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360° um die Welt
Wolfgang Machreich
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© 2020 | 360° medien | Marie-Curie-Straße 31 | 40822 Mettmann www.360grad-medien.de
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Redaktion und Lektorat: Laura Kersten
Satz und Layout: Serpil Sevim-Haase
Gedruckt und gebunden:
Himmer GmbH Druckerei & Verlag | Steinerne Furt 95 | 86167 Augsburg
www.himmer.de
Bildnachweis: Seite 434
ISBN: 9783948097813
Hergestellt in Deutschland
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Wolfgang Machreich
360° UM DIE WELT
Alle Länder von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang

Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Länder
Tuvalu
Republik Fidschi
Neuseeland
Republik Kiribati
Republik Marshallinseln
Republik Vanuatu
Republik Nauru
Föderierte Staaten Mikronesien
Salomonen
Australien
Unabhängiger Staat Papua-Neuguinea
Japan
Republik Palau
Republik Korea
Demokratische Republik Timor-Leste
Demokratische Volksrepublik Korea
Republik China (Taiwan)
Republik der Philippinen
Volksrepublik China
Sultanat Brunei Darussalam
Mongolischer Staat
Republik Indonesien
Sozialistische Republik Vietnam
Königreich Kambodscha
Republik Singapur
Demokratische Volksrepublik Laos
Malaysia
Königreich Thailand
Republik der Union Myanmar
Volksrepublik Bangladesch
Königreich Bhutan
Demokratische Bundesrepublik Nepal
Demokratische Sozialistische Republik Sri Lanka
Republik Indien
Kirgisische Republik
Republik Malediven
Islamische Republik Pakistan
Republik Kasachstan
Republik Usbekistan
Islamische Republik Afghanistan
Republik Tadschikistan
Sultanat Oman
Turkmenistan
Republik Mauritius
Republik Seychellen
Vereinigte Arabische Emirate
Staat Qatar
Islamische Republik Iran
Königreich Bahrain
Republik Aserbaidschan
Staat Kuwait
Republik Madagaskar
Republik Arzach
Königreich Saudi-Arabien
Bundesrepublik Somalia
Georgien
Republik Armenien
Republik Irak
Republik Jemen
Republik Somaliland
Südossetien
Union der Komoren
Republik Dschibuti
Abchasien
Staat Eritrea
Demokratische Bundesrepublik Äthiopien
Russische Föderation
Arabische Republik Syrien
Republik Kenia
Haschemitisches Königreich Jordanien
Vereinigte Republik Tansania
Libanesische Republik
Staat Israel
Staat Palästina
Republik Malawi
Türkische Republik Nordzypern
Republik Zypern
Republik Türkei
Republik Mosambik
Republik Uganda
Republik Sudan
Südsudan
Arabische Republik Ägypten
Königreich Swasiland
Republik Simbabwe
Ukraine
Republik Ruanda
Pridnestrowische Moldauische Republik / Transnistrien
Republik Burundi
Republik Moldau
Republik Sambia
Republik Südafrika
Königreich Lesotho
Republik Belarus
Rumänien
Republik Botswana
Republik Litauen
Republik Finnland
Republik Estland
Republik Lettland
Hellenische Republik
Republik Bulgarien
Republik Mazedonien
Republik Kosovo
Republik Polen
Republik Serbien
Republik Albanien
Montenegro
Land der Ungarn
Zentralafrikanische Republik
Bosnien und Herzegowina
Königreich Schweden
Slowakische Republik
Republik Namibia
Republik Österreich
Republik Kroatien
Demokratische Republik Kongo
Republik Kongo
Republik Tschad
Republik Tschechien
Republik Malta
Republik Slowenien
Bundesrepublik Deutschland
Republik Angola
Libyen
Königreich Dänemark
Italienische Republik
Staat der Vatikanstadt
Republik San Marino
Republik Kamerun
Königreich Norwegen
Tunesische Republik
Fürstentum Liechtenstein
Gabunische Republik
Republik Äquatorialguinea
Bundesrepublik Nigeria
Schweizerische Eidgenossenschaft
Fürstentum Monaco
Demokratische Republik São Tomé und Príncipe
Großherzogtum Luxemburg
Königreich Belgien
Niederlande
Demokratische Volksrepublik Algerien
Republik Benin
Französische Republik
Republik Niger
Fürstentum Andorra
Republik Togo
Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland
Republik Ghana
Burkina Faso
Königreich Spanien
Republik Côte d’Ivoire
Irland
Königreich Marokko
Republik Mali
Portugiesische Republik
Republik Liberia
Demokratische Arabische Republik Sahara
Republik Sierra Leone
Republik Guinea
Republik Guinea-Bissau
Islamische Republik Mauretanien
Republik Gambia
Republik Senegal
Island
Republik Cabo Verde
Föderative Republik Brasilien
Republik Suriname
Republik Östlich des Uruguay
Republik Paraguay
Barbados
Kooperative Republik Guyana
Argentinische Republik
St. Lucia
St. Vincent und die Grenadinen
Dominica
Republik Trinidad und Tobago
Antigua und Barbuda
Staat Grenada
Föderation St. Kitts und Nevis
Bolivarische Republik Venezuela
Republik Bolivien
Dominikanische Republik
Republik Chile
Republik Haiti
Republik Kolumbien
Kanada
Jamaika
Republik Peru
Vereinigte Staaten von Amerika
Commonwealth der Bahamas
Republik Ecuador
Republik Panama
Republik Kuba
Republik Costa Rica
Republik Nicaragua
Republik Honduras
Belize
Republik El Salvador
Republik Guatemala
Vereinigte Mexikanische Staaten
Cookinseln
Niue
Unabhängiger Staat Samoa
Königreich Tonga
Stichwortverzeichnis
Literaturverzeichnis
Nachwort und Dank

Vorwort

„Im Anfang war das Gewürz“, beginnt der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig seine Biografie über Ferdinand Magellan. Das Motto kann auch am Beginn der Weltreise dieses Buches stehen. Am 10. August 1519 lief die Flotte des ersten Weltumseglers von Sevilla aus. Getrieben von der Suche nach einem neuen Weg zu den Delikatessen des Orients, zu Pfeffer, Muskat, Ingwer oder Zimt, zu Moschus, Ambra, Weihrauch…
500 Jahre danach mache ich mich mit diesem Buch ebenfalls auf die Suche nach „especerias“, nach den Spezialitäten und Eigenheiten auf der ganzen und um die ganze Welt: „Es sind die Geschichten, es ist das Geschichten-Erzählen. Ob durch Wiegenlieder, Comicbücher, Filme, Lieder, Gebete, Romane oder Anekdoten, die Menschen an einer Theke erzählen. Es sind die Geschichten, die uns über Raum und Zeit zusammenzuhalten“, antwortete mir einmal Pulitzer-Preisträger Paul Salopek in einem Interview über seinen „Out of Eden Walk“ auf den Spuren der Besiedelungsgeschichte des Menschen vom Garten Eden, der „Wiege der Menschheit“ in Äthiopien, bis zur äußersten Verbreitungsgrenze unseres Menschentyps auf der Südspitze des amerikanischen Kontinents.
360 Längengrade, 206 anerkannte und weniger anerkannte Staaten, Milliarden Menschen und unendliche viele Geschichten sind auch das Volle, aus dem dieses Buch schöpft. Die schönsten, die lustigsten, die ergreifendsten, die schrägsten und traurigsten habe ich Land für Land gesucht, selbst erlebt, beobachtet, mir erzählen lassen oder bei Reiseschriftstellerinnen und -schriftstellern, Korrespondentinnen und ihren männlichen Pendants nachgeschlagen.
Die Reihenfolge der Kapitel dieses Buches bestimmt der Längengrad der Hauptstadt des jeweiligen Landes. Die Datumsgrenze setzt den Anfang, der Gang der Sonne von Ost nach West gibt den weiteren Verlauf rund um den Erdball vor. Und was bleibt nach dieser Weltumsegelung 500 Jahre nach Magellan, ohne Schiffe zwar, dafür aber mit einer Flotte an Geschichten aus der ganzen und über die ganze Welt?
Die Aussicht, dass jedes Land ein wundervolles Land mit wundervollen Menschen ist.
Die Einsicht, dass wir Menschen unsere Länder zum Paradies oder zur Hölle machen können.
Die Zuversicht, dass wir Menschen einmal so sorgsam mit dieser wundervollen Welt umgehen, wie sie es sich verdient.
Aber lesen Sie selbst, reisen Sie los, 360 Grad weit, einmal um die Welt!
Wolfgang Machreich
Tuvalu

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Sigeo Alessandro, seine Frau und seine zwei Kinder aus Tuvalu wurden 2014 als die ersten Klimaflüchtlinge weltweit anerkannt und bekamen in Neuseeland Asyl.
| Fläche: | 26 Quadratkilometer, wie der Wolfgangsee im Salzkammergut oder 13-mal so groß wie Monaco |
| Einwohner: | 10.640, ein knappes Drittel von Monaco |
Vor uns die Sintflut
Tuvalu ist eine wunderbare Insel mit wunderbaren Menschen. Leider befindet sich der aus neun Korallenatollen bestehende Staat in der gleichen Situation wie ein Mensch, der den Lotto-Jackpot geknackt hat und gleichzeitig erfährt, dass er demnächst sterben wird.
Tuvalu scheffelt mit Telefon- und Internet-Abgaben Millionen – und versinkt. Wenn die Klimaerwärmung voranschreitet, die Polkappen schmelzen, die Meere steigen … – dann wird die Insel zum ersten modernen Atlantis. Tuvalu ist zum Symbol des Klimawandels geworden, als erster Staat, der sein Staatsgebiet verlieren kann. Im Hafen der Hauptstadt messen die Sekretäre des Klimawandels, wie der Meeresspiegel Millimeter für Millimeter steigt. Für ein Land, das nur ein paar Meter aus dem Pazifik herausragt, zählt jedes Sandkorn. In 25 Jahren könnte Tuvalu unbewohnbar, in fünfzig verschwunden sein – falls Sturmfluten den Untergang nicht noch beschleunigen. „Wir sehen in Tuvalu in die Augen der Kinder. Wir müssen ihnen antworten, nicht der fossilen Energieindustrie“, sagte Tuvalus Regierungschef auf der Klimakonferenz Ende 2014 in Lima und zeichnete ein düsteres Bild von der Zukunft seines Eilandes: „Für Tuvalu könne einer der dunkelsten Plätze in der Hölle reserviert sein, obwohl man das Klimaproblem keineswegs verschuldet habe.“

Traumhafte Strände – wie lange noch?

Tuvalu ist ein Ring im Pazifik.
Für kommende Generationen versucht Tuvalus Regierung den Status von Umweltflüchtlingen durchzusetzen. Neuseeland hat bereits Klimaflüchtlinge aus Tuvalu aufgenommen. Australien hat abgelehnt – und verweigert den Beitritt zum Kyoto-Klimaschutzprotokoll. Tuvalu kontert mit der Drohung, die am meisten Kohlendioxid ausstoßenden Länder und Unternehmen vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu zerren – Australien und die USA zuerst.
Mit Nachbar Japan ist Tuvalu hingegen sehr gut gestellt. So gut, dass es für die Wale schlecht ist. Noch nicht lange ist Tuvalu Mitglied der Internationalen Walfangkommission – den Mitgliedsbeitrag zahlt Japan, heißt es, und legt noch ein bisschen drauf. Dafür gibt es zusätzliche Unterstützung für die Waljäger.
Dabei ist Tuvalu schon lange nicht mehr das arme Nichts im Nirgendwo. Zu asphaltierter Hauptstraße und Straßenbeleuchtung hat die Landesvorwahl 688 verholfen, die Tuvalu weltweit an Telefonsex-Anbieter vermietete. Richtig reich wird der viertkleinste Staat der Welt aber mit seinem Internet-Kürzel „tv“, für das Fernsehsender Millionen hinlegen. Da lässt es sich auf der Insel wieder leicht moralisch sein: „Wir brauchen keine Sex-Anrufe mehr. Das Geschäft schadet unserem Ruf als Christen“, erklärte der Premier. Gleichzeitig schaut man sich nach weiteren Einnahmen um. Die Regierung möchte nationalen Raum im Orbit beantragen. Das brächte Geld von Satellitenbetreibern. Und wenn die Wasser fluten, die Hölle wartet (siehe Zitat oben) ist es in jedem Fall auch gut – man hat sich einen Platz am Himmel reserviert.
Republik Fidschi

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Fidschi gehört zu den zwölf besten Rugby-Nationen der Welt.
| Fläche: | 18.376 Quadratkilometer, ein wenig kleiner als Slowenien |
| Einwohner: | 884.887, die Hälfte von Slowenien |
Versöhnung unter Palmen
Fidschi sind wunderbare Inseln mit wundervollen Menschen, die leider abwechselnd von Wirbelstürmen oder Staatsstreichen heimgesucht werden. Statistisch fegen in zehn Jahren zehn bis zwölf Wirbelstürme über die rund 320 Inseln, von denen 110 bewohnt sind. Noch öfter kommen nur Hollywoodstars auf der Suche nach einem luxuriösen Urlaubsdomizil vorbei. Unbeeindruckt von beidem putscht regelmäßig das Militär.
Der Grund für die politischen Spannungen liegt im Dauerkonflikt zwischen den melanesischen Ureinwohnern und der indischen Bevölkerung Fidschis, deren Vorfahren Ende des 19. Jahrhunderts von den britischen Kolonialherren als Arbeiter für die Zuckerrohrplantagen hergebracht wurden. Aus den Feldarbeitern wurden erfolgreiche Geschäftsleute und heute kontrollieren ihre Nachfahren große Teile der Wirtschaft – zum Ärger der Melanesier, die ein wenig mehr als die Hälfte der Bevölkerung stellen. Nachdem der Hass immer wieder in Gewalt umgeschlagen ist, sind viele Indo-Fidschianer ausgewandert. Diejenigen, die geblieben sind, warten darauf, dass jede Reihe einmal ein Ende hat und die Statistik sich in Zukunft irrt.

Menschenjagd auf den Fidschi-Inseln – die rituelle Entschuldigung dafür fand 2003 statt.

Fidschi-Team beim Rugby World Cup 2011
Dabei ist Versöhnung auf Fidschi durchaus möglich – es dauert eventuell nur ein wenig länger: 1867 wagte es der englische Pfarrer Thomas Baker, die Haare des Dorfhäuptlings von Nabutautau zu berühren und damit ein unverzeihliches Tabu zu brechen. Daraufhin wurden der Missionar und acht seiner Anhänger mit Streitäxten erschlagen und feierlich verspeist. Bereits 136 Jahre später – Kinder, wie die Zeit vergeht! – haben sich die Bewohner des Dorfes im November 2003 bei Bakers Nachkommen für die Tat entschuldigt. Zugegeben nicht ganz freiwillig: „Wir glauben, dass wir Opfer eines schlechten Schicksals sind“, sagte der Dorfvorsteher: „Wir müssen um Vergebung für das bitten, was passiert ist, erst dann werden wir wieder rein sein.“ Der Bakers-Verspeisung folgender Fluch soll mehrere Sippen des Dorfes habe aussterben und das Dorf in Armut, ohne richtige Straßen, fließendes Wasser und einer Schule bleiben lassen. Nur die rituelle Entschuldigung konnte da einen Entwicklungsschub auslösen.
„Wir haben alles von ihm gegessen, außer seinen Stiefeln“, schrieb übrigens ein Zeuge des kannibalischen Mahls. Was mit dem zweiten Schuh passierte, ist unklar, ein Stiefel von Baker kann aber bis heute im Museum der Fidschi-Inseln bestaunt werden. Und noch ein Relikt aus diesen Zeiten hat Mode und Geschmäcker überdauert: Ein uraltes Hausrezept auf Basis von Südseefrüchten, mit dem die Insulaner einst Menschenfleisch haltbar machten, wurde vom Südpazifischen Institut für angewandte Wissenschaft in Suva neu entdeckt und findet heute zur Konservierung von Lebensmitteln neue Verwendung. Das gibt Zuversicht, denn es ist einer der sehr seltenen Beweise dafür, dass Menschen doch etwas aus der Geschichte lernen können.
Neuseeland

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Taumatawhakatangihangakoauauotamateaturipukakapikimaungahoronukupokaiwhenuakitanatahu heißt in der Maori-Sprache ein 305 Meter hoher Hügel in der südlichen Hawke‘s Bay. Das ist mit
85 Buchstaben der zweitlängste Ortsnamen der Welt. Länger ist mit 168 Buchstaben nur die offizielle Bezeichnung von Bangkok.
| Fläche: | 269.652 Quadratkilometer, doppelt so groß wie Griechenland |
| Einwohner: | 4.793.700, weniger als die Hälfte von Griechenland |
Kiwis für Kiwis
Neuseeland ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Menschen und vielen Tieren – teilweise zu vielen Tieren. Zum Beispiel Kühen. Seit einigen Jahren hat sich das Verhältnis umgedreht, gibt es mehr Milchvieh als Menschen. Kein anderes Land exportiert so viele Milchprodukte. Die Folgen für die Umwelt sind dramatisch: Fast die Hälfte der Treibhausgasemissionen kommen in Neuseeland aus der Landwirtschaft – weltweit sind es zehn bis zwölf Prozent. Auch die Stickstoffbelastung für die Böden und der Algenwuchs in Gewässern ist weit über der Norm. 2017 waren sieben von zehn untersuchten Flüssen nicht zum Baden geeignet, drei Viertel der Süßwasserfische sind bedroht.
Doch die wirtschaftlichen Zwänge sind groß. Die Wissenschaft soll Auswege liefern, Rinder und Schafe mit weniger Methan-Ausstoß züchten. Ein Agrarforscher plädierte für eine sanitäre Lösung: Die Kühe trainieren, damit sie ihre Kuhfladen in eigenen Klosetts entsorgen.

Der zweitlängste Ortsname der Welt
Ausrottung bis 2050 lautet das Ziel bei Ratte, Wiesel und Opossum. Diese eingeschleppten Arten bedrohen den Nationalvogel Kiwi und andere heimische Arten. An den Kragen geht es auch den Wildkaninchen, die für Millionenschäden in der Landwirtschaft verantwortlich gemacht werden. Um sie war es in Neuseeland noch nie besonders gut bestellt. Mark Twain notierte 1895 bei einer Reise: „Der Mann, der das Kaninchen nach Neuseeland brachte, wurde gepriesen und festlich bewirtet. Heute würde man ihn an den Strick hängen, wenn man ihn in die Hand bekäme.“ Seither wurde alles Mögliche versucht, um der Plage Herr zu werden: Fallen, Hunde, Gas, aktuellster Kampfstoff ist ein Virus. Die Kaninchenfreunde der „New Zealand Hopper Group“ fürchten, dass das Virus auf andere Arten übergreift. Ihr Vorsitzender sagte: „Das ist eine extrem grausame Art, eine Plage loszuwerden, die ins Land gebracht wurde, damit Farmer ihren Spaß beim Jagen hatten.“ Stimmt, in Otago auf der Südinsel gibt es die „Great Easter Bunny Hunt“. Was wie ein Kinderfest klingt, ist eine 24-Stunden-Kaninchenhatz mit durchschnittlich 10.000 getöteten Tieren.
An der religiösen Front wird ebenfalls gegen das Kaninchen gerüstet. Anstatt eines Hasen soll der Kiwi das Symboltier des Osterfestes werden. Der Kiwi ist das uneleganteste Nationaltier der Welt: Statt durch die Lüfte zu segeln, stochert das bräunlich-strähnig gefiederte Tier mit langem Schnabel am Boden herum und schnüffelt nach Futter. Noch vor hundert Jahren gab es laut der Schutzorganisation „Kiwis for Kiwi“ Millionen Vögel. Mittlerweile ist die Population wegen vieler Fressfeinde auf 70.000 Exemplare gesunken. Eine nationale Katastrophe: „Die Menschen mögen den Kiwi. Wir werden Kiwis genannt, unsere Währung ist der Kiwi-Dollar, es gibt hier eine Identität, einen Kultstatus der Kiwis“, warnte ein Vertreter der Naturschutzbehörde. Jetzt soll Ostern zum Auferstehungsfest für den Kiwi uminterpretiert werden: In neuseeländischen Supermärkten werden die Schoko-Osterhasen aussortiert. Stattdessen gibt es Schoko-Osterkiwis für Kiwis.

Nationalvogel Kiwi
Republik Kiribati

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Da durch Kiribati sowohl der Äquator als auch der 180. Längengrad verläuft, liegt der Staat als einziger sowohl in der nördlichen, südlichen, westlichen und östlichen Hemisphäre der Erde.
| Fläche: | 811 Quadratkilometer, ein Drittel von Luxemburg |
| Einwohner: | 110.136, ein Sechstel von Luxemburg |
Insel-Kreml
Kiribati ist ein wunderbares Land mit wundervollen Menschen. Das dachte sich auch der Milliardär Anton Bakow, Vorsitzender der russischen Monarchistenpartei, und bot an, drei unbewohnte Inseln zu kaufen und dort mehr als 350 Millionen US-Dollar in den Tourismus zu investieren, Häfen, Schulen, Krankenhäuser und eine „Universität des Russischen Reichs“ zu bauen. Als Gegenleistung sollten hundert Jahre nach der Oktoberrevolution die Romanows wieder eingesetzt werden. „Mein Ziel ist, den Status der Romanow-Dynastie wiederherzustellen, der 1917 verloren gegangen ist“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Zar auf Kiribati hätte der deutsche Adelige Prinz Karl Emich zu Leiningen, ein entfernter Verwandter des letzten Zaren, werden sollen. Doch die Prüfungskommission in Kiribati sagte ab.
Keine vierzig Jahre nach der Unabhängigkeit von Großbritannien wollte man sich nicht neuerlich in Abhängigkeit begeben. Dabei steht Freiheit nicht einmal im Wahlspruch Kiribatis. Der lautet: „Te Mauri, Te Raoi ao Te Tabomoa“ – „Gesundheit, Frieden und Wohlstand“ und ist leider mehr Wunsch als Realität. Kiribati ist eines der ärmsten Länder der Welt. Auch im Umweltbereich liegt vieles im Argen. Statt eines Roten Platzes gibt es einen Roten Strand. Der dient als Abfallhalde. Kiribati importiert den Wohlstandsmüll, hat aber kein System der Abfallbeseitigung. Den Müll auf Schiffen Tausende Kilometer nach Australien oder Neuseeland zu bringen, wäre viel zu teuer. Auch die Überbleibsel einer der blutigsten Pazifik-Schlachten des Zweiten Weltkriegs, Bunker, Geschütze, rostige Schwimmpanzer, Schiffe und Kampfflugzeuge beschädigen nach wie vor das Insel-Idyll.

Kiribati war einst schauriger Kriegsschauplatz im Pazifik.

Nein Danke, kein Zar für das Inselreich
Mit einer Ausdehnung von 5,2 Millionen Quadratkilometern, von der östlichsten bis zur westlichsten Insel sind es über 5000 Kilometer Luftlinie, gehört Kiribati zu den größten Staaten der Erde und wäre insofern eines (Pseudo-)Zaren durchaus würdig. Der Kiribati-Zar hätte auch jeden Jahreswechsel fast einen halben Tag früher als sein Moskauer Pendant feiern können. Bis Silvester 1994 lief die Datumsgrenze durch Kiribati. Seither liegt Kiribati nur noch in der westlichen Datumszone. Die Bewohner der östlichsten Insel, von James Cook am 24. Dezember 1777 entdeckt und deswegen Weihnachtsinsel/Kiritimati genannt, sind jetzt die ersten Menschen weltweit, die einen neuen Tag begrüßen. Kiritimati zieht viele von den anderen Inseln an, da es bessere Voraussetzungen bietet, den Folgen des Klimawandels zu widerstehen. Der Platz wird eng, die sozialen Probleme wachsen mit dem Meeresspiegel.
Doch Zar-Macher Bakow gibt nicht auf. Einen Tag nach der Absage Anfang 2017 stellte er einen neuen Kaufantrag. Er möchte Deiche bauen, sagte er in einem „Spiegel“-Telefoninterview aus Kiribati und: „Unser Zarenreich soll eine Oase für Millionäre und Milliardäre werden …“ Es bleibt also spannend, ob die Prüfungskommission ein zweites Mal dem russischen Sprichwort folgen und entscheiden wird, ein Zar in Kiribati wäre passend „wie ein Sattel auf der Kuh“.
Republik Marshallinseln

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Fischern vor den Marshallinseln gehen regelmäßig Pakete mit Dutzenden Kilogramm Kokain im Wert von Millionen Euro ins Netz. Der Grund für den Drogenfang ist, dass die Marshallinseln auf der nördlichen Schmuggelroute über den Pazifik von Südamerika nach Asien liegen.
| Fläche: | 181,42 Quadratkilometer, ein wenig größer als Liechtenstein |
| Einwohner: | 53.127, 15.000 mehr als Liechtenstein |
Nobelpreis-Insulaner
Die Marshallinseln sind ein wunderbarer Inselstaat mit wundervollen Insulanern, die alle Nobelpreisträger sind. 2015 wurde dem Volk der Marshallinseln der Alternative Nobelpreis verliehen „in Anerkennung ihrer Vision und ihres Mutes, mit rechtlichen Mitteln gegen die Atommächte vorzugehen, weil diese ihren Abrüstungsverpflichtungen aus dem Atomwaffensperrvertrag nicht nachkommen“. In Vertretung der Insulaner nahm der Außenminister des Landes, Tony deBrum, die Auszeichnung der schwedischen Right-Livelihood-Stiftung entgegen. In seiner Dankesrede erinnerte er daran, dass sein Land durch das Verhalten von Großmächten mehrfach gelitten hat. Angefangen vom Pazifikkrieg 1941 bis 1945 zwischen Japan und den USA, danach den Atomwaffentests auf dem Bikini-Atoll, das zu den Marshallinseln gehört. Aktuell sind die Inseln mit radioaktivem Treibgut von der Atomkatastrophe in Fukushima und dem steigenden Meeresspiegel konfrontiert, der mehrere Inseln mit dem Untergang bedroht.

