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Wilhelm Ernst Asbeck

Die letzten Keiths auf Balumoog

Ein friesischer Hallig-Roman

Saga

Die letzten Keiths auf Balumoog

© 1935 Wilhelm Ernst Asbeck

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711517796

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

I. Teil.

Die Hochzeit zu Königsbüll.

Sommer 1632.

Wie eine Kette von Burgen ragen die Wurften der Bauernhöfe von Boptee aus der flachen Marsch hervor. Auf dem höchsten Hügel ist die kleine, trutzige Kirche erbaut. Ein paar spärliche, vom Winde zerzauste Birken und Buschwerk stehen auf der Halde, hinter denen das Pastorat hervorlugt.

Schnurgerade, mit trübem Wasser gefüllte Gräben teilen das Land in viele Vierecke. Reicher Graswuchs und gesegnete Kornfelder gedeihen hier; kräftige Pferde und fette Rinder weiden auf den Wiesen.

Tief eingebettet im Schutze des Seedeichs und des Hohendeichs liegt der friedliche Ort.

Schon eine ganze Weile steht Knudt Arcke vor der Tür seines Hauses und blickt in die Ferne.

Dort hinten, wo Ole Munckes Mühle nahe beim Hohendeich und dem Wasserlauf des Bopteesiels auf einsamer Wurft weit über die Ebene hinausragt, naht sich ein seltsam anzuschauender Reiter. Bunte Bänder am Hute flattern im Winde; große, blanke Knöpfe blinken in der Sonne; und in der rechten Hand trägt er den Hochzeitsbitterstab, einen mit einer Krücke versehenen Handstock, der in der Mitte mit silberdurchbrochenem Ring und mit Bändern geschmückt ist.

Jetzt erkennt Knudt den Burschen.

Es ist Peter Taien aus Königsbüll!

Schnell wendet sich der Bauer und geht auf die Diele.

„Cathrine! — Christine! — Clement!“ ruft er mit weithin hallender Stimme.

Die Bäuerin und ihre beiden blondhaarigen Kinder eilen herbei.

„Was gibt es, Knudt?“

„Schaut nur zum Fenster hinaus! — Es ist so weit!“

Nunmehr erblicken auch sie den Ankommenden.

Die Frau schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: „Will der Erk denn den ganzen Hagelbüllerkoog zur Hochzeit bitten?“

„Warum nicht?“ entgegnet Arcke bedächtig. „Reich genug ist er ja, und lustig wird es schon werden!“

„Der Erk muß immer etwas voraus haben! — Jetzt im Sommer Hochzeit halten! — Wäre es im Herbst hierzu nicht an der Zeit gewesen? — Und seit wann ist es Sitte, daß das Fest im Hause des Mannes stattfindet?“

„Der reiche Erk Knudsen ist ein Bauer; was braucht er sich da an die Regel zu halten, die ursprünglich doch nur für die Seefahrer gedacht war? — Wie aber sollte er die Gäste der fünf Kirchspiele unseres Kooges auf der kleinen Hallig Balumoog unterbringen? — Nein, Frau, es ist schon richtig so; er weiß schon, was er tut!“

Inzwischen hat Peter Taien den Fuß der Wurft erreicht.

Froh und glücklich fühlt er sich, ist es doch eine nicht geringe Auszeichnung für ihn, als Hochzeitbitter seines reichen Vetters auftreten zu dürfen. Überall wird er mit Freuden und Ehrfurcht aufgenommen; und was ihm besonders wohltut, ist, daß auch der geringste Katenbesitzer am Deichrande nicht überschlagen werden soll. Für alle Koogbewohner ist dieser Tag als ein Tag der Freude gedacht; so hat es die junge Braut gewünscht. Eine Ausnahme muß allerdings gemacht werden. Naja, aber das ist wohl selbstverständlich, und die alte Meike wird es auch nicht anders erwartet haben.

Peter ist angelangt. Sein Pferd hat er an den Pfahl gebunden. Er pocht dreimal mit dem Hochzeitbitterstock ans Tor. Der Hausherr öffnet und führt ihn sofort in die ‚beste Stube‘, wo er schon von der ganzen Familie erwartet wird. Man bittet ihn, Platz zu nehmen.

Mit einer gewissen Feierlichkeit spricht Knudt Arcke:

„Ich heiße Dich herzlich willkommen, Peter Taien! Was führt Dich zu uns?“

„Grüßen soll ich von Erk Knudsen aus Königsbüll und seiner Braut Frauke Keith aus Balumoog. Fragen soll ich, ob Ihr so gut sein wollt, zur Hochzeit zu kommen. Sie findet am kommenden Freitag statt. — Messer, Gabel und Löffel müßt Ihr mitbringen, wenn’s etwa etwas zu essen gibt.“

„Wir danken für die uns erwiesene Ehre und werden der Einladung gern Folge leisten. Bestell es den Hochzeitern, und vergiß nicht, auch unsere Grüße auszurichten!“

Hiermit sind die äußeren Förmlichkeiten erfüllt. Nun werden noch ein paar freundschaftliche Worte gewechselt; und dann geht es weiter, von Hof zu Hof, und stets das gleiche Frage- und Antwortspiel.

Peter überschreitet den Friedhof. Neben großen und kleinen Kreuzen sind viele, oft bis zu zwei Metern hohe Steinplatten aufgestellt, die, einer Chronik gleich, den Lebenslauf der Verstorbenen schildern. Mancherlei Bildwerk schmückt die Grabsteine: Auf Fahrt befindliche Segler, Christus mit der Kreuzesfahne, Tulpen, Rosen, geknickte Blumen, das Symbol früh gestorbener Kinder, die Primel, das Sinnbild des Himmelschlüssels, die Pflugschar, die Kornähre, die Zeichen der Landwirtschaft.

Unser Hochzeitbitter aber ist jung und lebensfroh; er hat heute kein Auge für die Denkmale der Vergangenheit; ihm lacht ja noch das Leben! Viele, viele Jahre wird er noch vor sich haben. Hochzeit und Kindtaufe im eigenen Hause feiern: Glück und Wohlstand werden ihm das Dasein hell und freundlich gestalten.

An dem Kirchlein vorbei führte der Weg zum Pastorat. Peter klopft, wie es seine Vorschrift verlangt, dreimal an die Pforte, obgleich er weiß, daß ihm keine Antwort zuteil werden wird, denn der Seelsorger weilt jenseits des Hohendeiches bei seinem Amtskollegen in Westerwoldt. Wie es die Landessitte in diesem Falle erheischt, zieht er eine Handvoll Halme aus dem Strohdach über der Haustür und legt sie zum Zeichen, daß er da gewesen ist, auf der Schwelle nieder. —

Eine weite Wanderung hat Peter Taien hinter sich. Keine Kleinigkeit war es, alle die weithin verstreuten Ansiedler der Kirchspiele Bopsee und Boptee, alle die abseits gelegenen Einzelwurften und Katen aufzusuchen. Sein Freund Godber Harke hat es leichter; Königsbüll selbst und die benachbarten Kirchspiele Volgsbüll und Bopslut sind ihm als Arbeitsfeld zugeteilt. Aber Godber ist auch älter und nicht so rüstig wie er.

Im Krug zu Boptee ist Peter eingekehrt. Husumer Bier gibt es dort, und die Bauern des Ortes erwarten ihn. Mit Speise und Trank wird er für seine gute Botschaft belohnt. Gemütlich ist es in der Gaststube. Kedel Paysen, der Wirt, hat sich mit an den Tisch gesetzt. Von längst vergangenen Tagen weiß der Alte zu erzählen, von Sturm- und Eisfluten, gegen die jene vor sieben Jahren ein Kinderspiel gewesen sei. In seiner Jugend — es mögen wohl an die sechzig Jahre und mehr darüber vergangen sein — geriet ein großer jütischer Schoner zwischen Buthwell und dem Osterwoldtsiel, nahe den Austerbänken, in eine Eisdrift. Hüben und drüben standen die Leute an den Ufern und mußten tatenlos zuschauen, wie das Schiff vom Eise zerdrückt wurde und die Menschen elendiglich ums Leben kamen.

Erinnerungen und Erlebnisse werden ausgetauscht. Mit Ingrimm denkt man daran, wie vor vier Jahren die kaiserlichen Truppen unter Tilly und Wallenstein Kontributionen forderten, wie damals die Hauptleute der drei Harden alle Mannschaften vereidigten, ringsum Feuerbaken aufstellen ließen und im ganzen Lande die Glockentürme geöffnet wurden. Tapfer hatten sie sich gegen das Eindringen des Feindes gewehrt; aber was half es ihnen? Mit List und Hinterlist wurde ihr Vertrauen von ihrem eigenen Schutzherrn, dem Herzog Friedrich dem Dritten, mißbraucht. Fünfzehn der Besten und Tapfersten der Strandinger ließ er zu Gottorp in den Turm legen. Bei der Either Fähre, außerhalb des Seedeiches, um das Fährhaus, hatte er eine große, viereckige Schanze erbaut. Zweihundert Kaiserliche mit sechzehn Geschützen besetzten sie. Zwar wurde dieser Feind schon 1629 wieder vertrieben, aber Beelzebub war durch den Teufel verjagt; denn nun ergriffen die Dänen Besitz von ihr und den drei Harden. Schließlich verglich sich der Herzog mit dem König, legte sich, wie ein echter Fronherr, selbst in die Schanze und maßte sich an, Gericht zu halten über freie Friesensöhne. Geld wollte er erpressen, er, wie alle anderen, erhöhtes Landgeld; und zähneknirschend mußte man es gewähren.

„Möge die verhaßte Zwingburg so tief unter der Erde liegen, wie sie darüber hervorragt!“ ruft Kedel Paysen, und alle stimmen ihm begeistert zu.

Hitziger wird die Stimmung, schneller leeren sich die Krüge.

Alle sind felsenfest davon überzeugt, daß der Tag kommen werde, da ihr Wunsch in Erfüllung ginge — — und er kam; schon zwei Jahre später, aber anders, als sie es ahnten!

Detlef Harmsen meinte: „Und trotz alledem können wir uns noch glücklich schätzen. Denkt an die Pellwormer! Fünf volle Jahre haben sie nun durch die vielen Deichbrüche schon kein trockenes Land mehr gekannt. Denkt an ihre Not!“

Knudt Arcke, der Bedächtige, ergreift das Wort: „Damit ist es — dem Herrn sei es gedankt! — nun ein für allemal vorbei. Gemeinsam hat ganz Nordstrand die Gefahr überwunden. Weder ihnen noch uns werden die Fluten je wieder schaden! Erinnert Euch, wie Ocke Levsen im Strande rief: ‚nun haben wir eiserne Deiche!‘ Erinnert Euch, wie Iwen Axen aus Rödenis sagte: ‚von heute ab könnt Ihr alle ruhig hinter Euren Wällen schlafen!‘ und wie der Deichgraf von Risum seinen Spaten in den Damm stieß und dem Meere zurief: ‚Trutz, blanker Hans!‘

Freilich, den Worten erfahrener Männer kann man wohl trauen!

Mit dem Meere und mit den Menschen ist ein vorläufiger Friede geschlossen. Friedrich der Dritte hatte den Harden Generalpardon erteilt und die Gefangenen in Freiheit gesetzt.

Man beginnt aufzuatmen; und als erstes, weithin sichtbares Zeichen einer neuen Zeit, da der Bauer wieder sorglos hinter dem Pfluge gehen kann, hat Erk Knudsen die Hochzeitsbitter in den Koog gesandt.

Stunde auf Stunde ist vergangen. Endlich heißt es, den Rückweg antreten. Die Dämmerung senkt sich hernieder, und es wird Nacht. Seltsam verschleiert liegt das Mondlicht über der Landschaft. Am schmalen, sumpfigen Saumpfad führt der Heimweg entlang. Zur Rechten liegt der langgestreckte See, von weiten Schilfbänken und Moor umrahmt. Verkrüppelte Weidenstämme und ein Gewirr von Buschwerk bedecken ringsum den Boden. Es ist eine verrufene, unheimliche Gegend. Jeder meidet sie. Nur die alte Meike haust hier, tief versteckt, in verfallener Hütte.

Der fahle Mondschein wirft ein gespenstisches Licht zur Erde nieder. Phantastische Schatten huschen lautlos vorüber. Sind sie vom Winde erzeugt, der Busch und Baum bewegt? Oder sind es Wesen einer anderen Welt?

Unheimlich wird dem einsamen Wanderer. Vorsichtig geht er, sein Pferd am Halfter führend.

Nebelschwaden wallen vom See herüber, schweben auf und nieder, formen sich zu seltsamen Gestalten. Wie Schattenwesen sind sie anzuschauen; unruhvolle Geister, die im Jenseits keinen Frieden finden. Unheil bringen sie dem, der ihnen begegnet.

Lichter hüpfen wie ruhelose Seelen am Boden hin, ziehen wie feurige Punkte durch die Luft und verschwinden im Nichts.

Peter Taien bekreuzigt sich.

Stimmen glaubt er zu vernehmen, aber er kann den Sinn ihrer Worte nicht enträtseln. —

Da lacht es vor ihm auf! — Ein schrilles, häßliches Lachen!

Aus dem Nebel wächst eine Gestalt hervor, unwahrscheinlich groß, in schattenhaften Umrissen, kommt näher und näher, schrumpft bei jedem Schritt in sich zusammen, bis plötzlich, ein kleines, verwachsenes Weib, auf den Krückstock gelehnt, vor ihm steht. Sie stößt ihn an und spricht: „Nun, Peter, zu so später Stunde noch unterwegs? Du kommst von Erk Knudsen, mich zur Hochzeit einzuladen? — Hi hi! Es ist lieb von Dir, daß Du auch an die alte Meike gedacht hast; nur eine etwas ungewöhnliche Zeit, die Mitternacht dafür zu wählen. — Hi hi!“

Peter rafft allen Mut zusammen: „Gib den Weg frei!“

Ehe er es jedoch verhindern kann, hat sie seine Hand ergriffen.

„Schau, schau, Peter! — Kennst Du diese Linie? Weißt Du, was sie bedeutet? Kurz ist sie, auffallend kurz; und, schau, ganz unvermittelt bricht sie ab!“

„Was soll’s? — Ich versteh Dich nicht!“ stößt Taien rauh hervor.

Die Alte erwidert: „Ist Dir nicht aufgefallen, daß viele Leute auf Nordstrand so kurze Lebenslinien haben? Viele, Peter, sehr viele! — Es sollte Euch zu denken geben!“

„Fort mit Dir, elende Hexe!“ schreit er. Eine wahnwitzige Wut hat ihn gepackt. Er schwingt den Stock; sausend fällt er nieder; aber wie ein Spuk ist die Alte entschwunden.

Irgendwo im Unterholz knackt es. Ein höhnisches Lachen schlägt ihm ans Ohr, und spottend ruft es ihm nach: „Hochzeitbitter, bestell dem jungen Paare, die alte Meike werde zur Stelle sein! Und, Bürschchen, denk daran, was ich Dir sagte! — Denk daran!“

Peter Taien gibt seinem Pferde die Sporen. Nur heraus aus dieser wilden, verruchten Gegend; dorthin, wo man den schützenden Seedeich und menschliche Wohnungen erblickt!

Endlich, endlich blinkt ihm aus der Ferne ein Licht entgegen — ein Bewohner Volgsbülls, der auf seiner Wurft noch zu so später Stunde wacht.

Der einsame Wanderer atmet auf. Wie ein Alp fällt es von seiner Seele.

*

Alles geht seinen ordnungsgemäßen Lauf. An drei Sonntagen ‚sprangen die Verlobten von der Kanzel‘, wie der Volksmund das öffentliche Aufgebot in der Kirche derzeit nannte.

Am Vortage der Hochzeit haben Arfst Röden und Inge Tammsen, denen das ehrenvolle Amt der Vorschaffer übertragen worden ist, alle Hände voll zu tun, und sie müssen ihre Augen offen halten, damit auch nichts versäumt wird.

