor. Ein stutzerhafter Typ von Mitte vierzig mit Gel im Haar, heller Leinenanzug, altrosa Hemd und blau gepunktete Krawatte. Breit lächelnd ging er auf Baranoff zu.

„Gut, dass ich Sie mal antreffe.“

Baranoffs blickte ihm misstrauisch entgegen.

„Ich habe den Eindruck, dass irgendwas mit der

Telefonanlage nicht in Ordnung ist.“

„Wieso?“

„Sie macht so merkwürdige Geräusche.“

„Ich bin hier nicht der Hausmeister.“

„Aber Sie kennen sich doch hier aus. Vielleicht können

Sie sich die Sache mal kurz anschauen.“

Er warf einen Blick auf Baranoffs ausgetretene Latschen. „Bei der Gelegenheit zeig ich Ihnen auch gern mal meine neuste Schuhkollektion.“ Er lachte und wandte sich zum Ausgang.

Baranoff blickte ihm nach, wie er mit dynamischen

Schritten, die Aktentasche schwingend, hinausging.

„Fühl dich ruhig in Sicherheit, Freundchen“, rief er ihm halblaut nach, dann wandte er sich zu Paulsen. „Den Windhund hab’ ich schon lange aufm Kieker. Meffert, Schuhvertreter – angeblich.“

Ehe Paulsen nachfragen konnte, was Baranoff mit ‚angeblich’ meinte, sagte der: „Was soll denn dabei rausspringen?“

„Wobei?“

Baranoff warf einen kurzen Blick zur Rezeption, als wollte er sich vergewissern, dass niemand zuhörte, und kam zurück zur Sitzecke.

„Bei der Reportage.“

Paulsen brauchte einen Moment, bis er Baranoffs 180-Grad-Wende begriffen hatte.

„Finanziell nichts. Aber was Sie nicht unterschätzen dürfen: Für Sie wäre es kostenlose Werbung.“

Baranoff setzte sich, legte den Kopf in den Nacken und blickte zum Kristallleuchter an der holzgetäfelten Decke, als müsse er das Angebot überdenken.

Paulsen tat so, als hätte er aufgegeben. „Tja, tut mir leid, dass ich Ihnen kein lukrativeres Angebot machen kann.“

„Darum geht’s nicht.“ Baranoff kratzte sich am schlecht rasierten Kinn. „Meine Honorarsätze könnt ihr sowieso nicht löhnen. Wenn ich mitmache, dann nicht wegen der Mäuse, sondern aus ’nem anderen Grund.“ Er machte eine Kunstpause.

„Und der wäre?“

„Pflichtgefühl.“

Paulsen blickte ihn an – ehrlich verblüfft.

„Pflichtgefühl unserem Berufsstand gegenüber. Die Pflicht, ein so bestialisches Verbrechen aufzuklären. Man könnte auch sagen, ich tue es im Namen aller Detektive. Besonders für die armen Schweine, die wie ich im Hotelgewerbe arbeiten. Und wenn das unter den Augen der Öffentlichkeit geschieht, umso besser.“ Er krabbelte aus dem Sessel.

„Ich werde die Bestie jagen, und dann könnt ihr hautnah miterleben, wie man so was anpackt.“

Er ging geschäftig los, als wollte er gleich mit der Jagd beginnen. An der Tür drehte er sich noch einmal um.

„Von wegen Mythos und Realität!“

Paulsen muss sich eingestehen: So viel Ironie hatte er Baranoff nicht zugetraut. Er nahm es als Warnung, ihn nicht zu unterschätzen.

Kapitel 3

Noch am gleichen Abend quartierte Paulsen sich ins Hotel ein. Portier Tilman Aschhoff hing wie am Morgen hinter der Rezeption und starrte auf den Bildschirm. Erst als Paulsen an das Empfangspult trat, bemerkte er ihn und nahm die Stöpsel aus den Ohren. Musik schepperte.

Paulsen tippte auf Hot Chili Peppers. Aschhoff warf ihm einen anerkennenden Blick zu. Anders als am Morgen schien er ihn jetzt für einen vollwertigen Menschen zu halten.

Paulsen ließ sich ein Zimmer geben, und sie plauderten eine Weile. Paulsen erfuhr, dass Aschhoff den Portiers-Job nur vorübergehend machte, da er Medizin studieren wollte und auf einer Warteliste stand.

„Wartezeit mindestens fünf Jahre.“

„Dann musst du ja noch jede Menge Nachtschichten runterreißen.“

„Macht nichts.“ Aschhoff lachte und deutete auf den Bildschirm. „Wird jedenfalls nicht langweilig. Hab’ ja meine RPGs.“

„RPGs?“

„Role-Playing-Games.”

Er nannte die Rollenspiele, für die er sich begeisterte – für Paulsen allesamt böhmische Dörfer. Nach ein paar Nachfragen lenkte er das Gespräch auf den Mordabend, dabei stellte sich heraus, dass Aschhoff an diesem Tag Dienst gehabt hatte.

„An dem Tag ist aber niemand gekommen. Kein Gast, kein

Besucher, kein nix. Habe ich auch der Polizei gesagt.“ „Kein Besucher? Haben die Gäste denn hier öfter Besucher?“

„Kommt schon mal vor“, sagte Aschhoff zögernd, als sei er plötzlich vorsichtig geworden. Doch warum? Markierte er den loyalen Angestellten, der den Eindruck vermeiden wollte, die Prärieblume sei ein Stundenhotel? Paulsen nahm in stärker ins Visier.

„Ist es auf irgendeine Weise möglich, ungesehen ins Hotel zu gelangen? Vielleicht über einen Notausgang?“

„Es gibt nur einen zum Hof. Die Tür lässt sich aber nur von innen öffnen. Wenn jemand zur Tür gegangen wäre, hätte ich das sicher bemerkt.“

„Mit Stöpseln im Ohr?“

„Stöpsel machen nicht blind.“

„Du warst also den ganzen Abend und die ganze Nacht hier an der Rezeption?“

„Ja, klar, wo denn sonst?“

„Ist das nicht langweilig so die ganze Nacht?“

„Nicht unbedingt. Computerspiele, Musik hören … ab und zu einen durchziehen.“ Aschhoff grinste.

„Und das fällt keinem auf?“

„Wenn ich mir einen Joint drehe, mach ich das in der

Abstellkammer. Falls doch mal jemand kommen sollte.“

„Und Samstagnacht hast du auch einen durchgezogen?“

„Sicher.“

„Einen, zwei oder vielleicht drei?“

„Kann sein, weiß nicht mehr so genau.“

„Das heißt, du warst also mindestens ein oder zwei Mal in der Abstellkammer?“

„Könnte hinhauen.“

„In der Zeit hätte jemand reinkommen können.“

„Theoretisch ja. Aber das habe ich den Bullen natürlich nicht auf die Nase gebunden. Wäre cool, wenn du’s auch nicht tun würdest.“

„Versprochen. Was war mit Baranoff? Er behauptet, er sei krank gewesen.“

„Baranoff krank?“ Aschhoff überlegte einen Moment, dann kehrte anscheinend seine Erinnerung zurück. „Besoffen war der. Ich hab’ ihn doch auf sein Zimmer geschleppt.“

Besoffen oder krank, dachte Paulsen, kam fast auf das Gleiche hinaus.

„Und was weißt du über die Tote?“

„So gut wie nichts. Die hat man nie zu Gesicht bekommen.“

„Unter welchem Namen hat sie sich denn eingetragen?“

„Die hat sich nirgendwo eingetragen.“

„Ist das nicht Vorschrift?“

„Das wird hier nicht so eng gesehen.“

„Wie viele Gäste gab es sonst noch in der Nacht?“

„Nur einen. Den Schuhvertreter in der zwoten.“

„Und wie viele Gäste habt ihr im Moment?“ „Einen. Den Schuhvertreter in der zwoten.“

Paulsen bezog das Zimmer 20 auf der zweiten Etage, direkt unter Baranoffs sogenanntes Detektivbüro. Ein schlauchartiger Raum mit schmucklosem Kleiderschrank, kleinem Tisch, schmalem Bett und einer altertümlichen eisenbeschlagenen Truhe, auf dem ein mickriger Fernseher stand. Auch hier sah es so aus, als habe der Hotelbesitzer seinen Traum nur noch halb verwirklichen können. Der

Western-Stil war auf ein Indianer-Poster geschrumpft.

Es roch muffig. Paulsen öffnete das Fenster. Schwüle Luft strömte von draußen herein, und der Straßenlärm ließ das Zimmer noch ungastlicher erscheinen.

Er packte ein paar Sachen, Hemden, Socken und Wäsche, in den Schrank, legte sich aufs Bett und drückte auf der Fernbedienung herum. Der Fernseher muckte sich nicht.

Paulsen schleuderte die Tastatur weg und traf genau in den Papierkorb. Das erste Erfolgserlebnis des heutigen Tags.

Er hatte Hunger, aber keine Lust, aufzustehen. Eine Weile lag er nur da, beobachtete die Licht- und Schattenreflexe, die über die Zimmerdecke wanderten, und ließ die Gedanken schweifen. Konnte man Baranoff wirklich einen Mord zutrauen? War er nur ein angeberisches Großmaul, ein harmloses Original? Oder ein gefährlicher Irrer? Vom Original zum Spinner war es manchmal nur ein kleiner Schritt, und von einem Spinner zum Irren ein noch kleinerer. Paulsen versuchte, die Ereignisse der letzten Tage zu ordnen, doch schon bald wirbelte alles durcheinander und versank im Nebel. Das Schnarren des Telefons weckte ihn. Er schaltete die Nachttischlampe an und nahm den Hörer ab. Baranoffs krächzende Stimme ertönte.

„Besprechung bei mir im Büro. Wir warten.“

Ehe Paulsen nachfragen konnte, wen er mit ‚wir‘ meinte, hatte Baranoff aufgelegt. Was wollte er mitten in der Nacht besprechen? Vielleicht war er wirklich ein Irrer.

Vor Baranoffs Zimmer blieb Paulsen stehen und hielt das Ohr an die Tür. Gedämpfte Stimmen. Er öffnete leise. Baranoff saß am Schreibtisch, Schuhvertreter Meffert stand in der Mitte des Zimmers vor einem niedrigen Tisch mit einem Musterkoffer voller Schuhmodelle und hielt einen dick besohlten Schnürschuh in die Höhe.

„Obermaterial aus zweifarbigem Nubukleder, Einlegesohle anatomisch geformt und Fußschweiß absorbierend, die

Zehenschutzkappe aus Stahl mit rutschhemmender Keramiksohle

…“

Baranoff bemerkte Paulsen und winkte ihn herein. Paulsen setzte sich in den freien Sessel.

„…öl-, benzin- und säurebeständig“, fuhr Meffert fort. „Besonders bei schwierigen Einsätzen von Vorteil. Eine andere Variante wäre –“

„Schluss damit!“ Baranoff schnappte wie ein Reptil mit dem Kopf nach vorne.

„Wo waren Sie Samstagnacht?“

Meffert blickte irritiert. „Was soll das?“

„Wo Sie waren, möchte ich wissen.“

„Ich habe meine Aussage schon bei der Polizei gemacht.“

„Wir führen hier eigene Untersuchungen“, blaffte Baranoff ihn an.

„Wer ist ‚wir’?“

„Die Detektei Okulus.“

„Aha“, sagte Meffert, „ist die eventuell auch für die manipulierte Telefonanlage verantwortlich, mit der die Gäste hier abgehört werden?“ Er blickte Beifall heischend zu Paulsen, der sich eine Reaktion verkniff.

Baranoff ließ sich nicht beirren.

„Ich frage noch mal: Haben Sie das Mädchen gekannt?“

Meffert schnaufte verächtlich. „Sie können mich mal.“ Er wickelte den Schuh in ein Seidenpapier und verstaute ihn im Koffer.

„Sie müssen sie gekannt haben! Sie waren mindestens einmal bei ihr.“ Baranoff schlug ein kleines Notizbuch auf. „Hier, am Freitag, den sechzehnten. Sie haben bei ihr geklopft und gerufen: Mach auf, ich weiß, dass du da bist!“

Meffert tat gelassen. „Möglich. Kann sein, dass ich sie irgendwas fragen wollte.“

„Um zwei Uhr nachts?“

Meffert setzte eine listige Miene auf. „Mal angenommen, ich war an ihrer Tür. Aber woher wissen Sie das?“

Baranoff blickte einen Moment bedeppert. Dann fing er sich.

