Читать книгу: «Vorm Mast»
Wolfgang Bendick
Vorm Mast
Klar vorn und achtern
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Inhaltsverzeichnis
Titel
VORM MAST
WIDMUNG
Vorwort zur neuen Auflage
MUSCHELSUPPE
PAPENDIECK
MS NATAL
HOTEL „ZUR SCHRAUBE“
RATTEN
HEJ GEIT
HEJ LÜCHT
NACHTLEBEN AN BORD
HART IST DAS LEBEN EINER RATTE
GEHEIMSENDER
NAGETIERE
ACHTERKANTE LUKE 2
WACHE
DIE ENTDECKUNG AFRIKAS
DSCHIGGI – DSCHIGGI
LÄNDERSPIEL
LOGS
ROLLING HOME
REEPERBAHN
SCHMEISSLEINE
FESTMACHER
GEBURTSTAG
SACKRATTEN
HÜRDENLAUF
SUPPE
DIE RATTEN VERLASSEN DAS SCHIFF
UM AFRIKA
KARIBA
SÜDOSTPASSAT
NAMIBIA
DAS SCHIFF DER ZUKUNFT
SEEALLTAG
LETZTE CHANCE
RÄUCHERAAL
POSTBOOTE
DAS TOR DES FRIEDENS
AU BACKE
DAS TOR DER TRÄNEN
LEGHORN
BRIGIT BARDOT
NEPTUN
NÄCHSTENLIEBE
GÖTTER
SCHIFFBRUCH
EINS AUF DIE NASE
OPFER AN DEN GOTT DES WINDES
DIE UNBEFLECKTE EMPFÄNGNIS
BEFEHLSVERWEIGERUNG
BAYRISCH KONGO
DAS FLAGGSCHIFF
NAVIGARE NECESSE EST
HOLZ IST PFLICHT
HUNDEFUTTER
TARZAN
NORSKE SILBERBLICK
NEUER WIND
DER GESCHMACK DES ABSCHIEDS
VORM MAST
FRISCHE FISCHE
GRUNDBEDÜRFNISSE
DOORNKAAT FRISCO
EAST OF AFRICA
FILMFESTIVAL
NAVIGATION IST, WENN MAN TROTZDEM ANKOMMT
WAHNSINN
NAPOLEON
NICHTS MEHR WIRD SO SEIN WIE FRÜHER
GLOSSAR
Weitere Werke des Autors
Impressum neobooks
VORM MAST
Vom Decksjungen zum Matrosen
Wolfgang Bendick
Impressum
Texte: © Copyright by Wolfgang Bendick
Umschlag: © Copyright by Lucia Bendick
Fotos: Wolfi, Peter, Helmut, Rudi
Erste Erscheinung, September 2016
Zweite Auflage (Taschenbuch), September 2019
Dritte verbesserte Auflage mit Fotos, September 2021
WIDMUNG
Für meine Eltern
Verdient haben sie es, bei den Sorgen die ich ihnen gemacht habe... (oder die sie sich gemacht haben...)
Vorwort zur neuen Auflage
Das große Echo, das mein Buch in den fünf Jahren seit seinem Erscheinen gefunden hat, hat mich bewogen, es nochmals zu überarbeiten und mit über 200 Fotos zu vervollständigen. Außerdem soll ein Glossar von rund 850 erklärten Stichwörtern dem Leser helfen, sich besser auf einem Frachtschiff in jener Zeit orientieren zu können. Denn die Seefahrt ist heute nicht mehr dieselbe. Die Passagierschiffe haben sich in schwimmende, luxuriöse Wohnblöcke und Freizeitparks verwandelt, die Nachfolger der Stückgutfrachter, die Containerschiffe gleichen bestenfalls einer Ansammlung von überdimensionierten, bunten Lego-Steinen. Alles ist gigantisch geworden. Dadurch ist auch die Ästhetik verschwunden.
Damit nicht alles in Vergessenheit gerät, soll dieses Buch eine bleibende Momentaufnahme im Album der Seefahrtsgeschichte sein. Alles ist im Wandel. Der Gigantismus wird an seine Grenzen geraten. Und, wer weiß, vielleicht wird die Zukunft uns wieder kleinere, lebendigere Schiffe bescheren und Häfen voller Arbeiter.
Früher handelte man nur mit Gütern, die es am Ort nicht gab. Jetzt lässt man woanders herstellen, was man selber auch machen könnte. Weil es billiger ist. Wie lange noch? Wann endlich wird Vernunft stärker sein als Profitgier und auch die Umwelt als ausschlaggebender Faktor einbezogen werden? Wann werden die Meere nicht mehr als Mülldeponie dienen, sondern ihre Reinheit von damals wiedergefunden haben?
Bis dahin, lieber Leser, viel Freude bei der Lektüre dieses Buches!
Im September 2021
MUSCHELSUPPE
Ich wollte zur See fahren. Ich musste zur See fahren! Ich weiß nicht, woher das kam. Hatten wir doch niemanden in der Familie, der mich mit diesem Virus hätte infizieren können. Schon in meiner Kindheit war mir das klar. Nur hatte ich schnell gemerkt, dass man mit den Erwachsenen, vor allem wenn sie die eigenen Eltern sind, nicht über alles sprechen darf. Sie tun alles mit einer Handbewegung ab oder mit den Worten: „Warte erst mal, bis du groß bist.“
Ich verbrachte meine Kindheit am Ufer des Halterner Sees. Für mich war es das größte Gewässer, das ich kannte, also gleichbedeutend mit dem Meer. „Das Meer ist aber viel, viel größer!“, sagten die Erwachsenen, „man sieht nicht seine Ufer!“ Aber wenn ich mich mit dem Kopf ganz nah an die Oberfläche bückte, war das andere Ufer verschwunden. Also war das doch das Meer, die großen Leute bemerkten das nur nicht.
Man kann sagen, dass ich die eine Hälfte meiner freien Zeit am Wasser verbrachte, die andere bei Bauer Nolte in Overath. Der bestellte mit Hilfe seiner Söhne seinen kleinen Hof. Nebenher arbeiteten sie noch in den Wasserwerken. Die schwere Arbeit wurde vom Pferd Fanny erledigt, manchmal holte man zusätzlich ein Pferd vom Nachbarn, hauptsächlich zum Pflügen oder um den Bindemäher zu ziehen. Sie nannten mich scherzend den „Verwalter“, was mich stolz machte. Vielleicht stand ich oft im Weg. Nahm aber an allen Arbeiten teil, weil auf einem Hof jede Hand, sei sie auch noch so klein, nützlich ist. Meine größte Freude war, mit dem Pferd zu arbeiten, seine Zügel zu halten, den Leiterwagen bei der Ernte zu lenken oder auf seinem Rücken zum Schmied zu reiten.
Irgendwas schwamm immer in meinem Meer. Die Wellen spülten alles irgendwann ans Ufer: Holzstücke, Flaschen, tote Schweine oder Fische, mit dem Bauch nach oben. Mit einem Stock suchte ich ein Stück Holz in dem Treibgut und lenkte es am Ufer entlang. Ich stellte mir vor, es sei mein Schiff. Es schwammen noch andere Schiffe auf dem See. Da waren einige Segelboote und Paddelboote, die meist an Wochenenden den See befuhren. Ein richtiges Schiff sei aber noch viel, viel größer, sagte man mir. Wie ein Haus, wie mehrere Häuser, wie eine Häuserzeile.
Die toten Schweine oder Fische waren für mich wie U-Boote. Ich hatte gehört, dass es Schiffe gab, die sowohl auf als auch unter Wasser fahren können. Kriegsschiffe. Krieg ist schrecklich, hatte ich aus den Gesprächen anderer gehört. Viele Menschen seien darin gefallen. Ich war auch schon oft gefallen. Aber meist war das nicht sehr schlimm. Trotzdem hatte das Wort Krieg für mich einen bedrohlichen Klang. Drum ließ ich die U-Boote, die außerdem erbärmlich stanken lieber da, wo sie waren. Ich fand ein Stöckchen und ein Stück Pappe. Daraus machte ich einen Mast und das Segel und rüstete mein Schiff damit aus. Es war bereit, um in See zu stechen. Es fehlte nur noch die Ladung. Ich besaß eine Sammlung von Spielzeugtierchen. Butter gab es damals nicht, oder sie war zu teuer. Wir aßen Margarine. Und beim Kauf eines Würfels gab es ein kleines Plastiktierchen dazu. Diese stellte ich auf das Deck meines Bootes. Und schob es mit dem Stock auf den See hinaus. So stellte ich mir die Arche Noah vor, wie sie von der Sintflut davongetrieben wurde. Erwachsene würden sagen, das sei ein Tiertransportschiff.

Mein erstes Boot
Zum vierten Geburtstag bekam ich ein richtiges Segelboot geschenkt. Zwar nur ein Spielzeug, bunt bemalt, aber mit einem Segel aus Stoff und einem Schwert. Ich merkte schnell den Unterschied zwischen meinem Brettschiffchen und dem Schwertboot. Das erste trieb nur weg, das andere bewegte sich vorwärts. Schwimmen konnte ich nicht. Wollte ich auch nicht lernen. Wozu auch? Ich wollte ja auf einem Schiff fahren. Und das schwamm ja. Wie oft fiel ich ins Wasser, wenn mein Schiffchen sich zu weit entfernt hatte, und ich es wieder einfangen wollte? Ich kann mich gut erinnern, wie ich absank, immer tiefer. In meinen Ohren klingelte es. Und jedes Mal packte mich eine Hand und zog mich wieder ans Licht und an die Luft. „Versprich mir, das nicht wieder zu tun! Fall ja nicht mehr ins Wasser!“, verlangte meine Mutter. „Versprechen, was heißt das eigentlich?“, fragte ich mich. Wenn jemand etwas Falsches gesagt hatte, dann sagte er: „Oh! Ich hab mich versprochen!“ „Ja“, sagte ich, „ich verspreche“, ohne recht zu wissen, was ich da eigentlich sagte.
Manchmal durfte ich beim Vater im Ruderboot mitfahren. Auf den See hinaus. Oder bis zum anderen Ufer, zu Fischer Bombosch. Für mich war das Amerika. Ich hatte nämlich gehört, dass Amerika auf der anderen Seite des „großen Teichs“ läge. Dieser legte Reusen aus, wie mein Vater. Und Aalschnüre. Und Angeln mit Setzfischen. Auch ich angelte, mit Regenwürmern als Köder. Sie waren leicht zu finden. Man brauchte nur einen Stein anzuheben oder ein Brett. Und sie waren da. Ich verstand nicht, warum die Mädchen kreischend wegrannten, wenn ich ihnen einen zeigte. Sind halt Weiber...
Später durfte ich auf einer Jolle mitfahren. Man erkannte sie an dem O im Segel. Oder auf einem Pirat. Der hatte ein Beil auf dem Segel. Das waren für mich die Seeräuber. Das Gute an den Piraten war, dass sie eine Fock, ein Vorsegel besaßen, das ich mit meinen dünnen Ärmchen schon bedienen konnte. „Klar zum Wendn!“ „Re!“, und der die Ruderpinne hielt, legte sie um. Leichtes Flattern, ich zog, so gut ich konnte an meiner Schot. Schon rundeten sich die Segel wieder, und das Boot nahm erneut Fahrt auf. RE stand auch auf den Nummernschildern der Autos: Recklinghausen. Was hatte das mit Segeln zu tun? Die aus Gelsenkirchen, sagten die „Ge“? Ich kannte Leute aus all den Orten, denn sie hatten Boote bei uns untergestellt. Mein Vater war Bootswart. Eine wichtige Person! Er trug eine Mütze wie ein Kapitän. Warum heißt die Stadt Essen eigentlich Essen? Essen die Leute dort so viel? Aber ich kannte auch dicke Leute aus Gelsenkirchen. Komisch, die Welt der Erwachsenen... „Ihr Kleiner ist aber witzig!“, sagten die Leute, wenn ich meine Gedanken mal laut aussprach. Das machte mich wütend: Denn 1. war ich nicht klein, 2. meinte ich es ernst. Ernst? Auch wieder so ein Wort. Ich hatte einen Freund, der hieß Ernst, und der war eigentlich ganz lustig! Ein anderer hieß mit Nachnamen Mast. Und der war eher klein. Und sie hatten kein Boot. Ich hatte also genug Gründe, den Erwachsenen zu misstrauen!
Ich band einen Zwirnsfaden ans Heck meines Segelbötchens, stieß es ab und stellte mir vor, ich durchkreuze die Meere. Wie die Kapitäne in den Büchern, die ich schon bald zu lesen imstande war.

Auf meiner Pamir 2
Als das Segelschulschiff „Pamir“ sank, vor den Azoren, war ich schon 8 Jahre alt. Wie gerne wäre ich auch auf einem Schulschiff, anstatt in der langweiligen Marienschule... Der Untergang der „Pamir“ brachte mich nicht von meinem Wunsch ab, zur See zu fahren. Er gab mir nicht einmal einen Grund, endlich Schwimmen zu lernen. Ich benannte das Floß, das ich gebaut hatte, „Pamir“ und fuhr hinaus auf den See.
Als ich 11 war, brach die größte Katastrophe meines Lebens über mich herein. Meine Eltern zogen nach Bayern. Ich wusste noch nicht einmal, wo das war! Und wir Kinder mussten mit. Ich musste meinen Hund Moritz zurücklassen und mein Boot „Pamir 2“. Und den See!!! „Dafür gibt es in Bayern Berge“, versuchte meine Mutter mich zu trösten. Jetzt war für mich klar: So bald wie möglich weg von hier und auf See!
Es gab in Bayern doch einige Seen. Und in Bayern lernte ich auch schwimmen. Nicht, dass ich inzwischen eingesehen hatte, dass man schwimmen können muss, um Seemann zu werden (ein Schornsteinfeger kann ja auch nicht fliegen). Nein. Es ging um 5 Mark, die ich unbedingt brauchte. Das reicht noch bis in die Zeit in Haltern zurück. Ich erinnerte mich, dass der Vater uns 5 Mark versprochen hatte, wenn wir schwimmen könnten. Was sollte ich damals mit 5 Mark? Mein Bruder bekam sie. Jemand nahm ihn an eine Art Angel, wie einen Fisch. Mit einem Gurt um den Bauch hing er daran. Da zappelte er nun, schluckte Wasser und hustete, während ich aus meinem Versteck unter dem Bootssteg zusah. Jetzt brauchte ich aber 5 Mark, weil ich wie meine Freunde eine Luftpistole kaufen wollte. Die kostete 10 Mark. 5 Mark hatte ich schon gespart. Das hatte lang gedauert, bekamen wir jeder nur 50 Pfennig Taschengeld im Monat. Später dann 50 Pfennig pro Woche. Denn wir hatten den Eltern gesagt, dass andere Freunde 1 Mark bekommen. Gab das einen Zirkus! „Was andere machen oder sagen, ist mir egal!“, tobte der Vater. Doch so ganz egal schienen ihm die anderen doch nicht zu sein. Wenn mein Bruder und ich nicht in die Kirche gingen, dann hieß es: „Was sollen da die Leute denken!“ „Aber ihr geht doch auch nicht!“, war unsere Antwort. „Das ist etwas ganz anderes!“ Auch sollten wir wie die anderen zur Beichte gehen. „Aber ihr geht doch auch nicht!“ „Wir sündigen auch nicht!“, war ihre Antwort. Dabei hatten wir im Katechismus- Unterricht gelernt, dass selbst der Papst drei Sünden pro Tag begeht!
Tauchen konnte ich schon. Ich besaß eine einfache Maske und einen Schnorchel. So tauchte ich mit meinem Freud Walter die Ufer des Herzmannssees ab. Erstaunte über die neue Welt, die sich mir auftat. Wunderte mich über das Knacken der Schilfhalme, wenn diese zerbrachen. Wir gaben uns Rufzeichen, indem wir zwei Kieselsteine aneinander schlugen. Vom Tauchen bis zum Schwimmen war es nur ein kleiner Schritt und bald hatte ich meine 5 Mark...
Mit dem Rad fuhren wir nach Isny. Das liegt in Baden-Württemberg. Dort bekam ich die Pistole ohne Probleme. In Bayern musste man 18 Jahre alt sein, um eine zu kaufen. Wir spielten meist Cowboy und Sheriff oder Indianer. Ich hatte eine Pistole, war also meist Cowboy. Sheriff waren immer dieselben: die Kinder der 2 Dorfpolizisten. Ich wäre schon gerne Cowboy geworden, ähnlich wie Bauer Nolte in Overath, aber noch lieber Matrose. Mein Bruder wollte Feuerwehrmann werden oder Pilot. Als ich in der Schule einen Aufsatz schreiben sollte: „Was ich einmal werden möchte“, vergaß ich meine Vorbehalte gegenüber den Erwachsenen und schrieb auf 16 Seiten über meinen geheimen Wunsch, zur See zu gehen. Prompt kassierte ich einen 6er mit der Begründung, dass das kein richtiger Beruf sei und nur Hirngespinste eines unreifen Buben. Der Lehrer las Zitate aus meinem Aufsatz vor und machte mich zum Gespött der Klasse. NIE würde ich Lehrer werden! Man vertraut sich ihnen an, und sie benutzen es, um einen fertig zu machen. Verräter!
Aber die schlechte Note passte gut in mein Konzept: Als ich den Eltern sagte, was mein Berufswunsch war, reagierten sie wie der Lehrer, obwohl sie keine Bayern waren. Durch mein schlechtes Zeugnis konnte ich sie überzeugen, dass meine Zukunft nicht intellektuell, sondern handwerklich sein würde. Und sie ließen mich gehen. Eigentlich ist gehen lassen zu schwach ausgedrückt. Mein Vater schmiss mich raus auf immer und ewig, während meine Mutter mich weinend zum Zug begleitete. „Pass gut auf dich auf, mein Junge!“, waren ihre letzten Worte, als der Zug sich in Bewegung setzte. Ich hing am offenen Fenster und winkte, bis sie im Dunkel zurückblieb. So. Das wäre geschafft. Der erste Schritt zur Freiheit, zum wahren Leben!
*
Der Zug ratterte die ganze Nacht. Am Vormittag kam ich in Bremen an. Ein Fahrgast, mit dem ich mich unterhalten hatte, sagte, wenn ich im Zug bliebe, könne ich über Bremerhaven fahren und vom Zug aus gut das Segelschiff „Schulschiff Deutschland“ sehen. Aber außer ein paar Masten sah ich nichts. Vielleicht hatte ich auf der falschen Seite rausgeschaut... Zudem musste ich 5 Mark 50 Zuschlag für den Umweg zahlen, obwohl ich beteuerte, das Aussteigen verschlafen zu haben.
Die Seemannsschule, die ich besuchen sollte, um mich auf meinen Beruf vorzubereiten, lag in Bremervörde, an der Oste (nicht Ostsee, wie ich zuerst dachte, als ich die Einschreibformulare für die Seemannsschule erhalten hatte), einem kleinen Flüsschen, das unweit von Cuxhaven in die Elbe mündet. Am Bahnhof wartete ein Schüler, der schon früher angereist war, auf all die Neuen, um sie zur Schule zu führen.
Das war ein Backsteingebäude mit zwei Seitenflügeln. Dahinter ragte ein hoher Mast empor, wie auf einem Segelschiff. Dann musste jeder von uns zur Einschreibung ins Büro. Anstatt der erwarteten Begrüßung gab's einen Anpfiff. Man hatte mich schon mit einem früheren Zug erwartet.

Die Postkarte, die ich Muttern schickte
Was mir denn einfiele, mit Verspätung zu kommen. „Ich bin aus Versehen in einen anderen Zug eingestiegen usw.“. Ich sah, dass es auch hier zwecklos war, mit Erwachsenen normal zu reden. Vielleicht brauchten sie nur Freiwillige zum Kartoffelschälen; denn das war es, was die Verspätung mir einbrachte: eine Woche Kartoffelschäldienst! Na ja; jemand muss es ja machen. Zu meinem Glück waren wir drei Auserwählte. 50 Schüler plus die Offiziere, das gab einiges an Kartoffeln... Ich kannte den Barras nicht, den Militärdienst, war ja erst 16. Aber ich stellte mir vor, dass es dort ebenso herging wie hier. Brüllen, Befehle, Strammstehen und „Jawoll“ sagen.
Wir wurden in zwei Gruppen eingeteilt: die Steuerbordwache und die Backbordwache. Wenn mehr Schülerandrang war, kam noch eine Mittelwache dazu. Die Zimmereinteilung ging schnell vor sich. Alphabetisch. 8 Jungens pro Raum in 4 Stockbetten. Dann ging es ans Bettenbauen, d. h. Beziehen. Dabei bemerkten wir, dass alle Matratzen, egal wie wir sie auch drehen mochten (außer hochkant), Blutflecken hatten. Hatte hier ein Massenmord stattgefunden? Nein! Bevor das Haus zur Seemannsschule umfunktioniert wurde, war es ein Mädchenpensionat gewesen. Und neue Matratzen zu kaufen, das war für die Seemannsschule Hamburg nicht drin. Es fehlte an Kohle, also Spendengeldern. So hatte unsere Schule also beide Extreme gekannt. Erst rein weiblich - jetzt voll männlich. Manchmal lagen wir mit Phantasmen in den Kojen (Betten) und stellten uns die Vorbeliegerin unserer Matratzen vor. Versuchten, die Zeit zurückzustellen... Als der Wachoffizier die gerade von uns bezogenen Betten inspizierte, flog erst mal wieder alles raus. „So baut man keine Betten, seid wohl alle Muttersöhnchen?!“ Einer, der vorher bei der Bundeswehr war, musste uns das genau zeigen. Zu unserem Glück zeigte er uns auch die Tricks, als der Offizier gegangen war, das nächste Zimmer zu inspizieren: vier Knoten in die Ecken des Lakens, und alles war glatt!
Dann ging es an die Einteilung der Unterrichtsräume: Die erste Hälfte des Alphabetes bekam den Steuerbord-Raum, die zweite den Backbord-Raum. Das Schrankeinräumen ging nicht so schnell. Je drei Schüler hatten einen Schrank gemeinsam hier im Klassenzimmer. In die rechte Hälfte hängten wir unsere besseren Sachen auf Kleiderbügel. Das ging fast anstandslos. Linkerhand hatten wir jeder zwei Ablagefächer übereinander. Da flog alles so schön von Muttern zusammengefaltete wieder im Bogen hinaus und landete auf dem Boden. „Nochmal neu! Aber richtig diesmal!“ Natürlich war es auch dieses Mal nicht richtig. Die Taschentücher mussten rechteckig gefaltet werden, nicht quadratisch. Die Hemden so, dass die Ärmel innen lagen, der Kragen obenauf. Alles auf eine bestimmte Breite. So viel Mühe wir uns auch gaben, so oft flog alles wieder hinaus. Ein paar Schüler wurden sauer. „Nix als Schikane!“ Das waren die nächsten Anwärter zum Kartoffelschälen. Mir kam das alles eher vor wie ein lebensgroßes Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel. Glaubst du, du hast es geschafft, wirst du wieder geschmissen. Nur nicht ernst nehmen, dachte ich mir. Sonst bist du hier nicht am richtigen Platz! Das machten uns auch die Offiziere klar: „Wir haben euch nicht gerufen! Ihr seid es, die zur See fahren wollt! Und da geht nichts ohne gewisse Regeln. Und die müsst ihr erst mal lernen!“
Erschien uns vieles als Willkür, so sahen wir spätestens an Bord, dass manches berechtigt gewesen war. Bedingt durch die Enge entstanden dort viele Probleme, die es an Land nicht gibt. Hier fand schon eine Auswahl statt, fast ein Eignungstest. Auch mussten wir lernen, eine Order bedingungslos auszuführen. Es hatte keinen Zweck, uns dagegenzustellen. Wir sollten ja fähig werden, in extremen Situationen zu arbeiten und zu überleben. Eines stand für uns alle fest: Von unseren Eltern hätten wir uns auf diese Weise nicht behandeln lassen! Nie!
Unterrichtsräume, Speisesaal, Küche und Büros befanden sich im Erdgeschoss. Im Obergeschoss, über dem Speisesaal, wohnte der Kapitän. Im Hauptflügel lagen beidseitig des langen Flurs unsere Kammern und die Waschräume, von denen die Innentüren fehlten. Die Klos waren offen, die Duschen ohne Vorhänge. Im Seitenflügel befanden sich die Kammern der Offiziere, die in der Schule wohnten, wenn sie zusätzlich Nachtdienst hatten. Manche von ihnen wohnten in der Stadt. Im Dachgeschoss lagerten wir unsere Koffer. Im Keller befanden sich der Heizraum und Koksvorrat, die Waschküche und der Takelkeller, das Reich des Bootsmanns Papendieck.

Der Mast im Hof der Schule
Wir dachten zu Anfang, dass die Türen der Toiletten und die Vorhänge nur zum Überholen entfernt sind. Doch das war Dauerzustand! Daran musste man sich erst mal gewöhnen, zu zehnt nackt unter den Duschen zu stehen oder für alle sichtbar auf den Klos aneinandergereiht sein Geschäft zu erledigen. Für wohl alle war dies anfangs die schwerste Probe. Alles nackt. Kurze Schwänze, lange Schwänze. Nur keinen hochkriegen! Da würde die ganze Meute was zum Lachen haben! Wenn sich etwas anfing zu regen, dann lieber schnell auf ein Klo, wenn eines frei war, und ihn zwischen den Beinen einklemmen, bis er wieder hängt... Diente dies alles zur Erziehung zur Gleichgültigkeit, oder war es, um zu verhindern, dass zwei Gleichveranlagte sich treffen konnten? Vielleicht beides. Klar, dass die Schüchternen unter uns, zu denen auch ich gehörte, lieber duschen gingen, wenn weniger da waren. Oder aufs Klo. Aber mit der Zeit wurde uns das egal. Und das Duschen wurde zu einem der unterhaltsamsten Momente des Tages, wo wir mal ohne Aufsicht waren und ungehindert Witze machen konnten. Ohne Aufsicht? Ich glaube, die beste Aufsicht ist die Masse. Sind wir alle!
Natürlich gab es welche, die der Schulleitung hinterbrachten, was sie gehört hatten, was sie gesehen hatten. Wer, was, wann, wie und wo. Das merkten wir morgens beim Rapport. Wir alle mussten vor dem Frühstück im Hof in Reih und Glied („nicht vergessen!“) antreten. Vor dem hohen Mast. Wir standen, Hände auf dem Rücken, Offiziere und Kapitän rechte Hand grüßend zur Mütze gehoben, während die Deutschlandflagge langsam in die Gaffel stieg. Wehe, der Posten, der die Flagge hisste, verhedderte die Leine, war zu schnell oder zu langsam! War das Tuch oben, wurde für uns die Sache ernst. „Moin, Jungs!“, sagte der Kapitän. „Guten Morgen, Herr Kapitän!“, riefen wir, die Hände auf dem Rücken. Ja nie in den Taschen. „Hände weg vom Bändsel!“, hieß es dann, „Einmal rund um die Kartoffel!“ Anfangs war es leicht, „Freiwillige“ für Küche oder Klo zu finden. Es genügte, dass die zwei Streifen unserer Pudelmütze nicht gerade waren oder nicht ganz sichtbar. Fest steht, dass die Anzahl der Bestrafungen immer der Zahl der notwendigen Hilfskräfte entsprach. Dann rief der Kapitän: „Vortreten zum Rapport!“, und es war an denjenigen vorzutreten, die sich etwas hatten zuschulden kommen lassen, oder der Kapitän rief Namen auf. Man wusste nie, ob man dabei war. Es hagelte Bestrafungen, Mahnungen, manchmal Drohungen von Schulverweisung. Zum Glück fing danach bald der Unterricht an.

