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William McIlvanney

Fremde Treue

Aus dem Englischen von Conny Lösch

Verlag Antje Kunstmann

Für Liam

Here’s a nice jungle: glades of trust Disturbed by parakeets of lust, Pools of deceptive calm where need Bathes among crocodiles of greed

Eins

1

AUFGEWACHT MIT RODEO IM KOPF. Spaß haben tut weh, stimmt’s? Dabei ging’s gestern Abend weniger darum als um Betäu bung mit Whisky. Langsam ließ die Wirkung nach und die Schmerzen wurden schlimmer. Wie immer.

Ich habe diesen Tag nicht gewollt. Wer hat ihn bestellt? Versucht’s doch nebenan. Ich vergrub mich ins Kissen. Sinnlos. Ein schlafloses Kissen. Wie nennt man so was noch mal? Hypallage? Meine Lehrer. Haben mir alles beigebracht, was ich nicht wissen muss.

Ich stand auf und begab mich auf Schmerztablettensafari. Viele Möglichkeiten gab es nicht, wo welche sein konnten. Im Schlafzimmer, unwahrscheinlich. Blieben das Wohnzimmer, die kleine Küche, der Flur und das Bad. Wobei der Flur schon mal ausschied. Da war nichts, worin man sie hätte aufbewahren können, es sei denn, ich hatte sie heimtückisch unter dem Teppich versteckt. Küche und Bad waren am wahrscheinlichsten. Kombinieren und schlussfolgern. Zum Glück war ich ein guter Detective.

Ich suchte in Schränken mit alten Rasierklingen und mehr Geschirr, als ich jemals benutzen würde, fand meine Zauberpillen dann aber im Wohnzimmer hinter den Türmchen mit dem Kleingeld, das ich so ungern in den Taschen behielt. Ich holte mir ein Glas Wasser und schluckte zwei, wobei ich gleich das Gefühl hatte, das sei nicht genug – als würde man zwei Anwärter von der Polizeischule aussenden, einen Aufstand niederzuschlagen.

Ich setzte mich ins Wohnzimmer. Allmählich kehrte meine Erinnerung zurück, was mir gar nicht recht war, denn schon ging es wieder los. Ich heulte. Ungefähr seit einem Monat immer dasselbe. Jeder neue Tag begann mit Tränen. Andere Menschen machten Gymnastik. Ich heulte. Nichts Dramatisches, keine herzzerreißenden Schluchzer. Nur stille und unerbittliche Tränen. Sie ließen einfach nicht von mir ab. Zum Glück dauerte es nicht lange.

Nach ein paar Minuten war’s vorbei. Ich wischte mir mit der Hand übers Gesicht und stand auf. Immerhin war heute der Tag, an dem ich endlich etwas dagegen unternehmen wollte. Mindestens eine der beiden Personen, denen ich von meinem Vorhaben erzählt hatte, hielt mich für verrückt. Ich habe nie behauptet, es nicht zu sein – allerdings bin ich auch nicht verrückter als andere. Solange wir Berichte von schweren Unruhen frühstücken und vor dem Zubettgehen Bilder nationaler Katastrophen wie Schlaftabletten zu uns nehmen, soll mich niemand für nicht ganz richtig im Kopf erklären.

Ich ließ mir eine Badewanne ein und legte mich hinein, als wäre Waschen kein rein physisches Ritual. Heile mich, heiliges Wasser, und bereite mich auf die Dinge vor, die da kommen mögen. Ich glaube nicht, dass es funktionierte, aber das heiße Wasser tat meinem Kopf gut. Während ich den Whisky ausschwitzte, ging der Pesthauch meiner Gedanken in den aufsteigenden Wasserdampf über und hob sich wie ein Nebelschleier.

Vielleicht hatte Brian doch ein bisschen recht. Ich war zwar nicht verrückt, aber möglicherweise dumm. Wir hatten eine Leiche. Aber hatten wir auch ein Verbrechen? Wenn ja, dann keins, das sich in den Gesetzbüchern fand. Andererseits glaube ich sowieso nicht so richtig an die Bücher. Mr Bumble hat sich geirrt. Das Gesetz ist kein Esel. Viel schlimmer. Das Gesetz ist ein hinterhältiges Arschloch. Es weiß genau, was es tut, keine Angst. Es wurde extra so angelegt.

