Читать книгу: «Die Ahnungslosen»

Шрифт:

WOLFGANG POPP

Die Ahnungslosen

ROMAN


Ich möchte so gerne Wesen begegnen, die anders sind.

Michel Houellebecq

Inhalt

Kalifornischer Kreuzgang

Regenlachen

Kapitän Nemo

Schiffbruch

Drei Giraffen

23 Uhr 57

Zwischenluft und Zaubersprüche

Unter Palmen

Zwiebelschneiden

Gastauftritt im Bademantel

Die gelbe Gießkanne

Die Vertreibung aus dem Gelobten Land

Ein Kapitel für sich

Aus den Augen

Aus dem Leben einer Hexe

Gänsehaut

Heilige Motoren

Der Geruch von Hautcreme

Der Griff der Meerjungfrau

Zeitverschiebung

Dem Himmel so nah

Zurück ins Wasser

Der gläserne Traum

Morgendliche Dünenlandschaft

Frei nach Bosch

Motten im Kopf

Stichtag

Das Teufelsintervall

Der rote Mantel

Farbe bekennen

Vanille und Zedernholz

Im Skriptorium

Drei Arten Zufall

Tollwut

Versuch über die Freundschaft

Blue Suede Shoes

Noch einmal Insekten

Boulevard of rotten dreams

Der Tod des Künstlers

Natürlich

Blicke und Blühen

Das Lachen des Mister Fate

Erinnerungskrabbeln

Menschen im Aquarium

Der Jäger und die Tänzerin

Tears will love us apart

Das Lachen des Aperol

Aus Ernst wird Spiel

Haarersatz

Die Wut im Bauch und die Faust auch

All about Steve

Whiskysonne

Rote Punkte

Geduldspiel

Zwei Farben Rot

Blutende Denker

Hilfskraft

Die Lebenden und die Tote

Das Leben und Lieben der Gebrüder Azar

Zwischen Bett und Uhr

Weniger See ist Meer

Dazwischendurch

Kalifornischer Kreuzgang

»Weißt du, wie sie ihn damals genannt haben?«

Tim streicht mit der Hand diese nicht enden wollende himmelblaue Kurve entlang, die nichts ähnlich sieht, was Su kennt. Am ehesten vielleicht noch einem Wassertropfen, den der Wind waagrecht vor sich hertreibt. Erst bei der Kühlerhaube merkt Su, dass Tims Finger den Lack des Citroën gar nicht berühren. Es ist Donnerstagnachmittag, die Wettervorhersage hat den letzten warmen Abend des Jahres versprochen, und Su schüttelt den Kopf.

»Die Göttin«, sagt Tim.

Manche Menschen hüten ihre Leidenschaften wie Geheimnisse, Su hat jedenfalls nicht gewusst, dass Tim sich für alte Autos begeistert, und sagt es ihm.

»Ist nichts Ernstes«, winkt er ab.

›Sieht aber nicht so aus‹, denkt Su, und denkt auch, dass ihr das fehlt, solch eine Faszination für eine Sache. Zumindest fällt ihr nichts Vergleichbares ein, obwohl sie einige Zeit mit langen Fingern in ihren Erinnerungen wühlt. Und dann fährt sie sich mit denselben langen Fingern durch ihre Haare, um den Hauch von Neid loszuwerden, der dort wie eine Spinnwebe klebt.

»Wollen wir?«, fragt Su, und Tim hält ihr mit einem »Voilà« die Tür auf. Das ockerfarbene Leder erinnert sie an Handtaschen oder Mäntel, und sie rutscht in ihrem Sitz hin und her, als würde sie ihn anprobieren. Es riecht warm, und die tiefstehende Nachmittagssonne zeichnet samtige Schlieren auf die Windschutzscheibe. Tim startet den Citroën DS, und Su wundert sich, wie leise der Motor ist. Der Schalthebel kommt aus dem Armaturenbrett, Tim zieht und dreht ihn, dann wirft er einen Blick über seine Schulter und reiht sich in den langsam einsetzenden Abendverkehr ein.

»Wie woanders«, sagt er, und Su nickt stumm. Aus der himmelblauen Göttin heraus sehen die Straßen tatsächlich aus, als wäre es nicht weit nach Saint Tropez. Nicht weit zu Gauloises und Pastis. Zu Catherine und Jean-Luc. An dem DS hängt eine ganze Welt oder zumindest die halbe Côte d’Azur, und als sie an der nächsten Ampel zum Stehen kommen, streckt der Fahrer neben ihnen anerkennend seinen Daumen in die Höhe. Su lächelt ihm ein »Danke« zu und dreht sich wieder nach vorn, spürt aber, wie der Blick des Mannes an ihr hängenbleibt und wie sie rot wird, und beugt sich unter dem Blick weg zum Autoradio. Sie drückt den chromsilbernen Knopf, ein metallisches Klicken ist zu hören und dann ein schleifendes Geräusch.

»Da ist noch eine Kassette drin«, sagt Tim überrascht und dreht am Lautstärkeregler. Dann sind die ersten Takte zu hören, und Su sieht das Autoradio vorwurfsvoll an wie jemanden, der sie an eine peinliche Geschichte erinnert.

»Das darf nicht wahr sein«, sagt sie, »Dirty Dancing«.

Die erste Strophe summen sie noch zaghaft mit, beim Refrain setzen sie aber beide lauthals mit ein und kaum ist der Song zu Ende, spult Su die Kassette zurück.

»Hattest du die jemals?«, fragt sie Tim, während der Song bandraschelnd seinen Anfang sucht.

»Was meinst du?«, fragt er, »die Platte?«

»Nein. The time of your life?«

»Jetzt gerade habe ich sie«, sagt er, »hier mit dir.«

»Du weißt schon, was ich meine«, sagt Su.

Tim schaut aus dem Seitenfenster, als würde die Erinnerung, die er sucht, am Straßenrand stehen.

Und dann scheint er sie tatsächlich da draußen zu entdecken. »Mmh«, nickt er gleichzeitig sich selbst und Su zu, die in dem Moment merkt, dass es ihr lieber gewesen wäre, Tim wäre nichts eingefallen.

»Und?«, sagt sie, als er nicht gleich zu erzählen beginnt, und bemüht sich dabei erfolglos, gleichgültig zu klingen.

»Die Tage mit Raul«, sagt Tim und richtet den Rückspiegel, als würde die Erinnerung daran noch immer da hinten an der Straße stehen.

»Wer ist Raul?«

»Wir sind uns auf der Uni über den Weg gelaufen, auf einer Exkursion, mittelalterliche Geschichte.«

Und dann erzählt Tim von einem Kloster, in dem sie zwei Tage waren, von alten Handschriften, von einer schlaflosen Nacht und einer Begegnung um drei Uhr früh im Klosterhof.

»Da ist Raul, mit dem ich bis zu diesem Zeitpunkt noch kein Wort gewechselt hatte, auf einer Mauer im Kreuzgang gesessen. Er hat in den Garten mit dem alten steinernen Brunnen geschaut und geraucht, Kopfhörer auf, und neben ihm ein Walkman. Er hat mich angesehen, prüfend, ob ich es wert bin, und dann hat er die Kopfhörer abgenommen und sie mir hingehalten. Das war die Begrüßung. Statt ›hallo‹ zu sagen, hält er mir die Kopfhörer hin. Ich setze sie genauso wortlos auf und höre eine Frau, nur von einem Klavier begleitet, in einer miesen Tonqualität, aber irgendwie hat das Rauschen die Musik noch schöner gemacht. Dazu der Klosterhof, die alten Steine und die Nacht, das war schon irgendwie besonders. Als der Song aus war, habe ich ihn gefragt, wer das ist. ›Joni Mitchell‹, hat Raul gesagt, und ich habe gesehen wie er sich freute, dass ich von Joni Mitchell offensichtlich noch nie etwas gehört hatte. Er hat eine Flasche Bourbon aus seiner Manteltasche gezogen, sie aufgeschraubt und mir hingehalten. Mir ist zuerst der Bourbon heiß die Kehle hinuntergelaufen und gleich darauf Rauls Satz.

›Wir leben am falschen Ort‹, hat er gesagt und seiner Zigarette an einem Stein langsam die Asche abgedreht. Ich habe ihn gefragt, was er meint, und er hat einen tiefen Zug genommen. ›Man muss dort leben, wo so eine Musik geschrieben wird‹, hat er gesagt, und dann eine Songzeile zitiert, die im Kreuzgang wie ein dunkles Gebet geklungen hat.«

Tim lehnt sich zurück am Steuer, grinst verlegen die Vergangenheit an wie eine verlorene Schwester und klopft den Takt zu Joni Mitchells Song, der unhörbar für Su in seinem Kopf spielt.

»Los, sag schon!«, zieht sie ihn am Ärmel.

»Everybody’s saying that hell’s the hippest way to go. Well, I don’t think so. But I’m gonna take a look around it, though.«

Su denkt langsam den Zeilen hinterher und sieht sich in der Hölle um, ohne dort viel zu entdecken.

»Und diese Stunden im Kloster, die waren so time-of-your-life für dich?«

Tim stellt die rechte Hand am Lenkrad zu einem »Warte!«, »Langsam!« und »Der Reihe nach!« auf.

»Raul hat plötzlich von Los Angeles zu schwärmen begonnen, von den Palmen am Straßenrand und Kreuzungen, an denen du am liebsten in alle Richtungen gleichzeitig weiterfahren würdest, und von einem Café, in dem Schriftsteller, Musiker und Maler ihre Tage und Nächte und Tage verbringen. Ich habe ihn gefragt, wann er dort gewesen sei, und er hat gesagt, ›noch gar nicht‹, doch als wir in der Morgendämmerung zurück zu unseren Betten geschlichen sind, war unsere gemeinsame Reise nach Kalifornien beschlossene Sache.«

»Ich habe gar nicht gewusst, dass du schon mal drüben warst«, sagt Su und deutet mit dem Kopf Richtung Übersee. Die Straße dreht auch gerade Richtung Westen, und sie fahren jetzt direkt auf die Abendsonne zu. Su hält die Hand vor die Augen und Tim klappt seine Sonnenblende herunter.

»War ich auch nicht«, sagt er.

»Warum?« Su sieht ihn fragend an.

Tim atmet ein, sagt aber nichts und tut, als müsse er sich auf die Straße konzentrieren, obwohl die kerzengerade vor ihnen liegt.

»Hallo?«, stößt Su ihn an.

»Die Reise hätte eine Menge gekostet«, sagt er. »Wir wollten ja mindestens zwei Monate unterwegs sein. Außerdem war ich noch nie so weit weg und wusste mit einem Mal auch nicht mehr so genau, was ich dort eigentlich sollte.«

»Ja und?«, fragt Su.

»Eine Woche vor Abflug habe ich Raul abgesagt.«

Am nächsten Morgen wacht Tim um sechs Uhr auf und kann nicht mehr einschlafen. Er denkt daran, wie er am Abend zuerst Su zu Hause abgesetzt und anschließend den Citroën zum Händler zurückgebracht hat. Er ist auf den dunklen Parkplatz gefahren, hat die Scheinwerfer abgedreht und noch einmal Dirty Dancing gehört. Und dann hat er die Autoschlüssel wie ausgemacht in den Briefkasten geworfen.

Su liegt mit dem Gesicht zu ihm, die Decke bis zur Nase hochgezogen. Er kriecht leise aus dem Bett, stellt einen Kaffee auf und setzt sich an den Küchentisch. Die zusammengefaltete Zeitung vom Vortag liegt noch da, darauf ein Kugelschreiber, und Tim beginnt am Rand herumzukritzeln. Zuerst zeichnet er nur das schlangenförmige Lenkrad des DS, aber dann macht er weiter, zeichnet das Armaturenbrett, die Windschutzscheibe und schließlich, hinter der Windschutzscheibe, die Skyline von Los Angeles und das Meer.

Regenlachen

Es war ein ungewöhnlich heißer Sommer. Anfang August wurde es schließlich unerträglich. Die Straßen waren leer gefegt von der Hitze. Die Luft stand still. Wir verließen die Wohnung nicht mehr, trugen Unterhosen oder gar nichts und legten die Matratzen auf den Boden, weil wir uns einredeten, dort wäre es um einen halben Meter kühler als im Bett. In die Küche, aufs Klo und ins Bad krochen wir auf allen Vieren. Zuerst aus Spaß, später, weil die Hitze aus unserem Spaß Ernst machte. Dieser Zustand dauerte nicht länger als zwei oder drei Tage, uns kamen sie aber vor wie Wochen. Als sich eines Abends plötzlich Wolken über der Stadt aufbauten, von Ferne ein Donnergrollen zu hören war und der Himmel schwarz wurde, standen wir Hand in Hand am Fenster wie Seefahrer, die am Horizont Land entdeckten. Und als es in großen Tropfen zu regnen begann, rannten wir auf die Straße wie Verdurstende. Auch aus den anderen Häusern drängten die Menschen ins Freie, und alle sahen wir uns an, als hätten wir Großes erreicht. Wir umarmten Wildfremde, jemand stellte die Boxen seiner Anlage in die Fenster seiner Wohnung, und dann tanzten wir gemeinsam im Regen.

Ich hatte ihn nicht bemerkt. Er tauchte plötzlich hinter meinem Rücken auf, streckte die Hand nach Zora aus, und sie ließ ihn mittanzen in unserem Kreis. In seinen Augen lag ein besonderes Glänzen. Noch mehr Lebenslust als wir anderen, und auf dem Kopf trug er einen Hut, bei dem man sich fragte, wo er den her hat. Er drehte sich schneller als wir, und Zora ließ meine Hand los, weil ich nicht mehr mitkam. Ich lehnte mich an ein Auto, sah hinunter zu meinen Flipflops und ließ sie im Wasser quietschen, die knatschigen Stimmen kleiner Trolle, von denen ich nicht wusste, wollten sie mich warnen oder beruhigen. Dann hörte ich Zora lachen und blickte auf. Sie bemerkte mich, und ich lachte zurück zu ihr, doch da hörte sie mit ihrem Lachen auf und sah mich an, als kennte sie mich nicht oder nicht mehr so gut wie bisher.

Zwei Tage später verließ sie mich, und als wir uns Wochen danach in einem Café gegenübersaßen, meinte sie, der Regen habe ihr die Augen geöffnet. Anschließend zählte sie die Dinge auf, die sie die Jahre über an mir gestört hatten. An einer Hand, und nicht einmal die fünf Finger bekam sie voll. Und überhaupt: So schlimm können diese Dinge nicht sein, wenn du einen Regen brauchst, damit sie dir überhaupt auffallen?

Jedenfalls habe ich es seit damals nicht mehr so mit Regen – und Zora auch nicht wiedergesehen. Der mit dem Hut, dessen Namen sie mir bei dem Treffen unter keinen Umständen verraten wollte, war übrigens rein zufällig unsere Straße hinuntergegangen. Zora nannte das ›ein Zeichen‹, wofür, sagte sie allerdings nicht. Mit Zufällen und Zeichen habe ich es seitdem jedenfalls auch nicht mehr so.

