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Werner Stanzl
Mord mit fünf Sternen
Commissario Vossi ermittelt
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Werner Stanzl
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Generaldirektor Doktor Wolfram Kummer von der Montana-Maritim-Bank saß im Executive-Room des Luxushotels über dem Wörthersee und sah der Realität ins Auge. Alle Zeichen standen auf Niederlage und Schmach. Sein Abrutschen könnte in einen freien Fall übergehen – hinein in ein Loch mit schwedischen Gardinen. Nach oben war es nicht ganz so schnell gegangen: Vom Benjamin zum Generaldirektor war ein steiler und korrumpierender Weg gewesen mit teils fragwürdigen Seilschaften. Aber er hatte ihn mit Bravour und unter allgemeinem Beifall geschafft. Doch jetzt, da die Zeichen auf Sturm standen, mutierten die, die eben noch applaudiert hatten, zu Besserwissern. Sogar die Bosse der Konkurrenz lachten über ihn. Dabei wusste er, wussten sie, wie schlecht es auch um ihre Banken stand. Hatten nicht sie alle im Ende des Kalten Krieges und im Zerfall des Ostblocks die Chance gesehen, Big Business zu machen? Eine solche politische und ökonomische Weichenstellung zugunsten der Österreicher würde es nie wieder geben, da war man sich einig gewesen. Ein plötzlich offener Markt von Millionen ausgehungerten Konsumenten des Sowjetlagers, die kaum mehr besaßen als Deutsche und Österreicher seinerzeit nach dem Weltkrieg, und eine Industrie, die darniederlag, schrien doch förmlich nach Banken. Wenn das nicht eine Chance auf eine Wiederholung des Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit war, was dann? Mit Österreich in der Poleposition. Die Deutschen hatten sich doch mit den Kosten der Wiedervereinigung beinah übernommen. Also würden sie bei dem Rennen gar nicht antreten können. Und so öffnete sich ein Markt vor der Haustüre Österreichs, ohne dass der große Bruder mit breiter Brust alles an sich riss. Einmalig! „Also immer nur rein, Wolfram“, hatte sich Kummer gesagt. Und immer nur rein, Wolfram, hatten alle gesagt, die etwas zu sagen hatten. Seine Bank war bloß die erste, der die Luft ausging. Denn mit den deutschen Banken waren auch die deutschen Konzerne zu Hause geblieben. Warum sollten sie in Dalmatien, in Serbien oder sonst wo zwischen Tatra, Balkan und Karpaten investieren, wenn jede Mark in den neuen Bundesländern gute Rendite bei besseren Sicherheiten versprach? Damit war klar: Doktor Kummer hatte sich verrechnet – und zwar schwer.
Und da saß er nun. Wenn der Aufbau von Filialen in Slowenien, Kroatien und die Gründung von Montana-Maritim-Töchtern in den Zentren des ehemaligen Ostblocks kein Flop sein sollte, hieß es durchstarten und Einheimische, sogenannte Natives, mit Krediten und Leasingangeboten bedienen. Dazu brauchte er Fremdkapital zu günstigsten Bedingungen. An das kam er aber nur, wenn der Eigentümer, also das Land, Haftungen übernehmen würde. So wartete er nun auf den Landeshauptmann. Von seinem Ja oder Nein hing Kummers Zukunft ab. Denn die Bank gehörte dem Land.
Der Landeshauptmann betrat ohne Begleitung den Raum. Ein positives Zeichen. Der Landesvater – eigentlich war er für dieses Etikett zu sehr „Burschi“ – lehnte sich, wie das seine Art war, in schlampig blasierter Haltung zurück und musterte Doktor Kummer mit halb offenen Augen. Den Bericht zur misslichen Lage schien er zu genießen. Auch beim Wort Landeshaftung zuckte es nicht in dem zerknitterten Gesicht über jugendlich durchtrainiertem Körper. Nach dem misslichen Vortrag war es eine Weile vollkommen still im Raum. Danach richtete er sich im Sessel auf und resümierte:
„Sie sind also dabei, die Bank gegen die Wand zu fahren. Rettung ist nur möglich, wenn ich eingreife. Habe ich das richtig verstanden?“
Doktor Kummer versuchte das übliche Blabla: „Die politischen Entwicklungen entsprachen nicht ganz unseren Erwartungen und …“
„Sparen Sie sich das. Ich werde Ihnen aus der Patsche helfen. Die Maßnahmen dafür brauchen etwa acht Wochen. Haben wir so viel Zeit?“
„Auch mehr. Noch brennt es nicht.“
„Gut. Also, zuerst brauche ich von Ihnen eine Bilanz, die sich sehen lassen kann. Wie Sie das machen, ist Ihre Sache. Ich werde jedenfalls keinen Ihrer Posten hinterfragen.“
„Verstehe.“
Der Landespolitiker wiederholte sich: „Dennoch, ich betone nochmals: Ich werde keine Posten hinterfragen. Sie haben also Gestaltungsspielraum.“
„Alles klar.“
„Gut. Was also das Zahlenwerk betrifft, verlasse ich mich auf Ihre Kreativität. Schließlich waren Sie ja auf den besten Schulen für Bilanzgestaltung. Eine kleine Warnung nur: Übertreiben Sie es nicht! Meine Abgeordneten mögen ihre intellektuellen Grenzen haben, aber ausgesprochen blöd sind sie auch wieder nicht. Leider habe ich einen hellwachen Landesrat für Finanzen. Den werde ich ersetzen. Ich weiß auch schon, durch wen, durch mich. Ich werde das Ressort an mich ziehen. Unter uns, ich habe für diese Regierungsperiode und für die nächste nämlich noch viel vor. Manches davon wird Finanzierung brauchen. Ich bin sicher, wir verstehen uns.“
Damit reichte ihm der Landeshauptmann die Hand: „Für die Zukunft, Kummer, beachten Sie bitte: im persönlichen Gespräch und vor Dritten nur Erfolgsmeldungen. Schlechte Nachrichten und Hilferufe ausschließlich über meinen speziellen Adlaten. Er wird sich bei Ihnen unter Nennung des heutigen Datums als Losungswort einführen. Noch etwas: Es gibt bei mir in der Landesregierung einen abhörsicheren Raum. Fakten und Zahlen vertraulicher Natur nur dort. Ich werde nämlich beschattet und abgehört und muss mich deshalb dieser lästigen James-Bond-Spielereien bedienen. Nochmals, ich werde im Landtag für die Haftungen sorgen. Wie gesagt: Zeitfenster acht Wochen – und eine Bilanz, die sich sehen lassen kann. Schaffen wir das?“
Doktor Kummer meinte erleichtert: „Jawohl, schaffe ich.“ Damit war das durchgestanden. Der Bankchef überdachte die fälligen Maßnahmen. Erster Schritt für eine bessere Bilanzfrisur: 80 Prozent der faulen Kredite raus aus den Miesen, so aufstellen, als ob sie von den Kreditnehmern noch bedient würden. Zweiter Schritt: detto mit den Leasingposten. Dritter Schritt: Ausdehnung der Geschäfte durch Kreditvergabe an die eingeborenen Habenichtse der Ostblockstaaten. Sie würden Kredite bekommen und sie würden kaufen wie die Wilden. Sie würden Leasingangebote bekommen und zuschlagen wie die Verrückten. Damit würden Händler investieren und ebenfalls bei ihm um Kredite Schlange stehen. Und seine Bilanzsumme würde sich aufblähen wie ein Buchtelteig. Doch Doktor Kummer war auch klar: Damit ließ sich nur Zeit gewinnen.
In Grado tauchte die erste wirklich kräftige Frühlingssonne hinter dem Schilfgürtel ins Meer. Spektakulär. Und ja, es war ein ungewöhnlich warmer, beinahe heißer Tag gewesen, aber noch lange kein Badetag. Zudem kühlte es bereits ab. Für die Einheimischen älteren Semesters Zeit, sich Pullover oder Blousons für die Flaniermeile am Strand überzuziehen. Die etwas zu laute Gruppe hellhäutiger Twens männlichen und weiblichen Geschlechts scherte die fallende Temperaturkurve jedoch scheinbar wenig. Sie schälten sich aus ihren Kleidern, spornten sich in lauten Zurufen an und liefen in großen Schritten über den Sand in Richtung Wellen. Die meisten Strandbummler ärgerte das Gejohle und Geschrei, doch der eine wie der andere männliche Spaziergänger putzte seine Brillen. Nach dem langen Winter und dicken Pullovern waren die jungen Schönheiten – fast durchwegs oben ohne – ein echter Hingucker.
Die ersten Twens hatten inzwischen die Wasserlinie im Sand erreicht. Empört spritzte und schäumte die eben noch ruhig daliegende Adria unter ihren Tritten auf.
Hannelore aus dem bayerischen Piding fand das Wasser arg kalt. Sie war aber Schlimmeres gewohnt. Etwa, wenn nach dem letzten Rüscherl auf der Terrasse des Seewirts von Bad Reichenhall Abkühlung angesagt war, um den Blutalkohol abzusenken. Denn vor der Einfahrt in die Salinenstadt lauerten abends die Bullen.
Um Verkehrskontrollen brauchte sich Hannelore hier nicht zu kümmern. Ihr Hotel war gleich hinterm Strand. Das Einzige, was bei diesem Bad störte, war der Sand. Die Strandduschen waren ja im März noch nicht in Betrieb. Und Sand in der Hose, zwischen den Beinen, zwischen den Zehen, war für Lore ein „Igitt“. Da aber alle dem Vorschlag gefolgt waren, die neue Badesaison zu eröffnen, wollte sie nicht ausscheren. Zumal sie am Nachmittag ohnehin schon blöde Sprüche hatte hören müssen, weil sie sich nach dem fünften oder sechsten Prosecco weigerte, weiterhin Alkoholisches in sich hineinzuschütten.
Endlich hatte sie eine Tiefe erreicht, die es ihr ermöglichte, abzutauchen. Sie hielt dabei wie immer die Augen offen. Die Blindheit geschlossener Augen unter Wasser fand sie irgendwie beängstigend. Zu sehen indes gab es hier wenig. Etwas Graszeugs und Wolken von Sandkörnern, die in den Gezeiten schaukelten. Einer der Gruppe musste sie überholt haben. In der trüben Suppe nahm sie nur einen Schatten wahr und eine leichte Berührung. Sie tauchte auf und spürte eine Last auf ihrem Scheitel. Sie schüttelte ihren Kopf in hysterischen Linksrechtsdrehungen, worauf eine fremde Hand auf ihre Schulter patschte. Sie gehörte zum aufgequollenen Gesicht eines Mannes, der sie mit dem Blick eines toten Fisches anstarrte. Hannelore wollte schreien, verschluckte sich und konnte nur wild um sich schlagen.
Die Spaziergänger auf der Flaniermeile waren inzwischen von Nachrückenden abgelöst worden. Einer von ihnen erklärte seiner Frau die Leuchtfeuer der Hafeneinfahrt, deren Blinken man in der Abenddämmerung bereits deutlich erkennen konnte. Plötzlich rannte er los in Richtung Wasser und rief den Schwimmern zu, zu helfen. Sein Tonfall und seine Gesten ließen keinen Zweifel am Ernst der Lage. Eine Passantin hob ihr Fernglas. Sie sah die junge Frau draußen im Meer. Neben ihr schwappte irgendein Bündel mit dem Gang der Wellen auf und nieder.
„Da ist Treibgut“, sagte sie zu sich selbst. Und dann: „Ein Ertrunkener.“
Commissario Bruno Vossi saß auf seiner Terrasse auf dem Hügel über Gorizia und las Texte, die er aus dem Internet herausgesucht hatte. Für den Sommer hatte er eine Kulturreise durch Deutschland angesagt. Er wollte mehr erfahren über die Zeit der historischen Einheit der deutschen Länder mit Italien unter Ottonen und Staufern. Er interessierte sich für Geschichte so wie andere für Inter Mailand, den FC Roma oder Juventus Turin. Jetzt las er: „Otto I., ostfränkischer König, heiratete Adelheid von Burgund 951 in der lombardischen Königsstadt Pavia und übernahm die langobardisch-italienische Königswürde …“
Vossi nahm seine Reisenotizen zur Hand und schrieb. „1. Stopp, Pavia, Dom.“
Da meldete sich sein Assistent Roberto Vialli und keuchte ins Telefonino: „Wir haben einen Toten am Strand von Grado. Könnte Opfer eines Verbrechens sein, sagt der Forensiker.“
„Gut, hol mich ab.“
Die beiden ernteten böse Blicke der Spaziergänger, weil sie das Fahrverbot auf dem Uferweg missachteten. Ein Absperrposten der Polizia winkte sie durch einen Ring Neugieriger, dann sahen Vossi und Roberto die Bescherung. Im Sand lag die Leiche eines jungen Mannes, irgendwo zwischen ausgezehrt und halb verhungert, mit zerfetztem Unterleib. Offensichtlich hatte ihn eine Schiffsschraube aufgerissen, als er im Wasser trieb. Auffällig die extreme Hagerkeit des Toten. Drogensucht?