Ich habe oft genug mitbekommen, wie das funktioniert – die Verwirrung des Beschuldigten wächst, während sich das juristische Possenspiel um ihn herum entfaltet. Man kann sehen, wie sein Blick trübe wird, Panik ihn überfällt und er schließlich kapituliert. Er kann seine vermeintliche Tat nicht mehr erkennen. Nur die anderen wissen noch, wovon die Rede ist. Es ist ihr Spiel. Und er ist der Ball.

Ich war bei Verhandlungen, bei denen ich den Angeklagten auf die Bank gesetzt hatte und schon nach fünfzehn Minuten am liebsten aufgestanden wäre, um das Wort zu seiner Verteidigung zu ergreifen. »Hört mal«, hatte ich schreien wollen, »ich habe diesen Mann auf der Straße gefasst, wo er lebt. Wart ihr da überhaupt schon mal?« Aber sie fuhren mit ihrer Privatparty fort, lauschten Präzedenzfällen wie Lieblingssongs, übten sich in Wortspielereien, spendeten sich gegenseitig Beifall. Ab und zu wurde inmitten des Kauderwelsch die Stimme des Beschuldigten vernehmbar, leise, sehnsüchtig und meist seltsam, wie eine mit schottischem Akzent vorgetragene lateinische Rede. Erbärmliches menschliches Fleisch, gebrechlich und voller Sommersprossen, lugte durch einen Riss im Hermelin gewand und wurde schnell wieder verdeckt. Wer stört hier unser kleines Moralitätenspiel? Der Kerl kennt nicht mal den Text.

Diese Richter, dachte ich, während das Wasser abkühlte. Ich erledige einen Großteil meines Nachdenkens in der Badewanne. Vielleicht gehörte das zu den Vorteilen einer Mietwohnung ohne Dusche. Richter aber waren der wirklichen Welt so nahe wie der Dalai-Lama. Sie hatten kaum Ahnung von der alltäglichen Tretmühle der Menschen, über die zu urteilen sie sich anmaßten, von einer verständnisvollen Einsicht ins menschliche Herz ganz zu schweigen. Ein ums andere Mal donnerte eine gereizte Stimme vom Olymp und stellte eine Frage, die fassungslos machte: »Ein Transistor? Was genau meinen Sie damit?«

»UB40? Ist das eine naturwissenschaftliche Formel?«

»Keine naturwissenschaftliche, Euer Ehren. Eine amtliche. Ein Antragsformular auf Arbeitslosenhilfe.«

»Ein Antrag auf Arbeitslosenhilfe? Und was soll das sein?«

Wenn man ihrem Klub beitreten wollte, musste man dann sein Gehirn am Eingang abgeben? Welche seltsamen, in Port getränkten und Vorurteilen marinierten Köpfe steckten unter diesen Perücken?

»Anwälte«, sagte ich zur Badezimmerdecke. Wer kann ihnen vertrauen? Sie stopfen sich Verbrechen in die Brieftaschen und erklären sich selbst zu Säulen der Gesellschaft. Ihre Honorare sind der reinste Steuerbetrug, aber wer wollte sie drankriegen, wenn nicht sie selbst? »Ein ausgezeichneter Anwalt« war eine Formulierung, die ich oft zu hören bekam. Das war zutreffend, wenn nicht mehr gemeint war als Geschick bei juristischen Spielchen. Aber was bedeutete sie wirklich? Intelligenz ist ein geschlossener Schaltkreis. Und sollte auf keinen Fall einer bleiben. Holt man Anwälte von der Bühne, die der Gerichtssaal für sie ist, wissen viele von ihnen Tränen nicht mehr von Regen zu unterscheiden.

Man kann wohl sagen, dass ich mir in Bezug auf meinen Job allmählich keine Illusionen mehr machte. Ich stieg aus der Wanne und zog den Stöpsel, wischte jede Andeutung einer Gezeitenmarke weg, noch während das Wasser abfloss. Die Technik hatte ich mir angeeignet, seit ich alleine wohnte. Dadurch war die Wanne leichter zu reinigen. (Laidlaws praktische Haushaltstipps für alleinstehende Männer: Erste Auflage in Vorbereitung.)

Ich trocknete mich ab. Nackt wie ich war, missfiel mir mein zunehmend schwabbeliger Bauch. Mit Klamotten war’s nicht so schlimm. Außerdem zog man ihn sowieso meist ein, zwängte sich in ein Korsett der Eitelkeit. Im Badezimmer betrachtete ich meinen Nabel und fand ihn größer, als mir lieb war. Ach, die gute alte Zeit, als ich noch ein Haus verschlingen und eine Brauerei trinken konnte und mein Bauch trotzdem einem unverbiegbaren Brett glich.