Unterrichtsraum Steuerbordwache
Als die Betten bezogen waren, die Schränke eingeräumt, und wir unsere Arbeitskleidung erhalten hatten, mussten wir den Rest der Wäsche in den Koffern auf dem Dachboden verstauen. Jedes Wäschestück hatte zuhause mit unseren Namen markiert werden müssen. Wie viele Muttertränen sind dabei geflossen? Geld und Wertvolles waren in den Koffern verboten. Kein Problem für mich. Ich hatte keines. Einmal pro Woche konnten wir unter Offiziersaufsicht da hoch, uns was rausholen oder umtauschen. Das vorgesehene Taschengeld mussten wir bei der Sekretärin im Büro deponieren, wo wir später jede Woche etwas abholen konnten. Klar, dass manche Geld in den Koffern hatten oder anderswo versteckten. Aber wie schon gesagt, die Kriecher hinterbrachten alles. Das war die schwache Seite dieses Informationssystems: Einem Hinterbringer würde es später an Bord dreckig gehen. Auch schaffte es Misstrauen unter uns und verhinderte anfangs das Bilden eines Gemeinschaftsgefühls.
Wir waren 8 Leute bei Tisch zum Essen plus ein Backschafter, der die Kellnerfunktion innehatte. Dieser holte die Töpfe und Schüsseln an der Essensausgabe ab und bediente seine Gruppe. 2 von uns waren Offiziersbackschafter. Die Backschafter aßen vor den anderen. 2 weitere halfen in der Küche, 2 hatten Spüldienst. Jede Woche wechselte die Gruppe. Nur die „Straftäter“ hatten eine zusätzliche ‚Ehrenaufgabe‘, meist Kartoffeln oder Toilette. Die Kammern sauber halten, war Aufgabe der Bewohner. Kontrolliert wurde vom Ausbildungsoffizier.
Wir hatten das Dreiwachensystem an der Schule. Wie auf einem Schiff auf großer Fahrt. Dadurch, dass die ‚Mittelwache‘ (die dritte Gruppe, wenn bei anderen Kursen viel mehr Schüler da waren) fehlte, war die Posteneinteilung komplizierter. Aber das tüftelten die Offiziere aus. Wir waren nur Ausführende. Da war der Posten „Tor“. Der stand hinter dem Gartentor am Straßeneingang. Er empfing die Besucher und führte sie in den Flur, wo sie der Posten „Flur“ übernahm. Dieser brachte die Gäste ins Büro oder Küche, wenn es Lieferanten waren. Als Posten musste man immer die Hände auf dem Rücken haben. Wehe, einer rauchte! Freiwillige wurden immer gesucht!

Magnetkompass im Flur der Schule
Der Posten „Flur" hatte seinen Standplatz beim Kompasshaus im Flur. Der dritte Posten war der Posten „Bootshafen“, der 500 Meter weiter bei den Rettungsbooten Wache schob. Da war es ruhig, und eine Zigarette war möglich. Alle 80 Minuten wechselte man sich ab. Das erlaubte es den Außenposten, sich etwas aufzuwärmen. Wir befanden uns im Oktober. Anfangs war das Wetter noch gut. Aber je näher Weihnachten rückte, desto kälter wurden die Tage und das Postenstehen umso härter. Wir gingen Wache von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends. „Freut euch! Auf dem Schiff müsst ihr auch nachts raus!“, hieß es zum Trost. Die Posten waren vom Unterricht befreit, mussten aber zusehen, wie sie den Stoff nachholten. Der einzige, der keine Wache schieben musste, war Gerd. Er hatte die breitesten Schultern von uns allen und war der Größte. Er war ein guter Kamerad, lachte gern. Er war zum Heizer unserer Schiffer-Schule ernannt worden, weil er Erfahrung im Umgang mit Heizungen hatte (er hatte als Installateur gearbeitet). Da konnte er auch mal den Unterricht verlassen, um nachzulegen. „Die Maschine muss laufen!“ Dort unten vor dem Kokshaufen rauchte er seine Zigaretten und las Romane.
Unsere „Dienstkleidung“ bestand, (von oben nach unten) aus der Pudelmütze (Pudel genannt). Hatten wir sie nicht auf dem Kopf, musste sie vorne in der Tasche unserer Latzhose stecken, die unser Hauptbekleidungsstück war. Anfangs kamen wir uns wie Pinguine vor, wenn wir uns in dem blauen Teil sahen. Das Gute daran war die Anzahl der Taschen. Die Enden der Träger mussten wir nach jedem Waschen neu annähen. Sauberes Taschentuch war Pflicht. Alle trugen wir das gleiche khakifarbene Hemd, die oberen zwei Knöpfe offen. Auf der linken Schulter war das Wahrzeichen der Seemannsschule Hamburg aufgenäht: ein wappenartiges Emblem, rot auf weiß, mit einem Kreuzknoten darauf und den Buchstaben SH (Seemannsschule Hamburg). Unter diesem Hemd trugen wir bei kaltem Wetter einen dunkelblauen Marinepullover mit Reißverschluss-Rollkragen. Dieser Reißverschluss musste ebenfalls offen sein, und der Kragen des Pullovers musste genau auf dem Hemdkragen aufliegen. Die Wahl der Unterhose war frei, vorausgesetzt, unser Name war angenäht; ob von Muttern oder Freundin war egal. Unsere nicht etikettierten Füße steckten in etikettierten Socken und diese in schwarzen Lederturnschuhen mit heller Sohle. So waren wir ausgestattet, um uns auf das Abenteuer Seefahrt vorzubereiten.

Steuerbordwache
(v.l.n.r: Klosterreit, Bendick, Jensen, Knaak, Danhel, Förster, Kohlmorgen - Endres, Ciboch, Kammel, Jahnke, Bergmann, Feurig, Giebel, Klötzer, Buck – Hallmann, Kammerlander, Doleisch, Kessler (‚Morphi‘), Batliner
Gleich zu Anfang ging es darum, aus unseren Reihen den Wachältesten zu wählen. Der Vorschlag der Schulleitung war Hans für die Steuerbordwache. Er war Stabsunteroffizier beim Bund gewesen. Er konnte ebenso gut Orders geben wie die Offiziere, war gewohnt, angebellt zu werden und in die andere Richtung weiterzubellen. Wir akzeptierten ihn in geheimer Wahl. Die Backbordwache entschied sich für Peter, der war ein großer Typ und sehr kollegial.

Backbordwache
(v.l.n.r: Lange, Müller, Lehner, Pursche, Sindermann, Rietz, Ostermann, Meier, Langstroh – Zimmermann, Tröndlin, Petri, Mommert, Techentin, Schade, Steincke, Räthke – Zink, Tschakert, Mandl, Szybalski, Strecker, Tschinkel
Kapitän Neugebauer, von gedrungener Person, war der Master next God, Herr über Sein und Nichtsein an unserer Schule. Er paradierte mit einem deutschen Schäferhund an kurzer Leine. Wir fragten uns, wer von den beiden der Bissigste war. Es hieß, er sei früher auf Segelschiffen gefahren, sogar als Kapitän. Er war sich seiner Aura von Autorität bewusst. Außer beim morgendlichen Rapport blieb er weitgehend im Hintergrund. Seine Frau, die wir selten sahen, erschien uns ein bisschen aufgetakelt. Wir vermuteten, dass sie im Hause die vier Streifen trug.
Den zweiten Rang bekleidete Erster Offizier Wulf. Er war es, der unsere ganze Mannschaft morgens dem Kapitän klar zum Rapport meldete. Er war es, der im Alltag die Schule leitete, sich auch um das Administrative kümmerte. Unterricht gab er nur beschränkt, meist bestimmte Fächer, wie Schiffskunde. Manchmal war er ein bisschen brummelig, doch wir mochten ihn.
Wir von der Steuerbordwache hatten Schönfeld als Ausbilder. Einen ehemaligen Hamburg-Süd-Fahrer, der aus familiären Gründen die Seefahrt gegen die Seemannsschule eingetauscht hatte. Er hatte einen sechsjährigen Sohn. Er besaß Autorität, war gerecht und konnte es sich leisten, Witze in den Lehrstoff einzubauen. Wir mochten ihn. Das Tragische war, dass gegen Mitte der Schulzeit seine Frau Selbstmord beging… Dann war da Möller, der Ausbilder der Mittelwache. Er machte den Springer, wenn einer der beiden anderen Offiziere ausfiel. Er war oft mit uns im Hafen, bei den Bootsmanövern. Der Ausbilder der Backbordwache war Peters. Er war ein richtiger Seemann. Er spielte Akkordeon und trank, war manchmal ein bisschen launisch.
Derjenige, der alle überragte, an Größe, Stimmkraft und Sprüchen war Bootsmann Papendieck, „mit über hundertjähriger Erfahrung“! Er war das Unikum der Schule. Schon lange in Rente, er war immerhin 72, tat er seinen Job mit Überzeugung und Spaß. Sein Hauptspruch, den wir mehrmals täglich zu hören bekamen, war: „Ein Seemann kann alles! Wiederhole!“ Laut seinen Erzählungen (wir bekamen einige zu hören während der drei Monate!) war er in Douala, Kamerun, lange Zeit Hafenmeister gewesen. Ihm unterstand damals ein Heer vor schwarzen Arbeitern, die er vielleicht nicht mit der Peitsche, aber doch mit strenger Hand regierte. In seinem Büro lag ein großer Steinklotz. Jeder der angestellt werden wollte, musste diesen als Prüfung hochheben. Oft seien diejenigen, die Arbeit suchten, nachts in sein Büro geschlichen, um zu versuchen, den Klotz zu heben. So hätten sie trainiert, bevor sie vorstellig wurden. Wie bereute er, diesen Steinklotz nicht in unserem Takelkeller zu haben! Da würde man schnell sehen, wer zur Seefahrt geeignet sei und er bräuchte sich nicht mit dieser Bande von Schlappschwänzen rumzuärgern!

Ausbildungsoffizier Peter Schönfeld
Oft entblößte er vor uns seine oberschenkeldicken Arme, zeigte uns seine Muskeln und sagte „Muscheln! Kann sehn?“ Er hatte Hände wie Pratzen, würde man in Bayern sagen. Wie Pranken und Tatzen in einem. Wie Unkraut-Ex. Wo die hinfassten, wuchs kein Gras mehr! Nichts liebte er mehr, als sich von uns zu einer Kraftprobe herausfordern zu lassen. Manchmal sogar gegen zwei gleichzeitig! Ob beim Armdrücken, beim Heben (er hob zwei von uns zugleich in die Luft), oder beim Begegnen im Flur (wer nicht auswich, landete an der Wand). „Muscheln, kann sehn?“ Und damit uns allen solche Muscheln wuchsen, damit aus uns Schlappschwänzen mal steife Seebären wurden, gab es morgens zum Frühstück „Muschelsuppe“. Das war Haferbrei mit Milch. Das mussten alle essen. „Keine Diskussion!“ Das war sozusagen unsere Grundspeise. Danach gab's noch belegte Brote.
In der Küche herrschte Frau Grewer. Große Klappe, derb in ihren Ausdrücken. Wir vermuteten, sie sei eine ehemalige Nutte. Ihre Zunge war einfach zu freiläufig, selbst für uns junge Kerle, die an Kraftausdrücken nie sparten. Samstags kochte sie ihre Wäsche in unserem Muschelsuppentopf! Diejenigen, die gerade Küchendienst hatten, waren baff, als sie das sahen. Mit dem Kochlöffel rührte sie ihre Wäsche und hängte sie dann draußen auf, was uns Anlass zu weiteren Phantasmen gab.
Morgens um halb sieben (im Sommer sechs Uhr) knallte die Zimmertür auf und das Licht ging an. „Reise, reise, reise (vom engl. „to rise“) nach alter Seemanns Weise! Ein jeder stößt den Nächsten an, der Letzte weckt sich selber!“ Dieser Weckruf stammte aus der Segelschiffszeit, als alle noch in Hängematten schliefen. Diese reichten immer nur für die Hälfte der Besatzung (Freiwache), aus Platzgründen. Die andere Hälfte war an Deck oder in den Masten beim Arbeiten. Da die Hängematten dicht an dicht aufgehängt waren, reichte es, die erste fest anzustoßen, diese stieß an die nächste etc. Der Letzte stieß gegen das Schott, die Wand. Manchmal wurde der Weckruf auch abgekürzt: „Reise, reise, reise, raus aus der Scheiße!“ Wer da nicht gleich aus der Koje sprang, kriegte Ärger. Waschen, anziehen, Betten bauen, Kammer aufklaren. Sieben Uhr antreten zum Rapport, halb acht Frühstück, acht Uhr Unterricht.

Bootsmann Papendieck
Der theoretische Unterricht fand vormittags statt. An Stoff mangelte es nicht. Von Schiffskunde ging es über Ladung zur Geographie, Sicherheit, Signalkunde, Morsen, von da zur Flaggenkunde und Klassifizierung. Alles, was mit der christlichen Seefahrt zu tun hat, wurde behandelt. Für mich war alles völlig neu, und ich langweilte mich nie.
PAPENDIECK
Dreimal die Woche war Bootsmanöver. Dazu ging die ganze Wache zum Hafen am Ufer der Oste. Der bestand aus einem hohen, hölzernen Steg, auf dem die Rettungsboote hingen, und einer betonierten Rampe, auf der man die Dinghis zu Wasser lassen konnte. Dies waren kleine Holzboote, worauf man auch ein kleines Segel setzen konnte. Wir benutzten sie hauptsächlich, um Wriggen zu lernen, sich mit einem einzigen Ruder am Heck vorwärts zu bewegen. Das bedarf großer Geschicklichkeit. Durch meine Kindheit am Wasser konnte ich das schon, und ich war stolz darauf, den anderen mal etwas zeigen zu können!
Unsere Hauptaufgabe war, die Prüfung zum Rettungsbootsmann vorzubereiten und zu bestehen. Das bedeutete erst mal, mit allen Handgriffen vertraut zu werden, um ein Boot zu Wasser zu lassen. Und dann in einer Gruppe die Leute einzuteilen und die Kommandos zu geben, um das Boot schnell und sicher einsatzbereit zu haben.

Am Hafen
Im Unterricht hatten wir schon von den verschiedenen Davitsarten (Rettungsbootsaufhängungen) gehört. Hier waren sie vor uns. Einer der zwei Kutter hing in einem Spindeldavit, der andere in einem Schwerkraftdavit. Es gab noch eine dritte Art, die wir hier nicht besaßen, den Schwingdavit. Diesen findet man nur noch auf alten Segelschiffen. Sie bestehen aus zwei drehbar auf Deck befestigten galgenförmigen Armen, an denen an Taljen (Seilzügen) das Rettungsboot überm Deck hängt. Durch Vor- und Rückwärtsschieben des hängenden Bootes kann man diese Davits außenbords schwenken, um das Boot zu Wasser zu lassen. Da diese Art langwierig ist und bei Schlagseite schier unmöglich (Untergang der Pamir), ist auf Neubauten nur noch der Schwerkraftdavit erlaubt.
Der Spindeldavit besteht aus zwei ausschwenkbaren Armen, in denen das Rettungsboot ruht. Einmal die Sicherungslaschen los, werden diese Arme mittels Spindeln (Stangen, die mit einem Schneckengewinde versehen sind) durch Kurbeln ausgeschwenkt. So schwebt das Boot langsam ins Freie und kann zu Wasser gefiert werden. Eine etwas langwierige Sache, denn es bleibt einem bei Seenot oft nur wenig Zeit! Deshalb kommt auf neueren Schiffen nur noch der Schwerkraftdavit zur Anwendung. Bei diesem reicht es, die Sicherung frei zu machen und die Fliehkraftbremse zu lösen. Durch die Konstruktion bedingt und durch das Gewicht des Rettungsbootes klappen die Arme aus und das Boot ist in kürzester Zeit im Wasser. Zwei Leute müssen sich mindestens im Rettungsboot befinden, um die Taljen auszuhaken. Über dem Boot hängen an einem Stag mehrere Manntaue (Seile mit Knoten drin) zur Sicherheit der Männer im niedergehenden Boot.
Mit viel Zeit und viel Gebrüll lernte auch der urigste Bergler alle Handgriffe und alle Befehle auswendig: „Antreten zum Bootsmanöver“, „Klar zum Bootsmanöver“ und so fort. So lernten wir, wie es später in unserem Alltag sein würde: Du bekommst eine Order, wiederholst sie, führst sie aus und meldest die Ausführung. Nur so sind Missverständnisse weitgehend auszuschließen.

Links Spindeldavit – rechts Schwerkraftdavit
Das Boot zu Wasser lassen, das ist das eine. Etwas anderes ist es, es zu bewegen. Zum Glück konnte ich schon rudern. Aber rudern alleine ist was ganz anderes als rudern zu zwölft! Da war der Bootsführer. Anfangs Papendieck oder ein Offizier. Der stand am Steuer und gab den Takt an, oft indem er mit der herausgezogenen Ruderpinne auf die Ducht (Sitzbank) schlug. Wir saßen, je zwei nebeneinander, auf unseren Duchten, die schweren hölzernen Riemen mit beiden Händen an der verjüngten Stelle haltend. Auf dem Dollbord (dem oberen Rand des Bootes) lag das Ruder in seiner Gabel, der Dolle. Das Wichtigste ist, dass alle im gleichen Takt arbeiten. Anfangs glichen unsere Ruderversuche eher einer außer Kontrolle geratenen Windmühle. Holz schlug auf Holz, Wasser spritzte, ein Riemen glitt aus den Händen und entfernte sich langsam auf der Oste. Papendieck lief rot an, benannte uns mit allen möglichen Primatennamen. Doch langsam kam ein Anfang von Ordnung in die Sache. „1-2-3-4“. „1“ war die Riemen in waagerechter Stellung nach vorn zu bewegen, d. h., wir bewegten die Griffe der Ruder nach hinten. „2“ war drehen der Ruderblätter auf senkrecht und eintauchen. „3“ war wegholen, so fest wie möglich ziehen. „4“ Riemen aus Wasser und waagerecht drehen. Und dann das Ganze nochmal und nochmal und nochmal. Immer fester, immer schneller, immer harmonischer, bis zur Erschöpfung. Bald schon konnten wir stolz auf unsere Fortschritte sein, obwohl Papendieck weiterhin meckerte. Binnen kurzem wurde jede Bootsübung zu einem Wettrennen zwischen den zwei Kuttern. Es stellte sich heraus, dass der andere Kutter immer schneller war. Vielleicht war er leichter oder etwas schnittiger gebaut. Wir waren 6 Paar Ruderer. Die 2 Hintersten hießen die Schlagleute. Das waren die Kräftigsten, sie gaben in der Regel den Schlag an, also den Rhythmus und damit die Geschwindigkeit. Uns blieb nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen, sonst gab es Riemensalat. Am Ende hieß es dann nur noch „eins und!“ Unsere Ruder flogen, das Wasser schoss quirlend weg, der Kutter jagte vorwärts. Bald dann nur noch „hol – weg! Hol – weg!“ und unser Bootsmann lachte.

Einbringen der Dinghis
So rasten wir über die Oste, der schwere Kutter, in dem auch ich saß, meist hintendran. Papendieck versprach dem, der den Riemen (Ruder) abriss, 10 Mark, um uns anzufeuern, den anderen Kutter abzuhängen. Gerd, der Heizer, schaffte das zweimal. Das Geld bekam er nie, dafür aber einen Anschiss wegen Beschädigung von Schulmaterial. Manchmal ging unser Rennen bis zu dem kleinen Binnenschiffhafen von Bremervörde. Dann durften wir bremsen. „Halt Wasser!“ war das entsprechende Kommando. Oder „Ruder kreuzen!“, dann zogen wir die Riemen einwärts, bis die Griffe auf das gegenüberliegende Dollbord zu liegen kamen. „Segelstellung!“ Wir drehten sie senkrecht. Das bedeutete eine kleine Pause, in der der Kutter langsam von der Strömung oder vom Wind getrieben wurde. Das ließ uns Zeit, das ruhige Treiben in diesem Minihafen zu beobachten.

„Ruder an!“
Bis dann die Order „Riemen klar!“ uns aufschreckte, und wir die Ruder schnell in Bereitschaftsstellung brachten. „Ruder an an Steuerbord, streichen (rückwärts) an Backbord!“ war die Order zum Wendemanöver. Dann wieder Wettfahrt bis zum Landungssteg. Befehle wie „Ruder ein!“ oder „Ruder aufrecht!“ lockerten das mühsame Rudern auf. „Ruder ein!“ oder „Lass laufen! Aber nicht in die Hose!“ waren die Kommandos, wenn sich die Kutter zu nahe kamen oder wenn wir uns zum Anlegen vorbereiteten. Das Anstrengendste stand uns jetzt bevor: Das Aufhieven der Kutter in die Davits und diese dann einschwenken. Dieses artete natürlich in ein Wettkurbeln zwischen den 2 Kutterbesatzungen aus. Als ginge es um unser Leben, gaben wir dabei unser Äußerstes. Wir trieben dieses Spiel bis zur Erschöpfung, nur um Erster zu sein, oder einen neuen Zeitrekord aufzustellen. Denn all diese Manöver wurden unter Kontrolle von Stoppuhren ausgeführt.
Einmal hatte es länger geregnet, und die sonst so gemütliche Oste drohte über die Ufer und Deiche zu treten. Ein Teil von uns Schülern füllte am Hafen Sandsäcke auf, wir fuhren sie unter strömenden Regen in den Kuttern zu den Stellen, wo das Wasser überschwappte. Dort warfen wir sie an Land, wo sie von den Landhelfern an die gefährdeten Stellen gepackt wurden. Da kamen wir uns endlich mal nützlich vor. Wir waren völlig durch, bis auf die Haut. Wie tat das da gut, als uns die Landleute aus ihrer Thermosflasche einen steifen Grog servierten!
Ein andermal, es war auch Hochwasser, aber keine Überschwemmung, ruderten wir wie üblich. Nur hatten wir es geschafft, endlich mal den anderen Kutter achteraus zu lassen. Papendieck zog die Ruderpinne aus der Halterung und drehte sich zu dem knapp hinter uns fahrenden Boot um. Er schwenkte die Pinne in der Luft, begann einen Freudentanz, während er die anderen mit exotischen Vogelnamen beschimpfte. Da ja beim Rudern alle den Rücken nach vorne haben, folglich die Augen nach hinten, sahen weder wir, noch unser tanzender Bootsführer, dass unser Kutter unter die einzige Brücke glitt, die in der Gegend die Oste überspannte. Wir bemerkten plötzlich ihren Schatten über uns, und schon knallte Papendieck mit dem Hinterkopf dagegen! Fast wäre er über Bord gegangen. „Der ist hinüber!“, dachten wir. Zum Glück reagierten die Schlagleute schnell. Sie ließen ihre Riemen sausen, sprangen auf den Bootsmann und zogen ihn zurück ins Boot. Nur seine Mütze trieb auf dem Fluss. Aber Papendieck war zäh. Hatte eine Katze 7 Leben, so besaß er mindestens 8. Trotzdem blieb ihm eine gute Weile die Luft weg. Dann endlich tat er einen Atemzug. Doch anstatt normal auszuatmen, stieß er eine Salve von Schimpfwörtern hervor, gegen uns, die Schlagleute, die die Riemen hatten aus den Händen gleiten lassen und die verdammte Brücke.

