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Will Berthold

Die gelbe Mafia

SAGA Egmont

Die gelbe Mafia

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

Copyright © 2017 by Will Berthold Nachlass,

represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de).

Originally published 1990 by Lübbe Verlag, Germany.

All rights reserved

ISBN: 9788711726952

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

1

Er saß rechts in der neunten Reihe in der DC-10 aus Bangkok, ein unauffälliger, unaufdringlicher Mann mit etwas zu langen Beinen, der seinem Gesicht eine nichtssagende Miene wie eine Brille aufsetzen konnte. Er gab sich bei der bevorstehenden Untergrund-Operation in Hongkong – wohin alle Spuren führten – als Ralf Parker aus, doch sein Name war so falsch wie ein Hurenkuß. Nach jedem Auftrag landeten seine Reisepapiere, seine Garderobe und seine Legende im Reißwolf und wurde eine Episode aus seinem Gedächtnis gelöscht.

Echt an dem Geheimagenten war nur die aufgeweckte Blondine an seiner Seite, mit der er nach übereinstimmender und mitunter neidvoller Meinung der geschlossenen Reisegesellschaft mindestens seit Singapur – wenn nicht schon seit Bali – schlief. Die Mittdreißigerin aus Düsseldorf, eine gutverdienende Direktionsassistentin namens Babs, wirkte ohne Make-up nicht gerade wie das Gedicht von einer Frau, aber ihre Prosa konnte sich durchaus sehen lassen. Vom Zwang des Alltags befreit, war ihre Vitalität regelrecht explodiert.

Ralf Parker – oder wie immer er heißen mochte – war nicht der Typ, der eine Gelegenheit ausließ, noch dazu, wenn sie sich als zusätzliche Tarnung eignete. Der Kurschatten, der ihm über den Weg gelaufen war, paßte vortrefflich zu seiner derzeitigen Rolle in der Eselshaut eines Pauschaltouristen, in der er seinen neuesten Auftrag anging.

Im Dschungel der unsichtbaren Front führte der Mann aus Pullach den Spitznamen ›der Kamikaze‹, seitdem er ein Himmelfahrtskommando im Urwald von Malaysia und andere halsbrecherische Unternehmungen überstanden hatte. Gemessen an seinem jetzigen Auftrag in Hongkong waren allerdings die damaligen Todesraids Kinderspiele gewesen.

Der erste Anlauf der ›Operation Taifun‹, des Versuchs, in das Triadennetz eines übermächtigen chinesischen Gangstersyndikats einzudringen, war gründlich danebengegangen: Parkers Vorgänger, zwei an der Zahl, hatten vor kurzem dabei ihr Leben verloren. Was einem dritten Mann, dem Agenten Latzke, der sich – seelisch gebrochen und körperlich ruiniert – telefonisch im Hauptquartier zurückgemeldet hatte, widerfahren war, erwies sich als so schlimm, daß man den Mann wie nach einem schweren Betriebsunfall isolierte, ihn sofort in einem Krankenhaus und anschließend unter strenger Geheimhaltung in einem Sanatorium unterbrachte, Besuche unterband und seine Frühpensionierung beantragte.

Diese Tatsache hatten die Auftraggeber dem Kamikaze verschwiegen, weil seine Vorgesetzten befürchteten, er könnte kalte Füße bekommen und aussteigen. Auch wenn Parker der Fall Latzke unterschlagen worden war, kannte er sein Risiko gut genug; er wußte, daß holländische, amerikanische und englische Agenten im Kampf gegen den kriminellen Polypen vor die Hunde gegangen waren, mindestens sechs oder sieben erstklassige Männer.

Der Geheimbund des organisierten Verbrechens, die Triaden, in China eine traditionelle Institution, hatte seine Tatorte seit einiger Zeit in die westliche Welt verlegt. Nicht nur in Deutschland wurden Polizei, Staatsanwälte und Richter mit Verbrechen konfrontiert, gegen die sie fast machtlos waren. Nach Ermittlungen der ›Royal Hongkong Police‹ soll es, über die ganze Welt verteilt, 27 Triaden mit mehr als 300000 Mitgliedern geben. Diese Gangs führen so harmlose Bezeichnungen wie ›Alte Armee‹, ›Rote Tür‹, »Stiller Pfad‹, ›Morgenlicht‹ oder ›KK‹. Der Begriff Triade stammt aus dem Altchinesischen und bedeutet ›Dreieinigkeit von Himmel, Erde und Mensch‹. Aus dieser romantischen Vorstellung hat sich ein krimineller Milliarden-Konzern von beispielloser Grausamkeit entwickelt.

In Fernost hat man meistens ein anderes Empfinden gegenüber Tieren wie in Europa oder Amerika: An Verkaufeständen werden flatternde Hühner gewogen und dann vor aller Augen geköpft. Nach der Preisabsprache entnimmt man den zuckenden Körpern lebender Schlangen die Galle, die bei Gourmets als besondere Delikatesse gilt.

Auch gefährdeten oder gestrauchelten Komplizen der Geheimbande oder ihren Verfolgern droht ein furchtbarer Schlangentod. Das gelbe Kartell geht so erbarmungslos gegen seine Opfer vor, daß die sizilianische Mafia – nach Meinung von Experten – vergleichsweise wie ein harmloser Sparverein wirkt.

Der Kamikaze hatte sich auf den Kampf gegen den gelben Mob gründlich vorbereitet und, soweit es möglich war, auch sein Aussehen verändert: neuer Haarschnitt, veränderte Augenfarbe durch Color-Haftschalen, neu einstudierter Gang, veränderte Körpergröße durch spezielle Schuhe, meisterlich beherrschte Mimik, geänderte Haltung und Sprechweise. Das Untergrund-As ist keineswegs ohne weiteres zu erkennen. Aber auch für einen Meister der Tarnung gilt die chinesische Redensart: »Du magst einen Affen aufs Pferd setzen, doch seine Hände und Füße bleiben immer behaart.«

Der Kamikaze war keine besonders hohe Charge in der beamteten Hierarchie des westdeutschen Bundesnachrichtendienstes, aber seinen Rang bestimmte der Erfolg. In der Zentrale galt er als verwegen, umsichtig, intelligent und aufsässig. Er aaste mit Vertrauensspesen, die der Verwaltungschef – ohne Kenntnis der Arbeit in der Drecklinie – voller Mißtrauen und nur zögernd abzeichnete. Der Erbsenzähler gehörte zu den zwei, drei Spitzenleuten der Firma, die den Mann fürs Grobe lieber heute als morgen gefeuert hätten, aber der Kamikaze war bisher immer wieder, wie ein Bumerang von den gefährlichen Raids zurückgekehrt. Die meisten im Hauptquartier wußten genau, was sie an Parker hatten. Von dem gerissenen Spitzenagenten waren in vielen Jahren immer wieder Fälle gelöst worden, bei denen sich andere ›Undercovers‹ die Zähne ausgebrochen und dann mitunter zahnlos ins Grab gebissen hatten.

Die Düsenmaschine überflog Vietnam, ein Land, das vor kurzem noch umflogen werden mußte.

»Sieh dir das an«, sagte die Direktionsassistentin aus Düsseldorf und deutete auf trostlos verödete Landstriche. Von oben sah es aus, als hätten sich große Kahlflächen in einen riesigen Schädel hineingefressen, so daß er fast wie ein Totenkopf wirkte.

»Die Fingerabdrücke des Krieges«, stellte der Angesprochene wie beiläufig fest: »Die Entlaubung der Wälder und Felder.«

»Ein Schandmal menschlicher Dummheit und Verbrechen«, grollte Dr. Zweibein, ein Arzt aus Hamburg, der in Bangkok zugestiegen war: »Mindestens hundert Jahre wird hier kein Baum, kein Strauch wachsen und kein Vogel mehr zwitschern – und bald auch kein Hahn mehr danach krähen.«

Die Umsitzenden stimmten ihm zu. Die Chartermaschine verließ die Zone des Grauens noch schneller als das menschliche Gewissen, das sich nach kurzer Empörung doch wieder angenehmeren Erwartungen zuwendete, den nächsten Zielen der Reiseroute: Hongkong, Macao, Seoul, Manila, Taipeh und wahlweise – gegen Aufpreis – auch noch Tokio.

»Du warst also schon öfter in Hongkong«, setzte Babs das unterbrochene Gespräch fort.

»Ja, schon zweimal«, erwiderte der Gelegenheitsfreund »Immer nur kurz zu geschäftlichen Besprechungen. Aber diesmal – und endlich – ganz privat.«

»Was machst du eigentlich für Geschäfte?«

»Möglichst gute«, versetzte er grinsend. »Ich kaufe in Fernost Textilien billig ein und versuche sie dann in Europa so teuer wie möglich an den Mann zu bringen.«

»So einfach ist das«, entgegnete Babs.

»Mitunter«, räumte der Pseudoimporteur ein. »Aber die Konkurrenz schläft nicht.«

»Sag mal, Ralf«, wechselte die Blondine das Thema,»ist der Landeanflug in Hongkong wirklich so gefährlich?«

»Na ja, er kann dich schon das Fürchten lehren«, versetzte der Wolf im Schafspelz. »Wenn der Pilot die Landeklappen auch nur eine Sekunde zu spät ausfährt, rasiert er mit seinem Fahrgestell die Dächer der Hochhäuser an der Einflugschneise.« Lächelnd fügte er hinzu: »Du kannst ja die Augen schließen, wenn du schwache Nerven hast.« Er griff nach ihrer Hand. »Aber du brauchst keine Angst zu haben, ich bin ja bei dir, und bis zur Landung bleiben uns noch über zwei Stunden Zeit.«

»Und du? Hast du keine Angst?« fragte Babs und kuschelte sich an ihren Begleiter. Er wußte, daß sie weder dumm noch problematisch war. Sicher hätte sie ohne große Anstrengung einen besseren Gefährten als ihn aufreißen können, aber vielleicht hatte sie längst den Mann fürs Leben und brauchte nur einen Sparringspartner für die Urlaubstage.

»Ich hab’ keine Zeit für Angst«, erwiderte er. »Glaub mir, man kann sich die Furcht abgewöhnen wie das Rauchen«, stellte er lakonisch fest und gab seiner Eroberung Feuer.

»Hast du für heute abend schon ein Programm?« fragte die Düsseldorferin.

»Ein prächtiges«, versprach er. »Zuerst ein Stadtbummel mit Schaufensterbesichtigung, zwischendurch Snacks und Cocktails, dann ein erstklassiges Lokal mit original-chinesischer Küche.«

»Pekingente?« fragte Babs.

»Das wäre zu gewöhnlich und zu fett«, erwiderte der geliehene Liebhaber. »Schlangen wären eine Spezialität, zum Beispiel Kobras, Pythons oder Boas.«

»Besten Dank!« sagte die junge Frau schaudernd.

»Dann wären da noch Affenhirn, Kamelhöcker, Elefantenfüße, junge Mäuse und Eidechsen als besondere Delikatessen. Auf den Leckerbissen Hundefleisch müssen wir leider verzichten; darauf steht in Hongkong Gefängnisstrafe. In der Volksrepublik China hängen sie mit abgezogenen Fellen an den Verkaufsbuden wie bei uns die Kaninchen.«

»Ich denke, ich werde nur ein Schinken-Sandwich zu mir nehmen«, sagte die Blondine. »Sag bloß, du machst dir was aus solchen Schweinereien.«

»Keineswegs«, erwiderte Parker. »Diese Kostbarkeiten essen die Chinesen lieber selbst. Sie wären für die ›Gweilos‹ auch viel zu schade.«

»Gweilos?« fragte sie.

»Ein Schimpfwort für die fremden weißen Teufel«, erläuterte der Experte. »Ein Gweilo ist in China so etwas wie ein Gringo in Südamerika.«

»Du machst mir ja richtig Appetit auf Hongkong …«

»Die Stadt wird dich überwältigen, und wir werden dort so gut essen wie noch nie«, behauptete der angebliche Geschäftsmann auf Vergnügungsreise. »Der große Konfuzius hat gesagt: ›Die Freude am Essen ist das erste Glück. ‹«

»Dann setze ich mehr auf das zweite«, antwortete die Mittdreißigerin.

»Ich auch«, entgegnete ihr Begleiter lachend. »Aber alles der Reihe nach. Und am Ende des Abends eine Flasche Schampus«, setzte er hinzu und hob mit dem Zeigefinger ihr Kinn. »Und dann – husch, husch ins Körbchen!«

»Du bist ein ganz abgebrühter Bursche«, erwiderte Babs. »Ich weiß nicht warum, aber irgendwie gefällst du mir.«

»Ganz meinerseits.«

»Wirklich?« spöttelte sie.

»So ist es«, versicherte er. »Dabei bin ich wirklich kein Junge für eine Nacht.«

»Sondern für drei bis vier …«, konterte Babs.

»Open end«, erwiderte er. »Du bist die Regisseurin. Du bestimmst, wann abgeblendet wird.«

»Wer sich so bescheiden gibt wie du, muß überheblich sein«, quittierte sie seine Worte. »Oder lügen.«

Daß sie einmal unbedenklich über die Stränge schlagen konnte, war für die Mittdreißigerin ein ziemlich einmaliges Vergnügen. In ihrer Düsseldorfer Firma galt sie als Eisberg, den keiner zum Schmelzen brachte, und das nicht nur, weil es in ihrem Anstellungsvertrag als Bedingung stand, als eine Art Industrie-Vestalin zu leben. Freilich würde sie nach einem Sündenfall nicht lebend eingemauert, sicher aber mit einigen Monatsgehältern Abfindung gefeuert werden. Jetzt genoß es Babs, nicht als Repräsentantin im strengen Kostüm auftreten zu müssen, stets in Schale und etepetete, sondern kaum geschminkt, in Slacks und Pullover herumzulaufen, Schuhe mit flachen Absätzen zu tragen, nicht dreimal in der Woche zum Friseur zu gehen, zu tun und zu sagen, was sie wollte, und das noch zu einem ziemlich passablen Mann: »Ich bin sonst gar nicht so«, gab sich Babs dann wieder ernsthaft. »Ich weiß nicht, was du Besonderes an dir hast, aber irgendwie machst du mich an wie Cayennepfeffer«

»Soll das ein Kompliment sein?«

»Meinetwegen«, erwiderte Babs, »wenn du es nötig hast. Du bist kein Adonis, kein Krösus, keine Sportskanone und bestimmt auch keine Intelligenzbestie. Vielleicht liegt es auch nur an der Urlaubsstimmung, aber irgendwie funkt es bei mir mit dir mehr als bei jedem anderen Mann.«

»Vielleicht hast du bisher nur die falschen Männer gehabt.«

»Werd nicht unverschämt!« wies sie ihn zurecht. »Und soll das heißen, du wärst der richtige?«

»Ich will dir mal was sagen, Kind«, versetzte der Begleiter des 20-Tage-Trips: »Hinterher betrachtet, sind die Liebhaber einer Frau fast immer die falschen gewesen.«

»Du Philosoph«, erwiderte der Kurschatten. »Vielleicht jag’ ich dich in Hongkong zum Teufel«, drohte sie ihrem Begleiter, der weniger ein Vorzeige-Mann war als ein prächtiger Schlafbursche.

Ralf Parker stellte die Lehne seines Sessels bequemer, lehnte sich zurück und schloß die Augen. Er redete nicht gerne über Dinge, die er lieber trieb. Außerdem hatte er zur Zeit andere Probleme. Zwischen dem Innendienst und den Spähern, die von ihm ausgeschickt werden, gibt es immer Reibereien. (Originalton Salewsky: »Die einen sitzen, die anderen schwitzen.«)

Der ›schöne Maximilian‹, Pullachs ältester Azubi, war vor Jahresfrist auf dringliche Empfehlung des übermächtigen bayerischen Landesfürsten Blaurock, dem Leiter des Fernost-Referats I, als Aufpasser vor die Nase gesetzt worden. Nach dem plötzlichen Tod seines Politpaten hatte Salewsky versucht, seinen geschrumpften Einfluß durch mitunter voreilige Aktivitäten wiederherzustellen.

Roland Blaurock, ein Mann in mittleren Jahren mit einem Gesicht von der Stange, der Entdecker, Förderer und Chef des Kamikaze, konnte Salewsky nicht ausstehen, aber nicht nur deshalb ließ der Intimus des Dezernenten keine Gelegenheit aus, den Azubi zu provozieren, zumal einige Pullacher zu ihm übergelaufen waren, um im Windschatten des Karrieristen voranzukommen.

Mitunter benahm sich der schöne Maximilian, offensichtlich von seiner Clique gut beraten, weit weniger ungeschickt, als man in der Firma erwartete: er saß am Drücker, auch wenn er mitunter danebenschoß.