Andeutungen von Sterblichkeit wölbten sich unter dem Handtuch hervor. Früher schien ich für die Ewigkeit gemacht. Früher spielte früher kaum eine Rolle. Mein Leben war ein unentdeckter Kontinent und ich der einzige Forschungsreisende. Und was hatte ich gefunden? Äh, na ja, das Leben ist … durcheinander. Gebt mir noch ein paar Jahre, dann komme ich dahinter. Aber wie viele Jahre habe ich noch? Neuerdings vergingen sie so schnell. Als würde man kurz innehalten, eine Sicherung reparieren und eh man sichs versah, war schon wieder ein Jahr vorbei.

Ich erinnere mich, irgendwo eine Theorie darüber gelesen zu haben, warum die Zeit schneller vergeht, je älter man wird. Im Kern lautete sie folgendermaßen: wenn man zehn ist, ist ein Jahr ein Zehntel des eigenen Lebens; ist man vierzig, ist ein Jahr ein Vierzigstel des eigenen Lebens. Und ein Vierzigstel ist viel weniger als ein Zehntel. Ich war über vierzig. Die Stellen hinter dem Komma auszurechnen war mir zu mühsam. Aber das Prinzip leuchtete mir ein.

Trotzdem war es seltsam. Das Bewusstsein meiner Sterblichkeit gab mir Auftrieb. Ein psychischer Adrenalinschub durchzuckte mich und verjagte die letzten verbliebenen Nebelschwaden aus meinem Kopf. Wenn man seinen Erfahrungen treu bleibt, braucht man das Alter nicht fürchten. Es bringt einen dem Verstehen näher. Und das hatte ich immer gewollt. Mal sehen, ob es mir glücken würde.

Ich zog eine frische Unterhose an. Es fängt im Kleinen an … ich legte eine neue Klinge in den Rasierer. Drückte Schaum aus der Dose in die Hand. Seifte meine Wangen ein, mein Kinn, meine Oberlippe. Den Schnurrbart von neulich hatte ich wieder abgeschafft. Man hatte mir den Polizisten damit zu deutlich angesehen – er gehörte zum Standard, wie der Dienstausweis. Ich blickte in den schmalen runden Spiegel wie in ein Bullauge und ein schwimmendes, weißbärtiges Gesicht starrte zurück. Hoffentlich würde ich auch die entsprechende Weisheit besitzen, wenn ich erst einmal so alt war, wie ich aussah.

Als ich meinem verschwommenen Gesicht mit der Klinge Kontur gab, rückte mit meinem Kinn auch das Bevorstehende in den Blick. Ich hatte eine Woche. Ein Monat war vergangen, seit etwas sehr Schlimmes passiert war, und die Zeit hatte ich gebraucht, um mir diese Woche vom Polizeidienst freizunehmen, zumindest vom offiziellen. Ich hatte mir meinen Arbeitsurlaub verdient.

Ich wollte ermitteln, aber auf meine Art. Seit meinen Anfängen bei der Glasgower Polizei hatten mich meine Vorgesetzten einhellig als »eigenbrötlerisch« bezeichnet, als hätten sie es aus meiner Akte abgelesen. Fast war es zu einer Ergänzung meines Rangs geworden. Jack Laidlaw, Eigenbrötler. Na ja, sie hatten recht. Ich bin ein Eigenbrötler. Ihnen war gar nicht klar, wie sehr. Wenn ich schon für Anwälte nicht viel übrighatte, dann für Polizisten noch weniger. Seit Jahren arbeitete ich gegen mein innerstes Wesen an.

Wie oft hatte ich das Gefühl, den Falschen zu dienen? Wie oft den Eindruck, die schlimmsten Ungerechtigkeiten entsprangen nicht persönlichen, sondern institutionellen, finanziellen oder politischen Umständen? Das Verbrechen hinter dem Verbrechen hatte mich schon immer fasziniert, das unantastbare Netz aus legal verankerter sozialer Ungerechtigkeit, auf die der jeweilige Fall kraftlos verweist.

Ein Pariser Graffiti hatte einmal gelautet: »Zeigt man mit dem Finger auf den Mond, sieht der Trottel nur den Finger.« Vielleicht hatte ich jetzt lange genug auf den Finger geschaut.

Meine Ausflüchte ruhten, meine persönlichen Harpyien verdarben mir mein Selbstwertgefühl und machten sich über meine bisherige Tätigkeit lustig. Wenn ich schon Detective war, dann wollte ich jetzt endlich etwas aufdecken. Es wurde Zeit, einen Gang höher zu schalten und das Beste aus meinen Fähigkeiten zu machen.

