Читать книгу: «Fakt und Fiktion»
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© 2020 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99107-112-9
ISBN e-book: 978-3-99107-113-6
Lektorat: Bianca Brenner
Umschlagfotos: Beats1, Oleg Chumakov | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
1. VORWORT
2. KREATIVITÄT
„Bevor man etwas aufbaut, muss einem etwas einfallen.“Erhard Horst Bellermann
2.1 Wie Sie das Tagträumen wieder erlernen
Oft steht der Wunsch, ein Buch zu schreiben, weit vor einer Idee. Das Wissen um die Lust, die Begabung und die Leidenschaft zum Schreiben mögen zwar vorhanden sein, doch das bedeutet nicht, dass es auch die Geschichten schon sind. Insbesondere in einerWelt der ständigen Bespielung durch Streamingdienste und Social Media scheint unsere Kreativität schleichend zu verkümmern. Unsere Fantasie hat sich daran gewöhnt, kontinuierlich mit neuen Impulsen versorgt zu werden. Das Vorstellungsvermögen wird nicht mehr gefordert. Die Ideen schlafen ein. Und selbst das Tagträumen fällt schwer.
Doch auch, wenn es Ihnen schwerfällt, Ideen zu skizzieren, sollten Sie sich nicht entmutigen lassen. Das Schöne an der Kreativität ist, dass sie sich erlernen und wiedererlernen lässt. Dazu haben wir einige Praxisübungen für Sie zusammengetragen.
Übrigens ist das Trainieren der Kreativität erst die Vorstufe zur Formulierung erster Ideen. Denn nur, wenn es Ihnen gelingt, Ihren Geist zu entfesseln, können Sie sich an die Konzeption einer konkreten Geschichte machen. Vergessen Sie nicht, dass Ihr Buch sich zwar im Kern auf eine Idee, eine Geschichte konzentriert, aber auch die Nebenschauplätze nach Substanz verlangen.
2.2 Schreibwerkstatt: Workout für Ihre Kreativität
Mit einer Idee, mag sie auch noch so golden sein, ist die Arbeit nicht getan. Bedenken Sie, dass jede Figur eine eigene Biografie, dass jedes Kapitel eine eigene Kulisse braucht. Bevor Sie sich also ans Schreiben machen, sollten Sie sichergehen, dass Ihre Kreativität entgrenzt ist. Folgende Ansätze können Sie zur vollen Entfaltung Ihrer Kreativität verfolgen:
2.2.1 Morgenseiten: Weckruf für die Kreativität
Die Methode der sogenannten „Morgenseiten“, die von Julia Cameron entwickelt wurde, basiert auf den Prinzipien des Intuitionsschreibens. Die Technik der US-amerikanischen Journalistin, Filmemacherin und Buchautorin wird unter Künstlern als eher spiritueller Zugang gehandelt. Doch wer jetzt an Esoterik und Quacksalberei denkt, wird dem Konzept der „Morgenseiten“ nicht gerecht. Denn im Wesentlichen beseitigen die „Morgenseiten“, im englischen Original auch „Morning Pages“ genannt, nicht nur Blockaden, sondern fördern auch den freien Fluss der Kreativität. Konkret geht es darum, das innere Korrektiv auszuschalten. Zu diesem Zweck sollen jeden Morgen, unmittelbar nach dem Aufstehen, noch bevor der Verstand vom Alltagstrott verklärt ist, drei Seiten Papier mit ungefiltertem Gedankenstrom gefüllt werden. Wichtig ist, dass Sie nicht nachdenken, worüber Sie schreiben. Weder Stil noch Inhalt spielen eine Rolle für Ihre spontanen Satzkonstrukte. Dringen Sie tief in Ihren Bewusstseinsstrom ein und zapfen Sie Ihr Unterbewusstsein an. Sie werden staunen, was Sie alles finden werden. Essenziell für die Umsetzung ist übrigens, dass Sie die „Morgenseiten“ ausschließlich mit der Hand verfassen. Laut ihrer Erfinderin gibt Ihnen nur die handschriftliche Niederschrift Zeit,sich in Ihr Werk zu vertiefen. Die Technik ist überdies eine Übung in Selbstdisziplin, einem neben der Kreativität ebenfalls wesentlichen Werkzeug eines erfolgreichen Schriftstellers. Schließlich und endlich sollen die „Morgenseiten“ nicht weniger als drei Monate lang praktiziert werden. Dabei sind sie Teil eines deutlich umfangreicheren Programms, das Künstlermentorin Julia Cameron in ihrem Werk „Der Weg des Künstlers“ (Originaltitel „The Artist’s Way“) beschreibt. Versuchen Sie sich ruhig unvoreingenommen in dieser doch unkonventionellen Methodik. Am Ende werden Sie womöglich nicht nur mit enthemmter Kreativität, sondern auch gleich noch mit einer Idee für Ihr Buch belohnt.
2.2.2 Spielen Sie mit Sprichwörtern
Kreatives Intervalltraining bietet auch die folgende Praxisübung von Otto Schumann, dem Herausgeber des viel zitierten Grundlagenwerks „Schreibkunst. Handbuch für Schriftsteller, Redakteure und angehende Autoren“. Denken Sie an ein mehr oder minder bekanntes Sprichwort, eine Redewendung oder auch eine Lebensweisheit und erfinden Sie eine Geschichte dazu. „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“ oder auch „Aus einer Mücke einen Elefanten machen“ bieten zum Beispiel reichlich Stoff für kreative Gedankenexperimente. Es reicht, wenn Sie diese Geschichten in Ihre Tagträume einbetten. Sie aufzuschreiben ist nicht zwingend notwendig. Diese Taktik wirkt trivial auf Sie? Dann sollten Sie vielleicht einen präziseren Blick auf die Weltlektüre werfen. Als vollendete Form des Sprichworts „Rache ist süß“ könnte wohl Dumas’ berühmter Roman „Der Graf von Monte Christo“ gelten. Der simple Spruch „Unverhofft kommt oft“ war wohl schon häufig ein Leitmotiv des Märchens. Und sowohl Molières Don Juan als auch Mozarts Don Giovanni hatten mit Sicherheit „mehrere Eisen im Feuer“.Viele Sprichwörter, die uns auf den ersten Blick wie Binsenweisheiten erscheinen, sind klassische Themen der Komparatistik. Greifen Sie sie auf, spinnen Sie sie weiter und verfolgen Sie sie. Schon bald wird Ihr Gedankenkonstrukt Sie nicht mehr loslassen. Sollte Sie der Schwierigkeitsgrad dieser Technik unterfordern, so gehen Sie noch einen Schritt weiter. Rufen Sie sich eine alltägliche Aussage ins Gedächtnis und stellen Sie ihr eine konträre gegenüber. Dies könnte etwa so aussehen: „Alte Liebe rostet nicht. Doch neue Liebe schillert so schön.“ Kommt Ihnen dieses Thema bekannt vor? Wahrscheinlich ist es Ihnen schon mehrmals begegnet, zum Beispiel im Film „Eine verhängnisvolle Affäre“ mit Michael Douglas in der Hauptrolle. Oder etwa: „Übung macht den Meister. Doch manchmal fällt ein Meister einfach so vom Himmel.“ Um dieses Motiv spinnen sich die Handlungsstränge zahlreicher Dramen. Leidenschaft alleine reicht nicht aus, wenn nicht auch eine gewisse Begabung vorhanden ist. Manche, wie zum Beispiel Mozart, sind mit einer solchen gesegnet, während ihre ewigen Gegenspieler, wie etwa der Hofkomponist Salieri, ihr Niveau nie erreichen werden. Das Potenzial dieser Übung steckt übrigens nicht nur in ihrer Ausführung, sondern auch in ihrer Ausformung. Entwerfen Sie sowohl Übungen als auch die dazu passenden Handlungen, Figuren und Schauplätze. Schulen Sie Ihr Gehirn im kreativen Denken. Schon bald werden Sie mehr Geschichten als Zeit haben, um sie niederzuschreiben.
2.2.3 Schauen Sie genau
Die begabtesten Schriftsteller waren zugleich auch begnadete Beobachter. Ihre Umwelt betrachten Schriftsteller in der Regel wie ein Ornithologe ein Vogelnest. Hermann Hesse sei hier nur als eines von vielen Beispielen genannt. Bei Werken wie „Narziß und Goldmund“ oder auch „Der Steppenwolf“ handelt es sich, kurz gegriffen, um zu Büchern gebundene Persönlichkeitsprofile. Keineswegs beschreibt Hesse in seinen Werken nur sein Spiegelbild. Narziß etwa, einer jener zwei Hauptprotagonisten, um die sich die Geschichte von „Narziß und Goldmund“ spannt, ist rational, praktisch und pragmatisch. Demgegenüber steht die fein gesponnene Künstlerseele Goldmunds, die Hesse, selbst eine sensible Seele, zu beschreiben wesentlich leichter gefallen sein wird. Woher aber nimmt Hesse den Stoff, um Narziß, eine ihm selbst so gegensätzliche Persönlichkeit, zu konstruieren? Er rekonstruiert sie. Denn Hesse blickt selbst auf eine Vergangenheit als Schüler einer Klosterschule in Maulbronn, Baden-Württemberg, zurück. Nirgendwo sonst hätte Hesse die Persönlichkeit des Theologen, des Theoretikers und reinen Geistmenschen besser studieren können als in ihrer Gebärstätte selbst. Es ist die Beobachtung seiner Umwelt, die Hesse zu deren empirischer Beschreibung befähigt. Je mehr Eindrücke und Erlebnisse, je mehr Welten ein Autor sammelt, desto mehr Stoff gewinnt er für seine Geschichten. Auch das Reisen hatte Hermann Hesse mit seinen großen Vorvätern, zum Beispiel Goethe, gemeinsam. „Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen“, sagte Goethe. Verlassen Sie also Ihre vier Wände, studieren Sie die Welt und entfachen Sie Ihre Kreativität: Die Inspiration liegt auf der Straße. Sie müssen nur genau hinschauen.
