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Wilfried Steiner

SCHÖNE UNGEHEUER

Roman

OTTO MÜLLER VERLAG

Die Drucklegung dieses Buches wurde gefördert vom Land Oberösterreich sowie von Stadt und Land Salzburg.


www.omvs.at

ISBN 978-3-7013-1292-4

eISBN 978-3-7013-6292-9

© 2022 OTTO MÜLLER VERLAG SALZBURG-WIEN

Alle Rechte vorbehalten

Satz: Media Design: Rizner.at

Druck und Bindung: Finidr s.r.o., Český Tĕšín

Covergestaltung: Leopold Fellinger

Covermotiv (Detektor CMS des Large Hadron Collider am CERN):

Wilfried Steiner

Das Firmament klafft entzwei, glühendes Rot sickert durch den Spalt. Ein hohes Pfeifen erfüllt die Luft, für menschliche Ohren kaum zu ertragen. Schlagartig wird es so heiß, dass manche Hirten sich die Kleider vom Leib reißen, weil sie denken, sie würden brennen. Eine von überirdischen Scheinwerfern erhellte Nacht, eine Flut aus lodernder Atmosphäre. Zwischen den versengten Fußsohlen schwappt die Hölle herauf.

Inhalt

ERSTER TEIL: HIMMEL IN FLAMMEN

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ZWEITER TEIL: DIE WELTMASCHINE

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

DRITTER TEIL: DAS GESCHÖPF

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

VIERTER TEIL: WÖLFE IM GOTTESDIENST

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

ERSTER TEIL

EINS

Ich war noch niemals in Sibirien.

Nun kann sich diese Gegend, was ihre Attraktivität betrifft, natürlich nicht mit New York messen, und die meisten Menschen, die das Land noch nie betreten haben, werden es auch nicht besonders vermissen.

Doch in meinem Fall ist das anders.

Jemand, der sich seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, mit einem Ereignis an einem bestimmten Ort beschäftigt, sogar das Ziel (oder den Traum) hat, darüber ein Buch zu verfassen, sollte doch alles daransetzen, diesen Ort aufzusuchen. Noch dazu, wenn es ein Werk werden soll, das wissenschaftlichen Kriterien standhält. Dann müsste doch die Recherche an der Stätte des Geschehenen unverzichtbar sein, nein, mehr als das, der Verfasser müsste einen unstillbaren Drang verspüren, dorthin zu reisen.

Aber nein.

Nicht nur, dass mich schon der Gedanke an die tagelange Anreise zurückschrecken lässt, ganz zu schweigen von der Vorstellung, allein durch die menschenleere Tundra zu streifen – ich habe auch gleich eine schöne Rationalisierung parat: Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass ausgerechnet ich dort etwas Neues herausfinden würde, nach all den professionellen Expeditionen der Vergangenheit. Das entbehrt nicht einer gewissen Logik. Doch dann höre ich meine innere Gegenstimme, und sie verkündet, dass mein geplantes Werk automatisch wertlos wäre, wenn ihm nicht bisher unbekannte, am Schauplatz entdeckte Erkenntnisse zugrunde lägen.

Keine Reise, kein Buch. Die Lähmung ist vollkommen. Und dennoch sammle ich weiter Informationen, die Ordner türmen sich in jeder Ecke meines Arbeitszimmers, keine noch so abseitige Nachricht über mein Thema, die nicht fein säuberlich abgeheftet und zusätzlich in einer von Hunderten Word-Dateien gespeichert wäre.

An Zeit mangelt es mir nicht. Ich arbeite beim Beobachter, einer mittelgroßen Wiener Zeitung, die jeden Tag aufs Neue an ihrem Anspruch scheitert, der österreichische Guardian zu werden. Dort hat man mir mit den Jahren eine gewisse Narrenfreiheit zugestanden. Mein Beruf wird mit einem von jenen zusammengesetzten Begriffen bezeichnet, deren erster Teil Erwartungen weckt, die der zweite nicht erfüllen kann. Wissenschaftsjournalist. Großer Auftakt, enttäuschender Abgang. Wie Theaterkritiker. Literaturredakteur. Oder Musiklehrerin. „Wenigstens“, pflegte Helga zu sagen, „kein Oxymoron wie katholische Frauenbewegung.“ Sie tröstete mich immer, wenn mich das Gefühl beschlich, ein Versager zu sein. „Wer es nicht zum Künstler oder Wissenschaftler bringt“, sagte sie gern, „wird eben Journalist. Daran ist nichts Ehrenrühriges.“ Ich bildete mir stets ein, in dieser Beschwichtigung eine Portion Verachtung mitschwingen zu hören. Dass sie mich schließlich verlassen hat, scheint diesen Verdacht zu bestätigen. Manchmal denke ich, wenn ich das Buch zu Ende geschrieben hätte, wäre sie vielleicht geblieben.

Mein Kollege Herbert Schiller, Ressortleiter für Politik und Wirtschaft, der von allen schlicht Herbert genannt werden möchte, war einst ein Journalist der alten Schule. In dieser Zeit waren wir beinahe Freunde. Doch dann geschah etwas mit ihm. Sei es, weil er plötzlich beschloss, Karriere zu machen, sei es, weil er schlechte Berater hatte: Er rutschte ab und tummelte sich plötzlich in jenem geistigen Biotop, dem heute alle modernen Führungskräfte entsprungen zu sein scheinen, die angetreten sind, dem Kultur- und Medienbetrieb dynamische Impulse zu geben: der fabelhaften Welt des Marketing.

Von dort kommen Menschen, die Worte wie Zielgruppe oder Synergieeffekt aussprechen können, ohne dabei auszusehen, als hätten sie in eine Zitrone gebissen. Sie sagen Sätze wie „leise ist das neue laut“, und der Spiegel, in den sie dabei blicken, zersplittert nicht. Erstaunlicherweise. Sie sitzen in den Vorstandsetagen von Theatern, Zeitungen und Kunstvereinen, erklären den dort vereinzelt noch vorkommenden Dinosauriern, die in Ideen vernarrt sind, dass Inhalt jetzt content heißt, wie man eine corporate identity entwickelt und dass man, sofern man nicht untergehen will, zur Marke werden muss.

Herberts Verhältnis zu mir ist mittlerweile gespalten. Er ist vor nicht allzu langer Zeit zum Feuilletonchef befördert worden und würde fast alles tun, um dem Chefredakteur zu gefallen, denn sein großes Ziel ist es, zumindest sein Stellvertreter zu werden. Dazu braucht er Verbündete, und ich hätte einer sein können. Es entgeht ihm jedoch nicht, dass ich bei manchen seiner Äußerungen während der Redaktionssitzungen den Eindruck erwecke, als müsse ich gerade eine Wurzelbehandlung über mich ergehen lassen, und er versteht nicht, warum ihn sein alter Freund mit einem Mal so viel Abneigung spüren lässt. Ich vermute, dass er sich manchmal wünscht, ich würde die Zeitung verlassen, doch der Chefredakteur ist der Ansicht, ein exzellentes Feuilleton (er spricht es immer aus wie Fauteuil) brauche eine gute Wissenschaftsseite. Ich nehme an, er kennt niemanden außer mir, der diese Arbeit für einen solchen Hungerlohn erledigen würde. Als kürzlich ein Artikel von mir über die zweifelhafte Beweislage der Inflationstheorie im Spektrum der Wissenschaft zitiert wurde, war es nicht einfach, seinen Gesten des Stolzes zu entrinnen. Also musste mir auch Herbert gratulieren.

Meine Beziehung zu Herbert ist getragen von der Wehmut, einen gleichgesinnten Mitkämpfer verloren zu haben, und dem Zorn, Zeuge seines Irrweges zu sein und hilflos zusehen zu müssen, wie er dem Moloch der Vermarktung huldigt.

„Warum kündigst du nicht einfach?“, fragte Helga oft. Ja, warum? Für mich selbst habe ich zwei Antworten: Erstens, mein Kollege kann nichts dafür, dass ich ihn nicht mag. Zweitens, alles wird sich ändern, wenn mein Buch endlich fertig ist.

Helgas guter Freund Manfred, der seinen Lebensunterhalt mit populärwissenschaftlichen Büchern über Psychologie bestreitet (und ja, er beendet sie, eins nach dem anderen), hatte für mein Leiden einen Namen: Prokrastination. Da ich nicht verhindern konnte, dass wir ihn öfters zum Essen zu uns nach Hause einluden, durfte er mir seine Diagnose an meinem eigenen Küchentisch servieren.

„Das unnötige Aufschieben von Projekten, die man sich vorgenommen hat, die ständige Unterbrechung, das Sich-Verzetteln“, dozierte er einmal, „ist weit verbreitet. Und das häufig trotz vorhandener Gelegenheiten und Fähigkeiten, wie bei dir!“ Mir war nicht ganz klar, ob er Wikipedia zitierte oder einen seiner eigenen Psycho-Ratgeber. Ich senkte den Kopf, aber nicht wie ein ertappter Klient, eher wie ein Stier, bevor das Gatter geöffnet wird, und umklammerte die Stoffserviette, um meine Hände von anderen, gesellschaftlich weniger akzeptierten Tätigkeiten abzuhalten.

„Siehst du?“ Helga schaute mich triumphierend an.

Diese Frage fällt mir auch immer ein, wenn ich über Helga und Manfred nachdenke. Ich glaube nicht, dass sie in ihn verliebt war. In meiner Deutung war er genau das: ein Siehst-du-Freund, der immer dann herhalten musste, wenn Helga wieder einmal an meiner Therapieresistenz verzweifelte. Siehst-du-Freunde oder -Freundinnen sind in Beziehungen von enormer Wichtigkeit, man kann sich nach ihren verständnisinnigen Worten zurücklehnen, den Partner schweigend betrachten und hoffen, dass der unabhängige Blick von außen einen Veränderungsprozess in Gang setzt. Solche Zeilen würde ich schreiben, sollte ich jemals einen Ratgeber publizieren müssen, wovor mich das Schicksal bewahren möge.

Am 30. Juni 1908 gegen 7:15 Uhr Ortszeit fand im sibirischen Jenisseisk in der Nähe des Flusses Steinige Tunguska ein Ereignis statt, das die Welt so noch nicht gesehen hatte. Augenzeugen berichteten von mehreren hellen Lichtblitzen, einem blauweiß leuchtenden Objekt, das vom Himmel fiel, einem Sternschnuppenregen bei Tag, mehreren (bis zu vierzehn) Explosionen, die noch in fünfhundert Kilometern Entfernung wahrgenommen werden konnten, ebenso wie gleißende Feuersäulen. Ein alter Mann erzählte von einem steten Brummen, das immer lauter geworden und schließlich zu einem Grollen und Scheppern angeschwollen sei. Der Sternregen wurde immer intensiver und ließ die Sonne verblassen. Dann folgten die Blitze, so hell, dass nichts mehr sichtbar war außer dem Licht, gefolgt von einem ungeheuren Knall und einem Beben, das die Erde durchlief. In einem Umkreis von tausend Kilometern hörte man die Explosion, seismologische Stationen in Irkutsk, Tiflis, Jena und sogar in Washington und Potsdam zeichneten Erschütterungen auf. Es zeigte sich, dass die Druckwelle den Globus einmal umrundete. Ein ähnliches Phänomen gab es nur 1883 bei der Eruption des Krakatau. Über die Stärke der Detonation scheiden sich die Geister. Russische Wissenschaftler errechneten, dass sie der Energie von tausend Atombomben des Hiroshima-Typs entsprochen haben müsste.

Auf einer Fläche von über zweitausend Quadratkilometern wurden Schätzungen zufolge sechzig bis achtzig Millionen Bäume entwurzelt. Überraschenderweise waren im Epizentrum die Bäume zwar verkohlt, aber nicht umgeknickt. Aufrecht und schwarz hatten sie dem Feuersturm widerstanden, während ihre Zweige und Blätter binnen Sekunden verglüht waren.