Denn ich war mit einem Tod konfrontiert, den ich begreifen musste. Ein Fall, dem ich zwar mit polizeilichen Methoden nachgehen konnte, nicht aber in polizeilichem Auftrag. Ermittler, ermittle gegen dich selbst. Ein Mensch war tot. Einer, den ich vermutlich mehr geliebt hatte als irgendjemanden sonst.

Niemand hatte von einem »Verbrechen« gesprochen. Aber sein Sterben schien mir ungerecht, vor Sinnlosigkeit strotzend, wie ich es selten erlebt hatte. Und ich hatte viel erlebt. Dieser Mensch hatte voller Potenzial gesteckt, war so lebendig gewesen und hatte seinen sinnlosen – sind sie das nicht alle? – Tod so wenig verdient. Das wusste ich.

Und ich musste es wissen. Er war mein Bruder.

Es klingelte an der Tür. Das Geräusch veränderte die Bedeutung meiner Gedanken. Sich psychisch zu wappnen und damit zu drohen, eigene Erfahrungen mental zu verrechnen, ist das eine. Geistige Selbstbeweihräucherung aber in Geschehen umzusetzen, die Intensität der eigenen Gefühle gegen die Fakten anzuführen und abzuwarten, was sich daraus ergibt, ist etwas ganz anderes. Ähnlich wie der Unterschied zwischen einem Trainings- und einem Meisterschaftskampf. Der Gong verkündet: »Ring frei!« Du bist auf dich allein gestellt. Die Nähe einer anderen Person verdeutlicht dies nur.

Ich latschte barfuß mit Rasierschaum an den Ohren und auf der Oberlippe zur Tür. Dabei überfiel mich eine kleine Offenbarung: die Welt ist gefährlich. So leben wir heutzutage. Die von mir gemietete Wohnung befand sich in einem alten sanierten Wohnblock. Als er gebaut wurde, konnte jeder das Haus von der Straße durch die Tür betreten. Jetzt war das anders. Die Haustür unten war verschlossen. Man musste auf eine Klingel drücken. Jemand musste einen Hörer abnehmen. Wurde man erkannt, ertönte der Summer. Man trat ein und ging zur Wohnungstür. Ließ sich durch einen Spion betrachten. Bestand man den Test, ging die Tür auf.

Es war ein Wohnblock am Rande von Glasgow, nicht das Schloss von Otranto. Wer hier lebte, besaß nicht viel, das zu stehlen sich lohnte. Vielleicht einen Videorekorder. Wir hatten Angst vor uns selbst. Es gab mal eine Zeit, in der Männer und Frauen stolz waren, jemandem die Tür zu öffnen. Was war mit uns geschehen?

War das relevant für den Tod meines Bruders? Mir kam es vor, als sei möglicherweise alles relevant. Ich legte meine Hand aufs Telefon. Herein, fremde Welt. Ich werde dich genauer im Auge behalten als je zuvor. Dann nahm ich den Hörer ab.

2

»HALLO?«

»Hallo, Jack?«

Brian Harkness. Wer sollte es sonst so früh am Morgen sein? Mein Zustand in letzter Zeit hatte den Sozialarbeiter in Brian geweckt.

»Alles klar, Brian.«

Ich drückte auf den Summer und machte auf. Als Brian eintrat und die Tür ins Schloss fiel, rasierte ich mich noch. Er kam ins Bad und setzte sich auf den Wannenrand.

»Na, Brian.«

»Jack.«

Er betrachtete mich mit einem Blick, an dem eigentlich ein Stethoskop hätte hängen müssen.

»Wie geht’s?«, fragte er. »Warst du wieder drauf?«

»Sprich Klartext.«

»Hast du wieder gesoffen?«

»Brian. Ich bekomme Alkohol auf Rezept.«

Witzig-kluge Bemerkungen: Die Balancierstange, mit der wir über das Drahtseil tanzen. Ich spülte mir die Seife aus dem Gesicht.

»Mein Gott, ich mache mir Sorgen. Was tust du dir an? Niemand weiß, wo du bist. Im Dezernat bist du so beliebt wie ein Frettchen im Kaninchenstall. Wir sehen dich nur noch im Dienst. Dann verschwindest du. Hierher?«

Er sah sich um. Ich trocknete mir das Gesicht ab.