Dottore Stefano Lamberti von der Forensik, für Bruno Vossi aufgrund ihrer gemeinsamen Herkunft aus Istrien stets nur Stipe, slowenisch für Stefan, nahm seine Brille ab und begrüßte den Commissario: „Trieb wohl schon seit Tagen im Wasser. Vielleicht beim Schwimmen ertrunken.“
Vossi schüttelte sich: „Schwimmen, jetzt? Zu dieser Jahreszeit? Und in Jacke und Hose?“
„Warum nicht. Vielleicht ein Tourist, der volltrunken das Nasse suchte, um wieder klar zu werden.“
„Stipe, ich bitte dich!“
„Oder vom Boot gefallen.“
„Wie ein Seemann oder Freizeitkapitän ist er aber nicht gekleidet. Also müssten andere an Bord gewesen sein, die Alarm geschlagen hätten.“
„Vielleicht von einer Fähre.“
„Vielleicht. Warten wir’s ab. Fremdeinwirkung?“
„Nicht vor morgen früh, Bruno.“
„Und bitte schau nach, ob du Einstiche siehst. Er schaut mir aus, als ob er zuletzt nur von Drogen gelebt hätte.“
„Willst du mir meinen Job beibringen?“
„Stipe, du weißt, dass es so nicht gemeint war. Mich schüttelt es nur immer aufs Neue, wenn ich einen Suchtl im Endstadium sehe.“
Zwei Stunden später, Vossi war schon wieder zu Hause beim Abendessen, meldete sich Alberto Bettini, der Chef der Spurensicherung. Er teilte mit, dass der Tote nichts in den Taschen gehabt hatte.
„Wie viel ist nichts, Alberto?“
„Nichts bedeutet so viel wie gar nichts, absolut nichts, totale Fehlanzeige.“
„Das ist aber komisch. Denk mal nach, Alberto, wie oft hast du nichts, also absolut gar nichts in deinem Hosenbund und deinen Rocktaschen?“
„Das kann schon vorkommen, denn meist bin ich pleite. So long, Bruno.“
Und Alberto hatte aufgelegt. Noch wusste Vossi nicht viel, eigentlich gar nichts, aber er war sich sicher: Es handelte sich um Mord.
„Erwürgt“, triumphierte Dottor Lamberti am nächsten Morgen.
„Ich wundere mich immer, welche Freude dir so eine menschliche Tragik machen kann“, brummte Vossi.
„Ich freue mich nicht über das Schicksal des Opfers, Bruno, sondern darüber, dass ich dich auf Trab halten kann. Du vergräbst dich sonst zu sehr in deinen Geschichtsbüchern. Wie weit bist du denn?“
„Deutsches Mittelalter“, antwortete Vossi ungewollt.
„Na, da hast du ja noch eine schöne Strecke bis zur Gegenwart. Gratuliere.“
„Stipe, zur Sache bitte.“
„Ja, da haben wir etwas ganz Besonderes, mein lieber Bruno. Erwürgt, aber nicht einfach so. Nein, mein Lieber. Die Würgespur war so dünn, dass wir sie gestern im Dämmerlicht am Strand nicht gleich bemerkten. Zum Glück aber wiederum so tief, dass die ganze Zeit kleinste Fasern haften blieben.“
Lamberti zeigte auf einen tiefen Ring um den Hals des Toten. Es hätte eine Hautfalte sein können, wäre er nicht so unnatürlich gerade verlaufen.
„Wie ein Schnitt.“
„Ja, wie ein Schnitt und absolut clean.“
„Warum ist er dann so hager?“
„Vielleicht ein Albaner. Doch nun zu etwas ganz Besonderem: Die Fasern von der Würgeschlinge sind reine Seide, alles hundert Prozent organisch, wie du und ich. Äußerst ungewöhnliches Material für ein Mordwerkzeug.“
„Ja und nein“, hielt Vossi dagegen.
„Wieso, was weißt du, was ich nicht weiß?“
„Die Osmanen exekutierten ihre glücklosen Heerführer und hochgestellte Persönlichkeiten mit reiner Seide. Kara Mustapha zum Beispiel. Der erfolglose Belagerer Wiens wurde für seine Niederlage vor den Stadtmauern mit einer Seidenschnur stranguliert. Was den Osmanen allerdings nicht genug war: Dem Glücklosen wurde nach der Exekution auch noch der Kopf abgetrennt, in eine Schatulle gepackt und dem Sultan am Bosporus präsentiert. Ob zum Beweis der Vollstreckung oder zur Genugtuung des Sultans, darüber streiten die Gelehrten.“
„Wann war das?“, wollte Dottor Lamberti wissen.
„Das Erwürgen im Dezember 1683, die Niederlage in der Schlacht um Wien im September davor.“
„17. Jahrhundert also. Ich dachte, du bist in Geschichte erst beim Mittelalter?“
„Ob dem Toten hier auch der Kopf abgetrennt werden sollte, zur Genugtuung eines sehr mächtigen Auftraggebers vielleicht?“
„Du wirst es nie erfahren, Bruno. Ich sage dir, wir haben es mit einem Verbrechen zu tun, das irgendwo da draußen auf See passiert ist, womöglich in internationalen Gewässern, vielleicht vor der Küste Sloweniens, Kroatiens, Korfus oder des Veneto. Jedenfalls außerhalb deines Bereichs. Leg ihn ab in deinem Aktenfriedhof der Namenlosen und vergiss.“
Vossi mochte seinen Freund Stipe Lamberti und schätzte ihn als Forensiker, aber manchmal fragte er sich, warum. Doch Stipe sollte recht behalten. Es war unmöglich, die Wasserleiche zu identifizieren, es gab keine Vermisstenanzeigen, die Bildsendung an Interpol erbrachte keine Meldung, der Akt verschwand in jenem Regal, das hausintern als „Friedhof der Namenlosen“ alle fünf Jahre mal durchforstet wurde, wenn Mörder vor Ort gerade eine größere Pause einlegten.
Der Bürgermeister und seine besorgtesten Lobbyisten, die Hotelbesitzer, atmeten auf, als sie hörten, dass der Fall ruhte. Mord war nicht gut fürs Geschäft.
Der grobschlächtige Typ mit dem gebügelten Gesicht des Bösewichts aus einem pixeligen Computerspiel wartete an einem der Glastische des Restaurants am Fischereihafen auf die Rechnung. Er hatte sich mit einem Callgirl verabredet, dessen Nummer er vom Hotelportier gegen ein fürstliches Trinkgeld erhalten hatte. Die junge Frau saß ihm jetzt gegenüber. Der Portier hatte sie zutreffend beschrieben, als er sich seine beiden Hände beziehungsvoll vor die Brust hielt, um ihre Oberweite anzudeuten, und mit „blond“ komplettierte.
Glatko zahlte die Restaurantrechnung. Es war schon still geworden in dem Lokal, das einen Hinterausgang in einen Hof hatte, wo ihn die Puppe als Vorschuss für die Nacht schon einmal bedienen könnte. So sein Plan. Vielleicht würde sie dabei jemand überraschen. Für ihn ein zusätzlicher Reiz. Er brauchte das geradezu. Ob als Anlass, den Entdecker dafür spitalsreif schlagen zu können, darüber hatte er noch nie nachgedacht. Bevor er aber mit der Blondine zur Sache kommen konnte, schlug sein Handy an. Es war der Oberst. Die Frau des Ministerpräsidenten, die blöde Kuh, hätte wegen irgendeiner Weibergeschichte durchgedreht und stünde nun als Patin für die morgige Schiffstaufe nicht zur Verfügung. Er möge für Ersatz sorgen, egal wie.
Glatko, der Frauen nur nach jung, alt, schön, hässlich, sexy oder mau einzuschätzen wusste, musterte das Callgirl und sagte: „Kein Problem, ich habe schon einen Ersatz.“
Er stand seinem Chef gerne zu Diensten. Schon im Durcheinander des jugoslawischen Bürgerkriegs waren sie ein Team gewesen. Er als Mann fürs Grobe seines Obersten, eines Kommandoführers der alten Volksarmee. Mit dem Ende des Krieges galt es für beide, der Sinnlosigkeit des Tötens Sinn zu geben. Die Jagd nach dem Mammon bot sich dabei quasi an. Jede abgepresste Liegenschaft, jede durch Arglist, Lug, Trug und Einschüchterung gewonnene Million bot Befriedigung, Herren über die Opfer zu sein und über dem Gesetz zu stehen. Das war ihr neuer Krieg. Er wurde anders geführt, aber die Hemmungslosigkeit des Tötens, das Zuschlagen aus dem Hinterhalt und nicht zuletzt die Seilschaften mit den Veteranen, daran hatte sich nichts geändert. So blieben die beiden ein Team. Aus dem Genossen Oberst wurde der Chef, zuständig für Planen, Mehren und Wahren, Glatko oblag die Beseitigung von Hindernissen.
Hin und wieder überraschte er seinen Oberst durch Anfälle von Intelligenz. Etwa mit seiner Beschreibung des Unterschieds zwischen Krieg und Frieden: „Im Krieg laufen dir die Opfer davon, im Frieden laufen sie dir nach.“ Der Oberst verstand, was er meinte. Auch er war manchmal verblüfft von der Gier von Bankern, den Opfern seiner kriminellen Energie. Die in Klagenfurt waren allerdings eine für seine Absichten selten entgegenkommende Mischung aus Gier und Blödheit. Bedenkenlos hurten sie mit den zugetriebenen Edelnutten herum und ließen sich in allen möglichen Stellungen fotografieren. Kosten und Mühen, die er sich wahrscheinlich hätte sparen können. Sie lieferten ihm auch so bereitwillig Millionen in Form von Großkrediten und Leasinggeschäften, dass sie ihn bisweilen sogar damit verunsichern konnten. Hatte er es wirklich und tatsächlich mit Bankern zu tun, oder waren die auch nur Betrüger? Vielleicht solche, die, noch um eine Nummer größer als er, und die ihn legen wollten? Und wer trieb eigentlich zu den Deals? Die Banker oder die oft mit am Tisch sitzenden Provinzpolitiker, deren Häuptling er bis dato nicht so richtig einschätzen konnte? Unglaublich, wie der von den Seinen hofiert wurde, wie sie ihm nach dem Mund redeten und auf jeden Wink gehorchten. Von diesem Mann konnte er jedenfalls noch lernen.
Im Fischrestaurant von Grado begann man Tische abzuwischen und die Theke zu polieren. Diese Aktivitäten sollten den Gästen die Sperrstunde signalisieren. Glatko beendete das Telefongespräch mit seinem Chef. Auf die Idee, dass ein Callgirl als Patin bei einer Schiffstaufe nicht unbedingt die Idealbesetzung sein könnte, kam er erst gar nicht. Eine Frau wurde gebraucht. Da war seiner Einschätzung nach etwas Dekoratives in Blond und mit beachtlicher Oberweite immer noch besser als die dicke Nudel des Regierungschefs.
„Hol dir schnell von zu Hause was Tolles zum Anziehen, ich brauch dich morgen als Taufpatin“, sagte er zu ihr von oben herab.
„Als Taufpatin? Muss ich da katholisch sein?“
„Weiß ich nicht. Bist du’s?“
„War es mal. Ist es ein Junge oder ein Mädel?“
„Blöde Gans, ein Schiff, mit Champagner und Kapitän und Ehrengästen und dem ganzen Trallala.“
„Ach so … Was muss ich denn da anziehen?“
„Das musst du doch wissen. Irgendeinen tollen Fummel halt. Und komm dann für den Rest der Nacht ins Hotel.“
Nachdem sie gegangen war, zahlte er und ging über den dunklen Hof in Richtung Toiletten. Und da stand diese Frau. Irgendein Licht strahlte sie an. Er sah ihr Entsetzen. Er wusste zunächst nur, dass er ihr schon einmal begegnet war. Dann erinnerte er sich schlagartig, sogar das Datum wusste er: Potocari, 12. Juli 1995. Er hatte getrunken, so wie alle seine Kameraden auch. Dann hieß es ausschwärmen, Bosniaken töten. Davon hatten sich ungefähr 20.000, zumeist Frauen und Kinder, auf dem Gelände der UN-Blauhelme zusammengerottet, um vor Übergriffen der Serben sicher zu sein. Es war ein heißer Abend. Er hatte Durst und es gab weit und breit kein Wasser, nur Rotwein. Benebelt schlitzte er mit seinem Bajonett eine Zeltwand auf. Da stand sie hinter einem alten Mann und versteckte sich, so gut sie konnte. Der Alte spuckte ihm ins Gesicht. Da rammte er ihm sein Bajonett in den Bauch. Röchelnd fiel er zu Boden. Dann riss er der Frau die Kleider vom Leib. Er wollte sie mit Gewalt nehmen, war aber zu betrunken. Wofür sie ihn in ihrer Verzweiflung mit Schimpftiraden und Spott übergoss. Da spreizte er ihre Beine, im wilden Gerangel. Unter der Gewaltanwendung wurde sein Glied steif und er drang in sie ein. Seither brauchte er solche Handgreiflichkeiten, gespielt oder echt, um zum Orgasmus zu kommen.
Und jetzt stand sie plötzlich wieder vor ihm. Sie öffnete den Mund. Ob um zu schreien oder um ihn wie damals in Potocari zu verspotten, würde er nie erfahren. Denn bevor er wusste, was geschah, lag sie auf dem Boden. Er wunderte sich kurz, dass sie kaum blutete. Da hatte er schon anderes gesehen, wenn er mit seinem Messer zustach. Er blickte sich um. Kein Mensch weit und breit.
Im Hof standen mehrere Kühlwägen. Aus einem Raum nebenan mit schwachem Licht hinter dem Fenster drangen Laute in einer fremden Sprache. Schnell griff er sich die Tote, schleifte sie die paar Meter zu einem der Fahrzeuge, öffnete eine Tür, durch die sofort Kühlwolken nach außen drangen. Er zog seinen Hosengürtel aus den Schlaufen, schlang ihn um den Hals der Leiche und hängte sie damit an einem der Haken auf. Dann schloss er die Tür.
