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Die Unaussprechliche
Wolf Awert
Band 5 der Drachenblut-Reihe
©Wolf Awert2020
Machandel Verlag Haselünne Charlotte Erpenbeck
Cover: Detlef Klewer
1. Auflage 2020
ISBN 978-3-95959-184-3
Karte der Welt Halva

Tamalone
Als Tama die Augen wieder aufschlug, sah sie in das besorgte Gesicht eines weißen Drachens. „Pando?“, hauchte sie.
„Bleib liegen. Alles ist gut. Ruhe dich aus. Hier gibt es nichts und niemanden, der dir etwas antun könnte.“
„Es tut so gut, deine Stimme zu hören. Für einen Moment hatte ich schon gedacht, ich hätte mir den weißen Drachen nur erträumt. Wie schön, wenn sich jemand um einen sorgt. Ich habe die ganze Zeit gewusst, dass du ein Drache bist. Na ja, vielleicht nicht die ganze Zeit. Am Anfang ganz bestimmt nicht. Aber zum Schluss schon.“
„Was war los mit dir? Wie geht es dir? Du bist ohnmächtig geworden. Hast du das gemerkt?“
„Es geht mir gut“, sagte Tama. „Ich bin nur etwas schwach auf den Beinen.“ Sie versuchte, sich aufzurichten. Dabei rutschten ihr einige Pflanzen von ihrem Körper und fielen auf den Boden. „Was sind das für schöne Blumen. Sind die von dir?“
„Blumen kann man diese Pflanzen kaum nennen. Einfach irgendwelche Pflanzen. Vielleicht kannst du mit ihnen etwas anfangen.“
Sie schaute auf die verwelkten Blüten, denen die lange Reise deutlich anzumerken war. „Sie sind schön und sehr kraftvoll. Woher hast du sie?“
„Ich habe sie in der Nähe eines versumpften Tümpels gefunden, irgendwo am Rand eines Stück Elfenwaldes. Dort, wo sich früher einmal ein Holzfällerlager befand.“
„Dort also bist du herumgelaufen“, sagte Tama, sammelte die Pflanzen auf und steckte sie ein.
„Mitten im Wald und etwas abseits jener Spuren, die mir verrieten, wo das Lager einmal errichtet worden war, gibt es einen Tümpel. Oder besser gesagt, ein Giftloch. Dort habe ich sie gefunden.“
Tamas Körper versteifte sich. Sie spürte die plötzliche Nässe am Rücken, dann die Kälte, wie sie sich durch den ganzen Körper ausbreitete. Sie schnappte nach Luft, denn das Wasser drang in ihre Nase ein, wobei gleichzeitig Feuer durch ihre Knochen rann. Ein kaltes Feuer ohne das kleinste Anzeichen von der Wärme des Lebens. Sie hustete.
„Da bin ich mal hineingefallen“, keuchte sie, als bekäme sie in diesem Augenblick so wenig Luft wie damals. „Beim Spielen. Irgendwer hat mich wieder herausgefischt. Ich muss Wasser geschluckt haben, und das Wasser war giftig. ‚Mutter‘ hat mich viele Tage lang gepflegt. Aber am Ende wurde ich wieder gesund, und es ist kein Schaden zurückgeblieben.“
„Man kann es Gift nennen. Ich nenne es zu viel Magie. Wenn jemand das überlebt, muss nicht immer ein Schaden zurückbleiben“, sagte Pando. „Trotzdem ist es ein Wunder, dass du noch am Leben bist.“
Tama holte einige der Pflanzen wieder aus ihrer Tasche und roch daran. „Sie sind magisch. Ist es das, worauf du hinaus willst?“
„Ich will auf gar nichts hinaus. Ja, sie sind magisch. Aber es ist keine Drachenmagie und auch nicht die Magie der Elfen. Es ist Naturmagie in hoher Konzentration. Ich nenne es für mich immer Halvas Zauber.“
„Du bist ja ein Poet. Jetzt weiß ich endlich, wo du dich herumgetrieben hast, als du so schnell aus NA-R verschwandst. Aber was machst du ausgerechnet hier? Kannst du dir nicht vorstellen, dass ich mir Sorgen um dich gemacht habe?“
„Was? Ich bin der mit den Sorgen. Und du erzählst mir jetzt erst einmal, was mit dir los ist.“ Der weiße Drache blies Tama ins Gesicht, dass ihre Haare in seinem Atemhauch hin und her wehten.
„He, lass das“, schimpfte sie lachend, wurde aber rasch wieder ernst. „Es war ein Schwächeanfall. Mehr nicht. Ich hatte plötzlich das Gefühl, die ganze Welt würde über mir zusammenbrechen und mich unter ihren Trümmern begraben. Ich kann das nicht. Ich kann doch nicht ganz allein die ganze Welt vor ihrem Zusammenbruch bewahren. Wie soll ich das denn anstellen? Noch nicht einmal ein Drache könnte das. Und ich bin nur ein schwaches Mädchen aus dem Volk der Menschen.“
Pando gluckste gutmütig vor sich hin. „Was du immer redest. Niemand kann allein die Welt retten. Wie kommst du auf die Idee, ausgerechnet du solltest das können?“
„Aber deine Mutter hat doch gesagt …“
„Ich weiß nicht, was meine Mutter gesagte hat. Aber sicher ist, dass sie auch nicht mehr sagen kann, als sie weiß. Und sie weiß nicht viel. Sie weiß fast gar nichts.“
„Aber sie ist ein Drache.“
„Ja, ist sie, aber das macht sie nicht allwissend. Es ist zwar richtig, dass wir Drachen die Hüter des alten Wissens sind, und Einige denken, dass wir wie Krüge bis zum Rand mit Weisheit gefüllt sind.“ Pando lachte erneut auf. Dieses Mal klang es, als hätte er einen Schluckauf. „Aber die Welt hat sich verändert, und niemand weiß, was von dem alten Wissen noch gültig ist und was die Zukunft von uns fordert. Woher also soll sie etwas über dein Schicksal wissen. Ja, ja“, sagte der weiße Drache, als er sah, dass Tama ihn unterbrechen wollte. „Ich weiß, dass jemand meine Mutter besucht und ihr etwas erzählt hat. Aber was das war, kann ich nicht sagen. Was meine Mutter davon verstanden hat, weiß ich ebenfalls nicht. Nur, dass das Schicksal eine wichtige Rolle für dich vorgesehen hat, scheint klar zu sein. Den Verdacht hatte ich schon lange. Das bedeutete aber nicht, dass bereits feststeht, wie diese Rolle aussieht.“
„Deine Mutter ist Ehrfurcht gebietend und mir ein einziges Rätsel. Du musst mir alles über sie erzählen, was du weißt, hörst du? Oder glaubst du immer noch, ich wäre zu jung für die ganze Wahrheit?“
Pando schwieg ein paar Atemzüge lang verlegen, bevor er antwortete. „Wenn du mich so fragst, ja, das glaube ich immer noch. Aber wenn sie dir schon Einiges erzählt hat, kann ich dich nicht mehr vor der Wahrheit schützen. Und so viel mehr weiß ich auch nicht. Als ich beschloss, zur ihr zu fliegen, hatte ich nur noch ein paar verschwommene Erinnerungen an sie. Ich hatte den Hort früh verlassen, wie es der Drachen Art ist. Du kannst dir nicht vorstellen, wie überrascht ich war, dass sie sich noch an mich erinnerte. Und noch überraschter war ich, als ich erfuhr, dass sie mir einen Namen gegeben hatte.“
„Ich auch. Tochter der Liebe und Vergebung. Ein so schöner Name. Aber er klang gar nicht nach dir, und das machte mich schon wieder schwankend in meiner Meinung, dass du ein Drache bist. Doch dann dachte ich, dass dein Name vielleicht mehr über den sagt, der ihn dir gab, also deine Mutter, als über den, der ihn trägt.“
Ich weiß so wenig über meine Mutter, weil ich nicht mit ihr reden konnte - damals. Sie lief ständig in Menschengestalt herum, und ich war lieber Drache als Mensch.“
„Ich dachte Drachen ziehen ihre eigene Form allen anderen vor. Gab es dafür einen Grund, dass sie lieber als Mensch lebte?“
„Sicher. Ihr Mann lebte bei ihr.“
„Ihr Mann? Meinst du, dass sie mit einem Menschen zusammengelebt hat? Er muss dann dein Vater gewesen sein.“
„Er war unser beider Vater. Meiner und der meiner Schwester. Sie hat den Hort verlassen, sobald sie dazu in der Lage war. Nichts hielt sie zurück. Ich wollte ursprünglich bleiben, aber meine Mutter und ich, wir begannen zu streiten, bis auch ich sie irgendwann verließ. Ich glaube, sie wollte es so. Aber die Zeiten haben sich geändert. Nichts ist mehr, wie es war.“
„Du hast eine Schwester? Wie stand sie zu deinem Vater?“
„Wir haben ihn beide gehasst. Aber heute würde ich ihn lieben. Er muss ein ganz besonderer Mensch gewesen sein.“
„Und deine Schwester?“
„Habe ich nie mehr gesehen.“
„Ihr seid beide gegangen, aber nur du kamst zurück. Warum?“
„Ich bin gegangen, weil ich bezweifelte, dass die Drachenberge mein Land sind. Und jetzt bin ich zurückgekommen, weil ich nicht mehr weiß, ob es überhaupt irgendwo ein Land gibt, das ich als mein Land betrachten kann.“
Tama schüttelte den Kopf. „Ich weiß gar nicht, was ich zuerst fragen soll. Mit jeder Antwort wird das Durcheinander größer. Aber wenn man nicht weiß, wohin man gehört, dann kehrt man nicht dorthin zurück, wo man als Erstes das Gefühl hatte, am falschen Ort zu sein.“
Der weiße Drache schwieg. Tama versuchte, in seinem Gesicht zu lesen. Bei Pando, der Raubkatze, war ihr das manchmal gelungen. Auch bei Pando, dem Bären. Aber bei dem weißen Drachen stellte sich das als unmöglich heraus. „Nun sag schon“, brach es endlich aus ihr heraus.“
„Ich bin aus zwei Gründen hier: Einmal weil ich einen Rat brauchte und einmal wegen dir. Ich wollte mir dir reden.“
„Du wusstest also, dass ich in die Drachenberge wollte. Von wem? Und was kann denn so schwierig sein, dass du mir nicht einfach sagst, worum es geht?“ Tama war verärgert und ließ es Pando auch merken. Doch den schien das nicht zu erschüttern.