Bikinis Strände – Inspiration für den schönsten Zweiteiler der Welt
2014 hatte deBrum den noch nie da gewesenen Schritt unternommen, Klagen gegen die Atomwaffenstaaten einzureichen, da sie ihren Abrüstungspflichten im Rahmen des Atomwaffensperrvertrages nicht nachkommen. Bei der Anhörung vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag erinnerte er an die Explosion der US-Wasserstoffbombe „Castle Bravo“ 1954, die er als kleiner Bub aus 200 Kilometern Entfernung miterlebt hatte: „Der ganze Himmel färbte sich blutrot.“ Die Bombe hatte eine Sprengkraft von 15 Megatonnen – die tausendfache Wirkung des Atombombenabwurfs auf Hiroshima: „Viele starben, erlitten Missbildungen oder erkrankten an Krebs.“
Insgesamt 67 Atomwaffentests machten die USA zwischen 1946 und 1958 im Inselstaat. Teile des Bikini-Atolls sind bis heute unbewohnbar. Die Klage der Marshallinseln wurde trotzdem zurückgewiesen. Das Gericht sei nicht befugt, in dieser Frage zu entscheiden, urteilten die Richter des höchsten UN-Gerichts. Der 2017 verstorbene deBrum gab sich trotz der Niederlage vor Gericht nicht geschlagen: „Unsere Leute haben unter dem katastrophalen und nicht wieder gut zu machenden Schaden dieser Waffen gelitten und wir schwören weiter zu kämpfen, damit kein anderer auf der Erde jemals diese Gräueltaten erlebt.“

Atomwaffentest im Bikini-Atoll
Jeder andere auf der Erde verbindet mit dem Begriff „Bikini“ zuerst auch alles andere als Unheil. Verantwortlich dafür ist der Franzose Louis Réard: Inspiriert von den Kernwaffentests taufte er sein Badekostüm auf diesen Namen und bewarb es mit dem Slogan: „le bikini, la première bombe an-atomique“. Das Revuegirl Micheline Bernardini präsentierte den Zweiteiler erstmals in einem Pariser Schwimmbad am 5. Juli 1946 – ein Skandal! Réard ließ sich seine Bademode unter der Nr. 19431 schützen. Der Schutz hielt aber nur wenige Jahre. Schnell wurde das „an-atomique“-Modell, das mehr zeigte als verdeckte, weltweit kopiert – und gekauft und getragen. Warum? Réards Antwort: „Der Bikini ist so klein, dass er alles über die Trägerin enthüllt bis auf den Geburtsnamen ihrer Mutter!“
Republik Vanuatu

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Besitzer teurer Autos weltweit schätzen Vanuatus schwarze Autokennzeichen mit vier weißen Palmen. Da es weder Mehrwert- noch Kraftfahrzeugsteuer, gibt, kommt die Auto-Anmeldung per Internet im Südpazifik günstig – bis der heimische Fiskus an die (Auto-)Tür klopft.
| Fläche: | 12.190 Quadratkilometer, gleich groß wie die Falklandinseln oder ein Viertel der Slowakei |
| Einwohner: | 258.000, ein Zwanzigstel der Slowakei |
Hochrisiko-Glücksinsel
Vanuatu ist ein wunderbares Land mit wundervollen Menschen, von denen eine Handvoll noch die Sprache Araki spricht. Von den rund 6000 Sprachen auf der Welt ist jede zweite vom Aussterben bedroht. Araki gehört zu den am meisten gefährdeten Sprachen und wurde deshalb von der französischen Chirac-Stiftung als Ergänzung zum UNESCO-Weltatlas der vom Aussterben bedrohten Sprachen per Video für die Nachwelt festgehalten. Dieses Sprachenschutzprogramm nennt sich „Sorosoro“, ein Araki-Wort, das übersetzt Sprache, Wort oder Atem bedeutet.
Einen langen Atem brauchen die Bewohner des Archipels auch, wenn es um die Bewältigung der Naturkatastrophen geht, von denen die über achtzig Inseln regelmäßig heimgesucht werden. Kein anderes Land ist laut Weltrisikobericht der Vereinten Nationen Naturgewalten so ausgeliefert wie Vanuatu. Sowohl mit Vulkanausbrüchen als auch mit Erdbeben und Wirbelstürmen haben die Inseln aufgrund ihrer geografischen Lage zu kämpfen. Bei der Berechnung des Risikowertes für 173 Staaten liegt die Insel mit 32 Prozent auf Platz eins. Zum Vergleich: Mit 0,72 und 0,02 Prozent ist das Katastrophenrisiko in Malta und Katar am geringsten. Deutschland liegt mit 2,96 Prozent auf Rang 150, Österreich mit 3,41 Prozent auf Platz 144.

Männer aus Vanuatu, die Prinz Philip verehren.
Vanuatu liegt allerdings bei einem wesentlich erfreulicheren Ranking ebenfalls an der Spitze: Die Insel ist der „glücklichste Platz der Welt“. Zu diesem Ergebnis kam 2006 eine Studie der britischen New Economics Foundation (NEF). Beurteilt wurden die einzelnen Länder anhand der Zufriedenheit der Bevölkerung, ihrer Lebenserwartung und ihrem ökologischen Fußabdruck. „Die Menschen hier sind glücklich, weil sie mit sehr wenig zufrieden sind“, erklärte ein Vertreter des Landes der britischen Zeitung „The Guardian“: „Wir haben keine konsumorientierte Gesellschaft. Das Leben dreht sich hier um die Familie und die Gemeinschaft. Es ist ein Ort, an dem man sich nicht viele Sorgen macht. Angst haben die Menschen nur vor Wirbelstürmen und Erdbeben.“

Lavasee in Vanuatu
Eine Methode um Unglück abzuwenden, ist mit Opfergaben und Gebeten den Vulkan Manaro nach einem Ausbruch zu besänftigen. Die Dorfältesten auf der besonders gefährdeten Insel Ambae warfen dafür den Stoßzahn eines Ebers in den Krater, um sich so bei dem Vulkangott Tagaro für ihre Missetaten zu entschuldigen. „Wir glauben, er wird den Menschen und den Wissenschaftern helfen und das Feuer abkühlen“, erklärte der Inselbewohner Paul Vuhu den Charakter des Vulkangotts. Vuhu und andere Insulaner waren so überzeugt vom Erfolg ihrer Opfergaben, dass sie in ihrem Dorf am nördlichen Rand des Kraters blieben: „Tagaro wird uns nicht verletzen und das Opfer annehmen.“ Und sollte sich der Vulkangott unversöhnlich zeigen, bleibt immer noch Prinz Philip. Der Mann von Queen Elizabeth wird auf Vanuatu als Gottheit verehrt. Für die Bewohner des Dorfes Yaohnanen steht fest, dass der Brite eines Tages nach seinem Tod als Heilsbringer zurückkehren und sie von Krankheit und Tod befreien werde. Happy Island!
Republik Nauru

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Aus den Statistiken des Weltpostvereins geht hervor, dass weltweit die wenigsten Briefe in Nauru verschickt werden: rund 350 im Jahr.
| Fläche: | 21 Quadratkilometer, ein Drittel von San Marino |
| Einwohner: | 10.084, ebenfalls ein Drittel von San Marino |
Ausgeschissen
Nauru ist ein wunderbarer Inselstaat mit wundervollen Menschen, die schon glücklichere Zeiten erlebt haben. Paradox, aber je beschissener ihr Eiland war, desto besser ist es den Bewohnern der kleinsten Republik der Welt gegangen. Der Vogelkot Zigtausender Seevögel über Zigtausende Jahre hinweg machte die Koralleninsel zu einem Phosphatdepot und der Abbau des Düngemittelrohstoffs die Insulaner reich. Naurus Nähe zu den Agrarländern Australien und Neuseeland zahlte sich aus, denn diese konnten den kostbaren Naturdünger bestens gebrauchen. 1905 begannen englische Unternehmer den Dünger abzubauen – die deutschen Kolonialherren bekamen ihren Anteil am Gewinn. Nach wie vor gibt es viele deutsche Fremdworte im Nauruischen wie „Gott“ oder „Tisch“. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende des Deutschen Kaiserreichs 1918 wurde unter britisch-australisch-neuseeländischer Verwaltung weitergeschürft. Erst mit der Unabhängigkeit 1968 begannen die Nauruer vom Vogeldreck-Reichtum ihrer Insel zu profitieren. Goldene Jahre ohne Steuerzwang, mit einem kostenlosen Gesundheitssystem und viel Freizeit folgten.
Ab dem Jahr 2000 gingen die Kot-Vorräte aber zur Neige und das Land verarmte. Zurück blieb eine vom Bergbau zerstörte Insel, die einer Mondlandschaft gleicht. Nauru klagte vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag gegen Australien, verlangte Entschädigungen für die beim Phosphatabbau entstandenen Umweltschäden und die jahrzehntelange wirtschaftliche Ausbeutung ohne Gegenleistung. Die australische Regierung bezahlt Nauru aber lieber für die Internierung von in Australien nicht erwünschten Bootsflüchtlingen.
Der wirtschaftliche Niedergang Naurus ist neben gravierender Fehlinvestitionen und korrupter Geschäfte der Regierung auch dem exzessiven Konsumverhalten der Insulaner geschuldet. In der vom Vogelkot finanzierten Blütezeit besaß jeder Haushalt durchschnittlich zwei bis drei Autos – bei 41 Kilometer Straßen(un)dichte – und ein Motorboot.
Dabei widerspricht diese Unmäßigkeit der genetischen Veranlagung der Nauruer. Wie die anderen Südseeinseln wurde auch Nauru vor rund 3000 Jahren bevölkert. Die langen Bootsfahrten auf die abgelegenen Inseln schafften nur Menschen, die Essen optimal verwerten konnten. Ihr Stoffwechsel war auf Sparen eingestellt. Mit der Globalisierung der Fast-Food-Essgewohnheiten sind die früher positiven Effekte der thrifty genes (Sparsamkeitsgene) der Nauruer aber ins Gegenteil verkehrt und tragen zur kollektiven Fettleibigkeit bei, und die Diabetes-Quote ist eine der weltweit höchsten.

Die Karstlandschaft ist ein Relikt des Phosphatabbaus
Seine unbändige Lust auf Süßigkeiten und Softdrinks verleitete 2011 auch einen monatelang auf einem taiwanesischen Schiff stationierten Hubschrauberpiloten zum Anflug eines Supermarktparkplatzes auf Nauru. Der Mann wurde eingesperrt und zu einer saftigen Strafe wegen unerlaubten Landens sowie Verstoß gegen das Einwanderungsgesetz verdonnert. Beschissen, wird er sich gedacht haben, einem Seevogel mit unbändigem Kotdrang wäre das nicht passiert.

Ehemalige Phosphatbeladestation
Föderierte Staaten Mikronesien

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Die 3000 Jahre alte Ruinenstadt Nan Madol wurde auf 92 künstlich angelegten Inseln als Ritualzentrum unter anderem für Schildkrötenopfer errichtet. Heute ist Nan Madol beliebter Handlungsort für Thriller und Fantasy-Romane.
| Fläche: | 702 Quadratkilometer, doppelt so groß wie Malta, vergleichbar mit Singapur |
| Einwohner: | 104.000, ein Viertel von Malta und ein 53stel von Singapur |
Vielsprechend steinreich
Die Föderierten Staaten Mikronesien sind ein wunderbares Land mit wundervollen Menschen, die neben Englisch noch weitere sechs Amtssprachen sprechen.
In Kosraeanisch wird auf der Insel Kosrae über die schönen und weniger schönen Seiten des Lebens gesprochen. Die Sprache hat 26 Prozent Ähnlichkeit mit Pohnpeanisch, womit man sich auf Pohnpei streitet und versöhnt. Pohnpeanisch wiederum ist zu 81 Prozent mit Pingelapisch verwandt, 75 Prozent mit Mokilesisch und 36 Prozent mit Chuukesisch. Pingelapisch ist zwar keine Amtssprache, was aber rund 3000 Menschen auf den drei Hauptinseln des Atolls Pingelap nicht hindert, diesen Dialekt für den Austausch über ihre kleinen und großen, wichtigen und weniger wichtigen Lebensthemen zu nutzen.

Ruinenstadt Nan Madolt

Rai, die Steinscheibenwährung
Chuukesisch gehört wieder zu den offiziellen Amtssprachen. 38.000 Bewohner der Chuuk-Inseln beschreiben damit, was sie lieben und was sie hassen. Verwandte Dialekte und Sprachen mit einer Entsprechung von 70 bis 85 Prozent sind Mortlockesisch, Puluwatesisch, Satawalesisch, Karolinisch, Mokilesisch sowie die beiden weiteren Amtssprachen Woleaianisch und Ulithisch. Letztere ist auf dem Ulithi-Atoll aus 3000 Mündern zu hören. Ulithisch hat eine Ähnlichkeit von 77 Prozent mit Satawalesisch, 74 Prozent mit Karolinisch, 72 Prozent mit Puluwatesisch, 68 Prozent mit Chuukesisch sowie 74 bis 80 Prozent mit Woleaianisch, das von den 1600 Insulanern auf dem Woleai-Atoll im Bundesstaat Yap gesprochen wird. Die 6600 Einwohner der Insel Yap unterhalten sich im Amt und anderswo auf Yapesisch. Dessen Wortschatz wurde während der spanischen Besetzung um das Jahr 1500, die deutsche Kolonialisierung Ende des 19. Jahrhunderts sowie seit dem Ersten Weltkrieg durch japanische und englische Wörter bereichert.
Stichwort Reichtum: Der ließ sich auf dem Ulithi-Atoll im Bundesstaat Yap ewig in Steinen messen. Die Währung Rai rechnet in Steinscheiben, die überall auf den Inseln am Wegrand oder neben den Häusern stehen. Wenn ein Rai den Besitzer wechselte – das Steingeld war nur in Männerhand – ließ der neue Eigentümer den Stein meist aufgrund des Gewichts dort stehen, wo er war. Wem welcher Stein gehörte, merkte sich der Dorfälteste. Die Steine sind je nach Wert bis zu vier Meter Durchmesser groß und teils über fünf Tonnen schwer. Importiert wurde die Währung aus dem 400 Kilometer entfernten Palau, was den Wert des Rai ausmachte. Mit dem Ausbau der Schifffahrt kam es zu Inflation, da der Transport der Steine billiger wurde. 1929 wurden 13.281 Rai gezählt, die Hälfte davon soll noch vorhanden sein und als Zahlungsmittel vor allem bei symbolischen Geschäften akzeptiert werden.
Die Tradition verlangt, dass das Steingeld immer auf dem Rand stehend gelagert wird. Es gilt als schwere Beleidigung und ist gesetzlich verboten, sich auf die Steinscheiben zu setzen, etwas darauf zu stellen und sie beispielsweise als Picknicktische zu nützen. Rai entweihende Touristen werden zu Geldstrafen verurteilt – die Strafe ist aber in Dollar zu entrichten!
Salomonen

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
„Achtung Kopfnüsse!“ Kopf- und Rückenverletzungen durch Kokosnüsse sind auf den Salomonen genauso häufig wie Verkehrs- oder Sportunfälle. Eine Kokosnuss aus 25 Metern Höhe erreicht eine Geschwindigkeit von achtzig Kilometern pro Stunde.
| Fläche: | 28.869 Quadratkilometer, so groß wie Albanien |
| Einwohner: | 622.469, ein knappes Viertel der Einwohner Albaniens |
JFK
Die Salomonen sind ein wundervoller Inselstaat mit wundervollen Menschen, die ihren Staatsnamen der Fehleinschätzung eines bibelfesten Europäers verdanken: 1568 entdeckte der spanische Seefahrer Alvaro de Mendaña de Neyra die Inselgruppe für die alte Welt. Da er glaubte, die Insulaner seien reich, benannte er die Inseln nach dem jüdischen König Salomo, der laut biblischer Quelle „alle Könige der Erde an Reichtum und Weisheit“ übertraf. Als dem nicht so war, brach zwischen Seeleuten und Einheimischen ein Streit um Lebensmittel aus. Als Versöhnungsgeste soll dem Spanier „ein Viertel eines Jungen mit Arm und Hand“ angeboten worden sein. De Neyra lehnte das Geschenk ab und verprellte die Gastgeber damit noch mehr.

Achtung! Herabfallende Kokosnüsse
Nach diesem interkulturellen Desaster half ein Kartierungsfehler, Gras über diesen „Clash of Cultures“ wachsen zu lassen. Die Salomonen gingen zwei Jahrhunderte „verloren“. Erst Ende des 19. Jahrhunderts tauchten sie wieder auf der europäischen Interessenlandkarte auf. Briten und Deutsche stritten sich um den Einfluss in der Region. Die damals gezogene Trennlinie ist heute die Grenze zwischen den zu Papua-Neuguinea gehörenden Inseln Buka und Bougainville und den östlich davon gelegenen rund Tausend Salomon-Inseln.
Mit ihrer Landung auf der von der japanischen Armee besetzten Insel Guadalcanal 1942/43 schafften die USA im Zweiten Weltkrieg die Wende im Pazifikkrieg. Besonders ein Lieutenant Junior Grade aus der US Navy Reserve nutzte die Gunst der Stunde und wurde in der mondlosen Nacht vom 1. zum 2. August 1943 zum Helden: John F. Kennedy.

Die PT Boat Officers James Reed, John F. Kennedy, George Ross, Paul Fay
Der Sohn aus reichem Haus, der unbedingt in den Krieg ziehen wollte, kommandierte das Schnellboot PT-109 zwischen den Salomon-Inseln. Ein japanischer Zerstörer rammte Kennedys Boot und teilte es in zwei Hälften. Zwei Besatzungsmitglieder starben. Im Wasser sammelte Kennedy die Überlebenden seiner Crew auf. Da die nahen Inseln von Japanern besetzt waren, befahl der 26-jährige Kapitän seiner Truppe mehr als fünf Kilometer zu einem winzigen Eiland ohne feindlichen Posten zu schwimmen. Die Nichtschwimmer wurden auf einem Floß aus Trümmern geschoben. Einen Verwundeten zog Kennedy, der zur Harvard-Schwimmmannschaft gehörte, am Gurt einer Schwimmweste hinterher. Kennedy schwamm noch zu weiteren Inseln, um US-Boote zu alarmieren. Ohne Erfolg. Die Rettung kam, nachdem Kennedy Insulaner mit einer in eine Kokosnuss geritzten Botschaft zu einem US-Posten geschickt hatte. Am 8. August 1943 wurden die elf Überlebenden der Kollision gerettet. Für seinen Mut und seine „heroische Führung als kommandierender Offizier“ erhielt Lieutenant Kennedy die Navy-Medaille und das Verwundetenabzeichen Purple Heart. Der Anfang einer großen Karriere …
Bis heute heißt die Bucht von Guadalcanal „Ironbottom Sound“. Fünfzig Kriegsschiffe rosten dort auf dem Meeresboden. Beliebt bei Tauchern, zählen die Wracks zu den wenigen touristischen Attraktionen der Salomonen, die vom Reichtum ihres Namensgebers leider noch immer weit entfernt sind.
Australien

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Das Great Barrier Reef besteht aus über 2900 einzelnen Korallenriffen, gilt als eines der sieben Weltwunder der Natur und hat einen eigenen Briefkasten.
| Fläche: | 7.692.024 Quadratkilometer, mehr als doppelt so groß wie Indien |
| Einwohner: | 25.324.713, weniger als ein 52stel von Indien |
Mona Lisa aus Stein
Australien ist ein wunderbares Land mit wundervollen Menschen, die mehr Platz zum Leben haben als die meisten Menschen anderswo. Nur in Grönland und in der Mongolei gibt es noch mehr Lebensraum je Einwohner. So wie in Namibia kommen auch in Australien drei Bewohner auf einen Quadratkilometer. Aber auch die Australier suchen Nähe und das Meer. Die meisten wohnen in Großstädten und maximal fünfzig Kilometer vom Meer entfernt. Davon hat Australien mehr als genug. 10.000 Strände umrahmen den Kontinent; besucht man jeden Tag einen anderen, dauert das 27 Jahre. Und auch sonst pachtet Australien gerne den Superlativ: die längste gerade Bahnstrecke der Welt (478 Kilometer), die längste gerade Straße Australiens (146 Kilometer) muss sich nur einer noch längeren Straße ohne Kurve in Saudi-Arabien geschlagen geben. Die „Anna Creek Station“ ist wiederum die größte Rinder-Ranch der Welt und um einiges größer als Slowenien. Tasmanien hat die sauberste Luft der Welt. Und obwohl es in den australischen Alpen zeitweise mehr schneit als in Europas Bergen, ist nur die Antarktis ein trockenerer Kontinent als Australien.
Das muss man wissen, dann erscheint einem die Henley-on-Todd-Regatta in Alice Springs als normales Bootsrennen – aber nur dann. Der Austragungsort ist das sandige Flussbett des Todd River, der nur in Ausnahmefällen Wasser führt. Die Mannschaft, die ihr Boot am schnellsten über die Rennstrecke trägt, gewinnt. Abgesagt wird das Rennen nur bei starkem Regen – dann führt der Fluss Wasser.

Great Barrier Reef
Jetzt aber Schluss mit lustig. Wir tauchen in Australiens Mythen ein, machen es wie der holländische Australien-Reisende Cees Nooteboomm, steigen auf den berühmtesten Felsen der Welt: „Am darauffolgenden Tag mache ich mich auf den Weg zum heiligen Stein, Uluru oder Ayer‘s Rock. Der geweihte Ort der Pitjantjara ist zum Symbol Australiens geworden, ein Kieselstein von neun Kilometer Umfang, 348 Meter hoch. Vergiß die Größe und das, was er ist, eine Mona Lisa in Form eines Steins, der wie ein Rätsel mitten im Flachland liegt. … Ich hatte nicht vor, mich von einem Stein einschüchtern zu lassen, doch so leicht kommt man nicht davon, dafür liegt er dort zu provozierend. Einfach ein großer Stein, sagt man sich, nicht mal eine Pyramide mit ihrem Mysterium von sakralem oder mathematischen Zauber. Ein letzter Backenzahn im offenen Maul der Wüste. Aber so funktioniert das nicht, kein Rationalismus kommt gegen die Verlockung an, gegen die Blutfarbe, die schroffe Absonderlichkeit, die ungereimte Form. Der Weg zu ihm ist lang und das paßt.“

Henley-on-Todd-Regatta in Alice Springs
Der Weg eines für Australien bestimmten Pakets aus Kentucky/USA wurde 2018 ebenfalls lang – das passte nicht. Fünfmal landete es in Österreich, bevor es nach 60.000 Kilometer Umweg seinen Bestimmungsort erreichte. Die österreichische Post hat bereits vorgefertigten Stempel mit der Aufschrift „Missent to Austria“. Die Österreicher wundert das nicht: „Austria not Australia“ gehört zur Vorstellrunde im Ausland so wie „There are no kangaroos in Austria“.