Da die Region dünn besiedelt war, gibt es keine verlässlichen Opferzahlen. Manche sprechen von Hunderten verbrannten Rentieren, von Hirten, die samt ihren Zelten durch die Luft geschleudert wurden. Eine Quelle berichtet von zwei getöteten Menschen. An anderer Stelle heißt es: „Jemand brach sich den Arm, es gab einige blaue Flecken, und ein alter Mann starb vor Schreck. Ein günstigeres Verhältnis von Ausmaß der Katastrophe zu Anzahl der Verletzten wird man lange suchen müssen.“

In den folgenden drei Nächten war der Himmel hell erleuchtet, nicht nur am Ort des Geschehens, sondern weit darüber hinaus. Im fernen London konnte man mitten in der Nacht Zeitung lesen, im schottischen St. Andrews absolvierten einige stoische Golfspieler um drei Uhr früh ohne zusätzliche Beleuchtung ihre Runden.

Die naheliegende Erklärung für all diese Phänomene wäre der Aufprall eines schweren Meteoriten oder Asteroiden. Doch das musste man erst beweisen.

Manfred vertrat die Meinung, meine Fixierung auf den alten Knall, wie er das Ereignis nannte, hänge mit einem verdrängten Erlebnis in meiner Kindheit zusammen. Irgendetwas ganz Frühes, Schreckliches, das sich der kleine Bub nicht erklären konnte und das sein Vertrauen in die Welt quadratkilometerweit einknicken ließ. „Die plötzliche Abwendung der Mutter“, sagte er leise, als könnte mich die unerbittliche Wahrheit seiner Worte aus der Bahn werfen, „kann bei einem Kleinkind zu einer Todeserfahrung werden. Als Erwachsener suchst du nun auf einer verschobenen Ebene nach einer Erklärung für diesen Schock.“ Er lehnte sich zurück und legte die Fingerkuppen aneinander. Mein Blick suchte das scharfe Steakmesser, es lag in Reichweite, doch am Ende siegte wie immer die Vernunft und Manfred behielt seine Finger.

Helga betrachtete mich in solchen Momenten mit einer Mischung aus Empathie und Ungeduld. Einerseits war ich der bemitleidenswerte, schon als Baby traumatisierte Neurotiker, andererseits der renitente Starrkopf, der sich weigerte, Hilfe anzunehmen. Helga durfte auf eine wohlbehütete Kindheit zurückblicken, stets war sie von verständnisvollen Eltern verhätschelt und gefördert worden, und das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Selbstbewusst, bildschön und klug, wie sie war, wurde sie von allen auf Händen durchs Leben getragen. Schon mit dreißig war sie leitende Chemikerin in einem angesehenen Konzern. Durch ihre regelmäßigen Besuche in allen möglichen Fitnesszentren sah sie fünfzehn Jahre jünger aus als ich, obwohl der Altersunterschied nur fünf Jahre betrug. Einzig bei der Partnerwahl hatte sie danebengegriffen.

Was genau der Grund war, warum sie mich letztlich verließ, darüber kann ich nur spekulieren. Ich hätte es in unserem sogenannten letzten Gespräch gerne herausgefunden, doch für Helga war alles so klar gewesen, dass sie es für unnötig gehalten hatte, ihre Motive im Detail vor mir auszubreiten.

„Aber du weißt es doch, Georg“, hatte sie gesagt.

Nachdem sie ausgezogen war, wartete ich auf den großen emotionalen Einbruch. Doch er kam nicht. Zwar vermisste ich sie in manchen Momenten; der tiefe Abgrund jedoch, in den ich zu stürzen fürchtete, tat sich nicht auf. Vielleicht ein weiterer Beweis für meine mangelnde Gefühlstiefe.

Möglicherweise hing es damit zusammen, dass meine innere Grundhaltung, für den Rest der Welt – aber besonders für Helga – eine Zumutung zu sein, sich allmählich auflöste. Oder nein, das stimmt nicht ganz. Ich saß abends auf dem Balkon, eine Zigarette in der Hand, ein Glas Wein vor mir auf dem Campingtisch, und empfand mich immer noch als Zumutung. Aber nur für mich selbst.

Manfred hätte das sicher als eine besonders perfide Form des Narzissmus interpretiert. Doch er war weg. Nie wieder musste ich ein Steak vor ihn hinstellen, mit dem gequälten Lächeln des Gastgebers wider Willen.

Nur Helgas Parfum in den Polstern hielt sich lange, gegen alle Naturgesetze.

Eine Art zerbrechliche Selbstgenügsamkeit stellte sich ein. Sollten die Tage doch hingehen, wie sie wollten.

Die große Veränderung stellte sich erst ein, als Herbert mich mit verschwörerischer Miene in sein Büro bat. Das war unüblich. Ging es etwa um so lebenswichtige Angelegenheiten wie einen Relaunch des Layouts?

Weit gefehlt.

Alles fing an.

ZWEI

Die ersten Forschungen am Schauplatz begannen erst neunzehn Jahre später.

In einer alten sibirischen Zeitung, die ihm 1921 zufällig in die Hände fiel, entdeckte der Meteorologe und Meteoritenforscher Leonid Alexejewitsch Kulik einen Bericht, der seine Neugier entfachte: Er las über eine rätselhafte Himmelserscheinung. Im Jahr 1908 sei in der Nähe der Ortschaft Kansk in Ostsibirien ein riesiger Brocken auf die Erde gestürzt. Es gebe zahlreiche Zeugen. Sogar Passagiere der Transsibirischen Eisenbahn, deren Trasse Hunderte Kilometer vom Einschlagsort entfernt verlief, hätten ein Zittern der Schienen und ein Schlingern der Waggons wahrgenommen. Einige sprachen von einem rotglühenden Objekt, das aus dem Boden der Taiga ragte. Professor Kulik wusste sofort, was geschehen war.

Im Herbst 1921 brach er auf, die Zeitung im Gepäck. Mit der Transsibirischen Eisenbahn reiste er durch den Ural und über Krasnojarsk 4800 Kilometer weit bis nach Kansk. Was er fieberhaft suchte, waren ein Einschlagkrater und Spuren des Meteoriten in der Erde. Er sprach mit zahllosen Einheimischen, notierte jeden noch so geringen Hinweis, verteilte Fragebögen und untersuchte den Boden Quadratmeter für Quadratmeter.

Doch da war nichts. Hatte er sich geirrt? Davon wollte er nichts wissen.

Er stöberte in Archiven und fand weitere Zeitungsberichte. Daraus schloss er, dass er sich am falschen Platz befand. Sechshundert Kilometer zu weit südlich. Der Himmelskörper musste woanders eingeschlagen sein, in der Nähe des Flusses Steinige Tunguska.

Nach seiner Rückkehr in die Hauptstadt sprühte er vor Enthusiasmus. Nichts auf der Welt würde ihn davon abhalten, eine Expedition zu diesem Ort auszurichten.

Außer den Behörden.

Obwohl er einen angesehenen Posten am Mineralogischen Museum in Petrograd bekleidete und wegen seiner revolutionären Aktivitäten gegen den Zar über einen guten Ruf im Sowjetstaat verfügte, schlug seinem Vorhaben Misstrauen entgegen. Die Akademie der Wissenschaften reagierte zurückhaltend. Was sollte das sein, ein Meteoriteneinschlag in der Taiga, von dem man in Moskau oder Petrograd noch nie etwas gehört hatte? Außerdem misstrauten die Professoren den rückständigen Naturvölkern in der Region, ihren seltsamen Schamanen, die mit Hilfe von Fliegenpilzen durch die Zeit reisten und ihre Ahnen besuchten, ihren Naturreligionen, die sie auch in der atheistischen UdSSR weiter pflegten. Mit amanita muscaria im Blut ist es nicht so abwegig, Feuerbälle durch die Luft fliegen und rotglühende Trümmer in der Erde stecken zu sehen.

Doch Leonid Kulik war kein Mann, der leicht aufgab. Als leidenschaftlicher Lyriker wusste er, dass man seinen Inspirationen trauen musste. Seine Besessenheit ebnete ihm schließlich den Weg. Einige einflussreiche Wissenschaftler, angesteckt von seiner Begeisterung, setzten sich für ihn ein, und die Akademie bewilligte das Projekt doch noch.

Im März 1927 startet die Expedition. Es ist die Zeit der Schneestürme, nur mühsam kommen die Pferdeschlitten voran. Erst Wochen später erreichen sie ihre erste Station: das Handelsdorf Wanawara. Hier sollen die Druckwellen Häuser abgedeckt, Fenster und Türen eingedrückt haben. Entfernung vom geschätzten Epizentrum: fünfundsechzig Kilometer. Wieder beginnt er mit seinen Befragungen. Die Menschen erweisen sich als wenig hilfsbereit, fast als hätten sie Angst, dass sie das Unglück erneut heraufbeschwören könnten, wenn sie darüber sprächen. Sie erzählen vom Feuergott Agdy oder Ogdy, der vom Himmel herabsteigt, wenn man ihn verärgert.

Doch immerhin erfährt Kulik, dass der Hauptort der Verwüstung weiter nördlich liegt. Rentierhirten vom Volk der Tungusen hätten die Explosion aus nächster Nähe beobachten können. Kulik und sein Tross ziehen weiter nach Norden. Auch die Tungusen sind misstrauisch und halten sich bedeckt. Mit viel Verhandlungsgeschick schafft es Kulik, einen alten Hirten als Vertrauten und Führer zu gewinnen. Der erzählt ihm, was er erlebt hat:

„Ich stand“, sagt er, „in einer grell erleuchteten heißen Nacht.“ Später habe er die blauweiß leuchtenden Fäden am Himmel gesehen, wie Leuchtspurraketen, nur viel, viel heller. Es sei wie ein langsamer Sternregen, ein Sternschnuppenregen bei Tag gewesen. In einem Moment sei es ihm erschienen, als husche ein ungeheures Licht über die Sonne, das sie für einen Augenblick überblendete. Am Ende seien Blitze aufgeflammt, gefolgt von hellem Donnern, das ihm beinahe das Trommelfell zerrissen hätte.

Gemeinsam erreichen sie den Flusslauf der Steinigen Tunguska, zäh geht es voran, stromabwärts. Mit jedem Tag wird Leonid Kulik unruhiger. Sie müssen dem Zentrum der Katastrophe nun ziemlich nahe sein. Doch weit und breit ist nicht die winzigste Spur eines Kraters zu sehen. Im April entdeckt er in einem Seitental an die tausend umgeknickte Bäume, ihre Spitzen zeigen alle in dieselbe Richtung. Kein Zweifel, die Druckwelle des Meteoriten hatte sie niedergemäht. Mit ihren Packpferden kämpfen sie sich nordwärts. Mittlerweile ist es so kalt, dass Vögel im Flug erfrieren und vom Himmel fallen. Kulik findet eine Stelle, an der Hunderte Lärchen und Birken entwurzelt worden sind. Diesmal zeigen ihre Stämme in alle Richtungen. Doch auch hier gibt es keinen Krater.

Nach mehreren Wochen, gezeichnet von Schwäche und Krankheiten, stoßen die Forscher auf ein besonders stark zerstörtes Gebiet. Langsam bekommt Kulik eine Ahnung, welches Ausmaß das Ereignis neunzehn Jahre zuvor gehabt haben muss. Und er entdeckt etwas, das ihn verblüfft: Mitten im Kreis der Verwüstung stehen einige Bäume aufrecht. Ihre Äste und Blätter sind verschwunden, das Feuer hat ihre Rinde geschwärzt. Wie geteerte Telegrafenmasten ragen sie zum Himmel. Näher vermag man der Stätte des Einschlags nicht zu kommen.