„Es ist schwierig, es zu erklären. Ich bin ein Halbdrache. Die Menschen würden mich fliehen, sähen sie mich in dieser Form, und die Drachen würden mich wahrscheinlich verjagen, weil sie meine Schwäche erkennen. Als Gestaltwandler bin ich sowohl Drache als auch Mensch. Aber mein Gefühl sagt mir, dass ich weder das eine noch das andere bin. Verstehst du? Ich gehöre nirgendwo hin.“
Tama verstand und war bereits wieder halbwegs besänftigt. „Nur zu gut verstehe ich das“, sagte sie.
„Ich bin viel zu spät dran“, sagte Pando.
„Womit? Nun lass dir doch nicht ein Wort nach dem anderen abhandeln.“
„Ist das nicht klar? Ich bin für einen Drachen immer noch recht jung und das jüngste Kind meiner Mutter. Und trotzdem bin ich bereits zu alt. Ich habe immer noch keine Zeit für eine Begegnung gefunden, obwohl mich mein Körper jedes Jahr nachdrücklich dazu auffordert. Ich wollte von meiner Mutter wissen, ob es etwas ausmacht, dass ich mich gegen meine Drachennatur wehre und ob mein Zögern mir irgendwann einmal schaden wird.“
„Du meinst …“
„Ja, eigene Kinder. Ich hätte längst eigene Kinder haben sollen, wollte aber nicht.“
„Und was hat deine Mutter gesagt?“
„Sie konnte meine Frage nicht beantworten, aber schalt mich einen Tölpel und Narren.“
Tama nickte. Tief in Gedanken versuchte sie, Pandos Ringen zu verstehen. Es gelang ihr nicht.
„Aber warum gibst du dem Verlangen deines Körpers denn nicht nach?“
„Verstehst du denn nicht?“ Hätten sie nicht in Gedankensprache miteinander geredet, hätte Pandos Schrei der Verzweiflung das Bergwild in die Flucht getrieben. „Ich bin ein Halbdrache. Wenn der Drache in mir wollte, verbat es ihm der Mensch in mir. Und wenn der Mensch wollte, war nie der rechte Augenblick. Ist das denn so schwer zu verstehen?“
Tama schüttelte bedächtig den Kopf. „Die Liebe führt ihre eigene Herrschaft. Sie ist sehr mächtig und kann alles auf den Kopf stellen. Manchmal überfällt sie einen – habe ich gehört. Manchmal kommt sie wie ein Dieb in der Nacht, bleibt unbemerkt und verändert doch ein ganzes Leben. Mir geht es ähnlich. Ich habe Angst vor dem, was vor mir liegt. Aber ich habe keine Angst um mein Leben. Nur ein Gedanke erschreckt mich. Wäre es nicht entsetzlich, zu sterben, ohne vorher geliebt zu haben? Die eine Liebe erlebt zu haben, die einen von innen und außen erfüllt, vergoldet und einzigartig macht? Ohne das wäre ein Leben nichts wert. Oder doch?“
„Du sprichst, als würdest du die Liebe bereits kennen.“
„Ach, Pando. Ich bin ein dummes Ding, das nicht von seinen Träumen lassen kann.“
Der weiße Drache reckte den Hals und erschien ganz plötzlich größer und stärker. „Du bist alles andere als ein dummes Ding. Vielleicht solltest du über deine Träume mal mit jemandem reden, der etwas mehr davon versteht als ich, ein Halbmensch. Ich weiß von der Liebe, aber nur, dass es sie gibt und dass sie eine mächtige Kraft ist. Der Drache in mir sagt, dass sie Feuermagie ist, ein reines Feuer, das keinen Rauch erzeugt. Nicht mehr.“
Der Drache in mir … Wie sollte sie mit Pando über Liebesdinge reden können, wenn er mal als Mensch und mal als Drache sprach? Und außerdem – jetzt war auch nicht die rechte Zeit dazu. Zu mächtig noch lasteten die Worte Kriechers auf ihr. Die Welt will sich selbst vernichten. Die Zukunft lässt sich lesen. Du bist so schwach, dass ich nicht weiß, wie du überleben willst. Und ihre Hand verkrampfte sich noch immer um die Drachenschuppe, die sie selbst dann nicht losgelassen hatte, als ihr die Sinne schwanden. Nein, jetzt war wirklich nicht die Zeit, über die Liebe zu plaudern. „Entschuldige“, sagte sie. „Ich rede die ganze Zeit nur von mir und dem, was mir bevorsteht. Aber du wolltest noch etwas Wichtiges mit mir besprechen.“
„So wichtig ist es nicht mehr. Wie geht es Aureon?“
„Bei allen Geistern des Dunkels, wie kommst du jetzt ausgerechnet auf den? Gut, schätze ich. Er und sein Bruder haben mich durch das Dunkel aus dem Elfenviertel ins Viertel der Gestaltwandler gebracht. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen.“
„Fehlt er dir denn nicht?“
„Jetzt, wo du es sagst. Ja, doch. Ich weiß nicht. Nein, er fehlt mir nicht. Aber ein wenig vielleicht schon.“ Tama verstummt, horchte in sich hinein. „Merkwürdig“, murmelte sie und verstummte erneut.
„Was ist merkwürdig?“, fragte Pando, nachdem Tamas Schweigen länger und länger andauerte.
„Es ist noch gar nicht so lange her, da habe ich gedacht, dass in meinem Herzen kein Platz für irgendetwas anderes als Aureon war. Und jetzt … Es fühlt sich an, als wäre das alles in einem Leben geschehen, das bereits lange zurückliegt. Die Erinnerungen sind so blass, unsere Neckereien ohne Bedeutung. War ja auch so. Was bedeuten schon Neckereien.“
„Wir haben uns auch geneckt. Erinnerst du dich?“
Tama seufzte erneut. Dieses Mal abgrundtief. „Die hatten eine Bedeutung. Du wolltest damit von der Wahrheit ablenken, und ich musste gewaltig aufpassen, um dir auf die Schliche zu kommen.“ Tama lächelte versonnen. „Wäre ich aber nicht, wenn du dich nicht selbst verraten hättest.“
„Das musst du entschuldigen. Das war meine Sorge um dich. Die hat mich meine Vorsicht vergessen lassen.“
„Ist ja auch schon fürchterlich lange her. Aber was wolltest du mir sagen?“
„Es war der Rat, den meine Mutter mir letztendlich gab.“
„Der, um den du gebeten hattest?“
„Nein. Oder vielleicht doch. Sie hat mich gar nicht verstanden. Aber das lag daran, dass sie ein Drache ist und trotz ihres letzten Mannes zu wenig von den Menschen versteht. So gab sie einem Drachen den Rat eines Drachen und sagte mir, ich dürfte nicht länger warten.“
Tama fühlte einen Stich. Pando als Oberhaupt einer eigenen Familie, für die er sorgen musste. Das war ein Gedanke, der so fremdartig war, dass er in ihrem Kopf alles wund scheuerte. Doch nicht ihr Pando, ihr Spielgefährte, Seelentröster und Kampfgefährte. Der doch nicht.
„Und hast du denn schon jemanden ins Auge gefasst?“
„Ja.“
Wie kurz und knapp er das sagte. Und wie endgültig es klang. „Wen hast du dir denn ausgeguckt?“ Gleichgültig sollte das klingen, aber den schnippischen Unterton hörte sie selbst heraus, kaum dass ihre Worte den Mund verlassen hatten. „Entschuldige“, sagte sie. „Aber an den Gedanken muss ich mich erst gewöhnen.“
„Nichts zu entschuldigen.“
„Nun sag schon. Wen?“
„Dich.“
Noch nie hatte ein einzelnes Wort sie und die Welt um sich herum so auf den Kopf gestellt. Sie merkte, wie die Schwäche zurückkam, tastete nach Halt und fand ihn an einem Felsblock. Wie wohl dieses eine Wort tat, und wie viel Schrecken es mit sich brachte. Sie konnte doch nicht … Und außerdem … Die Reihenfolge stimmte doch gar nicht. Sollte man sich nicht erst ineinander verlieben? Schauen, ob es mehr war als ein Rausch? Dann eine gemeinsame Zukunft … Jedenfalls wenn man ein Gefühl für Verantwortung hatte. Es gab ja auch andere Leute. Leichtsinnige Traumtänzer, denen der nächste Tag egal war. Es gab sogar … Tama rief sich zur Ordnung.
„Noch nie hat mir jemand ein schöneres Kompliment gemacht als du. Ständest du jetzt nicht ausgerechnet in der Gestalt eines Drachen vor mir, würde ich dir um den Hals fallen. Aber ich kann doch nicht die Frau eines Drachen …“ Tama stockte die Stimme.
