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Wilfried Kürschner

Grammatisches Kompendium

Systematisches Verzeichnis grammatischer Grundbegriffe

A. Francke Verlag Tübingen

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© 2018 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

ePub-ISBN 978-3-8463-4693-8

Inhalt

  Vorwort

 1 Semiotik: Lehre vom Zeichen1.1 Das sprachliche ZeichenEigenschaften des sprachlichen Zeichens:Beziehungen zwischen sprachlichen Zeichen:1.2 Differenzierung des Sprachbegriffs

 2 Semantik: Lehre vom Inhalt2.1 Ausdrucks-Inhalts-Beziehungen zwischen Zeichen2.2 Zur Beschreibung der Inhaltsseite2.3 Beziehungen zwischen Zeicheninhalten2.4 Bedeutungsübertragung und Bedeutungswandel

 3 Graphemik: Lehre von der Schreibung3.1 Existenzweisen der Sprache3.2 Zur Beschreibung der Graphie

 4 Phonologie: Lehre von der Lautung4.1 EinzellauteVokaleKonsonantenAkzent4.2 Lautkombinationen und Lautprozesse4.3 Lautentwicklungen in der deutschen SprachgeschichteIm Althochdeutschen und beim Übergang zum Mittelhochdeutschen:Im Mittelhochdeutschen:Beim Übergang vom Mittelhochdeutschen zum Frühneuhochdeutschen/Neuhochdeutschen:

 5 Morphologie: Lehre vom Bau der Wörter5.1 Allgemeines5.2 Zur Beschreibung der Allomorphik im Deutschen5.3 Typen von MorphemenNach der Bedeutung/Funktion:Nach dem Vorkommen/der Selbstständigkeit:Spezialfälle:5.4 Zur Beschreibung von Wortformen5.5 Morphologische Wortbildungslehre

 6 Wortartenlehre6.1 AllgemeinesZum Wortbegriff:Veränderliche Wortarten:Wortartenübergreifende Erscheinungen:6.2 Verb6.2.1 Funktionsklassen6.2.2 Wortformen6.2.2.3 Bau der Konjugationsformen6.2.3 Syntaktische Klassen6.3 SubstantivWortformen6.4 ArtikelFunktionsklassen6.5 PronomenFunktionsklassen6.6 Adjektiv6.6.1 Wortformen6.6.2 Syntaktische Klassen6.6.3 Zahladjektive6.7 Adverb6.7.1 Bedeutungsklassen6.7.2 Funktionsklassen6.8 PartikelFunktionsklassen6.9 Präposition6.9.1 Syntaktische Klassen6.9.2 Bedeutungsklassen6.10 Konjunktion6.10.1 Bedeutungsklassen6.10.2 Funktionsklassen6.11 Interjektion

 7 Syntax: Lehre vom Satz7.1 PhrasenTypen von Verbphrasen nach der Anzahl der Wortformen:Typen von Verbphrasen nach der Finitheit:Typen von Verbphrasen nach der Modalisierung:Typen von Teilsatz-Phrasen nach der Satzform:Typen von Teilsatz-Phrasen nach der Einleitung:Typen von Teilsatz-Phrasen nach der Stellung relativ zum Trägersatz:Satzkonstituenten, Satzteile, Phrasenteile7.2 Satzteile7.2.1 Prädikat7.2.2 Satzglied7.2.3 Satzbestimmung7.2.4 Korrelat7.2.5 Parenthese7.2.6 Absolutelement7.2.7 Satzverknüpfung7.3 Phrasenteile7.3.1 Nukleus, Spezifizierung, Attribut7.3.2 Komparationsbestimmung7.3.3 Phrasenverknüpfung7.4 Satzstellungsformen, Satzarten7.5 Feldgliederung (Wortstellung/Stellungsfelder)Abwandlung der Grundwortstellung:7.6 SatzfügungZur Beschreibung von Satzgefügen:Zur Beschreibung von Satzreihen = Satzreihungen:7.7 Satzäquivalente

 8 Textgrammatik8.1 Allgemeines: Text, Texthaftigkeit8.2 Textverknüpfung8.2.1 Kohäsion8.2.2 Kohärenz8.3 Textthema8.3.1 Allgemeines8.3.2 Themenentfaltung8.4 Sprach- und Textfunktionen8.4.1 Sprachfunktionen8.4.2 Textfunktionen8.5 Textsorten8.6 Nichtsprachliche Mittel8.7 Kommunikationssituation

 9 Orthographie: Lehre von der normgerechten Schreibung9.1 Domänen, Gebiete, Bereiche der Orthographie9.2 Orthographische Prinzipien9.2.1 Lautprinzip9.2.2 Stammprinzip9.2.3 Wortklassenprinzip9.2.4 Herkunftsprinzip9.2.5 Unterscheidungsprinzip9.2.6 Satzbauprinzip9.2.7 Ästhetisches Prinzip9.2.8 Textprinzip9.3 Orthographische Felder9.3.1 Laut-Buchstaben-Zuordnungen9.3.2 Wortauszeichnung9.3.3 Wortgliederung9.3.4 Zeichensetzung: Kommasetzung

  Anhang Vorbemerkung 1. Lautlehre, Rechtschreibung, Zeichensetzung 2. Wortlehre 3. Satzlehre 4. Bedeutungslehre (Semantik)

  Literatur

  Notationszeichen

  Register

Vorwort

Der Charakter des vorliegenden Buches hat sich gegenüber den vorangegangenen Auflagen nicht verändert: Das Grammatische Kompendium nimmt eine Zwischenstellung zwischen terminologischem Wörterbuch und ausführlicher Grammatik des Deutschen ein. Anders als in den üblichen Terminologielexika unterliegt die Reihenfolge der hier aufgenommenen Termini nicht den Zufälligkeiten des Alphabets, sie werden vielmehr in sachlich-systematischen Feldern angeordnet, definiert und an Beispielen erläutert. Damit kann das Kompendium auch als eigenständiges kurzgefasstes grammatisches Lehrbuch benutzt werden.

Eine sachlich und terminologisch harmonisierende Darstellung der vorliegenden Literatur ist, auch angesichts der zahlreichen neuen Publikationen zur deutschen Grammatik, nicht zu erreichen. Der Leser sollte daher darauf gefasst sein, im vorliegenden Buch eine weder terminologisch noch sachlich mit irgendeiner anderen Grammatik völlig übereinstimmende Darstellung vorzufinden. Es dominieren hier die Vorstellungen der traditionellen und der Schulgrammatik, verbunden mit Elementen aus der Valenzgrammatik. Insofern kommt das Kompendium in den Kapiteln zu Wortarten und Syntax der grammatischen Begrifflichkeit in Schullehrbüchern, in Schulgrammatiken und in dem (im Anhang abgedruckten) »Verzeichnis grundlegender grammatischer Fachausdrücke« der Kultusministerkonferenz (1982), auf das sich die Schulbücher zu stützen haben, entgegen, ohne sie in jeder Hinsicht zu teilen.

Die vorliegende 7. Auflage des Grammatischen Kompendiums unterscheidet sich von der vorangehenden Ausgabe hauptsächlich von der äußeren Aufmachung her, inhaltlich nur in geringem Maß. Es waren einige (wenige) Versehen zu korrigieren, die immer noch stehengeblieben waren und auf die mich Studenten und Kollegen freundlicherweise aufmerksam gemacht haben. Außerdem wurden einige sachliche Zusätze und Modifikationen vorgenommen und die Literaturangaben aktualisiert.

Zu danken ist Olga Gowin, Johanna Helfer und Sönke Rasche (Vechta) für wichtige Anregungen zu Textänderungen. Sebastian Kürschner (Eichstätt) hat die neue Fassung gründlich durchgesehen. Tillmann Bub vom Verlagslektorat hat die Erstellung der Neuauflage mit Sachverstand und Freundlichkeit begleitet.

Vechta, im Juni 2017 Wilfried Kürschner

Das im Folgenden häufig verwendete, hier am Rand abgebildete Icon steht für ‘Redeweise’, ‘Redewendung’ und wird vor Angaben über Wortformen grammatischer Termini (z. B. »das Genus, des Genus, die Genera«) und vor typische Redewendungen der Grammatiker (z. B. »Dieses Verb regiert den Akkusativ«) gesetzt.

Angaben zur konventionellen Notation sind mit dem nebenstehenden Stift-Icon versehen.

Auf wichtige Hinweise im Text macht ein Icon mit einem Ausrufezeichen aufmerksam.

1 SemiotikSemiotik: Lehre vom Zeichen
1.1 Das sprachliche Zeichen

Eine Sprache kann als ein System angesehen werden, in dem mithilfe von Lauten Bedeutungen zum Ausdruck gebracht werden. Das heißt, es werden ZeichenZeichen gebraucht:

1.1/1 Sprachliche ZeichenZeichensprachlichessprachliches Zeichen

Einheiten, in denen Laute/Lautfolgen bzw. ihre schriftlichen Entsprechungen mit BedeutungBedeutungen = InhaltInhalten verknüpft sind.

Als Zeichen können ganze TextTexte, SätzeSatz, Teile von Sätzen bis hinunter zu WörternWort und MorphemenMorphem betrachtet werden. Die kleinsten, minimalen ZeichenZeichen sind die MorphemMorpheme (▶ Nr. 5.1/1 und Nr. 5.1/3).

Eigenschaften des sprachlichen ZeichenZeichens:

1.1/2 BilateralitätBilateralität = ZweiseitigkeitZweiseitigkeit

Das Vorhandensein zweier Seiten, einer Ausdrucksseite und einer Inhaltsseite, die die konstitutiven Elemente eines Zeichens sind.

1.1/3 AusdrucksseiteAusdrucksseite

LautLaute/LautfolgenLautfolge bzw. deren graphische Entsprechungen (in vielen Sprachen: BuchstabeBuchstabeBuchstaben/BuchstabenfolgenBuchstabenfolge), die zum AusdruckAusdruck (Zeichen) der entsprechenden InhaltsseiteInhaltsseite dienen.

1.1/4 InhaltsseiteInhaltsseite

InhaltInhalte = BedeutungBedeutungen, die mit der AusdrucksseiteAusdrucksseite eines sprachlichen ZeichenZeichensprachlichessprachliches Zeichens verknüpft sind.

Für die Termini »AusdrucksseiteAusdrucksseite« und »InhaltsseiteInhaltsseite« sind auch die in ▶ Tabelle 1 dargestellten Alternativen gebräuchlich:


AusdrucksseiteAusdrucksseite InhaltsseiteInhaltsseite

Tabelle 1: Alternative Termini für »Ausdrucksseite« – »Inhaltsseite«

Die Termini »Bedeutung«Bedeutung und »Inhalt«Inhalt werden im Folgenden gleichbedeutend verwendet, mit »Zeichen« ist stets ‘sprachliches Zeichen’Zeichensprachliches gemeint.

1.1/5 ArbitraritätArbitrarität = BeliebigkeitBeliebigkeit

WillkürlichkeitWillkürlichkeit der Zuordnung von Inhalts- und AusdrucksseiteAusdrucksseite im ZeichenZeichen.

Beispiel:

Der stets gleiche InhaltInhalt ‘4’ ist im Deutschen mit dem AusdruckAusdruck (Zeichen) [fi<Œ] bzw. <vier>, im Englischen mit dem AusdruckAusdruck (Zeichen) [f<] bzw. <four>, im Französischen mit [katü] bzw. <quatre> und in anderen Sprachen mit nochmals anderen AusdrucksseiteAusdrucksseiten verknüpft (zwischen einfachen = halben AnführungszeichenAnführungszeichenhalbes-Anführungszeicheneinfaches-Anführungszeichen wird die Bedeutung, zwischen eckigen Klammerneckige KlammerKlammereckige die AusdrucksseiteAusdrucksseite in der LautungLautung, zwischen spitzen Klammernspitze KlammerKlammerspitzespitze Klammer die AusdrucksseiteAusdrucksseite in der SchreibungSchreibung wiedergegeben – ▶ Nr. 2.2/2, Nr. 3.2/7 und Nr. 4.1/3). Dies zeigt, dass die Zuordnung der beiden Zeichenseiten zueinander zwar konventionellkonventionell-einzelsprachlich festliegt, nicht aber »naturnotwendig«, sondern vielmehr arbiträrarbiträr = beliebigbeliebig = willkürlichwillkürlich ist: Keine Eigenschaft der InhaltsseiteInhaltsseite verlangt [fi<Œ] oder [f<] als AusdrucksseiteAusdrucksseite, umgekehrt weist kein MerkmalMerkmal dieser Ausdrücke darauf hin, dass mit ihnen die InhaltsseiteInhaltsseite ‘4’ verknüpft ist. – Ausdrücke aus Kombinationen von AusdrucksseiteAusdrucksseiten wie [fIütse<n] <vierzehn> bzw. [f<ti<n] <fourteen> sind dagegen nicht völlig arbiträr, sondern teilmotiviertmotiviertteil-teilmotiviert, insofern sie zur InhaltsseiteInhaltsseite ‘14 (= 4 + 10 bzw. 10 + 4)’ hin »durchsichtigdurchsichtig« sind. Die einzelnen Bestandteile dieser Komplexe sind jedoch für sich genommen arbiträr.

1.1/6 LinearitätLinearität

Zeitliche bzw. räumliche Aufeinanderfolge sprachlicher ZeichenZeichen und ihrer Ausdruckselemente im SyntagmaSyntagma (▶ Nr. 1.1/8).

Im KommunikationsprozessKommunikationsprozess, in der ParoleParole (▶ Nr. 1.2/3), werden die sprachlichen ZeichenZeichen in gesprochener SpracheSprachegesprochenegesprochene Sprache zeitlich, in geschriebener SpracheSprachegeschriebenegeschriebene Sprache räumlich nacheinander angeordnet, sie folgen einander gewissermaßen (wie die BuchstabeBuchstaben in einer Zeile) auf einer Linie. Dies betrifft sowohl die an der Bildung einer RedeketteRedekette beteiligten jeweiligen ZeichenZeichen als Ganze wie auch die Elemente ihrer AusdrucksseiteAusdrucksseiten, die LautLaute bzw. BuchstabeBuchstaben, die nicht zugleich, sondern nacheinander produziert werden.

Beziehungen zwischen sprachlichen ZeichenZeichen:

1.1/7 Syntagmatische BeziehungBeziehungsyntagmatischesyntagmatische Beziehung

Beziehung, die zwischen mindestens zwei ZeichenZeichen herrscht, die miteinander in der RedeketteRedekette verknüpft werden.

Beispiel:

In der Kette die Leiter an der Wand stehen die ZeichenZeichen die und Leiter und an und der und Wand in syntagmatischer Beziehung zueinander. Solche Zeichenverbindungen bilden SyntagmaSyntagmen:

1.1/8 SyntagmaSyntagma

Geregelte Verbindung von mindestens zwei ZeichenZeichen.

Nicht jede Aneinanderreihung sprachlicher ZeichenZeichen stellt ein SyntagmaSyntagma dar, z. B.: *an der die Leiter Wand. Der Aufbau von SyntagmenSyntagma gehorcht vielmehr Regeln, die in der SyntaxSyntax (▶ Kapitel 7) beschrieben werden.

Ein SternchenSternchen = Asterisk(us)Asterisk(us): »*«, das/der vor sprachliche Formen gesetzt wird, zeigt an, dass diese nicht regelgerecht gebaut, sondern ungrammatisch, unzulässig (in der historischen Sprachwissenschaft: nicht in Texten belegt) sind.

das SyntagmaSyntagma, des SyntagmaSyntagmas, die Syntagmen od. SyntagmaSyntagmata (Betonung auf -tag-)

1.1/9 Paradigmatische BeziehungBeziehungparadigmatischeparadigmatische Beziehung

Beziehung, die zwischen mindestens zwei ZeichenZeichen herrscht, die gegeneinander ausgetauscht werden können.

Beispiel:

In dem SyntagmaSyntagma die Leiter an der Wand könnte statt des Zeichens die das ZeichenZeichen eine, statt Leiter das ZeichenZeichen Uhr oder Zeichnung usw., statt an das ZeichenZeichen auf oder hinter oder über usw., statt der das ZeichenZeichen einer oder mancher oder dieser oder jener usw. gewählt werden. Es ergäben sich dann jeweils neue SyntagmaSyntagmen.

ZeichenZeichen, die sich gegenseitig ersetzen lassen, bilden ein Paradigma:

1.1/10 ParadigmaParadigma

Menge/Klasse von ZeichenZeichen, die gegeneinander ausgetauscht werden können.

Über diesen engeren, nur die Austauschbarkeit von ZeichenZeichen als Ganzen betreffenden Paradigmenbegriff hinaus gibt es eine weiter greifende Auffassung von »Paradigma«Paradigma sowie die klassische Auffassung (Paradigma = FlexionsformFormFlexions-Flexionsformen eines Wortes bzw. FlexionsmusterMusterFlexions-Flexionsmuster, ▶ Nr. 6.1/7). Nach der weiteren Auffassung stehen nicht nur ZeichenZeichen, wie bei der vorangehenden Nr. 1.1/9 beschrieben, in paradigmatische Beziehungparadigmatischer Beziehung zueinander, sondern auch die Glieder von WortfamilieWortfamilien wie binden, Band, Binde, Gebinde, Bund, bündeln, bündig, Binder, bei denen keine durchgängige gegenseitige Ersetzbarkeit an einer bestimmten Position eines SyntagmaSyntagmas vorliegt (z. B. können die Verben binden und bündeln nicht das Adjektiv bündig, dieses nicht die Substantive Band, Binde, Gebinde, Bund, Binder ersetzen).

Darüber hinaus können auch Elemente von Zeichenausdrucksseiten, nämlich LautLaute (bzw. BuchstabeBuchstaben), in paradigmatischer Beziehungparadigmatische Beziehung zueinander stehen. So bildet etwa die Menge aller LautLaute, die im AnlautAnlaut, im InlautInlaut oder im AuslautAuslaut von Wörtern vorkommen bzw. dort nicht vorkommen können, jeweils ein ParadigmaParadigma (z. B. können im AnlautAnlaut deutscher Wörter alle LautLaute stehen, nur nicht die LautLaute [N] (wie in eng), [x] (wie in ach) und [s] (wie in heiß), im InlautInlaut können alle LautLaute stehen, nur nicht der LautLaut [h] (wie in halt) usw.).

das Paradigma, des Paradigmas, die Paradigmen od. Paradigmata (Betonung auf -dig-)

1.2 Differenzierung des Sprachbegriffs

Der alltagssprachliche Ausdruck Sprache Sprachbegriffist mehrdeutig. Im Folgenden werden einige Begriffe zur Erfassung der unterschiedlichen Aspekte, unter denen der Gegenstand Sprache betrachtet werden kann, aufgeführt.

1.2/1 LangageLangage

Menschliche SprachfähigkeitSprach- und SprechfähigkeitSprechfähigkeit und RedetätigkeitRedetätigkeit überhaupt.

der/die LangageLangage, des/der LangageLangage (Plural nicht gebräuchlich, Aussprache: [lA=Èga<Z])

1.2/2 LangueLangue = SprachsystemSprachsystem

Abstraktes System von ZeichenZeichen und Regeln einer Einzelsprache.

die LangueLangue, der LangueLangue, die Langues (Aussprache: [lA=<g])

1.2/3 ParoleParole = RedeRede = SprachverwendungSprachverwendung

Konkretes, individuelles SprechenSprechen auf der Basis des zugrundeliegenden ZeichenZeichen- und Regelsystems der LangueLangue = des SprachsystemSprachsystems.

die ParoleParole, der ParoleParole (Plural nicht gebräuchlich, Aussprache: [paÈül])

Diese Begriffe (sowie die übrigen oben erwähnten das ZeichenZeichen betreffenden Begriffe) gehen auf Ferdinand de Saussure zurück (1857–1913, postum erschienenes Hauptwerk: »Cours de linguistique générale«, 1916). Noam Chomsky (geb. 1928) hat unter Rückgriff auf diese Begriffe die Unterscheidung von KompetenzKompetenz und PerformanzPerformanz eingeführt:

1.2/4 KompetenzKompetenz

Wissen eines »idealen Sprecher-HörerSprecher-Höreridealer Sprecher-Hörers« von seiner Sprache, dem InventarInventar ihrer Elemente und ihren Verknüpfungsregeln; Fähigkeit des Sprecher-Hörers, auf dieser Grundlage eine unbegrenzte Zahl von Äußerungen zu bilden und zu verstehen.

1.2/5 PerformanzPerformanz

Gebrauch der Sprache, ihre konkrete Realisierung in Äußerungen, die in einer bestimmten Situation von einem bestimmten Sprecher produziert und von einem bestimmten Hörer rezipiert werden.

Ebenfalls auf de Saussure geht die Unterscheidung von SynchronieSynchronie und DiachronieDiachronie zurück:

1.2/6 SynchronieSynchronie

SprachzustandSprachzustand innerhalb eines bestimmten (kurzen) Zeitraums.

1.2/7 DiachronieDiachronie

Geschichtliche Entwicklung einer Sprache.

Untersuchungen, die einen SprachzustandSprachzustand (etwa das AlthochdeutschAlthochdeutsche, das MittelhochdeutschMittelhochdeutsche, das GegenwartsdeutschGegenwartsdeutsche usw.) zum Gegenstand haben, heißen synchronsynchron oder synchronischsynchronisch (»Querschnittsuntersuchungen«). Entsprechend heißen auf die geschichtliche Entwicklung einer Sprache gerichtete Untersuchungen diachrondiachron oder diachronischdiachronisch (»Längsschnittuntersuchungen«).

2 SemantikSemantik: Lehre vom InhaltInhalt
2.1 Ausdrucks-Inhalts-Beziehungen zwischen Zeichen

Die Beziehungen zwischen AusdrucksAusdrucksseite- und InhaltsseiteInhaltsseite(n) von ZeichenZeichen können unterschiedlich beschaffen sein:

 gleiche Inhalte – unterschiedliche Ausdrücke (SynonymieSynonymie = BedeutungsgleichheitBedeutungsgleichheit),

 gleiche Ausdrücke – unterschiedliche Inhalte (AmbiguitätAmbiguität = Mehrdeutigkeit):

2.1/1 SynonymieSynonymie = BedeutungsgleichheitBedeutungsgleichheit

Verhältnis zwischen zwei (oder mehr) ZeichenZeichen, deren InhaltsseitenInhaltsseite gleich, deren AusdrucksseiteAusdrucksseiten aber verschieden sind.

Beispiele:

Sonnabend – Samstag

Linguistik – Sprachwissenschaft

Metzger – Fleischer – Fleischhauer – Schlachter

Karls Buch – das Buch von Karl

Adam liebt Eva – Eva wird von Adam geliebt

die Synonymie, der Synonymie, die Synonymien (Betonung auf -mie, Trennung: Syn-ony-mie oder Sy-no-ny-mie)

das Synonymsynonym/Synonym, des Synonyms, die Synonyme (Betonung auf -ny(m)-) – Adjektiv: synonymsynonym/Synonym

(Die Zeichen/Wörter) Sonnabend und Samstag sind synonym/sind Synonyme.

2.1/2 AmbiguitätAmbiguität = MehrdeutigkeitMehrdeutigkeit

Eigenschaft von AusdrucksseiteAusdrucksseiten, denen mehr als eine BedeutungBedeutung zugeordnet ist.

Bei Ambiguität = MehrdeutigkeitMehrdeutigkeitAmbiguität kann danach unterschieden werden,

 ob die Bedeutungen zwar voneinander verschieden, aber miteinander verwandt sind – es handelt sich dann um e i n Zeichen mit mehreren Bedeutungen; man spricht von PolysemiePolysemie (▶ Nr. 2.1/3),

 oder aber ob die unterschiedlichen Bedeutungen nicht miteinander verwandt sind – dann handelt es sich um mehrere Zeichen, deren Ausdrucksseiten gleichlautend = homonymhomonym/Homonym sind (▶ Nr. 2.1/5: HomonymieHomonymie). Im Einzelfall kann die Unterscheidung zwischen polysemen und homonymen Ausdrücken/Zeichen schwer zu ziehen sein.

die Ambiguität, der Ambiguität, die Ambiguitäten (Betonung auf -tä(t)-) – Adjektiv: ambigambigAmbiguität (Betonung auf -big)

2.1/3 PolysemiePolysemie

Eigenschaft eines Zeichens, dessen AusdrucksseiteAusdrucksseite mit mehreren, miteinander verwandten BedeutungBedeutungen verknüpft ist; ein polysemes Zeichen hat mehrere SememSememe = LesartenLesart = BedeutungsvariantenVarianteBedeutungs-Bedeutungsvariante (▶ Nr. 2.2/1).

Beispiele:

Birne ‘Frucht’ – ‘Leuchtkörper’

Pferd ‘Tier’ – ‘Turngerät’ – ‘Schachfigur’

Feder ‘Gefiederteil’ – ‘Schreibgerät’

die Polysemie, der Polysemie, die Polysemien (Betonung auf -mie)

Adjektive: polysempolysem (Betonung auf -sem), polysemantischpolysemantisch (Betonung auf -man-)

Bedeutungsangaben in halbenhalbe Anführungszeichen = einfachen AnführungszeichenAnführungszeicheneinfaches-Anführungszeichenhalbes-einfache AnführungszeichenAnführungszeichen.

2.1/4 MonosemieMonosemie

Eigenschaft eines Zeichens, dessen Ausdrucksseite mit nur einer Bedeutung verknüpft ist.

Beispiele:

Kugelschreiber, beige

die Monosemie, der Monosemie (Plural nicht gebräuchlich, Betonung auf -mie)

Adjektiv: monosemmonosem (Betonung auf -sem), monosemantischmonosemantisch (Betonung auf ‑man-)

2.1/5 HomonymieHomonymie

Beziehung zwischen zwei (oder mehr) ZeichenZeichen, deren AusdrucksseiteAusdrucksseiten gleich sind, deren InhaltsseiteInhaltsseiten aber voneinander unterschieden und miteinander nicht verwandt sind.

Beispiele:

Bank ‘Sitzgelegenheit’ –Bank ‘Geldinstitut’; keine Homonymie im Plural: Bänke – Banken

Bremse ‘Bremsvorrichtung’ –Bremse ‘Stechfliege’

kosten ‘wert sein’ –kosten ‘probieren’

en ‘Infinitiv’ (wie inleb-en) – en ‘Plural’ (wie inFrau-en)

alte Männer und Frauen ‘alte Männer und alte Frauen’ –alte Männer und Frauen ‘Frauen und alte Männer’

Dann wurde der Brief von Klaus verlesen ‘Dann wurde der Brief, der von Klaus stammte, verlesen’ –Dann wurde der Brief von Klaus verlesen ‘Dann verlas Klaus den Brief, der von x stammte’

die Homonymie, der Homonymie, die Homonymien (Betonung auf ‑mie, Trennung: Hom-ony-mie oder Ho-mo-ny-mie)

das Homonymhomonym/Homonym, des Homonyms, die Homonyme (Betonung auf -ny(m)-) – Adjektiv: homonymhomonym/Homonym

(Die Zeichen/Wörter) Bremse und Bremse sind homonym/sind Homonyme.

Hinsichtlich der ExistenzweisenExistenzweise der Sprache (gesprochene Sprachegesprochene und geschriebene SpracheSprachegeschriebeneSprachegesprochenegeschriebene Sprache, ▶ Nr. 3.1/1) lässt sich innerhalb der Homonymie folgende Unterscheidung treffen:

2.1/6 HomophonieHomophonie

Beziehung zwischen zwei (oder mehr) homonymen ZeichenZeichen mit lautlich gleichen, aber orthographischOrthographie unterschiedlichen AusdrucksseiteAusdrucksseiten.

Beispiele:

Moor – Mohr

beten – Beeten

Arm – arm

die Homophonie, der Homophonie, die Homophonien (Betonung auf -nie, Trennung: Ho-mo-pho-nie)

das Homophonhomophon/Homophon, des Homophons, die Homophone (Betonung auf -pho(n)-) – Adjektiv: homophonhomophon/Homophon

(Die Zeichen/Wörter) Moor und Mohr sind homophon/sind Homophone.

2.1/7 HomographieHomographie

Beziehung zwischen zwei (oder mehr) homonymen ZeichenZeichen mit orthographischOrthographie gleichen, aber lautlich unterschiedlichen AusdrucksseiteAusdrucksseiten.

Beispiele:

Montage ‘mehrere erste Tage der Woche’ –Montage ‘das Montieren’

Druckerzeugnis ‘gedrucktes Erzeugnis’ –Druckerzeugnis ‘Zeugnis eines Druckers’

umfahren ‘zu Fall bringen’ – umfahren ‘um … herumfahren’

die Homographie, der Homographie, die Homographien (Betonung auf -phie, Trennung: Ho-mo-gra-phie)

das Homographhomograph/Homograph, des Homographs, die Homographe (Betonung auf -gra(ph)-) – Adjektiv: homographhomograph/Homograph

(Die Zeichen/Wörter) Montage und Montage sind homograph/sind Homographe.

2.2 Zur Beschreibung der InhaltsseiteInhaltsseite

2.2/1 SememSemem

BedeutungBedeutung = InhaltInhalt eines ZeichenZeichens; im Fall von MehrdeutigkeitMehrdeutigkeit = AmbiguitätAmbiguität (▶ Nr. 2.1/2): eine der BedeutungBedeutungen = einer der InhaltInhalte = eine der LesartLesarten = eine der BedeutungsvariantenVarianteBedeutungs-Bedeutungsvariante eines Zeichens.

Beispiel:

Mit der AusdrucksseiteAusdrucksseite Birne sind drei Sememe = Lesarten = Bedeutungsvarianten verbunden: 1. ‘Frucht des Birnbaums’, 2. ‘Leuchtkörper’ , 3. ‘Kopf’ (umgangssprachlich).

das SememSemem, des SememSemems, die SememSememe (Betonung auf -me(m)-)

2.2/2 Semantisches MerkmalMerkmalsemantischessemantisches Merkmal = SemSem

Kleinstes Bedeutungselement, Baustein eines SememSemems.

Beispiel:

Die BedeutungBedeutungen = InhaltInhalte = SememSememe der ZeichenZeichen Mann, Junge und Ochse haben das semantische Merkmal = das SemSem ‘männlich’ gemeinsam, Mann und Junge außerdem das semantische Merkmal ‘Mensch’. Mann und Junge unterscheiden sich hinsichtlich des Wertes des semantischen Merkmals ‘erwachsen’ voneinander (‘+erwachsen’/[+erwachsen] bzw. ‘−erwachsen’/[−erwachsen], lies: »plus erwachsen« bzw. »minus erwachsen«), von beiden unterscheidet sich das SememSemem von Ochse durch das semantische Merkmal ‘Rind’, das anstelle von ‘Mensch’ vorhanden ist.

Angaben zu SememSememen und semantischen Merkmalensemantisches Merkmal stehen in halben AnführungszeichenAnführungszeichenhalbes-, semantische Merkmale auch in eckigen KlammernKlammereckigeeckige Klammer.

2.2/3 DenotationDenotation = denotative BedeutungBedeutungdenotativedenotative Bedeutung

Konstante begriffliche Grundbedeutung eines Zeichens.

2.2/4 KonnotationKonnotation = konnotative BedeutungBedeutungkonnotativekonnotative Bedeutung

Zur denotativen Bedeutungdenotative Bedeutung eines Zeichens hinzutretende semantische MerkmaleMerkmalsemantischessemantisches Merkmal, die die Grundbedeutung begleiten, sie überlagern und ihr Emotionalität, Einschätzung und Bewertung verleihen; BegleitvorstellungBegleitvorstellung.

Beispiele:

sterben (konnotationsfrei) –abkratzen ‘sterben, elend’ – verscheiden ‘sterben, in Würde’

Pferd (konnotationsfrei) – Gaul ‘Pferd, abwertend’

2.2/5 DesignatDesignat

Klasse von außersprachlichen Objekten (Gegenständen, Verhältnissen, Eigenschaften, Sachverhalten), auf die ein ZeichenZeichen oder eine Zeichenverbindung anwendbar ist.

Beispiel:

Die Menge der Steine ist das Designat des Zeichens Stein.

das Designat, des Designats, die Designate (Betonung auf -na(t)-)

2.2/6 ReferenzReferenz

In der ParoleParole = in der RedeRede (▶ Nr. 1.2/3) vorgenommene sprachliche Bezugnahme auf eine Realität, auf die wahrgenommene oder eine vorgestellte Welt, auf ein außersprachliches Objekt (einen Gegenstand, ein Verhältnis, eine Eigenschaft, einen Sachverhalt).

Beispiel:

Bei der Äußerung eines Satzes wie Der Stein glänzt wird auf einen bestimmten, konkreten Stein Bezug genommen = auf ihn referiert.

die Referenz, der Referenz (Plural nicht gebräuchlich)

Verb: referieren

2.2/7 ReferentReferent = DenotatDenotat

Das außersprachliche Objekt (ein Gegenstand, ein Verhältnis, eine Eigenschaft, ein Sachverhalt), auf das mithilfe sprachlicher Zeichen Bezug genommen wird; das, was ein Zeichen bei seiner Verwendung in der ParoleParole = in der RedeRede (▶ Nr. 1.2/3) bezeichnet.

Beispiel:

Bei der Äußerung eines Satzes wie Der Stein glänzt ist der bestimmte, in der Sprechsituation gemeinte Stein der Referent des Zeichens Stein.

der Referent, des Referenten, die Referenten

das Denotat, des Denotats, die Denotate (Betonung auf -ta(t)-)

2.3 Beziehungen zwischen Zeicheninhalten

2.3/1 Hyponymhyponym/Hyponym

ZeichenZeichen, das inhaltlich den UnterbegriffUnterbegriff eines anderen bildet. Es steht zum OberbegriffOberbegriff = zum Hyperonymhyperonym/Hyperonym = zum Supernymsupernym/Supernym (▶ Nr. 2.3/2) im Verhältnis der HyponymieHyponymie.

Beispiele:

schreiten – gehen

Rose – Blume

dunkelrot – rot

Zeichen, die gemeinsam Hyponyme eines anderen sind, sind Kohyponymkohyponym/Kohyponyme, z. B.:

Rose, Tulpe, Nelke – Blume

schreiten, trippeln, marschieren – gehen

das Hyponym, des Hyponyms, die Hyponyme (Betonung auf -ny(m-), Trennung: Hyp-onym oder Hy-po-nym)

die Hyponymie, der Hyponymie (Plural ungebräuchlich, Betonung auf -mie)

Adjektiv: hyponym

das Kohyponym, des Kohyponyms, die Kohyponyme

die Kohyponymie, der Kohyponymie (Plural ungebräuchlich)

Adjektiv: kohyponymkohyponym/Kohyponym

Der Inhalt des Zeichens/Das Zeichen) spazieren ist hyponym zu (zum Inhalt des Zeichens/zum Zeichen) gehen. (Das Zeichen) spazieren ist (ein) Hyponym von/zu (dem Zeichen) gehen. (Die Zeichen) spazieren und gehen stehen im Verhältnis der Hyponymie zueinander.

2.3/2 Hyperonymhyperonym/Hyperonym = Supernymsupernym/Supernym

ZeichenZeichen, das inhaltlich den OberbegriffOberbegriff eines anderen bildet. Es steht zum UnterbegriffUnterbegriff = zum Hyponymhyponym/Hyponym (▶ Nr. 2.3/1) im Verhältnis der HyperonymieHyperonymie = der SupernymieSupernymie.

Beispiele:

gehen – schreiten

Blume – Rose

rot – dunkelrot

das Hyperonym, des Hyperonyms, die Hyperonyme (Betonung auf -ny(m)-, Trennung: Hy-per-onym oder Hy-pe-ro-nym)

die Hyperonymie, der Hyperonymie (Plural ungebräuchlich, Betonung auf -mie)

Adjektiv: hyperonym

das Supernym, des Supernyms, die Supernyme (Betonung auf -ny(m)-, Trennung: Su-per-nym)

die Supernymie, der Supernymie (Plural ungebräuchlich, Betonung auf -mie)

Adjektiv: supernym

(Der Inhalt des Zeichens/das Zeichen) gehen ist hyperonym/supernym zu (zum Inhalt des Zeichens/zum Zeichen) spazieren. (Das Zeichen) gehen ist (ein) Hyperonym/Supernym von/zu (dem Zeichen) spazieren. (Die Zeichen) gehen und spazieren stehen im Verhältnis der Hyperonymie/Supernymie zueinander.

2.3/3 Antonymantonym/Antonym

ZeichenZeichen, das inhaltlich den GegenbegriffGegenbegriff eines anderen darstellt. Es steht zum Gegenbegriff im Verhältnis der AntonymieAntonymie.

Hauptfälle:

 allgemeiner konträrer GegensatzGegensatzkonträrerkonträrer Gegensatz (‘nicht zugleich A und B’), z. B.:Dreieck – Kreis (‘etwas ist nicht zugleich Dreieck und Kreis’)sitzen – stehengrün – rot

 kontradiktorisch-konträrer = komplementärer GegensatzGegensatzkontradiktorisch-konträrerkontradiktorisch-konträrer GegensatzGegensatzkomplementärerkomplementärer Gegensatz (‘nicht zugleich A und B, nicht-A ist B’), z. B.:wahr – falsch (‘etwas ist nicht zugleich wahr und falsch, und was nicht wahr ist, ist falsch’)sinnvoll – sinnlosmännlich – weiblichLeben – Tod

 polar-konträrer GegensatzGegensatzpolar-konträrerpolar-konträrer Gegensatz (‘nicht zugleich A und B, A und B als Enden einer Skala’), z. B.:jung – altneu – altdick – dünnwachen – schlafen

 KonverseKonversen, z. B.:kaufen – verkaufenborgen – leihengeben – nehmen

Beispiel:

X kauft von Y, Y verkauft an X

das Antonymantonym/Antonym, des Antonyms, die Antonyme (Betonung auf –ny(m)-, Trennung: Ant-onym oder An-to-nym)

die Antonymie, der AntonymieAntonymie (Plural ungebräuchlich, Betonung auf -mie)

Adjektiv: antonym

die Konverse, der Konverse, die KonverseKonversen

(…) jung ist antonym zu (…) alt. (…) alt ist antonym zu (…) jung. (…) jung ist (ein) Antonym zu/von (…) alt. (…) jung und alt sind Antonyme (voneinander) …

2.3/4 WortfeldWortfeld

Menge von inhaltsverwandten Wörtern, die einen bestimmten begrifflichen oder sachlichen Bereich abdecken.

Beispiele:

WortfeldWortfeld ‘Pferd’: Schimmel, Rappe, Fuchs, Falbe, Stute, Hengst, Wallach, Fohlen, Füllen, Pferd usw.

Wortfeld ‘sich fortbewegen’: gehen, laufen, spazieren, stolzieren, kriechen, krabbeln usw.

2.3/5 WortfamilieWortfamilie

Menge von inhaltsverwandten Wörtern mit gleicher oder ähnlicher BasisBasis.

Beispiele:

binden, Band, Binde, Gebinde, Bund, bündeln, bündig, Binder

fangen, Fang, Fänge, Fänger, einfangen – aber nicht auchanfangen, da -fang- in an-fang(-en) bedeutungsmäßig nicht mit dem StammmorphemMorphemStamm-Stammmorphem fang- der Wortfamilie verwandt ist. Verwandtschaft besteht lediglich auf der Ausdrucksseite, auch bei der Formenbildung: fäng-st – anfäng-st, fing – anfing. So auch bei kommen, ankommen, Ankunft, Niederkunft, die eine Wortfamilie bilden, allerdings ohne bekommen, das zwar ebenfalls das Stammelement -komm- aufweist, aber wiederum ohne Bedeutungsverwandtschaft mit dem Stammmorphem komm- der Wortfamilie. – Wörter wie anfang(en), bekommen usw. sind lexikalisierte BildungenBildunglexikalisiertelexikalisierte Bildung, ▶ Nr. 5.5/13.

2.4 BedeutungsübertragungBedeutungsübertragung und BedeutungswandelWandelBedeutungs-Bedeutungswandel

2.4/1 MetapherMetapher

Übertragung eines Zeichens aus seinem eigentlichen Bedeutungszusammenhang in einen anderen, wobei der Übertragung Ähnlichkeiten der äußeren Gestalt, der Funktion und Verwendung usw. zugrunde liegen, ohne dass ein direkter Vergleich ausgedrückt wird.

Beispiele:

Der Himmel weint.

das Silber seiner Haare

Kopf der Familie

Die metaphorische Übertragung kann sich im Lauf der Sprachgeschichte verfestigen und zu Bedeutungswandel führen. Man spricht dann von lexikalisierter MetapherMetapherlexikalisiertelexikalisierte Metapher. Zum Beispiel bedeutete Kopf ursprünglich ‘gewölbte Schale’ (so noch in Pfeifenkopf); aufgrund der äußeren Ähnlichkeit wurde das Wort auf ‘Haupt’ übertragen. Weitere Beispiele:

begreifen ‘anfassen, abtasten’ >Größerzeichen (lies: »wird zu«) ‘verstehen’

Grund ‘Unterlage’ > ‘Ursache’

hell ‘in Bezug auf Farbton’ > ‘auch in Bezug auf Tonhöhe usw.’

die Metapher, der Metapher, die Metaphern (Betonung auf -ta-)

Adjektiv: metaphorisch (Betonung auf -pho-)

2.4/2 MetonymieMetonymie

Übertragung eines Zeichens aus seinem eigentlichen Bedeutungszusammenhang in einen anderen, wobei die Übertragung auf Dingen und Erscheinungen beruht, die in einem äußeren (ursächlichen, räumlichen, zeitlichen u.ä.) Zusammenhang stehen.

Beispiele:

Schiller lesen (‘Schillers Werke’)

Samt tragen (‘Kleidung aus Samt’)

eine Flasche trinken (‘Flüssigkeitsmenge, die in eine Flasche passt’)

Die metonymische Übertragung kann sich im Lauf der Sprachgeschichte verfestigen und zu Bedeutungswandel führen. Man spricht dann von lexikalisierter MetonymieMetonymielexikalisiertelexikalisierte Metonymie. Zum Beispiel wurde Kragen (mit der Bedeutung ‘Hals’) zur Bezeichnung für das Kleidungsstück, das diesen Körperteil umschließt (die alte Bedeutung ist noch erhalten in Kopf und Kragen [riskieren o.Ä.]).

In diesen Zusammenhang gehört auch die SynekdocheSynekdoche mit ihren Haupttypen Pars pro Toto und Totum pro parte:

eigener Herd ‘eigener Haushalt’,England ‘Großbritannien, Vereinigtes Königreich’ (Pars pro TotoPars pro Toto [ein Teil steht für das Ganze])

Amerika ‘USA’ (Totum pro ParteTotum pro Parte [das Ganze steht für einen Teil])

die Metonymie, der Metonymie, die Metonymien (Betonung auf -mie, Trennung: Met-ony-mie oder Me-to-ny-mie)

Adjektiv: metonymisch (Betonung auf -ny-)

die Synekdoche, der Synekdoche (Betonung auf -nek-), die Synekdochen (Betonung auf -do-, Trennung: Sy-nek-do-che oder Syn-ek-do-che)

Adjektiv: synekdochisch (Betonung auf -do-)

das Pars pro Toto, des Pars pro Toto

das Totum pro Parte, des Totum pro Parte

2.4/3 BedeutungserweiterungErweiterungBedeutungs-Bedeutungserweiterung

Ausdehnung des Bedeutungsumfanges eines ZeichenZeichens; GeneralisierungGeneralisierung.

Beispiel:

mhdMittelhochdeutsch. frouwe ‘Dame von Adel’ > nhdNeuhochdeutsch. Frau ‘weibliche Person’ (zu den Abkürzungen und zur hier zugrundegelegten Einteilung der deutschen Sprachgeschichte ▶ Beginn des Abschnitts 4.3)

2.4/4 BedeutungsverengungVerengungBedeutungs-Bedeutungsverengung

Einengung des Bedeutungsumfanges eines ZeichenZeichens; SpezialisierungSpezialisierung.

Beispiele:

ahdAlthochdeutsch./mhdMittelhochdeutsch. varn ‘sich fortbewegen’ > nhdNeuhochdeutsch. fahren ‘sich mithilfe einer antreibenden Kraft fortbewegen’

mhdMittelhochdeutsch. frum ‘tüchtig, nützlich, gottgefällig’ > nhdNeuhochdeutsch. fromm ‘gottgefällig’

2.4/5 BedeutungsverbesserungVerbesserungBedeutungs-Bedeutungsverbesserung

BedeutungswandelBedeutungswandel mit AufwertungAufwertung.

Beispiel:

ahdAlthochdeutsch. marahscalc ‘Pferdeknecht’ > mhdMittelhochdeutsch. marschalc ‘höfischer oder städtischer Beamter mit bestimmten Aufgaben’ > nhdNeuhochdeutsch. Marschall ‘Träger des höchsten Militärranges’

2.4/6 BedeutungsverschlechterungVerschlechterungBedeutungs-Bedeutungsverschlechterung

BedeutungswandelBedeutungswandel mit AbwertungAbwertung.

Beispiele:

mhdMittelhochdeutsch. wîp ‘Frau’ > nhdNeuhochdeutsch. Weib ‘abwertende Bezeichnung für Frau’

mhdMittelhochdeutsch. Knecht ‘Knabe, junger Mann’ > nhdNeuhochdeutsch. Knecht ‘Diener’

2.4/7 BedeutungsverschiebungVerschiebungBedeutungs-Bedeutungsverschiebung

BedeutungswandelBedeutungswandel mit Austausch von Bedeutungen.

Hauptfälle (nach Schweikle 1996, S. 248 f.):

 vom Besonderen zum Allgemeinen, z. B.:mhdMittelhochdeutsch. hövesch/hübesch ‘hofgemäß, gebildet, gesittet’ > nhdNeuhochdeutsch. hübsch ‘angenehm, gefällig im Äußeren’

 vom Allgemeinen zum Besonderen, z. B.:mhdMittelhochdeutsch. berillus/berille ‘Beryll (Halbedelstein, aus dem Brillen hergestellt wurden)’ > nhdNeuhochdeutsch. Brille

 vom Konkreten zum Abstrakten (oft metaphorischeMetapher Verwendung), z. B.:mhdMittelhochdeutsch. sweric/swiric ‘voll Schwären, eitrig’ > nhd. schwierigmhdMittelhochdeutsch. zwec ‘Nagel aus Holz oder Eisen’ , seit dem 15. Jh.: ‘Nagel, an dem eine Zielscheibe aufgehängt ist’ , dann: ‘das Ziel selbst’ > nhd. Zweck

 vom Abstrakten zum Konkreten, z. B.:mhdMittelhochdeutsch. sache ‘Rechtsgegenstand’ > nhd. Sache (jeder konkrete Gegenstand)

3 GraphemikGraphemik: Lehre von der SchreibungSchreibung
3.1 ExistenzweiseExistenzweisen der Sprache

3.1/1 Geschriebene SpracheSprachegeschriebenegeschriebene Sprache und gesprochene SpracheSprachegesprochenegesprochene Sprache – GraphieGraphie und PhoniePhonie – GraphemikGraphemik und PhonologiePhonologie:

Sprachen wie das Deutsche werden auf zweierlei Weise verwendet: als geschriebene Sprachegeschriebene Sprache und als gesprochene Sprachegesprochene Sprache (= ExistenzweisenExistenzweise der Sprache). Der Terminus SchreibungSchreibung = GraphieGraphie bezieht sich auf die AusdrucksseiteAusdrucksseite der ZeichenZeichen in geschriebener Sprache, der Terminus LautungLautung = PhoniePhonie auf die AusdrucksseiteAusdrucksseite der ZeichenZeichen in gesprochener Sprache. Mit der Graphie befasst sich die grammatische Teildisziplin GraphemikGraphemik, mit der Phonie die grammatische Teildisziplin PhonologiePhonologie. Normgerechtes Schreiben (RechtschreibungRechtschreibungOrthographie) ist Gegenstand der OrthographieOrthographieRechtschreibung.

Wissenschaftsgeschichtlich gesehen älter als die Graphemik ist die PhonologiePhonologie = LautlehreLautlehre. Beim Einsetzen einer eigenen SchreiblehreSchreiblehreBuchstabe/BuchstabenlehreBuchstabenlehre war der Terminus »GraphologieGraphologie« schon vergeben (‘Lehre von der Deutung der HandschriftHandschrift als Ausdruck des Charakters’). Daher steht für die Lehre von der SchreibungSchreibung = von der GraphieGraphie kein Terminus zur Verfügung, der formal parallel zum Terminus »PhonologiePhonologie« gebaut wäre (der Vorschlag »GrapheologieGrapheologie« hat sich nicht durchgesetzt). Wir verwenden hier »GraphemikGraphemik« als Allgemeinterminus (‘Lehre von der Verschriftung von Sprache und von den Schreibsystemen’). Der Terminus »GraphemikGraphemik« wird darüber hinaus auch spezieller verwendet, und zwar als Bezeichnung für die ‘Lehre von den Graphemen’ (▶ Nr. 3.2/2). Er entspricht dann der »PhonemikPhonemik« (‘Lehre von den Phonemen’, ▶ Nr. 4.1/2; »PhonemikPhonemik« ist Unterbegriff zu »PhonologiePhonologie«). Es lassen sich die in ▶ Tabelle 2 angeführten terminologische Entsprechungen feststellen:


PhoniePhonie GraphieGraphie
PhonologiePhonologie Graphemik i. w. S.Graphemik
PhonemikPhonemik Graphemik i. e. S.Graphemik

Tabelle 2: Terminologische Entsprechungen »Phonie« – »Graphie«

(Statt »PhonemikPhonemik« ist auch »PhonematikPhonematik« in Gebrauch, statt »GraphemikGraphemik« auch »GraphematikGraphematik«.) Die PhonetikPhonetik beschäftigt sich als naturwissenschaftlich ausgerichtete Disziplin mit der Lautproduktion, mit den akustischen Abläufen und mit der Lautwahrnehmung. Entsprechend behandelt die GraphetikGraphetik Verschriftungssysteme vor allem unter individuellen, sozialen, historischen und typographischen (die Gestalt der Schriftsymbole betreffenden) Aspekten.

Abweichend von der sonst üblichen Reihenfolge wird hier die GraphemikGraphemik vor der PhonologiePhonologie behandelt, und zwar deshalb, weil die Verfahrensweisen und Begriffsbildungen, die auch in der PhonologiePhonologie zum Tragen kommen (und, wissenschaftshistorisch gesehen, in dieser zuerst entwickelt wurden), erfahrungsgemäß im Bereich der GraphieGraphie anschaulicher eingeführt und dargestellt werden können. Die OrthographieOrthographie umfasst mehr als nur die Ebene der Buchstaben und wird daher in einem eigenen Kapitel (▶ Kap. 9) behandelt.

3.2 Zur Beschreibung der GraphieGraphie

Für die Beschäftigung mit der SchreibungSchreibung (des Deutschen und anderer Sprachen, in denen AlphabetschriftSchriftAlphabet-Alphabetschriften verwendet werden) ist der Begriff BuchstabeBuchstabe zentral. »BuchstabeBuchstabe« wird alltagssprachlich allerdings in (mindestens) zweierlei Sinn gebraucht, wie aus den Antworten auf eine Frage wie »Aus wie vielen Buchstaben besteht (die graphische AusdrucksseiteAusdrucksseite des Wortes) besenrein?« deutlich wird. Wenn die Antwort »neun« lautet, werden BuchstabenvorkommenVorkommenBuchstaben-Buchstabenvorkommen (b, e, s, e, n, r, e, i, n) gezählt, wenn sie »sechs« lautet, BuchstabentypTypBuchstaben-Buchstabentypen (b, e, s, n, r, i). BuchstabenvorkommenBuchstabenvorkommen können jeweils unterschiedliche Formen haben, z. B. a, A, a, a, a; b, b, b, b – sie werden dennoch als zum selben BuchstabentypBuchstabentyp gehörig betrachtet, und zwar deshalb, weil sie jeweils denselben WertWert haben: Gleichgültig, ob ab, Ab, ab, ab, ab, ab, ab, ab … geschrieben wird, immer handelt es sich um die graphische Wiedergabe des ZeichenZeichens ab.

Die Unterscheidung zwischen »TypTyp« und »VorkommenVorkommen« wird häufig auch mit den englischen Termini TypeType und TokenToken (sprich: [taíIp], [t«íUk«n]) benannt. Statt BuchstabentypBuchstabentyp ist der Terminus Graphem gebräuchlich, statt BuchstabenvorkommenBuchstabenvorkommen der Terminus Graph:

3.2/1 GraphGraph

BuchstabenvorkommenVorkommenBuchstaben-Buchstabenvorkommen; einzelner konkret realisierter BuchstabeBuchstabe.

das Graph, des Graphs, die Graphe

3.2/2 GraphemGraphem

BuchstabentypTypBuchstaben-Buchstabentyp; Klasse/Menge von BuchstabenvorkommenBuchstabenvorkommen = GraphGraphen, die denselben WertWert haben.

das Graphem, des Graphems, die Grapheme (Betonung auf -phe(m)-)

Der Vorgang der Zusammenfassung von GraphGraphen zu GraphemGraphemen wird KlassifizierungKlassifizierung genannt:

3.2/3 KlassifizierungKlassifizierung

Zusammenfassung von Elementen, die materiell verschieden sein können, aber denselben WertWert haben, zu einer Klasse.

GraphGraphe werden zu einem GraphemGraphem klassifiziert; Graphe werden einem Graphem zugeordnet.

Voraussetzung für die Operation der KlassifizierungKlassifizierung von Elementen ist, dass die Elemente als voneinander unterschiedene, gegeneinander abgegrenzte Einheiten vorliegen. Diese Abgrenzung ergibt sich durch die Operation der Segmentierung:

3.2/4 SegmentierungSegmentierung

Zerlegung einer Äußerungskette in kleinste, gegeneinander abgegrenzte Elemente.

In Texten, die mit DruckbuchstabeBuchstabeDruck-Druckbuchstaben geschrieben sind, treten (in der gebräuchlichen LateinschriftLateinschriftSchriftLatein-) normalerweise klar segmentierte, das heißt: voneinander unterschiedene, durch Lücken gegeneinander abgegrenzte Einheiten auf. In handschriftSchriftHand-Handschriftlichen Texten bereitet die SegmentierungSegmentierung häufiger Schwierigkeiten, da die Einheiten in den Wörtern meist miteinander verbunden und Anfang und Ende der jeweiligen Einheiten nicht klar zu bestimmen sind.

Kriterium für die Zulässigkeit der KlassifizierungKlassifizierung von Elementen zu einer Einheit ist, dass sie denselben WertWert haben. Ob dies der Fall ist, lässt sich dadurch feststellen, dass man prüft, ob bei der Ersetzung eines Elementes durch ein anderes Element das ursprüngliche ZeichenZeichen mit derselben BedeutungBedeutung erhalten bleibt oder ob sich dabei ein ZeichenZeichen mit einer anderen BedeutungBedeutung bzw. ein Nicht-ZeichenZeichenNicht--Nicht-Zeichen ergibt (verkürzt wird gesagt: »…, ob die BedeutungBedeutung gleich bleibt oder ob sie sich ändert«). Im ersten Fall liegt Substitution vor, im zweiten Fall Opposition:

3.2/5 SubstitutionSubstitution

Verhältnis zwischen zwei (oder mehr) Elementen, bei dem der AustauschAustausch des einen Elements durch das andere innerhalb derselben UmgebungUmgebung möglich ist, ohne dass sich dabei ein ZeichenZeichen mit anderer BedeutungBedeutung oder ein Nicht-ZeichenZeichenNicht--Nicht-Zeichen ergibt.

3.2/6 OppositionOpposition

Verhältnis zwischen zwei (oder mehr) Elementen, bei dem der AustauschAustausch des einen Elements durch das andere innerhalb derselben UmgebungUmgebung zu einem ZeichenZeichen mit anderer BedeutungBedeutung oder einem Nicht-ZeichenNicht-Zeichen führt.