»Brian«, sagte ich. »Warum trägst du kein Blümchenkleid?«

»Was?«

»Wenn du die Rolle meiner Mutter übernehmen möchtest, solltest du dich entsprechend kleiden.«

»Halt die Klappe und hör mir einmal im Leben zu, ja?«

»Meine Mama hat nie so mit mir gesprochen. Die Zeiten ändern sich.«

»Jack, du musst dich zusammenreißen.«

»Das hat sie allerdings auch gesagt. Wenn du wirklich meine Mutter sein willst, dann mach uns was zu essen. Ich zieh mich an.«

Er starrte, wie Angehörige von Krankenhauspatienten diese manchmal anstarren, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Aber ich bin nicht umsonst Detective. Seiner Miene konnte ich entnehmen, dass er sich fragte, ob der Patient wusste, wie schlimm es um ihn stand. Kopfschüttelnd ging er in die Küche.

Ich war froh, dass er sich zunächst verzog. Dadurch ließ der Druck nach. In Wirklichkeit fühlte ich mich meiner selbst nicht besonders sicher. Während ich mir das feuchte, verstrubbelte Haar kämmte, nahm ich irgendwie verzögert wahr, was er gesagt hatte, seine nachvollziehbaren Bedenken, seine berechtigten Einwände. Die verknoteten Haare ziepten und ein paar blieben im Kamm hängen, aber ich vermisste sie nicht. Wenigstens war mir mein Haar geblieben. Es war so dicht wie eh und je und frei von Grau. Aber wenn es mir ins Gedächtnis rief, wer ich einmal war, was sonst vermochte dies zu tun?

Brian hatte recht. Mein Leben war ein entsetzliches Durcheinander. Miguel de Unamuno hatte etwas geschrieben, das auf mich zutraf. Wenn es mir nur wieder eingefallen wäre. Ich las eine ganze Menge Philosophie, fast schon fieberhaft, wie einer der kurz vor dem Eintreffen des Henkers noch verzweifelt die versteckte Eisensäge sucht. Unamuno hatte die Behauptung aufgestellt: Wenn ein Mensch das Gefühl für seine eigene Kontinuität verliert, dann war’s das. Er hat’s verkackt und ist im Arsch. Tut mir leid, Miguel, wenn das nicht korrekt zitiert war.

So ging es mir. Ich hatte das Gefühl für meine Kontinuität verloren. Ich improvisierte mich von einem Tag auf den anderen. Ich wusste nicht mehr, wer ich war. Das Leben, das ich zu konstruieren geglaubt hatte, war in sich zusammengefallen. Zum Beispiel meine Familie. Ich hatte sie immer für das Zentrum meines Lebens gehalten. Jetzt war ich unwiderruflich von Ena getrennt und sah meine Kinder nur noch nach terminlicher Absprache. Meine Beziehung zu Jan befand sich in einem sinnlichen Schwebezustand – ein frei dahintreibendes Bett, das in keinerlei sozialer Struktur verankert war. Mir war nicht klar, was ich ihr über den Liebesakt hinaus zu bieten hatte. Ich lebte von einem Job, an dem ich täglich zweifelte. Und gerade als ich glaubte unterzugehen, und jede noch so kleine Bestätigung der Sinnhaftigkeit des Lebens hätte gebrauchen können, war mein Bruder, der in meinen schlimmsten Zeiten wichtiger für mich gewesen war als ich selbst, vor ein Auto gelaufen. Zufall. Oder nicht?

Irgendetwas in mir musste glauben, dass es keiner war. Ich wollte aber auch nicht behaupten, er hätte sich selbst umgebracht. Also was wollte ich behaupten? Ich weiß es nicht. Vielleicht hatte ich Schuldgefühle. Jedes Mal, wenn eine von mir geliebte Person starb, hatte ich mich schuldig gefühlt. Ich hatte nie genug Zeit mit demjenigen verbracht, ihn nie genug geschätzt, als er noch am Leben war, ihm nie genug gegeben.

Aber die Schuld, so glaubte ich seltsamerweise, lag nicht nur bei mir.

In dieser Hinsicht war ich seit jeher großzügig. Ich wollte immer so viele Menschen wie möglich, einschließlich mich selbst, in jeden einzelnen Fall verstricken, in dem ich zu ermitteln hatte. Wenn es nach mir ginge, säße die gesamte Weltbevölkerung auf der Anklage bank. Wir würden alle aussagen, unsere traurigen Geschichten erzäh len. Und dann gäbe es einen massenhaften Freispruch, wir würden alle fortgehen und es noch einmal versuchen. (Aber verraten Sie meinem Vorgesetzten beim Crime Squad nicht, dass ich das gesagt habe.)