„Ich bin auch ein Mensch.“
„Ja, ich weiß. Ich kenne Dorman.“
„Du magst ihn nicht. Stimmt doch. Oder?“
Tama nickte. „Er ist mir zu alt, zu bestimmend. So ähnlich habe ich mir mal meinen Vater vorgestellt, aber ganz bestimmt nicht den Mann meiner Träume.“
„Ich weiß. Er war eine schlechte Wahl. Aber ich habe ihn ja auch nicht für dich erschaffen, sondern für Lufthauch, weil der jemanden brauchte, der ihm Respekt einflößte. Wenn du mir den Mann deiner Träume beschreibst, kann ich ihn für dich erschaffen. Ich kann das.“
Tama verbarg ihr Gesicht in beiden Händen. Als sie Pando wieder anschaute, glänzte es feucht. „Du verstehst nicht“, flüsterte sie. „Wie soll ein Mädchen einen Jungen lieben, der heute so und morgen so aussieht. Da sind mir deine Tiergestalten ja schon lieber. Der nette, tröstende und verständige Bär, die energische Raubkatze und der alberne Ledervogel. Merkst du was? Sogar deine Tiere waren ganz unterschiedliche Gestalten. Pando, wenn du gerade kein Drache bist, was für ein Wesen bist du dann überhaupt?“
Tamas Frage hing in der Luft wie ein großes Spinnennetz zwischen den Ästen verschiedener Büsche. Sie bewegte sich mit dem Wind, doch sie trieb nicht davon. Sie veränderte die Form und blieb doch gleich, zitterte, verbog sich, dehnte sich aus und zog sich wieder zusammen, begann sich …
Pando versuchte es noch einmal, und das Spinnennetz zerriss. „Ich kann leicht eine andere Person erschaffen, die mit Dorman nichts gemeinsam hat. Vielleicht würde er dir zunächst wie ein Fremder erscheinen, aber der wäre genau so echt oder unecht wie alle anderen. Du könntest alle deine Träume in mich hineinstecken und mich so machen, wie du mich haben möchtest. Ich kann dir das erfüllen. Ich bin einer der besten Gestaltwandler, habe nur von einem Halbdrachen gehört, der noch besser sein soll ich.“
„Pando, Liebster“, sagte Tama zu dem weißen Drachen und kuschelte sich an ihn. „Wo hast du nur deinen Kopf. Ich kann mir dich doch nicht zusammenwünschen. Ich will, dass du so aussiehst, wie du bist. Aber du weißt nicht, wie du bist, und ich weiß es erst recht nicht. Manchmal bist du mir ganz vertraut und dann wieder unvermutet fremd. Ich möchte in dir dein Ich erkennen. Im Pando sehe ich es, egal ob Bär oder Katze. Aber wer ist deine menschliche Seite?“
„Das weiß ich noch nicht. Ich suche noch. Ich muss meinen menschlichen Teil erst noch finden.“
„Dann helfe ich dir dabei.“
„Es wird vielleicht sehr lange dauern.“
„Ich kann warten.“
„Dein Leben könnte zu kurz dafür sein.“
„Gar nicht zu wissen, wer man ist, noch nicht einmal zu wissen, wie man aussieht, ist beinahe so, als würde man gar nicht existieren.“ Tama schluckte. Wie sollte sie Pando, ohne ihm weh zu tun, sagen, dass seine Drachenform für sie ein Tier war? Und dass mit einem Tier nie mehr möglich war als eine tiefe Freundschaft? Sie nahm all ihren Mut zusammen und versuchte es mit vorsichtigen Worten. „Um meine Liebe brauchst du nicht zu kämpfen. Ich liebe dich schon lange. Aber es ist die falsche Art von Liebe. Es ist nicht die, die du brauchst und haben möchtest. Verstehst du?“
„Ich verstehe nur, dass mein Vorschlag zu früh kam.“ Pando wurde jetzt energisch. „Deshalb ziehe ich ihn wieder zurück. Ich habe die Schwierigkeiten als zu gering eingeschätzt. Deshalb vergiss meinen Vorschlag einfach. Aber ich will nicht, dass du glaubst, Pando wäre nur ein Name für eine beliebige Gestalt oder für meine Drachen- oder Gestaltwandlerseite. Das wäre so falsch wie Mondstaub auf der Sonne. Ich will, dass du mich wenigstens einmal so siehst, wie ich bin, wie ich mich fühle, wenn ich nicht die Gestalt eines Drachen angenommen habe. Und du wirst Bär, Katze und Ledervogel in mir wiedererkennen, obwohl ich ein Mensch bin. Gehen wir ein paar Schritte zusammen?“
Tama fühlte sich immer noch schwach auf den Beinen. Aber sie mochte Pando seinen Wunsch nicht abschlagen. „Wo möchtest du denn hin?“
„Egal, nur weg von hier. Dieser Ort ist ein Versteck. Ich möchte mich mit dir irgendwo hinsetzen, wo wir das Land sehen können.“
„Es ist dein Land, das du mir zeigen möchtest, nicht wahr? Das Drachenland.“
Pando ging vor Tama her und führte sie zu einer Stelle, wo Boden und Gestein zu ihren Füßen weggebrochen waren und keine Büsche mehr den Blick beeinträchtigen konnten. Die Aussicht an diesem Ort, konnte jedem, der sich die Zeit nahm zu schauen, den Atem rauben. Die Sonne sank und veränderte ihr Licht dabei, entnahm ihm das kalte Blau, ersetzte es durch Gelb und Rot und vergoldete damit die Berghänge um sie herum.
„Setz dich hin und warte hier auf mich. Ich komme bald wieder.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, schlug sich der weiße Drache in die Büsche. Tama fröstelte in dem Bergwind unter der tief stehenden Sonne. Sie hatte sich noch nie so allein und verlassen gefühlt.
Lufthauch
Lufthauch war nicht nach NA-R zurückgekehrt. Noch nicht. Er lag flach auf dem Bauch, spähte durch Astgewirr und Blätterflattern und hatte alles mit angesehen: die Ankunft des weißen Drachen, wie Kriecher Tama etwas gab, das er nicht erkennen konnte, wie sie lange miteinander redeten, ohne dass sein Ohr auch nur einen einzigen Laut ausmachte, wie Kriecher endlich wieder verschwand, und Tama allein mit dem weißen Drachen zurückblieb. Sein Schmerz, nicht dabei sein zu dürfen, wollte nicht weichen und die Zeit zog sich wie eine Bogensehne bei langem, sorgfältigem Zielen, als er mit ansehen musste, wie Tama die Arme in einer Geste von Freude und Willkommen ausbreitete, zwei unbeholfene Schritte hin zu dem weißen Drachen machte, stolperte und zusammenbrach. Sein Herz tat noch einen harten Doppelschlag, der seinen Kopf vibrieren ließ, und stellte dann seine Arbeit ein. Es schlug erst wieder, als sie mit den Knien auf der Erde aufkam und mit dem Kopf auf dem Drachen landete. Alles in ihm schrie auf, und er wollte losrennen, um zu helfen. Doch das war ihm verboten. Auf keinen Fall aber würde er sich auch nur einen Schritt weiter weg bewegen, bevor nicht mit absoluter Sicherheit feststand, dass es Tama gut ging.
Was war los mit ihr? Lag es an dem, was Kriecher ihr gegeben hatte? Drachen besaßen nichts und hatten deshalb auch nichts zu verschenken. Was also konnte es sein? Er würde mit Tama darüber reden müssen. Nachdem sie wieder aufgewacht war. Wenn sie überhaupt aufwachte. Und Sumpfwasser ging das alles nichts an. Zumindest im Augenblick nicht. Später? Vielleicht. Wahrscheinlich dann aber auch nicht.
Lufthauch verfluchte sich, weil er in diesen bangen Momenten nichts tun konnte, und so drehten sich seine Gedanken im Kreis, jagten einander, spielten Fangen mit blutigem Ernst. Nur der weiße Drache schenkte ihm Trost. So wie der sich um Tama kümmerte, steckte unter dem Schuppenkleid Pando. Es musste Pando sein. Und damit würde Tama in jedem Fall sicher nach NA-R gelangen, wenn nicht etwas wirklich Schlimmes passiert war.
Neben Tamas Wohlbefinden lasteten aber auch noch ganz andere Dinge auf seiner Seele, die er nicht verstand und mit denen er wenig anzufangen wusste. Drachen waren Gestaltwandler, hatte er erfahren, und ihr Oberhaupt, wenn man den alten Drachen so bezeichnen konnte, hatte eine Vorliebe für die jungen Frauen der Elfen, was nicht immer ohne Folgen geblieben war. Und das allein sollte die Wahrheit hinter den Legenden der Elfenhelden sein? Das konnte er sich nicht vorstellen, denn wenn der Alte sein Spielchen immer noch trieb, warum gab es dann heute keine Helden mehr in seinem Volk?
Und das war nicht die einzige Frage, die ihn quälte. Er musste sich eingestehen, dass sein Besuch der Drachenberge ein völliger Fehlschlag geworden war. Was hatte er sich nicht alles davon versprochen gehabt. Klarheit, Einsicht, Wissen und vor allem eine Orientierung für die Richtung, in die er zu gehen hatte. Aber nichts war ihm klarer geworden. Ganz im Gegenteil.
Jetzt sah er, wie Tama sich aufrichtete. Es war wohl nur eine leichte Ohnmacht gewesen. Alles war gut, und er konnte sich endlich zurückziehen. Er schob sich rückwärts über trockene Aststücke, verwelktes Laub und vorwitzige Steinspitzen, die aus dem dünnen Boden herausragten, und verursachte bei keiner Bewegung einen Laut, der das Wehen des Bergwindes übertönte. Es kam vor, dass Lufthauch auf seine Geschicklichkeit als Jäger stolz war. Aber heute war kein solcher Tag, denn sein Kopf war voller Gedanken und sein Herz quoll über von einem Durcheinander unterschiedlichster Sorgen, die sich nicht greifen ließen. Immerhin schlug sein Herz wieder ruhig und kräftig. Er legte die Hand auf die Brust, um sich dieser Tatsache zu vergewissern, und vergaß bereits im nächsten Augenblick, warum er sie dort hingelegt hatte.
Er betrat den Wald der hohen Bäume und hatte keinen Sinn für deren Heiligkeit noch für die Stille oder die Bewegungslosigkeit der Luft. Noch nicht einmal der federnde Boden, dessen Kraft einen Elfen laufen ließ, ohne dass er jemals so etwas wie Ermüdung verspürte, vermochte ihm ein Gefühl zu entlocken. Er sprang in den Sattel der Spinne, befahl der Maschine sich zu sputen und preschte auf dem direkten Weg nach NA-R. Nur für einen Moment hatte er überlegt, Sumpfwasser persönlich aufzusuchen, weil ihn entweder der Mechaniker der Spinne oder Bork von den Wehrhütern melden würde und es wohl ratsam war, dem zuvorzukommen. Doch dann entschloss er sich, alles von NA-R aus zu regeln, was es zu regeln gab. So würde auch Sumpfwasser an seiner Stelle handeln.
Jetzt, auf dem Rückweg, beruhigte sich endlich sein Verstand, und er begann, ernsthaft über seine Situation nachzudenken. Er hatte gleich zweimal gegen Sumpfwassers Anweisungen verstoßen. Einmal, weil er sich allein und ohne Auftrag in die Drachenberge begeben hatte, und einmal, weil er unbedingte Tama hatte dabeihaben wollen. Auch sich einer Spinne zu bemächtigen, war unrechtmäßig gewesen und ein schwerwiegender Verstoß gegen alle Dienstvorschriften, denen ein Wehrhüter unterlag. Aber sein erster Schwall Angstschweiß war schon lange abgetrocknet, und so konnte er sich der wichtigsten seiner Fragen widmen: Warum stellte sich Sumpfwasser so hartnäckig gegen seinen Vorschlag, einen Drachen zu besuchen, der allem Anschein nach mit ihm hatte sprechen wollen? Und so war es ja auch tatsächlich gewesen. Dass Kriecher über ihn an Tama herankommen wollte, spielte im Nachhinein keine Rolle. Es hätte auch etwas anderes gewesen sein können. Gut, Sumpfwassers Sorge um Tamalone konnte er verstehen. Sie war besonders, äußerst wertvoll und durfte nicht gefährdet werden. Andererseits war sie freiwillig mitgekommen – na ja, nicht so ganz. Aber sie war die Letzte, die sich nötigen ließ. Und besser, sie ging mit ihm als allein, was sie unzweifelhaft irgendwann getan hätte. Da war er sich sicher.