Erst jetzt registrierte er, dass eine Blutspur zu dem Wagen führte. Zum Glück gab es mehrere Wasserhähne, von denen Schläuche hingen. Er öffnete einen und ließ den Wasserstrahl in ganz flachem Winkel über den Boden sprudeln. Die Blutspur verwischte und wenig später hatte sie sich fast ganz aufgelöst. Gerade rechtzeitig. Denn eine Tür ging auf und die fremden Wortfetzen kamen näher. Von seinem Versteck aus sah er, wie sich eine Schar Dunkelhäutiger an den Fahrzeugen zu schaffen machte. Und er erblickte die Handtasche seines Opfers. Die zog er rasch aus dem Blickfeld der Saubermacher und nahm sie an sich. Er sah an sich herab. Sein Hemd war blutverschmiert. Nicht übermäßig stark, aber genug, um fragende Blicke anzuziehen. Er schlich in den Raum, aus dem die Dunkelhäutigen gekommen waren, und stellte fest, dass es ihr Umkleideraum war. Er besah sich einige Jacken und nahm sich die größte. Sie war ihm viel zu klein, aber groß genug, um sie über seinen Arm zu hängen und die blutige Stelle und die Damenhandtasche zu verdecken. Doch wohin mit dem Messer, so auf die Schnelle? Er holte aus und es landete auf einem der Spinde der Putzbrigade. Und jetzt nichts wie weg. Nicht einmal den wohligen Schauer, der bei Szenen von Blut und Tod durch ihn rieselte, gönnte er sich. Er würde ihn im Rest der Nacht mit der Blondine ausleben.
Am nächsten Morgen brauchte sie reichlich Schminke, um sich das blaue Auge aus dem Gesicht zu pinseln. Ein Hämatom im Gesicht der Schiffspatin könnte negativ auffallen.
Während sie pinselte, versuchte er erneut, ihn zu erreichen. Er musste ihn warnen. Kaum anzunehmen, dass die Bosnierin vom Hinterhof ohne Familie in Grado gelandet war. Vermutlich gab es mehrere ihrer Sorte. Und er war nun mal darauf programmiert, alle Zeugen von damals als gefährlich einzuschätzen. Immer wieder hatte ihm der Oberst eingeschärft: „Das ist dein Hauptgeschäft.“ Sollte dabei jemand im Weg stehen, hieß es „weg mit ihm“. So wie gestern, als es hieß „weg mit ihr“.
Der Oberst war schon an Bord der Dunja. Er hatte ihm aufmerksam zugehört und dann klare Anweisung gegeben. „Schick mir sofort den Hubschrauber, damit ich mich dünnmachen kann. Sonst alles nach Plan.“
Das bedeutete, gleich nach der Schiffstaufe Kurs Süd-Süd-Ost in Richtung Sveti Stokan, dem erlesenen montenegrinischen Ferienparadies. Auf der kleinen Klosterinsel, seit den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts ein Hotel, hatten sich schon so illustre Gäste wie Jacqueline Kennedy, Sophia Loren und Sylvester Stallone in die Sonne gelegt. Allerdings lag noch immer der Schatten des jugoslawischen Bürgerkriegs auf dem Gemäuer. Vom Anschluss an die Top-100-Hotels Europas konnte man allenfalls träumen. Und solche Träume verkaufte der Oberst seines Wissens gerade irgendeiner Bank. Details interessierten Glatko nicht, hatten ihn auch nicht zu interessieren. Er war bei solchen Gelegenheiten für den Personenschutz seines Partners und Brotgebers verantwortlich, wurde bei Verhandlungen als Sekretär vorgestellt und hatte meist bloß vor dem jeweiligen Besprechungszimmer zu wachen.
Jetzt hieß der Befehl: „Schiffstaufe wie geplant. Hast du eine Taufpatin aufgetrieben?“
„Ja, Herr Oberst. Sie pinselt sich gerade die Augen.“
Der wusste genau, was damit gemeint war, sagte noch: „Übertreib’s nicht, wir sind nicht in Montenegro“, und legte auf.
Die Uhr vom Glockenturm der Klagenfurter Pfarrkirche schlug acht. Nicht acht Uhr abends, sondern acht Uhr früh. Generaldirektor Kummer sah sich in der Runde um. Die Nacht hatte bei allen Spuren hinterlassen, doch jetzt lag eine Rohbilanz auf dem Tisch, die herzeigbar war und mit der alle leben konnten. Es war nicht schwer gewesen, seinen Stellvertreter Schneider und die wichtigsten Führungskräfte in seiner Mannschaft von der Notwendigkeit gewisser kosmetischer Maßnahmen bei der Bilanzerstellung zu überzeugen. Sie alle wussten, es ging um die Existenz der Bank und damit um ihre. Der Häuptling der Buchhaltung hatte es zwar gewagt, das Wort „Einspruch“ zu gebrauchen. Aber er hatte ihm klargemacht, dass er, Doktor Wolfram Kummer, über seine jetzige Position hinaus dafür sorgen könnte, dass er keinen Job in einer Bank mehr bekäme und bestenfalls mit der Pension Normalsterblicher grau und tatterig werden würde. Darauf war auch dieser Bleistiftspitzer stumpf geworden und hatte mit einem Sprühregen von Ideen und einem gehörigen Maß krimineller Energie das Zahlenwerk im wahrsten Sinne des Wortes bereichert.
Doktor Kummer schwor noch einmal die Runde auf das gemeinsame Wohl und Wehe ein. Immerhin, der Landeshauptmann hatte Wort gehalten, die Landeshaftung war in schier magischem Tempo im Landesparlament von den Abgeordneten abgenickt worden. Damit standen die Millionen zu günstigsten Bedingungen zur Verfügung. Jetzt ging es darum, sie unter die Leute zu bringen. Zu den für die Kreditkunden ungünstigsten Bedingungen, versteht sich. Der Unterschied zwischen günstigst und ungünstigst wäre der Gewinn.
„Beim Kapitel Sicherheiten nicht zu strenge Maßstäbe anlegen“, mahnte Doktor Kummer. Er selbst habe seinerzeit als Krisenmanager bei der Agrarbank feststellen können: Wären seine damaligen Arbeitgeber nicht so beckmesserisch bei der Risikoeinschätzung gewesen, die Agrarbank hätte üppig verdienen können, nicht bloß bürgerlich.
„Und denken Sie daran, meine Herren: Wir müssen üppig verdienen, nicht bloß bürgerlich – und sei es nur auf dem Papier. Denn die, die dafür gesorgt haben, dass die Landeshaftung für unsere Kapitalisierung abgenickt wird, haben sich nicht nur aus Liebe zur Bank aus ihren Fenstern gelehnt. Sie erwarten sich Gefälligkeiten. Gefälligkeiten, für die wir uns etwas einfallen lassen müssen. Und jetzt, meine Herren, Schiff ahoi, auf nach Grado zur Schiffstaufe.“
Das Sesselrücken war auch durch die gepolsterten Türen deutlich vernehmbar. Die Vorzimmerdamen staunten nicht wenig, dass ihre Bosse nicht, wie sonst um diese Zeit üblich, frisch rasiert von zu Hause oder sonst woher eintrudelten, sondern unrasiert aus dem Allerheiligsten trotteten, ihre Glieder streckten und nach den Chauffeuren verlangten.
In Grado herrschte schon großer Bahnhof. Das bedeutete heute wie vor hundert Jahren Trubel in der Lagune, Hektik am Landungssteg. Denn einen wirklichen Bahnhof hatte es zu keiner Zeit in Grado gegeben, nicht einmal einen kleinen. Hatte die Badeinsel inmitten der blaublitzenden Lagune auf halbem Weg zwischen Triest und Venedig auch nie nötig gehabt. Denn seit der Flecken dank der Bahnverbindung mit Wien von Kaiser Franz Joseph zum kaiserlich-königlichen Kurbad dekretiert werden konnte, kamen die Gäste auch so in Massen. Bis zum Einsetzen der Motorisierung in der Mitte des 20. Jahrhunderts per Dampf über den Semmering nach Triest und von dort weiter mit dem Boot. Später, nach dem Zweiten Weltkrieg, in Blechlawinen. Das Fischerdorf, das einst als Badewanne der Monarchie Furore gemacht hatte, mutierte zum Parkplatz mit Strand. Nur an der segensreichen Lage am Meer hatte sich nichts geändert. Die Ehrengäste der Schiffstaufe vor dem Palast-Hotel am Jachthafen gehörten zu den ganz wenigen, die keine Parkplatzprobleme hatten. Sie waren per Limousine der Montana-Maritim-Bank vorgefahren worden. Die meisten vom nahen Flughafen Ronchi, etliche aus Kärnten, Dalmatien und Montenegro. Unter dem Knattern der Europafahne, des montenegrinischen Doppeladlers auf rotem Tuch und der Fahne der Bank griffen sie nach den herumgereichten Kanapees. Sie waren beladen mit Hummer, eingeflogen aus Kanada, mit Austern, per Eiltransport aus Frankreich, angelgefangenem Thunfisch in rohen Häppchen und Beluga-Kaviar, gereicht zu eiskaltem Bier. Noch kälter, fast steifgefroren der dazu gereichte Wodka und die toskanische Zwiebelmousse. Für die Damen stand reichlich Jahrgangs-Champagner der Marke Krug bereit, den das ungeschulte Personal allerdings so kalt servierte, dass sie auch Massensekt hätten einschenken können.
Die Bewirteten waren sehr damit beschäftigt, den Eindruck gehobener Wichtigkeit zu hinterlassen. Geschäftig scharten sie sich um einen hageren Dürren, den sie mit „Herr Ministerpräsident“ anredeten und der jeden zweiten seiner Sätze mit den Worten „bei uns in Montenegro“ begann. Lautstark schwadronierte er in gebrochenem Deutsch vor einer Gruppe in alpinem Trachtenanzug, Farbe kastanienbraun, und einigen Herren im Nadelstreif. Die wiederum betitelten einander mit Herr Landeshauptmann, Herr Generaldirektor, Herr Hofrat, Herr Doktor, Herr Präsident oder Herr Kommerzialrat. Das ganze Hin und Her des Geredes schien sich nur aus Titeln zusammenzusetzen.
Etwas abseits stand einer dieser Gorillas, wie sie den amerikanischen Präsidenten flankieren, wenn er im Rosengarten des Weißen Hauses Gäste willkommen heißt. Seine muskulöse Gestalt passte ganz gut zu seiner verkrampften Haltung. Stoisch blickte er in Richtung Gästeschar durch eine rabenschwarze Sonnenbrille. Vom Personal wurde er mit „Herr Sekretär“ angesprochen, von den Gästen überhaupt nicht. Und doch folgte ihm das Personal auf den kleinsten Wink und sorgte so dafür, dass keinem der Honorablen etwas abging.
„Da kommt sie ja“, sagte der etwas schmächtige Trachtenträger, der mit „Herr Landeshauptmann“ angesprochen worden war, und legte seine Hand als Schutz gegen die blendende Sonne an die Stirn. „Sakra, ein schönes Schiff, ganz in Weiß.“
Tatsächlich glitt ein Superlativ maritimer Eleganz wie von unsichtbarer Hand gezogen in Richtung Pier. Das Bild, so schön es auch war, erinnerte gewaltig an den Kitsch von Heimatfilmen der Marke Weißes Rössl und Wolfgangsee, Fischer und Capri. Eine der Damen fühlte sich an Lohengrins Schwan erinnert und blieb dafür unbestraft. Die versammelten Herren beschäftigte ohnedies mehr die Frage, was so ein „Kahn“ wohl pro hundert Kilometer an Treibstoff nuckeln würde.
„Seemeilen, Herr Landeshauptmann. Seemeilen, wenn ich anmerken darf.“
Worauf ein umständliches Konvertieren von Kilometern in Seemeilen einsetzte. Champagner, Hummer, Austern und Kaviar im Gegenwert von rund 10.000 Euro verloren derweil in der direkten Sonneneinstrahlung rapide an Wert.
„Was kostet sowas?“, fragte einer der Trachtenträger, der sich in greifbarer Nähe zum Büffet aufgehalten hatte, seinen Nebenmann, einen Doktor Schaden, Leiter der Risikoabteilung der Montana-Maritim.
„Was jetzt?“
„Na das Schiff.“
„Knapp über 15 Millionen.“
„15 Millionen! Und das kann sich jemand leisten, der vor knapp zwei Jahrzehnten noch als Vulkanizer an der montenegrinischen Küste Reifen flickte?“
„Nicht so laut, die Herren vom Balkan werden nicht gerne an das erinnert, was sie gestern noch waren.“
„Aber wie verdient ein Vulkanizer von heute auf morgen das Geld für solch einen Luxus?“
„Na ja, der Ministerpräsident und die halbe Regierung Montenegros fressen ihm angeblich aus der Hand. Abgesehen davon, er hat die Jacht ja nicht gekauft. Bloß geleast.“
„Und was macht da so eine Leasingrate aus?“
„Etwa 350.000 Euro im Monat.“
„Das müsste sich dann schon rechnen für Ihre Bank.“
„Davon dürfen Sie ausgehen.“
„Aber das Risiko. Was ist, wenn mit dem Schiff etwas passiert?“
„Alles versichert bei der Albion. Und bedenken Sie: Wo sonst bekommen Sie heute noch 16 bis 20 Prozent fürs Verborgen?“
„Und wer von den Herren ist der Glückliche, der sich eine Leasingrate von 350.000 im Monat leisten kann?“
„Keiner von ihnen. Ich gehe davon aus, dass er an Bord ist.“
„Sie kennen ihn nicht persönlich?“
„Kaum jemand von uns kennt ihn persönlich. Er ist einer von den Scheuen und macht sich gern rar.“
In diesem Augenblick übertönte das Rotorengeräusch eines Hubschraubers jede weitere Unterhaltung. Das Luftvehikel umkreiste die Jacht, landete auf Deck und entschwand kurz darauf hinter den Hausdächern.