2.3 Autoreninterview mit Nathalie Karré
Nathalie Karré, gefragte Expertin für Potenzialentfaltung, Change sowie Organisations- und Führungskräfteentwicklung, begleitet seit mehr als zwei Jahrzehnten Menschen in Veränderungsprozessen auf der Reise zu einem erfolgreichen, glücklichen Leben. Sie beschreitet dabei stets unkonventionelle Wege, zum Beispiel mit „Transformation Journeys“ zu außergewöhnlichen Persönlichkeiten wie André Heller oder Gottfried Helnwein. Ihr erstes Buch, „Der Jungbrunnen-Effekt. Wie 16 Stunden Fasten Ihr Leben verändert“, in dem sie als Co-Autorin mitwirkte, etablierte sich schnell in der Bestsellerlandschaft. www.jungbrunneneffekt.com
Frau Karré, Sie blicken auf eine erfolgreiche Karriere als Gründerin, Trainerin, Coachin und nicht zuletzt Bestsellerautorin zurück. Der beharrliche Wille zu Weiterentwicklung, Veränderung und Wachstum ist in Ihrem Wirkungsbereich essenziell. Woraus beziehen Sie Ihre unerschöpfliche Energie?
Ich denke, es ist vor allem das inhaltliche Interesse, das mich treibt. Wie kann eine bestimmte Fragestellung gelöst werden? Gerade in der Unternehmensberatung und Führungskräfteentwicklung habe ich ständig mit schwierigen oder scheinbar unlösbaren Problemen zu tun. Um diese zu meistern, muss man flexibel denken und sich laufend mit vielen neuen Informationen versorgen.
Auch im Executive Coaching ist es wichtig, sich ständig weiterzuentwickeln. Als externer Berater und Begleiter ist es genau deine Aufgabe, neue Impulse in Unternehmen zu bringen. So kommen stets zusätzliche Themenfelder und Wissensgebiete dazu – und es macht mir auch Spaß, in den eigenen Fachgebieten dazuzulernen und zu wachsen.
Eine zweite Energiequelle ist sicher mein Lebensstil. Vieles davon habe ich als Co-Autorin auch in unserem Buch „Der Jungbrunnen-Effekt. Wie 16 Stunden Fasten Ihr Leben verändert“ beschrieben: Täglicher Sport, so oft als möglich in der Natur zu sein, eine sinn- und genussvolle Ernährung, aber auch gute Mentaltechniken und sich geistig zu fordern geben eine gute Grundenergie. Eine weitere große Kraftquelle ist die Zeit mit Familie und Freunden. All das ist mir sehr wichtig und ich achte darauf, diese Elemente aktiv zu leben.
Unter anderem unterstützen Sie Ihre Kunden auch bei deren individueller Potenzialentfaltung. Was darf man sich darunter vorstellen?
Im Wesentlichen bedeutet es, Menschen und Organisationen in Veränderungsprozessen zu begleiten. In beiden Fällen geht es darum, einen Entwicklungswunsch zu unterstützen: Neue Wege zu erschließen, Zusammenarbeit zu fördern, Ergebnisse schneller zu erreichen, die eigene Effizienz zu steigern, eigene Energieressourcen zu managen oder herausfordernde Situationen zu meistern sind nur einige Methoden dazu. Oft geht es auch um etwas ganz Neues. Neue Unternehmenszweige zu erschließen, neue Unternehmen zu gründen oder auch neue Wege zu finden, wenn das Potenzial eines Menschen im aktuellen Unternehmens- oder Berufsfeld nicht ausgelebt werden kann. Wenn Menschen an so eine Weichenstellung des Lebens gelangen, sind das schon herausfordernde Momente bzw. Zeiten für die betroffene Person. Häufig hat man sich schon vieles aufgebaut, und plötzlich spürt man, dass man alles loslassen muss, um eine neue Richtung im Leben einzuschlagen, die üblicherweise nicht mit der gleichen finanziellen Sicherheit einhergeht und oft auch große Auswirkungen auf die Familie und das nahe Umfeld hat. Hier gilt es herauszuarbeiten, welche Potenziale sich entfalten wollen, wohin der neue Weg gehen kann und wie das alles mit dem bisherigen Leben vereinbar ist. Ein- bis zweimal jährlich gehen wir mit Menschen, die genau an so einem Punkt stehen, auf „Transformation Journey“, eine Reise zu inspirierenden Persönlichkeiten wie André Heller oder Gottfried Helnwein, um mit ihnen gemeinsam an genau dieser Frage zu arbeiten: Wie kann ich meine Potenziale entfalten und große Träume in meinem Leben realisieren?
Verborgene Potenziale kann man zum Vorschein bringen. Wie verhält es sich aber mit deren praktischer Anwendung? Ist Kreativität ebenfalls eine Eigenschaft, die sich durch Methodik erschließen lässt?
Um genau diese praktische Anwendung geht es in der Potenzialentfaltung. Im ersten Schritt sind diese Potenziale aufzuspüren und im zweiten Schritt Wege zu entwickeln, wie sie zur Wirkung kommen können. Diese zu finden ist ein sehr spannender, hochindividueller und auch sehr freudvoller Prozess.
Kreativität hat wie fast alle Eigenschaften oder Kompetenzen eine eigene Logik und Methodik und lässt sich auch gut erschließen.
Steckt Kreativität in jedem Menschen?
Ja. Haben Sie schon mal ein unkreatives Kind erlebt? Ich nicht. Und ich frage mich, wohin diese Kreativität verschwinden sollte. Manche Menschen glauben, sich im Berufsleben vor allem durch Kompetenz und Ernsthaftigkeit Respekt verschaffen zu müssen. Das ist aber ein Irrglaube. Spätestens, wenn wir in Innovationsprozessen oder anderen Management-Seminaren mit „Lego Serious Play“ arbeiten, zeigt sich sehr schnell, wie viel Kreativität und Spielfreude in jedem Managementteam steckt.
Als Co-Autorin des Buchs „Der Jungbrunneneffekt“, einem Ratgeber zum Intervallfasten mit ganzheitlichem Ansatz, haben Sie an einem Beststeller mitgewirkt. Wie entstand die Idee zu diesem Werk?
Diese „Idee“ ist weniger der Kreativität als vielmehr der Spontanität geschuldet. Eine Verlagsmitarbeiterin, mit der ich im Management Development arbeite, wusste, dass die Autoren, P. A. Straubinger, Margit Fensl und ich, gemeinsam Seminare zu Intervallfasten, gesunder Ernährung, Meditation und Mentaltechniken veranstalten. Sie fragte uns, ob wir Lust hätten, ein Buch über diese Themen zu schreiben – es müsse nur in fünf Monaten fertig sein. Wir hatten. Und die kurze Zeitspanne beflügelte wahrscheinlich unsere Kreativität. Dass das Buch über fast sechs Monate die Bestsellerlisten anführte, das meistverkaufte Buch Österreichs war und wir damit den Health und Fit Award gewonnen haben, hat uns alle mehr als überrascht. Und natürlich auch riesig gefreut.
Glauben Sie, dass man den Prozess der Ideenfindung bewusst steuern kann, oder sind Ideen kognitive Impulse, die sich unserer Kontrolle entziehen?
Ja, kann man. Es gibt ausreichend Kreativitätstechniken, die es ermöglichen, strukturiert vorzugehen. Neben vielen Klassikern wie „Mindmapping“, der „635-Methode“ oder der „Umkehr-Technik“ gibt es zahllose weitere innovative Ansätze, zum Beispiel die „Walt-Disney-“ oder die „Blue-Ocean-Strategie“. Daneben existieren auch viele Anregungen aus der agilen Welt, zum Beispiel „Design Thinking“, eine tolle Kombination aus Prozessvorgabe und Kreativelementen. Bei dieser Methode werden auch User bzw. Kunden einbezogen – auch das gibt der Ideenfindung neue Blickwinkel.
Und natürlich gibt es auch die kognitiven Impulse, die sprichwörtlich unter der Dusche oder beim Morgenlauf kommen und einfach da sind. In irgendeiner Form entstehen sie aber immer aus dem, womit wir unseren Geist davor – bewusst oder unbewusst – gefüttert haben.
Für das bewusste Steuern der Ideenfindung ist es wichtig, Kreativitätstechniken zu kennen und anwenden zu können. Für die kognitiven Impulse ist es relevant, arbeitstechnische und digitale „Aus-Zeiten“ und damit Freiräume für den Geist zu schaffen. Meditation ist übrigens auch eine Methode, die bei regelmäßiger Anwendung Kreativität und Ideenfindung fördert.
Welche Blockaden gibt es, die den Ideen- und Kreativitätsfluss zum Stocken bringen?
Die größte Blockade ist der Glaube daran, nicht kreativ zu sein. Menschen, die von sich behaupten, nicht kreativ zu sein, werden sich immer selbst darin bestätigen. Kreativitätstechniken sind ein wunderbares Handwerkszeug. Falsche Glaubenssätze sind aber stärker und werden beweisen, dass die jeweiligen Kreativitätstechniken nicht funktionieren. Unsere Glaubenssätze und Wirklichkeitskonstruktionen sind unsere größten Einschränkungen, aber auch unser größter Triebmotor. Hier können Persönlichkeitsentwicklung, Coaching oder Menschen, die in der Potenzialentfaltung begleiten, sehr hilfreich sein.
Was ist Ihr persönlicher Schlüssel für Kreativität auf lange Sicht?
Interessiert zu bleiben an der Welt und die Lust am Neuen zu kultivieren: Viel zu reisen, zu lesen und neue Informationen aufzunehmen. Auch die Neugier am Austausch mit Menschen sollte bestehen bleiben – vor allem mit Menschen, die anders sind als man selbst. Im Austausch mit Menschen anderen Alters oder Milieus ist außerdem eine fragende, offene Haltung entscheidend. Es geht nicht darum, wer Recht hat, sondern darum, möglichst viele Sichten der Welt nebeneinanderzustellen und deren jeweilige Vorteile gemeinsam zu erkennen. So kann man unglaublich viel entdecken und auch die eigene Kreativität beflügeln.