Die Sorge um ihn, den Sohn und möglichen Nachfolger? Unsinn. Sumpfwasser würde ihn jederzeit opfern, wenn die Umstände es erforderten. Da machte er sich nichts vor. Nein, es musste etwas anderes sein. Denn schließlich ergab es keinen Sinn, ihn wegen seiner Sensibilität für Drachenmagie zu rekrutieren und ihm anschließend einen entsprechenden Einsatz zu verweigern. Wie stolz war er doch auf sich und seine Gabe gewesen. Bevor er Kriecher begegnet war. Der Drache hatte alles verändert. Seine Wangen brannten, als die Erinnerungen an die Demütigung in ihm hochstiegen. Als wenn er gar nicht zählte. Hatte Sumpfwasser vielleicht von vorn herein gewusst, dass Kriechers Interesse nicht ihm, sondern Tama gegolten hatte? Möglich war es. Niemand konnte in den Kopf des Ersten Beraters hineinschauen und niemand kannte seine Geheimnisse, mit denen man einen ganzen Wald hätte füllen können.
Lufthauch seufzte. Meine Gedanken drehen sich im Kreis, und ich drehe mich mit ihnen, dachte er. Und in diesem Augenblick fielen ihm noch ein paar andere Dinge ein, über die er bereits früher gestaunt hatte, ohne zu verstehen, was das bedeutete. Wie Sumpfwasser mit seinen Schwarzvögeln gesprochen hatte. Keiner Elfe war so etwas möglich. War die Amtskette, die er manchmal trug und manchmal nicht, mehr als nur ein Symbol seiner Stellung? Vielleicht in Wirklichkeit ein Artefakt? Aber gab es überhaupt ein Artefakt, das es ermöglichte, mit Drachen, Gestaltwandlern oder gar Tieren zu reden? Wenn, dann hatte er noch nie davon gehört. Vorstellen konnte er sich das auch nur, wenn das Tier ein Gestaltwandler war. Und das führte gleich zur nächsten Frage. Was brachte einen Gestaltwandler dazu, einer Elfe zu dienen, wo doch gerade die Elfen Jagd auf sie machten? Das passte alles vorn und hinten nicht zusammen. Er hätte jemanden gebraucht, der Sumpfwasser gut kannte und auch noch bereit war, über ihn zu reden. Lufthauch schüttelte den Kopf. Das konnte er vergessen.
Es war dunkel geworden. Irgendwann ging jeder Tag einmal zu Ende. Während der Nacht wollte er nicht reiten. Er legte sich unter die Spinne und schlief sofort ein.
Tamalone
Tama hatte als Sitzplatz einen umgestürzten Baumstamm ausgewählt. Irgendwann musste der seinen Halt verloren haben, weil sich aus der Steilwand ein paar Gesteinsblöcke gelöst hatten. Die Steine nahmen die auf ihnen liegende Erde mit sich und ließen die Baumwurzeln hilflos im Wind zurück. Niemand hätte sich gewundert, wenn der ganze Baum Steinen und Erdreich auf ihrem Weg in die Tiefe gefolgt wäre, aber irgendwie, vielleicht in einem letzten Akt von Widerspenstigkeit und Wahnsinn, hatte er sich geweigert, hatte sich im Sturz gedreht und sich mit einem starken Ast auf festem Untergrund gerettet. Viel hatte ihm das nichts eingebracht außer der vagen Hoffnung, dass alles schon irgendwie weitergehen würde, denn immer noch verbanden ihn ein paar letzte Wurzeln mit Erde, Wasser und Nährstoffen. Der Baum lag im Sterben, aber noch war sein Lebenswille nicht erloschen und ein letzter schlanker Ast, ein paar noch schlankere Zweige und eine Handvoll grüner Blätter kämpften gegen die Endgültigkeit des Endes an.
„Gib nicht auf“, flüsterte Tama, streichelte die raue Borke, dankbar dafür, dass es Pando gelungen war, ihre eigenen Probleme im Augenblick ein wenig zurückzudrängen. Nicht, dass er diesen Augenblick absichtlich herbeigeführt hätte. Oder vielleicht doch? „Ach Pando“, seufzte sie. Wie soll ich dich verstehen, wenn du selbst nicht weißt, wer du bist.“
Pando war kaum länger als ein Dutzend Atemzüge verschwunden, und schon fiel Tama das Warten schwer. Dass ihre Gedanken Nachlaufen spielten, hatte sie schon mehrfach erfahren müssen und sich mittlerweile daran gewöhnt. Sie wusste, mit der Zeit würden sie ihre eigene Ordnung finden. Aber jetzt wurde sie aus ihren Gefühlen nicht schlau. Ihr war, als würden diese zu einem anderen Menschen gehören und nicht zu dieser Tama, die sie einmal geglaubt hatte zu sein. Sie hatte sich erst dann verloren, als sie ihr Viertel Elfenblut anzweifelte. Aber machte sie das zu einem Wesen, das wie Pando war? Gleichgültig, was dieser Gestaltwandler vorhatte, sie würde ihm helfen. Das war sie ihm schuldig. Aber … Dieses „Aber“ wurde immer größer. Er als Vater ihrer Kinder? Undenkbar. Unfühlbar. Oder doch nicht. Sie hatte Gefühle, doch die waren noch rätselhafter als alle Überlegungen. Und merkwürdig – einen Ekel gab es nicht, nur eine starke Ablehnung, von der sie nicht wusste, woher sie kam. Kam sie aus den Gedanken oder aus den Gefühlen? Ihre Gefühle … Da war nichts außer Furcht vor etwas, das ungeheuer groß war und fremd. Vor allem fremd. Liebe war doch Vertrauen, Intimität, Nähe und die Sehnsucht, die sofort erwachte, wenn man getrennt voneinander war. Sie würde …
„He“, hörte sie Pando rufen. Nein, Unsinn, sie hörte ihn gar nicht. Ihre Ohren hatten nichts damit zu tun. Er war wie immer direkt in ihren Kopf gesprungen. Nur dass es sich zum ersten Mal so anfühlte wie ein Schwall kalten Wassers auf einen von der Sonne erwärmten Bauch.
„He, Tama, bist du noch da?“
„Ja, glaubst du denn, dass ich dir weglaufe. Was ist denn los? Bisher ging doch jeder deiner Gestaltwandel sehr schnell.“
„Ich habe nicht gewusst, dass ich dich hier treffen würde. Und auch nicht, in welche Richtung uns unser Gespräch führen würde.“
„Jetzt redest du wie ein Junge, der seinen ersten Arbeitstag in der Mine hat. Ich tue dir doch nichts. Was ist aus meiner mutigen Raubkatze geworden?“
„Es ist … Ich konnte mich auf diesen Körper nicht vorbereiten. Und jetzt habe ich keine Kleidung für ihn. Ich habe gerade gemerkt, dass ich nackt sein werde. Oder ich muss mir aus meinem eigenen Körper ein Gewand erschaffen. Ich kann das. Aber welches Kleid würde zu mir passen? Welche Schuhe? Brauche ich einen Hut? Würde ich mich in meiner Kleidung zuhause fühlen? Wahrscheinlich ja, denn es ist mein eigenes Fleisch. Aber was wirst du von mir denken? Ich habe kein Vorbild für einen Körper mit Kleidung. Es fühlt sich an, als würde ich zum zweiten Mal geboren. Wäre es zu viel verlangt, dich zu bitten, dass auch du deine Kleidung ablegst?“
„Jetzt ist es aber gut. Ich denke gar nicht dran.“
„Ich kann dich verstehen. Wer nackt ist, ist verletzlich. Selbst der dünnste Stoffschleier bietet noch einen Schutz. Aber mir wird dieser Schutz fehlen, während du gleichzeitig unter einer Rüstung aus Leder steckst. So weit reicht mein Mut nicht.“
„Das sind aber seltsame Töne für einen Drachen. Du meinst es wirklich ernst, nicht wahr?“
„Wie sagt ihr Menschen dazu? Todernst.“
Tama seufzte. „Manchmal bist du wirklich anstrengend, weißt du das?“ Sie begann, ihre Lederkleidung abzustreifen. Als der erste Windstoß ihre Haut liebkoste, fröstelte sie.
Als wenn Pando das mitbekommen hätte, sagte er zu ihr: „Es ist noch warm genug in der Sonne.“
War es nicht, denn ihr Schweißhemd war feucht geworden. So zog sie dieses auch noch aus, legte ihre Kleidung zu einem Bündel zusammen, das Bündel auf den Baumstamm und setzte sich darauf, wobei sie angestrengt nach vorn schaute. Wo Pando steckte, konnte sie nicht sagen. Sie hoffte, dass er sie nicht beobachtete. Aus den Augenwinkeln bekam sie mit, dass sich ein paar Äste jetzt heftiger bewegten, als noch ein paar Augenblicke zuvor. Ein kleiner Luftwirbel an ihrer rechten Seite ließ sie spüren, wie sich jemand neben sie setzte. Und dann fühlte sie die Hitze eines Körpers. Langsam drehte sie den Kopf und war erstaunt, wie viel Mut sie dazu brauchte. Neben ihr saß eine Frau, etwas älter als sie, aber nicht viel. Das Haar heller als das ihre, aber nicht viel. Die Haut sehr hell. Heller als ihre. Ganz offensichtlich war sie ein Mensch. Graziös, kräftig und zäh gleichermaßen. Eine Kriegerin vielleicht. Sie kam Tama unsagbar vertraut vor, obwohl sie so ein Wesen noch nie zuvor gesehen hatte. Die Haare waren untypisch kurz für eine Frau und nach hinten gebürstet. Die Augen standen eine Spur zu weit auseinander, um schön zu wirken, und der Mund war breit. Zu breit? Nein, das nicht, aber … Und die Augen waren rauchgrau. Weißer Rauch des Friedens. Beinahe durchsichtig. Sie wollte nicht hineinschauen, aus Angst, darin zu versinken. „Und wer bist du jetzt?“, fragte sie.