Wann ich damit begonnen habe, weiß ich nicht mehr, aber jeden Morgen beim Frühstück sehe ich mir auf Wikipedia die Liste mit den kürzlich Verstorbenen an. Irgendwie fühle ich mich wohl in ihrer Gegenwart. Oder Abwesenheit. Wie man’s nimmt. Bei ungewöhnlich jungen Toten lese ich nach, woran sie gestorben sind, auch wenn mir ihre Namen gar nichts sagen. Am 17. August, also fast auf den Tag genau zwölf Jahre nachdem Zora mir im Regen davongetanzt war, fand ich dort ihren Namen. Zora Gast (38), Politikerin. Zuerst hielt ich das Ganze für eine zufällige Namensgleichheit, aber das Alter stimmte, und als ich den Eintrag öffnete, fand ich dort ihr Geburtsdatum und ihren Geburtsort. Ich klickte den Link zu ihrem Nachruf in einem kleinen Lokalblatt an, und dort war ihr Foto. Sie lachte ihr Regenlachen von damals, kurz bevor sie mich bemerkte und ihr Lachen in die nächste Pfütze warf. Zora war frühmorgens auf der Fahrt zu einem Pressetermin am Steuer ihres Wagens eingeschlafen und in einen Brückenpfeiler gerast. Sie war sofort tot. Sie hinterließ einen Mann und zwei Kinder. Der Bürgermeister ihrer Heimatgemeinde sprach von einem schrecklichen Verlust.

Als meine Freundin in die Küche kam und fragte, warum ich feuchte Augen hätte, deutete ich auf meine Kaffeetasse, verzog den Mund und sagte, ich hätte mir die Zunge verbrannt.

Karoline hat einen Laden für Künstlerbedarf. Sie verkauft Notizbücher in allen Formaten und Farben, und Papierbögen in allen Größen und Stärken. Hauchdünnes Reispapier aus Japan und Büttenpapier aus Italien. Sie sagt, sie mag die erwartungsvollen Blicke ihrer Kunden: Schriftsteller, die mitten in einer Geschichte stecken, und Künstler, die ihr neues Bild im Kopf haben. Allerdings hat man noch von keinem von ihnen etwas gehört. Wir sind seit drei Jahren zusammen. Ich habe ihr nie von Zora erzählt.

Zwei Wochen später veranstaltete Karoline ihr Herbstfest. Das machte sie jedes Jahr nach den Sommerferien, lud ihre Kunden in den Laden ein, es gab Wasser und Wein und ein kleines Buffet.

Das Wetter war mild an diesem Abend und alle balancierten ihre randvollen Pappbecher ins Freie, hinaus in den Hinterhof, wo eine alte Kastanie und eine Sitzbank standen. Besonders sympathisch waren mir Karolines Kunden nicht. Ich kenne diesen Menschenschlag zur Genüge. Sie quatschen dich den ganzen Abend mit ihren Projekten voll, und wenn du sie ein Jahr später wiedertriffst, sind ihre Geschichten noch haargenau dieselben, was nichts anderes heißt, als dass sie die letzten zwölf Monate nichts auf die Reihe bekommen haben. Als ich einmal in so einer Runde den Fehler machte, zu erzählen, ich hätte einen fixen Job, sahen sie mich an wie den Klassenfeind persönlich. Ich wollte an diesem Abend also nur Karoline meine Schuldigkeit tun, aber auf keinen Fall lange bleiben. Als ich hinkam, stand sie in einem Pulk von Menschen, und ich winkte ihr nur aus der Ferne zu. Sie deutete mir, ich solle mich am Büffet bedienen, also holte ich mir einen Weißwein und ging damit hinaus zu der alten Kastanie. Um genau zu sein, stellte ich mich halb hinter die Kastanie, weil ich einen »Künstler« entdeckt hatte, der mich letztes Jahr eine geschlagene Stunde lang zugelabert hatte. Ich glaubte, unbeobachtet zu sein, lehnte den Kopf zurück an den Stamm und schloss kurz die Augen.

»Auch Künstler?«

Vor mir stand eine Frau, die genauso aussah wie ihre Stimme.

»Was?«, fragte ich.

»Ob du auch Künstler bist?«

Mein zynisches Grinsen war schneller als ich und nahm mir die Antwort ab.

»Sondern?«, fragte sie.

Ich überlegte kurz, ob ich sie anlügen sollte, konnte mich aber nicht entscheiden, ob ich sie beeindrucken oder loswerden wollte, und ließ deshalb die Wahrheit entscheiden.

»Systembetreuer«, sagte ich.

Zora hatte sich damals in mich verliebt, weil sie es beeindruckend fand, wie ich in Codes und Zahlen dachte, und mich möglicherweise verlassen, weil sie bemerkt hatte, was das aus meinem Denken machte.

»Und du?«, fragte ich die Frau, die aussah wie ihre Stimme.

»Schauspielerin«, sagte sie, »ich bin der Star sämtlicher nicht subventionierter Kellerbühnen. Ich spiele um ein Viertel von dem, was eine Putzfrau verdient, du hast meinen Namen also mit Sicherheit schon gehört. Vor dir steht the one and only Zora Gast.«

Sie merkte nicht, wie ich erstarrte, sondern hielt mir die Hand hin. Ich brauchte einen Moment, bis ich einschlagen konnte, und selbst dann noch rechnete irgendetwas in mir fest damit, dass sie sich in Luft auflösen würde, sobald ich sie berührte.

»Bist du alleine hier?«, fragte sie, weiterhin völlig unbekümmert.

Ich nickte, und fast gleichzeitig verschwand die Sonne und es kühlte rasch ab.

»Brrr«, sagte sie und rieb sich die Oberarme, »der Sommer ist mit Sicherheit vorbei.«

Was mir nur recht war, denn damit würde es beim nächsten Wolkenbruch auch mit Sicherheit zu kalt sein, um im Regen zu tanzen.

»Gehen wir woanders hin«, sagte ich.

Kapitän Nemo

Sie stand mit zwei Milchpackungen in den Händen am Kühlregal und verglich das Ablaufdatum.

»Krissi, bist du das?«

Seit einer Ewigkeit hatte sie keiner mehr so genannt, die Stimme war ihr aber völlig fremd, genau wie der Mann, der mit Augen wie weit offene Arme auf sie zusteuerte.

»Hallo«, sagte sie, in jeder Hand noch immer eine Packung Milch. Er blieb vor ihr stehen, und sie stellte die Milch in ihren Einkaufswagen.

»Du hast keinen Schimmer, wer ich bin«, sagte der Mann, grinste sie an und ließ sie zappeln. Er war in ihrem Alter, Anfang, Mitte vierzig, schmales Gesicht, sportlich, die Haare schon leicht grau meliert, was ihm aber gut stand. Kris Blick flimmerte über sein Gesicht wie ein Scanner über einen unbekannten Barcode.

»Tut mir leid«, gab sie es schließlich auf.

»Käfer«, sagte der Mann, und da machte es Klick bei ihr.

»Alf«, sagte sie mit ungläubigen Augen, denn der Mann vor ihr passte nicht zu ihrer Erinnerung an den eigenbrötlerischen Mitschüler, der in einer Plastikdose mit selbst gestochenen Luftlöchern Insekten in die Schule mitgebracht hatte.

Sie hatten ihn Spiderman genannt, abschätzig und mit gespieltem Ekel in der Stimme, und er hatte ihnen hundertmal erklärt, dass er sich für Insekten interessiere und Spinnen keine Insekten seien, jeder könne das ganz leicht feststellen, weil Spinnen acht Beine hätten und Insekten nur sechs. Das alles fiel ihr wieder ein, und auch, dass sie damals geglaubt hatte, er sei in sie verliebt. Vor dem Schulball hatte sie sich schon eine Ausrede zurechtgelegt und war dann enttäuscht gewesen, als er sie gar nicht erst fragte, ob sie mit ihm hinginge.

»Was machen die Insekten?«, fragte Kri.

»Ich bin jetzt untergetaucht«, antwortete Alf.

Sie fanden ein Café unweit des Supermarkts. Auf dem Weg dorthin kam die Sonne heraus, und sie setzten sich an einen der Tische vor dem Lokal. Jetzt am Vormittag war wenig los, nur ein Mann saß da noch, zwei Tische weiter, im dunklen Sakko. Sein oberster Hemdknopf stand offen und seine Krawatte hing über der Armlehne des Nebensessels. Kopfüber baumelte sie herunter wie ein Kind an einer Reckstange, während er lautstark telefonierte, vor sich auf dem Tisch den aufgeklappten Laptop. Die Hektik des Mannes steckte Kri an und sie holte ihren Terminplaner aus der Tasche, der alte Affe Angst, irgendetwas vergessen zu haben. Alf lehnte sich unterdessen zurück, schloss die Augen und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen, die Hände hinter dem Kopf verschränkt.

»Wie damals beim Schule schwänzen«, sagte er, als Kri aus ihrem Terminkalender zurück an den Tisch kam, sie konnte sich aber nicht erinnern, dass sie jemals gemeinsam Schule geschwänzt hatten.

»Geht’s bei dir sonst auch so zu?«, fragte er und deutete mit dem Kopf zu dem am Telefon gestikulierenden Mann.

»Bei wem nicht?«

Alf zuckte ein »Rate mal« mit den Schultern und genoss dabei sich selbst genauso wie die Sonne. Nicht arrogant, aber beneidenswert zufrieden. Dann lehnte er sich nach vorn und verschränkte die Hände.

»Und bei dir?«, fragte er. »Was ist aus der Klassenbesten geworden?«

Alf hatte den Tonfall ihres ehemaligen Direktors ziemlich gut hinbekommen, und Kri erzählte ihm grinsend, was sie machte.

»Du hast deine eigene Firma?«, sagte Alf.

»Das hört sich nach mehr an, als es ist. Ich manage den Laden eigentlich allein und stelle nur stundenweise Leute ein.«

»Und? Läuft es?«

»Ich kann mich nicht beklagen, aber es geht oft die ganze Nacht durch.«

»Dafür lernst du interessante Leute kennen«, sagte Alf.

»Mmmh …«, hielt Kri mit wiegendem Kopf ihr Glück in der Schwebe. »Aber es bleibt ohnehin keine Zeit, sich zu unterhalten, weil es immer irgendetwas gibt, das nicht passt. Entweder ist der Kaviar zu wenig, der Weißwein zu warm oder die Musik zu laut.«

»Ach was!«, richtete Alf Kris Kopf wieder gerade. »Dein berühmtes Lächeln – und sofort lösen sich alle Probleme in Luft auf.«

Kri wusste nicht, was sie von Alfs letzter Äußerung halten sollte. In der Schulzeit hatte es immer wieder Neider gegeben, die gemeint hatten, ihre guten Noten hätten nicht wenig mit ihrem guten Aussehen zu tun. In dem Moment klappte der Geschäftsmann am Nebentisch seinen Laptop zu, streifte sich die Krawatte über den Kopf, zog sie fest und verlangte nach der Rechnung.

»Jetzt erzähl aber, was du machst«, sagte Kri.

»Habe ich doch schon gesagt, ich bin jetzt unter Wasser unterwegs.«

»Was? Fische?«

»Kraken«, sagte er, und Kri sah ihn an, als würde er einen Scherz machen.

»Du hast das mit den Tieren wirklich durchgezogen?«

Alf nickte, und Kri dachte, »Kapitän Nemo«. Obwohl er nur eine Armeslänge entfernt saß, schien es für Alf eine andere Form der Schwerkraft zu geben, die es ihm erlaubte, durchs Leben zu schweben, während sie sich von einem Tag zum anderen schleppen musste.

»Ich arbeite im Aquarium«, sagte er, und Kri fand, dass die beiden Worte nicht zusammengingen, »arbeiten« und »Aquarium«. Und dann dachte sie noch, dass sie dort seit einer Ewigkeit nicht mehr gewesen war.

Christian brachte die Kinder immer abends um sieben. Kri stand schon am Fenster, als er in zweiter Spur hielt. Sie läuteten. Anscheinend hatte Jens die Schlüssel vergessen. Kri öffnete ihnen und ging zum Fenster zurück. Christian stand neben seinem Wagen und winkte Jens und Jolanda hinterher. Er sah gut aus. Trotz der Glatze merkte man ihm die fünfundvierzig nicht an. Auf dem Beifahrersitz entdeckte Kri Laras Knie und den Saum ihres Rocks und zog den Vorhang zu. Dann hörte sie schon die Kinder im Vorzimmer.

»Und, wie war es?«, fragte sie.

»No comment«, sagte Jens und ging, ohne Kri anzusehen, in sein Zimmer. Dafür fiel ihr Jolanda um den Hals. Mit ihren Dreizehn war sie nur zwei Jahre jünger als ihr Bruder, aber die machten den großen Unterschied.

»Alles okay?«, fragte Kri.

»War ganz schön. Minus den komischen Momenten halt«, sagte Jolanda.

Jens und Jolanda und der Abend vor mehr als fünfzehn Jahren: Als Kri bemerkte, dass sie schwanger war, als Christian sie ansah wie eine fremde Küste und als sie gemeinsam, stolz wie Seefahrer, stundenlang Namen überlegten für ihre Entdeckung. Die halbe Nacht hatten sie sich damit um die Ohren geschlagen, seitenlange Listen mit den Namen von Heldinnen, Göttern und heiligen Bäumen anzulegen und sie ihrem ungeborenen Kind anzuprobieren. Ihre Favoriten hatten sie sich schließlich ein Dutzend Mal laut vorgesagt, um zu hören, ob sie sich abnutzten. Sie hatten sich entschieden, gerade als die Sonne aufging, und ihre Wahl niemals bereut. Anders als ihre Ehe hatten die Namen ihrer Kinder gehalten.

»Und bei dir?«, fragte Jolanda.

»Ich bin gestern beim Einkaufen zufällig einem alten Schulkollegen über den Weg gelaufen und habe ans Meer denken müssen«, sagte Kri.

»An Ägypten?«, fragte Jolanda mit belegter Stimme, und Kri nickte.

»Das war meine allerschönste Reise überhaupt«, sagte Jolanda, und Kri merkte, wie ihr die Augen feucht wurden. Sie ging ins Bad, wusch sich das Gesicht kalt ab, und als sie sich wieder gefangen hatte, drückte sie die Klospülung und rief hinaus, ob Jolanda noch etwas essen wolle.

Als die Kinder schliefen, fragte Kri Wikipedia nach Kraken und Tintenfischen, nach Oktopussen und Kopffüßern. Sie klickte sich in alle Richtungen und dann auch in die Tiefe, bis sie bei Fachartikeln landete, von denen sie kein Wort mehr verstand. Es war fast Mitternacht, als sie ihren Computer hinunterfuhr und ins Bad ging. Gleich darauf kam sie aber, die Zahnbürste im Mund, an den Tisch zurück, klappte den Laptop wieder auf, sah im schwarzen Bildschirm ihr Gesicht widergespiegelt, kleine Augen und Schaum vor dem Mund, dann breitete der Browser schon seine weiten Arme aus, und Kri gab den Namen des Aquariums ein und schrieb die Öffnungszeiten ab.

Rechts ging es zum Amazonas-Delta, links zum Roten Meer. Am großen Becken mit den Haien und Rochen drängelte sich eine Schulklasse. Drei Kinder rangelten um eine Kappe, und Kri musste an die Prügeleien der Buben denken und wie Alf sich abseits gehalten und im Gras seine Käfer hatte krabbeln lassen.

»Pass auf, dass du nicht gebissen wirst, Spiderman«, hatten ihre Freundinnen gerufen, und sie hatte breit, aber stumm mitgelacht, so dass Alf, der mit dem Rücken zu ihr saß, ihr Lachen nicht hören konnte.

Ein Sandhai starrte leer ins Leere, und Kri fiel das alte Werlacht-zuerst-Spiel ein. Sie war gut darin gewesen. Sehr gut sogar. Wenn sie nicht wollte, konnte sie keiner zum Lachen bringen. Hin und wieder ließ sie aber doch einen gewinnen, weil sie gerne sah, wie ihr Lachen wirkte, wie sie gewann, auch wenn sie verlor.