Wie kann es sein, dass selbst hier keine Spuren eines Impaktors zu sehen waren?

Trotzdem ist Kulik davon überzeugt, dem Beweis für seine Meteoritentheorie ganz nahe zu sein. Doch er muss das Unternehmen vorerst beenden, die Vorräte werden knapp.

Im Herbst 1927 treffen Kulik und seine Mitreisenden in Leningrad ein. Er kommt mit leeren Händen und befürchtet ein Ende des Geldflusses der Akademie. Zu seiner großen Überraschung lösen seine Berichte aber nicht nur in Russland, sondern auch in London und New York ein gewaltiges Medieninteresse aus. Von Forschungsstationen der ganzen Welt treffen Messdaten und Aufzeichnungen von seismischen Wellen aus dem Jahr 1908 ein, die bisher niemand zuordnen konnte. Kulik hält Vorträge und fesselt sein Publikum mit einem apokalyptischen Szenario:

„Wäre der Meteorit um nur vier Stunden und achtundvierzig Minuten früher niedergegangen“, sagt er, „so hätte im Explosionszentrum das damalige St. Petersburg gelegen und niemand weiß, was dann davon übriggeblieben wäre.“

Die Akademie finanziert eine neue Expedition, sie dauert mehrere Monate, doch Kulik findet nichts Neues. Er weiß nun: Er muss es mit Tiefenbohrungen versuchen. Irgendwo unter der sibirischen Erde liegen Bruchstücke des Himmelskörpers, das weiß er ganz genau! Er kehrt nach Leningrad zurück; mit dem Mut der Verzweiflung rüstet er eine weitere Erkundungsreise in das Absturzgebiet aus. Mit den besten Bohrern, die die damalige Technik zu bieten hat. Es gelingt ihm, mit diesen Geräten bis zu vierunddreißig Metern Tiefe vorzudringen. Und er entdeckt: nichts. Nichts von dem, was er finden hätte müssen, wenn es schon keinen Krater gibt – vermehrte Eisen-, Nickel- und Iridium-Vorkommen. Die klassischen Bestandteile eines Geschoßes aus dem All.

So unermüdlich er auch gräbt: nichts.

Er bricht ab.

Niedergeschlagen und ausgezehrt trifft er in Moskau ein. Nun erheben die Kritiker ihre Stimmen: Man könne an der Meteoritentheorie nicht länger festhalten. Es müsse ein Komet gewesen sein, der einige Kilometer oberhalb des Bodens detoniert sei. Ein Komet würde sowohl die Beobachtungen des „Feuerballs“ erklären, als auch die Tatsache, dass keine Impaktorspuren auffindbar seien, da er ja vor dem Aufschlag explodiert sei. Kulik lässt sich davon nicht überzeugen. Die neue These, so findet er, ignoriere die Brandspuren an den Bäumen.

1938 beauftragt er ein Unternehmen, Luftbilder der Region aufzunehmen. Die Fotos sind wunderschön, die Zone der Verwüstung hat die Form eines Schmetterlings. Wissenschaftlich aussagekräftig sind die Ergebnisse nicht.

1941, nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion, meldet sich Leonid Alexejewitsch Kulik zu einer Reservetruppe. Er gerät in deutsche Kriegsgefangenschaft und wird in ein Lager bei Spas-Demensk deportiert.

Am 24. April 1942 stirbt er dort an Typhus.

Sein Rätsel ist noch immer nicht gelöst.

DREI

Herbert Schiller empfing mich in seinem Büro mit einem gönnerhaften Lächeln.

Es war kein protziges Büro, das war meinem Kollegen (oder Vorgesetzten? – ich gewöhnte mich nur widerwillig an den Gedanken) zugutezuhalten. Auch an der Mär – gerne verbreitet von uns sogenannten kritischen Redakteuren –, er hänge vor wichtigen Besprechungen ein Dollfuß-Porträt hinter sich an die Wand, war nichts dran.

Sein braunes Haar neigte zu verspielter Lockenbildung und ließ ihn jünger aussehen, einzig die Schläfen waren ergraut. Aber da spross nichts ungezähmt in alle Richtungen, wie es bei Schläfenhaaren üblich ist; sie waren sorgfältig gekappt, begrenzt und beschnitten, sodass unschwer zu erkennen war, wie viel Mühe jeden Morgen in ihre Gestaltung floss. Zwei silberne Beete. Wenn mich sein Redeschwall in die halbbewussten Zonen der Tagträume driften ließ, sah ich manchmal Bewegungen in seinem Gesicht, sah, wie zwei zentimeterhohe französische Gärtner die Haarflächen mit winzigen Nagelscheren zu Rechtecken trimmten, deren Winkel auch unter dem stärksten Mikroskop exakt neunzig Grad betrugen. Irgendjemand musste ihm einmal den Floh ins Ohr gesetzt haben, Frauen jeden Alters fänden solche Insignien kontrollierter Weisheit unwiderstehlich.

Herbert begann in feierlichem Ton.

„Georg, du weißt, was deine Arbeit für unsere Zeitung bedeutet.“

„Ich seh’s jeden Monat auf dem Gehaltszettel.“

Herbert spielte Erstaunen. „Aber Georg, sag bloß nicht, dass dich der Materialismus in seine Klauen bekommen hat. Dich, den reinen Helden der Wissenschaft?“

„Lass das, Herbert“, brummte ich. „Was willst du?“

„Schlecht geschlafen heute? Aber deine Stimmung wird sich bald heben. Ich habe einen neuen Auftrag für dich.“

„Das klingt nicht gut.“

Herbert ignorierte diesen Satz.

„Du hast sicher vom Fall Jan Koller gehört.“

Hatte ich nicht.

„Er ist letzte Woche in Linz ermordet worden. In der Nacht vor einem großen Kongress.“

„Kriminalfälle interessieren mich nicht“, sagte ich brüsk.

„Du wärst aber der ideale Berichterstatter.“

Ich benötigte einige Sekunden, bis ich begriffen hatte, was er meinte.

Empört sprang ich auf.

„Du willst mir jetzt nicht allen Ernstes verkünden, dass ihr mich als Gerichtsreporter einsetzen wollt? Nur weil der Chef zu geizig ist, mehr Personal einzustellen? Aber nicht mit mir!“

„Beruhig dich doch, Georg!“ Herbert hielt mir seine offenen Handflächen entgegen. „Bist du nicht ein bisschen zu alt, um hier ständig den Oberrevoluzzer zu geben?“

„Zu alt?“, knurrte ich. „Denk an Chomsky.“

„Nun, der arbeitet, Gott sei’s gedankt, nicht in unserer Redaktion.“ Herberts freundliche Grübchen erschienen auf seinen Wangen. „Außerdem gibt es noch gar keine Verhandlung.“

Ich nahm wieder Platz.

„Was willst du dann von mir? Und warum ich?“

„Du bist unser Wissenschaftsjournalist. Und die mutmaßliche Täterin ist Teilchenphysikerin.“ Er machte eine kurze Pause, dann setzte er nach: „Am CERN.“

Aha. Damit wollte er mich also ködern. Mit der Gralsburg der Naturwissenschaftler. Schon stellte ich mir die gewaltigen Ausmaße des ATLAS-Detektors vor, sah mich neben ihm stehen und zu einem Insekt schrumpfen. Doch das war nur eine Finte, ich durfte mich davon nicht beeindrucken lassen.

„Soll ich ein Interview mit einer Mörderin führen?“

„Ganz genau.“

Herbert zog ein Kuvert aus der Schublade, öffnete es, nahm ein Foto heraus und legte es vor mich hin.

„Das ist sie“, sagte er mit siegesgewisser Miene.

Wie anmaßend! Hielt er mich für einen Mann, dessen Urteilsvermögen sich durch hübsche Larven beeinflussen ließ?

Dann schaute ich mir das Porträt doch an. Länger als geplant. Aus dem Nichts fiel mir Taminos Arie ein, obwohl ich mindestens zehn Jahre nicht mehr in der Zauberflöte gewesen war. Das Unbewusste ist zuweilen ein Heckenschütze.

„Sie ist angeblich eine der begabtesten Physikerinnen am CERN“, sagte Herbert. „Die Männer mit eingeschlossen. Ihr Name ist Jelena Karpova.“

„Russin?“

„Ihre Familie stammt aus Krasnojarsk.“ Herberts Grinsen hatte jetzt etwas Warmes, Mitleidiges.

So schnappte die Falle zu und das Unheil nahm seinen Lauf.

Falls es denn eines war.

Nennen wir es lieber: das Unvorhersehbare.

Herbert erhob sich und zog eine dicke Mappe aus dem Regal neben dem Fenster.

„Das ist alles, was wir über sie haben. Ich möchte, dass du jede Seite davon liest.“

„In meiner Freizeit, nehme ich an.“

Herbert seufzte und setzte sich wieder. „Du kannst deine Arbeitsstunden gerne der Zeitung verrechnen. Aber mit Maß und Ziel.“

Ich betrachtete die kleinen Fältchen in seinen Augenwinkeln.

„Warum liegt dir so viel an dem Fall?“

„Er ist mysteriös“, sagte Herbert. „Eine ideale Ausgangslage für eine Aufdeckergeschichte.“

Auch so ein Lieblingswort des Ressortchefs. Wenn die Gesetze es zugelassen hätten, würde als Berufsbezeichnung in seinem Pass Aufdecker stehen. Er träumte von den ganz großen Geschichten, in denen alles steckte: Kabale und Liebe, Betrug und Lügen und natürlich vor allem eine faszinierende, prominente Frau, die vom Titelblatt strahlen würde. Dabei hatte es in den letzten zwanzig Jahren gerade einmal zwei Reportagen gegeben, mit denen der Beobachter Aufsehen erregt hatte.

„Wenn du etwas aufdecken willst, warum machst du es nicht selbst?“

„Erstens, weil ich keine Ahnung von Naturwissenschaft habe. Und zweitens, weil der Chef es so will.“

„Dann soll er mir das selbst sagen.“

„Er hat momentan viel um die Ohren.“

„Soso. Und du? Bist du jetzt nur mehr sein Erfüllungsgehilfe? Sein Befehlsweiterleiter?“

„Georg, ich muss dich bitten, deinen Ton –“

„Weit habt ihr es gebracht“, unterbrach ich ihn, „du und deine Karriere.“

„Wenigstens hocke ich nicht den ganzen Tag im Büro herum und hoffe, dass nichts geschieht.“

Ich versuchte, so finster wie möglich zu blicken, und schwieg.

„Georg“, begann Herbert in sanftem Ton, „das hat doch keinen Sinn. Lass uns wie erwachsene Menschen –“

„Ja, natürlich. Natürlich. Also, was hofft ihr denn herauszufinden? Über Schuld oder Unschuld entscheidet das Gericht.“

„Aber wir können ihm helfen, die Wahrheit ans Licht zu bringen.“

„Das ist doch nicht unsere Aufgabe.“

Herbert setzte seinen Drehstuhl in Bewegung, wie immer, wenn er kurz davor war, die Contenance zu verlieren.

„Leicht machst du es einem nicht, das musst du zugeben.“

„Kann sein.“

Er stoppte die Drehbewegung und schaute mich an.