„Die weiße Tochter der Liebe und Vergebung. Jetzt bin ich meine andere Seite. Als Drache bin ich eine Frau. Als Mensch fühle ich mich wie eine Frau. Ein Mann werde ich erst viel später. Ich weiß zwar immer noch nicht, wer ich bin, aber in dieser Menschenfigur fühle ich mich wohl. Das muss doch etwas bedeuten.“
Obwohl zwischen ihren beiden Körpern noch mehr Platz war, als der Wind brauchte, um hindurchzuwehen, richteten sich Tamas Haare auf, als würden sie Pandos Körper suchen. Sie schaute auf Pandos Arm. Dessen Haut war haarlos wie die eines Kindes. Sie berührte die Haut mit den Fingerspitzen, strich darüber, atmete das Aroma von Wildblüten und Baumharz ein, spürte die Hitze des fremden Körpers, der trotz des Windes zu glühen schien, und sank ganz langsam zur Seite, bis sie mit ihrer Wange irgendwo den ersten Widerstand spürte. Und nun? Was sollte sie ihm sagen? Sie wusste ja noch nicht einmal, ob diese Frau echt oder nur ein weiteres beliebiges Bild war, das Pando ihr von sich zeigte. Oder es gab gar kein echt oder falsch, und alles war Pando. Sie würde noch eine sehr lange Zeit brauchen, in diesem Durcheinander eine Ordnung oder gar einen Sinn sehen. Vielleicht viel länger, als Pando bereit war, zu warten. Aber sie konnte nicht länger warten, musste ihm etwas sagen. Nicht viel, vielleicht nur einen Satz, etwas, das wirklich bedeutungsvoll für ihn war und ihn für seinen Mut belohnte.
„Der Sonnenuntergang, den du für uns ausgesucht hast, ist wirklich wunderschön“, sagte sie endlich und war mit sich und ihrer Antwort zufrieden. Und so träumten sie gemeinsam in den Abend hinein, bis ein beunruhigender Gedanke zu wachsen begann, und den Abendfrieden störte. Tama hatte nur eine Frage. Und sie musste sie stellen.
„Sag mal, Pando, kannst du in dieser Form als Frau ein Kind zeugen, wie ein Mann es tut?“
„Warum fragst du mich das?“
„Weil Merjina von einer Frau ein Kind empfangen hat.“
„Du willst doch nicht andeuten, dass ich …?“
Tama richtete sich auf, drehte sich zu der Frau an ihrer Seite, spürte, wie sich die Hitze von ihrem rechten Arm nun auf der ganzen Vorderseite ausbreitete. Jetzt traute sie sich, diesem Wesen, von dem sie nicht wusste, was es war, in die Augen zu schauen. Sie schienen sich etwas verdunkelt zu haben, aber es waren immer noch graue Augen, jetzt die eines Sees an einem Wolkentag, an dem der Wind sich schlafen gelegt hatte. Sie konnte ganz beruhigt sein. Sie sah die Augen eines Menschen. Nicht golden, nicht silbern, nicht gelb. Augen, die beruhigten, ihr die Angst vor der Hitze nahmen, sodass sie schließlich den Mut fand, ihre Arme nach ihr auszustrecken. Sie nahm den Kopf der Frau mit der heißen Haut in beide Hände, zog ihn zu sich und zuckte zusammen, als ihre Lippen sich berührten. Die Lippen waren kühl und samtig und … Ihr Kuss war vorsichtig und doch fest, suchend und auch bestimmt. „Nein, das will ich nicht andeuten“, sagte sie. „Aber wenn du es nicht warst, wer war es dann?“
Lufthauch
Es war noch früher Morgen, als Lufthauch sich NA-R näherte. Seine Grübeleien stellte er ein. Sie hatten ihn lange genug begleitet. Nun benötigte die Stadt seine volle Aufmerksamkeit. Er lenkte die Spinne in ihren Stall und stieg langsam aus dem Sattel. Ihm tat jeder Muskel weh, und alle Sehnen und Bänder protestierten gegen die plötzliche Bewegung. Es war ein Gewaltritt gewesen, denn die direkte Linie zwischen zwei Punkten nahm keine Rücksicht auf Untergrund und Gelände. Und er hatte sich keine Zeit gegönnt.
„Ist noch etwas heil an dem guten Stück?“ Freundlichkeit klang anders.
„Die Spinne hat mich verlässlich getragen. Sie war in einem ausgezeichneten Zustand. Zweifellos das Ergebnis geschickter Hände. Ich werde das lobend erwähnen.“
„Danke. Und ich werde einen Bericht über die Umstände anfertigen, unter denen dieses prachtvolle Tierchen NA-R verlassen hat. Habt Ihr Euren Passagier gut weggebracht?“
„Kümmert Euch um Eure eigenen Angelegenheiten. Und das mit dem Lob nehme ich wieder zurück.“
Nein, Lufthauch war nicht in allerbester Stimmung. Steifbeinig verließ er die Wartungsstation. Er war sich sicher, dass er beobachtet wurde. Die Komposits hatten mit Sicherheit einen Dauerposten abgestellt, der nichts anderes zu tun hatte, als alle Aktivitäten um die Wartungsstation zu beobachten und darüber zu berichten. Das ließ sich nicht ändern, und es war ihm letztlich auch egal. Trotzdem würde er versuchen, etwaige Verfolger abzuhängen. Das gehörte mit zum Spiel. Eng an die Mauer gepresst und mit langen Schritten bog er um die nächste Ecke. Er stolperte.
„Hoppla, entschuldigt, ich konnte Euch nicht sehen.“
„Dann passt beim nächsten Mal gefälligst auf, wenn Ihr irgendwo hintretet.“ Die junge Frau rieb sich die Ferse, wo Lufthauchs Fuß sie getroffen hatte. Der Elf musste zugeben, dass das eine empfindliche Stelle war, wenn man genau die Sehne traf. Helle Haare, helle Augen und ein Gesicht, in dem sich ihre gesamte Empörung ablesen ließ. Typisch Mensch. Das war es, was die Vertreter dieses Volkes so hässlich machte. Alle Gefühle breiteten sich sofort über das ganze Gesicht aus, sodass die ganze Welt darin lesen konnte. Für einen Augenblick musste er an Tama denken, die auch deutlich mehr Mensch als Elfe war. Aber bei Tama war das anders. Bei Tama …
„Wollt Ihr mich noch länger anstarren, oder kann ich jetzt gehen.“
Na, jedenfalls erstarrte sie vor einem Elfen nicht gleich in Ehrfurcht und konnte sich wehren. Lufthauch zuckte mehrdeutig mit den Schultern, rang sich ein mühsames Lächeln ab und nickte mit dem Kopf. „Mehr als mich entschuldigen kann ich nicht“, brummte er, machte eine Schritt zur Seite und überholte die Frau. Er hatte es eilig.
„Zomm!“
Lufthauch ließ sich fallen, …
„Zumm!“
… rollte sich zur Seite …
„Zupb!“
… und schaute aus der Deckung eines Karren auf die Stelle, wo er sich gerade noch befunden hatte, und von dort zu der Straße, über die er gekommen war. Die Frau mit den blonden Haaren lag halb bäuchlings, halb auf der Seite im Staub. Ihr Mund war zu einem stummen Schrei oder einem Laut der Überraschung geöffnet. Das würde niemand mehr entscheiden können. Selbst auf diese Entfernung von einem Dutzend Schritten bestand für ihn kein Zweifel, dass sie tot war.
Die Geräusche hatte sein Ohr sofort erkannt und sein Körper instinktiv reagiert. Erst das Zischen, dann der dumpfe Einschlag, wenn die Pfeilspitze im Fleisch stecken bleibt. Jetzt genügte ein Blick auf die unnatürliche Lage des Körpers, um zu wissen, dass selbst Magie hier nichts mehr ausrichten konnte. Er stand auf, klopfte sich den Dreck von der Kleidung und ging auf das Opfer zu. Er hielt seine Augen halb geschlossen und verließ sich ganz auf sein Gehör, bereit beim ersten Zischen sofort zur Seite zu springen. Aber er glaubte nicht daran, dass jemand auf ihn schießen würde. Wer immer der Schütze war, er hatte sein Ziel bereits getroffen.
Jetzt stand er vor der toten Frau und ging langsam in die Knie. Heiliger Baum. Das hier ist NA-R und nicht der Elfenwald.
Jagdbögen besaß nur die Bürgerwehr, und er hatte noch nie gehört, dass jemand wirklich damit geschossen hatte. Sie waren eine tödliche Waffe und viel gefährlicher als die unhandlichen Gewehre, die von den Komposits ebenfalls als Fernwaffen genutzt wurden. Die Pfeile waren spitz und scharf, die Kugeln, mit denen die Gewehre geladen wurden, waren rund. Außerdem ließ sich mit komprimiertem Gas viel weniger Kraft erzielen als mit einem Bogen, der aus mehreren Lagen unterschiedlichen Holzes zusammengesetzt wurde. Lufthauch schaute sich noch einmal um, bevor er den Blick senkte. Wer konnte in NA-R ein Interesse daran haben, eine junge Frau vor aller Augen zu erschießen? Da lag sie jetzt vor ihm. Das freche Mundwerk war verstummt, der Schmerz an der Ferse verschwunden, das Gesicht trotz des geöffneten Mundes ausdruckslos, der Körper nicht mehr als eine Hülle, leer und verlassen von allem, was ihn einmal anziehend gemacht hatte. Und gleich drei Pfeile steckten in ihrem Oberkörper.
Die Schüsse hatten nicht ihm gegolten, wie er ursprünglich angenommen hatte. Er konnte sich auch nicht vorstellen, dass es jemand wagen würde, in einer Quarantänestation auf einen Waldelfen zu schießen. Sie musste das Ziel gewesen sein, aber wem hatte sie etwas so Schreckliches angetan, dass man sie ermorden musste?
Außerdem – die drei Pfeile waren aus unterschiedlichen Richtungen gekommen. Damit konnte er eine Patrouille der Bürgerwehr ausschließen. Es war tatsächlich ein Attentat gewesen. Zwei, wahrscheinlich drei Schützen, um sicher zu gehen, dass sie die Frau auch ganz bestimmt erwischten. Ein Pfeil in den Rücken, ein zweiter von schräg vorn in die Brust und der dritte von …
Er hob den Kopf. Der dritte Pfeil musste von oben gekommen sein. Aus einem Fenster oder von einem Dach. Der Pfeil von hinten steckte horizontal, es war einer der beiden vorderen Pfeile, der auf einen erhöhten Standort hindeutete. Aber dann fiel ihm ein, dass der erste Schuss deutlich vor den beiden anderen eingeschlagen war. Das ergab Sinn und sprach ebenfalls für eine sorgfältige Planung. Wenn der erste Schuss nicht tödlich war, musste der zweite Schütze die mögliche Fluchtrichtung wissen. In dem Fall wäre der erste Schuss von hinten gekommen und der dritte hätte die Frau genau in dem Augenblick getroffen, als sie bereits nach vorn stürzte. Also war ein erhöhter Standort gar nicht nötig. Lufthauch wischte sich über die nasse Stirn. Es konnte aber alles auch ganz anders gewesen sein, und er spann sich hier etwas zusammen. Sicher war nur die kleine Pause zwischen dem ersten und dem zweiten Schuss.