„Ich stelle hier die Fragen. Also, was wollten Sie von dem Mädchen?“

Meffert trat dicht an den Schreibtisch.

„Erst beantworten Sie mir meine Frage: Woher wissen Sie, dass ich an ihrer Tür war?“

Baranoff fummelte an seinem Hemdkragen, als sei er ihm zu eng geworden und sagte wie ein trotziges Kind: „Ich habe zuerst gefragt.“

Meffert zeigte mit dem Finger auf ihn.

„Ich will Ihnen sagen, woher Sie das so genau wissen.

Weil Sie bei dem Mädchen im Zimmer waren.“

Baranoff lehnte sich schnaufend im Sessel zurück.

„Blödsinn!“

„Also frage ich Sie: Warum waren Sie in ihrem Zimmer?“

Baranoffs Augen verengten sich. „Packen Sie ihren Ramsch zusammen und verschwinden Sie.“

Meffert lachte. „Sie sind noch nicht aus dem Schneider, Baranoff.“ Er klappte den Musterkoffer zu, klemmte ihn unter den Arm und ging hinaus.

Baranoffs Halsadern schwollen an.

„Sie schon lange nicht“, schrie er ihm nach. „Halten Sie sich für weitere Ermittlungen zur Verfügung.“ Der Vertreter knallte die Tür zu.

Kapitel 4

„Unglaublich!“

Baranoff zog ein großes schmuddeliges Taschentuch hervor und wischte sich den Nacken. Dabei schielte er zu Paulsen, als wollte er sich vergewissern, wie er das Ganze aufgenommen hatte. Paulsen verzog keine Miene.

„Wenn der Meffert glaubt, er könnte sich mit irgendwelchen Tricks herauswinden, dann hat er sich geschnitten. Mich legt der nicht rein. Auf meiner Liste bleibt er ganz oben. Cognac?“

„Ich hatte vor, schlafen zu gehen.“

„Einen zum Feierabend. Ich habe unten in der Küche noch einen guten Tropfen in petto.“

Paulsen hatte eine Idee und gab nach. Als Baranoff das Zimmer verlassen hatte, sah er sich um. Die Behausung war eine Kombination aus Büro, Küche und Wohnzimmer. Zur Büroabteilung gehörten Schreibtisch, Aktenregal und an der Wand darüber ein gerahmtes Detektiv-Diplom, ausgestellt auf Baranoffs Namen von einem ‚Council of International Investigation‘ aus den USA. Vermutlich im Internet gekauft. Als Küche diente eine Anrichte mit Elektroplatte neben einer kleinen Spüle, in der sich schmutziges Geschirr stapelte. Gegenüber der Kochnische führte eine Tür ins Nebenzimmer, eine spärlich eingerichtete Kammer mit Schlafcouch und zerwühltem Bettzeug. Der Boden mit leeren Flaschen übersät.

Vom Flur ertönten Schritte, Paulsen schloss die Tür und setzte sich zurück in den Sessel. Baranoff kam mit einer Flasche Cognac zurück, goss zwei bauchige Schwenker bis zum Rand voll und prostete ihm zu.

„Auf den ganzen Ärger!“

Er kippte den Cognac runter wie Wasser und schenkte sofort wieder nach.

Paulsen lehnte sich zurück, streckte die Füße unter den

Couchtisch und stieß dabei auf etwas Hartes. Er hob einen Schuh auf – ein auf Hochglanz poliertes Musterexemplar.

„Gehört dem Mörder“, sagte Baranoff.

„Welchem Mörder?“

„Dem Meffert. Der Irre mit den Schuhen. Hast du gesehen, wie ihm die Nerven geflattert haben? Und weißt du, warum? Der Klinkenputzer handelt nicht nur mit Schuhen, er hat noch anderes im Sortiment – nämlich Koks.“

„Und was hat das mit dem Mädchen zu tun?“

„Kann ich dir sagen: Der hat sie abgefüttert mit dem Zeug, und sie stand bei ihm bis über beide Ohren in der

Kreide.“

„Und deshalb soll er sie umgebracht haben?“

„Hundertprozentig. Für mich war es so: Sie schuldet ihm ein paar Riesen, er will das Geld aus ihr rausprügeln, gerät in einen Blutrausch und macht sie kalt.“

„Irgendeinen Beweis dafür?“

Er sah Paulsen mit listen Augen an. „Noch nicht. Aber morgen weiß ich mehr. Dann blas ich zum Halali. Wenn

Meffert den Libanesen trifft.“

„Welchen Libanesen?“

Baranoff grinste und gab zu, dass er über die Hausanlage Mefferts Telefongespräche abgehört hatte. Dabei habe er was von einer Verabredung mit einem Libanesen am Bahnhof mitbekommen, und er sei sich sicher, dass es um einen größeren Drogendeal gehe.

„Vielleicht will er nur Schuhe verkaufen.“

Baranoff lachte. „Unfallverhütungsschuhe, wie? Die können sie im Libanon vielleicht gut gebrauchen, aber ich glaube nicht, dass die heimlich im Bahnhof übergeben werden müssen.“

Allmählich spürte Paulsen den Alkohol, die Augenlider wurden schwer, und er hatte Mühe, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Die Gedanken schwirrten. War Baranoff ein Schwätzer, oder wollte er ihn auf eine falsche Fährte locken? Woher wusste Baranoff überhaupt, dass Meffert … Paulsen musste ihn danach fragen, am besten sofort.

Er zuckte zusammen und öffnete die Augen. Wie lange hatte er geschlafen? Er setzte sich auf und blickte zu Baranoff.

Der lag mit dem Kopf auf der Sessellehne und schnarchte.

Als Paulsen am Morgen in seinem Zimmer erwachte, drang schwüle Luft durch das offene Fenster herein. Von der kümmerlichen Buche, dem einzigen Baum im Hinterhof, erklang dünnes Vogelgezwitscher. Paulsens Schädel pochte schmerzhaft. Zehn Uhr, u noch über eine Stunde bis zu Baranoffs geplanter Drogenjagd im Hauptbahnhof. Unter der Dusche ließ er die Nacht Revue passieren. Baranoff hatte versucht, aus dem Schuhvertreter eine Art drogensüchtigen ‚Jack the Ripper‘ zu machen. Selbst wenn es ein Hirngespinst war, Tatsache blieb, dass Meffert und das ermordete Mädchen auf irgendeine Weise Kontakt gehabt hatten.

Einigermaßen erfrischt machte Paulsen sich auf zum Bahnhof, gespannt, ob Baranoff und Meffert tatsächlich auftauchten. Auf dem Weg nach unten rief er Sascha an, seinen Whistleblower vom Polizeirevier Mariental, die verlässliche Quelle, wenn er schnell und unbürokratisch eine Information brauchte. Paulsen bat ihn nachzuforschen, ob es etwas über Winfried Baranoff im Polizeicomputer gab.

Unten im Foyer traf Paulsen auf Hotelchef Kohlhammer, den knorrigen Westernhelden. Mit den scharfen Mundfalten und tief in den Höhlen liegenden wässrigen Augen wirkte er heute Morgen noch magenkranker als bei der ersten Begegnung. Vielleicht hatte ihn die Aufregung im Haus mehr mitgenommen als ein raubeiniger Sheriff zugeben durfte. Diesmal trug er ein Holzfällerhemd mit groben rot-schwarzen Karos, ordentlich in die Jeans gestopft.

„Moment Zeit?“

Paulsen blickte auf die Uhr. „Bin gleich verabredet.“

„Nur kurz.“

Kohlhammers Büro lag in einem flachen Anbau hinter dem Foyer. Sie passierten eine hölzerne Hängebrücke über einen Bach, der auf den Boden gemalt und von blank geputzten Kieselsteinen umsäumt war. ‚Sheriff's Office‘ verkündete das Schild an der Bürotür. Entsprechend war das Büro eingerichtet: ein antiker Waffenschrank mit Winchesterbüchsen, ein altertümlicher dunkelgrüner, mannshoher Tresor, ein Schaukelstuhl und auf einem Beistelltisch eine Lampe in Form eines Planwagens. Über dem dunkel gebeizten Schreibtisch hing das Foto des Indianerhäuptlings Sitting Bull. Mit strenger Miene blickte er auf die eintretenden Bleichgesichter.

Kohlhammer setzte sich hinter den Schreibtisch.

„Hat sich das mit dem Siegelbruch geklärt?“

„Da gab’s nichts zu klären. Ich hatte nichts damit zu tun.“

Kohlhammer rieb sich die Stirn. „Was Baranoff angeht … was zum Teufel ist so interessant an dem Kerl, dass er ins Fernsehen soll?“

„Es geht um die Arbeit eines Hoteldetektivs. Baranoff hat sicher eine Menge zu erzählen.“

„Hoteldetektiv? Na ja, sagen wir mal Hauswart. Und wegen dem haben Sie sich hier einquartiert?“

Paulsen nickte. „Um ihm bei der Arbeit über die Schulter zu schauen.“

Kohlhammer musterte ihn argwöhnisch. „Und was ist mit dem …“ Er zögerte, als scheute er sich, das unheimliche Wort auszusprechen. „Also, mit dem, was hier im Haus passiert ist? Wie denken Sie darüber?“

„Das wollte ich Sie eigentlich fragen.“

Kohlhammer blickte zu Sitting Bull, als suchte er bei ihm Rat. Nach einer Weile schien er ihn bekommen zu haben und tat ihn in gesetzten Worten kund:

„Das Leben ist ein kurzer Schatten, der über das Gras huscht.“

„Für Fayola Mafuto ein besonders kurzer Schatten“, sagte Paulsen. „War Ihnen die Ermordete eigentlich bekannt?“

„Nein.“

„Haben Sie keinen Überblick, wer hier im Hotel übernachtet?“

„Ich kümmere mich um andere Sachen.“

„Was ist mit Baranoff?“

„Baranoff arbeitet seit knapp einem Jahr bei uns.“

„Wenn ihn jemand verdächtigte, was würden Sie dazu sagen?“

Kohlhammer überlegte einen Moment, dann sagte er:

„Über einen Mann kann man nicht urteilen, bevor man nicht in seinen Mokassins gegangen ist.“

Paulsen ließ die Indianerweisheit eine Weile nachklingen, als müsse er darüber nachdenken.

„Anders gefragt: Könnte man Baranoff so etwas zutrauen?“

„Fragen Sie ihn selbst. Für mich zählt das Wort eines Mannes noch etwas.“

Paulsen gab es auf. „Wie bei den Indianern, meinen Sie, stimmt’s.“

Kohlhammer blickte ihn forschend an, schien zu überlegen, ob er ihn auf den Arm nehmen wollte, dann nickte er.

„Ja, wie bei den Indianern.“ Er deutete auf das Poster. „Wie er. Er hat zu seinem Wort gestanden. Zum Dank haben sie ihn abgeknallt.“

Paulsen nickte. „Den Sieg am Little Big Horn hat man ihm nie verziehen.“

Kohlhammer betrachtete ihn, und etwas wie Wohlwollen leuchtete in seinen Augen auf.

„Sie interessieren sich für die Geschichte der Indianer?“

„Ich weiß zumindest, dass es ’ne Tragödie war.“

Kohlhammer stand auf.

„Ich zeig Ihnen mal was.“

Er trat an das Poster und deutete auf Sitting Bulls Brust.

„Sehen Sie mal genau hin.“

Sein Finger fuhr über ein paar dunkle Punkte auf dem mit Perlenketten behängten Hirschlederhemd.

„Was sehen Sie da?“

Paulsen wusste nicht, worauf er hinauswollte.

Kohlhammer gab die Erklärung selbst. „Einschusslöcher. In dem Moment, als er ins Freie trat und die Deckung verließ, haben sie ihn erschossen.“

Für Paulsen sahen die Punkte aus wie schadhafte Stellen auf der alten Fotografie, behielt es aber für sich.

„Sie meinen, das Foto ist in den Moment gemacht worden, als er erschossen wurde?“

Kohlhammer nickte. „Dabei wollte er nur verhandeln.“

Er setzte sich zurück in den Sessel.

Paulsen dachte, Zeit, das Irrenhaus zu verlassen. Er deutete auf seine Uhr. „Muss leider los.“

Kohlhammer nickte gnädig. Paulsen hatte die Tür fast erreicht, da hörte er ihn sagen: „Wann wollten Sie denn mit der Reportage anfangen?“

Überrascht blickte Paulsen sich um.