„Sie wurde von den Beamten des Landeskriminalamts vernommen, dann vom Haftrichter. Sie hat den Mord gestanden –“

„Wunderbar! Dann ist ja alles geklärt! Was ist daran mysteriös?“

„Danach hat sie geschwiegen. Kein Wort über ihr Motiv. Niemand kann sich erklären, warum eine unbescholtene, erfolgreiche Wissenschaftlerin einen Kollegen umbringen sollte.“

„Einen Kollegen?“

„Das Opfer hat viele Jahre ebenfalls am CERN gearbeitet. Vor etwas mehr als einem Jahr hat Jan Koller gekündigt und auf eigene Faust weitergeforscht. Er war also nicht einmal mehr ein Rivale für Frau Karpova.“

„Du meinst, sie lügt?“

Herbert zuckte die Achseln. „Möglich. Irgendetwas stimmt nicht mit dieser Geschichte, das spüre ich.“

Das verhieß nichts Gutes. Wenn Herbert etwas spürte, war er nicht aufzuhalten. Sein Vertrauen in seinen eigenen Instinkt war unerschütterlich.

Ich bemühte mich, Kooperationsbereitschaft zu signalisieren.

„Gibt es irgendwelche anderen Indizien?“

„Jemand hat sie in der fraglichen Nacht aus Jan Kollers Hotelzimmer kommen sehen.“

„Na bitte. Dann haben wir sogar einen Zeugen.“

„Doch es gibt auch Widersprüche. Erhebliche sogar.“

„Die da wären?“

„Die Karpova hat beim Verhör angegeben, sie hätte die Waffe von hinten ins Herz des Opfers gerammt.“

„Wie nett. Und weiter?“

„Die Klinge steckte in Jan Kollers Hals, der Stich wurde ohne Zweifel von vorne geführt und traf präzise die Schlagader.“

„Vielleicht stand sie unter Schock und kann sich nicht mehr genau erinnern.“

„Das ist eine etwas windschiefe These, findest du nicht?“

„Kann sein“, gab ich zu. „Welche Waffe wurde eigentlich verwendet?“

„Ein Brieföffner.“

„Ein Brieföffner?“ Ich musste lauthals lachen. „Bei einem Verbrechen unter Physikern hätte ich etwas Originelleres erwartet. Eine Kapsel mit Antimaterie zum Beispiel.“

Kleine Lachfalten erschienen auf Herberts Gesicht.

„Du liest zu viel Dan Brown, mein Lieber.“

„Ich lese keine Bestseller“, zischte ich. „Und außerdem sind die Mengenangaben für die Antimaterie in Illuminati völlig falsch.“

Jetzt grinste mein Gegenüber. „Du weißt erstaunliche Details über ein Buch, das du nicht gelesen hast.“

Er hatte mich erwischt. „Alles Allgemeinbildung“, entgegnete ich. „Schon eine viel geringere Masse an Antimaterie könnte bei einem Einschlag auf der Erde –“

Ich stockte.

Herbert beugte sich nach vorn und stützte die Ellenbogen auf die Tischplatte.

„Kann es sein“, begann er langsam, „dass der Nebel von Tunguska mittlerweile auch deine Intelligenz umhüllt?“

Etwas Unverschämtes lag mir auf der Zunge, doch ich schluckte es hinunter.

„Gut“, sagte ich, „also ein Brieföffner. Was gibt es sonst noch Geheimnisvolles?“

„Der Zeitpunkt der Tat. Die Karpova hat beim Verhör angegeben, sich nicht mehr genau zu erinnern. Zwischen 21 und 22 Uhr, sagt sie. Laut Forensik ist der Tod aber erst um 23 Uhr 30 eingetreten.“

„Kann man das so genau feststellen?“, fragte ich.

„Die Gerichtsmedizinerin sagt, der Stich war so exakt, dass Koller sofort tot war. 23 Uhr 30, plus minus eine halbe Stunde.“

„Eine sehr vergessliche Mörderin.“

„Das kann man wohl sagen. Sie behauptet, in der Aufregung –“

„Also doch ein Schock“, unterbrach ich Herbert. „Wann hat die Zeugin Frau Karpova gesehen?“

„Sie kann sich nicht mehr genau erinnern. Zwischen 21 Uhr und 23 Uhr 30, schätzt sie, sie habe nicht darauf geachtet. Ein bisschen groß, dieses Zeitfenster, finde ich. Und es gibt noch ein Detail.“

„Jetzt bin ich aber gespannt.“

„Keine Fingerabdrücke auf dem Griff.“

„Im Ernst?“ Ich musste lachen und mimte den Verblüfften. „Im Fernsehen tragen die Täter meistens Handschuhe.“

Herbert drehte sich auf seinem Sessel einmal um die eigene Achse. Dann stand er auf, hob die Mappe vom Tisch und hielt sie mir hin.

„Das genügt für heute“, sagte er. „Wir reden weiter, wenn du damit durch bist.“

Ich steckte das Dossier in meine Umhängetasche und verließ ohne ein weiteres Wort Herberts Büro.

VIER

Zu Hause legte ich mich aufs Sofa, knipste die Leselampe an und vertiefte mich in das Dossier Jelena Karpova.

Ihre Eltern und ihr Großvater hatten das ostsibirische Krasnojarsk 1984 verlassen und waren mit ihrer damals zweijährigen Tochter Jelena nach Wien gezogen. Ihr Vater, Nikolai Karpov, war in der Sowjetunion ein angesehener Physiker gewesen und erhielt nach dem Umzug überraschend schnell einen Lehrstuhl an der Universität Wien. Immer wieder war er als Gastprofessor nach Genf eingeladen worden. Ab 2007 bekleidete er einen hohen Posten am CERN. Er starb vorige Woche an einem Herzinfarkt, im Alter von sechsundsechzig Jahren. Ekaterina, die Mutter, geboren 1960, war bildende Künstlerin und hatte bereits mehrere Ausstellungen in Wiener Galerien vorzuweisen. Die Feuilletons (auch unseres, übrigens) priesen sie als Erneuerin der abstrakten Malerei. Eine perfekt geglückte Integration auf der ganzen Linie. Nur wenige Misstöne. Nikolai war nachgesagt worden, er hätte gute Kontakte zum KGB, doch das waren Gerüchte. Es gab auch Anzeichen, dass er immer wieder in Konflikte mit den staatlichen Autoritäten geraten war. Einen Hinweis darauf, warum er ausgerechnet 1984, als Konstantin Tschernenko an der Macht war, mit seiner Familie das Land verlassen hatte, konnte ich in den Papieren nicht finden. Im Jahr 1995 ließen sich Nikolai und Ekaterina scheiden.

Jelena war 1982 zur Welt gekommen, war also jetzt siebenunddreißig Jahre alt. Sie galt als hochbegabt und hatte bereits mit siebzehn Jahren begonnen, Technische Physik zu studieren. Sie vermied es, Lehrveranstaltungen zu besuchen, die ihr Vater hielt. Mit knapp zweiundzwanzig Jahren schloss sie ihr Studium mit dem Doktortitel ab. Sie spezialisierte sich auf Experimentalphysik, vertiefte ihre Kontakte in die Schweiz, wobei sie stets betonte, dass ihr Vater sie nicht protegiert hatte. Als am 8. August 2008 die ersten Protonen in den Large Hadron Collider des CERN geschossen wurden, waren Nikolai und seine Tochter mit dabei. Erst 2018 verließ Nikolai das CERN und ging zurück nach Wien. Rasch stieg Jelenas Ansehen am Institut, sie veröffentlichte wichtige Aufsätze und allerorten schwärmte man von ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten. Darüber hinaus attestierte man ihr, besonders teamfähig und kommunikativ zu sein. Es dauerte nicht lange, bis sie die Karriereleiter nach oben stieg – und niemand schien ihr den Erfolg zu missgönnen. Mittlerweile waren vier Bücher von ihr erschienen, die alle in der Fachwelt hitzig diskutiert worden waren und sie zu einer der meistzitierten Physikerinnen der Gegenwart gemacht hatten. Das war sie also: Jelena Karpova, jung, blitzgescheit, auf dem Weg nach oben, leidenschaftlich ihrer Berufung folgend, dazu noch everybody’s darling.

Und nun sollte sie in Linz einen Kollegen getötet haben. Einen, der in Genf beinahe Tür an Tür mit ihr gearbeitet hatte. Eine Tat ohne jegliches Motiv. Ausgeführt mit einem Brieföffner.

Wenn sie es denn war.

Ich brauchte eine Pause. Wie zum Trotz gegen meinen Chef beschloss ich, den Rest des Tages mit meiner Obsession zu verbringen und wieder in die Nebel von Tunguska abzutauchen.

Unter Dutzenden Schlagwörtern sammelte ich Berichte, wissenschaftliche Artikel, Zeitungsausschnitte und allerlei Kurioses in altmodischen Aktenordnern. Auf den Rückenschildern hatte ich verschiedene Begriffe notiert, zum Beispiel „Eiskomet“, „Antimaterie“ oder „Rettendes Raumschiff“. Unter den Buchstaben klebten Bilder, zur rascheren Unterscheidung. Den Rücken von Kuliks Ordner zierte ein Schwarz-Weiß-Foto von hingestreckten Baumstämmen, das er selbst aufgenommen hatte. Auf der Sammlung mit den meisten eingehefteten Zetteln prangte eine Figur aus den Simpsons. Sie war mehrmals in der Serie aufgetreten und trug über dem Kopf einen Karton, auf den ein Fragezeichen gemalt war.

Was ich mir von all dem erwartete? Nun, ich weiß es nicht. Nur aus Versatzstücken besteht die Geschichte des Lebens, es gibt keine Kohärenz. Hat einmal jemand gesagt, an dessen Namen ich mich nicht erinnere. Die vom Einzelnen erfassbare Welt hat keinen dramaturgischen Bogen, sie ist ein Sammelsurium aus beiläufig erzählten Anekdoten. Was mich tröstet, ist vielleicht der Gedanke, dass meine eigene Erzählung aus ebenso vielen Bruchstücken besteht wie der Stein- und Eisenhaufen aus dem All, von dem wir nicht wissen, ob es ihn jemals gegeben hat. Nur in der Zersplitterung können wir die Fiktion der Gesamtheit erfassen, oder widerlegen, oder was auch immer.

„Komm ins Bett, das bringt doch nichts“, sagte Helga, wenn ich zu lange über meinen Zetteln hockte.

Was genau daran nichts brachte, und in Bezug worauf, das konnte sie mir niemals erklären. Wenn ich dann endlich zu ihr kam, schlief sie schon tief. Meine Chemikerin, fest eingebettet in ihr Gefüge aus Formeln, Geborgenheit und Lebenslust.

Sie hatte nie eine Ahnung, wie sehr ich sie beneidete.

FÜNF

Am folgenden Vormittag befiel mich im Büro eine Nervosität, die ich mir nicht erklären konnte. In Google Books suchte ich Jelena Karpovas erste Publikation und versuchte mit höchster Konzentration, ihren Argumentationslinien zu folgen. Mit bescheidenen Ergebnissen. Spätestens bei den komplexen Formeln, die sie entwickelt hatte, stieg ich aus. In meinem Magen begann es zu rumoren. So nahm ich die Akte unter den Arm und machte mich auf den Weg in unsere Kantine. Meistens nahm ich mir zum Essen Arbeit mit, das lenkte von der Beschaffenheit der Speisen ab. Ich bestellte eine müde, in sich zusammengesunkene Lasagne und setzte mich an einen der Plastiktische. Von den Kollegen war noch niemand da.

Plötzlich ging die Tür auf und Herbert trat herein. Das war ungewöhnlich. Herbert mischte sich mittags selten unters Fußvolk, er bevorzugte ein Haubenlokal zwei Straßen weiter. Meine Alarmglocken fingen an zu läuten.

„Hier bist du also“, sagte Herbert. Er kam auf mich zu und bemerkte mit Genugtuung, dass das Dossier Jelena Karpova neben meinem Teller lag. Geöffnet.

„Du bist neugierig geworden, stimmt’s?“

Ich ließ mir Zeit mit der Antwort.

„Die Sache ist interessant. Ohne Zweifel. Aber –“

„Du hast ein Aber. Natürlich. Wie sollte es anders sein?“

Er nahm sich einen Stuhl und setzte sich mir gegenüber.