Um das Opfer und ihn hatte sich ein respektvoller Kreis gebildet. Ein Überfall oder Attentat war in NA-R höchst ungewöhnlich. Und er, als reinrassiger Elf gut zu erkennen, wurde als Offizieller einer Untersuchung sofort akzeptiert. Aber er würde sich hüten, auch nur ein Wort dazu zu verlieren.
Brauchte er auch nicht. Eine Patrouille näherte sich im Laufschritt.
„Was ist hier vorgefallen?“, wollte der Truppführer wissen.
Lufthauch grüßte in traditioneller Art und Weise: „Heilig ist das Leben, wenn Vernunft es erfüllt.“
„Ihr Waldelfen mit euren Sprüchen. So wie es aussieht, hat das irgendjemanden nicht interessiert.“
„Zumindest die drei Bogenschützen nicht.“
„Bis jetzt sehe ich erst einmal nur drei Pfeile. Habt Ihr den Vorfall beobachtet?“
So viel zu dem Vorsatz, kein Wort dazu zu verlieren. „Drei Pfeile, drei Schützen. Sie kamen aus verschiedenen Richtungen.“
„Das habt Ihr gesehen?“
„Nein, die Frau ging hinter mir. Als ich mich umdrehte, lag sie bereits auf dem Boden.“
„Aha.“ In diesem einen Wort lag eine Welt von Misstrauen jedem und allem gegenüber, was nicht Teil der Bürgerwehr war. „Transportiert den Leichnam ab. Und von Euch brauche ich den Namen.“
Großartig. Jetzt war er auch noch Teil der Untersuchung. „Lufthauch“, sagte er.
„Und was ist der Grund für Euren Aufenthalt in NA-R?“
Lufthauch überlegte. Sollte er sich als Mitglied der Elfenregierung zu erkennen geben oder bei seiner Geschichte bleiben. Er entschied sich für die Geschichte. „Ich handele mit Schatzkarten.“
„Mit Schatzkarten? Wenn ich welche besäße, dann würde ich nicht damit handeln, sondern das Gold und die Edelsteine selber bergen. Ist in diesen Fällen wohl schwierig? Oder die Karten sind nicht genau genug? Oder am Ende vielleicht ganz wertlos?“
„Ihr solltet aufpassen mit dem, was Ihr da andeutet. Meine Schatzkarten zeigen ungeerntete Substanzen für die Erstellung von Artefakten.“
„Ach, Zauberkram. Wird eh überall überschätzt. Wo kann ich Euch erreichen?“
Lufthauch gab seine Anschrift an. Sumpfwasser wird begeistert sein, wenn er von diesem Vorfall erfährt, dachte er missmutig.
Immergrün
„Wie konnte das passieren?“ Schwimmendes Schwert war außer sich.
„Wie konnte was passieren?“ Immergrün spielte den Unbeteiligten. Das konnte er besonders gut.
„Wie ist es möglich, dass in meiner Stadt in hellstem Tageslicht und auf offener Straße eine Frau erschossen wurde?“
„Stellt Euch nicht so an. Erstens ist es nicht Eure Stadt und zweitens wusstet Ihr nicht, dass es passieren würde. Außerdem war es nicht das hellste Tageslicht. Alles ist halb so wild. Das einzig Unangenehme ist, dass die getötete Frau nicht Tamalone war. Jetzt brauchen wir einen neuen Plan.“
„Und jetzt? Dieser Lufthauch war Zeuge, und gleichgültig, was er in NA-R sucht, er ist eine Waldelfe.“
„Den überlasst getrost mir. Ich bin auch eine Waldelfe. Habt Ihr das vergessen? Alles wird so ablaufen wie immer. Ihr werdet Euch offiziell darum kümmern, um Hinweise aus der Bevölkerung bitten und irgendwann, wenn die Sache bereits halb vergessen ist, ankündigen, dass Eurem Hauptermittler der Durchbruch gelungen ist und in Bälde mit einer Verhaftung gerechnet werden kann. Niemand, der in NA-R das Gesetz bricht, entkommt dem wachen Auge der Bürgerwehr.“
„Das nimmt uns niemand ab. Wen sollen wir denn verhaften?“
„Das ist doch keine große Sache, da jemanden zu finden. Laufen doch genügend Leute herum in Eurer Stadt. Warum sich also Sorgen machen. Wir haben genug Zeit.“
Tamalone
Auf dem Rücken eines Ledervogels erreichte Tama das Elfenviertel noch vor Mitternacht. Während Pando auf dem Dach des Hauses hocken blieb und die Umgebung im Auge hielt, schlüpfte Tama durch die Haustür, öffnete die Tür zu Altwis Wohnung und begab sich in den großen Raum mit all den Kissen und Polstern, in dem sich die Familie immer zusammenfand. Jetzt war sie allein hier und die Dunkelheit der Nacht ihr einziger Begleiter. Sie musste nicht lange suchen, bis ihr tastender Fuß etwas Weiches gefunden hatte, auf dem sie sitzen konnte. Sie ließ sich nieder und wartete, bis das Klopfen ihres Herzens sich der Ruhe der Nacht angepasst hatte.
„Komm her zu mir“, rief sie mit leiser, aber klarer Gedankenstimme in das Dunkel und lauschte.
Sie musste nicht lange warten, bis das rhythmische Stampfen alter Füße erklang. Mutters Schildkröte hatte sich in Bewegung gesetzt. Je näher das Tier kam, desto lauter dröhnten seine Schritte. Der langsame Schlag einer Trommel. Tief mit etwas Hall und sanften Vibrationen, die ihr durch den ganzen Körper gingen. Jetzt erst merkte Tama, dass sich die Trommel in ihrem Kopf befand und sie der Klang der Schritte nicht durch die Ohren erreicht hatte. Die Schritte kamen direkt auf sie zu, bis das Tier vor ihr stehen blieb, aber die Trommel dröhnte in der Stille der Unbeweglichkeit genau so laut vor sich hin wie das Stampfen der Schritte. Nur hatte sich der Rhythmus verändert, war noch langsamer geworden.
„Verstehst du mich?“
Das Dröhnen schwoll an, ebbte ab, schwoll wieder an. Die Schildkröte verstand nicht, oder die Frage war falsch. Tama tastete um sich, fand das Tier aber nicht.
„Bleib hier“, flüsterte sie, dabei war sie sich noch nicht einmal sicher, ob sich das Tier nicht schon wieder entfernte.
„Mutter, hör mir zu.“
Sie hörte in ihrer eigenen Stimme die aufsteigende Panik und ärgerte sich darüber.
„Mutter! Wie ist der Plan? Ich traue mich kaum, einen Schritt zu tun aus Angst, in die falsche Richtung zu gehen. Wie soll ich etwas richtig machen, wenn ich nicht weiß, wie der Plan aussieht? Hörst du? Ich brauche dich.“
Die Antwort schien aus weiter Ferne zu kommen. „Kein Plan. Warte nicht. Ich komme. Keine Zeit. Finde dich.“
Tama war sich nicht sicher, ob das die Antwort der Schildkröte war oder nur ihre Einbildung. Sie konnte noch nicht einmal sagen, ob es überhaupt einzelne Worte waren oder eine einzige Botschaft, die erst in ihrem Kopf in einzelne Worte zerfiel. Laute, Worte, Botschaft, Verstehen. Wieso kein Plan? Pandos Mutter hatte von einem Plan gesprochen. Da war sie sich sicher. Aber was wusste Pandos Mutter schon? Nichts, hatte Pando behauptet. Es wäre gut, endlich mal zu erfahren, wer denn überhaupt etwas in diesem Durcheinander aus Nichtwissen und Geheimnissen wusste.
Eine Tür zum Zimmer öffnete sich. Im schwachen Licht der Sterne, nein es war ein Wachslicht, sah Tama ein paar dünne Beine. „Was machst du hier?“, fragte ein unsichtbarer Kopf über den Beinen.
„Du solltest weiter schlafen, Neven“, antwortete Tama. „Tue einfach so, als gäbe es mich nicht.“
„Das könnte dir so passen, du falsche Schlange. Du drängst dich überall hinein, bedrängst sogar unsere Schildkröte, von der so viel abhängt, und jetzt willst du mir auch noch vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe.“
Neven kam näher. Tama sah jetzt über den Beinchen auch einen Teil des Hemdes, welches das Kind trug. Das Licht kam aus dem Zimmer der nun halbgeöffneten Tür.
„Damit du es weißt. Ich hasse dich. Du magst vielleicht älter sein als ich, aber ich bin stärker. Hier wirst du von den anderen beschützt. Warte nur ab, bis wir uns irgendwo begegnen, wo wir beide ganz allein sind. Ab dann wirst du mir dienen, bis du um deinen Tod bettelst.“
Nevens Worte waren kaum zu verstehen. Ihr Flüstern war mehr ein Zischen als eine menschliche Sprache, und ihr Hass verzerrte die Laute noch zusätzlich. Oh ja, dieses Kind war stark. Sie verlangte Tama alles ab. Woher nahm sie nur diese Kraft und woher kam ihr Hass? Dieses Kindergesicht konnte doch höchstens erst elf Jahre alt sein.
Das Licht hatte zugenommen. Die Tür hinter Neven stand nun weit offen. Aureon war gekommen, hinter ihm stand Argenton. „Es ist deine Schildkröte und das bleibt sie auch, Neven“, sagte Aureon. „Siehst du, Tama sitzt einfach nur da. Die Schildkröte ist von selbst gekommen. Was sie wohl zu sagen hat, hm? Was meinst du, Neven?“
Mittlerweile waren auch die Hogger und Baerben erschienen. Jetzt fehlten nur noch Paluda und Altwi.
Tama freute sich, dass Aureon versucht hatte, Neven zu beruhigen und staunte über die Ruhe und Kraft von Argenton, der, wenn man von den Augen absah, Aureon zwar zum Verwechseln ähnlich sah, aber im Augenblick mindestens zehn Jahre älter wirkte.