Scott, mein toter Bruder, war inzwischen zum Zentrum dieses manischen Gefühls geworden, das ich so lange unterdrückt hatte. Ich wollte unbedingt, dass sein Tod mehr bedeutete, als es den Anschein hatte. Wenn der Reichtum seines Lebens am Nummernschild eines zufällig herannahenden Wagens enden konnte und es das gewesen war, dann war ich bereit, den Laden meiner Überzeugungen dichtzumachen und mein Verständnis von Moral am Ausgang abzugeben. Die Welt war ein Bingo-Stand.

Aber das wollte ich nicht. Ich brauchte Scott im Tod genauso wie im Leben. Ich brauchte ein sinnhaftes Wiedersehen zwischen uns.

Als ich sah, dass Brian in der Tür stand und mich beobachtete, hörte ich auf so zu tun, als würde ich das Badezimmer aufräumen. Er tarnte den Überwachungsversuch mit Konversation.

»Wie soll ich was zu essen machen?«, fragte er. »Womit denn, bitte schön? Dein Kühlschrank könnte in einem Schaufenster stehen. Es ist absolut nichts drin. Was soll ich kochen? Suppe aus Fenstervorhängen? Ich hab den Teekessel aufgesetzt. Wenigstens Wasser hast du noch, soweit ich gesehen habe.«

»Ich führe ein genügsames Leben, Brian.«

»Genügsam? Du bist eine Ein-Mann-Hungerkatastrophe.«

»Eier«, sagte ich.

»Stimmt. Vier Eier in einer Plastikpackung. Das ist alles.«

»Dann koch sie. Und mach Toast. Für jeden zwei, dazu Kaffee.«

»Dein Brot hat Ähnlichkeit mit Badezimmerfliesen.«

»Getoastet merkt man’s gar nicht.«

»Okay, Egon.«

Während er in der Küche ein Feinschmeckerfrühstück zauberte, ging ich ins Schlafzimmer. Ich zog mich an und legte meine schwarze Lederjacke aufs Bett – ein vielseitiges Kleidungsstück, auf einer Cocktailparty war man damit ebenso gut angezogen wie auf der Hunderennbahn. Ich wusste nicht, wohin es mich verschlagen würde. Im Schrank fand ich die Reisetasche. Was sollte ich reintun, das war die Frage. Wenn’s ums Packen geht, bin ich ein hoffnungsloser Fall. Normalerweise schiebe ich es bis zur allerletzten Minute auf, nur um eine Ausrede zu haben, falls es schiefgeht.

Ich wollte circa eine Woche weg. Im Schrank hingen fünf saubere Hemden, die ich aufgehängt hatte, weil ich kein Bügeleisen besaß. Gott segne den Trockner. Aber es bedeutete, dass ich mir jetzt überlegen musste, wie ich sie zusammenlegte. Erst mal alle zuknöpfen, dann mit der Vorderseite nach unten aufs Bett legen, jeweils an der Schulter einschlagen, die Ärmel umklappen, den Rest zusammenfalten, und schon stand man vor einem tadellos ordentlichen Objekt. (Rubrik Privates: Haushaltshilfe gesucht, alle Tätigkeiten.)

Fünf Hemden müssten reichen, außerdem das, welches ich anhatte, jedenfalls wenn ich noch zwei Pullover einsteckte, mit denen ich Schmutzränder am Kragen verstecken konnte, sollte sich dies als notwendig erweisen. Ich packte alles ein, wovon ich dachte, dass ich es gebrauchen könnte, und hielt mich dabei an Laidlaws unfehlbare Packerregel: vom Kopf bis zu den Füßen, alles zwei Mal überprüfen. Ein zweites Paar Schuhe hatte ich vergessen. Ich packte sie ein. Okay. Schuhe. Sieben Paar Socken. Sieben Unterhosen, ungebügelt. Fünf Hemden. Zwei T-Shirts für unter den Rollkragenpullover, falls sich herausstellen sollte, dass die Hemden am zweiten Tag nicht mehr tragbar waren. Zwei Krawatten, sollte förmliche Garderobe gefragt sein. Zwei Extrahosen, geschickt eingerollt, um Knitterfalten zu vermeiden. Ein Jackett.

Der Kulturbeutel. Ich ging ins Badezimmer und steckte alles, was ich brauchte, hinein, kam damit zurück und packte ihn ein. Die Reisetasche sah nicht gut aus. Sie beulte sich tumorartig an mehreren Stellen aus. Aber der Reißverschluss ging zu. Ich fand meine Migränetabletten und stopfte sie in eine der Seitentaschen. Sankt Georg war bereit.