Aufreizend langsam trennte ich mit der Gabel ein Stück von der Teigmasse ab, führte es zum Mund und begann zu kauen. Herbert verlor die Geduld.

„Nun sag endlich! Aber – was?“

„Du hast etwas vergessen.“

„Ach ja?“

„Ja. Warum um alles in der Welt sollte diese Frau Interesse daran haben, mit der Presse zu sprechen?“ Ein guter Einwand, fand ich, doch Herbert reagierte zu meiner Überraschung erleichtert. Eine Falte, die sich über seinem Nasenrücken gebildet hatte, glättete sich wieder.

„Ach, das!“, sagte er. „Kein Problem, darum kümmert sich Eva.“

„Welche Eva?“

„Frau Dr. Eva Mattusch. Eine der berühmtesten Anwältinnen des Landes. Und einer der eigenwilligsten Menschen, die ich kenne. Erzähl mir nicht, dass dir der Name nichts sagt.“

Tat er nicht. Herbert verdrehte die Augen.

„Du solltest öfter über deinen Tellerrand blicken.“

„Um was zu sehen? Andere Teller?“

„Alles eine Frage der Perspektive.“

„Wenigstens weiß ich, was ich esse.“

„Lassen wir das.“ Herbert wischte sich etwas aus dem Gesicht. Unsichtbare Spinnfäden.

„Ich habe bereits einen Termin mit Eva vereinbart. Sie ist mir noch einen Gefallen schuldig. Oder zwei.“ Er zwinkerte mir zu.

Es war mir ein aufrichtiges Anliegen, mit meinem Kollegen auszukommen. Schon aus Selbstschutz. Oder Bequemlichkeit. Doch es gab Momente, da gelang es mir nicht. Dieses Zwinkern. Jovial, ein wenig zweideutig, beseelt von der eigenen Unwiderstehlichkeit. Ein Ich-bin-mit-der-ganzen-Welt-auf-Tuchfühlung-Zwinkern. War ich ungerecht? Mag sein. Jedenfalls war ich froh, dass in solchen Augenblicken kein Brieföffner in der Nähe war.

„Alles in Ordnung mit dir?“ Herbert musste hinter meiner Stirn etwas beobachtet haben. Mit großer Konzentration schaffte ich es, meine wildgewordenen Gedanken wieder zu zähmen.

„Ja, warum?“ Fast ohne Zittern führte ich mein Glas Apfelsaft zum Mund und trank einen Schluck.

„Ich dachte nur. Dein Gesicht war so –, so –“ Er stockte. „Na, egal. Also morgen um 15 Uhr.“

„Was?“

„Dein Termin. Mit Eva. Morgen um 15 Uhr, vor dem Landesgericht Linz.“

Ein wenig Recherche konnte nicht schaden. Manchmal ist es praktisch, dass jeder im Netz so viele Spuren hinterlässt. Außer vielleicht der Mann mit dem Karton auf dem Kopf, der Autor, dessen Gesicht fast niemand kannte.

Dr. Eva Mattusch war sechsundvierzig, hatte dreitausendzweihundert Freunde auf Facebook und keine Kinder. Alle ihre Fotos sahen aus, als hätte sie ein professioneller Fotograf aufgenommen. Die meisten zeigten sie in perfekt sitzendem Business-Kostüm, dezent geschminkt, Souveränität ausstrahlend. Wikipedia bezeichnete sie als eine der angesehensten Juristinnen Österreichs, da hatte Herbert also nicht übertrieben. Sie war wohl auch ein Liebling der Presse; ich fand zahlreiche lobende Artikel und Prozessberichte.

Lange betrachtete ich das Porträt auf ihrer Homepage. Kein besonders auffälliges Gesicht. Hellbraune Augen, brünette Haare bis zu den Schultern, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen. Mein Eindruck war zwiespältig. In einer Sekunde vermeinte ich einen Anflug von warmherziger Klugheit in ihrem Blick zu entdecken, in der nächsten erschien sie mir abweisend und überheblich.

Mit einem Mal kam mir meine Suche schäbig vor, unter meiner Würde. Ich schaltete den Computer aus und holte einen Ordner aus einem der Regale. Er trug die Aufschrift „Tscheko“, ich mochte ihn besonders gern.

Wer die Antwort auf eine Frage sucht, die Generationen von Wissenschaftlern beschäftigt hat, kommt oft zu seltsamen Ergebnissen. Besonders dann, wenn man sicher sein kann, dass man selbst diese Antwort niemals finden wird. Dann fällt die Wahrheit als mögliches Forschungsergebnis weg und nur das Spiel bleibt zurück, das Jonglieren mit Hypothesen, die lediglich eines gemeinsam haben: Sie sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch. Für diese Arbeit, die wie in meinem Fall nur Geschichten an Geschichten reiht, wüste Hirngespinste ebenso dokumentiert wie die Analyse von Bodenproben, verwenden Außenstehende meist einen abwertenden Begriff, den ich aus Helgas Mund zum ersten Mal in dieser Despektierlichkeit gehört habe: Hobby. Dieses Wort bremst die wilde Jagd, der sich der richtungslose Forscher hingibt, erinnert ihn daran, dass er niemals im Palast des Wissens ankommen wird, verwandelt die Kutsche in einen Kürbis, reißt den Reiter aus dem Sattel und zeigt ihm, dass sein Pferd nur aus Holz ist.

Immer wenn ich dieses Wort höre, muss ich vom Boden aufstehen, mir den Staub von der Hose klopfen, meine Nase in den Wind halten, um Luft zu bekommen, mich dann wieder niederknien und zärtlich den Stock mit dem Pferdekopf streicheln, der neben mir auf der Erde liegt. Dann suche ich Sätze, die ich den Spöttern entgegenschleudern kann.

Manchmal ist die Lüge schöner als die Wahrheit. Oder nein, nicht die Lüge: der Irrtum. Manchmal ist der Irrtum schöner als die Wahrheit. Vielen Naturwissenschaftlern ist diese Einsicht gleichgültig; wenn sie sich für Schönheit erwärmen, dann meist nur für das Ebenmaß bestimmter Gleichungen, das Leuchten des Weltalls oder die Schlichtheit einer unwiderlegbaren Theorie. Manche, die dem Metaphysischen nicht abhold sind, mögen hinter den Formeln und Berechnungen das Walten einer höheren Macht vermuten. Doch statistisch gesehen, sind die Gottsucher unter den Physikern in der Minderheit.

Der Tscheko-See ist eines der schönsten Gewässer Sibiriens. Im Sommer funkelt er inmitten von grünen Hängen wie ein flüssiger Saphir, während die Wolkenschatten über ihn hinwegziehen. Im langen Winter umgibt ihn trostlose, weißbraune Schuppenhaut und er gleicht der Pupille eines gewaltigen Reptils, das in leere Himmel blickt. Doch verlockender als seine ästhetischen Reize sind seine Geheimnisse. Sein tiefster Punkt liegt exakt acht Kilometer entfernt vom imaginären Einschlagkrater des Geistermeteoriten von Tunguska.

Diese Tatsache brachte – fast hundert Jahre nach dem Ereignis – italienische Geologen auf eine Idee. Sie untersuchten den See mit Echolot und entdeckten, dass er eine trichterartige Form besitzt. Für die Region ist er außerdem ungewöhnlich tief. Und er findet sich auf keiner Karte vor 1908. Seismische Messungen kamen zu dem Ergebnis, dass sich unter dem Grund des Sees eine Schicht aus sehr dichtem Gestein verbirgt. Luca Gasperini und sein Team von der Universität Bologna schlossen daraus, dass es sich beim Tscheko-See nur um den bisher vergeblich gesuchten Impaktbeweis handeln konnte. Ihre These war einleuchtend: Nicht einer, sondern zwei Brocken waren hier niedergegangen. Der erste verglühte vor dem Aufschlag in der Luft, der zweite, kleinere, schlug auf und bildete den kraterförmigen See. Die Lösung des Rätsels war gefunden!

Doch sie hielt weiteren Forschungen nicht lange stand. Ein paar Jahre später untersuchten russische Wissenschaftler erneut die Sedimente am Grund des Sees. Geochemische Analysen ergaben, dass die entnommenen Proben mindestens zweihundertachtzig Jahre alt waren. Mitarbeiter des Instituts für Geologie und Mineralogie konnten kurz darauf mittels Radioskopie das Ergebnis ihrer Kollegen bestätigen.

Und warum war der See dann auf keiner Karte verzeichnet? Das sei nicht weiter verwunderlich, erklärten die Forscher aus Krasnojarsk. Wegen der riesigen Ausdehnung dieses Gebietes sei seine kartografische Erfassung immer mangelhaft gewesen, und an dem Umstand, dass ein kleiner See nicht auf alten Landkarten zu sehen war, sei nichts Ungewöhnliches.

Also wieder nichts. Der Tscheko-See verlor sein Mysterium, es blieb ihm nur seine Schönheit.

Mein Lieblingsirrtum der letzten Jahrzehnte stammt ebenfalls von italienischen Wissenschaftlern. Ein Team mit dem Namen Opera verkündete 2011 Messergebnisse, die beweisen sollten, dass sich manche Neutrinos schneller als das Licht bewegten. Die Forscher hatten diese Teilchen über sechs Monate hinweg beobachtet und immer wieder sei es zur Überschreitung der Lichtgeschwindigkeit gekommen. Die Partikel legten eine siebenhundert Kilometer lange Strecke zwischen dem CERN und dem italienischen Labor Gran Sasso in einem Tempo zurück, das 0,025 Promille über der Geschwindigkeitsgrenze des Universums lag. Gemäß der Relativitätstheorie war das jedoch unmöglich: Nichts kann in einem Vakuum schneller fliegen als das Licht. Die Sensation war perfekt! Das Jahrhundertgenie Einstein war widerlegt!

Fünf Monate später wandten sich die Opera-Mitarbeiter wieder an die Öffentlichkeit. Dieses Mal jedoch mit leiseren Tönen. Es seien „zwei mögliche Effekte identifiziert worden, welche die Messungen beeinflusst haben könnten.“ Ein GPS-Gerät und ein defektes Glasfaserkabel hätten zu einer „Überschätzung der Geschwindigkeit“ geführt. Die Experimente müssten wiederholt werden.

Diese Mitteilung führte in der Welt der Naturwissenschaften zu allerlei launigen Kommentaren. Das Wort Promille in der Veröffentlichung von 2011 wurde dabei nicht immer wohlmeinend interpretiert. Auf einer Karikatur sah man Männer in weißen Kitteln, mit Weingläsern in der Hand, ein wenig schwankend über ein Kabel gebeugt. Mein Gott, so schnell!, ruft einer von ihnen.

Seit damals erwartet niemand mehr bahnbrechende Nachrichten aus Gran Sasso. Ich hingegen vertraue auf die Findigkeit des kühnen Opera-Teams und halte die Daumen für neue Enthüllungen, die das Gefüge der physikalischen Sicherheiten zu erschüttern vermögen, und sei es auch nur für ein paar Monate.

SECHS

Bei der Zugfahrt nach Linz am folgenden Tag blätterte ich das Dossier noch einmal durch. Doch ich war unkonzentriert, mein Blick rutschte ab und blieb auf meinen ungeputzten Schuhen hängen. Mit einem Papiertaschentuch beseitigte ich die gröbsten Schmutzreste.