Kri waren die Blicke der anderen immer bewusst gewesen. Selten, dass man sie einmal aus den Augen ließ. Irgendeinen gab es immer, der sie unverhohlen oder verstohlen anstarrte. Alf hatten sie zwar immer wieder mit ihren Blicken unten am Boden, wo er mit seinen Käfern saß, festgenagelt, dann aber auch wieder für Stunden völlig ignoriert. Was für ein anderes Leben das war, dachte Kri, wenn man nicht die ganze Zeit über beobachtet wurde. Welch andere Beweglichkeit man da entwickeln konnte und wie viel Platz man für sich hatte.

Im Roten-Meer-Becken knabberten drei gelb und blau schimmernde Papageienfische an einem Korallenstock, und Kri versetzte es einen Stich. Genau solche hatte sie damals beim Schnorcheln gesehen und sich gewundert, wie gut man dieses knirschende Geräusch unter Wasser hören konnte. Ägypten war ihr letzter gemeinsamer Familienurlaub gewesen, ohne das geringste Anzeichen, dass irgendetwas nicht stimmte. Und dann, kaum dass sie wieder daheim waren – Kri räumte tatsächlich gerade die Koffer aus –, kam Christian zu ihr und gestand ihr seine Affäre mit Lara. Er habe alles versucht die letzten zwei Wochen, sagte er, die ganze Zeit in Ägypten über nicht mit Lara telefoniert und auch versucht, nicht an sie zu denken, aber es gehe einfach nicht mehr. Kri war aus allen Wolken gefallen. Für sie war es der perfekte Urlaub gewesen. Sie und Christian hatten einander beim Schnorcheln die an den Korallen knabbernden Papageienfische gezeigt, sich von der Begeisterung des anderen anstecken lassen und sich sogar geliebt unter Wasser. Ausschließlich unter Wasser, war ihr im Rückblick aufgefallen, versteckt hinter ihren Tauchermasken und ohne sich zu küssen, weil sie die Schnorchel im Mund hatten.

Für sie hatte sich der Ägypten-Urlaub wie der zweite Beginn ihrer Ehe angefühlt und nicht wie ihr Ende. Das Rote Meer war für sie seit damals so etwas wie das Paradies vor dem Sündenfall gewesen. Unter Wasser war die Welt noch in Ordnung. Sobald man aus dem Wasser stieg, war es aus mit dem Leben im Schweben.

In diesem Moment entdeckte Kri den Kraken. Er saß auf dem kiesigen Grund und blickte sie mit großen weisen Augen an. Der Blick erinnerte sie an Gandalf aus den Herr-der-Ringe-Filmen. Ganze Sonntage hatte sie unmittelbar nach der Trennung von Christian mit den Kindern vor dem Fernseher verbracht. Bei zugezogenen Vorhängen eine DVD nach der anderen eingelegt und in dieser Welt mit ihren menschenhohen Farnen und knolligen Trollen, mit den wüsten Orks und dem beruhigenden Blick Gandalfs gelebt, weil es dort nichts gab, was sie an die Wirklichkeit erinnerte. Und der Krake da vor ihr, seine Augen, in denen steckte diese fremde Welt, der sah aus wie ein Botschafter aus Mittelerde, das erste Tier, von dem Kri wissen wollte, was es dachte.

Mit einem Mal kam Bewegung in den Kraken. Er drehte sich um die eigene Achse und schwamm mit raschen Stoßbewegungen seiner acht Arme in Richtung Wasseroberfläche davon. Kri kauerte sich hin, um dem Tier unter einem Korallenstock hindurch hinter-hersehen zu können. Schemenhaft war dort oben ein Mensch zu erkennen. Jetzt streckte er die Arme ins Wasser, und der Krake spürte nach ihnen, umschlang sie und saugte sich an ihnen fest. Die Umstehenden bekamen davon nichts mit, nur die am Boden hockende Kri wurde Zeugin dieser berührenden Berührung, dieser Begegnung der zweiten oder dritten Art, diesem Fenster zum Roten Meer in ihr.

Schiffbruch

Flo nennt Martha eine Hexe. Nicht boshaft, er hat dabei immer ein Grinsen auf den Lippen. Trotzdem merkt man, dass sie ihm nicht ganz geheuer ist. Martha putzt seit drei Jahren bei uns, kommt jeden Mittwoch für fünf Stunden. Deshalb laden wir Gäste auch meist für Mittwochabend ein, wenn die Wohnung aussieht wie aus einem Lifestyle-Magazin. Egal wer uns besucht, jedem fällt auf, wie alles glänzt, und wir schwärmen dann von Martha, und Flo bringt seinen Spruch mit der Hexe an. Das macht unsere Gäste natürlich neugierig, und Flo lässt es sich dann auch nicht nehmen, die eine oder andere Anekdote über Martha zu erzählen. Was immer für gute Stimmung sorgt. Oft fragen unsere Freunde, ob wir ihnen Martha nicht weitervermitteln könnten, aber ich sage dann jedes Mal, sie sei völlig ausgelastet, weil ich gar nicht daran denke, eine Perle wie Martha mit anderen zu teilen. Dass ihr in regelmäßigen Abständen Dinge zu Bruch gehen, stört uns nicht weiter. Das macht sie nur noch schrulliger, und Flo ist ziemlich gut darin, ihre kleinen Missgeschicke mit witzigen Pointen zu versehen und so zum Besten zu geben.

Martha kommt aus Rumänien, glaube ich, oder aus der Ukraine, irgendwas im Osten, und sie sieht aus, als sei sie schon immer alt gewesen. Sie spricht auch ein ziemlich seltsames Deutsch mit verschachtelten Sätzen, in denen immer wieder Wörter auftauchen, die bei uns niemand mehr sagen würde. Ähnlich ist es auch mit ihrem Gewand. Martha trägt immer dasselbe Kleid, das mich an alte Märchenbücher erinnert. Großmütter oder Marktfrauen haben dort solche Kittel an, aus einem Stoff so dick und fest, als müsste er ewig halten, und einem Muster wie ein alter Couch-Bezug. Als ich Martha einmal nach ihrem Kleid fragte, erzählte sie mir, dass es von ihrer Mutter stammte.

»Sie ist gestorben in diesem Kleid«, sagte Martha, und dabei zog sie das O in die Länge und rollte das R, dass es sich anhörte, als würde sie gerade die Totenrede auf ihre Mutter halten. Als Flo von der Arbeit kam, erzählte ich ihm von Marthas Kleid, und als wir später mit unseren Gästen beim Abendessen saßen, baute er die Anekdote prompt in seine Hexengeschichte über Martha ein. Ich lachte zwar mit, es störte mich aber, dass er sich in so einer Sache über Martha lustig machte. Trotzdem sagte ich nichts, auch später nicht, als wir beide im Bett lagen und beschwipst darüber kicherten, dass Martha der Wasserkocher heruntergefallen war.

Dass Flo Martha eine Hexe nennt, geht auf die Sache mit Mias Warzen zurück. Als Mia sechs war, sind die plötzlich aufgetaucht, erst nur an ihren Füßen, dann auch auf ihren Handrücken. Wir haben alles Mögliche versucht, sind zu sicherlich fünf Hautärzten gegangen, die ihr die unterschiedlichsten Salben verschrieben haben, und sogar zu einem chinesischen Heiler, der für sie einen Kräutertee zusammengestellt hat. Vier Wochen lang mussten wir sie überreden, diese schreckliche Brühe zu trinken, die so ekelhaft roch, dass ich mir beim Kochen die Nase zuhalten musste. Half alles nichts. Irgendwann erwähnte ich eher nebenbei Martha gegenüber Mias Warzen. Sie überlegte kurz und sagte dann, dass sie in der folgenden Woche ausnahmsweise am Donnerstag kommen würde. Als ich sie fragte warum, sagte Martha nur: »Vollmond«, mit zwei langgezogenen Os.

Am folgenden Donnerstag richtete Martha sich ihre Zeit so ein, dass sie mit dem Putzen fertig war, als Mia aus der Schule kam. Wir aßen gemeinsam zu Mittag, doch danach meinte Martha, ich solle jetzt gehen, einkaufen oder einen Kaffee trinken. Ich sah fragend zu Mia hinüber, doch die setzte ihren Mama-sei-jetzt-bitte-nicht-peinlich-Blick auf, und so ließ ich die beiden eben allein. Als ich eineinhalb Stunden später nach Hause kam, sah ich von der Straße aus, dass Martha alle Vorhänge zugezogen hatte. Sie war nicht mehr da, dafür klebte an Mias Zimmertür ein Zettel, auf dem in schnörkeliger Handschrift stand: Muss schlafen, nicht aufwecken. Mias Tür quietscht leicht, deshalb traute ich mich nicht, zu ihr hineinzugehen, und warf nur einen Blick durchs Schlüsselloch. Es war aber völlig dunkel und ich konnte nichts erkennen. Als Flo aus der Arbeit kam, schlief Mia immer noch. Flo tat ganz entspannt und setzte sich mit der Zeitung ins Wohnzimmer, ich sah aber, wie nervös er war, weil er mehr raschelte und blätterte als zu lesen. Dann hielt er es nicht mehr aus, legte die Zeitung weg und stand auf. Ich folgte ihm, als er leise die Tür aufdrückte und in Mias Zimmer schlich. Es roch nach Wald und Wiese und auch ein wenig streng nach Erde und Pilzen. Mia lag wie aufgebahrt in ihrem Bett, die Hände und Füße in weiße Baumwolltücher gewickelt, das Gesicht etwas blass, kam mir vor, aber mit einem seligen Lächeln auf den Lippen. Flo hielt seine Hand nah an ihren Mund und nickte dann langsam. Ich tippte ihn an, und leise schlichen wir wieder hinaus. Am nächsten Morgen weckte uns Mia kurz nach sechs. Mit einem triumphierenden Ta-ta-ta-ta stand sie in der Tür unseres Schlafzimmers und hielt ihre warzenfreien Hände in die Luft.

Das ist jetzt auch schon wieder ein Jahr her. Ein Jahr, in dem nicht viel passiert ist, bis ich vor drei Wochen in einer Zeitschrift die Anzeige für einen Zeichenkurs entdeckte. Plötzlich hatte ich aus dem Nichts heraus so ein Glücksgefühl, in meinen Fingern begann es zu kribbeln und ich erinnerte mich an Buntstifte und Blumenwiesen, an zitronengelbe Sonnenstrahlen und Prinzessinnen in langen Kleidern. Im Kurs nahm das Kribbeln in den Fingern noch zu, und dann noch einmal, als mir Walt, unser Lehrer, die Hand führte.

Wir treffen uns immer in seiner Wohnung, die gleichzeitig auch sein Atelier ist. Allein die Atmosphäre dort: die Leinwände, die an der Wand lehnen, der Geruch der Ölfarben und die struppigen Pinsel in den alten Marmeladegläsern. Besonders erfolgreich ist er nicht, aber selbst das finde ich speziell, wie er trotzdem weitermacht mit der Kunst. Ich könnte so nicht leben, aber ein Ausflug in diese Welt ist wie ein Abenteuerurlaub. Außerdem mag ich Sex am Morgen. Ich gehe dann ganz anders in den Tag. Viel euphorischer als sonst, angepisst von nichts, neugierig auf alles. Mit Flo kann ich nur abends schlafen, weil Mia am Morgen in die Schule muss. Allzu viel ist bei uns also allzu oft nicht los.

Bei Walt kommt dazu, dass er im Bett so ganz anders ist, wobei ich jetzt gar nicht genau sagen könnte wie. Es ist nicht so, dass er ungewöhnliche Spielchen vorschlagen oder Handschellen aus der Nachttischschublade ziehen würde, nein, es ist eher die Art, wie er mich berührt oder eher noch, wo er mich wann berührt: Seine Finger sind jedenfalls nie dort, wo ich sie gerade erwarte.

Mir ist es jetzt auch schon ein paar Mal passiert, dass ich mich vor dem Sex beim Blick auf eines von Walts Bildern gefragt habe, was das sein soll, und als ich danach auf dem Weg ins Bad wieder daran vorbeigekommen bin, plötzlich etwas erkannt habe. Ich sehe das schon als ein Zeichen dafür, dass diese Affäre gut für meine persönliche Entwicklung ist.

Seinen Künstlernamen Walt finde ich übrigens ziemlich peinlich, auf den legt er aber großen Wert. Einmal habe ich mittendrin aus Versehen Walter zu ihm gesagt, und da ist ihm alles eingeschlafen und er ist hinausgegangen auf seinen winzigen Balkon und hat dort eine geraucht, während ich dagelegen bin und nicht gewusst habe, wie mir geschieht.

Ich hatte einen tollen Job, bis ich schwanger wurde. Sekretärin bei einer japanischen Firma. Habe ihre Wien-Niederlassung quasi im Alleingang gemanagt. Von den Japanern konnte ja keiner Deutsch, und ihr Englisch hat außer mir kaum jemand verstanden. Auf jeden Fall ist die Firma während meiner Karenz pleitegegangen, und ein gleichwertiger Job war nicht mehr zu finden. Dass ich einfach irgendetwas mache, ist nicht infrage gekommen, da waren Flo und ich uns einig, und dass ich jetzt daheim bin und er sich um nichts kümmern muss, ist ihm auch ganz angenehm, kommt mir vor. Weil ja auch immer etwas zu tun ist: Anfangs überhaupt, als Mia noch klein war. Da habe ich mir eingebildet, ich muss nebenher auch noch die Wohnung neu einrichten. Als Mia in die Schule kam, ging es dann leichter. Endlich wieder Zeit für mich, Joggen, Yoga, Bauch-Beine-Po. War ein hartes Stück Arbeit, bis ich wieder ausgesehen habe wie vor der Schwangerschaft. Danach habe ich alles Mögliche ausprobiert, ein halbes Jahr Interior Design, einen zweiwöchigen Kochkurs, Fusion-Kitchen zwischen Thailand und Orient und dann endlich die Idee mit dem Zeichnen. Kunst war ja eigentlich schon immer meins, keine Ahnung, warum ich da nicht früher draufgekommen bin. Als ob man die Dinge, die einem wirklich wichtig sind, so gut in sich verstecken würde, dass man sie irgendwann nicht mehr wiederfindet. Der Zeichenkurs hat mir jedenfalls eine Tür geöffnet: Ich gehe jetzt in Ausstellungen, kaufe mir Bildbände und bin viel ausgeglichener. Und mit Flo läuft es auch gut. Mir kommt es vor, als wirkte ich wieder mehr auf ihn. Richtig verliebt sieht er mich manchmal an, so wie damals, als wir uns kennengelernt haben. Deshalb hält sich mein schlechtes Gewissen auch in Grenzen.

Und dann der letzte Mittwoch: Gleich beim Reinkommen hat mich Martha zweimal angesehen. Das erste Mal, ganz wie immer, begleitet von ihrem freundlich gerollten und entspannt langgezogenen »Grüß Sie Gott, Frau Dio«, dann aber gleich noch einmal, als hätte sie in meinem Gesicht etwas entdeckt. Und Marthas Blick ist einer, der nicht auf deiner Haut endet, sondern Röntgenstrahlen aussendet, die dich durchleuchten. Wie immer, wenn ich nervös bin, habe ich begonnen, mir mit den Fingern über mein Muttermal am Hals zu fahren, und da beginnt Martha auch noch so wissend mit dem Kopf zu nicken. Und später, als ausnahmsweise einmal mir ein Glas zerbrochen ist, hat sie beim Aufkehren irgendetwas in sich hineingemurmelt. An dem Abend habe ich mit Flo geschlafen und mich anschließend in seine Armbeuge gekuschelt.

»Martha wird mir in letzter Zeit unheimlich«, habe ich zu ihm gesagt, und er hat mich mit verschlafener Stimme gefragt, was ich meine.