Uluru, „Kieselsein“ von neun Kilometern Umfang
Unabhängiger Staat Papua-Neuguinea

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Papua-Neuguinea ist Weltmeister in der Sprachenvielfalt: Man zählt 839 verschiedene Sprachen, die zu 56 Sprachfamilien gehören. Diese Vielfalt wird vor allem geografisch, durch die vielen schroff voneinander abgegrenzten Täler erklärt.
| Fläche: | 462.840 Quadratkilometer, ein wenig größer als Schweden |
| Einwohner: | 8.251.000, knapp zwei Millionen weniger als Schweden |
Ressourcenfluch
Papua-Neuguinea ist ein wunderbares Land mit wundervollen Menschen. Die leider sehr ungleich im Parlament vertreten sind. Unter den 111 Abgeordneten gibt es keine einzige Frau. Deswegen machte Regierungschef Peter O'Neill am Frauentag, 8. März 2019, den Vorschlag, der Pazifikstaat könnte Abgeordnetenmandate für Frauen reservieren. Das sei „nur fair“, sagte O'Neill, denn: „Traurige Tatsache ist, dass die Interessen von Frauen vernachlässigt werden.“ Papua-Neuguinea ist wegen fehlender Frauenrechte und weit verbreiteter häuslicher und sexueller Gewalt in Verruf. Die Täter kommen oft ungestraft davon. In manchen Landesteilen werden Frauen sogar Opfer von Hexenjagden. Der Glaube an schwarze Magie ist nach wie vor weit verbreitet. Die Verbrennung einer Frau bei lebendigem Leibe 2013 schreckte die Öffentlichkeit auf. Die Zwanzigjährige soll einen Jungen durch „Hexerei“ getötet haben. Als die Polizei gegen die Ermordung einschreiten wollte, wurde sie daran gehindert. Nach dem Vorfall schaffte die Regierung ein Gesetz von 1971 ab, das Hexerei zur Straftat erklärte. NGOs kämpfen seit Jahren dafür, dass derartige Verbrechen härter bestraft werden. Mit Erfolg: Opfer berichten, die Polizei gehe inzwischen härter gegen Gewalt an Frauen vor. Weibliche Abgeordnete sind jetzt der nächste überfällige Schritt.

Hütten im Hafen von Port Moresby
Bezeichnend für die Situation im Inselstaat war der Gipfel der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (APEC), der 2018 erstmals im ärmsten der 21 Mitgliedsländer abgehalten wurde. Prominentester Gast war Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping. Da es in Port Moresby an Hotels fehlte, waren viele Teilnehmer im Hafen auf drei eigens gecharterten Kreuzfahrtschiffen untergebracht. US-Vizepräsident Mike Pence übernachtete in Australien und ließ sich zu den Treffen einfliegen. Das Beispiel zeigt: Trotz enormer Bodenschätze gehört Papua-Neuguinea zu den ärmsten Staaten der Welt. Korruption ist weit verbreitet, und im UN-Entwicklungsindex liegt PNG abgeschlagen auf Platz 153.
„Die Rohstoffindustrie ist Fluch und Segen zugleich“, analysiert Human Rights Watch die verfahrene Situation: „Die Minenprojekte haben gewalttätige Konflikte, Missbrauch und verheerende Umweltschäden entfacht. Die Staatseinkünfte verschwinden durch Korruption und Missmanagement und bringen den Bürgern keine Verbesserung.“ Die von Chinesen geführte Ramu-Nickel-Mine an der Ostküste zeigt, wie es nicht laufen soll. „Sie bringen Technologie der 1960er-Jahre, sie vergewaltigen unser Land, die Regierung profitiert, aber wir sehen nichts davon“, kritisiert ein Anrainer. Der Ärger speist sich aus der Angst vor Umweltschäden, der Sorge um das Überleben des Dorfes, Frust über die Regierung und Misstrauen gegen die wenig integrierfreudigen Chinesen. Die Regierung betreibe einen Ausverkauf des Landes, fülle sich die eigenen Taschen und die Bevölkerung bekomme nichts, schimpfen die Dorfbewohner: „Entwicklung hat gute und schlechte Seiten, aber wir sehen nur die schlechten.“

Papua-Neuguineas Natur ist von internationalen Minenprojekten bedroht.
Japan

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Der rotwangige Schwarzbär Kumamon ist das populärste Maskottchen des Landes und durfte sogar vor dem Kaiserpaar tanzen. Der Rummel um die niedlichen yuru-kyara (entspannte Figuren) im Comic-Stil kennt kaum Grenzen. Firmen, Behörden und Regionen ringen mit den bunten Figuren um Aufmerksamkeit.
| Fläche: | 377.930 Quadratkilometer, so groß wie Deutschland und Slowenien zusammen |
| Einwohner: | 126.045.000, eineinhalb Mal soviel wie Deutschland |
Bei Oes
Japan ist ein wunderbares Land mit wundervollen Menschen. Zwei durfte ich kennen und schätzen lernen. Zum Abschied schenkte mir das Ehepaar Oe einen selbst gefalteten Papierkranich und ein T-Shirt mit der Aufschrift „Hiroshima loves peace“. Drei Tage lang war ich ihr Gast. Ich habe das moderne Tokio gesehen und das alte Kyoto, Hightech und Teezeremonie, Geishas und Karaoke … – interessant, fremd, schön. Vor allem in Erinnerung geblieben sind mir aber die Oes und ihr Hiroshima. In einen japanischen Privathaushalt eingeladen zu sein, habe ich als intimeres Miteinander erlebt als irgendwo anders. Alles war so ordentlich, so putzig, so lieb. Alles sollte perfekt sein und war es auch.
Kenzaburo Oe, der japanische Literatur-Nobelpreisträger, oft als Gewissen der Nation bezeichnet und (nur) Namensvetter meiner Gastgeber, hat diese japanische Eigenheit, alles so gut, so schön, so perfekt wie möglich zu machen, in Beziehung zu den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki gestellt. In seinem Buch „Hiroshima notes“ schreibt er: Von der ersten Minute nach dem Atom-Blitz an haben die noch mit dem Leben davon Gekommenen daran gearbeitet „diese Hölle wieder so menschenfreundlich wie sie nur können zu machen“. Sie haben die Toten begraben, den Todkranken ein würdiges Sterben ermöglicht, die Verwundeten gepflegt, die Brände gelöscht, den Schutt weggeräumt … Oe sagt, das haben die Menschen von Hiroshima zuerst für sich selbst gemacht. Gleichzeitig haben sie „aber damit auch die Belastung für die Gewissen derer erleichtert, die die Atombombe geworfen haben“. Oe ist überzeugt: Die Menschen von Hiroshima haben in die Hölle eine Ausgangstür gebaut.
Ich durfte in Hiroshima eine Überlebende treffen. Als die Bombe detonierte, war sie 15 Jahre alt. Der Lichtstrahl sei im ersten Moment schön gewesen, sagte sie. Erst dann tat sich der Blick in die Hölle auf: Die Gesichter der Menschen sind geschwollen und es war nichts Menschliches mehr an ihnen zu erkennen. Ihre Mutter beugte sich schützend über sie. Als sie nach zwanzig Jahren Leiden an den Folgen dieses Tages starb, hörte die Tochter die Glasscherben, die ihre Mutter abgefangen hatte, in der Urne scheppern – und beschloss, als Überlebende vor Besuchern Zeugnis zu geben.

Origami Kranich
Dann stand ich mit „meinen“ Oes im Museum vor einem steinernen Hauseingang, auf dem noch der Schatten eines Menschen zu erkennen war. Der saß dort am Morgen des 6. August 1945, bis ihn die Bombe auslöschte. Dieser Schatten symbolisiert für mich die schiere Gewalt von Atombomben. Und deswegen habe ich es im ersten Moment hilflos, sinnlos, lächerlich empfunden, dass man in Hiroshima mit Origami-Papierkranichen, auch wenn es Zigtausende sind und es immer mehr werden, gegen eine derartige Macht anzukämpfen versucht. Mittlerweile denke ich anders. Das verdanke ich meinen Oes in Hiroshima, die mir drei Tage lang gezeigt haben, was der Dichter so beschreibt: „Weich ist stärker als hart. Wasser ist stärker als Fels. Liebe ist stärker als Gewalt.“

Friedenspark und Gedenkstätte in Hiroshima
Republik Palau

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Die Chelbacheb-Inseln ragen wie grün bewachsene Pilzköpfe aus Kalkstein aus dem Wasser: Tunnel, Höhlen und Seen haben sich im porösen Stein mit Welterbe-Status gebildet. Gemeinsames Schwimmen mit Millionen Quallen ist dort eine Touristenattraktion.
| Fläche: | 459 Quadratkilometer, so groß wie Andorra |
| Einwohner: | 17.661, ein Viertel von Andorra |
We are family
Palau ist ein wunderbares Land mit wundervollen Menschen, für die Politik Familiensache ist. 2016 wurde Präsident Tommy Remengesau bei der Wahl von seinem Schwager Surangel Whipps herausgefordert. Whipps warb mit einem Neubeginn nach der zwölfjährigen Präsidentschaft seines Schwagers. Erst nach Auszählung der Briefwahlstimmen setzte sich Remengesau mit lediglich 264 Stimmen Vorsprung durch. Der Gewinner sprach von einem „bittersüßen Sieg“ und sagte gegenüber „Agence France-Presse“: „Verwandte sollten nicht gegeneinander antreten. Für mich war das die härteste und emotionalste Wahl. So etwas sollte niemand durchmachen müssen.“ Ob sich seine Hoffnung erfüllte, Schwester und Schwager den Sieg mit ihm feierten, wurde von den Korrespondenten nicht mehr berichtet.

Chelbacheb-Inseln
Am 15. Dezember 1994, einem Donnerstag, billigte die UN-Vollversammlung eine Empfehlung des Weltsicherheitsrats und Palau wurde zum 185. Mitgliedsstaat der Vereinten Nationen und zum unabhängigen Staat Republik Palau. Zuvor stand Palau 47 Jahre lang unter Verwaltung der USA. Von 1899 bis 1919 waren die 356 Inseln, von denen die meisten nicht größer als ein Dorfplatz sind, deutsches Schutzgebiet. Bauwerke aus dieser Ära gibt es keine mehr. Einziges koloniales Überbleibsel ist der „German Channel“, eine ins Riff gesprengte Fahrrinne, die den Wasserweg zwischen dem Umschlaghafen in Koror und der Insel Angaur verkürzte, wo man seinerzeit Phosphat abbaute. Heute wird der Kanal von Tauchern geschätzt. Die Chancen, dort bei Unterwasser-Ausflügen einem Mantarochen zu begegnen, sollen gut sein.

Sonnencreme-Verbot zum Schutz der Korallenriffe
Wieder am Strand, sollte man besser den Schatten suchen. Palau verbietet als erstes Land der Welt bestimmte Sonnencremes, um seine Korallenriffe zu schützen: „An jedem beliebigen Tag gelangt an den beliebten Tauch- und Schnorchelorten von Palau literweise Sonnencreme in den Ozean“, erklärte ein Regierungssprecher. Das 2020 in Kraft tretende Verbot bezieht sich auf Sonnenschutzmittel mit chemischen Wirkstoffen wie Oxybenzon, Octocrylen und Parabene, die in den meisten Standardmarken enthalten sind. Schon in geringen Mengen bringen diese Stoffe die empfindlichen Korallen zum Absterben, warnen wissenschaftliche Studien. Einfuhr oder Verkauf dieser Sonnencremes sollen mit umgerechnet bis zu 880 Euro bestraft werden. Weitere Urlaubsziele wie Hawaii wollen ähnliche Gesetze einführen.
Palau setzt auf nachhaltigen Tourismus. Urlauber müssen bei der Einreise ein Versprechen unterzeichnen, die Umwelt zu respektieren. Der Pazifikstaat ist auch Vorreiter im Kampf gegen den Haifang, errichtete 2009 die erste Hai-Schutzzone. Präsident Johnson Toribiong, Vorgänger von Remengesau, sagte: „Das Überleben der Haie und das unserer Meere ist wichtiger als eine Schüssel Suppe.“ Fangboote, die mit Haien oder Haifischflossen erwischt werden, müssen mit hohen Strafen rechnen, drohte er. Ob das die Haijäger einschüchtert, bleibt abzuwarten. Die Schutzzone ist so groß wie Frankreich und das Land besitzt erst ein Patrouillenboot.
Republik Korea

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Kein Essen ohne Kimchi als Beilage – rund 22 Kilogramm des zum immateriellen Kulturerbe erhobenen scharf gewürzten Gemüses isst ein Südkoreaner im Jahr.
| Fläche: | 100.210 Quadratkilometer, ein wenig kleiner als Island |
| Einwohner: | 51.700.000, mehr als 150-mal so viele wie Island |
Die Leiden des jungen Jong
Südkorea ist ein wundervolles Land mit wundervollen Menschen, die von klein auf einem hohen Leistungsethos folgen (müssen). Um 9 Uhr früh sitzen die Schüler der Myung-Duk Fremdsprachen-Oberschule im Südwesten Seouls bereits zwei Stunden in ihren Klassen. Schulschluss ist um 22 Uhr. Danach geht es noch immer nicht heim, erzählt der Schüler Jong seinem ungläubig dreinschauenden Visavis aus Österreich. Dann folgen noch ein, zwei Stunden Unterricht in einem privaten Lerninstitut: „Vor ein Uhr nachts kommt kaum einer von uns nach Hause.“ Nur am Sonntag sei es weniger streng: Da fange der Unterricht erst (!) um zehn Uhr an und höre schon (!) um 20 Uhr auf.

Von 7 Uhr bis 22 Uhr sitzen die Kinder in der Schule.
Der 15-Jährige hatte an diesem Vormittag Deutschunterricht. Ein Fach, in dem sich Jong leicht tut. Sein Vater war Techniker bei Korean Airlines und einige Jahre mitsamt Familie in Zürich stationiert. Jong spricht fließend Deutsch mit Schweizer Akzent. Die Rückkehr nach Korea sei ihm nicht leicht gefallen: „Die Schulsysteme sind völlig verschieden, in der Schweiz war es schon lockerer, hier heißt es immer nur: Du musst! Du musst! Du musst!“ Der Grund für das „Muss“ ist im „Su-neung“, dem koreanischen Abitur, zu sehen, dessen Noten bestimmen, wer an welcher Universität studieren darf. Um dabei so gut wie möglich abzuschneiden, besuchen die Schüler nach dem regulären Unterricht noch Hagwons – das sind Nachhilfe-Institute, in denen man gezielt auf den großteils aus Multiple-Choice-Fragen bestehenden Su-neung vorbereitet wird. „In der Schweiz habe ich denken gelernt“, kommentiert Jong seine unterschiedlichen Schulerfahrungen, „hier wird nur auswendig gelernt.“

Kimchi: scharf eingelegtes Gemüse
Im internationalen Vergleich schneidet dieses Schulsystem jedoch hervorragend ab: Südkorea belegt regelmäßig Spitzenplätze im Pisa-Vergleich. Als Grund dafür nennen Pisa-Experten die enge Verknüpfung von hohen Anforderungen an die Lernenden mit einer rigiden Evaluierung durch Tests sowie der große private Einsatz an Zeit und Geld von Kindern und Eltern. Den wenigen, denen Elan und Disziplin fehlen, wird mit dem von den Eltern erwünschten „Rohrstaberl“ nachgeholfen.
Jongs Berufswunsch lautet Rechts- oder Staatsanwalt. Die erste Hürde auf diesem Weg konnte er nehmen: Als einer von 22 Bewerbern schaffte er die Aufnahme in die Myung-Duk-Oberschule. Jetzt fehle ihm nur noch eine gute Universität, sagt Jong: „Dann bin ich frei.“
Wobei das mit der Freiheit generell und besonders in Südkorea so eine Sache ist. Nehmen wir an, Jong schafft es ins Justizministerium. Dann wird er bei Sommerhitze von der Stadtverwaltung aufgefordert in kurzen Hosen zur Arbeit zu kommen, damit die Klimaanlagen weniger Strom fressen. Im Winter ist es umgekehrt: Da wird zum Stromsparen die Standardtemperatur in Verwaltungsgebäuden auf 18 Grad gedrosselt. Der jeweilige Staatspräsident geht dann mit gutem Beispiel voran und animiert Jong dazu, warme Unterwäsche zu tragen. Und dieser denkt an seine Schulzeit und lächelt milde über das lebenslange „Du musst!“
Demokratische Republik Timor-Leste

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Ursprünglich gehörten die steilen und hohen Dächer zu den traditionellen Reliquienhäusern, Uma Lulik genannt. Doch der Baustil der Fataluku ist zum Nationalsymbol und Vorbild für moderne Gebäude wie den Präsidentenpalast geworden.
| Fläche: | 14.918 Quadratkilometer |
| Einwohner: | 1.183.643 |
Asiens Mandela
Osttimor ist ein wunderbares Land mit wundervollen Menschen, die auch der UNO zu einer ihrer größten und weiteren kleinen Erfolgsgeschichten verholfen haben. Letzter Anlass zu Stolz und Freude bei den Vereinten Nationen lieferte 2018 die Beilegung eines jahrzehntelangen Streits zwischen Australien und Osttimor über den Verlauf ihrer Seegrenze. „Dieses Ereignis ist historisch“, sagte UN-Generalsekretär Antonio Guterres bei der Unterzeichnungszeremonie des Vertrags. Die Einigung sieht vor, dass die Einnahmen aus dem Gasfeld Greater Sunrise, immerhin geschätzte vierzig bis fünfzig Milliarden Dollar, zwischen den beiden Staaten geteilt werden. Für Osttimor, eines der ärmsten Länder Asiens, eine willkommene Budgetspritze, um die das Land lange kämpfen musste. Noch länger dauerte der Kampf der ehemaligen portugiesischen Kolonie um die Unabhängigkeit vom Besatzer Indonesien. 2002 wurde dieses Ziel mithilfe eines UN-Mandats und unter dem Schutz von UN-Friedenstruppen erreicht.
Die Schlüsselfigur für den Freiheitskampf als auch für die Beilegung des Konflikts und die Demokratisierung des Landes ist Xanana Gusmao, der „Nelson Mandela Osttimors“. 1981 übernahm er die militärische Führung der Rebellenorganisation Falintil. Seine Entschlossenheit, seine List und sein Organisationstalent verschafften ihm den Ruf eines „Robin Hood“-gleichen Heldens. „Die Menschen beten ihn als Führungspersönlichkeit an, als ein Symbol der nationalen Einheit“, sagt ein damaliger Wegbegleiter. 1992 wurde er verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt. Obwohl ihn die indonesische Führung als kaltblütigen Mörder abstempelte, wurde er zu Indonesiens populärstem politischen Gefangenen. Er nutzte die Zeit, um malen zu lernen, Gedichte zu schreiben und mindestens vier Sprachen zu lernen, darunter Indonesisch und Englisch. Als 1997 Südafrikas Präsident Nelson Mandela Indonesien besuchte, traf er sich in einem Aufsehen erregenden Schritt mit Gusmao und forderte dessen Freilassung. 1999 kehrte Gusmao im Triumph in seine Heimat zurück.
So entschlossen er als Rebell war, so zögerlich gab er sich als Präsidentschaftskandidat. Mehrfach beteuerte er, lieber Kürbisbauer oder Fotojournalist zu werden. Schuld daran sei ein Schwur, den er als Guerilla-Anführer geleistet habe, erklärte Osttimors Friedensnobelpreisträger, Premier und Präsident José Ramos Horta: „Er versprach seinen Leuten, dass er niemals Präsident werden würde.“ Damit wollte er den Verdacht im Keim ersticken, dass die blutigen Kämpfe, in die er seine Männer führte, eigenen Ambitionen dienten. Seine Zögerlichkeit half nichts, Gusmao wurde erster Präsident von Timor-Leste. Danach übernahm er während eines weiteren Aufruhrs im Land das Amt des Krisenmanagers und Premierministers. Und auch wenn er nicht selbst kandidiert, ist Gusmao nach wie vor der Königsmacher, sagt Tomas Pinto von Osttimors Nationaluniversität: „Wen auch immer Herr Xanana unterstützt, wird gewählt. Alle anderen sind nur zur Unterhaltung da.“

Friedensnobelpreisträger: Xanana Gusmao

Uma Lulik: traditionelle Reliquienhäuser
Demokratische Volksrepublik Korea

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Die Arirang-Spiele sind von über 100.000 Menschen aufgeführte Massentänze im Stadion „Erster Mai“ in Pjöngjang. Präzise choreografiert, werden dabei Episoden aus der revolutionären Vergangenheit und tollen Gegenwart gezeigt.
| Fläche: | 120.538 Quadratkilometer, halb so groß wie Großbritannien |
| Einwohner: | 24.052.231, ein gutes Drittel von Großbritannien |
Fernnähe
Nordkorea ist ein wunderbares Land mit wundervollen Menschen, die durch einen Eisernen Vorhang von ihren südkoreanischen Geschwistern getrennt sind. Deswegen diente im Grenzort Panmunjom am 38. Breitengrad ein Fernglas nicht dazu, in die Ferne zu schauen, sondern die Nähe auf Distanz zu halten. Ein US-Begleitoffizier deutete mit seinem Zeigefinger an die Stirn, als der nordkoreanische Grenzsoldat, drei Meter vom südkoreanischen Visavis und zehn Meter von der Besuchergruppe entfernt, ein Binokel an seine Augen führte. Was er von den Nordkoreanern hält, fasste der Amerikaner in einem Wort zusammen: „Crazy!“ Am nächsten Tag bei einem Pressegespräch im Außenministerium in Seoul sah man das Verhältnis zum nördlichen Nachbarn differenzierter: „Nordkoreas Situation ist außergewöhnlich, die stecken in einer existenziellen Krise, da kann man nicht erwarten, dass sie sich normal verhalten.“

Grenzübergang zwischen Nord- und Südkorea
Verrückt? Normal? Irgendwo dazwischen spielte sich auch die Visite im vier Kilometer breiten Niemandsland zwischen Nord-und Südkorea ab: Rund 170.000 Besucher reisen pro Jahr eine gute Autostunde von Seoul an, um zwischen Panzerabwehr-Wällen, Minenfeldern und Sicherheitszäunen einen Blick auf die „Achse des Bösen“ zu werfen. Ein Falke, der über den Reisfeldern kreiste, war der einzige, den die Infrastruktur dieser institutionalisierten Feindschaft nicht tangierte – ihm schmeckten die Mäuse und Hasen hüben und drüben der Demarkationslinie. Mit dieser Haltung kommt er der Wahrheit dieser Grenze wohl näher als alle Besucher, die der Grusel-Ästethik auf dem Leim gehen und sich gerne einen Konflikt vorspielen lassen, den es trotz regelmäßiger Drohgebärden des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-un so nicht mehr gibt.

Massentänze während der Arirang-Spiele
Von der Annäherung der beiden Koreas profitieren vor allem die seit Jahrzehnten getrennten Tausenden Familien in Nord und Süd. Wer zu Familienbegegnungen nicht nach Pjöngjang reisen darf, erhält vom Roten Kreuz die Möglichkeit von Videokonferenzen. Das Erste, was dabei auffällt, sind die großen Schachteln mit Papiertaschentüchern zum Tränentrocknen auf jedem Tisch.
Der 95-jährige Lie kommt mit seinen Söhnen in die mit Kamera und TV-Schirm ausgestattete Kabine im Rot-Kreuz-Gebäude von Seoul. Die beiden älteren Kinder von Herrn Lie blieben während der Kriegswirren in Nordkorea zurück. Als die beiden ihren Vater sehen, verbeugen sie sich. „Seid ihr meine Kinder?“, fragt er in die Kamera. „Ja, Vater, grüß dich!“, antwortet die Tochter. „Es ist alles meine Schuld, ich bitte um Vergebung, dass ich euch nicht rechtzeitig geholt habe“, sagt Lie. Dann reden sie über die Familie: Wer ist gestorben? Wer geboren? – und als die zwei Stunden Gesprächszeit um sind, gehen Vater in Süd- und die Kinder in Nordkorea winkend auseinander. Für die Zukunft sind sie optimistisch – so wie der 65-jährige Nordkoreaner Park Un-Jin, der zu seiner 85-jährigen Mutter aus dem Süden sagte: „Du musst bis zur Wiedervereinigung leben, damit wir wieder zusammen sein können.“
Republik China (Taiwan)

Die Republik China war UN-Gründungsmitglied; 1971 verlor sie die Mitgliedschaft an die Volksrepublik China. Noch 17 Staaten, in Europa nur der Vatikan, erkennen das Land offziell an.
Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Die Stöckelschuh- oder Aschenputtel-Kirche ist eine beliebte Hochzeitskirche. Der Bau aus blauem Glas erinnert an die Opfer der Schwarzfuß-Krankheit in den 1950er-Jahren, den Betroffenen mussten oft die Füße amputiert werden.
| Fläche: | 36.179 Quadratkilometer, halb so groß wie Irland |
| Einwohner: | 23.574.274, fünfmal so viele wie Irland |
Politische Kalligrafie
Taiwan ist ein wunderbares Land mit wundervollen Menschen, die wieder die Schönschrift schätzen lernen und ihre kalligrafischen Kunstwerke in den sozialen Medien verbreiten. Dass ausgerechnet ein Web-Trend via Smartphone und Computer zu einem Boom in Taiwans Schreibwarenhandel führt, erscheint auf den ersten Blick als Anachronismus. Doch im ganzen Land gäbe es einen steilen Anstieg im Verkauf von Füllern, Tintenpatronen und -fässern, schreibt Taiwan-Korrespondentin Yu-Tzu Chiu. Handgeschriebene Briefe oder Karten erzeugten mehr Wärme in der Kälte des digitalen Zeitalters, in dem sich die Kommunikation oft gehetzt anfühle, lautet eine Motivation dahinter. „Mit dem Füller gute Gedichte, Zitate oder buddhistische Lehrsätze abzuschreiben, ist für mich nicht nur eine Gelegenheit, meine Handschrift zu verbessern, sondern auch, Achtsamkeit oder Meditation zu üben“, zitierte Chiu einen Schönschreiber. Im Schreibwarengeschäft von TY Lee im Zentrum Taipehs kann man seine Handschrift verbessern. Schönschrift sei wie passende Kleidung, ist Lees Überzeugung. Mit ein paar Tipps könne sich jeder zu seinem Vorteil verändern. Chinesisch schreiben ist nicht leicht: „Für den täglichen Umgang brauchen wir rund 3000 traditionelle chinesische Schriftzeichen – sowohl einfache als auch komplexere.“ Besonders leid tun Lee hochrangige Funktionäre, die bei den traditionellen Feiern zum Beginn des Mondjahres öffentlich Reime aufschreiben müssten und dabei durch ihre mangelhafte Schreibfähigkeit auffielen.