„Wenn es geht, noch in dieser Woche.“

„Geben Sie Ihr Bestes“, sagte Kohlhammer und blickte zu seinem Häuptling.

„Danke“, sagte Paulsen mit letztem Blick auf den alten Kauz, der traumverloren dasaß, als ritt er durch die Weiten der Prärie – 140 Jahre zurück nach Little Big Horn.

Paulsen ging hinaus. In dem alten Salonspiegel neben der Tür sah er, wie Kohlhammer ihm nachblickte. Für einen Moment schien es, als ob er grinste.

Kapitel 5

Paulsen hatte den Bahnhofsvorplatz erreicht, als das Handy klingelte.

„Dein Freund hat so einiges aufm Kerbholz“, meldete sich Sascha.

„Vorstrafen?“

„’ne ganze Latte. Hausfriedensbruch, Urkundenfälschung, Erpressung, Einbruch und Amtsanmaßung.“

„Anscheinend ein unternehmungslustiger Typ.“

„’ne große Leuchte als Detektiv scheint er jedenfalls nicht zu sein. Als er mal einen jugendlichen Ausreißer zurückholen sollte, hat er versucht, daraus einen Entführungsfall zu konstruieren. Hat Schwein gehabt, dass er nicht im Knast gelandet ist.“

„Was hat er früher gemacht?“

„Bei ’ner Sicherheitsfirma gearbeitet, Überwachung von Gebäuden. Hat den Job aber vermasselt, ist entlassen worden, weil er betrunken auf Patrouillendienst mit einem Schäferhund war, dabei über den Hund gestolpert und schwer gebissen worden ist. Ins Bein.“

„Ah, daher das Hinken.“

Sascha lachte. „Das könnte natürlich auch an seinem Pferdefuß liegen.“

Ganz unwahrscheinlich kam Paulsen die Vermutung nicht vor.

Im Bahnhofsbistro suchte er einen Platz an der Theke, von wo er gute Sicht über die Halle hatte, und bestellte Sandwich und Kaffee. Die Schwüle war kaum auszuhalten. Ab und zu brach ein Sonnenstrahl durch das Hallenfenster, wurde vom verchromten Tresen reflektiert und stach ihm in die verkaterten Augen. Drei Kaffee später war er überzeugt, dass Baranoff ihm einen Bären aufgebunden hatte. Er bezahlte, wollte gerade gehen, als ihm ein Bahnschaffner auffiel, ein kleiner Dicker in dunkelblauer Uniform, mit Schirmmütze und roter Krawatte. Irgendetwas stimmte an dem Kerl nicht. Er stand mitten in der Halle vor einem Glaskasten, tat so, als studiere er die Fahrpläne, und beobachtete auffallend unauffällig die Leute ringsherum. Letzte Zweifel, um wen es sich handelte, schwanden, als er hinkend den Standort wechselte.

Kurz darauf tauchte Schuhvertreter Meffert auf, kam quer durch die Halle und blieb in Höhe des Lebensmittelladens stehen. Paulsen schlenderte vom Bistro zur Buchhandlung neben dem Service-Center und betrachtete die Auslagen im Schaufenster. In der Spiegelung beobachtete er, wie sich ein dunkelhäutiger sportlicher Typ in hellem Leinenanzug näherte und an Meffert vorbei spazierte. Meffert folgte ihm in einigem Abstand. Auch Baranoff auf der anderen Seite der Halle schien die beiden bemerkt zu haben und marschierte los. Noch hatte er nicht ganz die Hallenmitte erreicht, als zwei Uniformierte der Bundespolizei auf ihn zutraten und ihn anhielten.

Unterdessen waren Meffert und der Libanese am Automaten angelangt, wo sie Getränke zogen, ohne sich gegenseitig zu beachten. Von seiner Position aus konnte Paulsen nicht erkennen, ob sie irgendetwas übergaben oder austauschten.

Dann ging Meffert hinüber zu den Schließfächern, öffnete eine Box, entnahm einen schmalen Aktenkoffer und verschwand damit in den Toiletten. Der Libanese blieb in der Nähe stehen und wartete. Wenn es tatsächlich um Drogen ging, überprüfte Meffert vermutlich die Ware. Nach einer Weile kam er zurück und ging wortlos an dem Libanesen vorbei in Richtung Ausgang. Das Geschäft schien gelaufen.

Paulsen verfolgte Meffert bis zum Parkplatz gegenüber dem Bahnhof, wo er in einen grauen VW Passat stieg. Paulsen nahm ein Taxi und fuhr ihm nach. Meffert fühlte sich offenbar sicher, jedenfalls unternahm er nichts, um die Verfolger abzuhängen, fuhr ohne Umwege zum Frankenberger Park, hielt vor dem Hochbunker und verschwand, den Koffer unter dem Arm, im Eingang.

Paulsen stieg aus und folgte ihm, entlang der Bunkermauer, Graffiti besprüht und mit Plakaten voll gekleistert. Dem Schild am Eingang zufolge beherbergte das Betonungetüm aus dem Zweiten Weltkrieg Probe- und Konzerträume und Büros.

Er zog die schwere Eisentür auf und kam in einen Vorraum mit weißgetünchten Backsteinwänden, folgte einem neonhellen Gang, der sich nach zwanzig Metern gabelte. Er entschied sich für links und schaute sich um. Von Meffert keine Spur.

An den Metalltüren prangten Namen von Bands, die sich hier, fern von Tageslicht und Tageszeit, austoben konnten. Eine Bürotür ging auf, und ein etwa fünfzigjähriger Mann trat heraus. Mit seinem langen silbergrauen Haar, buntem Stirnband und einem Gewand, das einem Nachthemd ähnelte, sah er aus wie eine Mischung aus Hippie und Schlossgeist.

„Suchen Sie jemand?“

Paulsen nannte den Namen irgendeiner Band, den er zwei Gänge vorher gelesen hatte.

„Die kommen immer erst abends, so gegen acht.“

„Hm, schade.“ Paulsen wandte sich zum Gehen.

„Zum Ausgang geht’s aber da lang“, sagte der Alte und zeigte in die Richtung, aus der Paulsen gekommen war.

„Ja, richtig.“

Er wendete. Kurz vor der Abbiegung schaute er sich noch mal um. Der Alte stand immer noch an der Bürotür und beobachtete ihn argwöhnisch, als sei der Geist eines Luftschutzwarts in ihn gefahren, der für Ruhe und Ordnung im Bunker zu sorgen hatte.

Zurück am Eingang nahm Paulsen diesmal den rechten Gang und geriet in ein Labyrinth von ehemaligen Luftschutz- und Sanitätsräumen, vollgestellt mit dem Schrott von Belüftungsanlagen und rostigen Eisengestellen, die wie Gerippe ausgestorbener Urtiere aussahen.

Der Gang führte in einen Trakt, der anscheinend wenig oder gar nicht genutzt wurde. Es roch nach Schimmel und Urin, und statt Neonlicht erleuchteten jetzt trübe Kellerlampen die unverputzten Wände. Mit jedem Meter wurde die Luft kälter und feuchter.

Von irgendwoher kam Stimmengewirr. Paulsen blieb stehen und lauschte. Dumpfe Schläge, dann das Geräusch energischer Schritte, die näherkamen.

Er schlüpfte in einen Nebengang und verbarg sich in einer Nische. Sekunden später wischte ein Schatten vorbei. Paulsen spähte um die Ecke. Ein breitschultriger Rocker in Kutte, Jeans und Stiefeln stampfte den Gang hinunter. Auf dem Rücken trug er den Patch der Bloody Angels.

Paulsen wartete, bis die Schritte des Rockers verhallt waren, und ging weiter. Als er ein leises Wimmern vernahm, folgte er dem Geräusch und gelangte nach zwei Abbiegungen in einen großen Raum mit niedriger Decke. Das Wimmern kam von einer Gestalt, die zusammengekrümmt auf dem Boden lag. Schuh- und Drogenhändler Meffert.

Paulsen half ihm auf. Meffert blutete aus Nase und Mund, der schicke Anzug war verdreckt und zerrissen, Haare und Gesicht eingestäubt mit weißem Pulver.

„Wie kommen Sie denn hierher?“, brachte er mit kläglicher Stimme hervor.

„Spielt jetzt keine Rolle“, sagte Paulsen. „Wir müssen so schnell wie möglich hier raus.“

Er schleppte Meffert in Richtung Ausgang. Nach einer Weile hörten sie Stimmen näherkommen, wichen in einen Nebengang aus und lauschten, die Körper an die Wand gepresst.

„Wo ist die Ratte?“

„Weiter vorn.“

Zwei Gestalten stiefelten vorbei und entfernten sich dorthin, woher Paulsen und Meffert gekommen waren. Es war zu riskant, dem Hauptgang zu folgen, so wählten sie einen Seitengang, bogen mehrmals ab und hatten bald jegliche Orientierung verloren. Ein Gang senkte sich nach unten, und sie mussten durch knöcheltiefes Wasser waten, dann ging es wieder bergauf, und sie kamen in einen großen kahlen Raum. Sie hielten inne und ruhten sich an einem massigen Betonpfeiler aus. Der Boden war übersät mit Unrat, leeren Flaschen, Bierdosen und verfaulten Matratzen, an den Wänden Warnhinweise in altdeutscher Schrift: ‚Ruhe bewahren!’ und ‚Vorsicht bei Gesprächen! Feind hört mit‘.

Als befürchteten sie das auch jetzt – mehr als siebzig Jahre nach dem Krieg – verständigten sie sich nur im Flüsterton. Über ihnen entdeckten sie einen Schacht, aus dem spärliches Tageslicht hereinfiel, vermutlich der Notausgang zum Bunkerdach, mit einer rostigen Leiter nach oben. Meffert bemerkte Paulsens Blick.

„Das schaff ich nicht.“

Meffert hatte recht. Die Leiter begann in Kopfhöhe. Selbst wenn es Paulsen gelungen wäre, ihn bis an die erste Sprosse hochzuhieven, würde er nicht die Kraft haben, allein weiter zu klettern.

Schweigend standen sie eine Weile da. Es war still wie in einer Grabkammer.

„Idealer Ort, jemanden abzumurksen“, flüsterte Paulsen. „Draußen hört einen keiner.“

„Es reicht schon, wenn sie uns einschließen“, jammerte Meffert. „Hier findet uns kein Mensch.“

„Doch, wenn der Bunker irgendwann mal abgerissen wird.“

Meffert schauderte es. „Dann finden sie nur noch unsere Knochen – abgenagt von Ratten.“

„Und haben ein echtes Puzzle zu lösen: Welcher Knochen gehört zu wem.“

Meffert betastete seine Rippen und stöhnte leise. Sie beschlossen weiterzugehen. Nach zwei weiteren Abbiegungen stießen sie auf ein weißes Schild mit rotem Pfeil: ‚Zum Ausgang‘. Ein Nebenausgang, so hofften sie, anderenfalls würden sie ihren Verfolgern womöglich direkt in die Arme laufen. Sie hatten Glück und kamen unbehelligt ins Freie. Paulsen bugsierte Meffert auf den Beifahrersitz seines Passats und setzte sich ans Steuer.

„Ich fahre Sie zum Krankenhaus.“

Meffert schwieg, als sei ihm alles egal. Gerade als Paulsen den Motor starten wollte, tauchten im Rückspiegel zwei Gestalten am Bunkereingang auf. Der eine der Bloody Angels-Rocker, der andere ein durchtrainiert wirkender, muskulöser Kerl in Lederjacke, dunklem Rolli und schwarzen Jeans. Ihren Gesten nach zu urteilen, stritten sie sich. Nach ein paar Minuten verschwanden sie wieder im Bunker. Paulsen fuhr los.

Auf dem Parkplatz des Marienhospitals half er dem lädierten Meffert aus dem Wagen.

„Vielleicht sollten Sie vorher noch den Schnee wegmachen.“

Meffert fuhr sich durchs Haar und schüttelte sich.

„Alles nur Backpulver.“

Während sie in der Ambulanz warteten, fragte Paulsen, was genau vorgefallen war. Meffert zögerte. Erst als Paulsen ihm offenbarte, dass er ihn im Bahnhof beobachtet hatte, gab Meffert sich einen Ruck und gestand, dass es um ein Drogengeschäft gegangen war.