»Als würde irgendetwas nicht stimmen mit ihr«, habe ich gesagt.

»Wir wissen, dass etwas mit ihr nicht stimmt, deshalb mögen wir sie ja so«, hat Flo nur gemeint, ich habe aber nicht locker gelassen.

»Langsam bekomme ich Angst vor ihr«, habe ich gesagt und tief Atem geholt, »und deshalb denke ich, wir sollten mal über eine andere Putzfrau nachdenken.«

Da hat sich Flo plötzlich aufgerichtet und mich groß angesehen.

»Bist du verrückt? Was sollen wir ohne Martha?«

»Es geht hier nicht um eine alte Freundin«, habe ich gleich zurückgeblafft, »sondern um unsere Putzfrau.«

»Martha ist für uns wie eine alte Freundin«, hat Flo daraufhin gemeint, »sie hat Mias Warzen weggezaubert, sie ist eine treue Seele, ehrlich, verlässlich, gründlich, keine Ahnung, wie du auch nur auf die Idee kommen kannst, Martha vor die Tür zu setzen.« Und damit hat er sich umgedreht und geschlafen.

Es gibt eine Sache, die Flo heilig ist und der niemand zu nah kommen darf. Ein Modell der Santa Maria. Das war das Schiff, mit dem Kolumbus Amerika entdeckt hat. Es steht bei uns im Regal. Flos Großvater hat es aus Streichhölzern gebaut. Flo hat seinen Großvater abgöttisch geliebt. Weil seine Eltern wenig Zeit hatten, ist Flo bei ihm aufgewachsen. Bis heute spricht er von ihm wie von einem Heiligen, und das Schiff staubt er jeden Abend eigenhändig ab. Leicht ist es mir nicht gefallen, aber nachdem Martha heute gegangen ist, ist es passiert.

Drei Giraffen

Das glaubst du vorher nicht. Dass dir das Meer einmal zu viel wird. Dass dich das ununterbrochene Heranrollen der Wellen, das dauernde Rauschen der Brandung auch einmal fertigmachen kann. Du stehst bis zu den Knöcheln in der schaumigen Gischt und denkst dir, komm doch mal zur Ruhe! Lass nur eine einzige Welle aus! Schreist es auch laut in die salzige Luft hinaus, weil dich bei dem Lärm, den die Brandung fortwährend macht, ohnehin keiner hören kann. Jetzt rauscht die S-Bahn vor dem Fenster – auch nicht das Gelbe vom Ei. Aber egal. Home is … wo man trotzdem lacht.

Andere ziehen mit Dutzenden Kisten um. Da ist die Wohnung voll, bevor sie beginnen, ihre Sachen auszupacken. Bei mir? Zwei Koffer, und einer davon ist die Gitarre. Heute früh habe ich mir den Spaß gemacht, alles, was ich besitze, in einer Reihe aufzustellen. Bei der Wohnungstür habe ich angefangen. Und bin nicht einmal bis zum Fenster gekommen.

Dann habe ich meine Gitarre aus dem Koffer genommen. Den leeren Koffer hingelegt und danach die Gitarre. So ist es sich ausgegangen bis zum Fenster. Die Gitarre hat ausgesehen, als würde sie ihren Hals Richtung Himmel recken. Sie vermisst die kalifornische Sonne. Ich bin gespannt, wann es bei mir so weit ist. Wann ich bereue, zurückgekommen zu sein.

34 Jahre alt, das Studium abgebrochen, die letzten zehn Jahre in Übersee, U.S.A. und Kanada. Und in dieser Zeit 218 Songs geschrieben. 21,8 Songs pro Jahr, 1,8 Songs im Monat, ungefähr einen halben Song pro Woche. Alle sieben Tage eine Strophe, alle vierzehn Tage einen Refrain. Das ist mein Problem: Dass ich für meine Art zu leben zu gut rechnen kann. Mein Geld reicht noch bis Monatsende.

Was mache ich hier?

Was würde ich dort machen?

Als ich in Kalifornien angekommen bin, habe ich nicht einen Augenblick lang überlegt. Weil im Evangelium nach Uncle Sam klipp und klar steht, dass wer ganz nach oben will, ganz unten anfangen muss. Und da gibt es schließlich nur einen einzigen Job.

Ich habe also Teller gewaschen. In einer Küche ohne richtige Fenster, nur eine Luke gab es, knapp unter der Decke, die sich kippen ließ, mit Blick auf gerade einmal eine Handbreit Himmel.

There is a heaven for everyone.

Wer den ganzen Tag nur einen schmalen Streifen Horizont sieht, lernt ihn zu schätzen. Und auf den Horizont kommt schließlich alles an in Amerika. Der Horizont ist die magische Grenze. Bis zum Horizont sind Schulden, aber zum Glück ist das Land groß genug, dass es dahinter weitergeht. Eigentlich sollte ja ein künstlicher Horizont vor Manhattan im Meer stehen und nicht die Freiheitsstatue. Eine Skulptur des Horizonts vor dem Horizont.

Im Leben eines Tellerwäschers schiebt sich übrigens ein Horizont voller Speisereste vor den Silberstreifen hoch über deinem Kopf. Und auf der anderen Seite endet deine Welt bei der schreienden Stimme deines Bosses.

Und trotzdem hat jeder amerikanische Musiker, der auf sich hält, einmal als Tellerwäscher gearbeitet und in dieser Zeit geniale Songs geschrieben. Zumindest steht das in jeder Musiker-Biografie, die mit A wie Amerika beginnt. Deshalb war ich anfangs auch geduldig und dachte bei den Rauchschwaden in der Küche an den Morgendunst über der San Francisco Bay, und die Erzählungen der Illegalen, die neben mir Teller schrubbten, hörten sich an wie die heiseren Weisheiten der staubigen Straßen. Und was brauchst du mehr als den Glauben an die Landschaft und das Gesetz der Straße, um den perfekten Song zu schreiben. Das dachte ich damals zumindest.

Was dir keiner sagt, was du aber ziemlich schnell merkst: Weil du die ganze Zeit über nasse Finger hast, kannst du deine besten Ideen gar nicht aufschreiben, und dass dir die Seifenlauge die Hornhaut an den Fingerkuppen aufweicht, ist nicht gerade angenehm beim Gitarrespielen. Meinen ersten Song habe ich geschrieben, eine Woche nachdem ich meinen Job als Tellerwäscher hingeschmissen habe.

Ich kenne hier keinen mehr und weiß noch nicht, wie ich das ändern kann. Tim anrufen? Dem ich vielleicht auch noch recht geben muss, weil er damals gekniffen hat und hiergeblieben ist. So weit ist es mit mir noch nicht.

Die letzte Stunde habe ich mir immer wieder eingebildet, dass mein Telefon in der Hosentasche vibriert. Ich habe es jedes Mal herausgezogen, aber da war natürlich nichts. Kein Anruf und auch kein SMS. Kann ja auch gar nicht sein. Es gibt ja niemanden, der weiß, dass ich hier bin, und keinen, der diese Nummer hat. Aber was schert sich die Hoffnung darum, was möglich ist und was nicht.

Natürlich könnte da jemand sein, genauso allein wie ich gerade, der einfach eine bestimmte Zahlenfolge in sein Telefon tippt, und gleich darauf klingelt es bei mir.

Also, interessieren würde es mich schon, wer abhebt, wenn ich mein Geburtsdatum wähle.

Eine Zeit lang habe ich in Portland, Oregon gelebt. Da gab es einen Songwriter, Künstlername Earl Darkgrey, genauso wie der Tee, nur dunkel, mit dem habe ich gespielt. Sein ganzes Gesicht war Bart, und der hat, neben viel Stuss, einmal auch etwas sehr Schönes gesagt. Als wir einmal übers Songschreiben geredet haben, hat er gemeint, dass die Wörter in Gruppen zusammenstehen, während sie darauf warten, dass sie dir einfallen, und dass, wenn du ein Wort denkst, sich die anderen ungefragt anhängen. Und weil Wörter ganz schön fest aneinanderkleben können, braucht es eine gehörige Kraft, um sie zu trennen und nur das zu sagen, was man auch wirklich sagen will. Und das ist der Grund, warum das Songschreiben so anstrengend ist.

Earl Darkgrey ist anschließend aufs Klo gegangen und wie immer eine Ewigkeit dort geblieben. Ich habe ja die Vermutung gehabt, dass ihm viele seiner Songs beim Scheißen eingefallen sind. Mir hat das Bild gut gefallen, wie er dasitzt mit heruntergelassenen Hosen, ein Blatt Klopapier auf dem nackten Oberschenkel, und versucht, mit einem abgekauten Kugelschreiber die Wörter zuerst auseinander- und danach wieder zusammenzubekommen. Und wie dabei immer wieder das Papier reißt und der Stift blaue Fahrer auf seinem Oberschenkel hinterlässt. Als er an dem Abend zwanzig Minuten später mit rotem Kopf zurückgekommen ist, hat er mir jedenfalls mit einem irren Blick tief in die Augen geschaut, fast so, als hätte er am Klo gerade eine kleine Teilerleuchtung erfahren, und gesagt: »Alles kommt auf den letzten Satz an. Viele glauben, dass der wie eine ins Schloss fallende Tür sein muss. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Der letzte Satz«, hat er gesagt, so geladen, als hätte er gerade mit ihm gekämpft, »darf nicht wie eine Tür sein, die ins Schloss fällt, sondern muss wie ein Fuß sein, der sich im letzten Moment in die zufallende Tür stellt, verstehst du«, und dabei hat er mir mit dem Finger an die Schulter getippt, als wollte er mir seine Weisheit unter die Haut drücken. Das war ein Moment, in dem ich viel dafür gegeben hätte zu sehen, ob sein Oberschenkel voller blauer Fahrer war.

Und ein anderes Mal, als wir in seinem Wagen zu einem mies bezahlten Auftritt dreihundert Meilen Richtung Süden fuhren, meinte Earl Darkgrey, dass er das gerne im Alltag könnte, in Songs zu sprechen, also mit den Menschen zu reden, als würde er singen.

Bevor ich anfange, ihn so richtig zu vermissen, lege ich die Gedanken an Earl Darkgrey lieber zur Seite und nehme stattdessen mein Handy zur Hand. Was habe ich zu verlieren? Nichts. Außerdem: Will nicht jeder wissen, wer abhebt, wenn man sein Geburtsdatum wählt? Es läutet einmal, ein zweites Mal, dann meldet sich eine Frau, sagt ihren Namen aber so schnell, dass ich ihn nicht verstehe. Was sie noch sagt und was ich verstehe, ist »Papier- und Schreibwaren«. Ich hole einmal tief Luft und frage sie, wie man am besten zu ihrem Laden kommt.

Ich ziehe die schwarze Hose an, die zwischen der Aufstrichkonserve und der von Tom Waits bekritzelten Serviette im Vorzimmer liegt, und das Joni-Mitchell-T-Shirt, das ich zwischen dem Gitarrenkoffer und dem einzigen Gegenstand finde, der mir je auf der Bühne zugeworfen wurde, einer Papierblume, die aussieht wie selbstgemacht. Sie kam aus dem Nirgendwo angeflogen, ich habe nicht gesehen, wer sie geworfen hat, würde aber eher mein letztes Paar Schuhe hergeben als diese Rose, die mehr ist als eine Rose, ganz egal, was eine einmal behauptet hat und andere seit damals wiederholen.

Mit der S-Bahn zwölf Minuten, zu Fuß eine Dreiviertelstunde, sagt Google. Ich gehe zu Fuß, spare das Geld für das Ticket und finde unterwegs vielleicht ein Lokal, in dem ich auftreten kann.

Ein Citroën DS. Mit so einem ist Belmondo gefahren in – verdammt, ich weiß den Film nicht mehr. Aber ich bin auf einmal froh, wieder in Europa zu sein. Das Gleiche ist mir in Amerika auch passiert. Als ich angekommen bin, fühlte ich mich zuerst verloren, dann ist ein wirklich alter Chevy die Straße herunterkommen, und plötzlich war das Heimweh weg. Das sind einfach Kühlerhauben, darunter hat ein ganzer Kontinent Platz.

Keine schlechte Gegend, ein Lokal nach dem anderen, und zumindest drei sehen aus, als könnten sie mit meiner Musik etwas anfangen. Mein Favorit heißt Drei Giraffen. Dort schaue ich heute Abend auf jeden Fall vorbei. Schon allein, weil ich wissen will, was es mit dem Namen auf sich hat.

Da vorne ist der Laden. Schön, die alte Schrift über dem Eingang. Eine Frau steht hinter der Kasse und unterhält sich mit einem Kunden. Sie sieht älter aus als ich, nicht viel, ist vielleicht Ende dreißig. Ich könnte nach einem Notizbuch fragen. Mein altes ist ohnehin fast voll. Neues Leben, neues Notizbuch. Gerade will ich hineingehen, da sehe ich den Zettel im Schaufenster. Verkäufer gesucht.

»Bin gleich bei Ihnen«, ruft sie, als ich den Laden betrete und die Tür hinter mir mit einem freundlichen »Bleib hier« satt ins Schloss fällt.

Über das Regal hinweg beobachte ich, wie sie dem Kunden seine Papierbögen zusammenrollt. Sie hat geschickte Finger, bestimmt spielt sie ein Instrument. Der Mann zahlt und geht, und sie kommt herüber zu mir.

»Und? Fündig geworden?«

»Ja«, sage ich und halte ihr das erstbeste Notizbuch hin.

»Gute Wahl«, sagt sie, als ich ihr zur Kasse folge, und ich weiß nicht, ob ich sie einfach so sympathisch finde oder weil sie mein Geburtsdatum als Telefonnummer hat.

Ich zahle und bleibe stehen.

»Der Zettel im Schaufenster«, sage ich, und sie schaut mich fragend an.

»Der Job«, setze ich nach.

»Ah«, sagt sie, und ein unentschlossener Moment huscht über ihr Gesicht, in dem ich mich von einem Kunden in einen möglichen zukünftigen Angestellten verwandle. Ihr Blick bekommt etwas Prüfendes und drängt mich, etwas zu sagen.

»Ich mag Papier«, höre ich mich und versinke, als ich mich höre, im Boden.

»Ist das so«, sagt sie und genießt meine Nervosität, weil sie damit wieder die Oberhand hat in unserem Gespräch.

»Und was haben Sie bisher so gemacht?«

»Ich war in Amerika«, sage ich und schwöre mir im selben Moment, den Laden erst wieder zu verlassen, wenn ich den Job in der Tasche habe. Nicht weil ich das Geld unbedingt brauche, das zwar auch, in erster Linie aber, weil mir plötzlich nichts wichtiger ist, als dass diese Frau mich mag. Und da fällt mir Earl Darkgrey ein, wie er gemeint hat, er möchte reden können, als würde er singen, und erzähle in Strophen, dass ich vom Tellerwaschen bis zum Rasenmähen alles gemacht habe, und im Refrain von meiner Musik.

»Ich bin also flexibel«, sage ich.

»Wann können Sie anfangen?«, fragt sie.

»Jederzeit«, sage ich.

Auf dem Heimweg behandelt mich die Stadt mit einem Mal anders. So, als würde ich jetzt dazugehören. Legt mir den Arm um die Schulter, zeigt mir übersehene Abzweigungen und versteckte Hinterhöfe und sagt dem Himmel: »Eine Spur mehr Blau für unseren Neuzugang«, was er auch prompt macht. Als ich mein Haustor aufsperren will, zieht mich die Stadt zurück. »Das war’s?«, fragt sie beleidigt, »schon genug gesehen?« Recht hat sie, was soll ich daheim. »Gut«, sage ich deshalb, »stell mich den anderen auch noch vor!«

Erst in der Dämmerung komme ich nach Hause, schiebe mir die Matratze ans Fenster und schaue dem Himmel beim Dunkelwerden zu. Tagträumen geht am besten, wenn es bald Nacht wird.