Beim Wriggen
Klar, dass unsere Kutter in keinster Weise einem Rettungsboot entsprachen. Sie besaßen keine Luftkammern, keinen Proviant und andere Ausrüstung. Doch kannten wir alle die Ausrüstung eines Rettungsbootes auswendig. Wozu hätte sonst der Unterricht gedient? Die Segel unserer Kähne lagen im Bootsschuppen. Leider setzten wir sie nur drei Mal. Natürlich gab das gleich wieder eine Regatta. Am Ende des Lehrganges kam ein extra Prüfer von der SBG (Seeberufsgenossenschaft), um unsere Kenntnisse als Rettungsbootsmann zu testen. Klar, dass wir alle den Bootsschein erhielten, die Befähigung zum Führen eines Rettungsbootes. Er ist eine der Voraussetzungen, um überhaupt auf einem Schiff anheuern zu können. „Ein Seemann kann alles! Wiederhole!“ Papendieck war stolz auf uns. Und wir auch!
So verging die Zeit. Freitagabend mussten wir alle in die Waschküche im Keller. Dort befanden sich ineinandergestellt die Baljen, halbe Holzfässer in denen man früher Heringe transportiert oder eingelegt hatte. Und hölzerne Schemel, die sowohl zum Sitzen beim Spleißen als auch beim Wäschewaschen dienten. Wir besaßen jeder doppelte Kleidung. Papendieck teilte jedem von uns so ein Heringsfass zu, worin wir unsere schmutzige Wäsche warfen. Er selber thronte hinter der Waschpulvertrommel, bewaffnet mit einem Messbecher. Wir standen in einer Schlange hinter unseren Baljen und rückten in dem Maße vor, wie er das Waschpulver austeilte. „Zauberpulver, Zauberpulver, werde Schaum!“, das war die Losung, sonst gab es keine Seife. Manche fanden das Quatsch. Was soll's? Dann die Balje unter den Wasserhahn geschoben, und aufschäumend lief sie voll. Anschließend war großes Duschen angesagt. Samstag war dann Waschtag. Natürlich alles mit Hand oder Bürste oder Schrubber auf dem Fußboden, wenn wir mit Öl oder Farben gearbeitet hatten. Dann ging's ans Spülen. Das Auswringen machten wir oft zu zweit, vor allem das der Arbeitshosen. Oder wickelten sie um ein Wasserrohr, um sie so mit beiden Händen besser verdrehen zu können. Gut glätten, damit es wenig Falten gab, dann ab auf die Leine. Das Bügeleisen war damals in Bremervörde noch unbekannt.
Samstags fiel der Unterricht aus. Reinschiff, Großreinemachen lag an. War die Woche über nur normales Fegen und Staubwischen an der Tagesordnung, so wurde heute nicht an Wasser gespart. Ich war während der ganzen Zeit im Speisesaal eingeteilt. Also erst mal alle Tische mit den Stühlen umgekehrt darauf auf eine Seite schaffen. Kehren. Mit Seifenwasser den Parkettboden schrubben, obwohl der gar nicht so schlecht aussah. Feudeln (Wischen), trocknen lassen, Tische rüber. Andere Seite desgleichen. Anschließend alles mit Bohnerwachs einschmieren, trocknen lassen. Nun folgte das Polieren. Zu mehreren, in einer Reihe, mit Bohnerbesen. „Wie heißt so ein Teil?“, hatte Wulf, der Erste, zu Anfang gefragt. Schweigen. „Dös is an Plocka!“, sagte Tschackert, unser Schwabe. So hatte er seinen Spitznamen weg. Meist hatte Papendieck die Aufsicht im Speisesaal. Er beförderte mich zum „Brummer“, dem Chef der Putzgang. Wenn er mich brauchte, rief er nach dem Brummer. Jede Gruppe von uns, die für eine bestimmte Aufgabe zusammengestellt wurde, hieß „Gäng“; ihr Chef „der Gänger“ oder „Brummer“. Meist waren dies „Straftäter“, denn bei so vielen Regeln, wie wir hatten, war man immer mit mindestens einer in Konflikt...
Die ersten drei Wochen hatten wir keinen Ausgang. Wir durften nicht aus dem Schulgelände raus. Heimfahrt war auch für Schüler aus der nächsten Umgebung untersagt. Wer trotzdem heimlich abzuhauen versuchte, wurde geschmissen. „Auf dem Schiff kann man auch nicht einfach aussteigen, wenn man mal Lust hat!“, war die logische Begründung. „Was brauchen wir an Land zu geh'n, wir könn' das Land von Bord aus seh'n! Wiederhole!“ Das sei der Wahlspruch der Tankerfahrer im Persischen Golf, brachte uns Schönfeld bei.
Doch es gab Ausgang: für Kirchgang. Sonntags früh beim Rapport hieß es „Kirchgänger vortreten!“ Diese waren sehr zahlreich in den ersten Wochen. „Katholen rechts, Evangelen links!“ „Brummer, du bist verantwortlich für die Kirchgänger. Alle heil in die Kirche bringen und vor allem wieder heil zurück! Und pünktlich! Wegtreten!“ So eine lange Order hatte ich noch nie bekommen. Ich hatte es schwer, sie zu wiederholen. Wir zogen nach dem Frühstück gemeinsam los. Wie teilten uns in zwei Gruppen. Nein. Da war plötzlich eine dritte! „Ihr bringt uns nicht in den Dom! Wir warten auf euch in der Kneipe!“ „Scheiße“, dachte ich und sagte „lasst euch ja nicht sehen! Und seid pünktlich wieder da!“ Als Treffpunkt machten wir die erste Kneipe aus, an der wir beim Herkommen vorbeigelaufen waren. Unsere zwei Gruppen gingen in ihre Kirche, die dritte ging dahin, wo die Gebetsbücher Henkel haben, wie man in Bayern sagt. Vielleicht wussten die Pfarrer von unserem Timing-Problem, denn die Messen hörten früh genug auf, so dass auch wir echten Kirchgänger noch Zeit zu einem Bier hatten. Ich zählte durch. Meist waren alle da oder stießen irgendwo auf dem Rückweg zu uns. Manche steckten noch eine Flasche ein, für schlechte Zeiten... So kamen wir ungefähr pünktlich zurück. Keine Strafdienste! Ich meldete „Alle Kirchgänger zurück!“ „Wegtreten!“ Zum Glück wurde nie der Zustand der Kirchgänger überprüft. So vergingen die ersten drei Sonntage. Anschließend war frei. Außer Posten, Küchendienst usw., wir konnten lesen, Hausaufgaben machen, aber nicht raus.
Nach vier Wochen erster Landgang! Nachmittags. Die Hauptattraktion war der ‚D-Zug‘, eine Kneipe mit Musik. Eine der ersten Diskotheken. Klar, dass alle anfangs dahin gingen. Mir war das etwas zu laut und vor allem zu teuer. Es gab aber in Bremervörde viele gemütliche Kneipen mit gemütlichen Leuten und gutem Bier. Mir schien, als hätten die Leute in den Kneipen uns Seemannsschüler gern. Oft gaben sie uns einen aus und noch einen... Es schien, die hätten einen Mordsspaß daran, uns abzufüllen... Unsere Kirchgänger-Gruppe hatte sich stark reduziert, seit es Landgang gab. Wie üblich trafen wir uns nach der Messe in unserer „ökumenischen Kneipe“ zu einem kleinen Bier vor dem Rückweg.
Man hatte uns gerade das Bier serviert, da geht die Tür auf und herein kommt Peters, der Ausbildungsoffizier der Backbordwache. Man sieht ihm an, er hat eine harte Nacht hinter sich! Er steht nicht ganz sicher und hat seinen doppelten Blick. Er begrüßt seine Kumpels, er scheint hier jedermann zu kennen. Wir standen am Tresen und wären zu gern unsichtbar geworden. Wir hofften, dass er so dicht wäre, dass er uns nicht erkenne, oder sich sage, heut' ist Sonntag, drücken wir mal ein Auge zu, oder besser beide. Außerdem war er ja gar nicht im Dienst. Er suchte wohl noch andere Kumpane, um ihnen von seiner durchgesoffenen Nacht zu erzählen, da fällt sein Blick auf uns. Er nimmt etwas Haltung an, zeigt mit dem Finger auf uns, „Jo wat mokt ihr denn do? Seid gar nich in die Kirche? Morgen früh Rapport!“ Wir tranken unser Bier schneller aus, als es gezapft worden war und verschwanden. Was machen? Der glaubte uns ja sowieso nichts. Am Montagmorgen, beim Rapport kamen wir uns vor wie die ersten Christen, als sie für ihren Glauben in die Arena geschickt wurden. Wir mussten Kapitän Neugebauer und seiner Bestie gegenübertreten: Eine Woche Kartoffeln schälen!
Eine willkommene Unterbrechung der Unterrichtsstunden war Seemannschaft. Wir standen im Kreis im Takelkeller und übten Knoten mit Papendieck. In diesem Raum schwebte ein Aroma von Tauwerk und Holzteer. Jeder von uns hatte einen Tampen in der Hand und versuchte, die Gebilde, die der Bootsmann uns zeigte, nachzuvollziehen. Seine und auch unsere Geduld wurden auf harte Proben gestellt. Vom halben Schlag bis zum doppelten Palstek wurde uns alles eingebläut. Vorwärts, rückwärts, hinterm Rücken, fast noch bei Kopfstand... Manchmal knipste er das Licht aus: „Doppelter Trossenstek“. Als es wieder hell war, machte er die Runde, spöttelte über unsere Gebilde, regte sich auf, wenn nichts geklappt hat. Gelobt wurde nie, nach seiner Devise: „Kein Tadel ist schon höchstes Lob!“
Wir lernten rechtsgeschlagenes von linksgeschlagenem Tauwerk zu unterscheiden, wussten bald, was ein Kardeel ist, ein Kabelgarn, eine Seele. Lernten den Unterschied im Schlag von Lotleine und Logleine, lernten wie herum Tauwerk aufzuschließen ist. Schlugen die englische Bucht, um Kinken zu verhindern und dass einem Drahttauwerk ins Gesicht springt. Wir wussten bald, wie man zwei Tampen miteinander verflicht (spleißen), „üüüber ein Kardeel, uuunter ein Kardeel, kann sehn? Wiederhole!“, lispelte Papendieck.
Wir arbeiteten mit Pricker und Marlspieker, spleißten Augen und Stroppen. Bald konnten wir Wurfleinen aufschießen, klar zum Laufen oder zum Verstauen. Wir flochten Wurfleinenknoten, Affenfäuste und schlugen Henkersknoten. Hüsing stecken („kann sehn Hüüsing?“) und Bootsmannsnaht waren uns bald geläufig und mit dem Segelhandschuh hantierten wir so gut wie unsere Mütter mit dem Fingerhut. Reff-Bändsel annähen, Taklinge setzen, nähen, flechten. Man lehrte uns, dass der Langspleiß auf den Schiffen nicht gern gesehen ist, gerade bei kurzem Gut (Bruchgefahr).

Die ‚Schiffsleitung‘
Wir lernten Taljen (Flaschenzüge) scheren und diese wieder zu enttüddeln, wenn sie durchgefallen waren. Wir lernten den Unterschied von laufendem und stehendem Gut („nur in eurer Hose ist es ein und dasselbe“). Papendieck zeigte uns, wie man eine Stelling (Planke für Arbeiten außenbords) ansteckt oder einen Bootsmannstuhl (kleinere Ausführung für Arbeiten im Mast). Lotsenleiter, Jakobsleiter, alles wurde uns gründlichst erklärt. Langeweile war ein Fremdwort hier im Takelkeller. Wenn irgendein Fachausdruck im Normalgebrauch eine obszöne Bedeutung hatte, dann wurde das so oft wiederholt, bis wir's intus hatten. „So behaltet ihr das wenigstens im Gedächtnis.“ Eines dieser Worte war „runterholen“.
Eines Morgens, beim Waschen, wurde überall getuschelt, dass Mayer nachts beim Wixen erwischt worden war. Ein Zimmerkollege hatte ihm mitten in der Nacht die Bettdecke weggezogen und ein anderer hatte schnell das Licht angemacht. So zum Spaß. Jetzt war der arme Mayer in aller Munde und wurde um halb 8 Uhr beim Rapport aufgerufen. Auf die Frage, was vorgefallen war, gestand er fast flüsternd, dass er sich einen runtergeholt habe. 1 Woche Kartoffeln schälen. Und nie wieder, sonst Rausschmiss! Der arme Mayer! Ich glaube, viele litten mit ihm. „Wer macht das nicht?“, hatte ich herausschreien wollen. Hätte ich sollen! Es war eine große Ungerechtigkeit! Die Jüngsten von uns waren 14 und irgendwie muss man den Druck doch rauslassen. Soll es einem denn den Sack zerreißen? Eher sollten die, welche die Decke weggezogen haben, bestraft werden! Aber wir schwiegen! Aus Angst vor Repressalien, und um nicht selber das nächste Opfer zu sein. Als Mayer zum Frühstück in den Speisesaal ging, rief die Grewer durch die Essensausgabe: „Da kommt er ja, Mayer, der alte Wixer.“ Als er Küchendienst hatte, fasste sie ihm an die Eier. „Lass mal sehen, ob du wieder einen Steifen hast, du Wixer!“ Diesen Namen behielt er bis zum Kursende.
Es ging das Gerücht um, dass auf dem Dachboden aus den Koffern Geld geklaut worden sei. Wir bekamen alle die Leviten gelesen, dass das von Anfang an verboten gewesen sei, und auch in seinem Schrank dürfe man keines aufbewahren. Die 2 Ex-Bundeswehrler und ein paar kräftige Burschen bildeten eine „Befragungskommission“, Gerd, der Heizer, war auch dabei. In seinem Kokskeller tagte dieses Gremium. Die Verdächtigen wurden (ich bin sicher, mit Zustimmung der Schulleitung) beiseite genommen und unter etwas kräftiger Weise dazu gebracht, die Wahrheit, nichts als die Wahrheit, zu sagen. Einmal landete ich durch Zufall in einer dieser Befragungen. Ich wollte eigentlich Gerd besuchen und öffnete die Kellertür. Da sah ich sie alle und dachte, was ist denn da los? Es war da auch einer der Verdächtigen. Sie hatten ihn im Schwitzkasten, einen Arm auf den Rücken gedreht. An diesem Abend hatten sie wohl vergessen, die Tür abzuschließen. Jetzt konnte ich mir auch so manches blaue Auge erklären, hatte es doch keine Schlägereien gegeben. Drei flogen von der Schule. Die „Befragungskommission“ war mehr eine geheime Sache. Niemand sprach darüber, weder die Schulleitung, noch wir. Jeder wollte Ärger vermeiden.
Eines Morgens, beim Antreten, hisste der Posten feierlich wie immer die Flagge. Während die deutsche Flagge langsam emporstieg, wurden die zwei anderen, die von der Seemannschule und von Hamburg ‚aufgetucht vorgeheißt‘, und in dem Augenblick, wenn die deutsche an der Spitze der Gaffel angekommen war, durch einen kurzen Ruck an der Leine geöffnet. Doch plötzlich wurden die einen starr vor Schreck, andere lachten, denn an der Stelle der Flagge der Seemannsschule flatterte ein Putzlumpen aus der Küche! Es dauerte etwas länger, bis die Schulleitung das entdeckte. Ein schriller Pfiff vom Kapitän, seine Worte überschlugen sich. „Runterholen!“ Wir dachten an Meyer und mussten innerlich lachen. Betraf das uns oder den Lumpen? Anweisungen wurden in alle Richtungen gebellt und übertrieben langsam, so schien uns, kam das Tuch wieder zurück zur Erde. Wutentbrannt, den Kopf knallrot, entfernte sich der Kapitän mit seinem Hund am Schlepptau. Die Lösung des Problems überließ er seinen Offizieren: Rausschmiss der beiden ‚Übeltäter‘! Mit anderen Worten: Ende der seemännischen Laufbahn, bevor sie richtig angefangen hatte.
Als wir die Schule begonnen hatten, waren wir alle gemessen und gewogen worden. Diese Prozedur wiederholte sich jeden Monat. Es gab da eine Regelung, die besagte, dass Jan Maat (der Seemann) mindestens 1,50 Meter groß sein muss und 50 Kilo schwer. Sonst bestünde Gefahr, dass der Wind ihn fortpuste. Einer von unserer Wache wog nur 46 Kilo. Zum Glück war er aber 1,50 Meter groß, sonst hätten wir ihn in die Länge ziehen müssen. So kümmerte sich nur die Grewerin, unsere Köchin um ihn. Nicht, dass sie ihn mit ins Bett nahm oder die Brust gab, nein, sie verpasste ihm täglich eine doppelte Portion Muschelsuppe. Seine Muscheln nahmen zwar nicht zu, dafür aber sein Bauch. Das sahen wir beim Duschen. Sein Bauch wölbte sich zusehends über seinem kleinen Pimmel und begann Ringe zu bilden.“ Morfi Pipifax“ wurde er von offizieller Seite ab dem ersten Tag benannt und von uns auch. Dieser Name hat ihn bestimmt noch lange begleitet.
Manchmal zog Peters, der AO (Ausbildungsoffizier) der Backbordwache, sein Schifferklavier heraus. Das und die Kneipen waren sein Element. Das geschah oft abends. Bei diesen kameradschaftlichen Ausbrüchen lernten wir 'ne Menge Shantys. Tagelang gingen sie mir nachher durch den Kopf, wie Ohrwürmer. Oft summte oder sang ich sie vor mich hin, wenn ich Posten Tor oder Hafen ging. Ich kannte alle Texte auswendig. In mir erstanden Bilder von Klippern und Seegang, überkommenden Wellen und Maloche.
Es gab in Bremervörde den Gesangsverein „Harmonie“. Der lud unseren schnell von Peters gegründeten Schulchor zur Feier seines 100-jährigen Bestehens ein, ins Hotel „Schützenhof“. Peters gab sich größte Mühe, unsere Stimmbänder salonfähig zu machen. Den Rest machte unsere Begeisterung. Wir lernten „Rolling Home“, „Wo die Nordseewellen“, „Drunken Sailor“, „Die Hoffnung“ und so viele andere Songs. Mir war, als vermittelte er mir mehr Wissen über die Segelschifffahrt, als aller Unterricht zusammen. Klar, dass wir an diesem Abend nicht um 10 Uhr in der Schule waren. Fast alle Schüler haben an diesem Gesangsabend teilgenommen, auch wenn viele, wie ich, kaum singen konnten. Nach Mitternacht ging es zurück an Bord. Nur Peters hielt die Stellung und zeigte diesen Landratten, was ein Seemann aushält!

Shanty-Abend mit Peters
Manchmal saßen wir abends im Takelkeller, ein paar Kumpels, um etwas weg vom Lärm zu sein. Ich hatte meine Mundharmonika dabei und versuchte, die bei Peters gelernten Shantys zu spielen, um uns die Zeit zu verschönern. Janke spielte auf seiner Gitarre. Es ging auf Weihnachten zu, es begann zu schneien. Auf Posten Tor durfte man Ölzeug überziehen, aber nicht die Hände in die Taschen! Diese zog ich in die Ärmel zurück, wie eine Schildkröte ihre Flossen in ihren Panzer. Zu dieser Gelegenheit durften wir den Reißverschluss unseres Rollkragens ganz zuziehen. Wie kam ich mir manchmal einsam vor! Ich sang vor mich hin „Aft on the quarterdeck, walking about, there is the starbordwatch so sturdy and stout. Thinking of his mother, and he hopes she is well... and I wish that you will hurry up and strike the bell, strike the bell, second Mate let us go below.....“ Ich glaube, Traurigkeit ist fast dasselbe wie Glück. Fernweh dasselbe wie Heimweh. Zumindest bei mir... Meine Hände waren kalt, und ich wischte mir einen Tropfen von der Nase. Ich war glücklich.
Im Hof stand, wie schon berichtet, ein mehr als 20 Meter hoher Mast, an dessen Gaffel und Rah morgens die Flaggen gehisst wurden. Hinten dran war ein Ladebaum befestigt, mit einer Winde, wie auf einem Schiff. Diente dieser, um uns mit der Ladetechnik vertraut zu machen, so diente der Mast eher als Mutprobe. Wir durften ihn nur unter Aufsicht besteigen, angeblich, weil die Takelage nicht mehr sehr solide war. Als wir das erste Mal die Wanten hoch kletterten, wurde so manchem mulmig in den Knien. Morfi Pipifax schaffte es nur eskortiert von zwei Großen. Seine Beine waren zu kurz zum Steigen. Das Schwierigste war, auf die Saling zu steigen, um den Mast auf die andere Seite zu gehen und dann rückwärts wieder runter zur Mutter Erde. Wenn wir uns das Ganze dann mehr als doppelt so hoch vorstellten und noch schief dazu und in Bewegung, dann konnten wir uns in etwa denken, wie es auf den Seglern zuging! Alle mussten darüber. Ohne Mast kein Schiff! Kein Schiff ohne Mast.
Der Ausgang am Wochenende wurde etwas verlängert, wegen guter Führung. Bis zum Abendessen. Doch das dauerte nicht lange. Denn die Gelegenheit macht den Dieb, oder hier bei uns, den Säufer. Das wäre alles unbemerkt verlaufen, wie schon so oft. Doch die unfehlbare Schulleitung hatte beschlossen, die Zugangstüren für die Toiletten und Waschräume von 20 Uhr bis Mitternacht zuzuschließen. Auch für die Nichtausgeher. Wohl, damit wir unsere Blasen trainieren konnten. Was blieb uns anderes übrig, als durch die offenen Fenster in die Dachrinnen zu pinkeln. Ein paar Wochen blieb das unbemerkt, wenngleich es anfing, im Obergeschoss nach Latrine zu stinken. Je mehr man lüftete, umso mehr roch es...

„…mit sechzehn hat man noch Träume!“
Kritisch wurde die Situation erst, als ein paar von uns durch nächtliche Magenrevolten veranlasst (egal warum), sich in die Dachrinne übergaben. Nicht schlimm für das Dach. Das ließe sich mit ein paar Eimern Wasser klären. Es fiel leider etwas von unserem mit Bier verdünntem Mittagsessen in den Hof. Genau auf die Stufen des Haupteinganges, über die morgens die ganze Mannschaft, einschließlich Schulleitung, zum Rapport in den Hof ging. Skandal. Selbst der Schäferhund des Kapitäns geriet in Erregung, waren da doch noch ein paar schöne Brocken Sonntagsbraten drin! Da die Urheber sich nicht meldeten, sei es wegen Hirnausfalls, oder weil sie befürchteten, geschmissen zu werden, und weil die Verpetzer ausnahmsweise die Klappe hielten (vielleicht waren sie es, die keinen Alkohol vertrugen?), wurde die ganze Steuerbordwache, deren Schlafräume sich da oben befanden, bestraft. Da es gar nicht so viele Klos gab, die wir hätten putzen können, verdonnerte man uns alle zu einer Woche Geländeputzdienst. Somit wurde das Gelände um den Bootshafen und danach das um die Schule einer gründlichsten Reinigung unterzogen.
Im Speisesaal und im Hauptflur standen ein paar Schiffsmodelle unter Glasvitrinen. Wir drückten uns daran die Nasen platt, um alles genauestens zu betrachten, hatten doch viele, auch ich, noch nie ein richtiges Schiff gesehen. Wir stellten uns vor, wir seien darauf und schon auf See. Die drei Monate Schule waren wirklich eine lange Wartezeit! Es wurde das Gerücht verstreut, dass, wenn wir alle gute Noten hätten und uns gut benähmen, wir noch vor Weihnachten die Prüfungen hätten und frühzeitig nach Hause fahren könnten. Nicht erst am 5. Januar, wie vorgesehen. Mich berührte das nicht, wollte ich doch gleich hinterher aufs Schiff gehen.
Unsere Meute war eine Zusammenfassung aller möglichen Berufe und Schulabschlüsse. Eine knappe Hälfte der Schüler war vorher schon berufstätig gewesen: Bankkaufmann, Reedereikaufmann, Installateur, Angestellte, 2 Soldaten.... Die andere Hälfte kam, wie ich, direkt von der Schule, manche mit, manche ohne Abschluss. Einige waren helle, aufgeweckt, andere etwas langsam, einfältig. Sie forderten geradezu heraus, verarscht zu werden. So wie Klaus. Franz, unser Oberwitzbold, hatte einen Regenwurm gefunden. Er war aus Ostdeutschland. Und da es dort an manchem mangele, hätte man den Regenwurm zu einer Spezialität entwickelt. Frikadellen würden daraus hergestellt. Sehr bekömmlich und nahrhaft, sollte man ihn mal der Köchin vorschlagen, vielleicht um die Muschelsuppe zu verbessern! Klaus staunte. Franz tat, als verschluckte er einen. Mmmh, war der gut! „Lass mich auch mal“, sagte Klaus und probierte einen. Er fand, dass sie nicht so übel sind, und aß gleich noch welche. Danach erzählte er die Geschichte überall herum. Sie kam auch an die Ohren der Schulleitung. 1 Woche Kartoffeln schälen für beide. Das war der Spaß aber wert gewesen! Klaus hieß seitdem „Würmi“.
Da war Kalli, ein etwas komischer Kerl. Nicht nur, dass er sich hauptsächlich von seinen Fingernägeln ernährte (bei unserer Diät vielleicht eine nützliche Beigabe), sondern er war auch sehr sparsam mit Wasser. Eigentlich eine gute Eigenschaft auf See. Doch mit der Zeit nahm er einen etwas herben Geruch an. Man roch ihn schon, bevor er überhaupt da war. Das brachte unsere „Spezialeinsatztruppe“ dazu, ihn nicht unter die Lupe, sondern unter die Dusche zu nehmen. Mitsamt Klamotten! Von jetzt an musste er regelmäßig unter Aufsicht duschen. Wir hofften, so würde er seine Gewohnheiten ändern.
Weihnachten rückte näher. Außer den Prüfungen musste Großreinschiff gemacht werden. Der Speisesaal wurde vollständig ausgeräumt. Mit Glasscherben zogen wir den Parkettboden ab, bis er nur noch blankes Holz war. Das Essen musste improvisiert werden. Dann Bohnern und Plockern. Diese Arbeit nahm einen ganzen Tag in Anspruch. Die Fenster im ganzen Haus wurden gewaschen und anschließend mit Zeitungspapier blank gewienert. Das Kompasshaus im Flur wurde mit Sidol auf Hochglanz gebracht. Die Flure wurden gescheuert, der Keller umgekrempelt. Fast hätten wir noch im Kokskeller Staub gewischt! Zu Glück verlangte das niemand.
Nichts entkam unserem Sauberkeitsrausch. Jeder gab sein Äußerstes, sowohl beim Putzen, als auch in den Prüfungen. Auch die Offiziere machten mit. Gegen Ende der Schulzeit kam ein Brief von der Reederei ‚Hamburg-Süd‘ und ein anderer von den ‚Deutschen Afrika- Linien‘. Der Erste las sie vor. Jeder sagte das Gleiche: Beide Reedereien hatten ein Schiff umgerüstet zum Ausbildungsschiff. Sie suchten Decksjungen, die mit Ausbildungsvertrag anheuern wollten... Für erstere war das Fahrtgebiet Südamerika, für die andere besagte es ja schon der Name: Afrika. Nach kurzem Überlegen entschied ich mich für die Afrika-Linien, weil deren Schiff, die „Natal“ schon am 6. Januar auslaufen sollte. Hans-Dieter, ein Wache-Kamerad, war mit von der Partie. Es war die Aussicht auf 6 Monate Fahrtzeitverkürzung bis zum Matrosen, die mich lockte und die Tatsache, dass es ein Ausbildungsschiff war. Ich wollte möglichst viel lernen, hatte ich doch etwas gefunden, für das ich mich wie geboren fühlte: die Seefahrt.

Unser Ausbilder und die Zukunft der Seefahrt…
Eigentlich waren die gesteckten Ziele erreicht: Wir hatten alle die Prüfungen bestanden, hatten den Rettungsbootsschein in der Tasche, und Morfi Pipifax brachte 51 Kilo auf die Waage! Die Schule glänzte mehr als damals, als sie höhere Töchter beherbergte. Der Wachoffizier holte den Dachbodenschlüssel. Wir stürzten uns auf unsere Koffer und stopften sie voll mit den gestern noch säuberlichst gefalteten Wäschestücken. Die Grewer nahm ihre vorsegelgroßen Schlüpfer von der Leine, wir das letzte Mal die deutsche Flagge.
Wir waren frei!
Auf Papendiecks Wahlspruch vertrauend „Ein Seemann kann alles“ gingen wir endlich auf See.
MS NATAL

Baujahr 1953, Deutsche Werft, Hamburg.
6279 BRT, 8640 to Tragfähigkeit.
Länge: 131,7 m, Breite: 17,3 m, Tiefgang: 7,5 m.
6-Zylinder Dieselmotor MAN, 4000 PS. Geschwindigkeit: 14 Knoten
Besatzung: 37 Mann + 6 Kadetten
HOTEL „ZUR SCHRAUBE“
Schon beim Verlassen der U-Bahnstation Landungsbrücken bin ich wie gebannt. Mir zu Füssen liegt das ganze Hafenpanorama. Da recken sich stählerne Metallgebilde in den grauen Winterhimmel über der Elbe, die Seilkrananlagen der Deutschen Werft, der Howaldt, und die der Stülcken-Werft. Wohin man schaut, emsiges Treiben. Große Pötte, kleine, Barkassen, Fähren. Die Elbe wimmelt wie ein gigantischer Ameisenhaufen, den man zerlegt hat. Aber es ist ein geordnetes Durcheinander, wie ich schnell wahrnehme. All die beweglichen Teilchen haben ein Ziel. Irgendwie kommt es mir zu Bewusstsein, dass ich mitten im Weg stehe. Um mich herum ist ebenfalls ein hektisches Kommen und Gehen. Ganz Hamburg ist ein riesiger Ameisenhaufen. Vielleicht ist es mein bayerischer Geruch oder der Anblick meines Seesacks, der eine der vorbeieilenden Ameisen dazu bringt, anzuhalten. „Wo soll's denn hingehen?“, fragt diese. „Aufs Schiff“, antworte ich, „nach Waltershof“. „Dat is einfach: über die Brücke runter auf den Anleger. Von Brücke 4 geht die HADAG-Fähre alle 20 Minuten weg. So grön-witt gestrichene Boote sind dat!“
Da steh ich nun auf dem Ponton. Auf der gegenüberliegenden Seite erkenne ich große, mit Rostschutzfarbe gestrichene Kästen. Das müssen Schwimmdocks sein. Über diese hinaus ragen die Aufbauten und Masten der darin in Reparatur liegenden Schiffe. Daneben das muss ein Trockendock sein. Von dem wie versenkt darin liegenden Tanker sieht man nur die Heckaufbauten. Ich hatte gelernt, dass ein Trockendock geflutet wird, damit das Schiff hineinfahren kann. Dann wird es geschlossen, das Schiff gut vertäut und das Wasser herausgepumpt. Schon liegt der Kahn im Trockenen und die Dreckarbeit kann beginnen: Algenbewuchs entfernen, Rost weg, dann alles mit giftiger Spezialfarbe streichen, dem Unterbodenschutz. Da, wo das Schiff im Leerzustand aus dem Wasser ragt, bis hin zur Ladelinie, wenn es voll ist, wieder eine Spezialfarbe, das Bootop. 1 Mal jährlich muss das gemacht werden. Durch den Bewuchs am Boden verliert sonst das Schiff an Geschwindigkeit. Weiter rechts von der Werft soll Waltershof liegen, und dort, bei Müller und Progress, mein Schiff, hatte mir der Fahrkartenverkäufer in der Bude erklärt. Vorerst sehe ich nichts als Dunst.
Mein Blick schweift zurück nach links. Dort scheint der Haupthafen zu liegen. Ein Wald von Masten und Ladebäumen ragt in den grauen Himmel. Auf einem aushängenden Hafenplan hatte ich die Namen der Hafenbecken gelesen: Segelschiffhafen, Hansahafen, Indiahafen, Afrikahafen. Andere Schiffe liegen nicht weit von mir an den Dalben (stählerne oder hölzerne Pfosten, oft im Dreierverband, zum Schiffevertäuen) am Fahrwasserrand und laden oder löschen mit eigenem Ladegeschirr in Schuten oder Binnenschiffe. Oder warten nur auf einen freien Liegeplatz. Und was mir noch auffällt: Fast alle Schiffe haben anders bemalte Schornsteine. Ein Eingeweihter kann daran die Reederei erkennen, für die sie fahren und somit indirekt auch das Fahrtgebiet. Aber das setzt etwas mehr Kenntnisse voraus, als die eines Decksjungen, der gerade im Kontor der Deutschen Afrika-Linien angeheuert hat. Die vor mir liegenden Schiffe selber sind auch in allen Farben angestrichen: weiß die Kühlschiffe, die Bananenschiffe, auch Bananenjäger genannt, mittelgroß, jachtartig zugeschnitten. Man sieht ihnen an, dass sie schnell sind. Schwarz die Schiffsrümpfe der HAPAG aus Hamburg oder des Norddeutschen Lloyd aus Bremen, beide hauptsächlich im Amerikadienst. Grün die von Rickmers, Ostasienfahrer, orange die Chemietanker, gefährliche Dinger. Grau die der Hansa aus Bremen, meist spezielle Schwergutschiffe, erkenntlich an den V-förmigen Lademasten, dem Stülcken-Geschirr. Grau sei auch die Farbe meines Schiffes, der Natal, hatte man mir in den Büros der Reederei gesagt. Dort, an der Palmaille, war ich kurz zuvor per U- Bahn gewesen, um meine Papiere abzuholen. Dort herrschte eine fast kirchliche Atmosphäre. Es fehlte nur noch der Weihrauch. Ich atmete auf, als ich wieder draußen im Nieselregen stand.
Vor mir auf der Elbe bewegt es sich. Ein ausgehender Frachter gleitet langsam stromabwärts, die Schlepper der Bugsier-Reederei zwar schon los, aber noch in Bereitschaft. Plötzlich tutet das Nebelhorn des auslaufenden Schiffes so laut, dass ich zusammenfahre. Drei Mal. Mein Körper vibriert mit dem Klang. „Hamburg ade!“ heißt das. Oft dienen die Nebelhörner auch zur Warnung oder zur Verständigung mit den Schleppern. Diese hängen sich wie Kletten an den Pelz der Ozeanriesen, um diesen zu helfen umzudrehen und festzumachen. Da dreht gerade die Hannover, ein HAPAG Frachter, im Fahrwasser. Die winzig erscheinenden Schlepper drücken und ziehen. Manchmal dreht die Schraube des Schiffes, um sie zu unterstützen. Weiße Gischt wirbelt in alle Richtungen. Dann Stillstand. Wieder Bewegung. Diesmal spritzt das Wasser in die andere Richtung. Langsam gleitet der Riese in das Hafenbecken. Wird von den Schleppern an die Pier gedrückt. Der Wind trägt abgeschwächte Rufe zu mir herüber, wohl Kommandos, die zwischen Schiff und Land gewechselt werden. Wurfleinen schwirren durch die Luft, daran folgen die Festmachertrossen, die auf den Pollern (schwere, eiserne, oben leicht gekrümmte Metallgebilde) angehängt werden. Trillerpfeifen hallen verzerrt herüber. Die Trossen spannen sich, Wasser trieft heraus, langsam schmiegt sich das Schiff an die Kaimauer.