Erk Knudsens große Scheune hat sich in einen Festsaal verwandelt. Die Fahne der Beltringharde, deren Bannerträger er gewesen, soll die Gäste beim Eintritt begrüßen. Flaggentuche und Girlanden winden sich um Pfeiler und Ballustraden. Ein Podium für die Musikanten ist errichtet worden. Endlos lang erstrecken sich die Tafeln. Weiße Leinentücher verdecken eilfertig hergestellte Nottische. Am Kopfende zur Rechten steht der Ehrensitz der Braut. Über diesem Platz wurde ein großer Prunkteller aus getriebenem Messingblech angebracht. Zu Häupten der linken Seite der Festtafel befindet sich der reich geschnitzte, mit Blumen bekränzte Sessel des Bräutigams. Aber, so groß auch der Raum sein mag, er wird bei weitem nicht reichen, um alle Gäste des Kooges mit seinen fünf Kirchspielen zu fassen.

Hart am Rande des Hohen-Moores befand sich der Thingplatz, wo Erk Knudsen mit den übrigen elf Ratsmannen der Harde manches Mal über Recht und Gesetz, über Schutz und Trutz gesprochen hatte. Sein Wort fiel schwer ins Gewicht, war er doch nicht nur der Reichste unter ihnen, sondern auch klug und von strengstem Gerechtigkeitssinn gegen sich und alle. So weit man zurückdenken konnte, waren seine Ahnen Führer des freien Friesenvolkes gewesen: Hauptleute, Siegelbewahrer, Ratsmannen, Bannerträger, Bauernschaftsvorsteher und Deichgrafen, ein mit allen Gaben, Gütern und Ehren gesegnetes Geschlecht.

Zwischen dem Thingplatz und dem Orte Königsbüll, auf geräumigem, freien Gelände, wird eine Zeltstadt errichtet. Lustig ist sie anzuschauen, mit bunten Fähnlein und Wimpeln geschmückt. Hier führt das Vorschafferpaar Oluf Ocken und Anna Wulfsen das Regiment über acht Schafferpaare, junge Leute aus den besten Familien. Unter ihren Händen entsteht ein Festplatz, wie ihn der Hagebüllerkoog kaum je zuvor gesehen hat. Von allen Seiten drängen sich freiwillige Helfer hinzu.

In den Häusern und Katen sind am Abend Alt und Jung damit beschäftigt, die Flinten und Pistolen sorgfältig zu putzen, denn an solchem Tage darf es an Freudenschüssen nicht fehlen.

Eine wundervolle Sommernacht ging zur Neige, und ein Morgen, wie er freundlicher nicht gedacht werden konnte, erwachte.

Vor der Tür des Herrenhauses steht die alte, runzlige Krasse und schaut zum tiefblauen Himmel empor, ob sich nicht irgendwo ein Wölkchen blicken lasse. Sie ist mit dem Wetter durchaus nicht einverstanden. Regnen muß es, wenn das Paar zur Kirche fährt! Regen bedeutet Fruchtbarkeit, Segen und Glück! Aber hat Erk auf ihren Rat gehört? Ist es recht von ihm, sich von dem armseligen Inselrestchen Balumoog die Braut zu holen, wo es im eigenen Koog so viele stattliche, reiche Friesenmädel gibt, von denen sich jede glücklich geschätzt hätte, als seine Frau heimgeführt zu werden? — Ein langes, langes Menschenleben ist Krasse auf dem Hof schon tätig; ihr Wort hatte immer Geltung gehabt: diesmal jedoch verschloß sich Erk die Ohren. Wie einem treuen Hund hatte er ihr den Rücken geklopft und für alle ihre Einwände nichts als ein gutmütiges Lächeln übrig gehabt. Selbst über die Begegnung Peter Taiens mit Meike, der Hexe, glaubte er mit einem Lachen hinweggleiten zu können. —

Der ganze Hagebüllerkoog glich schon in den frühen Morgenstunden einem aufgeregten Ameisenhaufen. Zu Fuß, zu Pferde und zu Wagen strebten vom Hohen-, vom See- und vom Moordeich, aus allen Wurften und Katen frohe Menschen dem einen Ziele zu. Oluf Ocken sorgt, daß die Wagen und Pferde gut untergebracht werden; Inge Tammsen und Anna Wulfsen nehmen sich der Gäste an. Schaffer und Schafferinnen, Knechte und Mägde, haben alle Hände voll zu tun.

Plötzlich geht am Mast, der vor dem Wirtschaftsgebäude aufgerichtet ist, die Fahne hoch. Lauter Jubel erschallt. Jetzt taucht auch schon hinter den letzten Wurften von Bopslut der Wagen mit dem Brautpaar auf; Frauke Keiths Eltern folgen im nächsten Gefährt, und dann Gespann hinter Gespann, alle festlich mit Blumen, Laub und Flaggentuch geschmückt.

Mumme Thomsen und Per Godbersen schwingen sich auf ihre Pferde, um den Zug einzuholen.

Den Weg umsäumen in langer Kette Männer, Frauen und Kinder.

Die beiden Vorreiter sprengen heran.

Der Wagen des jungen Paares folgt. Glücklich grüßen beide. Erk hält im Munde die silberbeschlagene Meerschaumpfeife, Fraukes Hochzeitsgabe, und ihre Hände umklammern seine Geschenke: das kostbare Gesangbuch mit Goldschnitt und Silberbeschlagspangen, und als Zeichen der künftigen Hausfrau das Spinnrad.

Vor dem Hause angelangt, zieht Erk den Degen und steckt ihn über die Tür. Frauke muß darunter hindurchgehen. Sie weiß, was es bedeutet; falls sie ihm untreu wird, so hat er das Recht, sie mit dem Schwerte vom Leben zum Tode zu bringen.

Die Eltern der Brautleute begrüßen sich. Es liegt ein feierlicher Ernst in ihren Gesprächen; ein herzliches Einvernehmen zwischen ihnen will jedoch nicht aufkommen.

Ein kurzer Imbiß nach langer Fahrt, dann heißt es, sich zum Kirchgang zu rüsten. Voran reiten Mumme Thomsen und Per Godbersen, die Vorreiter, auch ‚Lattjers‘ genannt. Dann folgen das Brautpaar, die Angehörigen und die Gäste, eine schier endlose Wagenkette. Lachen, Singen, Lärmen und freudige Zurufe begleiten Erk und Frauke. Ein tiefblauer Himmel und lachender Sonnenschein breiten sich über ihnen aus, und Lerchenjubel erklingt in den Lüften. Glückselig schmiegt sich die Braut an den stattlichen Mann. Dürfte sie doch ihr ganzes Leben so froh und sicher geborgen, von wohlwollenden Menschen umgeben, mit ihm dahinfahren, denkt sie. — Nur noch ein kleines Stück Wegs trennt sie von der Kirche.

Plötzlich fällt Erk den Pferden in die Zügel. Hochauf bäumen sie sich. Schreie, Scheltworte und Verwünschungen werden laut. Mumme hat sein Roß herumgeworfen.

Die alte Meike steht vor dem Brautwagen mitten auf der Straße. Niemand weiß, woher sie gekommen ist. Hinter irgendeinem Busch oder Strauch muß sie sich verborgen gehalten haben.

„Ich habe gesagt, daß ich zur Stelle sein würde, Erk Knudsen; da bin ich! Hast mich zwar nicht geladen, hab aber trotzdem den weiten Weg nicht gescheut, um dir und deiner Braut meinen Fluch als Hochzeitsgabe zu bringen!“

Mummes Faust schwingt die schwere Reitpeitsche.

Im gleichen Augenblick hat sich Frauke aufgerichtet: „Halt! — Niemand rührt die Frau an! — Niemand fügt ihr ein Leid zu! Hochzeit halte ich heute, und allen Menschen möchte ich Freude bereiten! — Ist es wahr, daß man Dich nicht geladen hat, Meike?“

Die Alte blickt mit ihren roten, entzündeten Augen zu der Fremden auf. „Mich geladen?“ Ein höhnisches Gelächter folgt ihren Worten.

Die Braut wendet sich zu ihrem künftigen Manne: „Erk, ich hatte dich gebeten, niemanden im Koog zu übergehen; und Du hast es doch getan. — Ich frage Dich warum?“

Zorn flammt in seinen Augen auf. „Weil ihr Kommen Unheil bringt, weil sie einen bösen Blick hat und eine Hexe ist — darum!“

„Vielleicht haben die Menschen ihr mehr Unheil gebracht, als sie ihnen! — Vielleicht haben die Menschen sie erst zur Hexe gemacht!“

Meike schaute erstaunt die junge Friesin an, die so stolz und mutig dort oben steht, die für sie, die Verachtete, Getretene in die Schanze springt. Einen Fluch hat sie in blindem Haß auf dieses junge Haupt geschleudert, und sie lohnt ihr die Untat mit Güte und Menschenliebe! Ein Zittern befällt den alten, welken Körper; die Hände schlägt sie vor das Gesicht. Schwarz wird ihr vor Augen; der Krückstock entfällt ihrer Hand Schwer schlägt sie zu Boden.

„Hebt sie auf und sorgt für sie!“ ruft Frauke.

Aber keine Hand rührt sich; nur dumpfes Murren antwortet ihr.

„Sie ist eine Hexe! — Gut hätte man getan, sie zu verbrennen; dann wäre der Insel manches Leid erspart geblieben. Mag sie verrecken, wo sie liegt!“ ruft Per Godbersen.

„Ein alberner Narr bist Du und ein furchtsamer Tölpel obendrein, der seine abergläubische Angst hinter großen Worten verbirgt, weil er zu feige ist, einer alten, kranken Frau behilflich zu sein!“

Mit einem Satz ist die Braut vom Wagen gesprungen, hat Meike aufgehoben und sorgsam am Wege gebettet. Neben ihr taucht die mächtige Gestalt Uwe Keiths auf, und ihm folgt Frauke, die Mutter.

Schwerfällig steigt Erk vom Wagen. Die widerstrebendsten Gefühle streiten in seinem Innern: Scham, Wut und — — Bewunderung. Solche Frauen liebt er, die den Mut haben, ihre Meinung der Welt zum Trotze zu behaupten. Wie gut dem Mädel der edle Zorn zu Gesicht stand! Er schätzt Mitgefühl und Hilfsbereitschaft am Weibe. Schließlich war es ja seine eigene Schuld, daß es dahin kommen konnte. Er hatte sein gegebenes Wort nicht eingelöst. Wie konnte er aber auch solche Folgen voraussehen?

Take Küten humpelte herbei. Er erklärte sich bereit, die alte Meike in seiner Kate aufzunehmen. Er hegt keinen Haß gegen sie. Manchen heilsamen Kräutertrank hat sie ihm schon bereitet.

Einige junge Burschen gesellen sich hinzu und tragen, wenn auch nur ungern, die Ohnmächtige in Takes Hütte.

*

Die Kirchentore öffnen sich weit. Heraus strömen die Hochzeitsgäste. Freudenschüsse krachen dem jungen Paare entgegen.

Heimwärts geht die Fahrt. Kurz vor dem Ziele reiten Mumme und Per, wie es die Sitte erfordert, um die Wette. Per bleibt Sieger. Vor der Tür zum Herrenhause haben sich die Vorschaffer- und Schaffer-Paare aufgestellt. Godbersen wird ein Trunk gereicht. Hastig gießt er den Inhalt hinunter. Wütend ist er über die erhaltene Zurechtweisung. Was nimmt sich dieses Halligmädel heraus? Etwas wie Haß steigt in ihm hoch.

Der Brautwagen rollt durchs Tor. Per erhebt das leere Glas. Er will es gegen das Rad schleudern, damit es dort zerschelle und den jungen Eheleuten Glück bringe; aber seine Hand ist vor Erregung unsicher. Weit hinten, im trüben Graben, spritzt das Wasser hoch.

Erks Stirn zieht sich in Falten; Frauke aber lacht und scherzt, als sei nichts geschehen.

Durch das Spalier der Vorreiter und Schaffer wird die junge Frau nun in das Brautgemach geleitet. Drei Lehnstühle sind dort aufgestellt. In den zur Mitte setzt sie sich, rechts und links neben ihr die ‚Beisitzerinnen‘, die wohlachtbaren Frauen Clara Detlefsen und Mary Fredriksen. Ihnen gegenüber stellt sich Erk mit seinen ‚Beisitzern‘, den Hofbauern Jens Henriksen und Nomme Jakobsen, auf. — Musik setzt ein. — Die ‚Lattjers‘ und Krautjungfern schenken ein Teebrett mit Kaffeekanne, Teetopf, Rahmguß und Zuckerschale. Dann folgt Gast auf Gast und überreicht seine Gabe. Viele spenden in einen Brief gewickeltes Geld.

An der Tür werden beim Hinaustreten alle von den Hochzeitbittern mit Kümmel und Bier bewirtet.

Nun erscheinen Arfst Rörden und Inge Tammsen und geleiten das junge Paar zur Festtafel. Männer und Frauen sitzen getrennt. Die Vorschaffer tragen Sorge, daß bei der Platzanweisung sorgfältig nach Verwandtschaftsgrad und Würde verfahren wird.

Endlich ist Ruhe eingetreten.

Arfst Rörden betet das Vaterunser; dann beginnt die Musik zu spielen, und die Schafferinnen erscheinen. Schmuck sehen sie aus. Das Arbeitskleid wird vom Halstuch und der großen, weißen Schürze fast verdeckt. Unter den weißen Hauben schauen junge, frohe Gesichter hervor. In mächtigen Gefäßen tragen die Mädel Weinsuppe herbei, während die jungen Männer den mit gestoßenem Zwieback bestreuten und mit Nelkenköpfen verzierten, gekochten Schinken herbeischleppen.

Auf der Tafel stehen Roggenbrot, Kümmel und Braunbier.

Anfangs liegt wie ein Schatten die Begegnung mit der alten Meike und der mißlungene Gläserwurf über der Gesellschaft. Es will keine rechte Feststimmung aufkommen; zu sehr sind die Gemüter im Glauben an diese Unheilszeichen verwurzelt. Nach und nach aber gewinnt der Frohsinn doch überhand. Ausgelassener werden die Weisen der Spielleute, und, als nun unter Vorantritt der beiden Reitpeitschen tragenden ‚Lattjers‘ die ‚Krüddelstrejler‘ (Krautjungfern) erscheinen und aus ihren Körben Rosinen, Mandeln, Immergrün und Buchsbaum über die Tafel streuen, wollen Scherze, Neckereien und Lachen kein Ende nehmen.

Ein Gebet beschließt die Mahlzeit. Die Musik spielt: Nun danket alle Gott!

In langem Zug, unter Vorantritt der Spielleute, marschiert man zur Koppel. Hier warten schon die Gäste, die in den Zelten bewirtet worden sind, und schließen sich zum Brauttanz an, der im großen und ganzen einer Polonäse gleicht. Darauf folgt der Schaffertanz. Dann müssen Erke und Frauke allein einen Tanz aufführen, und darauf drehen sich alle Paare im bunten Durcheinander.

Es ist ein lärmendes, ausgelassenes Treiben. Besonders das junge Volk benutzt die Gelegenheit zum Flirten und Frohsein; aber unter der lachenden Maske verbirgt sich etwas wie Angst und Sorge, und früher als sonst schleicht sich der eine und andere der Gäste davon. —

Take Küten wurde, reich mit Speise, Trank und Geschenken beladen, zur kranken Meike geschickt. Als er jedoch seine Kate erreichte, war die Alte verschwunden. — —

Mitternacht verkündet die Uhr der Königsbüllerkirche. Die Musikanten spielen, und die Anwesenden singen dazu:

„Sett de Brut de Kron up,

Nu nimm de Kranz af!“

Der Schleier wird unter Lärmen und Lachen zerrissen und Frauke mit der Krone geschmückt.

Als Abschluß der Feier führen die letzten Gäste noch einen Brauttanz auf. Dann verlöschen allmählich die Lichter.