Und natürlich hilft es, sich selbst immer wieder zu hinterfragen, und vor allem nie zu glauben, man wüsste schon alles. Am gefährlichsten ist es, wenn man Experte in einem bestimmten Gebiet ist – hier kann man leicht mal der „Ich-weiß-schon-alles-Fantasie“ verfallen. Sie ist der Tod jeglicher Entwicklung und Kreativität.
Welche Botschaft können Sie Autoren mitgeben, die noch an ihrem Potenzial bzw. an ihrer Befähigung zweifeln?
1 Einfach hinsetzen und schreiben. Wenn Sie die Energie, die Sie fürs Zweifeln aufwenden, ins Schreiben investieren, haben Sie schon eine große Triebkraft.
2 Denken Sie an Dinge oder Menschen, die Sie glücklich machen. Viele Studien haben gezeigt, dass Menschen, die sich selbst gute Gefühle erzeugen, disziplinierter, motivierter und auch kreativer sind als Menschen, die an etwas Negatives denken.
2.4 Praxistipp von Nathalie Karré
Praxistipp von Bestsellerautorin Nathalie Karré. Mit dieser Übung trainieren Sie Ihre Kreativität:
Eine meiner liebsten Kreativitätstechniken ist eine Abwandlung der „Mentoren-Technik“: Betrachten Sie Ihr Problem oder Ihre Fragestellung mit den Augen anderer Menschen. Fragen Sie sich, wer das Problem am besten lösen könnte oder die besten Ideen dazu hätte. Und dann fragen Sie sich, wie diese Person die Sache lösen würde. In der Abwandlung laden Sie noch weitere, möglichst unterschiedliche Personen ein – so viele, wie Sie möchten – und betrachten Ihre Fragestellung mit deren Augen bzw. Weltsicht, etwa:
Wie würde Heidi Klum die Frage beantworten?
Was würde Mutter Theresa dazu sagen?
Welche Ideen hätte Charly Chaplin?
Und was würde Donald Trump darüber twittern?Mit dieser Technik hatte ich schon einige ausgesprochen ergiebige, aber auch sehr lustige Kreativsessions. Und Humor beflügelt ja bekannterweise die Kreativität.
3. IDEEN
„Eine Idee muss Wirklichkeit werden können, oder sie ist eine eitle Seifenblase.“ Berthold Auerbach
Ideen sind die Konkretisierung Ihrer Kreativität. Sobald sich Ihre Kreativität bemerkbar macht, sich Geschichte um Geschichte Ihres Geistes bemächtigt, sollten Sie auch schon in Ihre Schaffensphase eintreten. Doch Vorsicht, dies bedeutet nicht, dass Sie immerzu inspiriert sein müssen, um zu schreiben. Unter vielen Schriftstellern herrscht immer noch der irrige Glaube, dass man nur unter dem Einfluss der Musen schreiben könne.
Relativiert hat das unter anderem der japanische Erfolgsautor Haruki Murakami in seinem Buch „Von Beruf Schriftsteller“. Der Autor von Büchern wie „Naokos Lächeln“ oder „Kafka am Strand“ hat in seinen Essays über das Schreiben nicht nur die bedingungslose Bereitschaft zum Prozess betont, sondern auch das romantische Selbstbild des Schriftstellers revidiert. Schreiben ist nicht nur Berufung, sondern eben auch Beruf. Es wird immer wieder Tage geben, an denen der kreative Fluss in trockenen Mündungen verläuft. An manchen Tagen ringt man mehr, an anderen weniger mit den Worten. Wichtig ist aber, jeder Widrigkeit zum Trotz weiterzuschreiben. Sie wollen ein Buch schreiben? Dann akzeptieren Sie das Schreiben als Ihren Beruf. Verfolgen Sie Ihre Aufgabe, ein Buch zu schreiben, mit derselben Vehemenz wie Ihren Brotjob. An Tagen ohne Musenkuss auf das Schreiben zu verzichten, wäre so, als würden Sie Ihrem Chef sagen, dass Sie heute nicht zur Arbeit kommen, weil Ihnen die Inspiration fehlt.
3.1 Schreibwerkstatt: Das bringt Sie auf Ideen!
Der Grundstock für Ihre Ideen ist Kreativität, nicht Inspiration. Bedienen Sie sich also im ersten Schritt der Techniken, die wir Ihnen in Kapitel 1 geschildert haben. Sobald Ihre Kreativität wieder fließt, konzentrieren Sie sich auf die Ideen – denn ihrer braucht es viele. Mit einer Grundidee, einem Thema für Ihr Buch, ist es beim Schreiben längst nicht getan. Vielmehr ist Ihr Buch ein Sammelsurium aus Ideenbildern. Zu Beginn Ihrer Arbeit werden Sie erst einmal auf viele Fragen stoßen, die Sie sich selbst stellen und beantworten sollten. Sie werden feststellen, dass der Schreibfluss erst dann ungehindert vonstattengeht, wenn Sie elementare Ansätze geklärt haben. Betrachten Sie diesen Schritt aber als Fortschritt, nicht als Hindernis. Denn in jeder Frage steckt auch schon eine Antwort – eine Antwort, die Sie Ihrem Plot näherbringen wird. Fragen sind also eine Technik der Ideenfindung. Damit Ihr Fragenkatalog aber nicht mehr Seiten hat als Ihr Roman, schlüsseln wir Ihnen im Folgenden die Frage- und andere Techniken auf:
3.1.1 Stellen Sie die richtigen Fragen
Sind Sie noch mit den viel zitierten W-Fragen aus Ihrer Schulzeit vertraut? Vielleicht erinnern Sie sich noch an die unzähligen Schulstunden, in denen Ihr Lehrer die Bedeutung von Frageadverbien und -pronomen fürs Gelingen eines profunden Berichts betont hat. Personal-, Temporal- oder Lokalfragen, die Protagonisten, Zeit- oder Ortsangaben betreffen, bestimmen aber nicht nur die Ausgestaltung von Berichten. Wenn Sie diese Technik erst anwenden, werden Sie schnell bemerken, dass auch andere Textgattungen ohne die wegweisenden W-Fragen nicht auskommen. Diese Technik bietet sich vor allem dann an, wenn Ihnen noch jede Vorstellung von Ihrem Buch fehlt. Wenn Sie die W-Fragen Punkt für Punkt beantworten, entsteht der Bauplan für Ihr Buch praktisch von selbst. Also, nehmen Sie Stift und Papier und zeichnen Sie Ihr erstes Modell:
Was? Bevor Sie sich an die Arbeit machen, sollte feststehen, welches Genre Sie bedienen wollen. Wahrscheinlich haben Sie Ihre Vorliebe für die ein oder andere Literaturgattung längst entdeckt. Planen Sie ein Faktenbuch oder doch ein Werk aus der Welt der Fiktion? Verfügen Sie über den sachlichen, geordneten Verstand eines Krimiautors oder streift Ihr Geist doch immer wieder die Grenzgebiete des Fantasyreservats? Wenn Ihr Buch ein Bildnis ist, ist das Genre der Bilderrahmen. Stecken Sie die Grenzen ab, doch stecken Sie sie nicht zu eng. In manchen Ausnahmefällen verwächst sich nämlich erst die Idee für Ihr Werk zu einem Genre und nicht umgekehrt. So kann es durchaus sein, dass Ihre Faszination für eine historische Figur Sie zu einer Biografie ermuntert. Eben jene Faszination kann aber, angereichert mit Fantasie, Grundlage für einen Historienroman sein. Vielleicht begrenzt Sie die straffe Sachlichkeit einer Biografie, während die Weitschweifigkeit eines Romans Sie beflügelt. Doch ob Ereignis oder Genre, beginnen Sie Ihre Suche nach dem schriftstellerischen Sinn mit der Frage nach dem Was. Erst aus der Beantwortung dieser Frage werden Sie weitere Handlungsstränge ableiten können.
Wer? Ob Krimi, Fantasy, Roman oder Biografie – ein Buch braucht Protagonisten. Wie Sie spannende, authentische Charaktere modellieren, veranschaulichen wir im Kapitel zur Figurenkonstruktion. Doch um zu zeigen, wie eine Figur Sie zum Inhalt Ihres Werks führen kann, verraten wir Ihnen schon vorab einen entscheidenden Mechanismus: Jeder Mensch, jedes Individuum ist ein Memorandum seiner Erfahrungen, Erlebnisse und Eigenschaften. Gleichzeitig gestaltet auch unsere genetische Grundlage unsere Charakterbildung und -entwicklung mit. Blättern Sie in diesem Memorandum und Sie werden die originellsten Bildkompositionen entdecken. Ihre Fantasiefigur ist ein wortkarger, in sich gekehrter Egozentriker? Dann stellen Sie sich die elementare Frage: Warum? Gab es einschneidende Erlebnisse, die den introvertierten Kerl geprägt haben? Musste dieser selbstzentrierte Mensch vielleicht lernen, sich ausschließlich auf sich selbst zu verlassen? Blickt er auf eine problematische Kindheit zurück? Hatte er womöglich nachteilige Ausgangsbedingungen? Waren diese Ausgangsbedingungen gesellschaftlicher oder vielleicht sogar genetischer Natur? Schürfen Sie in der reichen Biografie Ihrer Figuren nach Stoff für Ihre Geschichten. Vielleicht stoßen Sie schon bald auf Gold.