„Weiß Altwi, dass ich hier bin?“, fragte Tama. „Sollte sie nach mir fragen oder mich sprechen wollen, dann sagt es mir, und ich entspreche ihrem Wunsch. Wenn nicht, ist es auch gut. Wir machen alles genau so, wie Altwi es möchte.“
„Das sind ja völlig neue Töne“, sagte Hogger.
„Ja, es sind neue Töne, Hogger. Da hast du wohl recht. Ich bin gekommen, weil ich viele neue Fragen haben und jede davon singt ihr eigenes Lied. Eine davon kannst du mir vielleicht beantworten. Ihr sagt, dass ihr Verschwörer seid. Gegen wen habt ihr euch denn verschworen? Oder sollte ich fragen, gegen was?“
Hogger schaute Baerben an, dann Argenton. Er mochte der Sprecher dieser Gruppe sein, aber er wollte nicht antworten.
„Nun?“, fragte Tama.
Aureon antwortete für Hogger. „Wir wissen es nicht. Unser Schwur bezieht sich nur darauf, unentdeckt zu bleiben und nicht aufzufallen. Das wurde uns wieder und wieder gesagt, seitdem Argenton und ich hier sind. Die anderen kennen das wohl schon länger. Uns Kindern wird nichts erzählt. Nur hin wieder wird uns befohlen, etwas zu tun, aber es ist uns verboten, Fragen zu stellen.“
„Ihr seid keine Kinder mehr“, sagte Tama. „Jedenfalls nicht alle von euch. Und Fragen verhindert man nicht, indem man verbietet, sie zu stellen.“
Aureon zuckte mit den Schultern. „Du weißt, wie ich das meine. Altwi, der Vater unserer Halbgeschwister und unsere Mutter hüten das Geheimnis. Alles, was wir wissen, wissen wir von Neven, weil sie die Schildkröte versteht.“
Tama schaute zu der Schildkröte. Jetzt, da der Raum etwas erleuchtet war, sah sie das Tier. Es stand ganz in der Nähe. Ein unbewegliches Grau-braun, mehr ein Stein als ein Tier. Für das, was sie vorhin erahnt hatte waren keine komplizierten Zeichen nötig, keine rituellen Routen durch das Zimmer, kein fünfzackiger Stern oder ein anderes Ornament. Es war nur eine Botschaft gewesen, die die Farbe von Mutters Stimme gehabt hatte. Und damit war alles gesagt, was zu sagen war. In Gedankensprache sagte sie laut und deutlich: „Danke. Ich erwarte dich.“
„Mit wem sprichst du? So spricht man nicht zu der Schildkröte. Du machst alles kaputt.“
Tama sah den Ärger in Neven, die als Einzige Tamas Worte verstanden hatte. Neven war für die Schildkröte verantwortlich. Sonst keiner. Nur Altwi durfte alles, weil sie ihre Mutter war, und alles geschah, wie Altwi es anordnete. Aber ob diese Erklärung ausreichte für so viel Hass? Und was sollte sie jetzt machen, wenn es keinen Plan gab und von Mutter keine Anweisungen?
Und während sie noch unentschlossen mit Gedanken ohne Kraft herumspielte, kam ein Bild aus den Drachenbergen zurück. Pandos Mutter riss sich mit Hilfe ihrer Tochter eine Schuppe aus ihrem Panzerkleid heraus und gab sie ihr. Ein Verstoß gegen alle Grundsätze der Drachen, ein Geheimnis, das sie mit niemandem teilen durfte, ein Geschenk des Vertrauens, wie man keines höher einschätzen konnte. Und sie fragte nach Mutters Plan und schob die Arbeit an den Artefakten hinaus. Wie undankbar sie doch war. Wie falsch ihre Entscheidung gewesen war, zuerst Mutter aufzusuchen. Und an Lufthauch hatte sie auch nicht gedacht. War er überhaupt gesund nach NA-R zurück gekommen?
Sie stand auf. „Ich bin schon zu lange hier. Ich muss weg. Es gibt zu viel zu tun. Aber ich komme wieder. Passt aufeinander auf.“
Tama ging einfach zur Tür hinaus. Zurück blieben nur ihre letzten Worte, die für die einen wie eine Drohung klangen, für andere wie ein Versprechen oder ein Trost. Aber für alle klangen sie wie eine Warnung und die Bitte aufzupassen wie ein Befehl.
Altwi ließ sich nicht sehen. Nicht in dieser Nacht und auch nicht am darauffolgenden Tag.
Pando
Pando sah Tama in dem Haus ihrer Familie verschwinden. Er wartete noch eine kurze Zeit, bis er sicher war, dass ihre Ankunft unbemerkt geblieben war. Dann hob er ab, flog zu Treibgut und verschaffte sich auf bewährte Art Einlass zu dessen Räumen. Er stöberte dort ein wenig herum und verschlief dann den Rest der Nacht. Im frühen Schein der aufgehenden Sonne nahm er die Gestalt von Dorman ein, betrachtete sich in einem Spiegel und gab seinem Gesicht einen Hauch mehr Jugendlichkeit. Schließlich wollte er nicht wie Tamas Vater wirken. Eher wie ein großer Bruder. Obwohl … Der Gedanke, nur ihr Bruder zu sein, missfiel ihm ebenfalls, auch wenn das das Äußerste war, was er im Augenblick erwarten konnte. Er seufzte, schob alle Gedanken an Tama beiseite und wartete. Bevor er irgendetwas unternahm, brauchte er Klarheit.
Treibgut war ein Frühaufsteher, der meist vor einem ausgiebigen Frühstück schnell noch seinen Werkraum besichtigte, um ein paar Dinge zurechtzulegen, die er für die Ideen brauchte, die ihn nachts besuchen kamen. Als er seinen Werkraum bereits besetzt vorfand, versteckte er seine Fassungslosigkeit hinter einem unwilligen Knurren und sagte nur: „Lasst diese Art des Erscheinens bitte nicht zu Eurer Gewohnheit werden, Dorman. Ich hoffe allerdings, dass Ihr mir irgendwann einmal bei Gelegenheit erzählt, wie es Euch gelingt, unbemerkt in meine Räumlichkeiten zu kommen. Was hat Euch denn dieses Mal zu mir getrieben? Braucht Ihr mal wieder etwas Geld? Vielleicht zur Abwechslung zweihundert Gold oder dreihundert?“
Der gestrenge Dorman wurde verlegen. „Zunächst wollte ich Euch mitteilen, dass Tamalone unbeschadet zurück in der Stadt ist. Wahrscheinlich im Elfenviertel oder bereits auf dem Heimweg.“
„Den niemand kennt. Wahrlich eine junge Frau voller Geheimnisse. Aber ich danke euch für die beruhigende Nachricht.“
Treibgut sah nicht beruhigt aus. Da war eine Aura der Wachsamkeit um ihn herum, die Dorman sehr wohl wahrnahm. Er räusperte sich. „Da ist noch etwas anderes“, sagte er. „Ich habe noch Schulden bei Euch.“
Treibgut nickte. Warum etwas erwähnen, was ihnen beiden bewusst war.
„Nun – ich bin ein Mann, für den Geld keine Bedeutung hat …“
„Mit anderen Worten, Ihr habt keines“, unterbrach Treibgut Dormans Satzgirlanden.
„Das ist zwar richtig, sollte Euch aber nicht beunruhigen. Wenn Ihr es dringend braucht, müsst Ihr es nur sagen und ich besorge es in ganz kurzer Zeit.“
„Und wie wollt Ihr das anstellen?“
Dorman grinste böse. „NA-R ist voll von reichen Familien, bei denen sich jeder bedienen kann, wenn er nur stark genug ist.“
„Wie stark Ihr seid, kann ich nicht beurteilen. Geschickt seid Ihr jedenfalls, wenn es um verschlossene Wohnungen geht. Aber es ist Euch doch wohl klar, dass ein solches Vorgehen ganz NA-R in Aufruhr versetzen würde.“
„Das ist zwar richtig, aber unvermeidbar, wenn Ihr Euer Geld schnell braucht.“
Treibgut verkniff sich ein Lächeln. „Wenn es Euch beruhigt, ich werde es überleben, wenn ich noch einige Tage darauf warten muss. Fünf Tage? Oder zehn?“
„Darauf hatte ich gehofft und einen Vorschlag mitgebracht.“
Treibgut seufzte innerlich. Diese zögernde Seite hatte er an Dorman bisher nicht kennengelernt. „Sprecht einfach aus, was Ihr zu sagen habt. Dann sehen wir weiter“, sagte er.
„Vielleicht könnte ich meine Schulden auch bei euch abarbeiten?“
Treibgut stieß einen Laut der Überraschung aus. „Wollt Ihr singen, mit Sachen jonglieren oder meine Wohnung säubern?“
„Ich dachte, ich könnte Euch bei Euren Artefakten helfen.“
„Als Hilfskraft hier in meiner Werkstatt? Danke, ich bevorzuge die geschickten Hände von Frauen.“
„Ich dachte eher an Eure Sammlung. Die alten Stücke aus der Vergangenheit der Menschen.“
Treibgut war plötzlich todernst. Bei seinen Artefakten verstand er keinen Spaß. „Wer hat Euch davon erzählt? Tamalone?“
„Niemand, ich habe sie mir angesehen. Hatte ja nichts zu tun diese Nacht.“
„Kerlchen, wenn auch nur eines meiner Schätze den geringsten Schaden genommen hat …“
„Ich musste sie nicht berühren, um sie zu lesen. Eure Sorgen sind also überflüssig.“
Treibgut setzte sich hin. Er hatte erst in diesem Augenblick bemerkt, dass er immer noch stand. „Dorman, wollt Ihr mir nicht sagen, wer Ihr seid?“
„Ein Mensch!“ Dorman sagte das so voller Stolz, als gäbe es nichts Größeres auf der Welt.