„Bin aber total auf die Schnauze gefallen.“ Der Lieferant habe ihn reingelegt, wertloses Zeug geliefert und ihm dafür fünfzehntausend Euro abgeknöpft. „Dass das Backpulver war, habe ich bei der Übergabe nicht bemerkt.“

Paulsen grinste sich eins und ließ ihn weitererzählen.

Er habe das Zeug im guten Glauben fürs Doppelte weiterverkaufen wollen, beteuerte Meffert, was der Kunde im Musikbunker ihm allerdings nicht geglaubt hatte. Statt die vereinbarten Dreißigtausend auf den Tisch zu legen, hatte der Rocker ihm das Pulver um die Ohren gehauen und ihm zusätzlich eine Abreibung verpasst. In den Deal, mit dem er den Einstieg ins große Geschäft beginnen wollte, hatte Meffert seine gesamten Ersparnisse investiert und im wahrsten Sinne des Wortes verpulvert. „Alles futsch.“ Er machte eine Miene, als sei er Opfer eines ungerechten Schicksalsschlags geworden.

Nachdem Mefferts Wunden verarztet und keine ernsthaften Verletzungen festgestellt worden waren, lud Paulsen ihn auf einen Kaffee in die Krankenhaus-Cafeteria ein. Jetzt, im ramponierten Zustand, war von Mefferts windigen Großspurigkeit nichts mehr geblieben, als habe ihn der Schock zur Vernunft gebracht. Paulsen nutzte es, ihn nach seinem Kontakt zu der Nigerianerin zu fragen. Nach kurzem Zögern gab Meffert zu, ihr ein paar Mal ein bisschen Koks verkauft zu haben, auch für eine ihrer Freundinnen. Erst da sei ihm die Idee gekommen, das Ganze größer und geschäftsmäßig aufzuziehen.

„Gab es mal Streit mit dem Mädchen wegen Geld?“

„Nein. Es ging ja nur um geringe Mengen.“

Das stimmte oder auch nicht.

Meffert merkte, dass Paulsen argwöhnisch blieb.

„Angenommen, ich hätte das Mädchen umgebracht, meinen Sie, dann wäre ich im Hotel geblieben? Ich wäre doch längst über alle Berge.“

„Damit hätten Sie sich auf jeden Fall verdächtig gemacht.“

„Ich habe sie aber nicht umgebracht.“

„Wer denn? Etwa Baranoff?“

„Wieso nicht? Dem trau ich alles zu.“

Kapitel 6

Nach einem kurzen Imbiss fuhr Paulsen zur Prärieblume, setzte sich ins Foyer und machte ein paar Notizen. Student Aschhoff war immer noch im Einsatz. Blass wie ein Engerling kauerte er hinter der Rezeptionstheke und starrte auf den Computerbildschirm. Kurz darauf kam Baranoff von draußen hereingestürmt, tat so, als bemerkte er Paulsen nicht und humpelte zum Aufzug.

Aschhoff beugte sich über die Empfangstheke.

„Hallo, Herr Baranoff! Falls Sie den Reporter suchen, der sitzt da in der Ecke.“

Wie ertappt blieb Baranoff stehen und schickte Aschhoff einen finsteren Blick zu, dann setzte er ein breites Lächeln auf und ging auf Paulsen zu.

„So einen Lenz müsste man haben! Wann arbeitet ihr Reporter eigentlich mal?“

„Wir arbeiten immer, auch wenn man es uns nicht ansieht.“

Baranoff lachte übertrieben. „Siehst du, da sind sich unsere Berufe gar nicht so unähnlich.“

Paulsen gab sich ahnungslos. „Wie ist die Jagd im Bahnhof ausgegangen?“

Baranoff blickte mürrisch. „Noch nicht spruchreif. Ich bin noch mitten in den Ermittlungen.“

Paulsen wartete, bis er sich gesetzt hatte.

„Jemand hat erzählt, die Polizei hätte Sie geschnappt.“

„Was heißt geschnappt? Ich habe denen kurz die Lage erläutert. Die sind ja so blind, dass sie nicht mal mitkriegen, wenn direkt vor ihren Augen mit Drogen gedealt wird.“

„Ist der Vertreter aufgetaucht?“

„Natürlich. Und der Libanese. Darum ging’s ja. Leider sind mir die beiden entwischt.“ Er stand auf. „Wie sieht’s aus mit einem Feierabendbierchen?“

Paulsen winkte ab.

Baranoff tat beleidigt. „Komisch, gestern konntest du den Hals nicht voll kriegen.“

Paulsen klappte das Notizheft zu. „Gestern war gestern. Und morgen ist morgen. Und dann stehe ich um Punkt elf bei Ihnen auf der Matte. Samt Kamerateam.“

Baranoff grunzte und verzog sich zum Aufzug. Paulsen erhob sich, ging zur Rezeption und stützte sich auf das Empfangspult.

„Hallo, Tilman. Doppelschicht?“

Aschhoff grinste, als sei er noch immer oder schon wieder bekifft.

„Nur bis zwei, dann kommt der Kollege.“

„Seit wann im Dienst?

„Seit gestern Abend um elf.“

„Mein lieber Mann, das sind ja mehr als sechzehn Stunden.“

„Merk ich gar nicht, wenn ich im Spiel bin.“

„Scheint ja ein tolles Spiel zu sein.“

„World of Warcraft.“

„Und welche Rolle spielst du?“

„Ich bin ein DiDi, Damage Dealer, ein Schadensverursacher. Ich kann jedem Gegner maximalen Schaden zuzufügen.“

Paulsen tat beeindruckt. „Toll. Wie lange machst du den Job eigentlich schon?“

„Als Damage Dealer?“

„Als Nachtportier.“

„Seit vier Wochen.“

„Das heißt, du kannst abends praktisch nie ausgehen, mit Freunden oder so. Hast du keine Freundin?“

„Doch, die Svenja.“ Er tippte auf der Tastatur herum, als müsste er seine Behauptung schnellstens beweisen. „Hier.“

Von einer Facebook-Seite lächelte Paulsen ein dunkelblondes Mädchen mit schmalem Gesicht entgegen. ‚Svenja Strelitz’ stand unter dem Bild.

„Nett. Und was hält sie von deinem Job?“, fragte Paulsen.

Tilman wich seinem Blick aus. „Für sie ist das okay.“

Paulsen hatte Glück. Eine Svenja Strelitz gab es im Telefonverzeichnis nur einmal, mit Festnetz- und Handynummer. Er rief sie an, stellte sich vor und fragte, ob sie sich zu einem kurzen Gespräch treffen könnten.

Sie klang reserviert. „Worum geht’s denn bitte?“

„Um Tilman Aschoff, der im Hotel Prärieblume arbeitet.“

„Ist ihm was passiert?“

„Nein, nein, alles okay. Ich bin ein Bekannter von ihm. Alles Weitere würde ich Ihnen dann gleich erklären.“

„Tja, ich weiß nicht. Ist es denn so dringend? Ich bin im Dienst und hab’ höchstens zehn Minuten Zeit.“

„Das wird reichen. Ich kann in ’ner Viertelstunde da sein.“

Sie nannte die Adresse des Seniorenheims, wo sie als Pflegerin jobbte. Das Heim am Morillenhang war ein schmuckloser Neubau aus Glas und Beton. Die Cafeteria hatte gerade geöffnet und war, abgesehen von den beiden Küchenfrauen hinterm Tresen, noch menschenleer. Paulsen schlenderte an der Theke entlang und besichtigte die Speisen in den Vitrinen, gummiartige Brötchen, die unter Zellophan schwitzten, und staubtrockener Sandkuchen. Dafür war sein Hunger nicht dramatisch genug.

Svenja tauchte auf, und er lud sie zu einem Kaffee ein. Sie war kleiner und zierlicher als sie auf dem Facebook-Foto gewirkt hatte. Sie nahmen ihre Tassen und setzten sich auf die Terrasse. Sie lag zwischen den beiden Flügeln des U-förmigen Gebäudes, grau und trostlos, wie aus Verzweiflung aufgehübscht mit ein paar Blumenkübeln aus Beton.

Paulsen stellte sich Svenja vor und, damit sie ein bisschen warm wurden, erkundigte er sich nach ihrer Arbeit im Heim. Sie antwortete aufgeschlossen, geriet ins Plaudern und meinte, sie arbeite eigentlich gerne als Pflegerin, doch sie mache den Job nur vorübergehend. Wie Tilman habe sie vor, Medizin zu studieren, und wie er müsse sie sicher noch lange auf einen Studienplatz warten.

„Aber ich darf mich nicht beklagen, meine Abi-Note war nämlich nicht gerade … na, ja …“

Sie unterbrach sich und lächelte verlegen, als sei ihr gerade aufgefallen, dass sie mit einem Fremden zusammensaß und zu viel redete. Sie hob ihre Tasse und blickte ihn über den Rand mit Kulleraugen an. „Langsam bin ich aber neugierig, was Sie eigentlich von mir wollen.“

„Etwas heikles Thema“, erklärte Paulsen. „Wir planen eine Reportage zum Thema Spielsucht. In dem Zusammenhang ist mir Ihr Freund aufgefallen. Anscheinend hängt er nächtelang am Computer und taucht in irgendwelche Fantasiewelten ab. Machen Sie sich als Freundin keine Sorgen?“

„Ob ich mir Sorgen mache?“ Sie lachte trocken. Nach einer Pause sagte sie: „Das ist doch der Grund, weshalb wir uns getrennt haben.“

„Getrennt? Seit wann?“

„Schon vor einem halben Jahr.“

Paulsen verschwieg, dass Tilman ihm etwas anderes erzählt hatte.

„Und warum?“

„Ich hab’s nicht mehr ausgehalten und bin ausgezogen.“ Sie kämpfte mit den Tränen. „Anfangs habe ich seine Spielerei nicht ernst genommen, aber es wurde immer schlimmer. Nachher hat er Tag und Nacht am Computer gehangen, Wolldecken vor die Fenster gehängt, die ganze Bude vollgequalmt und gespielt und gespielt. Wenn ich was gesagt habe, ist er sauer geworden, zwei Mal ist er völlig ausgeflippt und hat mich … ja, er hat mich geschlagen.“ Es brach aus ihr heraus, als ob sie selten Gelegenheit hatte, ihr Herz auszuschütten.

Paulsen wartete, bis sie sich wieder gefasst hatte.

„Waren auch Drogen im Spiel? Aufputschmittel, Wachmacher?“

„Weiß ich nicht. Keine Ahnung.“

Sie hob die Tasse mit zittriger Hand. „Vielleicht hilft es ja anderen, wenn man seine Erfahrungen öffentlich macht. Ich möchte aber nicht, dass Sie meinen Namen erwähnen. Auch nicht Tilman gegenüber.“

„Das wird nicht passieren“, versprach er.

Als er zurück zur Prärieblume kam, saß anstelle von Aschhoff ein glatzköpfiger älterer Mann mit pockennarbigem Gesicht an der Rezeption. Mürrisch händigte er Paulsen den Zimmerschlüssel aus, gähnte und riss dabei den Mund auf wie eine Krokodilschnauze.

„Danke, dass Sie mich nicht verschluckt haben.“

Der Mann sah ihn an, als wollte er doch noch nach ihm schnappen. Paulsen fuhr mit dem Aufzug, hoch und sinnierte über die Entstehung der Arten und das Verhalten der menschlichen Spezies im Allgemeinen. Über das von Tilman Aschoff im Besonderen. Seine Begeisterung für Rollenspiele hatte ihn offensichtlich ins gefährliche Abseits geschleudert. Überraschend war weniger, dass er spielsüchtig war, sondern dass so ein schmalbrüstiger Wicht gewalttätig werden konnte. Vorausgesetzt Svenja sagte die Wahrheit. Doch war ihm auch ein brutaler Mord zuzutrauen? Sein Gefühl sagte ihm nein.

Er schaltete den Fernseher an, zappte herum und blieb bei einer Unterhaltungsshow hängen, in der ein Mann lebendig begraben, einem anderen der Mund zugenäht, ein dritter auf einen Rennwagen geschnallt wurde. Bevor die Sieger des lustigen Gewinnspiels feststanden, war Paulsen eingeschlafen.

Kurz nach drei wachte er auf, als es über ihm rumste, und der Büffelhorn-Leuchter an der Decke schwankte. Flaschen klirrten.