Im Dunkel wagen sich die Stimmen hervor, die vom Jubel des Festes übertönt wurden. Ein Raunen und Flüstern beginnt; die Alten schütteln den Kopf. Eine Ehe, die unter so schlimmen Vorzeichen steht, kann nicht gut enden; das Glück der beiden wird nur von kurzer Dauer sein.

Die Einzige, die sich lachend über alles hinwegsetzt, ist Frauke. Auch Erk läßt sich äußerlich nichts ankommen; aber es kostet ihn Mühe, eine unbekümmerte Miene zur Schau zu tragen, und im Herzen trägt er die Furcht um die Zukunft.

*

Die Hexe.

Uwe Keith und Frauke-Mutter sind heimgefahren. Sie waren alle Tage hindurch still und einsilbig geblieben.

Nun wirtschaftet die junge Frau auf dem großen Gehöft. Sie tut so, als sei sie im Leben nichts anderes gewöhnt gewesen. Bei Knecht und Magd weiß sie sich durch ihre kurze, selbstsichere Art Achtung und Gehorsam zu verschaffen.

Erk schaut stolz und glücklich auf sie nieder. Alles gestaltet sich nach seinen Wünschen. Es ist ein guter Anfang; und nicht minder gut wird sich die Zukunft gestalten, allem üblen Vorspuk zum Trotze. —

Seine Eltern sitzen mit zusammengekniffenen Lippen und machen kaum den Mund auf, wenn sie gefragt werden. Ihnen ist die Halligtochter nicht willkommen, und sie denken anders über Vorzeichen.

Frauke macht sich nicht viel aus dem feindlichen Benehmen der Alten. Sie vergilt gleiches mit Gleichem und tritt hochmütig und kalt abweisend ihnen gegenüber auf.

Niemand im Koog wagt, Erk Knudsens Weib offen zu zeigen, wie er im Grunde seines Herzens denkt; sie selbst aber fühlt nur allzu gut, daß man ihr das Eintreten für die alte Meike nicht vergessen hat, und daß die großen Hofbesitzer sie, das Halligkind, nicht als ebenbürtig anerkennen. Sie wird nur geduldet und gelitten — dank dem Einfluß ihres Mannes.

*

Take Küten fährt erstaunt von seiner alten, wackeligen Bank hoch. Er traut seinen Blicken nicht. Frauke steht in der Tür, schwer beladen.

Frisch, froh und unternehmungslustig sieht sie aus, als wolle sie es mit der ganzen Welt aufnehmen.

„Komm, Take, führe mich zur alten Meike!“

Es liegt etwas in ihrem Ton, was keinen Widerspruch duldet; und so humpelt er denn geduldig neben der jungen Frau her. So gut es sich machen läßt, schlagen die beiden Seitenwege ein; aber dem einen oder anderen begegnen sie doch. Erstaunt blickt man dem ungleichen Paare nach.

Es ist ein weiter Weg. Take kennt aber jeden Pfad und findet sich mühelos in der Wildnis von Unterholz, Busch, Schilf und Moor zurecht. Er läßt es sich auch nicht nehmen, seiner Begleiterin einen Teil der Last tragen zu helfen.

Ganz unvermittelt stehen sie dann vor einer aus Holz, Lehm, Schilf und Torf gebauten Hütte. Völlig im Grünen versteckt liegt der armselige Bau. Die Tür steht weit offen, um ein wenig frische Luft hineinzulassen.

Frauke dankt ihrem Führer und drückt ihm einige Geldstücke in die Hand. Verlegen dreht er die Mütze und stammelt: „Ihr habt ein Herz für uns armen Leute; dafür danke ich Euch, und geb’s der Himmel, daß ich mich auch einmal erkenntlich zeigen könnte!“

Der jungen Friesin wird es warm ums Herz. Sie fühlt, der einfache Mann dort meint es gut mit ihr. „Laß uns Freunde bleiben, Take!“ gibt sie zur Antwort.

„Ich bin Euch längst Freund, wenn so ein armer Teufel, wie ich es bin, sich so nennen darf!“

„Sag „Du‘; ich bin nicht mehr und nicht weniger als irgendein anderer im Koog.“

Take humpelt heim. Seine Gedanken und guten Wünsche umgeben diese aufrechte, warmherzige Frau. So eine hat zwischen den großspurigen, reichen Wurftbesitzern gefehlt! Flocht auch in Notzeiten der Damm ein gemeinsames Band um alle Menschen im Koog, sobald die Gefahr vorüber war, richteten doch die Reichen ihre Schranken nur um so höher auf gegen die kleinen Katenbesitzer, die schwer genug um ihr bescheidenes Auskommen zu kämpfen haben.

*

Frauke tritt durch den niedrigen Eingang in die Hütte. Eine schwere, stickige Luft schlägt ihr entgegen. Nur allmählich gewöhnt sich ihr Auge an die Dämmerung, die sie umgibt. Es ist ein Anblick erbarmungswürdigsten Elends. Der Vorbau führt in eine geräumige Erdhöhle. Im äußersten Winkel liegt auf einer Strohschütte ein welker, verkrüppelter Körper.

„Meike, warum bist Du, die Du Dich krank und hinfällig fühltest, dem Take davongelaufen? — Ich hatte dir Speise und Trank geschickt!“

„Geh!“ ruft die Alte. „Geh und rühre mich nicht an, damit ich nicht auch über Dich und die Deinen Unheil bringe!“

„Rede keinen Unsinn! Niemand kann über seine Mitmenschen Unheil bringen. Segen oder Unsegen zu senden, liegt allein in Gottes Hand.“

„Meinst Du?“ fragt die Kranke lauernd.

„Gewiß meine ich das!“ entgegnet die Junge fest.

„Nun, so laß Dich von mir belehren, daß Du in einem schweren Irrtum befangen bist. Über mich haben die Menschen zu Gottes Schicksalsschlägen noch schwereres Unglück gebracht; Unrecht auf Unrecht, Frevel auf Frevel haben sie auf mich gewälzt.“

Frauke ergreift das Wort: „Ich glaube es Dir. — Du solltest aber trotzdem nicht den Glauben an den Herrn dort oben und an die Menschheit verlieren!“

Ein heiseres Hohngelächter ist die Antwort. Mitten im Lachen wird die Kranke jedoch von einem furchtbaren Hustenanfall überwältigt. Es scheint, als ob sie ersticken solle.

Die junge Frau nimmt Meike wie ein Kind in ihre Arme und trägt sie aus der Hütte. Sorgfältig, mit dem Rücken gegen den Hang gelehnt, setzt sie die Alte auf einen Hügel nieder, der der Einsamen offensichtlich als Ruhebank dient, und gibt ihr zu trinken.

Die milde Sommerluft tut der Geschwächten wohl. Allmählich erholt sie sich wieder. Sie ergreift die Hand ihrer Wohltäterin und spricht: „Als ich so jung war wie Du, besaß auch ich ein weiches Herz und Vertrauen zu Gott und den Menschen. — — Mädchen, hättest Du das mit durchgemacht, was ich erleben mußte, Du würdest begreifen, daß ich nicht anders werden konnte, als ich es heute bin.“

Die Junge holt den alten, wackeligen Tisch aus der Hütte und stellt ihn vor Meike auf. Brot, Fleisch, Speck, und Gemüse breitet sie darauf aus. „Stärke Dich erst einmal, Meike; und wenn Du ein wenig zu Kräften gekommen bist, so wollen wir weiter plaudern.“

„Laß mich, Frauke! Es ist mein Wunsch, die müden Augen zu schließen; ich fühle es, mein Weg ist bald beendet.“

„Mein Wunsch aber ist es, Dir den Rest Deines Weges freundlich zu gestalten, auf daß Du mit frohem Gemüt in jenes unbekannte Land eintrittst. — Hilf mir dabei ein wenig!“

„Du bist gut, Frauke; besser als die anderen!“

„Du irrst! Es werden viele so denken wie ich, aber sie haben nicht den Mut, gegen das Vorurteil der Allgemeinheit aufzutreten, oder sie sind in abergläubischer Furcht befangen. — Meike, hast Du nicht selbst dazu beigetragen, daß man Dich meiden und vielleicht auch hassen muß?“

Eine Weile sitzen beide schweigend nebeneinander. Die Kranke ißt. Sie ißt mit dem Heißhunger eines Menschen, der lange Zeit das Nötigste entbehrt hat, und dem jetzt plötzlich die Tafel mit köstlichen Speisen gedeckt wird.

Die Junge schafft inzwischen in der Hütte ein wenig Ordnung, richtet die Lagerstätte, so gut es gehen will, her und packt die mitgebrachten Lebensmittel aus.

Als sie wieder ins Freie tritt, beleuchten die Sonnenstrahlen das runzelige Gesicht der Alten. Es scheint, als ob alles Herbe, Harte daraus verschwinden wolle und etwas wie Friede sich über ihr Antlitz ausbreite.

Frauke hat neben der Einsamen Platz genommen. Sie ergreift die welken, rauhen Hände und streichelt sanft darüber hinweg.

Endlich bricht Meike das Schweigen.

Seltsam weich klingt ihre Stimme.

„Fast glaube ich, daß Dich der Himmel geschickt hat. Und auf Dein Haupt habe ich in blindem Haß den Fluch geschleudert!“

„Laß gut sein! Man hat Dich gekränkt und wie eine Ausgestoßene behandelt. Dein Hassen ist verständlich.“

„Leicht ist es, einen Fluch auszusprechen, aber schwer, seine Folgen wieder abzuwenden.“

„Gib Dich nicht so törichten Gedanken hin. Gott wird sich weder um Deinen noch um sonst eines Menschen Fluch kümmern; das glaube mir!“

„Nein, Gott wird sich nicht darum kümmern, darin magst Du recht haben; aber wir sind von unsichtbaren Wesen umgeben, erdgebundenen, unreinen Geistern; und sie sind es, die mehr Macht über uns und unser Tun besitzen, als Du denkst. S i e sind es, die ich über Dich gebracht habe, und deren Einfluß ich wohl zu rufen aber nicht wieder zu bannen vermag. — Lache nicht, Frauke! Wer viele Jahre, wie ich, abgesondert in tiefster Einsamkeit lebt, nur Haß und Bitternis im Herzen hegt, zieht jene Schattenwesen an. Ich sehe manches, was Du mit Deinen vom Tagewerk erfüllten und auf das Irdische gerichteten Augen nicht zu schauen vermagst. — Vielleicht haben die Leute auf ihre Weise nicht so ganz unrecht, wenn sie mich eine Hexe nennen.“

Die junge Frau lehnte sich mit der ganzen Kraft ihrer gesunden Sinne gegen diese Auffassung auf; und doch kann sie sich eines unheimlichen Gefühls nicht erwehren. Sie glaubt sich von Wesen umgeben, die sie zwar weder sehen noch greifen kann, die aber trotzdem zugegen sind. Wie oft in einsamen Stunden, an nebligen Tagen und stürmischen Nächten waren ihr auf Balumoog die gleichen Gedanken gekommen!

Plötzlich dringt leise, wie aus weiter Ferne kommend, Meikes Stimme an ihr Ohr: „Ich will Dir die Geschichte meines Lebens erzählen: Außerhalb des Seedeichs, wo jetzt die Amsinckköge liegen, war früher weithin festes, reiches Marschland. — Blutjung hatte ich geheiratet. Wir lebten froh und glücklich auf unserer Halde. Nichts fehlte uns. Wir liebten uns, waren im Vollbesitz unserer Kraft; fruchtbarer Boden und fettes Vieh nannten wir unser Eigentum. — Zwei Kinder, ein Junge und ein Mädel, ließen uns hoffnungsfroh in die Zukunft blicken. Sicher fühlten wir uns auf der Wurft und hinter dem festen Deich. Wohl ein Dutzend Bauernhöfe standen dort außer dem unsrigen.

„Dann kam vor jetzt zweiundsechzig Jahren jener entsetzliche 1. November.“

Frauke fällt der Alten ins Wort: „Du hast die ‚Allerheiligenflut‘ von 1570 miterlebt?!“

Sie nickt. Dann fährt sie fort:

„Eine Nacht genügte, um mich vom Gipfel meines Glücks in das tiefste Elend zu schleudern. Ich will Dir nicht die Schrekken aufzählen, die ich durchlebte. — Von Nordwest blies der Orkan ununterbrochen zwei volle Tage hindurch. Als er sich endlich legte, war der Damm durchbrochen, Halden, Höfe, Land und Vieh vernichtet.

Wie durch ein Wunder nur ward ich gerettet.

Volle vierundzwanzig Stunden trieb ich in Nacht und Finsternis auf den Dachsparren unseres Hauses. Ich hatte das Bewußtsein verloren. Die Nägel der Finger waren tief ins Holz eingekrallt.

Das Heulen des Windes, der Prall der hohen Wogen übertönten jede menschliche Stimme. Tiefste Dunkelheit nahm jede Sicht. Ich hatte nicht einmal bemerkt, wie mein Mann und meine beiden Kinder vom Meere verschlungen wurden. —

Ein heftiger Anprall und stechende Schmerzen ließen mich erwachen. Gebälk brach krachend zusammen, und ich versank. Mir deuchte es, als gleite ich in nicht endenwollende Tiefen hinab.

Als ich wieder erwachte, lag ich warm gebettet.

Man erzählte mir, daß auch der Seedeich gebrochen sei, und daß Volgsbüll zum größten Teile zerstört wurde. An der Friedhofsmauer zu Königsbüll war mein sonderbares Fahrzeug zerschellt, ich selbst aber von den Pfarrersleuten im letzten Augenblick gerettet. Sie pflegten mich mit Liebe und Sorgfalt.

Damals, Frauke, dankte ich Gott für meine Rettung. Ich war ja noch jung; ich wußte noch nicht, daß es leichter sei, einen frühen Tod zu finden als ein langes Leben in Schmach und Schmerz verbringen zu müssen.

Kannst Du begreifen, was es heißt, alle Menschen, die uns lieb und teuer sind, von unserer Seite gerissen zu sehen, ja, nicht einmal ihren Leib in geweihte Erde betten zu können? — Nein, Frauke, das vermag nur der zu erfassen, der es selbst erfahren hat. —

Endlich genas ich. Als ich mich vom Krankenlager erhob, war ich zum hilflosen Krüppel geworden.

Aber ich war ja noch jung!

Ich hatte den törichten Glauben, mir stehe noch die Welt offen, und es heiße jetzt nur von neuem aufbauen.

Monate waren vergangen seit jenem Unglückstage ... Am Krückstock schleppte ich mich vorwärts. Herbstwind pfiff über kahle Stoppelfelder. Der Seedeich war wieder gedichtet; aber dort, wo sich meine Heimat befunden hatte, brandete das Meer. Von allen Wurften ragte nur noch unsere aus den Fluten. Die Stützpfähle unseres Hauses standen noch. Vom ehemaligen Deich waren jedoch nur noch einige klägliche Reste übrig geblieben.

Der alte Frerk ritt des Wegs, der Großvater Deines Mannes. Zum Deichgrafen hatte ihn die Harde ernannt. ‚Was willst Du tun, Meike?“ fragte er. — ‚Dorthin zurückkehren, woher ich gekommen bin.‘ — ‚Närrin, Du siehst doch, daß es verlorenes Land ist.‘ — ‚Ich kämpfe darum!‘

Der stolze Mann blickte kalt, fast verächtlich auf mich herab: ‚Kannst Du den Koogdamm wieder aufrichten, wo niemand im Koog außer Dir am Leben geblieben ist und Du Dich selbst kaum vorwärts zu schleppen vermagst?‘

Mich packte der Zorn: ‚Wie sollte ich allein dazu in der Lage sein? — Aber die Halde dort ist mein Eigentum und das Land, das sie umgibt, ebenfalls.‘ — ‚Dein Eigentum ist das, was Du umdeichen und schützen kannst; Deine Wurft aber sinkt mit der nächsten Sturmflut ins Meer. — Ich verbiete Dir, sie zu betreten. —Du solltest das Deichrecht kennen!‘ — ‚Und was soll aus mir werden?‘ rief ich verzweifelt. — ‚Das mußt Du selbst wissen!‘ sprach Frerk und ritt davon..