„Und was war das?“, wollte der Trachtenträger wissen.
„Keine Ahnung …“
Die Antwort ging im zigfachen Tuten der Schiffsirenen aus der Marina unter. Dazu nahmen zwei Löschkähne der Hafenverwaltung Triest die gleitende Diva in die Mitte und ließen Fontänen hochgehen, die im Gegenlicht der Sonnenstrahlen das Farbenspiel zweier Regenbögen herbeizauberten.
Wenig später galt das Interesse einer braungebrannten Blondine mit ostentativem Dekolletee, langen Beinen und botox-geschwulsteten Lippen, die in ein Mikrofon hineinkicherte und zu ein paar Sätzen in unbeholfenem Englisch eine Leine losließ, an deren Ende eine Champagnerflasche hing. Die Flasche beschrieb einen eleganten Bogen und erfüllte alle Erwartungen, indem sie am Rumpf der Dunja zerschellte. Damit war das Schiff nach allen Regeln der christlichen Seefahrt getauft und die Ehrengäste wurden an Bord gebeten.
Zwischen edelstem Holz und spitzfindigem Design erklärte eine Art Dressman ein wenig über die Geschichte Ferrettis, des Erbauers der Jacht. Das Unternehmen sei 1968 von Norberto Ferretti, dem Powerboat-Weltmeister von 1994, gegründet worden. Im Frühjahr 2009 hätte das Unternehmen mehrfach umgeschuldet werden müssen, bevor im Jonglieren mit den Millionen in Rot die Chinesen zuschlugen. Eine Wendung, an die auch der Herr Landeshauptmann als letzten Ausweg dachte, sollte die Montana-Bank aus der Spur laufen und nicht mehr als sein Esel-streck-dich herhalten können. Nach seinem persönlichen Leitspruch: Alles hat ein gutes Ende, und wenn es nicht gut ist, dann ist es auch nicht das Ende.
Der Dressman hatte ausgeredet und wandte sich an den Ministerpräsidenten aus Montenegro: „Ich darf Sie nun bitten, in Vertretung des verhinderten Bootseigners nach gutem Seemannsbrauch dieses reine Stück Gold in die Luke hier unter dem Führerstand zu legen, wo es für immer bleiben soll.“ Damit wies er auf eine ringartige Ausnehmung im Teakholzdeck und reichte dem Ministerpräsidenten einen Krugerrand. Mit leicht zittriger Hand legte dieser die Münze an die zugewiesene Stelle. Worauf ein Matrose im Blaumann mit der Aufschrift „Dunja“ wortlos vortrat und mit schwerem Gerät den Deckel des Ringes vierfach vernietete. Ein anderer Matrose brachte den Hals der zerbrochenen Champagnerflasche. Der Kapitän, der sich bis dato im Hintergrund gehalten hatte, hob ihn wie eine Trophäe hoch und zeigte ihn herum. Die Bordgäste musterten das Stück zerbrochenes Glas mit dem sinnlos gewordenen Korken verständnislos.
Stunden später, auf der Rückfahrt in Richtung Villach, erklärte Doktor Schaden seinem Gesprächspartner vom Büffet die Bedeutung der Vorgänge bei einer Schiffstaufe.
„Ein Glück, dass die Flasche zerbrach und der Korken im Hals stecken blieb.“
Er erntete dafür einen fragenden Blick seines Fahrgastes.
„So eine Schiffstaufe ist ein Ritual, so heilig und ernst wie eine Krönung. Taufpate eines Schiffes ist stets eine Frau. Ein Mann als Taufpate wäre ein böses Omen. Nach dem Zerschellen der Flasche an der Bordwand wird der Korken untersucht, der zum Beweis der Wirksamkeit der Taufe noch fest im oberen Rest des Flaschenhalses sitzen muss.“
„Und was hat es mit dem Goldstück auf sich?“, wollte der Trachtenträger wissen.
„Wenn auf dem Segelschiff der Großmast eingesetzt wird, legt man in die Höhlung der Mastspur ein blankes Goldstück, dort, wo danach der Fuß des Mastes ruht. Der Messingring unter dem Führerstand beim Motorschiff ersetzt die Mastspur. Das Goldstück, genannt Goldfuchs, soll vor den unbekannten Mächten des Meeres schützen.“
„Und die Seeleute nehmen das heute immer noch ernst?“
„Heute genauso wie vor Hunderten von Jahren. Zwischenfälle während der Schiffstaufe werden als böses Omen gedeutet. Sollte die Sektflasche nicht zerbrechen oder das Schiff beim Stapellauf auf der Helling hängen bleiben, heuern manche Seeleute erst gar nicht an. Auch heute erzählt man sich dann allerlei Geschichten. So wie die von der Melanie Schulte. Die kennen Sie doch, oder?“
„Nicht die Spur.“
„Sie blieb beim Stapellauf auf der Helling hängen, die schiefe Ebene, über die ein neues Schiff seinem nassen Element übergeben wird. Wenige Wochen nach der Schiffstaufe im November 1952 blieb sie im Nordatlantik spurlos verschwunden.“
„Und wie war das bei der Titanic? Ging da bei der Schiffstaufe auch etwas schief?“
„Allerdings!“ Doktor Schaden war nun endgültig in seinem Element.
„Sie fand aus Termingründen erst gar nicht statt. Das ist schon einmal äußerst ungewöhnlich. Und vor der Abfahrt am 2. April 1912 kletterte ein Heizer durch den vierten Rauchfang, der ja nur Attrappe war und zur Belüftung diente, und blickte von oben herab auf die Mole. Als die Seeleute an Land sein rußgeschwärztes Gesicht sahen, war für sie klar: Die Titanic war dem Untergang geweiht. Zwölf Tage später versank sie nach der berühmten Kollision mit dem Eisberg und nahm über 1500 Mann mit in ihr nasses Grab.“
„Aber bei unserer Schiffstaufe war alles in Ordnung. Also kein Grund zur Sorge, oder?“
„Da war schon ein gewichtiger Schönheitsfehler.“
„Und der wäre?“
„Der Eigner war nicht anwesend. Sie haben ja selbst gesehen, wie der Hubschrauber auf Deck landete und Minuten vor der Zeremonie mit ihm abschwirrte.“
„Was war eigentlich die Ursache? Haben Sie da etwas Genaueres gehört?“
„Nein. Sowohl der Kapitän wie auch der Kleiderständer von Ferretti beteuerten, sie hätten keinen Schimmer. Eigentlich hätte der Hubschrauber den Eigner nach der Schiffstaufe zum Flughafen nach Rijeka bringen sollen, doch dann sei ein Anruf gekommen und der überstürzte Abflug. Eine Schiffstaufe ohne Eigner! Meines Wissens ein noch nie da gewesener Fall. Wenn das nur kein schlechtes Omen ist …“
Noch ein Omen gab es an diesem Tag, das für Doktor Schaden Anlass genug war, sich Gedanken zu machen. Nachdem die Feierlichkeit am Hafen vorbei war, die Ehrengäste ihre Koffer gepackt hatten und sich abreisen ließen, hatte ihn der Hoteldirektor, ein watschelnder Pinguin, zur Seite genommen:
„Da wäre dann noch die Rechnung, Herr Doktor Schaden“, sagte er mit diskretem Hüsteln und präsentierte auf einem Silbertablett einen Stapel Kassenzettel mit einem hochnoblen Blatt aus Büttenpapier obendrauf.
Der Banker war bemüht, sich seine Verlegenheit nicht anmerken zu lassen. „Sollte das nicht der Sekretär des Herrn Konsul in Ordnung bringen?“, fragte er mehr sich selbst als den Pinguin.
Der fühlte sich aber angesprochen und meinte: „Von der Entourage des Herrn Konsul ward niemand mehr gesehen.“
Doktor Schaden schärfte sich auf die Summen des Büttenpapiers ein. Mehrere „Subtotals“ waren aufgelistet. Da hieß es etwa: Logis inkl. Frühstück € 9.600, Zimmerservice in den Suiten € 3.280, Blumenschmuck der Suiten € 1.280, Empfangscocktail für alle € 2.612, Restaurant individuell € 6.060, Büffet am Hafen, Speisen € 8.412, Büffet am Hafen, Getränke € 6.180, Fremdkosten Mietautos € 4.800, Geschenk für die Taufpatin € 5.000. Darunter stand, Doktor Schaden nahm seine Brille zu Hilfe: „Total € 47.224“.
Es wurde ihm schlagartig klar, dass er gar nicht das Pouvoir hatte, für solche Summen im Namen der Bank zu unterschreiben. Um sich eine Denkpause zu verschaffen, fragte er nach der Bewandtnis mit dem Geschenk für die Taufpatin.
„Der Sekretär des Konsuls hat uns Anweisung gegeben“ – leichtes Naserümpfen – „der Dame 5.000 Euro in bar auszuzahlen. Ein Wunsch, den wir ihm selbstverständlich erfüllt haben.“ Ein bisschen viel für die „Dame“, doch unmöglich konnte er die Peinlichkeit durch Verweigerung der Unterschrift zur Blamage steigern. Er nahm mit einem „Selbstverständlich“ den Griffel, den der Pinguin neben dem Konvolut aus Kassenzetteln auf dem Tablett platziert hatte, und unterschrieb. Hoffentlich im Sinne seines Generaldirektors, der schon abgereist war.
Der Hotelpinguin hatte das Silbertablett inzwischen irgendwie weggezaubert, sodass Doktor Schaden den Griffel nicht einfach darauf ablegen konnte, sondern ihn überreichen musste. So kam es zu einem Blickkontakt. Von wegen Blickkontakt. Der Hotelpinguin fixierte ihn und hatte plötzlich etwas unendlich Trauriges in seinen Augen. Etwa so, als ob er sich in die Hose gemacht hätte.
„Ach so, das Trinkgeld.“
Doch was gab man in einer solchen Situation? 32 Gäste, 18 Suiten, 18 Zimmermädchen, das Büffetpersonal, die Chauffeure der Mietwägen. Er tendierte zu 1000 Euro, erinnerte sich, dass Italiener im Umgang mit Trinkgeld eher knausrig sind, und überreichte einen Fünfhunderter. „Für die Angestellten.“
Der Pinguin ließ die Banknote verschwinden wie ein guttrainierter Taschendieb das Corpus Delicti und watschelte in Richtung Tür mit der Aufschrift „Service only“.
All das ließ Doktor Schaden Revue passieren, als er jetzt auf der Autobahn in Richtung Villach abbog. Die nicht ganz geglückte Schiffstaufe mit einer Dame des Horizontalen als Taufpatin und die Hotelrechnung, die er für die Bank wohl oder übel übernehmen musste, was hatte das wohl zu bedeuten?
Tags darauf saß Doktor Schaden mit zwei Kolleginnen in Klagenfurts Moser Verdino, um einen Happen zu essen. Die beiden warteten mit Details aus dem Kontrollbericht der Wiener Finanzmarktsaufsicht auf. Es sei alles paletti, beruhigte Schaden.
„Solange das Land dafür haftet, gibt es für die Bank kein Problem. So sieht es auch Wien.“
„Was aber, wenn irgendwann einmal die Haftung schlagend werden sollte, wenn das Land für all die Milliarden geradestehen muss?“, fragte einer.
„Dass dies nur das theoretische Konstrukt sein kann, ist die Erkenntnis unseres Generaldirektors, der Kärntner Landesregierung, des Landtages und der Wiener. Schalten Sie ab, Herr Kollege“, setzte Schaden nach, zahlte seine Brote und das Mineralwasser und ging zurück an seinen Arbeitsplatz in der Bank. „Fort Knox“ nannten sie die Kollegen am Stammtisch in den Wirtschaften, damit umstehende Gäste nicht gleich wussten, wovon die Rede war. „Fort Krux“ hatte er daraus im Gespräch mit seiner Frau gemacht.