Er kletterte aus dem Bett, lief die Treppe hoch und klopfte an Baranoffs Tür. Keine Reaktion. Er drückte die Klinke. Die Tür war unverschlossen, und er trat in das trüb erleuchtete Zimmer, in dem es nach Bier und Zigarettenqualm roch. Im Schlafraum war die Nachttischlampe auf den Boden gekippt, und Baranoff lag neben dem Bett inmitten einer Batterie leerer Flaschen. Paulsen sprach ihn an, doch Baranoff muckte sich nicht.

Paulsen versuchte, den massigen Körper zurück aufs Bett zu hieven, doch er war zu schwer. Schließlich gelang es ihm, Baranoff ein Stück nach vorn zu ziehen, bis sein Kopf außerhalb der klebrigen Bierpfütze lag, dann schob er ihm ein Kissen unter. Als er die Lampe zurück auf die Nachtkonsole stellte, sah er etwas unter der Bettmatratze hervorlugen. Ein dicker brauner Briefumschlag.

Paulsen zögerte. Sollte er in Baranoffs Sachen herumschnüffeln? Vielleicht eine Chance, ihm auf die Schliche zu kommen. Kurz entschlossen griff er zu. Der Umschlag war nicht zugeklebt und enthielt einen Bogen Passfotos mit dem Portrait einer jungen Schwarzen. Hübsches Gesicht, langes glattes Haar und große Augen. Auf der Rückseite des Bogens stand in krakeliger Kinderschrift geschrieben: Fayola Mafuto.

In dem Umschlag steckte noch etwas. Ein durchsichtiger Plastikbeutel mit einem kleinen Knochen, der mit einer Kette aus Grünen und blauen Glasperlen umschnürt war. Paulsen stopfte alles in den Umschlag und schob ihn zurück unter die Matratze. Bevor er das Zimmer verließ, warf er einen letzten Blick auf Baranoff. Der lag da und lächelte im Schlaf wie ein träumendes Kind.

Kapitel 7

Die Dreharbeiten am nächsten Tag sollten um elf Uhr beginnen. Als Paulsen mit Kameramann und Assistenten in der Prärieblume eintraf, war von Baranoff nichts zu sehen. Er bat den mürrischen Glatzkopf an der Rezeption, Baranoff zu wecken, worauf der Portier eine Nummer wählte und etwas in den Hörer raunte.

Während sie warteten, überlegte Paulsen, wie er Baranoff ins Schwitzen bringen konnte. Dann, nach einer halben Stunde, kam Baranoff mit verkatertem Gesicht die Treppe heruntergepoltert. Über die gestrige Nacht verlor er kein Wort. Wahrscheinlich hatte er gar nicht mitbekommen, dass ihn jemand vor dem Ertrinken im Biertümpel gerettet hatte.

Die ersten Aufnahmen machten sie in Baranoffs Wohn-Büro, das er erstaunlicherweise sogar gelüftet und notdürftig aufgeräumt hatte. Es dauerte eine Weile, bis Kameramann Lippe und Assistent Wisch nach den obligatorischen Nörgeleien wegen der ungünstigen Lichtverhältnisse endlich Kamera und Ton eingerichtet hatten. Paulsen begann mit einem Interview und bat Baranoff zu beschreiben, worin die Arbeit eines Hoteldetektivs bestehe.

Baranoff legte los. Er schimpfte über die miese Bezahlung für einen Job, bei dem er rund um die Uhr einsatzbereit sein müsse, nur um sich mit allem möglichen Gesocks herumzuschlagen, das sich hier im Hotel einquartiere.

„Wenn ein Gast gewalttätig wird oder auf andere Weise das Hotel schädigt, muss ich eingreifen“, erklärte er mit theatralischer Geste. Dann machte er eine bauernschlaue Miene. „Aber für solche Fälle habe ich das hier parat.“

Er griff in die Schreibtischschublade, holte eine kurze Stahlrute hervor, hielt sie in die Kamera und grinste.

Paulsen stellte sich dumm und fragte, was das sei.

„Ein Totschläger, was denn sonst.“

„Und damit gehen Sie auf die Gäste los?“

„Nur auf die, die es verdient haben: Zechpreller, Diebe, Randalierer.“

Er warf den Totschläger zurück in die Schublade. „Kurz gesagt, ’ne ruhige Kugel schieben ist hier im Haus nicht drin.“

„Klingt nicht gerade nach klassischer Detektivarbeit.“

Das wollte Baranoff offenbar nicht auf sich sitzen lassen. „Moment, Moment. Die Schattenseiten des Jobs habe ich nur erwähnt, damit der Zuschauer kein falsches Bild bekommt. Die Hauptarbeit ist natürlich die Lösung kniffliger Fälle. Und dazu braucht man nicht nur logischen Verstand, sondern vor allem lange Erfahrung, beides Voraussetzungen für unseren Beruf.“

„Und Intuition?“

„Und Intuition, selbstverständlich.“

Er kam immer mehr in Fahrt, wandte sich zur Kamera, an die imaginären Zuschauer, und erklärte sich bereit, ein paar Methoden und Tricks zu verraten. Paulsen ließ ihn gewähren.

„Wie findet man zum Beispiel heraus, wer bei wem auf dem Zimmer war?“, fragte Baranoff im Ton des Moderators einer Kindersendung. „Ganz einfach: Fuchsin! Fuchsin-Pulver auf die Türklinken streuen, und es gibt keine Ausflüchte mehr. Fuchsin hinterlässt Farbflecken an den Pfoten, die kriegt man kaum wieder ab.“ Er kicherte, dann ging er zum Schrank, gefolgt vom Kamerateam, klappte die Türen auf und deutete auf eine Sammlung von Uniformen und Kostümteilen.

„Mein Fundus für verdeckte Ermittlungen. Bei Einsätzen außer Haus benutze ich auch schon mal Tarnmaterial und Verkleidungen, zum Beispiel als Priester, als Taxifahrer …“

„Oder Bahnschaffner“, erinnerte ihn Paulsen.

Baranoff ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. „Kommt mal mit.“

Er dirigierte das Aufnahmeteam über den Flur in das Zimmer gegenüber, das nicht belegt war, und zeigte die Stellen, wo man versteckte Minikameras installieren könnte, wie er sagte.

„Und das ist legal?“

„Ich tue nur, was in solchen Fällen getan werden muss.“

Der Kameramann grinste und filmte munter drauf los.

„Erzählen Sie doch mal etwas über Ihren letzten Auftrag oder Fall.“

Baranoff kratzte sich am Nacken. Die Frage schien ihm nicht zu passen.

„Ja, nun. Ich will mich hier nicht in Details verlieren …“

„Nur ganz allgemein.“

Er fing sich wieder und sagte mit frecher Miene: „Wenn Sie nur ein bisschen Ahnung von unserem Metier hätten, wüssten Sie, dass der Datenschutz der Klienten an erster Stelle steht.“

Sie gingen zurück auf den Flur.

„Machen Sie sich durch Ihre Arbeit nicht manchmal Feinde?“

„Massenhaft.“ Baranoff drehte sich und sprach wieder direkt in die Kamera: „Für mich ist jeder, der hier übernachtet, erst mal ein Feind. Aus einem einfachen Grund: Ich lasse mich nicht gerne überraschen. Meine Devise heißt: vorbereitet sein auf alle möglichen und unmöglichen Fälle. Voraussetzung, um einen so großen Laden im Griff zu behalten.“

„Sie meinen, wie bei dem Tod des Mädchens?“

Baranoff nickte. „Mir entgeht hier nichts.“

„Außer in der Mordnacht. Da haben Sie ja anscheinend nichts mitbekommen.“

Baranoff zog eine ärgerliche Miene und machte eine unwirsche Geste zum Kameramann. „Schnitt! Schalt mal aus.“

Baranoff wandte sich an Paulsen. „Das war nicht abgesprochen, mein Lieber. Dass wir hier über den Mordfall reden, stand nicht auf dem Programm.“

Paulsen versuchte, ihn zu besänftigen. „Das ergab sich so. Kann man zur Not wieder rausschneiden.“

„Das möchte ich meinen.“

Er gab dem Kameramann ein Zeichen, weiterzumachen. Der ignorierte es und blickte zu Paulsen. Erst als der ihm zunickte, schaltete er die Kamera wieder an. Die Atmosphäre wurde zunehmend frostiger. Kameramann und Assistent, die nicht wussten, dass Paulsen der ganze Dreh nur als Vorwand diente, gaben sich immer weniger Mühe zu verbergen, dass sie Baranoff für einen ausgemachten Spinner hielten. Erst am Ende des Drehs, als er das ganze Team zu einem Umtrunk in sein Büro einlud, kippte die Stimmung.

„Scheint doch ganz in Ordnung zu sein“, raunte Lippe seinem Assistenten zu.

Baranoff war jetzt in seinem Element. Er rief die Pizzeria auf der Straße gegenüber an und gab großspurig eine Bestellung auf: frisch gezapfte Biere, Schnäpse und eine Karaffe Rotwein. Kurz darauf sah man vom Fenster aus einen Mann in weißer Kellnerjacke, der ein vollbeladenes Tablett über die Straße balancierte.

Der Pendelverkehr mit Nachschub ging zwischen Pizzeria und Hotel noch eine Zeit lang weiter, bis sich Lippe und Wisch leicht angeschlagen verabschiedeten und auf den Weg zurück zum Sendestudio machten.

Auch Baranoff war angesäuselt. Der richtige Zeitpunkt, ihn mit dem Fund unter der Matratze zu konfrontieren, dachte Paulsen. Gerade als er dazu ansetzte, unterbrach ihn Baranoff.

„Komm mal mit.“

Paulsen folgte ihm über den Flur zum Treppenhaus.

„Immer besser, wenn ein Zeuge dabei ist“, meinet Baranoff. „Sonst heißt es nachher noch, ich hätte was geklaut.“

Er hinkte die Treppe hinunter zur zweiten Etage, hielt vor Zimmer 13 und klopfte. Als sich nichts rührte, zog er seinen Generalschlüssel hervor und schloss auf.

„Wer wohnt hier?“

Baranoff stieß die Tür auf. „Der Meffert.“

Das Zimmer mit Bett, Kleiderschrank, Fernseher und Minibar unterschied sich kaum von der Einrichtung der anderen Zimmer. An der Schranktür baumelten mehrere Kleiderbügel mit Oberhemden, auf den Lehnen der beiden Cocktailsessel hingen ein halbes Dutzend Tennissocken zum Trocknen. Es roch nach Aftershave, Duftnote ‚Kiefernadeln‘, und nach Schweißfüßen.

„Behalt mal den Flur im Auge.“

Baranoff schob Paulsen aus dem Zimmer. Der wartete auf dem Flur und hörte ihn im Zimmer rumoren. Nach einer Weile ertönte ein raues Lachen, und Baranoff kam zur Tür.

„Jetzt habe ich ihn. Guck mal, was ich gefunden habe.“

In der einen Hand hielt er einen Umschlag, in der anderen den Bogen mit Fayolas Passfotos.

„Weißt du, wer da drauf ist?“

Paulsen wartete ab.

„Du wirst es nicht glauben: Fayola Mafuto.“

„Wo haben Sie das her?“

Baranoff warf einen Blick über den Flur. „Gefunden, in ’ner Schuhschachtel unterm Schrank.“

Für einen Moment verschlug Paulsen die dreiste Lüge die Sprache. Es waren dieselben Fotos, die er am Abend zuvor und Baranoffs Bett gefunden hatte.

Baranoff grinste. „Da ist der Sensationsreporter platt, wie?“

Er zog die Zimmertür zu und schloss ab. Auf dem Rückweg zum Büro spielte Paulsen weiter den Ahnungslosen.

„Aber warum hat Meffert Passfotos von dem Mädchen?“

Baranoff öffnete die Tür und ließ ihn vorgehen.

„Psychopathen lassen immer irgendetwas von ihren Opfern mitgehen. Als Trophäe sozusagen.“

„Und was wollen Sie jetzt damit machen? Zur Polizei?“

Baranoff schüttelte den Kopf. „Später.“

Er ging zum Couchtisch und prüfte, ob die Flaschen noch Reste enthielten. Sie waren leer. Er trat ans Fenster und blickte auf die nächtliche Straße.

„Jetzt ist der Meffert bestimmt wieder auf Tour. Man weiß doch, wie diese Bestien ticken. Haben sie einmal angefangen zu morden, können sie nicht mehr aufhören.“ Er starrte hinaus, als sähe er dort den Unhold auf der Pirsch.