Blick von den St. Pauli Landungsbrücken auf die Werften
Zu meinen Füßen platschen unregelmäßige Wellen an den Landungssteg. Es riecht stark. Nach Öl, Brackwasser, Fisch, Diesel, Kohlequalm. In den vor der Strömung geschützten Ecken hat sich Unrat angesammelt, Holzstücke, ein toter Fisch, halb aufgelöst, Flaschen, ein Paar Klumpen Schweröl, drei Pariser. Ich warte mit einer immer zahlreicher werdenden Arbeitergruppe auf die Fähre, die mich meinem Traumschiff näherbringen soll. Die Wellen spritzen bisweilen bis auf den Ponton. Hinterlassen kleine Pfützen, in denen sich bunte Kreise bilden. St. Pauli Landungsbrücken. Das Sprungbrett zur weiten Welt. Mehrere Fährschiffe und Barkassen liegen vertäut an den Pollern. „Die grroooße Hafenrundfahrt! Bitte einsteigen, gleich geht’s los! Die groooße Hafenrundfahrt!“ Der Rufer versperrt den Passanten den Weg, mit Kennerblick die wenigen Touristen aus der Menge herausfischend. Eine Barkasse füllt sich mit Arbeitern, wohl Schauerleute (Hafenarbeiter, die Schiffe be- oder entladen), und legt, blechern tuckernd, ab. Ein nicht endender Strom von Menschen bewegt sich um mich herum. Fast alle tragen einen Elbsegler, die Mütze der Seefahrer, auf dem Kopf, haben einen Zambelbeutel umhängen, sicher mit ihrem Proviant drinnen verstaut. Jeder hat eine Kippe irgendwo im Mund klemmen. Auch ich trage meinen Elbsegler. Aber er ist so glänzend neu, dass bestimmt jeder sieht, dass ich ein Neuling bin. Ich fasse zum Kopf und schiebe ihn etwas schräger. Ich gehöre ja fast schon zur „Familie“. Sollte mir nur noch 'ne Kippe in den Mundwinkel kleben...
Der Fritten-Geruch der Imbissbuden auf der Brücke mischt sich mit der Hafenluft. Ein paar Touristen, sicher Japaner, erkennbar an den vielen Kameras, bunt bekleidet und mit durchsichtigen Plastik-Kapuzen auf dem Kopf, ziehen hinter mir vorbei. Prompt werden sie von dem Ettl von der „grrroßen Hafenrundfahrt“ angemacht. Mehr Menschen strömen herbei, stellen sich neben mich. Sie wollen wohl dieselbe Fähre nehmen, die auch mich übersetzen soll. Da kommt sie schon! Grün-weiß, die Scheiben mit dicken Tropfen beperlt, steuert sie auf den Anleger zu. Ein Mann steht vorne rechts in der offenen Tür und wirft im rechten Moment eine Seilschlinge um einen Poller. Handzeichen, Pfiffe, die Schraube dreht rückwärts. Stop. Leicht vorwärts, stop. Der Mann, durch den Innenraum nach hinten geeilt, schlingt ein weiteres Tau um einen Poller und belegt es auf dem inzwischen unbeweglichen Schiff. Ehe er eine kleine Gangway (Steg) von Bord auf die Pier schieben kann, drängen sich schon die Eiligen mit einem großen Schritt über die klaffende Lücke zwischen Fähre und Ponton an Bord. Dann ist die Gangway ausgeschoben, und ich kann meinen schweren Seesack, auf dem nur wenige Etiketten kleben, auf die Fähre hieven. Im Innern riecht es stark nach Diesel, wohl bedingt durch das Schwabbern des Treibstoffes in den Tanks, die über Lüftungsrohre mit außen verbunden sind. Der Kahn bewegt sich ruckartig wenn ihn die Wellen an den Ponton drücken. Mein Schritt wird unsicher. Ich torkele zu einer Sitzbank auf der anderen Seite, um einen guten Blick auf die Schiffe und die Werften zu haben. Ich sitze kaum, da geht ein starkes Vibrieren durch den Rumpf und schon bleibt die Pier hinter uns zurück. Wenn sich größere Wellen an der Fähre brechen, geht es wie ein starker Schlag durch das Schiff und Gischt spritzt gegen die dicken Scheiben. Dem Motorgeräusch nach zu urteilen hat das Schiff einen dieselelektrischen Antrieb. Das haben wir in der Seemannsschule gelernt. Ein Dieselmotor treibt einen Generator an, dieser dann einen Elektromotor, der über eine Welle mit der Schraube verbunden ist. Diese Antriebsart ermöglicht ein schnelles Umstellen von Vorwärts- auf Rückwärtsfahrt und ein stufenloses Regeln der Geschwindigkeit. Dahingegen haben Schlepper, wie der, der uns ganz knapp kreuzt, einen Voith-Schneider-Antrieb. Das ist eine Art von senkrecht hängenden Messern, die in einem Kreis drehen. Die Ausrichtung dieser messerartigen Platten bewirkt, dass ein Schlepper sich in alle Richtungen bewegen kann.
Zigarettenrauch legt sich in Schichten in den Fahrgastraum. Das Schiff zittert stark im Rhythmus der Schraube und der anschlagenden Wellen. Alle Fenster und Türen sind zu. Der Festmacher klönt mit dem Kapitän. „Lotsen Höft!“, ruft er dann aus, „umsteigen nach Waltershöft!“ und gibt mir ein Zeichen. Aus der dümpelnden Fähre steige ich mit einem großen Schritt auf den nassen Ponton. Kalter, feuchter Wind schneidet mein Gesicht. Ich wuchte den Seesack hinüber und schon ist die Fähre mit lautem Rattern verschwunden. Ein paar Möwen schweben im Wind, mich mit einem Auge beobachtend, während andere versuchen, den rostigen Pfählen, die den Ponton festhalten, einen weißen Schutzanstrich zu verpassen. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke bis ganz oben, hauche in meine klammen Hände. Das Shanty „Rolling Home“ kommt mir in den Sinn, und ich denke an meine Mutter. Gestern erst ist es gewesen. Wir hatten den Bus genommen, um zum Bahnhof zu gelangen. Mein Vater hatte zwar ein Auto, „aber nicht um den Herrn Junior zum Bahnhof zu fahren. Der soll selber sehen, wie er klarkommt!“ Mich wunderte, dass er meiner Mutter nicht verboten hatte, mich zu begleiten. „Raus!“, hatte er gebrüllt, „Komm mir ja nicht mehr ins Haus. Nur die Beine unter den gemachten Tisch strecken!“. Ich war gerade 17 geworden. Wut kommt in mir hoch. Hoffentlich wird meine Mutter jetzt weniger zusammengeschissen, wo ich weg bin. Jetzt ist sie der einzige Blitzableiter für diesen Tyrannen von Vater! Regentropfen peitschen mir ins Gesicht und rinnen herab. Oder sind es Tränen?
Eine herantuckernde Barkasse reißt mich aus meinem Grübeln. Hinter der kleinen Scheibe, nur wenig geschützt, der Steuermann, wahrscheinlich zugleich Kapitän und Eigner des Schiffes. Wenige Leute sind an Bord. Die Hände in den Taschen vergraben, wiegen sie stehend im Rhythmus der Wellen. Anders als auf der Fähre, wo man sich auf derselben Höhe bewegt wie der Anlege-Ponton, steigt man in eine Barkasse hinunter. Die Füße befinden sich ungefähr in Höhe der Wasserlinie. Und es gibt keine Aufbauten. Nur das kleine Führerhäuschen bietet minimalen Schutz gegen die bisweilen überspritzenden Wellen. Hier ist die Elbe breiter, die Hafenbecken weitläufiger. Zwei Anleger weiter ruft der Steuermann mir zu, dass wir angekommen sind.
Der Ponton liegt glücklicherweise in einem windstillen Eck. Das macht es einfacher, den unhandlichen Seesack aus der Barkasse auf den Ponton zu hieven. Was für ein unpraktisches Ding, so ein Seesack! Ich wuchte ihn auf meine linke Schulter, versuche, ihn mit dem Griff am Boden im Gleichgewicht zu halten, schnappe mit der anderen Hand meine Reisetasche und torkele, krumm wie ein Fragezeichen, den Steg hinauf ans feste Land. Oben angekommen, blicke ich in die Runde. Wo entlang? Überall türmen sich Halden von dicken Tropenholzstämmen, manche bis zu 2 Meter dick. In der Ferne recken ein paar Kräne ihre Hälse in den jetzt etwas helleren Himmel. Und ja, richtig, dahinter, besser gesagt, darunter, liegen Schiffe! Ich erkenne nur die Aufbauten und die Masten, es muss Niedrigwasser sein. Die Schiffe liegen tiefer als die Kaimauer. Welches wird meines sein, die Natal? Aufgeregt gehe ich näher. Vom Seesack kriege ich einen Krampf in der Schulter. Ich halte an, gehe leicht in die Knie und wuchte das blöde Teil auf die andere Schulter. Hätte er wenigstens zwei Träger, dann könnte man ihn auf dem Rücken tragen... Zum Glück habe ich meine Seekiste nicht dabei, die ich mir, als ich so 12 Jahre war, aus Fußbodenbretterresten zusammengenagelt hatte. Mit Griffen und Beschlägen aus Eisen dran, das ganze grün und braun angemalt, auf dem Deckel mein Name in Messingbuchstaben. „Was willst du denn damit?“, hatte sich meine Mutter gewundert. „Nur so“, hatte ich geantwortet. Hatte sie damals schon eine Vorahnung?
Im Näherkommen unterscheide ich hinter dem Gewirr von Masten und Kränen einen riesigen schwarzen Schornstein mit weißen, grünen und einem blauen Ring darauf. Das muss sie sein! In der Reederei hatte ich ein Schiffsmodell gesehen, dass die gleichen Schornsteinfarben trug. Ich merke, dass der Nieselregen aufgehört hat. Sogar etwas blauer Himmel wagt sich heraus. Ich laufe auf der Kaimauer weiter. Sie ist die einzige Stelle, wo nichts im Weg liegt, weil hier auf Schienen die Kräne fahren. Sonst überall Holzstämme, Rindenstücke, braune Pfützen, in denen sich der Himmel spiegelt. Ich stehe oberhalb des Hecks des tiefliegenden Schiffes. Festmacherleinen, mir zu Füssen über den dicken Poller gehängt, führen zum Schiff. Große Blechscheiben, Rattenteller genannt, sind um die Trossen befestigt, wohl um zu verhindern, dass Ratten an Bord kommen. Am Heck, am Flaggenstock, hängt etwas müde die deutsche Flagge. Und darunter, von hier oben schlecht sichtbar, in blauen Lettern der Name NATAL und darunter HAMBURG. Meine neue Adresse.
eErste Begegnung
Ich laufe auf der Kaimauer weiter. Von hier oben kann ich gut auf das Deck schauen. Rindenstücke, Ketten, Seile und Festmacherleinen bilden ein ziemliches Durcheinander. Mittschiffs. Ich schaue auf das Bootsdeck. Stehe vor dem in Klinkerbauweise (die Rumpfbretter überdecken sich an den Rändern) konstruierten hölzernen Rettungsboot. Das soll 50 Personen aufnehmen können? Besser ist wohl, wir brauchen es nicht! Ein leichter Küchengeruch überdeckt den fauligen Holzgestank des Schiffes. Es muss also irgendwo Leben geben! Vor mir, in einer Einbuchtung der Aufbauten befestigt, eine rote Laterne mit geriffeltem Glas (Fresnelsche Linse). Ich befinde mich also an Backbord (links) des Schiffes. Auf dem Vorschiff ist etwas Aktivität. Dort hievt ein Kran einen riesigen Stamm aus einer Luke (Öffnung des Laderaumes, bezeichnet auch den Laderaum selber). Er hängt schräg, sonst würde er gar nicht durch die Lukenöffnung gehen. Dort ist auch die Gangway. Sie führt steil vom Kai hinab auf Deck. Sie ist gut verzurrt, bewegt sich aber leicht im Rhythmus des Schiffes. „Unbefugten Zutritt verboten“ steht auf einem am Geländer festgebundenen Schild. Bin ich - bin ich nicht? Ich frage einen der Arbeiter an Land, die die Stämme vom Haken des Kranes abhängen. „Es muss schon jemand an Bord sein. Die meisten sind allerdings auf Landgang...“
Unsicher taste ich mich auf der steilen Gangway hinunter. Und ich hatte immer gedacht, dass man zu einem Schiff hinaufsteigen muss... Irgendwer hat mich bemerkt. Wohl die Gangway-Wache, die sich irgendwo ins Warme verzogen hatte. „Hallo! Ich bin Schmidchen, du bist wohl der Neue?“ „Grüß dich! Wolfgang heiße ich!“ „So wirst du wohl nicht lange heißen“, sagt er „die werden schnell einen Spitznamen für dich finden.“ Er ist etwas dick, hat rote Haare, Bürstenschnitt. Er nimmt mir die Reisetasche ab und wuselt vor mir her übers Deck. „Die Decksmannschaft wohnt achtern (hinten)“, teilt er mir mit. „Seitdem die Natal Kadettendampfer ist und keine Passagiere mehr mitnimmt, wohnt die Maschinencrew mittschiffs.“ Wir kommen zu einem Deckshaus, das sich auf dem Achterschiff erhebt. Über ein erhöhtes Türsüll treten wir in den engen Gang und hangeln uns an den Handläufen (Geländer) nach unten. Der Fußboden ist, wie auch das Deck, leicht gewölbt. Es riecht schwach nach Reinigungsmittel, Öl und Socken.
Er öffnet eine Tür. „Dies ist meine Bude,“ meint er. „Mein Zimmerkollege hat gestern abgemustert (gekündigt). Du kannst erst mal bei mir wohnen. Ich habe die untere Koje (Bett), du kannst die obere nehmen. Jetzt leg erst mal dein ganzes Zeug ab! Hast du schon etwas gegessen?“ Ich sage, dass ich keinen Hunger habe und bis zum Abend warten kann. „Mit dir sind wir jetzt 5 Junggrade. Es soll noch ein anderer kommen.“ „Hans-Dieter, er war mit mir auf der Seemannsschule!“, sage ich. „Auf welcher bist du denn gewesen?“, will er wissen. „Bremervörde. Weit weg vom Meer“. „Wir waren alle in Finkenwerder." Ich schaue mich in dem Zimmer um: Bedingt durch die Bauweise des Schiffes gehen die Wände nach oben hin auseinander. Genau umgekehrt, wie in einer Mansardenwohnung. Zum Glück befindet sich das Stockbett an der geraden Wandseite. Vorne ist jede Schlaffläche mit einem hohen Brett, das in der Mitte eine runde Vertiefung zum einfacheren Einsteigen aufweist, abgesichert. „Damit man nicht hinausfällt, wenn's mal etwas schaukelt.“ Die Matratzen sind etwa 70 Zentimeter breit, was nicht viel Spielraum lässt. „In der Bucht von Biskaya hat es manchmal etwas Seegang. Vor allem die Kreuzseen sind gemein, Wellen, die aus verschiedenen Richtungen zugleich kommen. Dazu kommt, dass wir da im Ballast fahren, ohne Ladung. Da liegt das Schiff mehr auf dem Wasser als darin. Wirst schon sehen...“ Schmidchen zieht eine der Schubladen unter der Koje heraus. „Die kannst du nehmen. Und auch die Hälfte des Kleiderschrankes.“ Ich öffne ihn. Er läuft nach unten ebenso schmal zu wie das Zimmer. Als Fußboden bleibt uns ein kleines Dreieck von ½ Quadratmeter Fläche.

Die Natal in Waltershöft
„Hotel zur Schraube nennen wir unsere Unterkünfte.“ Warum, das wurde mir klar, als wir zum Schuppen 28 im Baakenhafen verholten (umzogen). Jede Schraubendrehung brachte das Achterschiff zum Zittern, dazu heulte die Hydraulik der Rudermaschine wie eine Kreissäge. Auf dem Tischchen glitt alles hin und her oder landete auf dem Boden. „Hier achtern musst du deine Bierflasche in der Hand halten, bei Seegang auch den Teller.“ Tolle Aussichten, denke ich und frage ihn, ob er schon seekrank gewesen ist. „Das kommt vor. Muss aber nicht unbedingt auf der ersten Reise passieren. Ist aber gar nicht so schlimm... wenn's vorbei ist. Du musst halt immer schlucken. Zuerst kotzt du das Essen aus. Dann kotzt du gelb, das ist die Galle. Schmeckt saubeschissen. Und dann wird’s ernst: Wenn da ein haariger Ring rauskommt, dann schlucke noch fester. Denn das ist das Arschloch; wenn du das verlierst, bist du erledigt!“ Wir lachen beide.
Wir verlassen die enge Kammer mit den schräg nach oben sich erweiternden Wänden. Er führt mich durch den schmalen Gang und erklärt mir, wer wo wohnt. „Die größten Kammern, und dazu noch mit geraden Wänden, haben Rudi und Mozart. Dafür haben sie keine Bullaugen (runde, dickglasige Fenster, die man mit einer Blende seefest absichern kann). Die Matrosen haben Einzelzimmer, großer Luxus! Schau, hier die Tür geht runter zum Wellentunnel der Schraube. Das ist der Notausgang für die von der Maschine, falls der Kahn mal absaufen sollte. Nie zubauen!“ Eine Treppe führt ein Deck tiefer zur Rudermaschine. Die Schotten (Wände) sind weiß gestrichen. Der Boden ist leicht ölig. Wir steigen die zwei Treppen hinauf und befinden uns wieder am Hauptdeck. Hier befindet sich die Messe (Essraum) mit der Pantry (Spülraum). Ihr gegenüber sind die Eingänge zum Waschraum und den Toiletten. „Das wird dein Haupttätigkeitsfeld sein, in den nächsten Wochen!“ Er grinst, während er das sagt. „Die Matrosen essen dort in dem Eck, wir Junggrade und Max, der chinesische Wäscher hier im andern Eck. Setz dich ja nicht in das Matroseneck!“ Wir gehen zurück an Deck, umrunden den Aufbau und steigen auf der Rückseite eine steile Treppe hoch. „An Backbord hat der Bootsmann (Vorarbeiter der Decksmannschaft) seine Kammer, an Steuerbord (rechts) der Zimmermann. Den Zimmermann nennt man Timi, den Bootsmann Scheich. Diese zwei musst du siezen, mit den anderen sind wir per du.“ Hier oben hängt, in Schwingdavits, auch eine kleine Jolle für Außenbords-Arbeiten. Außerdem liegen da noch ein paar Rettungsflöße, für den Fall, dass…
„Ist keine Arbeit?“, frage ich ihn.“ Im Augenblick nicht viel, weil fast alle ein paar freie Tage genommen haben. Sogar der Alte ist für ein paar Tage weg und hat das Schiff dem Zweiten (Offizier) überlassen. Nur ein paar Wachen sind an Bord. Ich an Deck, jemand anders in der Maschine. Wenn du willst, können wir etwas den Kahn anschauen.“ Das sagt mir zu. Wir klettern über die dicke Manila (Festmacherleine), die noch vom Anlegen herumliegt, zu den Mittschiffsaufbauten. Schmidchen zeigt zur Mitte: „Das da ist die Kombüse (Küche). Wir haben einen Koch und einen Bäcker an Bord. Den Koch musst du Chef nennen, sonst ist er sauer. Mit dem Koch musst du dich gut stellen, ihn merken lassen, dass er die wichtigste Person auf dem Schiff ist.“ „Ich dachte, der Kapitän ist der Chef...“, werfe ich ein. „Nein. Der Kapitän ist der ‚Alte‘, der erste Ingenieur ist der ‚Chief‘, der Elektriker der ‚Blitz‘, der Funker ‚Sparks‘, der Zimmermann ‚Timi‘, der Kabelgatt-Matrose ‚Ede‘, ach ja, und wir Kadetten sind die ‚Ratten‘.“ „Wenn die Ratten von Bord gehen, soll ein Schiff untergehen, habe ich mal gelesen“, sage ich. „Deshalb halten sie ja immer mindestens einen von uns auf dem Schiff“, lacht er.
Ich bemerke, dass sich an jedem Eingang zu den Aufbauten doppelte Türen befinden. Eine hölzerne, die nach innen aufgeht, und eine stählerne, die sich nach außen öffnet. Letztere kann man mit 4 oder 6 drehbaren Riegeln, den Vorreibern, seefest verschließen. Die „Türschwelle“ ist eine etwa 30 Zentimeter hohe Stufe, das Süll. Um die Tür zu durchschreiten muss man einerseits gut die Füße heben (Achtung auf die Schienbeine) und zugleich aufpassen, dass der Kopf nicht oben am Schott anhaut. Mit der Zeit und einigen Beulen gewöhnte ich mich auch an diese Besonderheit. Wir betraten die Aufbauten. Ein ziemlich langer, schmaler Gang tat sich vor uns auf. An einer Seite war auf der ganzen Länge in Hüfthöhe ein Rohr angebracht, der Handlauf, wohl um sich bei Schlagseite festhalten zu können. An den Treppen befand sich je einer auf jeder Seite. Die Rundung des Decks, die ich draußen schon bemerkt hatte, setzte sich hier drinnen fort. Man nennt das die Balkenbucht. Sie gibt dem Schiffsrumpf mehr Festigkeit. Ebenso ist das Schiff in Längsrichtung gebogen. Es „hängt durch“ wie eine große Banane. Dadurch sind Bug und Heck höher über dem Wasser. Das nennt man Sprung.
Hier im Schiffsinneren war das Geräusch der Maschinen lauter. Schmidchen öffnete eine Tür an der linken Seite, da war unser Unterrichtsraum. Ein paar rechteckige Bullaugen, mit glänzenden Messingrahmen und Knebeln unterbrachen die Außenwand. In der Mitte des Raumes ein langer Tisch und rundherum drehbare Stühle, alle fest mit dem Boden verschraubt. „Das schwimmende Klassenzimmer“, entfährt es mir. Eine grüne Tafel an der Stirnseite, eine Weltkarte und das Morsealphabet an der anderen vervollständigen mit einem Wandschrank das Mobiliar. „Unterricht haben wir aber nur auf See und auch nur vormittags. Nachmittags ist Zutörnen.“ „Was ist denn das?“ „Arbeit an Deck oder woanders. Was halt gerade anliegt.“ Etwas weiter kommen wir an zwei anderen Türen vorbei. „Die Unterkünfte der Heizer.“ „Heizer? Ich denke, die Maschine läuft mit Schweröl?“ „Das sagt man noch so. Die Ausdrücke stammen noch aus der Dampfschifffahrt. Ebenso sind auch noch Bezeichnungen aus der Segelschiffszeit im Gebrauch. An Deck ist die Mannschaft aufgeteilt in Decksjungen, Jungmann, Leichtmatrose, Matrose, Bootsmann, Offiziere usw., in der Maschine nennt man sie Schmierer, Heizer, Assistent, Storekeeper und Ingenieure. Du wirst die Hierarchie an Bord schnell genug kennenlernen...“
Er öffnet eine wasserdichte, und wie ich sofort merke, auch schalldichte Tür nach mittschiffs. Lärm, Hitze und Ölgeruch schlagen uns entgegen. Ich hebe meine Füße, ziehe den Kopf ein und befinde mich auf einem Gitterrost, wie auf einem Balkon, hoch über metallenen Monstermaschinen, deren Funktion mir völlig unbekannt ist. Eine steile Treppe mit 2 glänzenden Handläufen führt vor meinen Füßen in die Tiefe. Schmidchen drängt sich zu mir auf das Podest und schließt das Schott (Tür). Obwohl alles vor Sauberkeit glänzt, liegt ein feiner Ölfilm auf allem, der uns beim Laufen leicht gleiten lässt. Er zeigt nach oben: „Das ist der Schornstein! Da hängt der Max (chinesischer Wäscher) seine Wäsche zum Trocknen auf.“ Ich stelle lieber keine Frage. Schornstein, Wäsche, Max. In Bayern hängt man Speck und Schinken in den Schornstein. Das gibt das gute Schwarzgeräucherte. Und hier Wäsche? Will der mich verarschen?