Irgendwann weckt mich die Sirene eines vorbeifahrenden Rettungswagens. 21.47, sagt auf Knopfdruck mein Telefon, und ich ziehe mich an.

Ein paar Meter vor den Drei Giraffen fällt mir eine Toreinfahrt auf, und einem spontanen Impuls folgend biege ich ab und gehe hinein in den Hinterhof, und da stehen drei Männer neben einer Metallltür, die aussieht wie der Hintereingang zur Küche, und rauchen. Ich erkenne sie gleich, die Tellerwäscher und Küchengehilfen, an ihren nassen Schürzen und den Haarnetzen, die sie noch aufhaben oder in der Hand halten. Einer, der an der Wand lehnt, wirft ein Wort in die Luft, und der neben ihm fängt es auf und beginnt ansatzlos seinen Rap, und gleich darauf sticht auch den Dritten der Rap, und Unkraut und aufgesprungener Asphalt werden zum Dancefloor und Tellerwäscher Nummer 1 zur Beat-Box, und fertig ist die Welt in der Welt. Dann entdecken sie mich, winken mich herüber, halten mir die Tür auf in ihr Universum, als könnten sie wittern, dass auch ich meine Zeit mit schmutzigen Tellern hatte, und ich klatsche mich hinein, lege eine zweite Rhythmusspur und bekomme als Dankeschön ein Nicken und dann sogar eine Strophe: »… we don’t bother ’bout an unknown brother, if he clasps the beat like the wind in the shutter …« Echt fix, die Burschen. Dann wird es Zeit, der Neugier Platz zu machen. Die Box lässt die Beats ausbröseln, und wir tauschen unsere Wohers und Wohins, unsere Schicksale so ähnlich, dass sie den Schulterschluss üben wie eine Football-Mannschaft vor dem Free Kick. Da haucht der Tänzer auf einmal ein »Silence«, und »still!« sagen auch seine Hände, die er der Luft wie einem großen Hund beruhigend auf den Rücken legt. Ich habe keine Ahnung, was er vorhat, aber wir alle erstarren wie Die Tellerwäscher von Rodin, genauso sehen wir aus oder würden wir aussehen, wenn Rodin jemals Tellerwäscher modelliert hätte. Eine gefühlte Ewigkeit stehen wir wie angewurzelt da, dann geht das Licht aus, das anscheinend über einen Bewegungsmelder funktioniert. Ich habe noch immer keine Ahnung, was jetzt kommt, doch da beginnt der Tänzer plötzlich einen Moonwalk, gleitet dahin wie dereinst Michael Jackson, aber in Superzeitlupe, so etwas habe ich noch nicht gesehen. Der Rapper starrt abwechselnd auf sein Handydisplay, seinen moonwalkenden Freund und die Glühbirne über dem Kücheneingang und bewegt dabei lautlos die Lippen, als würde er mitzählen. Dann flackert die Glühbirne plötzlich auf, und der Moonwalker schaut fragend zum Rapper, der reckt die Faust in die Luft und sagt: »Fucking hell!«, sagt: »8:43«, und: »neuer Rekord«, und da kapiere ich. Jacko fingert sich zur Selbstbelohnung eine Zigarette aus der Hosentasche, steckt sie sich trocken in den Mund, dafür streicht der Rapper sein Zippo an, und im nächsten Moment macht Jacko aus dem Stand einen Salto, dass ihm sein Haarnetz vom Kopf fliegt, und landet so vor dem Rapper, dass er seinen Kopf nur noch leicht auf die Seite drehen muss, und schon zerschneidet seine Zigarette wie Zorros Degen die Zippoflamme.

Was für ein Tag!, glaube ich mein Glück nicht. Nachdem mir die Stadt tagsüber schon ihr Lied vorgepfiffen hat, landet sie jetzt vor meinen Füßen. Alle heiligen Zeiten einmal ist man für fünf Minuten unbesiegbar, und diese fünf Minuten muss man ausnutzen, weil sich in ihnen entscheidet, wie es weitergeht im Leben, und das meist auf Jahre hinaus. Also nichts wie hinein.

Der Chef lehnt an der Bar und nippt an einem Whisky. Er sieht aus, wie Jacko ihn mir beschrieben hat. Groß, schlank, schwarzer Anzug und weißes Hemd und mit einer Glatze, die genauso glänzt wie seine Schuhe. Also eigentlich hat Jacko ihn Schuhkopf genannt, und als ich ihn fragend angesehen habe, ist er sich, begleitet von dem Lachen seiner Kollegen, wie wild mit der Hand übers schon lange wieder aufgesetzte Haarnetz gefahren, so als würde er seinen Schädel auf Hochglanz polieren.

Als ich den Drei-Giraffen-Boss begrüße, gibt er mir zwar die Hand, sieht mich dabei aber an, als wisse er nicht, was das soll. Ich schätze ihn auf Anfang vierzig, und weil ich gerade unbesiegbar bin, schüchtert mich sein Gehabe nicht einmal ansatzweise ein.

Ich sage ihm, dass ich Musiker bin, erst seit wenigen Tagen in der Stadt, und dass ich davor zehn Jahre in den Staaten gelebt habe. L.A. und Portland, Oregon, füge ich hinzu, als wären die beiden Städte meine Adelstitel.

»Und jetzt suchst du ein Lokal, in dem du auftreten kannst«, sagt der Chef, und ich werfe ein »Ge-nau!« in die Luft und mag, wie es sich dreht und glitzert im Licht der Bar. Ein bisschen freut er sich auch, aber abgebrühter, so als sähe er das öfter, und zieht mit dem Finger einen Kreis in der Luft und ich greife in meine Tasche und drücke ihm meine vorletzte Demo-CD in die Hand.

»Hör ich mir an«, sagt er, und seine Stimme geht dabei hinunter, als hätte er sich von mir verabschiedet.

Ich bleibe einfach neben ihm stehen, sehe zu, wie er meine vorletzte CD neben sein Whiskyglas legt, seine Schulter, die mir sonst vielleicht kalt vorgekommen wäre, hier und jetzt aber einfach nur eine Schulter ist, auf meiner Augenhöhe.

»Ist noch etwas?«, fragt er mich.

»Ja«, sage ich, »warum Drei Giraffen?«

»Kenne ich gut«, sagt Karoline, »der Chef kauft die Einlegeblätter für seine Tagesmenüs bei mir.«

»Bei uns«, sage ich, und dann gehen wir zu den Regalen, und sie zeigt mir die Unterschiede zwischen japanischem Reispapier und Büttenpapier aus Fabriano, zwischen beinahe durchsichtigem Papier aus Nepal und handgeschöpftem Papier aus Blankenberg, so fest, dass man den Bogen wie ein Brett gegen die Wand lehnen kann. Ich schreibe genau mit im Kopf. Nicht nur für den Job, auch für einen möglichen Paper Song. Und nach meinem ersten Arbeitstag, der wie im Flug vergeht, trinken wir zusammen ein Glas Wein.

Und das machen wir von da an ziemlich regelmäßig.

Wir sind beide eher spröde, haben aber eindeutig den gleichen Humor. Wenn wir lachen, dann zur gleichen Zeit und über die selben Dinge. Und dabei klingen wir auch so ähnlich, dass unser Lachen verschmilzt. Ich weiß nicht, ob irgendetwas mehr verbindet als so ein Moment, in dem man die eigene Stimme nicht mehr von der des anderen unterscheiden kann.

»Lachgemeinschaften?«, fragt Karoline.

»Ja«, sage ich, »kein Scherz. Hat es gegeben.«

Die Geschichte habe ich einmal gelesen und, weil sie so unglaublich war, auch behalten.

»Das waren Geheimgesellschaften«, sage ich, »mitten im Barock, die verbotene Texte gelesen und gemeinsam über sie gelacht haben. In den Texten wurden auf Teufel komm raus Gott und die Heiligen verspottet, und wenn man die Mitglieder bei diesem blasphemischen Treiben entdeckt hätte, wären sie allesamt auf dem Scheiterhaufen gelandet.«

Eine Woche später sind wir wieder gemeinsam aus. Wir trinken schneller als die Male zuvor und auch mehr und lachen auch lauter. Und da sagt Karoline plötzlich wie aus dem Nichts, das Lachen sogar noch in der Stimme: »Und vor drei Wochen hat mich mein Freund verlassen.«

»Das ist noch nicht lange her«, sage ich, mit vom Lachen noch feuchten Augen, meine Stimme aber ernst, von ihren Worten gegen die Wand gefahren.

»Lange genug«, sagt sie, schiebt einen Geldschein unter ihr noch nicht ganz leeres Glas, nimmt meine Hand und zieht mich hoch von meinem Stuhl, zieht mich quer durchs ganze Lokal und die Straße hinunter und sieht mich nicht mehr an und lässt mich nicht mehr los, bis ich bei ihr im Vorzimmer stehe und sie die Wohnungstür mit dem Fuß hinter uns zudrückt.

Der Chef von den Drei Giraffen hat mir damals nicht verraten, was es mit dem Namen seines Lokals auf sich hat. »Der Name hat dich neugierig gemacht, er ist bei dir hängengeblieben und du bist wiedergekommen. Also ist es ein guter Name«, hat er gesagt.

Ich stehe in Karolines Wohnzimmer, in den eigenen Boxershorts und einem Hemd von ihr, und dem Gefühl, wie das Fremde vertraut wird auf der Haut.

»Bedien dich«, hat sie gesagt, mich vor einen Servierwagen mit Hochprozentigem und ihr Bücherregal gestellt und ist im Bad verschwunden. Die Flasche gluckst beim Einschenken wie ein Täubchen, und ich sehe mir die Rücken an Rücken stehenden Bücher durch einen Fingerbreit Cognac an. Kenne ich – mag ich – interessiert mich – noch nie gehört – und ein Lexikon der Tiere: Giraffen sind die Säugetiere, die mit dem wenigsten Schlaf auskommen. Zwei Stunden täglich sind ausreichend, und die absolvieren sie im Stehen.

Barfliegen, wie sie im Buche stehen.

Gestern habe ich Karoline gefragt, warum sie mich angestellt hat. Eigentlich wollte ich ein Kompliment von ihr hören. Dass sie mich interessant gefunden hat, sympathisch oder zumindest ganz nett. Und was sagt sie? »Du hast den Job bekommen, weil du mich nicht nach deinem Gehalt gefragt hast.« Habe ich übrigens bis heute nicht. Aber morgen weiß ich es. Da ist der Monatsletzte.

23 Uhr 57

Lara

Fahr nicht so schnell.

Christian

Ist doch nichts mehr los um die Zeit.

Lara

Du hast ganz schön was intus. Wenn irgendwo die Polizei steht,

bist du dran.

Christian (wird langsamer)

Zufrieden?

Lara (legt ihm die Hand auf den Oberschenkel)

Sehr.

Lara

Flo war ganz schön fertig heute.

Christian

Wobei ich mir gar nicht sicher bin, was ihn mehr fertiggemacht

hat. Das kaputte Boot oder dass Dio Martha gefeuert hat.

Lara (holt etwas aus ihrer Hosentasche)

Schau, was ich hier habe.

Christian

Warte! Vorne an der roten Ampel.

Lara (hält ihm einen zerknitterten Zettel hin)

Christian

Was ist das?

Lara

Der ist zusammengeknüllt am Klo gelegen. Flo oder Dio wollten

ihn wahrscheinlich in die Muschel werfen und haben nicht gemerkt,

dass er daneben gelandet ist.

Christian

Ich kann’s ohne Brille nicht lesen. Was steht drauf?

Lara

Marthas Telefonnummer.

Christian

Und was willst du damit?

Lara

Na, Martha anrufen und fragen, ob sie bei uns anfangen will.

Christian

Hast du keine Angst, dass sie uns auch die Wohnung zerlegt?

Lara

Wir sind versichert und so heilige Gegenstände wie Flos Schiff

besitzen wir beide nicht.

Christian

Bist du dir sicher?

Lara

Du hast immer gesagt, eine gute Seele wie Martha wäre ein Traum.

Christian

Wie hast du den Abend sonst gefunden?

Lara

War nett wie immer. Aber jetzt auch nicht besonders. Du weißt ja, dass Dio nicht ganz so mein Fall ist. Ich rechne es ihr und Flo aber hoch an, dass sie mich von Anfang an akzeptiert haben. Sie hätten sich ja auch auf die Seite von Kri schlagen und mich als böse Ehebrecherin ablehnen können.

Christian

Flo ist mein ältester Freund. Das hätte er nicht getan. Übrigens scheinen er und Dio gerade ihren zweiten Frühling zu erleben. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich die beiden zuletzt so verliebt gesehen habe. Flo hat den halben Abend Dios Hand gehalten.

Lara

…

Christian

Warum sagst du nichts?

Lara

Ach, ich weiß nicht. Ich gebe dir recht, dass Flo verliebt gewirkt

hat, aber Dio ist mir seltsam vorgekommen. Irgendwie nervös.

Christian

Was dir immer auffällt.

Lara

Sie hat es gut überspielt.

Christian

Und was meinst du, ist los?

Lara

Weiß ich doch nicht.

Christian

Glaubst du, sie hat was laufen?

Lara (sieht zum Fenster hinaus)

Christian

Sag schon!

Lara

Was weiß ich, sie ist mir einfach komisch vorgekommen.

Christian

Mist, 23:57. Ich wollte um Mitternacht im Bett liegen.

Lara

Wir sind doch gleich da, liegst du eben um halb eins im Bett.

Christian

Ich möchte nur ausgeschlafen sein. Morgen habe ich das Treffen mit den neuen Getränkelieferanten, da muss ich einen guten Deal aushandeln, und anschließend kommen die Kinder zu uns.

Lara

Wie lange bleiben sie?

Christian

Wenn Jens nicht wieder die Krise bekommt, bis Sonntagabend.

Lara

Weißt du was? Ich frage Hexe Martha, ob sie nicht gleich morgen Zeit hat. So wie Flo und Dio sie immer beschrieben haben, scheint sie eine beruhigende Wirkung auf ihre Umgebung zu haben. Vielleicht kocht sie für uns, weil Jens ja nichts von mir isst.

Christian

Ha, ein Parkplatz direkt vor dem Haus.

Lara

Die Lücke ist zu klein.

Christian

Wart’s ab.

Lara

Saubere Leistung.

Christian

Dankeschön!

….

Okay, machen wir’s!

Lara

Was?

Christian

Martha fragen, ob sie morgen Zeit hat.

Zwischenluft und Zaubersprüche

Das Theater hatte sich über das feuerpolizeiliche Verbot hinweggesetzt und die Leuchtanzeigen über den Ausgängen abgeklebt. Die Dunkelheit war dadurch so vollkommen, dass sich kein noch so schwacher Schemen aus dem Schwarz löste. Und das wirkte. Die Zuschauer unterdrückten jedes Geräusch, niemand hüstelte, kramte in seiner Tasche oder griff nach seinem Handy. Es war, als würden alle gemeinsam die Luft anhalten – und mit der Luft auch die Zeit.

»Bis neunundneunzig«, hatte der Regisseur gesagt, und Zora zählte stumm ins Schwarz, ließ sich nicht hetzen von der Stille, türmte die Ziffern langsam auf, freute sich, wie der Turm aus Zeit vor ihr wuchs … siebenundneunzig, achtundneunzig, neunundneunzig. Mit einem Knall, den nur sie hörte, stürzte der Zahlenturm in sich zusammen, und Zora begann:

Lötsch gibt an, beim Aufwachen das Gefühl zu haben, vom Tag hämisch angegrinst zu werden. So als würde der Tag ihm nicht das Geringste zutrauen.