Paulsen versuchte, ihn auf eine andere Idee zu bringen. „Was ist mit dem Studenten, dem Nachtportier? Er hatte an dem Tag Dienst. Laut Aussage der Polizei hat das gerichtsmedizinische Gutachten ergeben: Fayola ist zwischen 17 und 20 Uhr getötet worden. Das heißt, der Portier könnte als Täter durchaus in Frage kommen.“

„Vergiss es. Er war’s nicht.“

„Wieso sind Sie sich so sicher?“

„Weil er bei mir war.“

Paulsen blickte ihn überrascht an.

„Auf meiner Bude. Wir haben schon am Nachmittag angefangen, einen zu picheln.“

„Mir hat er was anderes erzählt. Er sagte, er hätte nur kurz die Rezeption verlassen, als Sie besoffen waren und er sie aufs Zimmer geschleppt und ins Bett gebracht hätte.“

„Schwachsinn. Er darf natürlich nicht zugeben, dass er stundenlang nicht an seinem Arbeitsplatz war. Ist doch logisch, oder?“ Baranoff blickte wieder auf die Straße. „Verdammich, die Pizzabude macht zu.“

Doch er hatte eine Idee, wo er noch etwas Trinkbares auftreiben konnte, und machte sich auf den Weg.

Kapitel 8

Paulsen nahm eine der Rennzeitungen, die verstreut herumlagen, blätterte darin, ohne wirklich zu lesen, und überlegte, wie er weiter vorgehen sollte. Nach ein paar Minuten hörte er Geräusche, die Baranoffs Rückkehr ankündigten. Die Tür ging auf, und Schritte kamen näher. Irgendwie klangen sie merkwürdig.

Zu viele Schritte.

Er wandte mich um. Im gleichen Moment schlug der Blitz ein. Er taumelte nach vorne, als ihn ein zweiter Schlag traf. Er stürzte auf den Couchtisch, der samt Gläser scheppernd unter ihm zusammenbrach. Sein letzter Gedanke: Baranoff braucht neue Cognac-Schwenker. Als er aufwachte, lag er mit dem Rücken auf dem Boden, zwei Schwarze mit der Statur von Preisboxern standen über ihm. Der eine trug eine dunkle Brille mit hellem Horn Rand, der andere geflochtenen Rasta-Zöpfchen und ein gestutztes Kinnbärtchen. Der Brillenmann zog Paulsen am Hemdkragen hoch und schüttelte ihn.

„Das war erst der Anfang, Motherfucker.“

„Ich bin nur zu Besuch hier.“

„Wir auch. Für wen arbeitest du?“

„Regio TV.“

Die beiden blickten verständnislos.

„Ich bin Reporter.“

Der Brillenmann öffnete seine Pranke und ließ Paulsen fallen. Den Tritt in seine Rippen verstand Paulsen als Aufforderung, es zu beweisen. Er fummelte den Presseausweis aus der Tasche und hielt ihn hoch. Der Brillenmann riss die Plastikkarte an sich, betrachtete sie von allen Seiten, zeigte sie dann seinem Kumpan.

„Fuck!“

Der mit dem Ziegenbart knallte Paulsen den Ausweis auf den Bauch. Dann stürmten die beiden hinaus. Paulsen rappelte sich auf und schleppte sich zum Sessel. Mit wummerndem Schädel saß er da, bis Baranoff, die Arme voll Flaschen, fröhlich pfeifend hereinkam.

„Nachschub gesichert … Was denn hier los?“ Er blickte auf den zusammengeknickten Couchtisch und die zerbrochenen Gläser.

Paulsen rieb sich die schmerzenden Rippen. „Hab’ gedacht, ich renoviere mal ’n bisschen.“

„Was ist passiert?“

„’ne Strafexpedition, die den Falschen getroffen hat.“

Paulsen berichtete kurz, was geschehen war.

„Ich vermute mal, die wollten zu Ihnen.“

Baranoff ließ sich auf die Couch fallen. „Zwei Schwarze?“ Er dachte nach.

„Verdammt, das waren die Nigerianer.“

„Welche Nigerianer?“

„Fayola stammt aus Nigeria.“

„Und was wollten die beiden von Ihnen?“

„Keine Ahnung. Muss ’ne Verwechslung sein.“ Er öffnete eine Flasche und nahm einen langen Schluck.

Paulsen fand, es war an der Zeit, Tacheles zu reden. „Vielleicht eine Verwechslung wie bei den Passfotos?“

Baranoff setzte die Flasche ab. „Was für Passfotos?“

„Die Fotos, die Sie dem Meffert unterschieben wollten. Nur Pech, dass ich sie schon gesehen habe, und zwar gestern, bei Ihnen unterm Bett.“

Baranoff glotzte ihn an, als brauchte er eine Weile, bis die Worte in sein Gehirn gedrungen waren. Dann stieß er hervor: „Du hast in meiner Wohnung geschnüffelt?“

„Ja, als Sie vollgesoffen am Boden lagen. Ich habe die Fotos zufällig entdeckt.

Was hatten Sie mit dem Mädchen zu tun? Los, raus damit.“

„Nichts.“

Paulsen stand auf. „Na schön. Vielleicht kann die Polizei mit der Information was anfangen.“

Er ging zur Tür.

„Warte! Mach keinen Fehler! Setz dich!“

Paulsen tat es.

„Aber jetzt mal hoppla. Warum hatte sich das Mädchen hier einquartiert?“

Baranoff zögerte, dann gab er nach. „Sie hat sich hier versteckt. Sie ist auf’n Strich gegangen und wollte aussteigen.“

„Woher kannten Sie Fayola?“

„Vom Grünen Weg. Da habe ich sie mal an Bord genommen. Gerade als es losgehen soll, fängt sie an zu heulen. Ich hab’ nachgehakt, und es kam heraus, dass sie nicht freiwillig auf den Strich ging. Sie hat erzählt, sie sei nach Deutschland verschleppt worden und müsste, was weiß ich, wie viel Tausende abarbeiten, allein an Reisekosten. Irgendwann habe sie angefangen, von der Kohle, die sie verdient hat, was abzuzweigen. Damit wollte sie zurück nach Afrika.“

Er machte eine Pause und blickte Paulsen an, als wolle er sehen, wie seine Worte auf ihn wirkten. Paulsen war sich nicht sicher, ob er ihm glauben sollte.

„Ich habe angeboten, ihr zu helfen“, fuhr Baranoff fort. „Ich wollte mich um das ganze Drumherum kümmern.“

„Klingt edel.“

„Was heißt edel. War ja ein nettes Mädchen. Sie tat mir leid. Da habe ich sie hier untergebracht und angefangen, meine Fühler auszustrecken wegen neuen Papieren und so weiter.“ Er öffnete eine neue Flasche. „Tja, hätte ich mal besser sein gelassen. Dann hätte sich der andere die Finger dran verbrannt.“

„Welcher andere?“

„Sie hatte noch einen an der Hand, der ihr helfen wollte. Aber der hat sich auf einmal nicht mehr gemeldet, das hat sie wenigstens erzählt, tja, und da bin ich Idiot eben eingesprungen.“

Dass er ihr so selbstlos hatte helfen wollen, klang unwahrscheinlich. Paulsen wollte aber nicht ungerecht sein, vielleicht steckte in dem groben Klotz tatsächlich ein weiches Herz.

„Wenn alles abgelaufen ist, wie Sie mir weismachen wollen“, sagte Paulsen, „dann gehe ich davon aus, dass Sie es waren, der das Polizeisiegel aufgerissen hat.“

Baranoff schwieg bockig

„Was haben Sie in ihrem Zimmer gesucht?“

Baranoff überlegte, dann gab er sich einen Ruck. „Mein Handy. Ich hatte ihr ein altes von mir gegeben, damit wir jederzeit Kontakt halten konnten. Wäre nicht so gut gewesen, wenn man das Handy bei ihr gefunden hätte. Die Bullen hätten mich sofort am Arsch gehabt.“

„Fayola hat Ihr Handy also eine Zeitlang benutzt. Haben Sie die Telefongespräche überprüft?“

„Logisch.“

„Und?“

„Was und?“ Baranoff bückte sich und begann, die zerbrochenen Reste der Cognacschwenker aufzusammeln.

„Hat Fayola außer mit Ihnen noch mit anderen telefoniert oder Anrufe erhalten?“

Baranoff tat beschäftigt und probierte, welche Scherben zueinander passten, als wollte er die Gläser wieder zusammensetzen.

„Wie? Ach so, nein, ich hab’ den Pin-Code vergessen.“

„Das heißt, Sie haben die Anruferliste noch gar nicht gecheckt?“

„Wie denn ohne Pin-Code? Aber ich finde ihn bestimmt noch. Irgendwo hab’ ich ihn notiert.“

Sie schwiegen eine Weile.

„Und was wollte Ihrer Meinung nach das Rollkommando aus Nigeria?“

„Das waren Fayolas Zuhälter, garantiert. Die glauben wahrscheinlich, ich hätte sie abgemurkst.“

„Oder die wollten Ihnen ’ne Abreibung verpassen, weil Sie ihr geholfen haben unterzutauchen.“

Baranoff dachte nach. „Aber woher wussten die, dass Fayola sich hier versteckt hat?“

„Der Mord an dem nigerianischen Mädchen stand überall in den Zeitungen.“

Baranoffs Mine verdüsterte sich. „Wenn es tatsächlich ihre Zuhälter waren, dann wäre ja auch der Klinkenputzer aus dem Schneider.“

„Meffert?“

Baranoff nickte.

„Noch ist das ja alles nur Spekulation“, versuchte Paulsen, ihn über den möglichen Verlust seines Lieblingstäters hinwegzutrösten.

Baranoff starrte auf die Trümmer des Couchtisches. „Die kommen bestimmt noch mal wieder.“

Paulsen kam eine Idee und er fragte, ob er Fayolas Sachen noch einmal ansehen könnte. Baranoff ging zum Bett, zog den Umschlag unter der Matratze hervor und brachte ihn Paulsen. Der nahm als Erstes den kleinen Knochen mit der Perlenkette heraus.

„Irgendeine Ahnung, was das ist?“

Baranoff schüttelte den Kopf. „Den hat sie mit reingetan. Vielleicht ein Glücksbringer oder so was.“

„Kann ich den Kram mal mitnehmen?“

Baranoff nickte. „Übrigens, Fayolas Freundin will auch aussteigen.“

Paulsen blickte ihn an. „Und Sie wollen wieder den Helfer spielen?“

Baranoff ächzte. „Keine Ahnung. Ziemlich riskant. Hat man ja gesehen.“

Er stand auf und verschwand in der Toilette.

„Zu zweit wäre es vielleicht machbar“, rief er vom Klo aus.

„Was heißt zu zweit?“, rief Paulsen. „An wen denken Sie da?“

Baranoff kam vom Klo zurück. „An uns beide zum Beispiel.“

„Warum sollten wir das riskieren?“

„Nur so. Ich würde dem Mädchen einfach gerne helfen.“ Er nahm sein Glas und hielt es Paulsen entgegen. „Übrigens, was dagegen, wenn wir uns duzen?“

„Machen Sie doch sowieso schon die ganze Zeit.“

„Ich mein offiziell, jetzt, wo wir zusammen beim Meffert eingebrochen sind.“

„Von mir aus.“ Paulsen stieß mit ihm an. „Aber das ‚Du’ heißt noch lange nicht, dass wir uns im Knast die Zelle teilen.“

Kapitel 9

Kurz vor acht wachte Paulsen auf, packte seine Sachen und checkte aus. Es war nicht ausgeschlossen, dass das Rollkommando noch mal auftauchte, und unter den Fittichen von Meisterdetektiv Baranoff fühlte er sich nicht besonders geborgen. Statt weiter in der Prärieblume rumzulungern und Baranoff oder den Schuhvertreter zu belauern, schien es sinnvoller, die Spur der Nigerianer weiterzuverfolgen.

Fünfzehn Minuten später betrat Paulsen Krohnkes Büro, bereit, vor dem Ein-Mann-Tribunal schonungslos offenzulegen, was bisher schiefgelaufen war. Er gestand, dass er mit dem Verdacht auf den Hoteldetektiv eine falsche Fährte verfolgt hatte und wartete ergeben auf Krohnkes gnadenloses Urteil. Doch der war wieder mal für eine Überraschung gut.

„Was soll’s, dann begraben wir das Ganze.“

Er schien erleichtert, den heiklen Auftrag abblasen zu können. Ohne viel Federlesen setzte er sich an den Computer und suchte nach den Dateien, die er zum Mordfall angelegt hatte.