Wie? Wie hat sich die Geschichte zugetragen? Neben Motiven, Persönlichkeiten und Struktur brauchen Geschichten auch ein ausdauerndes Handlungsgerüst. Es reicht nicht, einen Plot mit passiven Beschreibungen zu bestücken. Handlungen sind das Aktiv in Ihrer narrativen Architektur. Bringen Sie Bewegung in Ihren Plot. Erst die beharrliche Beantwortung der Wie-Frage belebt eine Erzählung und unterscheidet einen Roman, Krimi oder Thriller von einem einfachen Tatsachenbericht. Selbiges gilt auch für die Schraffur von Persönlichkeiten. Setzen Sie, auch im Sinne eines lebendigen Stils, auf Aktiva statt Passiva. Statt also zu schreiben: „Sie war eine echte Tierfreundin“, versuchen Sie es mal mit: „Während ihrer letzten Wanderung am Teide hielt sie alle paar hundert Meter an, um ermattete Hummeln, die sich den staubigen Winden der Insel ergeben hatten, vom Wegrand zu wischen.“ Das gleiche Prinzip gilt auch für Geschehnisse. Es könnte genügen, zu schreiben: „Es war eine kalte Winternacht.“ Doch die Alternative, „Der Frost klebte in den Lichtern der Laternen und schwärzte die Nacht“, macht nicht nur Ihnen, sondern auch Ihren Lesern viel mehr Spaß.Wo? Manchmal erschafft auch die Kulisse die Geschichte. Wie sonst sind wohl die Geistergeschichten, die um alte, verlassene Schlösser wabern, entstanden? Doch nicht nur Gebäude oder Schauplätze, sondern auch Städte oder Landschaften schaffen Raum für Ideen. Jedes Landschafts- ist zugleich auch Kulturgut. Welche verborgene Geschichte hält sich wohl zwischen staubenden Wüstenzonen, dampfenden Salzpfannen und schwitzenden Tropenwäldern verborgen? Versuchen Sie sich als Pionier und erobern Sie neue literarische Gefilde.Wann? In welchem Zeitalter spielt Ihre Geschichte? In der schönen neuen Welt oder doch eher im grimmigen Mittelalter? Welche Gesellschaftsphänomene ließen sich wohl zu einem bekömmlichen literarischen Motiv verarbeiten? Vertiefen Sie sich in die Geschichte und entdecken Sie ein Thema für sich. Die Zeit hat schon viele Romane geboren. George Orwell und Aldous Huxley würden dem sicher zustimmen.Warum? Die Frage nach dem Warum fächert sich in Romanen mit dem Prädikat wertvoll von der ersten bis zur letzten Seite auf. Denn erst die Beantwortung aller Wiesos und Weshalbs stiftet Sinn in der fiktiven Welt. Wenn Sie vermeiden wollen, dass Ihr Roman beliebig wirkt, sollten Sie nichts dem Zufall überlassen. Begreifen Sie sich als Schicksalsschmied Ihrer Geschichte und lassen Sie keinen Zustand unerklärt. Gleichzeitig erbringt die Suche nach dem Motiv auch satte Erträge: Sie liefert Ihnen neue Ideen. Beobachten Sie Ihren Alltag und betten Sie die Frage Warum in all Ihre Anschauungen ein: Warum sitzt der Mann mit dem Lilienstrauß alleine auf der Parkbank? Weshalb schwebt ein silberner Partyballon in Form eines O vereinsamt durch die Straßen? Wieso verwildert und wuchert seit Wochen des Nachbars sonst so gepflegter Garten? Wo immer Sie auch sind, was immer Sie auch beobachten – Fragen Sie nach dem Motiv. Manchmal reicht die Ergründung der Frage für ein ganzes Buch.3.1.2 Halten Sie Ideen festDie Namensverwandtschaft ist nicht zufällig. Der walisische Dichter und Schriftsteller Dylan Thomas soll eines der großen Vorbilder von Bob Dylan gewesen sein. Der Literaturnobelpreisträger – übrigens der erste Musiker überhaupt, der sich dieser Auszeichnung rühmen darf – heißt mit bürgerlichem Namen Robert Allen Zimmerman. Dylan glorifizierte sein Vorbild öffentlich eher selten, dennoch ist das Pathos offensichtlich. Nicht nur die Namen, sondern auch die stilistischen Pointen weisen Parallelen auf. Ein Fanatismus, der für einen Songwriter angemessen erscheint. Denn Dylan Thomas war bekannt für seine veredelten Wortschöpfungen, die seine Gedichtbände bis in die Fünfzigerjahre verbalen Traumgebilden gleich füllten. Festgehalten hat der Bohemien seine Wortkonstruktionen aber nicht etwa in Poesiealben oder auf Briefpapier, sondern auf Haufen von Haftnotizen. Seine Meisterwerke schrieb Thomas nicht selten an Bartresen, die Hosentaschen immerzu befüllt mit zu Papiergolfbällen gekneteten, knittrigen Gedichtfragmenten.Doch was können wir von Thomas’ zerstreuter Künstlernatur lernen? Stift und Papier in Thomas’ Alltagsreservoir lehren uns vor allem eines: Ordnung im kreativen Chaos. Denn Ideen und Inspiration haben das Unvorhersehbare gemeinsam: Sie kommen mit Vorliebe unangekündigt und in den ungünstigsten Momenten. Der Aphorismus, der beim Autofahren Form annimmt, der Buchtitel, der sich mitten im Museum manifestiert, die Buchidee, die beim Spaziergang im Nirgendwo die Blockaden rodet – Ideen entstehen aus Impulsen. Ebenso schnell, wie sie sich vergegenwärtigen, verschwinden sie aber auch wieder. Insofern braucht es Medien, um sie festzuhalten. Auf unser Kurzzeitgedächtnis ist bekanntlich wenig Verlass, wenn es darum geht, wichtige Informationen in unser Langzeitgedächtnis zu schleusen.Gut beraten ist, wer es wie Dylan Thomas macht und sich mit entsprechendem Equipment ausstattet. Zwar sind Notizbücher sicher zuverlässiger und wesentlich widerstandsfähiger als Haftnotizen, dennoch spielt es letztlich keine Rolle, worauf Sie Ihre Eingebung verewigen. Wichtig ist, dass die Information gespeichert wird, bevor sie entschwindet. Praktisch Veranlagte profitieren durch moderne Innovationen von einem erweiterten Gedächtnis. Denn längst schon haben sich Apps, Computerprogramme und Onlineplattformen als Tools für die poetische Bestandsaufnahme bewährt. Die wichtigsten haben wir im Kurzüberblick für Sie zusammengefasst:Evernote: Mit etwa acht Milliarden Notizen von 225 Millionen Menschen weltweit ist Evernote wohl eine der bekanntesten, wenn nicht die geläufigste Anwendung für Mindmapping schlechthin. Tatsächlich bezeichnet der Gründer und Erfinder von Evernote, Stepan Pachikov, die App als erweitertes Gehirn. Denn Evernote arbeitet basierend auf drei Grundprinzipien des menschlichen Gehirns: Es speichert Vergangenes, verlegt Querverbindungen und vernetzt sie zu neuen Ideen. Verfügbar für alle gängigen Betriebssysteme sowie als App bedient sich Evernote dabei folgender Optionen: Nicht nur können mehrere Notizbücher angelegt werden – die Paperblanks-Sammlung in der Handtasche hat also ausgedient –, sondern sie können auch noch direkt mit Bildern, Audiodateien oder Links und Lesezeichen verknüpft werden. Das hat den Vorteil, dass nicht nur Texte, sondern auch inspirierende Bilder oder Videos, die zu neuen Denkmustern verhelfen, gespeichert werden können. Darüber hinaus ist die Aufnahmefunktion von unschätzbarem Wert: Wer Hände und Augen gerade auf andere Ziele gerichtet hat, kann den geistigen Höhepunkt auch in einem Audiofile verewigen – und später daran weiterflechten. Probieren Sie es aus! Die Basisversion von Evernote ist kostenlos. www.evernote.comGoogle Keep: Das kostenlose Google-Tool ist ein annehmlicher Kompromiss, will man monatliche Mehrkosten vermeiden. Auch hier kann das Smartphone nach Belieben mit einer kompakten App ausgestattet werden. Google Keep schlichtet und sortiert Gedanken zu wohlproportionierten Notizen, die je nach Bedarf und Priorität mit Farben oder Erinnerungsfunktion versehen werden können. Außerdem wartet Google Keep mit einer Funktion für Sprachnotizen auf, die sogar zu einem Transkript umgeschrieben werden können. www.google.de/keepOneNote: Nostalgiker, die der Handschrift noch nicht gänzlich abgeschworen haben, sollten auf Microsoft OneNote setzen. Das Gratisprogramm ist Mitglied der Microsoft-Office-Familie und garantiert Konnektivität mit allen Office-Tools. Auch mit OneNote können Video-, Bild- und Audiofiles problemlos gespeichert und geteilt werden. Eine besondere Funktion des Programms ist aber Freihand in Text. Spontane Eingebungen können mittels Finger, Maus oder Tabletstift in Handschrift verfasst und anschließend in Computerschrift konvertiert werden. Das erlaubt auch nachträgliches Bearbeiten oder Drucken von mit der Hand geschriebenen Texten. www.onenote.comNimbus Note: Nimbus Note ist ein ideales Instrument für die Inspirationssuche vor dem Schreiben. Mit der sogenannten Web-Clipper-Funktion können nicht nur Websites, sondern auch einzelne Websitebereiche wie zum Beispiel Bilder, Textelemente oder Videos gespeichert werden. Darüber hinaus können auch To-Do-Listen erstellt werden, mit deren Hilfe die Erstrecherche schnell zum Erstentwurf wird. www.nimbusweb.meSimplenote: Bei Simplenote ist der Name Programm. Der Fokus der Anwendung liegt klar auf Textnotizen. Auf Technikfirlefanz wird zugunsten einer einfachen, kompakten Formel verzichtet. Das Design ist minimalistisch, die Oberfläche sowohl der App als auch der Webversion selbsterklärend und verständlich. Das kostenlose Programm bietet außerdem ein für Autoren unverzichtbares Werkzeug: Bei Simplenote können Notizen nicht überschrieben werden. Der sogenannte Version Slider agiert wie eine Zeitmaschine und stellt auch ältere Versionen der Originalnotiz wieder her. Eine Idee, auf die vor allem Autoren mit Hang zur überambitionierten Überarbeitung sicher schon lange gewartet haben. www.simplenote.comNeben den genannten Anwendungen gibt es noch eine Reihe weiterer, deren Aufgabe jedoch auch das Organisieren von Listen und Plänen umfasst. Welches Tool Sie letztlich verwenden, bleibt Ihnen und Ihren Präferenzen überlassen. Wichtig ist, dass Sie mit Programmen arbeiten, die Ihnen Zeit ersparen, anstatt Zeit zu kosten. Wenn Sie fürs Digitalisieren Ihrer Texte mehr Zeit brauchen als fürs Schreiben, sollten Sie also überlegen, ob Sie sich auch für die für Sie richtige App entschieden haben. Selbstkritikern sei an dieser Stelle empfohlen, die Bewertung von Notizen tunlichst zu unterlassen. Speichern Sie alle Notizen, ganz gleich, ob sie nach Genie klingen oder