Erläuterungen und Beispiele zu Nr. 3.2/1 bis Nr. 3.2/6: Wir gehen aus von der AusdrucksseiteAusdrucksseite des ZeichenZeichens ab, mit der FormForm <ab> (Kombination der GraphGraphe <a> und <b>; zu den spitzen Klammern ▶ Nr. 3.2/7), und betrachten die Austauschbarkeit des ersten Elements = des ersten GraphGraphs, <a>; die gleichbleibende UmgebungUmgebung bildet das zweite GraphGraph, <b>. Wenn <a> ersetzt wird durch <A> oder <a> oder <a> oder <a>, ergeben sich <Ab>, <ab>, <ab>, <ab>, also jeweils Ausdrücke mit derselben Bedeutung, d. h. Bedeutunges ergeben sich keine anderen ZeichenZeichen. Dies zeigt, dass <a>, <A>, <a>, <a>, <a> denselben WertWert haben = dass sie einander substituieren = dass sie zueinander nicht in OppositionOpposition stehen = dass sie zu einer Klasse, d. h. zu einem Graphem,Graphem klassifiziert werden können = dass sie AllographAllographe (▶ Nr. 3.2/7) dieses GraphemGraphems (des Graphems «a», vereinfacht notiert: <a>) sind. Wird dagegen eines dieser GraphGraphe beispielsweise durch das GraphGraph <o> ersetzt, ergibt sich der Ausdruck <ob> mit einer anderen Bedeutung als <ab>, <Ab>, <ab>, <ab>, <ab>. Dies zeigt, dass <o> einerseits und <A, a, a, a> andererseits nicht denselben WertWert haben = dass sie einander nicht Substitutionsubstituieren = dass sie zueinander in OppositionOpposition stehen = dass sie nicht zusammen zu einer Klasse, d. h. zu einem Graphem,Graphem klassifiziert werden können, dass <o> (zusammen mit <o>, <o>, <o> usw.) vielmehr einem anderen GraphemGraphem, nämlich dem Graphem «o»Graphem, vereinfacht notiert: <o>, angehört. Entsprechendes gilt für <e> (und <e>, <e>, <e> usw.), nur dass sich beim AustauschAustausch ein Nicht-ZeichenZeichenNicht--Nicht-Zeichen, eb, ergibt (eb ist ein Nicht-ZeichenNicht-Zeichen, weil mit dem AusdruckAusdruck (Zeichen) <eb> im Deutschen keine BedeutungBedeutung verbunden ist).

3.2/7 AllographeAllograph

GraphGraphe, die demselben GraphemGraphem angehören; Graphe, die untereinander im Verhältnis der SubstitutionSubstitution stehen.

das Allograph, des Allographs, die Allographe (Betonung auf -gra(ph)-)

(Die Graphe) <a>, <a>, <a> usw. sind Allographe des GraphemGraphems <a>.

GraphGraphe und AllographAllographe werden in spitzen KlammernKlammerspitzespitze Klammer notiert, GraphemGrapheme in spitzen DoppelklammernDoppelklammerspitzespitze DoppelklammerKlammereinfache spitzeKlammerspitze Doppel-. Zur Vereinfachung werden Grapheme ebenfalls in einfachen spitzen Klammern notiert. Zur Bezeichnung eines GraphemGraphems wird eines der AllographAllographe verwendet, normalerweise das am bequemsten zu schreibende.

Zum Terminus: Der Bestandteil »Allo-« in AllographAllograph (und weiter unten in AllophonAllophon) geht zurück auf griech. állos mit der Bedeutung ‘anders’. Er lässt sich gut verstehen, wenn man sich klarmacht, dass die Realisierung eines GraphemGraphems (besonders, wenn man an HandgeschriebenesSchriftHand-Handschrift denkt) jedes Mal etwas a n d e r s ausfällt – Größe, Form, Linienstärke usw. variieren von Fall zu Fall, dennoch handelt es sich jedes Mal um denselben BuchstabeBuchstaben (»BuchstabeBuchstabe« im Sinn von GraphemGraphem).

Die Unterscheidung GraphGraph – AllographAllograph bezieht sich nicht auf materiell voneinander unterschiedene Gegenstände, sondern ist eine theoretische Unterscheidung hinsichtlich des Aspekts, unter dem ein BuchstabeBuchstabe (im Sinn von BuchstabenvorkommenBuchstabenvorkommen) gesehen wird: als BuchstabeBuchstabe vor der Zuordnung zu einem TypTyp: GraphGraph – als BuchstabeBuchstabe, dessen Zuordnung zu einem TypTyp bekannt ist: AllographAllograph. Unter einem GraphemGraphem wird dagegen nicht ein konkret realisierter BuchstabeBuchstabe verstanden; GraphemGraphem steht vielmehr für eine abstrakte Zusammenfassung von vorhandenen und möglichen Realisierungen von BuchstabeBuchstaben, die denselben WertWert haben.

Zum besseren Verständnis der Unterscheidung zwischen GraphGraph, GraphemGraphem und AllographAllograph sind vielleicht die folgenden Überlegungen hilfreich: Wenn ein Kind, das noch nicht lesen und schreiben gelernt hat, BuchstabeBuchstaben aus ihm vorliegenden Texten abmalt/kopiert, produziert es GraphGraphe; ihm ist die Zuordnung der einzelnen BuchstabenvorkommenBuchstabenvorkommen zu den unterschiedlichen BuchstabentypBuchstabentypen ja noch nicht bekannt. Es kann also durchaus der Fall eintreten, dass <g> und <g> wegen ihres Formunterschiedes nicht als »gleich« erkannt werden, <p> und <q> aber wegen ihrer Formverwandtschaft für »dasselbe« erklärt werden. Nachdem es einen Schreib-Lese-Lehrgang erfolgreich hinter sich gebracht hat und BuchstabeBuchstaben kopiert oder frei produziert, erzeugt das Kind AllographAllographe – ihm ist ja nun die Zugehörigkeit der einzelnen BuchstabenvorkommenBuchstabenvorkommen zu BuchstabentypBuchstabentypen klargemacht worden, es hat gelernt, von den Formunterschieden zwischen einem handschriftSchriftHand-Handschriftlichen <d> und einem <d> in DruckschriftSchriftDruck-Druckschrift abzusehen usw.

GraphemGrapheme (und PhonemPhoneme als die entsprechenden Einheiten auf der Ebene der PhoniePhonie; ▶ Nr. 4.1/2) sind die kleinsten bedeutungsunterscheidende Einheitbedeutungs- bzw. zeichenunterscheidenden Einheitenzeichenunterscheidende Einheit einer Sprache. Dies lässt sich am besten anhand von MinimalpaarMinimalpaaren demonstrieren:

3.2/8 MinimalpaarMinimalpaar

Zwei ZeichenZeichen (mit unterschiedlichen BedeutungBedeutungen = InhaltInhalten), deren AusdrucksseiteAusdrucksseiten sich nur in e i n e r Einheit unterscheiden.

Beispiel:

Die AusdrucksseiteAusdrucksseiten der bedeutungsverschiedenen ZeichenZeichen ab und ob unterscheiden sich darin, dass vor dem Ausdruckselement <b> im einen Fall <a>, im anderen <o> steht. Der Inhaltsunterschied wird also allein von der OppositionOpposition zwischen den GraphemGraphemen <a> und <o> getragen.

MinimalpaarMinimalpaare und Reihen von ihnen (z. B. ab – an – in – im – um) erlauben es, die InventarInventare kleinster zeichenunterscheidender Einheitzeichenunterscheidende Einheiten (= die Gesamtheit der GraphemGrapheme bzw. der PhonemPhoneme) zu ermitteln, und bieten die Möglichkeit, im Zweifelsfall rasch zu prüfen, ob zwei Elemente zu ein und derselben Einheit oder aber zu zwei verschiedenen Einheiten gehören.

3.2/9 AlphabetAlphabet

Das GrapheminventarInventarInventarGraphem-Inventar der in einer Sprache gebräuchlichen GraphemGrapheme.

Das deutsche AlphabetAlphabet umfasst, je nach Betrachtungsweise, 30 oder 59 GraphemGrapheme. 30 Grapheme sind es, wenn die Unterscheidung GroßbuchstabeBuchstabeGroß-Großbuchstabe (= MajuskelMajuskel) – KleinbuchstabeBuchstabeKlein-Kleinbuchstabe (= MinuskelMinuskel) außer Acht gelassen wird (<a> bis <z> plus <ä>, <ö>, <ü>, <ß>); auf 59 kommt man, wenn man die aufgeführten GraphemGrapheme (außer <ß>, das nur als MinuskelMinuskel vorliegt1) jeweils als Paare von MinuskelMinuskel und MajuskelMajuskel betrachtet (<a>, <A>; <b>, <B> usw.), zusammengehörige Minuskeln und Majuskeln also nicht als AllographAllographe ein und desselben GraphemGraphems ansieht. Ein Argument für die zweite Betrachtungs- und Zählweise ist, dass es MinimalpaarMinimalpaare mit MajuskelMajuskel und entsprechender MinuskelMinuskel gibt (<Arm> – <arm>; <Biss> – <biss> … <Zwang> – <zwang>). Dem Gegenargument, die Zahl solcher MinimalpaarMinimalpaare sei äußerst beschränkt, kann das methodische Postulat, das in der Phonemtheorie (s. u.) entwickelt wurde, entgegengehalten werden: »Once a phoneme, always a phoneme« (auf die Graphemtheorie übertragen: »Was aufgrund des Vorliegens auch nur e i n e s MinimalpaarMinimalpaars als (AllographAllograph eines) GraphemGraphem(s) bestimmt worden ist, hat fortan als (AllographAllograph eines) GraphemGraphem(s) zu gelten«). Andererseits ist zu bedenken, dass jedes ansonsten mit Anfangsminuskel geschriebene Wort am Satz- bzw. Textanfang mit MajuskelMajuskel geschrieben werden muss und dieser Wechsel keinen Bedeutungsunterschied beinhaltet, sodass es unter diesem Aspekt angebracht erscheint, MinuskelMinuskeln und entsprechende MajuskelMajuskeln jeweils als stellungsbedingte VarianteVariantestellungsbedingteVarianten, d. h. als AllographAllographe, zu betrachten.

die MajuskelMajuskel/MinuskelMinuskel, der MajuskelMajuskel/MinuskelMinuskel, die Majuskeln/Minuskeln (Betonung auf -jus- bzw. -nus-)graphisch distinktives Merkmal

3.2/10 Graphisch distinktivdistinktive Merkmaldistinktives MerkmalgraphischMerkmalgraphisch distinktivesMerkmale

Graphische Komponenten, in die sich die AllographeAllograph von GraphemenGraphem zerlegen lassen.

Aus den konkreten Realisierungen der GraphemGrapheme, ihren AllographAllographen, lässt sich eine kleine Zahl (nach Althaus 1980, S. 140: zwölf) von graphischen Elementen ermitteln (senkrechter, waagerechter Strich, Bogen, Kreis usw.) (▶ Tabelle 3):


Tabelle 3: graphisch distinktives MerkmalGraphisch distinktive Merkmale (GDM) aus Althaus (1980, S. 140)

Allographe der Grapheme lassen sich verstehen als jeweils spezifische Kombinationen dieser graphischen Elemente in bestimmten Schreibräumen (▶ Tabelle 4):


Tabelle 4: SchreibräumSchreibraum e (SR) aus Althaus (1980, S. 140)

Beispiel:

Das AllographAllograph <F> lässt sich wie folgt beschreiben: GDM 1 in SR 6 steht vor GDM 4 in SR 1; Letzteres steht über GDM 4 in SR 2 (in Anlehnung an Althaus 1980, S. 140).

»Distinktivdistinktiv« heißen die in ▶ Tabelle 3 aufgeführten MerkmalMerkmale deshalb, weil auf ihnen die zeichenunterscheidendezeichenunterscheidend (= zeichen-distinktivzeichendistinktive) Funktion (▶ vor Nr. 3.2/8) von GraphemGraphemen/AllographAllographen beruht. Zum Beispiel stehen <d> und <b> nicht als Ganzgestalten in OppositionOpposition zueinander, sondern lediglich aufgrund der MerkmalMerkmale 6 versus 7 aus ▶ Tabelle 3. Das MerkmalMerkmal 1 (»senkrechter Strich«) ist ihnen gemeinsam.

Man beachte, dass die bisherigen Ausführungen dieses Abschnitts sich allein auf die Schriftseite beziehen, ohne dass die Beziehung zum Lautlichen, das mit der SchriftSchrift/SchreibungSchreibung verbunden ist, hergestellt wurde. Um diese von der LautungLautung zunächst absehende Betrachtungsweise auch terminologisch zu betonen, spricht man statt vom GraphemGraphem (▶ Nr. 3.2/2) verdeutlichend vom Graphographem:

3.2/11 GraphographemGraphographem

GraphemGraphem ohne Berücksichtigung seines LautwertWertLaut-Lautwertes.

Dagegen:

3.2/12 PhonographemGraphemPhono-Phonographem = PhonogrammPhonogramm

GraphemGraphem oder GraphemkombinationGraphemkombinationKombinationGraphem- als Repräsentant eines PhonemPhonems oder einer PhonemkombinationKombinationPhonem-Phonemkombination.

Der Begriff des PhonographemPhonographems = des Phonogramms (▶ Nr. 9.3/1) trägt der Tatsache Rechnung, dass GraphemGrapheme oder Kombinationen von ihnen LautwertWertLaut-Lautwerte haben (wobei es gleichgültig ist, mithilfe welcher AllographAllographe die GraphemGrapheme im konkreten Fall realisiert werden – wir können daher im Folgenden von der Ebene der GraphGraphe/AllographAllographe absehen). Das GraphographemGraphographemGraphemGrapho- <a> z. B. hat den LautwertWertLaut-Lautwert /a/ in Wörtern wie ab, an, als, bald; dies wird in phonographemischer Schreibweise so festgehalten: <a /a/> (zwischen den SchrägstrichenSchrägstrich werden PhonemPhoneme notiert; ▶ Nr. 4.1/2). <a> kann aber auch den langen VokalVokal /a</ repräsentieren, z. B. in den Wörtern aber, baden, Grab, Tal, Wal; die Notation für dieses PhonographemGraphemPhono-Phonographem ist: <a /a</> (»das GraphemGraphem <a> als Repräsentant des LautLautes = des PhonemPhonems /a</«). Der VokalVokal /a</ kann auch wiedergegeben werden durch die GraphemkombinationenKombinationGraphem-Graphemkombination <aa> (z. B. Maar, Aal, Saal) und <ah> (z. B. nah, ahnen, Wahl); Notation: <aa /a</> bzw. <ah /a</>. Grapheme, die für PhonemkombinationenKombinationPhonem-Phonemkombination stehen, sind etwa <x> und <z> z. B. in <Axt>: /akst/ bzw. <Arzt>: /artíst/>, GraphemkombinationenKombinationGraphem-Graphemkombination, die für jeweils ein Phonem stehen, sind etwa <ch> und <sch> z. B. in <dich>: /dIx/ ([dIC]), <Dach>: /dax/ ([dax]) bzw. <schwach>: /Svax/.

Näheres über die Zuordnung von Graphemen zu Phonemen in der deutschen OrthographieOrthographie in ▶ Abschnitt 9.3.1.

4 PhonologiePhonologie: Lehre von der LautungLautung
4.1 EinzellauteLautEinzel-Einzellaut

Die Beschreibung der LautungLautung = der PhoniePhonie erfolgt analog zu der der SchreibungSchreibung = der GraphieGraphie im vorangegangenen Kapitel. War dort BuchstabeBuchstabe der Ausgangsbegriff, so ist es hier der Begriff LautLaut. Und so wie mit BuchstabeBuchstabe in der Alltagssprache unterschiedliche Aspekte der SchreibungSchreibung gemeint sein können und es deshalb günstig ist, diese unterschiedlichen Aspekte auch in der Terminologie auseinanderzuhalten, so gilt dies auch für den alltagssprachlichen Terminus LautLaut.

Es wird daher (parallel zu GraphGraph, GraphemGraphem, AllographAllograph) unterschieden zwischen PhonPhon, PhonemPhonem, AllophonAllophon:

4.1/1 PhonPhone

LautLaute als kleinste Einheiten, in die sich gesprochene Äußerungen zerlegen = Segmentierungsegmentieren lassen; LautvorkommenLautvorkommen, noch ohne Berücksichtigung der Zugehörigkeit des konkreten LautLautes zu einer Klasse gleichwertiger Laute = zu einem PhonemPhonem.

4.1/2 PhonemPhonem

Klasse/Menge von LautLauten = PhonPhonen, die denselben WertWert haben; LauttypTypLaut-Lauttyp.

4.1/3 AllophonAllophone

PhonPhone, die demselben PhonemPhonem angehören; Phone, die untereinander im Verhältnis der SubstitutionSubstitution (▶ Nr. 3.2/5) stehen.

das Phon, des Phons, die Phone

das Phonem, des Phonems, die Phoneme (Betonung auf -ne(m)-)

das AllophonAllophon, des Allophons, die AllophonAllophone (Betonung auf -pho(n)-)

PhonPhone und AllophonAllophone werden in eckigen KlammernKlammereckigeeckige Klammer notiert, PhonemPhoneme zwischen SchrägstrichenSchrägstrich. Zu den dafür verwendeten Symbolen ▶ Tabellen 5 und 6.

Ein PhonemPhonem besteht aus einer Klasse von PhonPhonen, die zueinander nicht in OppositionOpposition stehen (▶ Nr. 3.2/6). Das heißt: Sie können untereinander ausgetauscht werden, ohne dass sich dabei die BedeutungBedeutung des ZeichenZeichens, in dessen AusdrucksseiteAusdrucksseite sie vorkommen, verändert, ohne dass sich also ein anderes Zeichen bzw. ein Nicht-ZeichenZeichenNicht--Nicht-Zeichen ergibt: Die PhonPhone eines PhonemPhonems stehen untereinander im Verhältnis der SubstitutionSubstitution (▶ Nr. 3.2/5). Wenn der AustauschAustausch von PhonPhonen dagegen zu Bedeutungsveränderungen = zu anderen Zeichen oder Nicht-Zeichen führt, gehören diese Phone unterschiedlichen PhonemPhonemen an. Zum Beispiel: Ersetzung/AustauschAustausch eines Zäpfchen-[ü] durch ein Hintergaumen-[Ò] oder ein Zungenspitzen-[r] in einem Wort wie rot, also die Ersetzung von [üo<t] durch [Òo<t] bzw. [ro<t], führt nicht zu einem Wort [Òo<t] bzw. [ro<t], das eine andere BedeutungBedeutung hätte als das Wort [üo<t]; also gehören [ü], [Ò] und [r] ein und demselben PhonemPhonem an, nämlich dem Phonem /r/ (wir könnten statt /r/ auch /ü/ oder /Ò/ oder /17/ oder /¥/ oder sonst etwas schreiben, halten uns aber an die übliche Symbolisierung, ▶ Tabellen 5 und 6). Ersetzt man dagegen das [ü], das [Ò] oder das [r] von [üo<t], [Òo<t] bzw. [ro<t] durch ein [l] oder ein [n], ergeben sich ZeichenZeichen mit anderer BedeutungBedeutung (Lot, Not) bzw. bei der Ersetzung durch ein [m] oder ein [f] Nicht-ZeichenZeichenNicht--Nicht-Zeichen: [mo<t], [fo<t]: [l], [n], [m] und [f] gehören daher anderen PhonemPhonemen an als [ü, Ò, r]. [ü], [Ò] und [r] sind also AllophonAllophone des PhonemPhonems /r/; [1l], [n], [m], [f] sind AllophonAllophone jeweils anderer PhonemPhoneme.

Zum Verhältnis PhonPhon – AllophonAllophon ▶ Nr. 3.2/7.freies Allophon

4.1/4 Freie AllophoneAllophonfreies

AllophonAllophone eines PhonemPhonems, die in denselben LautumgebungenUmgebungLaut-Lautumgebung vorkommen.kombinatorisches Allophon

4.1/5 Kombinatorische AllophoneAllophonkombinatorisches = komplementär distribuierte AllophonAllophonkomplementär distribuierte -ekomplementär distribuierte Allophonee

AllophonAllophone eines PhonemPhonems, die nicht in denselben LautumgebungenUmgebungLaut-Lautumgebung vorkommen.

Beispiele:

Freie Allophonfreies Allophone sind das Zungenspitzen-Zungenspitze[r], das Hintergaumen-[ÒHintergaumen-r] und das Zäpfchen-[ü], die sich in allen Lautumgebungen untereinander austauschen lassen (wenngleich die Sprecher je nach ihrem Sprachgebrauch meist eine dieser Varianten bevorzugen). Dagegen sind [C] (der ich-LautLautich--ich-Laut) und [x] (der ach-LautLautach--ach-Laut) kombinatorische Allophonkombinatorisches Allophone = komplementär distribuierte Allophonekomplementär distribuierte Allophone. Ihr VorkommenVorkommen = ihre VerteilungVerteilung = ihre DistributionDistribution richtet sich nach der Lautumgebung: [C] kommt nach Vokalhellhellen VokalVokalen (ich, echt, spräche usw.) und nach KonsonantKonsonanten (Milch, Kirche usw.) vor, [x] steht dagegen nach dunkel (Vokal)dunklen VokalenVokaldunkel (ach, doch, Tuch usw.). Die AllophonAllophone [C] und [x] sind also komplementär distribuiertDistributionkomplementäre (= sich gegenseitig ergänzend verteilt): In der UmgebungUmgebung, in der [C] erscheint, steht [x] nicht, und umgekehrt steht [C] nicht in der UmgebungUmgebung, in der [x] erscheint.phonologisch distinktives Merkmal

4.1/6 Phonologisch distinktive MerkmaleMerkmalphonologisch distinktives

Phonetische Komponenten, in die sich die AllophonAllophone von PhonemPhonemen zerlegen lassen.

So wie oben (▶ Nr. 3.2/10) AllographAllographe als Bündel von isolierbaren graphischen Komponenten betrachtet wurden, lassen sich AllophonAllophone als Bündel oder Zusammensetzungen von phonetischen Komponenten verstehen. Diese Komponenten lassen sich isolieren, wenn man die Hervorbringung = die Produktion = die ArtikulationArtikulation von LautLauten als Prozess betrachtet, an dem unterschiedliche Faktoren beteiligt sind. Diese Faktoren sind in den beschreibenden Termini und zum Teil in der Symbolik des TranskriptionTranskriptionssystems unten in den ▶ Tabellen 5 und 6 enthalten und werden dort näher erläutert.

Beispiel:

Das AllophonAllophon [b] lässt sich als Bündel der MerkmalMerkmale [explosivexplosiv/Explosiv, bilabialbilabial/Bilabial, stimmhaftstimmhaft] beschreiben. Das MerkmalMerkmal [konsonantischKonsonant] braucht nicht notiert zu werden, da das MerkmalMerkmal [explosivexplosiv/Explosiv] das MerkmalMerkmal [konsonantisch] impliziert (Explosivexplosiv/Explosive = VerschlusslautVerschlusslaute gibt es nur im Bereich der KonsonantKonsonanten, nicht im Bereich der VokalVokale). Merkmale, die durch das Vorhandensein anderer Merkmale impliziert werden, heißen redundantes Merkmalredundante MerkmaleMerkmalredundantes. Merkmale, die zur Beschreibung eines AllophonAllophons notwendig sind, da sie sich nicht aus dem Vorhandensein anderer ergeben, sind relevantes Merkmalrelevante MerkmaleMerkmalrelevantes. So kommt zum Beispiel allen VokalVokalen das MerkmalMerkmal [stimmhaftstimmhaft] zu, doch ist es redundant, da es sich aus dem MerkmalMerkmal [vokalischVokal] ergibt.

»Distinktivdistinktiv« heißen diese MerkmalMerkmaldistinktivesMerkmale, weil auf ihnen die zeichenunterscheidende (= zeichen-distinktivdistinktive) Funktion von AllophonAllophonen bzw. PhonemPhonemen beruht. Zum Beispiel stehen [p] und [b] nicht als Ganze in OppositionOpposition zueinander, sondern lediglich dadurch, dass [p] das MerkmalMerkmal [stimmlosstimmlos] = [−stimmhaftstimmhaft], [b] das MerkmalMerkmal [+stimmhaftstimmhaft] hat, während die übrigen Merkmale, nämlich [explosivexplosiv/Explosiv, bilabialbilabial/Bilabial], beiden gemeinsam sind.

Bezeichnungen für phonologisch distinktives Merkmalphonologisch distinktive Merkmale werden häufig in eckigen KlammernKlammereckigeeckige Klammer notiert; PlusPluszeichen- bzw. MinuszeichenMinuszeichen vor den Merkmalsbezeichnungen geben an, dass das betreffende MerkmalMerkmal vorhanden bzw. nicht vorhanden ist.phonetische Transkription/Umschrift

4.1/7 Phonetische/phonemische TranskriptionTranskriptionphonemischeTranskriptionphonetische = UmschriftUmschriftTranskription

TranskriptionssymboleTranskription finden sich in den ▶ Tabellen 5 und 6. Es wird die Umschrift der International Phonetic Association (= IPAIPA-Transkription) in der Fassung von 1993 verwendet (vgl. Pullum/Ladusaw 1996, S. 293–296, 303–306 und Handbook 1999; die jüngste revidierte Fassung von 2015 findet sich im Internet: <https://www.internationalphoneticassociation.org/ > [Aufruf: 2016-Jun-09]). Die Symbole erscheinen in einer Anordnung, die sich auf die phonetischen Komponenten der Laute = ihre phonologisch distinktiven Merkmaldistinktives MerkmalphonologischMerkmalphonologisch distinktivesphonologisch distinktives Merkmale (▶ Nr. 4.1/6) stützt. Die danach folgende Übersicht enthält für die MinimalpaarbildungMinimalpaar geeignete Beispielwörter. Im Anschluss finden sich zusätzliche IPATranskriptionIPA---SymboleIPA-Transkription für Laute im EnglischenEnglisch und FranzösischenFranzösisch sowie weiteren Sprachen und deutschen »FremdwörternFremdwortVokal«.


Tabelle 5: Transkriptionssymbole – Vokale Konsonant

MonophthongZungenstellungVokalvornvorn (Vokal)VokalneutralneutralVokalVokalzentralzentral (Vokal)Vokalhintenhinten (Vokal)MuskelspannungVokalgespanntgespannt (Vokal)Vokalungespanntungespannt (Vokal)Vokalhochhoch (Vokal)ZungenhöheVokalmittelmittel (Vokal)Vokalgehobengehoben (Vokal)Vokaltieftief (Vokal)Vokalungerundetungerundet (Vokal)Vokalgerundetgerundet (Vokal)LippenformDiphthongKonsonantArtikulationsstelleArtikulationsortArtikulationsartPhonationKonsonantbilabial/Bilabialbilabial/BilabialKonsonantlabiodentallabiodental/LabiodentalKonsonantdental/Dentaldental/DentalKonsonantalveolar/Alveolaralveolar/AlveolarKonsonantpalatal/Palatalpalatal/PalatalKonsonantvelar/Velarvelar/VelarKonsonantuvular/Uvularuvular/UvularKonsonantglottal/Glottalglottal/GlottalKonsonantstimmhaftstimmhaftKonsonantexplosiv/Explosivexplosiv/ExplosivKonsonantstimmlosstimmlosKonsonantfrikativ/Frikativfrikativ/FrikativKonsonantnasal/Nasalnasal/NasalKonsonantlateral/Laterallateral/LateralKonsonantintermittierend/Intermittierenderintermittierend/IntermittierenderKonsonantvibrierend/Vibrantvibrierend/VibrantAkzentHaupt-HauptakzentAkzentNeben-Nebenakzent


È : HauptakzentAkzentHaupt-Hauptakzent (z. B. [È+altŒ], /Èalt«r/)

Ç : NebenakzentAkzentNeben-Nebenakzent (z. B. [ÈmIt«lÇ+altŒ], /ÈmIt«lÇalt«r/)

Tabelle 6: Transkriptionssymbole – Konsonanten und Wortakzent


Beispielwörter
/i</ Biene, liegen
/I/ miste
/y</ Bühne, lügen
/Y/ müsste
/u</ Buhne, lugen
/U/ musste
/e</ beten
/O</ böten
/¿/ Hölle, röste
/o</ boten
// Holle, Roste
/E</ bäten
/E/ helle, Reste
/«/ bitte, Kühe
[Œ] bitter, Kür
/a</ baten
/a/ Halle, raste
/aííííe/ leiten
/ííO/ läuten/Leuten
/aío/ lauten

Tabelle 7: VokaleVokal: IPAIPA-Transkription-Symbole,TranskriptionIPA-- Beispielwörter zur MinimalpaarMinimalpaarbildung


IPA- Transkription Beispielwörter
/b/ Bein
/p/ Pein
/d/ dir
/t/ Tier
/g/ Garten
/k/ Karten
[+] _Arten
/v/ Wein
/f/ fein
/z/ sein, reisen
/s/ Masse, reißen, Reis
/Z/ Garage
/S/ Masche
/j/ jein
/x/ [C]: ich
[x]: ach
/h/ hasche
/m/ rammen
/n/ rannen
/N/ rangen
/l/ Land
/r/ Rand

Tabelle 8: KonsonantenKonsonant : IPA-SymboleTranskriptionIPA-- IPA-Transkription , Beispielwörter zur MinimalpaarbildungMinimalpaar

Die in Tabelle 9 aufgeführten Symbole dienen vor allem zur Wiedergabe von LautLauten des EnglischenEnglisch und FranzösischenFranzösisch. Sie kommen aber auch in weiteren Sprachen und z. T. in deutschen »FremdwörternFremdwort« vor.

VokalVokal e:


[Î<]
[<] engl. saw
[e] engl. bed
[Ã] engl. but
[Q] engl. bad
[A<] engl. far
[ɛ̃]
[œ̃] frz. un
[A=] frz. vent
[=] frz. bon
[eI] engl. game
[I] engl. boy
[«U] engl. no
[aI] engl. time
[aU] engl. out

Konsonant Konsonanten:


[T]
[D]
[ɹ] engl. right, write (»englisches r«)
[w] engl. white
[ç] frz. nuit [nçi]
[ø] frz. champagne

Tabelle 9: Zusätzliche IPA-Symbole

4.1/8 Erläuterungen zu den in Nr. 4.1/7 verwendeten phonetischen Symbolen ▶

Zur schriftlichen Fixierung von PhonPhonen/PhonemPhonemen/AllophonAllophonen sind mehrere Transkriptionssysteme (»UmschriftUmschriften = LautschriftLautschriften«) in Gebrauch. Das bekannteste ist die IPA-TranskriptionIPA-Transkription, auf die wir uns in den Tabellen stützen. Mithilfe der dort verzeichneten Symbole sind nur relativweite Transkription »weite« TranskriptionenTranskriptionweite möglich; das heißt, die Symbole sind nicht geeignet, phonetische Feinheiten wiederzugeben, sondern erlauben nur eine grobe Umschrift. Zum Beispiel wird bei der Umschrift von Tau und Stau, [taío] – [Staío], nicht vermerkt, dass das [t] in Tau BehauchungbehauchtKonsonantbehaucht = aspiriertKonsonantaspiriert ist (diese AspirationAspiration wäre in einer enge Transkription»engeren« TranskriptionTranskriptionengeTranskription so zu markieren: [H]), das [t] in Stau jedoch nicht. Unsere Umschrift vermerkt also phonetisch recht deutlich voneinander unterschiedene AllophonAllophone (wie [t] ohne AspirationAspiration und [tH] mit AspirationAspiration) bis auf wenige Ausnahmen nicht eigens. Die Ausnahmen sind: [C] und [x] als AllophonAllophone des Phonems /x/; [r], [Ò], [ü] und [Œ] als Allophone des PhonemPhonems /r/, [Œ] auch als AllophonAllophon der Phonemkombination /«r/.

Das hier verwendete System eignet sich, wie gesagt, zur groben phonetische Transkription/Umschriftphonetischen (in eckigen KlammernKlammereckige) und zur phonemische Transkription/Umschriftphonemischen UmschriftUmschrift (zwischen SchrägstrichenSchrägstrich). In den ▶ Tabellen 7 und 8 sind die PhonemPhoneme des Deutschen (= das PhoneminventarInventarPhonem-Phoneminventar) zwischen Schrägstrichen jeweils zusammen mit einem Beispielwort in orthographischerOrthographie Form aufgelistet. Zusätzlich sind die gerade genannten AllophonAllophone notiert (und ebenfalls mit Beispielwörtern veranschaulicht). Die Beispielwörter sind so gewählt, dass mit ihrer Hilfe leicht MinimalpaarMinimalpaare zum Nachweis von OppositionOppositionen (▶ Nr. 3.2/8 und 3.2/6) gebildet werden können, um den Phonemstatus der betreffenden Phone nachzuweisen.

Anfangs macht es erfahrungsgemäß gelegentlich Schwierigkeiten, die unterschiedlichen Bereiche, für die gleichförmige Symbole verwendet werden, zu trennen. Das Symbol »x« zum Beispiel steht für: 1. das GraphGraph/AllographAllograph <x> (im Unterschied etwa zu <x> …), 2. das Graphem «x»Graphem (vereinfacht: <x>) (im Unterschied etwa zu «s» (vereinfacht: <s>) …), 3. das PhonPhon/AllophonAllophon [x] (im Unterschied zu [ç]), 4. das PhonemPhonem /x/ (als Zusammenfassung von [C] und [x] und im Unterschied etwa zu /h/ …).

4.1/9 Erläuterungen zu den in ▶Nr. 4.1/7 verwendeten phonetischen Termini

Die Menge der LautLaute wird traditionellerweise in VokalVokale und KonsonantKonsonanten zerlegt. VokalVokale sind dadurch gekennzeichnet, dass der in der LungeLunge erzeugte LuftstromLuftstrom den RachenRachenraum- und MundraumMundraum unbehindert passiert, während er bei der ArtikulationArtikulation von KonsonantKonsonanten ein Hindernis zu überwinden hat.

Vokale

Die verschiedenen VokalVokale = SelbstlautSelbstlautVokalLautSelbst-Selbstlaute ergeben sich

 durch unterschiedliche Position der Wölbung des ZungenrückensZungenrücken im Mund in der horizontalen Dimension: ZungenstellungVokalZungenstellungZungenstellungvorn (Vokal): vornVokalvornneutralVokal – neutralVokalneutralzentral (Vokal)Vokalzentral = zentral – hinten (Vokal)hinten;

 durch unterschiedliche Position der Wölbung des ZungenrückensZungenrücken in der vertikalen Dimension: ZungenhöheVokalZungenhöheZungenhöhehoch (Vokal): hochVokalhochmittel (Vokal) – mittelVokalmittelgehoben (Vokal) – gehoben – tief (Vokal)tiefVokaltief;

 dadurch, dass die LippenLippe bei der ArtikulationArtikulation des VokalVokals unterschiedlich geformt sind: LippenformVokalLippenformgerundet (Vokal): gerundetVokalgerundetungerundet (Vokal) – ungerundetVokalungerundet;

 und dadurch, dass die betreffenden VokaleVokal von unterschiedlicher QuantitätVokalQuantitätQuantität sind: lang (Vokal)langVokallangkurz (Vokal) – kurzVokalkurz (im Transkriptionssystem werden LangvokalVokallanglang (Vokal)e durch eine Art DoppelpunktVokalDoppelpunktDoppelpunktVokal nach dem Symbol gekennzeichnet).

Den MerkmalMerkmalen der ZungenhöheZungenhöhehoch (Vokal) [hoch – mittel (Vokal)mittel – gehoben (Vokal)gehoben – tief (Vokal)tief] entsprechen die MerkmalMerkmale [geschlossenVokalgeschlossenVokalgeschlossen – halbgeschlossenVokalhalbgeschlossenhalboffen (Vokal) – halboffenVokalhalboffenoffenVokal – offenVokaloffen] des Winkels, den Ober- und Unterkiefer bilden (KieferwinkelVokalKieferwinkelKieferwinkel).

Bei den hohen,hoch (Vokal) den mittlerenmittel (Vokal) und den gehobenen Vokalen entspricht den beiden unterschiedlichen QuantitätenQuantität (langlang (Vokal) – kurzkurz (Vokal)) ein Unterschied in der MuskelspannungVokalMuskelspannungMuskelspannung, nämlich gespanntVokalgespanntgespannt (Vokal) – ungespanntVokalungespanntungespannt (Vokal).

DiphthongDiphthonge = ZwielautZwielaute = DoppellautDoppellaute werden in einer einheitlichen Bewegung als Kombination zweier VokalVokale artikuliert, während Einzelvokale konstant artikuliert werden, also MonophthongVokalMonophthongMonophthonge = einfache VokaleVokaleinfacheinfacher Vokal = einfache Selbstlaute sind.

Konsonanten

Die MerkmalMerkmale der KonsonantKonsonanten = MitlautLautMit-Mitlaute, wie sie im Transkriptionssystem notiert sind, beziehen sich auf

 die ArtikulationsartArtikulationsart,

 die ArtikulationsstelleArtikulationsstelle = den ArtikulationsortArtikulationsort,

 die PhonationPhonation.

Es werden fünf ArtikulationsartKonsonantArtikulationsartArtikulationsartArtArtikulations-en unterschieden:

 Bei ExplosivKonsonantexplosiv/Explosivexplosiv/Explosiven = VerschlusslautKonsonantVerschlusslautVerschlusslautLautVerschluss-en wird die MundMundhöhle- oder RachenhöhleRachenhöhle an einer Stelle verschlossen und ruckartig wieder geöffnet.

 FrikativKonsonantfrikativ/Frikativfrikativ/Frikative = SpirantKonsonantSpirantSpiranten = ReibelautKonsonantReibelautReibelautLautReibe-e ergeben sich, wenn an einer Stelle der Mund- oder Rachenhöhle der Luftweg fast ganz verschlossen wird.

 Bei der Bildung von NasalKonsonantnasal/Nasalnasal/Nasalen = NasenlautKonsonantNasenlautNasenlautLautNasen-en wird die NasenhöhleNasenhöhle als Resonanzraum benutzt, die Mundhöhle an einer bestimmten Stelle verschlossen.

 Bei LateralKonsonantlateral/Laterallateral/Lateralen = SeitenlautKonsonantSeitenlautSeitenlautLautSeiten-en wird die Mundhöhle durch die ZungeZunge teilweise verschlossen, die Luft entweicht seitlich (= laterallateral/Lateral).

 Bei IntermittierendeKonsonantintermittierend/Intermittierenderintermittierend/Intermittierendern = Vibrantvibrierend/Vibranten = SchwinglautKonsonantSchwinglautSchwinglautLautSchwing-en = ZitterlautZitterlautKonsonantZitterlautLautZitter-en wird die Mundhöhle durch die ZungenspitzeZungenspitze oder durch das ZäpfchenZäpfchen schnell hintereinander geschlossen und wieder geöffnet (intermittieren = unterbrechen).

Die genannten Hindernisse sind in der Mund- oder Rachenhöhle an unterschiedlichen Stellen lokalisiert, die ArtikulationsstelleArtikulationsstellen = ArtikulationsortArtikulationsorte genannt werden. In ▶ Tabelle 6 werden Laute mit den folgenden Artikulationsstellen aufgeführt:

 zwei Gruppen von LabialKonsonantLabial/Labiallabial/Labialen = LippenlautKonsonantLippenlautLautLippen-Lippenlauten: BilabialKonsonantbilabial/Bilabialbilabial/Bilabiale = DoppellippenlautKonsonantDoppellippenlautDoppellippenlautLautDoppellippen-e: Lautbildung von Unter- und Oberlippe (LabiaLabium = LippeLippen, bi = zwei), LabiodentalKonsonantlabiodental/Labiodentallabiodental/Labiodentale = LippenzahnlautKonsonantLippenzahnlautLippenzahnlautLautLippenzahn-e: Lautbildung von Unterlippe und oberen Schneidezähnen (DentesDens, Dentes = ZähneZahn),

 DentalKonsonantdental/Dentaldental/Dentale = ZahnlautKonsonantZahnlautZahnlautLautZahn-e: Lautbildung von ZungeZungenspitze und oberen SchneidezähnenZahn,

 AlveolarKonsonantalveolar/Alveolaralveolar/Alveolare = ZahndammlautKonsonantZahndammlautZahndammlautLautZahndamm-e: Lautbildung von ZungeZunge und GaumenGaumenrand (AlveoleAlveole = ZahnmuldeZahnmulde im Kiefer),

 PalatalKonsonantpalatal/Palatalpalatal/Palatale = VordergaumenlautKonsonantVordergaumenlautVordergaumenlautLautVordergaumen-e: Lautbildung von ZungeZunge und hartem GaumenGaumen (= PalatumPalatum),

 VelarKonsonantvelar/Velarvelar/Velare = HintergaumenlautHintergaumenlautLautHintergaumene: Lautbildung von ZungeZunge und weichem GaumenGaumen (= VelumVelum),

 UvularKonsonantuvular/Uvularuvular/Uvular = ZäpfchenlautKonsonantZäpfchenlautZäpfchenlautLautZäpfchen-: Lautbildung durch intermittierende Verschlussbildung des ZäpfchenZäpfchens (= UvulaUvula),

 GlottalKonsonantglottal/Glottalglottal/Glottale = StimmritzenlautStimmritzenlautLautStimmritzen-e: Lautbildung an der StimmritzeStimmritze (= GlottisGlottis).

Unter PhonationPhonation versteht man den Vorgang der SchallwelleSchallwellenerzeugung durch Unterbrechung des LuftstromLuftstroms durch die im KehlkopfKehlkopf schwingenden StimmbänderStimmband; es ergeben sich

 stimmhaftKonsonantstimmhaftstimmhafte (in der Tabelle: »sth.«) LautLaute;

 stimmlosKonsonantstimmlosstimmlose (»stl.«) LautLaute ergeben sich dagegen, wenn die Stimmbänder weit geöffnet sind.

(Termini in alphabetischer Reihenfolge: Wortformen – zugehöriges Adjektiv – gebräuchliche dt. Entsprechung):

der Alveolar, des -s, die -e (Betonung auf -la(r)-) – alveolar – Zahndammlaut

der Bilabial, des -s, die -e (Betonung auf -a(l)-) – bilabial – Doppellippenlaut

der Dental, des -s, die -e (Betonung auf -ta(l)-) – dental – Zahnlaut

der Diphthong, des -s, die -e (Betonung auf -thong-, Trennung: Di-phthong oder Diph-thong) – diphthongisch – Doppellaut, Zwielaut

der Explosiv, des -s, die -e od. die ExplosivaExplosiva, der Explosiva, die Explosivä (Betonung auf -si(v)-) – explosivexplosiv/Explosiv – Verschlusslaut

der Frikativfrikativ/Frikativ, des -s, die -e od. das FrikativumFrikativum, des -s, die Frikativa (Betonung auf -ti(v)-) – frikativfrikativ/Frikativ – Reibelaut

der Glottalglottal/Glottal, des -s, die -e (Betonung auf -ta(l)-) – glottalglottal/Glottal – Stimmritzenlaut

der intermittierend/IntermittierenderIntermittierende/ein Intermittierender, des/eines Intermittierenden, die Intermittierenden/Intermittierende (Betonung auf -tie-) – intermittierend – Vibrant, Schwinglaut, Zitterlaut

der KonsonantKonsonant, des -en, die -en (Betonung auf -nan(t)-) – konsonantisch – Mitlaut

der Labiallabial/Labial, des -s, die -e (Betonung auf -bia(l)-) – labiallabial/Labial – Lippenlaut

der Labiodentallabiodental/Labiodental, des -s, die -e od. die LabiodentalisLabiodentalis, der Labiodentalis, die Labiodentales (Betonung auf -ta(l)-) – labiodental – Lippenzahnlaut

der Laterallateral/Lateral, des -s, die -e (Betonung auf -ra(l)-) – lateral – Seitenlaut

der MonophthongMonophthong, des -s, die -e (Betonung auf -thong-, Trennung: Mo-nophthong oder Mo-no-phthong) – monophthongisch – einfacher Vokaleinfacher Vokal/einfacher Selbstlauteinfacher SelbstlautLauteinfacher Selbst-

der Nasalnasal/Nasal, des -s, die -e (Betonung auf -sa(l)-) – nasalnasal/Nasal – Nasenlaut

der Palatalpalatal/Palatal, des -s, die -e od. die PalatalisPalatalis, der Palatalis, die Palatales (Betonung auf -ta(l)-) – palatalpalatal/Palatal – (Vorder-)Gaumenlaut

der SpirantSpirant, des -en, die -en od. die SpiransSpirans, der Spirans, die Spiranten (Betonung auf -ran(t)-) – spirantisch – Reibelaut

der Uvular, des -s, die -e (Betonung auf -la(r)-) – uvular – Halszäpfchenlaut

der Velarvelar/Velar, des -s, die -e (Betonung auf -la(r)-) – velar – (Hinter-)Gaumenlaut

der VibrantVibrant, des -en, die -en (Betonung auf -bran(t)-) – vibrierend – Intermittierender, Schwinglaut, Zitterlaut

der VokalVokal, des -s, die -e (Betonung auf -ka(l)-) – vokalisch – SelbstlautSelbstlautLautSelbst-

AkzentAkzent

▶ Tabelle 6 enthält über die Konsonantensymbole hinaus zwei Symbole, die den WortakzentWortakzent = die WortbetonungWortbetonung bezeichnen. Der hochgestellte Strich, » È «, bezeichnet den HauptakzentHauptakzentAkzentHaupt- und wird vor der Silbe, die den Hauptakzent trägt, notiert. Der tiefgestellte Strich, »Ç«, bezeichnet den NebenakzentNebenakzentAkzentNeben- und steht vor der Silbe, die den Nebenakzent trägt. Unbetonteunbetont Silben bleiben unbezeichnet.

4.1/10 Weitere phonetische bzw. phonologische Termini

Über die gerade genannten Termini hinaus treten in wissenschaftlichen Darstellungen, in Schulgrammatiken, in sprachgeschichtlichen Werken, in fremdsprachlichen Grammatiken und in grammatikgeschichtlichen Darstellungen weitere auf. Sie dienen unter anderem dazu, das Lautinventar unter verschiedenen Gesichtspunkten anders zu gliedern als in ▶ Tabelle 5 und 6.

In der Tradition der antiken griechisch-lateinischen Grammatik werden die KonsonantKonsonanten untergliedert in

 MutaMutäKonsonantMuta = StummlautKonsonantStummlautStummlautLautStumm-e und

 HalbvokalKonsonantHalbvokalHalbvokal (Konsonant)VokalHalb- (Konsonant)e.

Die Mutä entsprechen den Explosivexplosiv/Explosiven = VerschlusslautVerschlusslautLautVerschluss-en, die Halbvokale den restlichen Konsonanten, d. h. den Frikativfrikativ/Frikativen = SpirantSpiranten = ReibelautReibelautLautReibe-en und den unter der Bezeichnung Liquidliquid/Liquide = FließlautFließlautLautFließ-e zusammengefassten Nasalnasal/Nasalen = NasenlautNasenlautLautNasen-en ([m], [n], [N]), Laterallateral/Lateralen = SeitenlautSeitenlautLautSeiten-en ([l]) und intermittierend/IntermittierenderIntermittierenden = VibrantVibranten = SchwinglautSchwinglautLautSchwing-en ([r], [Ò], [ü]); häufig werden nur die Laterale und die Intermittierenden als Liquide bezeichnet.

Der Terminus HalbvokalHalbvokal (Konsonant)VokalHalb- (Konsonant) bezieht sich in neuerer Zeit abweichend von der älteren Auffassung häufig allein auf die Frikativfrikativ/Frikative [j] und [w] (»englisches w«, wie in white).

Die MutaMutä werden unterteilt in

 TenuisTenuesKonsonantTenuis (= stimmlosKonsonantstimmlosstimmloshart (Explosiv)e/»harteKonsonanthart« Explosivexplosiv/Explosive) und

 MediaMediäKonsonantMedia (= stimmhaftKonsonantstimmhaftstimmhaftweich (Explosiv)e/»weicheKonsonantweich« Explosivexplosiv/Explosive).

Dieser auf die PhonationPhonation (= Stimmhaftstimmhaftigkeit bzw. Stimmlosstimmlosigkeit) bezogenen Unterteilung entspricht in etwa die Unterscheidung zwischen

 FortesFortisKonsonantFortisstarkKonsonant = starkenKonsonantstark Konsonanten und

 LenesKonsonantLenisschwachKonsonant = schwachenKonsonantschwach Konsonanten

im Bereich sowohl der Explosivexplosiv/Explosive = VerschlusslautVerschlusslautLautVerschluss-e als auch der Frikativfrikativ/Frikative = SpirantSpiranten = ReibelautReibelautLautReibe-e. Fortes sind mit stärkerem AtemdruckAtemdruck und größerer MuskelspannungMuskelspannung gesprochene Konsonanten, z. B. die stimmlosstimmlosen Explosivexplosiv/Explosive [p, t, k] und stimmlosstimmlose Frikativfrikativ/Frikative wie Lenis[f, s, C], Lenes sind mit schwächerem AtemdruckAtemdruck und geringerer MuskelspannungMuskelspannung gesprochene Konsonanten, z. B. die stimmhaftstimmhaften Explosivexplosiv/Explosive [b, d, g] und stimmhaftstimmhafte Frikativfrikativ/Frikative wie [v, z, j]. Allerdings können FortisFortislaute auch stimmhaftstimmhaft, LenisLenislaute auch stimmlosstimmlos artikuliert werden.

Die MerkmalMerkmale der MuskelspannungMuskelspannunggespannt (Vokal)

 gespanntVokalgespanntgespannt (Vokal) und

 ungespannt (Vokal)ungespanntVokalungespannt

spielen auch im Bereich der VokalVokale eine Rolle und korrelieren dort mit den MerkmalMerkmalspaaren [etwas VokalgeschlossengeschlossenVokalgeschlossener – etwas VokaloffenoffenVokaloffener] und [Vokallanglang (Vokal)lang – Vokalkurzkurz (Vokal)kurz]. Dies betrifft die hohenVokalhochhoch (Vokal) und die mittleren VokaleVokalmittelmittel (Vokal). So ist z. B. der VokalVokal im Wort Hüte ([y<]) im Vergleich zu dem VokalVokal im Wort Hütte ([Y]) sowohl gespannt (MuskelspannungMuskelspannungVokalgespanntgespannt (Vokal)), hoch (Zungenhöhe)Vokalhochhoch (Vokal) bzw. geschlossener (Kieferwinkel)VokalgeschlossenVokalgeschlossengeschlossenVokal und lang (Vokal)lang (QuantitätQuantität), während ungespannt (Vokal)[Y] ungespannt, ebenfalls hoch, aber etwas tief (Vokal)tiefer/offenVokaloffener und kurz (Vokal)kurz ist. Um diesen mehrfachen Unterschied auch in der Symbolisierung deutlich zu machen, wird in der IPA-UmschriftIPA-Transkription unterschieden zwischen dem Symbol [y] für [gespannt] und VokalgeschlossengeschlossenVokal[geschlossener] und dem Symbol [Y] für Vokalungespannt [ungespannt] und [offenVokaloffener]. Das MerkmalMerkmallang (Vokal)Vokallang [lang] wird durch eine Art DoppelpunktDoppelpunkt ([y<]), das MerkmalMerkmalVokalkurzkurz (Vokal) [kurz] durch Fehlen des Doppelpunktes ([y]) symbolisiert. Dadurch ist es möglich, ein gespannt (Vokal)gespanntes und geschlossenVokalgeschlossenes, aber dennoch kurz (Vokal)kurzes [y] wie in [byÈüo<] (das Akzentzeichen »È« steht vor der betonten SilbeSilbe) oder in [hypoÈte<z«] zu notieren. Entsprechendes gilt für die übrigen hohenhoch (Vokal) und mittleren Vokalemittel (Vokal), während die gehobenengehoben (Vokal) und tiefen Vokaletief (Vokal) ([E<] – [E] bzw. [a<] – [a]) in beiden Quantitäten ungespannt sind.

Weitere Beschreibungstermini für VokalVokale:

 Vokale, die mit der ZungenstellungZungenstellung [vornvorn (Vokal)Vokalvorn] artikuliert werden (VorderzungenvokalVokalVorderzungen-Vorderzungenvokale), heißen auch hell (Vokal)Vokalhellhelle Vokale, neutralVokalVokalneutralneutrale = zentrale zentral (Vokal)Vokalzentralund HinterzungenvokalHinterzungenvokaleVokalHinterzungen- heißen auch dunkel (Vokal)dunkle VokaleVokaldunkel.

 Die neutralen = zentralen Vokale [«] und[Œ] werden als ReduktionsvokalReduktionsvokalVokalReduktions-Reduktionsvokale bezeichnet. Der mittlere ReduktionsvokalVokal [«] heißt auch MurmelvokalVokalMurmel-Murmelvokal oder Schwa-Laut, kurz SchwaLautSchwa--Schwa-Laut. Der tiefe bis gehobene ReduktionsvokalVokal [Œ] (»verdumpftes rverdumpftes <i>r</i>«) heißt auch TiefTiefschwaschwaLautTiefschwa.

 Wenn bei der ArtikulationArtikulation von VokalVokalen der Nasenraum zusätzlich als Resonanzraum verwendet wird, ergeben sich nasalierte = nasaler/nasalierter VokalVokalnasaler/nasalierternasale Vokale (= NasalvokalNasalvokale = nasal/NasalNasale).

Weitere Beschreibungstermini für Konsonanten:

 Der vor anlautende VokalVokale tretende glottal/Glottalglottale explosiv/ExplosivExplosivlaut [+] heißt auch Knacklaut = KehlkopflautKehlkopflautKnacklaut = GlottisverschlusslautGlottisverschlusslaut = StimmritzenlautStimmritzenlaut (z. B. [+am +a<b«nt +Es«n +al« +a<l]); zusammen mit dem Knacklaut auftretende Vokale bilden AllophonAllophone des betreffenden Vokals: Die Phone [+a, a] beispielsweise sind AllophonAllophone des PhonemPhonems /a/.

 AffrikateAffrikaten: KonsonantenverbindungenKonsonantenverbindung aus einem stimmlosstimmlosen Explosivexplosiv/Explosiv = VerschlusslautVerschlusslaut und einem stimmlosstimmlosen, an derselben oder einer benachbarten ArtikulationsstelleArtikulationsstelle = ArtikulationsortArtikulationsort gebildeten (= homorganhomorganen) Frikativfrikativ/Frikativ = ReibelautReibelaut: [píf], [tís], [tíS].

(Termini in alphabetischer Reihenfolge: Wortformen – ggf. zugehöriges Adjektiv – ggf. gebräuchliche dt. Entsprechung):

die Affrikate/die Affrikata, der Affrikate/der Affrikata, die Affrikaten (Betonung auf -ka(t)-) – affriziertaffriziert

die Fortis, der Fortis, die Fortes (Betonung auf For-) – stark

der Halbvokal, des -s, die -e – halbvokalisch

die Lenis, der Lenis, die Lenes (Betonung auf Le-) – schwachschwachKonsonant

der Liquid, des -s, die -e (Betonung auf -qui(d)-) od. die Liquida, der Liquida, die Liquidä (Betonung jeweils auf Li-) od. Liquiden (Betonung auf -qui-) – liquid – Fließlaut

die Media, der Media, die Mediä/Medien (Betonung auf Me-)

die Muta, der Muta, die Mutä (Betonung auf Mu-) – Stummlaut

das Schwa, des Schwa od. -s, die Schwa od. -s – Murmelvokal

die Tenuis, der Tenuis, die Tenues (Betonung auf Te-)

4.2 LautkombinationLautkombinationen und LautprozessLautprozesse

4.2/1 Offene SilbeoffenSilbeSilbeoffene

SilbeSilbe, die auf einen VokalVokal endet.

4.2/2 Geschlossene SilbegeschlossenSilbeSilbegeschlossene

Silbe, die auf einen KonsonantKonsonanten endet.

4.2/3 AnlautAnlaut

Laut oder LautgruppeLaut am Anfang einer Silbe, eines MorphemMorphems (▶ Nr. 5.1/3), eines Wortes.

4.2/4 AuslautAuslaut

Laut oder LautgruppeLaut am Ende einer Silbe, eines MorphemMorphems, eines Wortes.

4.2/5 InlautInlaut

Laut oder LautgruppeLaut im Inneren einer Silbe, eines MorphemMorphems, eines Wortes.

4.2/6 SandhiSandhi

Lautliche Veränderungen/Anpassungen beim Zusammentreffen zweier WortformWortformen oder zweier MorphemMorpheme innerhalb einer WortformWortform.

Eine der bekanntesten Sandhi-Erscheinungen ist die LiaisonLiaison im FranzösischenFranzösischLiaison, bei der statt einer WortformWortform, die auf einen VokalVokal auslautet (z. B. [le<]: Pluralform des bestimmter ArtikelArtikelbestimmterbestimmten ArtikelArtikels, geschrieben <les>), eine konsonantisch auslautende WortformWortform ([le<z], geschrieben ebenfalls <les>) zu wählen ist, wenn das folgende Wort mit einem VokalVokal anlautet ([le< maüi<] <les maris>, aber [le<z ami<] <les amis>). Ziel dieses Prozesses ist die Vermeidung eines Hiatus/HiatHiat/Hiatuss = eines Aufeinandertreffens zweier VokalVokale. – Die folgenden Termini beschreiben Sandhi-Erscheinungen (die LiaisonLiaison gehört zum Bereich LautzuwachsLautzuwachs, ▶ Nr. 4.2/11).

das/der Sandhi, des Sandhi (keine Pluralform, Betonung auf San-)

der Hiat, des Hiats, die Hiate (Betonung auf -a(t)-) bzw. der Hiatus, des Hiatus, die Hiatus (letzteres mit langem [u<], Betonung auf -a-)

4.2/7 ElisionElision

Wegfall eines oder mehrerer LautLaute.