„Drei Klicks und schon haben wir wieder Platz für neue Themen“, frohlockte er geradezu.

„Moment, Moment, nicht so eilig“, griff Paulsen ein. „Ich hab’ nicht gesagt, der Fall ist abgeschlossen.“

Krohnke stoppte die Löscharbeiten auf dem Bildschirm und schaute ihn abwartend an.

Paulsen gab sich geheimnisvoll. „Es gibt eine neue, eine brandheiße Spur.“

„Brandheiß ist ja bei Ihnen alles. Deswegen verbrennen Sie sich ja auch andauernd die Finger. Und das Gesicht, wie ich sehe.“ Er starrte auf die Schwellung oberhalb Paulsens Wange.

„Das bringen heiße Storys so mit sich.“

Krohnke lachte. „Es sei denn, es sind bloß Strohfeuer. Viel Rauch um nichts sozusagen.“ Er blickte auf die Uhr. „Ihre Redezeit nähert sich dem Ende.“

Paulsen war klar, dass es jetzt auf die richtige Strategie ankam. Die vielversprechendste war, Krohnke an sein journalistisches Idealbild zu erinnern. Darin sah er sich als Jagdhund, der unbeirrbar durch das Dickicht von Korruption und Verbrechen pirschte – auch wenn er seit Jahren nur noch hinter dem Schreibtisch saß.

„Das habe ich ja von Ihnen gelernt“, sagte Paulsen, „ein Gespür zu entwickeln, ob aus dem Strohfeuer nicht vielleicht doch ein Großbrand wird.“

„Paulsen, es reicht. Auf Ihre Bauchpinselei falle ich schon lange nicht mehr rein.“ Er wandte sich dem PC zu und scrollte auf dem Bildschirm herum.

„Was ist denn mit dem Material, was Sie bisher gedreht haben? Kann man daraus wenigstens noch was anderes stricken?“

Paulsen nickte. „Für eine kurze Reportage über den Beruf eines Detektivs reicht es allemal. Aber bevor Sie jetzt irgendwas ändern oder löschen, hören Sie mir noch eine Minute zu.“

„Na, los, dann spucken Sie’s aus, wenn Sie noch was auf der Pfanne haben.“

„Die Ermordete war eine Prostituierte, Zwangsprostituierte, und wollte aussteigen, und es sieht alles danach aus, als ob sie genau deswegen umgebracht wurde. Ich würde vorschlagen, dass ich mich etwas genauer im Milieu umschaue.“

Krohnke hob warnend den Finger. „Wir sind nicht die Polizei und Sie kein Privatdetektiv.“

Paulsen deutete auf die Beule an seiner Schläfe. „Aber ein Betroffener.“

„Ein Grund mehr, die Sache abzublasen. Persönliche Rache als Motiv sollte tabu sein für einen seriösen Reporter.“

„Ich will nur herausfinden, wer mich in die Mangel genommen hat und was dahintersteckt. Man könnte es auch als investigativen Journalismus bezeichnen.“

„Nun tun Sie mal nicht so oberschlau. Es gibt noch andere Themen, um die wir uns kümmern müssen.“

„Geben Sie mir nur noch ein paar Tage. Dann liefere ich Ihnen eine Story, die es in sich hat.“

Krohnke betrachtete ihn einen Moment.

„Paulsen, Sie rauben mir den letzten Nerv. Ich gebe Ihnen noch genau drei Tage. Wenn Sie dann nicht mit Details rüberkommen, die mir einen Schauer über den Rücken jagen, ist Ende mit der Detektivspielerei.“

Paulsen machte sich an die Arbeit und suchte als erstes im Internet Material zum Stichwort ‚Zwangsprostitution‘. Dabei stieß er auf eine Beratungsstelle für Prostituierte mit dem Namen Minerva. Es meldete sich eine Frau Zöller, und er stellte sich als Reporter von Regio TV vor.

„Worum geht es denn, wenn ich fragen darf?“ Ihre Stimme klang kühl wie eine automatische Telefonansage.

„Um die Arbeit Ihrer Beratungsstelle.“

Sie wirkte nicht gerade begeistert. „So, so. Tja, dann machen wir am besten einen Termin.“

„Würde das heute noch gehen?“

„Sie haben’s aber eilig. Na, gut, ich schau gerade mal … eventuell am späten Nachmittag?“

Bis dahin hatte er noch eine Menge Zeit.

Er fuhr zum Grünen Weg, um sich dort umzusehen. Das Auto war ein rollender Backofen. Die ganze Stadt ächzte unter der Hitze und sehnte sich nach Abkühlung. Am Himmel sah es verheißungsvoll aus, bleigraue Wolken türmten sich auf und schoben sich vor die Sonne.

Der Grüne Weg im Norden der Stadt verlief am Rande des Gewerbegebiets entlang einer alten Bahntrasse. Auf der einen Seite begrenzte eine Backsteinmauer die verwilderte Böschung unterhalb der Gleise, auf der anderen Seite reihten sich schmucklose Betonwürfel mit neonhellen Firmenbüros und Ausstellungsräumen aneinander. Ein Rätsel, wen die Automodelle, fabrikneuen Baumaschinen und Designmöbel in dieser abgelegenen Gegend anlocken sollten. Die mittlerweile tiefschwarzen Gewitterwolken mit Streifen schwefelgelben Lichts ließen die Gegend noch unwirtlicher erscheinen.

Ein halbes Dutzend junger dunkelhäutiger Frauen lungerten an der Straße herum, spazierten Handtaschen schlenkernd auf und ab oder lehnten rauchend an der Mauer zum Bahndamm, die meisten spärlich bekleidet mit Minirock, kurzem Top oder T-Shirt.

Paulsen lenkte den Wagen einmal um den Block, verlangsamte dann auf Schritttempo und hielt neben einer jungen Frau, die trotz der schwülen Hitze kniehohe weiße Stulpenstiefel trug, und kurbelte die Seitenscheibe herunter. Sie kam heran und fragte in einem Mix aus Englisch und gebrochenem Deutsch nach seinen Wünschen und rasselte die entsprechenden Preise herunter. Als er erklärte, er wolle sich nur mit ihr unterhalten, verdrehte sie die Augen, streckte ihm den Mittelfinger entgegen und ging Hüften schwingend zurück an ihren Platz. Er fuhr weiter, verfolgt von den misstrauischen Blicken der anderen Mädchen. An der nächsten Kreuzung entdeckte er ein Stehcafé, parkte den Wagen und ging hinein.

‚Bei Udo‘ war halb Kiosk, halb Imbissbude. Drei weißlackierte Stehtische mit Hochstühlen, links ein Regal mit Keksen und Bonbons, auf der anderen Seite ein großer Kühlschrank mit Getränken und unterhalb des Tresens eine Glasvitrine mit verschiedenen Salaten, Frikadellen und Rollmöpsen. Die großen Spiegel an den Wänden ließen den Laden größer erscheinen als er war.

Hinter der Theke stand Udo, ein dickbäuchiger Mann in weißem Kittel, mit einem Vollbart, der beinahe das ganze Gesicht überwucherte. Er bediente gerade den einzigen Kunden, einen Junkie, der Mühe hatte, das Kleingeld für eine Cola abzuzählen.

Paulsen stellte sich an und wartete geduldig. Ein Pappschild, das seitlich an der Wand baumelte, erleichterte dem Wirt das Kassieren, in ungelenker Kinderschrift stand geschrieben: 1 Flasche Bier = 1 Euro 50, 2 Flaschen = 3 Euro und so weiter, bis: 10 Flaschen = 15 Euro. Als Udo Paulsens Schmunzeln bemerkte, drehte er das Schild um.

Paulsen bestellte einen Kaffee, verschanzte sich hinter einem Stehtisch nahe am Fenster und blickte durch das fettige Glas, das wie ein Weichzeichner wirkte und die Menschen und Dinge draußen zu aquarellartigen Farbflächen verschwimmen ließ. Ein Tupfer nahm jetzt Gestalt an, wurde größer, und herein kam eine junge Schwarze in kurzem Rock und Tigerjacke, trat an die Theke und bestellte einen ‚Coffee to go’. Als sie ihren Pappbecher hinaustrug, folgte er ihr.

„Haben Sie einen Moment Zeit?“

Sie blieb stehen und blickte ihn an, halb amüsiert, halb ironisch.

„It’s my job.“

Er deutete zu seinem Wagen auf der anderen Straßenseite. Kaum waren sie eingestiegen, kam ein BMW herangerauscht und stellte sich dicht hinter sie. Hinter der Frontscheibe machte Paulsen die Silhouetten zweier Gestalten aus. Die junge Prostituierte neben ihm schien nichts zu bemerken.

„Kann ich erst meinen Coffee trinken?“

„Klar, ich habe nur ein paar Fragen.“

Sie lachte, vielleicht weil sie ihm nicht glaubte oder weil sie sich darüber freute, für ein paar Minuten unbelästigt Pause machen zu können. Paulsen nahm den Umschlag aus dem Handschuhfach und zeigte ihr die Fotos von Fayola.

„Kennst du das Mädchen?“

Sie nippte an ihrem Becher, blickte auf die Bilder und verzog keine Miene.

„Fayola Mafuto“, sagte er.

„No.“

Er hatte das Gefühl, dass sie nicht die Wahrheit sagte, holte den kleinen Knochen mit den Glasperlen hervor und hielt ihn ihr hin. Wie elektrisiert zuckte sie zurück.

„Hast du eine Ahnung, was das ist?“

Sie schwieg. Er hörte ein Geräusch und blickte in den Rückspiegel. Eine Gestalt sprang aus dem BMW, kam nach vorn und riss die Beifahrertür auf. Ein Schwarzer mit Ballonmütze beugte sich herein und schnauzte das Mädchen in einer Sprache an, die Paulsen nicht verstand. Ohne Widerspruch kletterte sie aus dem Wagen und verschwand. Der Schwarze hielt weiter die Tür auf und starrte Paulsen angriffslustig an.

Der startete den Motor und fuhr mit einem Ruck los, worauf der Zuhältertyp die Wagentür zuklappen ließ und gegen den Kotflügel trat, dass es krachte. Paulsen fuhr weiter und winkte zum Dank. Der Typ hatte genau die Autoseite bearbeitet, auf der zu einem gleichmäßigen Beulen-Look noch eine Delle gefehlt hatte.

Die Dachterrasse war Paulsens Zufluchtsort. Von hier überblickte er die Nachbarschaft, sah auf altertümliche Dachgauben, Pflanzen umrankte Balkone, Terrassen mit Sitzbänken und Liegestühlen. Nichts Mondänes, eher Kleine-Leute-Idylle.

Wenn er mit Vera hier abends gesessen hatte, bei Bier oder Wein, hatten sie sich vorgestellt, über den Dächern von Paris zu leben. Allerdings nur, wenn es gut lief zwischen ihnen, in den kurzen Phasen, die immer kürzer geworden waren. Daran hatte auch die Geburt ihrer Tochter nichts geändert. Lena, die Frucht einer kurzen intensiven Liebe. Er verscheuchte die Gedanken an die Vergangenheit und beschloss, Lena anzurufen und zu fragen, ob sie Zeit und Lust hatte, mit ihm essen zu gehen. Nach all den verlorenen Gestalten heute sehnte er sich nach etwas Positivem, Hoffnungsvollem. Er erwischte sie, was schon ein kleines Wunder war, und sie hatte tatsächlich Zeit. Sie verabredeten sich im Café Extrablatt. Wie immer kam sie zu spät. Mit geschultertem Rucksack, aus dem eine Wasserflasche ragte, stürmte sie herein wie der kleine Häwelmann, in komplett schwarzem Outfit, von den halbhohen Stiefeln über den am Knie zerrissenen Jeans bis zum Sweatshirt.

Lena war mittlerweile neunzehn. Sie sahen sich regelmäßig, wenn auch jeder sein eigenes Leben führte. Zu ihrer Mutter hatte er nur noch sporadischen Kontakt, doch es gab keinen Groll mehr zwischen ihnen, die Streitigkeiten lagen lang genug zurück.

Sie holten sich Essen vom Buffet und suchten einen Platz mit Blick nach draußen. Bei Rührei, Lachs und Kaffee ließen sie es sich schmecken, und je länger sie plauderten, umso weiter rückten die Bilder des Straßenstrichs in den Hintergrund.