Brian auch. Wir setzten uns an den Tisch am Fenster und frühstückten. Sah aus, als sollte es ein schöner Tag werden. Ich hatte keinen Regenmantel eingepackt.

»Der Toast ist anstrengend«, behauptete Brian. »So was sollte man nur in Gruppen essen. Für einen ist das zu viel, man braucht eine ganze Kaumannschaft.«

»Ich mag ihn so. Man hat mehr davon, schiebt sich sein Essen nicht einfach in den Mund und schluckt es herunter. Der Toast fordert Aufmerksamkeit.«

Aber ich wusste, unser varietéreifes Geplänkel ließ sich nicht ewig fortsetzen. Die Darsteller der Hauptvorstellung warteten schon hinter den Kulissen.

»Jack, was hoffst du zu beweisen?«

»Was ich damit beweisen kann.«

»Ganz toll. Komm schon, Jack. Scott ist tot. Er wurde überfahren. Er war betrunken. Gibst du dem Fahrer die Schuld?«

»Natürlich gebe ich nicht dem Fahrer die Schuld, Brian, werd endlich erwachsen. Wieso sollte ich dem Fahrer die Schuld geben?«

»Worum geht es dir dann? Willst du den Verkehr verklagen?«

»Ich will einfach dahinterkommen. In meiner Freizeit. Wem schade ich damit?«

»Dir selbst, würde ich sagen.«

»Egal. Was hast du heute vor?«, fragte ich und wechselte den Kurs.

»Mit Bob Lilley arbeiten. Sein Partner hat auch gerade frei. Aber nicht aus Gründen der Unzurechnungsfähigkeit.«

»Aha. Steht was an?«

»Nicht weit vom Fluss wurde eine Leiche gefunden. Gegenüber der Rotunda. Noch nicht identifiziert. Mit einem Strick um den Hals.«

Die Rotunda war ein altes, frisch saniertes Gebäude, das jetzt ein angesagtes Speiselokal beherbergte, ein Symbol des neuen Glasgow.

Auf der anderen Seite des Clyde befanden sich die heruntergekommenen Gegenden, in denen die Industrie vor sich hin krepierte. Ich dachte an die in hell erleuchteten Räumen Trinkenden und Speisenden und den Toten, verlassen in der Dunkelheit auf der anderen Seite des Wassers, dort, wohin das Licht nicht reichte. Vielleicht war es meiner Stimmung geschuldet, aber die Gegenüberstellung dieser beiden Bilder erschien mir wie ein Wappen unserer Zeit. Motto: Lebet in Saus und Braus und kümmert euch einen Scheiß um die anderen.

»Laut vorläufiger Einschätzung war er süchtig. Bob hat den Bericht. Anscheinend hat er sich kürzlich erst den Arm gebrochen. Und so wie’s aussieht, haben sie ihm auch ordentlich zugesetzt, bevor er getötet wurde. Sämtliche Finger sind gebrochen.«

»Ich glaube, meine Eier sind gerade schlecht geworden«, sagte ich. »Kompliment an den Koch. Wenn du ihn nur bitten würdest, das nächste Mal beim Essen die Klappe zu halten.«

Wir räumten die traurigen Reste der Mahlzeit auf und Brian bestand darauf, dass wir abspülten.

»Die Bude hier ist so schon deprimierend genug«, sagte er. »Wenn noch ein Berg schmutziges Geschirr dazukommt, steckst du demnächst den Kopf in den Ofen.«

»Ist Elektro.«

»Dann brutzelst du dich eben in der Pfanne zu Tode.«

»Hab gar nicht gemerkt, wie spät es ist«, sagte ich, als ich das Küchenhandtuch aufhängte. Bald würde ich es waschen müssen. Allmählich machte ich das nasse Geschirr damit schmutziger. »Ich bin später aufgestanden als geplant. Jan müsste bald hier sein.«

»Jan kommt?«

»Ich dachte, wir gehen ins Lock und essen was zu Mittag. Dann bringt sie mich zum Bahnhof.«

»Zu welchem?«

»Central Station.«

Brian hob abwehrend die Hand.