Vor wenigen Tagen hatte Salewsky dem Kamikaze beim Abschied durchschlagenden Erfolg gewünscht und mit einem Glas auf seine glückliche Wiederkehr angestoßen. Vielleicht war es zynisch gemeint gewesen, oder auch nur taktlos oder gar tröstend, wie wenn man einem Mann auf dem Totenbett gute Besserung wünscht. Für den schönen Maximilian gab es handfeste Gründe, keine Tränen zu vergießen, falls der Geheimagent scheitern würde wie seine Vorgänger.

»Ich weiß, Sie sind Patriot«, war der Aufpasser mit seiner feuchten Aussprache in seine Politrolle verfallen.

»Ich bin Profi«, hatte Parker geantwortet.

»Also Profi und Patriot …«

»Profi genügt mir – das ist mir patriotisch genug«, hatte er dem Scharfmacher das rote Tuch vorgehalten.

Auch Parker war natürlich bei seiner Untergrundoperation auf Unterstützung angewiesen, doch in der Frontlinie arbeitete er am liebsten allein. Nur mißtrauische Agenten haben eine Chance, alt zu werden und sich dann wirklich zur Ruhe zu setzen; er wußte nur zu gut, daß seine Vorläufer an ihren Kontaktleuten gescheitert waren. Er gestattete sich nur Helfer, die er kannte und die sich längst bewährt hatten. Sie brauchten durchaus nicht immer aus dem eigenen Lager zu. stammen. In der Untergrundszene konnte es gelegentlich bei Topspezialisten zwischen den Fronten zu einer Art Kameraderie kommen – auch rivalisierende Journalisten tauschen gelegentlich zu gegenseitigem Nutzen ihre Informationen aus, wenn auch nicht alle.

Einen rückhaltlosen Nachrichtenfluß zwischen Rivalen sollte es nach dem Willen der Bundesregierung nun erstmals in Deutschland geben. Seit die Gelbe Mafia nicht nur zu einer Gefährdung der Gesellschaft, sondern auch zu einem politischen Problem geworden war, hatte sich Bonn entschlossen, eine Sonderkommission Hongkong (HOKO) mit Spezialisten des Bundeskriminalamtes, des Verfassungsschutzes, des Bundesnachrichtendienstes und in enger Zusammenarbeit mit Interpol zu bilden, um das Feuer auszutreten, bevor es zum Flächenbrand wurde. Den HOKO-Vorsitzenden stellte das Bundeskriminalamt. Vom Staatsschutz und dem Bundesnachrichtendienst wurde je ein Stellvertreter delegiert. Ob die Zusammenarbeit zwischen natürlichen Konkurrenten, die am liebsten ihre eigene Giftsuppe kochten, klappen würde, bezweifelte der Kamikaze aufgrund seiner Erfahrungen.

Kurz vor Seiner Abreise hatte er noch erfahren, daß der exzellente Kriminalist Kudemann HOKO leiten würde, aber der Spezialist bei der Bekämpfung des organisierten Verbrechens konnte auch nur mit den Zutaten kochen, die ihm gereicht wurden. Und viele Köche sind – wie sich Parker flapsig auszudrükken pflegte – auch viele Ärsche.

Er verließ sich lieber auf seine glänzenden Querverbindungen. Er würde sie ein letztes Mal nutzen. Er hatte sich unumstößlich vorgenommen, nach Erledigung des Hongkong-Auftrags aus der Branche auszusteigen, so oder so. Er arbeitete wie immer auf eigene Faust, auch wenn er Blaurock versprochen hatte, sich zunächst zurückzuhalten und den albernen Touristen zu spielen, bis die Firma sicher sein konnte, daß er nicht beschattet wurde. Dann sollte er von einem bislang unbekannten Kontaktmann angesprochen werden. Ob er mit diesem Einweiser Weiterarbeiten würde oder nicht, läge dann in seinem Ermessen, und wie weit er HOKO-Weisungen folgen würde, wußte er noch nicht.

In Hongkong leben ständig über 70000 ›Langnasen‹, Amerikaner und Europäer, dazu landen im Zwei-Minuten-Abstand in Kai Tak Großraumflugzeuge und pumpen Heerscharen von Touristen und Geschäftsleuten in die Stadt, in der Englisch und Chinesisch Amtssprachen sind. Es ist schwierig, gegen Menschen aus dem Reich der Mitte zu ermitteln, aber gegebenenfalls konnte der Untergrundmann auf ein Reservoir von ABC-Chinesen (American born Chineses) zurückgreifen, auf ethnologische Amphibien, die gleichermaßen mit amerikanischen wie chinesischen Verhältnissen vertraut sind. Adressen und die Verdachtsmomente hatte das Spionage-As im Kopf. Und Parker wußte aus Erfahrung nur zu gut, daß man Gegenspieler nicht nur durch Terror zum Schweigen, sondern durch entsprechende Geldangebote auch zum Reden bringt – zumindest die Helfershelfer. Außerdem konnte das HOKO-Team, wenn erst einmal die Anlaufschwierigkeiten überwunden waren, ihm sehr nützlich werden. Im übrigen beschäftigte er – hinter dem Rücken des Camps – seine eigenen Leute.

Solange die Triaden-Bande ein ausschließlich chinesischer Geheimbund gewesen war, hatte es keine Überläufer oder Geständige gegeben. Zur Zeit aber stand die britische Kronkolonie durch Zeitdruck unter Zugzwang: Am 30. Juni 1997 würde Hongkong in das chinesische Riesenreich heimkehren, und in der geborgten Zeit bereiteten sich Millionäre wie Gangster – ironischerweise jeweils ziemlich genau Hunderttausend an der Zahl – sorgfältig darauf vor. Die Nabobs hatten fast alle schon eine zweite Staatsbürgerschaft erworben – Millionäre sind keine Asylanten – und den größten Teil ihrer Riesenvermögen ins Ausland verschoben, Auch der gelbe Mob war in den Export gegangen und hatte dazu Gweilos als Rechtsanwälte, Manager, Strohmänner und Lotsen benötigt – und diese weißen Komplizen würden mit Sicherheit gegen Folter, Verstümmelung und Bestechung nicht so abgehärtet sein wie echte Triaden.

»Fasten your seat belts«, rief der Flugkapitän in das Bordmikrofon und forderte die Passagiere auf, das Rauchen einzustellen und die Sessellehnen in senkrechte Lage zu bringen. Die Gespräche verstummten. Vorübergehend kam die Angst als blinder Passagier an Bord.

Parker griff lächelnd nach der Hand seiner Begleiterin. »Sei unbesorgt, Babs«, sagte er. »Jeder Hongkong-Pilot benötigt für den Airport Kai Tak eine Sonderlizenz, und die erhält er erst, nachdem er ein Dutzend Landungen ohne Passagiere überstanden hat. Wir haben heute keine Turbulenzen, keinen Monsun, der Smog über kowloon hält sich auch noch in Grenzen. Und Ostasien-Piloten sind die erfahrensten der Welt.«

Babs nickte ergeben, zwang sich hinauszusehen. Nur noch der Düsenlärm war zu hören. Spätestens über der Ma Tau Chung Road wirkten die Passagiere taubstumm. Die Wolkenkratzer, zwischen denen die DC-10 zur Landung ansetzte, lagen so dicht beieinander wie die Sommersprossen im Gesicht einer Rothaarigen. Einen Augenblick lang sah es so aus, als würden die Schwingen des Jets die langen Bambusruten durchschneiden, auf denen die Chinesen ihre Wäsche zum Trocknen aus den Fenstern hängen.

Plötzlich war die Skyline durchbrochen, die Dächer der Wolkenkratzer lagen über der Maschine. Die DC-10 donnerte durch eine schmale Gasse und drohte mit den Flügeln bald links, bald rechts hängenzubleiben. Eine Zehntelsekunde zu früh oder zu spät konnte bei dem Höllentempo eine Katastrophe auslösen. Selbst erfahrene Globetrotter, abonniert auf Nervenkitzel, hatten jetzt starre Gesichter. Sie wußten, daß plötzliche Böen des Südostwinds den Riesenvogel gegen das Häusermeer von Kowloon schmettern könnten.

Sekunden später endete der Spuk.

Der Pilot setzte den Jet behutsam auf die einstmals berüchtigte, nunmehr aber in das Meer hinaus verlängerte Landebahn 13 auf und ließ ihn ausrollen-Die Reisegesellschaft fand ihre Sprache wieder und überlegte beim Aussteigen, ob der Abflug ebenso riskant sein würde. Die Reisenden gähnten sich den Druck aus den Ohren und bildeten eine Schlange vor den Schaltern der Royal Hongkong-Police, die auf Kokainschmuggler und auf Touristen mit mandelförmigen Augen dressiert waren, Chinesen in britischen Uniformen. Nach Weisung des Gouverneurs sollten sie gleichzeitig behutsam wie wirksam auftreten. Das Wort Kronkolonie, das für die nächsten Jahre noch immer zutraf, war bereits verpönt, politisch obszön.

Der Kamikaze hängte sich bei Babs ein, spielte ein wenig zu betont den Mann an ihrer Seite, wiewohl ihr Honeymoon nur Tage dauern würde. Liebespaare bringen ein wenig Abwechslung in das Leben der Uniformierten. Ein kleinwüchsiger Polizist verglich mit geübtem Blick Parkers Paßfoto mit seinem Gesicht, nickte, schob das Dokument zurück, wünschte einen angenehmen Aufenthalt. Seine blonde Begleiterin betrachtete er etwas länger, jedoch nicht aus fahndungstechnischen Gründen.

Die geschlossene Gesellschaft wurde von einem deutschsprachigen Chinesen empfangen, willkommen geheißen und nach Wunsch und Brieftasche auf die einzelnen Hotels verteilt. Gäste des vornehmen, wenn auch antiquierten ›Peninsula‹ hatten ein Anrecht darauf, von einem livrierten Chauffeur im hoteleigenen Rolls-Royce abgeholt zu werden. Die Nacht in einer Suite kostete an die tausend Dollar. Greenbacks natürlich, keine Hongkong-Dollar; die umgerechnet nicht einmal eine Viertel Deutsche Mark wert sind.

Die Reisegruppe wohnte fast geschlossen im ›Ambassador‹, gleich hinter dem berühmten Hotel. Bereits in Singapur hatte Parker die ihm vom Zufall geschenkte Reisegefährtin überredet, sich in Hongkong wenigstens vorübergehend von den anderen abzuseilen und das fashionable Quartier ›Mandarin‹ zu beziehen. So mußten sie von Kowloon nach Hongkong Island fahren, auf die Insel, die der ganzen Region den Namen gegeben hatte und Regierungssitz geblieben war.

Ein Taxi brachte die beiden auf einer untertunnelten Autobahn zur anderen Seite. Der Wagen schoß am Ende der Grofs Road wieder an die Oberfläche und strandete prompt im Verkehrsgewühl, wie ein Schiff auf dem Trockenen. Der Linksverkehr wurde zum Stehverkehr. Geschickt zwängte sich der Taxifahrer an den emporschießenden Betonklötzen vorbei, passierte die teuersten Bauplätze der Welt und Skyscrapers, auf deren Aluminiumhaut sich eitel die Sonne spiegelte und die Passanten blendete.

Vom ersten Moment an spürten die Ankömmlinge Tempo, Rhythmus, Dynamik und Größenwahn der supervitalen Kronkolonie auf Sterbeetat.

Fast sechs Millionen Einwohner – die meisten von ihnen ehemalige Flüchtlinge aus Rotchina – leben auf 1045 Quadratkilometer mit ihren 230 meist unwirtschaftlichen Inseln. Hier offenbarte sich die Wehrlosigkeit der Habenichtse im Würgegriff der Geldhaie, und keiner störte sich daran. Die Vergewaltigung des chinesischen Drachens durch den britischen Löwen hat einen monströsen Wechselbalg gezeugt, der aus allen Nähten platzt und Hongkong zum aufregendsten Schauplatz der Welt macht. Ein Lotterpflaster in einem Supermarkt der Süperreichen, Anbeter, Bettler und Verächter in ihrem Gefolge. Bankiers und Gangster machten Hongkong zum Land, in dem Blut und Money fließen.

Auf dem ganzen Weg zur Nobelherberge stellte der Kamikaze fachmännisch und unauffällig fest, daß er keine sichtbaren Verfolger hatte. Er konnte auch keinen Schatten aus der eigenen Firma ausmachen – andernfalls hätte er sofort die nächste Maschine zum Rückflug nach Deutschland genommen.

Zwei Pullacher Gefährten als Tote waren genug. Er war eisern entschlossen, zu überleben, aber mit dem Tod hatten auch seine Vorgänger nichts im Sinn gehabt.

Taifun II war angelaufen.

2

Während der Mann aus Pullach, zeitraubend eingeschleust, sich dem Schauplatz der Operation näherte, behielt ihn die Zentrale im Isartal – Camp genannt – nicht zuletzt zu seinem eigenen Schutz ständig unter Kontrolle. Auch bei den drei gescheiterten Vorgängern des Kamikaze war diese alte Untergrundregel beachtet worden, aber offensichtlich nicht gründlich genug oder von untauglichen Bewachern. Jedenfalls war das die einzige Erklärung, die es vorerst für die verheerende Panne gab, von dem Betriebsunfall mit Latzke gar nicht zu reden.

Während der Schönwetterlage glich das Hauptquartier im Isartal in diesen Dezembertagen mehr einem idyllischen Erholungsheim als einer hektischen Spionagefabrik. Vieles hatte sich seit den Zeiten des legendären Generals Gehlen geändert. Der Präsident des Bundesnachrichtendienstes fuhr nicht mehr mit Schlapphut, einer getönten Brille und falschem Bart als angeblicher Dr. Schneider nach Bonn, um durch sein Verschwörungsgehabe dem Bundeskanzler zu imponieren.

Auch seine Mitarbeiter brauchten im Dienst keine falschen Namen mehr tragen wie Narrenkappen bei einer Karnevalsveranstaltung. Sie wurden auch nicht mehr mit Zigarettenstangen, Bohnenkaffee und Carepaketen bezahlt, so daß man – wie in den ersten Zeiten der Organisation – bereits aus der Zigarettensorte, die ein Geheimagent rauchte, auf seine Auftraggeber schließen konnte. Die militärischen Ränge, die noch aus dem Zweiten Weltkrieg stammten, waren durch Beamtentitel ersetzt worden: die Skala reichte vom Regierungsrat bis zum Präsidenten im Rang eines Staatssekretärs. Besoldung, Beförderungschance, Streikverbot und Krankheitszuschüsse waren beamtenrechtlich geregelt. Erstmals gab es Spione mit Pensionsberechtigung.

Die Technik mit ihren elektronischen Möglichkeiten hatte Spionage, Gegenspionage und Desinformation von Grund auf verändert. Geblieben freilich waren die Versuche fast aller politischen Parteien, ihre Aufpasser in die Pullacher Zentrale zu setzen, wie Läuse in den Pelz. Natürlich geschah das hintenherum. Das Ansehen der Politiker rangierte nach Spendenaffären, Schmiergeldzuweisungen, Spielbankskandalen, Wahlkampfmanipulationen, Meineidsgeschichten, Selbstversorgung durch Diätenerhöhung tief im Keller. Aber der Proporz setzte sich schließlich durch, und je mächtiger eine Partei war, desto höher wurde auch ihr Horchposten im Rang angesiedelt, denn seine Information war nicht selten auch Munition.

Salewsky galt nicht als der einzige Politaufpasser in Pullach, wohl aber als der Mann, den man in die höchstrangige Stellung gehievt hatte. Der schlaue Berufspolitiker, der seine Karriere im Staatsministerium für Entwicklungshilfe begonnen hatte, galt als ein spezieller Günstling des Bayatollahs in München. Der ›schöne Maximilian‹, der Name mußte noch aus früheren Zeiten stammen, denn inzwischen hatte Salewsky Hängebacken, ein Doppelkinn, schütteren Haarwuchs und eine von einem erstklassigen Maßschneider nur noch mit großem Geschick verbergbare Körperfülle. Er war der geborene Gruftspion.

Man munkelte im Camp, daß der Haussegen mit seiner attraktiven, erheblich jüngeren Frau Lydia schief hing, aber das konnte auch nur ein hämisches Gerücht sein. Salewsky war häufiger Gast seiner Politfreunde in München, und man konnte annehmen, daß bei diesen Begegnungen nicht nur über die Qualität von Weißwürsten, Bier oder über das Wundertier Wolpertinger gesprochen wurde. Ein Mann seines Einflusses hatte seine Freunde und seine Feinde im Camp, letztere in der Überzahl, doch meistens aus durchaus unpolitischen Gründen. Man versuchte, den Azubi zu übergehen, wann immer es nur möglich war, aber wenn er dahinterkam, gab es jeweils beträchtlichen Wirbel.