Ich stand wie betäubt und blickte hinaus auf die See. Glaube, Liebe, Vertrauen zu Gott und der Menschheit erstarben in mir in jener Stunde. Eine Leere entstand in meinem Innern. Ich hatte niemanden auf der weiten Welt, zu dem ich mich flüchten konnte.

Der Abend nahte. Kälte und Hunger packten mich. Ich schleppte mich nach Volgsbüll zum Pfarrhof. Dort wurde ich wenig freundlich aufgenommen. Das Kirchspiel hatte selbst schwer gelitten, und im April war der Deich nochmals gebrochen. Man litt im Orte Not. Immerhin wurde mir Speise und Trank gereicht und Unterkunft für eine Nacht gewährt.

Ich irrte von Wurft zu Wurft, von Kate zu Kate, den ganzen Hagebüllerkoog hindurch. Mürrisch ließ man mich hier und dort einen Imbiß tun, gab mir auch wohl eine Schlafstelle; aber am anderen Tage hieß es weitergehen. Wer sollte mich auch wohl in Dienst nehmen? Mich, die ich schwach und verkrüppelt war, wo so viele gesunde Arbeitskräfte sich anboten.

Auf der Thingversammlung brachte ich mein Anliegen vor. Die Ratsmannen lachten mitleidig, verwiesen auf das Deichrecht und beriefen sich darauf, wer nicht selbst den Damm instandhalten könne, habe Anrecht auf Hof und Land verloren.

Ich bat um Hilfe, ich, die wenige Monate vorher noch reich, stolz und glücklich gewesen war! — Man zuckte die Achseln. Es gab im eigenen Koog genug Not und Schäden zu lindern, als daß auch noch für ‚Auswärtige‘ gesorgt werden könne.

Da packte mich eine wahnwitzige Wut. Es war mir, als ob ein fremdes, nie gekanntes Wesen aus mir sprach. Ich rief: ‚Ihr Satten und Glücklichen, die Ihr Euch hinter Euren hohen Deichen und auf Euren Halden so sicher und über das Elend Eurer Mitmenschen so erhaben fühlt, hütet Euch! — Es kommt der Tag, da Euer harter Urteilsspruch auf Euch oder Eure Kinder zurückfallen wird, wo Ihr am eigenen Leibe spüren werdet, was es heißt, von Haus und Hof vertrieben zu werden! — Es kommt der Tag, da Eure festen Dämme in sich zusammenstürzen und Ihr selbst von den Fluten hinweggespült und vernichtet werdet! — Wehe denen von Euch, die diesen Tag überleben! — Seht mich an, so arm und verlassen wie ich werden auch sie einst dastehen! — Fluch über Euch und Eure Kinder!‘ —

Frauke, glaube mir, was ich damals sprach, war kein leeres Gerede. Eine Stimme wie die der Propheten war über mich gekommen, und mein Auge sah alles, was geschehen würde, so deutlich, wie Du jetzt vor mir stehst.

Der Tag ist nicht fern, da sich das Schreckliche erfüllen wird. — Höre auf mich, fliehe, ehe es zu spät ist und das Verhängnis, das über Nordstrand hereinbricht, auch Dich verschlingt!“ —

Meikes Stimme klingt wie eine Beschwörung. Sie hält die Hände der jungen Frau umklammert; ihre welken Wangen glühen wie im Fieber, und in ihren Augen liegt ein flehender Ausdruck.

Frauke spricht: „Du siehst Gespenster, Meike! Unsere Deiche sind fester als je zuvor. Ich kann doch nicht Haus und Hof verlassen auf eine Gefahr hin, die nur in Deiner Einbildung lebt.“

Die Alte ergreift Fraukes Hand. Lange und sinnend schaut sie hinein; dann erklärt sie mit müder Stimme: „Bleib nur, wo Du bist; niemand kann seinem Schicksal entgehen.‘

*

Erk steht mit gerunzelter Stirn am Fenster und blickt in die Abenddämmerung hinein. — Was hat seine Frau bei der Hexe zu suchen? Es ist wohl bemerkt worden, wohin sie ihre Schritte lenkte, und feindliche Stimmung kommt im Dorfe gegen sie auf.

Nomme Jakobsen hatte Erk auf offener Straße gefragt, ob er wisse, mit wem Frauke Verkehr halte, und ob solche Handlungsweise von ihm gebilligt werde. — Was konnte er darauf erwidern? — Nichts! Ohne Antwort zu geben, war er heimgegangen. Zorn und Scham rötete seine Wangen.

Endlich naht die lang Erwartete. Stolz erhobenen Hauptes schreitet sie daher. — Wie er diese Frau liebt! Gang, Haltung und selbst ihre Stimme erfüllen sein Herz mit Freude. Nein, so sieht keine aus, die auf schlimmen Wegen wandelt.

Er kämpft einen schweren, inneren Kampf. Die Liebe überwindet den Zorn, und die Freude verdrängt die Scham.

Freundlich geht er ihr entgegen. Es wird ein langes Zwiegespräch, das sie führen. Beide vertreten mit echter Friesenzähigkeit ihren Standpunkt. Schließlich weiß Fraukes warmherzige Beredsamkeit alle Bedenken zu überwinden und Erk zu überzeugen, daß es seine und aller Pflicht sei, sich der Verstoßenen anzunehmen und begangenes Unrecht gutzumachen.

In dem Pfarrer Ipke Frölden wird der nächste Bundesgenosse gefunden, und andere gesellen sich zu ihnen.

Meikes Lebensabend scheint sich froh und sorglos gestalten zu sollen. Erk selbst findet den Weg zu ihr. Ein kleines Haus auf seinem Grund und Boden will er ihr errichten und für sie sorgen. Die Alte sieht ihn verwundert an. Was für eine unbezwingliche Macht strahlt doch dieses Halligkind durch ihre große Liebe und Güte aus, daß sie selbst dieses harte, stolze Herz bezwungen hat!

Nein, Meike will ihre Hütte nicht verlassen. Sie liebt die Ruhe und Einsamkeit. Aber dankbar ist sie für jedes gute Wort.

Not und Mangel hat Frauke von ihrer Schwelle verscheucht. Mancher Bauer und manche Bäuerin, die sich sonst bekreuzigt hatten, wenn sie der Alten begegneten, suchen sie jetzt auf, sprechen freundlich zu ihr und beschenken sie.

Aber nicht alle waren zu bekehren. Gar viele blieben davon überzeugt, daß Meike eine Hexe und Knudsens junge Frau von ihr ‚verzaubert‘ worden oder selbst nicht besser sei.

Allmählich begannen die fünf Kirchspiele des Hagebüllerkoogs zwei feindlichen Lagern zu gleichen, und neben der Saat der Nächstenliebe wucherte die des Hasses hervor.

Das Jahr 1633 war vergangen, und 1634 hielt seinen Einzug.

Von Sturmfluten und Wetterschäden war die Insel verschont geblieben, Friede herrschte im Lande der Friesen, und reiche Ernten hatten den Wohlstand gehoben.

Und doch wollte keine rechte Freude aufkommen unter den Menschen. Zwietracht und Hader entfremdeten Nachbarn und einstige Freunde. Irgend etwas lag in der Luft, etwas Geheimnisvolles, Unheilverkündendes; aber niemand wollte es sich eingestehen, keiner vermochte zu sagen, w a s es sein könne.

Mit der alten Meike ist ein sonderbarer Wandel vor sich gegangen. Die haßerfüllte, feindselige Frau scheint plötzlich gutmachen zu wollen, was sie im Laufe eines langen Lebens versäumt hat. Wo sie von Krankheit hört, eilt sie herbei und sucht zu helfen. Sie kennt viele heilsame Kräuter; auch kann sie Besprechen und Blutstillen. Nicht überall wird sie freundlich aufgenommen. Verblendete Leute weisen ihr mit harten Worten die Tür. Sie läßt sich aber durch nichts beirren, bleibt hilfreich, freundlich und gütig.

Mit der Jahreswende ist eine unerklärliche Unruhe über sie gekommen. Seltsame Gesichte erscheinen ihr; mahnende und drohende Stimmen glaubt sie zu vernehmen.

Mehr und mehr häufen sich die geheimnisvollen Zeichen. Angst und Schrecken befallen Meikes Seele. —

In einer Märznacht erwacht sie aus tiefem Schlaf. Es ist ihr, als habe eine unsichtbare Hand ihre Augen berührt. Eine unwirkliche, fahle Helle erfüllt die Höhle. Schattenhafte Gestalten schweben auf und nieder. Der Raum scheint sich in unendliche Weiten zu dehnen. Die Schemen zerrinnen in ein Nebelmeer, und darin beginnt es zu brodeln, wirr, unruhevoll. Endlich besänftigt sich das tolle Durcheinander, und es bildet sich ein Kopf. Klar und deutlich wachsen die Umrisse aus dem Nichts heraus. Jetzt erkennt Meike das Antlitz, — — es ist Frauke, und neben ihr erscheinen Erks Eltern aus dem Nebel hervor, und nun folgen Kopf an Kopf in unabsehbarer Reihe.

Die Alte hat sich aufgerichtet. Mit entsetzten, weit aufgerissenen Augen starrt sie auf den Spuk.

Da hört sie ein gewaltiges Brausen, wie das Heulen des Sturmes und das Tosen der See. Gischtgekrönte Fluten sieht sie hereinbrechen, Dämme in sich zusammensinken, und die Gesichte werden von den Wellenbergen verschlungen.

Dann wird es Nacht. Die Erscheinungen sind verschwunden.

Meike weiß, was der Spuk zu bedeuten hat, denn ihr ist die unheilvolle Gabe des zweiten Gesichtes beschieden.

Sie tritt aus der Hütte.

Vorfrühlingszeit! Draußen atmet alles Ruhe und Frieden. Die Sterne leuchten in wundervoller Klarheit, und der Mond steht hell am Himmel.

*

Die Bewohner der fünf Kirchspiele Königsbüll, Volsbüll, Bopslut, Bopsee und Boptee wußten nicht, was sie sagen und denken sollten. Von Haus zu Haus hatte sich die alte Meike geschleppt und verkündet, daß der Untergang Nordstrands bevorstehe. Eine ungeheure Angst spiegelte sich in ihren Zügen, und sie sprach wie eine Prophetin.

Die meisten lachten über sie, deuteten auf die Stirn und meinten, sie habe ihren Verstand jetzt vollkommen verloren. Andere waren der Ansicht, es sei ihr schlechtes Gewissen, das ihr solche Bilder vorgaukelte. Aber so selbstsicher sie auch auftraten, sie konnten sich doch einer geheimen Furcht nicht erwehren; denn jedermann im Koog wußte, daß sie den nahen Tod schon manchem Bauern und mancher Bäuerin vorhergesagt hatte, und daß ihre Voraussagungen sich stets erfüllten.

Von Harde zu Harde sprang die Schreckensbotschaft, Angst und Unruhe verbreitend. Die Deichgrafen ritten die Dämme ab, überall fanden sie etwas auszusetzen, und es gab Arbeit und Mühe vollauf.

Längst war die schlimme Prophezeiung auch auf dem festen Lande bekannt geworden. Die meisten Landhelfer weigerten sich daher, auf der Insel Dienst anzunehmen. Aus Jütland wurden Saisonarbeiter herangezogen; aber auch diese erfuhren von der Weissagung und kehrten zum größten Teil nach kurzem Aufenthalt in ihre Heimat zurück.

Eines Nachts lud Take Küten seine geringen Habseligkeiten auf einen Handwagen, und am anderen Morgen fanden Nachbarn sein Häuschen leer und verlassen.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht im Kooge.

Bald darauf siedelten noch mehrere kleine Katenbesitzer nach der Pellwormharde über.

Nun verließen auch Knechte und Mägde, die schon seit vielen Jahren auf den Höfen dienten, die Insel. Sie waren weder durch Geld noch gute Worte zu halten.

Mangel an Arbeitskräften machte sich bemerkbar.

Mit Ingrimm betrachteten die Hofbesitzer ihre hohen Halden, ihre ‚goldenen Ringe‘, die Festungswällen gleich jeden Koog umgürteten und schützten.

Wahnsinn war es, an die Hirngespinste der alten Meike zu glauben! Wohin sollte es führen, wenn diese Landflucht noch weiter um sich griff?

Es gab nur ein einziges Mittel; man mußte die Alte zwingen, zu widerrufen.

Eine stürmische Thingversammlung wurde abgehalten. Meike weigerte sich, auch nur ein einziges Wort von dem, was sie gesagt hatte, zurückzunehmen, und beschwor jeden, dem sein Leben lieb sei, auf ihren gut gemeinten Rat zu hören.

Per Godbersen verlangte, man solle sie zu Gottorp in den Turm werfen lassen, denn sie sei eine Hexe und werde auf der Folter schon gestehen, daß sie mit dem Teufel ein Bündnis geschlossen habe und solche tollen Gerüchte nur aussprenge, um die reichen Hofbesitzer, die sie hasse, zu schädigen.

Erk Knudsen trat ihm entgegen. Sie seien freie Friesen und benötigten weder die Hilfe holsteinischer Herzoge noch der Pfaffen, um Recht zu sprechen. Meike werde einen schweren Traum gehabt und diesen für Wahrheit gehalten haben. Sie sei in der guten Absicht zu den Leuten gekommen, Unheil abzuwenden, und unmöglich könne man sie hierfür strafen.

Die Versammelten gingen in Uneinigkeit auseinander.

Der Glaube, daß die Alte eine Hexe sei, fand wieder reiche Nahrung; und es waren nicht wenige, die ihr nach dem Leben trachteten.

*

Frühling und Sommer gingen vorüber, und der Herbst hielt seinen Einzug.

In einer wolkenschweren, finsteren Septembernacht findet Frauke keine Ruhe. Sie verläßt ihr Lager, wirft sich notdürftig Kleidung über und setzt sich an das Bettchen ihrer kleinen Jongbon. Friedlich schlafend liegt das Kind; ein glückliches Lächeln umspielt seine Lippen. Vielleicht träumt es von der Himmelswiese und sieht sich von Englein umgeben.

Ein furchtbarer Schmerz preßt das Herz der jungen Mutter zusammen. Wer weiß, wie bald vielleicht schon der Traum zur Wahrheit werden wird.

Ihr deucht es, als werde ein Licht angezündet und gleich darauf wieder ausgelöscht. Nun wiederholte sich die merkwürdige Erscheinung.

Frauke blickt zum Fenster hinaus. — Was ist das? — Dort hinten, in weiter Ferne, färben sich die Wolken rot. Ein gespenstischer, flackernder Schein geistert durch die Finsternis. Ein unheimliches Bild! Immer weiter breitet sich die Helle aus; blutrot erscheint der Himmel. Plötzlich ist der Spuk verschwunden. Noch ein paar Mal zuckt es auf wie ein im Verlöschen befindliches Feuer; dann liegt da draußen wieder alles in undurchdringliche Nacht gehüllt.

Blitzartig kommt es der jungen Frau in den Sinn, der Brand müsse zwischen dem Binnensee und dem Deiche gewütet haben. Aber dort befand sich ja nur Meikes Hütte!

Wie eine Bestätigung des Gedankens erschallt unvermittelt ein lautes Knacken. Frauke läuft ein eiskalter Schauer über den Rücken. Sie entzündet ein Licht. Die Uhr zeigt auf zwei. Sie ist stehen geblieben, ihr eifriges Ticken verstummt. Eine lähmende, beängstigende Stille erfüllt den Raum.

Schreiend erwacht das Kind. Die junge Mutter nimmt es an sich und legt schützend den Arm um die kleine Jongbon.