»Schweig, das genügt«, sagte er. Er nahm die Hand ans Kinn wie Sherlock auf einem alten Druck und zeigte mit dem Finger auf mich. »Graithnock.«

»Mein Gott, du bist gut«, sagte ich. »Da hat Scott gewohnt.«

»Rückkehr zum Schauplatz des Verbrechens. Nur dass es kein Verbrechen gibt.« Er war freundlich zu meinem Schweigen, erfüllte es mit Worten. »Dann kommt Jan also?«

»So war’s gedacht. Ein Abschiedsessen, bevor ich mich ins Hinterland begebe.«

»Wie soll’s mit euch beiden weitergehen?«

»Ach, sie ist toll«, sagte ich. »Was für eine fantastische Frau.«

»Danach hab ich nicht gefragt.«

»Brian. Ich stecke so tief in der Scheiße, dass ich damit ganz Russland düngen könnte. Woher soll ich wissen, was später wird? Ich weiß, dass ich sie liebe. Was auch immer das bedeutet. Aber was ich damit anfange, muss ich erst noch herausfinden. Leg deine Frage auf Eis.«

»Jedenfalls hab ich ein Problem«, sagte er, »wenn Jan kommt. Ich wollte dir meinen Wagen geben.«

»Du brauchst ihn doch.«

»Ich nehme den von Morag. Sie kann sowieso nicht mehr fahren, so weit wie sie ist. Sie würde vom Rücksitz aus lenken müssen.«

Morag war im achten Monat schwanger. Es war ihr Zweites. Stephanie war fünfzehn Monate alt. Trödeln war nicht ihr Ding.

»Sicher?«

»Ich werde mir vorkommen wie in einem Autoskooter, aber schon okay.«

»Hey, danke. Das hilft sehr. Bist ja doch nicht so unausstehlich, wie ich dachte.«

»Hab eine Schwäche für Verrückte. Du hättest Ena nicht den Wagen überlassen sollen.«

»Sie hat ihn dringender gebraucht als ich. Wegen der Kinder.«

»Aber wie komme ich jetzt nach Hause? Ich hatte gehofft, du könntest mich fahren.«

»Mach ich.«

»Aber du triffst dich doch mit Jan.«

»Dann kommst du eben mit.«

»Oh nein, das ist zu intim.«

»Brian, wir gehen mittagessen, nicht ins Kino in die letzte Reihe. Wir sind inzwischen wohlerzogene Erwachsene, mein Kleiner. Ich denke, das kriegen wir hin.«

Während wir auf Jan warteten, fragte mich Brian nach Ena und den Kindern. Ich hatte sie am Vortag gesehen, am Sonntag, dem Tag des Kindes, dem Sabbat der Agnostiker, an dem überall in der westlichen Welt abtrünnige Väter flüchtige Blicke auf das Einzige werfen, woran sie in ihrer Ehe noch glauben. Sie bringen Aufnahmeanträge für Sportvereine, schlecht sitzende Kleidung und Bücher mit, die niemals gelesen werden.

Ich war einer von ihnen. Die Vorstellung deprimierte mich. Wie würde das in ein paar Jahren aussehen? Wenn ich nicht an einem Samstag starb, verloren sie einen Fremden. Durch diese Überlegungen versehrt, wandte ich mich ab. Ich war auf einen anderen schlimmen Gedanken gestoßen. Ein zu großer Teil meines geistigen Mobiliars schien heutzutage aus Verzweiflung gezimmert.

Als Jan hupte, war ich froh. Ich nahm meine Reisetasche für voraussichtlich eine Woche, und Brian und ich traten hinaus ins grelle Sonnenlicht. Brian winkte Jan, hob die Hände und nickte in meine Richtung. Übersetzt hieß das: »Er ist schuld.« Sie lächelte. Ihr Lächeln war eine wunderschöne Absolution.

Im Wagen küssten wir uns, Jan und ich, nichts Heißes, vergewisserten uns nur kurz, ob das Kontrolllämpchen noch brannte. Nachdem sie angefahren war, sah sie in den Rückspiegel.

»Er fährt uns hinterher«, sagte ich. »Er kommt mit.«

»Meinst du, dass du Unterstützung brauchst?«

»Brian borgt mir seinen Wagen. Ich muss ihn nach Hause bringen. Was hätte ich sonst…«

»Jack.« Sie verstand es, einen mit dem eigenen Namen zu streicheln. »War nur Spaß, okay? Hauptsache wir haben überhaupt ein bisschen Zeit zum Reden.«

Bei ihrer Stimme und ihrem Duft regten sich Hormone in mir, wurden unruhig und dachten: Okay, vielleicht werden wir hier doch noch gebraucht.

Immer wenn man glaubt, man sei schon tot, kitzelt einen das Leben an den Füßen.

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9783956140723
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