nicht. Sie wissen nie, wofür Sie sie später noch brauchen werden.Die besten Ideen werden aus Impulsen, Situationen und Beobachtungen heraus geboren. Schärfen Sie daher Ihren Blick für Ihre Umwelt. Sie werden Augen machen, wenn Sie erst näher hinschauen.3.1.3 Die besten Plätze zum IdeensammelnWas zunächst simpel und selbsterklärend erscheint, ist längst viel beachteter Forschungszugang der empirischen Sozialforschung. Denn Selbst- und Fremdbeobachtung sind gängige Methoden, wenn es um die Erforschung von menschlichem Verhalten geht. Und menschliches Verhalten ist es, das Autoren in ihren Büchern zu skizzieren versuchen. Protagonisten, Antagonisten, Beziehungen, Konflikte, Konstellationen, Charakter und Charakterentwicklung sind die Fasern Ihres literarischen Stoffs. Sie suchen noch nach spannendem Material für Ihr Werk? Dann machen Sie es wie die Sozialforscher und begeben Sie sich ins weite Feld der Beobachtung. Folgende Forschungsgegenstände bieten sich für Ihre nächsten Feldstudien an:Menschen: In seinem Buch „Letzte Nacht in Twisted River“ beschreibt Beststellerautor John Irving jenen Moment, in dem sich der Autor aus seinem Hauptprotagonisten, Danny, schält. Anstatt Akteur und Gestalter eines Moments wird Danny plötzlich zu dessen Beobachter. Am tatsächlichen Geschehen nimmt er nicht aktiv, sondern passiv teil. Er beginnt, die Menschen, deren Interaktion und Kommunikation zu beobachten – und sammelt dadurch Stoff für seine Bücher. Was Irving beschreibt, ist für einen versierten Schriftsteller ebenso gängige Praxis wie für einen Psychologen die Befragung. Beginnen Sie, die Menschen in Ihrem Umfeld bewusst zu beobachten. Ebenso wie in der Wissenschaft gilt in dieser Methode das oberste Objektivitätsgebot. Die Bewertung bleibt völlig außen vor. Denn gerade die Andersartigen, die Außenseiter sind es, die Ihre Leser interessieren. Suchen Sie die Begegnung mit Menschen, die komplett anders sind als Sie selbst. Sie stoßen sich an einer bestimmten Person? Perfekt, dann haben Sie Ihr nächstes Forschungsobjekt schon gefunden. Was ist es, was Ihnen an der Freundin Ihres Bruders missfällt? Ist es ihre Zurückgezogenheit, ihre Stille, ihr In-sich-gekehrt-Sein? Sind es ihre verschwiegenen Augen, die immer nur in bestimmten Momenten wach zu werden scheinen? Sammeln Sie die Ergebnisse Ihrer Beobachtungen unbedingt auch in Ihren Notizen. Vielleicht sind es genau diese bruchstückhaften Beobachtungen, die Ihren Figuren später den nötigen Feinschliff verleihen.Verhalten: Sich nervös in die Unterlippe beißen, sich aus Verlegenheit das Haar hinters Ohr streifen, erstaunt die Augenbrauen hochziehen – wenn wir Verhaltensweisen beschreiben, bedienen wir uns nur zu gern eines altbekannten, verbrauchten Repertoires. Um Figuren interessant zu beschreiben, sollten Sie sich bewusst nach Spleens, Marotten und auffälligen Verhaltensmustern umschauen. Vielleicht kennen Sie Personen, die gerne mit den Knöcheln knacken, mit Taschenmessern ihre Initialen in Tische ritzen oder das Haus erst verlassen können, nachdem sie sich im Vorraum dreimal um die eigene Achse gedreht haben? Sie schmunzeln? Gut so, denn genau das ist es, was Sie in Ihren Lesern hervorrufen wollen: Emotion. Schreiben Sie alles nieder, was Ihnen an anderen Menschen ins Auge sticht. Sie werden es später brauchen, um Ihre Figuren mit Substanz zu füllen.Situationen: Skurrile Situationen begegnen uns im Alltag nur zu oft. In den meisten Fällen wundern wir uns, schütteln kurz den Kopf darüber und vergessen das Szenario, noch bevor wir überhaupt Gelegenheit hatten, es jemandem zu erzählen. Dabei gibt es unzählige Ereignisse, die Anlass zum Fantasieren geben könnten. Der Zugpassagier, der seinem Sitznachbarn wortlos den Snack aus den Händen reißt und verschlingt. Das Auto ohne Besitzer, das unvermittelt auf dem Parkplatz auftaucht und bis oben hin angefüllt ist mit Stofftieren. Die schwarze Katze, die jeden Tag zur gleichen Uhrzeit an der Kreuzung mit den kitschrosa Pelargonien wacht und ins Leere starrt. Schreiben Sie solche Momentaufnahmen unbedingt nieder und unterschätzen Sie deren Wirkung nicht. Mitunter sind schon ganze Bücher aus solchen Realitätsausschnitten entstanden.Umgebung: Unterziehen sie auch Ihre Umgebung einer näheren Betrachtung. Wenn Sie nur mit Bildern aus Ihrem Gedächtnis arbeiten, wird es Ihren Beschreibungen nicht nur an Vielfalt, sondern auch an Echtheit fehlen. Ist der Schnee wirklich immer nur weiß? Oder sind nicht manchmal auch Graustufen erkennbar? Mischen sich nicht manchmal auch die Farben menschlicher Existenz in verwaschenem Rot oder Gelb in die Schneemassen? Ist ein Blitz immer ein greller Lichtblitz oder zieht er sich nicht manchmal auch wie ein feiner, weißer Haarriss über den Himmel, bevor er wieder verschwindet? Beobachtungen und Beschreibungen der Natur und Umgebungslaunen sind übrigens auch eine praktikable Übung. Nutzen Sie jede Gelegenheit, um zu schreiben und zu beschreiben, was Sie sehen. Diese Aufgabe schärft nicht nur Ihre Wahrnehmung, sondern auch Ihren Sprachstil.Selbstbeobachtung: Reflektierte Menschen richten ihren Blick regelmäßig nach innen. Das Studium des eigenen Selbst ist nicht nur eine unfassbar spannende Angelegenheit, sondern sie bereichert auch das Verständnis für die Grundpfeiler menschlichen Verhaltens: Kognition, Emotion und Aktion, Denken, Fühlen und Handeln. Damit eine Figur realistisch wirkt, muss sie nachvollziehbar sein. Sind die Handlungsfolgen einer Figur nicht logisch oder wirken ihre Entscheidungen wahllos, so ist eine Identifikation mit ihr und damit ein Interesse an ihr nicht möglich. Beschäftigen Sie sich also mit sich selbst und schaffen Sie zunächst Figuren nach Ihrem eigenen Abbild. Betrachten Sie Introspektion, die Selbstbeobachtung, allerdings ausschließlich als Praxisübung und nicht als Pflichtprogramm für Ihr Buch. Andernfalls gefährden Sie die Varietät Ihres Werks, indem Sie alle Figuren und Figurenkonstellationen ausschließlich nach Ihrem Selbstportrait gestalten.3.1.4 Wenn nichts mehr geht: BrainstormingBrainstorming ist eine in den Fünfzigerjahren vom Werbefachmann Alex Osborn konzipierte Kreativitätstechnik, mit deren Hilfe Ideen entwickelt werden sollen. Ursprünglich als einschlägige Gruppenübung gedacht, wird der Begriff heute eher als Sammelbegriff für alle geläufigen Brainstormingmethoden, vom Mindmapping übers Brainwriting bis zum Pinnwandstecken, gebraucht. Das Konzept des kreativen Problemlösens, wie es von Osborn definiert wurde, war in seinen Anfängen primär auf Gruppen ausgelegt. Doch Brainstorming ist auch für den selbstreferentiellen Steppenwolf, der der Schriftsteller manchmal ist, eine bewährte Methode. Ziel ist es, durch assoziatives Denken so viele Ideen wie möglich zu generieren. Denn beim Brainstorming zählt vor allem die Quantität der Ideen, nicht die Qualität. Die Bewertung bzw. Verwerfung von Ideen erfolgt erst in einem nächsten Schritt.Der Methodenpool des Brainstormings ist in den letzten Jahrzehnten, insbesondere im Hinblick auf die Effizienzgesellschaft, exponentiell gewachsen und reicht vom Rollenspiel bis zum Stille-Post-Prinzip im Papierformat. Für Autoren sei an dieser Stelle die Idee des Mindmappings herausgegriffen. Das Mindmapping mag eine allseits bekannte Praxis sein, doch hat die Digitalisierung die Technik auf ein neues Niveau gehoben.Das klassische Grundprinzip des Mindmappings ist so simpel wie effizient. Im Mittelpunkt steht immer ein spezifisches Thema. Im Falle der Ideenfindung kann das sowohl ein Motiv als auch ein Schauplatz oder eine Figur sein. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie wollen einen Egomanen als Hauptfigur. Noch können Sie Ihre Figur nicht erkennen, doch Ihr Umriss ist gewiss. Vorerst genügt Ihre Faszination für die Type. Damit die Figur an Kontur und Farbe gewinnt, bedienen Sie sich der Technik des Mindmappings. In diesem Fall platzieren Sie den Begriff des Egomanen mittig auf ein Papier oder ein Flipchart. Im nächsten Schritt stellen Sie so viele Assoziationen wie möglich zu dem Begriff des Egomanen her. Schreiben Sie alle Begriffe, die Ihnen in den Sinn kommen, ohne Begrenzung oder Bewertung nieder. Dabei braucht es kein festes Kategoriensystem oder Schemadenken. „Mann“, „Frau“, „Einzelkind“, „Einzelkämpfer“, „Unternehmer“, „Erfolgsmodell“, „Einzelgänger“, „Introversion“, „Philosoph“, „Denker“, „Rationalist“ etc. – was Ihnen auch einfällt, schreiben Sie es nieder. Erst auf der nächsten Ebene des Mindmappings gilt es, das Geschriebene auch mit Gehalt zu füllen.Hier kommt Ihnen die Digitalisierung zu Hilfe. Denn wer eine Skizze für sein Buch anfertigt, kommt schnell an seine logistischen Grenzen. Mit modernen Tools wie Ayoa (www.ayoa.com) oder Evernote (www.evernote.com) können Sie Ihre Gedankenstränge nicht nur digitalisieren, sondern auch noch mit Beschreibungen, Bildern, Videos oder Audiofiles verknüpfen. Tools wie Ayoa erlauben es, die Gedankenblasen am Bildschirm mit Inhalten zu füllen. Großformatigen Begriffen wie „Frau“ oder „Mann“ können Sie mit Bildern, die Sie bei Ihrer Google-Recherche entdecken, eine visuelle Konnotation verleihen. Vielleicht gibt es ein Gesicht, das Ihrer Vorstellung entspricht und das Sie als Vorlage für Ihre Romanfigur verwenden wollen. Durch welche Persönlichkeitsmerkmale ist die „Introversion“ geprägt? Wollen Sie mit Klischees arbeiten oder Ihrer Figur mit gewissenhafter Tiefenrecherche mehr Dichte verschaffen?Vor allem die Ergebnisse der Recherchearbeit können mithilfe moderner Mindmapping-Tools systematisch geordnet, kategorisiert und gespeichert werden. Und Recherche ist eine Vorarbeit, die Sie nicht nur zur Ideenfindung, sondern auch in Anbetracht eines flüssigen, vorwärtsstrebenden Schreibens unbedingt leisten müssen.