Und der Koch in der Kombüse…
„Das dicke Rohr dort ist der Auspuff der Hauptmaschine, die dünneren die Abgasrohre der Hilfsdiesel.“ „Hilfsdiesel? Sind das Ersatzmotoren?“ „Nein, die Hilfsdiesel erzeugen den Strom. Für Beleuchtung, Rudermaschine, die Winden...“ Dann sind da noch die Luftansaugrohre der verschiedenen Maschinen.“ Ich sah wohl, was er meinte, aber in diesem Wirrwarr von Leitungen blickte ich nicht mehr durch. „Vor dem Schornstein, die offenen Glasfenster, das sind die Maschinenoberlichter. Sie dienen zur Entlüftung des Maschinenraumes.“ Ich hätte sie eher für Frühbeetfenster gehalten... Die Wärme hier drinnen tut mir gut. Fast ist es schon zu warm.
„Jetzt stehen wir auf der oberen Zylinderstation“, ruft er. Von den gitterartigen Rosten wie von einem Balkon umgeben, thronen da vor mir sechs runde, fassartige Dinger von wohl einem Meter Durchmesser, die Zylinderköpfe. Fußgroße Muttern halten sie über armdicke Stangen, die bis zum Schiffsboden gehen, mit dem Rest der Maschine verbunden. Kupferleitungen gehen in alle Richtungen. „4600 PS hat der Oimel.“ Ich staune. An der Wand hängen zwei eigenartige Gebilde: Ersatzkolben, Ersatzpleuel, Führungskolben... Und das alles lässt sich zerlegen... Müssen ganz schön stark sein, die von der Maschine! Mittlere Maschinenstation. Große Metallplatten verschließen die Seiten der Maschine. Dünne und dicke Rohrleitungen laufen im Zickzack nach überall hin oder kommen von wo her. Gegenüber nehmen die elektrischen Schalttafeln eine ganze Wand ein. Voltmeter, Amperemeter, runde Skalen, eckige, längliche. Hoffentlich blickte wenigstens der Bordelektriker da noch durch! „Da darf von Deck keiner dran!“, belehrt er mich. Von hier geht der Saft nach überall hin. Siehst du da? Luke 1, Luke 2 und so weiter.“
Wir umrunden das Maschinenmonster und schlittern weiter nach unten, Schmidchen mir voraus. Ich sehe, dass er sich mit beiden Händen auf den Handläufen gleiten lässt und mache es ihm nach.

Drei der sechs Zylinder
Langsam bekomme ich den Trick raus. Nur nicht die Hände dabei verbrennen! „Untere Maschinenstation“, kündet mein Führer an. „Das hier ist der Fahrstand. Von hier aus wird der Motor gesteuert.“ Dass ein Schiff gesteuert wird, verstehe ich noch. Aber den riesigen Motor? „Da ist der Maschinentelegraf, wie auf der Brücke. Damit wird von oben durchgegeben, wie die Maschine zu laufen hat. Schnell, langsam, stop oder rückwärts. Daneben hängt ein Telefon, neben diesem ein Messingmundstück mit einer Pfeife als Stöpsel. Bei Stromausfall bläst man auf der Kommandobrücke da rein, hier unten pfeift es. Du ziehst den Pfeifenstöpsel heraus, hältst dein Ohr dran und hörst, was die da oben melden! Im Maschinenraum ist Brüllen Pflicht. Sonst verstehst du gar nichts.“ Das wäre etwas für meinen Vater, kommt es mir. Um uns herum eine Vielzahl von Handrädern, Ventilen, Hebeln, Manometern und Geräten, von denen Schmidchen bestimmt auch nicht alles weiß... Wir umrunden den Stahlkoloss.
Eine 40 Zentimeter starke glänzende Welle läuft von der Maschine durch einen niedrigen Tunnel nach achtern zur Schraube. „Wenn du da durchgehst, kommst du bei uns hinten wieder raus.“ Tanks, Pumpen für Wasser, Luft oder Öl, Batterien von Druckluftflaschen, vier Hilfsdiesel mit Generator, jeder wohl mit 10 Zylindern, füllen den riesigen Raum und lassen ihn fast eng erscheinen. Irgendwo treffen wir auch den wachhabenden Assistenten, der mit einer Ölkanne und Twist (Putzwolle) bewaffnet seine Abschmierrunde geht. „Warte nur, bis wir auf See sind; dann ist der Krach dreimal so stark!“, schreit Schmidchen zu mir herüber. Wir machen uns wieder an den Aufstieg: 3 Etagen, um wieder an die Eingangstür zu gelangen. Inzwischen schwitze ich etwas. Meine Ohren dröhnen noch weiter, selbst als die Tür schon zu ist. Bin ich froh, an Deck angeheuert zu haben, und nicht in der Maschine...
„Hast du noch Lust, die Kommandobrücke zu sehen?“, fragt er. „Streife dir aber gut die Schuhe auf der Matte ab, um kein Öl in den Gängen zu hinterlassen.“ Selbst unsere Handflächen waren etwas ölig. Also noch drei Stockwerke hinauf. Auf dem ersten, dem Promenadendeck, wohnen seitlich die Offiziere und Ingenieure. Vorne befindet sich, über die ganze Schiffsbreite, der Salon, ein Saal mit Sofas, Sesseln und einer Bar. Wir sehen das nur durch die Glastür. „Das ist für uns tabu!“, meint Schmidchen. Daneben liegt der Speisesaal für die Schiffsleitung und dahinter die Pantry des Stewards. Im Deck darüber, dem Bootsdeck, wohnt an Backbord der Chief Ingenieur, mittschiffs der Kapitän, an Steuerbord der Erste Offizier. In diesem Niveau befinden sich auch die Rettungsboote. Noch eine Treppe hoch, ein querliegender Flur. Hier wohnt an Backbord der Funker in seiner Funk-Bude, rechts führt eine Tür ins Kartenhaus und von da auf die Brücke. Schmidchen schließt vorsichtig die Tür hinter uns. „Hier dürfen wir normalerweise nicht durch. Für uns sind die Außentreppen bestimmt.“ Die Brücke war ein leicht gerundeter, nicht sehr tiefer Raum, der fast die ganze Schiffsbreite überspannte, vorn ausgestattet mit einer breiten Front aus Fenstern. Was ich als Erstes bemerke, ist der Maschinentelegraph, genauso einer wie am Fahrstand im Maschinenraum. Daneben Telefon und Sprachrohr.
Das Steuerrad, ein zu 1/3 offener Ring, gleich dem eines Flugzeuges, steht mittschiffs, aber etwas zurückgesetzt. Es ist an einen grauen Kasten montiert, auf dem unter einer runden Scheibe die Gradanzeige des Kreiselkompasses (zeigt immer genau Nord an) sichtbar ist. In dieser Scheibe ist eine Gravierung, die die Mittschiffslinie, die Schiffsachse darstellt. Zwischen dem Kreiselkompass und dem Steuerrad befindet sich der Ruderlageanzeiger. Einen Meter rechts davon steht ein anderer grauer Kasten mit einem kreisförmigen, leicht gewölbten Bildschirm obenauf, das Radargerät. In ihm dreht sich, vom Mittelpunkt ausgehend, eine hellgrüne Linie, die in der Nähe befindliche Schiffe durch helle Punkte anzeigt. Links vom Steuer, an der hinteren Wand, ein kleinerer Kasten, das Echolot. Es zeigt die Wassertiefe unter dem Kiel an. Natürlich sind all diese Geräte im Hafen außer Betrieb. Ich stelle mich auf das Holzrost hinter das Steuerrad. „Kannst ruhig dran drehen, im Hafen ist alles abgeschaltet! Schau doch mal oben in den Kasten rein, vor deinem Kopf!“ Ich schaue nach oben in den dunklen Kasten. Schwach erkannte ich die Windrose (Zifferblatt) eines Kompasses, 360 Grad, eigenartigerweise die Zahlen in Spiegelschrift. „Erkläre ich dir nachher...“.

Am Ruder
Unter dem Echolotanzeiger befindet sich ein erhöhter Holzstuhl mit Rückenlehne und Armstützen. „Schade, dass der nicht hinterm Steuerrad steht“, bemerke ich. „Das ist der Lotsenstuhl. Am Steuer darf man nicht sitzen, sonst ist die Gefahr zu groß, dass man einschläft.“
Durch eine Schiebetür gelangen wir in die Backbord-Brückennock (unbedachte Fläche, die hauptsächlich für den Ausguck dient). Ein Kompass befindet sich am äußeren Rand, versehen mit einem darauf drehbar angebrachten Peilinstrument, der Peilkompass. Daneben, in seiner Halterung, ein rot-weiß gestrichener Rettungsring mit dem Schiffsnamen und Heimathafen darauf gemalt. An der Vorderseite ist die Verschanzung (geschlossenes Geländer) etwas erhöht, abgerundet und mit einem doppelten Blech versehen. Dieses bewirkt, dass der Fahrtwind sich dazwischen beschleunigt und beim Austreten dahinter einen Windschatten schafft. Somit kann der Posten Ausguck vorausschauen, ohne dass ihn der Wind wegbläst. Ich lehne mich außenbords über die Verschanzung. Dort ist die rote Backbordleuchte angebracht. Auf der Rückseite der Nock führt ein Niedergang (Treppe) zum Bootsdeck und eine Tür zur Unterkunft des Funkers. Zwischen der Funkbudentür und der Schiebetür zur Brücke befindet sich eine Leiter. Wir klettern dort hinauf, hieven uns auf das Peildeck. Hier oben befindet sich die Peilantenne, der Mast der drehbaren Radarantenne und ein großer hölzerner zylindrischer Kasten mit den zwei rot und grün gestrichenen D-Kugeln seitlich angebracht und dem Flinderstab an Vorderseite (diese dienen zum Eichen des Kompasses). Die grün verwitterte Messingabdeckung schreit förmlich nach einer Sidolbehandlung durch den neuen Decksjungen! Das ist die Behausung des Magnetkompasses. Er ruht hier für den Fall, dass mal der Strom ausfällt oder der Kreiselkompass Pause machen will. Seine Windrose, sein Zifferblatt war es, das ich hinterm Steuer oben in dem Kasten gespiegelt gesehen hatte. Dadurch die Spiegelschrift. Hier oben befindet sich ein Minimum an Eisen, um den Kompass nicht zu beeinflussen. Dieser hier zeigt den magnetischen Nordpol an, der vom geographischen bisweilen weit abweicht. Auch hier oben liegen ein paar selbstaufschwimmende Rettungsflöße in ihren Lagern.

Maschinenraum-Oberlichter
Wir steigen an der Steuerbordleiter hinunter in die Brückennock und von dort aufs Bootsdeck. Wir stehen vor den Frühbeet-Kästen des Maschinenraumes. Warme, ölgeschwängerte Luft strömt heraus. Daneben sehen wir die Tür zum Schornstein. Wir schlüpfen hinein. Und anstatt schwarzen Rußes finden wir weiße Wäsche, die hier in der warmen Maschinenluft trocknet. Der Boden besteht aus Stabgitterrosten. Oben ist der Schornstein geschlossen, nur die verschieden dicken Auspuffrohre führen hinauf und hinaus. Der ganze Schornstein ist eine Attrappe!
Wieder im Freien schauten wir uns das Rettungsboot an. Es gibt eins auf jeder Seite. Schwere, hölzerne Kutter in Klinkerbauweise. Eine Greifleine führt außen herum. Name des Schiffes und zulässige Personenzahl sind auf Tafeln am Rumpf verschraubt. Das Steuerbordboot hat einen Einzylinder-Dieselmotor, das Backbordboot nur Ruder und Segel. Jedes einzelne Boot muss die gesamte Besatzung und Passagiere aufnehmen können. Auf Passagierschiffen müssen die Boote beider Seiten alle Leute aufnehmen können. Ein wenig hinter dem Boot ist außerdem noch eine selbstaufblasbare Rettungsinsel gelagert. Insgesamt haben wir vier davon an Bord. Außerdem kann ich ja seit vier Jahren schwimmen! Noch ein Deck tiefer, das Promenadendeck. Dieses war früher für die Passagiere reserviert. Jetzt spaziert hier die Schiffsleitung. Wir haben unser Achterdeck! Noch eine Treppe tiefer, und wir sind wieder auf dem Hauptdeck, neben der Kombüse, angelangt. „Ich glaube, heute wird von Land aus nur bis 18 Uhr gearbeitet. Trinken wir erst mal einen Tee, dann kannst du mir helfen, die Luken zuzumachen!“ Gesagt – getan.
„Du brauchst dich nicht groß umzuziehen, nimm aber deine Festmacherhandschuhe (solide Lederhandschuhe) mit, wenn du welche hast. Natürlich hatte ich welche. Rochen noch nach Leder. Vom Seemannsausrüster Carl Feddersen, im Kajen. Von dort stammt auch meine Elbseglermütze. Alles bezahlt von der Reederei! Im grellen Licht der Decksbeleuchtung gingen wir über das leicht angefrorene Vorschiff. „Ich erklär's dir kurz: Die Lukendeckel vom Hauptdeck sind Deutsches-Werft-Patent. Echt beschissen. In den Zwischendecks haben wir Holzdeckel und Scherbäume. Noch beschissener! Viel Knochenarbeit! Aber heute Abend ist nur Oberdeck angesagt, und nur Luke 2.“ Wir kletterten auf das Deckshaus. „Du siehst ja da unten die Lukenöffnung. Vorn und achtern sind je zwei Stahldeckel hochgeklappt. Die haben seitlich Rollen, die auf dem Lukensüll (oberer Rand der Lukeneinfassung) rollen sollten. Wir müssen zusehen, dass sie nicht verkanten, sonst ist es viel Knochenarbeit, sie wieder in die Laufrinne zu bekommen. Normalerweise braucht man 2 Faulenzer, dünne Stahlseile, zum Hin- und Herziehen der Deckel. Es gibt da einen Trick. Ist zwar nicht ganz erlaubt, aber wenn es die Matrosen so machen, dürfen wir das allemal! Also schau her: Ich wickle mit dem Faulenzer 3 Törns (Schlaufen) um den Spillkopf (elektrisch angetriebene Trommel, dient zum Aufspulen), du steigst auf das Geländer und versuchst mit den Füßen den ersten Deckel abzudrücken, so dass er nach vorne fällt. Wenn er fällt, halte ich ihn mit dem Faulenzer zurück, zutsche (Seil lockern) dann langsam weg, bis er auf dem Süll liegt. Und dann können wir ihn von Hand zuschieben. Flieg ja nicht in die Luke. Los jetzt!“ Ich schaffe es, den Lukendeckel ins Schwanken zu bringen, dann zum Fallen. Das Lukeninnere liegt teilweise im Schatten. Darum sehe ich zum Glück nicht, wie tief es da runter geht. Schmidchen fiert den Deckel etwas ruckartig ab. Ich gebe ihm Lose (machte das grob aufgeschossene Seil frei). Schon ist er unten und rollt fast von allein an seinen Platz. Da das Schiff vorne höher ist, schließen wir die vorderen Deckel ohne Probleme. Für die hinteren müssen wir aber die Winde nehmen, um sie an die anderen heranzuziehen. Alles klappt vorzüglich, und bald sitzen wir bei kalter Platte und Bier als einzige in der Mannschaftsmesse und lassen es uns gutgehen. Heute fühle ich mich das erste Mal wie ein Seemann.
Am nächsten Morgen - ich hatte wunderbar geschlafen, trotz der engen Koje - ließen wir es easy angehen. Mein Zimmerkollege führte mich zur Kombüse. Der Bäcker ist dabei, für die wenigen an Bord Gebliebenen ein Frühstück zu bereiten. Wir begrüßen uns. Er bereitet mir ein Sonderfrühstück, Spiegeleier mit Speck. Der Koch ist für ein paar Tage auf Urlaub. Nachher, als endlich die Sonne den Nebel vertreibt, machen wir uns daran, die dicke Festmacherleine aufzuklaren. Diese sind aus Manila, einer Faser die ursprünglich von den Philippinen kommt. Diese können geflochten sein oder geschlagen (gedreht). Wie hatten beide Arten an Bord. Diese Trosse, armdick, hatte es in sich! Beim An-Land-Ziehen saugen sie sich voll Wasser und werden dadurch sauschwer. Dadurch, dass es gefroren hatte, ist sie steif wie ein Stück Holz. Sie knistert leise, als wir versuchen, sie geradezubekommen. Sie ist völlig verkinkt, das heißt, sie ist korkenzieherartig verdreht. „Das kommt davon, wenn man sie um das Spill (Windentrommel) wickelt“, erklärt mir Schmidchen. „Du wickelst sie in eine Richtung auf, das verdreht sie. Dann hievst du die Leine durch und belegst (befestigst) sie am Poller. Dann schmeißt du sie vom Spill ab, was sie wiederum verdreht.“ „Normalerweise müssten sich die Drehe doch ausgleichen“, werfe ich ein. „Das schon. Nur, wenn du sie vom Spill abschmeißt, bist du vielleicht 50 Meter weiter, weil du ja die Leine eingehievt hast!“ Das leuchtet mir ein.
Wir versuchen, die Manila aufzuschießen (in großen Ringen auf einen Haufen zu schichten), indem wir sie in „Englischen Buchten“ unterschlagen, anstatt übereinander. Doch sie weigert sich. „Wenn uns jemand so sieht, wird er denken, wir sind die Laokoon-Familie (griechisches Standbild, auf dem Vater und Sohn mit einer maniladicken Schlange kämpfen)“, entfährt es mir. Wir versuchen, die Leine der Länge nach auf Deck zu ziehen. Unsere Schlange weigert sich und verwindet sich nur noch zu neuen Törns. Wir kommen ins Schwitzen, auch sie taut langsam auf. „Man müsste den ganzen Scheiß ausstecken (außenbords ablassen), da würden die Kinken am ehesten verschwinden“, meint mein Lehrmeister. „Mir reicht's jetzt! Komm, wir machen's auf Bremer Art!“ Wir schießen also den Festmacher so gut es geht auf und werfen die Korkenzieher, die Kinken, in die Mitte des Manilahaufens. Darauf ein paar Lagen ordentlich aufgeschossener Manila und alles sieht perfekt aus. „So, jetzt können wir nur noch hoffen, dass die Kinken, wenn die Leine trocknet, beim nächsten Ausstecken von selber verschwinden!“
Inzwischen geht das Löschen (Ausladen) zügig weiter. Liegegebühren für Schiffe im Hafen sind teuer. Das Löschen der Ladung wird von Spezialbetrieben ausgeführt, durch Schauerleute, meist im Schichtbetrieb. Auch die Reinigung der verdreckten Luken. Das macht die Schietgäng. Da wir voraussichtlich im Ballast (Schiff leer, nur Wasser in den Ballasttanks im Doppelboden) ausreisen werden, hat die Reederei beschlossen, die Reinigung von der Mannschaft machen zu lassen. Das ist billiger! „Das Säubern der Luken machen wir auf See. Aber mit dem Aufklaren des Decks können wir gleich schon anfangen. Außerdem hat das der Scheich angeordert, bevor er weg ist. Auf einem Dampfer gibt es nie Langeweile!“, philosophiert Schmidchen.
Langsam kleckert die Mannschaft ein. Zumindest ein Teil davon. Manche sehen ziemlich mitgenommen aus. Sind das noch die Spuren der letzten Reise? Ich habe Zweifel. Von mir nimmt man wenig Notiz. Schmidchen weist mich nebenbei in meine Hauptaufgabe ein, die Backschaft. „Wichtig ist, dass alles sauber ist. Hundertprozentig! Vor allem die Fullbrass (Mülleimer) immer ausgeleert und gewaschen. Sonst schmeißen sie dich nachts aus der Koje. Bootsmann und Zimmermann zuerst bedienen, dann die Matrosen. Wir zum Schluss! Scheißhäuser und Waschraum sauber halten, Gänge und Kammern putzen, Betten machen.“ „Das ist ja 'ne ganze Menge, da braucht man ja einen ganzen Tag zu!“, bemerke ich. „Mit 'nem Büschen Übung geht das schnell. Das muss alles am Vormittag erledigt werden. Außerdem ist um 10 Uhr Fofftein, Kaffeepause. Da muss alles bereit sein, sonst hast du einen schlechten Start. Und vergiss nicht, der Abwasch ist auch zu machen. Sei froh, dass wir zu sechst sind, sonst müsstest du die ganze Reise lang alles alleine machen und noch an Deck zutörnen!“ „ Du machst mir Angst!“ erwidere ich. Er lacht: „Schau mich an! Ich hab's auch überlebt! Und hab meinen Speck behalten. Alles nur Sache der Einteilung!“ Hoffentlich hat er Recht...
RATTEN
Mittags sind drei Matrosen zu bedienen. Sie sind zu erschöpft, um groß an meinem Service rumzumeckern. Ich gebe mir ja Mühe. Aber im Kopf zu behalten, wer was zum Essen will, ist schwierig. Meist habe ich die Hälfte davon schon wieder vergessen, bis ich an der Kombüse bin. Was muss ein Kellner für ein Gedächtnis haben, denke ich. Nachmittags könnte ich eine Pause machen, aber ich arbeite durch. Zu vieles ist zu erledigen...Zum Glück sind da zwei weitere Decksjungen, die mit anfassen und mit denen man sich unterhalten kann.
Langsam lerne ich auch die Hierarchie an Bord kennen: Da ist erst mal die zwischen Oben und Unten, der Schiffsleitung und den Arbeitern. Dann ist da eine Kluft zwischen Maschinenpersonal und Decksbesatzung. Diese können sich nicht riechen. Immer fallen abfällige Bemerkungen über die anderen. Und dann die Hierarchie achtern, zwischen Voll- und Junggraden, mit der ich täglich konfrontiert bin. Am besten fährt man, wenn man den andern glauben lässt, er ist der Chef. Manchmal bin ich nicht weit vom Radfahren. Selbst unter uns Jungraden besteht eine Rangordnung: Wer hat eine Reise mehr als der andere, wer ist älter, wer stärker, die größte Klappe. Zum Glück tritt man uns Jungen allen gleichermaßen in den Arsch. Und das vereint! „Noch eine Ratte!“, sagte der Erste Offizier, als ich mich ihm vorstellte. Wie war das zu verstehen? Ich nahm mir vor, es mal als neutral zu bewerten und erst einmal abzuwarten.
Schuppen 29
Am nächsten Tag sollen wir in den Baakenhafen verholen, nach Schuppen 28, dem Stammplatz der Afrikalinien. Wir haben stark verminderte Besatzung. So 10 Leute insgesamt, Deck und Maschine, plus Schiffsleitung. „Klar vorn und achtern!“, hallt es über Deck und durch die Gänge. Da muss ich auch mit 'ran. Alle betrachten mich etwas von der Seite, wie wenn sie sich fragten, ob mit dem Neuen überhaupt was anzufangen sei... Die einzigen, die mit mir sprechen, sind die anderen Junggrade. Die Älteren bellen nur Befehle oder ignorieren mich vollständig. „Hat aber auch von nichts 'ne Ahnung! Weiß nicht mal, wie man einen Festmacher aufspillt“, usw. Dabei gebe ich mir größte Mühe. Aber in meinen brandneuen Arbeitsklamotten, die noch nach Verpackung riechen und nicht nach Schweiß, muss ich ein sonderbares Bild abgeben unter diesen Matrosen in schmuddeliger Kleidung. Außer mir glänzen nur die Offiziere. „Steh nicht so faul 'rum!“, schreit der Scheich, „hilf den anderen, die Manila einzuholen!“ Also springe ich zu der einzigen freien Stelle vor der Klüse, greife nach der Leine, um den anderen zu zeigen, was ich kann. „Bist wohl ein Bremer? Man greift nicht in die Hände eines Matrosen! Stell dich hinten an!“ Also noch eine Hierarchie! Für einen Hamburger Seemann ist einer aus Bremen unfähig...Trotz meiner Anwesenheit bekommen wir achtern den Schlepper fest, die vorne wohl auch, und alle Leinen inbords, und nicht in die Schraube. Langsam wacht das Schiff auf. Vom Schornstein her ertönt eine leichte Explosion. Schwarze Rauchkegel puffen heraus, das Schiff schüttelt sich leicht, und langsam beginnt die Schraube das ölige Wasser zu schneiden. Wir fahren!

Eines der zwei hölzernen Rettungsboote
Eine der ranghöheren Ratten kriegt den Auftrag, die Deutschlandflagge an der Gaffel zu hissen. Achtern wird die vom Flaggenstock eingeholt und im Flaggenkasten verstaut. An der Rah des Großmastes weht an Backbord die Afrikalinienflagge, an Steuerbord das Hamburger Wappen. Dann kommt die Order: „Standby!“ Bereitschaft heißt das. Also Pause. Die Schlepper bleiben angehängt, weil es nur ein paar Seemeilen sind bis zum Verholplatz. Lose durchhängend schneiden die Trossen das Wasser. Es herrscht reger Verkehr hier auf der Elbe. Manchmal dröhnt unser Nebelhorn zornig auf, wenn sich eine Barkasse oder eines der Hafenrundfahrtschiffe zu sehr nähert oder die Route versperrt. Wir bewegen uns im Fahrwasser, markiert durch rote und grüne Tonnen (verankerte schwimmende Markierungen) oder durch Baken (feste Markierungszeichen). Hier ist der Fluss ausgebaggert auf 12 Meter Tiefe, erklärt mir der Offizier, der achtern die Manöver leitet. Für Eingeweihte ist das alles logisch, für mich aber noch völlig fremd.
Mickymaus, er schaut eher aus wie ein Drahthaardackel, auch eine Ratte, steigt mit mir aufs Brückendeck. Wir bleiben etwas im Hintergrund. „Wir müssen nur rechtzeitig zum Manöver wieder achtern sein. Aber das hören wir sofort, weil sie es von hier oben aus durchsagen“, klärt er mich auf. Langsam ziehen an Steuerbord die Werften vorbei, gut sichtbar von meinem erhöhten Standort. Auch kann ich gut in die anderen Hafenbecken einsehen. Nur Schiffe, Kräne, Barkassen... Auch ein Cap-San-Schiff liegt dort! Ich erkenne es an der roten Brückenreling. Es heißt, sie seien die zurzeit modernsten Schiffe. Wie eine Jacht sieht es aus. Ganz in Weiß, ohne Rost. „Läuft aber nur 16 Knoten (Seemeilen pro Stunde. 1,85 × 16 = 30 km/Std)“, spottet jemand. „Immerhin 4 mehr als unsere Rostbeule!“ Dann erschallt in den Wechselsprechanlagen der Ruf „Klar vorn und achtern!“, und wir huschen zurück zu unserem Arbeitsplatz.
Der Fischereihafen liegt an Backbord achteraus. „Es geht doch nichts über einen guten Fisch, nach einer durchgemachten Nacht!“, höre ich einen Matrosen sagen. Er hat wohl gerade seinen Bericht vom letzten Landgang zum Besten gegeben. Landungsbrücken, Überseebrücke. Hier hat ein englisches Kriegsschiff festgemacht. Pfiff von der Brücke. Ein Wachgänger eilt aufs Deckshaus und holt den Lappen zu 1/3 herunter. Der Engländer reagiert nicht. Der Wachgänger schaut fragend zum Bootsmann. „Die Limys (Spitzname für Engländer. Kommt daher, dass sie auf ihren Segelschiffen Limonen im Proviant hatten, gegen Skorbut) können uns mal am Arsch lecken! Zieh das Tuch wieder hoch!“ Vor uns ragt ein schwarzer Gasspeicher empor. Die Schlepptrossen spannen sich, Wasser tropft heraus. Hier dreht das Schiff mit Schlepperhilfe und bewegt sich dann langsam rückwärts in das Hafenbecken. Langsam dreht die Schraube. Bis an Deck hören wir das Weinen der Rudermaschine. Die Schlepper haben voll zu tun. Die Maschine kann nur unterstützen. Nach ein paar kurzen Maschinenmanövern nähern wir uns langsam der Pier.
„Achterleine an Land!“, bellt der Lautsprecher. Ein erfahrener Matrose wirft die Wurfleine, die er vorher sorgfältig klar zum Laufen aufgeschossen hat, mit einem lauten „Kiek ut!“ zum Kai. Einer der Festmacherleute da unten schnappt sich diese und zu zweit ziehen sie die erste Festmacherleine an Land. Eine weitere Wurfleine. Der Knoten verfehlt den Kopf des Festmachers um wenig. Der ist sauer. Er denkt, der Matrose hat das extra gemacht. Das kann schon sein... Dann geht die erste Manila an Land. „Hoffentlich verklemmt sich kein Kinken am Poller“, flüstert mir Schmidchen zu. Dann stecken wir seitlich die Spring (Leine, die von hinten Richtung mittschiffs geht) aus. Die Festmacher an Land können sie so ergreifen. „Zwei Achterleinen fest, Spring fest!“, meldet der Offizier. „Spring durchhieven“, sagt die Wechselsprech. „Hievt Spring!“, ruft der Bootsmann, der über die Reling gebeugt den Abstand zwischen Kai und Schiff beobachtet. Mit der erhobenen Hand macht er eine kreisende Bewegung zum Matrosen an der Windenbedienung. „Spring festhieven!“ Er macht eine Faust. Der Windenmann hält an. „Beleg Spring!“ Einer klemmt die Spring mit einem Kettenstopper ab. Der Matrose am Spill wirft die Buchten ab. Wir Junggrade holen die Lose herbei, während einer die Trosse auf dem Poller in 8er-Schlingen belegt.