Überraschend hatte der BND-Präsident ausgerechnet Salewsky als Stellvertreter des HOKO-Chefs Kudemann – neben Blaurock als ständigem Mitglied – delegiert. Man rätselte auf dem riesigen Areal hinter der langen Mauer, ob der schöne Maximilian nur von der Zentrale ferngehalten oder in eine Falle gelockt werden sollte, denn der dynamische HOKO-Leiter würde keine Dilettanten in seiner Nähe dulden. Außerdem war Kudemann bekannt dafür, daß ihn politische Querelen kalt ließen. Wenn einer der mächtigsten Politpaten hinter den Kulissen zugunsten seines Darlings intervenierte, konterte Kudemann notfalls mit beträchtlicher Zivilcourage in aller Öffentlichkeit mit Presse- und Fernsehinterviews. Protektion war für ihn gleichbedeutend mit Korruption.

Die Maschine des Bundesgrenzschutzes, die Blaurock und Salewsky zur Besprechung nach Wiesbaden brachte, startete schon am frühen Morgen bei prächtigem Flugwetter. Trotzdem war der Leiter des Fernost-Dezernats schlechter Laune, denn er konnte jetzt eine gute Stunde lang Salewsky nicht ausweichen. Er und andere Experten hatten sich angewöhnt, Meldungen an ihm vorbeizureichen und ihm wie einem Frühstücksdirektor die repräsentativen Aufgaben zuzuschieben, was häufig mißlang.

»Was Neues bei der ›Operation Taifun‹?« fragte Salewsky prompt.

»Der Einsatz läuft nach Plan«, erwiderte Blaurock abweisend. »Wir haben Parker ständig im Auge.«

»Das wird auch vonnöten sein«, antwortete der Azubi geschwätzig. Er merkte, daß sein Begleiter weiteren Erörterungen aus dem Weg ging, und suchte nach einem neuen Gesprächsansatz. Der Dezernent griff nach seiner Aktentasche mit der gewünschten Zusammenstellung aller Pullach bekannten Triaden-Aktivitäten: Mord, Folter, Erpressung von Schutzgeldern, internationaler Mädchenhandel, Geldwäscherei, Markenfälschungen, Schiffsversenkungen und Waffenhandel. Die Unterlagen erhoben keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit.

Allein in Hongkong zählte die Bande mindestens hunderttausend Mitglieder. Noch nie war es der Polizei oder dem Staatsanwalt gelungen, einen Triaden-Komplizen zum Sprechen zu bringen, obwohl der gelbe Mob – im Gegensatz zur sizilianischen Mafia – seine Handschrift nicht unbedingt verwischte, sondern sie sogar überdeutlich machte. Wer aufmuckte, nicht jeden Auftrag erledigte oder gefährlich zu werden drohte, wurde verstümmelt, verlor seine Nase oder mußte sich selbst einen Finger abschneiden – als sichtbare Warnung für alle anderen Triaden: Sadismus als Treuegarantie.

»Und Sie glauben, daß der Kamikaze tatsächlich der richtige Mann ist?«

»Wenn es bei einem so schwierigen Auftrag überhaupt einen solchen gibt, dann ist Parker am ehesten dafür geeignet.« Der Fachmann wurde angriffig: »Außerdem stellen Sie Ihre Frage ziemlich spät, Herr Salewsky.«

»Wenn man Verantwortungsgefühl hat, denkt man auch noch über eine Entscheidung nach, wenn sie bereits getroffen worden ist«, schlug der schöne Maximilian zurück.

Sein Begleiter schwieg. Er malte sich genüßlich aus, wie auf Dr. Felix Kudemann, den Chef der Sonderkommission, solcherlei Phrasen wirken würden. Er kannte, duzte und bewunderte den hochkarätigen Spezialisten, dem ein glänzender Ruf vorausging, so daß man in ihm bereits den künftigen Chef des Bundeskriminalamts sah.

Als junger Kriminalrat war Kudemann vorübergehend an Pullach ausgeliehen worden. Er hatte mit Blaurock so effizient zusammengearbeitet, daß sie seitdem miteinander befreundet waren und der HOKO-Chef – inzwischen leitender Kriminaldirektor – ihn ausdrücklich als Kommissionsmitglied angefordert hatte. Salewsky war nur eine Art Zuwaage, der Knochen, den man beim Metzger zum Fleisch erhält.

In seiner Pullacher Zeit hatte sich Kudemann besonders dafür interessiert, wie der Mensch in dieser Branche durch die Technik unterstützt, wenn nicht sogar ersetzt werden könnte. Die Knochenarbeit war schon weitgehend durch Kopfarbeit ersetzt worden.

Die wichtigsten Mitarbeiter bei den Geheimdiensten sind heute Aufklärungssatelliten und Abhörspezialisten, die sie überwachen und auswerten. Zwar kann keine Untergrundorganisation auf erfahrene Draufgänger wie den Kamikaze verzichten, aber bei der elektronischen Überwachung gibt es keine Doppelagenten, keine Leichtfertigkeiten, keine Zufälle, keine Überläufer, auch keine Verführten, die einer Mata Hari aufsitzen. Sie arbeiten Tag und Nacht, sonntags wie werktags, und man konnte ziemlich sicher sein vor Maulwürfen, vor gegnerischen Agenten im eigenen Lager, wie sie einst den Sturz des alten Generals verursacht hatten, weil sein besonderer Günstling Moskaus Mann in Pullach gewesen war.

»Ihr habt hoffentlich auch die Reisegesellschaft unter die Lupe genommen?« fragte Salewsky.

»Natürlich. Vor allem eine Mitreisende: Babs Deller, eine hübsche Dame aus Düsseldorf.«

»Verdächtig?« fragte der schöne Maximilian.

»Überführt«, erwiderte Blaurock grinsend, »mit unserem Mann ein Liebesverhältnis begonnen zu haben, beziehungsweise er mit ihr.«

»Ein Verhältnis?« fuhr Salewsky hoch. Hämischer Triumph lief wie Säure über die Fetthalde von Gesicht. »Und das erfahre ich erst jetzt?« beschwerte er sich.

»Es entspricht der Gepflogenheit der Firma, Informationen erst dann weiterzugeben, wenn sie hiebund stichfest sind«, ließ ihn der Berichterstatter ins leere laufen. »In Bali hat der Kamikaze mit dieser Reisegefährtin einen Flirt begonnen. In Singapur sah es aus, als käme ihm diese Deller entgegen. Sie ließ ihn nicht länger abblitzen, aber er verlor nicht den Kopf. Über unsere Residentur in Singapur ließ er die neue Bekannte überprüfen. Nichts Negatives. Dann schaltete Parker zum zweitenmal: Eine bessere Tarnung konnte sich unser Agent nicht wünschen und dann«, setzte Blaurock mit einem Lächeln hinzu, »Männer sind wir ja schließlich alle …« Er betrachtete Salewsky anzüglich und holte zu einem Tiefschlag aus: »Oder waren wir wenigstens einmal. Jedenfalls wissen wir seit Bangkok, daß die beiden die Nacht im selben Apartment miteinander verbracht hatten. Deshalb haben wir sicherheitshalber Zweibein als angeblichen Arzt aus Hamburg unter die geschlossene Gesellschaft gemischt.«

»Sehr umsichtig«, lobte der Halbamateur. »Aber so ein Schweinehund bumst auf unsere Kosten herum«, sabberte der Azubi in der Spitzenstellung. »Da sehen Sie mal, wie wichtig er seinen Auftrag nimmt. Stellen Sie sich vor, dieses geile Luder wäre von der Gegenseite auf ihn angesetzt worden.«

»Höchst unwahrscheinlich«, antwortete Blaurock fast verächtlich »Sie ist vierunddreißig Jahre alt, seit sechs Jahren geschieden, arbeitet in der Direktion einer Stahlfirma, ist dabei vorwiegend mit repräsentativen Aufgaben befaßt – Betreuung auswärtiger Gäste, Arrangements für Essen, Theaterkarten und so weiter. Sie verdient sehr gut, über siebentausend Mark monatlich, tritt als unnahbare Lady auf. Männern macht sie es schwer. Gelegentlich soll sie mit ihrem Chef schlafen, aber das ist wahrscheinlich nur ein Gerücht, das neidische Kolleginnen ausstreuen, weil sie auf ihren Job aus sind.«

»Und dieses Dekorationsstück läßt sich mit einem solchen Proleten ein?« höhnte Salewsky. »Die Prinzessin und der arme Schweinehirt.« Er holte Luft. »Glauben Sie eigentlich an Märchen, Blaurock?«

»Vielleicht hat Parker etwas, das anderen Männern fehlt«, konterte der Dezernent. »Noch hatten wir nicht viel Zeit für unsere Ermittlungen. Wir überprüfen Barbara Deller auch weiterhin. Dabei müssen wir äußerst behutsam vorgehen, speziell für den Fall, daß die Dame doch nicht ganz hasenrein wäre.« Es kotzte ihn an, einem Außenseiter Selbstverständlichkeiten erklären zu müssen.

»Und der geschiedene Mann?« fragte der Azubi.

»Sie hat kaum mehr Kontakt mit ihm.«

»Trotzdem«, ereiferte sich Salewsky, »was und wer ist der Mann?«

»Ein Rechtsanwalt«, antwortete Blaurock. »Tüchtig, erfolgreich. Befaßt sich mehr mit Strafverteidigungen als mit wirtschaftlichen Fällen. Übrigens ist er wieder verheiratet und hat zwei Kinder.«

»Und wen verteidigt dieser Rechtsanwalt?«

»Quer durchs Gemüsebeet«, berichtete der Referent.

»Auch Demonstranten, Atomkraftgegner und …«

»… und Umweltschützer«, ergänzte der Erfahrene mit einer Andeutung von Spott. »Ebenso Autodiebe, Verkehrsrowdies, Abzahlungsschwindler, Einbrecher und Strolche aller Art.«

»Schön«, schloß Salewsky das Gespräch. »Vielleicht halten Sie es für übertrieben, aber ich möchte trotzdem, daß über den Verfassungsschutz weitere Auskünfte über diesen Rechtsanwalt eingeholt werden.«

»Auch das ist bereits veranlaßt«, erwiderte Blaurock mit deutlicher Genugtuung. »Kein Befund. Kein Vermerk in den Akten. Sie können beruhigt sein, wir schlafen nicht.«

Die Maschine erreichte Wiesbaden acht Minuten vor der errechneten Landezeit. Ein Wagen stand bereit, um Salewsky und Blaurock zum Bundeskriminalamt zu bringen.

Der Chef der HOKO erwartete die beiden in seinem Büro. Kudemann war von durchschnittlicher Größe, in mittlerem Alter, wendig, intelligent, alles andere als ein Beamtentyp. Er trug ein Sportsakko, wirkte leger und alert; er haßte Papierkrieg und Umständlichkeit, er war eine Autorität, jedoch nicht autoritär.

Kudemann waren – zumindest inoffiziell – Vollmachten erteilt worden, wie sie ihm eigentlich gar nicht gegeben werden durften. »… Sie nehmen sich ja ohnedies heraus, was Sie wollen, Kudemann«, hatte der Chef des Bundeskanzleramts resignierend nachgegeben. »Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Wir geben Ihnen Rückendeckung, doch wenn etwas schiefläuft, haben wir damit nichts zu tun. Ich komme auch Ihren finanziellen Wünschen entgegen«, hatte er ihn verabschiedet, »aber ich muß auf strengste Abschirmung nach außen bestehen.«

»Nehmen Sie Platz, meine Herren«, sagte Kudemann nach einer knappen Begrüßung. »Kaffee, Tee, Zigarette? Wie geht’s dir, Roland?«

»Danke, Doktor«, erwiderte Blaurock.

»Also Taifun II ist inzwischen angelaufen«, preschte Salewsky vor.

Kudemann nickte. »Hoffentlich nicht zu früh«, bemerkte er dann. »Ich hätte den Start gerne noch etwas hinausgeschoben, aber er war wohl nicht mehr aufzuhalten.«

»Warum wollten Sie den zweiten Anlauf verschieben?« fragte Salewsky. »Ich dachte, die Zeit drängt.«

»Weil für mich die Fehlerquelle von Taifun I noch nicht gefunden worden ist.«

»Aber ich habe Ihnen doch den Bericht über die Vorgänge zukommen lassen«, entgegnete der schöne Maximilian.

»Wer hat ihn eigentlich zusammengestellt?«

»Unsere hauseigene Sicherungsgruppe«, erklärte Salewsky. »In Zusammenarbeit mit mir.«

»Schön«, antwortete der HOKO-Chef. »Gehen wir also gleich in medias res: Sie und ich, wir arbeiten das erste Mal zusammen. Wer mich kennt, weiß, daß ich für rückhaltlose und notfalls auch verletzende Offenheit bin. Gerade bei Pannen. Unter uns wird nichts vertuscht, abgeschwächt oder gar beschönigt.« Er sah, daß der ihm aufgedrängte Stellvertreter ärgerlich wurde. Es war dem Starkriminalisten gleichgültig. »Ich habe Pullachs Zusammenstellung gelesen und analysiert, aber ich kann Ihnen das nicht abnehmen. Wesentliche Einzelheiten fehlen offensichtlich.«

»Schließlich sind auch wir nicht allwissend«, erwiderte Salewsky patzig.

»Du kennst den Bericht, Roland?« fragte der Mann im Sportsakko.

»Ich hab’ ihn überflogen«, erwiderte Blaurock: »Man überließ ihn mir nur zehn Minuten.«

»Haben dich die Schlußfolgerungen zufriedengestellt?«

»Keineswegs«, erklärte der Dezernent. »Entscheidende Zusammenhänge liegen noch im Dunkeln.« Er fuhrt fort: »Ich kann mir einfach nicht erklären, Warum drei so gerissene Burschen wie Babinsky, Latzke und Liebkind – unabhängig voneinander – wie blutige Anfänger blindlings in eine Falle laufen.«

»Richtig«, bestätigte Kudemann. »Ich kann nur hoffen, daß es dem Kamikaze nicht genauso ergeht.«

»Wir haben einschneidende Maßnahmen und umfangreiche Absicherungen getroffen«, erklärte der unerwünschte Stellvertreter. »Nach einem minutiösen Plan, der bei Verschiebung völlig durcheinandergeraten würde. Wir können Parker jetzt nicht mehr zurückpfeifen.«

»Aber wir könnten ihn durch gründlichere Ermittlungen vor Fehlern warnen, die dem Camp offensichtlich unterlaufen sind«, rührte Kudemann in der Wunde. »Übernimm das bitte, Roland«, ordnete er, Salewsky übergehend, an. »Neben vielen Lücken vermisse ich unter anderem eine detaillierte Aussage des einzigen Überlebenden von Taifun I.«

»Latzke?« fragte Salewsky. »Er ist ein psychisches Wrack, und deshalb kaum ansprechbar. Der behandelnde Arzt hat uns nur ein paar Minuten genehmigt und uns dann aus dem Krankenzimmer fast hinausgeworfen.«

»Vielleicht hat sich sein psychischer Status inzwischen gebessert«, entgegnete Dr. Kudemann trocken und wandte sich wieder direkt an Blaurock: »Reden wir nicht lange um den Brei herum: Ich möchte einfach wissen, ob die Sicherungsgruppe Pullach nachlässig gearbeitet oder wichtige Informationen absichtlich zurückgehalten hat.«

»Das verbitte ich mir aber ganz energisch«, erwiderte Salewsky. »Auf dieser Basis können wir nicht Zusammenarbeiten, Herr Kudemann.« Sein Kopf schwoll an. Blaurock wartete nur darauf, daß der Karrierist jetzt mit seinen Politpaten in München drohen würde. »Ich bin auch für Offenheit«, hielt sich der schöne Maximilian jedoch noch zurück. »Ich denke, daß wir im Camp ohnedies den größten Teil der Arbeit verrichten müssen – und schließlich haben wir nicht nur Flops vorzuweisen.«

Ein Telefonanruf stoppte den ersten massiven Zusammenstoß zwischen Chef und Stellvertreter. Kudemann hörte konzentriert zu. »Verstanden, Müllner«, kappte er das Gespräch. »Ich komme so rasch wie möglich.« Er legte auf. »Sorry«, wandte er sich an seine Besucher und erhob sich. »Wir haben den nächsten Fall in der Handschrift der Triaden.«

»Wo?« fragte Salewsky.

»Hier, in Frankfurt. Am besten kommt ihr gleich mit und seht euch diese Sauerei vor Ort an.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, stürmte Kudemann voraus, die beiden Besucher folgten ihm. Blaurock hatte begriffen, daß Kudemann seinen unebenbürtigen Stellvertreter mit der Wirklichkeit konfrontieren wollte.