4. RECHERCHE
„Man findet oftmals mehr, als man zu finden glaubt.“Pierre Corneille
Während Ideen die Impulse liefern, liefert Recherche schon konkretes Rohmaterial. Zwar können Sie sich beim Schreiben auch Ihres persönlichen Wissenshorizonts bedienen, jedoch ersetzt keine Bildung die persönliche Kenntnis vom Gegenstand der Beschreibung. Recherche ist übrigens keine Frage des Genres. Die Relevanz präziser Recherche beschränkt sich nicht nur auf Nonfiction. Auch und vor allem Fantasyromane wollen penibel recherchiert sein.
Denken Sie hier zum Beispiel an den Bestsellerautor George R. R. Martin. Fans von „Das Lied von Eis und Feuer“ sind mit der Akribie des kreativen Genies bestens vertraut. Die Welt von Westeros lässt sich allerdings nicht ausschließlich auf die Fantasie des Autors zurückführen. Viele Schauplätze, Szenen, Gegenstände, Protagonisten oder auch Traditionen sind klar kennzeichnende Elemente des Mittelalters. Die Eisenmänner etwa, jene grobschlächtigen Charaktere, die im schroffen Einzugsgebiet der Eiseninseln beheimatet sind, fahren nicht einfach nur mit Schiffen auf See. Sie ziehen mit Barken, Koggen, Dromonen oder Galeonen in den Krieg. Ebenso gewichtig erscheinen Details bei der Beschreibung von Wappen, Wamsen oder Waffen. Ohne Recherche, wenn nicht Tiefenrecherche des Altertums, hätte eine derart akribische Differenzierung nie vorgenommen werden können. Insofern sollten Sie sich also, unabhängig vom Genre, auf eine intensive Rechercheaktivität einstellen.
Wichtig ist die Recherche auch zur Gewährleistung eines ungehinderten Schreibflusses. Kaum etwas reißt Sie so sehr aus dem Geschehen wie die Erkenntnis, dass Ihnen die für die Beschreibung der Szene notwendige Information noch fehlt. Beim konzentrierten Schreiben jagt nicht selten ein Gedanke den nächsten. Unterbrechen wir den Prozess, gefährden wir nicht nur die natürliche Entwicklung des Geschehens, sondern auch spontane, originelle Einfälle, die dem Werk vielleicht noch mehr Echtheit verliehen hätten.
Selbstverständlich lässt sich nicht jede Szene bis ins subtilste Detail planen. Doch sollte das auch nicht das Ziel Ihrer Recherche sein. Wichtig ist es, ein komfortables Mittelmaß zwischen Fakt und Fantasie, zwischen Realem und Surrealem zu finden. Ihre Charaktere erwählen sich die spanische Sagrada Família zum Treffpunkt für ihr geheimes Tête-à-Tête? Dann sollten Sie die markante Kirchenarchitektur des Meisterwerks von Gaudí schon vor dem Niederschreiben der Szene studieren. Für den Austausch sensibler Informationen bietet sich ein entlegener Winkel vielleicht eher an.Treffen sich die beiden Geheimniswahrer in der Abgelegenheit einer Kapelle? Gelingt ihnen ein unauffälliger Auftritt in der Krypta? Oder bevorzugen die beiden Protagonisten doch die belebte Atmosphäre um den Altar, unter dem allsehenden Auge Gaudís? Vor allem für Plätze, die Ihrem Publikum geläufig sein könnten, ist gewissenhafte Recherche oberstes Gebot. Doch auch, um Ihren Schauplätzen mehr Schliff zu verleihen, ist gute Recherche unabdinglich.
Kreative Freiheit in Gaudí’schem Ausmaß können Sie natürlich bei der Gestaltung fiktiver Räume walten lassen. Wie die Wohnung Ihres Hauptprotagonisten aussieht, bleibt Ihnen ebenso überlassen wie dessen Bürstenschnitt oder Bartrasur.
Doch selbst die Realität dürfen Sie ruhig ein wenig verzerren. Bestehendes ist statisch, doch können Sie durchaus Details dazudichten. Angewendet auf das Beispiel mit der Sagrada Famìlia kann das bedeuten, dass sich die beiden Protagonisten in einem Geheimgang treffen, von dem der Öffentlichkeit nichts bekannt ist. Ein Kompromiss, der Ihr Publikum sowohl auf der Ebene der Faktizität als auch auf der der Fiktionalität befriedigen dürfte.
Wahre Meister der Recherche sind investigative Journalisten, die selbst jene Quellen finden, die längst versiegt zu sein scheinen. Autoren können viel von ihnen lernen. In seinem Buch „Die 50 Werkzeuge für gutes Schreiben“ betont Roy Peter Clark zum Beispiel die Vorbildfunktion von Sportjournalisten. Die „Bereitschaftsweltmeister“, wie Clark sie nennt, bereiten ihre Beiträge schon vor dem eigentlichen Sportereignis vor. Um dem Aktualitätsanspruch einer Zeitung oder Onlinezeitung, wie ihn die Leserschaft stellt, gerecht zu werden, muss das Ergebnis eines Großereignisses wie einer Weltmeisterschaft oder Olympiade sofort berichtet werden. Zu diesem Zweck bereiten Sportjournalisten Textfragmente vor, die sie für jeden möglichen Ausgang in kalkulierten Tastaturanschlägen adaptieren können. Die Recherchearbeit ist immens aufwendig, muss doch für jeden potenziellen Gewinner eine journalistische Schablone vorproduziert werden. Erst wenn das Ergebnis feststeht, wird die Story in die Schablone eingefasst. Gewissenhafte Recherche unterfüttert den Text nicht nur mit Hintergrundinformationen, sondern wertet ihn auch noch von einer reinen Informations- zur Unterhaltungslektüre auf.
Darin liegt übrigens eine weitere positive Eigenschaft der Recherche: Quellen speisen nicht nur bestehende Ideen, sondern lassen auch neue sprießen. Mit jeder neuen Information besteht zugleich auch die Chance auf neue Inspiration. Redakteure stoßen oft erst durch die Sammlung und Sichtung von Rohstoff auf weitere wertvolle Informationen. Journalisten gewinnen durch neue Details auch neue Fakten. Sie als Schriftsteller gewinnen nicht nur neue Fakten, sondern auch neue Fiktion. Detail für Detail eröffnen sich Ihnen noch mehr Möglichkeiten.
Vielleicht schicken Sie Ihre Protagonisten in Gedanken zum Pilzesuchen in den Wald. Um den Pilz, den Ihre Figuren zufällig finden, besser beschreiben zu können, suchen Sie ihn im Internet. Bei Ihrer Recherche stoßen Sie plötzlich auf einen Artikel, der dem Pilz eine psychoaktive Wirkung zuschreibt. Wie schnell verändert sich die Szene, die sie eigentlich schreiben wollten? Ein kleines Detail, eine einzige Eigenschaft reicht schon aus, um Ihrem Buch einen kräftigen Handlungsanstoß zu geben. Roy Peter Clark verweist in diesem Zusammenhang auch auf Dorothea Brande, eine amerikanische Schriftstellerin und Journalistin, die einen ähnlichen Mehrwert in der Recherche erkannt hat:
„Sie sollen wohlgemerkt noch nicht schreiben. Sie arbeiten zunächst nur vorbereitend. Ein oder zwei Tage lang vertiefen Sie sich in die Einzelheiten; Sie werden bewusst darüber nachdenken und sich, falls nötig, in weiterführender Literatur ergänzende Fakten besorgen. Dann werden Sie davon träumen. (…) Es wird Ihnen vorkommen, als gäbe es unendlich viele offene Fragen. Wie sieht die Heldin aus? War sie ein Einzelkind oder das älteste von vielen? Welche Schulbildung hat sie? Arbeitet sie?“
Erkennen Sie die Chance, die in dem Bemühen liegt, jede Frage, die Sie an Ihr Buch stellen, ergiebig zu beantworten? Betrachten Sie die Recherche nicht als mühevolle Pflichtübung, sondern als Potenzial – und Ihr Buch wird nicht nur an Gründlichkeit wachsen, sondern auch an Umfang.