Er fragte, wie es an ihrer Kunstschule liefe, und sie erzählte begeistert von ihrem neusten Semester-Projekt, der Verfilmung einer Kurzgeschichte von Edgar Allen Poe. In der Geschichte ginge es um einen Studenten, der eine Nervenanstalt besucht, und von der neuen Klinikleitung beeindruckt ist. Erst als er auf Ärzte trifft, die geteert und gefedert worden sind, begreift er, dass die Irren die Macht in der Anstalt übernommen haben.

Paulsen ging nicht weiter darauf ein und hoffte, dass er Lena damit nicht verletzte. Sie konnte nicht wissen, dass er zurzeit von Geschichten, in der es um den schmalen Grat zwischen Wahnsinn und Normalität ging, die Nase voll hatte.

Kapitel 10

„Keine neuen Erkenntnisse, Ermittlungen laufen“, erklärte Polizeipressesprecher Lambert am Telefon, als Paulsen nach dem neuesten Stand fragte. Normalerweise baute Lambert in seine Antworten gerne einen kleinen Scherz ein. Heute fasste er sich auffallend knapp, schien schlechte Laune zu haben.

Paulsen hakte nach. „Gibt’s denn schon irgendwelche Hypothesen?“

„Die würden wir Ihnen bestimmt nicht auf die Nase binden.“

„Warum so unfreundlich heute? Sonst predigen Sie immer, Presse und Polizei sollten bei Kapitalverbrechen Hand in Hand arbeiten.“

„Richtig, besonders wenn’s um Polizeiabsperrungen geht“, kam es in bissigem Ton zurück.

„Ich dachte, Sie hätten meine Erklärung akzeptiert.“

Lambert lachte trocken. „Offiziell ja. Aber was ich persönlich glaube, steht auf einem anderen Blatt.“

„Ich kann nur wiederholen, wie es war. Ich bin reingelegt worden. Aber es ehrt mich, wenn Sie sich gar nicht vorstellen können, dass mir so was auch mal passieren kann.“

„Liegt Ihnen sonst noch was am Herzen?“, fragte Lambert kalt.

„Ist es richtig, dass die Ermordete als Prostituierte gearbeitet hat?“

„Wie kommen Sie denn zu der Annahme?“

„Ich hab’ auch meine Quellen. Aber die werde ich Ihnen natürlich auch nicht auf die Nase binden.“

Paulsen hörte ihn lachen und glaubte schon, Lambert sei wieder versöhnt.

„Ich will Ihnen mal einen Tipp geben, Paulsen. Ich würde Ihnen raten, Ihre privaten Detektivspielereien einzustellen. Sie könnten sich nämlich eine Menge Ärger einhandeln, beispielsweise wenn die polizeilichen Ermittlungen durch Sie gestört werden sollten.“

„Das könnte man auch als Versuch der Polizei verstehen, die Presse einzuschüchtern.“

„Reden Sie nicht so ’n Quatsch, Paulsen. Es ist ein gut gemeinter Ratschlag unter der Hand.“

„Schön, dass Ihnen so viel an meinem persönlichen Wohl liegt.“

Lambert schnaubte verächtlich. „Sie sprühen ja wieder mal vor Witz. Aber ich meine es ernst.“

Mit einem „Ist wohl nicht Ihr Tag heute“ beendete Paulsen das Gespräch.

Es wurde Zeit für sein Rendezvous mit der Leiterin von Minerva. Die Beratungsstelle lag am Ende einer kleinen Gasse mit Kopfsteinpflaster, in einem schmalen, mittelalterlich wirkenden Fachwerkhaus. Die Tür war verschlossen. Er klingelte mehrmals und blickte durch die Fensterscheibe in das helle, Licht durchflutete Büro. Niemand zu sehen. Unentschlossen stellte er sich in den Schatten. Die Erfrischung von oben war ausgeblieben, die Wolken hatten sich verzogen, und die Sonne brannte wieder ungehindert vom Himmel. Vom Gewitter blieb nur ein entferntes Grollen.

Gerade als er zum Wagen zurückgehen wollte, kam eine junge Frau in Jackett, Jeans und Sportschuhen über die Straße auf ihn zu und fragte, ob er auf sie warte. Sie stellte sich als Inga Zöller vor, Leiterin der Beratungsstelle, und entschuldigte sich für die Verspätung.

„Kein Problem.“

Er lächelte sie an. Sie erwiderte sein Lächeln nicht, wandte sich zur Eingangstür und schloss auf. Im Büro wirkte alles freundlich und einladend. Der Boden war mit braunen Terrakotta-Fliesen ausgelegt, die Wände marmoriert in warmem erdigem Gelb. Auf den hellen Naturholzregalen lagen Zeitschriften und bunte Broschüren aus.

Inga Zöller war etwa Mitte zwanzig und von einer Art madonnenhafter Schönheit. Ein ebenmäßiges Gesicht mit hoher Stirn, das von langem gescheiteltem, glattem Haar umrahmt war, und dunkelbraune Augen mit einem ernsten, klaren Blick. Sie bat ihn, an dem Naturholztisch Platz zu nehmen, räumte rasch ein paar Dinge zur Seite, dann schlug sie eine Mappe mit Unterlagen auf.

„Ihr Sender interessiert sich also für unsere Arbeit?“

Paulsen nickte. „Es heißt, Ihre Beratungsstelle sei erfolgreich und fände großen Zuspruch.“ Er fand selbst, er klang wie ein Schüler, der seiner Lehrerein brav antwortet.

„So?“ Sie blickte ihn forschend an, als prüfte sie, ob er ihr etwas verheimliche. Womit sie richtig lag. Am Telefon hatte er nichts davon gesagt, dass es ihm in erster Linie um den Mord an der nigerianischen Prostituierten ging.

„Wir betreuen Frauen“, begann sie ein wenig zögernd, „Frauen, die Opfer von Menschenhandel oder Zwangsprostitution geworden sind. Konkret: Wir nehmen Kontakt zu ihnen auf in den Bordellen oder auf dem Straßenstrich. Wir beraten die Frauen und bieten Ausstiegshilfen an. Unsere Einrichtung besteht seit …“

Sie redete weiter, doch er hatte Mühe, sich auf den Inhalt ihrer Worte zu konzentrieren. Von der Anmut, mit der sie sprach, verzaubert, lauschte er allein dem Klang ihrer Stimme. Als sie ihren Bericht beendet hatte und auf eine Reaktion wartete, starrte er sie immer noch an wie ein hypnotisiertes Schaf.

Sie räusperte sich, und Paulsen erwachte aus seiner Versonnenheit.

„Und wie sieht so eine Hilfe aus?“, fragte er.

Genau das, worüber sie die ganze Zeit geredet hatte. Sichtlich irritiert erhob sie sich.

„Vielleicht gebe ich Ihnen besser einen unserer Flyer. Da steht ja alles drin.“ Sie nahm ein Faltblatt aus dem Regal und warf es ihm auf den Tisch.

Er bedankte sich artig.

„Bitte sehr“, sagte sie ironisch und blieb mit reservierter Miene am Regal stehen, als wolle sie signalisieren, dass das Gespräch beendet ist. Er nahm den Flyer, betrachtete ihn von allen Seiten und überlegte, wie er sie wieder versöhnlich stimmen konnte.

„Wirklich gut gemacht.“

Sie nahm das Lob schweigend hin.

Er las aus dem Flyer: „‚Kein Sexkauf in Deutschland!‘ Heißt das, Sie wollen Prostitution generell verbieten?“

Sie blickte ihn angriffslustig an. „Allerdings. Wir sind nämlich der Meinung, dass käuflicher Sex unmenschlich ist, weil es Frauen zur Ware degradiert -“

„Sicher. Aber -“

„… und die Freier bestraft werden sollten, nicht die Prostituierten.“

Sie redete im Ton einer Staatsanwältin und gab ihm das Gefühl, er säße auf der Anklagebank. Er wechselte das Thema.

„Ich habe gehört, dass bei uns neuerdings auch Frauen aus Nigeria auf den Strich gehen. Haben Sie da Informationen?“

„Auf den Strich geschickt werden“, korrigierte sie ihn streng.

„Das meinte ich. Auch Minderjährige?“

„Steht alles im Flyer.“

Er fand, dass sie es allmählich übertrieb und sagte: „Ich frage mich gerade, womit ich Sie verärgert habe?“

„Und ich frage mich, was Ihr wirkliches Interesse an dem Thema ist.“

„Ein journalistisches, was sonst?“

„So? Wissen Sie, wir haben hier schon so manche merkwürdige Anfrage gehabt.“

Er stand auf.

„Um ehrlich zu sein, ich hatte gehofft, von Ihnen ein paar Informationen zur hiesigen Rotlichtszene zu bekommen. Kurz gesagt, ich will herausfinden, wer hinter dem Mord an dem nigerianischen Mädchen im Hotel Prärieblume stecken könnte. “

„Und warum haben Sie das nicht von Anfang an gesagt?“

„Weil ich nicht mit der Tür ins Haus fallen wollte. Und vielleicht weil ich in Ihren Augen nicht als Sensationsreporter dastehen wollte.“

Sie sah ihn an und lächelte. „Sie halten mich wohl für naiv. Mir ist schon klar, wie die Medien funktionieren.“

„Sind Sie sicher?“

Sie überhörte die Bemerkung und sagte freundlich: „Ein Fernsehbericht, der die Hintergründe von Zwangsprostitution aufzeigt, kann ja durchaus nützlich sein. Setzen wir uns noch mal.“

Die feindselige Stimmung war verflogen. Paulsen holte die Fotos von Fayola Mafuto aus dem Umschlag und zeigte sie ihr. Sie kannte das Mädchen nicht.

„Es ist tatsächlich so, dass wir zurzeit immer häufiger von nigerianischen Mädchen und Frauen erfahren, die zur Prostitution gezwungen werden.“

„Von Zuhältern aus Nigeria?“

„Das Ungewöhnliche ist, dass es meistens Frauen sind.“

„Die Zuhälter?“

Sie nickte. „So genannte Madames. Sie beschäftigen Männer als Helfer und Schlepper. Kürzlich hatten wir eine minderjährige Nigerianerin hier, die von ihrer Madame wie eine Sklavin gehalten wurde. Doch es gelang ihr zu flüchten, und wir haben sie in einer geheimen Wohnung untergebracht. Eines der wenigen Mädchen, das es geschafft hat, sich über die Angst vor dem Voodoo-Fluch hinwegzusetzen.“

„Was meinen Sie mit Voodoo-Fluch?“

„Das ist für uns schwer zu begreifen. Viele Mädchen, die als Prostituierte arbeiten sollen, werden einem Voodoo-Ritual unterzogen, von Priestern, die vorgeben, Zauberkräfte zu haben.“

„Und wie läuft so was ab?“

„Bei dem Ritual müssen die Mädchen schwören, immer zu gehorchen, jede Arbeit zu tun und ihre Schulden unbedingt zurückzuzahlen. Oft mehrere zehntausend Euro für Papiere, Transport und Unterbringung.“

„Und der Aberglaube ist so stark, dass das funktioniert?“

„Was heißt Aberglaube? Voodoo ist eine Religion mit weltweit an die sechzig Millionen Anhänger. Dass der Glaube für kriminelle Zwecke missbraucht wird, ist eine andere Sache. Das kennt man ja auch von anderen Religionen.“

Paulsen holte den Umschlag hervor und zeigte ihr den Knochen mit der Perlenkette.

„Haben Sie eine Ahnung, was das sein könnte?“

Sie betrachtete den Knochen genauer.

„Könnte ein Zaubergegenstand sein. Oder eine Art Talisman, ein Glücksbringer. Kann man nicht so genau sagen.“

„Fayola hat er jedenfalls kein Glück gebracht.“

Es klingelte, und sie blickte auf die Uhr.

„Sie müssen entschuldigen, ich habe gleich noch einen Termin.“

Er stand auf, und sie begleitete ihn zur Tür.

„Wenn Sie mehr erfahren wollen, kommen Sie doch zu unserer Info-Veranstaltung am Dienstag. Wir haben einen Experten der Polizei eingeladen. Genaueres steht auf dem Flyer.“

Er verabschiedete sich und trat in den Hausflur. Durch das Glas in der Eingangstür sah er eine Frau, die ihr Gesicht unter einem Kopftuch und einer großen Sonnenbrille verbarg. Als er die Tür öffnete, um sie einzulassen, schreckte sie zurück, als sei er der Satan in Person. Erst als er sich einige Schritte entfernt hatte, wagte sie, ins Haus zu huschen.

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9783753193342
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