Carlo hatte kein Problem, die Adresse der Fischhandlung im Zentrum Klagenfurts zu finden. Wie jeden Donnerstag lenkte er seinen Kühltransporter in das Stadtzentrum. Er hatte Glück. In akzeptabler Distanz zur Zustelladresse machte er eine Parklücke aus und stellte den Motor ab. Zwar ragte der Ladeteil des Lasters der Fischerei-COOP Grado ein wenig in die Querstraße hinein, doch es gab keine LKW-taugliche Parklücke weit und breit. Und aus langjähriger Erfahrung im Umgang mit österreichischen Polizisten wusste Carlo, die ließen mit sich reden. Sie hatten einen Ermessensspielraum. Bat man einen von ihnen höflich „Due minuti, per favore. Ich gleich fahren weg“, dann kam es nicht selten vor, dass sie nicht nur ein Okay nickten, sondern sogar die Ladeluke zum Kühlabteil schlossen, weil man beide Hände beladen hatte. Carlo wusste diese Ermessensspielräume für die unteren Ränge der Exekutive durchaus zu schätzen. Er hatte nicht immer tote Fische herumgefahren, sondern war früher mal als Chauffeur verschiedener Regionalpolitiker in ganz Europa herumgekommen. Diese hatten durchwegs die Angewohnheit gehabt, sich den Zielen ihrer Sehnsucht per Flugzeug zu nähern und ihn mit Dienstwagen vorauszuschicken. So konnten sie sich vor Ort von ihm herumkutschieren lassen und er konnte nicht nur gratis, sondern auch noch bei guter Bezahlung den Kontinent kennenlernen. Denn selbstverständlich tarnten die Politiker ihre Exkursionen als Dienstreisen. Bei einer dieser Fahrten hatte er den Unterschied zwischen Ermessensspielraum ja und Ermessensspielraum nein zu spüren bekommen. Das war in London gewesen. Er wollte in einer Quergasse zur Londoner Oxford Street nur ganz kurz auf einer gelben Doppellinie parken und bat einen Bobby um Erlaubnis. Den armen Officer traf fast der Schlag. „Wollen Sie mich zum Komplizen einer Straftat machen?“, hatte er fassungslos aus sich herausgepresst und mit herrischem Wink bedeutet, den Tatort schleunigst zu verlassen. In einem Pub erfuhr Carlo wenig später, dass der Bobby für das erbetene Entgegenkommen gar eine unehrenhafte Entlassung aus dem Dienst bei der Londoner Metropolitan Police Force hätte erleben können. In Österreich sah man das, gottlob, anders.
Doch dass der Klagenfurter Polizist, der sich jetzt ihm näherte, von seinem Ermessensspielraum bei Parkraumnot keinen Gebrauch machen würde, erkannte Carlo schon an dessen Haltung. Der Uniformierte stapfte mit seitlich ausholenden Schritten daher, massiv übergewichtig, die Wangen cholesterinrot, einem Krokodil in aufrechtem Gang nicht unähnlich. Da er keine Wahl hatte, beschloss Carlo, das gefährliche Wesen zu ignorieren. Er öffnete die Ladetür zum Tiefkühlabteil seines Lasters und versteinerte augenblicklich. Vor ihm hing eine Frau, die mit schreckensgeweiteten Augen durch einen milchigen Eisflaum um das Gesicht auf ihn herabblickte. Entgeistert nahm Carlo völlig Nebensächliches wahr. Etwa, dass die schwarzen Stöckelschuhe an den zierlichen Füßen der Frau sofort mit einer Eisschicht beschlugen. Und dass ihre linke Hand hässlich verfärbt war von gefrorenem Blut. Bevor Carlo das, was er sah, verarbeiten konnte, schlug eine kräftige Hand die Luke vor seiner Nase zu.
„Da können S’ net stehen bleiben“, grölte das Krokodil.
Vollends verwirrt starrte Carlo in das Gesicht des Polizisten, ohne ihn wahrzunehmen. Hatte ihm der Eisnebel, der ihm bei jedem Öffnen der Ladetür entgegenschlug, etwas vorgegaukelt? Nein, da war eine Leiche, eine weibliche noch dazu. Im Ausdruck ihres Gesichts schien noch der Schrei zu stecken, den ihr Mörder erstickt hatte.
Carlo gab ein Bild des Jammers ab, das auch den schroffen Arm des Gesetzes schwach werden ließ. Er genoss Carlos Blässe fürs Erste als Respektsbeweis und gab sich zweitens gnädig: „Das müssen S’ doch einsehen. Es kann ja kein Mensch an Ihrem Kasten vorbei. Stellen Sie sich vor, da kommt eine Frau mit Kinderwagen und will die Straße überqueren. Nicht auszudenken, was da passieren könnte.“
Da der Mazda vor Carlos Laster aus dem Parkstreifen kurvte und gut fünf Meter Platz freigab, latschte der Polizist nach vorne und bedeutete Carlo aufzurücken. Mechanisch gehorchte dieser den lässigen Armbewegungen des Uniformierten, worauf dieser ein Salutieren andeutete, sich die Hose hochzog und in Richtung Recht und Ordnung abging.
Carlo stellte den Motor ab und fluchte. Ausgerechnet jetzt, am letzten Tag vor seinem Jahresurlaub. Würde er diesem Bürgerschreck seinen Fund anvertrauen, müsste er womöglich Stunden auf einer Klagenfurter Wachstube verbringen, vielleicht gar übernachten. Womöglich müsste er sich Tage zur Verfügung halten, vielleicht gar hier in Klagenfurt. Der Urlaubsantritt mit Frau und Kind, morgen, Abflug zehn Uhr Flughafen Triest nach Gran Canaria, fiele damit ins Wasser. Seine Frau würde ausflippen. Zum Thema Polizei fiel ihm ein, dass sein Kühlwagen mit all dem Eis sicherlich überladen war. Und was würde aus der Ware? Wer würde der COOP den Verlust ersetzen? Würden Kunden abspringen, der so mühsam aufgebaute österreichische Kundenkreis schrumpfen? Auch wenn er mit der Toten im Eis überhaupt nichts zu tun hatte, seine Arbeitgeber waren Fischer – und Fischer waren abergläubisch, jedenfalls abergläubisch genug, um einen Unglücksraben auf Distanz zu halten. War er mit dem Leichenfund im Eis ab sofort so ein Unglücksrabe?
Dass Carlo sich auch über den möglichen Schaden der COOP ernsthafte Gedanken machte, lag daran, dass sie nicht irgendein Konzerngebilde war, sondern als Kooperative der freien, um ihr wirtschaftliches Überleben kämpfenden Fischer Grados gegründet worden war und wie eine Großfamilie funktionierte. Ihr Erfolg sicherte das Überleben aller Mitglieder und Beschäftigten. Auch wenn die Bezahlung nicht gerade fürstlich war, für die Fischer fahren zu dürfen, war ein Glücksfall. Jedenfalls sah es Carlo so.
Nach kurzem Hin und Her war ihm klargeworden: Das Gebot der Stunde hieß Business as usual. Er würde einfach seine Tour abspulen, alles ausliefern, Tiefkühlkost aus dem Tiefkühlfach, Frischware aus der Eisbox. Am Ende der Tour würde er den Wagen wie immer bei der COOP in Grado abstellen. Um zwei Uhr früh würden – ebenfalls wie immer – die indischen Putzbrigaden anrücken. Sie hatten das übrig gebliebene Eis zu entfernen und den Wagen für Gustavo neu zu beladen. Für Gustavo, der morgen die nächste Tour zu fahren hatte. Da würde er mit Frau und Kind schon im Flugzeug sitzen. Den weiblichen Ötzi würden sie spätestens bemerken, wenn sie das Tiefkühlabteil öffneten, um es nach den Hygienevorschriften zu reinigen. Niemand würde die Putzteufel verdächtigen. Doch, wer weiß, vielleicht hatten sie damit zu tun? Sie hatten ja die Schlüssel zu seinem Wagen, um nachladen zu können. Der Fahrer war nur für das Nachladen der Tiefkühlware verantwortlich. Allerdings – genau das war der kritische Bereich, für den er allein verantwortlich war, nur er den Schlüssel hatte. Wie kam der Mörder dann in das Fach? Er hatte es wahrscheinlich nicht abgesperrt. Das nahm er nicht so genau, musste er sich eingestehen. Niemand würde im Hof der COOP, wo überall Frischware herumlag, Tiefkühlware klauen.
Die Kette dieser Überlegungen half Carlo, sich allmählich zu fangen. Er vergewisserte sich, dass der Gehsteig menschenleer war, streifte seine Arbeitshandschuhe über und griff sich eine Decke aus der Fahrerkabine, um damit die Eisleiche so weit abzudecken, dass sie nicht sofort gesehen werden konnte, wenn er die Luke öffnen musste, um ausliefern zu können. Dabei registrierte er, dass die Tote einen Ring an der Linken trug und über der hässlichen Blutkruste, knapp oberhalb der Handwurzel eine Uhr. Auf den ersten Blick entweder ein Fake aus irgendeinem Winkel der Dritten Welt oder echt eine Cartier. Carlo sah sich um. Kein Mensch weit und breit. Dennoch zögerte er. Dann fuhr er doch über den Stein im Ring. Es könnte ein Smaragd sein, im Halbkugelschliff, so groß wie eine Haselnuss. Selbst wenn es ein echter Stein war, hing sein Wert sehr von der Farbintensität des Grüns ab und davon, ob Trübungen den Wert negativ beeinflussten. Ein wenig kannte er sich mit Smaragden aus. Eine Kartenleserin hatte einmal seine Zukunft gedeutet und ihm offenbart, dass Smaragd sein Glücksstein wäre. Von wegen Glücksstein! Jetzt hatte er den Salat.
Doch Schluss damit. Einfach alles raus aus dem Gehirn, was mit diesem weiblichen Ötzi zu tun hatte. Besser an den Urlaub denken, an Frau und Kind. Entschlossen griff er nach seinem Lieferscheinbuch, um sich wieder an die Arbeit zu machen. Dennoch brauchte es eine gute Stunde, bis das leichte Zittern seiner Hände nachließ.
Fünf Stunden später stellte er den Wagen bei der COOP der Gradenser Fischer hinter der Riva E. Dandolo ab und verband das Tiefkühlabteil mit der Stromversorgung. Er hatte das zwiespältige Gefühl, einerseits richtig, andererseits schwer regelwidrig gehandelt zu haben, und bemühte sich, das Andererseits zu verdrängen. Die Fahrerkabine und das Schloss zum Tiefkühlabteil versperrte er diesmal mit Absicht nicht. Vielleicht würden so die unausbleiblichen Erhebungen der Polizei in Bahnen gelenkt, die von ihm wegführten.
Zu Hause angekommen musste er im Vorzimmer zwei große Koffer umrunden. Elvira hatte den ganzen Nachmittag gepackt.
„Was macht die Kleine?“
„Die schläft schon.“
„Gab es etwas Besonderes?“
„Die übliche Hausarbeit halt. Und bei dir?“
„Wie immer an einem Donnerstag. Klagenfurt, Tarvis, Gemona und Udine.“
Der Kühlschrank war leer, abgeschaltet und stand, blitzblank geputzt, sperrangelweit offen. Alles, was darin an Prosciutto, Salami, Käse, Butter und Oliven die letzten Tage überdauert hatte, war gekonnt als kalte Platte arrangiert. Ein gutes Mahl kündigte sich an, bloß das Bier hatte Zimmertemperatur angenommen. Also stellte Carlo es beiseite und öffnete eine Flasche Rotwein.
Mit dem gut gemeinten Rat „Trink nicht zu viel, wir müssen früh raus und zum Flugzeug“ ging Elvira zu Bett. Carlo aß fast nichts, um die einschläfernde Wirkung des Rotweins zu fördern. Zwar würde, wie immer, wenn er etwas getrunken hatte, sein lautes Schnarchen Elviras Schlaf stören, aber das war ihm heute egal. Denn es galt zu schlafen – und dann ab in den Urlaub.
Die COOP der vereinigten Fischer in Grado hätte für den Unternehmenszweck nicht besser liegen können. Da, wo die heimkehrende Fangflotte festmachte, am Hafenbecken des Stadtzentrums, waren Büros, Kühlhäuser, Abfertigungshalle für Großkunden und der Bereich für den Einzelhandel untergebracht. Die Skipper und ihre Lasten mussten bloß ein paar Schritte über die Straße. Zum Komplex gehörte noch das Restaurant Zero Miglia, das ebenfalls der COOP gehörte und schon in seinem Namen „Null Entfernt“ andeutete, dass alles direkt vom Schiff, frisch aus dem Wasser, serviert würde. Kein Wunder, dass sich das Restaurant bei Kennern wie Touristen äußerster Beliebtheit erfreute. Die meisten der Letzteren beugten sich begeistert über die aufgereihten Krustentiere, Seeteufel, Branzini, Schollen, Seezungen und Doraden, kommentierten deren Mäuler und Augen und wählten ihr Stück für die Mahlzeit.
„Meet your fish“ stand in schwungvollem Blau auf einem weißen Plakat über der kulinarischen Brautschau.
Freilich, die älteren unter den Touristen monierten fast immer die bescheidene Größe der jeweiligen Exemplare: „Früher waren die viel größer. Das sind ja alles bloß Setzlinge, hätte man zu unserer Zeit ins Meer zurückgeworfen.“ Vergilbte Fotos an der Wand zeigten verwegene Typen neben Tunfischen an einem Kranhaken, die doppelt oder dreimal so groß waren wie sie selbst. Weshalb die Bilddokumente unter den männlichen Gästen stets mehr Beachtung fanden als die Angebote der Gegenwart.
Den Fischern von Grado war es hoch anzurechnen, dass Zuwanderer aus Sri Lanka im Zero Miglia mit derselben Gelassenheit bedient wurden wie die mit Kameras bewehrten Zaungäste aus Villach, Graz, Linz oder Wien. Es hatte sich irgendwann einer von ihnen um die Jahrtausendwende vom Indischen Ozean nach Grado durchgeschlagen, ein paar Hundert waren gefolgt, um das Grauen des dortigen Bürgerkriegs zwischen Tamilen und Singhalesen hinter sich zu bringen. Eine ganze Schar von ihnen hatte bei der COOP Arbeit und Brot gefunden. Zumindest am Zahltag mischten sie sich im Zero Miglia unter die Gäste und kontrastierten mit ihrem melodischen Sprachfluss die Gutturallaute der Hellhäutigen aus dem Norden.