3

Pauschalreisen haben den Vorteil, daß sie preiswert sind, und den Nachteil, als Massenbetrieb verrufen zu sein. Deshalb hatten sich die Touristikmanager einiges einfallen lassen, um das Gruppenerlebnis so individuell wie möglich zu gestalten. Eigentlich brauchte man nur mit derselben Chartermaschine zu fliegen. Das Hotel konnte man sich je nach Brieftasche schon selbst aussuchen und damit einer vielleicht lästigen Gruppe wenigstens teilweise aus dem Weg gehen. Hongkong war sowohl Reiseziel als auch Relaisstation. Beim Abflug sollte sich die Gesellschaft in zwei Gruppen aufteilen: die eine flog nach Tokio, die andere nach Manila. Nach zwölf Tagen würden sich die Passagiere wieder in Hongkong treffen, allerdings nur im Transitraum des Flughafens Kai Tak zum Rückflug nach Frankfurt.

Das ›Mandarin‹-Hotel war eine Klasse für sich.

Ein Boy nahm ihnen das Gepäck ab. Bereits die Empfangshalle ließ erkennen, daß das Haus unter den Top ten der Weltrangliste den dritten Platz einnimmt – in Asien den ersten –, noch vier Ränge vor dem Ortsrivalen › Peninsula‹ Der Lift katapultierte sie in den 15. Stock. Sie erhielten ein großzügig bemessenes Apartment mit einem herrlichen Blick und allem erdenklichen Komfort.

»Hoffentlich gehen wir an dieser Pracht nicht pleite«, sagte die Schöne aus Düsseldorf.

»Keine Angst«, erwiderte ihr Begleiter. »Schließlich sparen wir den Einzelzimmerzuschlag.«

»Kein schlechtes Geschäft«, lobte Babs. »Wie hast du das nur geschafft?«

»Mit Geld«, entgegnete er, stellte dann jedoch fest, daß sie seine Antwort etwas plump empfand, und ergänzte: »Es ist Hongkongs Religion, und die Bankschalter sind ihre Altäre.«

Die Blondine drückte auf einen Knopf. Der Vorhang der riesigen Panoramascheibe schob sich elektrisch zurück und gab den Blick frei über den Victoria-Hafen, über das futuristische Kowloon, die Weite der New Territories und den dahinterliegenden Bergen. Hier verlief auch die 33,5 Kilometer lange Grenze zur Volksrepublik China. Die Hongkong-Inselgruppe steckte in ihrer Südostecke wie in einem Känguruhbeutel, von dem sie, wie die Reichsten der Stadt befürchteten, 1997 endgültig eingesackt werden könnte.

Babs wurde von dem Anblick überwältigt. »Phantastisch!« rief sie verzückt. »Mein Gott, ist das schön! Und da dachte ich immer, New York sei unschlagbar – aber diese Mischung von gigantischer Silhouette und verträumter Natur …« Sie drehte sich nach Parker um und sah, wie er an der Zimmerbar Drinks mixte. »Wie kann man nur all diese Eindrücke in drei Tagen verdauen?«

»Nicht einmal in drei Monaten«, erwiderte er. »Aber wir haben immerhin drei Tage und vier Nächte.« Parker drückte ihr ein Cocktailglas in die Hand: »Auf uns, Babs!« toastete er. »Auf die reizvollste Reisegefährtin, die ich je hatte.«

»Hattest du viele?« fragte sie.

»Bestimmt weniger, als du annimmst. Und du?«, konterte er.

»Jedenfalls weniger, als du gehabt hast«, versetzte die Mittdreißigerin. »Ich reise viel und gerne, aber nicht, um dabei Männer aufzureißen. Ich bin keine Sextouristin.«

»Mich hast du aber aufgerissen«, entgegnete Parker grinsend.

»Oder du mich …«

»Einigen wir uns darauf, daß wir uns gegenseitig geangelt haben«, antwortete der Kamikaze, setzte sein Glas ab, legte die Hand um ihre Schulter, drehte sie zu sich um, drückte sie leicht an sich. »Du bist schön«, raunte er Babs zu. »Und ich mag dich, und ich hab’ dich richtig geil …«

»Jeden anderen würde ich jetzt aus dem Apartment werfen«, erwiderte sie.

»Das dürfte dir schwerfallen. Es ist von Mrs. and Mr. Parker gemietet.«

»Damit sitze ich also in der Falle.«

»So kann man auch sagen«, entgegnete er, hob sie auf die Zehenspitzen und preßte sie so an sich. »In der Liebesfalle«, setzte er hinzu.

Babs mochte seine Hände, die zupackend und sensibel waren. Gleich in der ersten Nacht hatten sie ihre Körper erschlossen, und seitdem immer wieder Neuland entdeckt. Sie war zu seinem Modell geworden, zu seinem Medium, zu seinem Widerhall.

Parker merkte, daß sich ihr Atem beschleunigte und sie leicht zitterte. Sicher hatte er manche Mängel; er war auch nicht die Idealvorstellung, die sich eine Frau von ihrem Verführer macht – sofern sie das überhaupt tut –, aber für Babs hatte er etwas an sich, was vielen, eigentlich den meisten Männern fehlte: Sie spürte, daß Parker weit hintergründiger war, als er erkennen lassen wollte, ein Mann mit Mumm, mit einer Ausstrahlung von Selbstsicherheit und Kaltblütigkeit. Hinter seiner bescheidenen Mittelmäßigkeit zeichnete sich so etwas wie Überhöhung ab. Babs konnte einfach nicht glauben, daß es sein Lebenswerk war, in Hongkong Hemden billig einzukaufen und in Deutschland teuer zu verscherbeln. Sie hatte wiederholt bemerkt, daß er seine Intelligenz versteckte, wie eine alte Jungfer ihren Sparstrumpf, um ihn dann doch gelegentlich herzuzeigen.

Er hob Babs auf die Arme und trug sie auf das Rundbett, begann sie mit kundigen Fingern auszuziehen, langsam, Stück um Stück, mit Geduld und Genuß, ihre Erwartung schürend und verzögernd. Er wühlte in ihren Haaren, streichelte ihren Nacken, küßte die Knospen ihrer Rundungen.

Seine Hände glitten abwärts, ein Ziel suchend, das sie nicht zu finden schienen.

Die junge Frau mit dem makellosen Körper stöhnte, biß ihn in den Hals, während seine Zunge kreisend liebkoste und seine Lippen langsam tiefer glitten.

Babs bäumte sich auf. »Komm doch endlich«, flüsterte sie.

Doch Parker verlängerte die Qual ihrer Lust, bis er sie selbst spürte und gewaltsam unterdrücken mußte. Nie hatte er sich den Sex über den Kopf wachsen lassen. Das Liebesspiel war für Parker eine Art Haut-Schach. Er machte Zug um Zug, langsam und überlegend, über schwarze Felder, über weiße, einkreisend und abwartend.

»Bitte«, keuchte Babs, Beherrschung und Distanz verlierend: »Ich halte das nicht länger aus«, stöhnte sie. »Quäl mich doch nicht so!« Ihre letzte Reserve platzte wie ein Ballon. »Stoß endlich zu! Ja – ja, nimm mich – fuck me, fuck me, du Mistkerl!«

Parker zögerte noch immer, er hatte den Eisberg aus Düsseldorf eingeschmolzen, die damenhafte Direktionsassistentin, die nie aus der Rolle fiel, jeder Situation gewachsen war und die Männer abfertigte wie der Butler einen Bettler.

Während er endlich in sie eindrang, schluchzte Babs: »Ja, Ralf, komm, mach mich fertig …«

Aber er blieb der Dirigent, ließ sich das Tempo nicht vorschreiben. Wiewohl er nun selbst zu zerspringen drohte, trieb er die Selbstbeherrschung auf die Spitze. Nur wenn man eine Partnerin begehrt, aber doch nicht wirklich liebt, kann man mit dem Körper einer Frau so virtuos spielen – wenigstens so lange, bis der Brandstifter selber Feuer fängt.

Ihre Körper peitschten einander in ein furioses Finale hinein. Sie erreichten gemeinsam den Gipfel, hielten sich noch kurze Zeit – und stürzten ab. Sie hatten einander schachmatt gesetzt. Aber sie landeten weich, und auf dem Bodensatz der Erfüllung trieb schon wieder neues Verlangen.

Sie atmeten schwer.

»Wir müssen verrückt sein, Ralf«, flüsterte die junge Frau.

»Vielleicht hast du recht«, antwortete er und sah einen Moment lang ins Leere. Er wollte sich nicht anmerken lassen, daß es mit seinem Haut-Schach nicht mehr weit her war und ihm Babs bereits mehr bedeutete, als sie sollte. »Weißt du«, fragte der Kamikaze mit rauher Stimme, »daß du ganz schön ordinär werden kannst? Du hast mich einen Mistkerl genannt.«

»Entschuldige bitte«, erwiderte Babs. »Ich war nicht mehr ganz bei mir. Ich kann nichts dafür, wenn du mich um die Zurechnungsfähigkeit bringst.«

»Ein Mann, der das nicht tut, ist ein Stümper«, erwiderte Parker großsprecherisch.

»Du hast wohl zuviel Erfahrung«, konterte die nackte Schöne. »Du möchtest wohl allen Frauen verführen, welche Versager deine Vorgänger gewesen waren, stimmt’s?«

»Waren sie denn das bei dir?«

»No comment«, antwortete die Düsseldorferin. »Bist du eigentlich verheiratet?« fragte sie übergangslos.

»Diese Inquisition erfolgt aber reichlich spät«, entgegnete der Begleiter lachend.

»Weil es mir ziemlich egal ist – schließlich sind wir ja nur ein Paar auf Ferienzeit«, repetierte Babs. »Doch warum weichst du mir aus?«

»Deine Frage bringt einen Mann ins Dilemma«, entgegnete Parker. »Sagt er nein, hält ihn die Fragestellerin für einen Lügner …«

»Also, ja oder nein?« unterbrach sie ihn.

»Nein«, antwortete er.

»Also Lügner«, versetzte sie lachend.

»Falsch. Ob du es glaubst oder nicht, ich bin wieder Junggeselle.«

»Ich hab’ nichts dagegen«, erwiderte sie. »Wir machen uns noch ein paar schöne Tage, hier, in Manila und weiß Gott wo überall. Dann«, setzte sie hinzu, »kehrst du wieder in deine Textil-Import-Firma nach München zurück, und ich in mein Stahlkontor in Düsseldorf. Dort esse ich mit Geschäftsfreunden des Hauses, nicht ohne Ermahnung der Direktion, mich nicht mit ihnen einzulassen.« Sie drückte ihre Zigarette aus. »Als ob das nötig wäre bei diesen Typen.« Sprunghaft, wie Frauen manchmal so sind, fragte Babs: »Aber du warst schon einmal verheiratet?«

»Ja«, erwiderte Parker. »Zweimal geschieden.«

»Da hast du mich schon wieder um eine Länge geschlagen«, antwortete sie lachend. Sie sprang aus dem Bett. »Los! Ich nehm’ die Wanne und du die Brause.« Mit federnden Schritten ging sie ins Badezimmer, drehte sich noch einmal um: »Gibst du mir zwanzig Minuten, Ralf?«

»Dreißig«, räumte er ein. »Wenn du willst, kannst du dir auch noch Zeit zum Ausruhen nehmen.«

»Dafür ist sie mir hier viel zu kostbar. Hongkong prickelt mir auf der Haut«, versetzte die Düsseldorferin. »Ich fühle mich frisch wie die Forelle in einem Gebirgsbach.«

»Dann paß auf, daß dich hier keiner angelt«, erwiderte Parker lachend und ging unter die Dusche, trocknete sich ab, schlüpfte in einen Rollkragenpulli und trug darüber ein gutsitzendes Sportjackett. Er verabredete sich mit Barbara an der hoteleigenen Tagesbar.

Sie stand am Fenster, wiederum überwältigt von der Mammonopolis-Silhouette. Ein solcher Schauplatz forderte seinen Tribut; sie wollte sich heute abend einmal richtig landfein machen, und das hieß: kein überweites T-Shirt, keine ausgebeulten Jeans, keine flachen Schuhe, keine nachlässige Frisur.

Sie ging in das Bad, duschte warm und kalt, setzte sich vor den großen Spiegel und beschäftigte sich mit ihrem Gesicht. Große Korrekturen waren nicht nötig, kleinere erledigte sie mit geschickten Händen. Mit der Frisur war es schon etwas schwieriger, doch zum Glück hatte sie am Morgen vor dem Abflug in Bangkok noch die Haare gewaschen; sie ordnete sie asymmetrisch an, so daß ihre Schokoladenseite voll zur Geltung kam. Etwas mehr Lidschatten, ein intensiveres Rouge, die neuen Pumps mit den hohen Absätzen und vor allem das spezielle Parfüm mit der herben Duftnote.

Babs überprüfte sich noch einmal sorgfältig: Mehr konnte man nicht aus sich machen – und mehr hatte sie auch gar nicht nötig. Eine Frau im besten Alter, eher jünger aussehend; sie wirkte wie eine dieser glücklichen Schönen, die offensichtlich den richtigen Mann mit dem rechten Bankkonto geheiratet haben.

Der Kamikaze saß an der noch schwach besetzten Bar wie einer dieser Männer, die an allen Theken der Welt anzutreffen sind, sich langweilen und dann zielstrebig vollaufen lassen, was an einem Ort mit dem höchsten Branntweinkonsum der Welt ohnedies angebracht ist.

Der Barkeeper hieß – laut Namensschild an seinem Revers – Charly. Er sah aus wie ein Hollywoodstar, der einen Barchef spielt, ein junger Clark Gable; er war gebürtiger Engländer, in Hongkong hängengeblieben, wo er mehr verdiente als ein Bankdirektor in seiner Heimatstadt Liverpool.

»Was darf es sein, Sir?« fragte er höflich.

»Ich denke, es ist Zeit für einen Gin and Tonic«, orderte der Gast.

»Falls Sie bei uns im Haus wohnen, dürfte ich Sie dann um Ihre Zimmernummer bitten?« bat Charly freundlich. »Ich setze dann alles auf die Rechnung.«

»1514«, erwiderte der Kamikaze und schob dem Keeper als Einstandstrinkgeld einen größeren Geldschein zu, den Charly so behende verschwinden ließ wie eine Nonne einen Liebesbrief.

»Sie sind nicht zum ersten Mal in Hongkong, Sir?« fragte er, als er den Drink servierte.

»Und auch nicht zum letzten Mal«, versetzte der Neuankömmling, und Charly lächelte, denn diesen Satz hörte er mindestens hundertmal am Tag.

Der Raum füllte sich rasch mit neu hinzukommenden Gästen, Chinesen in der Überzahl, offensichtlich vor dem Sprung in das abendliche Vergnügen. Zum Fünf-Uhr-Tee waren sie bereits angezogen wie zu einem mitternächtlichen Galadiner. Trotz der Klimatisierung und der milden Außentemperatur legten die Damen ihre Chinchillas oder Zobels nicht ab. Ihre Juwelen signalisierten einander ihre Karate zu, nicht selten zweistellige. Nirgendwo prostituierte sich das große Geld schamloser als in Hongkong, dem Schauplatz eines ständigen Narrentreibens der Neureichen.

Hier gibt es kaum gewachsenen Wohlstand. Die meisten der hunderttausend Millionäre waren oft erst vor fünfzehn, zwanzig Jahren nur mit dem Hemd auf dem Leib schwarz über die grüne Grenze gekommen und hatten ihren Aufstieg als Rikschafahrer, Pfannenflicker, Gemüseputzer, Scherenschleifer, Entenschneider und Straßenkehrer begonnen, die Abfalltonnen nach Brauchbarem durchwühlt, aus den Mülleimern um die Garküchen herum Speisereste gesammelt. Manche von ihnen waren und sind noch Analphabeten und sitzen nunmehr in der obersten Direktionsetage der Skyscrapers, verwalten Milliarden, und ihre Handlanger sind Wirtschaftswissenschaftler, Doktoren und Professoren. Und hier, ganz oben, scheffelt auch der kriminelle Tycoon der Triaden-KK Milliarden von Geldern, erbeutet von einem Heer hartgesottener Verbrecher, das er auf die ganze Welt losgelassen hat.

Ralf Parker hatte eine meisterliche Art, Desinteresse für seine Umgebung zu zeigen und sie dabei scharf zu beobachten. Siebzehn Jahre Geheimdienst hatten den Vierzigjährigen empfindsam für Schwingungen gemacht, für die andere gefühllos sind. Immer wenn sich Parker beobachtet wähnte, spürte er eine Art innerer Spannung. Sicher gab es im Barraum mindestens einen Mann, der ihn beschattete, und das bereits seit seiner Ankunft auf dem Airport Kai Tak.