Aschenputtel-Kirche in Taiwan
Taiwan, das zu den größten Wirtschaftsnationen weltweit zählt, besticht gleichzeitig auch als Kulturnation. Die Insel hat ein lebendiges Theater. Das weltweit größte Zentrum für darstellende Künste wurde unlängst in der südtaiwanesischen Hafenstadt Kaohsiung eröffnet. Und „Taiwan hat als einziger demokratischer Staat in der chinesischsprachigen Welt einen Wert an sich“, betonte Ketty Chen von der „Taiwan Foundation for Democracy“ in einem Interview mit der Wiener „Presse am Sonntag“. Der Druck „von unserem Nachbarn“ ist für alle Taiwanesen deutlich spürbar, beschrieb Chen das Verhältnis zur Volksrepublik: Seien es die Versuche Pekings, die letzten 17 diplomatischen Alliierten abzuwerben, Taiwans Aktivitäten in internationalen Organisationen und Sportwettbewerben einzuschränken, Taiwans Tourismus mit Reisebeschränkungen zu torpedieren oder offene militärische und politische Einschüchterungsversuche. „Wenn du nicht tust, was Pekings politische Führung will, dann wirst du wirtschaftlich bestraft“, nennen das andere: „Sie stecken Politiker auf der ganzen Welt in den ökonomischen Schraubstock. Sie tun dies schon seit Jahren, und es funktioniert.“ Auch Chen kenne keinen Taiwanesen, sagte sie, der keine guten wirtschaftlichen Beziehungen zum Festland wolle. Aber für einen Großteil gebe es eine rote Linie: „Sie wollen ihre demokratische Lebensweise wahren.“ Eine schöne Linie, eine Art kalligrafische Politiklinie.

Taiwanesische Kalligrafie
Republik der Philippinen

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Man nennt sie die „Treppe zum Himmel“ – die Reisterrassen der Ifugao im Bergland der Hauptinsel Luzon. Vor 2000 Jahren angelegt, sind sie heute in Gefahr zu verwaisen und auszutrocknen.
| Fläche: | 343.448 Quadratkilometer, ein wenig kleiner als Deutschland |
| Einwohner: | 106.512.000, über 20 Millionen mehr als Deutschland |
Mordindustrie
Die Philippinen sind ein wunderbares Land mit wundervollen Menschen, die sich im Krieg befinden. Es wird nicht gegen ein anderes Land gekämpft, nein, seit dem Amtsantritt von Präsident Rodrigo Duterte 2016 befinden sich die Philippinen im Bürgerkrieg. Der Präsident nennt es Drogenkrieg – das Ergebnis ist jedoch das Gleiche: Je nach Quelle beläuft sich die Zahl der Toten zwischen 5000 und 25.000. Innerhalb von einem halben Jahr wollte Duterte „seinen“ Krieg gewinnen. Mittlerweile verlängerte er die Mobilmachung ohne Rücksicht auf Verluste auf seine sechsjährige Präsidentschaft. Gern prahlt Duterte damit, als Bürgermeister der Großstadt Davao selbst „etwa drei“ mutmaßliche Drogenkriminelle erschossen zu haben. In einem Amnesty-Bericht ist von einer regelrechten „Mordindustrie“ die Rede. Polizisten würden aus einer schwarzen Kasse für „Begegnungen“ bezahlt – ein Begriff zur Vertuschung von Tötungen ohne jede juristische Grundlage.

Treppe zum Himmel
International wird Duterte wegen dieses kompromisslosen Kurses kritisiert. Auf den Philippinen ist die Kritik noch verhalten. Lediglich die Mütter der Opfer, Menschenrechtsorganisationen und Kirchenvertreter wagen es, dem Präsidenten Paroli zu bieten. Eine breite Mehrheit steht nach wie vor hinter Duterte – obwohl sein Krieg weder Drogenhandel noch Drogenkonsum spürbar beikommen konnte.

Kathedrale von Präsidenten-Kritiker Bischof David
Bernardo Mondragon, Projektleiter und Gründer der philippinischen NGO Child Alert, weiß warum: Dutertes Politik behandle lediglich die Symptome: „Er verfolgt Kriminelle und macht dabei aber auch vor Kindern nicht halt“, sagte der Kinderschutzaktivist im „APA“-Interview: Dutertes Maßnahmen seien zwar schnell und beeindrucken viele, die Probleme werden aber nicht gelöst. Und diese seien Armut und soziale Verwahrlosung.
Schärfster Kritiker von Duterte auf den Philippinen ist Bischof Pablo Virgilio David. Zu seiner Diözese gehören die ärmsten Quartiere Manilas, wo man die meisten Erschießungen zählt. Drogenkonsum und -handel seien in erster Linie Symptome von Arbeitslosigkeit, Verzweiflung und Armut, wird der Bischof in der „Neue Zürcher Zeitung“ zitiert. Er setzt deshalb auf Rehabilitationsprogramme, die wiederum der Drogenkrieg torpediert: Wer sich als drogensüchtig outet, schwebt in Lebensgefahr.
Auch den Bischof nahm der Präsident bereits ins Visier, drohte ihm öffentlich, er werde ihm wegen Drogenhandels den Kopf abschneiden. Seither sind die Wachen vor der Kathedrale verschärft und der Bischof etwas vorsichtiger geworden. Auch Dutertes Aufruf, die nutzlosen katholischen Bischöfe umzubringen, nehme man in der Kirche durchaus ernst, sagt der Bischof und fügt hinzu: „Unser Land wird von einem sehr kranken Mann geführt.“ Der NZZ-Korrespondent hörte „fast Mitleid für Duterte“ aus diesen Worten. Angst könne man sich nicht leisten, lautet die Parole des Bischofs. Das sage er auch seinen Priesterseminaristen: „Wer Angst hat, ist am falschen Ort und sollte besser austreten.“ Und wer keine Angst hat? Der zieht in den Krieg.
Volksrepublik China

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Die echte Pekingente, über Obstbaumholz bernsteinbraun gegrillt, gibt es laut Feinschmecker-Urteil nur in Chinas Hauptstadt. Das Rezept stammt aus der Ming-Dynastie. Die Enten werden speziell gemästet und an jeder Bewegung gehindert, damit ihr Fleisch zart und die Haut dünn wird.
| Fläche: | 9.596.960 Quadratkilometer, dreimal so groß wie Indien |
| Einwohner: | 1.395.380.000, 50 Millionen weniger als Indien |
Science Fiction
China ist ein wundervolles Land mit so vielen wundervollen Menschen wie kein anderes Land der Welt. Ein Land, das den Ende der 1950er-Jahre von Staatsgründer Mao Zedong verordneten und damals gescheiterten „Großen Sprung nach vorn“ mittlerweile institutionalisiert hat. Nicht politisch, aber sonst werden alle Bereiche der Gesellschaft kapitalisiert und das Wort „unmöglich“ aus dem chinesischen Sprachschatz gestrichen. So verpflanzten chinesische Forscher im April 2019 menschliche Gene in Affenhirne. Die Ergebnisse zeigten, dass mit menschlichen Genen versehene Affen „das Potenzial haben, wichtige – und womöglich einzigartige – Einblicke in Grundsatzfragen zur Einzigartigkeit des menschlichen Gehirns zu liefern“, schrieben die Studienautoren. Von elf Rhesusaffen überlebten fünf den Test. Die „Vermenschlichungs“-Versuche wurden weltweit kritisiert. Der Vorwurf lautet, die Studie wecke Erinnerungen an das Science-Fiction-Abenteuer „Planet der Affen“.

Rhesusaffen – noch ohne menschliche DNA
Das der innovativste Science-Fiction-Autor der Gegenwart ein Chinese ist, überrascht in diesem Zusammenhang nicht: Mit seiner „Trisolaris-Trilogie“ hat Cixin Liu einen Genre-Meilenstein gesetzt, jubelt die Kritik: Der Autor mische die Themen Physik, Sekten, virtuelle Realität und Politik gekonnt über mehrere Handlungsstränge mit den Schicksalen seiner Figuren. Ebenfalls das Science-Fiction-Genre nutzte die Schriftstellerin und Regisseurin Xiaolu Guo für ihren Roman „Ein Ufo, dachte sie“, in dem sie China auf Kollisionskurs beschreibt. In dieser Satire auf den Fortschrittsglauben in China prallt ein Ufo auf die Vorschriften der chinesischen Obrigkeit. „Mir ist wichtig, das Leben junger Menschen und die politische Situation im heutigen China aufzuzeigen“, sagt Guo. Ihre Position lautet: „Bewahre dir deine Besonnenheit und höre nicht auf Propaganda, weder die chinesische noch die westliche. Ich will für mich stehen, verdammt!“

Tenzin Tsundue
Unabhängigkeit fordert auch Tenzin Tsundue. Der Schriftsteller und Freiheitskämpfer ist das Gesicht des jungen tibetischen Widerstands gegen die chinesische Besatzung. Erst wenn Tibet frei ist, will er sein rotes Stirnband wieder abnehmen, erklärt er bei einem Treffen in einem Wiener Kaffeehaus sein Outfit. Und auf die Frage, wie er dieses Ziel erreichen wolle, antwortet er: „Hitler hat ganz Europa überfallen – haben die besetzten Völker aufgegeben? Nein! Großbritannien war jahrhundertelang die unumschränkte Kolonialmacht Indiens – hat das Gandhi von seinem Freiheitskampf abgehalten? Nein! Sie alle hofften, es wird eine Zeit kommen, in der sich die Wahrheit durchsetzt. Die Idee von Freiheit hängt immer mit dieser Hoffnung zusammen. Wir haben unsere Unabhängigkeit verloren, unsere Leute sitzen in chinesischen Gefängnissen, leiden, sterben … Trotzdem haben wir nicht den Frieden in uns verloren. Wir vertrauen weiterhin auf die Kraft der Wahrheit – dadurch sind wir innerlich frei und können immer noch lachen. Und das heutige China fürchtet nichts mehr als Freiheit in jeder Form.“
Sultanat Brunei Darussalam

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Vor dem Start der „Royal Brunei Airlines“ segnet ein Prediger vom Videoband, die Position Mekkas wird angezeigt und während des Flugs der Koran rezitiert.
| Fläche: | 5765 Quadratkilometer, doppelt so groß wie Luxemburg |
| Einwohner: | 418.000, zwei Drittel von Luxemburg |
Reich und grausam fromm
Brunei ist ein wunderbares Land mit wertvollen Menschen – und einem reichen Sultan. Wie reich? Sehr reich, so reich, dass er auf der Versandliste des Pirelli-Kalenders ganz oben steht. Was macht Sultan Hassanal Bolkiah, der im Frühjahr 2014 das islamische Scharia-Strafrecht in seinem Land einführte und auch sonst keine Gelegenheit auslässt, Brunei im Sinne der Staatsideologie „Melayu Islam Beraja“ auf einen strammen malaysisch-islamischen Kurs zu bringen, mit dem exquisitesten Erotik-Kalender der Welt? Wahrscheinlich hat der Sultan nur vergessen das Abo zu kündigen. Es ist noch gar nicht lange her, da soll er auch mehr auf Shakira als Scharia gestanden haben, und mehr Play- als Prayboy gewesen sein.
Das gehört in seiner Familie zur Tradition: Sultan Mohamed soll im 15. Jahrhundert während einer Seereise zu den Philippinen eine islamische Prinzessin entführt haben; er heiratete sie und wurde von ihr zum Islam bekehrt. Die Tochter seines Nachfolgers nahm einen Araber zum Mann, den Vor-Vorvater der bis heute regierenden Sultane. Die ihr Faible für schöne Frauen verbindet. Außerdem wird sich im Sultanspalast Istana Nurul Iman, der mit seinen 1788 Zimmern dreimal so groß ist wie Buckingham Palace, doch wohl noch eine versteckte Wand für diese Kalender und seine schönen Bilder finden. Den Raum aber gut zusperren! Schon einmal provozierte ein Reifenhersteller Proteste in Brunei. Die japanische Firma musste 300 Autoreifen zurückrufen. Das Profil der Reifen soll Koran-Versen geglichen haben, was die Religionsbehörde als Beleidigung des Islam verurteilte.

Auch in diesem Flugzeug wird der Koran rezitiert.

Palast des Sultans: Istana Nurul Iman
Brunei wird aus gutem Grund das „Kuwait des Fernen Ostens“ genannt: viel Erdöl, sehr reich, heiß und genauso langweilig. Alkohol ist tabu, von Nachtleben keine Spur. Nicht-Muslime dürfen für den privaten Konsum zwei Flaschen Hochprozentiges und zwölf Dosen Bier einführen. Der Weiterkauf mit einem Aufschlag von bis zu dreihundert Prozent beschert Gastarbeitern, meist katholischen Philippinern, gute Geschäfte. Im Nachbarland Malaysia reiben sich Barleute, Händler und Hoteliers die Hände, wenn Zigtausende Bruneier über die Grenze kommen und das Vergnügen suchen.
Einen Bogen um alles, was dem Sultan von Brunei gehört, macht George Clooney.
Und er rief dazu auf, seinem Beispiel zu folgen und die weltweit an den edelsten Adressen residierenden neun Luxushotels des Sultans zu meiden. Anlass für den Boykott war das Inkrafttreten barbarischer Strafgesetze Anfang 2019, wonach Homosexuellen die Todesstrafe durch Steinigung droht. Dieben soll die Hand und bei Wiederholungstätern auch noch ein Bein abgeschnitten werden. Auf Vergewaltigung, Raub oder Gotteslästerung steht ebenfalls die Todesstrafe. UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet bezeichnete die Strafen als „grausam und unmenschlich“. Die Frage ist bloß, ob den reichen Sultan der Boykott seiner Hotels wirklich weh tut. George Clooney sollte vielleicht besser einmal mit der Abo-Abteilung des Pirelli-Kalenders reden.
Mongolischer Staat

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Jährlich im Juli findet das Nationalfest „Naadam“ oder „Die drei männlichen Spiele“ statt. Ringkampf, Bogenschießen und Pferderennen stehen auf dem Programm und entgegen dem Namen nehmen auch Frauen teil – nur nicht beim Ringen, da ist der Dresscode oben ohne.
| Fläche: | 1.564.116 Quadratkilometer, halb so groß wie Indien |
| Einwohner: | 3.031.330, ein 440stel von Indien |
Dicke Luft
Die Mongolei ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Menschen, von denen sich – Überraschung! – die Frauen auf der Überholspur befinden. Die Mongolinnen dominieren die Universitäten. Verschiedene Statistiken beziffern ihren Anteil auf sechzig bis achtzig Prozent der Absolventen. Die US-Wissenschaftlerin Linda Benson nannte das Phänomen in der Mongolei eine „umgedrehte Kluft zwischen den Geschlechtern“. Uyanga Tsogtsaikhan von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Ulaanbaatar erklärte im „dpa“-Interview: „Viele Eltern fanden die Bildung ihrer Töchter lange Zeit sehr wichtig. Bei ihren Söhnen denken sie, dass sie auch ohne Universitätsabschluss eine Arbeit finden können.“ Zwar ändere sich diese Einstellung, aber aus dieser Generation hätten viele Männer nun große Probleme, adäquate Jobs zu finden. Die Kommunisten hätten die Gleichberechtigung glorifiziert und ein Stück weit das Selbstbewusstsein der Männer zerstört, schreibt der Mongolei-Autor Carl Robinson: „In der heutigen Zeit haben sich Frauen noch weiter durchgesetzt. Jungen sollten sich zu Hause um die Tiere kümmern, während Mädchen höhere Bildung bekamen.“

Ringerwettkampf beim Naamdam
Einzig die Politik im Land würde trotz Quote noch männlich dominiert, sagt Mongolei-Experte Julian Dierkes von der University of British Columbia. Für die schlechteren Chancen der Männer in der Privatwirtschaft hat er eine andere Erklärung: „Es gibt viele Arbeiten, die mongolische Männer schlicht und einfach nicht in Erwägung ziehen. Auf Englisch sind das die drei Ds: dangerous, dreary, dirty – gefährlich, langweilig, dreckig.“
Apropos Dreck, Überraschung zwei: Agence-France-Presse-Korrespondent Anand Tumurtogoo beschreibt in einer Reportage aus dem Frühjahr 2018 Ulaanbaatar als die schmutzigste Hauptstadt der Welt. Laut Messungen der Vereinten Nationen überholte die Hauptstadt der Mongolei – was die Luftverschmutzung anbelangt – sogar die Mega-Metropolen Neu-Delhi und Peking. Vor allem in den Jurten der Armenviertel nutzen die Bewohner der kältesten Hauptstadt der Welt noch Kohleöfen zum Heizen und Kochen. Im Winter mit Temperaturen bis zu minus vierzig Grad legt sich ein dichter, graubrauner Nebel auf die Stadt, der vor allem Kinder und Schwangere gefährdet. Am 30. Januar 2018 überstieg die Luftverschmutzung in Ulaanbaatar den von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgesetzten Grenzwert um das 133-fache.

Ulaanbaatar, die wohl schmutzigste Staat der Welt
Die dicke Luft lässt den Handel mit skurrilen „Lungentees“ und „Sauerstoffcocktails“ boomen. Die WHO empfiehlt statt diesen teuren Placebos die schmutzigen Kohleöfen durch sauberere Alternativen zu ersetzen. 2017 gab Regierungschef Ukhnaa Khurelsukh stattdessen die Verteilung von Luftreinigern im Wert von 1,3 Millionen Euro an allen Schulen in Auftrag. Viele sehen darin eher eine Quersubventionierung von Unternehmen und weniger eine Maßnahme zur Verbesserung der Luftqualität. Umwelt-Aktivist Tumendalai Davaadalai ist sicher recht zu geben, wenn er meint: „Luftreiniger geben keinen Sauerstoff ab wie Pflanzen.“
Republik Indonesien

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
„Tau Tau“ sind nach dem Abbild eines Verstorbenen geschnitzte Holzfiguren. Sie werden vom Volk der Toraja auf der Insel Sulawesi vor den Gräbern aufgestellt. Berufe in der „Tau Tau“-Fertigung dürfen nur von bestimmten Menschen ausgeübt werden.
| Fläche: | 1.904.569 Quadratkilometer, dreimal so groß wie Frankreich |
| Einwohner: | 255.461.700, viermal so viele wie Frankreich |
Dampfwalzen-Islam
Indonesien ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Menschen. Das Land besteht aus rund 17.000 Inseln und ist mit mehr als 190 Millionen Wählern die drittgrößte Demokratie der Welt. Knapp neunzig Prozent der Indonesier sind Muslime. Indonesien ist damit das bevölkerungsreichste muslimische Land und bekannt für seine moderate Form des Islams. Sowie als Beispiel, dass Islam und Demokratie durchaus miteinander vereinbar sind. Seit einiger Zeit gewinnen jedoch radikale Kräfte an Einfluss.
In einer öffentlichkeitswirksamen Aktion in Jakarta rollte während des islamischen Fastenmonats Ramadan im Frühjahr 2019 eine Dampfwalze über rund 18.000 Flaschen illegal hergestellten Alkohols: „Die Aufgabe der Gemeinschaft ist es, die Nachfrage zu senken“, kommentierte Bürgermeister Anies Baswedan die Aktion. Während des Ramadans stellen die Behörden regelmäßig die Zerstörung großer Mengen Alkohol zur Schau, um Muslime vom Trinken während des Fastenmonats abzuhalten. Der Alkoholkonsum wäre Muslimen eigentlich ganzjährig verboten. Die meisten indonesischen Muslime leben aber eine tolerantere Auslegung ihres Glaubens. Alkohol ist zudem in Bars und Nachtclubs der größeren Städte sowie in Touristengegenden wie Bali verfügbar.

Der Nikab ist in Indonesien umstritten.
Neben dem Alkohol ist der Gesichtsschleier ein umstrittenes Thema in Indonesien, berichtet „ dpa“-Korrespondent Ahmad Pathoni. Vor zehn Jahren, schreibt er, war der Nikab, der schwarzen Schleier, der von einem Frauengesicht nur den Augenschlitz freilässt, noch die große Ausnahme. Muslimische Frauen in Indonesien tragen üblicherweise ein Kopftuch, das die Haare, nicht aber das Gesicht bedeckt. Inzwischen ist aber auch in Indonesien eine kleine, jedoch wachsende Minderheit Frauen dazu übergangen, nur noch mit Nikab auf die Straße zu gehen „Heute erntet man kaum noch verdächtige Blicke“, sagt Nikab-Trägerin Juanita Vyatri, die in ihrem Beruf Apps für Mobiltelefone entwickelt: „Ich glaube, dass das die Leute hier inzwischen akzeptieren.“
Korrespondent Pathoni widerspricht: „Die Frage, ob Frauen in der Öffentlichkeit ihr Gesicht verhüllen dürfen oder nicht, sorgt immer wieder für Debatten.“ Indonesien versteht sich als ein säkularer Staat. Unter anderem der Nikab ist jedoch ein Indiz, dass religiöse Fundamentalisten an Einfluss gewinnen. „Das scheint harmlos zu sein. Aber wir sollten uns darüber bewusst werden, welches Gedankengut damit verbreitet wird“, sagt der Schüler Yahya Cholil Staquf in dem dpa“-Bericht. Deshalb sollte der Nikab im öffentlichen Raum verboten werden: „Man muss die Leute erkennen können.“ Nikab-Trägerinnen setzen sich stattdessen offen zur Wehr, dass sie zum Symbol für eine vermeintliche Radikalisierung des Landes gemacht werden. Staatspräsident Joko Widodo ist um Beruhigung bemüht und versichert: „Der Islam war in Indonesien stets friedlich und tolerant. Daran wird sich nichts ändern. Pluralismus gehört zu unserer DNA.“ Die Ernennung eines konservativen Geistlichen zu seinem Vizepräsidenten war dann wohl eine Genmanipulation

Gräber geschmückt mit Tau-Tau-Holzfiguren
Sozialistische Republik Vietnam

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Der Ho-Chi-Minh-Pfad, nach dem nordvietnamesischen Präsidenten benannt, war während des Indochinakrieges und des Vietnamkrieges ein wichtiges Wegenetz. Um die Wege von der Luft aus zu erkennen, wurde zur Entlaubung „Agent Orange“ gesprüht.
| Fläche: | 331.690 Quadratkilometer, vergleichbar mit Finnland |
| Einwohner: | 95.415.000, mehr als 17-mal so viele wie Finnland |
Atheismus light
Vietnam ist ein wundervolles Land mit wundervollen Menschen, denen auch Jahrzehnte des Kommunismus ihre religiösen Traditionen und Bräuche nicht austreiben konnte. So ziehen Vietnamesen jeden Alters kurz vor „Tet Nguyen Dan“ dem Fest des neuen Jahres nach dem Mondkalender, zu den Brücken ihres Landes und werfen Goldfische in die Flüsse. „Wir glauben, dass der Küchengott die Fische nach oben in den Himmel bringt“, erklärte eine 17-Jährige den Brauch der Deutschen Presse- Agentur: „Deshalb kauft sich jede Familie ein paar Goldfische und lässt sie im Fluss frei. Damit sie im neuen Jahr Glück hat.“ Das Aussetzen der Fische ist nur eines von vielen Ritualen – erstaunlich für ein Land, das mit Religion offiziell nur wenig anzufangen weiß, wundert sich der Auslandskorrespondent.