Reger Betrieb auf dem Kai
„Schlepper los!“, ertönt es von oben. Der Haken des Schleppers klickt auf und gibt die Manila frei. Da die 2 Spillköpfe in Betrieb sind, holen wir sie per Hand ein: „Hol weg! Hol weg!“, gibt ein Matrose den Takt an. Dann stecken wir diese Manila auf der Backbordseite, der Landseite aus. Aufs Spill damit und hieven. Seilstopper und belegen. Wir rennen ganz schön hin und her. Das heißt, vor allem die anderen. Ich versuche das Durcheinander zu verstehen und nicht den Fuß in einen Kinken zu setzen. Jetzt verstehe ich, was es heißt, wenn jemand sagt: „Geh aus die Kinken!“ Auf bayrisch: „Schaug dass 'd wegkimmscht!“ Die Schlepper entfernen sich mit einem kurzen Gruß mit dem Nebelhorn. Wir haben alle Leinen fest. Vier Achterleinen und eine Spring. Die Festmacher haben die Schmeißleinen nicht zurück an Bord geworfen. Weil sie sich rächen wollen für den knappen Wurf. Zum Glück haben sie sie nicht geklaut. Also muss einer von uns runter, und sie holen. Hoffentlich machen sie keinen Stunk! Da kommt die Order durch, dass das Manöver beendet ist. Wir denken, es ist Feierabend. Nein! „Achterschiff aufklaren, aber picobello!“ Nur ich darf weggehen. Zum Aufdecken fürs Abendessen...
Hamburg im Winter. Die kalte Dunkelheit wandelt sich erst spät in ein kaltes Grau. Eiskristalle sind über Nacht an den Drähten gewachsen, das Deck glänzt vor Glätte. Wir streuen etwas Sand an den strategischen Stellen. An Land rollen die Kräne in Position, Waggons werden rangiert. Die Arbeiter wärmen sich mit einer Zigarette. Wir reißen ein paar Luken auf. Zum Glück habe ich meine Arbeitshandschuhe, sonst würden die Hände an den Leitersprossen kleben bleiben. Der Ladebetrieb beginnt. Der dafür verantwortliche Offizier spricht von 800 Tonnen. Also fast nichts für unser Schiff, das 7000 tragen kann. Langsam tauchen die restlichen Crewmitglieder wieder auf. Die, welche Familie haben, waren zu Hause gewesen. Von den Ledigen haben manche, laut ihren Berichten, währen der freien Tage und Nächte eine größtmögliche Zahl an Kneipen und Frauen durchgemacht. Dementsprechend sehen sie auch aus! Wenn das alles wahr ist, was sie erzählen, bin ich noch seemeilenweit davon entfernt, ein echter Seemann zu sein... Mein ehemaliger Seemannsschulkumpel Hans-Dieter trifft ein. „Noch eine Ratte!“, grummeln die Matrosen, „Wieviel mokt dat insjesamt? söß? Do heff wir ja noch mehr Arbit. Den halben Tog aufm Ors sittn! School, heff we ok nich brukt...“

Hans-Dieter und Fronzl, der Leichtmatrose aus Österreich am Anker- und Verholspill
Abends sitzen wir Decksjungen oft bei irgendeinem in der Bude, mit einer Flasche Bier, oder machen uns, was seltener ist, über eine Flasche Whisky her. Manchmal schaut ein Matrose herein, fragt nach Feuer oder sonst was. Selten setzt sich einer zu uns. Jetzt, wo sie den Schlaf nachgeholt haben und den Kopf entnebelt, merke ich, dass sie eigentlich gar nicht soo schlimm sind. Der Einzige, der öfters mit uns ist, ist Seubert, der Leichtmatrose. Ansonsten trinken oder unterhalten sich die verschiedenen Dienstgrade in ihren entsprechenden Ecken in der Mannschaftsmesse. In unseren Zimmern ist wenig Platz. Man sitzt auf dem harten Kojenrand, dem einzigen Hocker, auf dem Minitisch, auf dem Rand einer halb herausgezogenen Schublade, auf dem Boden. Die Tür lässt sich, zum Glück, auf einen Haken blockieren. Dadurch ist sie etwa ein Fußbreit offen, und wir ersticken nicht in unserem Zigarettenqualm. In den Tropen sei das die Dauerposition, dazu das Bullauge offen, wenn möglich mit einem „Eselsohr“ darin, einem halbrunden Blech, das den Fahrtwind herein leiten soll. Klimaanlage besitzt das Schiff keine.
Wie ist es schön, von den Tropen zu reden, während es draußen arschkalt ist und hier drinnen eine Elektroheizung die Luft verstinkt. Von den Anderen erfahre ich die bordeigenen Preise für Zigaretten und Spirituosen. Etwa 1/3 der Preise an Land! Da soll einer nicht Alkoholiker oder Lungenkrebsler werden! Mickymaus sagt mir, dass in Afrika meist mit Zigaretten bezahlt wird. Möglichst mit amerikanischen. 1 Paket für drei Ananas, 3 Pakete für eine Staude Bananen. Wir sitzen dichtgedrängt in seiner Kammer und rupfen gerade die letzten Bananen von seiner Staude. Wie schmecken die gut! Viel besser, als die aus dem Geschäft, weil sie reif geerntet worden sind. Bei all diesen Erzählungen kann ich es kaum erwarten, dass wir die Leinen loswerfen und die norddeutsche Wintersuppe weit hinter uns lassen. Doch vorerst heißt es noch volle Pulle aufklaren. Massenweise Bretter, das Stauholz, aufstapeln. Auf Stroppen, Seilschlingen. Das alles verschwindet in den Luken, um später als Unterlage, Spalier genannt, für Sackgut zu dienen, damit dieses nicht direkt den Lukenboden berührt. Die Persenninge, riesige Planen aus Segeltuch, wasserdicht imprägniert, müssen zusammengelegt werden. Die anderen Ratten zeigen mir wie. Wichtig ist, dass man sie jederzeit, auch im Dunkeln, ausbreiten kann, selbst alleine. Man faltet von außen her je eine Hälfte bis zur Mitte; das, was bleibt, wiederum bis zur Mitte, dann nochmal dasselbe, je nach Größe der Plane. Den breiten Streifen, der so entsteht, klappt man ebenfalls nur bis zur Mitte, beidseitig, und nochmal und nochmal, bis ein „handliches“ Paket übrig bleibt, das dann mit einem Bändsel zugeschnürt wird, bereit zum Gebrauch. Das wird dann in einem der Deckshäuser gelagert. Alles Tauwerk wird „fachmännisch“ von uns Lehrlingen aufgeschossen (aufgewickelt, aufgerollt) und seefest verstaut oder aufgehängt. Vieles an der Seemannsschule Gelernte wird jetzt plötzlich verständlich und kommt zur Anwendung. Immer wieder taucht ein Matrose oder der Scheich auf und motzt. „Alles Pfusch! Da merkt man, dass der Unterricht zu nichts taugt!“ und immer dieselbe Schlussfloskel beim Weggehen: „...Hammelbeine langziehen...“. Die Lehre, die ich daraus ziehe ist, 1. immer alles bestens zu machen, 2. alles kann immer noch besser gemacht werden, 3. so gut man auch arbeitet, ein Matrose findet immer was zum Aussetzen!
HEJ GEIT
Unser Ausbildungsoffizier, Herr Herk, ist eingetroffen und mustert uns skeptisch. Er ist noch ziemlich jung, trägt Bürstenschnitt. Er war vorher bei der Hamburg-Süd. Warum ist er da nicht geblieben? Die bordeigene Gerüchteküche (er)findet für alles eine Antwort. Die Besatzung ist jetzt vollständig. Die Mindestbesatzung für ein Schiff auf großer Fahrt, wie das unsere, ist 37 Personen. Damit sind alle Posten ausreichend besetzt. Dazu der Ausbildungsoffizier und 6 Kadetten, das macht 44. Dann endlich: „10 Uhr Auslaufen, bei ablaufend Wasser!“ Da Hamburg Tidehafen (Gezeitenhafen) ist, nutzen die Schiffe die Strömung, um schneller vorwärts zu kommen oder um die größere Wassertiefe auszunutzen. Schon am Vortag war es auf einer Tafel neben der Gangway angeschrieben gewesen, für die Landgänger. Die Deckswache hatte in der Früh in der Backbordrah die Flagge P gesetzt, den blauen Peter, wie man ihn nennt (blaue Flagge mit weißem Quadrat in der Mitte). Das ist nicht der Mann von der grünen Minna und hat auch nicht viel mit dem Zustand der noch fehlenden Matrosen zu tun, sondern bedeutet, dass das Schiff noch heute auslaufen wird. Ein Pfiff aus der Trillerpfeife schallt übers Deck. „Klar vörn un achtern!“, ruft ein Offizier. Wir alle begeben uns auf unsere Stationen, für die wir eingeteilt waren. Ich bin froh, für achtern eingeteilt zu sein, da fühle ich mich schon vertraut. Wir wohnen ja dort...
Der Hafenlotse kommt an Bord in frisch polierter Uniform. Lotsen haben es immer wichtig! Fast wie unser Chef in der Kombüse... Man schaute sich an. Fragt: „Hast du den und den gesehen? Bist du sicher, dass er an Bord ist?“ Es wäre blöd, jetzt „achteraus zu segeln“, hier schon das Schiff zu verpassen, ist das doch ein Grund für einen Rausschmiss. Passiert das im Ausland, muss der Betreffende den Flug für den Ersatzmann bezahlen. Ist die Mannschaft nicht vollständig, kann das Schiff am Auslaufen gehindert werden. Dann fallen zusätzliche Liegegebühren an. Das kann ein teures letztes Glas werden... Die Gangway wird eingeklappt. Die 2 Schlepper sind da. Fast unbemerkt sind sie herangeglitten und lauern auf der Wasserseite, wie sprungbereit. „Schlepperleinen raus!“, bellt die Wechselsprechanlage. „Schlepperleine raus!“, wiederholt der Zweite. „Schlepperleine an Heckklüse ausstecken!“, gibt er an uns weiter. Lederbehandschuhte Hände lassen die schon vorbereitete Trosse hinab, ein paar Buchten laufend (gleitend) um einen Poller gelegt. Die Schlepperbesatzung nimmt mit einem Bootshaken das Auge in Empfang und schleppt es zum gut gefetteten Haken, wo sie es einhängt. Der Matrose an Deck fiert aus. Mit gekreuzten erhobenen Armen gibt einer der Schlepperleute das Zeichen, dass die Länge stimmt. Der Matrose belegt mit mehreren Schlägen. „Achtern Schlepper fest“ meldet der Scheich in den Lautsprecher zur Brücke. Wahrscheinlich lief es auf der Back, dem Vorschiff, genauso. „Spring los!“, ist die nächste Order. „Heckleinen leicht fieren“, „Heckleinen los.“ Wir rennen dorthin, wo wir denken, gebraucht zu werden. Oft heißt es nur: „Aus den Kinken!“, oder man schubst uns weg: „Siehst du nicht, wo du stehst?“, „Warum fasst du nicht an? Du siehst doch, was anliegt!“ Die triefenden Festmacher kommen an Bord. Anfangs versuchen wir, sie gleich wegzuschießen. Doch alles geht zu schnell. Als die letzte losgeworfene Leine ins Wasser klatscht, steigt es in mir heiß auf. „Leinen eingeholt, Schraube frei!“, meldet der Offizier. Das war's! Jetzt geht’s los.
Kurz darauf pufft der Schornstein, das Schiff zittert, die Schraube peitscht kurz das Wasser. Dieses strömt in Strudeln gegen die Kaimauer, vermischt die dort schwimmende Ölschicht mit dem Treibgut und anderen über Bord geworfenen Abfällen. Die Schleppleine spannt sich, der Abstand zwischen Kaimauer und Schiff vergrößert sich. An der Pier öffnet sich eine große Lücke zwischen den anderen Schiffen, da wo wir gerade noch gelegen sind. Die Schraube fängt wieder an zu drehen, diesmal etwas schneller, der Schlepper bleibt an der Trosse und folgt uns im Rückwärtsgang. Ab und zu spannt sich die Leine und er korrigiert unsern Kurs.
Jetzt können wir alle etwas verschnaufen. Selbst die erfahrenen Matrosen, der Scheich, selbst der Zweite Offizier stehen da, die Hände auf der Reling, den Blick auf die im Hafenbecken zurückbleibenden Schiffe gerichtet. Wie sehen Hamburgs Wahrzeichen, den Michel, mit seiner grünen Mütze vorbeiziehen, die blaue Überseebrücke (das Kriegsschiff ist nicht mehr da). Und keiner motzt uns an. Ich erlebe einen heiligen Augenblick.
Als wir die Sankt Pauli Landungsbrücken passiert haben und Blankenese an Steuerbord erscheint, schreckt uns der Lautsprecher auf: „Schlepper los!“ „Schlepper los!“ „Was steht ihr da so rum! Habt wohl Langeweile? Habt ihr nicht gehört?“ „Schlepper ist los“, meldet der Zweite zur Brücke. „Los! Dalli dalli! Schleppleine einholen!“, faucht der Bootsmann. 3 Mal dröhnt das Nebelhorn. Wir fahren zusammen, hoffend, dass es die anderen nicht gemerkt haben. Aber ich glaube, es ist allen so gegangen. Auf dem Anleger in Blankenese stehen Menschen, sie winken uns zu. Vielleicht sind Mütter dabei, deren Söhne auf See sind... Die Schraube dreht schneller. Die Schlepper begleiten uns noch ein Stück, fallen langsam zurück. „Achterschiff aufklaren!“ Schmidchen, Hans-Dieter, der ganz Neue, und ich nehmen wieder den Kampf mit der Manila auf. Wir sind ja fast schon professionelle Schlangenbeschwörer. Danach schießen wir die Stahlfestmacher in großen Buchten (Ringen) auf, wickeln die Spring auf ihre Trommel, legen den Kokosvorläufer zickzack darüber, damit er trocknen kann. Trillerpfeifenpfiff von der Brücke. Sachsenberg hat Flötentörn (Bereitschaft), soll wohl Kaffee auf die Brücke bringen.
Und unser Kaffee? Der Scheich taucht auf. „Mickymaus, du machst mit dem Neuen (er zeigt auf mich Namenlosen) das Lotsengeschirr an Steuerbord fertig!“ Die Lotsenleiter liegt aufgerollt neben dem 2. Deckshaus. Wir schleifen sie zur Verschanzung (geschlossene Reling). „Schau her“, sagt Mickymaus, „hier sind 2 Augen auf Deck angeschweißt, extra für die Lotsenleiter.“ Das ist eine Strickleiter mit 2 Paar Hanfseilen, die durch in Holzsprossen gebohrte Löcher geführt sind. Diese Seile sind über und unter den Sprossen mit Bändseln miteinander verbunden, damit die Sprossen nicht rutschen können. Jede 5. Sprosse ist dreimal so lang wie die anderen, damit die Leiter sich nicht verdrehen kann, wenn sie außenbords hängt und das Schiff krängt. „Wir befinden uns am hinteren Ende von Luke 2. Somit hat man von der Brücke einen guten Einblick auf den Lotsenwechsel. Das ist vor allem auf See wichtig, wo das Wasser nicht so ruhig ist, wie hier auf der Elbe. Das Schiff ragt weit genug aus dem Wasser, wir können also fast die ganze Länge ausstecken. Schau her: Zuerst die beiden Tampen am Anfang der Leiter mit einem Rundtörn und zwei halben Schlägen an den Augen auf dem Deck befestigen. Nicht vergessen, erst festbinden, sonst kann es sein, dass die ganze Leiter weg ist.“ Nun rollen wir die Leiter ab bis zum Lukensüll und wieder zurück zur Verschanzung. Den Rest, ein paar Meter, werfen wir über Bord. Dieser entrollt sich schnell, das Ende der Leiter knallt etwas heftig gegen die Bordwand. „War wohl ein bisschen viel“, sagt Mickymaus und schaut hinauf zur Brücke. „Die da oben haben aber nichts davon mitgekriegt. Sind am Kaffeetrinken!“ Dann lassen wir den Rest der Leiter Sprosse um Sprosse hinab, bis alles ausgesteckt ist und prüfen die Knoten. Ein Blick über Bord zeigt uns, dass das Ende so 1 Meter über dem Wasser hängt. „Fast etwas zu hoch. Aber zu tief ist auch nichts, weil sonst die Leiter das Wasser berührt und sich bewegt. Jetzt hängen wir noch die Lotsentreppe über den Schanddeckel und vertäuen sie zur Reling hin, damit sie nicht kippen kann. Noch einen Rettungsring mit Leine in Bereitschaft und eine Wurfleine, falls der Lotse eine Tasche dabei hat, um diese daran hinabzulassen. Den Lotsenwechsel zu überwachen ist Aufgabe der Wachgänger. „Lotsengeschirr bereit an Steuerbord“, melden wir dem Bootsmann. „Zurück an die Arbeit!“, bellt er, „und wenn ihr wieder Dreck außenbords werft, dann macht das so, dass man es von oben (er zeigt mit dem Daumen zur Brücke) nicht sehen kann! Verdammt noch mal, könnt ihr nicht selber denken?“
Anscheinend hat er einen Anschiss gekriegt. Also nicht immer nur wir! Anstatt dass uns mal einer der Alten eine Arbeit richtig erklärt, muss man sich alles von den anderen abschauen. Nur die anderen Kadetten erbarmen sich uns Neuer und erklären, was wie zu tun sei. Das verstärkt die Solidarität in unserem Rattenclub. „Genug getrödelt!“, der Bootsmann war uns auf den Fersen. „Ihr Scheißhacken! Los! Ladegeschirr seefest machen!“ Zum Glück waren die Luken schon vorm Ablegen zugezogen worden. Jetzt heißt es, die Ladebäume niederlegen, in die vorgesehenen Halterungen. An die Winden dürfen natürlich nur die Matrosen. Aber die oft mit Fleischhaken (zerbrochene Drähte, die aus einem Seil herausstehen) gespickten Windenläufer (Seile zum Heben der Ladung) von den Trommeln der Winde abzurollen, mit den Kinken zu kämpfen, dann die Faulenzer (dünnes Drahtseil, das auf der Hangertrommel im umgekehrter Richtung aufgerollt ist wie der Hanger, dient zum Heben oder Senken der Ladebäume) auf dem Spillkopf einzuhaken und dann sauber auflaufen lassen, das ist Rattenarbeit! Ist der Faulenzer voll aufgespult, wird leicht weiter gehievt, bis das Pall (die beiden Randscheiben der Hangertrommel besitzen grobe Zähne; in diesen liegt beweglich eine solide Eisenstange (Pall) welche die Trommel blockiert) freikommt. Schnell muss man nun das Pall hochheben, während der Matrose langsam den Ladebaum durch Fieren des Faulenzers mit der Winsch senkt.

Willkommen-Höft in Schulau
Knirschend spult dieser zurück vom Spillkopf an seinen Platz auf der Hangertrommel, währen der dicke, gut gefettete Hanger langsam abrollt und der Baum niedergeht. Seitlich wird der Baum mittels zweier Geien (Taljen aus Tauwerk) geführt, bis er in der Halterung zum Liegen kommt. Verfehlt der Baum die Halterung, benennt man uns mit allen möglichen Namen von Tieren oder Körperteilen... Meist lassen wir die Faulenzer auf dem Spill, weil sie im nächsten Hafen als Erstes gebraucht werden. Es sei denn, man hat einen Seetörn (Seereise) vor sich. Dann werden die Ladebäume mittels der Windenläufer an Deck befestigt. Oft stellt man die Bäume auch nur fest, d. h. man lässt sie getoppt (oben) und sichert sie durch Festhieven, indem man die über Kreuz an Deck befestigten Ladeläufer mit der Winde spannt. Aber hier auf der Elbe ist es besser aus Gründen der Sicht oder Radarbeeinflussung zumindest das Vorschiff klar zu haben. Erklärt mir Mickymaus. Wie viele Ladebäume hat ein Schiff? Normalerweise vier pro Luke. Bei fünf Luken macht das also 20 Bäume, ein kleiner Wald. Da bräuchte man fast einen Förster...
Wedel kommt näher. Trillerpfiff von der Brücke: „Bereit zum Flaggedippen am Willkommen-Höft in Schulau!“ Auf der Café-Terrasse stehen ein paar fröstelnde Schaulustige. „Motorschiff Natal der Deutschen Afrikalinien, 6270 BRT auf der Ausreise nach Westafrika!“ Sie wünschen uns eine gute Reise und spielen das Deutschlandlied. Sachsenberg dippt die Flagge. Da drüben geht wohl alles auf Knopfdruck, denn man sieht niemanden am Mast. Die Nationalhymne dringt bruchstückweise und etwas blechern zu uns herüber. Wir sind etwas gerührt. „Kokolores! Nichtstuer! Maulaffen!“, ruft der Scheich. Wir wissen nicht, meint er uns oder die an Land. Wohl alle. Also arbeiten wir weiter und schauen heimlich nach Schulau hinüber. Es wird mir plötzlich bewusst: Ich bin auf einem Schiff und fahre nach Afrika! Das achteraus verhallende Deutschlandlied verwandelt sich in meiner Phantasie in das Tamtam von Trommeln...
HEJ LÜCHT
Vier Doppelschläge von der Schiffsglocke auf der Brücke zeigen acht Glasen an. Also 12 Uhr Mittag. Wachwechsel. Die neue Wache hat schon um halb zwölf gegessen, und löst gerade die alte ab. Wir lassen die Arbeit fallen und schauen uns das an beiden Seiten vorbeiziehende Land an. Niemand kann uns im Moment anmachen, es ist ja Mittagspause. Dann gehen wir nach achtern in die Messe essen. Inge, der wie die anderen seine zweite Reise macht, hat es vorgezogen, Backschaft zu machen. Er hat voll zu tun, das Essen von der Kombüse mittschiffs zur Messe achtern zu schaffen. Wie wird das erst auf See werden, wenn es noch schaukelt?

Die Back
Nach dem Essen klaren wir weiter das Deck auf. Geien und Preventer (in der Länge regelbare Stahlseile, die mit den Geien die seitliche Verankerung der Ladebäume darstellen) aufschießen. So vergeht der Nachmittag, während wir von der Strömung und der Maschine stetig elbabwärts bewegt werden. Cuxhaven und Brunsbüttel ziehen vorbei, weite, flache Wiesen unter einer glitzernden Reifschicht, hier und da eine Industrieanlage. Feuerschiff Elbe 1 kommt in Sicht. Rot liegt es im leicht bewegten Wasser. Der Himmel hat sich inzwischen aufgeklart.
Erneuter Lotsenwechsel. Ein kleines, mit einem klappbaren Spritzverdeck, ähnlich dem eines Kinderwagens versehenes gelbes Boot löst sich vom Lotsenschiff und hüpft zu uns heran. Als es nahe genug ist, wendet es, um parallel zu uns mit gleicher Geschwindigkeit zu fahren. Der Abstand verringert sich. Als es neben der ausgebrachten Leiter angekommen ist, tritt der Lotse hinter dem Klappverdeck heraus. Ein schneller, prüfender Blick, und schon steht er auf den Sprossen und hangelt sich hoch. Sogleich dreht das Boot ab, um in geringer Entfernung neben uns herzufahren. Ein Offizier und Schmidchen, der gerade Wache hat, stehen neben der Treppe an Deck, dort, wo die Leiter befestigt ist. Schmidchen hält das Geländer der Treppe fest, um sie zu sichern (und nach unserer Devise, immer etwas in der Hand zu haben, damit man uns nicht des Nichtstuns bezichtigen kann). Der Offizier reicht dem Lotsen, als dieser auf Schanddeckelhöhe angekommen ist, die Hand, und hilft ihm an Deck zu steigen. Haben die Offiziere die gleiche Devise wie wir? Beide eilen nach Mittschiffs zur Brücke hoch. Kurz darauf kommt der Flusslotse herunter, das Lotsenboot kommt wieder längsseits, er springt hinein, unterstützt von einem der zwei Besatzungsmitglieder des Bootes. Ein letzter Blick zum Schiff, die Hand grüßend an den Mützenrand gelegt. Der Mann am Ruder legt die Pinne um, und schnell entfernt sich das Boot. Der Maschinenrhythmus beschleunigt sich. Ich schaue auf meine Uhr und zähle mit. 95 Touren. Wir sind auf Höchstdrehzahl, also voller Fahrt!
Um mich nichts als Wasser. Das Land hat sich kleingemacht. Ich bin auf dem Meer! Ein paar Seehunde, exotische Lebewesen für einen Bayern, tummeln sich nicht weit entfernt auf einer kleinen Sandbank. Als sie mich bemerken, wedeln sie mit dem Schwanz. Einer kratzt sich mit der Flosse hinterm Ohr. Nein, er winkt mir, fast scheint es, er schwenkt den Zeigefinger. „Hei lücht“, sagt er, „das hier ist nur das Wattenmeer!“ Dann der Leuchtturm Roter Sand. Dort schwenken wir nach Süden, weseraufwärts in Richtung Bremen. Viele der Ortsnamen, an denen wir vorbeifahren, sind mir bekannt. Seit Jahren, seit ich mein erstes Radio hatte, einen uralten Röhrenempfänger, der nach Bakelit und heißem Staub roch, je länger er an war. Mein Vater wusste nichts davon, kannte ich doch seine Sprüche: „Hab ich früher nicht gehabt, also brauchst Du's auch nicht.“ Auf diesem Radio holte ich die große weite Welt in mein kleines Zimmer. Während mein Bruder „Junge, komm bald wieder“ und „Mit siebzehn hat man noch Träume“ oder „Heimweh“ anhörte, lauschte ich Radio Moskau, Peking und Sydney. Am interessantesten war die Kurzwelle, weil die am weitesten reichte. Zwischen dem Zwitschern von Störsendern suchte ich nach noch nicht gehörten Frequenzen, ob ich diese nun verstand oder nicht. Dabei stieß ich auf Pegelstandsmeldungen an der Nordseeküste. Namen wie Neuharlinger Siel, Mellum, Roter Sand erklangen da mit Ziffern hinten an, Tendenz fallend oder steigend. Das war für meine Kinderohren ebenso exotisch wie die endlosen Ave Maria, Gratia Plena, von Radio Vatikan oder die heulenden Gitarrenaloahes von Radio Honolulu. Natürlich versuchte ich auch, wie meine Freunde, den Polizeifunk zu empfangen. Aber was da gesprochen wurde, war mir zu nah. Da hörte ich lieber die Morsesignale russischer Spione oder sinkender Schiffe und schlief dabei ein.
Ja, unser Bootsmann hat uns wieder entdeckt. Es fängt an, dunkel zu werden, und bevor wir auf der Weser sind, müssen wir schnell noch den ganzen Schiet (Abfall) über Bord schmeißen. Jetzt bemerke ich, dass sowohl auf dem Vorschiff als auch achtern ein Ladebaum aufgetoppt geblieben ist. Mit ihnen hieven wir, natürlich mit einem Matrosen an der Winde, die Brooks (Netze) mit all dem Dreck aus den Luken und den Baumrinden außenbords. Eine Brook hat ein Auge (Schlaufe) an jedem Eck. Zwei davon binden wir mit einem Kardeel (Bestandteil eines Seils) zusammen und hängen das und die anderen Augen an den Haken des Windenläufers. Unser Matrose wartet nur darauf, um mit einer theatralischen Geste und wichtiger Mine die Winde in Gang zu setzen und das Dreckpaket hochzuhieven. Erreicht dieses Schanddeckelhöhe, schieben wir es außenbords. Der Matrose fiert (senkt) das Ganze etwas ab und wir dürfen mit unserem Takelmesser das Kardeel kappen. In einer riesigen Staubwolke verschwindet der Inhalt im Wasser. Soviel also zur Entstehung des Wattenmeeres.