Sosehr er sich auch anstrengte, konnte er sich nicht erinnern, seit seiner Landung ein und dasselbe Gesicht zweimal gesehen zu haben, auch wenn für einen Europäer die Chinesen ziemlich gleich aussehen. Parker war sich sicher, daß ihn die Firma nach der Pleite mit Babinsky und Liebkind keinen Moment aus den Augen lassen würde. Latzkes Elend war ihm im Camp verschwiegen worden, aber er hatte seine Auftraggeber bei solcherlei Vertuschungsversuchen schon öfter ausrutschen lassen. Vermutlich wußte er mehr über diesen Fall als die Heimlichtuer selbst. Er hätte gegen die Intrige Sturm laufen und aus der Operation aussteigen können, aber solange man in Pullach annahm, ihn hereingelegt zu haben, hatte er einen Trumpf in der Hand, für alle Fälle, zumal sein Gönner Blaurock wohl selbst ausgetrickst worden war.

In freundlichen wie in feindlichen und in neutralen Ländern unterhielt das Camp geheime Residenturen als Spionagestützpunkte. Selbstverständlich war dem Kamikaze die Adresse der getarnten BND-Filiale in Hongkong bekannt. Man hatte ihm in Pullach versichert, daß nach der verpfuschten Ouvertüre der »Operation Taifun« alle daran beteiligten Mitarbeiter abgelöst und durch andere Agenten ersetzt worden seien. Das konnte stimmen, doch auch nur eine Beruhigungspille sein. Aber dann erinnerte er sich, daß diese Information von Blaurock stammte, und sein Chef log ihn nicht an.

Der Barkeeper schaute auf Parkers leeres Glas.

»Später, Charly«, sagte der Gast und beobachtete die neu eintretenden Besucher.

Dr. Zweibein, den Arzt aus Hamburg, der ihm mit seinen ewigen Leitartikeln auf die Nerven ging, hatte er längst erkannt, aber der Mann sah ihn erst jetzt und winkte ihm vom anderen Ende der Bar aus zu. Nicht gerade einladend erwiderte der Kamikaze den Gruß durch ein Kopfnicken. Dann erinnerte er sich, daß der Mediziner mit vier weiteren Passagieren erst in Bangkok zugestiegen, die geschlossene Reisegesellschaft aber bereits in Frankfurt gestartet war. Änderungen des Rundreiseprogramms waren möglich und üblich. Der Mann, der gelegentlich seinem eigenen Gesicht mißtraute, registrierte Dr. Zweibeins Auftauchen automatisch. Er hatte ein fotografisches Gedächtnis, das Einzelheiten wie einen Film aufzeichnete, den er bei Bedarf abspulen konnte.

Seine Aufmerksamkeit wurde einen Moment lang abgelenkt – nicht nur seine. Es war, als hätte ein unhörbarer Gong den Eintritt einer Außergewöhnlichen angekündigt: Eine ungemein attraktive Eurasierin, flankiert von zwei Herren, schritt durch den Raum und setzte sich auf der anderen Seite der Theke neben Dr. Zweibein. Sie hatte ein pikantes Gesicht mit beherrschenden Augen. Sie wirkte intelligent und distanziert, ladylike und doch verführerisch. Parker, der sie in seiner blicklosen Art betrachtete, stellte fest, daß er nicht der einzige war, auf den sie diesen Eindruck machte. Die Eurasierin war eine Augenweide, die nicht nur die Augen der männlichen Besucher abgrasten. Sie schien es nicht zu bemerken. Die Blickte prallten von ihr ab wie stumpfe Pfeile; dabei wirkte sie eher gleichgültig als hochmütig.

»Diese Lady kommt beinahe täglich hierher, aber selten mit denselben Herren«, beantwortete Charly halblaut eine ungestellte Frage. »Li Williams, eine Journalistin vom ›Hongkong Standard‹. Außerdem noch Korrespondentin mehrerer britischer Blätter.« Er merkte, daß sein Gast interessiert war, und fuhr fort: »Ihr Büro liegt gleich nebenan, deshalb haben wir so oft das Vergnügen, Miss Williams bei uns zu sehen.«

Er ging auf die Eurasierin zu. Sie begrüßte ihn vertraut-burschikos. Charly hielt betont auf Abstand, bediente dann andere Gäste und kam wieder zu Parker zurück: »Vater Chinese, Mutter Engländerin«, sprudelten seine Informationen weiter. »Eurasierinnen gibt es zu Tausenden in Hongkong. Sie sind besonders attraktiv, klug und begehrenswert, aber Li Williams ist die schönste von allen, die ich kenne, und dazu noch wohlhabend und erfolgreich.«

»Sie brauchen die Reklametrommel nicht zu rühren«, erwiderte der Gin-Tonic-Trinker lächelnd. »Ich fürchte nur, daß weder Sie noch ich bei Miss Williams landen werden.«

»Und noch mancher andere Kamerad«, versetzte der Keeper und lächelte verzichtend.

Die Bar war jetzt bis auf den letzten Platz besetzt. Neue Gäste blieben an der Tür stehen und zogen mit enttäuschten Gesichtern wieder ab. Eine junge Frau zwängte sich durchs Gewühl; es war Babs, und sie genoß es, einen Unerschütterlichen durch ihre Erscheinung einen kurzen Augenblick lang verblüfft zu haben.

Er stand auf, ging ihr entgegen: »Toll siehst du aus«, begrüßte er sie mit einem Handkuß. »Wie machst du das bloß, Prinzessin?«

»Ganz einfach«, erwiderte sie lachend, während ihr Parker auf seinen Hocker half und neben ihr stehenblieb. »Ich bin meine eigene Zofe, meine eigene Visagistin und meine eigene Coiffeuse.«

»Gleich drei Berufe auf einmal«, entgegnete der Kamikaze lachend. »Wie eine echte Hongkong-Chinesin.«

»Sind die so fleißig?«

»Notgedrungen«, erwiderte er.

»Vertreten wir uns ein bißchen die Beine«, regte Babs an. Sie legte die Hand auf Parkers Arm. »Sieh nicht hin«, sagte sie dann. »Uns schräg gegenüber sitzt Dr. Zweibein, dieser Quacksalber – nicht daß er uns den Abend vermiest.«

Sie tranken ihren Cocktail aus. Der Kamikaze nickte Charly zu.

Beim Verlassen der Bar stellte er fest, daß die hübsche Miss Williams ihn aufmerksam musterte, vielleicht weil er der einzige Mann im Raum war, der ihr nicht demonstrativ seine Huldigung erwies. Oder gab es womöglich einen anderen Grund? Er hatte zu gute Nerven, um Gespenster zu sehen, sosehr er auch auf alles gefaßt war.

Beim Durchqueren der Halle überlegte er erneut, wer von all diesen angeblichen Müßiggängern auf ihn angesetzt sein könnte. Parker ließ den Film zurückspulen, und da fiel der Groschen: nur einer der fünf Bangkok-Zusteiger war im Flugzeug hinter ihm gesessen, und zwar der einzige der geschlossenen Gesellschaft, der jetzt offensichtlich ebenfalls ins ›Mandarin‹ übersiedelt war.

»Entschuldige mich«, sagte der Kamikaze zu seiner Begleiterin. »Nimm bitte einen Moment in der Halle Platz.«

Er ging auf die Portiersloge zu. »Sagen Sie mal: Täusche ich mich, oder habe ich hier einen alten Bekannten gesehen?« sprach er den Mann mit den gekreuzten Schlüsseln auf dem Kragenspiegel an und schob ihm einen Geldschein zu. »Einen gewissen Dr. Zweibein …«

»Sie täuschen sich nicht, Sir«, entgegnete der Mann unverzüglich. »Wir hatten einige Probleme mit ihm, denn Dr. Zweibein wollte unbedingt in unserem Haus wohnen, aber wir sind restlos ausgebucht. Schließlich taten wir den Kollegen vom ›Ambassador‹ den Gefallen. Leider konnte Dr. Zweibein nur ein kleines Zimmer bekommen, ohne Ausblick.« Er sah zum Schlüsselbrett, stellte fest, daß der Gast im Haus war. »Soll ich Sie verbinden, Sir?« fragte er und griff zum Hörer.

»Nein, danke«, erwiderte der Gast. »Aber vielleicht könnten Sie im ›Jumbo‹ einen Tisch für zwei Personen auf meinen Namen reservieren lassen.«

»Wird erledigt, Sir«, antwortete der Portier.

Über Parkers Gesicht dümpelte ein Lächeln und verschwand so schnell wie die Beute eines Taschendiebs.

Er hatte die Drahtzieher der Operation Taifun II zum zweitenmal ertappt und konnte sich einen weiteren Joker in den Ärmel stecken.

4

Der Wagen des Bundeskriminalamts war mit Blaulicht und Sirene von Wiesbaden nach Frankfurt gerast. Kudemann, dem solcherlei Auftritte im allgemeinen verhaßt waren, mußte es hinnehmen. Eile tat not, und die Schnellstraße war wie immer verstopft.

Er drehte sich nach Salewsky und Blaurock um. »Viel kann ich noch nicht sagen – aber es sieht so aus, als hätten wir es mit einer Wiederholung des Doppelmords von Hamburg zu tun. Roland«, wandte er sich direkt an den Spezialisten aus Pullach, »erinnerst du dich noch an die beiden Chinesen, einen 54jährigen Chef und seinen 37jährigen Assistenten, die in der Hansestadt gefoltert und unter schauerlichen Umständen hingerichtet wurden?«

»Ja, ich weiß, Doktor«, entgegnete Blaurock, »der Fall Li Tiexiong und Zhang Yongqing.«

Der HOKO-Chef lächelte verstohlen. Auf Blaurocks Gedächtnis konnte er sich so gut verlassen wie auf das eigene.

Der Fahrer schlängelte sich geschickt durch, fuhr Slalom um stehende Kolonnen und schaltete, als sie die Mainmetropole erreichten, die Sirene ab. Das Blaulicht ließ er an und erreichte so ziemlich zügig das Zentrum.

Der Tatort lag am Ende der Zeil, der berühmten Einkaufsstraße inmitten der Stadt. Ein unansehnliches Gebäude in einem Hinterhof, im Schatten einer glänzenden Fassade das Büro einer Importfirma für Chinaporzellan und Jadeartikel. Seit Tagen war den Anliegern der üble Geruch, der aus dem eher schmuddeligen Gebäude kam, aufgefallen. Schließlich hatten sie die Polizei alarmiert. Der biedere Revierposten hatte sofort die Mordkommission verständigt, die wiederum, bereits wenige Minuten nach ihrem Eintreffen, weisungsgemäß die Hongkong-Kommission beim Bundeskriminalamt benachrichtigte.

Vor dem Haus stauten sich die üblichen Gaffer, nur mit Mühe von Uniformierten zurückgedrängt. Die Ankömmlinge mußten sich eine Gasse bahnen, bevor sie das Haus betreten konnten, wo sie vom Hauptkommissar empfangen wurden, der die Mordkommission leitete.

»Gut gemacht, Müllner«, begrüßte ihn Kudemann und reichte ihm die Hand. »Danke für die sofortige Meldung.«

»Ich hätte sie Ihnen gern erspart«, antwortete der Beamte und ging zum Tatort voraus. »Es ist noch alles unberührt«, erklärte er. »Nur die Fenster mußten wir Öffnen, sonst wären wir in dem Gestank umgekommen.«

Es bedurfte keiner weiteren Erklärung. Kudemann preßte sich ein Taschentuch vor das Gesicht. Blaurock folgte seinem Beispiel. Salewsky mußte sich übergeben, bevor er noch die Toilette aufsuchen konnte. Auch die Gesichter der abgehärteten Beamten der Mordkommission waren wie mit Grünspan überzogen.

Die beiden Opfer lagen gefesselt auf dem Bauch. Die Mörder hatten ihnen um den Nacken einen dünnen Draht gelegt und die Schlinge so an den angewinkelten Beinen angebracht, daß sie sich selbst strangulieren mußten, wenn ihre Körperkräfte nachließen und die Erschöpfung die Beine nach und nach in ihre natürliche Haltung zwang. Es war ein langsamer, unvorstellbar grausamer Tod gewesen, den die beiden Chinesen erlitten hatten.

Die Gesichter der beiden Toten waren bis zur Unkenntlichkeit aufgequollen, die Augen verdreht, die Lippen aufgerissen wie zu einem letzten Schrei. Die Täter hatten, um die Verwesung zu beschleunigen, ihre Opfer in nasse Tücher gewickelt, die Fenster geschlossen und die Heizkörper bis zur Höchststufe aufgedreht. Die Wohnung war zerwühlt, die Schränke aufgebrochen, die Schubladen herausgerissen; überall lagen Schriftstücke herum.

Der Gerichtsmediziner richtete sich auf, trat mit angewidertem Gesicht ans Fenster, atmete heftig die frische Luft ein.

»Wann etwa wurde der Doppelmord verübt?« fragte Müllner.

»Das kann ich nur schätzen: vor acht, vielleicht auch nur sieben Tagen; möglicherweise liegt die Tat auch weniger lange zurück. Die hohe Temperatur im Raum hat mit Sicherheit den Zersetzungsprozeß beschleunigt. Gedulden Sie sich bis zur Obduktion, meine Herren«, bat der Gerichtsmediziner. »Mit Sicherheit kann ich Ihnen jetzt nur sagen, daß die beiden Opfer erwürgt wurden.«

»Und zwar, weil sie gesprochen – oder geschwiegen haben«, versetzte Dr. Kudemann sarkastisch. »Mit Sicherheit.« Er sah dem Gerichtsarzt nach, der ging, als würde er fliehen.

Bereits auf den ersten Blick ließ das abscheuliche Doppelverbrechen auf den chinesischen Triaden-Geheimbund als Täter schließen. Frankfurt und Hamburg waren im Modus operandi nahezu deckungsgleich. Dann allerdings ergab sich ein erheblicher Unterschied: Die Opfer im Hamburger Stadtteil Borstel waren fleißige, strebsame Geschäftsleute ohne Schulden gewesen, ohne Passionen, ohne Drogen und ohne Alkoholmißbrauch, in keinerlei Affären verwickelt. Nach Vermutung der Polizei waren sie ermordet worden, weil sie sich geweigert hatten, Schutzgelder zu bezahlen.

»Aber hier«, erklärte der Kriminalist Müllner, »haben wir es mit Männern zu tun, die uns unter dem Namen Weng und Khum seit längerem bekannt sind, weil wir sie in Verdacht hatten, über Amsterdam Heroin und exotische Mädchen nach Deutschland einzuschleusen. Wir hatten Indizien, sogar einige Beweise, aber wir wollten keine Einzeltäter festnehmen, sondern den ganzen Ring auffliegen lassen. In der letzten Woche ist unserem Rauschgiftdezernat ein großer Coup gelungen. Es hat über hundert Kilogramm des berüchtigten Heroin 3 abgefangen – das ist diese Mischung von Rauschgift und Kaffee«, erklärte Müllner.

Kudemann nickte. Er wußte, daß es sich beim brown sugar um einen typischen Exportschlager aus Hongkong handelte. »Und die beiden hatten damit zu tun?«

»Möglich, sogar wahrscheinlich – aber keineswegs bewiesen«, antwortete der Hauptkommissar.

»Keine Verhaftungen?« fragte Blaurock.

»Zwei Verdächtige. Chinesen. Beide stumm wie Grabsteine. Ein dritter Mann, der öfter mit den beiden Toten hier zusammen gesehen wurde«, berichtete der Chef der Mordkommission weiter, »wir kennen ihn nur unter dem Namen Dschingis-Khan, ist flüchtig und vorläufig unser Hauptverdächtiger. Ich habe unverzüglich eine Großfahndung nach ihm ausgelöst.«

»Gut«, erwiderte Kudemann. »Die holländischen Kollegen verständige ich über Interpol.« Er würde offene Türen vorfinden, er war der deutsche Verbindungsmann zu dieser Institution, die seit ihrer Gründung 1923, mit Sitz in Paris, erfolgreich bei allen grenzüberschreitenden Verbrechen – sofern sie nicht politisch motiviert waren – international zusammenarbeitet. »Noch etwas, Müllner«, verabschiedete er sich, »dehnen Sie die Fahndung nach Dschingis-Khan gleich noch auf die Krankenhäuser in Frankfurt und Umgebung aus …«

»Krankenhäuser …«

»Und auch auf private Arztpraxen, bei denen ein Mann mit unerklärlichen Verletzungen, zum Beispiel einem abgeschnittenen Ohr, abgeschnittener Nase oder Finger eingeliefert wurde und ziemlich unglaubliche Angaben macht, wie er dazu gekommen ist.«

Der Hauptkommissar nickte verständnislos.

»Ich hab’ da so meine Vorahnungen«, erklärte Kudemann sibyllinisch.