Beim Wort angegrinst ging der Spot auf Zora an. Sie trug einen weißen Arztkittel und sprach in ein Diktaphon:

Das sei auch der Grund, so Lötsch weiter, warum er oft den ganzen Tag sein Bett nicht verlasse.

Zora zündete sich eine Zigarette an. Als sie den Rauch langsam Richtung Decke blies, die Kringel tanzten um ihre Gedanken im Licht des Spots, kam aus dem Dunkel plötzlich die Stimme eines Mannes:

Wenn der Tag mich nicht will, ich kann warten.

Nikolaus Kramer war eigentlich Filmregisseur, von der Kritik geschätzt, an den Kinokassen aber nur mäßig erfolgreich. Jetzt inszenierte er erstmals am Theater. Für sein Stück Der Tag beginnt um Mitternacht hatte er monatelang in Psychiatrien recherchiert: Vierundzwanzig Stunden im Leben eines Borderliners.

Lötsch gibt an, schon seit Jahren nur noch in seinem Fauteuil und bei laufendem Fernseher zu schlafen.

Zora hatte sich an ihren Schreibtisch gesetzt, in der Hand hielt sie noch immer das Diktaphon. Dann versank sie plötzlich im Schwarz, ein anderer Spot biss sich in die Dunkelheit, ein Mann saß auf dem Sessel vor Zoras Schreibtisch:

Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal in meinem Bett geschlafen habe. Es ist mir fremd, so unbenutzt, wie es dasteht. Wie in den Musterschlafzimmern eines Möbelhauses. Wo die Betten und die Nachtkästchen und sogar die Bettwäsche und Polster Namen haben, als würden sie leben.

Dieses Mal bleibt der Spot auf dem Darsteller des Lötsch, und Zoras Stimme kommt aus dem Dunkel:

Lötsch gibt an, seinem Bett den Namen René und seinem Nachtkästchen den Namen Kevin gegeben zu haben.

Der Mann sitzt da und sieht mit unbewegter Miene seiner Stimme hinterher, wie einem Kind, das zum ersten Mal alleine über die Straße geht. Erst wenn es ein Satz sicher auf die andere Seite schafft, kommt der nächste:

Alles unbrauchbare Namen für die nicht mehr gebrauchten Dinge.

Als Zora gehört hatte, dass Nikolaus Kramer am Theater inszenieren würde, bewarb sie sich sofort und ohne noch zu wissen, worum es in dem Stück ging. Sie hatte jeden seiner Filme zumindest zweimal gesehen und hätte noch die kleinste Nebenrolle angenommen, um mit ihm zusammenarbeiten zu können. Nur gab es in dem Stück keine Nebenrollen, sondern nur Psychiaterin oder Zuschauerraum. Zora ging zum Vorsprechen, im Rücken ein Jahr, in dem nichts funktioniert hatte, und dann ließ Kramer sie im Dunkeln stehen, und Zora, die nichts so sehr gewohnt war wie die Abwesenheit von Licht, fühlte sich auf Anhieb wohl im tiefen Schwarz, so wohl wie keine vor ihr, und nach ihr wollte Kramer gar keine andere mehr sehen.

Auf der Bühne taucht eine schwarze Katze auf und streift Lötsch um die Beine.

Lötsch erzählt häufig vom Kater seiner alten Nachbarin, der ihr immer wieder entwischt und dann durchs Stiegenhaus streift und an seiner Tür kratzt. Er gibt an, dass es ihm guttue, sich um das Tier zu kümmern. Offensichtlich hat es eine stabilisierende Wirkung auf ihn.

Der Spot wechselt auf Zora, aus der Dunkelheit heraus dringt Lötschs Stimme: Mein Glück kommt auf leisen Pfoten, hört gut und ist schwarz wie Pech.

Eine Zusammenarbeit wie die mit Nikolaus Kramer hatte Zora nicht gekannt. Andere Regisseure waren zur Premiere hin immer unsicherer und hektischer geworden, manche hatten sogar im letzten Moment ihr ganzes Konzept infrage gestellt und dann Tag und Nacht geprobt, um das Stück doch noch irgendwie auf die Bühne zu bekommen. Kramer hingegen war, je näher die Premiere rückte, immer ruhiger geworden. Und als er zufrieden war, hatte er die Proben beendet und Zora und ihrem Kollegen die fünf Tage bis zur Premiere freigegeben.

Zora war mittlerweile aufgestanden und ging hinter ihrem Schreibtisch auf und ab. Wer genau hinsah, merkte, dass sie das Diktaphon nicht mehr hielt, sondern sich festhielt an ihm:

Lötsch erzählt, dass er sich gerne an Orten mit Aussicht aufhält, weil er gerne hoch über oder weit weg von allem ist. Weil er es möge, so Lötsch weiter, wenn zwischen ihm und den Dingen Luft ist.

Und dann fiel ihr Lötsch aus dem Dunkel ins Wort:

Leider ist nicht immer Verlass auf diese Zwischenluft. Dann kommen die Dinge auf mich zu und immer näher und es gibt viel zu viel Welt auf einmal.

Lötschs Stimme machte den Raum eng, rückte näher wie die Dinge, und Zora ging dagegen an:

Die Gedanken, erklärt Lötsch, schauen nur noch kurz vorbei in seinem Kopf, bleiben aber nicht mehr.

Der Spot sprang zurück auf Lötsch, der mit unbewegter Miene dasaß. Seine zunehmend manischer werdende Stimme kam jetzt vom Band. Er nickte zu dem, was er sich sagen hörte. Langsam, als wäre er ein anderer.

Meine Gedanken laufen in alle Richtungen auseinander. Als wären sie auf der Flucht. Ich weiß aber nicht, wovor sie Angst haben. Vielleicht sind sie aber auch auf der Suche nach etwas. Aber was, aber was, aber was? Keine Ahnung. Weiß nicht. Nur weiter. Und weg.

Die Spannung zwischen dem lethargisch dasitzenden Lötsch und seiner sich überschlagenden Stimme war kaum auszuhalten. Die knisterte. Sprühte Funken. Stellte Haare auf. Und dann ging das Licht gleichzeitig mit Lötschs Anfall an, und das gesamte Publikum war offener Mund, große Augen, angehaltener Atem und Hände, die sich um Armlehnen krampften. Sekunden brauchten die Zuschauer, um zu sich zurückzufinden, dann brach der Applaus aus wie eine Explosion. Als wäre das Klatschen nicht Lob, das sein konnte, sondern Befreiung, die sein musste. Das Publikum schüttelte seine Gänsehaut ab, und Zora wusste zum ersten Mal, was Theater ist.

Treffen an der Borderline, betitelte das Tagblatt seinen Premierenbericht, den Fred am nächsten Morgen Zora entgegenhielt, als sie im Bademantel in die Küche kam. Sie versuchte, ihm die Zeitung aus der Hand zu reißen, er zog sie aber rechtzeitig zurück.

»Setz dich«, sagte er, schenkte ihr Kaffee ein und las ihr den Artikel von vorne bis hinten vor, wobei er die besten Stellen wiederholte und dabei die Silben dehnte, bis die Worte nicht mehr konnten.

Die Sache mit Fred hatte für Zora zu Beginn nichts Dauerhaftes gehabt. Sie wusste nicht einmal, warum sie bei dem Fest zu ihm hinübergegangen war. Als hätte sie das an etwas erinnert oder neugierig gemacht, der Mann, der aussah, als würde er sich hinter der alten Kastanie vor der Welt verstecken. Stehen geblieben war sie bei ihm, weil seine Überheblichkeit sie gereizt hatte, ihm Kontra zu geben. Dass sie dann mit ihm mitgegangen war, hing aber mit diesem merkwürdigen Moment zusammen, nachdem sie ihm ihren Namen gesagt hatte. Irgendetwas war da in seinem Gesicht passiert. Plötzlich sah er sie mit anderen Augen an. Mit einem Blick, der ihr Größe verlieh und gleichzeitig unheimlich war. Seine Augen hatten etwas entdeckt, von dem sie nichts wusste, und ihr war klar, dass sie diesen Mann nicht früher gehen lassen konnte, bevor sie nicht herausgefunden hatte, was das war.

Zora Gast legt ihre Psychiaterin unaufgeregt an, aber gerade dieser emotionale Minimalismus gibt der Figur eine eisige Intensität. Wirklich ungewöhnlich ist aber das breite Repertoire an fast unmerklichen Gesten und feinen stimmlichen Nuancen, auf das Gast zurückgreifen kann und das sie auch an den richtigen Stellen einzusetzen weiß. Die Entdeckung neuer Talente gehört zu den schönsten Momenten eines Theaterkritikers. Gestern Abend war so einer.

Zora fiel Fred zusammen mit der Zeitung und einem lauten Rascheln in die Arme. Sie verkroch sich in seinen Hals, und er legte die Wange auf ihre Stirn, den Mund ganz nah an ihrem Ohr und flüsterte: »Sag mir deinen Namen.« »Zora Gast«, sagte sie, genau wie sonst auch, wenn sie sich vorstellte, und Fred wiederholte ihren Namen, aber langsamer und getragener, und dann noch einmal und immer wieder, und er hörte nicht mehr auf damit, bis ihr Name sich anhörte, als würde ein mächtiger Magier einen Zauberspruch murmeln.

Unter Palmen

»Als wären sie Außerirdische.«

Sein schneeweißer Bart wucherte so dicht, dass, selbst wenn er sprach, nichts von seinem Mund zu sehen war. Alf hatte schon viel von Martin Walls gehört und gelesen – wer nicht, der sich mit Kraken beschäftigte? – und sich immer gewünscht, einen seiner legendären Vorträge zu besuchen. Walls galt als die Koryphäe, was Kraken betraf. Er war Brite, 80 Jahre alt – das hatte er zu Beginn seines Vortrags erwähnt, als er einen Witz über sein hohes Alter gemacht hatte – und trug einen Cowboyhut.

Alfs Sitznachbar stieß ihn an und fragte ihn in gebrochenem Englisch, was Walls gerade gesagt habe. »Dass das Genom der Kraken im Vergleich zu dem anderer Wirbelloser völlig durcheinander ist«, flüsterte Alf, »so, als hätte man es in einen Mixer gesteckt. Und dass es deshalb auch keine genetische Verwandtschaft mit irgendwelchen anderen Tieren gibt. Als wären Kraken Außerirdische.«

»Tenks«, sagte der Italiener.

»Non c’è di che!«, flüsterte Alf dem kleinen, schlanken Mann mit der eleganten schwarzen Brille zu. Alf und Paolo kannten sich seit dem Studium. Damals war Alf über ein Stipendium nach Neapel gekommen. Er hatte geplant, ein Semester am Ozeanischen Institut der Universitá Federico II. zu bleiben, geworden waren es schließlich zwei Jahre. Zum ersten Mal liefen sich Alf und Paolo in der Vorlesung von Rachel Caldwell über den Weg, und die war es auch, die ihr Interesse für Kraken weckte. Caldwell hatte erzählt, dass Kraken neben ihrem zentralen Gehirn noch voneinander unabhängige Untergehirne in jedem ihrer acht Fangarme besaßen.

»Wenn der Krake schwimmt, arbeiten die Arme perfekt zusammen, und wir versuchen herauszufinden, wie die Kommunikation zwischen diesen Untergehirnen abläuft«, hatte Caldwell gesagt. Dann hatte sie eine Pause gemacht, einen tiefen Atemzug lang und mit schmalen Augen Alf, Paolo und die anderen Studenten, einen nach dem anderen angesehen, als prüfe sie, ob sie ihnen vertrauen konnte.

»Was mich noch mehr interessiert«, sagte Caldwell dann, »ist aber die Frage: Gibt es Momente, in der sich die Arme übereinander wundern und der Krake sich selbst eine Überraschung ist?«

Alf und Paolo verstanden sich auf Anhieb, so wie sich Menschen mögen, die ein Interesse teilen. Und sie blieben auch, nachdem Alf Neapel wieder verlassen hatte, in engem Kontakt. Sie besuchten einander abwechselnd und reichten auch mehrmals gemeinsame Forschungsprojekte ein, die zweimal tatsächlich bewilligt wurden. Einmal verbrachten sie sechs Wochen in der indonesischen Celebessee, wo sie den Coconut Octopus beobachteten, und einmal acht Wochen im israelischen Eilat, wo sie Verhaltensexperimente mit den Männchen des Weißgefleckten Oktopus durchführten.

Nach dem Vortrag gingen Alf und Paolo zu Martin Walls und ließen sich ihre völlig zerlesenen Exemplare von Acht Arme für ein Halleluja signieren, das mittlerweile 25 Jahre alte Standardwerk über Kraken. Danach verließen sie das in die Jahre gekommene neoklassizistische Gebäude der Stazione Zoologica Anton Dohrn. Paolos Wohnung lag in Chiaia, keinen Kilometer entfernt, und sie machten sich zu Fuß auf den Heimweg. Unterwegs kehrten sie noch in einer Bar ein, tranken, an die Theke gelehnt, einen Campari Soda und kauften anschließend in einem Alimentari fürs Abendessen ein.

Paolo lebte seit seiner Studentenzeit in derselben Wohnung. Damals in einer WG, mittlerweile waren aber alle Mitbewohner ausgezogen und er hatte die drei Zimmer für sich allein. Von der alten Einrichtung hatte Paolo nur den großen Küchentisch behalten, ein altes Familienerbstück, an dem er mit Vorliebe kochte oder arbeitete. Beim Kochen mochte er es, wenn die aufgeschlagenen Bücher herumlagen, und beim Lesen, wenn es nach Knoblauch und Basilikum roch.

Als sie beim Essen saßen, leuchtete das Display von Alfs Smartphone auf. Er schmunzelte beim Lesen der eingegangenen SMS und tippte dann eine lange Antwort.

»Wem schreibst du?«

»Einer früheren Klassenkollegin«, sagte Alf. »Wir sind uns vor ein paar Tagen zufällig über den Weg gelaufen.«

Nach dem Essen räumten sie den Tisch ab und holten ihre Aufzeichnungen und Laptops. Seit gut zwei Jahren führten sie unabhängig voneinander ihre Experimente durch, verglichen regelmäßig ihre Ergebnisse und schrieben an einem wissenschaftlichen Artikel, der nur langsam länger, dafür aber immer spannender wurde. Es ging noch immer um Caldwell und ihren letzten Satz über den von sich selbst überraschten Tintenfisch. Beide hatten sie ihre Versuchstiere mit verschiedenen Reizen konfrontiert. Mit Nahrung, Bedrohung, grellen Farben oder Gegenständen, die das Interesse des Kraken wecken könnten. Mit dem gleichen Reiz hatten sie nacheinander jeden der acht Arme konfrontiert und beobachtet, ob sich das Tier unterschiedlich verhielt.

Sie saßen einander gegenüber, ihre Gesichter ins bläuliche Licht ihrer Displays getaucht, und diskutierten Ergebnisse und Formulierungen, Einschätzungen und Schlussfolgerungen. Als sie vielleicht eine Stunde später nach einem besonders langem Hin und Her einen Satz in ihre Computer getippt hatten, nickten sie einander mit einem schmalen Grinsen zu, schoben die Laptops zur Seite und liebten sich mitten auf den aufgeschlagenen Unterlagen. Viele ihrer Fachbücher konnten sie gar nicht mehr zur Hand nehmen, ohne an die eine und andere leidenschaftliche Vögelei zu denken, die Verquickung von Wissenschaft und Lust, von ihren Kraken und ihrer Leidenschaft, war so eng, dass sie sich schon lange nicht mehr das eine ohne das andere vorstellen konnten. Ihre Forschung auf andere Tierarten zu lenken, war für sie so undenkbar wie sich zu trennen.