Vietnamesische Neujahrstradition: Goldfische aussetzen
Offiziell firmiert der kommunistische Einparteienstaat unter den Ländern mit dem geringsten Anteil gläubiger Menschen. Achtzig Prozent gehören keiner Religion an, elf Millionen sind Buddhisten, sechs Millionen Katholiken, eine Million Protestanten. Das hält die Vietnamesen aber nicht davon ab, in den Tagen vor Tet die alten Bräuche zu pflegen. Dazu gehört auch, kleine Pfirsich- und Mandarinenbäumchen zu kaufen. Ihre Blüten sollen „blühende Zeiten“ bescheren; die Mandarinen stehen wiederum für Fruchtbarkeit. Ein Grund dafür, sie gerne an junge Paare zu verschenken.

Pfirsichblüten sollen blühende Zeiten bringen.
Nguyen Minh Thuyet, früherer Vorsitzender des Kultur-Ausschusses der Nationalversammlung, sagte im dpa-Gespräch: „Die Vietnamesen glauben immer noch an die Rituale von Tet. Und zwar mehr noch als früher.“ Ob jemand gläubig ist oder nicht, spiele keine Rolle: „Das ist ein gemeinschaftliches Ereignis für alle.“ Die Kommunistische Partei toleriert mittlerweile die alten Praktiken, die sie früher abschaffen wollte. Thuyet sieht die Rituale nicht nur positiv. Für ihn sind die Bräuche Ausdrucksmittel eines zunehmenden Materialismus im neuen Wirtschafts-Tigerstaat: „Früher haben die Leute für ihre Gesundheit gebetet. Jetzt beten sie auch für mehr Geld und für ihre Karriere.“
Oder für einen Ehepartner. Im konservativen Vietnam entwickeln sich Schein-Hochzeiten zum boomenden Geschäft: Unverheiratete schwangere Frauen buchen beispielsweise Schauspieler für inszenierte Trauungen, um der sozialen Ächtung als ledige Mutter zu entgehen. „Meine Eltern hätten die Schmach als erste zu spüren bekommen“, erklärte eine Betroffene die Beweggründe. Deshalb fingierte sie eine Hochzeit. Die Kosten von 1500 Dollar bezahlte der mit einer anderen Frau verheiratete Vater ihres ungeborenen Kindes. Nach der Geburt wird sie die Trennung von ihrem Alibi-Mann spielen. Eine geschiedene Mutter zu sein, ist immer noch besser, als ein uneheliches Kind zu haben. Auch Paare geben Tausende Dollar aus, um den Erwartungen ihrer Familien und der Gesellschaft zu entsprechen und heiraten zum Schein. Und fürs echte Glück wird beim nächsten Tet der Küchengott mit einem besonders schönen Goldfisch bestochen.
Königreich Kambodscha

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Angkor Wat ist der größte Tempelkomplex der Welt und das nationale Symbol des Landes. Das macht Kambodschas Staatsflagge zur einzigen weltweit, auf der ein Gebäude abgebildet ist.
| Fläche: | 181.040 Quadratkilometer, halb so groß wie Deutschland |
| Einwohner: | 16.076.000, ein Fünftel von Deutschland |
Entwaffnend
Kambodscha ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Menschen, die sich trotz Pol Pots „Steinzeitkommunismus“ und den Gräueltaten seiner Roten Khmer ihr unbeugsames Naturell, ihren ansteckenden Optimismus und ihr Lächeln erhalten konnten. Sowie eine pragmatische Sicht der Dinge, gepaart mit viel Lebensweisheit.
Als David de Beer anfing, auf seinen Chauffeur und seinen Dolmetscher zu hören, wurde seine Mission ein Erfolg: 2002, im Jahr der ersten freien Wahlen nach Jahrzehnten Bürgerkrieg, schickte ihn die EU ins Chaos. Der Niederländer sollte Kambodscha entwaffnen, ein Land mit mehr Waffen als Reiskochern.
Das offizielle Entwaffnungs-Handbuch legte de Beer schnell zur Seite, „das war viel zu technisch“, sagte er bei einer Begegnung in Wien; er vertraute lieber auf seine lokalen Begleiter, „die waren meine besten Berater“. Als er nach vier Jahren das Land verließ, gab es mehr Ordnung und Sicherheit und 150.000 Klein- und Leichtwaffen weniger. Der Begriff „Small Arms and Light Weapons“ ist irreführend. Schweres Kriegsgerät kommt nicht annähernd an die tödliche Effizienz der Kleinwaffen heran: 85 bis 90 Prozent aller verwundeten und getöteten Menschen in Konflikten und nach Konflikten werden mit Klein- und Leichtwaffen angegriffen. Über die Hälfte dieser Waffen gehören Rebellen, Milizen, Klein- und Großkriminellen …
„Sicherheit ist der Schlüssel zum Erfolg von Entwaffnungsprogrammen“, sagt David de Beer. „Erst wenn die Menschen Vertrauen haben – in den Staat, in die Gesetze, in die Gerichte, in die Polizei – sind sie bereit, ihre Waffen abzugeben.“ Deswegen müssen Entwaffnungsprogramme im legislativen sowie exekutiven Bereich ansetzen. Die Exekutive in Kambodscha war, wie so oft in Post-Konfliktländern, unterbezahlt; die Polizisten waren deswegen nur am Vormittag Polizisten, danach besserten sie sich mit nicht immer legalen Diensten ihr Gehalt auf. Auf Anregung seiner lokalen Berater organisierte de Beer Trainings für die Frauen der Polizisten. Gemüseanbau, Geflügelzucht und Handwerk wurden unterrichtet. So konnten sie das Familieneinkommen aufbessern und die Männer sich ganz ihrer Polizisten-Tätigkeit widmen – mehr Sicherheit, mehr abgegebene Waffen waren die Folge. „Wir haben nie für einzelne Waffen bezahlt“, sagt de Beer, „sondern immer in Projekte investiert, die dem ganzen Dorf zugutekamen.“ Frühere Entwaffnungsprogramme kauften den Menschen ihre Waffen einfach ab. Mit der Folge, dass Waffen billig aus den Nachbarländern importiert und für gutes Geld an die internationalen Entwaffner verkauft wurden.

Angkor Wat ...
Mehr Erfolg hatte da schon de Beers zweite Entwaffnungs-Coup: Der Mentalität der Kambodschaner entsprechend organisierte er Waffenzerstörungsfeiern mit Volksfestcharakter. Tausende Gewehre, Pistolen und Revolver wurden zu Scheiterhaufen aufgetürmt und angezündet. „Die eingeschmolzenen Waffenberge haben noch Tage später geglüht“, erzählt de Beer: „Wir konnten mit eigenen Augen sehen, wie die Welt um uns herum Stück für Stück sicherer wurde.“

... ist der größte Tempelkomplex der Welt.
Republik Singapur

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Die Lingua franca Singlisch ist eine Mischung aus Englisch, Malaiisch, Mandarin, Tamil, dem chinesischen Dialekt Hokkien sowie Bengali und Kantonesisch.
| Fläche: | 719 Quadratkilometer, doppelt so groß wie Malta |
| Einwohner: | 5.607.300, 13-mal so viele wie Malta |
Glückliche Toiletten
Singapur ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Menschen, die stolz auf ihr Image als blitzsaubere Stadt sind und jede Verschmutzung ahnden. So wurde ein Taxifahrer wegen Pinkelns in der Öffentlichkeit zu umgerechnet 510 Euro Strafe verurteilt. Der Mann hatte in höchster Not seine Notdurft hinter einem Stromkasten verrichtet. Andere Taxifahrer beobachteten ihn, notierten das Autokennzeichen und zeigten ihren Kollegen an. Bestraft wird auch das Spucken auf der Straße. Jahrelang war sogar der Verkauf von Kaugummi verboten.

Blitzsaubere Skyline von Singapur
Auch was seine öffentlichen Toiletten betrifft setzt Singapur höchste Maßstäbe. Das Umweltministerium des Stadtstaats initiierte die Aktion „Happy Toilet“, bei der die öffentlichen Toiletten wie Hotels mit ein bis fünf Sternen bewertet werden. „Wir verbringen fast drei Jahre unseres Lebens auf dem Klo“, erklärte eine Broschüre die Relevanz der Aktion. Die vergebenen Sterne gelten für ein Jahr. Lässt der Standard der Toilette nach, kann die Auszeichnung wieder abgenommen werden. Ab drei Sternen steigt ein Klo in die Kategorie „Happy Toilet“ auf.
Im Durchschnitt suchen Menschen sechsmal täglich eine Toilette auf. Freilich nur jene, die das Glück eines Klosetts haben, das sanitäre Mindeststandards erfüllt. Ein Drittel der Erdbevölkerung, zweieinhalb Milliarden Menschen, hat nur eine verdreckte oder gar keine Toilette zur Verfügung. Auf der Erde sind heute mehr Mobiltelefone im Einsatz als Toiletten, die diese Bezeichnung auch verdienen – umgekehrt wäre es besser, stiller in jedem Fall.
Gegen dieses Übel und um diesem fundamentalen menschlichen Bedürfnis dem Status eines Menschenrechts zu geben, hat der Unternehmer Jack Sim 2001 in Singapur die World Toilet Organisation gegründet. Und Sim hat mit seinem Toiletten-Lobbying absolut recht. Hygienische Toiletten sind eine Notwendigkeit und ein Menschenrecht. Sie geben Würde und ermöglichen die jedem Menschen zustehende Intimität. So still es am Stillen Ort sein soll, so laut muss für seine Etablierung überall und für alle lobbyiert werden. Dieser Ort ist ein Kulturgut. Am ärgsten ist die sanitäre Misere in Indien und südlich der Sahara; große Bevölkerungsteile müssen in diesen Regionen ihre Notdurft im Freien verrichten. Fäkalien geraten ins Trinkwasser und machen dieses zur Brutstätte „wasserbürtiger Krankheiten“: Magen-Darm-Leiden, Durchfall, Parasitenbefall … Der Begriff „Notdurft“ bekommt hier eine lebensbedrohliche Zuspitzung.
Jack Sim und sein Abort-Lobby-Verein haben mittlerweile erreicht, dass auch die Vereinten Nationen die Bedeutung des Klos für die Menschheit würdigen und das Menschenrecht auf einen menschenwürdigen Abtritt im Rahmen ihrer Millennium-Entwicklungsziele universal durchsetzen wollen. Der jährliche Welttoilettentag am 19. November wurde mit dem UN-Gütesiegel aufgewertet. Sims Standardantwort auf Schmunzeln und Stirnrunzeln lautet: „Man darf kurz darüber lachen, aber dann sollte man das Thema ernst nehmen.“

World Toilet Day 2016 in Singapur
Demokratische Volksrepublik Laos

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Eines der geheimnisvollsten Tiere wird ab und zu in Laos gesichtet: das Vietnamesische Waldrind, Saola. Es ist so mysteriös, dass es mit Einhörnern verglichen wird – obwohl es zwei Hörner hat.
| Fläche: | 236.800 Quadratkilometer, so groß wie Rumänien |
| Einwohner: | 7.038.000, ein Drittel von Rumänien |
Glücksschlange
Laos ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Menschen und einem fürchterlichen Kriegserbe. So wie Bosnien-Herzegowina auch Jahrzehnte nach dem Jugoslawienkrieg mit Landminen verseucht ist, lauern in Laos bald fünfzig Jahre nach dem Vietnamkrieg immer noch mehrere Millionen Streubomben auf ihre Opfer.
Streubomben verteilen viele kleinere Sprengsätze über große Flächen. Was nicht explodiert, bleibt als Blindgänger im Boden und kann Jahre später noch explodieren. Die Opfer werden getötet oder schwer verstümmelt. Oft sind es Kinder, die arglos mit den Sprengsätzen spielen oder beim Fußballspielen oder auf dem Schulweg in eine Sprengfalle laufen. Die allermeisten Opfer dieser heimtückischen Waffen waren immer schon Zivilisten.

In Laos befinden sich noch Millionen Blindgänger von Streubomben im Boden.
Laos war Rückzugsgebiet von vietnamesischen Dschungelkämpfern in den 1960er-Jahren. Während ihres Bombenkriegs warf die US-Luftwaffe mehr als zwei Millionen Tonnen Bomben über Laos ab. Dreißig Prozent davon explodierten nicht, darunter Schätzungen zufolge achtzig Millionen Streubomben. Zigtausende Menschen wurden seither durch diese Bomben getötet oder verletzt. Nur ein Prozent des betroffenen Gebiets ist bisher vollständig geräumt. Bei einem symbolträchtigen Besuch in Laos 2016 nannte US-Präsident Barack Obama die amerikanische Unterstützung dabei eine „moralische Verpflichtung“. Nachdem die USA in den zwanzig Jahren zuvor hundert Millionen Dollar zur Räumung nicht explodierter Bomben zur Verfügung stellten, bedeutete Obamas Zusage von neunzig Millionen Dollar für drei Jahre ein großes Plus an Sicherheit.
Bis zum Jahr 2030 soll es weltweit keine Blindgänger von Streubomben mehr geben. Darauf verständigten sich 2016 die mehr als hundert Mitgliedstaaten der Streubomben-Konvention. Die 2008 verabschiedete und 2010 in Kraft getretene internationale Konvention ächtet die Verwendung, die Herstellung, den Handel und die Lagerung dieser Waffen. Insgesamt 24 Länder und drei weitere Gebiete sind noch von Blindgängern kontaminiert. Neben Laos ist der Irak am stärksten betroffen. Das langfristige Ziel ist die völlige Abrüstung dieser Waffen – ein sehr langfristiger Wunsch, denn in aktuellen Konflikten verstreuten russische Kriegsbomber über Syrien und saudische Kriegsbomber über dem Jemen ihre tödliche Fracht.

Nagas vor einem Tempel in Laos
Da trifft es sich zumindest für Laos gut, dass man ein ungewöhnliches Reptil, das einer Schlange mit Beinen ähnelt, entdeckte und als Glücksbringer in einen Tempel brachte. Ein Bauer hatte das Tier in der Nähe seiner Reismühle gefunden, berichtete der Mönch Douang Inthavimane der Zeitung „Vientiane Times“. Das Tier soll während der buddhistischen Fastenzeit im Tempel in einem Käfig zur Schau gestellt werden, erinnere es manche doch an einen Naga, ein als Gott verehrtes schlangenähnliches Tier aus der Mythologie. Nach überliefertem Glauben bringe es der Nachbarschaft Glück, wenn ein starkes Tier im Tempel lebe. Da wünscht man Laos, dass noch viele solcher Glücksschlangen gefunden werden.
Malaysia

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Für die arbeitsintensive Ernte der rund 700 Millionen Kokosnüsse pro Jahr werden gerne Affen eingesetzt; voll ausgebildete Tiere pflücken bis zu 800 Kokosnüsse am Tag.
| Fläche: | 330.290 Quadratkilometer, ein wenig größer als Norwegen |
| Einwohner: | 31.164.000, sechsmal so viele wie Norwegen |
Müll-Karussell
Malaysia ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Menschen, die sich gegen die ungebremste Einfuhr von Plastikmüll wehren. „Malaysia wird nicht die Müllhalde der Welt sein“, kündigte Umweltministerin Yeo Bee Yin eine radikale Politikänderung an: Der Müll werde „ohne Gnade“ dorthin zurückgeschickt, wo er herkomme, sagte sie bei einer Pressekonferenz in Port Klang, dem größten Hafen des Landes. Malaysia lasse sich nicht von den Industrieländern unter Druck setzen: „Wir verlangen den Stopp dieser Müll-Lieferungen.“ Ein Blick in die Statistik erklärt das rigorose Vorgehen: Seit 2016 verdreifachte sich die Einfuhr von Plastikabfällen nach Malaysia. Allein 2018 wurden laut Regierungsangaben 870.000 Tonnen Plastikmüll ins Land gebracht.
Das Umweltministerium in Kuala Lumpur bewies auch gleich, dass es seine Ankündigung ernst meinte: 450 Tonnen Plastikabfälle in zehn Containern wurden zurückgeschickt – unter anderem nach Australien, Saudi-Arabien, Bangladesch, China, Japan, in die USA, nach Kanada und Spanien. Sie waren gefüllt mit „verunreinigten, nicht sortenreinen, nicht recycelbaren Plastikabfällen minderer Qualität“. Umweltministerin Yeo sagte, es werde bis Jahresende dauern, das Problem in den Griff zu bekommen. 150 illegale Recyclinganlagen seien bereits geschlossen worden.

Ausgebildete Affen ernten Kokosnüsse.
Der Grund für den massiven Anstieg der Plastikmüll-Exporte nach Malaysia oder anderer Länder Südostasiens war die Entscheidung Chinas, mit Jahresbeginn 2019 kein gebrauchtes Plastik aus anderen Ländern mehr zu verarbeiten. Am 11. Mai 2019 schlossen nach zwölftägigen Beratungen von 1400 Delegierten 180 Länder bei einem UN-Treffen in Genf einen Pakt im Kampf gegen Kunststoffmüll und unterzeichneten ein Abkommen zur Regulierung des Exports von Plastikmüll: Demnach können Entwicklungsländer die Annahme von Importabfall künftig ablehnen, und Plastikabfälle sollen nur noch frei gehandelt werden, wenn sie gereinigt und gut sortiert sind und sich recyceln lassen. Für den Export anderer Plastikabfälle soll künftig weltweit eine Zustimmung der Behörden der Export- und der Importstaaten erforderlich sein. Der Export schlecht recycelbarer Abfälle aus der EU in Entwicklungsländer soll ab 2021 untersagt werden.

Malaysia schickt Müll-Lieferungen zurück.
„Für Kunststoffabfälle ist die Tür nach China zwar zu, aber Recyclate für die kunststoffverarbeitende Industrie sind begehrt – auch in China“, kommentierte Thomas Probst vom Deutschen Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung den chinesischen Plastikmüll-Importstopp. In der Größenordnung wie China wird es keine Alternativen zur Entsorgung geben, sagte Probst voraus: „Der Export von Kunststoffmüll hat keine Zukunft, und das ist auch gut so.“ Und er schloss die für alle Staaten vernünftige Forderung an: „Wie die Nutzung von Papier aus Altpapier heute selbstverständlich ist, muss auch die Nutzung von Kunststoffprodukten aus Recyclaten zukünftig selbstverständlich sein. Jeder sollte heute schon nach Produkten mit Recyclat-Anteil suchen.“
Königreich Thailand

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Die geselligen Schweinsnasenfledermäuse gibt es nur in Thailand und Myanmar. Sie sind die kleinste Fledermausart und mit der Etruskerspitzmaus das kleinste Säugetier der Welt. Ihre Kopf- Rumpf-Länge ist 33 Millimeter, und sie wiegen zwei Gramm.
| Fläche: | 513.115 Quadratkilometer, ein wenig größer als Spanien |
| Einwohner: | 67.959.359, ein Drittel mehr als Spanien |
Liebe in Zeiten der Schocktherapie
Thailand ist ein wundervolles Land mit wundervollen Menschen. Und einem wundersamen König Rama X., von dem sein Volk nicht viel weiß, außer dass er sehr reich ist und die meiste Zeit des Jahres am Starnberger See in Bayern lebt. Dann gibt es eine noch wundersamere Königin Sudhita, von der das Volk noch weniger weiß, außer dass sie die vierte Frau des Königs ist, als Stewardess arbeitete und es bis zur Vize-Kommandantin der königlichen Garde brachte. Bei der Krönungszeremonie ihres Mannes im Mai 2019 wurde ihr offiziell der Titel der Königin verliehen. Damit legitimiere der König seine Herrschaft weiter, sagte ein Politikexperte von der thailändischen Naresuan-Universität: „Ein König sollte eine Königin haben, und nun hat er eine.“
Zu dieser Geschichte wie aus dem Märchen passt, dass der längste gemessene Kuss den Thailändern Ekkachai und Laksana Tiranarat 2013 bei einem Event in Pattaya gelang: 58 Stunden, 35 Minuten und 58 Sekunden – wenn das nicht Liebe ist!
Eine schöne Geschichte über das Gernhaben und Zusammenhalten im wahrsten Sinne des Wortes – auch bestens als Vorbild für den thailändischen Nachwuchs geeignet. Der ist ansonsten sowieso mit schwarzer Pädagogik konfrontiert. Was anderswo die Drohung mit dem „schwarzen Mann“ ist, hört in Thailand auf den Namen „Si Quey“. Wenn Eltern drohen, dann muss seit Generationen dieser böse als Serienmörder und Menschenfresser verunglimpfte Mann aus China herhalten: Tu nicht dies, tu nicht das, geh nicht raus, komm lieber heim, „sonst holt dich Si Quey“.

König Rama X.
Der echte Si Quey holt aber schon lange niemanden mehr. Der Mann wurde am 17. September 1959 von einem Erschießungskommando hingerichtet. Sein Leichnam steht seither einbalsamiert in einem Glaskasten in Bangkoks Siriraj-Klinik, dem ältesten und größten Krankenhaus, in dem sich auch die Königsfamilie behandeln lässt. Für 200 Baht Eintritt (5,60 Euro) kann er besichtigt werden.

Der böse Mann Si Quey zum Anschauen
Über 10.000 Thais wollen diese Leichenbeschau jetzt nicht mehr dulden und unterschrieben eine Petition, damit der Tote endlich seine Ruhe bekomme. Auch Verbrecher hätten nach dem Tod Respekt verdient. Zudem sind Zweifel aufgetaucht, die Verurteilung des Chinesen könnte ein Justizirrtum und Si Quey „Opfer einer Gesellschaft, aufgrund von unbestätigten Gerüchten, aufgebauscht von den Medien“ gewesen sein. Die Klinik kündigte an, die Angelegenheit zu prüfen. Auf dem Glaskasten hinter Si Queys Namen wurde bereits der Zusatz „Ein Kannibale“ entfernt.

Die kleinste Fledermaus der Welt
Fortgesetzt wird jedoch das Projekt, Verkehrssünder zum Putzen ins Leichenhaus zu schicken. Thailand hat eine verheerende Unfallstatistik, meist ist Alkohol im Spiel. „Wir nennen das die Schocktherapie“, zitiert ein „dpa“-Bericht den Programmverantwortlichen. Kühlkammer und Autopsie-Raum müssen blitzblank geputzt werden. Und es wirkt. Zumindest beim 24 Jahre alten Computer-Fachmann Sontipop Temsongsai, der versprach: „Ich werde nie wieder etwas trinken. Nie wieder. So will ich nicht sterben.“
Republik der Union Myanmar

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
„Das größte Buch der Welt“ besteht aus 729 eng beschriebenen und in Stein gemeißelten Doppelseiten. Die Marmorplatten beschreiben das Leben und die Lehren Buddhas und stehen einzeln in den 729 Stupas der Kuthodaw-Pagode in Mandalay.
| Fläche: | 676.578 Quadratkilometer, doppelt so groß wie Norwegen |
| Einwohner: | 53.370.609, zehnmal soviel wie Norwegen |
Machtwechsel
Myanmar ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Menschen, die so wie alle Menschen und überall auf der Welt viel Gutes, Wahres und Schönes zuwege bringen, gleichzeitig nie davor gefeit sind, die Fratze der Unmenschlichkeit zu zeigen. Wie schnell dabei sogar eine Freiheits- und Menschenrechtsheldin vom Sockel stürzen kann, zeigt sich am Aufstieg und Fall der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. „Kommen Sie bitte in unser Land. Tauchen Sie ein in eine Atmosphäre voller Möglichkeiten“, warb sie als Myanmars Regierungschefin Anfang 2019 bei einer Veranstaltung in Rangun vor ausländischen Geschäftsleuten um mehr Investitionen. Ihre Regierung werde sich um einen „proaktiveren Ansatz“ bemühen, versprach sie als Gegenleistung. Auf die internationale Kritik wegen des brutalen Vorgehens der Armee gegen die muslimische Minderheit der Rohingya – die Vereinten Nationen sprechen von ethnischer Säuberung und Völkermord – ging sie nicht ein.

Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi
„Seit sie Regierungschefin ist, hat Myanmars Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi das Schweigen gelernt“, kommentiert „dpa“-Korrespondent Christoph Sator die Ignoranz angesichts massiver Menschenrechtsverletzungen gerade jener Frau, die jahrelang die Einhaltung dieser für sich und ihr Volk gefordert hat. Die UN-Ermittler werfen Suu Kyi vor, „weder ihre Rolle als Regierungschefin noch ihre moralische Autorität genutzt zu haben, um sich den Ereignissen entgegenzustellen“. Der Myanmar-Experte David Mathieson wählt den Vergleich mit einem Glücksspiel: „Der Militärchef trägt letztlich die Schuld an der Horrorshow in Rakhine. Aber Suu Kyi beteiligt sich jetzt aktiv daran, das unter den Tisch zu kehren. Die Militärs müssen glauben, dass sie in einer Lotterie gewonnen haben.“
Die härtesten Worte fand Yanghee Lee, UN-Sonderberichterstatterin zu Myanmar. Wegen ihrer Kritik wird sie nicht mehr ins Land gelassen. Doch Lee weiß wovon sie spricht: Seit 1992 verfolgt sie im UN-Auftrag die Menschenrechtslage in Myanmar. Aus ihrer Enttäuschung über Suu Kyi, mit der sie einmal auf derselben Seite stand, macht sie keinen Hehl: „Sie war noch nie eine Göttin der Menschenrechte. Sie war und ist eine Politikerin.“ Und Lee schließt nicht aus, dass die Nobelpreisträgerin sogar vor einem Internationalen Gerichtshof landen könnte – wegen Beteiligung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord. Andere nehmen Suu Kyi in Schutz, argumentieren, dass die Regierungschefin zur Zusammenarbeit gezwungen sei, wolle sie nicht auf der Todesliste von Radikalen enden – wie ihr Rechtsberater, der vergangenes Jahr erschossen wurde. In ihrer Dankesrede zur Verleihung des Sacharow-Preis des Europaparlaments 1991 sagte Aung San Suu Kyi: „Nicht Macht korrumpiert die Menschen, sondern Furcht.“ Das heißt in ihrem Fall, dass aus der einst Furchtlosen leider eine Mitläuferin und vielleicht sogar Getriebene geworden ist, die Mark Twain vergessen hat: „Die größte Macht ist das richtige Wort zur richtigen Zeit.“

Kuthodaw-Pagode in Mandalay
Volksrepublik Bangladesch

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Anderswo wären sie längst in einem Schifffahrtsmuseum. In Bangladesch fahren die vier Raddampfer „Rocket“ aus der Kolonialzeit noch heute auf den Flüssen zwischen Dhaka und Khulna im Westen des Landes – und sind Kult.
| Fläche: | 147.570 Quadratkilometer, doppelt so groß wie Irland |
| Einwohner: | 164.800.000, mehr als 34-mal so viele wie in Irland |
Ein Bier für mehr Fairness
Bangladesch ist ein wundervolles Land mit wundervollen Menschen, ohne deren Arbeit ein Großteil der Menschen nackt dastehen würde. Nach China produziert kein Land der Erde so viel Bekleidung wie Bangladesch. Gleichzeitig war die Bekleidungsindustrie in Bangladesch jahrelang das Synonym für unwürdige Arbeitsbedingungen, Hungerlöhne, verheerende Brände. Ein Wendepunkt war der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza 2013, bei dem 1135 Menschen ums Leben kamen.
Gut fünf Jahre nach dieser Katastrophe sei alles anders, besser, erklärte Textilfabrikant Mostafiz Uddin bei einer Informationsveranstaltung im Herbst 2018 in Salzburg: „Rana Plaza, das war Unglück und Segen zugleich. Ohne das Desaster hätte es keine Veränderung geben“, sagte Uddin im „APA“-Gespräch: „Es hat viele Verbesserungen beim Schutz der Arbeiter gegeben. Und die Zahl der Gewerkschaften hat sich in den vergangenen fünf Jahren vervierfacht.“ Die rund 4000 Textilfabriken mit 3,6 Millionen Beschäftigten, zwei Drittel Frauen, würden heute streng kontrolliert. „Der gesetzliche Mindestlohn hat sich seit dem Jahr 2012 von 37 auf 93 Dollar mehr als verzweieinhalbfacht“, zählte der Fabrikant einen weiteren Fortschritt auf.

Eingestürzte Textilfabrik Rana Plaza

Näherinnen fertigen Jeans.
Uddins Firma in der Hafenstadt Chittagong stellt ausschließlich Jeans her. 2000 Mitarbeiter nähen jeden Tag 12.000 Stück für den Export. Der Fabrikant hat seinen Betrieb auf einem Stahlgerüst gebaut, das bei Erdbeben Sicherheit bieten soll. Regelmäßig gibt es Brandschutzübungen und Sicherheitstrainings, die medizinische Versorgung für die Arbeiter sei frei. Abwässer würden geklärt und wiederaufbereitet, moderne Maschinen verringern Chemikalien- und Energieverbrauch und am Fabrikgelände ließ er 1500 Bäume pflanzen, um das Mikroklima zu verbessern.
Doch während die Mindestlöhne stiegen, sanken im gleichen Zeitraum die im Westen für seine Jeans erzielten Preise um sieben Prozent, kritisierte Uddin: „Alle reden heute über Mindestlöhne, faire Arbeitsbedingungen, Sicherheitsstandards und grüne Herstellung. Aber das ist nicht genug. Man muss über die Preise reden. Nachhaltigkeit kostet.“ Werde eine seiner Jeans um 29 Euro verkauft, bekomme er 8 Euro. „Kostet sie noch weniger, muss klar sein, dass sie nicht unter fairen und nachhaltigen Bedingungen produziert werden kann.“
In einer „dpa“-Reportage zum Jahrestag der Rana-Plaza-Katastrophe wird Bangladeschs Informationsminister Hasanul Haq Inu zitiert: „Wir haben die Kinderarbeit abgeschafft, Sicherheitsmaßnahmen eingeführt, in Umweltverträglichkeit investiert, das Arbeitsrecht verbessert“ – doch ausländische Auftraggeber würden nicht genug für Kleidung zahlen. Und ein Kollege von Textilfabrikant Uddin mit gleichem Namen, Nashir Uddin Mia, beklagte, dass die Kosten für Stoffe und Herstellung stiegen, die internationalen Handelskonzerne aber die Preise drückten und rechnete vor: „Wenn ein Konsument im Westen statt drei Bier nur zwei trinken würde, könnte er es sich leisten, einen Dollar mehr für ein Polohemd auszugeben.“
Königreich Bhutan

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Taktshang ist ein Kloster auf einer Höhe von 3120 Metern; Guru Padmasambhava, der den Buddhismus nach Bhutan brachte, soll im 8. Jahrhundert in einer Höhle beim „Tigernest“ drei Jahre, drei Monate, drei Wochen, drei Tage und drei Stunden meditiert haben.
| Fläche: | 38.394 Quadratkilometer, ein wenig kleiner als die Schweiz |
| Einwohner: | 727.145, weniger als ein Zehntel der Schweiz |
Sir Rutland sucht das Glück
Bhutan ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Menschen, die sich als Glückskinder weltweit einen Namen gemacht haben. Das Geld allein nicht glücklich macht, erfuhr der Brite Michael Rutland am eigenen Leib, als er 1970 nach Bhutan kam: Sein Geld war wertlos, da er sich dafür nichts kaufen konnte. Das Himalaya-Königreich hatte sich erst wenige Jahre zuvor ausländischen Besuchern geöffnet; Tauschhandel prägte das Wirtschaftstreiben. Rutland tauschte sein Mathematik- und Physik- Wissen für ein Leben am Königshof und unterrichtete den Kronprinzen.
1976 empfing Rutlands Schüler und zum vierten König avancierte Jigme Singye Wangchuck eine Gruppe Journalisten. Einer stellte die Frage nach dem Bruttoinlandsprodukt von Bhutan, wohl wissend, dass das Land zu der Zeit mit fünfzig amerikanischen Dollar das Weltschlusslicht in dieser Rangliste darstellte. Der König antwortete spontan: „Ich bin nicht sehr am Bruttoinlandsprodukt interessiert. Ich meine, wichtiger ist das Bruttonationalglück.“ Die Schlagfertigkeit des Königs schuf einen Begriff, der in der bhutanesischen Verfassung verankert und von seinem Sohn und Nachfolger König Jigme Khesar Namgyel Wangchuck übernommen wurde.

König Jigme Khesar Namgyel
Sir Michael Rutland betonte im Gespräch während seines Österreich- Besuchs mehrmals, dass Bhutan kein Paradies auf Erden sei. In die Nega-tivschlagzeilen geriet das Königreich wegen seiner Vertreibungspolitik gegen die nepalesische Minderheit. Rutland glaubte auch nicht, dass irgendeine Regierung der Welt Gesetze erlassen könne, die individuelles Glück garantieren. Die Politik solle jedoch versuchen, eine gesellschaftliche Leinwand aufzuspannen, auf der jeder und jede sein oder ihr individuelles Glück malen kann. Ironischerweise hatte Rutland ein Problem mit dem Wort Glück. Es stehe für eine triviale, schnelllebige Befindlichkeit. Er plädierte stattdessen für das Wort Harmonie als Beschreibung des bhutanesischen Gesellschaftskonzepts. Oft versuchte er den König zu überreden, den Begriff „Bruttonationalharmonie“ zu verwenden – ohne Erfolg.
Eine eigene Kommission prüft, ob die Pläne und Programme von Bhutans Staatsführung dem Bruttonationalglück zuträglich sind. Getragen wird dieses ganzheitliche Staatsglück von vier Pfeilern: eine sozial gerechte Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung, die Bewahrung und Förderung kultureller Werte, der Schutz der Umwelt und gute Regierungs- und Verwaltungsstrukturen. Rutland betonte aber noch zwei weitere Lehren aus seiner Wahlheimat: Erstens Bescheidenheit – in Bhutan, sagte Rutland, werde diese bis hinauf zum König praktiziert. Generell ist das Zurschaustellen von Überfluss in Bhutan verpönt. Das zweite bhutanische Prinzip lautet – und nicht nur der Ehren-Bhutaner Rutland wünscht dieser Einstellung einen weltweiten Siegeszug: „Nicht erst der Arbeitsplatz gibt den Menschen seinen Platz in der Gesellschaft. Deinen Platz hast du in Bhutan allein aus dem Grund, weil du da bist.“

Taktshang-Kloster
Demokratische Bundesrepublik Nepal

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Der sehr auf das Diesseits gerichtete Wahlspruch Nepals „Janani Janmabhumischa Swargadapi Gariyoshi“ heißt aus dem Sanskrit übersetzt „Das Mutterland ist mehr wert als das Königreich des Himmels“.
| Fläche: | 147.181 Quadratkilometer, zweimal so groß wie Irland |
| Einwohner: | 29.305.000, sechsmal soviel wie Irland |
Sherpa
Nepal ist ein wunderbares Land mit wundervollen Menschen. Der berühmteste von ihnen ist Tenzing Norgay, der Sherpa, der am 29. Mai 1953 gemeinsam mit dem Neuseeländer Edmund Hillary zum ersten Mal den Mount Everest bestieg. Sein Enkel Tashi Tenzing ist Bergführer und schaffte es wie sein Großvater auf den höchsten Berg der Erde. Zum 50. Jahrestag der Erstbesteigung ergab sich die Gelegenheit mit Tashi Tenzing über seinen Opa, den Everest, das Volk der Sherpa und Nepal zu reden.
Herr Tenzing, das Bergsteigen wird auch die Eroberung des Unnützen genannt. War die Erstbesteigung des Everest ohne Nutzen?
Tashi Tenzing: Hillary und Tenzing haben Unglaubliches geleistet, bis dahin Undenkbares denkbar, Unmögliches möglich gemacht. Ich glaube, dass die beiden mit ihrem Erfolg eine Inspiration für alle Menschen gewesen sind. So wie die großen Entdeckungen, so wie die großen Erfindungen, so wie die Mondlandung. Sie haben allem Menschen erneut gezeigt: Wo ein Wille ist, da ist ein Weg.

Edmund Hillary und Tenzing Norgay
Was bedeutet es für Sie, ein Tenzing zu sein?
Tashi Tenzing: Tashi Tenzing: Für mich ist es eine große Ehre, diesen Namen zu tragen. Ich wollte schon von klein auf immer in die Fußstapfen meines Großvaters treten. Ich will, dass er stolz auf mich ist. Ich will sein Erbe weitergeben. Dem Tenzing-Clan anzugehören bedeutet, mit den Sherpa und dem Himalaya, besonders dem Everest, verbunden zu sein. Was weiß der Rest der Welt über die Sherpa? Gepäckträger! Stimmt, und wir Sherpa sind stolz darauf, das Gepäck zu tragen. Mein Volk ist aus dem Nichts gekommen und konnte doch in den letzten Jahrzehnten bewundernswerte Träume erreichen. Sherpa haben nicht nur in der Bergsteigerei Herausragendes geleistet. Sherpa sind Rechtsanwälte, Ärzte und werden heute der Vielfalt des Lebens gerecht. Deswegen erzähle ich die Geschichte meines Großvaters, die Geschichte dieses Volkes, meine Geschichte. Und ich versuche zu zeigen, wo heute die Herausforderungen für die Sherpa liegen.

Mount Everest
Nach wie vor ist Nepal eines der ärmsten Länder der Welt. Sie arbeiten im Tourismus, ist das für Sie der Schlüssel zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes? Tashi Tenzing: Tourismus ist für jedes Land eine gute Sache. Und wir besitzen die besten Voraussetzungen dafür. Den Everest im Land zu haben, ist sicher ein immenser Vorteil. Hinzu kommt, dass die Nepalesen gastfreundlich sind, lebensfroh, fleißig und mit einem großen Herzen … Ich höre schon auf mit dem Selbstlob, aber ich bin mir sicher: Diese Menschen und diese Berge werden uns nach oben bringen.
Und die negativen Auswirkungen des Tourismus?
Tashi Tenzing: Natürlich hat auch diese Medaille zwei Seiten. Schnell wachsender Tourismus kann negative Nebenwirkungen mit sich bringen. Deswegen müssen wir mehr als in der Vergangenheit aufpassen. Wir erkennen heute, in welcher Gefahr unsere Wälder sind. Wir haben begonnen, unsere Berge vom Müll zu säubern. Das braucht Zeit und große Anstrengungen. Aber wir Sherpa haben den Everest bestiegen, wir schaffen auch diese Herausforderung
Demokratische Sozialistische Republik Sri Lanka

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Auf dem Gipfel des Adam‘s Peak steht ein Kloster, in dem sich ein 1,8 Meter langer Fußabdruck befindet, der als Fußabdruck von Buddha (Buddhisten), Shiva (Hindus), Adam (Muslime) oder dem Apostel Thomas (Christen) verehrt wird.
| Fläche: | 65.610 Quadratkilometer, so groß wie Litauen |
| Einwohner: | 20.877.000, sieben Mal so viele wie Litauen |
Schwarztee
Sri Lanka ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Menschen und dem wunderbaren Ceylon-Tee. Die Teeindustrie ist nach den Überweisungen von Exil-Sri-Lankern und Textilexporten die wichtigste Deviseneinnahme der Insel. Die 800.000 Arbeiterinnen und Arbeiter in den Teeplantagen spüren von den Profiten jedoch nichts. Rund 400 Rupien, umgerechnet 2,50 Euro, bekommen sie abhängig von der Pflückmenge pro Tag. Die Plantagenarbeiter stammen von Indern ab. Als die britischen Kolonialherren den Tee einführten, brachten sie Arbeitskräfte aus Südindien in die Kolonie Ceylon. Dort mussten die Migranten in Schuldknechtschaft arbeiten. Seit 1948 ist Sri Lanka unabhängig. Aber in den Teeplantagen hat sich kaum etwas geändert. „Strahlend schönes, königlich leuchtendes Land“, lautet die Übersetzung von Sri Lanka, das früher Ceylon hieß. Diese schwarze Seite der Teeinsel ist jedoch bei Teeliebhabern auf der ganzen Welt nur wenig bekannt.
„Ihre Vorfahren lebten während der britischen Herrschaft wie Sklaven, und diese Bedingungen herrschen leider noch immer“, zitiert eine „dpa“-Reportage den Gewerkschaftsführer S.P. Anthonymuttu. Der Rest des Landes habe sich verändert, aber die Plantagen nicht, lautete sein bitteres Resümee. Dies sei keine Sklaverei, aber durchaus eine extreme Abhängigkeit, machte Basil Fernando von der Asiatischen Menschenrechtskommission eine kleine Einschränkung: „Die Menschen gehören praktisch zur Plantage, sie kennen die Welt außerhalb nicht.“ Die Plantagenarbeiter stellten aber auch seiner Meinung nach eine der am meisten vernachlässigten Gruppen auf der Insel. Wenn Teepflücker die Plantage auf der Suche nach besserer Arbeit verlassen wollen, verlieren sie ihre Unterkünfte. Also bleiben die meisten. Hinzu kommt ein sprachliches Problem: Die Teearbeiter sind überwiegend Tamilen, sprechen Tamilisch statt dem vorherrschenden Singhalesisch.
Von 1983 bis 2009 kämpften die „Befreiungstiger von Tamil Eelam“ für einen unabhängigen tamilischen Staat im Norden der Insel. 100.000 Menschen starben während dieses Bürgerkriegs. Die Ursachen des Konflikts, vor allem die Vormachtstellung der singhalesischen Mehrheit, sind jedoch bis heute nicht beseitigt. Dazu kommt der Konfliktstoff Religion, angeheizt durch buddhistische Nationalisten. Ihre Zielscheiben sind Christen und vor allem Muslime.

Tee-Ernte
Seit dem Ende des Bürgerkriegs im Mai 2009 wurden in Sri Lanka jedoch keine Terroranschläge mehr verübt – bis zum 21. April 2019: An diesem Ostersonntag sprengten sich Selbstmordattentäter in drei überfüllten katholischen Kirchen des Landes in die Luft. Mit 320 Toten und mehr als 500 Verletzten zählten diese Attentate zu den mörderischsten seit 9/11. Der „Islamische Staat“ reklamierte die Anschläge für sich, verübt wurden sie von Einheimischen. Bleibt zu hoffen, dass die nach den Attentaten gemachte Analyse in der „ZEIT“ nicht Recht behält: „Es ist gut möglich, dass die wenigen Jahre des Friedens in Sri Lanka an diesem Ostersonntag zu Ende gegangen sind.“

Adam's Peak
Republik Indien

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Mit dem Holi-Fest begrüßt Indien den Frühling. Das „Fest der Farben“ findet zu Ehren des Hindu-Gottes Krishna statt. Ob jung oder alt, hohe oder niedrige Kaste, reich oder arm zählt nicht, man bewirft sich mit buntem Staub, tanzt und ist fröhlich.
| Fläche: | 3.287.469 Quadratkilometer, ein Drittel von China |
| Einwohner: | 1.339.180.000, fast genauso viele wie China |
Wenn Igel kuscheln
Indien ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Menschen, denen es bei ihrem Zusammenleben so geht wie allen Menschen, nämlich so wie Igeln in einer kalten Nacht: Um der Wärme willen drängen sie sich aneinander, stechen sich und rücken wieder voneinander weg. Diese Bewegung wird solange wiederholt, bis die optimale Position erreicht, die maximale Wärme bei minimalen Schmerzen garantiert ist. Diese in Arthur Schopenhauers Igel-Parabel beschriebene Balance zwischen Nähe und Distanz variiert von Kultur zu Kultur, schreiben Sudhir und Katharina Kakar in ihrem Buch „Die Inder – Porträt einer Gesellschaft“ (C.H.Beck). Anders als in der europäischen Gesellschaft, stellen der Psychoanalytiker und die Religionswissenschafterin fest, ist für Inderinnen und Inder „die optimale Position mit der Hinnahme größerer Schmerzen verbunden, um mehr Wärme zu erlangen“.

Holi-Fest zu Ehren Krishnas
Die Betonung der Verbundenheit allen Seins bestimmt den indischen Menschen, lautet das Fazit des auf Goa lebenden Autorenehepaars Kakar. In einem „ZEIT“-Interview erklärte Sudhir Kakar diese Verbundenheit: „In Indien wird der Körper nicht als geschlossenes System verstanden wie in Europa, wo alles Wichtige innerlich geschieht, der Körper also eine Festung ist, die gelegentlich Zugbrücken nach außen herunterlässt. Der indische Körper aber ist offen zu einer natürlichen, sozialen, spirituellen und kosmischen Umwelt hin.“ Dem Einwand, sie würden mit ihrem „Gesamtbild“ der Vielfalt von über einer Milliarde Menschen, mit zig Sprachen und Identitäten nicht gerecht, entgegnen Kakars damit, dass Indisch-Sein eine „Familienähnlichkeit“ darstelle, von der Indiens erster Premier Nehru meinte: „Die Einheit Indiens war für mich nicht nur ein politisches Programm, sie war eine emotionale Erfahrung, die mich überwältigte.“
Diese Einheit wird aktuell von Gewaltexzessen gegen religiöse Minderheiten und Frauen erschüttert. Für den indischen Jesuiten Francis D'Sa ist das Verrat am Geist Mahatma Gandhis: „Wie wir Christen Jesus vergessen haben, hat Indien Gandhi vergessen“, sagte er bei einem Treffen in Salzburg: „Soviel Gewalt! Würde Gandhi noch leben, er würde sagen: Ich bin kein Inder mehr! Diese alte Kultur hat mit einem Mal das Bekenntnis an die Gewaltlosigkeit aufgegeben. Natürlich ist das jetzt extrem formuliert, denn die Mehrheit der Inder ist nach wie vor für den Frieden. Doch die Extremisten in allen Lagern sind um so viele mehr und um so vieles stärker geworden.“
Und wie gelingt es in Indien und überall den Geist Gandhis neu zu beleben? D'Sa: „Kulturen müssen sich begegnen, damit sie bestehen können, damit sie sich weiter entwickeln können. Die Zeit, in der Kulturen wie Öl und Wasser gelebt haben, ist vorbei. Jede Kultur muss sich heute mit den Nachbarkulturen abgeben. Das geschieht nicht. In keiner Kultur in Indien geschieht das. Niemand hat etwas zu verlieren, wenn man mit den anderen in Dialog tritt. Der Weg des Friedens ist der Weg des Dialogs, der Weg der Verständigung, der Weg des Brückenbauens.“

Auch in Indien gilt: Der Weg des Friedens ist der Weg des Dialogs.
Kirgisische Republik

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Der Yssykköl im Tian-Shan-Gebirge ist nach dem Titicacasee der zweitgrößte Gebirgssee der Erde. Das „Herz des Tian Shan“ liegt auf 1607 Meter und gefriert trotz Temperaturen von minus zwanzig Grad im Winter nie. Der See besitzt mehrere Zuflüsse, aber keinen Abfluss.
| Fläche: | 199.900 Quadratkilometer, doppelt so groß wie Ungarn |
| Einwohner: | 6.256.700, zwei Drittel von Ungarn |
Steinreich arm
Kirgistan ist ein wundervolles Land mit wundervollen Menschen und riesigen Vorkommen an Gold, seltenen Erden und exklusiven Mineralien. Beispielsweise der Nevadait: Das Mineral bildet hellgrüne bis türkisfarbende Kügelchen und ist nur an zwei Orten weltweit zu finden: Im US-Bundesstaat Nevada und im Kara-Chagyr-Gebirge in Kirgistan. Wobei sich der Wert nicht daran bemisst, wie häufig ein Mineral vorkomme oder nicht, sagen die Experten: „Ein Mineral kann teuer werden, wenn der Bedarf dafür da ist.“ Bestes Beispiel ist der Best- und Longseller Gold. Geologen nennen die Region rund um Kirgisistan, Usbekistan und Tadschikistan auch „Tien Shan Gold Belt“. Das Vorkommen in diesem Goldgürtel beträgt 18 Millionen Unzen und zählt zu den reichsten der Welt.
Trotz seiner Bodenschätze zählt Kirgistan zu den ärmsten Ländern der Region – ein Schicksal, das es mit vielen reichen und trotzdem oder gerade deswegen armen Ländern teilt. Ein Drittel der jungen Bevölkerung ist arbeitslos, viele verdienen ihr Geld als Gastarbeiter in Russland. Die Volkswirtschaft ist von Auslandsüberwei sungen abhängig, rund dreißig Prozent des Bruttoinlandsprodukts schicken Auslandskirgisen in die Heimat. Gleichzeitig ist Kirgistan die einzige Ex-Sowjetrepublik in Zentralasien, die den Weg Richtung Demokratie eingeschlagen hat. Das relativ tolerante Politiksystem und die offene Gesellschaft locken aber Zuflucht suchende Extremisten aus den autoritären Nachbarländern Usbekistan, Tadschikistan sowie Afghanistan ins Land. Armut und weniger Überzeugung sei der Grund, warum sich junge Kirgisen freiwillig dem Islamischen Staat anschlössen, heißt es. Laut International Crisis Group folgten 2016 rund 500 Kirgisen dem IS. Neben der Armut sehen Experten die Wurzel zur Radikalisierung im maroden Bildungssystem, das die Jugend in ein Leben ohne Perspektiven entlässt.