Der Spezialist für die Bekämpfung des organisierten Verbrechens hatte es nicht leicht gehabt, sich durchzusetzen. Jahrelang war vor der Öffentlichkeit von Polizei, Politikern und Regierungsstellen die Behauptung aufrechterhalten worden, es gäbe in Deutschland keine Verbrecherbanden nach italienischem Mafia-Vorbild. Berichte in Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehen seien übertrieben und übliche Geschäftemacherei mit der Panik.

Als es dann Kudemann und seiner Crew gelungen war, in Frankfurt die berüchtigte Eurogang, einen Ableger der Ehrenwerten Gesellschaft aus Sizilien, zu zerschlagen, ließ sich nicht mehr länger verheimlichen, daß Papas Kripo auf verlorenem Posten stünde, so es ihr nicht gelänge, neue Wege einzuschlagen und sich darauf einzustellen, daß Palermo auch am Main lag, Chicago auch an der Alster und Hongkong vielleicht an der Isar. Für ein Jahr hatte man Felix Kudemann zum FBI nach New York delegiert, um vor Ort die Praktiken der Bandenbekämpfung zu verfolgen. Die dortigen Cosa-Nostra-Familien – einmal 27 Morde in drei Tagen – hatten ihm deutlich vor Augen geführt, daß es den Mafiosi gelingen könnte, Polizei und Justiz in eine Unehrenhafte Gesellschaft zu verwandeln, so man den Anfängen nicht wehrte: Polizisten waren in New York und Chicago – und nicht nur in diesen Riesenstädten – gekauft, Staatsanwälte korrumpiert und Richter bestochen oder, sofern sie nicht mitmachten, auf offener Straße niedergeschossen worden.

So weit war es in Deutschland noch nicht, aber die Ansätze konnte man nicht länger leugnen. Unter Federführung Kudemanns ging die Fahndung daran, die Kuriere aus dem Süden – Geldwäscher, Befehlsüberbringer oder Auftragskiller – zu überwachen. Nicht immer erfolgreich. Während man mit allen Mitteln versuchte, den Spaghetti-Mob niederzuhalten, war überraschend eine weit tödlichere Gefahr aufgetaucht: die Triaden. Ein chinesisches Gangster-Syndikat. Die Gelbe Mafia.

»Wir haben zu lange gezögert, diese Leute wirklich ernst zu nehmen«, erklärte Kudemann seinen Mitfahrern auf dem Rückweg zum Bundeskriminalamt. »Wir hielten die Gangster mit dem Dreieck als Symbol für ein exotisches Phantom. Als eine engagierte chinesische Journalistin in Amsterdam einen Bericht über die Untaten der Triade KK geschrieben hatte, wurde sie tot aus einer Gracht gefischt.«

Salewsky waren die Zusammenhänge ziemlich neu, aber Blaurock kannte sie. Er wußte, daß die fernöstlichen Verbrecher vom Brückenkopf Amsterdam aus in unglaublichem Tempo die Invasion nach Deutschland getragen hatten, zunächst mit drei Spezialitäten: Heroin-Vertrieb, Schutzgeld-Erpressung und Mädchenhandel. Es gab Täter, aber keine Zeugen. Verbrecher, die gefaßt wurden, schwiegen beharrlich, trotz härtester Strafandrohungen. Die Triaden bestraften schlimmer.

Die ersten Opfer waren chinesische Wirte in Deutschland. In München gibt es zum Beispiel kaum ein China-Restaurant, das nicht Schutzgebühren an die »Kofuns« (Soldaten) der »Oyabuns« (Paten) in Hongkong zahlen würde. Der Handel mit exotischen Schönheiten wird weitgehend von der britischen Kronkolonie aus organisiert. Mindestens ein Drittel allen Kokains, das den Westen überschwemmt, kommt via Hongkong. Schiffsversenkungen, Versicherungsbetrügereien großen Ausmaßes gehen ebenso auf das Konto der Triaden wie Markenfälschungen von Rolex-Uhren oder Lacoste-Hemden.

Auch bei der sizilianischen Mafia gilt das Gesetz des Schweigens, trotzdem ist es – vor allem den Italienern – immer wieder gelungen, Abgefallene zum Reden zu bringen. Während eines Mammutprozesses in Turin sind zwar in jüngster Zeit sieben wichtige Zeugen ermordet, doch auch an die 130 Täter verurteilt worden, unter ihnen auch Richter und Staatsanwälte. Und einige sogar lebenslänglich.

»Wie viele Chinesen leben eigentlich in Deutschland?« fragte Salewsky.

»Vierzehntausend legal, dazu kommen Tausende illegaler Zuwanderer, von denen die meisten sicherlich nichts mit den Triaden zu tun haben. Wir haben schon Täter gefaßt, überführt und verurteilt, doch im Gegensatz zu den Italienern hat nicht ein einziger Chinese jemals etwas über die Geheimorganisation ausgesagt. Es gibt leider keine Zeugen, keine Geständigen, keine Überläufer«, stellte Kudemann fest.

»Das deckt sich mit unseren Erfahrungen im Ausland, Doktor«, bestätigte Blaurock. »Die Schwierigkeiten sind immens. Allein die Sprache, das Aussehen, die Denkweise dieser Leute stellen uns vor schier unlösbare Probleme.«

Sie hatten das Bundeskriminalamt in Wiesbaden erreicht und fuhren mit dem Lift in das Büro des HOKO-Chefs hoch. Salewsky stand offensichtlich noch unter dem Schock, in den ihn der Anblick der beiden Mordopfer am Tatort versetzt hatte. Kudemann ging an einen Wandschrank und schenkte Cognac ein; sie hatten alle drei einen nötig, am dringendsten Salewsky, der ihn auch als erster austrank.

»Ich wollte Ihnen den Tag wirklich nicht durch Horror vergällen«, behauptete Kudemann, »aber doch einmal vor Augen führen, wie es jedem von uns ergehen kann, so ihm ein Fehler unterläuft.«

»Ich hab’ schon viel gesehen und erlebt, aber so etwas …«, erwiderte Salewsky.

»Die grausamsten und gefährlichsten Gegner, die wir je hatten«, stellte der HOKO-Chef fest. »Über fünfzig Beamte, verteilt auf die ganze Bundesrepublik, habe ich an die Aufklärung dieser Verbrechen gesetzt. Sie sammeln Steinchen für Steinchen, ohne zu wissen, um welches Mosaik es sich dabei handelt. Ohne absolute Geheimhaltung scheitern wir kläglich. Deshalb«, wandte er sich direkt an seinen unebenbürtigen Stellvertreter, »darf die Gelbe Mafia auch in Pullach kein Thema sein.«

»Aber das ist doch selbstverständlich, Herr Dr. Kudemann«, beteuerte der Großsprecher ziemlich kleinlaut.

»Auch für die Sicherungsgruppe«, ergänzte der Top-Kriminalist. »Wir hatten heute morgen einen Zusammenstoß. Ich möchte nicht, daß er sich wiederholt.« Er deutete den Blick des schönen Maximilians richtig und goß ihm ein zweites Glas Cognac ein. »Auf unser Teamwork, Herr Salewsky, anders geht es nicht. Ich nehme zur Kenntnis, daß sich Taifun II nicht mehr abbrechen läßt. Aber ich werde den Kamikaze unverzüglich auffordern, jede Aktivität zu unterlassen, bis wir den Flop Taifun I bis ins letzte geklärt haben.«

»Muß das sein?« fragte Salewsky, schon auf dem Rückzug.

»Sollen wir riskieren, daß der Mann im gleichen Zustand aufgefunden wird wie die beiden Opfer von der Zeil?«

»Um Gottes willen«, entsetzte sich der Karrierist aus Pullach. »Aber Parker ist sehr schwierig.«

Blaurocks Gesicht wirkte belustigt.

»Treten Sie dem Kamikaze ordentlich in den Hintern«, versetzte der Kriminaldirektor. »Wenn er dann nicht spurt und deshalb hopsgeht, sind wir wenigstens nicht schuld daran.«

»Das mag sein«, warf der Ostasien-Dezernent ein, »aber das bringt uns auch keinen Schritt weiter.«

»Sie sind damit einverstanden, daß künftig ausschließlich Kollege Blaurock nach meinen Direktiven die Vorgänge um Latzke, Liebkind und Babinsky untersucht?« schloß Kudemann die Debatte.

»Ja, schon – aber wie lange kann das dauern, wir wollen doch nicht so viel Zeit …«

»Das weiß ich nicht«, unterbrach der HOKO-Chef. »Vielleicht nur ein, zwei Tage. Es soll keine Angeberei sein«, fuhr er versöhnlicher fort, »aber wir haben nun mal die größere Erfahrung.«

»Sicher«, räumte der schöne Maximilian ein, »aber ich habe im Entwicklungsdienst bereits in Indien und Indonesien mit Pullacher Agenten nachrichtendienstlich zusammengearbeitet«, entgegnete Salewsky. »Ich bin nicht so unbeleckt, wie Sie annehmen.«

»Das ist mir neu«, antwortete Kudemann überrascht.

»Mir auch«, sagte Blaurock.

»Dann werden wir künftig keine Schwierigkeiten mehr miteinander haben«, konstatierte der HOKO-Chef mit einer Spur von Spott.

Die Besprechung zog sich in die Länge. Der schöne Maximilian sah immer wieder auf seine Armbanduhr.

»Sind Sie in Eile?«

»Ja, ich werde heute noch bei einem Empfang im Aquarium der Münchener Residenz erwartet.«

»Gehen Sie meinetwegen ruhig schwimmen«, versetzte Kudemann, »aber nicht baden«, verabschiedete er Salewsky lachend. »Roland Blaurock und ich haben noch eine lange Nacht vor uns.«

Salewsky verabschiedete sich.

»Den hast du ja ganz schön kleingekriegt, Felix«, sagte Blaurock lachend.

»Wenn du willst, kann ich ihn ablösen lassen.«

»Das will ich nicht – zumindest so lange nicht, bisich mit Latzke gesprochen habe.«

Kudemann betrachtete ihn fragend.

»Ich habe Taifun I in den Anfängen mit vorbereitet«, erklärte er. »Dann fuhr ich fünf Wochen in Urlaub – mußte einmal sein nach drei Jahren – als ich zurückkam, hatte Salewsky den großen Macher gespielt und die Operation anlaufen lassen.«

»Eine Art Ejaculatio praecox«, erwiderte der Kriminalist sarkastisch.

»Deshalb wurde ich bei der Untersuchung des Falls nicht eingeschaltet. Vermutlich hätte sich im Handumdrehen herausgestellt, welchen Mist der schöne Maximilian gebaut hat. Übrigens höre ich zum erstenmal von dieser angeblichen Zusammenarbeit mit unseren Leuten im Entwicklungsdienst. Ich werde dieser Behauptung nachgehen, sobald ich im Camp bin.«

»Tu das, Roland«, antwortete Kudemann.

Seine Sekretärin stellte am späten Nachmittag einen Anruf der Frankfurter Mordkommission durch.

»Was Neues, Müllner?« fragte er den Hauptkommissar und drehte am Gerät den Lautsprecher auf, damit Blaurock das Gespräch mithören konnte.

»Ja«, erwiderte Müllner. »Sind Sie eigentlich Hellseher, Herr Kriminaldirektor?«

»Lassen Sie es mich versuchen«, ging der HOKO-Chef auf den Ton des Anrufers ein. »Sie haben Dschingis-Khan gefunden. Und zwar verstümmelt.«

»Richtig. Der Chef einer Privatklinik hat sich an das Polizeipräsidium gewandt, weil ihm die Sache faul vorkommt: Ein Chinese, der radebrechend angab, ihm sei bei einer Schlägerei das linke Ohr abgerissen worden, liegt bei ihm auf der Station. Es handelt sich bei der Verletzung einwandfrei um eine Schnittwunde.«

»Und an die Kneipe, in der ihm das Malheur passiert ist, erinnert sich Dschingis-Khan auch nicht mehr.«

»Sie werden mir langsam unheimlich, Herr Kriminaldirektor«, stellte Müllner fest. »Der Verdächtige hat sich zu spät in ärztliche Behandlung begeben. Inzwischen ist eine handfeste Infektion eingetreten. Sollen wir den Mann vernehmen und …«

»Auf keinen Fall«, entschied der HOKO-Chef. »Lassen Sie den Burschen rund um die Uhr beschatten, und verständigen Sie mich, wenn er vernehmungsfähig ist.« Er legte auf und nickte seinem Freund aus Pullach zu. »Also, ein typischer Triaden-Mord, wie wir ja von vornherein angenommen hatten. Aber im Gegensatz zu dem Hamburger Verbrechen können wir uns diesmal etwas einfallen lassen.«

»Und du hast schon eine Idee?«

Er nickte zustimmend. »Mach dich schon mal auf eine Überraschung gefaßt.«

Mehr verriet Kudemann nicht. Blaurock mußte sich noch zwei Stunden gedulden. Gegen 20 Uhr verließen die beiden das Bundeskriminalamt und fuhren zum Rhein-Main-Flughafen, aber nicht im Dienstwagen, sondern in Kudemanns Privatauto. Er stellte es nicht auf dem großen Parkplatz ab, sondern rollte – offensichtlich nach Absprache – in die Innenseite des Flughafengebäudes. Als der Bus losfuhr, um die Passagiere der Maschine aus Paris auf der Landebahn abzuholen, fuhr er langsam hinterher.

Die Gangway wurde herangefahren, die Flugzeugtür geöffnet.

»Wir erwarten also einen Passagier aus Paris?« fragte Blaurock.

»Ja und nein«, erwiderte der Leiter der Sonderkommission. Nach kurzem Nachdenken ergänzte er dann doch: »Er kommt aus New York – Paris war nur eine Zwischenstation.«

»Also Interpol …«

»Ja und nein«, antwortete Kudemann zum zweitenmal.

Leicht verärgert gab es der Mann aus Pullach auf, das Orakel von Delphi zu befragen.

Die ersten Passagiere erschienen auf der Landetreppe, bedrängt von den nachfolgenden; immer mehr quollen heraus. Alle hatten es eilig, der engen Maschine zu entkommen. Der BND-Dezernent bemerkte einen Mann, der in jeder Menschenmenge auffiel, wiewohl er nichts dazu tat und nur knapp über der Normalgröße lag.

Blaurock betrachtete die hohe Stirn, die dichten, linksgescheitelten Haare, die buschigen Augenbrauen. Jetzt war er sicher, daß der Passagier, den er von New York her kannte und der die Intelligenz eines Wissenschaftlers mit der Härte eines Karatemeisters vereinigte, Fred Magellan war, mit dem er sich in New York angefreundet hatte.

In Praxis wie in Theorie der beste Chinaspezialist, den er kannte – und er kannte viele.

»Alle Achtung, Doktor«, sagte er zu Kudemann.

5

Die Lichter waren angegangen. Zehntausende bunter Fixsterne und Reklameschilder überschwemmten die Südost-Metropole mit Glanz und Farbe, ließen selbst die verlebten Fassaden der Nebenstraßen aufleuchten. Jeden Abend begann ›Hongkong by Night‹ mit einer Massenpromenade der Bewohner: Sie strömten aus ihren Wohnpferchen in den Termitenbauten, flüchteten aus verrotteten Fertigungshallen, um beim Straßenbummel etwas Luft zu schöpfen und ein wenig Freude zu tanken.

Im Suzie-Wong-Viertel Wanchai wiesen den Pfadfindern der Abwege die roten Laternen den Weg zu den Sündenpfuhlen. Sowie ein Schiff einlief und die Matrosen Landausgang hatten, zogen ganze Scharen philippinischer Hausmädchen zum Hafen, um die Frau an den Mann zu bringen. Die Filipinas waren die billigsten Käuflichen in einer Stadt, in der man sich die Lotterlieben etwas kosten lassen mußte. Eine Unzahl von Japanern, die ausschließlich zu diesem Zweck nach Hongkong zu fliegen pflegten, verdarben die Preise: Yen-Love.

Gleich nach dem Verlassen des ›Mandarin‹ waren der Kamikaze und seine Begleiterin in eine unübersehbare Menschenmenge geraten und wurden von ihr verschluckt und mitgerissen. Die Seitengassen mit den tiefen Häuserschluchten hatten sich in reißende Bäche verwandelt, in einen Fluß mündend, der zu einem mächtigen Strom anschwoll. Er floß nirgendwohin, da er sich an der nächsten Kreuzung schon wieder teilte oder gewaltsam zurückgestoßen wurde.

Ein Gewimmel von Frauen, Greisen und Kindern, dazwischen reizende China-Girls mit den winzigen Stupsnasen, schwarzen Haaren, mandelförmigen Augen, zierlich und zerbrechlich wie Teepuppen, doch fröhlich plappernd, Arm in Arm oder in Gruppen und dahinter häufig die Mütter, erkennbar an dem besorgten Stolz um ihre Töchter.