4.1 Schreibwerkstatt: So recherchieren Sie richtig
Das Zeitalter des Internets hat eine regelrechte Revolution der Recherchemethoden eingeläutet. Was früher noch in kontemplativer Manier in Archiven, Bibliotheken oder Bilddatenbanken gesucht werden musste, findet man heute in wenigen Sekunden in jeder gängigen Suchmaschine. Nichtsdestotrotz hat sich auch der Stellenwert bewährter Recherchemodi erhalten. Zeitzeugen zum Beispiel fördern Wahrheiten zutage, von denen selbst das Internet noch etwas lernen könnte. Und auch für die gegenständliche Erfahrung ist das Erleben vor Ort unumgänglich. In der Regel richtet sich die Recherchemethode aber nach dem Rechercheobjekt. Anhaltspunkte für neue oder vielleicht schon in Vergessenheit geratene Recherchequellen haben wir in dieser Übersicht für Sie gebündelt.
4.1.1 Online
Suchmaschinen: Das Internet mag eine erquickende Quelle sein, doch unterschätzen Sie nicht die Kompetenz, die es für eine Onlinerecherche braucht. Schon das Ranking einer Suchmaschine beeinflusst die Objektivität, mit der Sie Ihr Rechercheobjekt betrachten können. Nicht mit Sicherheit wird Ihnen alles Wissenswerte zu einem bestimmten Themenfeld ausgespielt. Für einen Roman, in dem die Fantasie über dem Objektivitätsgebot stehen sollte, bietet das Internet als erstes Such- und Inspirationstool sicherlich Mehrwert. Wenn Sie hingegen ein Sachbuch schreiben, sollten Sie sich auf validere Quellen verlassen. Eine wertvolle Ergänzung zur gängigen Suchpraxis auf Google stellt das erweiterte Wissen von Google Scholar (http://scholar.google.de) dar. Hierbei handelt es sich um eine Suchmaschine für kostenlose sowie kostenpflichtige Wissenschaftsdokumente in Vollversion. Im Gegensatz zu akademischen Datenbanken verfügt Google Scholar über sensiblere Suchmechanismen. Während die Suchmechanismen klassischer Datenbanken auf die Schlagwortsuche beschränkt sind, bietet Google mit der Volltextsuche weitaus effizientere Ergebnisse. Zusätzlich schafft ein eigenes Google-Scholar-Ranking, das die Wissenschaftlichkeit einer Arbeit bewertet, Orientierung. Wenn es schnell gehen soll, sorgt Google Books (https://books.google.de) für Bücher in Vollversion. Zum Teil stellt Google die digitalisierten Inhalte sogar kostenlos zur Verfügung.
Foren: Insbesondere für Neuautoren ist der stete Erfahrungsaustausch unerlässlich. Foren sind immer noch eine ertragreiche Quelle für Feedback, Informationen sowie Fort- und Weiterbildung. Der Vorteil von Onlineforen besteht in der direkten Kommunikation mit der Community. Populäre Foren, zum Beispiel das Deutsche Schriftstellerforum, kurz DSFO, decken alle Bereiche ab, in die ein Schriftsteller vorzudringen versucht. Literaturtipps werden Sie in einem Forum ebenso finden wie Gleichgesinnte, deren direktes, ehrliches Feedback Sie erwarten dürfen. Vor allem die gegenseitige Weiterbildung durch Erfahrungswerte ist es, was Foren so wertvoll macht. Für die Recherche leisten Foren ebenso einen unermesslichen Beitrag. Der Erfahrungsaustausch trägt sich immerhin nicht nur zwischen Schriftstellern, sondern zwischen Menschen zu. Durch das Knüpfen von Kontakten dringt man mitunter in Metiers vor, die einem vorher verschlossen waren. Sucht man zum Beispiel einen Landschaftsarchitekten, um eine Nebenfigur mit mehr Authentizität auszustatten, kann man durchaus auch in einem Forum einen entsprechenden Aufruf starten. Angehende Schriftsteller sollten eine Forenaktivität aber auch aufgrund anderer Benefits in Betracht ziehen. Drei der wichtigsten Foren stellen wir Ihnen hier vor:Deutsches Schriftstellerforum (DSFO): „Diese Plattform ist gleichsam Palast, Heim, Domizil, Talentschmiede und Hobby-Lektorat für Autorinnen und Autorinnen, Schriftstellerinnen und Schriftsteller Nicht nur für solche, die es werden wollen, sondern auch für jene, die es bereits sind.“ Gelauncht wurde das Deutsche Schriftstellerforum, das User mit diesem Begrüßungstext in seine virtuellen Weiten einlädt, im Jahr 2006. Seither statteten der Plattform schon mehrere Millionen Menschen mit schriftstellerischem Informationsbedarf einen Besuch ab. Ihre Interessensgruppe versorgen die Forenmitglieder mit Informationen zu Verlagen, Verlegern und Agenten, zu Literaturausschreibungen und Pflichtlektüre, zu Techniken und Grundlagen des Schreibens sowie mit unzähligen Praxisübungen. Von Schreibblockaden und -krisen Betroffene entledigen sich in einem entsprechenden Thread ihres Kummers. Selbstzweifel werden außerdem durch laufende Feedbackprozesse überwunden. Das Forum bietet die Möglichkeit, eigene Textproben und Plots mit der Community zu teilen und an deren konstruktiver Kritik zu wachsen. www.dsfo.deMontségur Autorenforum: Mit rund 391.000 Beiträgen darf sich das Montségur-Forum zu Recht als eines der einflussreichsten Autorenforen im deutschen Sprachraum bezeichnen. Die Themenwelten sind ähnlich wie die des Deutschen Schriftstellerforums. Auch hier tauschen sich Autoren in zahlreichen Zirkeln zu Büchern, Techniken, Textproben, Branchennews und Publikationsarten aus. Die Vernetzung mit namhaften Verbänden wie dem „Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller“ oder den „Autorinnen und Autoren der Schweiz“ verschafft außerdem Kontakte, die später einmal von Bedeutung sein können. www.montsegur.deLeselupe: Mehr als 150.000 Leser monatlich versorgt die Leselupe mit User Generated Content. Das Forum fungiert für Autoren praktisch als erste Publikationsplattform. Unter anderem wird jeden Monat das „Werk des Monats“ mit prominenter Platzierung auf der Website ausgezeichnet. Feedback, mitunter auch von Lektoren, die ehrenamtlich für das Forum aktiv sind, schafft Distanz zum eigenen Werk und damit auch das für einen seriösen Schriftsteller ein Leben lang erstrebenswerte Verbesserungspotenzial. www.leselupe.de
Podcasts und Blogs: Neben empfehlenswerten Podcasts, die sich dem Schreiben an sich widmen – erwähnt seien hier zum Beispiel die auditiven Stimulantien Büchergefahr (www.buechergefahr.de) oder The Creative Penn (www.thecreativepenn.com) –, unterstützen Podcasts und Blogs in pandemischem Ausmaß die Rechercheambition von Autoren. Von Special-Interest-Medien können auch Schriftsteller profitieren, die weniger populäre Themen behandeln. Paranormale Phänomene zum Beispiel sind sicher ein Bereich, der sich der allgemeinen Alltagserfahrung entzieht. Hier können Blogs und Podcasts zu Grenzwissenschaften einen wertvollen Beitrag leisten. Zumeist liefern Special-Interest-Plattformen nicht nur Antworten, sondern auch neue Anhaltspunkte und Impulse. Ideengeber sind Blogs zum Beispiel für Rechercheansätze der nächsten Stufe, in denen Interviewpartner oder Nischenliteratur der Recherche am Bildschirm vorgezogen werden.
Elektronische Zeitschriftenbibliothek (EZB) und Bibliothekskataloge: Ein wahrer Ideenspeicher verbirgt sich in der Elektronischen Zeitschriftenbibliothek. Die EZB ist eine Datenbank wissenschaftlicher Zeitschriften, die von Fachbereichsbibliotheken und Forschungseinrichtungen gespeist wird. Insgesamt sind in der EZB mehr als 99.300 Texte in Vollversion verfügbar, von denen Sie rund 64.300 kostenlos einsehen können. Die Auswahl an Fachgebieten, in denen Sie stöbern können, ist ein einziges Rechercheparadies. Fachzeitschriften aus den Bereichen Sprach- und Literaturwissenschaft, Anglistik, Archäologie, Kunstgeschichte, Medizin oder Psychologie dürften nicht nur Leser-, sondern auch eigene Interessen zufriedenstellend stillen. Für die gelungene Recherche bedarf es zwar einiger Skills. Autodidakten werden mit der Datenbanknutzung aber nicht überfordert sein. Die EZB wird primär von der Universität Regensburg betreut und ist unter dem etwas umständlichen Link https://rzblx1.uni-regensburg.de verfügbar. Neben der EZB bieten aber auch allgemeine Bibliothekskataloge eine anschauliche Textdichte. Nachdem die Recherche in Onlinekatalogen doch recht anspruchsvoll sein kann – die Fülle an Textmaterial ist schier unglaublich –, bieten Bibliotheken oftmals auch Rechercheseminare an. Dieses Angebot sollten vor allem Autoren, die an Historienromanen oder Biografien arbeiten, auf keinen Fall ausschlagen.