Jetzt aber, es war knapp vor zwei Uhr morgens, kamen sie angerückt wie ein Trupp Heinzelmännchen. Eine Gruppe, um zu reinigen, die andere, um zu beladen, schlüpften sie in ihre Gummistiefel. Mit Lappen, Bürsten und einer auf geruchlos gemixten Desinfektionslauge nahmen sie sich den Fuhrpark vor. Zuerst ließen sie das restliche Schmelzwasser aus den Kühlkabinen abfließen, um danach alles blitzblank zu scheuern.
Mahi, ihr Vorarbeiter, blickte auf die Uhr. Man war etwas spät dran. Schon wartete Gustavo im Büro des Fuhrparks darauf, starten zu können. Auch der blickte auf die Uhr. Ab fünf waren die Stadtzentren seiner Stationen für den LKW-Verkehr freigegeben, in den meisten Fällen allerdings nur bis elf. Da hieß es sich sputen und gut Ausschau halten nach wegelagernden Polizisten mit ihren Tempomessern. Keine Minute später als fünf wollte er in Palmanova vorfahren. Dann würde es weitergehen, Richtung Pordenone, Vittorio Veneto, Belluno und Cortina. Um drei Uhr nachmittags wollte er wieder zu Hause sein, sich eine knappe Stunde hinlegen und dann zu den Freunden gehen, ins gut versteckte Stammlokal in einem Hof inmitten der Gradenser Altstadt. Sie hatten nämlich eine alte Segeljacht ersteigert, die von ihrem Besitzer liegen gelassen worden war. Vielleicht war er gestorben, vielleicht hatte er einen Unfall gehabt, vielleicht war er pleite. Jedenfalls waren beträchtliche Liegegebühren angefallen und die Marina hatte per Exekution die Erlaubnis zur Versteigerung erwirkt, um so die Liegekosten hereinzubringen. Und die wollten Mario und seine Kumpel auf Vordermann bringen.
Langsam wurde es hell. Für Gustavo begann die Schicht, für die Putz- und Ladebrigade endete sie. Mahi inspizierte Wagen elf, Gustavos Wagen, für die Freigabe. Alles okay. Also kappte er den Netzanschluss der Stromversorgung, worauf sich automatisch der Generator des LKW einschaltete. Das hieß freie Fahrt für Gustavo.
Es war eine ganz normale Tour gewesen. Wie geplant genehmigte sich Gustavo nach der Rückkehr aus Cortina ein kleines Schläfchen. Danach ging es ab ins Stammlokal. Man besprach die anstehenden Reparaturarbeiten an der Jacht, überlegte, wer mit der Sanierung des Hauptsegels und der Genua beauftragt werden sollte, als es plötzlich laut wurde. Vier Carabinieri bahnten sich einen Weg zwischen Oleandertöpfen und überladenen Windelständern durch den Hof.
Ihr Kommandeur musterte die Runde der drei Männer und bellte:
„Gustavo Priolo, aufstehen!“
Die zwei Freunde sahen Gustavo fragend an. Dieser erhob sich langsam.
„Sind Sie Gustavo Priolo?“
„Warum?“, fragte dieser ziemlich überfordert.
Für die Carabinieri ein eindeutiges Ja: „Mitkommen, Sie sind verhaftet.“
Gustavo sah in Richtung Tür, in der die Wirtin mit einer riesengroßen Schüssel erschien, aus der Cozze in einer Olivenöl-Knoblauch-Weißweinsoße dampften. Für den Kommandeur war dieser Blick bereits ein eindeutiger Fluchtversuch. „Handschellen“, kommandierte er, worauf die Wirtin erschrocken die Schüssel mit den Cozze fallen ließ und sich ein köstlicher Duft aus Brandung und Knoblauchblüten zwischen den engen Gemäuern ausbreitete. Der Krach der berstenden Schüssel schreckte die Hauskatze auf, die sich sodann in einem Bogen um die Stiefel der Uniformierten herum dem Quell des Duftes näherte. Bis sie die schrille Stimme zusammenzucken ließ, die aus der Mundöffnung des Frauenkopfs im ersten Stock plärrte: „Eh, Gustavo, quello che hai fatto?“
Gustavo blickte nach oben und brüllte zurück: „Nichts habe ich gemacht, gar nichts. Ich weiß nicht, was die von mir wollen!“
Commissario Bruno Vossi hatte ein Bündel von Seiten vor sich, die er sich zu diversen Stichworten der Geschichte des Mittelalters ausgedruckt hatte. Das Lesen vom Bildschirm schätzte er ganz und gar nicht. Kein Vergleich mit Blättern aus echtem Papier, das sich leichter herumtragen ließ als sein Laptop. „Ja, auch auf die Toilette“, hatte er seiner Frau Jelena verärgert beigepflichtet.
Wenn man ihn so ansah, gab man seinen Kollegen ohne Abstriche recht. Ganz entschieden erinnerte Commissario Vossi an den Mann auf dem Werbeplakat für das Bier von Moretti. Nicht nur wenn er, wie eben jetzt, ein volles Glas Bier in Richtung seines Schnauzers führte, sondern weil er, wie die Moretti-Figur, keinem der hier vertretenen Typen spezifisch zuzuordnen war. Sein Mustache passte zum Kommunisten Peppone aus den Schwarz-Weiß-Filmen der Nachkriegszeit, sein Hut zu einem slowenischen Bauern, seine milden Gesichtszüge zu einem Wiener Konditormeister und in den Tag hinein blickte er mit den eisblauen Augen eines Tiroler Schutzhüttenwirtes. Kurzum, er war übernational. Bei ihm war es eine Laune der Natur, bei der Bierfigur für Moretti Absicht. Die Brauerei war stolz auf ihre Tradition und alle Völker der k. u. k. Monarchie sollten ihr Bier trinken. Ihre Galionsfigur mit dem Krügel in der Hand war gewissenhaft entworfen worden. Für die Schöpfer des Plakats galten die gleichen strengen Regeln wie für das Erscheinungsbild Kaiser Franz Josephs. Kaiser Wilhelm durfte Preuße sein, Napoleon III. Franzose, König Viktor Emanuel Italiener – oder beinahe. Mit Franz Joseph aber mussten sich Tschechen, Deutsche, Ungarn, Polen, Italiener, Kroaten, Juden und islamische Bosnier gar identifizieren können. Dass der Alte Kaiser von Natur aus mit seinem Backenbart und buschigen Augenbrauen etwas von einem Weihnachtsmann in Militäruniform hatte, kam den Intentionen der Hofstilisten Wiens sehr entgegen. Weihnachtsmänner waren supranational.
Commissario Vossi setzte sein Bierglas ab und las weiter. Der Moment war nahe, da Jelena, seine Angetraute, nachgeben und sich mit einer Kulturreise durch Deutschland einverstanden erklären würde. Sollte er recht behalten, verdankte er dies seinem keineswegs nur gespielten Interesse an Adelheid von Burgund. Die war um das Jahr 1000 aus italienischen Kerkern zur römisch-deutschen Kaiserin aufgestiegen. Nicht bloß als Gemahlin eines gekrönten Hauptes, sondern als dessen Mentorin, im Vokabular von heute würde man sagen, als seine Stabschefin.
Um Jelenas sehr kümmerlicher Begeisterung für die Geschichte des Mittelalters etwas mehr Leben einzuhauchen, las er ihr vor: „Sie war eine gebildete Frau, sprach vier Sprachen und war sehr belesen. Sie übte sowohl in Italien als auch im Reich nördlich der Alpen großen Einfluss auf die Politik aus.“
Vossi registrierte das Desinteresse seines Publikums, ließ sich aber nicht entmutigen: „Bedenke, hunderte Jahre vor Elisabeth I. von England, Kaiserin Maria Theresia, Katharina der Großen, Golda Meir, Margaret Thatcher und Angela Merkel.“
„Aber hunderte Jahre nach Kleopatra und Theodora von Byzanz“, rümpfte Jelena die Nase. „Eine Urlaubsreise nach Deutschland! Gibt dir nicht zu denken, dass alle Deutschen Jahr für Jahr für ihren Urlaub hierherfahren?“
Damit entschwand sie in Richtung Küche.
Wenig später kam sie mit zwei Gläsern ihres im wahrsten Sinn des Wortes umwerfenden Martini-Cocktails. Für Vossi beinahe die Gewissheit: Er hatte es geschafft.
„Na gut, wenn du die Nähe einer längst Verwesten brauchst, um am Glanz meines Geschlechts froh zu werden, dann fahren wir halt hin. Aber nimm genügend von unserem Friulano mit. Du weißt, Bier macht dick.“
Dazu bohrte sie ihren Zeigefinger in die Wölbung seiner Mitte, die auf seinem Gürtel Spuren hinterließ. Wie Jahresringe dokumentierten sechs aufeinanderfolgende ausgedehnte Löcher der Schnalle Gewichtszunahme.
Also hatte er Jelena doch überreden können. Er unterdrückte das riskante Lächeln des Siegers, das nur zu oft schon die Früchte seiner Überredungskunst verdorben hatte, und küsste stattdessen zart ihre Wange. Leichter Dunst aus feinsten Perlen hatte sich auf das Cocktailglas gelegt, so als wolle er die gefährliche Wirkung des Inhalts vertuschen. Doch der Duft nach Wacholder, Muskat und Limone machte Appetit auf Jelenas Rezeptur: Gin der Marke Beefeater, beinahe pur, dazu ein Schuss Cinzano Dry und ein klitzekleiner Hobelspan einer biologisch gereiften Zitrone aus Amalfi. Vossi wusste: Drei davon auf nüchternen Magen und die Beefeater des Londoner Towers tanzten zur Melodie der Sirenen der Costa Napoletana.
Weshalb er nur vorsichtig nippte und zu seinen Staufern und Ottonen zurückkehrte. Mühsam arbeitete er sich durch all das Hauen und Stechen der Schlachten jener Zeit, während Jelena mit ihrer Gartenschere die Hecken disziplinierte. Wann immer Vossi aufblickte, sah er Blätter und Äste fallen gleich Mann und Pferd in seinen Texten.
Bis eine Polizeisirene die Beschaulichkeit störte. Sie kam von der unteren Serpentine im Tal, näherte sich jedoch rasch. In jeder der Kurven wieherten die gepeitschten Pferde des Einsatzwagens. Also musste etwas Ärgeres vorgefallen sein. Quietschend bremste sich der Lancia vor seinem Gartentor ein. Sie wirbelten genug Staub auf, um Jelena husten und fluchen zu lassen. Rasch legte Vossi seine Papiere zur Seite und eilte den Kollegen entgegen, um ihnen böse Kritiken seiner Liebsten zu ersparen. Sie hatte etwas gegen Polizisten im Allgemeinen und gegen Carabinieri im Besonderen. Warum, hatte sie nie überzeugend erklären können. Vossi hoffte, dass es nichts war, das speziell mit seinem Aufgabenbereich zu tun hatte. Ganz sicher war er sich aber nicht.
„Muss wohl irgendetwas passiert sein mit Roberto“, sagte er halblaut und sorgte sich sogleich um seinen jungen Assistenten. Denn wann immer es einen Vorfall gab, also einen Leichenfund oder zwei, überbrachte der die Meldung per Telefon. Was hatte also diese Auffahrt mit Folgetonhorn zu bedeuten?
Drei junge, durchtrainierte Uniformierte sprangen aus den Limousinen, standen vor Commissario Vossi stramm und salutierten.
„Eine Frau ist ermordet worden, in einem LKW der Fischerei-COOP“, meldete ein unterernährt Wirkender mit der Gesichtsfarbe des italienischen Südens, also irgendwo zwischen braun gebrannt und ersten Hepatitissymptomen.
„Wie in einem LKW getötet worden?“
„In der Kühlbox eines der Lieferwagen der Fischerei-COOP von Grado.“
„Und?“
„Wir haben den Direktor der COOP, einen Fahrer und die Putzbrigade der Tamilen festgenommen. Besonders der Fahrer, ein gewisser Gustavo Priolo, hat sich sehr verdächtig gemacht.“
Der Carabiniere stand noch immer stramm, als Vossi ihn fragte: „Wie macht man sich verdächtig, wenn man des Mordes beschuldigt wird?“
„Nun, er hat sofort erklärt, er habe mit der Sache nichts zu tun.“
„Hätte er das nicht getan, hätten Sie ihn dann nicht noch viel nachhaltiger verdächtigt, wegen seiner Kaltblütigkeit?“
„Er hat aber den Wagen gefahren. Außerdem machte er Anstalten, sich der Festnahme zu entziehen.“
„Er wurde gewalttätig?“
„Er wollte zur Tür. Außerdem hat er gebrüllt.“
„Was hat er gebrüllt?“
„Ich habe nichts getan.“
„Wäre das nicht auch eine ganz natürliche Reaktion eines Unschuldigen?“
„Es war das Wie. Wie er es gebrüllt hat, Commissario.“
„Haben Sie die Leute festgenommen oder verhaftet?“
„Es ging sehr schnell, weil der Beschuldigte fliehen wollte. Also mussten wir ihm Handschellen anlegen.“
„Also war es eine Verhaftung. Haben Sie ihm seine Rechte erklärt?“
„Wie ich schon sagte, es ging alles sehr schnell.“
„Also nicht. Wo finde ich die Leiche?“
„Oh, wir haben nichts angerührt. Sie ist immer noch in der Kühlbox des Wagens.“
„Und der steht wo?“
„Im Hof der COOP in Grado.“
„Haben Sie meinen Assistenten erreicht, die Spurensicherung verständigt, die Gerichtsmedizin gerufen?“
„Nein, wir sind sofort hierher zu Ihnen.“
„Warum haben Sie mich nicht angerufen?“
„Hat der Capitano versucht. Es gab aber keine Antwort.“
Nun erinnerte er sich. Jelena hatte darauf bestanden, das Telefonino abzuschalten. Mit der Begründung, dass er sich für das Wochenende abgemeldet habe, weil sich die Schwiegereltern angesagt hatten.
„Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Und jetzt ist Schnaps“, hatte sie gesagt und die Verbindung seines Telefoninos weggedrückt.
„Ich sage nur meiner Frau Bescheid und bin sofort wieder da.“ Vossi registrierte, dass die drei Männer, kaum, dass er sich abgewendet hatte, wieder bequem standen. Das ganze Getue mit Strammstehen, Bequemstehen und Salutieren nervte ihn schwer. Schon weil sich Jelena stets darüber lustig machte und ebenfalls vor ihm salutierte, wenn er sich einmal im Ton vergriff. Allerdings salutierte sie mit herausgestreckter Zunge und einem lauten „Bääh“.
„Wo sind Ihre Verdächtigen?“, fragte Vossi, nachdem er auf dem Beifahrersitz des Einsatzwagens Platz genommen hatte. Den nahm er immer für sich in Anspruch, wenn er von Carabinieri gefahren wurde, weil ihm bei ihrer Fahrweise mit Blaulicht und Sirene auf den Rücksitzen unweigerlich schlecht wurde.
„In unserem Sozialraum. Wir haben sonst keinen Raum auf der Carabinieri-Station, der groß genug für alle wäre.“
„Wie viele sind es denn?“
„Zwei und die Putzbrigade der Tamilen.“
„Macht wie viel?“
„Elf.“
„Dann fahren Sie mich jetzt zuerst zur Leiche.“
Danach rief Vossi seinen Assistenten Roberto an und bestellte ihn zur COOP nach Grado. „Rund 20 Kilometer noch und wir sind vor Ort. Bei dem Tempo, das der Carabiniere vorlegt, in höchstens einer Minute. Evakuiere schon mal die Altstadt von Grado, damit es keine Verkehrstoten gibt. Und schau, dass sich die Spurensicherung sputet – und Dottor Lamberti von der Forensik. Wir wollen noch heute nach Hause. Morgen kommen meine Schwiegereltern zu Besuch.“
Der Lenker nahm eine Rechtskurve in einem Tempo, dass Vossi meinte, es würden sich mit Sicherheit die Reifen von den Felgen schälen.
„Was fahren Sie so schnell? Die Leiche läuft uns nicht weg“, fauchte er.
Darauf nahm es der Lenker für ein paar hundert Meter gemächlicher. Danach legte er wieder zu, als ob er die verlorene Zeit wettmachen wollte. „Wie Roberto“, ärgerte sich der Commissario. Roberto Vialli, der Sizilianer in seinem Team. Abgesehen von seiner Fahrweise hatte Vossi an ihm auszusetzen, dass er südliche Weisen zu summen begann, wann immer er sich bemühte, ihm die Geschichte der Habsburgermonarchie, hier die „Epoca“, nahezubringen. Es irritierte Vossi, dass Roberto zu seinen Geschichten von Kaiser Maximilian von Mexiko und dessen nahem Märchenschloss Miramar „O sole mio“ summte und dass er allen Ernstes Kaiserin Maria Theresia für die Frau König Vittorio Emanueles hielt. Und dass alle Mädchen der Questura unruhig wurden, wenn er an ihnen vorbeiging. Und dass Rita Jurinec, hoffentlich einmal Vossis Nachfolgerin, sagte, er möge mehr Geduld haben mit dem Jungen aus den Süden, den könne man doch einfach nur liebhaben. Und am schlimmsten waren Vossis Vorahnungen von dem Schmerz, den er empfinden würde an jenem unvermeidlichen Tag, an dem ihm Roberto seine Beförderung und Versetzung in den Süden eröffnen würde.
Die Einfahrt zur COOP war geschlossen und das war gut so, denn es standen an die hundert Einheimische davor, um sich über den Fall auszutauschen. Einer meinte, die Mafia der Tamilen hätte zugeschlagen. Vossi bezweifelte, dass es eine solche überhaupt gab. Jedenfalls hatte er nie davon gehört. Widerwillig machten die Neugierigen Platz, damit er und die Carabinieri durchkonnten. Kameras klickten, und da sich das Tor nur elektrisch schließen ließ und das Zeit brauchte, war eine Meute von Journalisten schon im Hof und fotografierte wahllos die geparkten Kühlwagen. Hilflos brüllten die Carabinieri sie an, den Hof zu verlassen, und Vossi erkannte auf Anhieb, dass sie der Situation nicht gewachsen waren.
Also ließ er sich eine Flüstertüte reichen und sagte möglichst amtlich: „Ich begrüße die Damen und Herren der Presse und bitte zur Pressekonferenz in das Zero Miglia.“
Darauf stapfte er los, gefolgt von den Paparazzi. Das Zero Miglia war so gut wie leer, da die Gäste bei dem schönen Wetter ausnahmslos die Tische auf der Wasserseite wählten. Der Restaurantchef erkannte ihn sofort. Dienstbeflissen stellte er den ansehnlichen Nebenraum für die Pressekonferenz zur Verfügung. Der hatte einen zweiten Ausgang zum Fuhrpark hin.
Vossi gab dem Restaurantchef den diskreten Wink, die Tür zum Fuhrpark abzusperren, und lenkte mit freundlichen Begrüßungsworten die Vertreter der Presse von dem Sperrmanöver ab. Dann kam er ohne Umschweife zur Sache: „Die Tür zum Hof des Fuhrparks ist verschlossen, der Zutritt bleibt Ihnen verwehrt. Eine Maßnahme, die Sie davon abhalten soll, Hausfriedensbruch zu begehen und unsere Arbeit zu behindern. Ich habe Ihnen nichts zu sagen, da wir noch am Anfang der Ermittlungen stehen. Damit darf ich Sie hier zurücklassen und mich an die Arbeit machen. Doch einen gut gemeinten Rat noch: Trinken Sie nicht zu viel. Unsere Carabinieri sind von Ihrem Verhalten im Hof der COOP sehr aufgebracht und werden ein Auge auf Sie werfen. Und damit buona sera allesamt.“
„Das ist Freiheitsberaubung“, rief einer der Journalisten frech aus der Deckung der hinteren Reihen.
„Wer immer das sagt, muss noch viel lernen. Hausfriedensbruch und Behinderung von Polizeiarbeit sind strafbare Handlungen. Und es bleibt nur ungeahndet, weil ich heute bei guter Laune bin. Und zu Freiheitsberaubung verweise ich auf die offene Tür in Richtung Hafen. Verlassen Sie durch diese das Anwesen. Je früher, je besser. Also nochmals: Buona sera.“
Damit ließ sich Vossi die Tür in den Hof öffnen und schritt ab in Richtung Tatort, ohne sich nochmals umzusehen oder auf die weiteren Zurufe zu reagieren. Denn jetzt galt erst mal zu klären, ob der Hof überhaupt als Tatort infrage kam.
Der Carabiniere zeigte auf einen Wagen mit einer schwarzen Elf auf der Fahrertür. Es war ein Fiat Ducato mit einer Kühlkabine, breiter und höher als das Fahrerhaus, und hatte seitlich eine mannshohe und auf der Heckseite eine etwas breitere, zweiflügelige Tür. Der Carabiniere machte sich an der seitlichen Öffnung zu schaffen.
„Was haben Sie vor?“, fuhr Vossi dazwischen.
„Hier im Tiefkühlabteil hängt die Leiche.“
„Zulassen“, kommandierte Vossi und schickte nach dem Restaurantchef, um sich das Gefährt und seinen Kühlmechanismus erklären zu lassen.
„Also unsere Fahrzeuge haben jeweils zwei Kühlkammern. In der vorderen ist Tiefkühlware. Mindestens 18 Grad minus, meist so um 22. Wenn die Kammer am Elektronetz angeschlossen ist, eher 26 Grad minus. In der zweiten Kammer transportieren wir Frischware. Auf Eis bei plus zwei Grad, also doch deutlich kühler als ein Haushaltskühlschrank.“
„Läuft die Kühltechnik? Ich höre nichts.“
„Nein, sie läuft nicht. Die Putzbrigaden haben die Kühlmechanik abgestellt, da ja freitags die Kabinen gesäubert und desinfiziert werden.“
„Das heißt, abgesehen von der Leiche ist die Tiefkühlbox leer.“
„Ich gehe davon aus, aber beschwören kann ich es nicht, da ich ja nicht hineingesehen habe.“
„Wer hat die Leiche entdeckt?“
„Einer von der Putzbrigade. Ich weiß aber nicht, welcher. Ich kenne sie kaum per Namen. Nur den Vorarbeiter Mahi. Der stürzte plötzlich ins Lokal, schrie Mord und Totschlag und rief nach der Polizei.“
„Wie spät war es da?“
„Etwa fünf Uhr. Soll ich die Box jetzt öffnen?“
„Nein, das überlassen wir besser der Spurensicherung, deren Wagen ich eben vorfahren sehe. Wenn Sie mit den Carabinieri bitte das Hoftor öffnen und darauf achten, dass sich kein ungebetener Gast einschleicht.“
Während Vossi die Männer der Spurensicherung begrüßte, vernahm er einen verbalen Schlagabtausch, gespickt mit einigen hässlichen Schimpfworten. Ein Blick in Richtung Tor verriet ihm, dass zwei Carabinieri gerade dabei waren, Roberto unter dem Vorhalt des Widerstands gegen die Staatsgewalt zu verhaften.
„Lassen Sie den Mann passieren. Er ist meine rechte Hand“, rief Vossi den Uniformierten zu.
Roberto war wütend und musste sich erst beruhigen. Er tat dies auf sizilianische Art, indem er den beiden Greifern vor die Füße spuckte. Die, ebenfalls aus dem Süden, wussten, was das zu bedeuten hatte, und erdolchten ihn mit ihren Blicken.
„Roberto, was soll das?“, war alles, was Vossi dazu zu sagen hatte. Aber doch so laut, dass die ganze Mannschaft der Uniformierten es hören und sich beruhigen konnte. Denn Solidarität mit Kameraden im Einsatz ohne Hinterfragung von Recht oder Unrecht war für einen Carabiniere Ehrensache.
Inzwischen hatte die Spusi das Tiefkühlabteil geöffnet. Die Leiche war noch immer von einem Eisflor umhüllt. Der Mann an der Öffnung diktierte ins Protokoll: „Minus zwölf Grad.“ Dann machte er Platz für Vossi und Roberto. Beide musterten eingehend ihre Kundschaft.
„Macht die Box wieder zu. Und nicht öffnen, bis Dottor Lamberti kommt.“
In diesem Moment passierte der Gerichtsmediziner in seinem neuen BMW-Roadster die streng bewachte Einfahrt.
„Hallo, Bruno, vielen Dank, hast mir schon lange kein Wochenende mehr versaut.“
„Hallo, Stipe. Oh, ich habe mehr im Angebot. Zum Beispiel eine Nachtschicht.“
„Nachtschicht? Bist du wirklich schon so ein Ehekrüppel, dass du nicht mehr weißt, wofür Nächte da sind?“
Vossi wusste, es gab ein Heer von Frauen aller Haarfarben zwischen Triest und Venedig, die sich bei Dottor Lambertis Bemerkung sofort wohligen Erinnerungen ergeben hätten. Gefühle, die dem Forensiker wiederum fremd waren. Bei ihm waren die Erinnerungen ein unentwirrbarer Knäuel, aus dem sich bestenfalls irgendein Faden herausziehen ließ. Mehr als „Da war einmal eine Blonde, oder war es die mit der hellen Haut, nein, eher die mit den Sommersprossen …“ erbrachte das nicht. Vielleicht hielt ihn dieses Vergessen ständig auf Trab.
Inzwischen hatte sich Dottor Lamberti an der Leiche zu schaffen gemacht. Er hatte sie von oben bis unten abgetastet, drehte sie jetzt um ihre Achse und diktierte Roberto: „Arbeitstemperatur der Box, die muss ich wissen. Weiters, ob der Motor des Generators für den Tiefkühler laut Temperaturregler funktionierte oder ob es Abweichungen gab. Und wie lange der Wagen hier schon vom Stromnetz gekappt parkt. Nicht viel für den Anfang, Roberto, oder?“
Roberto sah Lamberti mit offenem Mund an.
„Ach ja, beginnen wollen wir mit der Temperatur, als ihr hier angelatscht seid. Hat sie jemand gemessen?“
„Minus zwölf Grad“, sagte einer von der Spusi.
„Minus zwölf Grad Komma null?“, wollte Dottor Lamberti wissen und erntete dafür einen Blick voller Fragezeichen.
„Nun, junger Mann, in der Gerichtsmedizin haben Temperaturangaben zumindest noch eine Stelle hinter dem Komma. Ein halbes Grad Körpertemperatur mehr oder weniger ergibt eine Fehlermöglichkeit von einem Grad und das kann bei der Ermittlung der Todeszeit gut eine Stunde ausmachen. Das sollten Sie von der Spurensicherung schon gelernt haben.“
Der junge Kollege, der sich Lob erhofft hatte und Belehrungen erntete, ließ enttäuscht die Schultern hängen.