Die Freizeit-Chinesen gaben der Stadt ihr unverwechselbares Fluidum von Lärm, Geruch, ausgelassener Fröhlichkeit und stiller Ergebenheit. Der Schauplatz wurde zum Reigen von Überfluß und Not, von Sorglosigkeit und Angst, von Vergnügungssucht und Freßwahn.

Das Liebespaar auf Zeit hatte sich einfach mitreißen lassen. So der Agent jetzt Verfolger hatte, woran er nicht zweifelte, waren es Chinesen, und er konnte ihre Gesichter nicht unterscheiden, auch wenn er es ständig versuchte.

Offensichtlich benahm er sich dabei weniger professionell als sonst: »Wonach hältst du eigentlich so angestrengt Ausschau?« fragte ihn Babs.

»Nach gar nichts«, behauptete er mit einem falschen Lachen. »Höchstens nach Taschendieben. Ich versuche nur zu vermeiden, daß ich einem meiner Geschäftspartner über den Weg laufe, dann wäre nämlich unsere Zweierbeziehung beträchtlich gestört.«

»Wieso das?«

»Wenn man mit einem Hongkong-Chinesen einmal ein Geschäft getätigt hat, wird er unweigerlich auf einem ausgedehnten Essen und auf noch ausgedehnteren Gesprächen bestehen. Und ich will jetzt endlich einmal meinen privaten Urlaub haben«, setzte er grimmig hinzu.

»Das ist ein Wort.«

Es fiel Parker bei Babs nicht schwer, ein perfekter Liebhaber zu sein. Er bedauerte bereits jetzt, daß er die Düsseldorferin in zwei, drei Tagen brutal abhängen müßte. In seinem Job gab es kein Erbarmen, weder sich noch anderen gegenüber. Die Lüge ist der Werkstoff, mit der im Untergrund gearbeitet wird, die Tarnung sein Handwerkszeug; sie war dem Kamikaze so vertraut, daß er mitunter daran zweifelte, sein eigenes Gesicht zu sehen, wenn er in den Spiegel schaute.

In seinem Metier war der Erfolg die Moral, und seine einzige Ausrede, daß es eben Berufe gab, die anrüchig, doch auch unentbehrlich waren. Müllhalden müssen abgetragen, geplatzte Kloröhren ersetzt, Tote gewaschen, Kadaver abgedeckt, Toiletten gesäubert und Tiere von Lohnschlächtern getötet werden; schließlich besteht die Welt nicht nur aus Vegetariern.

Sie trieben weiter im Strom, auf die Anlegestelle der Schiffe zu, die Besucher zu den berühmt-berüchtigten Spielhöhlen nach Macao bringen. Allabendlich verwandelte sich der riesige Parkplatz in einen strahlend hellen Verkaufsbasar, »The poor man’s night club« genannt, der Nachtclub des armen Mannes, der allerdings um Mitternacht endete. Kauflustige und Schaulustige umringten die Stände mit den Billigwaren, mit Ramsch und Plunder. Wenn man Geduld hatte und einen Blick dafür, konnte man an den Hunderten von Verkaufstischen gelegentlich auch schöne kunstgewerbliche Artikel aus Silber, Leder, Elfenbein oder Jade erstehen. Die Tonbandkassetten waren fast immer Raubkopien minderer Qualität, die Uhren gelungene Imitate mit Billigwerken, die Hemden trugen große Namen, verloren aber beim Waschen Farbe und Form.

Die Hongkongbesucher hatten sich an den Türmen von Babylon vorbeigezwängt: babylonisch war hier auch das Sprachgewirr, selbst unter Chinesen, doch einen Satz, den sie unentwegt einander zuriefen, schienen sie alle zu verstehen: »Sik fan mei.«

»Was schreien die denn da immer?« fragte Babs.

»Heute schon gegessen …«, erwiderte der Mentor. »Das ist etwa so, wie wenn man bei uns sagt: ›Wie geht’s?‹ – Ja«, setzte er hinzu, »Chinesen leben, um zu essen, und essen nicht, um zu leben.«

»Was für ein Unterschied!« erwiderte Babs, die Kostverächterin.

Die Garküchen hüllten die endlose Prozession in profanen Weihrauch. Die Schnellgerichte dufteten köstlich und sahen für Europäer übel aus. Vielen Gästen schauderte es vor den wohlriechenden Angeboten. Lachend und schwätzend zog der Korso der Lebenslust weiter, teilte und vereinigte sich wieder. An einem der belagerten Stände hing ein Plakat mit der Aufschrift ›Hundred years old eggs‹, und am übernächsten Stand waren aus den hundert Jahre alten Eiern bereits tausendjährige Produkte des Federviehs geworden. Die Hühnerfrüchte wirkten unappetitlich, wurden aber den Händlern aus den Händen gerissen.

»So was gibt’s doch gar nicht«, sagte Babs.

»Das ist auch leicht übertrieben«, erklärte ihr Begleiter lachend. »In der Regel sind die Eier 45 Tage in einem kalkhaltigen Schlamm unter einer Reisschicht dicht vergraben, dabei werden sie zu einer dunkelgrünen Wabbelmasse. Behutsam zu Tage gefördert wie archäologische Raritäten, wird die Schale mit einer Lehmschicht überzogen und wachsweich gekocht. Diese Delikatesse darf bei keinem chinesischen Festbankett fehlen.«

»Mahlzeit«, antwortete die Blondine.

»Apropos«, entgegnete ihr Mentor, »hast du noch immer keinen Appetit?«

»Nicht einmal auf zehnjährige Eier«, erwiderte sie und schüttelte sich.

Ein Taxi brachte sie nach Aberdeen. Hunderte von Dschunken passierend, schipperte sie ein Sampan zu dem schwimmenden Luxusrestaurant ›Jumbo‹. Die Touristenattraktion war mit Lampen und Lampions prächtig illuminiert, wirkte wie ein Ozeandampfer, auf dem täglich ein Captain’s Dinner stattfand. Zwischen dem Ufer und der Freß-Galeere herrschte reger Pendelverkehr.

Ein Ober, der aussah wie der Kapitän und eine Art Admiralsuniform trug, empfing die beiden wie Staatsbesucher und geleitete sie an einen Zweiertisch mittschiffs. Sie saßen direkt am Fenster, hatten einen herrlichen Ausblick auf die Wohnboote und die dahinterliegenden Hochhäuser.

Babs hatte ihren Baedecker gelesen; sie wußte, daß auf diesen schwimmenden Behausungen Siebzig-und Achtzigjährige lebten, die nicht ein einziges Mal das Festland betreten hatten und womöglich mit vier Frauen gleichzeitig verheiratet waren, was das Gesetz in ihrer Jugend noch erlaubt hatte. Zehntausende von Menschen – früher waren es siebzigtausend gewesen, viele hatte die Regierung inzwischen zwangsweise auf dem Festland angesiedelt – waren hier geboren, aufgewachsen, hatten hier Kinder bekommen und waren auf ihren Hausbooten gestorben. Man nennt diese seltsamen Hafen-Insulaner auch ›egg-people‹, weil sie früher ihre Steuern mit Eiern bezahlt hatten.

Nach pikanten Vorgerichten wählte Parker als Hauptgang ›beggar’s chicken‹.

»Ein Bettlerhuhn?« fragte Babs.

»Es ist mindestens so schmackhaft wie eine Pekingente, aber nicht so fett und daher sehr bekömmlich.«

Gutes Essen braucht Weile. Dann wurde, eingehüllt in einer Lehmkruste, Hongkongs Spezialität aufgetragen. Mit einem Hämmerchen klopfte Parker die Schale auseinander. Dann entfaltete er die Lotosblätter, in denen das mit Pilzen, Weißkohl, Zwiebeln und Kräutern gefüllte Huhn herausgebacken worden war. Dem Topf entstieg ein köstlicher Duft wie einst Aphrodite dem Meeresschaum. Dazu tranken die Genießer, nicht ganz stilecht, eine Flasche Burgunder. Die junge Frau ging ziemlich geschickt mit den Eßstäbchen um. Sie hatte in einem Düsseldorfer Chinarestaurant ein wenig vorgeübt. Sie vergaß alles, was sie über Hundeleber, Affenhirn, Kamelhöcker, Tibetkatzen, Entenfedern und junge Mäuse als Tafelfreuden gehört hatte.

Bereits beim Betreten des riesigen Speiseraums war dem Kamikaze am Eingang rechts eine Runde vorwiegend chinesischer Geschäftsleute aufgefallen, erkennbar an ihren dunklen Anzügen, die sie immer trugen, auch wenn die Temperatur im Schatten 35 Grad überstieg und die Luftfeuchtigkeit 93 Prozent erreicht hatte. ›Jumbo‹ war in erster Linie ein Touristentreffpunkt. Parker wunderte sich, daß sich so viele einheimische Busineß-Leute hier zum Nachtessen getroffen hatten, vielleicht den Gweilos zuliebe, die an ihren Tischen saßen.

Er musterte sie in seiner gekonnt unauffälligen Art. Es war nichts Außergewöhnliches an ihnen, aber sie fielen dem Kamikaze auf. Vielleicht war es Einbildung oder der sechste Sinn: das Gespür seines Metiers hatte sich gemeldet.

Er beobachtete die chinesische Runde mit den zwei europäischen oder amerikanischen Gästen: Offensichtlich war nur, daß sich der Kellner, sogar unter Vernachlässigung der Nachbartische, ständig in ihrer Nähe aufhielt. Entweder erwartete er für seine Aufmerksamkeit ein besonders hohes Trinkgeld, oder aber er interessierte sich über Gebühr für das Gespräch der gemischten Gesellschaft.

Einer der Geschäftsleute, ein korpulenter Mann, erhob sich und ging mit watschelndem Gang zur Toilette. Er hatte Hängebacken, und seine extrem schmalen Augen standen wie waagerechte Striche in seinem Gesicht.

Der Chinese passierte achtlos Parkers Tisch.

Fünf Minuten später kam der Watschelnde wieder zu seinen Gästen zurück. Der Kamikaze konnte ihn diesmal nur von hinten sehen und zog es vor, seiner Reisefreundin tief in die Augen zu blicken, wie Humphrey Bogart in ›Casablanca‹ Ingrid Bergman.

Die Runde am Eingang bezahlte und verließ das Restaurant. Der Kamikaze registrierte: vier Chinesen und zwei Weiße. Dann gingen seine Augen im Lokal wieder streunen.

»Wäre es denn wirklich so ein Beinbruch, wenn du einem deiner chinesischen Partner über den Weg laufen würdest?« fragte Babs.

»Das nicht«, behauptete er. »Aber kannst du dir denn nicht vorstellen, daß ich lieber mit dir zusammen bin?«

»Wie galant«, entgegnete die Düsseldorferin.

»Leider nimmt die Zeit unserer Zweisamkeit mit jeder Stunde um sechzig Minuten ab«, stellte der Meister der Verstellung fest und wunderte sich, wie anders es klang, wenn er einmal nicht lügen mußte.

Er zahlte.

Sie gingen auf den Ausgang zu.

Von draußen drängte, acht bis zehn Meter entfernt, ein Kellner heran, den Parker bislang nicht gesehen hatte. Plötzlich hielt der Mann eine Pistole in der Hand.

Ihr Lauf war direkt auf ihn gerichtet.

»Achtung!« schrie er, riß Babs zu Boden, warf sich über sie.

Drei Schüsse peitschten über sie hinweg, trafen den neugierigen Ober.

Im Restaurant-Schiff brach Panik aus. Die Gäste schrien, warfen Tische um, flatterten wie geköpfte Hühner durcheinander, während der Mörder die Waffe wegsteckte und flüchtete.

»Hast du dir weh getan?« fragte der Kamikaze und hob seine Begleiterin auf.

»Mann, hast du Nerven«, erwiderte sie. »Was war denn eigentlich los?«

»Das weiß ich auch nicht, uns hat es vermutlich nicht gegolten«, erwiderte er. »Aber wir müssen verschwinden, bevor wir von der Polizei stundenlang vernommen werden.«

Auf dem Weg zum Ufer passierten sie das Polizeiboot. Babs und Parker fuhren mit dem Taxi zum ›Mandarin‹. Im Apartment schalteten sie das englischsprachige Programm ein, aber es brachte nur flotte Musik.

Am nächsten Tag las Parker in den Hongkonger Zeitungen eine kurze Notiz, daß an Bord des ›Jumbo‹ ein amoklaufender Kellner aus noch ungeklärtem Motiv einen Kollegen erschossen hatte und danach unerkannt entkommen war.

6

Die dreiköpfige Herrenrunde in dem idyllischen Landhaus im Taunus würde die halbe Nacht zusammensitzen, ohne Bier und ohne Männerwitze. Felix Kudemann, der Gastgeber, verheiratet mit einer jungen Ärztin, die heute im Krankenhaus den Nachtdienst auf ihrer Station versehen mußte, hatte aus einem Spezialitätenrestaurant erlesene Delikatessen kommen lassen, aber so recht griff keiner zu.

Die Spannung war größer als der Appetit.

Blaurock, der Vertraute und engste Mitarbeiter des Hausherrn, war ohnedies seit seiner Scheidung ein ungeselliger Typ, und auch Fred Magellan – er hatte seine Lebensgefährtin, eine ABC-Chinesin, bei einem Autounfall in Los Angeles vor drei Jahren verloren – kannte seitdem kein Privatleben mehr.

Kudemann schaltete die Tagesschau ein, um festzustellen, ob die Presse schon Wind von dem Frankfurter Doppelmord an den beiden Chinesen auf der Zeil erhalten hätte.

Der Beinahe-Gau von Biblis, der Bevölkerung ein Jahr lang verschwiegen, war immer noch am Kochen, und die Experten stritten, ob es nach Eintritt der Katastrophe 50000 oder nur 10000 Soforttote gegeben hätte.

Über den Doppelmord auf der Zeil brachten die Nachrichten nichts. Kudemann schaltete das Gerät ab. »Kommen wir also zur Sache«, leitete er das Nachtgespräch ein. Magellan war trotz des langen Flugs über den Atlantik und den anschließenden Verhandlungen mit Interpol in Paris noch immer auf dem Damm. Ein Mann mit Hintergrund, 38, ebenso Europäer wie Amerikaner, und dazu noch ein pragmatischer Eierkopf, der chinesisch sprechen, denken, lesen, schreiben und fühlen konnte.

Als sich Marschall Tschiang Kai-schek, von Mao Tse-tung geschlagen, 1949 auf die Insel Formosa – das heutige Taiwan – zurückgezogen hatte, war US-Major Fred Magellan sen. zum Militärattaché der US-Botschaft in Taipeh ernannt worden. Er hatte seine deutsche Frau nachkommen lassen. Sein Sohn Fred wurde auf Taiwan geboren und wuchs unter Chinesen auf. Ihre Sprache beherrschte er in Wort und Schrift, und zwar so gut, daß der Sechsjährige dem Vater bei schwierigen Verhandlungen bereits als Dolmetscher beiseite stehen konnte.

Magellan junior besuchte ein erstklassiges Internat. Chinesen waren seine Freunde; für sie war er kein Gweilo, kein ›fremder Teufel‹. Schon während seiner Studentenzeit kannte Magellan China besser als seine Sinologie-Professoren. Wann und wo immer es brannte, geschäftlich oder politisch, bei der internationalen Kriminalpolizei wie bei den Großkonzernen, in den westlichen Außenministerien oder im Kulturbereich – überall wurde er gebraucht und gerufen.

Er hatte als Gastgeschenk einen Stapel Unterlagen mitgebracht, aber Kudemann konnte sich revanchieren – es würde Tage dauern, bis die Informationen ausgewertet waren. Die Abwehr gegen die Triaden-Verbrechen hatte in den westlichen Ländern auf breiter Front begonnen. Wer in Verdacht geriet, in Verbindung zu dem chinesischen Geheimbund zu stehen, wurde in der elektronischen Datenverarbeitung erfaßt. In den USA, in Holland, Frankreich, Deutschland, in Österreich, in der Schweiz, in Großbritannien – überall spuckten die Computer auf Knopfdruck Namen aus, wie Spielautomaten die Groschen, Namen, jedoch keine Beweise.

»Wir stehen vor einer Mauer des Schweigens«, sagte der HOKO-Chef. »Solange wir sie nicht einreißen können, kommen wir keinen Schritt weiter. Ich verstehe das nicht«, setzte er hinzu, »die Spaghetti-Mafia rächt sich doch auch an Überläufern oder Geständigen, ja sogar an ihren Familien blutig und brutal, und kann dennoch Verrat nicht immer verhindern.