Nevadait
2015 führten Demonstrationen mit der Forderung nach Teilverstaatlichung der Kumtor-Goldmine zum Rücktritt der Regierung. Diese hatte es nicht geschafft, sich mit dem kanadischen Eigentümer auf den Rückkauf von Staatsanteilen zu einigen. Die auf 4000 Meter liegende Kumtor-Mine ist die zweithöchste Goldmine der Welt und die größte Goldlagerstätte Zentralasiens. Sie sorgt für rund zehn Prozent der Wirtschaftsleistung im Land. Das kirgisische Parlament kritisierte, dass zu viele Gewinne ins Ausland fließen. Von den Minenbetreibern verursachte Umweltschäden trugen zusätzlich zur aufgeheizten Stimmung bei. Die auch einem britischen Mitarbeiter zum Verhängnis wurde. Sein abschätziger Facebook-Eintrag über eine lokale Delikatesse löste einen Bergarbeiterstreik aus. Der Mann musste das Land binnen 24 Stunden verlassen. Sein Vergehen: Er hatte die traditionelle Pferdefleischwurst Tschutschuk als „Pferdepenis“ bezeichnet. Dabei hatte er noch Glück: Wegen Mangels an Beweisen entging er einer Verurteilung wegen Anstachelung zu „ethnischem Hass“ und bis zu fünf Jahren Haft – bei Wasser und Tschutschuk.

Kumtor-Mine
Republik Malediven

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Das Frachtschiff „Maldive Victory“ rammte 1981 im Nord-Malé-Atoll ein Riff und sank. Besatzung und Passagiere konnten sich retten, Taucher plünderten die Fracht, vor allem Alkohol. Heute ist das Wrack ein beliebtes Ziel für Taucher.
| Fläche: | 298 Quadratkilometer, ein wenig kleiner als Malta |
| Einwohner: | 344.023, drei Viertel von Malta |
Zerstörungswut
Die Malediven sind ein wunderbares Land mit wunderbaren Menschen. Gleichzeitig ist die „Inselkette“, wie Malediven wörtlich übersetzt heißt, ein geteiltes Land: Urlaubsparadies zum einen, von Umstürzen, Korruption, Armut und islamischem Fundamentalismus geplagtes Eiland zum anderen. Die Parlamentswahlen im April 2019 gewann die Partei des kurz davor aus dem Exil zurückgekehrten Ex-Präsidenten Mohamed Nasheed. Bekannt wurde der Ozeanograf und Politiker für sein medienwirksames Auftreten während des Klimagipfels in Kopenhagen 2009, als er mit seiner Regierung zu einer Unterwasser-Kabinettssitzung abtauchte. Zwischenzeitlich hatte Nasheed unter der autokratischen Herrschaft von Präsident Abdulla Yameen jahrelang im Gefängnis gesessen. Yameen wurde 2018 abgewählt, wegen Geldwäsche und Unterschlagung angeklagt und verhaftet, und Nasheed kündigte an, das Land wieder in eine parlamentarische Demokratie umzuwandeln.
So weit so hoffnungsvoll, gleichzeitig ist in den vergangenen Jahren der Einfluss radikaler Islamisten stetig gewachsen. Die Touristen sind auf eigenen Inseln, in eigenen Resorts untergebracht, in denen oft Manager aus dem Westen und Gastarbeiter aus Bangladesch oder Sri Lanka arbeiten. Geduldet wird der Tourismus, weil er die wichtigste Einnahmequelle ist. Was in den Ressorts passiert, wird aber vom Klerus des Landes mit Argwohn beobachtet. Vor einigen Jahren entbrannte ein Streit über die Wellness-Bereiche der Hotels, die als Sündenpfuhl verunglimpft wurden. Zahlreiche Ressorts mussten ihre Spas vorübergehend schließen.
„Die Urlaubsidylle auf den Malediven ist eine sehr fragile“, schrieb die österreichische Tageszeitung „Die Presse“. Als Beispiel nannte die Korrespondentin die Zerstörung aller Figuren im ersten Unterwassermuseum der Malediven im Herbst 2018. Die vom Briten Jason deCaires Taylor im Coralarium des Luxusressorts Sirru Fen Fushi geschaffenen Figuren waren Hybride aus Mensch und Koralle – der Künstler wollte damit die Symbiose von Mensch und Natur zeigen. Der Staat qualifizierte die Korallenwelt als unislamisch und Gotteslästerung. Das Hotel habe trotz Aufforderung nicht reagiert, deswegen musste die Polizei einschreiten, hieß es seitens der Behörde. Man habe nicht provozieren wollen, lautete die zurückhaltende Reaktion des Hotels. Gemeinsam mit dem Künstler werde man eine Lösung finden, die auch für die Einheimischen tragbar ist.

Unterwassermuseum von Jason deCaires Taylor
Der religiösen Zerstörungswut fielen bereits unersetzliche buddhistische und hinduistische Artefakte aus dem Nationalmuseum zum Opfer. Die gesamte vorislamische Geschichte wurde vernichtet, darunter der einzige archäologische Beweis einer buddhistischen Ära auf den Malediven. Doch damit noch nicht genug, erklärte ein Oppositionssprecher in den „Maldives Independent“, es brauche generell eine Diskussion darüber, was als Götzenbild gewertet werden soll. Was ist zum Beispiel mit den Schaufensterpuppen in den Modegeschäften von Malé?

Touristen-Ressorts – ein Dorn im Auge islamischer Kleriker
Islamische Republik Pakistan

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Der Karakorum Highway verbindet über 1284 Kilometer Westchina mit dem Nordwesten Pakistans. Nach zwanzig Jahren Bauzeit wurde der KKH 1978 fertiggestellt. Der höchste Punkt ist der 4693 Meter hohe Khunjerab-Pass an der Grenze.
| Fläche: | 796.095 Quadratkilometer, ein wenig größer als die Türkei |
| Einwohner: | 200.800.000, zweieinhalbmal so viele wie die Türkei |
Filmreif
Pakistan ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Menschen, die aller Erzfeindschaft mit dem Nachbarn zum Trotz den Filmgeschmack der Inderinnen und Inder teilen. Zum Ärger der Staatsführung, die nach jedem politischen Säbelrasseln den Import jeglicher Medieninhalte aus Indien verbietet, um den Bann wenig später wieder aufzuheben. Wahrscheinlich stehen die pakistanischen Politiker und ihre Familien selbst zu sehr auf Bollywood-Filme, um den Boykott länger durchzuhalten. Für Amir Haider, Mitglied einer Kinobetreiber-Gesellschaft, hängt gar Wohl und Wehe der Unterhaltungsindustrie von den Filmimporten ab: „Pakistanische Kinos machen pleite, wenn sie indische Filme nicht zeigen.“
Bevor indische Filme aber aufgeführt werden dürfen, müssen diese von einem Komitee unter Leitung des Informationsministeriums auf „anti-pakistanische Propaganda“ überprüft werden, bevor sie im Nachbarland gezeigt werden. Zu den Mitgliedern des Komitees gehört auch ein Mitarbeiter des Geheimdienstes ISI, berichtete die „dpa“ unter Berufung auf Regierungskreise. Keine Unbedenklichkeitsbescheinigung erhielt beispielsweise der Film „Tiger Zinda Hai“ („Der Tiger ist am Leben“). Der Plot des Films mit dem in Indien wie Pakistan populären Schauspieler Salman Khan dreht sich um einen Agenten des indischen Geheimdienstes, der eine indische Krankenschwester aus den Fängen militanter Islamisten im Irak befreit. „Der Film zielt auf unsere Verteidigungsinstitutionen, das können wir nicht tolerieren“, lautete die Begründung für das Verbot seitens der Zensurbehörde, und ließ damit mehr Fragen offen, als sie beantwortete.

Salman Khan ist sowohl bei Pakistanis und Indern beliebt.
Dabei ist die Wertschätzung für die Filme aus dem jeweils anderen Land beiderseitig, schreibt Sunrita Sen in einer Reportage über den grenzüberschreitenden Filmgeschmack am Beispiel des pakistanischen TV-Senders von Zindagi. Viele indische Zuschauer schätzen die pakistanischen Soaps sogar mehr als die indischen. Weil sie realistischer sind. „Dort lebt nicht jeder in einem herrschaftlichen Haus, die Darsteller ziehen sich normal an. Zuhause tragen sie Puschen und gehen nicht mit Schmuck und fein gemacht ins Bett“, sagte Nivedita Gupta, Hausfrau aus Kalkutta: „Die Leute scheinen echt zu sein. Sie sind wie wir.“
Die TV-Serien sind ein Beispiel dafür, dass es trotz Feindschaft und staatlicher Trennung unzählige Gemeinsamkeiten zwischen den Ländern gibt, folgert Korrespondentin Sen. „Bisher hatten Inder dieses Fenster zur pakistanischen Gesellschaft nicht“, sagte Priyanka Datta, Sprecherin von Zindagi-TV. Die meisten Inder würden weder pakistanische Literatur noch Modetrends kennen. „Für sie ist alles einfach feindliches Gebiet, Kricket ausgenommen.“ Als Zindagi-TV über die Grenze zu senden begann, stellten sich die Verantwortlichen auf viel Kritik ein. Doch die Reaktionen aus Indien waren überwiegend positiv. „Wir finden die Zuschauer sehr reif und intelligent“, sagte Datta: „Vielleicht waren sie das schon immer und wir haben sie unterschätzt.“

Karakorum Highway
Republik Kasachstan

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Ihre Architektur lässt sich am besten als orientalischer Futurismus beschreiben. Vor zwanzig Jahren in der Steppe hochgezogen, heißt sie seit 2019 nach dem ersten Präsidenten „Nursultan“ – der frühere Name „Astana“ bedeutete auch nur Hauptstadt.
| Fläche: | 2.724.900 Quadratkilometer, ein wenig kleiner als Argentinien |
| Einwohner: | 18.157.078, sechs Millionen weniger als Argentinien |
Familienbetrieb
Kasachstan ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Menschen und – für die Region nicht ungewöhnlich – einem Langzeitpräsidenten, der das zentralasiatische Land 1991 als Präsident in die Unabhängigkeit führte und seitdem mit harter Hand regierte. Das gewohnte Bild auch hier: Einerseits Personenkult um den „Helden“ Kasachstans und „Anführer der Nation“, dessen Konterfei im Land allgegenwärtig ist; andererseits kamen Regierungsgegner unter ungeklärten Umständen ums Leben, andere wurden inhaftiert oder ins Exil geschickt, und regierungskritische Medien mussten den Betrieb einstellen. Deswegen ist es nicht überraschend, dass jede Wahl Nursultan Nasarbajew mit überwältigenden Ergebnissen im Amt bestätigte. 2015 erhielt er mehr als 97 Prozent der Stimmen. Nach Einschätzung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) entsprach keine dieser Wahlen demokratischen Standards.

Astro- bzw. Kosmonaut im Gefolge vonWeltraumpionier Gagarin, der von Baikonur aus ins All flog.
Eine große Überraschung schaffte der Präsident in seiner Amtszeit dann doch noch, als er am 19. März 2019 abends zur besten Sendezeit im Fernsehen seinen Rücktritt erklärte. Doch die Verwunderung über diesen Schritt dauerte nur kurz: Der Machtwechsel ist nur kosmetisch, tatsächlich baut Nasarbajew seine Macht noch aus. Seine älteste Tochter Dariga Nasarbajewa ist als Vorsitzende des kasachischen Oberhauses nun die mächtigste Frau des Landes. Und Nasarbajew senior behält als Chef des Sicherheitsrates so starke Befugnisse, dass er seinen treuesten Gefolgsmann im Amt des (Übergangs-) Präsidenten jederzeit stoppen kann, bis seine als extrem ehrgeizig beschriebene Tochter das Präsidentenamt übernimmt.
Vetternwirtschaft und Personenkult in Zentralasien – das war der Filmstoff für die Komödie „Borat“. Mit ihr brachte der Brite Sacha Baron Cohen 2006 das Kinopublikum zum Lachen – und die kasachische Führung in Rage. Jetzt soll sowieso alles anders werden, versprach Nasarbajewa in ihrer Antrittsrede doch einen „Wendepunkt in der Geschichte des Landes“.
Eine wirkliche Wende erlebte bislang in Kasachstan nur der geschichtsträchtige Weltraumbahnhof Baikonur. 1955 wurde das größte Kosmodrom der Welt unter gewaltigen Mühen mit Kamelen als Lasttieren aus dem Boden gestampft. 1957 feierte der Kreml mit dem Start einer Interkontinentalrakete das 1:0 im „kosmischen Wettlauf“ und baute mit dem Satelliten Sputnik-1 sowie dem von Baikonur aus ins All fliegenden Weltraumpionier Juri Gagarin die Führung aus. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.
Heute verfallen in der Wiege der bemannten Raumfahrt die Startrampen. Baikonurs Schicksal ist ungewiss, Russland baut unweit der Pazifikküste in Wostotschny ein eigenes Kosmodrom. Vor sechzig Jahren war die Anwesenheit von Amerikanern auf der geheimen Anlage undenkbar. Heute ist das Alltag. Nach dem Einstellen des Shuttle-Programms ist der Sternenbahnhof der Ort, von dem US-Astronauten ins All fliegen – als zahlende Gäste in russischen Sojus-Kapseln.

Start der Sojus-Rakete
Republik Usbekistan

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Neben Liechtenstein ist es der einzige Binnenstaat der Erde, der seinerseits nur von Binnenstaaten umgeben ist.
| Fläche: | 448.978 Quadratkilometer, gleich groß wie Schweden |
| Einwohner: | 31.576.400, mehr als dreimal so viele wie Schweden |
Ausgedörrt
Usbekistan ist ein wunderbares Land, gelegen an der geschichtsträchtigen Seidenstraße, gesegnet mit den Weltkulturerbe-Städten Samarkand, Buchara, Chiwa und mit wunderbaren Menschen, denen eine sehr menschliche Eigenschaft nachgesagt wird: Im muslimischen Usbekistan soll ungewöhnlich viel Wein getrunken werden. Aber die Usbeken können sich auf Urvater Noah berufen, der auch im Islam höchste Wertschätzung genießt. Mit seiner Arche rettete Noah zuerst die Menschheit vor der Sintflut, um sie danach als erster Winzer für künftige frohe wie schwere Zeiten zu wappnen. Nicht umsonst bedeutet der Name Noah „Tröster“.
Trost wird wie andernorts auch in Usbekistan reichlich gebraucht: Der Agrarstaat ist mit Abstand der bevölkerungsreichste in Zentralasien. Im autoritär regierten Land werden Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten mit Füßen getreten, grassieren Armut und Korruption. Ein idealer Nährboden für Radikalisierung, der Usbekistan unter den zentralasiatischen Republiken zum wichtigsten Rekrutierungsgebiet für Dschihadisten macht, meldet die „International Crisis Group“. Die Politik-NGO schätzt die Zahl von Aktivisten aus Zentralasien für den Islamischen Staat auf bis zu 4000. Seit den 1990er-Jahren terrorisiert die radikale Islamische Bewegung von Usbekistan (IMU) mit Bombenanschlägen ihr Land, aber auch Ziele in Afghanistan und Indien. 2015 schwor die IMU offiziell dem IS die Gefolgschaft. Usbekische Sicherheitskräfte verfolgen sie mit großer Härte.

Weltkulturerbe-Städte Buchara ...
Härte als Politikprinzip übernahm der usbekische Präsident Schawkat Mirsijojew von seinem Vorgänger Islam Karimow, dem er lange als Ministerpräsident diente. Menschenrechtler werfen Mirsijojew auch den jährlichen Zwangseinsatz von Studenten, Lehrern und anderen Staatsbediensteten bei der Baumwollernte vor. Das sogenannte „weiße Gold“ ist Kulturgut und eine der Haupteinnahmequellen für den Wüstenstaat zugleich.

… und Samarkand
Damit zusammenhängend, ist dem studierten Bewässerungsingenieur im Präsidentenamt die Achillesferse Usbekistans bestens bewusst: Als direkte Folge der riesigen Baumwollplantagen leidet das Land unter extremem Wassermangel. In Usbekistan liegen drei Viertel des vertrocknenden Aralsees. Einst das viertgrößte Binnengewässer der Erde, bis sowjetische Planwirtschaftler begannen seine Zuflüsse abzuleiten, um damit die Baumwollplantagen zu bewässern. Der Aralsee verlor neunzig Prozent seiner Wassermenge und zerfiel in mehrere kleine Teile – eine Umweltkatastrophe, „beispiellos in unserer Zeit“. Anstatt einer Kehrtwende hält die usbekische Führung jedoch am einträglichen Baumwollanbau fest und will zudem am versteppenden Seeboden nach Erdöl und Gas bohren. Den Musiker Murat Sydykow aus Aralsk inspirierte das Schicksal des Sees zu traurigen Weisen. „Wenn der See nach Aralsk zurückkommt“, versprach er einmal, „dann schreibe ich eine Symphonie und lasse sie von einem Orchester am Seeufer aufführen.“ Bis dahin werden aber noch viele Gläser mit Wein gefüllt werden müssen – zum Trost.
Islamische Republik Afghanistan

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Im Bamiyan-Tal, auf 2500 Meter Höhe, lebten bis zum 10. Jahrhundert Tausende buddhistische Mönche. Nach der Taliban-Sprengung der beiden riesigen Buddha-Statuen 2001 ist es das Symbol für den Krieg und die Zerstörung in Afghanistan.
| Fläche: | 652.864 Quadratkilometer, etwas größer als Frankreich |
| Einwohner: | 34.124.811, gut die Hälfte von Frankreich |
Schach
Afghanistan ist ein wundervolles Land mit wundervollen Menschen. Doch wer glaubt das noch? Nach so vielen Jahren Krieg? Nach so vielen Toten? Wer kann sie noch zählen, die Kriegsjahre, die Toten? Präsident Ashraf Ghani rechnete im Januar 2019 vor, dass seit Beginn seiner Amtszeit Ende 2014 über 45.000 Polizisten und Soldaten getötet wurden. „Vergangenen Sommer hatten wir teils 200 bis 300 Tote am Tag“, sagte der afghanische Außenminister Rangin Dadfar Spanta: „Wir können uns das nicht mehr leisten, keine Seite des Konflikts.“ Einer der Toten war sein Neffe, erzählte der Außenminister der dpa-Korrespondentin Veronika Eschbacher: 17 Jahre jung. Um in die Polizei einzutreten, fälschte er seine Geburtsurkunde. Nach einwöchiger Ausbildung kam er auf einen Kontrollposten. Vier Tage dauerte sein Einsatz, dann stürmten Taliban-Kämpfer den Posten, sechs Tote. Sein Neffe war das 13. Familienmitglied, das Spanta seit 15 Jahren Krieg verloren hat.

Afghanistan, Schachbrett der Weltpolitik

Zerstörte Buddha-Statuen im Bamiyan-Tal
„Dieses Buch könnte leicht einen falschen Eindruck erwecken“, schrieb der österreichische Reiseschriftsteller Herbert Tichy, in „Afghanistan. Tor nach Indien“, erschienen 1940: „Es behandelt die Geschichte und Politik des Landes und nicht das gewöhnliche Leben. Geschichte ist Krieg, Grausamkeit und Heldentum, das alltägliche Afghanistan aber ist jenes kleine Dorf, das in einem tief eingeschnittenen Tal dahin träumt. Hohe Berge umgeben es, sie sind kahl und vegetationslos, die Natur aber hat sie mit den herrlichsten Farbtönen gemalt. (…) In den Pappeln, die der Ortschaft während der Tageshitze Schatten und Kühle spenden, rauscht leise der Wind – das ist Afghanistan, das wirkliche Afghanistan.“ 1935 durchquerte Tichy Afghanistan allein mit dem Motorrad. Und seine Unterscheidung zwischen dem Afghanistan der großen Politik und dem des kleinen alltäglichen Lebens stimmt; gleichzeitig beeinflusst eines das andere. Nicht umsonst nannten seine Journalisten-Kollegen Afghanistan damals schon das „Land des plötzlichen Todes“.
Afghanistan-Kenner Ulrich Ladurner schreibt in seinem Buch „Eine Nacht in Kabul“: „Die Geschichte hatte den Afghanen diese Lektionen erteilt. Ihr Land war immer die Bühne für ein größeres Stück gewesen. Es war das Schachbrett, auf dem die Giganten der Welt ihre Kräfte maßen.“ Und welcher Schachzug ist der nächste? Irritierend sei die Anbiederung der Nicht-Taliban an die Taliban gewesen, berichtete Außenminister Spanta: „Ich hatte das Gefühl, dass jeder versuchte, sich als süßer Freund und Verbündeter der Taliban darzustellen.“ Auch von internationaler Seite gebe es einen wahren Wettlauf, wer sich mit den Taliban trifft. Heißt das: Zurück an den Start? Der König ist tot, es lebe der König! „Er mag ein Hurensohn sein, aber er ist unser Hurensohn!“ Wie der nächste Schachzug auch ausfällt, es wird für die Zukunft das gelten, was Ladurner über die Vergangenheit schrieb: „Wer Streit hatte, der trug ihn häufig hier aus, auf dem Rücken der Afghanen.“
Republik Tadschikistan

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
In den Hochgebirgsregionen gibt es noch letzte Bestände des legendären Marco-Polo-Schafs. Gefährlicher als der Wolf werden den Argalis mit den riesigen Hörner aber Trophäenjäger und der Devisenhunger der Tadschiken.
| Fläche: | 143.100 Quadratkilometer, ein wenig größer als Griechenland |
| Einwohner: | 8.686.000, drei Viertel von Griechenland |
Bart ab, Kilos runter, Bücher weg
Tadschikistan ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Menschen. Das Land wäre freilich noch um einiges lebenswerter, würde es nicht: a) zu den repressivsten Staaten der Welt zählen, b) im Demokratieindex auf Platz 161 unter 167 Ländern rangieren, c) zu den korruptesten Staaten der Welt gehören und d) gemäß Transformationsindex 2018 der Bertelsmann-Stiftung in Sachen Demokratie, Menschenrechte und Leistungsfähigkeit des Staatsapparats neben Burundi zu den größten Verlierern zählen, da sich die autokratischen Tendenzen in den letzten Jahren verstärkten.
Doch es gibt auch Positives zu berichten: Nach langen Jahren des Misstrauens kommt die Aussöhnung zwischen Tadschikistan und Usbekistan in Gang. Man könnte angesichts der beiden autoritär regierenden Präsidenten auch sagen: Gleich und gleich gesellt sich gern. Wenn die Todesrate an der bis dato verminten Grenze zurückgeht, bringt diese strategische Partnerschaft aber auch den tadschikischen Viehhirten und Bauern ein wenig mehr an Sicherheit.

Marco-Polo-Schaf, das Opfer eines Trophäenjägers wurde.
Nicht entmint, sondern „entbartet“ hat man die Südgrenze zu Afghanistan. 2016 wurden die Bärte von 12.818 Männern aus dem Bezirk Chatlon „in Ordnung gebracht“, meldete der örtliche Polizeichef. Für diese „Haarpflege“ nahmen Polizisten die Männer auf Märkten und öffentlichen Plätzen fest und schickten sie zur Zwangsrasur. Tausende Frauen mussten ihre Kopftücher ablegen und Geschäfte, die keine „traditionelle tadschikische Kleidung“ verkauften, wurden geschlossen. Die Maßnahmen zielen darauf, die Ausbreitung des Islamismus zu verhindern. „Einen Hidschab zu tragen und eine Kultur blind zu kopieren, die uns fremd ist, ist kein Zeichen von hohen moralischen und ethnischen Standards einer Frau“, zitierte der Sender „Al Jazeera“ Präsident Emomali Rahmon. Ausländische Namen für Neugeborene hat er ebenfalls verboten.
Männlichen Bankangestellten riet der „Führer der Nation“ ihren Unterhalt lieber auf dem Bau zu verdienen. Die Bankarbeit würde besser zu Frauen passen und diese seien auch weniger anfällig für Korruption. Der Präsident verdächtigt nämlich männliche Bankmitarbeiter in krumme Geschäfte verwickelt zu sein, da sie sich trotz ihres geringen Gehalts von monatlich rund siebzig Euro jeden Tag die Mittagspause in teuren Restaurants leisten könnten.
Bei zu deftige Mahlzeiten müssen zu dicke Polizisten mit Entlassung rechnen. Die Polizisten hätten ihre angeordneten Sportübungen nicht gemacht und nicht abgenommen, zitierte die Agentur „Interfax“ das Innenministerium. Neben dem Polizeisport sind die Gesetzeshüter verpflichtet, mindestens einmal im Monat ins Theater zu gehen, um „ihr geistiges und moralisches Niveau zu steigern“. 2015 hatte der Präsident den Bau des größten Theaters in der Region angeordnet. Einige Jahre vorher eröffnete Tadschikistan bereits die größte Bibliothek Zentralasiens. Die staatlichen Regale gingen jedoch auf Kosten der Familienbibliotheken: Die Regierung forderte die Bürgerinnen und Bürger auf, ihre Bücher abzugeben.