Je nachdem, ob der Wegfall am WortanfangWortanfang, am WortendeWortende oder im WortinnernWortinneres geschieht, unterscheidet man zwischen AphäreseAphärese (▶ Nr. 4.2/8), ApokopeApokope (▶ Nr. 4.2/9) und SynkopeSynkope (▶ Nr. 4.2/10). Diese Termini betreffen sowohl Lautprozesse, die sich in der GegenwartsspracheSpracheGegenwarts-Gegenwartssprache vollziehen, als auch solche, die sich im Laufe der SprachgeschichteSprachgeschichte abgespielt haben. – Unter ElisionElision im engeren Sinn wird der Wegfall eines auslautenden VokalVokals (Apokope) vor dem anlautenden VokalVokal eines Folgewortes verstanden (z. B. [lo<b íIC] bzw. [lo<p +IC] <lob ich> statt [lo<b« +IC] <lobe ich>).

die ElisionElision, der ElisionElision, die Elisionen; Verb: elidieren

4.2/8 AphäreseAphärese

Wegfall eines oder mehrerer LautLaute am WortanfangWortanfang.

Beispiele:

Der Vergleich von rein mit herein zeigt die AphäreseAphärese der Lautgruppe [hE]. – Beim Übergang vom AlthochdeutschAlthochdeutschen zum MittelhochdeutschMittelhochdeutschen ist das [h] in hloufan ‘laufen’ aphäriert worden.

die AphäreseAphärese, der AphäreseAphärese, die Aphäresen (-ph- wird [f] gesprochen, Betonung auf -re-, Trennung: Aph-ä-re-se); Verb: aphärieren

4.2/9 ApokopeApokope

Wegfall eines oder mehrerer LautLaute (bes. VokalVokale) am WortendeWortende.

Beispiele:

In Wörtern wie (ich) komm, (dem) Haus ist am Ende ein [«] apokopiert, nicht aber bei (ich) muss, (der) Maus, da letztere keine Parallelform *[mUs«] (*<musse>) bzw. *[maíoz«] (*<Mause>) haben, erstere aber sehr wohl [km«] (<komme>) bzw. [haíoz«] (<Hause>) neben sich haben. Entsprechendes gilt für den Übergang von z. B. mhdMittelhochdeutsch. herze zu nhdNeuhochdeutsch. Herz.

die Apokope, der Apokope (Betonung auf -po-), die Apokopen (Betonung auf -ko-, Trennung: Apo-ko-pe); Verb: apokopieren

4.2/10 SynkopeSynkope

Wegfall eines oder mehrerer LautLaute (bes. VokalVokale) im WortinnernWortinneres.

Beispiele:

Der Vergleich von drum mit darum zeigt, dass [a] ausgefallen ist: synkopiertes [a]. Beim Übergang vom MittelhochdeutschMittelhochdeutschen zum NeuhochdeutschNeuhochdeutschen ist das [«] in obest synkopiert worden (jetzt: Obst).

die SynkopeSynkope, der SynkopeSynkope (Betonung auf Syn-), die SynkopeSynkopen (Betonung auf -ko-); Verb: synkopieren

4.2/11 LautzuwachsLautzuwachs

Hinzufügung eines zuvor nicht vorhandenen LautLautes.

LautzuwachsLautzuwachs ist in der Gegenwartssprache und in der deutschen Sprachgeschichte sehr viel seltener anzutreffen als ElisionElision (▶ Nr. 4.2/7). Je nach der Position, an der der Zuwachs erfolgt, wird unterschieden zwischen

 EpitheseEpithese (am WortendeWortende, z. B. mhdMittelhochdeutsch. nieman > nhdNeuhochdeutsch. niemand),

 EpentheseEpenthese (im WortinnernWortinneres, z. B. mhdMittelhochdeutsch. spinnel > nhdNeuhochdeutsch. Spindel) und

 ProstheseProsthese/ProtheseProthese (am WortanfangWortanfang, z. B. im Französischen e vor sp und st in Wörtern lateinischen Ursprungs: esprit [entspr. lat. spiritus], état [entspr. lat. status].

Der Spezialfall der Vokaleinfügung im InlautIn- oder AuslautAuslaut heißt AnaptyxeAnaptyxe (z. B. die Einfügung des SprossvokalVokalSpross-Sprossvokals [«] in manchen Dialekten: [fYn«f] fünef gegenüber standardsprachl. [fYnf] fünf; diese Einfügung wird auch als EpentheseEpenthese bezeichnet).

die Epithese/Epenthese/Pro(s)these, der Epithese/Epenthese/Pro(s)these, die Epithesen/Epenthesen/Pro(s)thesen (Betonung jeweils auf -the-, Trennung: Epi-the-se, Ep-en-the-se, Pros-the-se/Pro-the-se)

die Anaptyxe, der Anaptyxe, die Anaptyxen (Betonung auf -pty-, Trennung: Ana-p-ty-xe)

4.2/12 AssimilationAssimilation

Ersetzung eines LautLautes durch einen anderen, der einem benachbarten LautLaut ähnlicher ist.

Beispiele:

Senf: standardsprachl. [zEnf] – umgangssprachl. [zEmf]: Der LautLaut [n] wird durch [m] ersetzt, einen LautLaut, der dem folgenden [f] insofern ähnlicher ist als [n], als er wie [f] das MerkmalMerkmal [labiallabial/Labial] hat; vgl. auch Lippen: standardsprachl. [lIp«n] – umgangssprachl. [lIpm^] ([m^] bezeichnet ein silbischessilbisch [m]; Amboss: mhdMittelhochdeutsch. [an«bo<s] > nhdNeuhochdeutsch. [ambs].

Wenn die beteiligten LautLaute unmittelbar benachbart sind, spricht man von KontaktassimilationAssimilationKontakt-Kontaktassimilation, sonst von FernassimilationAssimilationFern-Fernassimilation. Progressive AssimilationAssimilationprogressiveprogressive Assimilation liegt vor, wenn der voranstehende LautLaut auf einen ihm folgenden Laut Einfluss nimmt, regressive AssimilationAssimilationregressiveregressive Assimilation liegt vor, wenn ein Laut einen vorangehenden Laut beeinflusst. Regressive Fernassimilation: Bei mächtig (zu Macht), mütterlich (zu Mutter) usw. gehen die UmlautUmlaute ä und ü auf das i der Endung zurück (▶ Nr. 4.3/2, SekundärumlautSekundärumlaut).

4.2/13 DissimilationDissimilation:

Ersetzung eines LautLautes durch einen anderen, der einem benachbarten LautLaut unähnlicher ist.

Beispiele:

Maulbeere: ahdAlthochdeutsch. [mu<r-bEri] – mhdMittelhochdeutsch. [mu<l-bEr«]; Knäuel: mhdMittelhochdeutsch. [kly<v«l] – nhdNeuhochdeutsch. [kníO«l].

4.3 LautentwicklungLautentwicklungen in der deutschen Sprachgeschichte

Die folgenden Termini bezeichnen LautwandelWandelLaut-Lautwandelvorgänge, die sich in der Geschichte der deutschen Sprache seit dem Althochdeutschen abgespielt haben und die nicht nur einzelne Wörter betrafen, sondern regelhaft gewirkt haben. In Anlehnung an Scherer (1890, S. 10–14) teilen wir die deutsche Sprachgeschichte samt ihren germanischen Vorstufen folgendermaßen ein:


150 v. Chr. – 150 n. Chr.
150–450
450–750
750–1050
1050–1350
1350–1650
seit 1650

Im AlthochdeutschAlthochdeutschen und beim Übergang zum MittelhochdeutschMittelhochdeutschen:

4.3/1 PrimärumlautUmlautPrimär-Primärumlaut

Ersetzung von [a] durch [E] vor [I], [i<] oder [j] in der unmittelbar folgenden SilbeSilbe.

Beispiele:

WortformWortformen wie ahdAlthochdeutsch. kraft (‘Kraft’, SingularSingular) – krefti (‘Kräfte’, PluralPlural), gast (‘Gast’) – gesti (‘Gäste’) und viele weitere zeigen, dass in AllomorphAllomorphen ein und desselben MorphemMorphems (▶ Nr. 5.1/4) die Kurzvokalkurz (Vokal)Vokalkurzkurz (Vokal)e [a] und [E] miteinander wechseln. Dabei erscheint [E] als UmlautUmlaut von [a] in einer WortformWortform immer dann, wenn in der unmittelbar folgenden SilbeSilbe der betreffenden WortformWortform einer der LautLaute [I], [i<] oder [j] steht. Wenn das [a] vor den LautverbindungenVerbindungLaut-Lautverbindung [xs], [xt], [rv] (geschrieben: <hs>, <ht>, <rw>) steht, findet trotz [I, i<, j] in der Folgesilbe kein UmlautUmlaut statt = [a] wird nicht umgelautet, z. B. [maxt] <maht> – [maxtI] <mahti> (‘Macht’, ‘Mächte’).

4.3/2 SekundärumlautUmlautSekundär-Sekundärumlaut

UmlautUmlaut von [a] zu [E], und zwar 1. auch vor den den PrimärumlautUmlautPrimär-Primärumlaut verhindernden KonsonantenverbindungenVerbindungKonsonanten-Konsonantenverbindung [xs], [xt], [rv] und 2. in dem Fall, dass [I, i<, j] erst in der zweitfolgenden SilbeSilbe stehen. Im weiteren Sinn: Ersetzung des langen VokalVokals [a<] durch [E<] und der dunkel (Vokal)dunklen Vokale = HinterzungenvokalVokalHinterzungen-Hinterzungenvokale durch die entsprechenden gerundet (Vokal)gerundeten hell (Vokal)hellen = vorderen VokalVokalvordererVokale = VorderzungenvokalVokalVorderzungen-Vorderzungenvokale vor [I, i<, j].

Beispiele:

SekundärumlautSekundärumlaut im engeren Sinn: 1. ahdAlthochdeutsch. mahtîg [maxt-] – mhdMittelhochdeutsch. mähtec [mECt-], 2. ahdAlthochdeutsch. faterlîh [fatEr-] – mhdMittelhochdeutsch. veterlich [fEt«r-]; SekundärumlautSekundärumlaut im weiteren Sinn: Ersetzung von [a<] durch [E<]: ahdAlthochdeutsch. mâri – mhdMittelhochdeutsch. mære ‘Erzählung’; von [U] durch [Y]: ahdAlthochdeutsch. turi – mhdMittelhochdeutsch. türe; von [u<] durch [y<]: ahdAlthochdeutsch. sûri – mhdMittelhochdeutsch. siure [sy<r«] ‘Säure’; von [o<] durch [O<]: ahdAlthochdeutsch. skôni – mhdMittelhochdeutsch. schœne; von [uío] durch [YíE]: ahdAlthochdeutsch. guoti – mhdMittelhochdeutsch. güete; von [oíu] durch [Oíu]: ahdAlthochdeutsch. (h)loufit – mhdMittelhochdeutsch. löufet ‘läuft’.

4.3/3 AbschwächungAbschwächung von unbetonten EndsilbenvokalEndsilbenSilbeEnd-- und MittelsilbenvokalSilbeMittel-Mittelsilbenvokalen

Ersetzung von »vollen« VokalenVokalvoll durch [«] (den Schwa-LautLautSchwa--Schwa-Laut = MurmelvokalVokalMurmel-Murmelvokal).

Beispiele:

geben: ahdAlthochdeutsch. geban [a] – mhdMittelhochdeutsch. geben [«], loben: ahdAlthochdeutsch. lobôn [o<] – mhdMittelhochdeutsch. loben, waren: ahdAlthochdeutsch. wârûn [u<] – mhdMittelhochdeutsch. wâren, Ende: ahdAlthochdeutsch. enti [i] – mhdMittelhochdeutsch. ende, lobte: ahdAlthochdeutsch. lobôta – mhdMittelhochdeutsch. lobete.

Im MittelhochdeutschMittelhochdeutschen:

4.3/4 AuslautverhärtungAuslautverhärtung

Ersetzung der stimmhaftKonsonantstimmhaften Explosivexplosiv/Explosive = Verschlusslaute (= MedienMedia) [b], [d], [g] durch die ihnen entsprechenden stimmlosstimmlosKonsonantstimmlosen Explosivexplosiv/Explosive = Verschlusslaute (= TenuisKonsonantTenuisTenues) [p], [t], [k] und der FrikativKonsonantfrikativ/Frikative = SpirantSpiranten = ReibelautKonsonantReibelaute [h], [v] (LenesLenisKonsonantLenis) durch die FortesFortisKonsonantFortis-Frikativfrikativ/FrikativKonsonantfrikativ/Frikative [x] und [f] im WortauslautAuslaut und vor stimmlosstimmlosen KonsonantKonsonantstimmlosen.

Beispiele:

Leib: lîb- [li<b] (z. B. in lîb-es) – lîp [li<p], Neid: nîd- [ni<d] – nît [ni<t], Tag: tag- [tag] – tac [tak]; sah: sah [sah] – sach [sax].

Beim Übergang vom MittelhochdeutschMittelhochdeutschen zum FrühneuhochdeutschFrühneuhochdeutschen/NeuhochdeutschNeuhochdeutschen:

4.3/5 NeuhochdeutschNeuhochdeutsche DiphthongierungDiphthongierung

Ersetzung der mhdMittelhochdeutschhoch (Vokal)Vokalhoch. hohen LangvokalVokallanglang (Vokal)e [i<], [y<], [u<] durch die DiphthongDiphthonge [aíe], [íO], [aío].

In den Wörtern der Beispiel-MerkhilfeMerkhilfeDiphthongierungDiphthongierungMerkhilfe mîn niuwez hûs [mi<n ny<v«s hu<s] und der nhd. Entsprechung mein neues Haus [maíen níO«s haíos] sind die betroffenen VokalVokale enthalten.

4.3/6 NeuhochdeutscheNeuhochdeutsch MonophthongierungMonophthongierung

Ersetzung der mhdMittelhochdeutsch. DiphthongDiphthonge [ií«], [uí], [yí«] durch die MonophthongMonophthonge [i<], [u<], [y<].

Beispiel-MerkhilfeMerkhilfeMonophthongierungMonophthongierungMerkhilfe:

mhdMittelhochdeutsch. liebe guote brüeder [lií«b« guít« bryí«d«r] – nhd. liebe gute Brüder [li<b« gu<t« büy<dŒ].

4.3/7 NeuhochdeutschNeuhochdeutsche DiphthongsenkungDiphthongsenkung

Ersetzung der mhdMittelhochdeutsch. DiphthongDiphthonge [eíi], [oííu], [Oíu] durch die DiphthongDiphthonge [aíe], [aío], [íO].

Beispiele:

mhdMittelhochdeutsch. bein [beíin] mit [eíi] etwa wie in englisch game – nhd. Bein [baíen]; mhdMittelhochdeutsch. boum [boíum] mit [oííu] etwa wie in engl. home – nhdNeuhochdeutsch. Baum [baíom]; mhdMittelhochdeutsch. böume [bOíum«] – nhd. Bäume [bíOm«].

4.3/8 NeuhochdeutschNeuhochdeutsche DehnungDehnungVokalDehnung in offenTonsilbeoffener TonsilbeSilbeTon-TonsilbeoffenSilbe

Ersetzung mhdMittelhochdeutsch. Kurzvokalkurz (Vokal)Vokalkurzkurz (Vokal)e durch die ihnen jeweils entsprechenden LangvokalVokallanglang (Vokal)e, wenn sie am Ende einer betontenbetontSilbeSilbebetonteSilbeoffene offenen Silbe (▶ Nr. 4.2/1) stehen.

Beispiele:

mhdMittelhochdeutsch. leben [lE|b«n] (der StrichStrichSilbengrenze kennzeichnet die SilbengrenzeSilbengrenzeSilbeSilbengrenze) – nhd. leben [le<|b«n]; mhdMittelhochdeutsch. tages [ta|g«s] – nhdNeuhochdeutsch. Tages [ta<|g«s]. Die DehnungDehnung unterbleibt in einigen UmgebungenUmgebung.

Hinweis: Der Terminus »Dehnung« ist mit anderer Bedeutung auch in der Orthographie gebräuchlich (»Kennzeichnung eines gedehnten = langen Vokals«, ▶ Nr. 9.3/11).

5 MorphologieMorphologie: Lehre vom Bau der Wörter
5.1 Allgemeines

In den vorangehenden Kapiteln wurden die beiden Seiten sprachlicher ZeichenZeichen getrennt voneinander betrachtet. In der Morphologie = MorphemikMorphemik wird das Zeichen wieder als Ganzes, als Kombination von AusdrucksAusdrucksseite- und InhaltsseiteInhaltsseite (▶ Nr. 1.1/1 bis 1.1/4), in den Blick genommen.

Im Folgenden wird zunächst das Minimalzeichen, das als Grundbegriff in der Morphologie eine ähnliche Rolle spielt wie BuchstabeBuchstabe und LautLaut in der GraphemikGraphemik bzw. PhonologiePhonologie (vgl. die Vorbemerkungen oben zu ▶ Nr. 3.2/1 und 4.1/1), analog zu den dort verwendeten Termini als MorphMorph, MorphemMorphem, AllomorphAllomorph bestimmt:

5.1/1 MinimalzeichenZeichenMinimal-Minimalzeichen

Zeichen, das nicht weiter in Zeichen zerlegt werden kann.

Beispiel:

Das Wort Geister ist im Gegensatz zum Wort Kleister kein Minimalzeichen, da es sich seinerseits in Zeichen zerlegen lässt: Geist (AusdrucksseiteAusdrucksseite: <geist> bzw. /gaíest/ – InhaltsseiteInhaltsseite: ‘Gespenst etc.’) und er <er> bzw. /«r/ – ‘Mehrzahl’). Dagegen ist das Wort Kleister ein Minimalzeichen: Zwar ist seine Ausdrucksseite in kleinere Abschnitte wie <klei> bzw. /klaíe/ und <ster> bzw. /st«r/ zerlegbar, doch haben diese keinen Zeichencharakter, da ihnen keine BedeutungBedeutungen zugeordnet sind. Eine andere Zerlegung der AusdrucksseiteAusdrucksseite von Kleister führt zwar zu Ausdrücken wie <kleist> bzw. /klaíest/ und <er> bzw. /«r/, denen Bedeutungen zugeordnet werden können; diese stehen aber in keinem Zusammenhang mit der Bedeutung des Ausgangswortes, Kleister. Eine solche bloß formale Zerlegung führt zu Gebilden, die gelegentlich PseudomorphemMorphemPseudo-Pseudomorpheme genannt werden.

5.1/2 MorpheMorph

MinimalzeichenMinimalzeichen, noch ohne Berücksichtigung ihrer Zugehörigkeit zu einer Klasse gleichwertiger MinimalzeichenMinimalzeichen = zu einem Morphem; kleinste Ausdrucks-Inhalts-Einheiten, in die sich Äußerungen zerlegen = segmentieren lassen.

5.1/3 MorphemMorphem

Klasse/Menge von Morphen, die denselben WertWert, das heißt: dieselbe BedeutungBedeutung bei identischer oder ähnlicher AusdrucksseiteAusdrucksseite, haben.

5.1/4 AllomorphAllomorphe

Morphe, die demselben Morphem angehören.

das Morph, des Morphs, die Morphe

das Morphem, des Morphems, die Morpheme (Betonung auf -phe(m)-)

das Allomorph, des Allomorphs, die Allomorphe (Betonung auf -mor(ph)-)

Bei Morphen und Allomorphen wird meist nur die AusdrucksseiteAusdrucksseite in graphemischer oder phonemPhonemischer Form (also in spitzen KlammernKlammerspitzespitze Klammer bzw. zwischen SchrägstrichenSchrägstrich) notiert; von allographAllographischer und allophonAllophonischer Variation auf der Ausdrucksseite wird also abgesehen. Die InhaltsseiteInhaltsseite = BedeutungBedeutung wird in der Regel nicht angegeben. Für Morpheme wird meist die (graphemisch-orthographische) Ausdrucksseite eines der zugehörigen Morphe = des Allomorphs bzw. eines der Allomorphe in geschweiften KlammernKlammergeschweiftegeschweifte Klammern notiert ({…}, Beispiele s. u.) – häufig werden die geschweiften Klammern weggelassen, und man notiert die Ausdrucksseite in graphemisch-orthographischer Form, die durch Unterstreichung hervorgehoben wird (die UnterstreichungUnterstreichung wird im Druck, wie im vorliegenden Buch, durch KursivschriftSchriftKursiv-Kursivschrift wiedergegeben). Bei grammatisches MorphemgrammatischenMorphemgrammatisches und anderen Morphemgebundenesgebundenes Morphemgebundenen Morphemen (▶ Nr. 5.3/2 und Nr. 5.3/4) wird häufig der Kategorienname (also nicht die AusdrucksseiteAusdrucksseite eines der AllomorphAllomorphe) notiert, z. B. {Pl(ural)} für die Allomorphe <er, s, e …> bzw. /«r, s, « …/.Morphemgrenzen innerhalb von Wörtern werden durch BindestricheBindestrich markiert.

Beispiele, vor allem zu Nr. 5.1/4:

Das MorphemMorphem {Arbeit} hat ein phonisches AllomorphAllomorphphonischesAllomorph, dem ein graphisches AllomorphAllomorphgraphischesAllomorph entspricht: /arbaíet/, <Arbeit>. Das MorphemMorphem {Rad} hat vier phonische AllomorphAllomorphe: /ra<d/ (in Rades, Rade), /ra<t/ (in Rad, Radfahrer usw.), /rQ<d/ (in Räder), /rQ<t/ (in Rädchen), denen zwei graphische AllomorphAllomorphe, <Rad> und <Räd>, entsprechen.

5.2 Zur Beschreibung der AllomorphikAllomorphik im Deutschenphonologisch determiniertes/konditioniertes Allomorph

5.2/1 Phonologisch determinierte = phonologisch konditionierte AllomorpheAllomorphphonologisch determiniertes/konditioniertes

Phonemisch unterschiedene AllomorphAllomorphe eines MorphemMorphems, deren VorkommenVorkommen und Form von der lautlichen = phonologischen UmgebungUmgebung abhängig ist.

Beispiel:

Das MorphemMorphem {2.Person Plural} als VerbVerb-EndungEndungVerbEndung hat zwei phonische AllomorphAllomorphe, nämlich /«t/ und /t/ (entsprechend zwei graphische Allomorphe, <et> und <t>). Welches dieser AllomorphAllomorphe im konkreten Fall erscheint, hängt vom AuslautAuslautStammauslaut des VerbstammStammVerb-StammVerbstamms, an den es tritt, ab:

 Das AllomorphAllomorph /«t/ wird gewählt, wenn der VerbstammVerbstamm auf einen der alveolaralveolar/Alveolaren Explosivexplosiv/Explosive = VerschlusslautVerschlusslaute /t/ und /d/ (z. B. /raíet-«t/ <reit-et> bzw. /re<d-«t/ <red-et>) auslautet oder auf eine der Konsonantenverbindungen (nasalische DoppelkonsonanzDoppelkonsonanznasalischenasalische Doppelkonsonanz) /bn/ (/e<bn-«t/ <ebn-et>), /pn/ (/vapn-«t/ <wappn-et>); /tm/ (/vItm-«t/ <widm-et>, /a<tm-«t/ <atm-et>); /gn/ (/ze<gn-«t/ <segn-et>), /kn/ (/trkn-«t/ <trockn-et>); /fn/ (/¿fn-«t/ <öffn-et>, /xn/ (/tsaíexn-«t/ <zeichn-et>).

 Bei allen anderen Gestaltungen des AuslautAuslauts des VerbstammVerbstamms wird das AllomorphAllomorph /t/ gewählt (z. B. /blaíep-t/ <bleib-t>, /baíes-t/ <beiß-t>, /raíetís-t/ <reiz-t>, /lErm-t/ <lärm-t>, /lErn-t/ <lern-t>, /haío-t/ <hau-t> usw.).

Die Wahl der zwei AllomorphAllomorphe des MorphemMorphems {2.Person Plural} (und des homonymenhomonym/Homonym Morphems {Imperativ Plural}) ist also lautlich = phonologisch determiniertes/konditioniertes Allomorphphonologisch vom AuslautAuslaut des VerbstammVerbstamms bestimmt = determiniert = konditioniert.morphologisch determiniertes/konditioniertes Allomorph

5.2/2 Morphologisch determinierte = morphologisch konditionierte AllomorphAllomorphmorphologisch determiniertes/konditioniertese

Phonemisch unterschiedene AllomorphAllomorphe eines MorphemMorphems, deren Vorkommen und Form von der Gegenwart eines anderen MorphemMorphems bzw. dessen AllomorphAllomorph gesteuert wird.

Beispiel:

Das MorphemMorphem {Hut} hat zwei phonische AllomorphAllomorphe, /hu<t/, /hy<t/ (entsprechend zwei graphische AllomorphAllomorphe, <Hut>, <Hüt>). /hy<t/ (<Hüt>) wird gewählt, wenn dem MorphemMorphem {Hut} das MorphemMorphem {PluralPlural} (hier in Gestalt des AllomorphAllomorphs /«/) folgt: /hy<t-«/ (entsprechend <Hüt-e>). /hy<t/ erscheint auch, wenn das MorphemMorphem {DiminutivumDiminutivum} mit seinen AllomorphAllomorphen /x«n/ oder /laíen/ folgt: /hy<t-x«n/, /hy<t-laíen/ (<Hüt-chen>, <Hüt-lein>). In allen anderen UmgebungUmgebungen erscheint {Hut} in Gestalt des AllomorphAllomorphs /hu<t/.

Die Wahl von /hu<t/ oder /hy<t/ hängt also von der morphologischen UmgebungUmgebung ab; die Wahl ist nicht phonologisch determiniert, wie auch daran deutlich wird, dass sowohl /hu<t/ als auch /hy<t/ vor phonologisch identischem /«/ stehen können: /hu<t-«/, /hy<t-«/ (im ersten Fall ist /«/ AllomorphAllomorph des MorphemMorphems {DativDativ SingularSingular}, im zweiten AllomorphAllomorph des MorphemMorphems {PluralPlural}).

5.2/3 MorphophonemMorphophonemPhonemMorpho-

Klasse derjenigen PhonemePhonem, die innerhalb der AllomorphAllomorphe eines MorphemMorphems miteinander wechseln.

Morphophoneme werden mit dem in Großbuchstaben geschriebenen Symbol eines der beteiligten PhonemePhonem notiert. Zusätzlich setzen wir diese Symbole bzw. AllomorphAllomorphe, in denen sie vorkommen, zwischen doppelte SchrägstricheSchrägstrich (z. B.: //D//, //rInD// <Rind>).

Die wichtigsten Fälle morphophonemischen WechselsWechselmorphophonemischermorphophonemischer Wechsel sind: AuslautverhärtungAuslautverhärtung, UmlautUmlautLautUm-, e/i-Wechsel (= »BrechungBrechung« = »HebungHebunge/i-WechselWechsele/i--«), AblautAblautLautAb-:

5.2/4 AuslautverhärtungAuslautverhärtung

Morphophonemischer WechselWechselmorphophonemischermorphophonemischer Wechsel zwischen stimmhaftstimmhaften und stimmlosstimmlosen Explosivexplosiv/Explosiven = VerschlusslautVerschlusslauten bzw. zwischen stimmhaftstimmhaften und stimmlosstimmlosen Frikativfrikativ/Frikativen = SpirantSpiranten = ReibelautReibelauten; auch: Erscheinen des stimmlosstimmlosen PhonemPhonems eines MorphophonemMorphophonems im AuslautAuslaut von AllomorphAllomorphen eines MorphemMorphems.

Beispiel:

Das MorphemMorphem {Rind} hat zwei phonische AllomorphAllomorphe, /rInd/ (z. B. in (dem) Rind-e) und /rInt/ (z. B. in Rind, Rind-lein). Ihr VorkommenVorkommen richtet sich nach der phonologischen und morphologischen UmgebungUmgebung: Folgt auf {Rind} im selben Wort ein vokalisch anlautendes AllomorphAllomorph einer EndungEndung und steht das letzte PhonemPhonem von {Rind} somit hinter der SilbengrenzeSilbengrenzeSilbeSilbengrenze, wird das AllomorphAllomorph mit /d/ gewählt (/rIn|d-«/ mit der Silbengrenze zwischen /rIn/ und /d«/; der senkrechte StrichStrichsenkrechtersenkrechter Strich zeigt die Silbengrenze an); folgt kein solches AllomorphAllomorph, wird das AllomorphAllomorph mit /t/ gewählt (/rInt|/ oder /rInt|-laíen/). Die PhonemPhoneme /d/ und /t/ wechseln in diesen AllomorphAllomorphen also miteinander = sie alternieren; sie können in Bezug auf das Morphem {Rind} (und viele andere) zum MorphophonemMorphophonem //D// zusammengefasst werden. //D// wird definiert als Klasse der PhonemPhoneme /d/ und /t/. Die AllomorphAllomorphe /rInd/ und /rInt/ werden unter morphophonemischen Gesichtspunkten zusammengefasst als //rInD//, wobei mit Kleinbuchstaben diejenigen Elemente symbolisiert werden, die in allen AllomorphAllomorphen gleich bleiben, hier: /r/, /I/ und /n/ (dabei hat /r/ weiterhin die freies Allophonfreien AllophonAllophone [ü], [Ò] und [r]; von der Allophonik wird ja im Bereich der Allomorphik abgesehen, ▶ Nr. 5.1/4). Mit Großbuchstaben werden die Elemente zusammenfassend symbolisiert, die als PhonemPhoneme in Allomorphen eines Morphems miteinander wechseln, hier also //D//.

Unter »AuslautverhärtungAuslautverhärtung« versteht man, strikt gesprochen, die Tatsache, dass (um beim Beispiel //D// zu bleiben) im AuslautAuslaut eines AllomorphAllomorphs das sog. »hartehart (Explosiv)explosiv/Explosivhart« PhonemPhonem /t/ erscheint. Zugrunde liegt die Vorstellung, dass aus dem »nicht-harten« = »weichenweich (Explosiv)weich (Explosiv)explosiv/Explosivweich« = stimmhaftstimmhaften PhonemPhonem /d/ im AuslautAuslaut das hart (Explosiv)»harte« = stimmlosstimmlose PhonemPhonem /t/ »wird«.

Zum Phänomen der AuslautverhärtungAuslautverhärtung gehören im Bereich der Explosivexplosiv/Explosive = VerschlusslautVerschlusslaute die folgenden Morphophoneme:Morphophonem

 //D// = /d/ und /t/ (z. B. {Rind}, vgl. oben),

 //G// = /g/, /k/ und /x/ (z. B. {König}: AllomorphAllomorphe /kO<nIg/ (König-e), /kO<nIk/ (könig-lich), /kO<nIx/ ([kO<nIC]) (König), morphophonemisch: //kO<nIG//),

 //B// = /b/ und /p/ (z. B. {Dieb}: AllomorphAllomorphe /di<b/ (Dieb-es), /di<p/ (Dieb), morphophonemisch: //di<B//).

Außerdem aus dem Bereich der Frikativfrikativ/Frikative = SpirantSpiranten = ReibelautReibelaute:

 //V// = /v/ und /f/ (z. B. {brav}: AllomorphAllomorphe /bra<v/ (brav-es), /bra<f/ (brav), morphophonemisch: //bra<V//; {doof}: Allomorphe /do<v/ (doof-es), /do<f/ (doof), morphophonemisch //do<V//),

 //Z// = /z/ und /s/ (z. B. {Eis}: AllomorphAllomorphe /aíez/ (eis-ig), /aíes/ (Eis), morphophonemisch: //aíeZ//).

Zur AuslautverhärtungAuslautverhärtung in der deutschen Sprachgeschichte ▶ Nr. 4.3/4. – Zur Auslautverhärtung in der OrthographieOrthographie ▶ Abschnitt 9.3.1.2.

5.2/5 UmlautUmlaut

Morphophonemischer WechselWechselmorphophonemischermorphophonemischer Wechsel:


/a/ — /E/
/a</ — /E</
// — /¿/
/o</ — /O</
/U/ — /Y/
/u</ — /y</
/aío/ — /íO/;

auch: Erscheinen des jeweils zweitgenannten PhonemPhonems in AllomorphAllomorphen eines MorphemMorphems.

Beispiel:

Das Morphem {Hut} hat zwei AllomorphAllomorphe: /hu<t/ und /hy<t/ (▶ Nr. 5.2/2). Ihr VorkommenVorkommen richtet sich nach der morphologischen UmgebungUmgebung: Vor den MorphemMorphemen {PluralPlural} und {DiminutivumDiminutivum} erscheint /hy<t/ mit dem UmlautUmlaut /y</, sonst /hu<t/ mit nicht umgelautetem /u</. Wenn man /u</ und /y</ als MorphophonemMorphophonem //U<// zusammenfasst, ergibt sich in morphophonemischer Schreibweise: //hU<t//.

Das in der Zusammenstellung oben jeweils an zweiter Stelle genannte Glied eines Paares wird selbst auch UmlautUmlaut genannt. Die jeweils an erster Stelle genannten VokalVokale sind umlautfähigumlautfähige VokaleVokalumlautfähig. Der Vorgang des Wechsels vom BasisvokalVokalBasis-Basisvokal zu seinem Umlaut wird auch UmlautungUmlautung genannt.

Umlaut tritt auch in der 2. und 3.Pers. Sg. Präs. Ind. Akt. einiger starkerVerbstarkesstarkVerb Verben auf, z. B. rätst, rät (zu rat(en)), lädst, lädt (zu lad(en)), ▶ Nr. 6.2/16.

Zum UmlautUmlaut in der deutschen Sprachgeschichte ▶ Nr. 4.3/1 und 4.3/2. Zur UmlautungUmlautung bei /E/ und /íO/ in der OrthographieOrthographie ▶ Abschnitt 9.3.1.2.

5.2/6 e/i-WechselWechsele/i-- (= »BrechungBrechung« = »HebungHebunge/i-Wechsel«)

Morphophonemischer WechselWechselmorphophonemischermorphophonemischer Wechsel:


/E/ — /I/
/e</ — /I/
/e</ — /i</
/E</ — /i</.

e/i-Wechsele/i-Wechsel (gelegentlich auch »BrechungBrechung« oder »HebungHebung« genannt) tritt bei der Bildung von Formen einiger starkenstarkVerb Verben auf, und zwar erscheinen AllomorphAllomorphe mit /I/ bzw. /i</ in der 2. und 3.Pers.Person Sg. Präs.Präsens Ind.Indikativ Akt.Aktiv und im ImperativImperativ SingularSingular; AllomorphAllomorphe mit /E, e<, E</ erscheinen im InfinitivInfinitiv und weiteren Formen solcher VerbVerben (▶ Nr. 6.2/16). Beispiele: helfen – hilfst (/E/ – /I/), treten – tritt (/e</ – /I/), geben – gib (/e</ – /i</), gebären – gebierst (/E</ – /i</).

5.2/7 AblautAblaut

Morphophonemischer WechselWechselmorphophonemischermorphophonemischer Wechsel zwischen VokalVokalen, besonders bei AllomorphAllomorphen von starkVerb(starken) VerbVerben.

Beispiel:

In AllomorphAllomorphen des VerbVerbmorphems {sing(en)} stehen die VokalVokale /I/, /a/ und /U/ zueinander im Verhältnis des AblautAblauts. Die drei durch AblautAblaut der VokalVokale miteinander verbundenen AllomorphAllomorphe sind: /zIN/, /zaN/, /zUN/ (<sing, sang, sung>).

VerbVerben, deren AllomorphAllomorphe durch AblautAblaut miteinander verbunden sind, heißen starkVerbstarkVerbstarke VerbVerbVerbstarkesen. Sie unterscheiden sich von den schwachVerbschwachen VerbVerbVerbschwachesschwachVerben auch dadurch, dass sie ihre PräteritumPräteritalformen = Imperfektformen und ihre Partizip PerfektPartizip-Perfekt-Formen = Partizip-IIPartizip II-Formen nicht mit t bilden: (wir) sang-en, ge-sung-en im Gegensatz zu (wir) lach-t-en, ge-lach-t (▶ Nr. 6.2/16).

5.3 Typen von Morphemen

Morpheme lassen sich unter mehreren Gesichtspunkten in unterschiedliche Typen differenzieren und klassifizieren: Hinsichtlich ihrer Bedeutungsfunktion wird zwischen lexikalischen und grammatischen MorphemMorphemen (▶ Nr. 5.3/1, Nr. 5.3/2) unterschieden; hinsichtlich ihres VorkommenVorkommens bzw. ihrer Selbstständigkeit unterscheidet man zwischen freies MorphemMorphemMorphemfreiesfreien und gebundenes Morphemgebundenen MorphemMorphemgebundenesMorphemen (▶ Nr. 5.3/3, Nr. 5.3/4) mit dem Spezialfall der unikales MorphemunikalenMorphemunikales bzw. blockiertMorphemblockiertesblockiertes Morphemen MorphemMorpheme (▶ Nr. 5.3/5, Nr. 5.3/6) und der KonfixKonfixe (▶ Nr. 5.3/6a). Spezialfälle in anderer Hinsicht bilden diskontinuierliches Morphemdiskontinuierliche MorphemMorphemdiskontinuierlichesMorpheme (▶ Nr. 5.3/7) und Portmanteau-MorphemMorphemPortmanteau--Portmanteau-AllomorphAllomorphPortmanteauAllomorphe (▶ Nr. 5.3/8).

Nach der Bedeutung/Funktion:

5.3/1 Lexikalisches Morphemlexikalisches MorphemMorphemlexikalisches

MorphemMorphem mit eigener lexikalischer oder SachbedeutungBedeutung. Kombinationen von lexikalisches Morphemlexikalischen MorphemMorphemen ergeben (neue) Wörter bzw. WortstammWortstämmStammStammWort-e (▶ Nr. 5.4/1).

5.3/2 Grammatisches MorphemMorphemgrammatischesgrammatisches Morphem

MorphemMorphem mit grammatischer oder struktureller BedeutungBedeutung. Kombinationen von lexikalisches Morphemlexikalischen MorphemMorphemen mit grammatisches Morphemgrammatischen MorphemMorphemen ergeben WortformWortformen, nicht neue Wörter.

Nach dem Vorkommen/der Selbstständigkeit:

5.3/3 Freies MorphemMorphemfreiesfreies Morphem

MorphemMorphem, dessen AllomorphAllomorph(e) allein für sich (ohne direkte Bindung an ein anderes MorphemMorphem) in einem Satz als Wort auftreten kann (können).

5.3/4 Gebundenes MorphemMorphemgebundenesgebundenes Morphem

MorphemMorphem, dessen AllomorphAllomorph(e) in einem Satz nicht selbstständig als Wort auftreten kann (können), sondern immer an ein anderes MorphemMorphem gebunden ist (sind).

Beispiel zu Nr. 5.3/1 bis Nr. 5.3/4:

In dem folgenden Satz sind die MorphemMorphemtypen der AllomorphAllomorphe gekennzeichnet:

Auflex,fr dgr,geb-emgr,geb Schreiblex,fr-tischlex,fr lieglex,fr-tgr,geb

eingr,fr grünlex,fr-lichlex,geb-esgr,geb Büchlex,fr-leinlex,geb

5.3/5 Unikales MorphemMorphemunikalesunikales Morphem

Gebundenes lexikalisches MorphemMorphem, das nicht allein, sondern nur in Verbindung mit einem einzigen anderen MorphemMorphem auftritt.

Beispiele:

Das MorphemMorphem {Him} kommt nur in Verbindung mit dem MorphemMorphem {Beere} vor, ebenso {Brom} und {Preisel}; {mutterseelen} nur mit {allein}; {Kegel} (in dieser Bedeutung!) nur nach {(mit) Kind und}.

5.3/6 Blockiertes MorphemMorphemblockiertesblockiertes Morphem

Gebundenes lexikalisches Morphem, dessen Kombinationsfähigkeit stark eingeschränkt ist.

Beispiel:

Das Morphem {Schwieger} kommt nur in Verbindung mit {Eltern, Kind, Mutter, Sohn, Tochter, Vater} vor. (Die Verwendung von Schwieger als freies Morphem in der Bedeutung ‘Schwiegermutter’ ist veraltet.)

5.3/6a KonfixKonfix

Gebundenes lexikalisches MorphemMorphem, das aus einer anderen Sprache entnommen worden ist, als BasisBasis (▶ 5.5/10) einer AbleitungAbleitung (▶ 5.5/5), als KompositionsgliedKompositionsgliedKompositionsglied (▶ 5.5/2) oder in beiden Verwendungen.

Beispiele:

Konfix {therm} in der Ableitung thermisch (mit Suffix {isch}), in den Komposita Thermalbad (mit freiem Morphem {Bad}), Thermostat (mit Konfix {stat}), Thermometer (mit Konfix {meter}, im Unterschied zum freien Morphem {Meter}).

Spezialfälle:

5.3/7 Diskontinuierliches MorphemMorphemdiskontinuierlichesdiskontinuierliches Morphem

Morphem mit einem AllomorphAllomorph, das aus mehreren Teilen besteht, die nicht unmittelbar aufeinander folgen, sondern durch andere Elemente getrennt sind.

Beispiele:

Die VerbformVerbform ge-sung-en weist das diskontinuierliche AllomorphAllomorph /g«- … ‑«n/ des Morphems {Partizip II = Partizip PerfektPartizip PerfektPartizip II} auf; entsprechend /g«- … ‑«/ in Ge-birg-e, Ge-jammer-e usw. (ZirkumfixZirkumfix, ▶ Nr. 5.4/9).

5.3/8 Portmanteau-AllomorphAllomorphPortmanteauPortmanteau-Allomorph

Nicht zerlegbarer AusdruckAusdruck (Zeichen), dem die InhaltsseiteInhaltsseiten mehrerer Morpheme zugeordnet sind.

Beispiele:

In der französ. FormForm <au> (gesprochen: [o<]) sind die beiden Morpheme à und le »verschmolzen«. – In Formen wie im, am sind die PräpositionPräpositionen in und an mit der ArtikelArtikelform dem verschmolzen (VerschmelzungsformVerschmelzungsform, ▶ Nr. 6.9/7). – Formen des Verbs sein wie bin, bist, sind lassen sich nicht wie die entsprechenden Formen anderer Verben – z. B. (ich) sing-e / (du) sing-st / (wir) sing-en – in StammStamm und EndungEndung zerlegen, sodass bin, bist, sind als Ganze zu betrachten sind, in denen Stamm- und Endungsbedeutung unsegmentierbar präsent sind.

Die Aussprache kann sich an das Französische ([pütmA=Èto<]) oder ans Englische ([p<tÈmQnt«U]) anlehnen.

5.4 Zur Beschreibung von WortformWortformen

Wortformen (▶ Nr. 6.1/1) sind die konkreten Gestalten, in denen Wörter (im Sinn von LexemenLexem bzw. VokabelVokabeln, ▶ Nr. 6.1/2 bzw. 6.1/3) im Satz erscheinen.

5.4/1 WortstammStammWortstammStammWort-

WortformWortform ohne Flexionsmorpheme; Teil einer Wortform, der übrig bleibt, wenn Flexionsmorpheme (▶ Nr. 5.4/3) abgetrennt werden.

5.4/2 Grundmorphem = StammmorphemGrundmorphemStammmorphem = WurzelWurzel

WortformWortform ohne WortbildungsmorphemWortbildungsmorphemMorphemWortbildungs-e; Teil eines WortstammWortstammStammWort-es, der übrig bleibt, wenn WortbildungsmorphemWortbildungsmorpheme (▶ Nr. 5.4/4) abgetrennt werden.

Beispiel:

Eine der WortformWortformen des LexemLexems Begründung ist Begründungen. Nach Abtrennung des Flexionsmorphems {PluralPlural} (AllomorphAllomorph /«n/) bleibt {be-Grund-ung} als WortstammWortstammStammWort- übrig. Nach Abtrennung der WortbildungsmorphemWortbildungsmorpheme {be} und {ung} bleibt {Grund} als Grundmorphem = Stammmorphem = WurzelWurzel übrig. Bei einer WortformWortform wie Gründ-e sind WortstammWortstammStammWort- und Grundmorphem identisch: {Grund} (hier als AllomorphAllomorph /grYnd/).

5.4/3 FlexionsmorphemFlexionsmorphemMorphemFlexions- = FlexivFlexivgebundenes Morphem

Gebundenes grammatisches MorphemMorphemgrammatischesMorphemgebundenesgrammatisches Morphem, das an WortstammStammWort-WortstämmStamme tritt und zur Bildung von WortformWortformen dient.

das FlexivFlexiv, des Flexivs, die Flexive (Betonung auf -xi(v)-)

5.4/4 WortbildungsmorphemWortbildungsmorphemMorphemWortbildungs-gebundenes MorphemMorphemgebundenes

Gebundenes lexikalisches MorphemMorphemlexikalischeslexikalisches Morphem, das in Verbindung mit einem GrundmorphemGrundmorphemMorphemGrund- einen komplexer Wortstammkomplexen WortstammWortstammStammWort-Wortstammkomplexer ergibt; an einen solchen komplexen Wortstamm können weitere Wortbildungsmorpheme treten.

Beispiel:

Aus der Kombination des Wortbildungsmorphems vor mit dem GrundmorphemGrundmorphem = StammmorphemMorphemStamm-Stammmorphem = mit der WurzelWurzel tanz entsteht der komplexe WortstammWortstammStammWort- vor-tanz. An diesen komplexen Wortstamm kann das Wortbildungsmorphem er antreten, sodass sich der neue Wortstamm Vor-tänz-er ergibt, an den nochmals ein Wortbildungsmorphem, z. B. in, angefügt werden kann. Es ergibt sich dann der mehrfach komplexe Wortstamm Vor-tänz-er-in.

5.4/5 AffixAffix

Zu einem WortstammWortstammStammWort-/GrundmorphemGrundmorphemMorphemGrund- hinzutretendes gebundenes grammatisches Morphemgrammatisches Morphem (= FlexionsmorphemFlexionsmorphemMorphemFlexions- = FlexivFlexiv) oder gebundenes lexikalisches Morphemlexikalisches Morphem (= Wortbildungsmorphem).

5.4/6 PräfixPräfix

Vor einen WortstammWortstammStammWort-/ein GrundmorphemGrundmorphem tretendes AffixAffix.

5.4/7 SuffixSuffix

An das Ende eines WortstammStammWort-Wortstammes/GrundmorphemGrundmorphems tretendes AffixAffix.

5.4/8 InfixInfix

Zwischen die Bestandteile eines WortstammWortstammStammWort-es/GrundmorphemGrundmorphems tretendes AffixAffix.

5.4/9 ZirkumfixZirkumfix

Kombination aus PräfixPräfix bzw. InfixInfix und SuffixSuffix.

Beispiele zu Nr. 5.4/6 bis Nr. 5.4/9:

PräfixPräfixe treten fast ausschließlich als Wortbildungsmorpheme wie un- (z. B. un-schön), miss- (z. B. miss-trauen), ver- (z. B. ver-sinken), Ur- (z. B. Ur-großvater) auf. SuffixSuffixe treten sowohl als FlexionsmorphemFlexionsmorpheme auf wie in lach-t, lach-en, Haus-es, schön-en als auch als WortbildungsmorphemWortbildungsmorpheme wie in Lach-er, häus-lich, Schön-heit. Ebenso verhält es sich bei ZirkumfixZirkumfixen: ge-lach-t (ge- … –t als FlexionsmorphemFlexionsmorphem), Ge-birg-e (Ge- … –e als WortbildungsmorphemWortbildungsmorphem). InfixInfixe sind die FlexionsmorphemFlexionsmorpheme ge und zu bei trennbaren Verbtrennbar (Verb)Verbtrennbaresen (▶ Nr. 6.2/17): auf-ge-hör-t, auf-zu-hör-en, wo sie zugleich erster Bestandteil eines ZirkumfixZirkumfixes sind.

das AffixAffix/PräfixPräfix/SuffixSuffix/InfixInfix/ZirkumfixZirkumfix, des Affixes etc., die Affixe etc. (Bet. -fix-)

5.4/9a HalbaffixHalbaffixAffixHalb- = AffixoidAffixoid

AffixAffixartiges WortbildungsmorphemWortbildungsmorphem, das reihenbildend auftritt und mit einem gleichlautenden = homonymenhomonym/Homonymfreies Morphem freien MorphemMorphem bedeutungsverwandtBedeutungsverwandtschaft ist.

5.4/10 HalbpräfixHalbpräfixPräfixHalb- = PräfixoidPräfixoid

PräfixPräfixartiges WortbildungsmorphemWortbildungsmorphem, das reihenbildend auftritt und mit einem gleichlautenden = freies Morphemhomonymenhomonym/Homonym freienfreies Morphem MorphemMorphem bedeutungsverwandt ist.

Beispiele:

Elemente wie sau-, super-, auf- erscheinen als gebundenes Morphemgebundene Morpheme in Wortbildungen wie saublöd, Sauwetter; superschnell, Superathlet; aufblühen, aufstehen und vielen weiteren. Daneben stehen Sau (‘weibliches Schwein’), super (‘hervorragend’), auf (lokale Präpositionlokale Präposition) als freies Morphemfreie Morpheme, mit deren Bedeutungen die der entsprechenden HalbpräfixHalbpräfixe = PräfixoidPräfixoide im Sinne einer Entkonkretisierung verwandt, aber nicht identisch sind.

5.4/11 HalbsuffixHalbsuffixSuffixHalb- = SuffixoidSuffixoid

SuffixSuffixartiges WortbildungsmorphemWortbildungsmorphem, das reihenbildend auftritt und mit einem gleichlautenden = freies Morphemhomonymenhomonym/Homonymfreies Morphem freien MorphemMorphem bedeutungsverwandt ist.

Beispiele:

-muffel in Sexmuffel, Krawattenmuffel, ‑papst in Literaturpapst, ‑geil in erfolgsgeil, ‑verdächtig in olympiaverdächtig (aber nicht in tatverdächtig: Kompositum).

das AffixoidAffixoid/PräfixoidPräfixoid/SuffixoidSuffixoid, des Affixoid(e)s/Präfixoid(e)s/Suffixoid(e)s, die Affixoide/Präfixoide/SuffixoidSuffixoide (-oi- wird [o-i<] gesprochen, Betonung auf -i(d)-)

5.4/12 SuppletivallomorphAllomorphSuppletiv-Suppletivallomorphe

AllomorphAllomorphe eines MorphemMorphems, deren AusdrucksseiteAusdrucksseiten untereinander in keinem regelhaften Zusammenhang stehen.

Beispiele:

Die Ausdrucksseiten der Allomorphe des Morphems {viel} – /fi<l/, /me</ (meh-r), /maíe/ (mei-st(en)) – sind lautlich nicht regelhaft aufeinander beziehbar, vielmehr kommen unterschiedliche Stämme zum Einsatz. Man spricht von SuppletionSuppletion oder SuppletivwesenSuppletivwesen. Hierbei handelt es sich um einen Spezialfall der morphologischen Konditionierung.

Weitere Beispiele:

In der SteigerungSteigerung = KomparationKomparation (▶ Nr. 6.6/3) des Morphems {gern} treten die ausdrucksseitig voneinander völlig verschiedenen Allomorphe gern und lieb- (lieb-er, lieb-st(en)) auf. – Beim MorphemMorphem {geh(en)} sind die Allomorphe /ge</ einerseits und /gIN, gaN/ andererseits lautlich nicht aufeinander beziehbar; letztere sind aber regulär durch AblautAblaut (▶ Nr. 5.2/7) miteinander verbunden.

5.4/13 NullallomorphNullallomorphAllomorphNull-

AllomorphAllomorph eines Morphems, das keine materielle (phonische oder graphische) AusdrucksseiteAusdrucksseite hat.

Beispiel:

Bei Morphemen wie {Auto, Geist, Flut} hat das MorphemMorphem {PluralPlural} die Allomorphe /s, «r, «n/ mit jeweils materiell fassbarer AusdrucksseiteAusdrucksseite. Bei Morphemen wie {Meister, Löffel} wird das MorphemMorphem {PluralPlural} dagegen materiell nicht ausgedrückt, ist aber in Kombinationen wie die Meister, die Löffel inhaltsseitig in gleicher Weise vorhanden wie in die Autos, die Geister, die Fluten. Es wird daher aus Symmetriegründen häufig die Anwesenheit eines AllomorphAllomorphs mit einer AusdrucksseiteAusdrucksseite postuliert, deren materieller WertWert Null ist. – Weitere Beispiele ▶ Nr. 5.5/9.

NullNull (durchstrichene)allomorphNullallomorphe werden mithilfe des durchstrichenen NullsymbolsNullsymboldurchstrichenes Nullsymbol, »∅«, notiert: /maíest«r-∅/, /l¿f«l-∅//.

5.5 Morphologische Wortbildungslehre

Den Gegenstand der WortbildungslehreWortbildungslehre bilden komplexer Wortstammkomplexe WortstammStammWort-WortstammkomplexerWortstämme (▶ Nr. 5.4/4), die entweder aus Wortstämmen (z. B. Haus-tür) oder aus Kombinationen aus WortstammWortstammStammWort- und WortbildungsmorphemWortbildungsmorphemMorphemWortbildungs- (z. B. Häus-chen) bestehen und sich in diese Bestandteile zerlegen lassen. Dabei können die bei der Zerlegung sich ergebenden WortstammStammWort-Wortstämme ihrerseits komplex oder aber einfach = GrundmorphemGrundmorphemMorphemGrund-e sein.

 Beispiele für die Zerlegbarkeit in WortstammStammWort-Wortstämme: Haustür: Haus + Tür; Glatteiswarndienst: Glatteis + Warndienst; diese (komplexen) WortstammWortstämme sind ihrerseits zerlegbar in glatt + Eis und warn + Dienst.

 Beispiele für die Zerlegbarkeit in WortstammWortstamm und WortbildungsmorphemWortbildungsmorphem: sonnig: sonn + ig; Häus-chen: Haus + chen; unschön: un + schön; Begründung: begründ + ung; ersteres weiter zerlegbar in be + Grund (▶ Nr. 5.4/1 und 5.4/4WortstammStammWort-).

Wortstämme der ersten Art heißen KompositumKomposita = zusammengesetztes WortWortzusammengesetzteszusammengesetzte Wörter = ZusammensetzungZusammensetzungen (▶ Nr. 5.5/2Wortstamm); Wortstämme der zweiten Art heißen DerivativumDerivativa = DerivationDerivationen = abgeleitetes Wortabgeleitete Wörter Wortabgeleitetes= AbleitungAbleitungen (▶ Nr. 5.5/5). Zusammenfassend spricht man von WortbildungenWortbildung. Einfache WortstammWortstämme heißen SimplexSimplizia:

5.5/1 SimplexSimplex

WortstammWortstammStammWort-, der lediglich aus einem Grundmorphem = StammmorphemStammmorphemMorphemStamm- = einer WurzelWurzelGrundmorphem besteht.

das Simplex, des Simplex, die Simplexe (Betonung jeweils auf Sim-) od. die Simplizia (Betonung auf -pli-)

5.5/2 KompositumKompositum = zusammengesetztes Wortzusammengesetztes WortWortzusammengesetztes = ZusammensetzungZusammensetzung

WortstammWortstamm, der sich in zwei weitere WortstammStammWort-Wortstämme zerlegen lässt.