*

Im ersten Morgengrauen verlassen Erk und Frauke die Wurft. Ein trüber, bleigrauer Himmel liegt über der Insel. Rüstig schreitet das junge Paar vorwärts. Kein Wort wird gesprochen. Wie ein Alp lastet es auf den beiden Menschen.

Nun haben sie das Ufer des Sees erreicht, und bald darauf befinden sie sich im Unterholz. Je mehr sie sich der Behausung der alten Meike nähern, ein um so unerträglicherer Brandgeruch schlägt ihnen entgegen.

Endlich befinden sie sich am Ziel.

Erschüttert bleiben sie stehen.

Glimmendes Buschwerk, am Boden hinkriechende, gelbgraue Rauchschwaden, verkohltes Holz und ein unentwirrbarer Trümmerhaufen, um den noch immer, Kobolden gleich, kleine Flammen hüpfen, und dem ein stickiger, dichter Qualm entsteigt, bietet sich ihren Blicken.

Mit vieler Mühe haben sie sich einen Weg gebahnt. Ganz hinten, im äußersten Winkel der Erdhöhle liegt Meikes Körper, von den Flammen halb verzehrt. Welche Qualen mußte die Ärmste erlitten haben, ehe sich der Tod ihrer erbarmte!

*

Der Hardesvogt hat festgestellt, daß ohne Zweifel Mord und Brandstiftung vorliegen. Der Täter ist mit unerhörter Grausamkeit zu Werke gegangen. Blinder, fanatischer Haß nur konnte der Beweggrund gewesen sein.

Ein Schrei der Entrüstung geht über die Insel. Selbst die, die Meike eine Hexe genannt, sie verwünscht und zu ihren Lebzeiten schreckliche Drohungen gegen sie ausgestoßen haben, sind jetzt, da das Entsetzliche geschehen ist, ernüchtert und hassen den feigen Mordbuben.

Niemand hätte sagen können, woher das Gerücht gekommen ist, und wer es zuerst in Umlauf setzte; aber bald flüsterte man von Mund zu Mund, kein anderer als Per Godbersen habe Meike umgebracht. Wo er sich sehen läßt, meidet man ihn. Lauter und lauter erschallt der Ruf nach Sühne. Auch dem Hardesvogt kommen diese Reden zu Ohren. Er ist ein gewiegter Beamter; aber so geschickt er es auch anstellen mag, er bringt bei seinem Verhör nichts aus Per heraus, was eine Festnahme gerechtfertigt hätte. Trotzdem ist er fest davon überzeugt, den Täter vor sich zu haben.

In Pers Augen liegt ein unruhiger, lauernder Ausdruck wie bei einem Menschen, dessen Gewissen mit einer schweren Schuld belastet ist, und der dauernd darauf bedacht sein muß, sich keine Blöße zu geben.

Im Dorfkrug hocken die Bauern dicht an einander gepfercht. Wie Gewitterschwüle lagert es über den Versammelten.

Da wird die Tür aufgerissen. Ein vierschrötiger Mann mit schneeweißem Gesicht tritt ein. Seine schwarzen Haare hängen ihm wirr über die Stirn. Der Blick ist unstet und stechend.

Er setzt sich zu den anderen auf die Bank. Da erhebt sich sein Nachbar und wechselt den Platz.

Mit heiserer, drohender Stimme fragt der Angekommene, was das zu bedeuten habe.

„Ich sitze nicht mit einem zusammen, dem das Kainszeichen auf der Stirn brennt!“

Unwillkürlich faßt der Angesprochene an seine Stirn. Dann brüllt er auf; es klingt wie der Schrei eines todwunden Tieres: „Was wollt Ihr von mir?!“

„Sühne für Meikes Tod!“ wird ihm zur Antwort.

„Was habe ich mit der Hexe zu schaffen? — Niemand hat gesehen, wer die Tat beging, und nichts ist mir zu beweisen, nichts, auch nicht das Geringste, sage ich Euch!“

Arfst Röden tritt auf ihn zu; er spricht ernst, feierlich: „Per Godbersen, magst Du die Spuren Deiner Tat auch noch so sorgfältig verdeckt haben; wenn Du dem Arm der irdischen Gerechtigkeit entgehen solltest, der Schatten der Toten wird Dich zu finden wissen!“

*

Die Tür zum Krug fällt krachend ins Schloß. Ein Ausgestoßener flieht vor sich und seinen Mitmenschen durch Nacht und Sturm. — Fort muß er! Fort! Herunter von der Insel, bevor die Schergen ihn greifen oder die Hexe ihn zu sich ins Unbekannte zieht.

Er schwingt den schweren Klootstock. — Wehe, wenn einer es wagen sollte, ihn zu verfolgen!

Per Godbersen stürzt vorwärts, als seien ihm die Furien auf den Fersen. Er achtet nicht auf Weg und Steg, nur weiter; irgendwo am Strande wird sich schon ein Boot finden, und irgendwo wird er landen, wo ihn niemand kennt.

Wo ist er?

Seltsame, krüppelhafte Wesen stehen dort und strecken lange, dünne Arme nach ihm aus. Sind es wirklich nur die alten Weiden am See oder böse Geister, die ihn packen wollen? — Weiter!

In den Lüften heult der Wind. Klingt es nicht wie das Schmerzensgeheul der alten Meike, als sie bei lebendigem Leibe verbrannte? — Weiter! — Weiter!

Herbstnebel wallen vorüber.

Eine Gestalt wird sichtbar, klein, verwachsen. Sie hält den Krückstock erhoben und winkt.

Lebt denn die Hexe noch immer?

Wirklich! Ganz deutlich schaut sie jetzt aus dem Unterholz hervor. Per zieht sein breites Messer. — Warte, Verfluchte, dieses Mal kommst Du nicht davon! — — Er sticht ins Leere.

Wenige Schritte von ihm entfernt steht das Gespenst.

Weiter und weiter lockt es den Rasenden; nichts sieht und hört er mehr als dieses Schattenwesen.

Dort, auf dem freien Platz, wo die weißen Blumen, Moose und Gräser wachsen, erscheint ihm Meike jetzt. Er glaubt, ein höhnisches Lachen zu vernehmen. Mit einem Satz springt er zu ihr hinüber. — — Sie ist verschwunden; nur Nebelschwaden wallen auf und nieder.

Der Boden wankt ihm unter den Füßen. Er fühlt, wie er sinkt. Eine wahnwitzige Angst packt ihn. Krampfhaft versucht er, sich aus der zähen Umklammerung zu befreien; festes Land will er gewinnen; aber tiefer und tiefer ziehen ihn unsichtbare Hände ins Moor.

Regen fällt in langen, grauen Fäden zur Erde hernieder. Wasserlachen verwischen die letzten Spuren des Flüchtlings. —

*

Am Vorabend der Katastrophe.

Von der Boptee- bis zur Volgsbüll-Schleuse zog sich ein breiter Wasserlauf durch den Hagebüllerkoog. Zwischen Bopsee und Königsbüll zweigte sich eine breite Wehl bis zur Ilgrofschleuse ab. Zahlreiche andere Wasserarme, Siele genannt, befinden sich auf der Insel.

Ein reges Leben herrschte hier noch bis vor kurzem. Schiffer aus Husum, Stade, Hamburg und Holland hatten Vieh, Getreide und sonstige Lebensmittel geladen.

Frauke steht auf der Wurft und sieht das letzte Segel in der Ferne entschwinden.

Ruhig wird es wieder im Lande.

Die Erntearbeiter sind nach dem Festlande gezogen — Stille und Einsamkeit ringsumher. — Eine schier erdrückende Stille!

Die junge Frau schreitet über den Hof. Erk kommt ihr entgegen, die kleine Jongbon an der Hand.

Das Kind sucht, sich vom Vater zu befreien. Es will zur Mutter! Nun hat es seinen Willen erreicht und läuft lachend in ihre ausgebreiteten Arme.

Wie wohl diese sorglose Heiterkeit inmitten all des Schweren, Niederdrückenden tut! — —

Es ist Zeit zum Abendessen.

Am Tische sitzen Bauer, Bäuerin, Knechte und Mägde beisammen.

Die alte Kresse spricht das Gebet:

„Herr Jesu-Christ, sei unser Gast,

Und segne, was du uns bescheret hast!“

Seltsam schleppend und feierlich spricht sie die schlichten Worte.

Schweigsam ist sie geworden, seitdem Frauke auf dem Hofe ist. Nie spricht sie unaufgefordert ein Wort, und, wird sie gefragt, so gibt sie einsilbige, mürrische Antworten.

Wie eine Erlösung klingt das muntere Geplauder Jongbons. Sie ist der Liebling und Verzug aller.

Die junge Mutter atmet erleichtert auf, als sie sich mit ihrem Kindchen allein im Schlafzimmer befindet.

Im Bettchen liegt die Kleine und plappert das Nachtgebet:

„Im Namen Gottes schlaf ich ein;

Der Herr wird mein Beschützer sein.

Beschütze mich auch diese Nacht,

Vor allem bösen Ungemach!“

Frauke wendet sich zum Gehen, aber das Mädel ist noch zu munter, um sogleich einzuschlafen; zudem möchte es auch etwas Lustiges hören, etwas, was es versteht, und worüber es lachen kann. — Ein Wiegenlied!

Geduldig setzt sich die Mutter noch einmal zu ihrem Töchterchen und singt:

„Bimmel, bimmel beier,

Di Koster mei nin Anje

Wat ma hin dann?

Hi mei wull Speck en Roggebruad,

Een Aaje ön e Pön.“ a)

Ein fröhliches Gekräh und einen Kuß erntet sie zum Danke.

Draußen vor der Tür steht Frauke und preßt die Hand aufs Herz.

Erk tritt an sie heran.

„Was ist Dir?“ fragt er.

Sie klammert sich, einer plötzlichen Eingebung folgend, an ihn; als könne dieser starke Mann sie vor aller Not und Gefahr schützen und flüstert:

„Die Angst, die furchtbare Angst!“

Er schließt sie fest in seine Arme: „Aber vor was fürchtest Du Dich denn?“

„Vor einer Gefahr, die ich nicht sehen kann aber unabwendlich nahen fühle!“

Schweigend küßt Erk die geliebte Frau.

Noch lange stehen beide am Fenster und schauen hinaus in die Nacht. Vom Deich her hört man das Rollen der finsteren See, und weit draußen im Westen flammt es gespenstisch auf. In langen Abständen folgt ein schwaches Donnergrollen.

*

Im westlichen Zipfel des Bupheveringkooges haben die Fluten sich tief in das Land hineingewühlt. Hart an dieser Bucht liegen, weithin zerstreut, wohl an die zwanzig Hütten und Katen. Wie verängstigte, hilfesuchende Kinder haben sie sich hinter dem Damm verkrochen. Und doch sind die Bewohner dieses armseligen Dorfes Nachkommen reicher Halligleute, die einst auf dem Eiland Balum in Wohlstand ein sorgloses Leben führten, bis die große ‚Manndränke‘ in den furchtbaren Tagen und Nächten des 15. bis 17. Januars 1362 die meisten ihrer Ahnen zu sich in die Tiefe zog, die Wenigen aber, die mit dem Leben davonkamen, zu Bettlern machte. Man überließ ihnen ein wenig Land, armseligen Boden, und auch diesen gab man ihnen nur, weil der große, dünn bevölkerte Koog Hände benötigte, um die zerstörten Deiche zu erhöhen und zu befestigen.

Die drei Kirchspiele Westerwoldt, Osterwoldt und Bophever befanden sich inmitten der reichen, fruchtbaren Marsch.

Gemeinsame Gefahr hatte das Band der Volksverbundenheit geflochten, und die wohlhabenden Bauern halfen den um Hab und Gut gebrachten Flüchtlingen über die schlimmste Not hinweg.

Die Balum-Siedler trugen den Kopf nicht minder hoch als die übrigen Insassen des Kooges, und ihr Gruß ‚Eala, fria Fresa‘b) klang genau so selbstbewußt und stolz wie der ihrer Nachbarn. Und doch, auch hier war eine unsichtbare Grenze zwischen Reich und Arm gezogen, und noch jetzt, nach mehr als zweieinhalb Jahrhunderten, wurden die ‚Fremden‘ den Einheimischen gegenüber nicht als vollwertig anerkannt.

Die Folge war, daß diese kleine Gemeinde sich um so fester zusammenschloß und Leid und Freude in treuester Verbundenheit teilte. Nie mehr war es den Leuten gelungen, sich wieder zu Wohlstand emporzuarbeiten; aber fest klebten sie an der Scholle, die Liebe zur Heimat ließ ihnen Kämpfe und Sorgen gering erscheinen.

Kämpfe und Sorgen!

Ihr ganzes Leben war ein Ringen mit den Gewalten der Natur. Waren einige Jahre vergangen, in denen das Meer sich friedlich zeigte und sie in Ruhe ihre Ernte einbringen und ihr Vieh weiden lassen konnten, so bewies ihnen der ‚blanke Hans‘ doch immer wieder aufs neue, wie feindlich er ihnen gesonnen blieb. Deichbrüche und Überschwemmungen suchten Land und Leute heim.

Die Balumer waren fromm und gottesfürchtig. Ihr Sinnen und Trachten war darauf gerichtet, wieder, wie vor Zeiten, eine Kirche im Dorfe zu haben; doch nicht einmal für eine bescheidene Kapelle vermochten sie das Geld aufzubringen.

Stolz ragten die Gotteshäuser der drei reichen Dörfer über das weite, flache Land hinaus — wie trutzige, unbezwingliche Burgen waren sie anzuschauen.

Wenn die Männer der Bucht zu ihnen hinüberblickten, so regte sich wohl etwas wie Neid in ihrer Seele; aber stärker blieb doch das Gefühl der Dankbarkeit. Durch die ganze Insel waren die Pfarrer gewandert, von Wurft zu Wurft, und hatten geschildert, wie von 1625 bis 1630 Jahr um Jahr das salzige Meerwasser in den Koog eingedrungen sei, und wie das breite Siel, das sich vor der Bucht bis zur Ilgrofschleuse durch die Niederung zieht, die eindringenden Fluten nicht zu fassen vermochte, und die Ebene in einen See verwandelte.

Besonders wiesen sie auf die Not der armen Bewohner von Balum hin.

Da zeigte es sich, daß hinter der stolzen Maske der Bauern ein fühlendes Herz verborgen war. Wie ein Mann erhob sich die ganze Bevölkerung der Insel, um den bedrängten Brüdern zu Hilfe zu eilen.

Fester und höher denn je türmte sich nun der schützende Wall, und endlich fühlten sich die Menschen sicher und geborgen.

*

In der trüben Morgendämmerung des 10. Oktober 1634 kommt die Flut auf. Die Wasserrinnen des Wattenmeeres füllen sich.

In einiger Entfernung vom Deich stehen ein paar Fischer und hantieren an ihren aufgestellten Uferzäunen. Sie leeren die Netze in Weidenkörbe aus. Gute Beute hat ihnen die See gebracht, vor allem viele schmackhafte Schollen.

Einige barfüßige Männer und Frauen begegnen ihnen. Alle tragen Körbe und ein an einem rechenähnlichen Gerät befestigtes Netz unter den Armen. Sie kehren heim vom Garneelenfang — das sind kleine Krebstiere. Jetzt wird die Beute besichtigt. Auch sie können mit dem Ertrag ihrer Arbeit zufrieden sein. Einige Taschenkrebse, die mit ins Garn gingen, werden herausgesucht und wieder ins Wasser geworfen, denn sie leben mit den Garneelen nicht auf friedlichem Fuße.

Im Ort beginnt alsbald eine emsige Tätigkeit. Die grünlichgrauen Krebslein werden in siedendes, salziges Wasser geschüttet; mit rotglühenden Feuerzangen wird der Kesselinhalt umgerührt.