Social Media: Die Zugkraft, die von Social-Media-Plattformen ausgeht, ist ebenfalls nicht zu unterschätzen. Einerseits öffnen sie ein Fenster zur Sekundärrealität, die die Primärrealität auch aus der Distanz erfahrbar macht. So erweist sich zum Beispiel die Hashtagsuche auf Instagram als überaus wertvoll, will man Kulissen für die eigene Geschichte gewinnen. Die Suche nach Orten zum Beispiel ermöglicht Einblick in ausgewählte Etablissements am anderen Ende der Welt. Archetypische Cafés und Lokale lassen sich in der Bild-App ebenso aufstöbern wie Aussichtsplattformen oder Almwiesen. Andererseits besteht auch Kontaktpotenzial mit Personen, die vormals aufgrund von räumlicher oder sozialer Entfernung außerhalb der eigenen Reichweite lagen. Sie wollen mehr über eine Person des öffentlichen Lebens erfahren? Versuchen Sie es mit einer Privatnachricht auf Facebook, Sie werden überrascht sein, wie nah Social Media selbst unerreichbare Persönlichkeiten erscheinen lässt. Für die Konstruktion und Rekonstruktion von Objekten bietet Pinterest die passenden Bildwelten. Die App erübrigt Impressionen im Überfluss und bietet einen unendlichen Vorrat an Vorlagen für Stillleben in Wort und Schrift.
4.1.2 Offline
Analoge Recherche mag nicht mehr en vogue sein, empfehlenswert ist sie jedoch allemal. Insbesondere wenn wir etwas eindringlich beschreiben wollen, was sich der direkten Erfahrbarkeit entzieht, ist die reale der virtuellen Welt vorzuziehen. Nicht zu unterschätzen ist außerdem die Wirkung, die ein frischer Eindruck auf uns haben kann. Neue Umgebungen, Menschen und Situationen inspirieren auch zu Ausschweifungen der Fantasie. Um gute Geschichten zu schreiben, müssen Sie Ihrer Kreativität bewusst auch Pausen gönnen. Die zuvor erwähnte Schriftstellerin und Journalistin Dorothea Brande befürwortete überhaupt eine völlige Loslösung von Literaturrezeption und -produktion in der Freizeit. Um Sprache und Stil frisch und lebendig zu halten, brauche es ihrer Meinung nach auch Abstand von der Welt des geschriebenen Worts. Ein paar Rechercheansätze in Offlinesphären halten wir hier für Sie bereit:
Bibliotheken: Bibliotheken sind die Ruhezonen der Recherchewelt. Sie werden kaum einen Ort finden, der so viel Zurückgezogenheit, Ruhe und Geduld aufbietet wie eine Bibliothek. Darüber hinaus sind Bibliotheken der Schlüssel zu Wissen, das nicht in digitalisierten Räumen aufgebahrt liegt. Vor allem, wenn Sie Historisches forschen wollen, werden Sie in den zahlreichen Archiven von Bibliotheken und Fachbereichsbibliotheken fündig werden. Stumme Zeitzeugen, die viel zu sagen haben, finden Sie in den umfangreichen Zeitungs- und Zeitschriftensammlungen. Der Wissensvorrat von Bibliotheken ist übrigens kostenlos. Greifen Sie zu. Sie werden es nicht bereuen.
Museum: Die Vielfalt an Museen ist der ihrer Exponate ebenbürtig. Die Auswahl reicht vom Kunst- übers Literatur-, Bezirks-, Fälscher-, Feuerwehr-, Film-, Geld-, Kaffee-, Porzellan-, Papyrus-, Puppen- und Rauchfangkehrer- bis zum Müllmuseum. Ein Museum birgt auch die mobilisierende Kraft zu einem ersten Gedankenanstoß. Hier werden Sie etwas finden, ohne etwas Konkretes gesucht zu haben. Womöglich wollen Sie ein Buch schreiben, das sich im Milieu von Kleinkriminellen zuträgt, Ihnen fehlt aber noch eine bestimmte Idee? Dann stöbern Sie doch zum Beispiel in einem Fälschermuseum zwischen Stil- und Totalfälschungen. Vielleicht begegnen Sie inmitten von Plagiaten erstmals Ihrer Hauptfigur. Anstatt auf klassische, kommerzielle Ausstellungen zu setzen, sollten Sie sich in Zukunft außerdem in den Bereich der Sonderausstellungen vertiefen. Oftmals verlangen auch die Berufe, mit denen Sie Ihre Protagonisten etikettieren, ein Mindestausmaß an Recherche. Der engagierte Fotojournalist, der in den Goldenen Zwanzigern sein Glück sucht, sollte zumindest peripher mit Begriffen aus der Kunst der Radierung und des Kupferstichs vertraut sein. Greifbar wird ein solches Metier zum Beispiel in der Sonderausstellung eines Museums, das sich auf Fotografie, Fotojournalismus und Druckgrafiken spezialisiert hat.
Antiquariat: Kennen Sie Donna Tartts Meisterwerk „Der Distelfink“? Mit ihrem Beststeller gelingt Tartt der Kunstgriff, einen ganzen Roman um ein einziges Objekt aufzuspannen. Anfangs- und Endpunkt allen Geschehens ist ein Gemälde des Rembrandt-Schülers Carel Fabritius mit dem Titel „Der Distelfink“. Der Roman beweist, dass schon das Recherchematerial zu nur einem Gegenstand ausreicht, um ein ganzes Buch daraus zu schaffen. Flanieren Sie also bei nächster Gelegenheit wieder einmal über einen Flohmarkt oder atmen Sie in den Nostalgiegeschäften verquerer Seitengassen den Geruch von Antiquitäten. Wenn Sie noch nach einem Objekt suchen, das sich als Symbolträger Ihres Werks vergegenständlichen soll, sind Sie bei Antiquitätenhändlern an der richtigen Adresse.
Schauplätze: Sammeln Sie Orte, keine Souvenirs. Um Schauplätze zu beschreiben, reicht manchmal schon die Bildrecherche im Internet. Wenn ein Ort aber einen besonderen Stellenwert im Leben einer Figur einnehmen soll, braucht es schon einen schärferen Blick. Die Jugendfreunde, die ihre Mitternachtstreffen in eine Waldhöhle verlegen, verdienen mehr als eine klischeehafte Kulisse. Um Ihre Szene lebendig zu gestalten, sollten Sie die Vor-Ort-Recherche nicht vernachlässigen. Viel mehr als das rein visuelle zählt auch das atmosphärische Erfahren. Suchen Sie sie also auf, die entlegene Höhle im Wald, fühlen Sie die Kälte des Gesteins und lauschen Sie dem Röcheln des Bachs, der im Hohlraum hinter der Wand versiegt. Wenn es um Szenenbeschreibungen geht, scheuen Sie sich nicht vor einem Abenteuer. Ihre Leser werden es durchschauen, wenn Sie schummeln.
Personen: Ob Zeugen der Gegenwart oder der Zukunft, suchen Sie das Gespräch mit Menschen, die die Zeitgeschichte mit Kennerblick verfolgen. Ziehen Sie nicht nur Interviews mit Zeitzeugen, sondern auch mit Experten, Wissenschaftern, Berufsvertretern oder Betroffenen in Betracht. Wenn Ihre Protagonistin Pharmazeutin ist, werden Sie mehr über deren Alltagsbanalitäten erfahren, wenn Sie das persönliche Gespräch mit einer solchen suchen. Spezifische Wissenschaftsbereiche durchdringen Sie mitunter nur durch den Blick eines Professionisten. Martin Suter zum Beispiel hat für seinen Roman „Elefant“ regelmäßigen Kontakt mit einem Alzheimerforscher gepflegt, der ihm das Gentechnikprinzip hinter leuchtenden Tieren, sogenannten „Glowing Animals“, begreiflich gemacht hat. Auch das Expertengespräch befähigte Suter dazu, aus der Gentechnikdebatte einen kleinen, rosaroten Minielefanten zu formulieren. Natürlich hatte auch die Fiktion einen erheblichen Anteil daran. Doch die Möglichkeiten der Gentechnik erschlossen sich Suter erst durch die Konsultation eines Gelehrten. Nehmen Sie sich ein Beispiel und forschen Sie in fremden Gesichtern.
Biografien: Gibt es berühmte Persönlichkeiten, die Sie inspirieren? Sie wären nicht der erste Vertreter der Fiktion, der sein Wissen zu einer faktenbasierten Biografie verarbeitet. Schon der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig hat sich berühmter Persönlichkeiten wie Marie Antoinette, Maria Stuart oder Michel de Montaigne angenommen. Biografien bieten aber auch üppiges Recherchematerial. Meistens gewinnt man Einblick in das Umfeld von Menschen, die sich in anderen Gefilden bewegen. Haupt- und Randakteure stehen außerdem genügsam Modell für Ihre individuelle Figurenstudie. Doch nicht nur eine fremde, sondern auch Ihre eigene Biografie sollte Sie zum Nachforschen anhalten. Haben Sie schon einmal Stammbaumforschung betrieben? Suchen Sie in Ihrer Genealogie, in Ihren Wurzeln nach interessanten Lebensgeschichten. Sie wären nicht der Erste, der jenen Stoff, der in den eigenen Dachböden, Fotoalben, Liebesbriefen oder Sofaritzen nistet, zu einem Roman verarbeitet.
Zielgruppe: Kennen Sie Ihre Zielgruppe! Ein Claim, der eigentlich dem Marketing entnommen ist, sollte auch Ihnen Postulat sein. Je nach Genre differenzieren Sie auch Ihre Interessensgruppe. Zwar mag der Ansatz vor allem auf Romantiker rational wirken, dennoch ist er essenziell. Für Ihre Leser macht es sehr wohl einen Unterschied, ob Sie Fiction oder Nonfiction, Kinder- oder Jugendliteratur, einen Liebes- oder Historienroman schreiben. Der Vorteil der Zielgruppenrecherche besteht in der zielgerichteten Stil- und auch Inhaltsgestaltung. Studieren Sie schon vorab die Interessen Ihrer zukünftigen Leser. Darin finden Sie auch den Stoff, dessen Weiterverfolgung und _verarbeitung sich lohnt. Welche Themen beschäftigt die Babyboomers? Womit hadert die Generation Y? Nach welchen Kriterien wählen gewissenhafte Eltern Kinderbücher aus? Und wie ist es um das Bücherangebot im Bereich Fair Fashion bestellt? Studieren Sie Trends in Zeitungen, Zeitschriften und Umfragen aus der Markt- und Meinungsforschung. Finden Sie heraus, was Ihre Zielgruppe bewegt und bauen Sie Ihr literarisches Motiv auf Ihren Rechercheergebnissen auf.
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