Vom Bahnhof zum Landesgericht nahm ich die Straßenbahn. Die Landstraße war von Menschenmassen verstopft, als stünde Weihnachten kurz bevor. Am Taubenmarkt stieg ich aus und spazierte den Graben entlang in die Museumstraße. Auf einem hässlichen dreigeschossigen Gebäude fand ich die Aufschrift Landesgericht Linz Staatsanwaltschaft Linz. Die Fenster der oberen Stockwerke wurden von dreieckigen Giebeln gekrönt, vom Dach bis zu den Torbögen verliefen abgeflachte Wandpfeiler. Es war genau die Art von Klassizismus, die mich stets einschüchterte und Fluchtreflexe in mir auslöste. Möglicherweise lag es aber auch nur daran, dass mir mein Auftrag, je näher ich dem Gebäude kam, desto idiotischer erschien. Warum um alles in der Welt hatte ich mich darauf eingelassen?

Blick auf die Uhr: Ich war zu früh. Also machte ich kehrt, überquerte die Straße und ging in den Park des Landesmuseums, das dem Gericht gegenüberlag. Hier fühlte ich mich schon wohler, obwohl auch dieser Bau nicht gerade ein architektonisches Glanzstück war. Doch auf der ungemähten Wiese zwischen den Bänken blühte es wild blau und rot durcheinander, das Summen der Bienen erfüllte die Luft und es roch nach den Frühlingsausflügen meiner Kindheit.

Ich wollte mich setzen, da sah ich das Schild auf der Rückenlehne. Nur für Artgerechte stand da. Einen Augenblick lang war ich entsetzt: Sollte die oberösterreichische Politik tatsächlich schon so – dann begriff ich und atmete auf. Ein Kunstprojekt, natürlich. Andere Banklehnen trugen die Aufschriften Nur für Alleinerzogene oder For German Speaking Only. Wo solche Schilder stehen, dachte ich, da lass dich ruhig nieder.

Mitten im Park stand eine Bronzeplastik, ein Monolith mit kleinen runden Aussparungen, durch die man auf die üppig wuchernden Büsche dahinter blicken konnte. Ihr Titel gefiel mir – Große Weltlochwand. Ich verband ihn sofort mit dem Krater, den so viele Forscher vergeblich gesucht hatten: Das große Weltloch in der sibirischen Einöde.

Weshalb ich so oft auf die Uhr schaute, weiß ich nicht. Es gab keinen Grund zur Nervosität. Was sollte mir schon passieren? Wenn das Gespräch unerfreulich verlaufen sollte, hätte ich wenigstens einen Grund, aus Herberts Aufdeckungsprojekt wieder auszusteigen.

Um fünf vor drei erhob ich mich und ging ein paar Schritte zum Haupteingang des Museums. Auf einer Säule entdeckte ich unter dem Hinweis Kulturdenkmal eine aufgesprühte Warhol-Banane. Mit Sunday Morning im Ohr verließ ich den Park und beschloss, Linz von nun an sympathisch zu finden.

Es war exakt 15 Uhr, als Frau Dr. Eva Mattusch aus dem Gebäude trat. Ich hielt mich zurück, stürzte nicht gleich auf sie los, um ja nicht den Eindruck zu erwecken, dass ich ihr Gesicht schon gegoogelt hatte. Mein Blick schweifte herum, blieb manchmal kurz an ihr hängen, schweifte weiter. Tatsächlich sah sie nicht so aus wie auf ihren Bildern im Netz. Von Business-Kostüm keine Spur. Sie trug eine nicht mehr ganz neue Jeansjacke, die Haare hatte sie sich mit einem orangefarbenen Tuch nach hinten gebunden, dessen lose Enden ihr über den Rücken fielen. Auch die weißen Turnschuhe, sicher ebenfalls keine Neuerwerbung, überraschten mich. Sie kam auf mich zu, streckte mir die Hand entgegen und sagte fröhlich: „Ich denke, Sie suchen mich. Georg Hollaus, nicht wahr?“

Ich schüttelte ihre Hand und nickte.

Mit einem Mal begann sie zu lachen und fächerte sich dabei mit den Fingern Luft zu wie ein junges Mädchen.

„Verzeihen Sie bitte“, sagte sie, nachdem der Heiterkeitsanfall abgeebbt war, „aber ich habe Sie mir ganz anders vorgestellt.“

„Wie denn?“ Blitzschnell blickte ich nach unten und scannte meine Kleidung. Grafitfarbener Anzug, hellblaues Hemd, passende Krawatte. So ungefähr sollte man doch aussehen, wenn man eine Anwältin traf, oder?

„Na ja“, gluckste sie, „nicht so … so seriös.“

„Warum nicht?“

Jetzt hatte sie sich wieder gefangen. „Sie sind doch der Tunguska-Mann, oder nicht?“

Ich spürte, wie eine mir vertraute Wut nach oben stieg und eine sanfte Röte sich auf meine Wangen legte.

„Ich weiß nicht, ob mir diese Bezeichnung gefällt.“

Eva nahm meinen Arm und zog mich vom Eingang des Landesgerichts weg.

„Kommen Sie, gehen wir auf einen Kaffee. Den hab ich heute nötig.“

Wir schlenderten den Weg zurück, den ich gekommen war, querten den Taubenmarkt, folgten einer Straße, die den glamourösen Namen Promenade trug, und blieben vor einem Kaffeehaus stehen, dessen Gastgarten durch eine beige Markise vor der Sonne geschützt wurde. Die Terrasse war voller Menschen, doch Eva entdeckte ein leeres Tischchen und schob mich darauf zu.

„Hier gibt es den besten Espresso der Stadt!“, sagte sie.

Wir nahmen Platz, und binnen Sekunden stand ein Ober neben uns. Nein, neben Eva. Er schenkte ihr sein strahlendstes Lächeln, mich würdigte er keines Blickes.

„Also“, fragte Eva, nachdem wir bestellt hatten, „wie läuft es denn so mit Tunguska?“

„Beginnen wir doch anders“, entgegnete ich. „Erzählen Sie mir einfach alles, was Sie schon wissen. Dann langweile ich Sie nicht.“

Sie schmunzelte. „Na gut. Viel ist es nicht. Herbert sagt, Sie hätten ein ungewöhnliches Hobby.“

Da war es wieder, dieses Wort. Unwillkürlich schloss ich die Finger meiner linken Hand zu einer Faust. Eva sah es und reagierte sofort.

„Auch wenn Sie selbst es lieber anders nennen würden. Eine Leidenschaft vielleicht?“

Die Muskeln meiner Hand lockerten sich wieder.

„Jedenfalls schreiben Sie doch an einem Buch, nicht wahr? Den Titel finde ich wunderschön: Tunguska oder die Schönheit des Irrtums.“

Jetzt schnellte mein Oberkörper in die Höhe, die Knie drückten sich durch wie bei einem Skispringer an der Schanzenkante, meine Hände klammerten sich an den Rand des Tischchens.

„Den Titel hat er Ihnen auch –?“ Ich stockte. Wurde mir schlagartig meiner unpassenden Körperhaltung bewusst und setzte mich wieder hin.

Mit beruhigender Stimme, so wie man auf einen Verrückten einredet, sagte Eva:

„Seien Sie ihm nicht böse deswegen. Er hat ihn mir nur deshalb anvertraut, weil er so begeistert davon ist. Wie ich. Ein Buch mit diesem Titel würde ich gerne lesen.“

„Begeistert? Von etwas, das nicht er selbst gemacht hat?“ Ich bemerkte, dass meine Stimme kippte, und riss mich zusammen. Hände flach auf die Oberschenkel legen, langsam und bewusst atmen!, hätte Manfred gesagt. Manfred, der Meister der Selbstbeherrschung. Langsam kroch ein Gedanke in mein Bewusstsein, von irgendwo ganz unten: Ich konnte die meisten Menschen nicht ausstehen. Genau genommen nicht einmal Helga. Geliebt hatte ich sie, ja, besonders am Anfang und gegen Ende, aber gemocht? Gerngehabt? Würde man die Wahrscheinlichkeitsrechnung zu Rate ziehen, konnte das Ergebnis nur sein: Es muss an mir liegen. Ich gebe es zu! Aber ich will jetzt kein Wort über meine Kindheit hören!

Frau Doktor Mattusch hatte die äußeren Erscheinungsformen meines inneren Kampfes ruhig betrachtet, mit locker vor der Brust verschränkten Armen. Sie trank einen letzten Schluck Espresso, drehte dann die Tasse um und hielt sie sich über den geöffneten Mund, als wollte sie sichergehen, dass sie keinen einzigen Tropfen vergeudet hatte. Eine Geste, die ich lange nicht mehr bei einem erwachsenen Menschen beobachtet hatte. Dann beugte sie sich über den Tisch und schob ihre Hände in meine Richtung, ohne mich zu berühren.

„Wie weit sind Sie denn schon mit Ihrem Buch?“

Mit offenem Mund atmete ich lange ein. Stieß dann die Luft wieder aus, mit einem rasselnden Geräusch. Erst dann war ich bereit für einen bedeutungsschweren Satz:

„Reden wir bitte von etwas anderem.“

Eva schaute mich kurz prüfend an, wischte sich mit der Serviette über den Mund und sagte dann, als verkünde sie das Urteil der Geschworenen nach langwierigen Verhandlungen:

„Einverstanden. Und worüber?“

„Darüber, was Sie mit Herbert Schiller zu tun haben.“

Sie lehnte sich zurück. Wieder die spöttische Miene.

„So feinfühlig, wie ich befürchtet habe, sind Sie also gar nicht. Sie haben durchaus ein Talent für Verhöre.“

Touché. Darauf fiel mir nichts ein. Ich senkte den Kopf. In meinem Nacken spürte ich kalte Tropfen. Ich wischte sie mit meiner Serviette weg, aber sofort waren sie wieder da. Konnte ich so stark schwitzen? Hier stimmte etwas nicht.

Ich schaute zu Eva. Sie kämpfte mit einem Lachanfall, zum zweiten Mal heute. War ich hier der Clown vom Dienst?

„Das sind Wassersprühdüsen“, kicherte sie. Ich verstand kein Wort.

„Eine geniale Erfindung.“ Sie zeigte auf ein silbernes Röhrchen, das hoch über mir aus der Außenwand des Hauses ragte. In der Tat schossen aus der Mündung feine Fontänen direkt in mein Genick.

„So kann man es selbst im Sommer hier aushalten.“ Sie winkte dem Ober, nein, sie hob einen Finger, und er war schon da.

„Das Übliche?“, fragte er. Sie schloss nur kurz die Augen. Er verschwand mit einer Bewegung, die man früher einen Diener genannt hätte.

„Ich hab ihn einmal wo rausgeboxt.“

„Den Ober?“

Dieses Mal kontrollierte sie sich. Stoppte das Lachen irgendwo zwischen Brustkorb und Kehlkopf. Blieb ernst.

„Nein. Herbert. Haben Sie Ihre Frage so schnell vergessen?“

Ja, Herbert, genau, Herr Schiller, der Großmogul des Marketing, und diese Rechtsanwältin, die eben ihre Jeansjacke auszog, über die Stuhllehne hängte und damit den Aufdruck einer gefiederten Schlange auf dem Ärmel ihrer Bluse bloßlegte – was konnten sie miteinander zu tun haben? Es fiel mir nicht schwer, mir Dr. Eva Mattusch vor Gericht mit roten Boxhandschuhen vorzustellen. Ich sah sie vor mir, wie sie dem Richter die Faust entgegenstreckte und ihm prompt die Perücke verrutschte. Trugen Richter heutzutage noch Perücken?

Einen Schluck Espresso hatte ich noch. Konzentriert trank ich ihn. Drehte die Tasse nicht um. Ab jetzt ging es um Seriosität.

So beiläufig wie möglich fragte ich:

„In welcher Angelegenheit?“

Eva wartete eine Weile, dann machte sie eine Art Robert-De-Niro-Gesicht und zeigte mit dem Finger auf mich.