Hauptfälle:

 Substantivkomposita (= NominalkompositaNominalkompositumSubstantivkompositumKompositumNominal-KompositumSubstantiv-)Haustür: einfacher WortstammWortstammStammWort- = GrundmorphemGrundmorphemHaus + einfacher Wortstamm = Grundmorphem TürGlatteiswarndienst: komplexer WortstammWortstammkomplexerkomplexer WortstammGlatteis + komplexer Wortstamm Warndienst

 AdjektivkompositaAdjektivkompositumKompositumAdjektiv-dunkelblau, schwarz-rot-golden/schwarzrotgolden, dauerarbeitslos

 VerbkompositaVerbkompositumKompositumVerb-staubsaugen/Staub saugen, mähdreschen, kaltschweißen

Nach den Verhältnissen, in denen die Glieder eines KompositumsKompositionsglied inhaltlich zueinander stehen, werden folgende Unterscheidungen getroffen:

 KopulativkompositumKopulativkompositumKompositumKopulativ-: Die Glieder sind inhaltlich gleichgeordnet; z. B.: Hemdbluse (‘Hemd und Bluse’),Dichterkomponist (‘Dichter und Komponist’), mähdreschen (‘mähen und dreschen’)

 DeterminativkompositumDeterminativkompositumKompositumDeterminativ-: Das zweite Glied = das GrundwortGrundwortWortGrund- wird vom ersten Glied = dem BestimmungswortBestimmungswortWortBestimmungs- inhaltlich spezifiziert; z. B.: Milchkanne, Drehtür, dunkelblau, kaltpressen

Je nachdem, ob der »Kopf« des Kompositums in diesem selber liegt oder außerhalb, wird zwischen endo- und exozentrischen Komposita unterschieden:

 endozentrisches Kompositumendozentrisches KompositumKompositumendozentrisches: Das Kompositum, AB, bezeichnet die im zweiten Glied benannte Größe, B (Formel: »AB ist B«); das zweite Glied kann das Kompositum insgesamt ersetzen (»eine Milchkanne ist eine Kanne«, »kaltpressen ist pressen«)

 exozentrisches Kompositumexozentrisches KompositumKompositumexozentrisches = PossessivkompositumKompositumPossessiv- = BahuwrihiBahuwrihiKompositumBahuwrihi: Das Kompositum bezeichnet nicht die im zweiten Glied benannte Größe, sondern eine explizit nicht genannte Größe, die vom Kompositum insgesamt beschrieben wird; das zweite Glied kann das Kompositum nicht ersetzen (»ein Dummkopf ist kein Kopf«): Grünschnabel, Milchgesicht, Dummkopf

Der Terminus ZusammensetzungZusammensetzung = KompositionKomposition dient auch zur Bezeichnung des grammatischen Prozesses, der zur Bildung von KompositumKomposita = zusammengesetztes Wortzusammengesetzten Wörtern = Zusammensetzungen führt.

das KompositumKompositum, des KompositumKompositums, die KompositumKomposita (Betonung auf -po-)

das od. der Bahuwrihi, des Bahuwrihi, die Bahuwrihi (Betonung auf -wri-)

5.5/3 KompositionsfugeFugeKompositions-Kompositionsfuge

Nahtstelle zwischen den WortstammStammWort-Wortstämmen, die die Glieder eines KompositumKompositums bilden.

Die KompositionsfugeKompositionsfuge kann durch spezielle FugenelementElementFugen-Fugenelemente gekennzeichnet sein, z. B. -s- in Geburt-s-datum, -er- in Hühn-er-ei, -e- in Schwein-e-fleisch, -(e)n- in Frau-en-arzt, Ente-n-ei (»PlusfugeFugePlus-Plusfuge«). Keine FugenelementFugenelemente treten auf in Haus-∅-tür, Rind-∅-fleisch, Speise-∅-karte usw. (»NullFugeNull-fugeNullfuge«). Der vordere Wortstamm kann auch verkürzt werden, z. B. in Kirch-turm (»MinusfugeFugeMinus-Minusfuge«).1

5.5/4 DekompositumDekompositum = ParasynthetumParasynthetum

KompositumKompositum, das als Ganzes aus mehr als zwei Gliedern besteht.

Erläuterung:

Komposita wie Glatteiswarndienst oder Lampenschirmfabrik bestehen im ersten Analyseschritt jeweils aus zwei Gliedern: Glatteis und Warndienst, Lampenschirm und Fabrik. Beide Glieder bzw. eines von ihnen lassen sich ihrerseits in zwei Glieder zerlegen: glatt und Eis, warn und Dienst sowie Lampe und Schirm. Die KompositumKomposita bestehen also, insgesamt gesehen, aus vier bzw. drei Gliedern.

das DekompositumDekompositum, des DekompositumDekompositums, die DekompositumDekomposita (Betonung auf -po-)

das Parasynthetum, des Parasynthetums, die Parasyntheta (Betonung auf -syn-)

5.5/5 AbleitungAbleitung = DerivativumDerivativum = DerivativDerivativ = DerivatDerivat = DerivationDerivation = abgeleitetesabgeleitetes Wort WortWortabgeleitetes

WortstammWortstammStammWort-, der sich in einen Wortstamm und ein WortbildungsmorphemWortbildungsmorphemMorphemWortbildungs- zerlegen lässt. Der bei der Zerlegung zu ermittelnde Wortstamm kann seinerseits komplex oder aber ein GrundmorphemGrundmorphemMorphemGrund- = StammmorphemStammmorphemMorphemStamm- = eine WurzelWurzel sein.

Die Termini AbleitungAbleitung/DerivationDerivation dienen auch zur Bezeichnung des grammatischen Prozesses, der zur Bildung von Ableitungen = Derivativa … führt. – Je nachdem, ob an der Bildung SuffixSuffixe bzw. HalbsuffixHalbsuffixe = SuffixoidSuffixoide (▶ Nr. 5.4/7 bzw. Nr. 5.4/11) oder PräfixPräfixe bzw. HalbpräfixHalbpräfixe = PräfixoidPräfixoide (▶ Nr. 5.4/6 bzw. Nr. 5.4/10) beteiligt sind, werden SuffigierungSuffigierungen = SuffixbildungSuffixbildungen und PräfigierungPräfigierungen = PräfixbildungPräfixbildungen unterschieden.

das Derivat, des Derivat(e)s, die Derivate (Betonung auf ‑va(t)-)

das Derivativ/Derivativum, des Derivativs/Derivativums, die Derivative/Derivativa (Betonung auf -ti(v)-)

die Derivation, der Derivation, die Derivationen

5.5/6 SuffigierungSuffigierung = SuffixbildungSuffixbildung = SuffixableitungSuffixableitung

DerivativumDerivativum, das aus einem WortstammWortstammStammWort- und einem SuffixSuffix oder einem HalbsuffixHalbsuffixSuffixHalb- = einem SuffixoidSuffixoid besteht.

Beispiele:

Dienst: einfacher Wortstammeinfacher WortstammWortstammStammWort- = GrundmorphemGrundmorphem dien + SuffixSuffix ‑st

sonnig: einfacher WortstammWortstamm = GrundmorphemGrundmorphem Sonn(e) + SuffixSuffix ‑ig

Begründung: komplexer Wortstammkomplexer Wortstamm begründ + SuffixSuffix ‑ung

Krawattenmuffel: einfacher WortstammWortstamm Krawatte + HalbsuffixHalbsuffix = SuffixoidSuffixoid -muffel

olympiaverdächtig: einfacher WortstammWortstamm Olympia + HalbsuffixHalbsuffix = SuffixoidSuffixoid ‑verdächtig

Manchmal werden die Termini DerivationDerivation/AbleitungAbleitung im engeren Sinn allein zur Bezeichnung der SuffigierungSuffigierung = SuffixbildungSuffixbildung und nicht auch der PräfigierungPräfigierung = PräfixbildungPräfixbildung verwendet.

5.5/7 PräfigierungPräfigierung = PräfixbildungPräfixbildung = PräfixableitungPräfixableitung

DerivativumDerivativum, das aus einem PräfixPräfix oder einem HalbpräfixHalbpräfixPräfixHalb- = einem PräfixoidPräfixoid und einem WortstammWortstamm besteht.

Beispiele:

un-schön: PräfixPräfix un- + einfacher Wortstammeinfacher WortstammWortstammStammWort- = GrundmorphemGrundmorphem schön

unbegründet: PräfixPräfix un- + komplexer Wortstammkomplexer Wortstamm begründet

aufblüh(en): HalbpräfixHalbpräfix = PräfixoidPräfixoid auf- + GrundmorphemGrundmorphem blüh(en)

saublöd: HalbpräfixHalbpräfix = PräfixoidPräfixoid sau- + GrundmorphemGrundmorphem blöd

Superathlet: HalbpräfixHalbpräfix = PräfixoidPräfixoid super- + GrundmorphemGrundmorphem Athlet

5.5/8 Kombinierte Präfix- und Suffixbildungkombinierte Präfix- und Suffixbildung = ZirkumfigierungZirkumfigierung

DerivativumDerivativum, das aus einem ZirkumfixZirkumfix (▶ Nr. 5.4/9) und einem WortstammWortstammStammWort- besteht.

Beispiele:

Ge-plärr-e: PräfixPräfix ge- + SuffixSuffix ‑e = ZirkumfixZirkumfix ge- … ‑e + GrundmorphemGrundmorphem plärr

be-rein-ig(en): PräfixPräfix be- + SuffixSuffix ‑ig = ZirkumfixZirkumfix be- … ‑ig + GrundmorphemGrundmorphem rein.

5.5/9 NullableitungNullableitung

DerivativumDerivativum, das aus einem WortstammWortstamm und einem AffixAffix (SuffixSuffix oder PräfixPräfix) in FormForm eines NullallomorphNullallomorphs (▶ Nr. 5.4/13) besteht.

Beispiel:

Der Vergleich von Lehrer und Koch zeigt, dass Lehr-er mithilfe des SuffixSuffixes -er vom VerbVerb lehr(en) abgeleitet ist, während die Bildung Koch (von koch(en)) kein offenes SuffixSuffix aufweist. Wegen der inhaltlichen Parallelität beider Bildungen wird für Koch die Anwesenheit eines mit /«r/ zusammengehörigen AllomorphAllomorphs mit einer AusdrucksseiteAusdrucksseite postuliert, deren materieller WertWert Null ist. Das MorphemMorphem {Nomen AgentisNomen Agentis} (▶ Nr. 5.5/11) hat also die AllomorphAllomorphe /«r/ und ∅: /le<r-«r/, /kx-∅/.

Hierher gehören auch Fälle mit Änderung des Stammvokals wie find(en) – Fund, bind(en) – Band – Bund (Ablaut, ▶ Nr. 5.2/7), schwarz – schwärz(en) (Umlaut, ▶ Nr. 5.2/5). Hier spricht man auch von impliziter Derivation, ▶ Nr. 5.5/9b.

5.5/9a KonversionKonversion

Alternative Deutung der Nullableitung (▶ Nr. 5.5/9): Übertritt eines Wortstamms in eine andere Wortart ohne Kennzeichnung durch ein Affix.

5.5/9b Implizite Derivationimplizite DerivationDerivationimplizite

Ableitung ohne offenes Affix, aber mit Änderung des Stammvokals.

5.5/9c Explizite DerivationKonversionDerivationexplizite

Ableitung mit offenem Affix.

Beispiele vor ▶ Nr. 5.5/9a.

5.5/10 BasiBasiss

WortstammWortstammStammWort- als Ausgangspunkt einer AbleitungAbleitung = einer DerivationDerivation; bei dem Wortstamm kann es sich um ein GrundmorphemGrundmorphemMorphemGrund- = StammmorphemStammmorphemMorphemStamm- = eine Wurzel oder einen schon komplexen Wortstammkomplexer WortstammWortstammkomplexer handeln. Bei ZusammenbildungenZusammenbildung ist eine WortgruppeWortgruppe die Basis der Ableitung.

Zur Erläuterung vgl. die Bemerkungen zu ▶ Nr. 5.4/4, zu ZusammenbildungenZusammenbildung ▶ Nr. 5.5/12. – Je nach der Wortartzugehörigkeit der BasisBasis von AbleitungAbleitungen = von DerivationDerivationen spricht man von

 deverbalen deverbalBildungenBildungdeverbale (z.B. Lehr-er, zisch-el(n)),

 desubstantivischdesubstantivischen (= denominaldenominalen) BildungenBildungdenominaleBildungdesubstantivische (z. B. kellner(n), Gärtner-in),

 deadjektivischenBildungdeadjektivischedeadjektivisch Bildungen (z. B. ver-edel(n), grün-lich),

 deadverbialBildungdeadverbialedeadverbialen Bildungen (z. B. hies-ig, gestr-ig).

die BasisBasis, der BasisBasis, die Basen

5.5/11 SubstantivierungSubstantivierung (= NominalisierungNominalisierung)

AbleitungAbleitung = DerivationDerivation eines SubstantivSubstantivs.

Beispiele:

Lehr-er ist eine SubstantivierungSubstantivierung = NominalisierungNominalisierung des VerbVerbs lehr(en), Röte ist eine SubstantivierungSubstantivierung = NominalisierungNominalisierung des AdjektivAdjektivs rot.

»SubstantivierungSubstantivierung im engeren Sinn« meint die AbleitungAbleitung von SubstantivSubstantiven aus BasisBasen anderer Wortartzugehörigkeit; »SubstantivierungSubstantivierung im weiteren Sinn« umfasst auch die AbleitungAbleitung von SubstantivSubstantiven aus Substantiven, z. B. Autor-in, Schrift-tum.

Hauptfälle:

 Nomina ActionisNomen Actionis = handlungsbezeichnende SubstantiveGrab-ung, Lauf-erei, Such-e, Rast-∅

 Nomina AgentisNomen Agentis = täterbezeichnende SubstantiveLehr-er, Koch-∅, Liefer-ant, Eindring-ling, Fris-eur/Fris-ör, Kompon-ist

 Nomina InstrumentiNomen Instrumenti = werkzeugbezeichnende SubstantiveBohr-er, Entsaft-er, Öffn-er, (Bremskraft-)Regl-er

 PrädikativsubstantivPrädikativsubstantiveBläu-e, Größ-e, Klug-heit

das Nomen Actionis/Agentis/Instrumenti, des Nomen Actionis/Agentis/Instrumenti, die Nomina Actionis/Agentis/Instrumenti (Betonung auf -tio-, ‑gen-, -men-)

5.5/12 ZusammenbildungBildungZusammen-Zusammenbildung

AbleitungAbleitung = DerivationDerivation mit einer WortgruppeWortgruppe als Basis.

Beispiele:

Bildungen wie Krachmacher, Gesetzgebung, 52-jährig usw. lassen sich nicht wie KompositaKompositum = ZusammensetzungenZusammensetzung auflösen in Krach + Macher, Gesetz + Gebung, 52 + jährig; vielmehr stellen sie AbleitungenAbleitung aus den WortgruppenWortgruppe Krach mach(en), Gesetz(e) geb(en) bzw. 52 Jahr(e) dar.

5.5/13 Lexikalisierte BildungBildunglexikalisiertelexikalisierte Bildungen

LexemLexeme, die in ihrer Form Ähnlichkeiten zu WortbildungWortbildungen (KompositumKomposita oder DerivativumDerivativa) aufweisen, die sich aber inhaltlich nicht (mehr) als Wortbildungen erweisen.

Beispiele:

aufhör(en) im Gegensatz z. B. zu zu-hör(en): zu-hör(en) enthält das MorphemMorphem hör(en) – Zuhören ist eine Art des Hörens; aufhör(en) enthält das MorphemMorphem hör(en) nicht – Aufhören hat mit Hören bedeutungsmäßig nichts zu tun. Weitere Beispiele: be-komm(en), ge-ling(en), ver-gess(en); Hoch-zeit, Schorn-stein, Bundes-tag.

Die in ihnen aufzufindenden Bestandteile können als PseudomorphemePseudomorphem (▶ Nr. 5.1/1) oder FormmorphemeMorphemForm-Formmorphem bezeichnet werden; sie sind entweder homonymhomonym/Homonym mit existierenden Morphemen, z. B. auf-hör(en) – hör(en) – auf-sitz(en), be-komm(en) – komm(en) – be-wein(en), oder existieren allein im vorliegenden Wortstamm, z. B. ver-lier(en), oder bilden eine Mischung von beidem, z. B. Schorn-stein, Hoch-zeit.

6 WortartenlehreWortartenlehre

Die Wortartenlehre umfasst üblicherweise die folgenden Bereiche:

1 Einteilung von Wörtern mit bestimmten gemeinsamen Merkmalen in WortklasseWortklassen = Wortarten;

2 Subklassifizierung der Wörter innerhalb der einzelnen Wortartennach inhaltlichen Gesichtspunkten (Aufstellung von BedeutungsklasseBedeutungsklassenn),nach morphologischen Gesichtspunkten (Aufstellung von WortbildungWortbildungs- und anderen Klassen, ▶ Abschnitt 5.5),nach syntaktischen Gesichtspunkten (Aufstellung von ValenzValenz- und anderen Klassen) und nötigenfalls nach weiteren Gesichtspunkten;

3 Beschreibung der WortformWortformen der zu einer flektierendflektierend (Wortart)en = veränderlichveränderlich (Wortart)en Wortart gehörenden Wörter.

Über Art, Anzahl, Umfang und Definition der für das Deutsche anzusetzenden Wortarten bestehen unterschiedliche Auffassungen. Je nach den angelegten Kriterien, die sich auf die Bedeutung und die Form der Wörter und ihr Verhalten im Satz beziehen, kommt man zu verschiedenen Wortartengliederungen. Wir legen folgende Gliederung in zehn Wortarten zugrunde:

Übersicht 1 – WortartenVerbSubstantivArtikelNomenPronomenAdjektivWortartAdverbPartikelPräpositionKonjunktionInterjektion


6.1 Allgemeines

Zum Wortbegriff:

Mit dem Ausdruck »Wort« kann Unterschiedliches gemeint sein:

6.1/1 RealisierungsformRealisierungsform = WortformWortform = grammatisches WortWortgrammatischesgrammatisches Wort

Konkrete Form, in der ein Wort im Satz auftritt. Diese Form ist einem Lexem (▶ Nr. 6.1/2) zugeordnet.

6.1/2 LexemLexem = lexikalisches WortWortlexikalischeslexikalisches Wort

Wort als Einheit des LexikonsLexikon/WörterbuchsWörterbuch, als Repräsentant aller RealisierungsformenRealisierungsform = WortformenWortform, in denen es im Satz erscheinen kann.

6.1/3 VokabelVokabel = semantisches WortWortsemantischessemantisches Wort

Wort als kleinste, relativ selbstständige bedeutungBedeutungstragende Einheit. Sie kann aus einem oder mehreren LexemenLexem bestehen. Bei der Bildung der RealisierungsformenRealisierungsform können zusätzliche Lexeme beteiligt sein.

LexemLexeme sind abstrakte Einheiten, die, falls sie sich nicht immer in derselben Form realisieren, im konkreten Satz in unterschiedlichen Formen, den RealisierungsformenRealisierungsform = den WortformWortformen, auftreten.

Nur e i n e RealisierungsformRealisierungsform haben zur Wortart AdverbAdverb gehörende Lexeme wie gestern, hier, deshalb (das Adverb gern bildet allerdings die Komparationsformen lieber, am liebsten), zur Wortart PartikelPartikel gehörende Lexeme wie vielleicht, leider, sicherlich, sogar, nur, zur Wortart PräpositionPräposition gehörende Lexeme wie wegen, trotz, unter (PräpositionPräpositionen wie an, in kommen allerdings als Bestandteile von VerschmelzungsformVerschmelzungsformen in der Form ans, im usw. vor), zur Wortart KonjunktionKonjunktion gehörende Lexeme wie wenn, weil, und, zur Wortart InterjektionInterjektion gehörende Lexeme wie au, aua, hatschi. Diese Wortarten werden unveränderlich (Wortart)unveränderlicheWortartunveränderlichenichtflektierend = nichtflektierendeWortartnichtflektierende genannt. Sie werden auch unter der Bezeichnung »Partikeln« zusammengefasst; wir verstehen unter »Partikel« allerdings eine Unterklasse der Unveränderlichen = Nichtflektierenden (▶ Abschnitt 6.8).

Im Gegensatz dazu können Lexeme aus den veränderlich (Wortart)veränderlichen = flektierend (Wortart)Wortartflektierendeflektierenden Wortarten VerbVerb, SubstantivSubstantiv, ArtikelArtikel, PronomenPronomen, AdjektivAdjektiv durch mehrere WortformWortformen repräsentiert werden. Zum Beispiel wird das eine Lexem Haus durch die WortformWortformen Häuser, Hauses, Haus, Häusern, Hause repräsentiert. Die NennformNennform = ZitierformZitierform des Lexems Haus, nämlich Haus, ist dabei nicht als identisch zu betrachten mit der Wortform Haus (NominativNominativ, DativDativ oder AkkusativAkkusativ SingularSingular [des Lexems Haus]).

das Lexem, des Lexems, die Lexeme (Betonung auf -xe(m)-)

VokabelnVokabel sind nochmals abstraktere Einheiten. Sie stellen Wörter als bedeutungsmäßige = semantische Größen dar. Diese BedeutungBedeutungseinheiten können aus e i n e m Lexem bestehen (z. B. Haus, bringen) oder aus mehreren (z. B. Eisentür, vollschlank, um die Ecke bringen ‘töten’, mit Pauken und Trompeten ‘ganz und gar; ehrenvoll’). Im letzten Fall spricht man von WortbildungenWortbildung (vor ▶ Nr. 5.5/1) bzw. LexemgruppenLexemgruppe o. Ä.:

6.1/4 LexemgruppeLexemgruppe = PhraseolexemPhraseolexem = PhrasemPhrasem = PhraseologismusPhraseologismus = IdiomIdiom = idiomatische Wendungidiomatische Wendung:

Feste, aus mehreren LexemenLexem bestehende Gruppe, deren Gesamtbedeutung nicht aus der Bedeutung der Einzelelemente abgeleitet werden kann.

Beispiele:

drauf und dran sein

um die Ecke bringen (‘umbringen’)

mit Haut und Haaren

das PhraseolexemPhraseolexem, des Phraseolexems, die Phraseolexeme

der PhraseologismusPhraseologismus, des Phraseologismus, die Phraseologismen (Betonung auf -gis-)

das IdiomIdiom, des Idioms, die Idiome (Betonung auf -o(m)-)

Je nachdem, ob RealisierungsformenRealisierungsform = WortformenWortform in der gesprochenengesprochene SpracheSprachegesprochene oder in der geschriebenen SpracheSprachegeschriebenegeschriebene Sprache (▶ Nr. 3.1/1) betrachtet werden, unterscheidet man zwischen phonologischen und orthographischen Formen:

6.1/5 Phonologische Realisierungsformphonologische Realisierungsform = phonologische Wortformphonologische Wortform = phonologisches WortWortphonologischesphonologisches Wort

Kleinstes, durch Pausen isolierbares Element des Satzes in der gesprochenen Sprachegesprochene Sprache.

6.1/6 Orthographische Realisierungsformorthographische Realisierungsform = orthographische Wortformorthographische Wortform = orthographisches WortWortorthographischesorthographisches Wort

Kleinstes, durch LeerstellenLeerstelle (SpatienSpatium = Abstände, ohne Berücksichtigung von Satzzeichen) isolierbares Element des Satzes in der geschriebenen SpracheSprachegeschriebenegeschriebene Sprache (▶ Nr. 3.1/1).

Je nachdem, in welchem der genannten Sinne der Ausdruck »Wort« verwendet wird, kommt es zu unterschiedlichen Angaben über Art und Zahl der Wörter in einem Satz. So besteht ein Satz wie Endlich gab er auf aus vier grammatischen WörternWortgrammatischesgrammatisches Wortgrammatisches Wort (vier phonologischenphonologisches Wort und vier orthographischen Wörternorthographisches Wort). Die Zahl der lexikalischen Wörterlexikalisches WortWortlexikalisches = der LexemeLexem und der VokabelnVokabel = der semantischen Wörtersemantisches WortWortsemantisches beträgt dagegen drei (gab … auf ist e i n e der RealisierungsformenRealisierungsform des Verbs aufgeben und es ist e i n e Bedeutungseinheit). Die Sätze

 (1) Sie wird es ernst nehmen

 (2) Sie wird es leichtnehmen

 (3) Sie wird es jetzt nehmen

bestehen aus vier (Satz 2) bzw. fünf orthographischenorthographisches Wort und aus vier (Sätze 1 und 2) bzw. fünf phonologischen Wörternphonologisches Wort: Èernst nehmen und Èleichtnehmen werden mit e i n e m HauptakzentHauptakzent gesprochen, Èjetzt Ènehmen mit zwei Hauptakzenten. Die Sätze 1 und 2 enthalten jeweils drei VokabelnVokabel (sie, es, ernst nehmen bzw. leichtnehmen), Satz 3 enthält vier Vokabeln (sie, es, jetzt, nehmen). Satz 1 und 2 enthalten jeweils fünf Lexeme: sie, es, das Tempushilfsverb werden, die Adjektive ernst bzw. leicht und das Gefügeverb nehmen [▶ Nr. 6.2/4]); der dritte Satz enthält ebenfalls fünf Lexeme. In der ersten Stufe der Neuregelung der deutschen OrthographieOrthographieNeuregelung (1996) enthielten Satz 1 und 2 fünf orthographische Wörter (leichtnehmen wurde getrennt geschrieben), vor der Neuregelung (1991) und in Reformstufe 3 (2006) enthält Satz 2 vier orthographische Wörter (▶ Abschnitt 9.3.3).

Der Satz Er ist mit Pauken und Trompeten durchgefallen besteht aus sieben phonologischen bzw. orthographischen, d. h. sieben grammatischen Wörtern, dagegen nur aus drei Vokabeln: ist durchgefallen und mit Pauken und Trompeten stellen jeweils nur e i n e Bedeutungseinheit = e i n e Vokabel dar; ist durchgefallen ist Wortform e i n e r Vokabel (des Verbs durchfallen); diese Wortform besteht ihrerseits aus zwei Wortformen, nämlich ist und durchgefallen, die den Lexemen sein (Tempus-Hilfsverb, ▶ Nr. 6.2/13) bzw. durchfallen (Hauptverb, ▶ Nr. 6.2/1) zugeordnet sind; die VokabelVokabel = das semantische Wortsemantisches Wort mit Pauken und Trompeten besteht aus vier LexemenLexem (mit, Pauke, und, Trompete), die in den Wortformen mit, Pauken, und, Trompeten erscheinen. Es handelt sich um eine LexemgruppeLexemgruppe aus vier Lexemen.

Veränderliche WortartenWortartveränderliche:

6.1/7 ParadigmaParadigma

Die Gesamtheit der RealisierungsformenRealisierungsform = der WortformenWortform, in denen ein LexemLexem erscheinen kann. Auch: FlexionsmusterFlexionsmuster, dem die Wortformen eines LexemLexems folgen.

das Paradigma, des Paradigmas, die Paradigmen od. ParadigmaParadigmata (Bet. auf -dig-)

Beispiel:

Das Paradigma des Lexems Jahr wird gebildet durch die Formen Jahr-∅ (Nom. Sg. – zu den Abkürzungen ▶ Tabelle 10), Jahr-es (Gen. Sg.), Jahr(-e) (Dat. Sg.), Jahr-∅ (Akk. Sg.), Jahr-e (Nom. Pl.), Jahr-e (Gen. Pl.), Jahr-en (Dat. Pl.), Jahr-e (Akk. Pl.).

Das ParadigmaParadigma im Sinn von »FlexionsmusterFlexionsmuster« bildet für die Formen des Lexems Jahr und für eine Vielzahl weiterer Lexeme der folgende (wie eben geordnete) Satz von EndungEndungen: -∅, -es, -e/-∅, -∅, -e, -e, -en, -e. Dies wird gewöhnlich in Tabellenform dargestellt (▶ Tabelle 10):


-∅ -e
-es -e
-e, -∅ -en
-∅ -e

Tabelle 10: Flexionsparadigma für Jahr

Sowohl die Bildung wie auch die Bestimmung von Wortformen richtet sich nach den wortartspezifischen grammatischen Kategoriengrammatische KategorieKategoriegrammatische. – So sind für die Bildung und Bestimmung der WortformWortformen des bestimmter ArtikelArtikelbestimmterbestimmten ArtikelArtikels die Kategorien GenusGenus, NumerusNumerus und KasusKasus bestimmend. Je nachdem, welchen WertWert diese Kategorien annehmen (Wert im Genus: MaskulinumMaskulinum, FemininumFemininum oder NeutrumNeutrum, Wert im NumerusNumerus: SingularSingular oder PluralPlural, Wert im Kasus: NominativNominativ, GenitivGenitiv, DativDativ oder AkkusativAkkusativ), ergeben sich unterschiedliche ArtikelArtikelformen, wie aus ▶ Tabelle 11 ersichtlich ist:


SgSingular. PlPlural.
MaskMaskulinum. FemFemininum. NeutrNeutrum. alle GeneraGenus
NomNominativ. der die das die
GenGenus. des der des der
DatDativ. dem der dem den
AkkAkkusativ. den die das die

Tabelle 11: Flexionsformen des bestimmten Artikels

6.1/8 FlexionFlexion

Bildung der RealisierungsformenRealisierungsform = der WortformWortformen von LexemLexemen, die durch wortartspezifische grammatische Kategoriegrammatische KategorieKategoriegrammatischen bestimmt wird.

6.1/9 KonjugationKonjugation

FlexionFlexion = Bildung der RealisierungsformenRealisierungsform = der WortformWortformen von VerbVerben gemäß den verbspezifischen grammatischen Kategoriegrammatische KategorieKategoriegrammatischen.

6.1/10 DeklinationDeklination

FlexionFlexion = Bildung der RealisierungsformenRealisierungsform = der WortformWortformen von NomenNomina (= SubstantivSubstantiven, AdjektivAdjektiven, PronomenPronomina, ArtikelArtikeln) sowie von PartizipPartizipien des VerbVerbs in attributivem Gebrauch (= Adjektiv-PartizipienAdjektiv-Partizipattributive Verwendung). Die Bildung erfolgt gemäß den allen NomenNomina gemeinsamen sowie ggf. weiteren wortartspezifischen grammatischen Kategoriegrammatische Kategorien.

die Flexion, der Flexion, die FlexionFlexionen (Betonung auf -xio(n)-)

die Konjugation, der Konjugation, die KonjugationKonjugationen (Betonung auf -tio(n)-)

die Deklination, der Deklination, die DeklinationDeklinationen (Betonung auf -tio(n)-)

Wortartenübergreifende Erscheinungen:

6.1/11 RektionRektion

Fähigkeit eines LexemLexems, seine syntaktischen Umgebungen vorzustrukturieren, indem es anderen SatzteilSatzteilen Bedingungen bezüglich ihres Vorkommens und ihrer grammatischen Eigenschaften auferlegt.

Hauptfälle:

 ValenzValenz von VerbVerben (▶ Abschnitt 6.2.3), AdjektivAdjektiven (▶ Abschnitt 6.6.2) und SubstantivSubstantiven

 Festlegung des KasusKasus von NominalphrasePhraseNominal-Nominalphrasen durch PräpositionPräpositionen (z. B. von mit dem Dativ: von dir, durch mit dem Akkusativ: durch dich, ▶ Nr. 6.9/1 bis Nr. 6.9/3)

die Rektion, der Rektion (Betonung auf -tion-); Verb: regieren; Die Präposition durch regiert den Akkusativ.

6.1/12 ValenzValenz = WertigkeitWertigkeit

Rektion eines VerbVerbs, eines AdjektivAdjektivs oder eines SubstantivSubstantivs, d. h. seine Fähigkeit, seine syntaktischen Umgebungen vorzustrukturieren, indem es SatzgliedSatzgliedern bzw. AttributAttributen Bedingungen bezüglich ihres Vorkommens und ihrer grammatischen Eigenschaften auferlegt.

die Valenz, der Valenz, die ValenzValenzen (Betonung auf -len(z)-)

6.1/13 ErgänzungErgänzung

Von der ValenzValenz eines WortesVokabel geforderter SatzteilSatzteil, der entweder obligatorisch (Satzglied)obligatorisch (notwendig) stehen muss oder, wenn es der Kontext zulässt, fakultativSatzgliedfakultativ stehen oder ausfallen kann.

6.1/14 AngabeAngabe

Von der ValenzValenz eines Wortes nicht geforderter, aber zugelassener SatzteilSatzteil.

Beispiel:

Am Vorgang des Überreichens sind drei Größen beteiligt: zum einen die Größe, die die Handlung ausführt, zum anderen die Größe, die Nutznießer der Handlung ist, zum dritten die Größe, die Gegenstand der Handlung ist (logisch-semantische Valenzlogisch-semantische ValenzValenzlogisch-semantische). Das VerbVerb überreichen fordert also drei ErgänzungErgänzungen (quantitative Valenzquantitative ValenzValenzquantitative). Wenn überreichen in einem Satz das PrädikatPrädikat bildet, wird die erstgenannte Größe als SatzgliedSatzglied SubjektSubjekt, die zweite als ObjektDativobjektDativobjekt, die dritte als AkkusativobjektAkkusativobjekt »versprachlicht« (qualitative Valenzqualitative ValenzValenzqualitative), zum Beispiel:

Ihr könntet ihm die Schachtel überreichen.

Je nach (sprachlichem oder situativem) Kontext kann die Ergänzung DativobjektDativobjektObjektDativ- ausfallen (fakultative ErgänzungfakultativErgänzungErgänzungfakultative):

Ihr könntet die Schachtel überreichen,

oder es können die Ergänzungen Dativobjekt und Akkusativobjekt ausfallen:

Wer überreicht?

Die Ergänzung AkkusativobjektAkkusativobjekt kann jedoch nicht allein ausfallen:

*Ihr könntet ihm überreichen.

Nur elliptisch (nämlich bei ImperativImperativformen) ausfallen kann die Ergänzung Subjekt (zur EllipseEllipse ▶ Nr. 7.6/17):

Überreicht ihm die Schachtel!

Zur ValenzValenzstruktur von überreichen gehört nicht, dass das von diesem Verb bezeichnete Geschehen zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort stattfindet:

Ihr könntet ihm morgen vor dem Schultor die Schachtel überreichen.

Die unterstrichenen Satzteile stellen AngabeAngaben dar, die jederzeit ausgelassen werden können, ohne dass spezielle Bedingungen erfüllt sein müssten. Sie sind für die grammatische Richtigkeit und Vollständigkeit des Satzes nicht konstitutiv (natürlich aber für seine Bedeutung).

ValenzValenzbeschreibungen wie die gerade gegebene beziehen sich in aller Regel auf AktivAktivsatzsätze. PassivPassivsatzsätze gelten als AbwandlungAbwandlungen, für die die Valenzverhältnisse von Aktivsätzen weiterhin Gültigkeit haben, aber anders realisiert werden:

Die Schachtel könnte ihm (von/durch euch) überreicht werden.

Die ErgänzungErgänzung AkkusativobjektAkkusativobjektObjektAkkusativ- erscheint im PassivPassivsatzsatz als SubjektSubjekt, die im AktivAktivsatzsatz obligatorische Ergänzung SubjektSubjekt ist im PassivPassivsatzsatz fakultativ und erscheint, wenn sie erscheint, als AgensbestimmungAgensbestimmungBestimmungAgens- in Form einer PräpositionalphrasePräpositionalphrasePhrasePräpositional- mit von oder durch (▶ Nr. 7.2/13a), die Ergänzung DativobjektDativobjektObjektDativ- bleibt im Passivsatz Dativobjekt.

Beispiele für Ergänzungen bei Adjektiven und Substantiven sowie genauere Ausführungen zur Valenz von VerbVerben und AdjektivAdjektiven finden sich in den folgenden Abschnitten und im nächsten Kapitel, wo auch die gerade verwendeten syntaktischen Begriffe wie SubjektSubjekt, ObjektObjekt usw. genauer erläutert werden.

6.2 VerbVerb

VerbBedeutungsklassenVerbVerbBedeutungsklassenen sind Konjugationkonjugierbare Wörter, die ein »Geschehen«, das heißt: eine Tätigkeit, einen Vorgang oder einen Zustand, bezeichnen:

 TätigkeitsverbVerbTätigkeits-Tätigkeitsverben = HandlungsverbVerbHandlungs-Handlungsverbenlachen, spielen, gehen, unterstützen, spotten …

 VorgangsverbVerbVorgangs-Vorgangsverbenfiebern, fallen, wachsen, verblühen, erfrieren …

 ZustandsverbVerbZustands-Zustandsverbenstehen, liegen, wohnen, leben, bleiben …

Das bezeichnete Geschehen kann als zeitlich begrenzt (perfektivVerbperfektivesperfektives Verb = terminativVerbterminativesterminatives Verb) oder als ohne zeitliche Beschränkung ablaufend (imperfektivVerbimperfektives = durativVerbdurativesdurativ) gesehen werden (AktionsartAktionsart):

 imperfektives VerbimperfektiveVerbimperfektives Verbenblühen, schlafen, frieren, wohnen, bleiben, andauern …

 perfektive Verben, mit denen der Beginn eines Geschehens bezeichnet wird: ingressives VerbingressiveVerbingressives Verben = inchoatives VerbinchoativeVerbinchoatives Verbenerblühen, aufbrechen, erblassen, entbrennen, losrennen …

 perfektive Verben, mit denen das Ende eines Geschehens bezeichnet wird: egressives VerbegressiveVerbegressives Verben = resultatives VerbresultativeVerbresultatives Verbenverblühen, aufessen, ausklingen …

 perfektive Verben, mit denen ein Geschehen als sich ohne zeitliche Ausdehnung vollziehend bezeichnet wird: punktuelles VerbpunktuelleVerbpunktuelles Verben = momentanes VerbmomentaneVerbmomentanes Verbenerblicken, finden, ergreifen, fassen, treffen …

das Verb, des Verbs, die Verben

6.2.1 FunktionsklassenVerbFunktionsklassenFunktionsklassenVerb

Hinsichtlich ihrer Bedeutungen, ihres Anteils am Aufbau von VerbphraseVerbphrasen (▶ Nr. 7.1/1 bis Nr. 7.1/7) und ihrer Kombinierbarkeit sind die folgenden Funktionsklassen von Verben zu unterscheiden:

Übersicht 2 – Funktionsklassen von VerbenVollverbVerbVoll-KopulaverbVerbKopula-unpersönliches VerbVerbunpersönlichesHauptverbVerbHaupt-GefügeverbVerbGefüge-reflexives VerbVerbreflexivesFunktionsverbVerbFunktions-ModalverbVerbModal-ModalitätsverbVerbModalitäts-modifizierendes VerbVerbmodifizierendesGerundiv-VerbVerbGerundiv--NebenverbVerbNeben-Tempus-HilfsverbVerbTempus-Hilfs-HilfsverbVerbHilfs-Konjunktiv-HilfsverbVerbKonjunktiv-Hilfs-Passiv-HilfsverbVerbPassiv-Hilfs-


6.2.1.1 HauptverbHauptverben

6.2/1 HauptverbHauptverbVerbHaupt-en

Verben, die im Satz allein vorkommen können, das heißt nicht auf die Anwesenheit weiterer Verben (NebenverbenNebenverbVerbNeben-, das heißt HilfsverbHilfsverben, ModalitätsverbModalitätsverbVerbModalitäts-en) angewiesen sind (diese können freilich hinzutreten).

Übersicht 3 – HauptverbenVollverbHauptverbKopulaverbGefügeverb


6.2/2 VollverbVollverbVerbVoll-en

Verben mit fest umrissener Bedeutung, die für sich allein ValenzValenzträgerValenzträger sind und in einem Satz allein das PrädikatPrädikat bilden können (▶ Nr. 7.2/1).

Er leidet.

Sie mauert.

Er stellt die neuen Mitarbeiter ein.

6.2/3 KopulaverbKopulaverbVerbKopula-en = KopulaKopulae

Verben wie sein, werden, bleiben, die im Satz mit einem PrädikativumPrädikativum verbunden werden (▶ Nr. 7.2/2). Sie bilden zusammen mit dem Prädikativum das PrädikatPrädikat (▶ Nr. 7.2/1).

Er ist krank.

Sie wird Maurer/Maurerin.

Er bleibt Angestellter.

die Kopula, der Kopula, die Kopulae od. Kopulas (Betonung auf Ko-)

6.2/4 GefügeverbGefügeverbVerbGefüge-en

Verben, die im Satz nicht allein stehen können, sondern mit einer ErweiterungErweiterung kombiniert werden müssen. Die Kombination aus Gefügeverb und Erweiterung bildet ein VerbgefügeVerbgefügeGefügeVerb-. Das Verbgefüge als Ganzes ist Bedeutungs- und ValenzValenzträger (▶ Nr. 6.1/12) und kann in einem Satz das PrädikatPrädikat bilden (▶ Nr. 7.2/1).

Hierher gehören neben den unten genannten besonderen Subklassen alle solche Kombinationen, deren Bedeutung sich nicht aus der Bedeutung ihrer Teile ergibt (z. B. auf die Palme [einteilige Erweiterung] bringen [Gefügeverb], den Kopf in den Sand [zweiteilige Erweiterung] stecken [Gefügeverb]) und bei denen die nichtverbalen Teile nicht als SatzgliedSatzglieder angesehen werden können. So ist z. B. in dem Satz

Er hat ihn um die Ecke gebracht

die Konstituente um die Ecke kein SatzgliedSatzglied, denn sie ist nicht Erfragbarkeiterfragbar (*Wohin hat er ihn gebracht?) und nicht Anaphorisierbarkeitanaphorisierbar (*Er hat ihn dorthin gebracht) – ▶ Nr. 7.2/7. Bei Verbgefügen handelt es sich um LexemgruppenLexemgruppe = PhraseolexemePhraseolexem = PhrasemePhrasem = PhraseologismenPhraseologismus = IdiomeIdiom = idiomatische Wendungidiomatische Wendungen (▶ Nr. 6.1/4).

Besondere Subklassen der GefügeverbGefügeverben:

6.2/5 Unpersönliche Verbunpersönliches VerbVerbunpersönlichesen = ImpersonaliaImpersonale

Nur in Kombination mit dem Pronomen esPronomen (ErweiterungErweiterung) verwendbare Gefügeverben.

das ImpersonaleImpersonale, des ImpersonaleImpersonales, die Impersonalia od. ImpersonaleImpersonalien (Betonung auf -na-)

Hierher gehören vor allem Natur- und Witterungserscheinungen bezeichnende Verben (WitterungsverbenWitterungsverbVerbWitterungs-):

Es regnet.

Morgen soll es schneien.

Es hat getaut.

Stürmte es?

So verhalten sich auch Verben wie mangeln, (sich) handeln, geben:

Hat es euch nicht an allem gemangelt?

Es handelt sich um einen Unfall.

Heute gibt es rote Grütze.

Bei es (und seiner in der Umgangssprache möglichen Alternative das) handelt es sich nach unserer Bestimmung des SubjektSubjekts (▶ Nr. 7.2/8) nicht um das SatzgliedSatzglied SubjektSubjekt, sondern um einen Teil des PrädikatPrädikats (man könnte von einem PseudosubjektPseudosubjektSubjektPseudo- sprechen): es ist nicht Erfragbarkeiterfragbar (*Wer regnet? oder *Was regnet? – *Es; *Wer gibt heute rote Grütze? oder *Was gibt heute rote Grütze? – *Es), und es ist nicht durch andere Elemente (bis auf die Variante dasErsetzbarkeit) ersetzbar. In manchen Grammatiken wird es als Subjekt gewertet, und zwar als formales Subjektformales SubjektSubjektformales = FormsubjektFormsubjektSubjektForm-.reflexives VerbVerbreflexives

6.2/6 Reflexive Verben

Gefügeverben, die ReflexivpronomenPronomenReflexiv-Reflexivpronomina (▶ Nr. 6.5/2) als notwendige ErweiterungenErweiterung haben.

Hat er sich geschämt?

Du wirst dich noch wundern.

Ich habe mir das nur so ausgedacht.

Die PronominaPronomen sind mit dem GefügeverbGefügeverb fest verbunden (sie sind nicht weglassbar – *Hat er geschämt?). Sie beziehen sich auf das SubjektSubjekt, sind aber keine SatzgliedSatzglieder (keine ObjektObjekte), denn sie sind nicht Erfragbarkeiterfragbar (*Wen hat er geschämt?) und nicht Ersetzbarkeitersetzbar (*Er hat die Frau/mich geschämt). Die ReflexivpronominaReflexivpronomen sind Prädikatsteile (PrädikatserweiterungPrädikatserweiterungen, ▶ Nr. 7.2/3).

Anders verhält es sich in den folgenden Sätzen:

Ich kämme mir die Haare.

Er wäscht sich.

Hier sind die PronomenPronomina SatzgliedSatzglieder (ObjektObjekte, ▶ Nr. 7.2/9), denn sie sind Erfragbarkeiterfragbar (Wem kämme ich die Haare?) und Ersetzbarkeitersetzbar (Ich kämme dir/dem Kind die Haare). Man sagt, in solchen Sätzen würden die Verben lediglich reflexiv gebrauchtreflexiv gebrauchtes VerbVerbreflexiv gebrauchtes. Im Gegensatz dazu werden Gefügeverben, die stets ein ReflexivpronomenReflexivpronomen fordern, als echt reflexive Verbenecht reflexives VerbVerbecht reflexives bezeichnet.

Nochmals anders verhält es sich in den folgenden Sätzen:

Der Roman verkauft sich gut.

Seide wäscht sich nicht leicht.

Hier feiert es sich super.

Hier auftretende Verben wie verkaufen, waschen, feiern sind »normale« VollverbenVollverbVerbVoll-, keine GefügeverbGefügeverben. Es handelt sich dabei um passivfähige Verbpassivfähig (Verb)Verbpassivfähigesen (▶ Nr. 6.2/35), die in Sätzen wie den genannten mit passivischer Bedeutung (‘Der Roman wird gut verkauft’), in passivPassivischer Konstruktion (der Roman ist SubjektSubjekt und nicht wie im AktivsatzAktivsatz [Jemand verkauft den Roman] AkkusativobjektAkkusativobjektObjektAkkusativ-) und mit hinzugesetztem ReflexivpronomenReflexivpronomenPronomenReflexiv- als ErweiterungErweiterung verwendet werden. Man könnte von medioreflexiven Verbmedioreflexives VerbVerbmedioreflexivesen oder von Verben in medioreflexivem Gebrauch sprechen. In solchen Konstruktionen tritt häufig das modifizierende Verbmodifizierendes Verb lassen hinzu (▶ Nr. 6.2/10).

6.2/7 FunktionsverbFunktionsverbVerbFunktions-en

GefügeverbenGefügeverb wie bringen, kommen, finden, stehen, nehmen, die mit SubstantivphrasenSubstantivphrasePhraseSubstantiv- oder PräpositionalphrasePräpositionalphrasePhrasePräpositional-n als Erweiterungen kombiniert sind. Im Vergleich mit den gleichlautenden = homonymhomonym/Homonymen VollverbenVollverb bringen, kommen usw. haben sie nahezu keine eigene lexikalische Bedeutung.

Man vergleiche die folgenden Sätze

Das Buch wurde beachtet.

Er führt die Oper auf.

Über den Gesetzentwurf wird abgestimmt.

mit ihren FunktionsverbgefügeFunktionsverbgefügeGefügeFunktionsverb- enthaltenden Gegenstücken:

Das Buch fand Beachtung.

Er bringt die Oper zur Aufführung.

Der Gesetzentwurf kommt zur Abstimmung.

In diesen Funktionsverbgefügen erscheinen die VollverbVollverben beachten, aufführen und abstimmen als SubstantivierungSubstantivierungen (= NominalisierungNominalisierungen, ▶ Nr. 5.5/11). Die verbale Rolle übernehmen die FunktionsverbFunktionsverben finden, bringen, kommen.

Über die drei genannten, in der Grammatik ausführlicher behandelten Klassen von GefügeverbGefügeverben hinaus gibt es unterschiedlich gebaute LexemgruppeLexemgruppen aus GefügeverbGefügeverb + Erweiterung(en), die sich nur schwer zu Unterklassen zusammenfassen lassen:

auf die Palme bringen

sich unter den Nagel reißen

noch alle Tassen im Schrank haben

drauf und dran sein

6.2.1.2 NebenverbenNebenverbVerbNeben-: ModalitätsverbModalitätsverben

6.2/8 ModalitätsverbModalitätsverbVerbModalitäts-en

Verben, die (in dieser Bedeutung) nicht allein, sondern nur in Verbindung mit HauptverbHauptverben auftreten.

Übersicht 4 – Modalitätsverbenmodifizierendes VerbGerundiv-Verb


6.2/9 ModalverbModalverbVerbModal-en

Die Verben brauchen, dürfen, können, möchte (ohne InfinitivInfinitiv und PartizipPartizipien, nur im PräsensPräsens IndikativIndikativ), mögen, müssen, sollen, wollen, sofern sie in Kombination mit einem HauptverbHauptverb (im InfinitivInfinitiv) auftreten.

Er muss nach Paris fahren (im Gegensatz zu:Er muss [HauptverbHauptverb] mal).

Er muss ziemlich dumm sein.

Frauen brauchten nicht in der Bundeswehr zu dienen (im Gegensatz zu:Frauen brauchten [HauptverbHauptverb] nicht zur Bundeswehr).

Er soll sie sehen können.modifizierendes VerbVerbmodifizierendes

6.2/10 Modifizierende Verben

Verben wie drohen, haben, lassen, pflegen, scheinen, vermögen, versprechen, sofern sie in Kombination mit einem HauptverbHauptverb (im InfinitivInfinitiv) auftreten (können).

Er drohte zu ersticken (vs.Er drohte [HauptverbHauptverb], mich zu ersticken).

Du hast zu schweigen.

Du hast mir nichts zu befehlen.

Er versprach ein guter Schüler zu werden (vs.Er versprach [HauptverbHauptverb], ein guter Schüler zu werden).

Der Roman lässt sich gut verkaufen (bei medioreflexiv gebrauchten Verbenmedioreflexiv gebrauchtes Verb, ▶ Nr. 6.2/6).

6.2/11 Gerundiv-VerbGerundiv-Verb

Das Verb sein, sofern es in Kombination mit einem HauptverbHauptverb (im zu-Infinitiv<i>zu</i>-Infinitiv) auftritt.

Du bist zu beneiden.

Er war nicht zu bremsen.

Bedeutung und Konstruktion sind passivPassivisch (‘Du musst/kannst beneidet werden’), die Verbform ist aktivisch (ohne Passiv-HilfsverbPassiv-Hilfsverb, ▶ Nr. 6.2/15).

6.2.1.3 NebenverbenNebenverb: HilfsverbHilfsverben

6.2/12 HilfsverbHilfsverbVerbHilfs-en

Verben, die zur Bildung von zusammengesetzte VerbformVerbformzusammengesetztezusammengesetzten Verbformen dienen.

Übersicht 5 – HilfsverbenTempus-HilfsverbHilfsverbKonjunktiv-HilfsverbPassiv-Hilfsverb


6.2/13 Tempus-HilfsverbTempus-HilfsverbVerbTempus-Hilfs-HilfsverbTempus--en

Die Verben haben, sein in Verbindung mit dem Partizip IIPartizip II = Partizip PerfektPartizip Perfekt eines Hauptverbs oder eines mit dem Hauptverb verbundenen ModalitätsverbsModalitätsverbVerbModalitäts- (in Form des ErsatzinfinitivsErsatzinfinitivInfinitivErsatz-, ▶ Nr. 6.2/20 gegen Ende) und das Verb werden in Verbindung mit dem InfinitivInfinitiv eines HauptverbHauptverbs zur Bildung von TempusTempusformenTempusform (das heißt: analytischen Tempusanalytisches TempusTempusanalytischesformen) dieses Verbs im AktivAktiv. Zur Bildung solcher Tempusformen im PassivPassiv verbindet sich das Tempus-Hilfsverb sein mit dem Partizip IIPartizip II worden bzw. gewesen der Passiv-HilfsverbenPassiv-Hilfsverb werden bzw. sein (+ Partizip IIPartizip II des Hauptverbs, ▶ Nr. 6.2/15) bzw. das Tempus-Hilfsverb werden mit dem Infinitiv der Passiv-HilfsverbenPassiv-Hilfsverb werden oder sein.

Alle haben gelacht.

Einige wären gekommen, wenn sie Zeit gehabt hätten.

Keinem wird es schlechter gehen.

Er wird in Paris studiert haben.

Er wird vergessen.

Alle haben lachen müssen.

Er wird vergessen können.

Niemand ist belästigt worden.

Alle waren besiegt gewesen.

Keiner wird bestraft werden.

6.2/14 Konjunktiv-HilfsverbKonjunktiv-HilfsverbHilfsverbKonjunktiv--:

Das Verb werden in der Form des KonjunktivKonjunktivs ImperfektImperfektKonjunktiv Imperfekt = Konjunktivs PräteritumPräteritumKonjunktiv Präteritum (würde, würdest, würden, würdet) in Verbindung mit dem InfinitivInfinitiv eines Hauptverbs, u.a. zur Bildung von ErsatzformErsatzformen des Konjunktivs IIKonjunktiv IIKonjunktivErsatzform.

Ich würde kommen (stattIch käme)

Ich würde lachen (stattIch lachte)

Ich würde meinen, dass …

Würden Sie mir bitte das Salz reichen?

Er würde gelacht haben.

Er würde verhaftet worden sein.

Weitere Beispiele und Erläuterungen ▶ Nr. 6.2/24.

6.2/15 Passiv-HilfsverbHilfsverbPassiv--Passiv-Hilfsverben

Die Verben werden, sein (und bekommen, erhalten, kriegen, gehören) in Verbindung mit dem Partizip IIPartizip II = Partizip PerfektPartizip Perfekt eines Hauptverbs zur Bildung von PassivPassivformen dieses Verbs.

Alle Plätze wurden besetzt.

Alle Plätze sind besetzt.

Niemand ist belästigt worden.

Er wird vergessen.

Er bekam den Kuchen gebracht.

Er erhält/kriegt die Zeitung geschenkt.

So ein Lehrbuch gehört verboten.

In analytisches TempusTempusTempusanalytischesanalytischen = zusammengesetztenzusammengesetztes TempusTempuszusammengesetztes Tempora (PerfektPerfekt usw., ▶ Nr. 6.2/23) steht statt der VollformVollform geworden des Partizip IIPartizips II von werden die präfixlose Form worden:

Alle Plätze sind besetzt worden.

6.2.2 WortformVerbWortformenWortformenVerbWortformen

Ein Verb kann im Satz in unterschiedlichen Formen auftreten. Diese Formen sind seine RealisierungsformRealisierungsformFormRealisierungs-en = seine KonjugationsformKonjugationsformFormKonjugations-en. Ihre Bildung hängt ab zum einen von den dem betreffenden Verb inhärenten Eigenschaftinhärente EigenschaftEigenschaftinhärenteen oder inhärenten Merkmalinhärentes MerkmalMerkmalinhärentesen, die ihm »von Haus aus« zukommen (Zugehörigkeit zu einer bestimmten KonjugationsklasseKonjugationsklasse usw.), zum anderen erfolgt sie gemäß den grammatischen Kategoriegrammatische KategorieKategoriegrammatischen, die im jeweiligen Satz relevant werden.

6.2.2.1 Inhärente Merkmaleinhärentes MerkmalMerkmalinhärentes von Verben

Übersicht 6 – Inhärente Merkmale von Verbenregulär (Verb)regelmäßig (Verb)schwachVerbKonjugationsklasseschwachirregulär (Verb)starkVerbKonjugationsklassestarkunregelmäßig (Verb)KonjugationsklassegemischtVerbKonjugationsklassegemischtanomal (Verb)KonjugationsklasseanomalPräteritopräsensKonjugationsklasseKonjugationsklasseKonjugationsklassePräteritopräsenstrennbar (Verb)Trennbarkeitinhärentes MerkmalMerkmalinhärentesnicht trennbar (Verb)Präfix-PartizipPartizipbildungNull-Partizip<i>sein</i>-PerfektPerfektbildunghaben-Perfekt


6.2/16 KonjugationsklasseKonjugationsklasse

Inhärentes Merkmalinhärentes MerkmalMerkmalinhärentes von Verben: Verben gehören einer der folgenden Konjugationsklassen an: schwachVerbKonjugationsklasseschwachschwach, starkVerbKonjugationsklassestarkstark, gemischtVerbKonjugationsklassegemischtgemischt, unregelmäßig (Verb)VerbunregelmäßigesKonjugationsklasseanomalanomalanomal (Verb), PräteritopräsensPräteritopräsensKonjugationsklassePräteritopräsens.