Jetzt treffen auch die Tuulgräber ein. Sie haben im Watt aus den vertorften Moor- und Waldresten, die tief unter den Sand- und Schlickschichten ruhen, ihre freilich kümmerliche, salz- und schwefelhaltige Feuerung herausgegraben. Aus der ausgelaugten Asche des verbrannten, salzhaltigen Seetorfs wird das Salz gesotten. Viele hundert Jahre alt ist diese Art der Salzsiederei. Es ist ein mühseliges Brot. 800 Pfund Asche liefern etwa 300 Pfund Salz.

So versuchen die Leute von Balum sich außer dem Ertrag von Ackerbau und Viehzucht mancherlei Nebeneinnahmen zu schaffen.

Hoffnungsfroh blicken sie in die Zukunft. Vier Jahre haben sie jetzt in Ruhe und Frieden ihre Ernten einbringen können. Es geht aufwärts; und nicht lange mehr wird es währen, dann wird sich auch aus der Mitte ihrer Halden ein bescheidenes Gotteshaus erheben, dann wird endlich auch Segen auf ihrer Arbeit ruhen!

*

Aus der Tür seines kleinen, sauberen Hauses tritt Ipke, der Schnitzer.

Er ist der klügste und angesehenste Mann im Orte, wortgewandt und schreibkundig. Ihm sind die Geschäfte eines Gemeindevorstehers übertragen.

Er macht einen Rundgang durchs Dorf. Überall wird er freundlich aufgenommen. Wer einen Rat oder Hilfe braucht, wendet sich an ihn. Vor allem aber ist er der Liebling der Kinder, denn keiner versteht es wie er, die unscheinbarsten Dinge durch seine Schnitzkunst in niedliches Spielzeug zu verwandeln; zudem kann er Märchen erzählen und lustige Lieder singen.

Eine Reise hat er vor! Zur alten Kirche will er; aber vordem wird er noch nach Balumoog hinüber fahren.

Balumoog, dieses Auge, das wie ein grüner Kranz aus dem Meere hervorschaut!

Fest verbunden fühlen sich noch heute die Buchtbewohner mit den Trümmern ihrer einstigen Heimat. Oft und gern sind sie dort drüben zu Gast, und große Freude herrscht im Orte, wenn von dieser Hallig Besuch zu ihnen kommt.

Ipke verabschiedet sich von seinen Freunden. Gute Wünsche begleiten ihn. Alle rufen ihm „Auf frohes Wiedersehen!“ zu. — Niemand ahnt, daß es ein Abschied fürs Leben ist.

*

Balumoog und die Geschichte des Geschlechtes der Keiths sind so eng mit einander verbunden, daß eins ohne das andere gar nicht denkbar ist.

Vor vielen hundert Jahren hatten Uwes Ahnen mit wenigen stammesverwandten Familien sich hier niedergelassen und dieses Vorwerk menschlicher Siedlung begründet. — Damals sah die Gegend freilich noch anders aus. In weiter Ferne brandeten die Wogen der Nordsee, und zahllose Felder und Wiesen umgaben den Ort. Keine Sturmflut trug ihre Wellen bis in seine Nähe. — Doch das Meer ist geduldig. Unablässig nagte es an den Ufern, Tag für Tag, Nacht für Nacht löste es kleine Erdbrocken von der Küste, wühlte sich im Laufe der Jahrhunderte näher und näher an Balum heran. Springfluten beschleunigten das Werk der Zerstörung. —

Die große reiche Insel Nordstrand mit ihrer blühenden Hafenstadt Rungholt hatte sich längst durch Dämme geschützt; aber dieses einsame Bollwerk lag zu weit entfernt; den Bewohnern blieb nur die Wahl, den gefährdeten Ort zu verlassen oder sich selbst, so gut sie es vermochten, zu helfen.

Das Geschlecht der Keiths war zu stolz, um als Bettler zum reichen Nachbarn zu gehen. —

In jahrelanger, mühsamer Arbeit wurde Land auf Land getragen, bis eine hinreichende Erhöhung geschaffen war, die selbst die höchste Flut nicht erklimmen konnte. — Strandhafer und Gras wuchsen auf der Wurft; mit Flechtwerk und schweren Steinen wurden die Ufer der Hallig gegen das Meer verteidigt. — Dicht gedrängt standen nun die Gehöfte um ihre Kirche. Vor jedem Wohnhause befand sich eine ausgemauerte Zisterne, in der das kostbare Regenwasser aufgefangen wurde. — Das Vieh, — Kühe, Schafe und Geflügel, — war in rohgezimmerten Ställen untergebracht.

Ein Keith hatte dieses Werk geschaffen, und er konnte mit seiner Arbeit zufrieden sein, denn auf lange Zeit hinaus waren Leben und Wohlstand der Bewohner Balums gesichert. Noch dehnte sich zwischen der Halde und der Nordsee weites, fruchtbares Vorland.

Unablässig aber nagte das Meer an den Ufern; Schritt für Schritt fraß es sich näher an die Hallig heran.

Jahrhunderte gingen und kamen.

Jetzt ragten beim höchsten Wasserstand nur noch die Wiesenflächen wie grüne Inseln aus dem Meere, und ringsum dehnte sich zur Ebbezeit das Watt, dort, wo einst blühende Felder und Weideland gestanden hatten.

Das Jahr 1362 begann.

Der Januar brachte Sturm und eisige Kälte. Es war am Tage des heiligen Marcellus, als der Sturm zum Orkan anschwoll. Schon im ersten Anprall war das Vorland mit schäumenden Fluten und Eisschollen bedeckt. Höher und höher stiegen die Wasser; reißende Strudel umbrausten das einsame Eiland.

Einen vollen Tag und eine ganze Nacht kämpften die entfesselten Elemente gegen die Halde; und als endlich am folgenden Mittag der Orkan sich legte und die Fluten allmählich verebbten, bot Balum ein trauriges Bild.

Der reißende Strudel hatte den Damm untergraben; krachend stürzten Erdmassen ins Meer, das Gotteshaus, Höfe und Ställe in die Tiefe ziehend. Gierig wälzt sich das Wasser in die entstandene Lücke; weiter und weiter fraß es sich in die Hallig hinein, bis das Werk von Menschenhand den Gewalten der Natur unterlag und aus dem Kirchspiel Balum das Eiland Balumoog wurde.

Nicht minder schlimm erging es den Bewohnern Nordstrands. Die Fluten wälzten sich durch den Hever, eine flußartige Einbuchtung, an der die Stadt Rungholt lag, durchbrachen die Wälle, und sowohl der Ort selbst als auch die meisten der Kirchspiele versanken im Meer. Eine Nacht hatte genügt, das Gesamtbild der nordfriesischen Inselwelt umzugestalten. Weite Flächen Landes verschwanden; die alte Hafenstadt Wendingsted auf Sylt ging zugrunde. Viele tausend Menschen und unzählige Pferde, Kühe und Schafe ertranken; die fruchtbarsten Ackerländer, Wiesen und Felder waren vernichtet.

Die Keiths aber sind ein zähes, tapferes Geschlecht.

Wieder wurde mit unermüdlicher Ausdauer und Mühe Erde auf Erde getragen, bis eine Wurft entstand, deren Höhe keine Springflut erreichen konnte. Schwere Steine schafften die Halligleute von weither herbei, mit denen sie ihren Damm schützten, und Strandhafer wurde gesät, dessen Wurzeln sich tief in den Boden graben und dem Erdreich Halt und Widerstandskraft verleihen.

Als in jahrelangem Schaffen das neue Werk vollendet war, wurden Pfähle in den Hügel gerammt und hierauf die Häuser erbaut. Schwere Eichenbalken, die Sturm und Wetter trotzten, dienten als Baumaterial. Über jeder Tür waren eiserne Klammern, zu Jahreszahlen geformt, angebracht, die noch späten Geschlechtern verkünden sollten, daß hier eine Friesentat vollendet wurde, die Jahrhunderte überleben würde.

Nun mag der ‚blanke Hans‘ ans Fenster klopfen!

Zeiten gingen und kamen. — Die ruhig zehrende See und verheerende Wasserfluten hatten Land auf Land verschlungen. Manche Hallig, bewohnt oder nur von Vogelschwärmen bevölkert, war dem unerbittlichen Meer zum Opfer gefallen. Weite Gebiete der Uthlande, wie die nordfriesische Inselwelt genannt wird, waren verschwunden, aber Balumoog stand!

Zwei Hügel erhoben sich nun. Der eine mit Uwe Keiths und Ulf Karstensens Gehöften, der andere, etwas niedrigere, mit den Wohnstätten von Agge Tomsen und Emma Meiken, der Witwe.

Freundlich schaute das grüne Eiland aus dem weiten Meere hervor.

Friedvoll lebte die kleine Gemeinde in ihrer Abgeschiedenheit.

*

Die Tür von Uwe Keiths Haus wird aufgerissen, und hinaus stürmen mit lautem Freudengeheul zwei Jungen im Alter von etwa fünf und sieben Jahren. Ihnen folgt, so schnell es nur die Füße tragen wollen, ein zweijähriges Mädel.

„Onkel Ipke kommt!“ rufen die Drei immer und immer wieder und laufen schon lange, bevor das schwerfällige Boot das Ufer erreicht hat, am Strande aufgeregt hin und her.

Der Holzschnitzer springt aus dem Kahn und zieht ihn aufs Land. Dann hebt er lachend die jauchzenden Kinder eines nach dem anderen in die Höhe. Nun geht’s ans Auspacken. Eskel, der Älteste, erhält einen fein geschnitzten, dickbäuchigen Fischkutter mit einem braunen Leinensegel; Dirk bekommt einen kleinen Kastenwagen, in dem er Sand, Muscheln und Steine ausfahren kann. Für die kleine Kerrin hat Ipke eine Puppe geschnitzt und sie mit bunten Farben bemalt.

Während die Kinder mit ihren Schätzen glückstrahlend abziehen, ist Uwe Keith die Böschung heruntergekommen und begrüßt den gern gesehenen Gast.

Frauke-Mutter deckt indessen schon den Tisch, um den Freund durch einen kräftigen Imbiß und einen guten Trunk zu erfreuen.

Keith besitzt eines der schönsten Hallighäuser in den Uthlanden. Es ist aus kräftigen norwegischen Hölzern erbaut, und die Wände sind mit Ziegelsteinen und Muschelkalk ummauert. Am Giebel befindet sich die Jahreszahl 1365 und die Hausmarke seines Geschlechtes: der kräftige Baumstamm mit den zahlreichen Ästen.

Die beiden Männer haben Platz genommen, während die Frau noch eine Weile in der Küche zu tun hat.

Ipke schaut sich im Zimmer um. Alles atmet Ruhe und Beschaulichkeit. Vor dem Fenster stehen Töpfe mit Blumen und die Sanduhr; im Winkel Stuhl und Spinnrad, auf dem Klapptisch das Messingtranlämpchen. Zur Linken befindet sich das breite Wandbett, an der Rückwand ist die Strohmatte als Wärmeschutz angebracht, und von der Decke hängt ein Strick mit Holzgriff zum Aufrichten. Die große, reichgeschnitzte Eichentruhe, worin sich Fraukes Brautausstattung befunden hatte, bildet das Prunkstück des Raumes. Einige Seebilder schmücken die Wände.

Die Hausfrau gesellt sich zu den beiden Männern.

Langsam, bedächtig, jedes Wort abwägend, wird die Unterhaltung geführt.

Eine große Ehre ist Ipke zuteil geworden. Für die alte Pellworm-Kirche soll er ein Kreuz mit einer Christusfigur schnitzen. Er ist sehr stolz über diesen Auftrag und will ein Werk schaffen, woran sich noch viele kommende Geschlechter erbauen werden.

Umständlich übermittelt er die Grüße der Balum-Leute und erzählt von den kleinen Freuden und Sorgen, die ihr Dasein ausfüllen, von ihren Zukunftsplänen und Hoffnungen.

Dann kommt er auf den starken Deich zu sprechen und endlich auf die Prophezeiung und das traurige Ende der alten Meike. Auch von Per Godbersen, dem Mörder berichtet er. Niemand hat ihn wieder zu Gesicht bekommen; aber alle wissen, daß sein Opfer ihn zu sich ins Moor hinabgezogen hat.

Endlich ist Ipke bei dem Punkte angelangt, um dessentwillen er zur Hallig fuhr. Man ist drüben um die Sicherheit der Bewohner des kleinen Eilandes besorgt und fürchtet, daß es nicht mehr widerstandsfähig genug sei, um den bevorstehenden Sturmfluten Trotz bieten zu können. Keith soll mit den Seinen und den übrigen Familien der Wurft wenigstens während der Wintermonate hinter den festen Deich ziehen; dort sind sie sicher und geborgen, und jedermann im Kooge ist bereit, ihnen Unterkunft zu bieten.

Uwe blickt zum Fenster hinaus.

In weiter Ferne zieht sich ‚der goldene Ring‘ um die große Insel; hochmütig und stolz ragt er aus den Fluten hervor.

Nach langer Pause kommt die Antwort: „Ipke, ich danke Dir und Euch allen da drüben für den Beweis Eurer Freundschaft; aber wir fühlen uns sicherer auf unserer Halde als hinter jenem Deich. Mir deucht, daß Meike ihn nicht als Schutz anerkennen wollte; denn ihre Weissagung bezog sich auf Nordstrand, nicht auf unsere Hallig. Wie dem aber auch sei, dieser Boden, auf dem, so weit unser Geschlecht zurückdenken kann, meine Ahnen lebten, ist mir heilig, und eher werde ich auf ihm zugrunde gehen als ihn verlassen!“

Der Gast blickte bedenklich auf Frauke.

„Jeder von uns weiß, wie plötzlich und unerwartet die Gefahr um diese Jahreszeit hereinbrechen kann. So laß mich wenigstens sie zum festen Land bringen. In ihrem Zustand bedarf sie der Ruhe und Sicherheit, und dort ist Beistand zur Hand, sobald sie ihn benötigt. Jedes Haus steht ihr offen.“

Die Frau aber hat sich an ihren Mann geschmiegt und sagt:

„Bevor es so weit ist, daß ich Hilfe benötige, geht noch ein Monat ins Land. Also mache Dir keine Sorge! Aber von meiner Scholle werde ich deswegen doch nicht gehen; denn dort, wo Uwe ist, will auch ich sein, in den Stunden der Freude, der Not und, wenn es sein muß, auch des Untergangs.“

Keith spricht: „Ihr seht Gespenster. Unser Grund und Boden steht sicher, und unsere Häuser sind nicht auf Sand gebaut; wir fürchten nicht den ‚blanken Hans‘!“

Vergebens sind auch die Wege zu Ulf Karstensen, Agge Tomsen und der Witwe Meiken. Niemand denkt daran, den angebotenen Schutz in Anspruch zu nehmen.

Ipke bleibt die Nacht auf Balumoog.

Am anderen Morgen, bei hellem Sonnenschein, fährt er fort. Am Ufer steht die ganze kleine Gemeinschaft und winkt ihm nach. Kinderlachen begleitet seine Abfahrt.

Weit draußen im Sonnenglast verschwindet das Segel.

Langsam kehren die Menschen in ihre Behausungen zurück. Ein seltsam schmerzliches, bedrückendes Gefühl ist über sie gekommen. Nur die Kinder am Strande lachen und spielen. Sie freuen sich an den schönen Dingen, die ihnen Onkel Ipke besdiert hat. Sie ahnen noch nicht, wie schnell sich Freude in Leid und Abschied in Tod zu verwandeln vermögen.

Nordstrands Untergang.

Zu gleicher Stunde, als Ipke, der Schnitzer, in seinem Boot Balumoog verläßt, stehen Erk, Frauke und Jongbon auf ihrer Wurft und schauen hinaus auf die weite, friedliche Landschaft. — Sonntag ist heute! Burcharditag. Feststimmung liegt über dem Morgen des 11. Oktober 1634.

Blutrot ist die Sonne im Südosten hinter Eiderstedt aufgestiegen.

Noch einmal schaut sie auf die schöne, reiche Insel hernieder, auf grüne Wiesen, weidende Herden, auf Kirchen, Mühlen, stille Dörfer und einsame Gehöfte.