„Sie sind gut! Aber Sie glauben doch nicht, dass ich Ihnen das erzähle.“

„Natürlich nicht.“

Sie musterte mich ein paar Sekunden. Schien mit sich zu ringen.

„Also gut“, sagte sie schließlich. „Nur, damit hier keine falschen Vorstellungen aufkommen. Es war weit weniger dramatisch, als Sie denken. Ich war seine Scheidungsanwältin.“

„Seine was?“

„Hat er Ihnen nie von seiner Scheidung erzählt?“

„Nein.“

„War eine ziemlich langwierige Sache. Hat ihn sehr mitgenommen.“

Vor mir hatte er das gut verborgen. Dafür war ich ihm jetzt dankbar. Und dennoch: Vielleicht hätte ich ihm ja helfen können? Es gab Zeiten, da haben wir auch über persönliche Dinge geredet. Da war sie wieder, die leichte Melancholie, die mich befiel, wenn ich an unsere Vergangenheit dachte. Und die Wut über die Gegenwart.

„Überzeugt Sie meine Antwort nicht?“

„Doch, schon. Ich wundere mich nur, weil …“

„Weil?“

Ich zögerte.

„Herbert hat mir gegenüber angedeutet, dass Sie ihm einen Gefallen schuldig seien.“

Das war zu viel, ich registrierte es sofort. Augenblicklich schämte ich mich.

Doch Eva legte nur den Kopf ein wenig schief und begann zu lachen.

„Das kommt vor. Er verwechselt manchmal die Personalpronomina.“

Ich lachte mit und bewunderte sie im Stillen dafür, wie sie die peinliche Situation gerettet hatte.

Das Übliche war ein riesiger Erdbeerbecher, den der Ober vor Eva auf den Tisch stellte.

„Also, fangen wir an.“ Sie nahm den langen Eislöffel und begann genüsslich, das Schlagobers Schicht für Schicht abzutragen.

„Sie haben sicher auch Fragen, die meine Klientin betreffen.“

„Ich verstehe so vieles nicht. Diese Frau, Jelena Karpova, hat doch gestanden, ihren Kollegen erstochen zu haben.“

„So ist es.“ Eva schob sich eine große Erdbeere in den Mund.

„Und Sie sind angetreten, sie zu verteidigen.“

Sie nickte.

„Aber was ist Ihre Strategie? Ich meine, wenn sie sich schuldig bekennt, worauf plädieren Sie? Mildernde Umstände?“

„Es gibt viele Ungereimtheiten. Sie weigert sich strikt, über ihre Motive zu sprechen. Ich habe schon mehrmals auf sie eingeredet, ihr erklärt, dass sie dem Gericht sagen muss, wenn sie erpresst wurde oder sich bedroht gefühlt hat. Doch sie schweigt. Was bleibt, sind die Widersprüche zwischen Indizien und Geständnis.“

„Vielleicht, weil es nichts dergleichen gegeben hat? Nur einen kaltblütigen Mord?“

Eva schnappte sich den Strohhalm und sog die letzten Tropfen Erdbeerlikör aus dem Becher.

„Dieser Frau traue ich nicht einmal zu, eine Ratte abzustechen.“

„Doch aus welchem Grund sollte sie für eine Tat, die sie nicht begangen hat, freiwillig für Jahrzehnte ins Gefängnis gehen?“

Den Becher drehte Eva nicht um, sie schob ihn einfach von sich weg.

„Das genau versuche ich herauszufinden.“

„Und welches Interesse haben Sie, mich da mit hineinzuziehen?“

„Sie kennen doch Herbert und seinen berühmten Riecher für große Geschichten?“

„Mehr als mir lieb ist.“

„Nun, Jelena Karpova ist eine Koryphäe auf ihrem Gebiet. Ein Wunderkind. Sie war bei der Entdeckung des Higgs-Teilchens dabei und ihre Publikationen werden weltweit zitiert.“

„Und wie komme ich da ins Spiel?“

„Herbert meint, Sie seien ein ausgezeichneter Wissenschaftsredakteur. Weder der Untersuchungsrichter noch ich verstehen etwas von Karpovas Fachgebiet. Wir können gar nicht die richtigen Fragen stellen.“

„Aber offensichtlich geht es doch nicht um die richtigen Fragen. Sie will keine Antworten geben, das ist das Problem.“

Eva massierte mit Daumen und Zeigefinger ihre Augenlider.

„Sie haben natürlich recht: Es ist gut möglich, dass wir gar nichts erreichen.“

„Sag ich doch.“

Sie hob den Kopf und schaute mich an:

„Aber versuchen müssen wir es. Es ist mein Job, ihr zu helfen. Und Sie sind meine letzte Option.“

„Weshalb ausgerechnet ich?“

„Ich habe viel versucht. Verschiedene Wege, die üblichen Methoden. Ohne Erfolg. Jetzt hege ich die Hoffnung, dass wir hinter die Wahrheit dieses Falls gelangen, wenn wir mit Jelena auf einer fachlichen Ebene in Verbindung treten können.“

„Sie überschätzen mich.“

„Kann schon sein. Den Versuch ist es mir wert.“

„Warum will sie überhaupt mit mir reden?“

„Das wissen wir ja noch nicht.“

Ich verstand nicht.

„Warum wissen wir –“

„Ich habe sie noch nicht gefragt. Ich brauche natürlich ihre Einwilligung.“

„Sie haben sie noch nicht … Ich dachte, sie hat schon …“

„Zugestimmt? Nein. Ich wollte zuerst Sie kennenlernen.“

Ich begriff nur langsam, wie meistens.

„Dann war unser Gespräch also eine Art Prüfung?“

„Wenn Sie so wollen. Und ob es Ihnen gefällt oder nicht: Sie haben bestanden.“

„Und wenn der Prüfling gar nicht bestehen will?“

„Kommen Sie, Sie müssen doch zumindest ein bisschen neugierig sein. Sonst würden Sie gar nicht hier sitzen.“

„Ich sitze hier“, sagte ich trotzig, „weil meine Zeitung mich dazu gezwungen hat.“

Eva seufzte und schaute auf ihre Armbanduhr. Ich versenkte mich in die Betrachtung der gefiederten Schlange. Eine ungewöhnliche Arbeit. Sehr realistische Farben. Die Musterung des Körpers könnte einer Boa Constrictor nachempfunden sein. Die Flügel schillerten in Indigoblau, durchsetzt mit Türkisen …

Da war sie verschwunden, die Schlange.

Eva hatte sich ihre Jeansjacke wieder angezogen. Jetzt stand sie auf.

„Also gut. Ich habe es zumindest versucht. Ich werde Herbert berichten, dass Sie nicht mit mir zusammenarbeiten möchten. Und dass wir unsere Idee daher vergessen müssen.“

Ich hätte mich nun ganz einfach erheben können, ihr die Hand schütteln und ein paar Entschuldigungsformeln murmeln – schon wäre dieser Kelch an mir vorübergegangen. Den Wutausbruch von Herbert Schiller hätte ich entspannt über mich ergehen lassen, darin hatte ich Übung.

Aber nein. Stattdessen sagte ich:

„Moment … warten Sie …“

Blitzschnell saß Eva wieder am Tisch.

„Ich höre.“

Es dauerte ein wenig, bis ich mich gesammelt hatte. Als ich ihr antworten wollte, fühlte es sich an, als hätte Evas Boa Constrictor ihren Schwanz um meine Kehle gewickelt. Ich hustete die Schlange weg.

„Also gut. Sie haben mich überredet.“

Eva umfasste mit beiden Händen meine Ellenbogen. Sie strahlte mich an. Es war gut für mein seelisches Gleichgewicht, dass ich in diesem Moment ganz sicher sein durfte, dass ihre Freude nicht mir als Person galt. Sie war ohne Zweifel eine hervorragende Rechtsanwältin.

„Danke!“ Dieses Wort hatte ich lange nicht mehr gehört. Nicht in diesem Ton.

„Und wie geht es nun weiter?“

„Ich treffe Jelena Karpova morgen. Ich erzähle ihr, Sie seien ein bekannter Wissenschaftsjournalist. Was ja nicht einmal gelogen ist. Und dass Sie gar kein Interesse an ihrem Fall hätten. Vielmehr arbeiteten Sie an einem Buch über die Errungenschaften des CERN. Oder über die Entdeckung des Higgs-Teilchens. Da richte ich mich ganz nach Ihnen.“

„Ich bin nur Journalist. Mit dem Fachwissen dieser Frau kann ich keine Sekunde lang mithalten.“

Erst jetzt zog Eva ihre Hände zurück.

„Sie machen das schon.“

Sie winkte dem Kellner und zahlte. Für uns beide. Mein Protest wurde abgeschmettert.

Ich blieb sitzen, als sie ging. Am Ende des Gastgartens drehte sie sich noch einmal um.

„Ich habe übrigens auch ein Hobby“, rief sie. „Vielleicht erzähle ich Ihnen einmal davon.“

SIEBEN

Herbert musste hervorragend geschlafen haben, sein Gesicht wirkte entspannt, beinahe fröhlich, als er frühmorgens bei mir hereinschneite.

„Wie war’s?“, fragte er noch im Stehen.

„Du hast ja blendende Laune“, antwortete ich. „Was ist passiert?“

„Ich habe immer gute Laune. Ist dir das noch nie aufgefallen? Also, wie ist es gelaufen?“

„Falls du das Treffen mit Frau Dr. Mattusch meinst: Es war mehr ein Test als ein Gespräch.“

„Und, bist du durchgefallen?“

„Nein.“

Herbert klopfte mir auf die Schulter und setzte sich hin.

„Ich wusste es!“

„Ich hingegen wusste einiges nicht. Zum Beispiel, dass sie deine Scheidungsanwältin war.“

Herberts Schultern bewegten sich nach vorne, die Fröhlichkeit verschwand aus seinem Gesicht.

„Das hat sie also ausgeplaudert.“

Ich war auf Ärger vorbereitet gewesen, aber ich sah nur eine tiefe Traurigkeit.

„Ich vermute“, sagte ich vorsichtig, „sie wollte nur verhindern, dass ich auf falsche Gedanken komme.“

„Falsche Gedanken?“ Herberts Stimme klang wie von weit her.

„Nicht so wichtig. Herbert, warum hast du mir nie von deiner Scheidung erzählt? Vielleicht hätte ich dir –“

„Was hättest du“, unterbrach er mich. „Mir helfen, meinst du das? Für dich bin ich doch nur ein übler Karrierist, der dem Chef … den Speichel leckt.“

Ein schwieriger Moment für die Wahrheit. Doch dreist lügen wollte ich auch nicht.

„Das auch“, sagte ich. „Manchmal. Aber nicht immer.“

„Wie großzügig von dir.“ Eine Stimme wie eine Tafel Bitterschokolade.

„Herbert, es war nicht meine Absicht –“

Auch diesen Satz konnte ich nicht zu Ende sprechen. Herbert zog seine Schultern wieder nach oben und schaute mich an.

„Wir waren einmal Freunde, erinnerst du dich?“

„Natürlich“, sagte ich so herzlich wie ich konnte. „Aber seitdem ist Vieles passiert. Du hast dich –“

„… in einen Opportunisten verwandelt und bist zum Feind übergelaufen. Ist es in etwa das, was du mir vorwirfst?“

Ziemlich exakt, war ich versucht zu sagen, aber das war nicht der richtige Zeitpunkt.

„Nein, Herbert, so würde ich das nicht nennen. Es ist nur …“

Ich stockte.

Herbert erhob sich langsam, jede Bewegung schien ihn zu schmerzen.