Traditionelle tadschikische Kleidung
Sultanat Oman

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Omans Rennkamele gelten als die besten der Golfstaaten. Bis zu einer Million Dollar wird für die über 60 km/h schnellen Wüstenflitzer gezahlt. Damit die Einhöcker optimale Leistung bringen, werden sie mit Gerste, Milch, Honig und Datteln aufgepäppelt.
| Fläche: | 309.500 Quadratkilometer, ein wenig kleiner als Polen |
| Einwohner: | 4.636.000, ein Achtel der Bevölkerung Polens |
Ein Sultan für ewig
Oman ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Menschen. Einer davon ist Abdullah. Er lädt ein Platz zu nehmen, Kaffee zu trinken und zuzuhören: „Gott wird ein neues Fass aufmachen“, ist Abdullah gewiss. Die Männer neben ihm am Tisch nicken. „Wir haben noch für 200 Jahre Öl“, ruft er schließlich aus, die alten Männer nicken wieder – „Inschallah, so Gott will!“

Schnelle und teure Tiere
Abdullah freut sich, dass er die Zeichen der Zeit erkannte und seinen Sohn zum Wirtschaftsstudium nach England schickte. Wenn er zurückkommt, wird er in einer Ölfirma arbeiten, ist der stolze Vater überzeugt – die alten Männer auch, sie nicken jedenfalls.
Der Tisch mit Abdullah und den Männern steht neben dem Tor zum Suk in der omanischen Hauptstadt Maskat. Im Unterschied zum Gesprächsthema riecht es im Eingangsbereich des orientalischen Marktes aber nicht nach Erdöl, sondern nach allerlei Gewürzen – und vor allem nach Weihrauch. Das begehrte Harz war der erste Exportschlager des Omans. Dann ist das Öl gekommen und hat aus dem Sultanat seit den 1970er-Jahren einen reichen Wohlfahrtsstaat gemacht. Doch der Erdölvorrat ist nicht unerschöpflich – und die Zuversicht Abdullahs teilen nur seine Freunde am Tisch. „Die anderen Golfstaaten ertrinken im Öl, wir müssen in die Gehirne, in unsere Ausbildung investieren“, sagt eine Geschäftsfrau am Nebentisch. Omanisierungs-Politik heißt der offizielle Begriff für diese Raus aus der Öl-Wirtschaftsinitiative.
„Gott weiß alles“, sagt Abdullah. „Gott kann man nicht betrügen.“ Abdullah redet viel. Und was er erzählt, ist interessant, fremd, ein wenig schräg, manchmal witzig – nur wenn Abdullah das Gefühl hat, dass jemand Falsches zuhört, dann hält er inne. „Ich kann hier Sachen sagen, die ich woanders nicht sagen kann“, meint ein Journalist und fügt hinzu: „Wie überall gibt es auch bei uns Regeln, aber innerhalb dieser Regeln ist man frei.“ Die Regeln lauten: Nichts Negatives über den Sultan berichten und nichts Negatives über die königliche Familie, keine Personalisierung, nichts Negatives über die Religion und keine Berichterstattung, die Nachbarländer provozieren könnte.
Oman ist eine Oase der Stabilität auf der Arabischen Halbinsel. Seit 1970 regiert Sultan Qabus bin Said. Nachdem er seinen Vater ins Exil putschte und eine kommunistische Revolte niederschlagen konnte, ist er Staatsoberhaupt, Regierungschef, Außen- und Verteidigungsminister sowie Oberbefehlshaber in einer Person. Und um diese Person ranken sich viele Geschichten – so viele wie die Zahl der Omani, mit denen man über den Sultan spricht. Einer, der es wissen muss, stellt klar: „Der Sultan ist geschieden und hat keine Kinder.“ Die Nachfolge sei trotzdem geregelt und gesichert. Oman wird auch nach Sultan Qabus eine Oase des Friedens bleiben. „Gott wird einen Nachfolger finden“, ist auch Abdullah überzeugt. Freilich, so einen wie Sultan Qabus hat es nie vorher gegeben, so einen wie Sultan Qabus wird es nie wieder geben: „Am besten wäre es, Sultan Qabus würde ewig leben!“

Sultan Qabus bin Said
Turkmenistan

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Entstanden durch Probebohrungen, lodern am Derweze-Krater seit über vierzig Jahren ewige Flammen. Das „Tor der Hölle“ im Herzen der Karakum-Wüste soll zu einer Touristenattraktion werden. Für Nervenkitzel ist gesorgt: Die Grube ist nicht abgezäunt.
| Fläche: | 488.100 Quadratkilometer, ein wenig kleiner als Spanien |
| Einwohner: | 5.758.075, ein Achtel von Spanien |
Weißes Rauschen
Turkmenistan ist ein wundervolles Land mit wundervollen Menschen, die einen Präsidenten mit einem Faible für Rekorde der besonderen Art haben: Mit der über vierzig Meter hohen größten Pferdekopfskulptur der Welt schaffte das Land 2017 einen weiteren Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde. Zu den anderen Rekorden zählt der Weltrekord im Kanon-Singen: 4166 Bürger sangen die vom Staatschef komponierte Hymne „Vorwärts, nur vorwärts, mein liebes Land Turkmenistan“. Darüber hinaus ist Asgabat die Stadt mit den meisten weißen Marmorgebäuden, über 500, und den meisten weißen Autos. Seit 2015 besteht ein Importstopp für farbige Pkw – offiziell aus Gründen des Klimaschutzes, da sich dunkle Fahrzeuge mehr aufheizen. Dass die Lieblingsfarbe des Präsidenten weiß ist, könnte die Entscheidung begünstigt haben. Sollte jemand eine Runde mit dem weltweit größten Riesenrad geschlossener Bauart drehen wollen, wäre Asgabat ebenfalls eine Adresse. Bei der Gelegenheit kann man den längsten handgeknüpften Teppich und den höchsten Fahnenmasten bewundern. Ein weiterer Superlativ gelang dem Land mit dem größten Wassersportpark der Welt. Präsident Gurbanguli Berdimuchamedow, ein früherer Zahnarzt, gilt als großer Sportfreund und holte die Asiatischen Kampfsport-Spiele sowie ein großes Defizit gleichzeitig ins Land.

Derweze-Krater
Berdimuchamedow wollte dem Personenkult ein Ende setzen, mit dem sich sein nicht minder autoritär regierender Vorgänger Saparmurat Nijasow umgab. 2015 konnte er aber der Versuchung nicht länger widerstehen und ließ ein 21 Meter hohes, goldverziertes Reiterdenkmal mit ihm auf hohem Ross errichten. Das Riesenbuch „Ruhnama“, eine Art Manifest des Vorgängers, steht auch noch auf einem großen Sockel. Früher ließ sich der Buchdeckel öffnen, und es erschienen präsidiale Phrasen. Seit dem Tod des ersten Präsidenten 2006 bleibt der Deckel aber zu.
Dafür beglückte Präsident Berdimuchamedow seine Bürger zum Weihnachtsfest 2018 mit einem selbst geschriebenen Lied. Das Staatsfernsehen präsentierte den Song exklusiv: An einem weißen Flügel sitzend, sang Berdimuchamedow das Lied „Traum“ auf Englisch, Turkmenisch und Deutsch, während ihn sein Enkel am Synthesizer begleitete. Im Hintergrund rieselten Schneeflocken. Mit seiner „schönen Melodie und den aus tiefstem Herzen kommenden Worten“ sei das Weihnachtslied „allen Zuhörern zu Herzen gegangen“ und habe „starken Eindruck hinterlassen“, kommentierte ein Moderator.

Asgabat mit über 500 weißen Marmorgebäuden
Im Internetmagazin „Novastan.org“, in dem man weniger geschönte Nachrichten aus der Region findet, heißt es in einem Beitrag über die Knebelung der Presse in Turkmenistan: „In den Neunzigern ging der Scherz um, das Akronym TMT (Turkmenisches Staatliches Fernsehen) als ,dein toter Fernseher‘ (Russisch ,tvoj mertvyj televisor‘) zu entziffern. Später wurden die Fernsehsender umbenannt. Das Fernsehen konnte damit aber nicht wiederbelebt werden und verbleibt nach wie vor größtenteils als weißes Rauschen in der Medienlandschaft des Landes.“
Republik Mauritius

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Dodo steht für dumm – so nannten die holländischen Seeleute auf Mauritius die fettleibigen, flugunfähigen Vögel. Um 1690 hatten sie den letzten Dodo seiner Art verspeist. Heute sind die Niederländer auf Mauritius schon lange Geschichte, doch der Dodo ziert das Inselwappen. Und eventuell wird er sogar durch Klonen wiederbelebt.
| Fläche: | 2040 Quadratkilometer, doppelt so groß wie Hongkong |
| Einwohner: | 1.296.303, ein Sechstel von Hongkong |
Heimweh
Mauritius ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Menschen. Für ein paar Tausend von ihnen ist der „Stern und Schlüssel des Indischen Ozeans“ jedoch ein ungeliebtes Exil. Und wenn Mark Twain meinte, dass der Himmel nach dem Vorbild von Mauritius geschaffen wurde, dann widersprechen ihm bis heute die auf Mauritius zwangsumgesiedelten Bewohner der Insel Diego Garcia. Seit über fünfzig Jahren erleben sie die Hölle. „Wir konnten uns nicht in die Gesellschaft in Mauritius einfügen und uns wurde auch keine Chance dazu gegeben – wir sind immer unerwünschte Fremde geblieben“, sagt Olivier Bancoult, Vorsitzender der Tschagos-Flüchtlinge-Vereinigung auf Mauritius in einem Telefongespräch. Bancoult kam 1968 im Alter von vier Jahren nach Mauritius. Nach einem Krankenhausbesuch in Port Louis wurde seiner Familie die Rückkehr auf ihre Diego Garcia verweigert – seine Mutter hat eine Woche lang geweint, erzählt Bancoult.

Dodo auf dem Wappen Mauritius
Die Vertreibung der Tschagosianer war generalstabsmäßig geplant: Die Inselspitäler wurden von den britischen Kolonialherren geschlossen. Außerdem kauften die Briten die Kokosnussplantagen und beraubten die Tschagosianer ihrer wirtschaftlichen Lebensgrundlage; als keine Versorgungsschiffe mehr kamen, suchten die Unerschütterlichsten ihr Heil in der Flucht. Grund für dieses „Massenkidnapping am eigenen Volk“ (©„ Washington Post“) war der Kalte Krieg. Um der Sowjetunion keinen Machteinfluss im Indischen Ozean zu lassen, ermöglichte Großbritannien seinem Verbündeten die Insel zum US-Militärstützpunkt auszubauen. Die humanen „Kollateralschäden“ Verbannung, Depressionen, Selbstmorde, sozialer Abstieg, Armut, Sucht und Prostitution wurden in Kauf genommen. Auf diesem Felsen im Meer gibt es „ausschließlich Seemöwen“, erklärte das britische Außenministeriums – und weiter: „Unglücklicherweise leben mit diesen Vögeln ein paar Tarzans und Freitags von obskurer Herkunft, die hoffentlich bald nach Mauritius verfrachtet werden.“
Der Kalte Krieg ist lange vorbei – die Insel bleibt besetzt, und die Tschagosianer vegetieren noch immer im aufgezwungenen Exil. Als Kind versprach Bancoult seiner Mutter die Rückkehr in die Heimat. Jahrzehntelang zog er vor Gericht. Einmal gewann die Sicht der Vertriebenen, einmal die Position der Vertreiber. 2012 verloren die Tschagos-Vertriebenen ihren letzten juristischen Kampf beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Aber sie trugen einen moralischen Sieg davon. London lenkte ein, gab eine Studie in Auftrag, um die Rückkehr der Tschagosianer in ihre Heimat zu prüfen. Diese sei teuer, heißt es darin, jedoch machbar, hält das Papier fest. Bis dato warten Olivier Bancoult und die anderen Vertriebenen aber auf die konkrete Umsetzung. Nur eine „humanitäre Geste“ gab es: hundert Vertriebene durften für zwei Tage – die Nacht mussten sie auf Schiffen verbringen – zurück auf ihre Inseln: „Das war eine Wallfahrt für mich, jetzt kann ich sterben“, sagte eine achtzigjährige Tschagosianerin, „ich habe noch einmal meine Heimat gesehen.“

Insel Diego Garcia
Republik Seychellen

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Aldabra, das zu den Seychellen gehörende größte Atoll des Indischen Ozeans, ist berühmt für die dort lebenden Aldabra-Riesenschildkröten. Mit 100.000 Tieren ist sie die einzige Riesenschildkröte, deren Überleben als einigermaßen gesichert gilt.
| Fläche: | 455 Quadratkilometer, so groß wie Andorra |
| Einwohner: | 93.186, 15.000 mehr als Andorra |
Popo-Nuss
Die Seychellen sind ein wundervolles Land mit wundervollen Menschen und der wundervollsten Nuss der Welt. Wegen ihrer Form, die verblüffend einem weiblichen Hintern ähnelt, trägt sie den Spitznamen Popo-Nuss. Bis zu einem halben Meter lang und zwanzig Kilogramm schwer wird diese Seychellennuss schon seit Jahrhunderten bestaunt. Entdeckt wurde sie, nachdem sie im Meer treibend an die Sandstrände des Indischen Ozean gespült wurde. Dies brachte ihr den Namen „Coco de Mer“ – Kokosnuss des Meeres – ein. Weltumsegler Ferdinand Magellan berichtete um 1520 von schwimmenden Nüssen und vermutete, dass diese an einem riesigen Baum auf dem Meeresgrund wüchsen. Erst im 17. Jahrhundert wurde ihr Ursprung auf die Seychellen zurückverfolgt.
Umso begehrter war die sagenhafte Nuss bei den Reichen und Mächtigen der Welt. Die Briten sollen eine Nuss für 400 Pfund Sterling gehandelt haben, was heute 70.000 Euro entspricht. In Japan galt die Frucht als heilig. Kaiser Rudolf II. kaufte eine Meeresnuss für 4000 Gulden, um damit seine Erotik-Sammlung aufzupeppen. Von einem Prager Goldschmied ließ er die Nuss mit Gold einfassen. Zum Vergleich: Der Künstler bekam als Lohn zehn Gulden im Monat. Die Sultane der Malediven hingegen machten die Nüsse reich.

Begehrtes Aphrodisiakum Popo-Nuss
Heute ist die „Lodoicea maldivica“ nicht nur ein spektakuläres Souvenir, sondern in China ein begehrtes (schon wieder) Aphrodisiakum. Inzwischen hat die Regierung den Nusshandel strengen Regeln unterworfen. Auch gegen den Nuss-Schmuggel machen die Behörden auf scharf: Spezielle Röntgengeräte am Flughafen von Victoria sollen die in Koffern und Rucksäcken versteckten Nüsse aufspüren.

Die Seychellenpalme ist der „Pandabär im Pflanzenreich“.
Der Baum, von dem die Nuss stammt, zählt zu den seltensten Palmenarten des Planeten. Die Seychellenpalme ist der „Pandabär im Pflanzenreich“. Die Palme wächst weltweit nur auf den beiden Seychellen-Inseln Praslin und Curieuse. Insgesamt gibt es noch rund 8200 Pflanzen.
Grund für ihre geringe Zahl ist, dass die Bäume ein sehr kompliziertes Liebesleben haben. Die weiblichen Pflanzen mit den riesigen Popo-Samen werden rund 25 Meter hoch. Erst nach sieben Jahre sind die Nüsse reif und fallen zu Boden. Dort keimen sie oder auch nicht. Die Pollen liefern die männlichen Bäume, deren Blütenstand wie ein meterlanger Penis aussieht. Sie sind mit 30 Metern etwas höher als ihre Herzpalmen nebenan. Wie genau die Bestäubung abläuft und wann sie gelingt, ist nach wie vor ungeklärt. Vielleicht übernimmt der Wind den Job, vielleicht sind es Insekten, vielleicht auch kleine Nager.
Und wo wir schon beim Thema Sex sind: Ende des 19. Jahrhunderts kam dem britischen General Charles Gordon auf den Seychellen folgende Idee: Die Seychellenpalme, so sagte sich der streng gläubige Christ, müsse ganz gewiss der biblische Baum der Erkenntnis sein. Wo doch die Nuss so stark an die weiblichen Formen erinnert, könne nur sie alle fleischlichen Gelüste ausgelöst haben, denn „wenn die Neugier von einem Baum angestachelt werden kann, dann von diesem“.
Vereinigte Arabische Emirate

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
Kamele geben nur Milch, wenn sie sich wohlfühlen. Deswegen soll Kamelmilch sehr gesund, vitaminreich und fettarm sein. In den VAE verfeinert sie Kaffee und Tee, Schokolade wird aus dem „weißen Gold“ genauso hergestellt wie Speiseeis.
| Fläche: | 83.600 Quadratkilometer, genauso groß wie Österreich |
| Einwohner: | 9.267.000, rund eine halbe Million mehr als Österreich |
Die Sand-Uhr tickt
Die Vereinigten Arabischen Emirate sind ein wundervoller Zusammenschluss von sieben Emiraten mit wunderbaren Menschen und dem höchsten Gebäude der Welt: Der Burj Khalifa ragt 828 Meter in den Himmel über Dubai. Für den gigantischen Wolkenkratzer wurde die gigantische Menge von 330.000 Kubikmeter Beton verarbeitet – und der besteht überwiegend aus Sand. Und nicht nur in den Arabischen Emiraten, sondern überall auf der Erde wird mehr denn je gebaut. Die Nachfrage nach Sand und Kies ist so dramatisch gestiegen, dass Experten Alarm schlagen. Wer hätte das gedacht, ausgerechnet in einer mit Wüsten gesegneten Region könnte Sandmännchen ein gefährdeter Handwerksberuf werden. Nicht weil sich niemand mehr für den Traumjob findet, sondern weil die Versorgung mit Sand zum Albtraum wird.

Das höchste Gebäude der Welt: Burj Khalifa
„Sand und Kies machen den größten Anteil aller weltweit geförderten Materialien aus – noch vor fossilen Brennstoffen und Biomasse“, sagt die Biodiversitätsforscherin Aurora Torres. Ohne Sand steht das Wirtschaftsleben still, denn das Leben der Menschheit ist buchstäblich auf Sand gebaut. Sand und seine Derivate werden nicht nur in der Bauindustrie verwendet, sie stecken überall drin: von Glas über Asphalt bis hin zu Kosmetika, Zahnpasta, Mikrochips, Smartphone-Bildschirmen, Autos und Flugzeugen. Doch Sand ist keine schnell nachwachsende Ressource. Der Sand von heute ist Millionen Jahre alt.
Für ein Gespräch über die Sand-Knappheit erreicht man die Expertin Torres am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung der Uni Leipzig. Warum gibt es einen Sandmangel? Was ist mit dem sprichwörtlichen „Sand am Meer“? Sandkorn ist nicht gleich Sandkorn, antwortet Torres. Wüstensand ist für die Herstellung von Beton nicht geeignet. Die Körner sind vom Wind so glatt und rund geschliffen, dass sie sich zu wenig verkeilen, bröseligen statt kompakten Beton produzieren. Das Meeressandkorn taugt ebenfalls nicht überall, da es zu salzig ist. Viele Bausand-Vorkommen sind überbaut oder stehen unter Naturschutz. Und der Sand-Nachschub aus den Flüssen wird aufgrund vieler Staudämme weniger. Im UN-Report „Sand, knapper als man denkt“, schätzt man den Verbrauch auf fünfzig Milliarden Tonnen pro Jahr: „Das sind 18 Kilogramm täglich für jeden Einwohner der Erde.“ Allein mit dem Jahresverbrauch des Bausektors könnte man „eine 27 Meter hohe und 27 Meter breite Mauer rund um den Äquator aufschütten“.
An Alternativen zu Sand wird geforscht: Baustoffrecycling und Versuche, Wüstensand für das Bauen nutzbar zu machen, gelten als vielversprechend. Aber das Problem ist komplex und relativ neu. Torres: „Bisher hat noch niemand eine Lösung gefunden, die den riesigen Hunger nach Sand stillen könnte.“ Die Sandforscherin fordert mehr Effizienz und strenge Kontrollen bei der Sandgewinnung sowie eine Überwachung dieser für Korruption und Kriminalität anfälligen Branche, um Katastrophen zu vermeiden und – so möchte man hinzufügen – den Albtraum des Sandmännchens in Dubai und anderswo zu verhindern.

Wüstensand ist zum Betonmischen ungeeignet.
Staat Katar

Berühmt, berüchtigt, beneidet für:
„The Miraculous Journey“ heißt eine Kunstinstallation vor dem Sidra Medicine Hospital in Doha. Die bis zu 14 Meter großen Skulpturen des britischen Bildhauers Damien Hirst zeigen die „wundersame Reise“ des Menschen im Mutterleib bis zur Geburt. Fünf Jahre wurden die ersten Nacktskulpturen im Nahen Osten verborgen, seit 2018 sind sie zu sehen.
| Fläche: | 11.627 Quadratkilometer, halb so groß wie Israel |
| Einwohner: | 2.700.000, weniger als ein Drittel von Israel |
Der Ball ist rund – und am Ende gewinnt das Kamel
Katar ist ein wunderbares Land mit wundervollen Menschen und sensationell schnellen Kamelen. Der wahre Volkssport in Katar sind – so wie auf der ganzen Arabischen Halbinsel – Kamelrennen. Daran wird auch die nächste Fußball-WM nichts ändern. Am 21. November 2022 soll in Doha der Anpfiff zum neben den Olympischen Spielen bedeutendsten und größten Sportereignis der Welt ertönen. Katar erwartet 1,5 Millionen Fußballfans aus aller Welt. Im Gegensatz zum Alltag in der katarischen Fußball-„Stars League“, in der oft nicht mehr als 500 Zuschauer die Spiele besuchen. Der Torjubel wird deshalb über Lautsprecher eingespielt. Das erste Turnier in der arabischen Welt, das erste in einem muslimischen Land, das erste im europäischen Winter wird ein Experiment. Noch überwiegen die kritischen Töne zu diesem Spektakel, das sich der Wüstenstaat mit dem weltweit höchsten Pro-Kopf-Einkommen 23 Milliarden Dollar kosten lässt: Vollklimatisierte Fußballstadien in Klimawandel-Zeiten, sklavenähnliche Bedingungen auf den Baustellen und die fehlende Fußballtradition provozieren nach wie vor Kopfschütteln über diese FIFA-Entscheidung.
Die politische Situation macht das WM-Experiment noch heikler: Im Juni 2017 kappten Saudi-Arabien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain alle Verbindungen zu Katar. Das kleine Golf-Emirat war in der Vergangenheit immer wieder von der Linie seiner Nachbarn abgewichen, pflegt zum Ärger der anderen gute Beziehungen zum „Erzfeind“ Teheran. Saudis & Co. verhängten deswegen eine Blockade gegen Katar. Auch Baumaterialien wie Zement wurden nicht mehr geliefert, Verzögerungen auf den WM-Baustellen waren die Folge.
Schwerer trifft die Katarer jedoch, dass die Krise mit den Nachbarn ihrer eigentlichen sportlichen Leidenschaft schadet: Katarische Kamelzüchter wurden gezwungen ihre 7000 in Saudi-Arabien gehaltenen Kamele zurück über die Grenze zu bringen. Wo man sie sofort bestens versorgte. Die Superstars der 22.000 Rennkamele in Katar schwelgen im Luxus: Sie sind ein Statussymbol für die Mächtigsten und Reichsten, kosten bis zu fünf Millionen Euro, leben in Luxusunterkünften, haben einen Swimmingpool und fliegen im eigenen Jet zu den Rennen. Ihr Futter wird aus Honig, Milch, Datteln, Getreide, Eiern und Nahrungsergänzungsmitteln hergestellt. Dopingmittel sind streng verboten und aus diesem Grund noch strenger geheim.

Jockey-Roboter
Früher ritten zwischen vier und sechs Jahre alte in den Elendsvierteln von Indien und Bangladesch rekrutierte Kinderjockeys die Kamele. Nach weltweiten Protesten initiierte Katar die Entwicklung von Roboter-Jockeys. Eine Schweizer Firma erhielt den Zuschlag: Jockey „K-Mel“ ist acht Kilo leicht, erträgt Temperaturen bis zu fünfzig Grad, kann Herzschlag und Geschwindigkeit des Kamels messen, die Stimme des Trainers übertragen und die Zahl der Peitschenhiebe regulieren. Ein perfekter Jockey, bis auf sein Gesicht. Das mussten die Hersteller aufgrund religiöser Vorbehalte ändern: Es sah zu menschlich aus.

Kamelrennen sind der beliebteste Sport in Katar.
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