Heute, noch gehen stolze Friesen über diesen fruchtbaren, gesegneten Boden, auf Gott, ihre starken Wälle und eigene Kraft vertrauend.

Die Glocken läuten, und die Gläubigen folgen ihrem Ruf. Auch Erk und Frauke befinden sich unter ihnen. Ernst, gemessenen Schrittes betreten sie die Kirche. Männer und Frauen sitzen gesondert. Dumpf setzt die Orgel ein. Nun erschallt der Gesang:

„Harre meine Seele, harre des Herrn!“

Inbrünstig, wie aus tiefstem Herzen kommend, klingen die Stimmen.

Der Pfarrer spricht, daß wir Menschen dem schwankenden Rohre gleichen, das jeder Wind zerknicken kann, und daß unsere Handlungen so sein sollen, als ob wir schon in der nächsten Stunde durch das dunkle Tor des Todes schreiten müßten und dem Herrn dort oben Rechenschaft über unser Tun und Lassen zu geben hätten.

Frauke hört nicht mehr, was der Prediger sonst noch redet. Ein banges Ahnen erfüllt ihre Seele. Ihre Gedanken weilen bei Jongbon. Als sie von dem Kinde ging, war es froh und glücklich; es spielte mit Peti, seinem weißen Lieblingszicklein.

Wieder wird die junge Frau von diesem wilden Schmerz gepackt, der einer großen Furcht vor dem nahenden, unbekannten Unheil entpringt.

Sie erinnert sich plötzlich der Stunde, als sie die alte Meike besuchte. Deutlich glaubt sie ihre Worte zu vernehmen: ‚Der Tag ist nicht mehr fern, da sich das Schreckliche erfüllen wird. — Höre auf mich, fliehe! — Fliehe, ehe es zu spät ist und das Verhängnis, das über Nordstrand hereinbricht, auch Dich verschlingt!‘

Sie spürt ein ungestümes Verlangen, sich zu erheben, Jongbon bei der Hand zu nehmen und mit dem Kinde zu flüchten.

Doch wohin soll sie sich wenden? — Und leise vernimmt sie die müde Stimme der Alten: ‚Bleib nur, wo Du bist, niemand kann seinem Schicksal entgehen!‘

Erschreckt fährt sie aus ihren Träumereien empor. Sie glaubt, das Brausen des Meeres zu hören, — — es ist nur der dröhnende Klang der Orgel.. — —

Jetzt tritt sie mit Erk aus dem Gotteshaus ins Freie. Ein letzter Sonnenstrahl fällt zur Erde hernieder; dann sieht sie noch kurze Zeit das Gestirn wie eine feurige, blutrote Kugel hinter einer Nebelwand dahinrollen. Nun türmen sich die Wolken am Himmel auf, schmutzig graue und pechschwarze Finsternis senkt sich hernieder. Es beginnt zu regnen; stärker, immer stärker. Zudem pfeift, von Südwesten kommend, ein rauher Wind über die Insel. Nachtdunkel wird es, und es ist doch erst Mittagszeit!

Donner grollt. Ein Gewitter ist im Anzuge. Bald hat es Nordstrand erreicht. Es will nicht weichen. Stunde um Stunde zucken die grellen Blitze, und in Strömen klatscht der Regen zur Erde.

Wie ausgestorben liegen die Dorfstraßen. Auf den Weiden drängt sich das verängstigte Vieh zu Hauf, und in den Häusern kauern die Menschen in dumpfer Furcht auf den Bänken um den Kamin.

Endlich legt sich der Regen.

Abend wird es. Früher als sonst setzt man sich zu Tisch. Ein erdrückendes Schweigen lastet über den Menschen. — — Es ist für Tausende die letzte Mahlzeit!

Sturmglocken mischen sich in das Heulen des Windes, — — es wird das Grabgeläute des großen Friesensterbens.

*

Über den Seedamm reitet der Deichgraf, den Südwester tief in die Stirn gedrückt. Draußen brodelt die schäumende, kochende See. Haushohe Wellen schlagen krachend gegen den Wall. — Hochwasser! — Weit über Normalhöhe liegt heute das Meer. — Wasser, Wasser, so weit das Auge reicht, nur Wasser. Hier und dort ragen die Kronen einzelner Wurften und die Kämme der ‚goldenen Ringe‘ daraus hervor. Längst hätte die Ebbe eintreten müssen; aber, um das Maß des Unglücks zum Überlaufen zu bringen, ist der Wind von Südwesten auf Nordosten umgesprungen, und der Sturm hat sich zum Orkan entfaltet. Er peitscht immer neue Wellenberge, riesigen Heeren gleich, gegen die Uthlande.

Erk hat sich fast gewaltsam aus Fraukes Umklammerung reißen müssen. Sie wollte ihn nicht gehen lassen; aber ihn ruft die Pflicht auf den gefährdeten Deich. Hier steht das Wohl und Wehe der Allgemeinheit auf dem Spiel, da muß jede andere Stimme schweigen; und schließlich kämpft er dort oben doch auch für seine Frau, sein Kind und seinen Hof!

Am Volgsbüllsiel ist ein Gebrause, daß man kaum des anderen Wort verstehen kann. Das Schleusentor zittert und bebt unter dem wilden Anprall der Wellen. Schwere Querbalken sucht man zum Schutz dagegen zu stemmen. An mehreren Stellen ist die Verkleidung bereits zersplittert, und das Wasser springt in Bächen hindurch, die entstandenen Lücken weiter und weiter reißend.

Die Leute arbeiten mit übermenschlicher Kraft.

Die achte Abendstunde ist vorüber.

Noch immer schallt schaurig das Läuten der Sturmglocken durch das Toben der entfesselten Elemente. Da verbreitet sich das Gerücht, in der Rungholter Bucht sei der Deich bei Ilgrof und Stintebüll gebrochen. Gleich darauf heißt es, auch bei Balum sei der Damm eingestürzt, und die Wasser ergössen sich in die Wehlen.

Entsprechen diese Nachrichten den Tatsachen, so müssen sie von schlimmster Wirkung für den Hagelbüllerkoog werden, da diese Ströme sich zwischen Boptee und Königsbüll vereinigen. Wie eine Bestätigung der Schreckensbotschaft entsteht plötzlich in der Tiefe ein gewaltiges Brausen. Schäumende Wogen klatschen gegen die Rückwand der Schleuse. Zusehends steigt das Wasser und ergießt sich in breiten Wellen über die Ebene.

Aus der Finsternis dringt schnell näher kommender Fakkelschein. Ein Reiter wird sichtbar — der Deichgraf. Er bringt niederschmetternde Kunde. Der Wall des kleinen Volgsbüllkooges ist nicht mehr: alles Land und Leben darin ging verloren, und das Meer brandet bereits gegen den alten Seedamm.

Die Männer stehen wie gelähmt.

Ein donnerartiges Krachen löst sie aus ihrer Erstarrung. Roß und Reiter sinken in die Tiefe. Eine Fackel verlöscht zischend. Das Gebälk der Schleuse ist zersplittert; gierig ergießt sich das Meer in die Öffnung. Der Boden unter den Füßen wankt. Ein Zittern geht durch den Damm, und ein weites Grab tut sich unvermittelt vor Erks Füßen auf, ein Dutzend seiner Kameraden verschlingend.

Hier ist nichts mehr zu retten. Von Grauen gepackt, wenden sich die tapferen Männer zur Flucht.

*

Auf dem Knudsenhof steht Frauke. Mit weit aufgerissenen Augen sieht sie, wie das Wasser den Wurfthügel umkreist und von Sekunde zu Sekunde höher steigt.

Die alte Kresse hat sich an sie herangeschlichen und zischt ihr wütend ins Ohr: „Ich habe es ja immer gesagt, daß Dein Kommen Unheil für uns alle bedeuten würde. Jetzt ist es so weit! Über alle bösen Omen hast Du gelacht; aber sei sicher, in dieser Nacht wird auch Dir das Lachen vergehen!“

Ein schriller Aufschrei! Die Alte ist ausgeglitten, hat den Halt verloren und stürzt kopfüber ins Wasser. Gierig fassen die Strudel nach ihr und zerren sie fort in Tod und Verderben.

Die junge Bäuerin sieht, daß hier kein Augenblick mehr zu verlieren ist, wenn nicht allen ein gleiches Schicksal beschieden sein soll. — Alles Wertvolle muß auf den Hausboden getragen werden; er ruht auf starken Pfeilern und wird dem Ansturm des ‚blanken Hans‘ standhalten, wenn dessen Faust das Mauerwerk schon längst zerschlagen hat.

Mit ruhiger, klarer Stimme trifft Frauke ihre Anordnungen. Das Gesinde, zitternd vor Furcht, bildet eine Kette. Von Hand zu Hand gehen die Gegenstände und werden dort oben untergebracht; vor allem Bettzeug, Trinkwasser und Lebensmittel; denn niemand kann wissen, wie viele Tage und Nächte dort zugebracht werden müssen, bevor Hilfe naht.

Auch Jongbon ist hinauf getragen und in die alte, breite Wiege gebettet worden. Sie ahnt, daß das seltsame Treiben Schlimmes bedeutet, sie fürchtet sich und schreit nach der Mutter.

Diese steht auf der Diele, sie wird als Letzte die Leiter ersteigen. —

Draußen singt der Wind ein wildes Lied, stürzt sich in jede Öffnung und Ritze, fährt durch den Kamin, die Glut zu hellen Flammen entfachend. Die Funken fliegen durch den Raum. Niemand achtet darauf, denn aus dem Zimmer sind die wichtigsten Dinge bereits entfernt, und alle sind auf der Diele beschäftigt..

Inzwischen hat die Flut den Hügel erklommen. Die Wogen tanzen in wildem Reigen um Haus, Stall und Scheune.

Draußen auf den Wiesen ist das Angstgebrüll der Pferde, Rinder und Schafe längst verstummt. Ihre Leiber werden von der Strömung hin und her gezerrt. — Jetzt wird auch das auf der Wurft befindliche Vieh der Gefahr inne und schreit auf in seiner Todesnot..

Knechte und Mägde hören es. Wachsbleich sind ihre Gesichter vor Furcht und Schrecken. An Hilfe ist nicht zu denken, wissen sie doch selbst nicht, ob sie mit dem Leben davonkommen werden.

Inzwischen vollzieht sich da draußen das Unheil in rasendem Laufe. Über die Kronen der Deiche ist das Meer gestiegen und ergießt sich in die Köge. Weiter und weiter reißt es entstandene Durchbruchsstellen auseinander, bis Damm auf Damm stöhnend zusammensinkt, Menschen, Vieh, Höfe und Land dem Verderben preisgebend.

Die Wehlen haben sich längst in reißende Ströme verwandelt. Kate auf Kate wird von der mörderischen Nordsee verschlungen, Halde auf Halde mit allem, was sich darauf befindet, in Nacht und Grauen gezogen.

Frauke sieht mit Schrecken, wie sich ein feiner Wasserstrahl durch die Ritzen ergießt. Truhen und Möbel werden schützend gegen die Tür gestellt, um dem unwillkommenen Gast den Eintritt zu verwehren; aber die Gewalt des Wassers bahnt sich trotzdem ihren Weg. Holz zersplittert, und in breiten Bächen ergießt sich das Meer in das Innere des Hauses. Scheiben zerbrechen unter dem Druck der Wogen.

Alles flüchtet zum Boden, Frauke ersteigt als Letzte die Leiter, die bereits bedenklich zu schwanken beginnt. Das Wasser reicht ihr schon bis an die Knie. Sie setzt sich zu Jongbon und versucht, das weinende Kind zu trösten und zu beruhigen.

Fauchend fährt ein Windstoß durch den Schornstein. Wilder Funkenregen stiebt durchs Zimmer. Im trockenen Gebälk der Decke krallt er sich fest. Anfangs ist es nur ein Glimmen, Schwelen, wird aber bald vom Sturme zu hellen Flammen entfacht; und während Tische, Stühle und Möbel durch den Raum schwimmen, während das Mauerwerk krachend zusammenstürzt und nur noch die Pfeiler die dort oben befindlichen Menschen tragen, frißt sich unter ihren Füßen das Feuer erbarmungslos weiter und weiter. Jetzt klettern die gelbroten, zuckenden Garben am Dach empor.

Brennende Holzteile und Strohbündel werden durch die Lüfte getragen, entzünden Stall und Scheune. Bald ist der ganze Hof eine einzige glühende Lohe, die weithin den Himmel färbt..

Frauke packt die Wiege, in der Jongbon liegt. Rücksichtslos stößt sie Knechte und Mägde beiseite und bahnt sich einen Weg zur Luke. Sorgsam läßt sie die Wiege ins Wasser gleiten, dann gibt sie dem seltsamen Gefährt einen kräftigen Stoß, und bald ist es fortgetrieben, in die Nacht hinein, wohin der flackernde Feuerschein nicht mehr reicht. Schwimmend versucht die Mutter in der Nähe des Kindes zu bleiben; aber was bedeutet Menschenkraft gegen die Macht der reißenden Strudel? Im Untersinken vergißt sie Erk, Vater und Mutter; all ihr Sinnen und Trachten gilt nur dem Kinde, und ihm gilt auch ihr letztes Gebet.

Noch einmal schlagen Flammen hoch zum Himmel; dann brechen die Trümmer des stolzen, reichen Hofes zusammen; zischend verlöscht die Glut; alles Leben erstirbt.

Von irgendwoher werden die zitternden Schläge einer Kirchturmuhr herübergetragen. — Es ist zehn.

Mit der Vernichtung der Erk-Knudsen-Wurft scheint das Unwetter den Höhepunkt erreicht zu haben. Langsam legt sich der Sturm, und das Meer beruhigt sich nach und nach. Die Katastrophe hat nicht viel länger als eine Stunde gedauert. Was für ein Unheil sie jedoch anrichtete, wird erst der nächste Morgen zeigen.

*

Drüben, am Rande des Hohen Moores hat ein Mann gestanden und mit entsetztem, starrem Blick dem grauenvollen Schauspiel beigewohnt.

Dort unten, wo jetzt die Wasser kreisen, befand sich noch vor wenigen Stunden Königsbülls berühmter Thingplatz. Wie manches Mal saß er hier zu Gericht, er und seine Vorfahren in langer, langer Reihe. Hier sprach auch jener seiner Ahnen, der nach altem Deichrecht die arme Meike in Not und Elend trieb.

Dort unten, wo jetzt zu seinen Füßen die Leiber ertrunkener Menschen schwimmen, haben vor zwei Jahren an einem schönen Sommertage Zelte gestanden. Frohsinn, Lachen und lustige Weisen erklangen, wo heute die Fluten gurgeln und branden, wo heute Tod und Vernichtung ihr Zepter schwingen.

Kann denn ein Gott im Himmel dulden, daß alles, was er an Liebe, Glück und Wohlstand auf Erden besaß, in wenigen Stunden ausgelöscht sein soll?

Eine fast beängstigende Stille tritt plötzlich ein, das große Schweigen, das dem großen Sterben folgt. Nur das aufgeregte Meer da draußen kann sich noch immer nicht beruhigen; immer noch rollen dort haushohe, gischtgekrönte Wellenberge; in den Kögen aber beginnen sich die Wogen zu glätten.

Wie eine Oase inmitten der unabsehbaren Wasserwüste ragt das weite Gelände des Hohen Moores daraus hervor. Stets hatte man es mit scheelen Blicken betrachtet, weil es als Unland galt. Nur den fetten Marschboden liebte der Bauer!

Heute dankten die gleichen Menschen Gott, daß er ihnen diese Stätte verliehen hat, denn sie war einer Anzahl Männer, Frauen und Kinder der rettende Hort in höchster Not geworden. — — —

Aus dem Dunkel der Nacht leuchtet ein spärliches Licht. Es deucht den Flüchtlingen wie ein Gott gesandter, himmlischer Schein, denn dort werden sie ein schützendes Dach und Wärme finden..