„Könnte es nicht sein“, sagte er leise, „dass du dich einfach von mir abgewandt hast, weil ich deinen hohen moralischen Standards nicht mehr genügt habe? Dass deine unerschütterliche Selbstgefälligkeit ein Urteil über mich gesprochen hat? Verbannung aus meinem edlen Freundeskreis, so lautete die Strafe, nicht wahr?“

„Herbert, bitte –“ Ich stand auf, legte meine Hände auf seine Oberarme, versuchte ihn zurückzuhalten, doch er entzog sich meiner Berührung, drehte sich um und verließ mein Büro.

Wieder allein, noch aufgewühlt von der Auseinandersetzung mit Herbert, setzte ich mich an meinen Computer und recherchierte über die neuesten Errungenschaften am CERN, um mir bei der Unterhaltung mit Jelena keine allzu offensichtlichen Blößen zu geben. Weit kam ich nicht: Bei einem Foto blieb ich hängen. Es zeigte das Cover des Buches Inside CERN, eines Fotobands von Andri Pol.

Ein enges, auf den ersten Blick funktional eingerichtetes Büro. Die meisten Gegenstände sind weiß oder beige: Regale, Tische, Röhren, der Heizkörper. Nur die heruntergelassenen Jalousien leuchten in einem im Verhältnis zur Umgebung fast schon schreienden Hellblau. Drei prall gefüllte Regale: Unmengen Papier, darunter ein futuristischer Drucker. Was die weiteren Objekte betrifft, kann der Laie nur ahnen, worum es sich handelt. Ein silbernes Kästchen in zwei Teilen, dahinter ein Gerät, in dem etwas wie ein Griff mit angeschlossenem Kabel steckt. Arbeitet man hier mit Lötkolben? Auf dem zweiten Regal klebt ein Post-It, leider unlesbar. Geheimnisvolle Glasquadrate, an der Seite eine Reihe Steckdosen. Im dritten das nicht mehr definierbare Chaos, eine aufgerissene Schachtel mit herausgerutschten länglichen Quadern – Mini-Teilchenbeschleuniger oder doch verpackte Nespresso-Kapseln? Noch ein offener Karton, aus dem Kabel kriechen, ineinander verschlungen, ein Hochzeitstanz von weißen und schwarzen Nattern.

Das Zentrum des Bildes jedoch, oder besser: seine rechte Hälfte, zeigt einen Mann. Mit kurzen Hosen und einem Polo-Shirt, das Tausende Waschgänge überstanden haben muss. Aus dem Saum der Shorts ragen dünne, verschrumpelte Knie, abgeschnitten von der unteren Bildkante. Der Schädel des Mannes ist kahl, doch hinter seinen Ohren, einmal um den Kopf herum, verläuft ein buschiger Kranz aus weißem Haar. Und er trägt einen imposanten Vollbart, zerrupft und eisfarben wie die Gesichtshaare des Yeti auf den gefälschten Fotografien.

Soweit zum äußeren Erscheinungsbild.

Doch was mich ergriff, war eine Bewegung, die Andri Pol eingefangen hatte (einer dieser Momente, von denen alle Fotografen träumen). Eine Geste des Mannes, beide Arme weg vom Körper gerichtet, die Handflächen nach oben gewandt, die Daumen abgespreizt. Die wohlbekannte Haltung, die in etwa ausdrückt:

Was soll das?

Kann mir jemand das erklären?

What the fuck – ?

Oder, in deutschen Krimiserien sehr beliebt: Was zum Teufel …?

Der Blick des Mannes, winzige Brillen mit Drahtgestell durchdringend, richtet sich auf einen Gegenstand, der als einer der wenigen auf diesem Tableau klar zu erkennen ist.

Eine Espressomaschine.

Der Mann ist Richard Kellogg, einer der wichtigsten Physiker am CMS-Projekt, das an der Entdeckung des Higgs-Teilchens beteiligt war.

Der hochdekorierte Wissenschaftler, der vor den Tücken seiner Kaffeemaschine kapituliert. Selten hat für mich ein Bild auf so verschmitzte Weise ein Phänomen zum Ausdruck gebracht, das mich mein Leben lang beschäftigt: Der Charme des Scheiterns großer Geister an kleinen Dingen. Da ich selbst keiner war, konnte ich mich diesem Zauber uneingeschränkt hingeben.

Keine halbe Stunde später entdeckte ich jedoch das gesamte Foto der Szene. Pol hatte für den Umschlag die linke Hälfte weggeschnitten, im Buch befand sich das Bild in voller Breite. Und mit einem Mal sah es aus, als betreffe Kelloggs Unmut nicht die Maschine, sondern die Tatsache, dass sich daneben ungewaschene Tassen stapeln. (Das Chaos auf den Regalen stört ihn offensichtlich nicht.) War also meine kleine Geschichte falsch und der Professor ärgert sich nur darüber, dass niemand das Geschirr gespült hat? Wie immer konnte es entscheidend sein, das vollständige Bild zu betrachten. Jedenfalls bestellte ich sofort das Buch.

Gegen Mittag rief Eva an. Ich konnte mich nicht erinnern, ihr meine Handynummer gegeben zu haben. Ihre Stimme klang aufgewühlt.

„Herr Hollaus, wir haben es geschafft! Jelena Karpova hat dem Gespräch zugestimmt.“

„Das kann ich fast nicht glauben.“

Ich freute mich, und ich freute mich nicht. Ambivalenz, wie immer.

„Doch, es ist wahr! Anfangs dachte ich, es gäbe keine Chance. Sie war abweisend, sehr in sich versunken. Ich habe ihr von Ihnen erzählt, aber sie hat nicht reagiert.“

„Kein Wunder.“

„Ich hab alles versucht. Ihr vorgeschwärmt, was für ein toller Wissenschaftsjournalist Sie sind.“

„Das wird sie Ihnen nicht abgenommen haben. Sie ist sehr intelligent.“

Ich hörte ein Lachen. „Sagen wir so: Sie war nicht sehr beeindruckt. Da hab ich es mit der kleinen Lüge probiert, dass Sie einen großen Artikel über das CERN in einer bedeutenden Zeitung planen. Und sehr an den neuesten Entdeckungen interessiert sind.“

„Aha.“

„Sie hat mich mit ihrem müden Blick angeschaut und gesagt: ‚Heutzutage interessiert sich jeder Idiot für das CERN. Und wer es nicht tut, ist erst recht einer.‘“

„Nicht schlecht. Aber Sie haben nicht aufgegeben, vermute ich.“

„Mir ist erst nichts mehr eingefallen. Dann hab ich gedacht, wenn die Notlüge nicht funktioniert, geben wir der Wahrheit eine Chance.“

„Das ist gut. Dann weiß Frau Karpova jetzt, dass ich keine Ahnung habe, worüber ich mit ihr sprechen soll. Und erleichtert bin, wenn sie ablehnt.“

In ernstem Tonfall sagte Eva: „Ich dachte, über diesen Punkt sind wir hinaus.“

„Sie haben recht. Das war nur ein kleiner Panikanfall.“

„Panik wovor? Ihnen kann doch nichts passieren.“

Ich ging in die kleine Redaktionsküche und holte mir ein Dosenbier aus dem Kühlschrank.

„Sind Sie noch da?“, fragte Eva.

„Ja.“

„Womit, glauben Sie, hab ich sie neugierig gemacht?“

„Keine Ahnung.“

„Ach, kommen Sie. Raten Sie doch einfach.“

„Mit meiner aufregenden Biografie? Geboren in Wien, lebt in Wien, stirbt bald in Wien?“

„Falsch“, sagte Eva übermütig. „Nächster Versuch!“

Wir schwiegen. Ich wollte etwas Leichtfüßiges, Geistreiches sagen, doch mir fiel nichts ein.

„Gut, dann verrate ich es Ihnen.“ Evas Stimme hörte sich an wie die eines Kindes, das einem fantasielosen Erwachsenen die Welt erklären muss.

„Sind Sie bereit?“

„Bin ich.“

„Ich habe Jelena erzählt, dass Sie an einem Buch über Tunguska arbeiten.“

„Haben Sie nicht.“

„Hab ich doch.“ Jetzt saßen wir beide in der Sandkiste.

Eva verließ sie zuerst.

„Diese Frau“, sagte sie ruhig, „die mir nie etwas anderes als ein tieftrauriges Gesicht gezeigt hatte, bekam plötzlich funkelnde Augen.“

„Aber warum?“

„Das weiß ich nicht. Sie hat nicht mehr viel gesagt. Nur, dass sie einem Treffen mit Ihnen zustimmt.“

Zu meiner eigenen Überraschung dachte ich darüber nach, was ich anziehen sollte. Diese Frage hatte ich, bevor ich Helga kennenlernte, für belanglos, ja für frevelhaft oberflächlich gehalten. Man greift in den Kleiderkasten und nimmt sich blind heraus, was sauber ist. Mehr Aufwand ist Zeitverschwendung. Als Helga in mein Leben trat und mein schlampiges Äußeres kritisierte, löste ich das Problem auf meine Weise. Ich zog an, was ihr gefiel; sie suchte die Sachen für mich aus, hängte sie in den Schrank an die Stelle, an die ich morgens immer hingriff, für mich änderte sich wenig und sie war zufrieden. Ich könnte heute nicht mehr mit Gewissheit sagen, was genau sie beanstandet hatte und warum die Anzüge, die sie mir für wichtige Anlässe verordnet hatte, mich nicht störten, doch an etwas erinnere ich mich: Meine Lederjacke, die mich durch mein Leben begleitet hatte und die sie abgefuckt nannte, zog ich so lange weiterhin an, bis Helga eines Tages ein Verdikt aussprach. Männer über fünfzig in schwarzen Lederjacken sind lächerlich. Das klang unwiderlegbar wie Newtons Gravitationsgesetz und verbannte die Jacke in den Nebenschrank (ich konnte gerade noch verhindern, dass sie sie in den Kleidercontainer der Volkshilfe warf). Das Seltsame war: Auch nach der Trennung habe ich sie nie wieder angezogen.

Und nun hob ich sie behutsam vom Haken, wischte den Staub vom Kragen und schlüpfte hinein. Weshalb? Für wen? Für eine Anwältin, die über meinen Anzug gelacht hatte? Für eine verdächtige Physikerin, deren Augen Tunguska zum Leuchten gebracht hatte? Nein, ich glaube nicht. Etwas hatte aufgehört und etwas anderes begonnen.

Am Bahnhof Linz holte mich Eva mit dem Auto ab. Sie hatte ihren kleinen roten Flitzer (keine Ahnung, welche Marke) direkt vor dem Haupteingang geparkt und winkte mir zu. Diesmal trug sie einen eleganten Hosenanzug und hochhackige Schuhe. Es war wohl für sie ein wichtiger Anlass. Sie musterte mich kurz, schmunzelte und legte ihre Hand auf meinen Oberarm. Die Jacke knisterte, wie es sein musste.

„Das mit dem goldenen Mittelweg ist nicht so Ihr Spezialgebiet, stimmt’s?“

„Aber Sie haben doch beim letzten Mal –“

„Vergessen Sie’s. War nur ein Witz. Steht Ihnen gut, die Jacke. Sie sollten sie bei Gelegenheit reinigen lassen.“

Ich roch am Innenfutter. Angenehm herber Duft, fand ich.

Auf dem Weg zum Landesgericht spürte ich ihre Nervosität. Sie fuhr unkonzentriert, rammte einmal beinahe einen Radfahrer, der uns Flüche nachschickte. Sie schien nichts davon mitzubekommen.

Vor dem Haupteingang blieb sie stehen und schaute mich von der Seite an.

„Herr Hollaus, ich wünsche Ihnen und Jelena viel Glück.“

„Danke.“

„Sie kennen die Regeln?“

„Ich denke schon. Kein Wort über die Tat. Keine Erwähnung des Opfers.“

Eva nickte. „Wenn sie nur vage spürt, dass Sie etwas über diese Nacht herausbekommen wollen, bricht sie auf der Stelle ab.“

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