„Menschen haben wir in NA-R zuhauf. Sie stehen nicht besonders hoch im Kurs bei uns.“
„Erzählt mir nicht, dass Ihr noch weniger über Menschen wisst als ich. Ihr sammelt deren Artefakte.“
„Ich sammele alte Artefakte. Nicht nur die der Menschen, auch die von Elfen.“
„Es gibt keine alten Artefakte von Elfen. In den alten Tagen wäre die Benutzung von magischen Hilfsmitteln ein Zeichen der Schwäche gewesen. Heute sehen die Elfen das anders. Die Zeiten ändern sich und das immer schneller, befürchte ich.“
„Wollt Ihr damit andeuten, dass alle meine alten Artefakte von Menschen hergestellt oder getragen wurden?“
„Dass Komposits Artefakte herstellen, ist eine ganz neue Entwicklung. Und ja, es gab einmal eine Zeit, in der nur die Menschen diese Kunst beherrschten.“
„Gehen wir.“
„Wohin?“
„Zu meinen Artefakten. Da werden wir ja sehen, ob Ihr mir nützlich sein könnt.“
Dorman stand mit geschlossenen Augen vor Treibguts Sammlung, als wollte er den Geist vergangener Tage erriechen oder mit den Ohren einfangen. „Ich habe mich immer gefragt, ob die Menschen über eine eigenständige Magie verfügen wie die Drachen oder Elfen“, murmelte er so leise, dass Treibgut Mühe hatte, ihn zu verstehen. „Es gibt keine Vernunft ohne Magie und keine Magie ohne Vernunft. Warum sollten die Menschen eine Ausnahme bilden?“ Dann etwas lauter: „Hätte ich Eure Sammlung früher entdeckt, hätte ich mir meine Herumsucherei sparen können. Hier bei Euch befinden sich die Reste einer alten Magie, die einmal zu den Menschen gehört hat und lediglich neu belebt werden muss.“
„Ihr redet, als gehörtet Ihr nicht dazu, zu den Menschen.“
„Das ist noch nicht entschieden, mein Freund.“
Mein Freund? Wer, glaubte dieser Dorman, wer er war? Aber Treibgut traute sich nicht, etwas zu sagen, als er Dorman da so in sich versunken stehen sah.
„Die meisten Eurer Artefakte dienen einer Magie, die die Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten herstellt. So, als ob die Menschen einen ganz besonderen Ahnenkult pflegten. Tun sie das immer noch?“
„Ich muss gestehen, dass ich das nicht weiß. Hin und wieder plaudere ich auch mal mit unseren Komposits, die nur über wenig Elfenblut verfügen. Aber Ahnenkult gehört nicht zu unseren Plauderthemen.“
„Es gibt hier zwei Typen von Artefakten. Mit den einen lassen sich die Ahnen rufen, die anderen helfen den Ruf der Ahnen selbst zu verstärken. Und dann fällt mir auf, dass sich mit vielen Artefakten einfache Arbeiten des täglichen Lebens erleichtern lassen. Sie müssen einmal sehr viel stärker als das Elfenvolk gewesen sein.“
„Wie dem auch sei. Heute sind sie jedenfalls erheblich zurückgeblieben. Stark sind sie nur durch die hohe Zahl ihrer Nachkommen.“
„Wenn ich die Magie für mich arbeiten lassen kann, brauche ich keine Waffen und auch nur wenig Werkzeuge. Wenn mir dann aber ganz plötzlich die Magie verloren geht, bin ich recht hilflos, weil mir viele Fähigkeiten fehlen. Es kommt zu Hungersnöten, Krankheiten. Die Menschen müssen eine schlimme Zeit hinter sich haben. Aber sie sind nicht dumm und lernen. Neue Artefakte stellen sie allerdings nicht mehr her. Die kaufen sie sich lieber bei den Komposits und benutzen deren Elfenmagie. Das ist für mich schwer zu verstehen.“
„So schwer wie für mich Eure Fähigkeit, meine Schlösser zu öffnen?“
„Könnt Ihr nicht einfach mit dem Gedanken leben, dass Schlösser mich lieben und sich freiwillig für mich öffnen?“
„Nein, das kann ich nicht, weil so eine Erklärung nicht mehr als dummes Geschwätz ist, mit dem Ihr meinen Verstand beleidigen wollt.“
„Es gibt hier viele Artefakte, die die Elfen nicht kennen, weil sie so etwas nie gebraucht haben. Dadurch verzichten sie auf ganze Gebiete der Magie. Ihr solltet Euch unverzüglich an die Arbeit machen und endlich den universellen Magieverstärker zusammenbauen“, sagte Dorman.
„Wieso habe ich auf einmal das Gefühl, dass Ihr das Kommando hier übernehmen wollt?“, fragte Treibgut etwas ungnädig.
Dorman machte unschuldige Augen. „Wen oder was sollte ich denn kommandieren wollen?“
„Das weiß ich noch nicht, aber glaubt mir, ich werde es nicht sein.“
„Vergesst es. Es geht weder um mich noch um Euch. Der Magieverstärker ist deshalb wichtiger als alles andere, weil Tamalone über die Gabe verfügt, die Magie der Menschen zu erwecken. Das habe ich erst jetzt und hier verstanden. Was wäre das für ein Geschenk, durch sie die Magie der Menschen zurückzubekommen. Aber ihr fehlt die Kraft, die dazu nötig ist. Warum die Menschen ihre Magie verloren haben, weiß ich nicht. Woher sie sich diese Kraft früher einmal besorgten, ist eine weitere Frage, auf die ich gern eine Antwort hätte. Eine verlorene Kunst ist sie geworden. Heute beherrscht diese Magie niemand mehr.“
„Außer Euch.“
„Ich wünschte, es wäre so. Aber Eure Sammlung von Artefakten könnte mir erzählen, zu was die Menschen einmal fähig waren. Nur einige wenige Eurer Sammlerstücke sind tot. Ob ich in ihnen noch etwas finde, kann ich nicht versprechen. Andere schlafen und lassen sich möglicherweise wecken. Und noch andere sind lediglich ein wenig müde. Sie werden sprechen. Aber all das wird mehr Zeit kosten, als wir im Augenblick zur Verfügung haben. Ihr müsst deshalb den Magieverstärker bauen, und ich werde Tama so lange beschützen, bis Ihr endlich fertig seid.“
Das war keine Sprache, in der Treibgut sich zu unterhalten bereit war. „Zunächst hätte ich gern mein Geld zurück“, sagte er. „Mir fällt gerade ein, dass ich es doch dringender brauche, als ich gedacht habe. Schließlich könnte es sein, dass ich sehr teure magische Substanzen einkaufen muss, damit ich endlich den Magieverstärker bauen kann.“ Treibguts Stimme war tonlos und sein Blick hart.
Dorman erwiderte diesen Blick nur kurz, trat einen Schritt auf Treibgut zu und umarmte ihn mit einer Kraft, dass Treibgut sich kaum mehr rühren konnte. So hart Dormans Griff war, so weich erklang seine Stimme. „Verzeiht mir, mein Freund. Ich darf Euch doch so nennen. Es ist allein die Sorge um Tamalone, die mich ungeduldig werden ließ.“ Von einem auf den anderen Moment verließen Härte und Kraft Dormans Arme und er gab Treibgut wieder frei. „Ihr wollt unbedingt wissen, wie ich Eure Schlösser öffne? Gut. Ich zeige es Euch. Passt gut auf. Dort, das Amulett, das an dem Silberhaken hängt.“
Das Amulett befreite sich von seinem Haken, stieg in die Luft auf und kam, wie von einem Luftkissen getragen, herangeschwebt.
Treibgut traute sich nicht zu atmen, aus Angst, ein einziger Atemzug könnte Dorman in seiner Konzentration stören, und das wertvolle Stück, aus Knochen geschnitzt und mit Dornen aus Messing durchbohrt, würde dann zu Boden stürzen und zerbrechen. „Vorsicht, Mann,“ flüsterte er, als Dorman das Artefakt mit sicherer Hand ergriff und es aus der Luft pflückte wie einen Apfel vom Ast eines Baumes.
„Ich beherrsche nur diesen einen Menschenzauber, den ich Euch gezeigt habe. Die Kraft dazu wurde mir angeboren. Und Ihr habt kein Artefakt dafür. Wahrscheinlich ist er selten gewesen.“
Treibgut rieb sich die Arme an den Stellen, wo Dormans Hände sie gedrückt hatten. „Ihr seid ein Narr, wenn Ihr ernstlich glaubt, dass ich nach all dem, was Ihr mir grad offenbart habt, mich jetzt so einfach hinsetze und am Magieverstärker arbeiten werde. Wir haben Zeit. Zumindest so lange, bis Tamalone zurück ist. Und ihr dürft sie gern weiterhin Tama nennen, weil ich weiß, dass Ihr es auch sonst so haltet. Sagt mir, was Ihr bei einer oberflächlichen Durchsicht der Artefakte erkennen könnt.
Dorman verfluchte seine Ungeduld, überlegte nur kurz, dann nickte er und trat vor die Wand, an deren Artefakte Merjina gerade arbeitete. „Zeigt auf ein Artefakt und ich sage Euch, was mir dazu einfällt.“
Treibgut zeigte auf ein Artefakt mit der Nummer 41.
„Ihr habt einige Artefakte hier, die wirken wie ein Fernrohr. Ihr schaut hinein und alles wird so groß, dass ihr die Einzelheiten erkennen könnt. Es ist nur gleichgültig, in welche Richtung ihr schaut. Auch sind es keine Rohre. Ich vermute, man kann über sie den Kontakt zu anderen Welten oder Orten herstellen. Praktisch, wenn man etwas verloren hat und es wiederfinden muss. Das Artefakt 41 gehört zu dieser Gruppe und doch auch wieder nicht. Es enthält noch sehr viel Kraft. Aber ich kann es nicht nutzen. Für mich schaut es ins Nichts. Und man kann mit ihm auch nichts wiederfinden, was man verloren hat. Wir brauchten einen Menschen mit magischen Fähigkeiten. Wir brauchen Tama.“
„Mir brummt der Kopf. Ich weiß nicht, was ich von all dem halten soll. Das klingt für mich, als wären die Menschen einst erheblich mächtiger gewesen als die Elfen.“
„Möglich, aber ich glaube nicht, dass ihre Magie so mit ihrer Natur verbunden war, wie es bei den Elfen der Fall ist. Alle Elfen sind Magier oder Zauberer, wenn sie es darauf anlegen. Ich kann mir das bei den Menschen nicht vorstellen. Aber was weiß ich schon sicher über dieses Volk.“
„Es ist doch Euer Volk.“
„Wenn Ihr das sagt.“
Treibgut geleitete seinen ungeladenen Gast zur Tür und von dort zurück in die Werkstatt. „Ich werde mich um den universellen Magieverstärker kümmern. Aber sagt, Ihr wisst nicht zufällig, welches Wesen den Zahn geliefert hat, von dem mir lediglich eine kleine Scheibe zur Verfügung steht?“
Pandos Schritte gerieten kurz aus dem Takt. Dann sagte er: „Nach allem, was ich weiß, muss der Zahn schon recht alt sein.“
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