Auch Erk hat den Schein gesehen. Fast willenlos geht er darauf zu.

Jetzt steht er vor einer armseligen Hütte. Mechanisch öffnet er die Tür. Leises Stimmengewirr, Weinen und Beten hört er. Ein Mann tritt ihm entgegen und heißt ihn willkommen. Es ist Take Küten, einer der Wenigen, die Meikes warnender Stimme gefolgt sind. Auch ihm, Erk Knudsen, hatte sie gegolten; früher, dringender als alle anderen hatte er sie vernommen; aber er glaubte nicht den Worten, verlachte und verhöhnte sie; und wäre Frauke nicht so warmherzig für die Alte eingetreten, nie hätte er den Weg zu Meike gefunden. Er ging ihn nur seiner Frau zuliebe.

Ein Stuhl wird ihm hingeschoben. Er sinkt darauf zusammen und schlägt die Hände vor das Gesicht. „Frauke! — Jongbon!“ schreit es in ihm auf. „Meine Schuld ist es, daß ihr euer junges Leben lassen mußtet! — O, wäre ich statt eurer gestorben!“

Take Küten scheint seine Gedanken zu erraten: „Erk Knudsen“, spricht er, „vielleicht sind jene, die jetzt den kurzen Kampf des Todes überstanden haben, glücklicher als wir, die wir nicht wissen, welche Kämpfe, Nöte und Erniedrigungen uns noch bevorstehen!“

*

Endlich graut der Morgen, die Schreckensnacht hat ihr Ende gefunden. Ein kalter, trüber, grauer Morgen!

Die altehrwürdige St. Salvator-Kirche ist mit Menschen angefüllt; aber heute hat sich hier keine gläubige Menge versammelt, um dem Gottesdienste zu lauschen.

Draußen, vor der Turmruine, liegt der Friedhof der Heimatlosen, die im Meere gestorben sind, und deren Leichen die See ans Ufer spülte.

Auch die im Kirchenschiff Versammelten sind über Nacht Heimatlose geworden, denen die unersättlichen Fluten nichts als ihr nacktes Leben ließen.

Was haben die Gemäuer von St. Salvator im Laufe der Jahrhunderte alles zu sehen bekommen! Es ist das älteste Gotteshaus der Insel. Im Jahre 1017 wurde es auf Veranlassung Knuts des Großen erbaut. Viele reiche Dörfer und Gemeinden gehörten damals zu seinem Bezirk, die längst der erbarmungslose ‚blanke Hans‘ zu sich in die Tiefe gezogen hat. — Kriege, Pest, Cholera und Heimsuchungen aller Art sah es als stummer Zeuge. Unzählige Opfer forderten die Katastrophen, viele Tausende von Menschen, Glück und Wohlstand wurden durch sie vernichtet. — Kirchen, viele, viele Kirchen, die wie trutzige, uneinnehmbare Burgen ins Land hinausschauten, und kleine, bescheidene Kapellen, sie alle erlagen dem Ansturm der wilden Wogen, zerbrachen, versanken; aber St. Salvator stand und überdauerte Glück und Unglück.

Aber auch diese alte Kirche blieb nicht immer vom Unheil verschont. Im Jahre 1412 landete der Dithmarscher Seeräuber Kord Wiederich, stahl Geld, das kostbare Taufbecken und die wertvollen Altargeräte. Nichts als die kahlen Wände und die reichen Schnitzereien am Altar ließ er zurück. Der starke Turm wurde in eine Festung verwandelt.

Es war eine schlimme Zeit für die Bauern und Fischer der dortigen Gegend, und doch, der Tag kam, da die räuberischen Schiffer die Anker lichteten und davonzogen, um nie wieder zurückzukehren; und die alte Kirche stand, fest und unerschütterlich, wie sie Jahrhunderte vorher gestanden und noch nach Jahrhunderten stehen wird!

Einmal schien es allerdings, als seien auch ihre Tage gezählt. Erst 23 Jahre sind darüber vergangen, da stürzte in einer Sturmnacht der damals 60 Meter hohe Turm unter donnerartigem Krachen zusammen und zerstörte fast das ganze Gotteshaus. Nur die Westmauer blieb erhalten.

Aber die Friesen sind Männer der Tat. Sie klagten nicht über das Unglück, sondern machten sich mit ungebrochenem Mut daran, die Schäden zu beseitigen. In wenigen Jahren entstand ein neuer Bau, kräftiger als der alte. Der Turmstumpf, der ungefähr in der halben ehemaligen Höhe sich erhob, genügte ihnen. Er steht noch heute wie damals, ein weithin sichtbares Richtzeichen der Seefahrer.

*

Allmählich tritt einer der Flüchtlinge nach dem anderen aus dem Kirchenschiff ins Freie. Der Pfarrer gesellt sich zu ihnen; von den Nachbargehöften treffen mit Trinkwasser, Lebensmitteln und Stroh beladene Wagen ein, damit den bedrängten, notleidenden Brüdern und Schwestern die erste Hilfe zuteil werde.

Der nordwestliche Teil Pellworms ist erhalten geblieben; aber dort, wo noch gestern der Hunnen- und der Süderneukoog sich befunden haben, liegt heute eine unabsehbare Wasserfläche ausgebreitet; auch vom Altenkoog ist weit mehr als die Hälfte verschwunden.

Nur hier und dort ragen die traurigen Reste einzelner Häuser aus dem Meere hervor. Die Tragpfähle schwanken und drohen, jeden Augenblick unter ihrer Last zusammenzubrechen. Bei manchen der Gebäude hat der Orkan die Dächer heruntergerissen. Die Menschen hocken dicht aneinander gedrängt, halb erfroren in Todesnot. — Hunger und Durst stellen sich ein, die Flucht zum schützenden Boden mußte oft so schnell vor sich gehen, daß keine Zeit blieb, Wasser und Lebensmittel nach oben zu schaffen.

Glücklich dürfen sich die Bewohner des Großen-Kooges schätzen. Er ist der einzige, dessen Dämme standhielten, und der völlig unbeschädigt geblieben ist.

Von dort und von den Küsten, die diese Nacht überstanden haben, stoßen Boote ab. Das Rettungswerk beginnt. Wo eine Notfahne im Wind flattert, werden die Überlebenden aufgenommen. Es ist ein schweres und gefahrvolles Unternehmen, denn um die Trümmerstätten bilden sich reißende Strudel. — —

Je weiter der Tag vorrückt, um so erschütterndere Botschaften treffen ein. Nur noch drei Kirchen stehen: die beiden auf Pellworm und die zu Odenbüll; alle übrigen neunzehn Gotteshäuser sind mit ihren Gemeinden versunken, oder sie ragen als Ruinen wie riesige Grabsteine aus dem Meere hervor.

Die Wehlen sind in brausende Ströme verwandelt, und über die weiten, reichen Marschen von gestern wälzen sich heute, so weit das Auge reicht, die Wellen. Ungeheure Ausmaße hat die Katastrophe angenommen: mehr als 6000 Menschen und etwa 50 000 Stück Vieh, 1300 Häuser und 30 Mühlen hat die See begraben, von den fast 9000 Einwohnern Nordstrands befinden sich noch 2600 am Leben!

Wo sind die stolzen ‚goldenen Ringe‘ geblieben? An 44 Stellen wurden sie von den Pranken des ‚blanken Hans‘ zerschlagen. Weiter und weiter fressen sich die gierigen Wellen in die entstandenen Lücken, reißen immer neue Erdmassen in die Tiefe; und ungehindert strömt das erbarmungslose Meer aus und ein.

Ein wildes Chaos von Menschen- und Tierleichen, Holz, Balken, Hausgeräten und Möbeln führt im Wasser einen unheimlichen Tanz auf. Auf den Friedhöfen sind die Särge und Skelette aus ihrer Ruhe herausgerissen und werden mit hineingezerrt in diesen furchtbaren Gespensterreigen.

Der Fluch der Friesen ist erfüllt! Die Schanze versunken! Wo sie noch gestern stand, wälzt sich heute ein breites, tiefes Wehl, und die Zwingburg liegt nun so tief unter dem Wasser, wie sie einst darüber hinausragte.

*

Ihr wackeren Leute von Balum, die ihr euren festen Wällen trautet und um das Leben eurer Freunde auf Balumoog bangtet, was ist aus euch geworden? — Ihr baut keine Kirchen und keine stolzen Zukunftspläne mehr; nicht eine eurer Wohnstätten blieb erhalten, und keiner von euch entrann dem Tod! Keiner!! Auch nicht Ipke, der Schnitzer, der so froh nach St. Salvator, der alten, ehrwürdigen Kirche fuhr und ein Werk schaffen wollte, das seinen Namen unsterblich machen sollte. Nie hat er seinen Bestimmungsort erreicht. Irgendwo im weiten Meere wird sein Boot zerschellt sein, und irgendwo in der kalten, salzigen See wird er sein Grab gefunden haben.

*

In dieser Schreckensnacht wurde Rickmer Keith geboren, ein Sonntagskind zwar, aber ein Sonntag des Unheils, wie ihn Nordfriesland kaum je zuvor gesehen hat.

Ihm wurde das Leben in der gleichen Stunde geschenkt, als seine Schwester Frauke es verlor.

Er kam einen Monat früher zur Welt, als er erwartet worden war. Schrecken und Aufregungen der Mutter mögen die Ursachen gewesen sein. — —

Uwes Wurfthügel ist hoch und widerstandsfähig erbaut; er und das darauf befindliche Haus haben dem wütenden Anprall der Wogen standgehalten. —

Nun endlich hat sich die See beruhigt; Ebbezeit ist es obendrein.

Vater Keith tritt zur Tür hinaus. Sorgenvoll ist seine Miene. Gott sei es gedankt, auch Ulf Karstensens Gebäude hat dem ‚blanken Hans‘ Trotz geboten. Aber der jenseitige Hügel! Viel Land ist dort verloren gegangen. Hart am Friedhof hat das Werk der Zerstörung halt gemacht, als habe die mörderische Nordsee die Ruhe der Toten von Balumoog nicht stören wollen. Dafür ist sie mit den Lebenden auf dieser Hälfte der Hallig um so erbarmungsloser umgegangen. Ihre Wohnstätten sind bis auf die Grundmauern zerstört. Agge Tomsen mit Frau und Kindern sowie Emma Meiken, die Witwe, hat er zu sich geholt und weit draußen im Meeresgrund bestattet.

Uwe zieht die Mütze vom Kopfe und spricht ein stilles Gebet für das Seelenheil dieser Menschen, deren Dasein so eng mit dem seinen verknüpft gewesen ist. Eine tiefe Trauer überfällt ihn. Immer einsamer und leerer wird es auf dem Boden seiner Väter; Stück um Stück zerrt der grimme, nimmersatte Feind in die Tiefe.

Nun wendet er den Blick nach Nordstrand. In weiter Ferne zieht sich ein heller Streifen am Horizont hin; es ist der Deich der Pellwormharde; wo aber ist der feste Damm der Beltringharde geblieben, der Westerwoldt, Osterwoldt, Bophever und Balum schützte? — Hier und dort ragen noch Trümmer hervor; auf weiten Stellen ist er aber gänzlich verschwunden.

Keith schließt die Augen. Er mag nicht ausdenken, welche Folgen diese Katastrophe gehabt hat. Seine Gedanken fliegen weiter: werden der Hohe-, der Moor- und der See-Deich gehalten haben, hinter denen sich Boptee, Bopsee, Bopslut, Volgsbüll und — — — Königsbüll geborgen glaubten? — Was mag aus Erk, Frauke und Jongbon geworden sein? — Mehr als zwei Jahre sind vergangen, seitdem er seine geliebte Tochter zum letzten Mal sah. Nur ungern hatte er sie ziehen lassen. Er mochte diese reichen Nordstrander Marschbauern nicht, die sich einbildeten, etwas Besseres zu sein als die Halligleute. Er liebte nicht ihre protzigen, lauten Feste; er war ein Mann der Einsamkeit, der die äußeren Dinge gering schätzt und den Blick auf sein Innenleben richtet.

Schwerfälligen, müden Schrittes geht er nach Karstensens Hof. Er berichtet, was sich in dieser Nacht in seinem Hause zugetragen hat, und bittet Maria, die Hausmutter, seiner Frau Beistand zu leisten und nach dem Rechten zu sehen.. Der Sturmflut wird vorläufig noch mit keinem Worte Erwähnung getan; nur stumme Blicke wechseln die einsamen Menschen.

Schweigend, mit zusammengekniffenen Lippen folgt Maria dem Mann zu der Wöchnerin und dem kleinen Kinde.

*

Eskel, Dirck und Kerrin sind zum Strande geschickt. Ihnen sitzen noch die Schrecken der Nacht in den Gliedern. Zaghaft gehen sie, Hand in Hand, die Böschung hinunter. Bald verdrängt kindliche Neugier die Furcht. Sie wandern am Ufer entlang. Weiter ist die Bucht geworden, die zur jenseitigen Halde führt; und trotzdem es tiefster Ebbestand ist, haben sich dort viele breite Wassertümpel und Rinnsale gebildet. — Vorsichtig tasten sich die Drei unter Eskels Führung vorwärts. Mühsam erklimmen sie den Abhang. Der aufgeweichte Boden ist klebrig, sie gleiten oft darauf aus. Ein unheimliches Gefühl beschleicht sie. Zwischen Kreuzen und Grabsteinen gehen sie heute, die gestern noch ein gutes Stück landeinwärts lagen. Tiefe Stille herrscht, wo sonst Kinderlachen und froher Gesang erscholl. Die kleine Kerrin weint vor Furcht.

Hier hat doch gestern noch der große Stall gestanden! Wo ist er geblieben? Wo sind die Kühe, Schafe, Hühner, Enten und Gänse?

Dort befand sich Mutter Meikes Häuschen, — — ein paar zersplitterte Balken ragen wie anklagend erhobene Finger gen Himmel; Schutt und Steine liegen weit zerstreut umher.

Und Tommes hübscher Hof? — — dasselbe Bild!

Das tiefe Schweigen lastet beängstigend auf den Kindern. Enger schließen sie sich aneinander, sie suchen, ob nicht doch noch irgendwo ein lebendes Wesen zu finden ist. Nein, Öde und Verlassenheit lasten, wo gestern noch Frohsinn herrschte. Alle die Menschen, die sie kannten, so weit ihr Gedächtnis zurück reicht, sind plötzlich verschwunden, ausgelöscht, wie durch die Hand eines bösen Zauberers.

Sie lauschen, ob nicht eine Stimme zu ihnen dringt. Wie gebannt horchen sie in die Stille hinein. Mit einem Male sehen sie sich an mit erschreckten, ungläubigen Augen. War das nicht das Weinen und Wimmern eines kleinen Kindes? Wie von einer unsichtbaren Macht geleitet, schreiten sie den Tönen nach langsam, Schritt für Schritt, als ständen sie vielleicht unerwartet etwas Geheimnisvollem, Unfaßbarem gegenüber.

„Dort!“ ruft Eskel.

Alle Augen folgen der Richtung seines ausgestreckten Armes.

Im Buschwerk am Uferrand liegt ein Gegenstand, aus dem die klagenden Laute jetzt klar und deutlich hervordringen.

Angst befällt die Kinder. Sie ergreifen die Flucht. Mit vor Entsetzen keuchendem Atem erzählen sie dem Vater, was sie entdeckt haben.

Uwe eilt nach der bezeichneten Stelle. — Eine Wiege steht dort, und ein etwa 1½jähriges Mädchen liegt darin. Während er den Fund zu seiner Behausung trägt, fragt er sich, woher die Wellen dieses sonderbare Fahrzeug hier ans Land getragen haben mögen. Seltsam sind Gottes Wege! Just so alt konnte wohl die Kleine seiner Tochter sein. Jongbon hatte Frauke das Kind getauft, und darum will auch er diesen Findling Jongbon nennen.

*

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9788711517796
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