Kennzeichen schwacher VerbenVerbschwaches ist, dass sie ihre ImperfektImperfektformen = PräteritumPräteritalformen und das Partizip IIPartizip II = Partizip PerfektPartizip Perfekt durch Anfügung des SuffixSuffixes -t bzw. -et (je nach StammauslautStammauslaut) bilden (▶ Nr. 5.2/1):

lachen: lach-t(-e), (ge-)lach-t

reden: red-et(-e), (ge-)red-et

Starke VerbenstarkVerbKonjugationsklassestark sind dadurch gekennzeichnet, dass sie ihre ImperfektImperfektformen = PräteritalPräteritalformformen ohne Anfügung eines Suffixes und das Partizip IIPartizip II = Partizip PerfektPartizip Perfekt durch Anfügung des SuffixesSuffix -en bilden; die AllomorpheAllomorph des Stammes weisen AblautAblaut auf (▶ Nr. 5.2/7):

binden: bind(-en) – band- – (ge-)bund-en

(Ablaut i – a – u)

kommen: komm(-en) – kam- – (ge-)komm-en

(Ablaut o – a – o)

Gemischte VerbengemischtVerbKonjugationsklassegemischt verwenden beide Prinzipien, z. B.

mahlen: mahl-t(-e) (schwach) – (ge-)mahl-en (stark)

spalten: spalt-et(-e) – (ge-)spalt-en

fragen: frug-∅ (stark – veraltet) – (ge-)frag-t (schwach)

Schwache und starke Verben können regulär (Verb)regulär oder irregulär (Verb)irregulär gebildet werden:

Schwach regulär:

trenn(en) – trenn-t(-e) – (ge-)trenn-t

lenk(en) – lenk-t(-e) – (ge-)lenk-t

leb(en) – leb-t(-e) – (ge-)leb-t

swing(en) – swing-t(-e) – (ge-)swing-t

schalt(en) – schalt-et(-e) – (ge-)schalt-et

Schwach irregulär (mit sog. »RückumlautRückumlautUmlautRück-«: e/i → a):

nenn(en) – nann-t(-e) – (ge-)nann-t

denk(en) – dach-t(-e) – (ge-)dach-t

bring(en) – brach-t(-e) – (ge-)brach-t

Stark regulär:

heb(en) – hob – (ge-)hob-en

sing(en) – sang – (ge-)sung-en

Stark irregulär:

geb(en) – gab – (ge-)geb-en – gib-st

fress(en) – fraß – (ge-)fress-en – friss-t

ess(en) – aß – (ge-)gess-en – iss-t

sitz(en) – saß – (ge-)sess-en

geh(en) – ging – (ge-)gang-en

seh(en) – sah – (ge-)seh-en – sieh-st

halt(en) – hielt – (ge-)halt-en – hält-st

Bei anomalenanomal (Verb)Konjugationsklasseanomal Verben treten in vielen Formen Irregularitäten auf, z. B.:

haben: hast – hat – hatte

sein: bin – bist – ist – sind – seid – war – (ge-)wes(-en)

werden: wirst – wird – wurd-e – geworden/∅-worden

tun: tun – tat – (ge-)ta(-n)Präteritopräsens KonjugationsklassePräteritopräsens

Präteritopräsentia sind Verben, deren PräsensPräsens-(IndikativIndikativ)-Formen wie PräteritumPräteritalformen (= ImperfektImperfektformen) starkVerbstarker Verben gebildet werden. Hierher gehören die (Modal‑)VerbModalverbVerbModal-en dürfen, können, mögen, müssen, sollen, wollen und das Verb wissen. Die Endungen der Präsensformen etwa des Verbs können sind dieselben wie die der Imperfekt-Indikativ-Formen des starken Verbs singen: (ich) kann-∅ – sang-∅ (aber: sing-e), (du) kann-st – sang-st, (er) kann-∅ – sang-∅ (aber: sing-t) usw. Im Imperfekt und im Partizip IIPartizip II der Präteritopräsentia treten schwachVerbschwache Formen auf, z. B. konn-t(-e) – (ge-)konn-t.

das PräteritopräsensPräteritopräsens, des Präteritopräsens (Betonung auf -prä(sens)), die Präteritopräsentia od. Präteritopräsenzien (Betonung auf -sen-)

Zusammenfassend als unregelmäßigunregelmäßig (Verb) werden folgende Verben bezeichnet:

 schwachschwachVerbe irreguläreirregulär (Verb) Verben (z. B. nennen, denken, bringen)

 starke regulärregulär (Verb)e Verben (z. B. heben, singen)

 starkstarkVerbe irreguläre Verben (z. B. geben, fressen, essen, sitzen, gehen, sehen, halten)

 gemischtgemischtVerbe Verben (z. B. mahlen, spalten, fragen)

 anomalanomal (Verb)e Verben (haben, sein, werden, tun)

 PräteritopräsentiaPräteritopräsens (z. B. müssen, dürfen)

Regelmäßigregelmäßig (Verb) sind demnach allein die regulären schwachen Verben (z. B. trennen, lenken, leben, flehen, bedingen, pressen, schalten, laben, erden, küssen, schlürfen).

Die Zugehörigkeit eines Verbs zu einer Konjugationsklasse sowie ggf. auftretende Irregularitäten drücken sich in den StammformenStammformFormStamm- = LeitformenLeitformFormLeit- aus. Sie weisen die AllomorphAllomorphe des Stammes eines Verbs auf, die bei der Bildung bestimmter (einfache VerbformVerbformeinfacheeinfacher) Verbformen eingesetzt werden.

Die erste Stammformerste Stammform ist die im InfinitivInfinitiv vorkommende (z. B. bind- im InfinitivInfinitiv bind-en). Mit ihr werden gebildet:

 der Infinitiv Präsens AktivInfinitiv Präsens Aktivbind-en

 das Partizip IPartizip I = Partizip PräsensPartizip Präsensbind-end

 die Formen des PräsensPräsens IndikativIndikativ(ich) bind-e, (du) bind-est, (er, sie, es) bind-et …

 die Formen des PräsensPräsens KonjunktivKonjunktiv(ich) bind-e, (du) bind-est, (er, sie, es) bind-e …

 die ImperativImperativformenbind-e, bind-et … (Ausnahmen s. unten)

Die zweite Stammformzweite Stammform ist die des ImperfektImperfekts = PräteritumPräteritums (z. B. band- in der 1.Pers. und 3.Pers. Sg. Imperf. Ind. band).

 Mit ihr werden die Formen des ImperfektImperfekts IndikativIndikativ = PräteritumPräteritums Indikativ gebildet:(ich) band-∅, (du) band-est, (er, sie, es) band-∅ …

 Zugleich ist sie Grundlage für die Bildung der Formen des KonjunktivKonjunktiv ImperfektKonjunktivs ImperfektImperfekt = Konjunktivs PräteritumKonjunktiv PräteritumPräteritum:(ich) bänd-e, (du) bänd-est, (er, sie, es) bänd-e …Die Bildung dieser Konjunktivformen geschieht bei den meisten starkVerbKonjugationsklassestarkstarken Verben und bei einigen PräteritopräsensKonjugationsklassePräteritopräsensPräteritopräsentia durch UmlautUmlaut des StammvokalStammvokalVokalStamm-s (vgl. oben Nr. 5.2/5), wenn er umlautfähigumlautfähig ist (band- – bänd-e, muss(te) – müss-t-e); sonst bleibt der StammvokalStammvokal erhalten (ritt- – ritt-e). Bei schwachVerbKonjugationsklasseschwachschwachen Verben sind die Formen des Indikativs Imperfekt und die des Konjunktivs Imperfekt identisch (Ausnahmen: brächte, dächte, bräuchte …).

Die dritte Stammformdritte Stammform ist die des Partizip IIPartizips II = Partizip PerfektPartizips Perfekt (bund- in gebunden).

 Mit ihr wird das Partizip IIPartizip II = Partizip PerfektPartizip Perfekt gebildet:ge-bund-en

Bei bestimmten Verben kommt eine vierte Stammformvierte Stammform zum Einsatz, gelegentlich sogar eine fünftefünfte Stammform.

 Entweder weist diese Stammform gegenüber der erste Stammformersten Stammform e/i-Wechsele/i-Wechsel (= »BrechungBrechung« = »HebungHebung«, ▶ Nr. 5.2/6) auf (z. B. empfiehl- in empfiehlst) und wird zur Bildung der 2.Pers. und 3.Pers. Sg. Präs. Ind. und des ImperativImperativs SingularSingular benutzt:(du) empfiehl-st, (er, sie, es) empfiehl-t, empfiehl-∅(du) hilf-st, (er, sie, es) hilf-t, hilf-∅

 Oder sie steht zur erste Stammformersten Stammform in UmlautUmlaut-Beziehung (z. B. träg- in trägst – ▶ Nr. 5.2/5) und wird zur Bildung der 2.Pers. und 3.Pers. Sg. Präs. Ind., nicht aber zur ImperativImperativbildung verwendet:(du) träg-st, (er, sie, es) träg-t, aber: trag-∅

 Zusätzlich kann der Fall eintreten, dass der Konjunktiv ImperfektKonjunktiv Imperfekt = Konjunktiv PräteritumKonjunktiv Präteritum nicht nur von der zweiten Stammform gebildet wird, sondern zusätzlich eine eigene Stammform aufweist, z. B. hälfe und hülfe, ränne und rönne.

 Gelegentlich weist der Konjunktiv ImperfektKonjunktiv Imperfekt = Konjunktiv PräteritumKonjunktiv Präteritum eine nur ihm zukommende eigene Stammform auf, z. B. schwömme.

Bei einer Anzahl von starken Verben fallen zweite und dritte (z. B. reiten: ritt-, (ge-)ritt(-en); biegen: bog-, (ge-)bog(-en)) oder erste und dritte Stammform (z. B. geben: geb-, (ge‑)geb(-en); heißen: heiß-, (ge-)heiß(-en)) zusammen. Bei regulären schwachVerbKonjugationsklasseschwachschwachen Verben (z. B. kochen, lieben, arbeiten, reden) fallen alle StammformStammformen zusammen, das heißt, für die Bildung aller Formen wird ein und dasselbe Allomorph (abgesehen von Erscheinungen wie AuslautverhärtungAuslautverhärtung – ▶ Nr. 5.2/4) eingesetzt.

6.2/17 TrennbarkeitTrennbarkeit

Inhärentes Merkmalinhärentes MerkmalMerkmalinhärentes von Verben: Trennbare Verbtrennbar (Verb)Verbtrennbaresen bestehen aus einem betonten VerbzusatzVerbzusatzZusatzVerb- (▶ Abschnitt 9.3.3) und einem verbalen StammStamm, wobei diese Bestandteile unter bestimmten Bedingungen im Satz voneinander getrennt erscheinen. Die übrigen Verben sind nicht trennbar.

abwickeln: wickele … ab; aufessen: isst … auf; aufhören: hör … auf; einschlafen: schliefen … ein; unterbuttern: buttert … unter; übersetzen: setz … über – ernst nehmen: nahmst … ernst; leichtnehmen: nähmest … leicht

Ein Verb wie einschlafen hat Formen wie beispielsweise schläft … ein und einschläft; letztere kommt in Sätzen mit Verb-Letzt-StellungVerb-Letzt-StellungStellungVerb-Letzt-- (▶ Nr. 7.4/3) vor:

Ob sie gleich einschläft?

Er freut sich, wenn sie abends einschläft.

TrennungTrennung (Verb) = diskontinuierliche Stellungdiskontinuierliche Stellung (Verb)Stellungdiskontinuierliche (Verb) = TmesisTmesis liegt vor bei einfachen Verbformeinfache VerbformVerbformeinfacheen (▶ Nr. 6.2/26) in Sätzen mit Verb-Erst-StellungStellungStellungVerb-Erst--Verb-Erst- und Verb-Zweit-StellungVerb-Zweit-StellungStellungVerb-Zweit-- (▶ Nr. 7.4/1 und Nr. 7.4/2):

Schlaf nicht ein.

Der Junge schläft spät ein.

Die beiden Verbbestandteile werden auch bei der Bildung des InfinitivInfinitivs Präsens AktivInfinitiv Präsens Aktiv mit zu<i>zu</i>-InfinitivInfinitivzu-- (ein-zu-schlafen) und des Partizip IIPartizips II = Partizip PerfektPartizips Perfekt mit ge- (ein-ge-schlafen) getrennt.

die TmesisTmesis, der Tmesis, die Tmesen (Betonung auf Tme-)

Trennbare Verbentrennbar (Verb) sind entweder WortbildungenWortbildung, und zwar VerbkompositaVerbkompositumKompositumVerb- (▶ Nr. 5.5/2) oder PräfigierungenPräfigierung = PräfixbildungenPräfixbildung (▶ Nr. 5.5/7); oder es handelt sich um lexikalisierte Bildungenlexikalisierte BildungBildunglexikalisierte (▶ Nr. 5.5/13).

Beispiele:

 VerbkompositaVerbkompositumernst nehmen, leichtnehmen, krankschreiben

 PräfigierungenPräfigierung mit HalbpräfixenHalbpräfix = PräfixoidenPräfixoidzuhören, auffangen, abnehmen, übersetzen

 lexikalisierte Bildungenlexikalisierte Bildungaufhören, anfangen, zunehmen, absetzen

6.2/18 PartizipbildungPartizipbildung

Inhärentes Merkmalinhärentes MerkmalMerkmalinhärentes von Verben: Präfix-Partizip-VerbPräfix-Partizip-VerbVerbPräfix-Partizip--en bilden ihr Partizip IIPartizip II = Partizip PerfektPartizip Perfekt mit dem PräfixPräfix bzw. Infix (▶ Nr. 5.4/6 und Nr. 5.4/8) ge. Die übrigen Verben bilden dieses Partizip ohne ge: Null-Partizip-VerbenNull-Partizip-VerbVerbNull-Partizip--.

Präfix-Partizip-Verben haben folgende Kennzeichen:

 einsilbige (betonte) WurzelWurzel (= GrundmorphemGrundmorphemMorphemGrund- = StammmorphemStammmorphemMorphemStamm-) oder mehrsilbige Wurzel mit AnfangsbetonungAnfangsbetonungBetonung (»È« kennzeichnet die betonte Silbe); ge als Präfix:Èlieb-: geliebt; Èkriech-: gekrochen – Èklecker-: gekleckert; Èsammel-: gesammelt …

 betonter VerbzusatzVerbzusatzZusatzVerb- + einsilbige (betonte) Wurzel oder mehrsilbige Wurzel mit Anfangsbetonung; ge als Infix:Èauf + Èhör-: aufgehört; Èunter + Èbutter-: untergebuttert; Èab + Èwickel-: abgewickelt …

In allen anderen Fällen wird das Partizip II ohne ge gebildet. Solche Null-Partizip-Verben haben folgende Kennzeichen:

 (mehrsilbige) Wurzel, die nicht anfangsbetont ist:marÈschier-: marschiert; comÈputer-: computert; reÈcycel-: recycelt; geÈling-: gelungen; verÈlier-: verloren

 betonterbetont VerbzusatzVerbzusatz + mehrsilbige Wurzel, die nicht anfangsbetont ist:Èüber + reaÈgier-: überreagiert; Èab + marÈschier-: abmarschiert

 betonter Verbzusatz + unbetonter Verbzusatz + Wurzel:Èum + beÈsinn-: umbesonnen; Èan + verÈtrau-: anvertraut

6.2/19 PerfektbildungPerfektbildung

Inhärentes Merkmalinhärentes MerkmalMerkmalinhärentes von Verben: Sein-Perfekt-Verb<i>sein</i>-Perfekt-VerbVerbsein-Perfekt--en bilden ihre PerfektPerfekt-, PlusquamperfektPlusquamperfekt- und Futur IIFutur-II-Formen mit dem Tempus-HilfsverbTempus-HilfsverbHilfsverbTempus-- sein, haben-Perfekt-Verben bilden diese Formen mit dem Tempus-HilfsverbHilfsverb habenhaben-Perfekt-VerbVerb<i>haben</i>-Perfekt--.

Sein-Perfekt-Verben sind vor allem

 nicht passivPassivfähige, perfektivperfektives VerbVerbperfektivese (einen Vorgang als abgeschlossen kennzeichnende, ▶ vor Abschnitt 6.2.1) Verben, z. B.:aufwachen: ist aufgewacht; zusammenfallen: wird zusammengefallen sein …

 nicht passivfähigepassivfähig (Verb) BewegungsverbenBewegungsverbVerbBewegungs-, z. B.:fahren: ist gefahren; fliegen: war geflogen; schwimmen: wird geschwommen sein …

 die Verben sein, bleiben, werden:ist gewesen; war geblieben; wird geworden sein

Die meisten Verben bilden ihre PerfektPerfekt-, PlusquamperfektPlusquamperfekt- und Futur IIFutur-II-Formen mit dem HilfsverbHilfsverb haben.

6.2.2.2 Grammatische Kategoriengrammatische KategorieKategoriegrammatische des Verbs

6.2/20 FinitheitFinitheit

Grammatische Kategorie mit den Werten finitfinit, infinitinfinit.

Finite Verbformen sind hinsichtlich PersonPerson und NumerusNumerus (und auch hinsichtlich TempusTempus, ModusModus und DiatheseDiathese = Genus Verbi)Genus Verbi bestimmt (Beispiele: s. die Bemerkungen zu ▶ Nr. 6.2/21 bis 6.2/25 und ▶ Tabelle 12). Infinite Verbformen sind in dieser Hinsicht nicht bestimmt; es gibt zwei Klassen infiniter Verbformen, PartizipPartizipien und InfinitivInfinitive (Beispiele anhand der Verben binden und sein):

Partizipien:

 Partizip IPartizip I = Partizip PräsensPartizip Präsensbindend / seiend

 Partizip IIPartizip II = Partizip PerfektPartizip Perfektgebunden / gewesen

Das Partizip I liegt in zwei Formen vor:

 pures Partizippures PartizipPartizippuresbindend / seiend

 Partizip mit zu Partizip mit <i>zu</i>= zu-Partizip<i>zu</i>-PartizipPartizip<i>zu</i>--zu bindend (z. B. ein zu bindendes Seil) / – (die entsprechende Form von sein existiert nicht)

Infinitive:

 Infinitiv Präsens AktivInfinitiv Präsens Aktiv (häufig einfach als »InfinitivInfinitiv« bezeichnet)binden / sein

 Infinitiv Perfekt AktivInfinitiv Perfekt Aktivgebunden haben / gewesen sein

 Infinitiv Präsens VorgangspassivInfinitiv Präsens Vorgangspassivgebunden werden / – (die entsprechende Form von sein existiert nicht: sein ist nicht passivPassivfähig, ▶ Nr. 6.2/35)

 Infinitiv Präsens ZustandspassivInfinitiv Präsens Zustandspassivgebunden sein / –

 Infinitiv Perfekt VorgangspassivInfinitiv Perfekt Vorgangspassivgebunden worden sein / –

 Infinitiv Perfekt ZustandspassivInfinitiv Perfekt Zustandspassivgebunden gewesen sein / –

Infinitive liegen jeweils in zwei Formen vor:

 pure = bloße Infinitivepurer InfinitivInfinitivpurerbloßer InfinitivInfinitivbloßerbinden, gebunden haben, gebunden sein, gebunden gewesen sein …

 Infinitive mit zuInfinitiv mit <i>zu</i> = zu-InfinitiveInfinitivzu--zu binden, gebunden zu haben, gebunden zu sein, gebunden gewesen zu sein …

Das Partizip II eines Verbs wird durch den Infinitiv Präsens Aktiv ersetzt (ErsatzinfinitivErsatzinfinitivInfinitivErsatz-), wenn es in zusammengesetzten VerbformenVerbformzusammengesetzte (▶ Nr. 6.2/27) mit infiniten Formen anderer Verben kombiniert wird:

Er hat nach Paris gewollt (Partizip IIPartizip II), aber: Er hat nach Paris fahren wollen (Ersatzinfinitiv).

Er hat sie gehört, aber: Er hat sie singen hören.

Als Infinitive werden hier diejenigen Formen eines Verbs betrachtet, die mit einem ModalitätsverbModalitätsverb kombiniert werden können, also die Formen, die in einer Konstruktion wie Er soll/kann/muss ___ oder Er scheint zu ___ oder Er scheint ___ zu ___ an der unterstrichenen Stelle erscheinen können.

das Partizip (I/II [eins/zwei]), des Partizips, die Partizipien (Betonung auf -zi(p)-)

der Infinitiv, des Infinitivs, die Infinitive (Betonung auf In-)

Abk.: Part., Inf.

Übersicht 7 – Grammatische Kategorien1 des Verbs und ihre WerteMerkhilfeVerbkategorienVerbkategorienMerkhilfePeNuTeMoDierste PersonPersonerstePersonzweite PersonPersonzweitedritte PersonPersondritteNumerusSingularPluralPräsensImperfektgrammatische KategorieTempusPerfektPlusquamperfektFutur IFutur IIIndikativKonjunktiv IModusKonjunktivImperativKonjunktiv IIAktivDiatheseGenus VerbiVorgangspassivPassivVorgangs-PassivZustandspassivPassivZustands-


6.2/21 PersonPerson

Grammatische Kategoriegrammatische KategorieKategoriegrammatische des Verbs (und anderer Wortarten) mit den Werten erste Personerste PersonPersonerste, zweite Personzweite PersonPersonzweite, dritte Persondritte PersonPersondritte.

Abk.: 1.Pers., 2.Pers., 3.Pers.

6.2/22 NumerusNumerus

Grammatische Kategoriegrammatische KategorieKategoriegrammatische des Verbs (und anderer Wortarten) mit den Werten SingularSingular, PluralPlural.

Die Kategorien PersonPerson und NumerusNumerus treten immer gekoppelt auf (Beispiele für die Verben binden und sein):

 1.Pers. + Sg.: binde / bin

 2.Pers. + Sg.: bindest / bist

 3.Pers. + Sg.: bindet / ist

 1.Pers. + Pl.: binden / sind

 2.Pers. + Pl.: bindet / seid

 3.Pers. + Pl.: binden / sind

der NumerusNumerus, des NumerusNumerus, die NumerusNumeri (Betonung auf Nu-)

der SingularSingular, des SingularSingulars, die SingularSingulare (Betonung auf Sing-)

der PluralPlural, des PluralPlurals, die PluralPlurale (Betonung auf Plu-)

Abk.: Sg./Sing., Pl./Plur.

6.2/23 TempusTempus

Grammatische Kategoriegrammatische KategorieKategoriegrammatische des Verbs mit den Werten PräsensPräsens, ImperfektImperfekt = PräteritumPräteritum, PerfektPerfekt, PlusquamperfektPlusquamperfekt, Futur IFutur I, Futur IIFutur II.

Je nachdem, ob die Tempusformen ohne Tempus-HilfsverbTempus-HilfsverbHilfsverbTempus-- oder mit Tempus-Hilfsverb gebildet werden (▶ Nr. 6.2/13), wird unterschieden zwischen synthetischensynthetisches TempusTempussynthetisches = einfacheneinfaches TempusTempuseinfaches und analytischenanalytisches TempusTempusanalytisches = zusammengesetztenzusammengesetztes TempusTempuszusammengesetztes = umschriebenenumschriebenes TempusTempusumschriebenes = periphrastischenperiphrastisches TempusTempusperiphrastisches Tempora.

Synthetische = einfache Tempora sind (Beispiele jeweils für 1.Pers. Sing. Ind. Akt. – Vorg.-PassPassiv./Zust.-Pass. und 2.Pers. Sing. Konj. Akt. – Vorg.-PassPassiv./Zust.-Pass.):

 Präsensbinde / bin – werde gebunden / bin gebundenbindest / seiest – werdest gebunden / seiest gebunden

 Imperfekt = Präteritumband / war – wurde gebunden / war gebundenbändest / wärest – würdest gebunden / wärest gebunden

Analytischeanalytisches Tempus = zusammengesetztezusammengesetztes Tempus Tempora sind:

 PerfektPerfekt (finitfinites HilfsverbHilfsverb haben oder sein [▶ Nr. 6.2/13] im PräsensPräsens + Partizip IIPartizip II = Partizip PerfektPartizip Perfekt)habe gebunden / bin gewesen – bin gebunden worden / bin g. gewesenhabest gebunden / seiest gewesen – seiest g. worden / seiest g. gewesen

 PlusquamperfektPlusquamperfekt (finitfinites HilfsverbHilfsverb haben oder sein im ImperfektImperfekt = PräteritumPräteritum + Partizip IIPartizip II)hatte gebunden / war gewesen – war gebunden worden / war g. gewesenhättest gebunden / wärest gewesen – wärest g. worden / wärest g. gew.

 Futur IFutur I (finitfinites HilfsverbHilfsverb werden im Präsens + Infinitiv Präsens AktivInfinitiv Präsens Aktiv)werde binden / werde sein – werde gebunden werden / werde g. seinwerdest binden / werdest sein – werdest g. werden / werdest g. sein

 Futur IIFutur II (finitfinites HilfsverbHilfsverbVerbHilfs- werden im Präsens + Infinitiv Perfekt AktivInfinitiv Perfekt Aktiv)werde gebunden haben / werde gewesen sein – werde g. worden sein / werde gebunden gewesen seinwerdest gebunden haben / werdest gewesen sein – werdest gebunden worden sein / werdest gebunden gewesen sein

das TempusTempus, des TempusTempus, die TempusTempora (Betonung auf Tem-)

das PräsensPräsens, des PräsensPräsens (Betonung auf Prä-), die PräsensPräsentia od. Präsenzien (Betonung auf -sen-)

das PräteritumPräteritum, des PräteritumPräteritums, die PräteritumPräterita (Betonung auf -te-, Trennung: Prä-ter-itum oder Prä-te-ri-tum)

das ImperfektImperfekt, des ImperfektImperfekts, die ImperfektImperfekte (Betonung auf Im-)

das PerfektPerfekt, des PerfektPerfekts, die PerfektPerfekte (Betonung auf Per-)

das PlusquamperfektPlusquamperfekt, des PlusquamperfektPlusquamperfekts, die PlusquamperfektPlusquamperfekte (Betonung auf Plus-)

das Futur IFutur IIFutur (I/II [eins/zwei]), des Futurs, die Futur IFutur IIFuture (Betonung auf -tu(r)-)

Abk.: Präs., Prät., Imperf., Perf./Pf., Plquperf./Plqu., Fut.I, Fut.II

6.2/24 ModusModus

Grammatische Kategoriegrammatische KategorieKategoriegrammatische des Verbs mit den Werten IndikativIndikativ, KonjunktivKonjunktiv, ImperativImperativ.

Beim KonjunktivKonjunktiv wird häufig eine zusätzliche Gruppierung nach Konjunktiv IKonjunktiv I und Konjunktiv IIKonjunktiv II vorgenommen:

 Konjunktiv IKonjunktiv I: KonjunktivKonjunktiv Präsense der Tempora Präsens, PerfektKonjunktiv Perfekt, Futur IKonjunktiv Futur I und Futur IIKonjunktiv Futur II (Beispiele jeweils für die 2.Pers. Sg.):bindest / seiest (Konj. Präs. Akt.)werdest gebunden / – (Konj. Präs. Vorg.-Pass.)seiest gebunden / – (Konj. Präs. Zust.-Pass.)habest gebunden / seiest gewesen (Konj. Perf. Akt.)seiest gebunden worden / – (Konj. Perf. Vorg.-Pass.)seiest gebunden gewesen / – (Konj. Perf. Zust.-Pass.)werdest binden / werdest sein (Konj. Fut.I Akt.)werdest gebunden werden / – (Konj. Fut.I Vorg.-Pass.)werdest gebunden sein / – (Konj. Fut.I Zust.-Pass.)werdest gebunden haben / werdest gewesen sein (Konj. Fut.II Akt.)werdest gebunden worden sein / – (Konj. Fut.II Vorg.-Pass.)werdest gebunden gewesen sein / – (Konj. Fut.II Zust.-Pass.)

 Konjunktiv IIKonjunktiv II: KonjunktivKonjunktive der Tempora ImperfektKonjunktiv Imperfekt = Präteritum Konjunktiv Präteritum und PlusquamperfektKonjunktiv Plusquamperfekt:bändest / wärest (Konj. Imperf./Prät. Akt.)würdest gebunden / – (Konj. Imperf./Prät. VorgKonjunktiv ImperfektKonjunktiv Präteritum.-Pass.)wärest gebunden / – (Konj. Imperf./Prät. Zust.-Pass.)hättest gebunden / wärest gewesen (Konj. Plquperf. Akt.)wärest gebunden worden / – (Konj. Plquperf. Vorg.-Pass.)wärest gebunden gewesen / – (Konj. Plquperf. Zust.-Pass.)

Für die Konjunktiv IIKonjunktiveKonjunktiv II stehen als ErsatzformErsatzformFormErsatz-en die sog. würde-KonjunktivKonjunktiv-Hilfsverbwürde-KonjunktivKonjunktivwürde--e zur Verfügung, die aber auch eigene Funktionen (z. B. Distanzierungs- oder Höflichkeitssignal, vor ▶ Nr. 6.2/26) ausfüllen können:

würdest binden / würdest sein (würde-Konj. Imperf./Prät. Akt.)

würdest gebunden werden / – (würde-Konj. Imperf./ Prät. Vorg.-Pass.)

würdest gebunden sein / – (würde-Konj. Imperf./Prät. Zust.-Pass.)

würdest gebunden haben / würdest gewesen sein (würde-Konj. Plquperf. Akt.)

würdest gebunden worden sein / – (würde-Konj. Plquperf. Vorg.-Pass.)

würdest gebunden gewesen sein / – (würde-Konj. Plquperf. Zust.-Pass.)

Formen im ModusModus ImperativImperativ gibt es nur im TempusTempus PräsensPräsens und in der Diathese = im Genus Verbi Aktiv. Hinsichtlich PersonPerson und NumerusNumerus lassen sich die folgenden Formen unterscheiden:

 2.Pers. Sg.trag / binde / sei

 1.Pers. Pl.tragen / binden / seien (z. B. in Tragen wir (es mit Fassung))

 2.Pers. Pl.tragt / bindet / seid

 3.Pers. Pl.tragen / binden / seien (z. B. in Tragen Sie (es mit Fassung))

der ModusModus, des ModusModus, die ModusModi (Betonung auf Mo-)

der Indikativ, des IndikativIndikativs, die IndikativIndikative (Betonung auf In-)

der KonjunktivKonjunktiv, des Konjunktivs, die KonjunktivKonjunktive (Betonung auf Kon-)

der ImperativImperativ, des Imperativs, die ImperativImperative (Betonung auf Im-)

Abk.: Ind./Indik., Kj./Konj., Imp./Imper.

6.2/25 DiatheseDiathese = Genus VerbiGenus Verbi

Grammatische Kategoriegrammatische KategorieKategoriegrammatische des VerbVerbs mit den Werten AktivAktiv, VorgangspassivVorgangspassivPassivVorgangs- und ZustandspassivZustandspassivPassivZustands-.

Alle PassivPassivformen sind zusammengesetztzusammengesetzte VerbformVerbformzusammengesetzte (z. B. werde gebunden), in analytisches TempusTempusanalytischesanalytischen Tempora (PerfektPerfekt usw., ▶ Nr. 6.2/23) sind sie mehrfach zusammengesetztmehrfach zusammengesetzte VerbformVerbformmehrfach zusammengesetzte (bin gebunden worden, werde gebunden worden sein).

Formen des VorgangspassivsVorgangspassivPassivVorgangs- werden mithilfe des Passiv-HilfsverbPassiv-HilfsverbHilfsverbPassiv--s werden gebildet, solche des ZustandspassivZustandspassivPassivZustands-s mithilfe des Passiv-HilfsverbHilfsverbs sein, die jeweils mit dem Partizip IIPartizip II = Partizip PerfektPartizip Perfekt des HauptverbHauptverbs verbunden werden. Beispiele für finite Passivformen (PassivinfinitivInfinitive ▶ Nr. 6.2/20):

werde gebunden / wurde gebunden

bin gebunden worden / war gebunden worden / werde gebunden werden / werde gebunden worden sein

bin gebunden / war gebunden

bin gebunden gewesen / war gebunden gewesen / werde gebunden sein / werde gebunden gewesen sein

Weniger gebräuchlich und auf bestimmte Verben beschränkt sind die Formen, die mit den Passiv-Hilfsverben bekommen, erhalten, kriegen, gehören gebildet werden:

bekomme geschenkt / kriege geschenkt

erhalte geliefert

gehört angeprangert

die DiatheseDiathese, der DiatheseDiathese, die DiatheseDiathesen (Betonung auf -the-)

das Genus VerbiGenus Verbi, des Genus VerbiGenus Verbi, die Genus VerbiGenera Verbi (Betonung auf Ge-)

das AktivAktiv, des AktivAktivs, die AktivAktive (Betonung auf Ak-)

das PassivPassiv, des Passivs, die PassivPassive (Betonung auf Pass-)

Abk.: Akt., Pass.: Vorg.-Pass., Zust.-Pass.

Bemerkungen zu einzelnen Kategorien und Kategorienkombinationen:

Infinitinfinite Formen nehmen nur die Kategorien TempusTempus (mit den Werten PräsensPräsens, PerfektPerfekt) und DiatheseDiathese = Genus VerbiGenus Verbi (mit allen drei Werten) an (▶ Nr. 6.2/20).

Finitfinite Formen nehmen alle fünf Kategorien, jedoch nicht unbedingt alle WertWerte dieser Kategorien an:

 Aufgrund ihrer Bedeutung können die unpersönlichen Verbunpersönliches VerbVerbunpersönlichesen (▶ Nr. 6.2/5) sowie andere Verben, die ein Geschehen ohne menschlichen Träger bezeichnen (z. B. wehen, dauern, geschehen, stimmen), nicht im ModusModus ImperativImperativ und nicht in der 1. oder 2.PersonPersonPersonerstePersonzweite stehen.

 Nur passivPassivfähige Verben (▶ Nr. 6.2/35) können in der DiatheseDiathese = im Genus VerbiGenus Verbi VorgangspassivVorgangspassivPassivVorgangs- oder ZustandspassivZustandspassivPassivZustands- stehen.

 Einige Verben können in bestimmten Tempora nicht gebraucht werden, z. B. gebrechen (es gebricht) und münden nicht im TempusTempus Perfekt usw., zudenken (habe zugedacht) nicht im Tempus Präsens oder ImperfektImperfekt.

Verben, die nicht den ganzen Umfang der verbalen Kategorien mit den dazugehörigen Werten annehmen können, sind defektivdefektivVerbdefektives.

Zum Inhalt finiter Verbformen:

Der Inhalt = die Bedeutung von IndikativIndikativformen lässt sich mithilfe der folgenden Merkmale grob beschreiben (nach Helbig/Buscha 2013, S. 130–141):

 AktzeitAktzeitZeitAkt-: Zeit, in der sich das Verbalgeschehen abspielt

 SprechzeitSprechzeitZeitSprech-: Zeit, in der der Satz geäußert wird

 BetrachtzeitBetrachtzeitZeitBetracht-: Zeit, aus der auf das Verbalgeschehen geblickt wird

 Modalfaktor der VermutungModalfaktor der Vermutung

Indikativ PräsensIndikativ PräsensPräsensIndikativ:

1 AktzeitAktzeit gleich SprechzeitSprechzeit gleich BetrachtzeitBetrachtzeit (Bezeichnung eines gegenwärtigen Sachverhalts = GegenwartGegenwart – sog. aktuelles Präsensaktuelles PräsensPräsensaktuelles)Er sitzt am Computer und dichtet.Unser Sohn studiert in Neuendettelsau.

2 AktzeitAktzeit und BetrachtzeitBetrachtzeit nach SprechzeitSprechzeit, Aktzeit gleich Betrachtzeit (Bezeichnung eines zukünftigen Sachverhalts = ZukunftZukunft – sog. futurisches Präsensfuturisches PräsensPräsensfuturisches)Nächsten Monat ist Weihnachten.Die Gäste kommen (bald) zurück.

3 AktzeitAktzeit und Betrachtzeit vor Sprechzeit, Aktzeit gleich Betrachtzeit, mit TemporalbestimmungTemporalbestimmung (Bezeichnung eines vergangenen Sachverhalts = VergangenheitVergangenheit – sog. historisches Präsenshistorisches PräsensPräsenshistorisches)1989 fällt die Mauer.Kürzlich treffe ich einen Kommilitonen.

4 Aktzeit vor, während und nach Sprechzeit und Betrachtzeit, Sprechzeit gleich Betrachtzeit (Bezeichnung eines allgemeingültigen Sachverhalts = »ZeitlosigkeitZeitlosigkeit« – sog. generelles PräsensPräsensgenerellesgenerelles oder atemporales Präsensatemporales PräsensPräsensatemporales)Der Mond dreht sich um die Erde.Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht.

Indikativ ImperfektIndikativ ImperfektImperfekt = Indikativ PräteritumPräteritumIndikativIndikativ Präteritum:

AktzeitAktzeit und BetrachtzeitBetrachtzeit vor SprechzeitSprechzeit, Aktzeit gleich Betrachtzeit (Bezeichnung eines vergangenen Sachverhalts = VergangenheitVergangenheit)

Er fuhr in die Stadt.

Indikativ PerfektIndikativ Perfekt Perfekt Indikativ :

1 Aktzeit und Betrachtzeit vor Sprechzeit, Aktzeit gleich Betrachtzeit (Bezeichnung eines vergangenen Sachverhalts = VergangenheitVergangenheit)Wir haben uns gestern getroffen.

2 Aktzeit vor Betrachtzeit und Sprechzeit, Sprechzeit gleich Betrachtzeit (Bezeichnung eines vergangenen Sachverhalts mit resultativem Charakter = »resultative Vergangenheitresultative VergangenheitVergangenheitresultative«)Die Gäste sind eingetroffen (‘Jetzt sind sie da’).

3 Aktzeit und Betrachtzeit nach Sprechzeit, Aktzeit vor Betrachtzeit, mit Temporalbestimmung (Bezeichnung eines zukünftigen Sachverhalts = ZukunftZukunft – sog. futurisches Perfektfuturisches PerfektPerfektfuturisches)Bis nächsten Monat habe ich das Buch abgeschlossen.

4 Aktzeit vor, während und nach Sprechzeit und Betrachtzeit, Sprechzeit gleich Betrachtzeit (Bezeichnung eines allgemeingültigen Sachverhalts = »ZeitlosigkeitZeitlosigkeit« – sog. generellesgenerelles Perfekt oder atemporales Perfektatemporales PerfektPerfektatemporales)Ein Unglück ist schnell geschehen.

Indikativ PlusquamperfektIndikativ PlusquamperfektPlusquamperfektIndikativ:

1 AktzeitAktzeit vor SprechzeitSprechzeit und BetrachtzeitBetrachtzeit, Betrachtzeit vor SprechzeitSprechzeit (Bezeichnung eines in der Vergangenheit abgeschlossenen Sachverhalts = VorvergangenheitVorvergangenheit)Wir hatten schon zu Abend gegessen, als die Gäste endlich eintrafen.

2 AktzeitAktzeit vor SprechzeitSprechzeit und BetrachtzeitBetrachtzeit, Betrachtzeit gleich Sprechzeit (Bezeichnung eines in der Vergangenheit abgeschlossenen Sachverhalts mit resultativem Charakter = »resultative Vorvergangenheitresultative VorvergangenheitVorvergangenheitresultative«)Er hatte (gestern) seine Mütze verloren (‘Seine Mütze war weg’).

Indikativ Futur IIndikativ Futur IFutur IIndikativ:

1 Aktzeit Aktzeitund BetrachtzeitBetrachtzeit nach SprechzeitSprechzeit, Aktzeit gleich Betrachtzeit (Bezeichnung eines zukünftigen Sachverhalts = ZukunftZukunft)Wir werden den Brief einstecken.

2 Aktzeit gleich Betrachtzeit gleich Sprechzeit, Modalfaktor der VermutungModalfaktor der Vermutung (Bezeichnung eines vermuteten Sachverhalts in der Gegenwart = »vermutete Gegenwartvermutete GegenwartGegenwartvermutete-«)Er wird (jetzt) eintreffen.

Indikativ Futur IIIndikativ Futur II Futur II Indikativ :

1 Aktzeit und BetrachtzeitBetrachtzeit nach SprechzeitSprechzeit, Aktzeit vor Betrachtzeit (Bezeichnung eines in der Zukunft abgeschlossenen Sachverhalts = »abgeschlossene Zukunftabgeschlossene ZukunftZukunftabgeschlossene«)Nächste Woche wird er die Arbeit beendet haben.

2 Aktzeit und Betrachtzeit vor Sprechzeit, Aktzeit gleich Betrachtzeit, Modalfaktor der VermutungModalfaktor der Vermutung (Bezeichnung eines vermuteten Sachverhalts in der Vergangenheit = »vermutete Vergangenheitvermutete VergangenheitVergangenheitvermutete«)Sie wird (letzte Woche) in Paris gewesen sein.

3 Aktzeit AktzeitZeitAkt-vor BetrachtzeitZeitBetracht- und SprechzeitSprechzeitZeitSprech-, Sprechzeit gleich Betrachtzeit,Betrachtzeit Modalfaktor der Vermutung Modalfaktor der Vermutung(Bezeichnung eines vermuteten Sachverhalts in der Vergangenheit mit resultativem Charakter = »resultative vermutete Vergangenheitresultative vermutete VergangenheitVergangenheitresultative vermutete«)Er wird eingeschlafen sein (‘Jetzt schläft er’).

Der Inhalt von KonjunktivKonjunktivformen ist global wie folgt zu beschreiben:

Konjunktiv IKonjunktiv I:

Wiedergabe von Äußerungen anderer (sog. indirekte Redeindirekte RedeRedeindirekte)

Er sagte, sie sei krank (Konjunktiv PräsensKonjunktiv Präsens: GleichzeitigkeitGleichzeitigkeit)

Er sagte, sie sei krank gewesen (Konjunktiv PerfektKonjunktiv Perfekt: VorzeitigkeitVorzeitigkeit)

Er sagte, sie werde krank sein (Konjunktiv Futur IKonjunktiv Futur I: NachzeitigkeitNachzeitigkeit oder vermutetesvermutetes Geschehen gleichzeitiges Geschehen)

Er sagte, sie werde krank gewesen sein (Konjunktiv Futur IIKonjunktiv Futur II: Nachzeitigkeit eines abgeschlossenen Geschehens oder vermutetes vorzeitiges Geschehen)

Konjunktiv IIKonjunktiv II :

1 Markierung von Sachverhaltsbeschreibungen als »irrealirreal« (besonders in KonditionalsatzgefügenKonditionalsatzgefügeGefügeKonditionalsatz-, ▶ Nr. 7.6/8)Wenn er hier wäre, wäre alles gut (Konjunktiv ImperfektKonjunktiv Imperfekt = Konjunktiv PräteritumKonjunktiv Präteritum: GegenwartGegenwart [‘Er ist nicht hier’, ‘Es ist nicht alles gut’])Wenn er hier gewesen wäre, wäre das nicht geschehen (Konjunktiv PlusquamperfektKonjunktiv Plusquamperfekt: VergangenheitVergangenheit [‘Er war nicht hier’, ‘Es ist geschehen’])

2 Ersatz für nichteindeutige Konjunktiv-I-Formen in indirekter Redeindirekte RedeIch sagte, wir kämen bald (statt: … kommen bald,kommen ist gleichlautend = homonymhomonym/Homonym mit der entsprechenden Indikativform)

würde -Konjunktivwürde-Konjunktiv :

1 Ersatz für nichteindeutige Konjunktiv-IIKonjunktiv II-Formen, insbesondere bei indirekter RedeSie sagte, sie würden arbeiten (statt: … sie arbeiteten; arbeiteten ist gleichlautend mit der entsprechenden Indikativform)

2 DistanzierungsDistanzierungssignal- und HöflichkeitssignalHöflichkeitssignalIch würde sagen, das stimmt nicht.Würden Sie mir bitte das Salz herüberreichen?

6.2.2.3 Bau der KonjugationKonjugationFormKonjugations-sformen

6.2/26 Einfache Hauptverb-Formeinfache Hauptverb-FormHauptverb-Formeinfache-

Form eines Hauptverb-LexemsLexem, die ohne ein HilfsverbHilfsverbVerbHilfs- gebildet ist. Es tritt lediglich das Hauptverb-Lexem auf.

6.2/27 Zusammengesetzte Hauptverb-Formzusammengesetzte Hauptverb-FormHauptverb-Formzusammengesetzte-

Form eines Hauptverb-LexemsLexem, die mit einem oder mehreren HilfsverbHilfsverben gebildet ist. Zusätzlich zum HauptverbHauptverb-Lexem tritt mindestens ein Hilfsverb-Lexem auf. Eine zusammengesetzte Hauptverb-Form besteht aus mehreren KomponenteKomponenteHauptverb-FormKomponenten.

Beispiele (anhand der Verben binden, sein und aufhören):

 einfache infiniteinfinit Formen:binden / sein / aufhören (Infinitiv Präsens AktivInfinitiv Präsens Aktiv)bindend / seiend / aufhörend (pures Partizip IPartizip I = Partizip PräsensPartizip Präsens)zu bindend / – / – (Partizip I = Partizip Präsens mit zu)gebunden / gewesen / aufgehört (Partizip IIPartizip II = Partizip PerfektPartizip Perfekt)

 einfache finite Formen:bindest / bist / hörst auf / aufhörst (2.Pers. Sg. Präs. Ind. Akt.)bindet / hört auf / aufhört (3.Pers. Sg. oder 2.Pers. Pl. Präs. Ind. Akt.) / seid (2.Pers. Pl. Präs. Ind. od. Imp.)bände / wäre / hörte auf / aufhörte (1.Pers. oder 3.Pers. Sg. Prät. Konj. Akt.)

 zusammengesetzte infiniteinfinit Formen:gebunden haben / gewesen sein / aufgehört haben (Infinitiv Perfekt AktivInfinitiv Perfekt Aktiv)

Zu den übrigen Formen ▶ Nr. 6.2/20.

 zusammengesetzte finite Formen:hat gebunden / ist gewesen / hat aufgehört (3.Pers. Sg. Perf. Ind. Akt.)wirst gebunden haben / wirst gewesen sein / wirst aufgehört haben (2.Pers. Sg. Fut. II Ind. Akt.)werden gebunden worden sein (1.Pers. oder 3.Pers. Pl. Fut. II Vorg.-Pass.) / – / –

6.2/28 Modalisierte Hauptverb-Formmodalisierte Hauptverb-FormHauptverb-Formmodalisierte-

Form eines Hauptverbs, die mit einem oder mehreren ModalitätsverbenModalitätsverbVerbModalitäts- (▶ Nr. 6.2/8) gebildet ist. Zusätzlich zum Hauptverb-LexemHauptverb tritt mindestens ein Modalitätsverb-Lexem auf, ggf. auch ein oder mehrere Hilfsverb-LexemeHilfsverb-Lexem. Wie die zusammengesetzte Verbform besteht die modalisierte Verbform aus mehreren KomponentenKomponente.

Beispiel:

Er durfte (Modalitätsverb) kommen (Hauptverb)

Er hat (Hilfsverb) kommen (Hauptverb) dürfen (Modalitätsverb)

Er schien (Modalitätsverb) kommen (Hauptverb) zu dürfen (Modalitätsverb)

Er schien (Modalitätsverb) geschlagen (Hauptverb) werden (Hilfsverb) zu wollen (Modalitätsverb)

6.2/29 Verbum finitumVerbum finitum = FinitumFinitum = PersonalformPersonalformFormPersonal-

Einfache finite Hauptverb-Form oder die finite KomponenteKomponente in zusammengesetzten oder modalisierten finiten Hauptverb-Formen (▶ Nr. 7.2/6).

Die Bildung von Personalformen folgt der Formel »Stamm + Endung«. Zur Auswahl der im Einzelfall heranzuziehenden StammformStammformFormStamm- = LeitformLeitformFormLeit- vgl. die Ausführungen vor ▶ Nr. 6.2/17. Zur Form der Endung ▶ Tabelle 13VerbformPersonalendungEndungPersonal-. Am Ende dieses Abschnitts findet sich eine Übersicht über finite Verbformen (▶ Tabelle 12).

das Verbum finitum, des Verbum finitum, die Verba finita (Betonung auf -ni-)

das Finitum, des Finitums, die Finita

Zur Technik der Bestimmung von KonjugationsformBestimmung (Konjugationsformen)KonjugationsformFormKonjugations-en:

Für eine im Satz vorkommende Form eines HauptverbsHauptverb-FormFormHauptverb-- wird zunächst bestimmt,

 ob sie einfacheinfache VerbformVerbformeinfache, zusammengesetztzusammengesetzte VerbformVerbformzusammengesetzte oder modalisiertmodalisierte VerbformVerbformmodalisierte ist und

 ob es sich um eine finitfinitVerbformfinitee oder infinitinfinitVerbforminfinitee Verbform handelt.

 Wenn es sich um eine finite Verbformfinite Verbform handelt, wird sie nach den grammatischen Kategoriengrammatische KategorieKategoriegrammatische gemäß ▶ Nr. 6.2/21 bis Nr. 6.2/25 bestimmt.

 Wenn es sich um eine infinite Verbforminfinite Verbform handelt, wird angegeben, um welche es sich handelt (gemäß ▶ Nr. 6.2/20).

 Wenn die Verbform zusammengesetzt ist, werden sodann die KomponenteKomponenten nach diesem Schema bestimmt; wenn Komponenten ihrerseits zusammengesetzt sind, wird das Verfahren so lange wiederholt, bis nur noch einfache KomponenteKomponenteHauptverb-FormKomponenten übrig sind.

Beispiele:

Die Form wirst gebunden haben ist eine zusammengesetzte, finite Hauptverb-Form, und zwar die 2.Person Singular Futur II Indikativ Aktiv des HauptverbHauptverbs binden. Sie besteht aus den Komponenten wirst (einfach, finit, 2.Pers. Sg. Präs. Ind. Akt. des Tempus-HilfsverbsTempus-HilfsverbHilfsverbTempus-- werden) und gebunden haben (zusammengesetzt, infinit, Inf. Perf. Akt. des Hauptverbs binden). gebunden haben besteht aus den Komponenten gebunden (einfach, infinit, Part.II des Hauptverbs binden) und haben (einfach, infinit, Inf. Präs. Akt. des Tempus-Hilfsverbs haben).

Die Form gebunden worden wäret ist eine zusammengesetzte, finite Hauptverb-Form, und zwar die 2.Person Plural Plusquamperfekt Konjunktiv Vorgangspassiv des Hauptverbs binden. Sie besteht aus den Komponenten gebunden (einfach, infinit, Part.II des Hauptverbs binden) und der zusammengesetzten Form worden wäret. Diese ist die 2.Person Plural Plusquamperfekt Konjunktiv des Passiv-Hilfsverbs werden und besteht aus den Komponenten worden (Partizip II des Passiv-HilfsverbsPassiv-HilfsverbHilfsverbPassiv-- werden) und wäret (2.Pers. Imperf. Konj. Akt. des Tempus-Hilfsverbs sein).

Bei einer modalisierten Hauptverb-Form wie hättet kommen sollen werden die Bestandteile, der ModalitätsverbModalitätsverbVerbModalitäts--Teil und der Hauptverb-Teil, gesondert nach dem obigen Schema bestimmt: Komponente hättet sollen: zusammengesetzt, finit, 2.Pers. Pl. Plquperf. Konj. Akt. des Modal(itäts)verbs sollen; Komponente hättet: einfach, finit, 2.Pers. Pl. Imperf. Konj. Akt., Komponente sollen: einfach, infinit, Part.II (ErsatzinfinitivErsatzinfinitiv) des Modal(itäts)verbs sollen; kommen: einfach, infinit, Inf. Präs. Akt. des Hauptverbs kommen.


binde, bin
bindest, bist
bindet, ist
2.Pers. Präsens Indikativ Aktiv
SINGULAR bindest, bist
PLURAL bindet, seid
2.Pers. Singular Indikativ Aktiv
PRÄSENS bindest, bist
bandest, warst
hast gebunden, bist gewesen
hattest gebunden, warst gewesen
wirst binden, wirst sein
wirst gebunden haben, wirst gewesen sein
2.Pers. Singular Präsens Aktiv
INDIKATIVIndikativ bindest, bist
bindest, seiest
binde, sei
2.Pers. Singular Präsens Indikativ
AKTIVAktiv bindest, bist
wirst gebunden, –
bist gebunden, –

Tabelle 12: Finite Verbformen gemäß den grammatischen Kategorienfinite Verbform Verbformfinite


Imperativ
Präs. und Imperf. = Prät.
starke Verben schwache Verben alle Konjugationsklassen
1.P. Sg. -e -e -e -∅ -∅ [-(e)t]-e -e
-(e)st/-t -(e)st/-t -st/-t/-∅ -st/-t -(e)st [-(e)t]-est -est -e/-∅
3.P. Sg. -(e)t -(e)t -t/-∅ -∅ -∅ [-(e)t]-e -e
1.P. Pl. -(e)n -(e)n -(e)n -en -en [-(e)t]-en -en -(e)n
-(e)t -(e)t -(e)t -t -(e)t [-(e)t]-et -et -(e)t
3.P. Pl. -(e)n -(e)n -(e)n -en -en [-(e)t]-en -en -(e)n
Bemerkungen: (1) (2) (3) (5) (6) (7) (1), (8)
(4)

Tabelle 13: Finite VerbformenVerbform Konjugationsform FormVerb- FormKonjugations- : PersonalendungenPersonalendung EndungPersonal-

Bemerkungen zur obigen Tabelle:

1 e-haltige Formen in der 2. und 3.Pers. Sg. sowie in der 2.Pers. Pl. erscheinen, wenn der VerbstammStammauslaut auf einen der alveolaralveolar/Alveolaren Explosivexplosiv/Explosive = VerschlusslautVerschlusslautLautVerschluss-e: /t/ (z.B. arbeit- – reit-), /d/ (z.B. red- – leid-) auslautetoder auf eine der folgenden KonsonantenverbindungenKonsonantenverbindungVerbindungKonsonanten- (nasalische DoppelkonsonanzDoppelkonsonanznasalische Doppelkonsonanz): /tm/ (z.B. atm-, widm-), /gn/ (z.B. segn-), /pn/ (z.B. wappn-), /xn/ (z.B. zeichn-) (▶ Nr. 5.2/1).Bloßes -n in der 1. und 3.Pers. Pl. (sowie im Infinitiv) erscheint, wenn der Verbstamm auf -l (z. B. lächel-) oder -r (z. B. klapper-) auslautet.

2 Zu e/i-Wechsele/i-Wechsel (= »BrechungBrechung« = »HebungHebung«) und UmlautUmlaut in der 2. und 3.PersPerson. Sg. ▶ Nr. 5.2/5 und Nr. 5.2/6.2.Pers. Sg. Endung -st: z.B. rät-st; Endung -∅: z.B. birst-∅; 3.Pers. Sg. Endung -t: z. B. läuf-t; Endung -∅: z.B. rät-∅, birst-∅

3 Das Verb möchte wird wie eine KonjunktivKonjunktivform gebildet.

4 2.Pers. Sg. mit Endung -t bei Stammausgang auf /s/, z.B. reis-t, heiß-t, bläs-t, muss-t

5 e-haltige Formen erscheinen bei Stammausgang auf /t/ (ritt-) oder /d/ (mied-).

6 Vor die Personalendung tritt als StammerweiterungStammerweiterung das ImperfektzeichenImperfektzeichen -t, je nach Stammausgang mit oder ohne -e (vgl. oben die Bemerkung 1).

7 Im Konj. Präsens des Verbs sein erscheinen Tertiärendungen: sei-∅, sei-est, sei-∅ …

8 Ob in der 2.Pers. Sg. die Endung -e oder -∅ erscheint, hängt vom Stammausgang ab. Bei Verben mit e/i-Wechsel erscheint stets die Endung -∅: z. B. hilf-∅, gib-∅.

6.2.3 Syntaktische Klassensyntaktische KlassenVerb

1. Subklassen nach der ValenzValenz:

Die Valenz eines Verbs bestimmt sich nach Zahl und Art der ErgänzungenErgänzung (▶ Nr. 6.1/13), die es im Satz fordert. Als Ergänzungen können SatzgliederSatzglied (SubjektSubjekt, ObjektObjekt, UmstandsbestimmungUmstandsbestimmungBestimmungUmstands-, ▶ Nr. 7.2/7 bis Nr. 7.2/14) und das InfinitivkomplementInfinitivkomplementKomplementInfinitiv- (▶ Nr. 7.2/15) fungieren. – VollverbenVollverbVerbVoll- sind für sich allein ValenzträgerValenzträger (▶ Nr. 6.2/2). Bei der Bestimmung der Valenz von KopulaverbenKopulaverbVerbKopula- ist das PrädikativumPrädikativum (▶ Nr. 6.2/3) miteinzubeziehen, bei GefügeverbenGefügeverbVerbGefüge- ist die ErweiterungErweiterung (▶ Nr. 6.2/4) miteinzubeziehen; Prädikativum und Erweiterung zählen nicht als Ergänzungen.

Beispiele:

 VollverbVollverbEr bringt den Mülleimer um die Ecke (dreiwertig).

 KopulaverbKopulaverb + PrädikativumPrädikativumEr ist Lehrer der Fächer Biologie und Sport (einwertig).Er ist stolz auf seine Tochter (zweiwertig).

 GefügeverbGefügeverb + ErweiterungErweiterungEr bringt die Zuhörer auf die Palme (zweiwertig).

Die im Folgenden aufgeführten Subklassen mit ihren jeweiligen Ergänzungstypen sind Grundlage für die Erstellung von SatzbauplänenSatzbauplan. Dies sind abstrakte Pläne, die die Grundbaumuster von Sätzen darstellen. Zu den entsprechenden Subklassen der AdjektivAdjektive ▶ Nr. 6.6/7 bis 6.6/9.

6.2/30 Nullwertige VerbennullwertigVerbVerbnullwertiges

Verben, die im Satz keine ErgänzungErgänzungen fordern.

Das in Sätzen wie

Es regnet.

Es klopft.

vorkommende PronomenPronomen es stellt kein SatzgliedSatzglied dar: es ist nicht Ersetzbarkeitersetzbar und nicht Erfragbarkeiterfragbar (PseudosubjektSubjektPseudo- oder formales formales SubjektSubjektformalesSubjekt = FormsubjektFormsubjektPseudosubjektSubjektForm-, ▶ Nr. 6.2/5).

6.2/31 Einwertige Verbeneinwertiges VerbVerbeinwertiges

Verben, die im Satz eine einzige ErgänzungErgänzung fordern.