»Mir ist kein Fall bekannt«, berichtete Magellan, »bei dem ein potentieller Zeuge die chinesische Folter durchgestanden hätte. Aber die Schweigsamkeit wird nicht nur durch Sadismus erpreßt«, dozierte der Gast aus Übersee. »Es handelt sich auch um eine Art blutiger Mystik. Die Chinesen haben eine Vorliebe für Geheimbündelei. Von den 27 Triaden, die wir kennen – sicher längst nicht alle –, sind die meisten nicht kriminell, noch nicht einmal politisch. Es gibt vielleicht nur zwei Gangstersyndikate oder sogar nur einen kriminellen Mammutkonzern. Ob verbrecherisch oder nicht, die Geheimbünde haben die gleichen Rituale. Die ›Konfuns‹, die Soldaten, müssen bei ihrer Verpflichtung niederknien und 36 Eide schwören. An jede Formel ist eine fürchterliche Strafandrohung gebunden, zum Beispiel der Schwur Nummer zwölf: ›Wer diesen Eid bricht, wird in tausend Stücke gerissen. ‹ Aber der Terror allein macht es nicht. Wenn wir weiterkommen wollen, müssen wir chinesisch denken, fühlen und handeln.«

»Deswegen habe ich dich ja hierher gebeten«, erwiderte der Hausherr.

»Du mußt dir im klaren sein«, sagte der Gast, »du kannst im Westen nur die Auswüchse bekämpfen. Wenn du das Übel an der Wurzel packen willst, mußt du bis zur Zentrale in Hongkong vorstoßen.«

»Da sind wir gerade dabei«, erklärte Blaurock.

»Würdest du unseren Leuten, die in der Kronkolonie operieren, behilflich sein, Fred?«

»Jederzeit«, versprach Magellan. »Auch vor Ort.«

Kudemann sah auf die Uhr. Er gähnte, erhob sich. »Zeit fürs Bett«, sagte er und ging voraus, um den Freund zu seinem Zimmer zu geleiten.

Der Deutschamerikaner hatte sich noch nie von einer der Institutionen, für die er als Sachverständiger tätig geworden war, vereinnehmen lassen. Daß er auf Kudemanns Hilferuf so rasch reagiert hatte, war sicherlich in erster Linie ein Freundschaftsdienst. Wenn Magellan auch keine Patentlösung mitbringen konnte, so stellte er, ein Mann allein, doch eine gewaltige Verstärkung dar.

Es wurde eine kurze Nacht, vor allem für Blaurock, der schon um acht Uhr vom Fahrer Kudemanns abgeholt und zum BKA-Hubschrauber-Startplatz gebracht wurde. Unterwegs ließ er anhalten, um für Latzke eine Stange seiner Lieblingszigaretten und den von ihm bevorzugten Bourbon-Whisky zu erstehen. Der Helikopter flog ihn dann ins Ostallgäu zum privaten Rehabilitationszentrum Dr. Mittler. Hier war der einzige Überlebende von Taifun I noch immer ein schwieriger Patient.

Pullachs Mann, ausgestattet mit Sonderausweis des Bundeskriminalamts, hatte sich beim Chefarzt telefonisch angemeldet, doch sehr entgegenkommend empfing ihn Dr. Mittler nicht.

»Bruno Latzke?« Er schüttelte den Kopf. »Besser, Sie lassen ihn in Ruhe.«

»Warum?«

»Der Patient steht noch immer unter Schock, ist psychisch und physisch ziemlich am Ende. Und in dieser Situation hat seine Frau jetzt auch noch die Scheidung eingereicht. Sie sind jetzt schon der dritte, der den Patienten quält.« Der Chefarzt sah auf die Uhr. »Eine halbe Stunde, ja? Aber seien Sie um Gottes willen behutsam.«

Der Besucher sicherte es zu und wurde zum Zimmer des Patienten geleitet. Er war darauf vorbereitet, einen gebrochenen Mann vorzufinden, aber dann erschrak er doch über den Anblick seines Ex-Agenten, der einer seiner besten und verläßlichsten Leute gewesen war.

Latzke kauerte in einer Ecke, abwesend und abweisend. Er hielt den Kopf schief, als drücke er zu schwer auf die Halswirbelsäule und müsse jeden Augenblick abfallen wie ein wurmstichiger Apfel vom Baum. Sein Blick war flackrig; die Lider flatterten wie im Wackelkontakt.

»Statt Blumen«, begrüßte ihn Blaurock, überreichte seine Mitbringsel und nahm neben ihm Platz.

Der Patient reagierte zunächst nicht, als müsse er überlegen, ob er das Geschenk annehmen solle. Vielleicht erkannte er im ersten Augenblick Blaurock tatsächlich nicht. Anstelle der Daumen trug er Lederüberzüge. Er wirkte gebrechlich, still und unauffällig, einer dieser grauen, schweigsamen Männer, wie sie zu Hunderten von allen Geheimdiensten der Welt verwendet und verheizt werden.

»Ich brauche Sie nicht zu fragen, wie es Ihnen geht, Latzke«, begann der Besucher. »Ich brauche auch nicht hinzuzufügen, daß es mir verdammt leid tut.« Er schwieg einen Moment. »Nehmen Sie mir das ab?« fragte er.

Der Patient nickte ohne Nachdruck. »Warum sind Sie gekommen?« fragte er mit dünner Stimme. »Und warum kommen Sie erst jetzt?« Seine Pupillen verdrehten sich, als wollten sie in die Höhlen flüchten.

»Salewsky hatte die Aufklärung Ihres Falles an sich gezogen und an mir vorbeigeleitet«, entgegnete Blaurock. »Damit wären wohl beide Fragen beantwortet. Hat Sie denn noch niemand von der Firma besucht?«

»Nur Salewsky – und ein Mann der Camp-Sicherungsgruppe. Man hat mir versprochen, die volle Pension auszuzahlen, vorzeitig die Endstufe, nebst Zuschüssen für alle Krankenkosten und auch noch ein stattliches Schmerzensgeld, wenn ich über alle Vorgänge den Mund halte. Das war die Bedingung.«

»Und darauf sind Sie eingegangen?«

»Natürlich will ich die Pension«, erwiderte Latzke mit einer Spur Gereiztheit. »Ich hab’ keine andere Wahl. Ich bin nicht reich.«

»Latzke, wir haben lange und immer gut zusammengearbeitet«, sagte Blaurock eindringlich.

»Wir beide schon.« Er schwieg einen Moment. Der Besucher wartete, bis Latzke von selbst weitersprechen würde. »Es war eine abgekartete Geschichte. Man hat gewartet, bis Sie in Urlaub weggefahren waren, und dann Taifun I voreilig hinter Ihrem Rücken gestartet. Ich bin dagegen Sturm gelaufen.

Nicht nur ich. Auch Liebkind und Babinsky. Wir sind bis zum Vizepräsidenten vorgedrungen; er hat uns angehört und sogar zugegeben, daß wir recht haben könnten. Aber sein Bammel vor Salewskys politischen Beziehungen nach München war stärker, und so wollte er nichts riskieren. ›Die Arbeit im Untergrund ist nun mal Teamwork‹, beschied er uns, ›und nicht auf einen einzigen Mann fixiert, und wäre er noch so tüchtig. ‹« Zum erstenmal sah Latzke den Besucher voll an. »Damit waren natürlich Sie gemeint.«

»Wie schmeichelhaft«, erwiderte Blaurock trokken.

»Von Pfusch will ich gar nicht reden«, entgegnete der Mann mit dem eingefallenen Gesicht. »Man hat mich regelrecht hereingelegt.«

»Wer?«

»Wenn ich das wüßte – da gibt es verschiedene Möglichkeiten zur Auswahl.« Der Patient stand auf, trat ans Fenster, sah einen Moment in den Garten hinaus. Der Tag wirkte so grau und verlebt wie sein Gesicht – ein trostloser Morgen, ein trostloses Schicksal.

»Das mit Ihrer Frau«, sagte Blaurock unvermittelt, »tut mir wirklich sehr leid.«

»Mir nicht«, erwiderte der kleine Mann mit rauher Stimme. »Sie war schon immer ein Stück Dreck.« Sein Gesicht wirkte nicht mehr so leblos. Die Pupillen kehrten aus den Augenhöhlen zurück. Zum erstenmal zeigte Latzke Interesse an dem Gespräch, als er fortfuhr: »Ich war als erster losgeschickt worden, wußte aber, daß mir Babinsky und Liebkind auf dem Fuß folgten. Ich sollte am Abend in einer schmuddeligen Kaschemme im Yaumatei, in der Nähe der Anlegestellen dieser Sampan-Nutten, einen Kontaktmann treffen.«

»Wer hat das vermittelt?«

»Unsere Residentur auf Victoria Island, in Zusammenarbeit mit einem angeblich besonders vertrauenswürdigen Offizier der Royal Hongkong Police.« Er zündete sich eine Zigarette an, seine Finger zitterten dabei so sehr, daß das Streichholz erlosch. »Einem Engländer«, setzte Latzke hinzu.

»Und der Mann hatte keinen Namen?«

»Für mich nicht«, gestand der Patient. »Ich weiß, was Sie jetzt denken, Chef«, wandte er erstmals die vertraute Anrede von früher an. »Die alte Scheiße. Wenn du in dieser verdammten Branche keinem traust, kommst du keinen Schritt weiter, fällst du aber auf den Falschen rein, bist du erledigt.« Er zog heftig an seiner Zigarette. »Bei unserer Filiale haben sie immer nur vom ›Captain‹ gesprochen, und zwar so geheimnisvoll, als wäre das mindestens ein General, wenn nicht gleich der Gouverneur persönlich.«

»Mit wem haben Sie über diesen Captain gesprochen?«

»Mit allen«, erwiderte der graue Mann, »aber ich kannte ja nur drei.« Er drückte seine Zigarette aus, zündete die nächste an, diesmal klappte es beim ersten Versuch. »Ich zog also los, nach Yaumatei, und benahm mich wie die anderen Bumstouristen, stellte mich ans Ufer und sah zu, wie diese flinken Hafen-Sirenen ihre Freier aufpickten und durch die Dschunkengasse hinausruderten, bevor sie sie für ein paar Minuten drüberließen. Die Gaffer am Ufer trieben es im Geiste mit oder warteten, bis sie endlich drankamen. Fast nur Japsen, die mit ihren dicken Yen-Brieftaschen alles zusammenkaufen, egal, ob’s nun Firmen sind oder Huren.«

Blaurock war froh, daß die Wasser-Amazonen den Redefluß des Befragten in Gang gebracht hatten. Der Pullacher Fernost-Dezernent kannte den Taifun-Hafen von Yumatei mit dieser einschlägigen Touristenattraktion noch aus der Zeit, in der er als verdeckter Fahnder im Außendienst gearbeitet hatte. Blaurock war kein Voyeur gewesen, aber er hatte verfolgt, wie sich die Liebes-Sampans auch bei Windstille heftig bewegten, ins Schaukeln gerieten, und die Zuschauer vergeblich darauf warteten, daß die ungestümen Rammler die Kähne zum Kentern brächten und ins dreckige Hafenwasser purzelten. Er erinnerte sich an das Liebesgestöhn, das oft bis zum Ufer drang – Wasser trägt bekanntlich den Schall –, und auch an die aufgebrachten Dschunkenbewohner, die um ihre Nachtruhe fürchteten, wiewohl ganze Großfamilien von den rudernden Liebesmädchen lebten.

»Es war eine prima Gelegenheit«, fuhr Bruno Latzke fort, »meine Umgebung im Auge zu behalten. Ich ging mal dahin, mal dorthin. Erst als ich sicher war, daß ich nicht verfolgt wurde, betrat ich das verabredete Lokal. Es hieß ›Happy Harbour‹ oder so ähnlich; diese Hafenkneipen wechseln alle paar Wochen mit dem Besitzer den Namen.

Ich betrat den rauchigen Schuppen, setzte mich an die Bar. Ich trug, wie vereinbart, eine grüne Hose und ein braunes Hemd. Ich holte aus der Tasche ein Päckchen Zigaretten mit einer bestimmten Sorte und ließ es auf der Theke liegen. Kurze Zeit später wurde ich von einem Chinesen angesprochen. In englischer Sprache. Er gab mir sein Stichwort, ich nannte ihm meines. Er nickte. ›You’re my man‹, sagte er und setzte hinzu, daß wir noch auf einen zweiten Mann warten müßten.«

»Wie lange?« fragte Blaurock.

»Er ist nicht gekommen. Ich spürte, daß etwas faul war, und paßte auf wie ein Schießhund. Aber irgendwie mußte es dem Kerl an der Bar – oder der Schlampe dahinter – gelungen sein, mir K.-o.-Tropfen in den Bourbon zu schütten. Der Whisky schmeckte bitter, aber das Erwachen war noch bitterer: Man hatte mich bewußtlos in eine verrottete Werkstatt verschleppt. Als ich wieder zu mir kam, hielten mich vier Chinesen fest. Ein Weißer begann mich zu vernehmen: ›Paß auf, Burschi‹, sagte der Dolmetscher im gemütlichen österreichischen Dialekt, ›mir mach’n net lang rum. Mir woll’n was von dir wiss’n, und wenn’st s’ Maul aufmachst, bleibt dir vui erspart. Bei der erst’n Lüg’n kost’s di’ den link’n Daumen. Ball’st mich dann no amal ansingst, ist dein zweiter hin. Und wann’st no’ weiterlüg’n tätst‹, fuhr der vermutliche Wiener aus dem Stadtteil Ottakring fort, ›dann sag’ i bloß: Du hast noch acht Finger, zwei Ohren, zwei Augen und einen Schwanz, und den schneid’n mir dir dann ab – wenn’st wirklich so blöd bist, Burschi. ‹ In seinem Dialekt hörte es sich fast so gemütlich an, daß ich es für leere Drohungen hielt. ›Du bist also ein Scheißbulle aus Pullach.‹ Ich schwieg. ›Mach’s Maul auf! Aber dalli-dalli!‹ Ich mußte reagieren. Ich bin Beamter des Bundesnachrichtendienstes, antwortete ich, denn es hatte keinen Sinn, etwas zu verschweigen, was sie bereits wußten. ›Ja, so a Hetz’ – also mach’ ma weiter, Gaudibursch: Du suchst in Hongkong einen gewissen Tin Guang von der Hongkong Merchant Company. Gratuliere! spottete er. ›Du hast ihn g’fund’n. Da sitzt er. ‹ Der Österreicher deutete auf den fetten Chinesen auf dem Stuhl. Dann sprach er mit ihm chinesisch – der Schweigsame nickte. ›Zunächst wollen wir nur wissen, woher du den Tip über die Hongkong Merchant Company hast … ‹«

»Mein Gott«, sagte Blaurock, und es hörte sich an wie ein Stöhnen. Er war mit wachsendem Entsetzen dem Bericht gefolgt und wußte, daß es sich um den ›Kuala-Lumpur-Fall‹ handelte, der im Camp die Geheimhaltungsstufe A hatte, was bedeutete, daß die genauen Zusammenhänge höchstens vier oder fünf Personen – er selbst mit inbegriffen – bekannt sein durften.

In der Hauptstadt Malaysias war dem Kamikaze einer seiner verwegenen Coups geglückt, denen er seinen Spitznamen verdankte. Ohne nach außen hin in Erscheinung zu treten, hatte er einen weitverzweigten Heroinring auffliegen lassen, mit zwei Herstellungsstätten und mehr als fünf Tonnen Rauschgift. An die fünfzig Beteiligte waren den Fahndern in die Hände gefallen. Unter ihnen erstmals drei der ganz großen internationalen Drahtzieher: ein Malaysier und zwei Chinesen.

Sie wurden angeklagt, verurteilt und gehängt.

Um sich für seine Hilfe zu revanchieren, hatten die malaysischen Behörden den Kamikaze auf sein Drängen vor der Vollstreckung des Urteils in die Todeszellen gelassen. Von einem der drei war der Versuch unternommen worden, in letzter Stunde seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Seine Geständnisse, darunter der Hinweis auf die Triaden-Spitze in Hongkong, hatten förmlich gesprudelt. Parker unternahm den Versuch, seine Hinrichtung wenigstens aufzuschieben, aber er biß beim malaysischen Justizministerium auf Granit. Die Leute wollten Abschreckung, keine Kronzeugen. Dann hatte Salewsky – gestützt auf diese Informationen – das Trio Latzke, Babinsky und Liebkind überstürzt losgeschickt, um in Hongkong die Führungsspitze des Gelben Syndikats KK zu zerschlagen und die Früchte des Kamikaze selbst einzuheimsen.

»Ich redete mich darauf hinaus, die Informationen im Camp erhalten zu haben. Als sie mich noch mehr unter Druck setzten, sagte ich aus, daß die malaysische Polizei dem Delinquenten den Namen Tin Guang abgepreßt und nach Pullach weitergeleitet hätte.«

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9788711726952
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