Zwiebelschneiden

»Jens!«

Jolanda starrt mich völlig entgeistert an, und ich bin auch erschrocken über das, was ich gerade zu Lara gesagt habe. Aber das kann ich natürlich nicht zugeben. Also fahre ich Jolanda auch noch an. Manchmal gibt es einfach kein Zurück mehr, da will man die Wörter, die einem hochkommen, eigentlich schlucken – und was tut man, man schreit sie noch umso lauter heraus.

»Kleine Verräterin«, fahre ich sie an, dass sie heulend in ihr Zimmer abrauscht. Und jetzt stehe ich da, allein im leeren Flur und bin wie eingefroren von dem Schreck über mich selbst, und die eigene Stimme pocht mir wie ein Echo, das nicht leiser werden will, in den Ohren.

»Komm!«

Endlich ein Wort in meinem Kopf, das nicht von mir ist. Ich schaue mich um, wem das Komm gehört, und da steht die neue Putzfrau von Papa und Lara in der Küchentür.

»Was ist?«, frage ich und kann nicht verhindern, dass meine Stimme noch einmal aufflackert. Wie wenn der Wind in eine Flamme fährt. Obwohl sie mich gehört haben muss, sagt sie nichts, sondern schlurft zurück in die Küche in ihrem Kleid, das wie ein Vorhang aussieht, also nichts, was man von morgens bis abends an sich herunterhängen haben will.

Mir einfach keine Antwort geben, geht eigentlich gar nicht, denke ich, und folge ihr nur deshalb, weil ich ihr das auch sagen will, doch da dreht sie sich um, und ich schwöre, dieser Blick von ihr, so etwas habe ich noch nicht erlebt. Wie ein Alien im Kino, der einen einfriert mit seinem Starren. Als hätten ihre Augen Finger, die mich festhalten.

»Du bist traurig«, sagt sie und schaut dabei direkt in meinen Kopf. So fühlt es sich zumindest an, und ich spüre, wie mir die Tränen in die Augen steigen.

»Hilf mir, die Zwiebeln zu schneiden«, sagt sie, und für gewöhnlich setze ich keinen Fuß in die Küche, außer um etwas zu essen, aber die Zwiebeln sind einfach die einzige Ausrede, falls ich hier wirklich gleich losheule.

Sie hat schon alles vorbereitet. Zwei Schneidbretter liegen auf dem Tisch mit zwei Messern und dahinter das Netz mit den Zwiebeln. Nur um etwas zu sagen, will ich sie fragen, was wir eigentlich kochen, bekomme aber kein Wort heraus. Die Kehle ist zu, ich greife schnell nach dem Messer und schneide einfach mitten hinein in die erstbeste Zwiebel. Als ich das Brennen in den Augen spüre, ist das wie die Erlösung, und es bricht aus mir heraus. Wasserfälle aus Rotz und Tränen, und diese Martha, die mir mit einem riesengroßen Taschentuch ins Gesicht fährt. Mich schnäuzen wie ein Kleinkind, geht eigentlich gar nicht, aber das fühlt sich so gut an, dass ich es einfach geschehen lasse. Ich bin verschwunden hinter dem Riesenfetzen und will, so lange es geht, unsichtbar bleiben. Als sie das Taschentuch wieder wegnimmt, sehe ich, die heult genauso wie ich – und da heult es sich dann noch leichter. Das ist wie mit dem Lachen. Wenn sie in den Fernsehserien das Gelächter des Publikums einblenden, lacht man mit, egal ob man die Szene gerade komisch findet oder nicht. Wir nehmen die Messer in die Hand, und ohne dass einer von uns auch nur ein Wort sagt, heulen wir den ganzen Zwiebelberg weg.

»Deine Schwester könnte uns auch helfen«, sagt Martha und holt einen Sack Kartoffeln aus dem Küchenkasten. Ich lege das Messer hin und gehe zu Jolandas Zimmer. Leise drücke ich die Klinke herunter. Jolanda sitzt auf ihrem Bett. Sie hat rote Augen, heult aber nicht mehr, sondern starrt aus dem Fenster. Das soll also die Welt sein, sagt ihr Blick, und auch wenn ich nicht allein Schuld habe an ihrem Unglück, gehoben habe ich ihre Stimmung sicher nicht.

»Sorry«, sage ich und wundere mich, wie leicht mir das fällt. Noch vor einer Stunde hätte ich mir lieber die Zunge abgebissen als mich bei meiner kleinen Schwester zu entschuldigen. Sie ist genauso überrascht und schaut mich an wie einen Fremden. Ich lächle als Zeichen, dass ich es ernst meine, und da springt sie mir in die Arme, so plötzlich und mit so einem Schwung, dass ich nach hinten kippe, und dann kugeln wir über den Boden und halten uns einfach nur, und als wir uns so drehen und festhalten dabei, ist es auf einmal, als würde die Welt endlich auch wieder beginnen, sich zu drehen und die ganze Kacke der letzten Zeit, ganz langsam zwar, aber doch, hinter dem Horizont verschwinden. Wir schauen uns an, und ich merke an ihren Augen, dass es ihr genauso geht wie mir. Dann stehen wir auf, und ich ziehe sie hinter mir her zu Martha in die Küche.

Die Kartoffeln liegen da, zusammen mit zwei Schälern. Ich will mich gerade mit Jolanda ans Werk machen, da deutet Martha zum anderen Ende des Tisches, wo mein Handy liegt. Ich gehe hinüber und schaue auf das Display und keine Ahnung, warum sich Martha auch mit Handys auskennt, auf jeden Fall hat sie Laras Nummer eingegeben, und darunter blinkt der Cursor und wartet ungeduldig auf mein SMS.

Was schreibt man einer Frau, die man gerade »Schlampe« genannt hat? Warum gibt es auch diese verdammten kurzen Schimpfwörter, die einem so leicht über die Lippen gehen? »Prostituierte« heißt genau das Gleiche, das hätte ich aber nie zu ihr gesagt.

Eigentlich weiß ich gar nichts über Lara. Wenn Papa anfangen will, über sie zu erzählen, rausche ich sofort ab. Was will man auch wissen über eine, die unsere Familie zerstört hat?

»Schlampe« ging trotzdem nicht. Schon allein, weil das aus Papa einen … lassen wir das. Liebe Lara! Ist nicht sehr kreativ, aber ein Anfang. Sie hat auch gar keinen schlechten Musikgeschmack. Besser als Papa jedenfalls. Als sie uns heute abgeholt haben, waren sich die beiden nicht einig, welchen Sender sie hören wollen. Wie gewöhnlich liefen Papas zum Abwinken langweilige Songwriter, aber Lara hat einfach weitergedrückt, bis wir bei einer wirklich coolen Hip-Hop-Nummer gelandet sind. Und dann hat sie mitgeshaked vorne am Beifahrersitz, aber nicht so peinlich wie Erwachsene, die auf jugendlich machen wollen, sondern echt locker. Trotzdem habe ich zu Papa gehalten und mich vorgebeugt und zurückgedrückt zu den vollbärtigen Schnarchnasen mit ihren Westerngitarren.

Scheiße, was soll ich schreiben! Sorry ist zu wenig, von Sorry geht Schlampe nicht weg. Das ist, wie wenn man versucht, mit einem Radiergummi Kugelschreibertinte wegzubekommen. Die bleibt. Da reißt eher die Seite ein. Ich war vorher einfach nicht bei mir. Vielleicht schreib ich das einfach so. Liebe Lara! Ich war vorher nicht ganz bei mir. Hört sich scheiße an! Den Daumen auf die Löschtaste. Friss, Cursor, friss! Martha schaut nicht her. Die tuschelt mit Jolanda. Die beiden wüssten jetzt, was schreiben. Scheiße, wenn das ein Krach mit einem meiner Freunde wäre, würde ich einfach ein paar Emojis runterdrücken. Da gibt es so einen Heuler, dem die Tränen waagrecht aus den Augen schießen. Der bringt’s. Da ist alles drin, tut mir leid genauso wie war nur ein Scherz, damit das Ganze nicht so verjammert klingt. Verdammt, ohne diese blöden Emojis bin ich völlig aufgeschmissen. Sind doch praktisch. Einfach die richtige Fresse anklicken, und schon spart man sich eine Menge Herumgesülze. Ein Emoji sagt mehr als tausend Worte. Dafür gibt es sie ja.

Ich schaue zu Martha, die gerade einen Riesenblock Fleisch bearbeitet. Sie schneidet und schneidet und plötzlich zwinkert sie mir komplizenhaft zu, so als wäre der Fleischblock mein Problem und sie dabei, mein Problem kleinzukriegen. Auf einmal ist alles ganz einfach, mit jedem Stück, das Martha absäbelt, tippe ich ein Wort und als der Fleischblock weg ist, drücke ich auf Senden.

Dann brät sie die Zwiebeln an. Das riecht vielleicht gut. Lara hat das SMS vor zehn Minuten bekommen und noch nicht geantwortet. Scheiße, die ist noch immer sauer. Schlampe war einfach too much. Ist zwar ein kurzes Wort, hat aber eine Haltbarkeit wie eine verfickte Konservendose.

»Hi!«

Plötzlich steht Lara in der Tür. Weil die Zwiebeln so laut im Topf zischen, habe ich sie gar nicht gehört. Lara hat auch geheult, ich sehe es an ihren Augen. Ärger entdecke ich aber keinen, allerdings auch kein Ich-hab-dir-verziehen-und-alles-ist-gut-Lächeln wie in den Kinderserien kurz vor dem Abspann. Lara deutet stumm mit dem Kopf Richtung Wohnzimmer, und ich folge ihr. Sie setzt sich auf die Couch, und ich setze mich neben sie, aber mit Sicherheitsabstand. Eine Berührung wäre mir aber zu viel, nur nicht jetzt auf Mutter spielen. Sie scheint das zu kapieren und versucht gar nicht, zu mir herüberzugreifen. »Als du mir heute im Auto den Hip-Hop abgedreht hast und auf die sterbenslangweiligen Gitarrenfuzzis zurückgegangen bist«, sagt Lara, »da sind wir doch kurz bei dem Oldie-Sender hängen geblieben, wo sie diese furchtbare Kitsch-Nummer gespielt haben. Things can only get better. Ein Scheiß-Song, und ich kenne zum Glück nicht einmal die Band, aber als Motto für uns beide ist der Titel vielleicht gar nicht so schlecht.«

Papa kann es nicht glauben, als er nach Hause kommt und uns zusammen in der Küche findet. Nicht nur, dass ich mich freiwillig mit Lara im selben Raum aufhalte, wir reden auch normal miteinander. Papa steht mit offenem Mund in der Tür, und man spürt richtig, wie gut ihm das tut, uns so zu sehen. Lara wird Papa auch nichts von der Schlampe erzählen. Das hat sie mir versprochen, noch bevor ich sie darum bitten konnte.

Beim Essen sitzen wir zum ersten Mal alle beisammen. Papa und Lara haben auch darauf bestanden, dass Martha dableibt. Sie strahlen sie an, als wäre sie eine Heilige. Ist sie ja auch. Obwohl … Heilige …, ich weiß nicht, dafür ist sie mir fast zu unheimlich. Eher so etwas wie eine gute Hexe. Martha hat früher bei Flo gearbeitet, Papas bestem Freund, da muss aber vor kurzem etwas gewesen sein, anscheinend kommen sie gerade darauf zu sprechen.

»Wie ist das mit dem Schiff passiert, Martha?«, fragt Lara.

»Was?« Martha schaut, als hätte sie keinen Dunst, worum es geht.

»Das Schiff«, sagt Lara, »das Ihnen auf den Boden gefallen ist.«

»Mir ist kein Schiff runtergefallen«, sagt Martha.

»Warum haben Flo und Dio Ihnen dann gekündigt?«, fragt Papa.

Und da erzählt Martha, dass Dio gesagt hätte, es wäre wegen der Schwarzanstellung und dass sie Angst hätten deswegen und jetzt offiziell eine Reinigungsfirma engagieren würden. Für mich klingt das nicht weiter seltsam, aber Papa und Lara sehen sich an, als würden sie die Welt nicht verstehen.

Gastauftritt im Bademantel

Als sie lange nach Mitternacht auf dem kleinen Balkon ihrer Wohnung saß und in den Hinterhof mit ihrem rostigen Fahrrad hinuntersah, dachte Zora Gast, wie seltsam, dass sie in den letzten zwei Wochen auch nichts anderes getan hatte als die Jahre davor und doch alles anders geworden war. Ein großes Theater wollte sie engagieren, nicht nur für ein Stück, sondern als fixes Ensemblemitglied, eine Agentur wollte sie unter Vertrag nehmen, und vor zwanzig Minuten war sie von einer Lesung heimgekommen, die ihr mehr eingebracht hatte als früher ein ganzer Monat Kellertheaterspielen.

Fred tauchte mit einer Flasche Rotwein und zwei Gläsern hinter ihr auf. Er schenkte ein und sie stießen an.

»Auf Zora Gast«, sagte er und nahm einen langen Schluck, und sie sah ihm zu, wie er da war und doch wieder nicht.

»Du warst gut heute Abend, Zora Gast, wirklich gut«, sagte Fred. Obwohl sie ihn schon oft gebeten hatte, sie nicht dauernd bei ihrem vollen Namen zu nennen, hörte er nicht auf damit. »Sei doch stolz auf deinen Namen«, hatte er einmal gesagt und sie danach lange und mit geschlossenen Augen geküsst, und während dieses Kusses war Zora eifersüchtig geworden, ohne sagen zu können warum.

Was sicher stimmte: Der Erfolg war genau zu dem Zeitpunkt gekommen, als sie Fred kennengelernt und er mit diesem seltsamen Namensspiel begonnen hatte.

Zoras Lesung war die Mitternachtsüberraschung auf einer privaten Geburtstagsfeier gewesen. Der alleinige Erbe einer großen Bierbrauerei, Ernst Münch, hatte mit Begeisterung eine Aufführung von Der Tag beginnt um Mitternacht gesehen und seine Frau hatte daraufhin ohne sein Wissen Zora für den Abend gebucht. Die Feier hatte in Münchs Penthouse stattgefunden, einer Dachgeschosswohnung mitten im Zentrum, mit Panoramascheiben auf die mächtige romanische Kuppel des benachbarten Doms.

»Du hast dir nach deinem Auftritt die Nase am Fenster platt gedrückt«, sagte Fred.

»Ich mag alte Kirchen.«

»Schau an. Zora Gast findet über ihren Erfolg zum Glauben«, ätzte Fred, und Zora stieß ihn an, dass ihm das Glas überschwappte und er sich nach vorn beugen musste, damit seine Hosen keinen Fleck abbekamen.

»Hey«, sagte Fred, stellte das Glas ab und schüttelte den Wein von seiner Hand.

»Man spürt einfach«, redete Zora an seiner tröpfelnden Beschwerde vorbei, »dass die nicht nur für Geld geschuftet haben, sondern dass es denen um alles gegangen ist.«

»Zora Gast – Es ging ihr um alles«, deklamierte Fred Leuchtbuchstaben in den Himmel über dem Hinterhof, ein Zirkusdirektor, der seine größte Attraktion ankündigte.

»So könntest du eigentlich deine Memoiren nennen«, fügte er hinzu und hielt ihr sein Glas hin.

»Jetzt lebe ich meine Memoiren erst einmal«, sagte Zora und trank, ohne mit ihm anzustoßen.