Beispiele für ErgänzungErgänzungstypen:

 SubjektSubjektPeter schläft.

 DativobjektDativobjektObjektDativ-Mir graust.

 AkkusativobjektAkkusativobjektObjektAkkusativ-Mich friert.Es friert mich.Es gibt Wiener Schnitzel.

 PräpositionalobjektPräpositionalobjektObjektPräpositional-Es handelt sich um einen Roman.

 InfinitivkomplementInfinitivkomplementKomplementInfinitiv-Es gilt, Ruhe und Ordnung zu bewahren.

6.2/32 Zweiwertige Verbenzweiwertiges VerbVerbzweiwertiges

Verben, die im Satz zwei ErgänzungErgänzungen fordern.

Beispiele für Ergänzungstypen:

 SubjektSubjekt + AkkusativobjektAkkusativobjektDer Gärtner schneidet die Rosen.Ich hörte ihn sich bewegen.

 GenitivobjektGenitivobjektObjektGenitiv- + PräpositionalobjektPräpositionalobjektBesonderer Sachkunde bedarf es dazu nicht.

 DativobjektDativobjekt + PräpositionalobjektPräpositionalobjektMir graut vor dir.

 SubjektSubjekt + UmstandsbestimmungUmstandsbestimmungBestimmungUmstands-Er hält sich dort auf.Die Sitzung dauerte drei Stunden.

 SubjektSubjekt + InfinitivkomplementInfinitivkomplementKomplementInfinitiv-Er hat einen Koffer in Berlin stehen.

6.2/33 Dreiwertige Verbendreiwertiges VerbVerbdreiwertiges

Verben, die im Satz drei ErgänzungErgänzungen fordern.

Beispiele für Ergänzungstypen:

 SubjektSubjekt + AkkusativobjektAkkusativobjekt + AkkusativobjektEr lehrte mich Mathematik.

 Subjekt + Akkusativobjekt + DativobjektDativobjektSie überreichte es ihm.

 Subjekt + Akkusativobjekt + GenitivobjektGenitivobjektMan klagt ihn des Straßenraubs an.vierwertiges VerbVerbvierwertiges

6.2/34 Vierwertige Verben

Verben, die im Satz vier ErgänzungErgänzungen fordern.

Beispiele für Ergänzungstypen:

 SubjektSubjekt + DativobjektDativobjekt + AkkusativobjektAkkusativobjekt + PräpositionalobjektPräpositionalobjektMan bot ihr einen hohen Preis für das Auto.

 Subjekt + Dativobjekt + Akkusativobjekt + UmstandsbestimmungUmstandsbestimmungEr warf mir den Ball an den Kopf.

2. Subklassen nach anderen Kriterien:

6.2/35 Passivfähige Verbpassivfähig (Verb)Verbpassivfähigesen

Verben, die PassivPassivformen annehmen und in PassivsätzPassivsatzSatzPassiv-en vorkommen können.

Es wird zwischen zwei Passivarten unterschieden:

 persönliches Passivpersönliches PassivPassivpersönliches, bei dem das SubjektSubjekt des Passivsatzes dem AkkusativobjektAkkusativobjekt des zugrundeliegenden AktivsatzAktivsatzSatzAktiv-es entspricht:Der Dieb wird von ihm verhaftet : Er verhaftet den Dieb

 unpersönliches Passivunpersönliches PassivPassivunpersönliches, das subjektlos ist:Hier wird getanzt.Es wird nicht geraucht.Mir wird von ihm geholfen.transitives VerbVerbtransitives

6.2/36 Transitive Verben

Verben, die (im AktivAktiv) ein AkkusativobjektAkkusativobjekt (womöglich auch weitere ObjektObjekte) fordern und im persönlichen Passivpersönliches Passiv stehen können.intransitives VerbVerbintransitives

6.2/37 Intransitive Verben

Verben, die nicht im persönliches Passivpersönlichen Passiv stehen können.

Intransitiv sind zum einen alle Verben, die (im AktivAktiv) kein AkkusativobjektAkkusativobjekt regieren. Zum anderen sind aber auch viele Verben mit Akkusativobjekt (im Aktiv) intransitiv, insofern sie keine Passivbildung erlauben:

Sie hat einen guten Mann – *Ein guter Mann wird von ihr gehabt

Du bekommst Rosen – *Rosen werden von dir bekommen

Solche Verben können als pseudotransitivpseudotransitivVerbpseudotransitives bezeichnet werden; sie werden auch MittelverbMittelverbVerbMittel-en oder mediales VerbVerbmedialesmediale Verben genannt. – Nochmals anders liegen die Verhältnisse in Sätzen wie

Er wiegt einen Zentner.

Das kostet einen Dollar.

Die Substantivphrasen im Akkusativ sind keine AkkusativobjektAkkusativobjektObjektAkkusativ-e (sie sind nicht durch Wen …? oder Was …? erfragbar, sie sind nicht anaphorisierbarAnaphorisierbarkeit: *Das kostet ihn), sondern MaßbestimmungMaßbestimmungBestimmungMaß-en (Wie viel …? – ▶ Nr. 7.2/14).

6.2/38 InfinitivverbInfinitivverbVerbInfinitiv-en

Verben, die mit einem Infinitiv-TeilsatzInfinitiv-TeilsatzTeilsatzInfinitiv--SatzTeil- (▶ Nr. 7.1/20) als ErgänzungErgänzung verbunden werden können. Der Infinitiv-Teilsatz fungiert als InfinitivkomplementInfinitivkomplementKomplementInfinitiv- (▶ Nr. 7.2/15).

Jetzt gilt es, Ruhe und Ordnung zu bewahren.

Ich gehe schlafen.

Ich habe in Berlin noch einen Koffer stehen.

6.3 SubstantivSubstantivBedeutungsklassenSubstantiv

Substantive sind Deklinationdeklinierbare Wörter, die Gegenständliches oder Nichtgegenständliches bezeichnen, Gegenständliches wie zum Beispiel Stein (KonkretumKonkretumSubstantivKonkretum), Nichtgegenständliches wie zum Beispiel Erziehung (AbstraktumAbstraktumSubstantivAbstraktum). Konkreta werden als GattungsnominaGattungsnomenSubstantivGattungsnomen = Appellativa/AppellativeAppellativ/AppellativumSubstantivAppellativ/Appellativum oder als EigennamenEigennameNameEigen-SubstantivEigennameNomen propriumSubstantivNomen proprium = Nomina propria gebraucht, als Gattungsnomina wie zum Beispiel Mensch, Pferd, als Eigennamen wie zum Beispiel Sokrates.

Spezielle Subklassen der Gattungsnomina = der Appellativa/Appellative sind u. a.:

 IndividuativaIndividuativumSubstantivIndividuativum = zählbare Substantivezählbares SubstantivSubstantivzählbaresStein, Mensch, Pferd

 StoffnominaStoffnomenSubstantivStoffnomenKontinuativumSubstantivKontinuativum = Kontinuativa = nichtzählbare Substantivenichtzählbares SubstantivSubstantivnichtzählbaresWasser, Leder, Perlon, Gold, Schnee, Wolle

 SammelnominaSammelnomenSubstantivSammelnomenKollektivumSubstantivKollektivum = KollektivaHerde, Familie, Vieh, Volk, Studentenschaft, Publikum, Gruppe

das Substantiv, des Substantivs, die Substantive (Betonung auf Sub-)

das Konkretum, des Konkretums, die Konkreta (Betonung auf -kre-)

das Abstraktum, des Abstraktums, die Abstrakta (Betonung auf -strak-)

das Appellativum od. Appellativ, des Appellativums od. Appellativs, die Appellativa od. Appellative (Betonung auf -ti- bzw. -tiv)

das Nomen proprium, des Nomen proprium, die Nomina propria (Betonung auf No- und pro-)

das Individuativum, des Individuativums, die Individuativa (Betonung auf -ti-)

das Kollektivum, des Kollektivums, die Kollektiva (Betonung auf -ti-)

das Kontinuativum, des Kontinuativums, die Kontinuativa (Betonung auf -ti-)

Neben den Substantiven, die »von Haus aus« dieser Wortart angehören (primäre Substantive, z. B. Stein, Mensch, Pferdprimäres SubstantivSubstantivprimäres), gibt es zahlreiche SubstantivierungSubstantivierungen von Wörtern anderer Wortart, die entweder dauerhaft Substantive sind (z. B. Erziehung, Liebe, Treue, Blau: sekundäre Substantivesekundäres SubstantivSubstantivsekundäres) oder aber im Satz bloß die Position eines Substantivs einnehmen, ohne die Eigenschaften dieser Wortart in ihrer Gesamtheit anzunehmen (z. B. PartizipPartizipien und InfinitivInfinitive des VerbVerbs, AdjektivAdjektive):

Fahren ohne Helm, die ihn Begleitenden, das gerade Geflüsterte, das Dunkellila ihres Pullovers

Man könnte Letztere als okkasionelle SubstantiveokkasionellSubstantivSubstantivokkasionelles bezeichnen und von VerbVerb-SubstantivSubstantivVerb---Substantiven (substantivierten Infinitivensubstantivierter InfinitivInfinitivsubstantivierter- = Substantiv-InfinitivenSubstantiv-InfinitivInfinitivSubstantiv-- bzw. substantivierten Partizipiensubstantiviertes PartizipPartizipsubstantiviertes = Substantiv-PartizipienSubstantiv-PartizipPartizipSubstantiv--) und Adjektiv-SubstantivAdjektiv-SubstantivSubstantivAdjektiv--en sprechen.

SubstantiveNomenSubstantiv bilden eine Untergruppe der NomenNomina. Zur Klasse der Nomina gehören außerdem die Wortarten ArtikelArtikelNomenArtikel, PronomenPronomenNomenPronomen, AdjektivAdjektivNomenAdjektiv sowie PartizipPartizipien des VerbVerbNomenPartizips in substantivischem oder adjektivischem Gebrauch (z. B. substantivisch: (der) Auszubild-end-e, (die) Ge-lieb-t-e; adjektivisch: (der) sing-end-e (Vagabund), (die) verehr-t-e (Kollegin)). – Mitunter wird die Bezeichnung »Nomen« im engeren Sinn gebraucht und meint dann nur »Substantiv«.

das Nomen, des Nomens, die Nomina od. NomenNomen (Betonung auf No-)

WortformenSubstantivWortformen WortformenSubstantiv

Die FlexionFlexion aller NomenNomina = ihre DeklinationDeklination wird von den drei Kategorien GenusGenus, NumerusNumerus und Kasus1 bestimmt (▶ Nr. 6.1/10):

Übersicht 8 – Nominale KategorienGenusNumerusSingularPluralNominativKasusGenitivDativAkkusativ


6.3/1 GenusGenusSubstantivGenus

Nominale grammatische Kategoriegrammatische KategorieKategoriegrammatische mit den Werten MaskulinumMaskulinumGenusMaskulinum, FemininumFemininumGenusFemininum, NeutrumNeutrumGenusNeutrum.

Genus ist eine dem Substantiv inhärenteinhärente KategorieKategorieinhärente = dem LexemLexem mitgegebene Kategorie. Lediglich Pluraliatantum = nur im Plural vorkommende Substantive wie Ferien, Eltern usw. (▶ Nr. 6.3/6) sind genuslos. Bei allen Substantiven (und ebenso bei den übrigen nominalen Wortarten) spielt in pluralischer Verwendung die Kategorie Genus keine grammatische Rolle.PluraletantumSubstantivPluraletantum

Das Genus von Substantiven wird nur bei einigen Wörtern am Substantiv selbst markiert (z. B. -in für Feminina wie Feministin usw.). SchulgrammatischSchulgrammatik wird es festgestellt, indem dem Substantiv der bestimmte ArtikelArtikelbestimmter (im Nominativ Singular) vorangestellt wird: der (Stein): Maskulinum, die (Erziehung): Femininum, das (Schwert): Neutrum.

das Genus, des Genus, die Genera (Betonung auf Ge-)

das Maskulinum, des Maskulinums, die Maskulina (Betonung auf Mas-)

das Femininum, des Femininums, die Feminina (Betonung auf Fe-)

das Neutrum, des Neutrums, die Neutra (Betonung auf Neu-)

Wagen ist ein Maskulinum, Tasse ist ein Femininum, Gras ist ein Neutrum; Wagen und Wald sind Maskulina, Tasse und Kasse sind Feminina, Gras und Glas sind Neutra; Wagen ist ein maskulines Substantiv, Tasse ist ein feminines Substantiv, Gras ist ein neutrales Substantiv

Abk.: Mask./mask./m., Fem./fem./f., Neutr./neutr./n.

6.3/2 NumerusNumerusSubstantivNumerus

Nominale (und verbale) grammatische Kategoriegrammatische KategorieKategoriegrammatische mit den Werten SingularSingular, PluralPlural.

Der jeweilige Wert der Kategorie Numerus des Substantivs im Satz ist frei wählbar; lediglich SingularetantumSubstantivSingularetantumSingulariatantum und PluraletantumPluraliatantum (▶ Nr. 6.3/5 und Nr. 6.3/6) sind auf den Wert Singular bzw. Plural festgelegt.

der NumerusNumerus, des NumerusNumerus, die Numeri (Betonung auf Nu-)

der SingularSingular, des Singulars, die Singulare (Betonung auf Sing-)

der PluralPlural, des Plurals, die Plurale (Betonung auf Plu-)

Baum ist ein SingularSingular = ein Substantiv im SingularSingular = ein singularisches Substantiv; Bäume ist ein PluralPlural = ein SubstantivSubstantiv im PluralPlural = ein pluralisches SubstantivSubstantiv; Baum und Traum sind Singulare, Bäume und Träume sind Plurale

Abk.: Sg./Sing., Pl./Plur.

6.3/3 KasusKasusSubstantivKasus

Nominale grammatische Kategoriegrammatische KategorieKategoriegrammatische mit den Werten NominativNominativ, GenitivGenitiv, DativDativ, AkkusativAkkusativ.

Der jeweilige Wert der Kategorie Kasus des Substantivs wird im Satz festgelegt. Der Kasus wird am Substantiv nicht immer und nicht immer eindeutig markiert. SchulgrammatischSchulgrammatik wird er durch den Fragetest = durch BestimmungsfrageBestimmungsfrageFrageBestimmungs-n festgestellt: wer oder was?: Nominativ, wessen?: Genitiv, wem?: Dativ, wen oder was?: Akkusativ.

Der Kasus Nominativ wird auch Casus rectusCasus rectus, die Kasus Genitiv, Dativ und Akkusativ werden auch Casus obliquiCasus obliquus = oblique Kasusobliquer Kasus genannt.

der Kasus, des Kasus, die Kasus (Plural mit langem [u<] – Betonung jeweils auf Ka-)

der Nominativ, des Nominativs, die Nominative (Betonung auf No-)

der Genitiv, des Genitivs, die Genitive (Betonung auf Ge-) (statt ‘Genitiv’ ist auch ‘Genetiv’ in Gebrauch)

der Dativ, des Dativs, die Dative (Betonung auf Da-)

der Akkusativ, des Akkusativs, die Akkusative (Betonung auf Akk-)

der Casus rectus, des Casus rectus, die Casus recti

der Casus obliquus, des Casus obliquus, die Casus obliqui (Betonung auf -li-)

der oblique Kasus, des obliquen Kasus, die obliquen Kasus (Betonung auf -li-, Aussprache von -que-: [kv«])

Beamter steht im NominativNominativ; Baumes ist ein GenitivGenitiv = ein SubstantivSubstantiv im GenitivGenitiv; Baumes ist ein MaskulinumMaskulinum im GenitivGenitiv SingularSingular

Abk.: Nom., Gen., Dat., Akk.

6.3/4 Substantivische Deklinationsklassesubstantivische DeklinationsklasseSubstantivDeklinationsklasse

Grammatische Kategoriegrammatische Kategorie des Substantivs mit den Werten Klasse 1, Klasse 2 … Klasse 11.

Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten DeklinationsklasseDeklinationSubstantiv ist (wie die Zugehörigkeit eines VerbVerbs zu einer bestimmten KonjugationsklasseKonjugationsklasseVerbKonjugationsklasse [▶ Nr. 6.2/16], und anders als im Fall des adjektivische DeklinationsklasseAdjektivDeklinationsklasseadjektivischen attributivattributive VerwendungAdjektivattributive VerwendungVerwendungattributiveen Deklinationstyps [▶ Nr. 6.6/1]) eine inhärente Eigenschaftinhärente EigenschaftEigenschaftinhärente eines Substantivs.

Wir unterscheiden elf Haupt-Deklinationstypen, die sich nach Maßgabe der Bildung des GenitivGenitivs SingularSingular und der Bildung des NominativNominativs PluralPlural (bei Typ 11 nach zusätzlichen Kriterien) ergeben (sogenannte FremdwörterFremdwort wie Atlas, Kaktus, Formalismus usw. bleiben unberücksichtigt).

Bei der Bildung der Gen.-Sing.-Formen sind drei Typen2 zu unterscheiden:

 S-SingularS-Singular (EndungEndungSubstantiv -s bzw. -es)Muster: Muster-s, Jahr: Jahr-es

 Null-SingularNull-Singular (Endung -∅ = endungslosendungslosSubstantiv)Kraft: Kraft-∅

 N-SingularN-Singular (Endung -n bzw. -en)Hirte/Rabe: Hirte-n/Rabe-n, Mensch: Mensch-en

Die Bildung der Nom.-Pl.-Formen lässt sich in fünf Typen3 einteilen, von denen drei jeweils zwei Untertypen (ohne oder mit4 UmlautUmlaut des StammvokalsStammvokalVokalStamm-) bilden:

 R-PluralR-PluralSubstantivR-Plural (Endung -er, ohne oder mit Umlaut des Stammvokals)Kind: Kind-er, Umlaut bei umlautfähigem Stammvokal obligatorisch: Gut: Güt-er

 Null-PluralNull-PluralSubstantivNull-Plural (Endung -∅ = endungslosendungslosSubstantiv, ohne oder mit Umlaut des Stammvokals)Lehrer: Lehrer-∅, Umlaut bei umlautfähigem Stammvokal fakultativ:Muster: Muster-∅ – Mutter: Mütter-∅ – Bogen: Bögen-∅

 S-PluralS-PluralSubstantivS-Plural (Endung -s, immer ohne Umlaut)Uhu: Uhu-s

 E-PluralE-PluralSubstantivE-Plural (Endung -e, ohne oder mit Umlaut des Stammvokals)Wind: Wind-e, Umlaut bei umlautfähigem Stammvokal fakultativ:Tag: Tag-e – Schlag: Schläg-e, Hut: Hüt-e

 N-PluralN-PluralSubstantivN-Plural (Endung -n bzw. -en, immer ohne Umlaut)Rabe: Rabe-n, Schwester: Schwester-n, Mensch: Mensch-en, Frau: Frau-en

Es ist ausreichend, die Endungen der genannten LeitformenLeitformFormLeit- = KennformenKennformFormKenn- GenitivGenitiv SingularSingular und NominativNominativ PluralPlural heranzuziehen, da sie eindeutig für die Endungen aller Singular- bzw. Pluralformen stehen, wie aus ▶ Tabelle 14 hervorgeht:


Tabelle 14: Endungen von Substantiven nach Deklinationsklassen Singular Plural Nominativ Genitiv Dativ Akkusativ Umlaut

Einige Substantive lassen sich nicht in diese Typen einordnen, z. B. Herz und Fels mit den Genitiv-Singular-Formen Herz-ens bzw. Fels-ens oder Bau mit der Pluralform Bau-t-en. Es handelt sich um unregelmäßige Substantiveunregelmäßiges SubstantivSubstantivunregelmäßiges. Unregelmäßig sind in dieser Hinsicht auch viele Substantive aus fremden Sprachen (»FremdwörterFremdwort«), z. B. Kaktus – Kakteen (neben Kaktuss-e), Prinzip – Prinzipien, Komma – Kommata (neben Komma-s), ÈDoktor – Dok Ètor-en (mit AkzentwechselAkzentwechsel von der ersten auf die zweite Silbe).

Nach den Kombinationsmöglichkeiten von Genitiv-Singular-Typ und Nominativ-Plural-Typ ergeben sich zehn Deklinationsklassen, von denen vier jeweils zwei Unterklassen (ohne oder mit Umlaut des Stammvokals im Plural) bilden (▶ Tabelle 15).

Zu Typ 11 gehören (sekundäre) SubstantiveSubstantivsekundäres wie Beamter, Geistlicher, deren Deklination sich nach den attributiven Deklinationstypen des AdjektivsDeklinationAdjektiv richtet (▶ Nr. 6.6/1); je nach der Art des ArtikelsArtikel, mit dem sie verbunden sind, werden sie schwachschwachAdjektivAdjektivschwach dekliniertes (der Beamt-e, die Beamt-en), gemischt (ein Beamt-erAdjektivgemischte Deklination) oder stark Adjektivstark dekliniertes(Beamt-e) dekliniert. Zu diesem Typ gehören insbesondere Partizipien IPartizip I (z. B. Lehrend-er, Reisend-er, Überlebend-er, Spätgebärend-e/spät Gebärend-e) und Partizipien IIPartizip II (z. B. Gelehrt-er, Geliebt-er, Gefangen-er, Hinterblieben-er) = Substantiv-PartizipienSubstantiv-PartizipPartizipSubstantiv--.

Manche Substantive gibt es nur im SingularSingular bzw. PluralPlural:

6.3/5 SingularetantumSingularetantumSubstantivSingularetantum

SubstantivSubstantiv, das nur singularische WortformWortformen bilden kann.

Hierher gehören in erster Linie StoffnominaStoffnomenSubstantivStoffnomenKontinuativumSubstantivKontinuativum = Kontinuativa (Blut, Schnee, Gold, Plastik …) und bestimmte AbstraktumSubstantivAbstraktumAbstrakta (Mut, Treue, Furcht …).

das SingularetantumSingularetantum, des Singularetantums, die SingularetantumSingulariatantum od. SingularetantumSingularetantums (Betonung auf -tan-) – tantum: lat. ‘nur’

6.3/6 PluraletantumPluraletantumSubstantivPluraletantum

SubstantivSubstantiv, das nur pluralische WortformWortformen bilden kann: Großeltern, Masern, Memoiren, Ferien, Leute …

das PluraletantumPluraletantum, des PluraletantumPluraletantums, die Pluraliatantum od. PluraletantumPluraletantums (Betonung auf -tan-)

Singulariatantum lassen sich wegen des Fehlens der Pluralform nicht in eine der oben genannten Deklinationsklassen, sondern lediglich in den betreffenden Genitiv-Singular-Untertyp einordnen. Pluraliatantum lassen sich streng genommen nicht einmal einem Nominativ-Plural-Typ zuordnen, da ja der Singularstamm nicht ermittelbar ist.


Tabelle 15: Substantivische Deklinationsklassen substantivische Deklinationsklasse DeklinationSubstantiv SubstantivDeklinationsklasse 5

6.4 ArtikelArtikel

Artikel sind Wörter, die als BegleiterBegleiter des SubstantivSubstantivs stehen und zusammen mit ihm eine SubstantivphrasePhraseSubstantiv-Substantivphrase bilden können (▶ Nr. 7.1/9). Sie werden dekliniertDeklinationArtikel und stimmen mit dem Substantiv in GenusGenus, NumerusNumerus und KasusKasus überein (KongruenzKongruenz).

der Artikel, des Artikels, die Artikel

FunktionsklassenFunktionsklassenArtikel ArtikelFunktionsklassen

6.4/1 Bestimmter ArtikelArtikelbestimmterbestimmter Artikel

Die Wörter der/die/das (und ihre weiteren Flexionsformen: des, dem, den, der) als Begleiter von Substantiven im Singular oder Plural.

6.4/2 Unbestimmter ArtikelArtikelunbestimmterunbestimmter Artikel

Die Wörter ein/eine/ein (und ihre weiteren Flexionsformen: eines, einem usw.) als BegleiterBegleiter von Substantiven im Singular.


Das ist der gute Wein (den wir damals probiert haben).
Das ist ein guter Wein.

Der Artikel kann auch ganz fehlen:


Das ist ∅ guter Wein.

(mit »∅« [Null] wird die Stelle gekennzeichnet, an der ein Artikel stehen könnte)

Man spricht in diesem Fall von ArtikellosigkeitArtikellosigkeit oder bezeichnet den fehlenden Artikel als NullartikelArtikelNull-Nullartikel.

PronominalartikelArtikelPronominal-Pronominalartikel (Artikel, denen gleichlautende = homonymhomonym/Homonyme PronominaPronomen zur Seite stehen):

6.4/3 DemonstrativartikelArtikelDemonstrativ-Demonstrativartikel

Artikel, mit denen auf die im Bezugssubstantiv genannte Größe identifizierend hingewiesen wird.

Die beiden wichtigsten DemonstrativartikelDemonstrativartikel sind dieser/diese/dieses und jener/jene/jenes (und jeweils ihre weiteren Flexionsformen); daneben auch der/die/das (in nichtdemonstrativer Verwendung: bestimmter ArtikelArtikelbestimmterbestimmter Artikel).

an diesem Tag, an jenem Tag, an dem Tag

6.4/4 DeterminativartikelArtikelDeterminativ-Determinativartikel

Artikel mit auswählender, begrenzender Funktion: derjenige/diejenige/dasjenige, derselbe/dieselbe/dasselbe, ebender/ebendie/ebendas und jeweils ihre weiteren Flexionsformen.

an demjenigen Tag, an ebendem Tag, an demselben Tag

6.4/5 PossessivartikelArtikelPossessiv-Possessivartikel

Artikel, mit denen eine Zugehörigkeit, Zuordnung, Verbundenheit, Zusammengehörigkeit oder ein Besitzverhältnis zum Ausdruck gebracht wird.

PossessivartikelPossessivartikel sind: mein, dein, sein, ihr, sein, unser, euer, ihr (Ihr), jeweils mit ihren weiteren Flexionsformen. Im Stamm sind die grammatischen Kategorien PersonPerson, NumerusNumerus (und GenusGenus bei den Possessivartikeln der 3. Person SingularSingular) bestimmend; sie beziehen sich auf den »Besitzer«:

mein-en Bruder, dein-en Bruder, sein-en Bruder …

In den Endungen sind die grammatischen Kategorien GenusGenus, NumerusNumerus und KasusKasus bestimmend; sie richten sich nach den grammatischen Kategorien des Bezugssubstantivs (KongruenzKongruenz), das den »Besitz« nennt:

dein-en Bruder, dein-e Schwester, dein-∅ Kind

Die genitivGenitivischen Possessivartikel dessen, deren haben demonstrativen Charakter. Sie sind nicht deklinierbar. Dessen verweist auf ein »Besitzer«-Substantiv im MaskulinumMaskulinum oder NeutrumNeutrum SingularSingular, deren auf ein solches im FemininumFemininum Singular oder im PluralPlural.

Peter hat eine Schwester. – Ich kenne dessen Schwester nicht.

Petra hat eine Schwester. – Ich kenne deren Schwester nicht.

Die Zwillinge haben eine Schwester. – Ich kenne deren Schwester nicht.

6.4/6 Quantifizierende ArtikelArtikelquantifizierenderquantifizierender Artikel

Artikel, mit denen eine vom Substantiv bezeichnete Menge hinsichtlich ihrer Größe charakterisiert wird: all-, jed-, viel, der/die/das meist-, mehrer-, manch-, einig- und jeweils ihre weiteren Flexionsformen, etwas, ein bisschen, ein wenig, ein paar usw.

Alle/Viele/Die meisten/Mehrere/Manche/Ein paar/Einige Plätze sind besetzt.

Ich brauche etwas/ein bisschen/ein wenig Zucker.

Er hat manches Richtige/manch Richtiges gesagt.

6.4/7 IndefinitartikelArtikelIndefinit-Indefinitartikel

Der Artikel irgendein- und seine weiteren Flexionsformen.

Irgendein Geistlicher hat ihn begleitet.

6.4/8 NegationsartikelArtikelNegations-Negationsartikel

Der Artikel kein- und seine weiteren Flexionsformen.

Kein Geistlicher hat ihn begleitet.

Ich habe auch keine Lust mehr.

6.4/9 FrageartikelArtikelFrage-Frageartikel = InterrogativartikelArtikelInterrogativ-Interrogativartikel

Artikel, die in Verbindung mit ihrem BezugssubstantivSubstantiv ErgänzungsfragesätzeFragesatzErgänzungs-Ergänzungsfragesatz (▶ Nr. 7.4/5) und indirekte FragesätzeFragesatzindirekter-Fragesatzindirekter Fragesatz (▶ Nr. 7.6/8) einleiten: welch-, welch ein- und was für ein- und jeweils ihre weiteren Flexionsformen, wessen.

Welche Schauspielerin kriegt dieses Jahr den Oskar?

Welch ein Wetter magst du am liebsten?

Was für einen Stoff wünschen Sie?

Wessen Buch ist das?

Ich frage mich, wessen Buch das ist.

FrageartikelFrageartikel bilden zusammen mit den FragepronominaPronomenFrage-Fragepronomen (wer, was, ▶ Nr. 6.5/11), den RelativpronominaPronomenRelativ-Relativpronomen (welch-, wer, was, ▶ Nr. 6.5/12), den FrageadverbAdverbFrage-Frageadverbien (wo, wann …, ▶ Nr. 6.7/17) und den RelativadverbAdverbRelativ-Relativadverbien (wo, wie …, ▶ Nr. 6.7/18) die Gruppe der W-WörterWortW--W-Wort.

6.4/10 RelativartikelArtikelRelativ-Relativartikel

Die Artikel dessen/deren, die in Verbindung mit ihrem Bezugssubstantiv einen RelativsatzRelativsatz (▶ Nr. 7.6/10) einleiten.

Die Kollegin, deren Buch du rezensiert hast, ist sauer auf dich.

In vielen Grammatiken werden die PronominalartikelArtikelPronominal-Pronominalartikel als PronomenPronomina betrachtet und nur der bestimmter ArtikelbestimmteArtikelbestimmter und der unbestimmteArtikelunbestimmter Artikelunbestimmter Artikel (manchmal auch der NullartikelArtikelNull-Nullartikel) als Artikel gewertet. Die hier vorgenommene Zuordnung beruht auf dem gleichartigen Verhalten der »eigentlichen« Artikel und der Pronominalartikel: Sie stehen in derselben Position und können nur in bestimmten Fällen miteinander kombiniert werden:

das Land, dieses Land, unser Land –

*das dieses Land, *das unser Land – dieses unser Land

6.5 PronomenPronomen

Pronomina sind Wörter, die an der Stelle oder anstelle von SubstantivSubstantiven (genauer gesagt: von SubstantivphrasenPhraseSubstantiv-Substantivphrase, ▶ Nr. 7.1/9) gebraucht werden können.

das Pronomen, des Pronomens, die Pronomina od. Pronomen (Betonung auf -no-)

FunktionsklassenFunktionsklassenPronomen PronomenFunktionsklassen

6.5/1 PersonalpronominaPronomenPersonal-Personalpronomen

Die Pronomina ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie (Sie) und jeweils ihre weiteren Flexionsformen.

Alle PersonalpronominaPersonalpronomen haben die grammatischen Kategorien PersonPerson und NumerusNumerus. Personalpronomina der 1.PersonPersonersteerste PersonPerson sind ich und wir, der 2.PersonPersonzweitezweite Person du und ihr, der 3.PersonPersondrittedritte Person er, sie, es und sie sowie Sie; den NumerusNumerus SingularSingular haben ich, du, er, sie und es, den Numerus PluralPlural haben wir, ihr und sie sowie Sie. Ebenso haben alle Personalpronomina die grammatische Kategorie KasusKasus (am Beispiel des Personalpronomens der 2.Person Singular: NominativNominativ: du, GenitivGenitiv: dein(er), DativDativ: dir, AkkusativAkkusativ: dich). Die grammatische Kategorie GenusGenus kommt nur den Personalpronomina der 3.Person Singular (er, sie, es) zu, die deshalb genushaltigePronomengenushaltiges Personal-Personalpronomengenushaltigesgenushaltiges Personalpronomengeschlechtiges PersonalpronomenPersonalpronomengeschlechtiges = geschlechtige Personalpronomina heißen. Die übrigen Personalpronomina sind dementsprechend genuslosegenusloses PersonalpronomenPronomengenusloses Personal-Personalpronomengenuslosesungeschlechtiges Personalpronomen = ungeschlechtige PersonalpronominaPronomenungeschlechtiges Personal-Personalpronomenungeschlechtiges.

6.5/2 ReflexivpronominaPronomenReflexiv-Reflexivpronomen

Das Pronomen sich der 3.PersonPersondrittedritte Person und die Formen mir, mich; dir, dich; uns; euch der PersonalpronominaPronomenPersonal-PronomenPersonal-PersonalpronomenPersonalpronomen der 1.Personersteerste Person und 2.PersonPersonzweitezweite Person, die im Satz mit demselben Bezug wie die SubjektSubjektgröße gebraucht werden können oder als PrädikatserweiterungErweiterungPrädikats-enPrädikatserweiterung dienen.

Reflexivpronomina gibt es nur in den KasusKasus DativDativ und AkkusativAkkusativ. Bei den Pronomina der 3.PersonPerson existieren eigene Formen (sich), während bei der 1. und 2.Person die Dativ- und Akkusativformen der PersonalpronomPersonalpronomenina verwendet werden.

Er wäscht sich (reflexiv) – Er wäscht ihn (nichtreflexiv)

Die Frau/Sie wäscht sich (reflexiv) – Die Frau/Sie wäscht sie (nichtreflexiv)

Die Frauen/Sie waschen sich (reflexiv) – Die Frauen/Sie waschen sie (nichtreflexiv)

Ich wasche mich (reflexiv) – Du wäschst mich (nichtreflexiv)

Ich schäme mich (echt reflexivecht reflexives VerbVerbecht reflexives, mich: Erweiterung, ▶ Nr. 6.2/6)

6.5/3 ReziprokpronomenPronomenReziprok-Reziprokpronomen

Das Pronomen einander.

Statt einander können häufig auch ReflexivpronomenReflexivpronominaPronomenReflexiv- allein oder in Kombination mit dem Adjektiv gegenseitig verwendet werden.

Sie küssten einander /sich /sich gegenseitig .

Sie sorgen für sich (reflexiv oder reziprok) – Sie sorgen füreinander .

6.5/4 DemonstrativpronominaPronomenDemonstrativ-Demonstrativpronomen

Pronomina mit denen auf eine außersprachliche oder sprachliche Größe identifizierend hingewiesen wird: dieser/diese/dieses, jener/jene/jenes (und jeweils ihre weiteren Flexionsformen), der/die/das und ihre übrigen Flexionsformen.

Von den zum Teil gleichlautenden = homonymhomonym/Homonymen ArtikelArtikeln unterscheiden sich die DemonstrativpronominaDemonstrativpronomen der/die/das im GenitivGenitiv SingularSingular MaskulinumMaskulinum und NeutrumNeutrum: dessen, im Genitiv Singular FemininumFemininum und im Genitiv PluralPlural: derer, im DativDativ Plural: denen.

Ich erinnere mich dessen/derer.

Denen glaube ich kein Wort.

Ich kann dies/dieses nicht einsehen.

Das habe ich nicht gewollt.

6.5/5 DeterminativpronominPronomenDeterminativ-Determinativpronomena

Pronomina mit auswählender, begrenzender Funktion: derjenige/diejenige/dasjenige, der/die/das, ebender/ebendie/ebendas, derselbe/dieselbe/dasselbe und jeweils ihre weiteren Flexionsformen, selbst, selber.

Derjenige, der diejenige, die dasjenige malt, sieht, schweigt.

Das ist das Problem dessen/derer, der/die sich darauf eingelassen hat/haben.

Ich selber kann und mag nicht ruhn.

6.5/6 PossessivpronominaPronomenPossessiv-Possessivpronomen

Pronomina, mit denen eine Zugehörigkeit, Zuordnung, Verbundenheit, Zusammengehörigkeit oder ein Besitzverhältnis zum Ausdruck gebracht werden: mein-, dein-, sein-, ihr-, unser-, eu(e)r-, ihr- (Ihr-) und jeweils ihre weiteren Flexionsformen.

Das ist dein /dein(e)s (im Sinne von ‘Das gehört dir’).

6.5/7 Quantifizierende PronominaPronomenquantifizierendesquantifizierendes Pronomen

Pronomina, mit denen eine Menge hinsichtlich ihrer Größe charakterisiert wird: all-, jed-, viel-, das/die meist-, mehrer‑, manch-, einig-, ein- und jeweils ihre weiteren Flexionsformen, etwas, ein bisschen, ein wenig, ein paar usw.

Er hat alles vergessen.

Sie hat jeden angesprochen.

Er hat ein bisschen/etwas getrunken.

6.5/8 IndefinitpronominaPronomenIndefinit-Indefinitpronomen

Pronomina, die Größen (Personen oder Sachen) in allgemeiner, unbestimmter Weise bezeichnen: man, jemand, einer/eine/eines, etwas, der eine … der andere, unsereiner/ unsereins, jedermann jeweils mit ihren weiteren Flexionsformen.

Man muss ja Angst haben, dass einem (DativDativ zu man) die Decke auf den Kopf fällt.

Da ist jemand /einer vor der Tür.

Da liegt etwas vor der Tür.

Der eine sieht’s so, der andere so.

Unsereiner /Unsereins kann dagegen gar nichts machen.

Das kann unsereinem doch egal sein.

6.5/9 EllipsenpronominaPronomenEllipsen-Ellipsenpronomen

Pronomina, die für ein elliptisch ausfallendes SubstantivSubstantiv als Kern einer SubstantivphrasePhraseSubstantiv-Substantivphrase bzw. eine elliptisch ausfallende ganze Substantivphrase stehen: einer/eine/ein(e)s, welch-, (ein/eine/ein) solch-, so einer/eine/ein(e)s jeweils mit ihren weiteren Flexionsformen.

Sie fährt ein französisches Auto, und er fährt auch ein(e)s.

Sie fährt ein französisches Auto, und er fährt auch so ein(e)s.

Er besitzt tausend CDs, und ich habe auch welche.

Früchte des Apfelbaums heißen Äpfel, solche des Birnbaums Birnen.

Zur EllipseEllipse ▶ Nr. 7.6/17.

6.5/10 NegationspronominaPronomenNegations-Negationspronomen

Pronomina, die Größen als nicht existent, nicht vorhanden charakterisieren: niemand, keiner/keine/kein(e)s, nichts jeweils mit ihren weiteren Flexionsformen.

Ich habe keinen getroffen.

Tue recht und scheue niemand.

6.5/11 FragepronominaPronomenFrage-Fragepronomen = InterrogativpronominaPronomenInterrogativ-Interrogativpronomen

Pronomina, mit denen ErgänzungsfragesätzeFragesatzErgänzungs-Ergänzungsfragesatz (▶ Nr. 7.4/5) und indirekte FragesätzeFragesatzindirekter-Fragesatzindirekter Fragesatz (▶ Nr. 7.6/8) eingeleitet werden: wer, was jeweils mit ihren weiteren Flexionsformen.

Mit wer wird nach Personen, mit was nach Sachen gefragt. Wer und was stehen außer im NominativNominativ SingularSingular im DativDativ Singular (wem, was) und im AkkusativAkkusativ Singular (wen, was); der Genitiv Singular lautet wessen.

Wer soll das bezahlen, was kostet das?

Wessen gedenken wir?

Mit wem soll ich kommen, mit was in der Tasche?

Ich weiß nicht, wen ich fragen kann.

Er hat keine Ahnung, was das kostet.

Fragepronomina gehören zu den W-WörterWortW--W-Wortn; ▶ Nr. 6.4/9.

6.5/12 RelativpronominaPronomenRelativ-Relativpronomen

Pronomina, mit denen in RelativsätzenSatzRelativ-Relativsatz (▶ Nr. 7.6/10) auf ein SubstantivSubstantiv (SubstantivphrasePhraseSubstantiv-Substantivphrase, ▶ Nr. 7.1/9) oder PronomenPronomen (PronominalphrasePhrasePronominal-Pronominalphrase, ▶ Nr. 7.1/10) im übergeordneten Satz Bezug genommen wird.

Relativpronomina sind der/die/das, welcher/welche/welches, wer, was jeweils mit ihren weiteren Flexionsformen. Grammatische Kategorien der Relativpronomina sind GenusGenus, NumerusNumerus, KasusKasus. Im Satz besteht KongruenzKongruenz (Übereinstimmung) hinsichtlich GenusGenus und NumerusNumerus mit dem BezugssubstantivSubstantivBezugs-BezugssubstantivSubstantiv bzw. BezugspronomenPronomenBezugs-BezugspronomenPronomen im übergeordneten Satz, der Kasus des Relativpronomens wird vom PrädikatVerbPrädikats-PrädikatsverbPrädikatsverb bzw. ‑adjektivAdjektivPrädikats-Prädikatsadjektiv bestimmt.

Der Mann [Maskulinum Singular (Nominativ)], den [Maskulinum Singular (Akkusativ)]wir gesehen haben, ist gestorben.

Mir, der ich stets aufrichtig war, einen solchen Vorwurf zu machen!

Alles, was wir tun können, haben wir getan.

In bestimmten Fällen kann das Bezugswort mit dem Relativpronomen verschmelzenVerschmelzungRelativpronomen; es ist dann implizit vorhanden:

Jede(r)/Der/Die, der/die das nicht kann, kriegt keinen Mann : Wer das nicht kann …

Den(jenigen)/Die(jenige), den/die er mag, unterstützt er : Wen er mag …

Das/Alles, was er hatte, gab er ihr : Was er hatte …

Das RelativpronomenRelativpronomen was kann sich auch auf vorangehende Sätze beziehen (relativischer AnschlussAnschlussrelativischerrelativischer Anschluss, ▶ Nr. 7.6/11):

Er bestand die Prüfung, was uns alle überraschte.

Die Relativpronomina welch-, wer, was gehören zu den W-WörterWortW--W-Wortn; ▶ Nr. 6.4/9.

6.6 AdjektivAdjektiv

Adjektive sind auf SubstantivSubstantive oder VerbVerben bezogene Wörter, die entweder attributivAdjektivattributive VerwendungVerwendungattributiveattributive Verwendung zwischen ArtikelArtikel und Substantiv (der schöne Tag) oder prädikativAdjektivprädikative VerwendungVerwendungprädikativeprädikative Verwendung (Der Tag ist schön) oder adverbialAdjektivadverbiale VerwendungVerwendungadverbialeadverbiale Verwendung als UmstandsbestimmungBestimmungUmstands-Umstandsbestimmung (Er singt schön) stehen können (einige Adjektive können nicht alle drei Positionen einnehmen). Sie bezeichnen in der Regel Merkmale oder Eigenschaften der vom Substantiv benannten Größe oder des vom Verb benannten Geschehens.

Neben diesen primären AdjektivAdjektivprimäresprimäres Adjektiven gibt es die PartizipPartizipattributive VerwendungPartizipien des VerbVerbs in attributiver Verwendungattributive Verwendung (der lachende Vagabund, das aufgescheuchte Wild), die mit den primären Adjektiven einige Eigenschaften teilen. Sie können als okkasionelle AdjektivAdjektivokkasionellesokkasionellAdjektive oder als Adjektiv-PartizipienPartizipAdjektiv--Adjektiv-Partizip bezeichnet werden.1 Viele formal noch als Partizipien erkennbare Wörter sind in die Wortart Adjektiv übergetreten, z. B. dringend, reizend, wütend; verrückt, betrübt. Dies ist daran zu erkennen, dass sie, anders als Adjektiv-Partizipien, steigerbar sind (z. B. reizenderer, verrückteste, aber nicht *lachenderer, *aufgescheuchteste) und prädikativ verwendet werden können: Er ist reizend – *Er ist lachend; Er ist verrückt (aber Zustandspassiv: Das Wild ist aufgescheucht). Es handelt sich um sekundäre AdjektivAdjektivsekundäressekundäres Adjektive. Anderen solchen Bildungen, z. B. bescheuert, liegt kein Verb zugrunde – ein Verb bescheuer(n) existiert nicht –, sodass sie als primäre Adjektive einzustufen sind.

6.6.1 WortformenAdjektivWortformenWortformenAdjektiv

Die meisten Adjektive weisen sowohl endungslosAdjektivendungslose WortformendungslosAdjektive Formen als auch flektierteAdjektivflektierte Wortform = deklinierteDeklinationAdjektiv RealisierungsformenRealisierungsform mit EndungEndungAdjektiven auf. Zu ihrem Gebrauch im Satz ▶ Abschnitt 6.6.2. Die grammatischen Kategorien grammatische Kategorieder deklinierten Formen (zum Beispiel der Form schön-e als AttributAttribut in der schöne Tag) sind die allgemeinen nominalen Kategorien GenusGenus, NumerusNumerus, KasusKasus (▶ Nr. 6.3/1 bis Nr. 6.3/3). Hinzu kommt die Zugehörigkeit zu einem attributiven Deklinationstyp:

6.6/1 Attributiver DeklinationstypAdjektivattributiver DeklinationstypDeklinationstypattributiverattributiver Deklinationstyp

Grammatische Kategoriegrammatische Kategorie des (attributiv gebrauchten) AdjektivsAdjektivattributive Verwendung und der (attributiv gebrauchten) PartizipPartizipattributive VerwendungPartizipien des VerbVerbs mit den Werten starkAdjektivstarkDeklinationstark: AdjektivAdjektivstarke DeklinationDeklinationschwach: AdjektivschwachAdjektiv, schwachAdjektivschwache DeklinationgemischtAdjektiv, gemischtDeklinationgemischt: AdjektivAdjektivgemischte Deklination.

Starke DeklinationDeklinationstark: AdjektivAdjektivstarke Deklination (nach NullartikelArtikelNull-Nullartikel):1


-er -e -es -e
-en -er -en -er
-em -er -em -en
-en -e -es -e

Schwache DeklinationDeklinationschwach: Adjektiv Adjektivschwache Deklination schwachAdjektiv (nach bestimmtem ArtikelArtikelbestimmter Artikel bestimmter Artikel ): 2


Singular Plural
Mask. Fem. Neutr.
Nom. -e -e -e -en
Gen. -en -en -en -en
Dat. -en -en -en -en
Akk. -en -e -e -en

Gemischte DeklinationDeklinationgemischt: Adjektiv Adjektivgemischte Deklination (nach unbestimmtem ArtikelArtikelunbestimmter unbestimmter Artikel gemischtAdjektiv ): 3


-er -e -es -en
-en -en -en -en
-en -en -en -en
-en -e -es -en

Tabelle 16: Endungen von Adjektiven nach Deklinationstypen

Die Form der Endung hängt ab

1 von GenusGenus, NumerusNumerus und KasusKasus des BezugssubstantivBezugssubstantivSubstantivBezugs-Substantivs, die auf das Adjektiv bzw. PartizipPartizip übertragen werden,

2 von der Art des vorangehenden ArtikelArtikels:Die Endung ist dem Adjektivstarke DeklinationstarkAdjektivDeklinationstark: Adjektivstarken ParadigmaParadigma zu entnehmen, wenn kein Artikel = der NullartikelArtikellosigkeitArtikelNull-Nullartikel (▶ Nr. 6.4/2) vorangeht:groß-er Erfolg, (mit) groß-em Erfolg, groß-e Erfolge, (das Glück) groß-er ErfolgeSie ist dem schwachAdjektivschwachenAdjektivschwache DeklinationDeklinationschwach: Adjektiv Paradigma zu entnehmen, wenn der bestimmter Artikelbestimmte ArtikelArtikelbestimmter (▶ Nr. 6.4/1) oder ein anderer im Nominativ Singular Maskulinum auf -er, im Nominativ/Akkusativ Singular Neutrum auf -es endender Artikel (z. B. jed-, dies-) vorangeht:der groß-e Erfolg, (mit) dem groß-en Erfolg, die groß-en Erfolgedieser/jeder groß-e Erfolg, (mit) diesem/jedem groß-en Erfolg, diese groß-en ErfolgeSie ist dem gemischtenAdjektivgemischte DeklinationDeklinationgemischt: Adjektiv Paradigma zu entnehmen, wenn der unbestimmte Artikelunbestimmter Artikel (nur im Singular, ▶ Nr. 6.4/2) oder ein im Nominativ Singular Maskulinum oder im Nominativ/Akkusativ Singular Neutrum auf NullNull endender = endungsloser ArtikelendungslosArtikel (z. B. kein-, mein-) vorangeht:ein groß-er Erfolg, (mit) einem groß-en Erfolgkein/mein groß-er Erfolg, (mit) keinem/meinem groß-en Erfolg, keine/meine groß-en Erfolge

6.6/2 SteigerbarkeitAdjektivSteigerbarkeitSteigerbarkeit = KomparierbarkeitAdjektivKomparierbarkeitKomparierbarkeit

Inhärentes MerkmalMerkmalinhärentesinhärentes Merkmal von Adjektiven (sowie einiger Wörter anderer Wortart): Fähigkeit, KomparativKomparativ- und SuperlativSuperlativformen zu bilden.

KomparierbarAdjektivkomparierbares sind Adjektive, deren Bedeutung eine graduelle Stufung zulässt; Beispiele:

kalt – kälter – am kältesten, schön – schöner – am schönsten

Nicht komparierbar sind Adjektive, deren Bedeutung keine graduelle Stufung zulässt; Beispiele:

tot, nackt (drücken einen äußersten Zustand aus)

gläsern, quadratisch (bezeichnen Merkmale mit festgelegtem Status)

mündlich, sterblich (lassen nur einen Gegenbegriff zu)

Komparierbare Adjektive können mit einer GradpartikelPartikelGrad-Gradpartikel wie sehr, zu, äußerst (▶ Nr. 6.8/2) verbunden werden, d. h. sie sind graduierbargraduierbar.

6.6/3 SteigerungSteigerung = KomparationKomparation

Grammatische Kategoriegrammatische KategorieKategoriegrammatische komparierbarer Adjektive (sowie einiger Wörter anderer Wortart) mit den Werten PositivPositiv, KomparativKomparativ, SuperlativSuperlativ.

Komparative werden durch die Anfügung des SuffixesSuffix -er, Superlative durch die Anfügung von -st bzw. -est gebildet. Positive bleiben unbezeichnet. Bei einigen Adjektiven mit umlautfähigem Stammvokal (▶ Nr. 5.2/5) tritt im Komparativ und Superlativ UmlautUmlaut ein, bei anderen nicht:

hoch: höh-er, höch-st-, jung: jüng-er, jüng-st-, aber krumm: krumm-er, krumm-st-

SuppletivallomorpheAllomorphSuppletiv-Suppletivallomorph des Stammes (▶ Nr. 5.4/12) liegen vor bei:

gut: bess-er, be-st-

So auch bei AdverbAdverbien und PronominaPronomen:

gern: lieb-er, lieb-st; viel: meh-r(er), mei-st

DeklinationDeklinationsendungen treten hinter die Komparativ- oder Superlativendungen: höh-er-em, jüng-er-er, meh-r-er-e, be-st-en, lieb-st-en.

Komparierbare AdverbAdverbien: gern (lieb-er, lieb-st), oft (öft-er); komparierbares PronomenPronomen (bzw. PronominalartikelPronominalartikel): viel (meh-r, mei-st).

der Positiv, des Positivs, die PositivPositive (Betonung auf Po-)

der Komparativ, des Komparativs, die KomparativKomparative (Betonung auf Kom-)

der Superlativ, des Superlativs, die SuperlativSuperlative (Betonung auf Su-)

groß ist ein/steht im Positiv, größer ist ein/steht im Komparativ, größt oder am größten ist ein/steht im Superlativ

6.6.2 Syntaktische Klassensyntaktische KlassenAdjektiv

1. Subklassen nach der Verwendung als PhrasenPhrasenteil- bzw. SatzteilSatzteil:

6.6/4 Attributive VerwendungVerwendungattributiveattributive Verwendung

Verwendung von Adjektiven als AttributAttribut (▶ Nr. 7.3/3).

 Es werden deklinierteDeklinationAdjektiv Formen mit Endung gebraucht:

ein eckig-er Tisch, dem eckig-en Tisch, eckig-er Tische

schön-es Wetter, das schön-e Wetter, schöner-es Wetter, das schöner-e Wetter, schönst-es Wetter, das schönst-e Wetter

 Einige Adjektive wie rosa, super können keine Endung zu sich nehmen:

ein rosa-∅ Pullover, eine super-∅ Schau

6.6/5 Prädikative VerwendungVerwendungprädikativeprädikative Verwendung

Verwendung von Adjektiven als PrädikativumPrädikativum = PrädikatsnomenPrädikatsnomenNomenPrädikats- (▶ Nr. 7.2/2).

Bei nichtkomparierbarennichtkomparierbar AdjektivenAdjektivnichtkomparierbares und im PositivPositiv und KomparativKomparativ komparierbarer Adjektive werden endungslose Formen gebraucht:

Der Tisch ist eckig-∅.

Das Wetter ist schön-∅. Das Wetter ist schöner-∅.

Bei komparierbarKomparierbarkeiten AdjektivenAdjektivkomparierbares im SuperlativSuperlativ werden deklinierte Formen mit Endung gebraucht:

Seine Frau ist die klügst-e.

Ihre Kinder sind die hübschest-en.

Seine Frau ist am klügst-en.

Ihre Kinder sind am hübschest-en.

6.6/6 Adverbiale VerwendungVerwendungadverbialeadverbiale Verwendung

Verwendung von Adjektiven als UmstandsbestimmungBestimmungUmstands-Umstandsbestimmungen = adverbiale BestimmungBestimmungadverbialeadverbiale Bestimmungen = AdverbialAdverbialAdverbialbestimmunge (▶ Nr. 7.2/14) oder als GradattributAttributGrad-Gradattribut = IntensitätsattributAttributIntensitäts-Intensitätsattribut in AdjektivPhraseAdjektiv-Adjektivphrase- oder AdverbialphrasenPhraseAdverbial-Adverbialphrase.

Bei nichtkomparierbarnichtkomparierbaren AdjektivenAdjektivnichtkomparierbares und im PositivPositiv und KomparativKomparativ komparierbarer Adjektive werden endungslose Formen gebraucht:

Er bewegt sich eckig-∅.

Sie singt schön-∅. Sie singt schöner-∅.

Bei komparierbarKomparierbarkeiten Adjektiven im SuperlativSuperlativ werden in Umstandsbestimmungen Formen mit Endung gebraucht, in Attributen endungslose Formen:

Sie singt am schönst-en.

eine höchst-∅ erfreuliche Geschichte

Die meisten Adjektive können sowohl attributivVerwendungattributiveattributive Verwendung als auch prädikativVerwendungprädikativeprädikative Verwendung als auch adverbialVerwendungadverbiale gebrauchtGebrauchVerwendung werden. Einige können nur attributiv gebraucht werden:

der ganze Tag, das gesamte Vermögen,

einige nur prädikativ:

Der Junge ist fit (*ein fitter Junge)

Sie ist mir gram (*eine mir grame Frau),

einige nur attributivattributive Verwendung und adverbialadverbial, also nicht prädikativprädikative Verwendung:

wöchentliches Erscheinen

Die Zeitung erscheint wöchentlich (*Das Erscheinen ist wöchentlich)

2. Subklassen nach der ValenzValenz:

Wie die in ▶ Abschnitt 6.2.3 aufgeführten Verb-Subklassen bilden die im Folgenden genannten Adjektiv-Subklassen die Grundlage für die Erstellung von SatzbauplänenSatzbauplan. Vgl. die Bemerkungen vor ▶ Nr. 6.2/30.

6.6/7 Nullwertige AdjektivAdjektivnullwertigesnullwertigAdjektive

Adjektive, die (in prädikativer Verwendung) keine ErgänzungErgänzung fordern.

Hierher gehören vor allem Witterungserscheinungen bezeichnende Adjektive = WitterungsadjektiveAdjektivWitterungs-Witterungsadjektiv. Das in Sätzen wie

Es ist kalt

Es bleibt dunstig

vorkommende PronomenPronomen es stellt kein SatzgliedSatzglied dar: es ist nicht ersetzbarErsetzbarkeit und nicht erfragbarErfragbarkeit. Es handelt sich um ein PseudosubjektSubjektPseudo-Pseudosubjekt = FormsubjektFormsubjektSubjektForm-Subjektformales (▶ Nr. 6.2/5 und Nr. 6.6/10).

6.6/8 Einwertige AdjektivAdjektiveinwertigeseinwertiges Adjektive

Adjektive, die (in prädikativer Verwendung) eine ErgänzungErgänzungAdjektiv fordern.

Das Wetter (SubjektSubjekt)ist schön.

Der Vater (Subjekt)ist verzweifelt.

Mir (DativobjektDativobjekt)ist kalt.

6.6/9 Mehrwertige AdjektivAdjektivmehrwertigesmehrwertiges Adjektive

Adjektive, die (in prädikativer Verwendung) zwei oder mehr Ergänzungen fordern.