Achterschiff
KLAR VORN UND ACHTERN
Dunkle Nacht. Nur Seezeichen zeigen an, wo der Fluss ist. Im Vertrauen auf den Lotsen und den Rudergänger setzen wir uns ab, um eine Mütze voll Schlaf zu nehmen. Irgendwann in der Nacht, mir ist, als hätte ich noch gar nicht geschlafen, knallt die Tür auf, das Licht geht an, „Hoch die Ärsche, Hand vom Sack weg! In einer halben Stunde klar vorn und achtern!“ Der Wecker lässt die Tür offen, die sich langsam hin- und herbewegt. Schmidchen knallt sie mit einem gezielten Fußtritt wieder ins Schloss. Das, was in der Seemannschule nur Bestrafung für nicht respektierte Nachtruhe war, uns um 2 Uhr antreten zu lassen, ist jetzt Wirklichkeit geworden! Ich schließe nochmal für eine Minute die Augen. „He! Los! Raus!“ Schmidchen schüttelt mich heftig. War ich wieder eingeschlafen gewesen? Unser Wecker schaut wieder rein. „Ah, ihr seid schon auf. In 10 Minuten klar vorn und achtern!“
Unsere Kammer rüttelte im Rhythmus der Schraube. Im Bordje (Regal) klirren die leeren Gläser mit den Flaschen um die Wette. Die Rudermaschine jault, die Luft riecht leicht ölig. Wir fahren die Weser aufwärts, und die ist nicht sehr gerade gebaut. Wenigstens hat sie keine Schlaglöcher wie das Meer. Rin in die Klamotten. Kurz durch den Waschraum. Alles geht auf unserem Dampfer auf Knopfdruck. Der Wasserhahn spuckt einen dünnen Pipistrahl laues Wasser aus, der schon wieder versiegt ist, ehe man die Hände am Gesicht hat. Ich verstehe: Süßwasser muss gespart werden. Darum gibt es auch keine Badewannen, sondern nur Duschen, deren staubiger Strahl rechtzeitig zum Einseifen wieder versiegt. Nach drei Faustschlägen auf den armen Wasserhahn ist die Seife dann weg. Nur der Kapitän hätte eine Badewanne. Aber nach der ersten Biskaya-Durchquerung zweifle ich daran. Auch zweifle ich daran, dass der Kapitän sonntags im Salon eine Messe abhält. „Brauchst ja nur hinzugehen, um 10 Uhr!“ Ich gehe lieber nicht hin. Ich bin sicher, die wollen mich nur auf den Arm nehmen, wie so oft. Jemand gibt dir die Order, zum Kabelgattsede zu gehen um den Schaumbesen zu holen. Dort angekommen erwartet dich die ganze Meute, grölend vor Lachen...
Doch vorerst in der Messe schnell einen Tee. Schon kommt die Order: „Klar vorn und achtern!“ Wir stürzen hinaus. Das Achterschiff ist schwach beleuchtet, im Gegensatz zum Vorschiff, wo aus Gründen der Sicht von der Brücke im Dunkeln gearbeitet wird. Zum Glück ist das Deck nicht vereist, wohl aber die Festmacher, die leise knistern, als wir sie ausfieren. Ringsherum an Land Lichter. Ein Hafen schläft nie. Neben uns schweben zwei Schlepper in der Dunkelheit. Man ahnt sie, sehen tut man nur die Positionslichter. Das Festmachen der Schlepper und das restliche Manöver ist fast schon Routine geworden. Wichtig ist: Nie die Hände in den Taschen und immer hinten anstellen beim Zulangen! Als das Schiff gut vertäut ist, kommen alle achtern in der Messe zusammen. Der Backschafter hat als heiligste Pflicht, immer heißen Kaffee bereit zu haben. Sonst geht’s rund! Um von den Vollgraden geschätzt zu werden, muss man ihnen ihr Getränk schon hinstellen, bevor sie es geordert haben. Dann bedanken sie sich mit einem „Der ist aber nicht besonders heute.“ Sonst sagen sie gar nichts. „Immer eine Prise Salz in den Filter!“, belehrt jemand den Backschafter. Rudi Zimmermann, der Gefechtsrudergänger, der gerade von der Brücke herunterkommt, hört das. Wie immer, wenn er etwas Wichtiges mitzuteilen hat, hebt er den Zeigefinger und sagt: „Auch in den Kakao immer einen Löffel Salz! Schreibt euch das hinter eure schmalzigen Ohren, ihr Ratten!“ „Ist das nicht des Zimmermanns Sohn?“, feixt Fiete von seinem Stammplatz in der Ecke der Messe. „Kommst wohl gerade aus der Koje? Hast zu lang am Bändsel gezogen? Wir haben dich den ganzen Abend nicht gesehen!“ Die ganze Meute bricht in Lachen aus. Nur wir Mosesse sind nicht sicher, ob wir mitlachen dürfen. Auch beschäftigt uns die Frage, ob nun wirklich Salz in den Kakao gehört oder ob das wieder so eine Verarschung ist. „Schweig, du impotentes Meerschwein! Wäre ich nicht am Ruder gewesen, könntest du heute Abend nicht am Waller-Ring 'ne Nummer schieben gehen!“, antwortet Rudi, mit künstlich empörter Stimme.
„Moin Moin, will nicht stören“. Der Erste Offizier tritt ein. Er wendet sich an den Bootsmann: „Bäume auftoppen an Luke 3 und 5, Sonnenstrahler (Scheinwerfer) anbringen! Abends 18 Uhr Auslaufen. Kein Landgang!“ Fiete entrüstet sich: „Ich muss aber an Land. Hab hier 'ne Oma, die liegt flach, muss ich dringend besuchen!“ „Wie alt ist sie denn, deine Oma?“ „Dat weiß ich nicht so genau. Vielleicht 30.“ Alles grölt. „Na dann such dir noch 'ne zweite, dann stimmt das Alter wenigstens.“ Im Schlepptau eines anderen Kadetten gehe ich zum Deckshaus von Luke 2. Darin liegen auf weggeschossenem Tauwerk mehrere fast 60 Zentimeter breite Scheinwerfer. Ich versuche, einen durch den Niedergang hinab in den Laderaum zu schaffen. Zu eng. „Das machen wir anders: Du steigst hinunter, und ich lasse sie von oben in die Luke hinab.“ Ich zwänge mich in den engen Schacht und hangele mich an der senkrechten Leiter ins fast dunkle Zwischendeck. So langsam beginne ich die Anatomie des Schiffsbauches zu begreifen. Die Zwischendecksluke war offen geblieben. Nur nicht zu nahe ran, denn der Unterraumboden ist wohl 10 Meter tiefer. „Geh auf die vom Kai abgewandte Seite!“
Er lässt die Lampe am Kabel herab. Das Bändsel, mit dem der Scheinwerfer befestigt wird, hat er mit einem Stopper-Stek am Kabel befestigt, damit dieses nicht aus der Lampe gerissen wird. Muss ich mir merken! „So, nun befestig das Ganze an einem der Augen und hänge alles nach unten.“ Oben stecken wir die Stecker in die 110 Volt Gleichstromdosen und schrauben sie fest. Es wird taghell in der Luke. „Verdammt! Da ist noch eine Brook mit Dreck drin. Die muss der Meister (Kranfahrer) vor dem Laden noch an Deck setzen!“ Die Lampen verstrahlen eine wohlige Wärme. Wir nutzen das aus und legen unsere verfrorenen Hände auf den staubigen Lampenschirm. „Was steht ihr da 'rum, faules Rattenpack! Los! Liegt genug Arbeit an! Soll ich denn alles selber machen!?“ Zum Glück sind wir zwei Neue; da kann der Scheich wenigstens nicht immer hinter mir stehen, denke ich. Bald geht dann der Ladebetrieb los, was uns direkt nur wenig betrifft. Das ist Sache der von Land gestellten Arbeiter, der Schauerleute (manipulieren die Waren), Lukenfietzen (geben mit Handzeichen dem Kranfahrer Anweisungen), Tallymänner (zählen die Güter). Auch auf der Pier ist reges Treiben. Güterwagen werden rangiert, Paletten oder Brooks beladen, Gabelstapler fahren inmitten des Ganzen ihr Wettrennen. Anweisungen hallen von Deck an Land und vermischen sich mit dem Geruch der in den Schuppen gelagerten Güter. Wir schuften bis sechs Uhr, dann ist Ausscheiden (Feierabend). Wir fallen in die Kojen.
Nur für Sekunden, so scheint es mir, als wir um halb acht wieder geweckt werden. Zuerst liegt mal Frühstück an. Ich gehe dem Backschafter etwas zur Hand. Sogar wenn der Chef nicht mit der Zubereitung des Essens folgen kann, ist es immer der Backschafter, der angeraunzt wird. Mit dem Chef traut sich niemand anzulegen. Wer das macht, der riskiert, dass ihm der Koch das nächste Mal unter das Schnitzel spuckt, klärt man mich auf. Das ist gerade das Frühstücksgespräch. Jürgen, so an die 30, gibt seine Geschichte zum Besten: „Als ich noch Moses gewesen bin, damals auf der Windhuk, hatten wir einen völlig beknackten Ersten Offizier. Vor allem einen bestimmten Matrosen hatte dieser immer auf dem Kieker. Nachdem es wieder mal heiß hergegangen war, wurde dieser nachts zum Kaffeekochen geschickt. Bevor er den Kaffee auf die Brücke brachte, rotzte er in die Tasse des Ersten und rührte das Ganze mit Milch und Zucker unter.“ „Ne schöne Sauerei!“, wirft einer ein. „Was ist 'ne Sauerei?“, fragt ein anderer. „Na, so'n Ersten zu haben!“ Alles lacht. „Hei lücht!“ Kommt es aus einer Ecke. „Ich schwöre!“ erwidert Jürgen. Schweigen. Jeder geht seinen Gedanken nach. Vielleicht werden die Matrosen uns ab jetzt etwas respektvoller behandeln, denke ich. Wir sprechen über den weiteren Fahrplan. Nach Bremen soll noch kurz Rotterdam und Antwerpen angelaufen werden. Maschinen oder deren Teile kommen in riesigen Kisten an Bord. Beschriftet auf allen Seiten mit TOP, NO HOOKS, FRAGILE. Bestimmungshafen Abidjan, an der Elfenbeinküste. Weiterhin übernehmen wir etliche Unimogs, militärfarben. So insgesamt 1500 Tonnen Ladung sind für Westafrika vorgesehen. „Da wird’s in der Biskaya rund gehen...“ Was haben die immer mit ihrer Biskaya, denke ich.
NACHTLEBEN AN BORD
Wir lassen Hoek van Holland achteraus. Der Lotse ist von Bord. Bald der Englische Kanal. Wir begegnen vielen Schiffen. Wir sind nicht allein auf dem Meer. Vor allem nachts, wenn man den Radarschirm betrachtet, da wimmelt es nur so von grünen Glühwürmchen. Das sind die großen. Die aus Metall. Die aus Holz sieht man nicht, ebenso wenig die aus Polyester, es sei denn, sie besitzen einen Radarreflektor. Die Natal ist ein ganz normales Stückgutschiff, aber zugleich auch Ausbildungsschiff. Wir Junggrade gehen Wache. Dabei kommen wir mit vielen Dingen in Berührung, die einem Decksjungen sonst lange unbekannt bleiben. Oft ist es auch unsere Neugier, die bewirkt, dass man uns Dinge zeigt, die selbst einem Matrosen fremd sind. Die Nächte auf der Brücke können lang sein, vor allem, wenn man müde ist. Und um sich gegenseitig wach zu halten, spricht man mit dem anderen.

In der Biskaya
Am gefährlichsten sind die Fähren, die Fischer (beim Fang) und die Segler. Die haben immer Vorfahrt. Da heißt es, deren Geschwindigkeit abschätzen, deren Kurs, um früh genug das Ausweichmanöver einzuleiten. Klar, dass dies nicht meine Sache ist. Ich leihe nur meine Augen aus. Manchmal ist ganz schön Hektik auf der Brücke. Dann bleibe ich besser in der Nock. Oder kümmre mich um den Kaffee, damit die Stimmung entspannter wird. Ich bin zur Abendwache eingeteilt, die 8/12 Wache. Um 6 Uhr ist Feierabend an Deck. Um 8 Uhr muss ich auf der Brücke sein, bis Mitternacht. Mit Schmidchen und Fiete, einem Matrosen. Und Teuber dem Dritten Offizier. 20 Minuten vor Mitternacht wecke ich die neue Wache, die vom Deck und den Offizier. 10 vor 12 nachsehen, ob alle auf sind, Kaffee in der Messe bereitstellen und wieder auf die Brücke. In der Maschine tut sich dasselbe. Nur, dass dort der Assistent die anderen weckt. Langsam lebe ich mich ein.
Einmal die Häfen und das Land hinter uns, wird alles ruhiger. Im Englischen Kanal und der Biskaya verbringe ich die Ausguckzeit hinter den Windabweisern auf der Nock, die Hände fest um eine Mug mit heißem Tee, gemäß unserer Devise, immer etwas in der Hand zu halten. Ich habe schnell gemerkt, dass Kaffee nicht meine Sache ist. Ich ziehe Schwarztee vor. Solange der zu heiß ist, atme ich den aromatischen Duft ein. „Gehört in Tee nun auch eine Prise Salz?“, geht es mir durch den Kopf. Müsste ich mal versuchen. Mit dem Risiko, dass man mir das Gesöff ins Gesicht schüttet. Oder doch lieber nicht. Die Engländer haben das bestimmt schon versucht... Dann schlürfe ich ihn genüsslich in kleinen Zügen. Um zu genießen, muss man Zeit haben. Da, an Backbord ein Licht. Ich melde es und hole zugleich das Fernglas aus der Brücke. Es ist ein grünes Licht, und dahinter, etwas höher, ein weißes. „Das ist ein Mitläufer“, klärt mich der Wachhabende auf. „Man sieht seine Steuerbordlaterne und darüber das Topplicht. Ein einziges Topplicht heißt, dass es ein Schiff mit unter 45 Metern Länge ist. Also ein Kümo (Küstenmotorschiff) oder ein Fischer. Auf jeden Fall maschinengetrieben. Segler haben kein Topplicht. Nur Seiten- und Heckleuchte. Keine Gefahr im Augenblick. Trotzdem im Auge behalten, und beobachten, ob er sich nähert oder den Kurs ändert. Nach einer Stunde haben wir ihn weit hinter uns zurückgelassen. Die Offiziere sind bessere Lehrer als die Matrosen...
Finisterre querab. Nur noch zwei Decksleute auf Wache, Junggrade. Die Matrosen nützen das, um in der Messe einen loszumachen. Jetzt, wo sie keine Wache mehr gehen, brauchen sie auch nicht mehr nüchtern zu sein. Der Backschafter schafft es kaum, den Nachschub an Flaschen von mittschiffs (vom Stewart) nach achtern zu bringen. In der Früh ist die Messe oft übersät von rollenden Flaschen, wenn nicht gar Scherben, wenn die Flaschen vom Seegang von den Tischen fallen. Es riecht nach Alkohol, Rauch und manchmal draußen nach Kotze. Der Backschafter ist von der Wache befreit. Nachdem wir die ersten Stundenzettel mit den Arbeitszeiten abgegeben haben, findet der Erste, dass wir Junggrade zu viele Überstunden machen und hat uns als Erstes die Hälfte unserer Überstunden gestrichen und das Zutörnen (Arbeiten außerhalb der Wache) eingeschränkt. Somit habe ich jetzt oft nachmittags frei. Der Scheich und die Matrosen sind stocksauer, wenn sie uns in der Freiwache beim Lesen oder Nichtstun sehen. Aber auf einem Schiff sind so viele Orte, wo man sich verkriechen kann, um in Ruhe das Meer anzuschauen oder sich zu unterhalten. Und wie oft erwischen wir die Vollgrade in irgendeinem Eck bei einer Flasche Bier.
Das Decksjungeneuer (Gehalt) ist 95 DM monatlich, für die Überstunde zahlt man uns 75 Pfennig. Ein Matrose hat 5 DM in der Stunde. Klar, dass die Schiffsleitung eher an Matrosenstunden sparen will. Aber da ist auch das Jugendschutzgesetz. Da wird halt jongliert... Als wir unsere erste Abrechnung bekommen und die Streichung feststellen, sind wir empört. Das ist ja Betrug! Die Matrosen kriegen das mit. Sie lachen. „Das ist doch ganz einfach“, sagen sie. „Jetzt wisst ihr, dass die euch die Hälfte eurer Stunden wieder streichen. Schreibt einfach das Doppelte, und so stimmt die Rechnung wieder!“ Logisch. Gesagt, getan.
Die Arbeitsstunden tragen wir jeden Tag auf einem mit 24 Kästchen (24 Stunden) pro Reihe versehenen Blatt ein. Dieses Blatt hat 31 Linien. In diese Kästchen markieren wir bei der entsprechenden Uhrzeit mit einem X die volle Arbeitsstunde, mit einem / die halbe oder angefangene. Am Monatsende gibt man das dem Bootsmann, der das Ganze mit einem „Stimmt ja hinten und vorne nicht!“ zur Überprüfung entgegennimmt und dann dem Ersten übergibt. Dieser hantiert dann, je nach wirtschaftlicher Lage der Reederei oder eigenem Ermessen mit dem Rotstift und gibt es dann an den Funker weiter, der dann die Abrechnung macht.
Im Ausland bekam man beim Funker nur einen Vorschuss in Landeswährung. Die Endabrechnung dann in Hamburg. Manche konnten dort nicht einmal abmustern, weil sie zu viele Schulden hatten, bedingt durch Vorschüsse und Konsum an Bord... Da wir gerade beim Geld sind: Es gab an Bord ein inoffizielles Zahlungsmittel, die Kantinentickets. In jeder Messe lag ein Block aus, in dem sich perforierte, herausreißbare Zettelchen befanden, und eine feste Seite, der Durchschlag (das Doppel). Darauf schrieb man das gewünschte, z. B. 1 Holsten, 1 Lucky Strike, 2 Johnny Walker, Datum und Unterschrift, und gab es dem Backschafter. Der brachte das so gegen 17 Uhr dem Chief Steward. Dieser wusste mit den Jahren, dass das nicht 1 Flasche Holsten hieß, sondern 1 Kiste. Bei Zigaretten war das natürlich 1 Stange. Beim Whisky bedeutete das aber nur Flasche. Man musste schon fast studiert haben, um Steward zu sein. Zumindest einen klaren Kopf behalten, bei all dem Stoff, den er verwaltete. Diese Tickets wurden bei der Monatsabrechnung berücksichtigt. Geschenkt wurde uns nichts an Bord. Hatte einer eine Wette verloren oder jemanden Geld geliehen oder was abgekauft, dann zahlte man mit einem Ticket, das der andere dann einlöste. Manchmal glich unsere Mannschaftsmesse vorm Abendessen einem Gabentisch an Weihnachten! Leider führte das bei so manchem zu einem Überkonsum, so dass bisweilen nichts von der Heuer (Lohn) übrig blieb. Diesen ließ der Funker ein anderes Papier unterschreiben, den Ziehschein. So wurde ein Teil der Heuer bei der Reederei zurückbehalten und der Steward informiert, der rechtzeitig einen Kantinenstopp durchführte, eine Maßnahme, die so manchen, zumindest zeitweise, vorm „Ertrinken“ rettete...
Der zweite Tag auf See. Ouessant lag achteraus, wir waren im Golf von Biskaya. Der Engpass des Englischen Kanals lag zurück, die andern Schiffe hatten ihre definitiven Kurse eingeschlagen, wir auch, und so löst sich der Pulk fast in Nichts auf. Es sind drei Mitläufer zu sehen, weit genug entfernt. Der wachhabende Offizier ruft mich von der Nock ins Ruderhaus. Dort steht Schmidchen am Steuer. „Übernimm du mal das Ruder“, sagt er. Ich zögere. „Ich denke, das ist für Junggrade nicht erlaubt“, antworte ich. „Hier oben bestimme ich! Los, übernimm!“ Ich versuche, mich an das zu erinnern, was ich in der Seemannschule gelernt hatte. Aber mein Hirn setzte aus. Nur eines fällt mir ein: „Wiederhole!“ Ich gehe zum Steuer. Schmidchen rückt zur Seite, ich stelle mich an seinen Platz und ergreife das halboffene Steuerrad. „230“, sagt Schmidchen. „230“, wiederhole ich. Der Kompass zeigt 230 an. Eine schwarze Linie durchzieht die Glasabdeckung, das muss die Schiffsachse bedeuten. Langsam kommt mir das Gelernte ins Gedächtnis zurück. Man steuert entweder nach Kompass oder nach Ruderlage. 230 klingt eher nach Kompass, denn der hat 360 Grad, das Ruder legt sich bis maximal 45 Grad. Das sehe ich vor mir auf dem Ruderlagenanzeiger stehen. 230, nicht vergessen. Ich bewege das Steuerrad nicht. So wird der Kahn wohl seinen Kurs beibehalten. Doch der Kompass ist anderer Meinung. Langsam bewegt sich die Scheibe auf 225°. Ich muss also was tun. Die andern grinsen und schauen auf mich. Ich drehe also das Ruder etwas nach links, wundere mich, dass das so leicht geht. Hoffentlich ist nichts kaputt gegangen, denn soviel ich wusste, braucht man viel Kraft am Steuerrad. Aber anstatt wieder auf 230° zu kommen, weicht die Scheibe immer mehr und immer schneller ab. Sie ist schon auf 210°, 205°. Was ist da los? 200°. Ich komme ins Schwitzen, schaue zum Wachoffizier, zu Schmidchen. Der kann sich das Lachen kaum zurückhalten. Der lacht, wo wir doch immer weiter vom Kurs abkommen!
„Wir sind nicht mehr auf Kurs!“, melde ich, „Irgendwas stimmt da nicht.“ Da greift der Wachoffizier ein: „Steuerbord 5“, sagt er. „Steuerbord 5“, wiederhole ich und drehe das Rad bis der Ruderlagenanzeiger 5° nach Steuerbord anzeigt. „Ruder liegt Steuerbord 5“, melde ich. Ich bemerke, wie die Kompassscheibe sich langsam zurück nach 220° bewegt. „Mittschiffs“, kommt die nächste Order „Mittschiffs! - Ruder liegt mittschiffs!“ „230° beibehalten!“ Schmidchen freut sich wahnsinnig! So hat man es mit ihm also auch gemacht und ihn blamiert, wie mich. „Soll ich's ihm sagen?“, fragt er den Wachhabenden. „Wenn du's besser weißt, sag's ihm!“ „Schau“, sagt er in versöhnendem Ton, schau auf diesen geraden Strich“ und zeigt auf die Glasscheibe des Kompasses, „diesen Strich musst du durch Ruderbewegung mit dem angegebenen Kurs, also 230° auf der Kompassscheibe in Deckung bringen. Ja nicht die 230 mit dem Strich, so wie du versucht hast! Meine feuchten Hände kleben am Steuerrad, ich schwitze. Warum hatte uns das keiner gesagt? Es hieß immer, man muss das Schiff auf Kurs halten. Aber wie, das hatte man uns verschwiegen! „Schmidchen, übernehme mal wieder. Der da vorn läuft etwas zu quer zu unserem Kurs.“ „230“, sage ich und übergebe erleichtert. „230“, wiederholt Schmidchen. Der Offizier ruft mich in die Nock und zeigt achteraus. Die vorher noch gerade Spur des Kielwassers macht weit hinten einen Knick, und kommt dann langsam wieder auf die alte Linie zurück. „Das ist deine Unterschrift“, sagt der Wachhabende. „Je gerader deine Unterschrift, umso schneller bist du mal Gefechtsrudergänger!“ Ein hochtrabendes Wort. Doch bald merke ich, dass unter uns Kadetten eine Art Wettkampf besteht, wer der beste Steuerer ist. Wer einmal Gefechtsrudergänger wird oder zumindest Ersatzmann! „Doch jetzt wollen wir uns mal um den da an Steuerbord kümmern. Steuerbord 10“. „Steuerbord 10. Ruder liegt Steuerbord 10“... Mit der Zeit wurde all dies mein Alltag.
HART IST DAS LEBEN EINER RATTE
Ich steuerte bei Nacht ebenso gut wie bei Tag. Wir waren pünktlich zum Wachantritt da, waren nüchtern, ließen uns nichts zuschulden kommen. Den Tee mit Salz zu verbessern vergaß ich lieber. Wir Junggrade merkten, dass die Schiffsleitung uns den Matrosen für die Wache vorzog. Das gab uns ein gewisses Selbstbewusstsein, das selbst die Dauerkritik der anderen nicht untergraben konnte. Wracktonnen erkennen, Seezeichen in Küstennähe oder auf der Seekarte im Kartenhaus ausfindig machen, nachts die Leuchtfeuer auszählen, sie bestimmen und anpeilen, all das wurde mir vertrauter, je länger die Reise dauerte. In der Biskaya wurde mir zwar etwas mulmig, weil die Kreuzseen unseren fast leeren Kahn ziemlich dümpeln ließen. Portugal zieht an Backbord vorüber. „Jetzt hast du's geschafft“, denke ich, „dir kann nichts mehr passieren!“ Mein Schritt wurde sicherer, mein Körper begann, die Schiffsbewegungen vorauszuahnen, eins mit Schiff und See zu werden. In den Gängen brauchte ich mich nicht mehr an den Schotten abzustützen oder mich an den Handläufen zu sichern. Ich schaffte es sogar, bei der Backschaft mit 6 Tellern voller Spiegeleier von der Kombüse über Deck nach achtern zu jonglieren, ohne dass die Teller hinunterfielen oder der Wind die Eier wegblies.