„Ist aber hier nicht so schlimm“, tröstete der Gerichtsmediziner. „Unser Commissario findet trotz Ihres Patzers den Mörder, oder?“
Dottor Lamberti drehte die Leiche nochmals an dem Gurt, an dem sie hing.
„Schau mal, Bruno, die Schuhe, nicht von den billigsten. Das Kostüm ausgesuchter Geschmack. Das Halstuch farblich abgestimmt. Und sicherlich gehörte zu dieser Lady auch eine Handtasche. Schreib auf, Roberto: Tasche suchen. Übrigens war an diesem Finger ein Ring.“
Dottor Lamberti zeigte auf die Stelle, an der der Blutfluss der linken Hand unterbrochen war. Danach schob er den steifgefrorenen Jackettärmel etwas hoch: „Und sie trug eine Armbanduhr.“ Auch oberhalb der Handwurzel war der Blutfluss unterbrochen. Dottor Lamberti begutachtete die Stelle mit einer Lupe. „Ja, es war eine Uhr. Man sieht noch den Abdruck des Verschlusses auf dem Gewebe ihrer Handwurzel.“
„Schau mal, ob sie irgendetwas bei sich hat, das uns ihre Identität verrät. Namen, Adresse et cetera“, bat Vossi.
Dottor Lamberti prüfte, ob die Kostümjacke Innentaschen hatte.
„Nichts, Bruno.“
Da wurde Alberto Bettini, Teamleiter der Spurensicherung, laut.
„He, Dottore, was fällt Ihnen ein? Wollen Sie unseren Job versauen?“
Ganz leicht fuhr dieser über die Hand der Toten, so als ob er sich bei ihr entschuldigen wollte, und machte einen Schritt zurück. Er wusste, mit denen von der Spusi war nicht zu spaßen.
Umso hartnäckiger insistierte er jetzt: „Aber ich muss doch die Frau für tot erklären, also feststellen, ob sie es ist.“
„Sie ist tot, Dottore, glauben Sie mir“, giftete Alberto.
Um es zu keinem der unproduktiven Diskurse zwischen Spusi und Dottor Lamberti kommen zu lassen, mischte sich Vossi ein: „Was meinst du, Stipe? Wie wurde sie getötet?“
„Alles spricht für einen Stich in das Herz. Offensichtlich ein Fachmann oder ein zufälliger Volltreffer mit der Klinge. Wahrscheinlich mit sofortiger oder beinahe sofortiger Todesfolge. Genaueres über die Stichwaffe kann ich dir natürlich erst sagen, nachdem mich diese Hammel von der Spusi an das Corpus Delicti gelassen haben.“
„Was ich gehört habe“, brummte Bettini und pinselte, ohne aufzublicken, Kontrastmittel auf den Öffnungsgriff der Kühlbox, um Fingerabdrücke sichtbar zu machen.
Vossi ließ sich von dem Hickhack der beiden nicht ablenken: „Und du meinst, sie hat den Ring zum Zeitpunkt ihres Todes noch auf dem Finger gehabt?“
„Der Blutfluss ist an der Stelle unterbrochen. Also war er dran.“
„Und die Uhr?“
„Blutfluss an der Tragestelle ebenfalls unterbrochen. Also zum Zeitpunkt des Todes ebenfalls dran, da bin ich sicher.“
„Und wo ist sie jetzt?“, sagte Vossi mehr zu sich selbst als zu seinem Freund.
„Dein Job, Bruno. Und wenn du es herausgefunden hast, sagst du es mir. Und sag deinen Kollegen von der Spurensicherung, sie sollen sich die grüne Decke hier genauer anschauen. Die hat einen Ölfleck. Ich glaube nicht, dass Motoröl zur Standardausrüstung der Tiefkühlbox gehört.“
„Du meinst, sie gehört zum Täter?“
„Oder zum Opfer. Was aber unwahrscheinlich ist, wenn ich das grobe Tuch mit den Kleidern der Lady vergleiche. Also, Bruno, ich muss. Vom Mörder erzählst du mir dann bei einem schönen Glas Bier?“
„Vielleicht im Astra von Cormons?“, fragte der Commissario spitz. Dottor Lamberti musterte Vossi. Er wusste also auch, dass er ein blaues Auge in dem kleinen Lokal einstecken musste. Ein Naturbursche aus den Tiroler Bergen hatte den Dottore und die dralle Wirtin bei Vertraulichkeiten erotischer Natur überrascht und mit der Rechten ausgeholt. Die Wirtin, so stellte sich heraus, war mit dem Tiroler dereinst verheiratet gewesen. Der Berggeist konnte es trotz Scheidung und gerichtlichem Verbot nicht lassen, ihr nachzustellen. Dottor Lamberti trug die Wochen danach Sonnenbrillen, um den Anblick des Farbenspiels um sein linkes Auge nicht mit anderen teilen zu müssen.
Vossi bedauerte inzwischen den spöttischen Unterton in seiner Rede. So spitz, wie es klang, war seine Bemerkung wirklich nicht gemeint gewesen. Deshalb sah er zu, dass er hier wegkam: „Also, Stipe, ich muss ebenfalls. Hier kann ich ja für den Moment ohnedies nichts tun. Man sieht sich.“
Man sieht sich! Der Commissario hasste diese Floskel, die noch dazu grammatikalisch pervers war. Warum hatte er sie wohl gebraucht? Das war nicht seine Ausdrucksweise. Hoffte er zumindest. Fing er an, Roberto nachzuplappern? Er, der bemüht war, seinem südländischen Assistenten eine klare Sprache beizubringen, kopierte dessen Sager? Jelena hatte schon so Andeutungen gemacht. Seine Sprache sei jünger geworden. Er hatte dies für die misslungene Direktübersetzung einer geflügelten Wortwendung ihrer slowenischen Muttersprache gehalten. Was sollte das heißen, jünger geworden? Hatte sie in Wahrheit gemeint, er nahm Robertos Sprache, seine Unbekümmertheit und Oberflächlichkeit an und nicht umgekehrt Roberto seine überlegte Ausdrucksweise und Art? Jedenfalls musste er auf der Hut sein. Er wollte nicht jünger wirken, als er war. Zumal er auch gar nicht jünger sein wollte, jetzt, wo er ein Alter erreicht zu haben schien, in dem man sich mit Genuss schöner Bücher erfreute und jeden Wissensnachschub als Kostbarkeit schätzte. War das die wahre Bedeutung von „der Weg ist das Ziel“? Andererseits: War es volle Reife oder schon erstes Altern? Egal, Vossi genoss es.
„War’s das für heute, Chef?“, fragte Roberto und hoffte, die Aufbruchsstimmung richtig zu deuten.
„Hier vorerst ja. Sonst aber von wegen. Es steht uns noch einiges bevor. Wo parkt der Wagen?“
Der stand natürlich vor der Einfahrt, wo die meisten der Journalisten lagerten, die Vossi eine gute Stunde zuvor mit der Ankündigung der „Pressekonferenz“ vom Fundort der Leiche weggelockt hatte. Er würdigte sie keines Blickes, nahm nur körperlich von ihnen Notiz, da er sich an ihnen vorbeizwängen musste.
Roberto startete den Motor, besser, er versuchte es. Denn der Lancia hustete ein paar Mal und gab seinen Geist auf. Er öffnete die Motorhaube, ging um den Wagen herum und kam mit hochrotem Kopf zurück.
„Es ist nicht zu fassen. Jemand hat uns mit einer bläulichen Masse den Auspuff verstopft.“
„Montageschaum?“
„Offensichtlich. Jetzt muss die Karre auch noch abgeschleppt werden.“ Fluchend trommelte Roberto mit den Fäusten auf das Lenkrad.
„Bleib ganz ruhig. Schließ einfach die Motorhaube und lass dir keinen Ärger anmerken. Ich vermute, einer dieser Journalisten hat sich einen kleinen Scherz mit uns erlaubt und liegt jetzt irgendwo mit seinem Teleobjektiv auf der Lauer. Die Freude, unsere Verlegenheit zu filmen und als Video ins Internet zu stellen, wollen wir ihm nicht gönnen. Also los, ich gehe zu Fuß. Du organisierst den Diensthabenden des Fuhrparks und kommst nach.“
„Nach wohin?“
„Wie? Ach so, zum Posten der Carabinieri. Man sieht sich.“
Schon wieder diese blöde Phrase! Vossi schloss in aller Ruhe die Wagentür, grüßte freundlich winkend nach allen Seiten und stapfte los.
Auf dem Posten der Carabinieri roch es schon im Flur nach asiatischen Gewürzen. Neun auf einer Brauereibank aufgefädelte Männer warteten still auf das, was da kommen würde. Der Direktor der COOP, den Vossi flüchtig kannte, füllte einen Chefsessel, den man aus einem der Diensträume hereingerollt hatte. Fahrer Gustavo Priolo stand in einer Ecke und kaute auf seinen Fingernägeln.
„Sie hier, Signor Direttore?“, wandte sich Vossi an das Schwergewicht im Chefsessel.
„Ja, man hat mich von zu Hause abgeholt und gezwungen, mitzukommen.“
„Können Sie mir zu dem Leichenfund irgendetwas sagen?“
„Nichts, außer dass mein Essen kalt wird, das meine Frau groß aufgekocht hat, weil ich morgen Geburtstag habe.“
„Da kann ich nur gratulieren und guten Appetit wünschen. Und grüßen Sie mir unbekannterweise Ihre Frau, sicherlich eine vorzügliche Köchin.“
„Eine ganz vorzügliche sogar.“
„Dann buona sera, Signor Direttore, und nichts für ungut.“
„Na ja, ich weiß ja, dass das nicht Ihr Stil ist, Commissario. Aber Ihr Team sollten Sie schon ein wenig besser im Griff haben.“
„Die Carabinieri sind nicht mein Team, Direttore. Ich kann mich gerne für sie entschuldigen, aber für ihr Verhalten im Dienst bin ich nicht zuständig. Ich kann aber Ihre Beschwerde gerne weitergeben. Dazu müsste ich ein Protokoll anfertigen lassen. Wollen Sie das?“
„Ich will nur nach Hause und meinen Geburtstag mit meiner Familie feiern, was Sie sicher verstehen werden, Commissario.“
„Und ob, Direttore. Also nochmal herzlichen Glückwunsch.“
Die letzten Worte hörte der Angesprochene schon gar nicht mehr.
„Sie sind wohl der Auslieferer der COOP und Fahrer des Wagens mit der Toten?“, wandte sich Vossi an den Mann mit den inzwischen zerbissenen Fingernägeln.
„Sì, Signor Commissario.“
„Es liegt nichts gegen Sie vor, guter Mann, aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn ich Ihnen ein paar Fragen stellen dürfte.“
„Gerne, Commissario. Nur eine Bitte: Darf ich davor meinen Freund Julio anrufen und ihm sagen, dass ich nur Auskunftsperson bin? Nach der Szene mit den Handschellen sieht er mich sicher schon auf lebenslänglich im Hochsicherheitstrakt eines Zuchthauses.“
„Selbstverständlich, machen Sie nur. Sie können auch vom Gang aus telefonieren, da sind Sie ungestört. Kein Problem. Doch vorher noch eine Frage: Was meinen Sie, wer von den neun Kollegen aus Sri Lanka könnte mir am ehesten weiterhelfen? Wir wollen ja nicht allen den Abend verderben.“
„Mahi, der Vorarbeiter.“
Einer der Tamilen, ein schlanker, ebenmäßig gebauter Mann undefinierbaren Alters mit den Händen einer Madonna der Hochrenaissance, erhob und verbeugte sich fast gleichzeitig.
Vom Flur her ertönte wenige Augenblicke später die Stimme des Fahrers, der via Telefonino seine Segler-Freunde beruhigte und sein baldiges Kommen ankündigte. Vossi richtete derweil seine Fragen an den Vorarbeiter.
„Darf ich auch Sie um Ihren Familiennamen bitten?“
„Bandaranaike, Mahinda Bandaranaike. Aber alle hier nennen mich Mahi.“
„Aha, Bandaranaike. Ein Name mit Klang in Ihrem Land, Respekt.“ Vossi wusste, er bewegte sich auf unsicherem Terrain. Mahi konnte Tamile sein und seinen Namen Bandaranaike nicht mit der ersten Ministerpräsidentin des unabhängig gewordenen Ceylons in Verbindung gebracht haben wollen. Er konnte aber genauso gut Singhalese sein. Der Jammer war, dass beide, Tamilen und Singhalesen, seit den späten Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts in einem blutigen Bürgerkrieg gegeneinander kämpften.
Gottlob freute sich Mahi mit strahlenden Augen über die Bemerkung des Commissario: „Ach, Sie kennen unsere Geschichte?“
„Überschätzen Sie die Tragweite meiner Bemerkung nicht, Signor Bandaranaike. Ich war leider nur ganz kurz in Sri Lanka, bei einem Kongress. Aber wir in Europa haben Ihr Land stets dafür bewundert, dass es die erste Regierungschefin in der modernen Geschichte der Nationen stellte. Damit legten Sie der Welt etwas vor, das auch in Italien einmal umgesetzt werden sollte. Aber nun zu dieser Toten, die uns beschäftigt. Sie sind Vorarbeiter des …“ – Vossi suchte kurz nach der richtigen Wortwahl und fuhr etwas gestochen fort – „… des für die Hygiene verantwortlichen Teams?“
Бесплатный фрагмент закончился.