Hauptfälle:

 Subjekt Subjekt+ GenitivobjektObjektGenitiv-Genitivobjekt:Er wird seines Erfolges nicht froh.

 Subjekt Subjekt+ Dativobjekt:ObjektDativ-DativobjektSie ist ihrer Mutter behilflich.

 Subjekt Subjekt+ Präpositionalobjekt:ObjektPräpositional-PräpositionalobjektEr ist stolz auf seine Frau.

 Subjekt Subjekt+ Umstandsbestimmung:BestimmungUmstands-UmstandsbestimmungSie ist einen Monat alt.Er ist gebürtig aus Pommern.

6.6/10 GefügeadjektivAdjektivGefüge-Gefügeadjektive

Adjektive, die im Satz nicht allein stehen können, sondern einer ErweiterungErweiterung bedürfen. Die Kombination aus Gefügeadjektiv + Erweiterung = das AdjektivgefügeGefügeAdjektiv-Adjektivgefüge ist als Ganzes Bedeutungs- und ValenzValenzträger und kann in einem Satz das PrädikativumPrädikativum oder ein Attribut bilden.

Hierher gehören vor allem die WitterungsadjektivAdjektivWitterungs-Witterungsadjektive (▶ Nr. 6.6/7 – es ist kein SubjektSubjekt, sondern ErweiterungErweiterung [PseudosubjektSubjektPseudo-Pseudosubjekt = FormsubjektFormsubjektSubjektForm- = formales Subjektformales SubjektSubjektformales]) und Adjektive, die Gefüge mit ReflexivpronominaPronomenReflexiv-Reflexivpronomen wie sich bewusst, sich sicher bilden (sich: Erweiterung, nicht Objekt), sowie einige weitere Gefüge bildende Adjektive:

Es ist frisch draußen.

Er ist sich seiner Verantwortung bewusst.

6.6.3 ZahladjektivAdjektivZahl-Zahladjektive

Zur Wortart Adjektiv gehört auch ein Teil der ZahlwörtZahlworter = NumeraliaNumerale (andere gehören anderen Wortarten an, z. B. ist Hunderte ein SubstantivSubstantiv, erstens, zweitens usw. sind AdverbAdverbien). Gewöhnlich unterscheidet man

 KardinalzahlwörtZahlwortKardinal-Kardinalzahlworter = GrundzahlwörterZahlwortGrund-Grundzahlwort (z. B. eins, zwei, beide, hundert) und

 OrdinalzahlwörterZahlwortOrdinal-Ordinalzahlwort = OrdnungszahlwörterZahlwortOrdnungs-Ordnungszahlwort (erst-, zwei-t-, hundert-st- usw.),

 BruchzahlwörterZahlwortBruch-Bruchzahlwort (halb, acht-el, hundert-st-el usw.),

 VervielfältigungszahlwörterZahlwortVervielfältigungs-Vervielfältigungszahlwort = MultiplikativaZahlwortMultiplikativumMultiplikativum (zwei-fach, acht-fach, hundert-fach usw.),

die von den KardinalzahlenSuffigierung abgeleitet sind.

das NumeraleNumerale, des Numerales, die Numeralia od. NumeralNumeraleien (Betonung auf -ra-)

das MultiplikativumMultiplikativum, des Multiplikativums, die Multiplikativa (Betonung auf -(ka)-ti-)

6.7 AdverbAdverb

Adverbien sind FlexionunflektierbarunflektierbarAdverbe Wörter, mit denen der im Satz ausgedrückte Sachverhalt, insbesondere das vom PrädikatPrädikat (▶ Nr. 7.2/1) bezeichnete Geschehen, hinsichtlich seiner Umstände näher charakterisiert werden kann. Adverbien können SatzgliederSatzglied bilden und dann allein im VorfeldVorfeld des AussagesatzSatzAussage-Aussagesatzes stehen (▶ Nr. 7.5/1); sie können auf ErgänzungsfrageFrageErgänzungs-Ergänzungsfragen antworten, sofern sie nicht selbst FragewörtFrageworter sind.

Gern hab ich die Frauen geküsst ( gern im Vorfeld vor dem Finitumhab)

Wie hab ich die Frauen geküsst? – Gern [hab ich die Frauen geküsst].

6.7.1 BedeutungsklassenBedeutungsklassenAdverb

Beispielsätze mit Adverbien, die im Folgenden aufgeführt sind, finden sich nach ▶ Nr. 7.2/14.

Adverbien der Bezeichnung des Ortes:

6.7/1 LokaladverbAdverbLokal-Lokaladverbien = OrtsadverbienAdverbOrts-Ortsadverb

Adverbien zur Bezeichnung von Ort oder Raum eines Geschehens.

außen, dahinter, diesseits, drinnen, hier, irgendwo, nirgends, nirgendwo, rechts, vorne … – wo?, woran?, worauf?, worin? …

6.7/2 DirektionaladverbAdverbDirektional-Direktionaladverbien = RichtungsadverbienAdverbRichtungs-Richtungsadverb

Adverbien zur Bezeichnung der Richtung eines Geschehens.

beiseite, dorther, dorthin, dorthinauf, nirgendwohin, überallher, weg, weiter … – woher?, wohin? …

Adverbien der Bezeichnung der Zeit:

6.7/3 TemporaladverbAdverbTemporal-Temporaladverbien = ZeitadverbienAdverbZeitZeitadverb

Adverbien zur Bezeichnung des Zeitpunkts oder Zeitraums eines Geschehens.

allezeit, dann, ehedem, heute, immer, meistens, nächstens, nie, währenddessen, zwischendurch … – wann?

6.7/4 DurativadverbienAdverbDurativ-Durativadverb = Adverbien der DauerAdverbDauer

Adverbien zur Bezeichnung der Zeitdauer eines Geschehens.

lange … – wie lange?

6.7/5 FrequentativadverbAdverbFrequentativ-Frequentativadverbien = Adverbien der HäufigkeitAdverbHäufigkeit

Adverbien zur Bezeichnung der Häufigkeit von Geschehen.

oft, öfters, einmal, keinmal … – wie oft?

Adverbien der Bezeichnung der Art und Weise:

6.7/6 ModaladverbAdverbModal-Modaladverbien = Adverbien der Art und WeiseAdverbArt und Weise im engeren Sinn

Adverbien zur Bezeichnung der Art und Weise des Ablaufs eines Geschehens.

anders, folgendermaßen, gern(e), irgendwie, rücklings, so … – wie?

6.7/7 InstrumentaladverbAdverbInstrumental-Instrumentaladverbien = Adverbien des Mittels oder InstrumentsAdverbMittelAdverbInstrument

Adverbien zur Bezeichnung des Mittels oder Instruments zur Erreichung des Zieles eines Geschehens.

damit, dadurch – womit?, wodurch?

6.7/8 KomitativadverbAdverbKomitativ-Komitativadverbien = Adverbien des BegleitumstandesAdverbBegleitumstand

Adverbien zur Bezeichnung begleitender Umstände eines Geschehens.

damit – womit?

Adverbien der Bezeichnung des Grundes:

6.7/9 KausaladverbAdverbKausal-Kausaladverbien = Adverbien des GrundesAdverbGrund im engeren Sinn

Adverbien zur Bezeichnung eines Grundes (im engeren Sinn) für ein Geschehen.

daher, deshalb, meinethalben … – wieso?, weshalb?, warum? …

6.7/10 KonsekutivadverbAdverbKonsekutiv-Konsekutivadverbien = Adverbien der FolgeAdverbFolge

Adverbien zur Bezeichnung der Folge aus einem Geschehen.

also, dann, darum, demnach, demzufolge, infolgedessen, so …

6.7/11 KonditionaladverbAdverbKonditional-Konditionaladverbien = Adverbien der BedingungAdverbBedingung

Adverbien zur Bezeichnung der Bedingung für ein Geschehen.

notfalls, sonst/ansonsten … – wann?

6.7/12 KonzessivadverbAdverbKonzessiv-Konzessivadverbien = Adverbien der Einräumung oder des wirkungslosen oder unzureichenden GegengrundesAdverbEinräumungAdverbwirkungsloser GegengrundAdverbunzureichender Gegengrund

Adverbien zur Bezeichnung einer Einräumung oder des wirkungslosen oder unzureichenden Gegengrundes.

trotzdem, gleichwohl, dennoch, nichtsdestoweniger …

6.7/13 FinaladverbAdverbFinal-Finaladverbien = Adverbien des Ziels oder ZwecksAdverbZielAdverbZweck

Adverbien zur Bezeichnung von Ziel oder Zweck eines Geschehens.

dafür, dazu, hierfür … – wofür?, wozu?

6.7/14 RestriktivadverbAdverbRestriktiv-Restriktivadverbien = Adverbien der EinschränkungAdverbEinschränkung

Adverbien zur Bezeichnung einer Einschränkung.

insofern, insoweit – inwiefern?, inwieweit?

6.7.2 FunktionsklassenFunktionsklassenAdverb

Spezialfälle:

6.7/15 ProadverbienAdverbPro-Proadverb

Adverbien wie dann, dort, hier, so, deshalb mit allgemeiner, wenig spezifischer temporaler, lokaler … Bedeutung.

6.7/16 PräpositionaladverbAdverbPräpositional-Präpositionaladverbien

Adverbien, die aus den Elementen da(r), hier, wo(r) + PräpositionPräpositionen wie an, auf usw. gebildet sind: daran, darauf, hieran, woran …

PräpositionaladverbPräpositionaladverbien können PräpositionalphrasenPhrasePräpositional-Präpositionalphrase (▶ Nr. 7.1/15), insbesondere Präpositionalphrasen in der Funktion von PräpositionalobjektenObjektPräpositional-Präpositionalobjekt (▶ Nr. 7.2/13), ersetzen:

Ich denke gerade an diese Geschichte : Ich denke gerade daran

Sie können aber auch Präpositionalphrasen, die als UmstandsbestimmungUmstandsbestimmungen (▶ Nr. 7.2/14) fungieren, ersetzen:

Er sitzt auf der Kiste : Er sitzt darauf

Letztere Funktion können auch ProadverbienAdverbPro-Proadverb erfüllen:

Er sitzt dort.

6.7/17 FrageadverbAdverbFrage-Frageadverbien = InterrogativadverbAdverbInterrogativ-Interrogativadverbien

Adverbien, mit denen ErgänzungsfragesätzeFragesatzErgänzungs-SatzErgänzungsfrage-Ergänzungsfragesatz (▶ Nr. 7.4/5) oder indirekte FragesätzeSatzindirekter Frage-SatzFrage-Fragesatzindirekter-Fragesatzindirekter Fragesatz (▶ Nr. 7.6/8) eingeleitet werden können.

Die Frageadverbien sind im vorangehenden Abschnitt bei den einzelnen Bedeutungsgruppen durch Fragezeichen markiert aufgeführt. Beispiele:

Wann kommt er? – Wo ist der Käse? – Warum weiß das keiner? – Woran denkst du? – Ich frage dich, wann er kommt. – Ob du weißt, wo der Käse ist?

FrageFrageadverbFrageadverbien gehören zu den W-WörterWortW--W-Wortn; ▶ Nr. 6.4/9.

6.7/18 RelativadverbAdverbRelativ-Relativadverbien

Adverbien, die RelativsätzSatzRelativ-Relativsatze einleiten können.

die Art, wie du sprichst – der Ort, wo du wohnst – die Passage, worauf du Bezug nimmst

In bestimmten Fällen kann das Bezugswort mit dem RelativadverbRelativadverb verschmelzenVerschmelzungRelativadverb; es ist dann implizit vorhanden:

Dort, wo du wohnst, ist es schön : Wo du wohnst, ist es schön

Wir fahren dorthin, wohin du fährst/wo du hinfährst : Wir fahren, wohin du fährst/wo du hinfährst

Ich komme dann, wann es mir gefällt : Ich komme, wann es mir gefällt

RelativadverbienRelativadverb gehören zu den W-WörterWortW--W-Wortn; ▶ Nr. 6.4/9.

6.7/19 KonjunktionaladverbAdverbKonjunktional-Konjunktionaladverbien

Adverbien, die ähnlich wie KonjunktionKonjunktionKonjunktionen SätzeSatz oder TeilsätzeTeilsatz miteinander verbinden können.

Ich weiß, wann er kommt.

Mir ist nicht klar, wo sie wohnt.

Er ist krank. Deshalb kann er nicht kommen.

Er ist krank, aber er ist trotzdem gekommen.

6.8 PartikelPartikel

Partikeln sind unflektierbarunflektierbarPartikele Wörter, die im Gegensatz zu den AdverbienAdverb (▶ Abschnitt 6.7) für sich nicht als SatzgliedSatzglieder (▶ Nr. 7.2/7) fungieren können und (im Gegensatz zu KonjunktionKonjunktionen, ▶ Abschnitt 6.10) keinen Fügewortcharakter haben. Einige können für sich als SatzäquivalentSatzäquivalent (▶ Nr. 7.7/1) stehen. Sie werden häufig in SatzbestimmungenBestimmungSatz- verwendet (▶ Abschnitt 7.2.3). – Das Folgende in Anlehnung an Hentschel/Weydt 2011, S. 281–297.

die Partikel, der Partikel, die Partikeln (Betonung auf -ti-)

FunktionsklassenFunktionsklassenPartikel

6.8/1 AbtönungspartikelPartikelAbtönungs-Abtönungspartikeln = ModalpartikelnPartikelModal-Modalpartikel

Wörter, mit denen die Äußerung im Hinblick auf den Hörer modifiziert wird, um zum Beispiel Gefühlsbeteiligung, Abschwächung, beabsichtigte Vagheit, vorsichtige Infragestellung zum Ausdruck zu bringen: aber, auch, bloß, denn, doch, eben, eigentlich, einfach, etwa, erst, halt, ja, mal, nur, ruhig, schon, vielleicht, wohl.

Bist du aber groß geworden!

Wie heißt du eigentlich?

Was soll ich nur tun?

Das war vielleicht schön.

Abtönungspartikeln haben stets gleichlautende = homonymhomonym/Homonyme Wörter mit anderer Funktion neben sich (z. B. aber als KonjunktionKonjunktion, vielleicht als KommentarpartikelPartikelKommentar-Kommentarpartikel). Sie können nicht allein im VorfeldVorfeld des AussagesatzSatzAussage-Aussagesatzes (▶ Nr. 7.5/1) stehen, nicht als AntwortenAntwort auf FragenFrage fungieren, nicht negiert und nicht betont werden.

6.8/2 GradpartikelPartikelGrad-Gradpartikeln = IntensivpartikelPartikelIntensiv-Intensivpartikeln

Wörter, mit deren Hilfe der von ihrem Bezugswort ausgedrückte Inhalt in seiner Intensität verstärkt oder abgeschwächt wird: sehr, ziemlich, ganz, recht, überaus, zutiefst, höchst, fast, nahezu, beinahe …

Das Element, auf das sich eine IntensivpartikelIntensivpartikel bezieht, wird SkopusSkopus genannt.

Ich komme sehr gern.

Sie ist noch ganz jung.

eine ziemlich dünne Suppe

Die Idee stieß uns zutiefst ab.

der Skopus, des Skopus, die Skopen

6.8/3 FokuspartikelPartikelFokus-Fokuspartikeln = RangierpartikelnPartikelRangier-Rangierpartikel

Wörter, mit deren Hilfe vom gegebenen Satz aus Beziehungen zu anderen entweder explizit geäußerten oder nur mitverstandenen Sätzen hergestellt werden, indem die Bezugselementgröße zu gleichartigen Elementen in Beziehung gesetzt wird: allein, auch, ausgerechnet, bereits, besonders, bloß, einzig, eben, nicht einmal, erst, genau, gerade, insbesondere, lediglich, (nicht usw.) mehr, noch, nur, schon, selbst, sogar, wenigstens …

FokuspartikelnFokuspartikel bilden zusammen mit ihrem Bezugselement das Zentrum einer Aussage, also den Teil des Satzes mit dem höchsten Mitteilungswert.

Nur du kannst mir noch helfen (‘Keiner sonst kann mir helfen’)

Er ist noch hier (‘Später wird er nicht mehr hier sein’)

Sogar der Kanzler ist gekommen (‘Es ist überraschend, dass der Kanzler gekommen ist’)

6.8/4 NegationspartikelPartikelNegations-Negationspartikeln

Wörter wie nicht, keineswegs, keinesfalls, mitnichten, ebenso wenig, genauso wenig.

6.8/5 KommentarpartikelnPartikelKommentar-Kommentarpartikel = ModalwörterWortModal-Modalwort

Wörter, die angeben, wie der Sprecher oder eine im Satz benannte Größe den im Satz zum Ausdruck gebrachten Sachverhalt einschätzt; Wörter, aus denen die Einstellung des Sprechers bzw. einer im Satz benannten Größe zum Sachverhalt deutlich wird, die ihn auf andere Sachverhalte beziehen, ihn an Normen, Zielvorstellungen usw. messen oder allgemein eine Bewertung zum Ausdruck bringen.

Hauptfälle:

 Einschätzung des Sachverhalts hinsichtlich seines Wirklichkeitsgrades oder seiner Verwirklichungsmöglichkeitenvielleicht, wahrscheinlich, eventuell, sicherlich, womöglich, wohl …

 qualitative oder rationale Bewertunglogischerweise, erwartungsgemäß …

 gefühlsmäßige Einstellungleider, gottlob, glücklicherweise …

 Einräumung und BewertungZwar ist er klein, aber oho.Wohl ist er nicht mitgefahren, hat sich aber an den Kosten beteiligt.

 rhetorische FrageIst sie nicht süß? (‘Sie ist süß’)Ist sie etwa sauer? (‘Sie ist nicht sauer’)

KommentarpartikelnKommentarpartikel können im VorfeldVorfeldFeldVor- des AussagesatzSatzAussage-Aussagesatzes (▶ Nr. 7.5/1) stehen; einige können als Antwort auf EntscheidungsfrageFrageEntscheidungs-Entscheidungsfragen (▶ Nr. 7.4/6) dienen:

Vielleicht kommt er ja noch.

Kommt er? – Vielleicht. / Sicherlich.

6.8/6 AntwortpartikelPartikelAntwort-Antwortpartikeln

Wörter wie ja, nein, doch, mhm, mit denen auf eine EntscheidungsfrageEntscheidungsfrage geantwortet werden kann.

Kommt sie? – Ja. / Ja, sie kommt.

Kommt sie? – Doch, sie kommt.

Kommt sie? – Nein. / Nein, sie kommt nicht.

Kommt sie nicht? – Doch. / Doch, sie kommt.

Kommt sie nicht? – Nein. / Nein, sie kommt nicht.

6.8/7 ReaktionspartikelPartikelReaktions-Reaktionspartikeln

Wörter wie danke, bitte, mit denen Äußerungen begleitet oder charakterisiert werden können oder mit denen auf andere Äußerungen reagiert werden kann.

Reich mir doch bitte das Salz. – Bitte. – Danke.

6.9 Präposition

PräpositionenPräposition sind unflektierbarunflektierbarPräpositione Wörter, die eine NominalphraseNominalphrasePhraseNominal- = eine SubstantivphrasePhraseSubstantiv-Substantiv- oder eine PronominalphrasePronominalphrasePhrasePronominal- bei sich haben können, deren KasusKasus durch die jeweilige Präposition festgelegt = regiert wird (RektionRektion, ▶ Nr. 6.1/11).

6.9.1 Syntaktische Klassensyntaktische KlassenPräposition

Syntaktische Subklassen nach der RektionRektion:

6.9/1 GenitivpräpositionPräpositionGenitiv-Genitivpräpositionen

Präpositionen wie trotz, wegen, ungeachtet, die eine NominalphrasePhraseNominal-Nominalphrase im GenitivGenitiv fordern.

6.9/2 DativpräpositionPräpositionDativ-Dativpräpositionen

Präpositionen wie mit, dank, an, auf, die eine NominalphraseNominalphrase im DativDativ fordern.

6.9/3 AkkusativpräpositionPräpositionAkkusativ-Akkusativpräpositionen

Präpositionen wie durch, entlang, an, auf, die eine NominalphraseNominalphrase im AkkusativAkkusativ fordern.

Die meisten Präpositionen fordern e i n e n bestimmten KasusKasus (kasusfeste PräpositionenPräpositionkasusfestekasusfeste Präposition). Bei manchen von ihnen schwankt der Kasusgebrauch (z. B. wegen und trotz mit dem GenitivGenitiv oder Dativ).

Einige Präpositionen gehören je nach Bedeutung zwei Gruppen an: Präpositionen wie an, auf, in, unter werden je nachdem, ob sie Lage oder ob sie Richtung bezeichnen, mit dem DativDativ (an/auf/in/unter der Kiste) oder dem AkkusativAkkusativ (an/auf/in/unter die Kiste) verbunden (kasusvariante PräpositionenPräpositionkasusvariantekasusvariante Präposition). Bei einigen Präpositionen wie z. B. entlang kommt es auf ihre Stellung zur Nominalphrase an: Genitiv bei Voranstellung (entlang des Flusses), Akkusativ bei Nachstellung (den Fluss entlang).

Syntaktische Subklassen nach der StellungStellungPräposition:

6.9/4 Vorangestellte PräpositionPräpositionvorangestelltevorangestellte Präpositionen

Präpositionen, die ihrem Bezugselement vorangehen.

auf der Mauer, unter die Decke

6.9/5 Nachgestellte PräpositionPräpositionnachgestelltenachgestellte Präpositionen = PostpositionPostpositionen

Präpositionen, die ihrem Bezugselement folgen.

der Umstände halber, dem Gesetz zuwider

Bei einigen sind beide Stellungen möglich:

wegen des Regens – des Regens wegen; bar jeglichen Sachverstandes – jeglichen Sachverstandes bar; entlang des Flusses – den Fluss entlang

6.9/6 Diskontinuierliche PräpositionPräpositiondiskontinuierlichediskontinuierliche Präpositionen = ZirkumpositionZirkumpositionen

Aus zwei Teilen bestehende Präpositionen, deren erster Teil dem Bezugselement vorangeht und deren zweiter Teil ihm folgt.

um meines Namens willen, von diesem Montag an

Außer mit NominalphrasePhraseNominal-Nominalphrasen können einige Präpositionen auch mit AdverbAdverbien oder AdjektivAdjektiven verbunden werden:

von heute an, für immer, für täglich

Präpositionsähnliche Einheiten:

Neben den eigentlichen Präpositionen können AdjektivphrasePhraseAdjektiv-Adjektivphrasen präpositionsähnlich gebraucht werden:

ähnlich seiner Schwester, ausgehend von dieser These, seinen Vorsätzen treu

Ebenso PräpositionalphrasePhrasePräpositional-Präpositionalphrasen:

in Abhängigkeit von den Lebensbedingungen, im Benehmen mit dem Arbeitgeber, im Vergleich zu gestern, in Ansehung der Tatsache …

Sonstiges:

6.9/7 VerschmelzungsformVerschmelzungsform

Verbindung von Präposition und bestimmter Artikelbestimmtem Artikel in einer Wortform.

Bei den Verschmelzungsformen (z. B. am, im, zur) handelt es sich um Portmanteau-AllomorpheAllomorphPortmanteauPortmanteau-Allomorph (▶ Nr. 5.3/8), die grammatisch sowohl Präpositions- als auch ArtikelArtikeleigenschaften aufweisen.

6.9.2 BedeutungsklassenBedeutungsklassenPräposition

6.9/8 Lokale PräpositionenPräpositionlokalelokale Präposition

PräpositionenPräpositionRichtungPräpositionOrt zur Bezeichnung des Ortes oder der Richtung.

Beispiel:

Er steht an der Wand.

der Lauscher an der Wand

auf, hinter, über, bei, nach, zwischen

6.9/9 Temporale PräpositionenPräpositiontemporaletemporale Präposition

PräpositionenPräpositionDauerPräpositionZeit zur Bezeichnung der Zeit oder der Dauer.

Beispiele:

von – an, bis, seit, während, binnen, zwischen, nach

6.9/10 Modale PräpositionenPräpositionmodalemodale Präposition

PräpositionenPräpositionArt und Weise zur Bezeichnung der Art und Weise u. dgl.

Beispiele:

in (Eile) – aus (Seide) – mit (Heftigkeit)

6.9/11 Kausale PräpositionenPräpositionkausalekausale Präposition

PräpositionenPräpositionZweckPräpositionEinräumungPräpositionGrund zur Bezeichnung des Grundes, der Einräumung, des Zweckes u. dgl.

Beispiele:

wegen (des Regens) – trotz (Sonne) – durch (Feuer) – mangels (Masse) – aus (Angst)

In PräpositionalobjektenObjektPräpositional-Präpositionalobjekt (▶ Nr. 7.2/13) und entsprechenden Attributen (Objekt-AttributenAttributObjekt--Objekt-Attribut, ▶ Nr. 7.3/3) sind die Präpositionen semantisch »leer«.

Er wartet auf das Glück – sein Warten auf das Glück

Sie freut sich über alles – ihre Freude über alles

6.10 KonjunktionKonjunktionKonjunktion

Konjunktionen sind FlexionunflektierbareunflektierbarKonjunktion Fügewörter ohne SatzgliedSatzgliedwert und ohne KasusKasusforderung (das heißt, sie legen den Kasus einer eventuell folgenden NominalphrasePhraseNominal-Nominalphrase nicht fest). Sie kennzeichnen die syntaktische VerknüpfungVerknüpfung von Sätzen oder Teilen von Sätzen und charakterisieren die inhaltliche Beziehung zwischen den verknüpften Einheiten.

6.10.1 Bedeutungsklassen

6.10/1 Kopulative KonjunktionKonjunktionanreihendekopulative Konjunktionen = anreihende KonjunktionKonjunktionanreihendeanreihende Konjunktionen

Konjunktionen wie und, sowie, sowohl … als auch, nicht nur … sondern auch, mit denen zwei (oder mehr) Größen als zugleich geltend gekennzeichnet werden.

Es ist Samstag und es regnet.

Er trank nicht nur Whisky, sondern auch Soda.

6.10/2 Disjunktive KonjunktionKonjunktiondisjunktivedisjunktive Konjunktionen = ausschließende KonjunktionKonjunktionausschließendeausschließende Konjunktionen

Konjunktionen wie oder, entweder … oder, mit denen zwei (oder mehr) Größen als nicht zugleich geltend gekennzeichnet werden.

Entweder du bist jetzt ruhig oder du gehst nach Hause.

Sie stieß gelegentlich ein gedämpftes „Sehr schön!“ oder „Toll!“ aus.

6.10/3 Adversative KonjunktionKonjunktionadversativeadversative Konjunktionen = entgegensetzende KonjunktionKonjunktionentgegensetzendeentgegensetzende Konjunktionen

Konjunktionen wie während, wohingegen, aber, doch, sondern, die einen Gegensatz zwischen Sachverhalten kennzeichnen.

Er ist nicht schlau, sondern tut nur so.

Sie ist klug, wohingegen/während er nur so tut.

Er wollte sie abholen, aber/doch sie kam nicht.

Das ist zwar wahr, hat aber mit der Sache nichts zu tun.

Konjunktionen der Bezeichnung der Zeit:

6.10/4 Temporale KonjunktionKonjunktiontemporaleKonjunktiontemporaletemporale Konjunktionen = Konjunktionen der ZeitKonjunktionZeit

Konjunktionen wie als, bevor, kaum dass, nachdem, während, die das zeitliche Verhältnis kennzeichnen.

Nachdem die Mauer gefallen war, gab es kein Halten mehr.

Als er eintraf, stand schon alles parat.

Bevor sie das Buch (nicht) fertig hat, fährt sie nicht in Urlaub.

6.10/5 Durative KonjunktionKonjunktiondurativedurative Konjunktionen = Konjunktionen der DauerKonjunktionDauer

Konjunktionen wie solange, die die Zeitdauer kennzeichnen.

Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, bricht er nicht zusammen.

6.10/6 Frequentative KonjunktionKonjunktionfrequentativefrequentative Konjunktionen = Konjunktionen der HäufigkeitKonjunktionHäufigkeit

Konjunktionen wie sooft, die die Häufigkeit kennzeichnen.

Er besucht seinen Sohn, sooft er nur kann.

Konjunktionen der Bezeichnung der Art und Weise:

6.10/7 Modale KonjunktionKonjunktionmodalemodale Konjunktionen = Konjunktionen der Art und Weise im engeren SinnKonjunktionArt und Weise

Konjunktionen wie indem, wie, die die Art und Weise des Geschehens, die Begleitumstände kennzeichnen.

Indem/Wie sie das sagte, löste sie sich in Luft auf.

6.10/8 Instrumentale KonjunktionKonjunktioninstrumentaleinstrumentale Konjunktionen = Konjunktionen des MittelsKonjunktionMittel

Die Konjunktion indem, die ein Satzgeschehen als Mittel zum Zweck für ein anderes Satzgeschehen ausweist.

Er schnitt die Salami, indem er ein Messer benutzte.

6.10/9 Komitative KonjunktionKonjunktionkomitativekomitative Konjunktionen = Konjunktionen des BegleitumstandesKonjunktionBegleitumstand

Konjunktionen wie (an)statt dass, (an)statt, ohne dass, ohne zum Ausdruck des stellvertretenden oder fehlenden Geschehens.

Anstatt dass er dumm herumstand, legte er Hand an.

Statt dumm herumzustehen, solltest du lieber Hand anlegen.

Er tat es, ohne dass sie ihn darum gebeten hätte.

Er tat es, ohne zu murren.

Konjunktionen der Bezeichnung des Grundes:

6.10/10 Kausale KonjunktionKonjunktionkausalekausale Konjunktionen = Konjunktionen des Grundes im engeren SinnKonjunktionGrund

Konjunktionen wie weil, zumal, da, denn, die ein Satzgeschehen als Grund für ein anderes Satzgeschehen kennzeichnen.

Er kommt nicht, weil er krank ist.

Weil er krank ist, kommt er nicht.

Er kommt nicht, denn er ist krank.

6.10/11 Konsekutive KonjunktionKonjunktionkonsekutivekonsekutive Konjunktionen = Konjunktionen der FolgeKonjunktionFolge

Konjunktionen wie dass, sodass/so dass, als dass, um, die ein Satzgeschehen bzw. sein Nichteintreten als Folge eines anderen Satzgeschehens kennzeichnen.

Er fegte, dass er schwitzte.

Die Temperaturen stiegen auf über 35 Grad, sodass/so dass der Asphalt zu schmelzen begann.

Sie war zu müde, als dass sie noch hätte arbeiten können.

Sie war zu müde, um noch zu arbeiten.

6.10/12 Konditionale KonjunktionKonjunktionkonditionalekonditionale Konjunktionen = Konjunktionen der BedingungKonjunktionBedingung

Konjunktionen wie wenn, falls, im Falle dass, die ein Satzgeschehen als Bedingung für ein anderes Satzgeschehen kennzeichnen.

Wenn es regnet, wird die Straße nass.

Falls die Straße nass ist, hat es geregnet.

6.10/13 Konzessive KonjunktionKonjunktionkonzessivekonzessive Konjunktionen = Konjunktionen der Einräumung oder des wirkungslosen oder unzureichenden GegengrundesKonjunktionEinräumungKonjunktionwirkungsloser oder unzureichender Gegengrund

Konjunktionen wie obgleich, obschon (älter auch ob … schon), sowenig, wenn auch, die ein Satzgeschehen als unzureichenden Gegengrund für ein anderes Satzgeschehen kennzeichnen.

Obschon ich im finsteren Tal wandere, fürchte ich kein Unglück.

Ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück. (Psalm 23)

6.10/14 Finale KonjunktionKonjunktionfinalefinale Konjunktionen = Konjunktionen des Ziels oder Zwecks KonjunktionZiel, Zweck

Konjunktionen wie damit, auf dass, um (zu), die ein Satzgeschehen als Ziel oder Beweggrund für ein anderes Satzgeschehen kennzeichnen.

Du musst etwas essen, damit du nicht umfällst.

Ich habe sie besucht, um sie zu trösten.

6.10/15 Restriktive KonjunktionKonjunktionrestriktiverestriktive Konjunktionen = Konjunktionen der EinschränkungKonjunktionEinschränkung

Konjunktionen wie außer dass, soweit, insoweit als, insofern als zum Ausdruck einer Einschränkung.

Es geht ihm gut, außer dass ihm seine Frau fehlt.

Soweit/Insoweit sich etwas tun lässt, helfe ich dir gern.

Wir hatten noch insofern Glück, als wir nicht ausgeraubt wurden.

Sonstige Konjunktionen:

6.10/16 Komparative KonjunktionKonjunktionkomparativekomparative Konjunktionen = Konjunktionen des VergleichsKonjunktionVergleich

Konjunktionen wie wie, als, als ob, als wenn zum Ausdruck eines tatsächlichen oder hypothetischenhypothetisch (»irrealenirreal«) Vergleichs.

Sie sieht (so/genauso) aus, wie ihre Mutter bei ihrer Hochzeit ausgesehen hatte.

Es sieht so aus, als ob er hier war.

Du tust (so), als ob du ein Krösus wärest.

6.10/17 Proportionale KonjunktionKonjunktionproportionaleproportionale Konjunktionen

Konjunktionen wie je … je, je … desto, die angeben, dass zwei Größen sich zugleich und im gleichen Maße ändern.

Je später der Abend wurde, je/desto lustiger wurden die Gäste.

6.10/18 Spezifizierende KonjunktionKonjunktionspezifizierendespezifizierende Konjunktion

Die Konjunktion und zwar, die eine nachträgliche Erläuterung oder Präzisierung einleitet.

Das Buch ist teuer, und zwar kostet es dreißig Euro.

6.10/19 Generelle KonjunktionKonjunktiongenerellegenerelle Konjunktionen

Die Konjunktionen dass, ob.

Ich weiß, dass er morgen kommt.

Ich bin unsicher, ob er morgen kommt.

6.10.2 FunktionsklassenFunktionsklassenKonjunktion

6.10/20 Koordinierende KonjunktionKonjunktionkoordinierendekoordinierende Konjunktionen = nebenordnende KonjunktionKonjunktionnebenordnendenebenordnende Konjunktionen = KonjunktorKonjunktoren

Konjunktionen wie und, oder, denn, aber, sondern, mit denen Satzteile oder Sätze gleichrangig miteinander verbunden werden.

Franz und Ida mögen sich.

Er kommt nicht, denn er ist krank.

der Konjunktor, des Konjunktors (Betonung auf -junk-), die Konjunktoren (Betonung auf -to-)

6.10/21 Subordinierende KonjunktionKonjunktionsubordinierendesubordinierende Konjunktionen = unterordnende KonjunktionKonjunktionunterordnendeunterordnende Konjunktionen = SubjunktorSubjunktoren = SubjunktionSubjunktionSubjunktionen

Konjunktionen wie als, nachdem, weil, da, wenn, dass, mit denen NebensätzeSatzNeben-NebensatzTeilsatzNebensatz (Verb-Letzt-SätzSatzVerb-Letzt--Verb-Letzt-Satze, ▶ Nr. 7.4/3) eingeleitet werden.

Er kommt nicht, weil er krank ist.

der Subjunktor, des Subjunktors (Betonung auf -junk-), die Subjunktoren (Betonung auf -to-)

6.10/22 InfinitivkonjunktionKonjunktionInfinitiv-Infinitivkonjunktionen

Die Konjunktionen um, (an)statt, ohne in zu-Infinitiv-TeilsätzTeilsatzInfinitiv--SatzInfinitiv-Teil-Infinitiv-Teilsatzen (▶ Nr. 7.1/20).

Er tat es, um zu überleben.

Anstatt zu faulenzen, machte er sich an die Arbeit.

Ohne zu zögern, legte er sie wieder weg.

Koordinierende Konjunktionen treten zwischen die verknüpften SatzteileSatzteil oder SätzeSatz; sie stehen dabei außerhalb der verknüpften Teile:

[ Er ist krank,]und [er bleibt zu Hause].

[ Er bleibt zu Hause,]denn [er ist krank].

Im Gegensatz dazu stehen KonjunktionaladverbAdverbKonjunktional-Konjunktionaladverbien (▶ Nr. 6.7/19) am Anfang oder im Inneren des Satzes:

[ Er ist krank,] [deshalb bleibt erzu Hause].

[ Er ist krank,] [er bleibt deshalb zu Hause].

Subordinierende Konjunktionen leiten NebensätzeSatzNeben-Nebensatz in Form von Verb-Letzt-SätzSatzVerb-Letzt--Verb-Letzt-Satzen (▶ Nr. 7.4/3) ein:

[ Er bleibt zu Hause,] [weil er krank ist].

Anders als koordinierende Konjunktionen sind sie in die verknüpften Teile integriert.

6.11 InterjektionBedeutungsklassenInterjektion

InterjektionenInterjektion sind unflektierbareunflektierbarInterjektion Wörter,

 die zum Ausdruck körperlicher oder seelischer Empfindungen dienenau, autsch, oh, ah, pfui, igitt, oho, ätsch, papperlapapp, p, aha, hm hm, na na,

 mit denen ein Anruf oder eine Aufforderung gemacht werden kannhe, ahoi, hoppla, pscht, husch, dalli, hau ruck, toi toi toi,

 die Laute nachahmen sollen (OnomatopoetikaOnomatopoetikon/Onomatopoetikum = lautmalende WörterWortlautmalendeslautmalendes Wort)hihi, hatschi, muh, iah, krah, ticktack, krach, plumps, schwuppdiwupp, ächz, würg, stöhn.

InterjektionInterjektionen stehen vor oder zwischen Sätzen oder werden unintegriert in Sätze eingefügt:

Ach! Das hör’ ich ja jetzt zum ersten Mal.

Da kam er holterdipolter die Treppe herunter.

Sie haben keinen SatzgliedSatzgliedwert und können nicht erfragtErfragbarkeit werden.

das Onomatopoetikon/Onomatopoetikum, des Onomatopoetikons/Onomatopoetikums, die Onomatopoetika/Onomatopoetika (Betonung auf -e-)

7 Syntax: Lehre vom Satz

Die SyntaxSyntax ist die grammatische Teildisziplin, die sich mit dem Aufbau von SätzenSatz und ihren grammatischen Eigenschaften beschäftigt. Die im Folgenden zusammengestellten syntaktischen Begriffe gehen zum großen Teil auf die traditionelle und die Schulgrammatik zurück, das heißt, sie beziehen sich nicht direkt und ausschließlich auf eine der vielen neueren Syntaxtheorien (z. B. die generative Transformationsgrammatik oder die Dependenz-/Valenzgrammatik), wohl aber werden dort entwickelte Vorstellungen, Verfahren und Begriffe mit aufgenommen.

Sätze sind nicht eine bloße Anreihung von Wörtern. Sie bestehen vielmehr aus Teilen = KonstituenteKonstituenten. Diese treten als Einzelwörter oder als Gruppen von zusammengehörigen Wörtern auf. Wir nennen diese Baublöcke PhrasePhrasen. Auf die PhrasenstrukturPhrasenstruktur bezogene Begriffe werden in ▶ Abschnitt 7.1 vorgestellt. Im Satz fungieren diese Phrasen als SatzkonstituenteSatzkonstituenten. Sie werden entweder als SatzteilSatzteile oder als PhrasenteilPhrasenteile verwendet. Begriffe zur Beschreibung von Satzteilen finden sich in ▶ Abschnitt 7.2, solche zur Beschreibung von Phrasenteilen in ▶ Abschnitt 7.3.

die Konstituente, der Konstituente, die Konstituenten (Betonung auf ‑en-)

7.1 Phrasen

PhrasenPhrase sind Bauelemente von Sätzen, die aus einem Einzelwort bestehen oder aus einer Gruppe von Wörtern, die sich an dieses KernKernwort anlagern oder sich mit ihm verbinden. Sie können selber satzförmig sein (Teilsatz-PhrasenTeilsatz-PhrasePhraseTeilsatz--, ▶ Nr. 7.1/18 bis Nr. 7.1/21 mit weiteren Ausführungen).

Phrasen lassen sich mithilfe von Proben = Tests ermitteln. Durch die VerschiebeprobeVerschiebeprobeProbeVerschiebe- (= PermutationstestPermutationstestTestPermutations-) werden die Phrasen festgestellt, die in einem gegebenen Satz als SatzteilSatzteilTeilSatz-e (und nicht als PhrasenteilPhrasenteilTeilPhrasen-e, s. am Ende dieses Abschnittes) fungieren. Es handelt sich um Einzelwörter oder um WortgruppenWortgruppe, die (als Ganze) verschoben werden können.

Im Märzen spannt der Bauer die Rösslein an.

Die Rösslein spannt der Bauer im Märzen an.

Der Bauer spannt im Märzen die Rösslein an.

Im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt (poetisch).

aber nicht: im der Bauer Märzen spannt die Rösslein an o.Ä.

Dieser Ermittlung dient auch eine spezielle Form der ErsatzprobeErsatzprobeProbeErsatz- (= des KommutationstestKommutationstestTestKommutations-s), bei der mehrwortige Gruppen durch Prowörter (PronominaPronomen, ProadverbProadverbien usw.) ersetzt werden: Phrasen lassen sich durch ein einziges ProwortProwortWortPro- ersetzenErsetzbarkeit. Mit dieser Probe wird gleichzeitig der Umfang von Phrasen ermittelt:


Im Märzen spannt der Bauer die Rösslein an.
Dann spannt er sie an.

VerbphraseVerbphrasePhraseVerb-n entziehen sich diesen Proben weitgehend. Sie ergeben sich als Phrasen, nachdem die übrigen Bestandteile des Satzes als Phrasen ermittelt sind.

Phrasen, die lediglich aus einem Wort oder einer notwendigen Beifügung bestehen, nennen wir MinimalphraseMinimalphrasePhraseMinimal-n, Phrasen, die über das notwendige Minimum hinaus weitere Phrasen (in Form von Einzelwörtern oder Wortgruppen) enthalten, nennen wir komplexe Phrasekomplexe PhrasePhrasekomplexen.

die Phrase, der Phrase, die Phrasen

Übersicht 9 – PhrasentypenPhrasentypPhrasentypVerbphraseSubstantivphraseNominalphrasePronominalphraseArtikelphraseAdjektivphraseAdverbialphrasePartikelphrasePräpositionalphraseKonjunktionalphraseInterjektionalphraseNebensatzInfinitiv-TeilsatzTeilsatz-PhrasePartizip-Teilsatz


7.1/1 VerbphraseVerbphrasePhraseVerb-

Phrase mit einem HauptverbHauptverb (▶ Nr. 6.2/1) als KernKern.

Typen von Verbphrasen nach der Anzahl der Wortformen:

7.1/2 Einteilige Verbphraseeinteilige VerbphraseVerbphraseeinteilige

Verbphrase mit nur einem einzigen grammatischen Wortgrammatisches WortWortgrammatisches (▶ Nr. 6.1/1 und nach Nr. 6.1/6).

Hauptfälle:

 einfache VerbformVerbformeinfacheeinfache Form (▶ Nr. 6.2/26) eines VollverbsVollverbVerbVoll-Lothringer lächelte.

 einfache Form eines KopulaverbKopulaverbVerbKopula-sEr war empfindlich.Bist du sicher?

 einfache Form des GefügeverbGefügeverbVerbGefüge-s eines VerbgefügeVerbgefügeGefügeVerb-s… als sie sich über die Zustände an der Fakultät unterhielten (Verbgefüge:sich unterhalten)Sie behielt das Portal im Auge (Verbgefüge: im Auge behalten).

7.1/3 Mehrteilige Verbphrasemehrteilige VerbphraseVerbphrasemehrteilige

Verbphrase aus mehreren grammatischen Wörterngrammatisches WortWortgrammatisches.

Hauptfälle:

 bei trennbartrennbar (Verb)Verbtrennbaresen Verben (▶ Nr. 6.2/17): Wortform des VerbstammStammes + VerbzusatzVerbzusatzZusatzVerb- in diskontinuierlicher Stellungdiskontinuierliche Stellung (Verb)Stellungdiskontinuierliche (Verb)Die junge Frau schlug ihren Ordner zu.Hören Sie auf!Kommen Sie mit?

 zusammengesetzte Verbformzusammengesetzte VerbformVerbformzusammengesetzte (▶ Nr. 6.2/27)Lothringer hatte sich mit ihr verabredet.Auch bei den Volkswirten wurde gestreikt.

 Hauptverb in Kombination mit einem ModalitätsverbModalitätsverbVerbModalitäts- (▶ Nr. 6.2/8)Zu irgendwas muss ein Streik gut sein.Er hatte es fürchten müssen.Sie schien das Schauspiel zu genießen.

Typen von Verbphrasen nach der FinitheitFinitheit:

7.1/4 Finite Verbphrasefinite VerbphraseVerbphrasefinite

Verbphrase, die ein Verbum finitumVerbum finitum = ein FinitumFinitum = eine PersonalformPersonalformFormPersonal- (▶ Nr. 6.2/29) enthält.

[Dass ich dich] sehen darf [, macht mich glücklich].

7.1/5 Infinite Verbphraseinfinite VerbphraseVerbphraseinfinite

Verbphrase, die kein Finitum enthält.

[Dich] zu sehen [(,) macht mir Freude].

[Nichts Böses] ahnend [(,) lief er ihr genau in die Arme].

[Am Ziel] angekommen [(,) machte sie vor Freude einen Luftsprung].

Typen von Verbphrasen nach der ModalisierungModalisierung:

7.1/6 Modalisierte Verbphrasemodalisierte VerbphraseVerbphrasemodalisierte

Verbphrase, die zusätzlich zum HauptverbHauptverb ein oder mehrere ModalitätsverbModalitätsverben enthält.

Sie wollte das Schauspiel genießen.

Sie schien das Schauspiel genießen zu wollen.

7.1/7 Nichtmodalisierte Verbphrasenichtmodalisierte VerbphraseVerbphrasenichtmodalisierte

Verbphrase, die nur eine Hauptverb-FormHauptverb-Form, aber nicht zusätzlich auch ein Modalitätsverb enthält.

… weil er geschlagen worden sein wird

7.1/8 NominalphraseNominalphrasePhraseNominal-

Zusammenfassende Bezeichnung für Substantivphrase und PronominalphrasePronominalphrase.

7.1/9 SubstantivphraseSubstantivphrasePhraseSubstantiv-

Phrase mit einem SubstantivSubstantiv als KernKern.

Minimale Substantivphrasen bestehen allein aus einem Substantiv:

Lothringer [lächelte].

[Er mag] Wein.

Komplexe Substantivphrasen enthalten über das Minimum hinaus weitere Elemente. – Hauptfälle:

 ArtikelphraseArtikelphraseDer Wein [war gut].Dieser Wein [war köstlich].[Es war einmal] ein König.

 Weitere Substantivphrasen, häufig im GenitivSubstantivphrase[die] Augen Tina Rotermunds[eine moderne] Version des Märchens vom Rotkäppchen[eine ausziehbare] Holzkonstruktion, eine Art Riesenzollstock

 AdjektivphraseAdjektivphrasePhraseAdjektiv-nspitze Hütekleine, runde Tische[ihr] schmales Gesicht[die] blonde junge Frau[den] von ihm zurechtgerückten Stuhl

 AdverbialphraseAdverbialphrasePhraseAdverbial-n[der] Ausflug gestern

 PräpositionalphrasePräpositionalphrasePhrasePräpositional-nLusine Schmuck von der Museumsgesellschaft

 Teilsatz-PhraseTeilsatz-PhrasePhraseTeilsatz--n in Form von NebensätzNebensatzSatzNeben-TeilsatzNebensatzen (vor allem RelativsätzRelativsatzSatzRelativ-e)[fluoreszierende] Linien, denen die beiden Männer und die Frau, die einen Doktorhut trug, zu folgen versuchten

 Teilsatz-Phrasen in Form von Infinitiv-TeilsätzInfinitiv-TeilsatzTeilsatzInfinitiv--en[die] Schwierigkeit, sie persönlich anzusprechen

Abgesehen von den Artikeln erfüllen diese Elemente die Rolle von AttributAttributen (▶ Nr. 7.3/3).

Das Substantiv kann ausfallen, wenn ein attributives Element vorhanden ist und aus den Umständen das Gemeinte eindeutig hervorgeht.

Welches Kleid nimmst du? – Das grüne.

Er kennt zwei Kosmetikerinnen, eine blonde und eine brünette.

Wir haben jeden Tag einen anderen Wein probiert. Der gestern hatte etwas viel Schwefel.

Man spricht dann von SubstantivellipseEllipse (▶ Nr. 7.6/17) und behandelt die Phrase als verkürzte Substantivphraseverkürzte SubstantivphraseSubstantivphraseverkürzte. – Anders verhält es sich, wenn ein Substantiv als KernKern einer Substantivphrase oder eine ganze Substantivphrase elliptisch ausfällt: Dann muss ein EllipsenpronomenEllipsenpronomenPronomenEllipsen- (▶ Nr. 6.5/9) in einer Pronominalphrase (▶ Nr. 7.1/10) an ihre Stelle treten:

Sie fährt ein französisches Auto, und er fährt auch ein(e)s.

Sie fährt ein französisches Auto, und er fährt auch so ein(e)s.

Er besitzt tausend CDs, und ich habe auch welche.

Früchte des Apfelbaums heißen Äpfel, solche des Birnbaums Birnen.

Substantivphrasen stehen in der 3.PersonPerson. Sie stehen in der 3.Person Singular, wenn sie ein Substantiv im SingularSingular enthalten. Sie stehen im Allgemeinen in der 3.Person PluralPlural, wenn sie ein Substantiv im Plural enthalten oder aus einer kopulativkopulative VerbindungVerbindungkopulativeen Verbindung (▶ Nr. 6.10/1) von Substantivphrasen im Singular oder Plural bestehen.

Der Mann schweigt. Man könnte ihn vieles fragen und er könnte vieles sagen.

Die Männer schweigen. Man könnte sie vieles fragen und sie könnten vieles sagen.

Der alte Mann und das Kind schweigen. Man könnte sie vieles fragen und sie könnten vieles sagen.

7.1/10 PronominalphrasePronominalphrasePhrasePronominal-

Phrase mit einem PronomenPronomen als KernKern.

Minimale Pronominalphrasen bestehen allein aus einem Pronomen:

ich, alle, denen

Komplexe Pronominalphrasen enthalten darüber hinaus weitere Elemente. – Hauptfälle:

 SubstantivphraseSubstantivphraseIhr bösen Kinder

 Pronominalphraseich selber

 AdjektivphraseAdjektivphrasePhraseAdjektiv-etwas Schönes, nichts Gutes

 Teilsatz-PhraseTeilsatz-PhrasePhraseTeilsatz-- in Form eines NebensatzNebensatzSatzNeben-TeilsatzNebensatzesich, der ich immer nur dein Bestes wollte

Pronominalphrasen mit PersonalpronominaPersonalpronomenPronomenPersonal- (▶ Nr. 6.5/1) stehen in der PersonPerson des jeweiligen Personalpronomens (1.Pers. Sing. bzw. Pl.: ich, wir, 2.Pers. Sing. bzw. Pl.: du, ihr, 3.Pers. Sing. bzw. Pl.: er/sie/es, sie (Sie)). Bei kopulativen Verbindungen (▶ Nr. 6.10/1) von singularSingularischen Personalpronomina der 3.Person stehen sie in der 3.Person PluralPlural:

Er und sie kommen.

7.1/11 ArtikelphraseArtikelphrasePhraseArtikel-

Phrase aus einem oder mehreren ArtikelArtikeln.

der [alte Mann]

ein [alter Mann]

diese meine [Frau]

[in] diesem unserem [Lande]

7.1/12 AdjektivphraseAdjektivphrasePhraseAdjektiv-

Phrase mit einem AdjektivAdjektiv oder einem Adjektiv-PartizipAdjektiv-PartizipPartizipAdjektiv-- als KernKern.

Minimale Adjektivphrasen bestehen allein aus einem (primärenprimäres AdjektivAdjektivprimäres oder sekundärensekundäres AdjektivAdjektivsekundäres) Adjektiv oder einem Adjektiv-PartizipAdjektiv-PartizipPartizipAdjektiv-- (okkasionelles AdjektivokkasionellAdjektivAdjektivokkasionelles, vor ▶ Abschnitt 6.6.1):

[der] alte [Mann] (primäres Adjektiv)

[Der Mann ist] alt .

[das] reizende [Mädchen] (sekundäres Adjektiv)

[Das Mädchen ist] reizend .

[der] verrückte [Professor]

[Der Professor ist] verrückt .

[der] lachende [Vagabund] (Adjektiv-Partizip)

[die] geraubte [Braut]

Komplexe Adjektivphrasen enthalten über das Minimum hinaus weitere Elemente. – Hauptfälle:

 SubstantivphraseSubstantivphrasen[der] den Alkohol gewohnte [Greis]

 PräpositionalphrasePräpositionalphrasen[der] auf seine Kinder stolze [Vater]

 PartikelphrasePartikelphrasen[der] zu dumme [Knabe][Er ist] zu dumm.

 Teilsatz-PhraseTeilsatz-Phrasen in Form von NebensätzNebensatzTeilsatzNebensatzSatzNeben-en[Er ist noch] dümmer, als man immer gedacht hatte.

7.1/13 AdverbialphraseAdverbialphrasePhraseAdverbial-

Phrase mit einem AdverbAdverb als KernKern.

Minimale Adverbialphrasen bestehen allein aus einem Adverb:

hier, deshalb

Komplexe Adverbialphrasen enthalten darüber hinaus Elemente aus unterschiedlichen Wortarten. – Hauptfälle:

genau dort, knapp dahinter, steil aufwärts, genau dann, ganz genauso, wann etwa, wie oft, wie lange

7.1/14 PartikelphrasePartikelphrasePhrasePartikel-

Phrase aus einer oder mehreren PartikelPartikeln.

[Was willst du] denn?

[Was willst du] denn eigentlich?

[Was willst du] denn nun eigentlich?

7.1/15 PräpositionalphrasePräpositionalphrasePhrasePräpositional-

Phrase aus PräpositionPräposition + NominalphraseNominalphrasePhraseNominal-, Präposition + AdjektivphraseAdjektivphrasePhraseAdjektiv-, PräpositionPräposition + AdverbialphraseAdverbialphrasePhraseAdverbial- oder Präposition + PräpositionalphrasePräpositionalphrase.

an der Mauer, an ihr

[Er hält mich] für dumm.

seit gestern, seit wann

bis an den Rand, außer im Gelände

7.1/16 KonjunktionalphraseKonjunktionalphrasePhraseKonjunktional-

Phrase aus KonjunktionKonjunktion + Teilsatz-Phrase oder Konjunktion als/wie + NominalphraseNominalphrase oder Teilsatz-Phrase oder AdjektivphraseAdjektivphrase.

[Ich ahne,] dass du schlechte Karten hast.

[Er gilt] als dumm.

[Er steht da] wie blöd.

[Er ist dümmer,] als wir immer gedacht hatten.

[Wir sind dümmer] als er.

7.1/17 InterjektionalphraseInterjektionalphrasePhraseInterjektional-

Phrase aus einer oder mehreren InterjektionInterjektionen.

ach, oh, herrje, o ja, ach herrje

7.1/18 Teilsatz-PhraseTeilsatz-PhrasePhraseTeilsatz--

Unselbstständige satzförmige Phrase als Teil eines Satzes = eines GanzsatzGanzsatzSatzGanz-es. Nach der Gestaltung des PrädikatPrädikats der Teilsatz-PhraseTeilsatz-Phrase wird unterschieden zwischen NebensatzNebensatzTeilsatzNebensatzSatzNeben-, Infinitiv-Teilsatz = Infinitivsatz und Partizip-Teilsatz = Partizipialsatz.

7.1/19 NebensatzNebensatzSatzNeben-TeilsatzNebensatz

Teilsatz-Phrase mit einer finiten Verbphrasefinite VerbphraseVerbphrasefinite (▶ Nr. 7.1/4) als PrädikatPrädikat = mit einem finiten Prädikatfinites PrädikatPrädikatfinites.

7.1/20 Infinitiv-TeilsatzInfinitiv-TeilsatzTeilsatzInfinitiv-- = InfinitivsatzInfinitivsatzSatzInfinitiv- = InfinitivgruppeInfinitivgruppeGruppeInfinitiv-

Teilsatz-PhraseTeilsatz-PhraseTeilsatzSatzTeil-, die aus einem satzartigen Gebilde ohne SubjektSubjekt mit einer Verbphraseinfinite VerbphraseVerbphraseinfinite im InfinitivInfinitiv mit oder ohne zu als PrädikatPrädikat (▶ Nr. 7.1/5) und ggf. weiteren SatzteilSatzteilen besteht. Wenn weitere Satzteile hinzutreten, liegt ein »erweiterter Infinitiverweiterter InfinitivInfinitiverweiterter« vor. Zur KommasetzungKommasetzung ▶ Abschnitt 9.3.4.

Ein guter Christ sein heißt nicht(,) jeden Sonntag in die Kirche zu gehen.

Mir blieb nichts übrig, als abzuwarten.

Ohne ein Wort zu sagen, ging sie davon.

Fleißig zu kopieren(,) war die Pflicht eines jeden Dozenten.

Fleißig zu kopieren, das war die Pflicht eines jeden Dozenten.

Sie hoffte(,) Rom besuchen zu können.

Er hasst es(,) zu waschen.

Er hasst es, Hemden zu waschen.

Die Aussicht, dich dort zu treffen, beflügelt mich.

Die Aussicht(,) zu heiraten(,) ängstigte ihn.

stolz(,) diese Leistung vollbracht zu haben

7.1/21 Partizip-TeilsatzPartizip-TeilsatzTeilsatzPartizip-- = PartizipialsatzPartizipialsatzSatzPartizipial- = PartizipgruppePartizipgruppeGruppePartizip-

Teilsatz-PhraseTeilsatz-Phrase, die aus einem satzartigen Gebilde ohne SubjektSubjekt mit einer infiniten Verbphraseinfinite Verbphrase im Partizip IPartizip I oder Partizip IIII = Partizip PräsensPartizip Präsens oder Partizip PerfektPerfekt als PrädikatPrädikat und ggf. weiteren SatzteilSatzteilen besteht. Zur KommasetzungKommasetzung ▶ Abschnitt 9.3.4.

Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt(,) lass uns dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland.

Ihren Gedanken nachhängend(,) gingen alle zu Bett.

Die in Infinitiv-TeilsatzInfinitiv- und Partizip-Teilsatz-Phrasen fehlenden, gleichwohl mitverstandenen Subjekte können als verdecktverdecktes SubjektSubjektverdecktese oder virtuellvirtuelles SubjektSubjektvirtuellese Subjekte bezeichnet werden.

Bei allen drei Sorten von Teilsatz-PhrasenTeilsatz-Phrase können folgende Typen unterschieden werden:

Typen von Teilsatz-PhrasenTeilsatz-Phrase nach der SatzformSatzformTeilsatz-PhraseFormSatz-Teilsatz-PhraseSatzform:

 Verb-Erst-Teilsatz-PhrasenVerb-Erst-Teilsatz-PhraseTeilsatz-PhraseVerb-Erst-- (▶ Nr. 7.4/1)Tust du das noch einmal, [geht es dir schlecht].Erwacht vom erquickenden Schlaf, [macht er sich munter von dannen].

 Verb-Zweit-Teilsatz-PhrasenVerb-Zweit-Teilsatz-PhraseTeilsatz-PhraseVerb-Zweit-- (▶ Nr. 7.4/2)[Ich nehme an,] du bleibst hier.

 Verb-Letzt-Teilsatz-PhrasenVerb-Letzt-Teilsatz-PhraseTeilsatz-PhraseVerb-Letzt-- (▶ Nr. 7.4/3)Wenn du das noch einmal tust, [geht es dir schlecht].[Ich nehme an,] dass du hier bleibst.[Hunde,] die dauernd bellen, [beißen nicht].Dich dort zu treffen, wäre mein höchstes Glück.

Typen von Teilsatz-PhrasenTeilsatz-Phrase nach der EinleitungTeilsatz-PhraseEinleitungEinleitung (Teilsatz-Phrase):

 eingeleitete Teilsatz-Phraseeingeleitete Teilsatz-PhraseTeilsatz-Phraseeingeleitete[ Ich nehme an,] dass du hier bleibst (KonjunktionKonjunktion).[ Ich bin mir nicht sicher,] ob er bleibt (KonjunktionKonjunktion).[ Ich weiß nicht genau,] wann der Zug eintrifft (KonjunktionaladverbKonjunktionaladverbAdverbKonjunktional-).[Hunde,] die beißen, [bellen nicht] (RelativpronomenRelativpronomenPronomenRelativ-).Statt mich dauernd zu stören, [solltest du dir lieber selber eine Arbeit suchen] (InfinitivkonjunktionInfinitivkonjunktionKonjunktionInfinitiv-).

 uneingeleitete Teilsatz-Phraseuneingeleitete Teilsatz-PhraseTeilsatz-Phraseuneingeleitete∅ Tust du das noch einmal, [geht es dir schlecht].[Ich nehme an,] ∅ du bleibst hier.

Typen von Teilsatz-Phrasen nach der StellungStellungTeilsatzTeilsatz-PhraseStellung relativ zum TrägersatzTrägersatzSatzTräger-:

 vorangestellte Teilsatz-Phrasevorangestellte Teilsatz-PhraseTeilsatz-Phrasevorangestellte = VordersatzVordersatzSatzVorder-Wenn du das noch einmal tust, [geht es dir schlecht].In der Herberge angekommen, [stürzten alle zum Fernseher].

 zwischengestellte Teilsatz-Phrasezwischengestellte Teilsatz-PhraseTeilsatz-Phrasezwischengestellte = ZwischensatzZwischensatzSatzZwischen-[Er hat sich,] weil er davon nichts erfahren hatte, [sehr geärgert].[Hunde,] die beißen, [bellen nicht].

 nachgestellte Teilsatz-Phrasenachgestellte Teilsatz-PhraseTeilsatz-Phrasenachgestellte = NachsatzNachsatzSatzNach-[Ich nehme an,] du bleibst hier.[Wir hoffen,] Sie bald bei uns begrüßen zu dürfen.

Zu Untergruppen der Teilsatz-Phrasen hinsichtlich Funktion und Inhalt s. unten Abschnitt nach ▶ Nr. 7.6/8.

SatzkonstituenteSatzkonstituenteKonstituenteSatz-n, SatzteilSatzteilTeilSatz-e, PhrasenteilPhrasenteilTeilPhrasen-e

Wenn wir die Funktion von Phrasen als Bauelemente des Satzes und die Rolle, die sie im Satz spielen, in den Blick nehmen, betrachten wir sie als Satzkonstituenten. Phrasen können entweder unmittelbare Konstituenteunmittelbare KonstituenteKonstituenteunmittelbaren eines Satzes = Satzteile sein (PrädikatPrädikat, SubjektSubjekt, ObjektObjekt usw.), oder sie fungieren als Teile solcher Satzteile und sind damit nur mittelbare Konstituentemittelbare KonstituenteKonstituentemittelbaren des Satzes. Wir bezeichnen sie dann als PhrasenteilPhrasenteile (auch der Terminus »GliedteilGliedteilTeilGlied-« wird hierfür gelegentlich verwendet). So spielt etwa die SubstantivphraseSubstantivphrasePhraseSubstantiv- der Geschehnisse in einem Satz wie Wir erinnerten uns der Geschehnisse die Rolle eines GenitivobjektGenitivobjektObjektGenitiv-s, während dieselbe Phrase in einem Satz wie Die Abfolge der Geschehnisse war nicht voraussehbar die Rolle eines AttributAttributs (und zwar im Subjekt dieses Satzes: die Abfolge der Geschehnisse) spielt. Im ersten Fall ist die Phrase der Geschehnisse SatzteilSatzteil und unmittelbare Konstituente des Satzes, im zweiten Fall ist sie PhrasenteilPhrasenteil (also als Phrase Teil einer größeren Phrase); sie ist damit bloß mittelbare Konstituente des Satzes. – Schematisch:SatzkonstituentePhrasenteil


Satzteile können selber die Form von satzartigen Gebilden haben und als Teilsatz-Phrasen erscheinen (▶ Nr. 7.1/18). Sie bestehen dann ihrerseits aus Satzteilen, die aber nicht unmittelbare, sondern nur mittelbare Konstituenten des (Ganz-)Satzes sind.

7.2 SatzteilSatzteilTeilSatz-e

Übersicht 10 – SatzteilePrädikatPrädikativumPrädikatszusatzZusatzPrädikats-PrädikatserweiterungErweiterungPrädikats-ObjektAgensbestimmungBestimmungAgens-GliedSatz-UmstandsbestimmungBestimmungUmstands-SatzgliedInfinitivkomplementKomplementInfinitiv-AbsolutelementElementAbsolut-SatzbestimmungBestimmungSatz-KorrelatParentheseSatzverknüpfungVerknüpfungSatz-


7.2.1 Prädikat

7.2/1 PrädikatPrädikat

Die VerbphraseVerbphrasePhraseVerb- eines Satzes oder eines Teilsatzes, gegebenenfalls einschließlich eines PrädikatszusatzPrädikatszusatzZusatzPrädikats-es, das heißt eines Prädikativums = Prädikatsnomens oder einer PrädikatserweiterungPrädikatserweiterungErweiterungPrädikats-. Die Verbphrase wird dann auch als PrädikatskernPrädikatskernKernPrädikats- bezeichnet.

das Prädikat, des Prädikats, die Prädikate (Betonung auf -ka(t)-)

7.2/2 PrädikativumPrädikativum = PrädikativPrädikativ = PrädikatsnomenPrädikatsnomenNomenPrädikats-

PrädikatszusatzPrädikatszusatz bei KopulaverbKopulaverbVerbKopula-en wie sein, bleiben, werden, scheinen und bei einigen VollverbVollverbVerbVoll-en bzw. GefügeverbGefügeverbVerbGefüge-en wie gelten, sich erweisen, mit dem adjektivisch oder substantivisch eine Eigenschaft der Bezugsgröße (DenotatDenotat des SubjektsSubjekt oder eines ObjektsObjekt; ▶ Nr. 2.2/7) benannt oder seine Zugehörigkeit zu einer Kategorie angegeben wird; durch Was …?, Wie …?, Als was …? u.Ä. erfragbar.

 AdjektivphraseAdjektivphrasePhraseAdjektiv-Er ist stolz.Er ist sehr stolz auf seine Kinder.Sie ist dünner, als man immer gedacht hatte.Er scheint gesund.

 SubstantivphraseSubstantivphrasePhraseSubstantiv-Sie ist eine kräftige, rotblonde Person.Sie wird Lehrerin.Er bleibt Maurer.Ich nenne dich einen schlechten Ratgeber.

 KonjunktionalphraseKonjunktionalphrasePhraseKonjunktional- aus als + AdjektivphraseAdjektivphrasePhraseAdjektiv-Der Wein erwies sich als sauer.Dieser Lehrer gilt als schwierig.

 Konjunktionalphrase aus als + SubstantivphraseSubstantivphraseEr gilt als der beste Trainer.Er erwies sich als ein Aufschneider.Man enttarnte ihn als einen Heiratsschwindler.

 KonjunktionalphraseKonjunktionalphrase aus wie + SubstantivphraseSubstantivphraseStets war sie ihm wie eins dieser Exponate erschienen, die nur für bestimmte Zeiten sichtbar wurden und im Übrigen fest zur Eingangshalle des Museums gehörten.

 AdverbialphraseAdverbialphrasePhraseAdverbial-Er ist kurz davor durchzudrehen.

 Teilsatz-PhraseTeilsatz-PhrasePhraseTeilsatz-- in Form eines NebensatzNebensatzSatzNeben-TeilsatzNebensatzesEr ist geblieben, was er immer war.

das PrädikativumPrädikativum, des Prädikativums, die Prädikativa (Betonung auf ‑ti-)

das Prädikativ, des Prädikativs, die Prädikative (Betonung auf -ti(v)-)

das Prädikatsnomen, des Prädikatsnomens, die Prädikatsnomina od. PrädikatsnomenPrädikatsnomen

7.2/3 PrädikatserweiterungPrädikatserweiterungErweiterungPrädikats-

Zusatz zu einem GefügeverbGefügeverbVerbGefüge- (▶ Nr. 6.2/4) bzw. einem GefügeadjektivGefügeadjektivAdjektivGefüge- (▶ Nr. 6.6/10) als Prädikatsbestandteil; nicht erfragbar.

Er muss ihn um die Ecke gebracht haben.

Mach bitte kein Aufhebens davon.

Reg dich nicht auf.

Morgen wird es wohl wieder regnen.

Bring endlich den Motor in Gang.

Morgen wird es wohl wieder regnerisch sein.

7.2/4 Rein verbales Prädikatrein verbales PrädikatPrädikatrein verbales = Vollverb-PrädikatVollverb-PrädikatPrädikatVollverb--

Prädikat, das als HauptverbHauptverbVerbHaupt- bloß ein VollverbVollverbVerbVoll- (▶ Nr. 6.2/2), aber keine PrädikatszusätzPrädikatszusatze enthält.

Lothringer lächelte.

Lothringer dürfte belächelt worden sein.

7.2/5 Gemischtes PrädikatgemischtPrädikatPrädikatgemischtes

Prädikat, das zusätzlich zum HauptverbHauptverb einen PrädikatszusatzPrädikatszusatzZusatzPrädikats- (ein PrädikativumPrädikativum = ein PrädikatsnomenPrädikatsnomenNomenPrädikats- oder eine PrädikatserweiterungPrädikatserweiterungErweiterungPrädikats-, ▶ Nr. 7.2/2 und Nr. 7.2/3) enthält.

In gemischten Prädikaten kann der verbale Teil als PrädikatskernPrädikatskernKernPrädikats- bezeichnet werden (die einfach unterstrichenen Teile der folgenden Beispielsätze):

Ich bin müde.

Ich bin es leid.

Er wird sich geschämt haben.

Es regnet.

7.2/6 Finiter Prädikatsteilfiniter PrädikatsteilPrädikatsteilfiniter

Der nach PersonPerson und NumerusNumerus (sowie TempusTempus, ModusModus, DiatheseDiathese = Genus VerbiGenus Verbi) bestimmte Teil des Prädikats: das FinitumFinitum = Verbum finitumVerbum finitum = PersonalformPersonalformFormPersonal- (▶ Nr. 6.2/29).

Hauptfälle:

 finite Verbform einer einteiligen Verbphraseeinteilige VerbphraseVerbphraseeinteiligeLothringer lächelte.Als sie ihren Ordner zuschlug …

 finiter Stamm eines trennbartrennbar (Verb)Verbtrennbaresen Verbs mit VerbzusatzVerbzusatzZusatzVerb- in diskontinuierlicher Stellungdiskontinuierliche Stellung (Verb)Stellungdiskontinuierliche (Verb)Sie schlug ihren Ordner zu.Er hörte unvermittelt zu reden auf.

 finiter Teil einer zusammengesetzten Verbformzusammengesetzte VerbformVerbformzusammengesetzteLothringer hatte sich mit ihr verabredet.Weil er sich mit ihr verabredet hatte …

 finite ModalitätsverbModalitätsverbVerbModalitäts--FormSie schien das Schauspiel zu genießen.Er hatte fürchten müssen, sie könnte Sekt bestellen.

Als PrädikatsverbandPrädikatsverbandVerbandPrädikats- bezeichnet werden alle Teile eines Satzes abzüglich des Subjekts:

Der Handelsvertreter [SubjektSubjekt] liebt [PrädikatPrädikat] seinen Beruf [ObjektObjekt] wirklich [SatzbestimmungSatzbestimmungBestimmungSatz-] über alles [UmstandsbestimmungUmstandsbestimmungBestimmungUmstands-]

Der Richter [Subjekt] macht [PrädikatskernPrädikatskernKernPrädikats-] davon [Objekt] kein Aufhebens [PrädikatszusatzPrädikatszusatzZusatzPrädikats-]

Der Vater [Subjekt] ist [Prädikatskern, finitfiniter Teil] stolz [PrädikatszusatzPrädikatszusatz] auf seine Tochter [Objekt] gewesen [Prädikatskern, infinitinfiniter Teil]

(Zu SubjektSubjekt, ObjektObjekt, UmstandsbestimmungUmstandsbestimmung, SatzbestimmungSatzbestimmung ▶ Nr. 7.2/8, 7.2/9, 7.2/14 bzw. 7.2/16.)

7.2.2 Satzglied

7.2/7 SatzgliedSatzgliedGliedSatz-er

Neben dem PrädikatPrädikat die Grundelemente, aus denen Sätze aufgebaut sind; PhrasePhrasen, die im Satz eine bestimmte Rolle ausfüllen, wobei das PrädikatPrädikat steuert, welche Rolle dies ist und wie viele und welche Satzglieder benötigt oder zugelassen werden (ValenzValenz, ▶ Nr. 6.1/12).

Gleich gebaute Phrasen können unterschiedliche Satzgliedrollen spielen; zum Beispiel ist die PräpositionalphrasePräpositionalphrasePhrasePräpositional- an den Tisch im ersten Satz UmstandsbestimmungUmstandsbestimmungBestimmungUmstands-, im zweiten PräpositionalobjektPräpositionalobjektObjektPräpositional-:

Sie setzte sich an den Tisch.

Sie dachte an den Tisch.

Bei der Identifizierung von Satzgliedern und bei der Bestimmung ihrer Rollen in einem konkret vorliegenden Satz können zwei ProbeProben oder Tests hilfreich sein: der FragetestFragetestTestFrage- = die BestimmungsfrageBestimmungsfrageFrageBestimmungs-Erfragbarkeit (die immer das PrädikatsverbPrädikatsverbVerbPrädikats- oder das PrädikatsadjektivPrädikatsadjektivAdjektivPrädikats- enthalten muss) und der AnaphorisierungstestAnaphorisierungstestTestAnaphorisierungs- als besondere Form der ErsatzprobeErsatzprobeProbeErsatz- (AnaphorisierungAnaphorisierungAnaphorisierbarkeit: ErsetzungErsetzbarkeit einer komplexen Phrase durch eine AnapherAnapher = ein ProwortProwortWortPro-, z. B. Ersetzung einer SubstantivphraseSubstantivphrasePhraseSubstantiv- durch ein PronomenPronomen: der Tisch : er, den neuen Tisch : ihn).

Satzglieder haben ihre eigenen Erfragungs- und Anaphorisierungsweisen, die bei den folgenden Definitionen jeweils genannt werden. Im Vorgriff ein Beispiel: Die Phrase an den Tisch ist im ersten Satz oben durch Wohin …? (Wohin setzte sie sich?) erfragbar (»Antwort«: [Sie setzte sich] an den Tisch) und durch das ProadverbProadverbAdverbPro- dorthin (▶ Nr. 6.7/15) anaphorisierbar: [Sie setzte sich] dorthin. Die Phrase an den Tisch fungiert demnach als UmstandsbestimmungUmstandsbestimmungBestimmungUmstands- (der Richtung – ▶ Nr. 7.2/14). Im zweiten Satz dagegen ist diese Phrase nicht durch Wohin …?, sondern durch Woran …? erfragbar (Woran dachte sie? – Antwort: [Sie dachte] an den Tisch); sie ist nicht durch dorthin, sondern durch das PräpositionaladverbPräpositionaladverbAdverbPräpositional- daran (vgl. oben Nr. 6.7/16) anaphorisierbar: [Sie dachte] daran. Die Phrase an den Tisch erweist sich damit als PräpositionalobjektPräpositionalobjektObjektPräpositional- (▶ Nr. 7.2/13).

Die Tests lassen sich nicht in jedem konkreten Fall durchführen. So ist etwa in einem FragesatzFragesatzSatzFrage- wie Wer hat die Frauen eingeladen? das SubjektSubjekt wer nicht erfragbar (weil es selbst schon als FragepronomenFragepronomenPronomenFrage- erscheint). In einem Satz mit pronominalem SubjektSubjekt und ObjektObjekt wie Er hat ihn eingeladen ist eine Anaphorisierung ausgeschlossen. Es werden dann zusätzliche Kriterien relevant (wie die Tatsache, dass wer und er im KasusKasus NominativNominativ stehen und damit typische Subjektseigenschaften haben [ihn dagegen steht im Kasus AkkusativAkkusativ, typisch für AkkusativobjektAkkusativobjektObjektAkkusativ-], dass Übereinstimmung = KongruenzKongruenz in Person und NumerusNumerus zwischen wer bzw. er und dem finiten Prädikatsteil herrscht [typisch für Subjekt] usw.).

Satzglieder können unterschiedlich gebaut sein. So kann etwa ein Subjekt die Form einer SubstantivphraseSubstantivphrasePhraseSubstantiv-, einer PronominalphrasePronominalphrasePhrasePronominal- oder einer Teilsatz-PhraseTeilsatz-PhrasePhraseTeilsatz-- in Form eines NebensatzNebensatzSatzNeben-TeilsatzNebensatzes oder eines Infinitiv-TeilsatzInfinitiv-TeilsatzTeilsatzInfinitiv--es haben:

Die junge Frau saß an einem Tisch auf der Terrasse.

Sie saß …

Wer immer es wollte, saß …

Dort zu sitzen machte ihm Freude.

Satzglieder lassen sich danach unterscheiden, ob sie von der ValenzValenz des Prädikats gefordert werden oder ob sie lediglich zugelassen sind. Im ersten Fall spricht man von ErgänzungErgänzungen, im zweiten Fall von AngabeAngaben. Ergänzungen können weggelassen werden, wenn sie sich aus dem Zusammenhang ergeben und das betreffende Verb bzw. Adjektiv die Weglassung zulässt (▶ Nr. 6.1/12 bis Nr. 6.1/14).

Übersicht 11 – SatzgliederSubjektAkkusativobjektObjektAkkusativ-ObjektDativobjektObjektDativ-GenitivobjektObjektGenitiv-PräpositionalobjektObjektPräpositional-AgensbestimmungBestimmungAgens-LokalbestimmungBestimmungLokal-UmstandsbestimmungOrtBestimmungOrts-DirektionalbestimmungBestimmungDirektional-TemporalbestimmungBestimmungTemporal-UmstandsbestimmungZeitBestimmungZeit-DurativbestimmungBestimmungDurativ-FrequentativbestimmungBestimmungFrequentativ-SatzgliedGliedSatz-ModalbestimmungBestimmungModal-UmstandsbestimmungArt und WeiseBestimmungArt und WeiseInstrumentalbestimmungBestimmungInstrumental-KomitativbestimmungBestimmungKomitativ-UmstandsbestimmungBestimmungUmstands-KausalbestimmungBestimmungKausal-KonsekutivbestimmungBestimmungKonsekutiv-UmstandsbestimmungGrundBestimmungGrundKonditionalbestimmungBestimmungKonditional-KonzessivbestimmungBestimmungKonzessiv-FinalbestimmungBestimmungFinal-MaßbestimmungBestimmungMaß-MaterialbestimmungBestimmungMaterial-VergleichsbestimmungBestimmungVergleichs-ProportionalbestimmungBestimmungProportional-RestriktivbestimmungBestimmungRestriktiv-InfinitivkomplementKomplementInfinitiv-AbsolutelementElementAbsolut-GradbestimmungBestimmungGrad-


7.2/8 SubjektSubjekt

Satzglied, das durch Wer …? oder Was …? erfragbar und durch PronominaPronomen wie er/sie/es, dieser/diese/dieses usw. anaphorisierbarAnaphorisierbarkeit ist; in PersonPerson und NumerusNumerus kongruentKongruenz (= übereinstimmend) mit dem FinitumFinitum des PrädikatPrädikats = mit dem finiten Prädikatsteilfiniter PrädikatsteilPrädikatsteilfiniter (▶ Nr. 7.2/6).

Typische Ausdrucksformen:

 SubstantivphraseSubstantivphrasePhraseSubstantiv- im NominativNominativDer Beamte lächelte.[An dem Tag,] an dem sich Felix Lothringer mit der Dame von der Museumsgesellschaft endlich verabredet hatte [, lernte er noch eine andere Frau kennen].Die junge Frau saß an einem der kleinen runden Tische auf der Terrasse.Die Nacht war tief und blau und glitzernd.

 PronominalphrasePronominalphrasePhrasePronominal- im NominativNominativEr sagte “Hallo“.Wir blöden Hammel machen die Arbeit der anderen.Das sind doch bloß Widersprüche![Felix Lothringer,] der sonst empfindlich war [, lächelte nur].

 Teilsatz-PhraseTeilsatz-PhrasePhraseTeilsatz-- in Form eines NebensatzNebensatzSatzNeben-TeilsatzNebensatzesWas nicht gefunden wird, bleibt verschwunden.Ihm fiel auf, dass der dicke Umschlag über die Länge eines ganzen Satzes in ihrer beider Hände lag.

 Teilsatz-PhraseTeilsatz-Phrase in Form eines Infinitiv-TeilsatzInfinitiv-TeilsatzTeilsatzInfinitiv--esFair zu verlieren(,) will gelernt sein.Es überraschte ihn, Frau Lusine Schmuck im Sekretariat anzutreffen.

Zu PseudosubjektPseudosubjekten = FormsubjektenFormsubjekt = formalen Subjektenformales SubjektSubjektformalesSubjektPseudo-SubjektForm- (wie in Es regnete) ▶ Nr. 6.2/5, zu KorrelatKorrelaten wie das es im letzten Beispielsatz ▶ Nr. 7.2/17.

Subjekte stehen in der 1. bzw. 2.PersonPerson, wenn sie aus PronominalphrasePronominalphrasen mit PersonalpronominaPersonalpronomenPronomenPersonal- der 1. oder 2.Person SingularSingular oder PluralPlural (ich, du, wir, ihr) gebildet sind. Sie stehen in der 3.Person, wenn sie aus PronominalphrasePronominalphrasen mit Personalpronomina der 3.Person Singular oder Plural (er/sie/es, sie (Sie)) oder aus Pronominalphrasen mit einem anderen Pronomen (z. B. dieser/diese/dieses, unsereins) oder einer SubstantivphraseSubstantivphrasePhraseSubstantiv- gebildet sind (▶ Nr. 7.1/9 und Nr. 7.1/10).

das Subjekt, des Subjekts, die SubjektSubjekte (Betonung auf -jek(t)-, häufig auch auf Sub-)

7.2/9 ObjektObjekt

Zusammenfassende Bezeichnung für AkkusativobjektAkkusativobjektObjektAkkusativ-, DativobjektDativobjektObjektDativ-, GenitivobjektGenitivobjektObjektGenitiv- und PräpositionalobjektPräpositionalobjektObjektPräpositional-.

das Objekt, des Objekts, die Objekte (Betonung auf -jek(t)-, häufig auch auf Ob-)

7.2/10 AkkusativobjektAkkusativobjektObjektAkkusativ-

Satzglied, das durch Wen …? oder Was …? erfragbarErfragbarkeit und durch PronominaPronomen wie ihn/sie/es, diesen/diese/dieses usw. anaphorisierbarAnaphorisierbarkeit ist.

Typische Ausdrucksformen:

 SubstantivphraseSubstantivphrasePhraseSubstantiv- im AkkusativAkkusativSie durchforstete einen Stapel Fotokopien.Als die junge Frau ihren Ordner zuschlug [und ging, saß er noch immer da].Lothringer sah nicht die sich wie bunte Faschingsschlangen entrollenden Kringel, die willkürlich und unvorhersehbar aus dem Nichts auftauchten und deren sprunghaft verwirbelte Formen zeigten, dass die Einlaufphase noch nicht abgeschlossen war. (S. auch unten die Bemerkung am Ende von ▶ Abschnitt 7.7.)Ich bin die Sache leid.

 PronominalphrasePronominalphrasePhrasePronominal- im Akkusativ[Sie nahm ihre zerlesene Zeitung und] hielt sie ihm vors Gesicht.

 Teilsatz-PhraseTeilsatz-Phrase in Form eines NebensatzNebensatzTeilsatzNebensatzSatzNeben-esFelix erfuhr, dass auch bei den Volkswirten wegen überfüllter Seminare und fehlender beruflicher Perspektiven gestreikt wurde.

 Teilsatz-Phrase in Form eines Infinitiv-TeilsatzInfinitiv-TeilsatzTeilsatzInfinitiv--esEr versprach ihnen, das Fehlende schnellstens nachzuliefern.

Spezialfälle:

 Inneres Objektinneres ObjektObjektinneres = Akkusativobjekt des InhaltsAkkusativ(-Objekt) des Inhalts – Objekt, in dessen Substantiv der Verbinhalt wiederholt wirdEr träumte einen wirren Traum.Sie spielt mit ihm ein schäbiges Spiel.Er grub sich eine Grube.Sie tanzten einen wilden Tanz.Er starb einen schönen Tod.

 A. c. I.ObjektA. c. I.A. c. I. = Accusativus cum InfinitivoAccusativus cum Infinitivo = Akkusativ-mit-Infinitiv-KonstruktionAkkusativ-mit-Infinitiv-KonstruktionKonstruktionAkkusativ-mit-Infinitiv-- – Infinitiv-TeilsatzInfinitiv-Teilsatz als AkkusativobjektAkkusativobjektObjektAkkusativ-, in dem neben dem InfinitiTeilsatzInfinitiv--Infinitivv als PrädikatPrädikat eine SubstantivphrasePhraseSubstantiv-Substantiv- oder PronominalphrasePronominalphrasePhrasePronominal-, die als Subjekt zu verstehen ist, stehtSie sah ihn sich den Hals waschen :Sie sah, wie er (Subjekt) sich den Hals wusch (Prädikat)Er hat den Hahn krähen hören :Er hat gehört, dass/wie der Hahn (Subjekt) krähte (Prädikat)Er wollte den Terminnicht platzen lassen .

Mit dem A. c. I. verbunden werden Verben der SinneswahrnehmungVerbSinneswahrnehmung (= Verba SentiendiVerbum SentiendiVerbVerbum Sentiendi), das Verb lassen sowie einige weitere Verben. In analytischen TemporaTempusanalytisches (▶ Nr. 6.2/23) wird statt des Partizips IIPartizip II (gehört) der Infinitiv (hören), der sogenannte ErsatzinfinitivErsatzinfinitivInfinitivErsatz-, verwendet (▶ Nr. 6.2/20).

das Verbum Sentiendi, des Verbum Sentiendi, die Verba Sentiendi (Bet. auf -tien-)

Das Akkusativobjekt wird auch als direktes Objektdirektes ObjektObjektdirektes bezeichnet, die im Folgenden aufgeführten Objekte als indirekte Objekteindirektes ObjektObjektindirektes.

7.2/11 DativobjektDativobjektObjektDativ-

Satzglied, das durch Wem …? erfragbarErfragbarkeit und durch PronominaPronomen wie ihm /ihr/ ihnen, diesem/dieser/diesen usw. anaphorisierbarAnaphorisierbarkeit ist.

Typische Ausdrucksformen:

 SubstantivphraseSubstantivphrasePhraseSubstantiv- im DativDativ[Er überlegte,] wie er Tina Rotermund den Zusammenhang am plausibelsten erklären konnte.

 PronominalphrasePronominalphrasePhrasePronominal- im Dativ[Ich hatte vorhin den Eindruck,] als hätte Ihnen die Aufführung gar nicht so sehr gefallen.Du bist mir doch hoffentlich nicht gram.

Spezialfälle:

 Pertinenzdativ(-Objekt)Pertinenzdativ(-Objekt)ObjektPertinenzdativ- – die Dativphrase bezeichnet den »Besitzer« eines in einer anderen Substantivphrase benannten »(unveräußerlicheunveräußerlicher Besitzn) Besitzes«, meist eines Körperteils (paraphrasierbar durch PossessivartikelPossessivartikelArtikelPossessiv- + SubstantivphraseSubstantivphrasePhraseSubstantiv-)Sie klopfte ihm auf die Schulter : Sie klopfte auf seine SchulterEr wusch sich die schmutzigen Hände : Er wusch seine schmutzigen Hände

 Dativus CommodiDativus Commodi bzw. Dativus IncommodiIncommodi = Dativobjekt des InteressesDativobjekt des InteressesObjektDativ- des Interesses – die Dativphrase benennt die Person oder Sache, zu deren Vorteil bzw. Nachteil das Verbgeschehen istIch grabe dir den Garten um.

 Dativus JudicantisDativus Judicantis = DativobjektDativobjektObjektDativus Judicantis des BeurteilersObjektDativ- des BeurteilersDas ist mir zu blöd.Sie war uns zu selbstständig.

der Dativus Commodi/Incommodi/Judicantis, des Dativus Commodi/Incommodi/Judicantis, die Dativi Commodi/Incommodi/Judicantis (Betonung auf -ti- [häufig auch auf Da-], Comm- bzw. -can-)

7.2/12 GenitivobjektGenitivobjektObjektGenitiv-

Satzglied, das durch Wessen …? erfragbarErfragbarkeit und durch PronominaPronomen wie sein(er)/ ihr(er), dessen/derer usw. anaphorisierbarAnaphorisierbarkeit ist.

Typische Ausdrucksformen:

 SubstantivphraseSubstantivphrasePhraseSubstantiv- im GenitivGenitivMan beschuldigte ihn der Unterschlagung.

 PronominalphrasePronominalphrasePhrasePronominal- im GenitivIhrer wurde gedacht.

 Teilsatz-PhraseTeilsatz-Phrase in Form eines NebensatzNebensatzTeilsatzNebensatzSatzNeben-esMan beschuldigte ihn, dass er das Geld unterschlagen habe.

 Teilsatz-Phrase in Form eines Infinitiv-TeilsatzInfinitiv-TeilsatzTeilsatzInfinitiv--esMan beschuldigte ihn, das Geld unterschlagen zu haben.

7.2/13 PräpositionalobjektPräpositionalobjektObjektPräpositional-

Satzglied, erfragbarErfragbarkeit mit einer Kombination »PräpositionPräposition + FragepronomenFragepronomenPronomenFrage- wen/was/wem …?« oder mit einem Frage-PräpositionaladverbFrage-PräpositionaladverbAdverbFrage-Präpositional- (»wo(r) + Präposition …?«, ▶ Nr. 6.7/16 und Nr. 6.7/17), anaphorisierbarAnaphorisierbarkeit mit einer Kombination aus dieser Präposition + PersonalpronomenPersonalpronomenPronomenPersonal- oder mit einem PräpositionaladverbPräpositionaladverbAdverbPräpositional- (»da(r)/hier + Präposition«); nicht erfragbar mit einem FrageadverbFrageadverbAdverbFrage- ohne Präpositionalteil (wo, wohin u.Ä., ▶ Nr. 6.7/17), nicht anaphorisierbar mit einem ProadverbProadverbAdverbPro- (dort, dorthin u.Ä., ▶ Nr. 6.7/15).

Sie dachte an ihren Mann. – An wen [dachte sie]? – [Sie dachte] an ihren Mann. – [Sie dachte] an ihn.

Er fragte ihn nach dem Thema. – Wonach [fragte er ihn]? – [Er fragte ihn] nach dem Thema. – [Er fragte ihn] danach.

Sie freut sich über das Geschenk. – Worüber [freut sie sich]? – [Sie freut sich] über das Geschenk. – [Sie freut sich] darüber.

Sie freut sich, dich zu sehen. – Worüber [freut sie sich]? – [Sie freut sich] (darüber), dich zu sehen. – [Sie freut sich] darüber.

Die in Präpositionalobjekten verwendeten PräpositionPräpositionen werden nicht in ihrer »eigentlichen« Bedeutung gebraucht. Sie sind eng an ihr VerbVerb gebunden und können nicht gegen andere PräpositionPräpositionen ausgetauscht werden:

Sie dachte an die Mauer (Präpositionalobjekt)

Sie lehnt sich an /auf /gegen /… die Mauer (UmstandsbestimmungUmstandsbestimmungBestimmungUmstands-)

Typische Ausdrucksformen:

 PräpositionalphrasePräpositionalphrase mit SubstantivphraseSubstantivphrasePhraseSubstantiv-Er fragte ihn nach dem Thema.Die Karten sind für deine Frau bestimmt.Sie ist stolz auf ihre Tochter.Sie hielt ihn für einen Aufschneider.

 Präpositionalphrase mit PronominalphrasePronominalphrasePhrasePronominal-[Es war nicht Frau Lusine Schmuck von der Museumsgesellschaft,] an die er dachte[, sondern Tina Rotermund].

 Präpositionalphrase mit AdjektivphraseAdjektivphrasePhraseAdjektiv-Du hältst mich wohl für blöd.

 PräpositionaladverbPräpositionaladverbAdverbPräpositional-Darum hat sich keiner gekümmert.Dazu war ich nicht bereit.

 Teilsatz-PhraseTeilsatz-PhrasePhraseTeilsatz-- in Form eines NebensatzNebensatzTeilsatzNebensatzSatzNeben-esIch freue mich, dass du kommst.Er lacht darüber, dass du traurig bist (bei darüber handelt es sich um ein KorrelatKorrelat, ▶ Nr. 7.2/17)

 Teilsatz-Phrase in Form eines Infinitiv-TeilsatzInfinitiv-TeilsatzTeilsatzInfinitiv--esSie nutzen den Streik, um in dieser Zeit ihr Studium voranzutreiben.Der Kollege hatte ihn (darum) gebeten, das Material für ihn hinüberzubringen.Ich bin nicht (dazu) bereit, jetzt auf alles, was ich mir erarbeitet habe, zu verzichten.

7.2/13a AgensbestimmungAgensbestimmungBestimmungAgens-

PräpositionalphrasePräpositionalphrasePhrasePräpositional- mit von oder durch im PassivsatzPassivsatzSatzPassiv- (persönliches Passivpersönliches PassivPassivpersönliches, ▶ Nr. 6.2/35), dem im AktivsatzAktivsatzSatzAktiv- das SubjektSubjekt entspricht (daher auch logisches Subjektlogisches SubjektSubjektlogisches genannt)Passivsatz.

Ich bin von ihm belogen worden. ← Er [Subjekt] hat mich belogen.

Die Straße ist durch Erdrutsch unpassierbar geworden. ← Ein Erdrutsch [Subjekt] hat die Straße unpassierbar gemacht.

Ich bin belogen worden. ← Jemand [Subjekt]hat mich belogen.

Die Straße ist unpassierbar geworden. ← Etwas [Subjekt]hat die Straße unpassierbar gemacht.

7.2/14 UmstandsbestimmungUmstandsbestimmungBestimmungUmstands- = AdverbialbestimmungAdverbialbestimmungBestimmungAdverbial- = adverbiale Bestimmungadverbiale BestimmungBestimmungadverbiale = AdverbialAdverbial = AdverbialeAdverbiale

Satzglied, das je nach Subklasse (s.u.) mit FrageadverbFrageadverbien erfragbarErfragbarkeit und mit ProadverbAdverbPro-Pro- oder PräpositionaladverbPräpositionaladverbAdverbPräpositional-ien (▶ Nr. 6.7/15 und Nr. 6.7/16) anaphorisierbarAnaphorisierbarkeit ist.

das Adverbial, des Adverbials, die Adverbiale (Betonung auf -bia(l)-)

das Adverbiale, des Adverbiales, die Adverbialen od. Adverbialia od. Adverbialien (Betonung auf -bia(l)-)

Falls die Umstandsbestimmung von der ValenzValenz des Prädikats gefordert wird, spricht man auch von UmstandsergänzungUmstandsergänzungErgänzungUmstands-en, falls sie nicht gefordert wird, von UmstandsangabeUmstandsangabeAngabeUmstands-n:

Er wohnt in Paris (ErgänzungErgänzung, denn*Er wohnt ist ungrammatisch)

Er arbeitet in Paris (AngabeAngabe, dennEr arbeitet ist grammatisch)

Das Unglück ereignet sich heute (Ergänzung:*Das Unglück ereignet sich)

Er arbeitet heute (Angabe:Er arbeitet)

Subklassen der Umstandsbestimmungen:

In den folgenden Rubriken werden in den Beispielen jeweils unterschiedliche Ausdruckstypen von Umstandsbestimmungen berücksichtigt, und zwar nach Möglichkeit 1. AdverbialphraseAdverbialphrasePhraseAdverbial-, 2. PräpositionalphrasePräpositionalphrasePhrasePräpositional- und/oder SubstantivphraseSubstantivphrasePhraseSubstantiv-, 3. Teilsatz-PhraseTeilsatz-PhrasePhraseTeilsatz--.

1. Umstandsbestimmungen des OrtesUmstandsbestimmungOrtTeilsatz-PhraseBestimmungOrts-:

 LokalbestimmungLokalbestimmungBestimmungLokal- = OrtsbestimmungOrtsbestimmungBestimmungOrts-: (Stand-)Ort, RaumBestimmungsfrageBestimmungsfrageFrageBestimmungs-: Wo …? usw. – AnapherAnapher: dort, hier usw.Er wohnt abseits.Er lebt am Rande der Stadt.Er lebt, wo alle Arrivierten seiner Sorte wohnen.

 DirektionalbestimmungDirektionalbestimmungBestimmungDirektional- = RichtungsbestimmungRichtungsbestimmungBestimmungRichtungs-: RichtungBestimmungsfrage: Wohin …?, Woher …? usw. – Anapher: dorthin, dorther, von dort usw.Sie kommt auch dorther.Sie stammt aus der Großstadt.Sie ist (dahin) gegangen, wohin wir eines Tages alle gehen.

2. Umstandsbestimmungen der ZeitUmstandsbestimmungZeitBestimmungZeit-:

 TemporalbestimmungTemporalbestimmungBestimmungTemporal- = ZeitbestimmungZeitbestimmungBestimmungZeit-: Zeitpunkt, ZeitraumBestimmungsfrage: Wann …? usw. – Anapher: dann usw.Er kommt morgens.Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit.Sie kommt, wenn es zu spät ist.

 DurativbestimmungDurativbestimmungBestimmungDurativ-: ZeitdauerBestimmungsfrage: Wie lange …? – Anapher: so langeDie Sitzung wird nicht lange dauern.Das dauert bloß eine halbe Stunde.So was dauert, solange es dauert.

 FrequentativbestimmungFrequentativbestimmungBestimmungFrequentativ-: HäufigkeitBestimmungsfrage: Wie oft …?, Wie häufig …? – Anapher: so oft, so häufigMan trinkt ihn mäßig, aber regelmäßig.Sie bringt die Frage bei jeder Gelegenheit wieder hoch.Er fragt danach, sooft er nur kann.

3. Umstandsbestimmungen der Art und WeiseUmstandsbestimmungArt und WeiseBestimmungArt und Weise:

 ModalbestimmungModalbestimmungBestimmungModal-: Art und Weise, QualitätBestimmungsfrage: Wie …? Auf welche Weise …? usw. – Anapher: so, auf diese Weise usw.Man muss die Kurbel schnell drehen.Sie hat die Probe mit Bravur bestanden.Er legte die Prüfung unter großen Schwierigkeiten ab.Er hat gehandelt, wie es sich gehört.

 InstrumentalbestimmungInstrumentalbestimmungBestimmungInstrumental-: Mittel (zur Ausführung eines Geschehens)Bestimmungsfrage: Womit …? Wodurch …? – Anapher: damitDamit kriegst du den Nagel nie in die Wand.Mit Speck fängt man Mäuse.

 KomitativbestimmungKomitativbestimmungBestimmungKomitativ-: begleitende, fehlende oder stellvertretende GrößeBestimmungsfrageBestimmungsfrage: Wie …? – Anapher: soSie besucht die Aufführung mit/zusammen mit ihrem Freund.Er besucht die Aufführung ohne seine Freundin.Ohne Brille bin ich rettungslos verloren.

4. Umstandsbestimmungen des GrundesUmstandsbestimmungGrundBestimmungGrund:

 KausalbestimmungKausalbestimmungBestimmungKausal-: Grund (Ursache, Motiv)Bestimmungsfrage: Wieso …? Weshalb …? Warum …? Aus welchem Grund …? usw. – Anapher: darum, deshalb usw.Deshalb kann er nicht kommen.Wegen deiner Lärmerei müssen wir hier ausziehen.Weil er Sport treibt, ist er dauernd lädiert.

 KonsekutivbestimmungKonsekutivbestimmungBestimmungKonsekutiv-: FolgeBestimmungsfrage: Mit welcher Folge …?Er hat so wenig gegessen, dass er ganz schmächtig aussieht.

 KonditionalbestimmungKonditionalbestimmungBestimmungKonditional-: BedingungBestimmungsfrage: Unter welcher Bedingung …? Wann …? – Anapher: dannDann kommt er halt nicht.Unter diesen Umständen ziehe ich mein Einverständnis zurück.Wenn du so weitermachst, wirst du die Folgen bald spüren.

 KonzessivbestimmungKonzessivbestimmungBestimmungKonzessiv-: unzureichender, wirkungsloser GegengrundBestimmungsfrage: Trotz welchen Umstandes …? – Anapher: trotzdem, dennochTrotz des Sturmes stieg er aufs Dach.Obwohl/Obgleich/Obschon der Sturm toste, stieg er aufs Dach.Ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück. (Psalm 23)

 FinalbestimmungFinalbestimmungBestimmungFinal-: Ziel oder ZweckBestimmungsfrageBestimmungsfrage: Wozu …? Wofür …? Zu welchem Zweck …? Mit welcher Absicht …? – AnapherAnapher: dazu, dafürDer Fluss wird gestaut, damit im Sommer genügend Wasser vorhanden ist.Er fährt an den Moorbach zum Fischen.

5. Sonstige Umstandsbestimmungen:

 MaßbestimmungMaßbestimmungBestimmungMaß-: Quantität (Menge, Maß)Bestimmungsfrage: Wie viel …?, Um wie viel …? – AnapherAnapher: so viel, um so vielDas Buch kostet viel.Das Buch kostet einen Dollar.Er beschleunigte um zwanzig Sachen.Er rutschte zehn Meter weit.Ein Sack Kartoffeln wiegt einen Zentner.

 MaterialbestimmungMaterialbestimmungBestimmungMaterial-: Stoff, MaterialBestimmungsfrage: Woraus …?, Aus was …?, Wie …? – Anapher: daraus, soMehl wird aus Getreide gemacht.[der Stoff,] aus dem die Bäume sind

 VergleichsbestimmungVergleichsbestimmungBestimmungVergleichs-: verglichene GrößeBestimmungsfrage: Wie …? – Anapher: soEr steht da wie ein Fels in der Brandung.Er plustert sich auf, als ob er Napoleon wäre.

 ProportionalbestimmungProportionalbestimmungBestimmungProportional-: kovariierende GrößeJe später der Abend wurde, desto lustiger wurden die Gäste.

 RestriktivbestimmungRestriktivbestimmungBestimmungRestriktiv-: Einschränkung, einschränkende BedingungBestimmungsfrage: Inwiefern …?, In welcher Hinsicht …? – Anapher: insofernSein Rat kann euch nützen, insofern ihr ihn befolgt.

 GradbestimmungGradbestimmungBestimmungGrad- = IntensitätsbestimmungIntensitätsbestimmungBestimmungIntensitäts-: Grad, IntensitätBestimmungsfrageBestimmungsfrageFrageBestimmungs-: Wie …?, In welchem Maße …? – AnapherAnapher: soEr liebt sie sehr.Sie hat sich überschwänglich gefreut.

7.2/15 InfinitivkomplementInfinitivkomplementKomplementInfinitiv-

Ergänzung von InfinitivverbInfinitivverbVerbInfinitiv-en (▶ Nr. 6.2/38) in Form eines Infinitiv-TeilsatzInfinitiv-TeilsatzTeilsatzInfinitiv--es (purer InfinitivInfinitivpurerpurer = bloßer Infinitivbloßer InfinitivInfinitivbloßer oder zu-Infinitiv<i>zu</i>-InfinitivInfinitivzu--), im Gegensatz zu den übrigen SatzgliedSatzgliedern nicht erfragbarErfragbarkeit und nicht anaphorisierbarAnaphorisierbarkeit.

Es gilt, Ruhe und Ordnung zu bewahren.

Ich gehe jetzt Kaffee kochen.

Sie schickte ihn einkaufen.

7.2.3 SatzbestimmungSatzbestimmung

7.2/16 SatzbestimmungSatzbestimmungBestimmungSatz-

SatzteilSatzteilTeilSatz-, der die Einschätzung des im Satz ausgedrückten Sachverhalts oder einer im Satz benannten Größe durch den Sprecher, die Stellung zum Sachverhalt oder die Anteilnahme an ihm wiedergibt.

Einige SatzbestimmungenSatzbestimmung haben die Funktion, die Äußerung zu kommentieren; sie können dementsprechend in Form eines KommentarsatzKommentarsatzSatzKommentar-es umschrieben werden:

Überraschenderweise ist er doch noch eingetroffen – ‘Er ist doch noch eingetroffen, und das ist überraschend’

Andere Satzbestimmungen machen die Einstellung des Sprechers zum Sachverhalt deutlich, beziehen den ausgedrückten Sachverhalt auf andere Sachverhalte, messen ihn an Normen, Zielvorstellungen usw. Im Anschluss an Engel (2002, S. 46–50) lassen sich die folgenden inhaltlichen Untergruppen feststellen (▶ Übersicht 12):

 Kautive Satzbestimmungenkautive SatzbestimmungSatzbestimmungkautive – machen einen Vorbehalt gegenüber der Geltung, dem Zutreffen eines Sachverhalts, beziehen sich auf den ganzen Satz oder auf eine spezielle Komponente des Satzes – Mittel: PartikelphrasePartikelphrasePhrasePartikel-n wie fast, geradezu, einfach, PräpositionalphrasePräpositionalphrasePhrasePräpositional-n wie in gewisser Weise, Teilsatz-PhraseTeilsatz-PhrasePhraseTeilsatz--n als ParentheseParenthesen (▶ Nr. 7.2/18)Er wäre fast gestorben.Der Saal vibrierte geradezu vor Spannung.Er ist – wie soll ich sagen? – auf intelligente Weise dumm.

Übersicht 12 – Satzbestimmungkautive SatzbestimmungSatzbestimmungkautiveselektive SatzbestimmungSatzbestimmungselektiveordinative SatzbestimmungSatzbestimmungordinativejudikative SatzbestimmungSatzbestimmungjudikativeverifikative SatzbestimmungSatzbestimmungverifikativeabtönende SatzbestimmungSatzbestimmungabtönendenegative SatzbestimmungSatzbestimmungnegativeDativus ethicusSatzbestimmungDativus ethicus


 Selektive Satzbestimmungenselektive SatzbestimmungSatzbestimmungselektive – heben eine Größe oder deren Eigenschaften hervor und weisen ihnen einen bestimmten Wert zu, oder sie setzen den im Satz ausgedrückten Sachverhalt in Beziehung zu anderen möglichen Sachverhalten – Mittel: PartikelphrasePartikelphrasePhrasePartikel-n wie allein, bereits, besonders, (nicht) einmal, gerade, sogar, PräpositionalphrasePräpositionalphrasePhrasePräpositional-n wie vor allemSogar dir hat sie das gesagt.Nicht einmal dir hat sie das gesagt.

 Ordinative Satzbestimmungenordinative SatzbestimmungSatzbestimmungordinative – bewirken eine Ordnung unter Sachverhalten oder Komponenten von Sachverhalten, indem sie ihn (oder eine seiner Komponenten) in Beziehung zu anderen Sachverhalten oder Komponenten von ihnen setzen – Mittel: PartikelphrasePartikelphrasen wie allenfalls, allerdings, doch, einerseits … andererseits, gewiss, immerhin, nämlich, nur (in Spitzenstellung), sicher, zudem, zumindest, zwar … aber/doch, PräpositionalphrasePräpositionalphrasen wie auf der einen/anderen Seite, in erster Linie, zum BeispielSie ist immerhin deine Frau.Nur war er damals noch gar nicht hier.Zwar weiß ich alles, doch möchte ich es von dir noch einmal hören.

 Judikative Satzbestimmungenjudikative SatzbestimmungSatzbestimmungjudikative – bringen zum Ausdruck, wie der Sachverhalt bewertet wird – Mittel: PartikelphrasePartikelphrasen wie ärgerlicherweise, begreiflicherweise, leider, sonderbarerweise, Präpositionalphrasen wie zum Glück, zu meinem Bedauern, Teilsatz-PhraseTeilsatz-PhrasePhraseTeilsatz--n wie was mir sehr leid tut, was ich bedauerlich finde, auch als ParentheseParenthesenBlöderweise habe ich die Sachen zu Hause liegen lassen.Wir müssen Sie zu unserem größten Bedauern erneut mahnen.

 Verifikative Satzbestimmungenverifikative SatzbestimmungSatzbestimmungverifikative – stufen den Realitätsgrad einer Aussage ein – Mittel: Partikel- oder AdjektivphraseAdjektivphrasePhraseAdjektiv-Partikelphrasen wie anscheinend, angeblich, hoffentlich, nachweislich, vielleicht, wirklich, PräpositionalphrasePräpositionalphrasen wie an sich, mit Sicherheit, ohne Zweifel, Teilsatz-PhraseTeilsatz-Phrasen wie was sich leicht nachweisen lässt, auch als ParentheseParenthesenDas ist nachweislich falsch.Er ist wirklich nicht gekommen.

 Abtönende Satzbestimmungenabtönende SatzbestimmungSatzbestimmungabtönende – modifizieren die Redeabsicht, verstärken oder mildern sie – Mittel: AbtönungspartikelAbtönungspartikelPartikelAbtönungs-n (▶ Nr. 6.8/1)Das ist ja die Höhe.Was willst du eigentlich?Komm ruhig her.

 Negative Satzbestimmungennegative SatzbestimmungSatzbestimmungnegative – »stellen Sachverhalte oder deren Komponenten (Geschehen, Größen, Umstände, Eigenschaften) in Abrede« (Engel 2002, S. 50)Er kommt nicht.Nicht einer hat sich um dich gekümmert.Steh nicht so blöd rum!

 Dativus ethicusDativus ethicusSatzbestimmungDativus ethicus – PersonalpronominaPersonalpronomen, meist der 1. oder 2.PersonPerson im DativDativ, die Anteilnahme des Sprechers an einem Sachverhalt oder den Einbezug des Hörers ausdrücken (keine DativobjektDativobjektObjektDativ-e)Du wirst mir noch untergehen.Da kommt der dir doch ins Zimmer gerast und fängt gleich an zu brüllen.

der Dativus ethicus, des Dativus ethicus, die Dativi (Betonung auf Da- oder -ti-) ethici (Betonung auf e-, Aussprache: [-kUs], [-tsi<])

7.2.4 KorrelatKorrelat

7.2/17 KorrelateKorrelat

PronominalphrasenPronominalphrasePhrasePronominal- mit den PronominaPronomen es, das und AdverbialphrasenAdverbialphrasePhraseAdverbial- mit PräpositionaladverbPräpositionaladverbAdverbPräpositional-ien (▶ Nr. 6.7/16) als PlatzhalterPlatzhalter oder VerweiselementVerweiselementElementVerweis-e für Satzglieder, die im selben Satz auftreten. Korrelate zählen nicht als SatzgliedSatzglieder.

Hauptfälle:

 Korrelate, die bei Umstellung der Satzglieder wegfallenEs ist noch Suppe da – Suppe ist noch daEs stinkt mir, dass ich dich so selten sehe – Dass ich dich so selten sehe, stinkt mir

 Korrelate, die wegfallen könnenDass ich dich so selten sehe, das stinkt mir – Dass ich dich so selten sehe, stinkt mirIch hoffe darauf, dich bald zu sehen – Ich hoffe, dich bald zu sehen

 Korrelate, die bei bestimmter Anordnung der Satzglieder nicht wegfallen könnenDich bald zu sehen, darauf hoffe ich – *Dich bald zu sehen, hoffe ich

 KorrelatKorrelate, die unter allen Umständen stehenIch vertraue darauf, dass du mich nicht hinters Licht führst.

7.2.5 Parenthese

7.2/18 Parenthese = EinschubEinschubParenthese

Phrase (Einzelwort oder Wortgruppe) oder Satzkonstruktion, die in einen Satz eingeschoben ist, ohne eine engere syntaktische Verbindung mit ihm einzugehen, nicht erfragbarErfragbarkeit und nicht ersetzbarErsetzbarkeit.

Hauptfälle:

 InterjektionalphrasenInterjektionalphrasePhraseInterjektional-InterjektionAch, wenn es doch schon Frühling wäre!

 SubstantivphraseSubstantivphrasePhraseSubstantiv-n als AnredeAnredenHier wird, meine Damen und Herren, nicht die Wahrheit gesagt.

 Substantivphrasen in anderer FunktionIch hab halt mal in diesem komischen Institut – Institut für Experimentelle Physik, ja – angeläutet und nach einem Lothar gefragt.

 PartikelphrasePartikelphrasePhrasePartikel-nWürden Sie bitte Ihre Schuhe ausziehen?

 Satz oder SatzfragmentSatzfragmentFragmentSatz- als SchaltsatzSchaltsatzSatzSchalt-Dann würde er sie – was für ein perfider Gedanke – verlassen.Bald hatte er – das Jahr war rasch vergangen – seinen Aufenthalt beendet.

die Parenthese, der Parenthese, die Parenthesen (Betonung auf -the-)

7.2.6 Absolutelement

7.2/19 AbsolutelementAbsolutelementElementAbsolut-

Phrase, die mit dem Restsatz syntaktisch nur locker verbunden ist; nicht erfragbarErfragbarkeit und nicht ersetzbarErsetzbarkeit.

Jahrgang 1928, studierte er von 1948 ab an seiner Heimatuniversität.

Fetter alter Mann, der er war, wollte er von Ernährungsumstellung nichts hören.

Neben ihm saß seine Freundin, den Kopf im Nacken.

Seit mehreren Jahren kränklich, hatte er sich in ein Sanatorium zurückgezogen.

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9783846346938
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