Blick vom Großmast nach achtern
Manchmal nahm ein Matrose die Eier vom Teller und schickte mich zurück zur Kombüse. „Sag dem Chef, du hast sie runtergeschmissen, er soll dir ein paar neue geben!“ Doch der lachte nur. Er kannte alle Tricks und alle Matrosen. „Sag dem Fiete, dass für die nächsten 10 Tage kein Landgang anliegt. Mit zwei Eiern zum Frühstück hat er genug. Wenn ihm das nicht reicht, dann soll er seine eigenen fressen!“ Natürlich kam es vor, dass ich ausrutschte, und die Teller über Deck segelten und zu Bruch gingen und ich manchmal hinterher. Wenn der Koch das gesehen hatte, gab's Ersatz. Wenn nicht, verzichtete ich eben auf mein eigenes Frühstück und überließ es den Matrosen. „Hart ist das Leben einer Ratte, noch härter ist die Morgenlatte!“, war Rudis Fazit.
Langsam tat das Schiff mir seine Geheimnisse kund. Allein oder mit den anderen Ratten erkundete ich alle erlaubten und verbotenen Orte. Kaum eine Leiter, an der ich mir nicht die Hände verschmutzte. Vom Doppelboden bis zum Masttop, vom Kettenkasten bis in die Süßöltanks führten unsere Streifzüge. Mit der Zeit freundeten wir Neuen uns mit manchen von der Maschine an, und diese erklärten uns stolz, wie das alles funktioniert. Wir verstanden aber gar nichts bei dem unerträglichen Lärm, der hier unten herrschte. Mir ist unklar, wie die sich hier unten verständigen. Vielleicht mit einer Art Taubstummensprache... Sie arbeiteten in Shorts, mit nacktem Oberkörper, selbst im Winter, waren ölverschmiert, ein triefnasses Schweißtuch um den Hals geknüpft, das sie von Zeit zu Zeit auswrangen oder in kaltes Wasser tauchten.
Hier erfuhren wir, dass unsere Hauptmaschine ein Zweitaktdiesel war, der auf See mit Schweröl lief und für Manöver vorher auf Gasöl umgestellt werden musste. Das Schweröl ist in Normalzustand fast fest und muss erhitzt werden, damit es fließt. Der Tagesverbrauch liegt bei 16 Tonnen. Alle Motoren haben einen Süßwasser-Kühlkreislauf, welcher wiederum mit Seewasser gekühlt wird. Sogar Trinkwasser wird an Bord hergestellt. Mit der Abwärme der Maschinen wird bei Unterdruck Seewasser verdampft und mit Mineralzusatz als Trinkwasser verwendet. Das beruhigte uns sehr. Doch ist Wassermangel für das Schiff gefährlicher als für uns. Falls wirklich mal alles Wasser ausgehen sollte, können wir immer noch ein Ticket schreiben und uns mit Bier die Zähne putzen. Doch bezweifle ich, dass der Steward so viel Mineralwasser an Bord hat, um das Schiff wieder schwimmfähig zu machen, falls die von der Maschine mal das ganze Meer verdampft haben! Eigentlich sollte man das Zähneputzen mit Bier in unser Überlebensprogramm einbauen. Zur Bootsrolle und Feuerrolle sollte man das Zähneputzen ohne Wasser hinzufügen. Vielleicht könnte man das Toilettenrolle nennen?
Nach der Biskaya wurde die Steuerautomatik eingeschaltet. Jetzt war nur noch der Wachoffizier auf der Brücke und einer von uns auf Flötentörn, was bedeutet, man muss bei Pfeifsignal sofort auf die Brücke eilen. Seit der Biskaya hat auch der Unterricht begonnen mit Herk, unserem Ausbildungsoffizier. Jeden Morgen, nach dem Frühstück, ist für uns alle erst mal Reinemachen angesagt, und ab ½ 9 Uhr bis 12 Uhr finden wir uns im Unterrichtsraum mittschiffs ein. Wir sitzen auf unseren festgeschraubten, mit rotem Plastikbezug bespannten Drehsesseln, hören dem Ausbilder zu oder schauen durch die Bullaugen auf das Meer. Die auf der Fensterseite sitzen, sehen statt des Meers die Weltkarte. Beides also genug Anlass zum Träumen. Manchmal klappt auch beides. Nicht, dass der Unterricht uns nicht genug forderte, aber manche von uns schafften es, an zwei Orten gleichzeitig zu sein. Hier an Bord und zugleich in einem anderen Land irgendwo am Rande des Meeres. Wir wurden hier ausgebildet, um ein Schiff zu bedienen, unser ungeduldiger Geist aber machte sich selbständig und wollte die Welt erobern.
Zum Glück ist unser Offizier auch ein Mann der Praxis, und so dient unser Unterricht oft dem besseren Verständnis der Arbeiten an Deck oder auf der Brücke. Da ich offiziell Mittlere Reife hatte (nimmt man eine Lebenserwartung von 80 Jahren, hätte ich die erst bei 40 haben dürfen) ist viel vom allgemeinen theoretischen Stoff nichts Neues für mich. Eher eine Auffrischung. So genieße ich die Schulstunden und tue das, was die Matrosen uns schon seit langem unterstellen: Ich erhole mich! Der Flötentörn arbeitet mit den Matrosen an Deck. Er muss sich den Lernstoff später von uns erklären lassen.

Die Kanarischen Inseln liegen querab
Das Schiff schraubt sich unter leichtem Vibrieren immer weiter nach Süden. Hinter dem Bullauge taucht der Horizont auf, dann das Meer. Dann ist es, als schaue ich schräg von oben in die Wellen. Diese verschwinden bald wieder nach unten, dann erneut der Horizont, der ebenfalls langsam wegtaucht, dann eine Weile nichts als Himmel. Ich fühle mich wie in einem riesigen Schaukelstuhl. Es kommt oft genug vor, dass plötzlich alle Bücher anfangen zu rutschen. Meist gelingt es uns, sie einzufangen, manchmal schliddern sie durch das Klassenzimmer bis an die Wand. Eines Morgens stellen wir fest, dass alle Wellen aus einer bestimmten Richtung kommen und an Höhe zugenommen haben. Außerdem bläst ein starker Wind, der die Wellen mit Gischt krönt: Wir befinden uns in der Zone des Nordost-Passats.
Für Tage sehen wir tagsüber keine einzige Rauchfahne, nachts von der Brücke kein einziges Licht. Wache muss natürlich gegangen werden. Und wenn dann ein Licht auftaucht, ist es fast ein Ereignis. Mit dem Fernglas versuchen wir zu erkennen, welchen Kurs er fährt und ob er uns gefährlich werden kann. Oft holen wir den großen Morsescheinwerfer aus dem Regal, ein schweres Teil, worin eine starke Birne brennt. Die einzelnen Impulse werden durch drehbare Lamellen bewirkt ähnlich einer Fensterjalousie. Das macht etwas Lärm und das Teil wird mit der Zeit ganz schön warm. Wir geben .- .- .- , den Buchstaben A wie Anruf. Der andere antwortet oft mit ...- - , B T „Begin Text“. Meist stellt man sich zuerst vor: „German ship Natal from Hamburg to Abidjan.“ Dann erzählt der andere von sich. Manchmal dauert die Unterhaltung, bis man außer Sichtweite ist. Oft schaut Sparks, der Funker, auf der Brücke vorbei. Er ist ja unser nächster Nachbar. Er ist über alles informiert, was auf der Welt, insbesondere auf den Weltmeeren passiert. Ist irgendwo ein Schiff in Not, so ist er immer der Erste, der es weiß. Ist ja sein Job. Manchmal ändern wir den Kurs, um jemand zu Hilfe zu eilen. Meist kommt bald Entwarnung, weil andere, die näher dran waren, schon geholfen haben. Auch weiß er die neuesten Bundesligaergebnisse und was sich in good old Germany tut. Manchmal druckt er eine Funkzeitung für die Mannschaft, die dann in den Messen ausliegt. Er ist der wichtigste Mann an Bord. Eigentlich ist jeder Mann an Bord wichtig. Vielleicht ist jeder für eine kurze Zeit ersetzbar. Aber jeder ist Mitglied einer Überlebensgemeinschaft, die ohne ihn nicht funktionieren kann. Und jeder verlässt sich blind auf den anderen, vor allem, dass er seinen Job tut, auch wenn wir schlafen.

Am Peilkompass
Lange schwarze Nächte, voll von so vielen blinkenden Sternen. Es heißt, dass man auf See auch Sterne sieht, die hinter dem Horizont liegen, durch Spiegelung an der Atmosphäre. Der große Wagen rückt immer weiter weg, der Nordstern, mein Orientierungspunkt seit meiner Kindheit, berührt bald den Horizont. Ich betrete eine neue Welt. Und als mir der Wachhabende das Kreuz des Südens über dem südlichen Horizont zeigt, sind wir schon querab von Dakar. Ich bemerke ein Leuchtfeuer an Backbord und melde es. „Cap Verde“, sagt der Offizier und nimmt mich zum Peilkompass in der Nock. Er erklärt mir nochmals die Handhabung, lässt mich peilen und den Winkel ablesen. Dann gehen wir in das schwach erleuchtete Kartenhaus und übertragen den Winkel auf unsere eingezeichnete Kurslinie auf der Seekarte. „Genau da sind wir!“
Auf der Karte bemerke ich kleine Kreise, die auf unserer Kurslinie eingezeichnet sind. „Was bedeuten diese Kreise hier?“, frage ich ihn. „Das sind unsere Standorte zu Sonnenaufgang, Mittag und Sonnenuntergang, wenn mit mehreren Sextanten die Winkel bestimmter Gestirne gemessen werden. Die Entfernung vom Mittagsstandort gestern bis zum heutigen heißt Etmal.“ Er telefoniert zum Kapitän, dessen Wohnung unter der Brücke liegt. Dieser kommt bald herauf, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Er hantiert mit einem Zirkel auf der Karte. „Wenn das Feuer 2 Strich achteraus liegt, Kursänderung auf 175 Grad! Und gut Ausschau halten! Es befinden sich viele unbeleuchtete Fischerboote in dieser Gegend.“ Das Radargerät lief schon seit ein paar Stunden, wie immer in Küstennähe. Auf dem Radarschirm kreist der grüne Radius und hinterlässt manchmal nachleuchtende Punkte, die aber bei der nächsten Umdrehung nicht mehr erscheinen. Es sind Parasiten oder Reflexe von Wellen.
Trotzdem gehe ich wieder in die Nock, mit geschärften Sinnen. Irgendwas ist anders als sonst... Die Luft riecht anders! Nach Land. Afrika! Gegen Wachende entflammt sich der östliche Horizont in einem enormen Feuerwerk. Blitze zerteilen die Tropennacht in skurrilen Bahnen. Manchmal fährt einer ganz hoch hinauf, um den schweren Himmel mit der Energie der Erde zu befruchten... Am nächsten Morgen ist das Meer spiegelglatt. Nur eine weitläufige Dünung wiegt unser Schiff ganz langsam auf der ölgleichen See, die verlaufenen Zeugen eines Orkanes an einem anderen Teil der Welt....
GEHEIMSENDER
Ich sitze in einem Bootsmannsstuhl. Nicht in der Messe. Da hätte man mich schon längst hinausgeschmissen. Oben in der Luft zwischen Masttop und Ladebaumende. Besser gesagt, ich hänge und sitze. Auf einem 60 Zentimeter langem Brett, in dessen 4 Ecken Tampen befestigt sind, die nach oben spitz zusammenlaufen und ein Auge bilden. Dieses Auge ist mit einem Schäkel (U-förmiges Metallteil, das an der offenen Seite mit einem Bolzen geschlossen werden kann) auf dem Hanger (Stahltau, hält den Ladebaum) gleitend befestigt. An diesen Schäkel ist mittels zweier halber Schläge (Knoten) ein Ende (Tau) gebunden, welches oben am Mast durch einen Stertblock (Rolle) geschoren (geleitet) hinab zum Deckshaus geht. Dort hat es ein Matrose, genau gesagt Rudi, um eine Leitersprosse getörnt (gewickelt) und hoffentlich auch mit mindestens einem halben Schlag (einfachster Knoten) gesichert. Was ich da oben mache? Ich labsalbe. „Laben und Salben hilft allenthalben!“ hatte Rudi vorher mit erhobenem Zeigefinger feierlich verkündet. Der weiß immer alles (besser). Ist ja aus Berlin. Kurz gesagt, ich konserviere die Hangertrosse gegen schädliche Einflüsse von außen, also Salzwasser. Außerdem wird sie dadurch etwas elastischer, denn die Salbe, mit der ich labe, ist Fett. Pferdefett, gut ranzig, und noch ein paar Zutaten, die ich nicht verraten darf. Jeder Bootsmann hat da sein Geheimrezept. Wir an Bord nennen das Affenfett.
Es soll Bootsmänner geben, die diese Handlung mit ganz normalem Schmierfett durchführen. Was für ein Sakrileg! Man erkennt, wir sind auf dem Weg dazu, einst richtige Seemänner zu werden! An meinem Stuhl ist mit einem aus der Kombüse stammenden Fleischerhaken ein Topf befestigt, in dem sich dieses heilige Salböl befindet. Mit einem Twist (Putzwolle) versuche ich, diese nach Kadaver stinkende, durch die Hitze verflüssigte Suppe, gleichmäßig auf dem Draht zu verteilen. Dabei läuft mir das Zeug die Arme runter und tropft mir von der Trosse in die Haare. Langsam fiert mich des Zimmermanns (Rudis Nachname) Sohn weiter, bis ich am Ladebaum ankomme. Dort winde ich mich aus dem Sitz und versuche, mich auf den flachliegenden Ladebaum zu setzen. All das mit fettigen Händen und in drei Metern Höhe. Stuhl ausschäkeln, Rudi holt die Lose weg, der Stuhl geht wieder nach oben. Ich versuche, mich mit den Händen hochstützend, wie Kinder beim Bockspringen, zum rettenden Deckshaus zurück zu gelangen. Rittlings auf dem Ladebaum sitzend, mit den Beinen das Gleichgewicht haltend. Dort, endlich wieder sicheren Boden unter den Füßen, atme ich erst mal tief durch. In diesem Moment taucht der Scheich über die Leiter auf dem Deckshaus auf. „Wat is denn dat?“, bellt er. „Was hat denn der schon wieder“, denke ich, gelinde ausgedrückt. Ich stehe da, mit fettverschmiertem Oberkörper. Er zeigt auf meine Brust. Ich verstehe nicht. „Ist wohl ein Geheimsender?“ Jetzt klingelt 's bei mir! Er hat das Kreuz entdeckt, dass ich an einem Kettchen um den Hals trage! Es stammte aus Altötting, einem Wallfahrtsort. Alle brechen in schallendes Lachen aus. „Und wenn?“, entfährt es mir. „Lange genug herumgestanden“ sagt er, „los, Geheimsender, in den Mast, keine Müdigkeit vortäuschen, der nächste Hanger wartet!“ Jetzt habe ich meinen Spitznamen weg. Bin zur Taufe sogar gesalbt mit Affenfett!

Im Bootsmannsstuhl im Mast
„Du solltest mir dankbar sein, dass du labsalben darfst. Das ist der beste Sonnenschutz den es gibt. Schau Schmidchen an. Ist rot wie ein gekochter Krebs! Und wenn du jetzt an Land gingst, würden dir alle schwarzen Schönheiten hinterherrennen, glaub mir das!“ Beim Abendessen jedenfalls rücken erst mal alle weit von mir weg, weil ich so stinke. Nach so einem Tag sehnt man sich nach der letzten Ölung...
Von oben kommt bald die Order, dass wir alle beim Arbeiten Hemden tragen müssen und Kopfbedeckung. Aus dem Kabelgatt tauchen Tropenhelme auf, die wir, trotz unserer Proteste tragen müssen. Wir kommen uns lächerlich darunter vor. Wir sind doch nicht auf Safari! Während der Ausreise überholen wir das ganze Ladegeschirr. Wir zerlegen alle Blöcke, reinigen und fetten die Lager oder tauschen sie aus, wenn sie zu viel Spiel haben. Bald sehe ich einem Block von außen an, ob er Nadellager besitzt oder Kugellager oder nur Buchsenlager. Da gibt es welche, die haben einen Filzdocht, der geölt werden will, bei anderen befindet sich in der Scheibenrille eine Schraube, die man entfernen muss, um einen Ölvorrat einzufüllen. Die angenehmsten sind uns die mit Fettnippel. Die sind am einfachsten zu schmieren. Die Blöcke der Geien sind am kompliziertesten. Man legt sie besser an Deck ab. Mit einem Schraubenzieher entfernt man seitlich zwei aufgenagelte Bleche. Mit einem Bolzentreiber schlägt man die Achse heraus, reinigt sie, möglichst auch die Bohrung der Bronzescheiben. Dann mit Molykote (Spezialfett auf Molybdänsulfidbasis) einschmieren und den ganzen Schitt wieder zusammentüddeln. Das verlangt viel Gefühl, da sie oft 3 bis 4 Scheiben besitzen. Zu unserem Glück hat alles irgendwann ein Ende. Und beim Schiff heißt das Heck. Dort angekommen, gab es nur noch die Vermessungsluke, und die besitzt keine Bäume. Erst mal ein Bier und sich in den Schatten verpissen. Der Erste Offizier schmeißt 'ne Runde, noch nie dagewesen! Dann alle unter die Dusche und verfrühter Feierabend.
Am nächsten Tag, beim Mittagessen, teilt uns der Bootsmann mit, dass als Nächstes die Mittschiffsaufbauten gewaschen werden sollten, seitlich und Achterkante. Ich werde damit beauftragt, die Arbeit vorzubereiten: Seewasserschlauch, Süßwasserschlauch, die Eimer mit Wasser aus der Leitung füllen, braune Schmierseife dazu, umrühren und die Schwabber (eine Art flacher Klobürste) bereitlegen. Ich hatte eigentlich Ausscheiden (Feierabend) machen wollen, da ich 8 - 12 Wache gegangen war.
Vielleicht wollte er mich auch nur ärgern, weil er sich vorstellen konnte, was kommen würde. Als alles fertig ist, melde ich es, und die Truppe tanzt an. Der Scheich bleibt im Hintergrund und schaut zu. Wir fangen an, die Schotten mittels der Schwabber einzuseifen und zu schrubben. Aber nichts tut sich. Die Seife schäumt nicht, der Dreck bleibt auf der Farbe, dazu kommen noch die Schlieren der ungelösten Schmierseife, die an den Schotten kleben bleiben. Der Scheich stutzt. Auch wir merken, dass etwas nicht stimmt. Er kommt her, taucht einen Finger in einen Seifeneimer, steckt ihn in den Mund. Ich denke, der hat wohl so was wie 'nen Tropenkoller. Er läuft rot an. Brüllt los: „So ein Idiot! Hat der doch glatt die Schmierseife mit Seewasser angesetzt! Hat einen Geheimsender und weiß noch nicht mal, dass man Seife nur in Frischwasser lösen kann!“ Alles lacht. Nur ich nicht. Die anderen Kadetten sind froh, dass es diesmal nicht sie trifft. „Dass man Seife nur in Süßwasser lösen kann, weiß ich (zwar erst seit 2 Minuten)“, antworte ich. Aber dass in der Deckswaschleitung Salzwasser ist, wusste ich nicht.“ Alles grölt erneut vor Lachen. „Das ist ja noch schlimmer! Dann frag das nächste Mal deinen Geheimsender, wenn du was nicht weißt! Wozu dient die Deckswaschleitung denn noch?“, fragt er. „Zum Feuerlöschen“, antwortet Hans-Dieter. „Und der glaubt doch glatt, dass wir das Frischwasser bei Brand zum Löschen nehmen!“ Wir leeren die Eimer in die Speigatten (Wasserabflussöffnungen), füllen sie erneut, diesmal mit Frischwasser aus dem ‚dünnen Darm‘ (Schlauch), eine Hand voll brauner Seife hinein, mit dem Schwabber umgerührt, es schäumt diesmal, und los geht’s. „Stooop!“, grölt er erneut, „seid ihr denn alle verrückt geworden! Solltet euch mal alle einen Geheimsender zulegen, vielleicht wisst ihr dann besser, wie man Farbe wäscht. Man fängt immer unten an zu waschen, verdammt noch mal, weil die runterlaufende Seife sonst Spuren auf den Schotten hinterlässt!“ Wir schauen uns an. Das erste Mal, dass der uns was erklärt hat! Natürlich macht das Ereignis die Runde. Mittschiffs und achtern, von der Brücke bis zum Kielschwein, alles lacht über mich.
NAGETIERE
Inzwischen weiß ich sogar, dass wir die Schotten vorher noch mit dem Frischwasserschlauch hätten entsalzen müssen. Es ist fast eine Kunst, ein Schott richtig zu waschen, oder unter Deck. Danach sieht alles fast wie ein Neuanstrich aus. Aber manchmal hilft Waschen auch nicht mehr. Dann heißt es Brille auf die Augen und Rosthammer in die Hand. Und dann klopfen wir um die Wette, dass selbst die in der Maschine denken, da ist ein Specht am Werk. Millimeterweise nagen wir den Rost von den Lukendeckeln und vom Deck. Wir suchen mit Rostkratzern, 30 Zentimetern langen Flacheisen, an einem Ende abgewinkelt, beidseitig mit Klingen versehen, nach Rostbeulen unter den vielen Farbschichten. Wir stechen die Ränder der so entstehenden Löcher glatt, damit nichts absteht und kein Seewasser unter lose Farbschichten gelangen kann. Weiterhin gibt es die Roststecher, eine dreieckige Klinge auf einem langen Stiel, mit denen man das Deck vom Rost freisticht. Gerade das Deck ist am meisten vom Rost befallen, weil durch die Deckslast der Schutzanstrich verletzt wird. Innerhalb von ein paar Tagen hat man uns zu Rostspürhunden dressiert, die sogar unter millimeterdicken Farbschichten ein einzelnes Rostmolekül erschnüffeln, wie ein Zollhund eine Droge... Instandhaltung heißt das im Fachjargon. Wir nannten es Beschäftigungstherapie. Bis hierher alles noch echte Handarbeit.
Ging es an größere Flächen, griffen wir zur Artillerie. Das war die Rostmaschine. Am einen Ende befand sich ein starker Elektromotor, der über eine fast zwei Meter lange biegsame Welle einen runden Hammerkopf antreibt, welcher mit flachen Stahlhämmerchen bestückt ist. Niemand kannte das Wort Gehörschutz. Funken spritzen bisweilen, sonst nur Staub und ein unerträglicher Lärm. Wir binden uns Tücher vor den Mund, schwitzen unter der Schutzbrille, die sich mit Staub und Schweiß zusetzt. Uns brennen die Augen vor salzigem Schweiß und Dreck. Wir haben rote Augen und brechen in Lachen aus, wenn wir einander ansehen. Ein lautes Rasseln erfüllt die Luft und selbst auf dem Achterschiff verspürt man die vom stählernen Rumpf bis hier geleiteten Vibrationen. Dann werden diese bloßgelegten Flächen mit einem Stahlborsten-Schrubber vom Feinrost befreit. Inge, ein Kadett, hatte die grandiose Idee, seine Bürste mit einem dicken Schäkel zu beschweren, den er am Stiel festbändselt. Somit brauchte er wenigstens nicht mehr auf den Schrubber zu drücken. Hans-Dieter holte sich im Kabelgatt einen noch größeren. Sachsenberg holte sich gleich einen 10-Tonnen-Schäkel, mit dem Ergebnis, dass der Stiel bricht. Dazu trinken wir kannenweise Kujambelwasser, Himbeersirup mit Wasser verdünnt. Das ist unser Hauptgetränk, es kostete nichts, machte nicht besoffen und ist kalt.
Für die großen Flächen nehmen wir den Hammerkopf ab und schrauben eine runde Bürste auf die Welle. Diese muss normalerweise mit beiden Händen gehalten werden, weil sie Tendenz hat, wegzurollen. Nur, wenn man stundenlang mit der Bürste an Deck sitzt uns die Sonne auf deine Rübe donnert, geht einem so manches durch den Kopf: Warum macht man das Ganze? Warum geht der Motor einfach nicht kaputt? Wie kann man das einfacher machen? Mickymaus holt einen leeren Farbeimer und setzt sich darauf. Motor an, ein Fuß auf die Welle, knapp hinter der Bürste, und er kriegt schon mal weniger Staub ab als im Knien. Es funktioniert! Bloß läuft ihm die Bürste manchmal weg und sucht sich hüpfend ihre eigene Bahn. Und bis er den Schalter erwischt auf der inzwischen tanzenden Maschine, kann schon was passiert sein. Dieses ‚System Mickymaus‘ verbessern wir noch, indem wir ein Seil zwischen Fuß und Bürste an die Welle binden. Mit dem Fuß drücken wir, mit dem Seil ziehen wir. So haben wir die Bürste voll unter Kontrolle und kommen gut voran.
Irgendwann, es bleibt noch Rost für mindestens 2 Monate zu klopfen, steht der Scheich hinter uns. Wir haben ihn nicht kommen hören, wie hätten wir auch, bei dem Krach. Er schaltet die Maschinen aus. „Aufhören! Schluss!“, meint er. „Gerade jetzt, wo es richtig Spaß macht! Nein, bitte nicht!“, feixt Inge. „Nix da, Schluss mit dem Dreck! Jetzt wird imprägniert!“ Und da hat jeder Bootsmann sein eigenes Rezept. Unserer schwor auf Bleimennige. Die sieht orange aus und wird in 2 Schlägen aufgetragen. Mit der Rolle. Pinsel wäre besser, aber wir müssen vorwärtskommen. In der Hitze benebeln einen die Lösungsmitteldämpfe. Die Rolle schleudert Spritzer um sich. Bald siehst du aus, als hättest du Masern! Und unser Schiff wie ein Seenotrettungskreuzer. Ist das trocken, folgt ein Schlag flüssiger Teer. Dazu bräuchten wir Masken. Aber außer dem Dräger-Atemschutzgerät für Brandfälle haben wir nichts an Bord. Doch wir haben's überlebt! Wie sieht unser Schiff jetzt schick aus, mit dem glänzenden, neuen Teeranstrich!
Manche Arbeiten fanden wir überflüssig. Aber sie dienten alle der Instandhaltung unseres Wohnortes und Arbeitsplatzes und garantierten uns eine gewisse Sicherheit auf unserer Nussschale. Manchmal beugte ich mich über die Reling und versuchte mir vorzustellen, was da unter mir ablief. Was da für Lebewesen ihr Unwesen trieben, vielleicht fuhren wir gerade über ein Unterwassergebirge, 6000 Meter unter meinen Füssen... Ein Schiff auf Zigarettenlänge reduziert, hat ungefähr eine Rumpfstärke wie das Zigarettenpapier. Und ich schwimme da in dem Zigarettenpapierröllchenschiff und wiege mich in Sicherheit. Alles ist relativ.
Eines nachts durchfuhren wir ein riesiges Gebiet mit Leuchtplankton. Dort, wo die Bugwelle sich überschlug, leuchtete es hellgrün auf. Bis weit hinaus leuchtete das Meer in hellen Streifen. Nach der Wache schleiche ich mich auf die Back, lehne mich über die Verschanzung überm Steven, dem Wasserpflug und versenke meinen Blick in das weiß-grünlich sich teilende Wasser der entstehenden Bugwelle. Die See ist still. Wie ein weiter, riesiger Fächer sieht das Meer aus, hier von der Back betrachtet. Die Luft ist warm. Es geht kein Hauch. Die Maschine hört man hier vorne nicht. Ich spüre nur den leichten Herzschlag des Schiffes, bedingt durch die Drehung der Schraube am Heck. Ich erlebe einen Augenblick, der mich alle Mühen der letzten Wochen vergessen lässt. Am liebsten würde ich die anderen wecken und ihnen das zeigen. Doch die würden nur sagen: „Schmeiß deinen Geheimsender über Bord und besauf' dich mal richtig...“

Schiffsglocke auf der Back
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