Als Zora aufwachte, war das Bett neben ihr leer und aus der Küche roch es nach Kaffee. Sie griff zu ihrem Handy. Gleich zehn Uhr und fünf Anrufe in Abwesenheit, drei der Anrufer hatten eine Nachricht hinterlassen. Zora wählte die Nummer der Sprachbox, ließ sich zurück auf ihr Polster sinken und hörte mit Blick an die Decke die Nachrichten ab. Das Theater wollte wissen, ob sie sich schon entschieden hätte, man würde sie nämlich gern gleich in der nächsten Premiere einsetzen. Der Intendant eines kleinen Theaters, an dem sie einmal ein halbes Jahr lang für nicht einmal einen Hungerlohn gespielt hatte, gratulierte ihr zu ihrem Erfolg, aber mit einer Stimme, als hätte sie den Erfolg ihm zu verdanken. »Melde dich mal, ich hätte da eine interessante Sache für dich«, sagte die Stimme mit klebriger Gönnerhaftigkeit, und Zora merkte, wie wenig sie den Mann mochte und wie froh sie war, seine Nachricht bedenkenlos löschen zu können. Der dritte Anrufer war der Mitarbeiter eines Hörbuchverlags, der wissen wollte, ob sie Zeit hätte, einen Roman einzulesen.

Zora schlüpfte in ihren Bademantel und ging in die Küche. Hier roch es außer nach frischem Kaffee auch nach Toast, und auf dem gedeckten Tisch standen ein Teller mit Käse, Weintrauben und Walnüssen und ein anderer mit Prosciutto, Salami und Oliven.

»Wow«, sagte Zora und drückte sich an Fred, der am Herd stand.

»Ein Ei?«, fragte er, und Zora nickte, den Kopf an seinem Rücken, sodass er das Nicken spüren konnte. Dann vibrierte das Smartphone in ihrer Bademanteltasche und Zora setzte sich an den Tisch, sah kurz auf das Display und drückte den Anrufer weg.

»Wenn das so weitergeht, nehme ich mir wirklich einen Agenten.«

Das Wasser begann mit diesem sich leise anschleichenden Insektensirren zu sieden. Fred nahm das Glas Orangensaft, das neben der Herdplatte stand, und drehte sich zu Zora.

»Ich könnte das übernehmen«, sagte er.

»Du?«

Zora sah ihn erstaunt an.

»Warum nicht?«

»Du bist Computerexperte«, sagte Zora.

»Ich kenne mich mit Netzwerken aus. Ich kann den Überblick bewahren. Überleg es dir«, sagte er.

»Ich weiß nicht«, sagte Zora.

Sie hatte gestern Abend länger mit der Frau gesprochen, die das Fest für Münch organisiert und auch sie engagiert hatte. Sie war ihr gleich am Telefon sympathisch gewesen. Ein Eindruck, der sich bestätigte, als sie ihr tatsächlich gegenüberstand. Kristine Matthis war eine, die wusste, was sie wollte, und gleichzeitig keine, die sich ihren Weg mit Ellbogen zu bahnen schien. Erfolg ja, aber nicht um jeden Preis. Entschlossen, aber nicht kalt. Gewitzt, aber nicht hinterhältig. So eine wie sie stellte sich Zora vor.

»Ich will eine Frau als Agentin«, sagte sie.

»Du machst einen Fehler.«

Fred hörte sich an, als würde er die Sache persönlich nehmen. Er sah Zora mit einem Blick an, der gleichzeitig Angst hatte und Angst machte.

»Lass es dir einfach noch einmal durch den Kopf gehen, Zora Gast, mehr will ich nicht, nur dass du dir die Sache gut überlegst. Ich bin das Beste für dich, weil ich an dich glaube, Zora Gast, so wie noch nie jemand an dich geglaubt hat, und weil ich weiß, wer du bist, wie es sonst keiner weiß.«

Die gelbe Gießkanne

Walt steht vor dem Geschäft seiner Schwester und tut, als sähe er sich das Schaufenster an. Tatsächlich schielt er immer wieder ins Ladeninnere und versucht, Raul zu entdecken. Was er aus Karoline über ihren Neuen herausbringen konnte, hat ihn neugierig gemacht: Gitarre, Übersee, Earl Darkgrey. Wenn nicht gut gelebt, dann zumindest gut erfunden. Jedenfalls nicht unsympathisch und vielleicht gar nicht so weit weg von seiner eigenen gloriosen Vita, denn Walt kommt als Künstler nur über die Runden, weil er an Volkshochschulen Zeichenkurse gibt. Bedenken hat Walt, weil seine Schwester bei der Auswahl ihrer Freunde nicht unbedingt das besitzt, was man ein sicheres Händchen nennt. Der vorletzte hat sie so offensichtlich ausgenutzt, dass Walt jedes Mal, wenn er sie gemeinsam gesehen hat, die Wände hinaufgegangen ist und danach den ganzen Heimweg gebraucht hat, um die Wände wieder herunterzukommen. Und was sie an dem letzten, diesem knapp am Wahnsinn vorbeischrammenden Nerd gefunden hat, ist ihm bis heute ein Rätsel. Zum Glück hat sich der rückstandlos aus dem Staub gemacht. Ist sang- und klanglos mit dem Sommer und dem Sommerfest verschwunden. Walt hat ihn beobachtet, wie er mit der anderen abgerauscht ist, und nichts gesagt. Eine tiefe innere Überzeugung hat seinem schlechten Gewissen den Mund zugehalten – und gut ist es gewesen. In Sachen Beziehung macht es durchaus Sinn, wenn Walt ein Auge auf seine Schwester hat. Besonders, weil Raul gleich bei ihr eingezogen ist. Das riecht nicht nur mit dem Wind nach Schmarotzer. Schaden tut es jedenfalls nicht, nach dem Rechten zu sehen, und deshalb steht Walt vor dem Laden seiner Schwester, lehnt am Schaufenster, die Hände links und rechts vom Gesicht, weil die Sonne herausgekommen ist und die Scheibe so spiegelt – der Spion, der seine Schwester liebte. Da taucht Raul auf, extrem plötzlich und unglaublich nah, und Walt rückt schnell weg von der Scheibe, schaut hinunter auf Schreibheft, Buntpapier und Block und spürt, wie Rauls Blick ihn an die Leine nimmt. Hebt er eben den Kopf und wundert sich gleich darauf, weil nicht nur über Rauls Gesicht vom einen Ohr zum anderen ein Grinsen zieht, sondern auch, weil Raul ihn gleich darauf hereinwinkt.

»Definitiv anders als die anderen«, denkt Walt, mehr Denken geht sich nicht aus während der fünf Schritte hinein.

»Walt«, sagt Raul, und da schwingt wenig, ja eigentlich gar keine Frage mit.

»Sehe ich meiner Schwester so ähnlich?«, fragt Walt und hält Rauls Hand, statt sie zu schütteln. Wie der Punkt unter seinem Fragezeichen stehen die Hände in der Luft.

»Karolines Kühlschrank.«

Walts Augen sagen mit Großbuchstaben: »JA, KLAR!«, denn Karoline hat ihre Kühlschranktür mit Fotos zugepflastert. Kindheit, Eltern, Reisen, und eben auch Walt. Das Mosaik ihres Lebens.

»Mitgekocht wird immer auch ein Happen Früher«, sagt Karoline zu jedem, der sie auf ihre Kühlschranktür anspricht, zurechtgelegt die Worte, fraglos, aber immer hingeschmunzelt, sodass das Zurechtgelegte nicht weiter stört.

»Sich beim Essen ein wenig über den Tellerrand hinaus erinnern«, hat sie auch einmal zu Raul gesagt, und sein Blick ist gewandert und hat die schon lange verstorbene Mutter kennengelernt, hat von Karolines erstem Rausch auf ihrer Maturareise erfahren oder von ihrer Reise an den Polarkreis.

»Das Foto von euch beiden im Schnee«, sagt Raul, »auf dem ihr die bunten Strickhauben tragt, die Nasen rot von der Kälte, und Wange an Wange wie aneinander festgefroren in die Kamera lacht.«

»Norwegen vor drei Jahren«, sagt Walt, und Raul nickt, als wäre er dabei gewesen.

»Eigentlich sind wir damals aus Verzweiflung losgefahren, andere flüchten in den Süden, wir in den hohen Norden. Karolines Geschäft ist überhaupt nicht gegangen und ich bin nicht zum ersten Mal von einer Galerie abgelehnt worden. Wir hocken also zusammen bei mir im Atelier, schon lange nicht mehr nüchtern, und da sagt sie auf einmal, ›jetzt heißt es kühlen Kopf bewahren‹, und am nächsten Tag steht sie mit zwei Flugtickets nach Oslo da.«

»Und von dort seid ihr wirklich per Anhalter weitergefahren?«

»War natürlich eine völlig durchgeknallte Idee, sich bei der Kälte am Straßenrand die Beine in den Bauch zu stehen. Aber unser Geld hat nicht gereicht, und Karoline hat keine Ruhe gegeben, bevor wir nicht wirklich am Polarkreis waren. Auf dem Foto stehen wir genau drauf. Beide mit beiden Beinen.«

»Karoline schwärmt von der Reise.«

»Kein Wunder«, sagt Walt, »danach lief bei ihr alles wie geschmiert. Plötzlich kamen die Kunden, und sie konnte gut leben von ihrem Laden. Bei mir hat der Polarkreis dagegen nicht gewirkt, ich hätte wahrscheinlich zum Wendekreis fahren müssen.«

»In zwanzig Minuten ist es sechs. Dann schließe ich den Laden«, sagt Raul. »Wir könnten uns in den Hof setzen.«

Walt geht zu Getränke Hoffmann, während Raul die Tagesabrechnung macht. Und um sechs Uhr eins sitzen sie mit dem Wein aus dem Wochenangebot unter der alten Kastanie, zwischen ihnen ein leerer Papierkarton, den Raul hochkant als Tisch aufgestellt hat.

»Du bist wirklich wegen Joni Mitchell nach Amerika gegangen?«

»Ich war Anfang zwanzig, wollte Songs schreiben wie sie und bildete mir ein, das ginge nur dort, wo sie ihre Songs schrieb. Dass ihre besten Sachen ausgerechnet während ihrer Zeit in Europa entstanden sind, wusste ich damals noch nicht.«

»Aber getroffen hast du sie auch einmal, hat Karoline erzählt.«

»Ich bin einmal neben ihr im Supermarkt gestanden«, sagt Raul und streckt den Arm aus, um anzuzeigen, wie nah er Joni Mitchell damals gekommen ist.

»Wie das?«, fragt Walt, und Raul erzählt, wie er durch einen befreundeten Musiker Mitchells Adresse herausgefunden hat.

»Ich war natürlich viel zu feig, um anzuläuten und habe einfach vor ihrem Haus gewartet. Irgendwann am späten Nachmittag ist sie tatsächlich herausgekommen, in ihren Wagen gestiegen und weggefahren. Ich bin ihr hinterher, eben bis zu diesem Supermarkt. Sie hat Bananen gekauft und Sojamilch, und eine Dose Ananas hat sie aus dem Regal genommen, in der Hand gedreht und dann zurückgestellt, und die Dose habe ich bis heute.«

»Ich habe eine ausgedämpfte Zigarette von David Hockney. Von einer Vernissage in London«, sagt Walt und schenkt ihnen nach.

»Wir haben neues Papier«, sagt Raul. »Karoline meint, die Oberfläche sei ziemlich besonders. Vielleicht ist das was für dich.«

»Erzähl mir lieber noch was von Kalifornien«, sagt Walt.

»Wie du willst: Also Folge zwei in der Serie Raul meets the Proms«, sagt Raul und erzählt, wie er wochenlang durch die Gegend gefahren ist, auf der Suche nach der Hühnerfarm von Tom Waits.

»Jedem Hinweis bin ich gefolgt. Hundert Meilen in jede Himmelsrichtung.«

»Und?«

»Ich habe einen Song geschrieben über Tom Waits und seine Hühner und wie er sie füttert im Abendrot: Die hagere Silhouette mit dem kleinen Hut, das heisere Gegacker und seine noch heiseren Lockrufe und die fliegenden Körner im Gegenlicht.«

Walt schaut schräg nach oben, dorthin, wo er in seinem Kopf das weiße Blatt liegen hat, und malt es mit schnellen Strichen voll.

»Aber getroffen hast du ihn nie?«, fragt er dann.

»Nicht auf seiner Hühnerfarm. Ich war auf einem Konzert von ihm in einer kleinen Bar in San Francisco. Danach ist er mit einem anderen an einem Tisch gesessen, sein Manager, der Barbesitzer oder ein Journalist, jedenfalls hat er so unnahbar ausgesehen, kein Gedanke, zu ihm hinzugehen. Ich habe aber aus der Ferne beobachtet, wie er neben dem Reden auf einer Serviette herumgekritzelt hat. Und als er aufgestanden ist, hat er sie zerknüllt und in den Aschenbecher geworfen.«

»Die hast du?«

Rauls Haut prickelt, weil der kindliche Stolz sich ins Erwachsenengesicht drängt.

»Zuerst war ich enttäuscht, weil Waits alles überkritzelt hat. Dann habe ich die Serviette aber draußen vor der Bar gegen das Licht der Straßenlaterne gehalten.«

Raul hält sein Glas in den Himmel wie damals die Serviette von Tom Waits und kippt seinen Kopf nach links und rechts und wieder links, als versuche er etwas zu erkennen.

»Eine Eistüte«, sagt er schließlich und nimmt einen langen Schluck, »Tom Waits hat eine Eistüte und darunter mit verschnörkelten Buchstaben, so wie ein verliebter Teenager den Namen seiner ersten Freundin schreiben würde, Vanilla hingegriffelt.«

Walt lacht. Zuerst über Waits und Speiseeis, das Lachen trägt aber weiter, lacht über Gott und die Welt und dann, schon merklich leiser, über sich selbst.

»Was wollen wir eigentlich?«, fragt Walt mit zurückgelegtem Kopf in die Äste der Kastanie und die einfallende Dämmerung hinein, und Raul nickt, statt zu wissen. In diesem Moment kommt der alte Mann in den Hof, der Alte, der Raul schon mehrmals aufgefallen ist, der mit der gelben Gießkanne, derjenige, der jeden Morgen und Abend den Kastanienbaum gießt. Er tut, als wären Raul und Walt gar nicht da, und die beiden rücken zur Seite, damit sie dem Alten, unsichtbar wie sie sind, nicht im Weg sitzen. Der geht gezählte sieben Mal um die alte Kastanie und gießt den Stamm so hoch hinauf, wie er mit seinen schwachen Armen und der schweren Gießkanne kommt. Mit beiden Händen und ganzer Kraft stemmt er die Gießkanne in die Höhe, dass Raul und Walt die Luft anhalten.

Als Walt heimwankt, fühlt er sich leichter. Leichter um eine halbe Flasche schweren Weins und leichter um die Stunden, die er mit Raul unter der Kastanie gesessen hat. Leichter um das, was sie einander erzählt haben, und leichter um die Pausen zwischen ihren Sätzen. Leichter um den alten Mann und seine gelbe Gießkanne und leichter auch um die zehn Bögen Papier, die er dann doch noch mitgenommen hat. Das neue Papier, das sich wirklich besonders anfühlt zwischen Daumen und Zeigefinger.

Am nächsten Morgen liegt es auf seinem Zeichentisch. So leicht wie eine neue Idee und so schwer, weil er diese neue Idee nicht hat.

Бесплатный фрагмент закончился.

1 712,25 ₽
Возрастное ограничение:
18+
Объем:
301 стр. 3 иллюстрации
ISBN:
9783990650004
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги