Читать книгу: «Mörderisches Bayreuth»
Werner Rosenzweig
MÖRDERISCHES BAYREUTH
EIN FRANKEN-KRIMI
Volk Verlag München
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ISBN 978-3-86222-369-5
www.volkverlag.de
Inhalt
Mord
Wie alles begann: Die Kolbs
Springer und Sturm
Finanzielle Schieflage
Spaziergang zum Festspielhaus
Annäherungen
Was sonst noch passierte
Es geht los
Siegfried
Kriminalkommissariat K1
Die sonderbare Anna Schmidt
Annalena und Manfred
Das Arbeitsessen
Das dreckige Geschäftsmodell
Trennung
Frankfurt am Main, Mendelssohnstraße 87
London, Hotel Andaz
Erfreuliche Entwicklung
Streit und neue Partnerschaften
Der Deal
Fränkische Schweiz
Kriminalinspektion Bayreuth
Wiedererkennen
Vernehmung
Die Aussage der Annalena Sturm
Lailas Dilemma
Auswertungsergebnisse
Lügen und fehlende Ordner
Durchsuchung
Eppeleins Fluch
Zwei Tage nach der Siemens-Hauptversammlung
Shut Down
Owens Plan
Verräterische SMS
Aischas Erwartungen
Wut und Enttäuschung
Gerti Wagner
Owens Aussage
Halbwahrheiten
Heikos Testament
Besprechung
Blamage
Vorläufige Festnahme
Behringers Alptraum
Vertane Zeit
Gammahydroxybuttersäure
Konspiratives Gespräch
Das Messer
Konspiratives Telefonat
Verräterischer Anruf
Professor Stichs Aussage
Günther und Karl
Selbstüberschätzung
Überraschung
Warum?
Behringer
Nachwort
Mord
26. Februar
Auf einem Hügel östlich der Stadt Bayreuth, im Norden und Osten durch den Flusslauf des Roten Main begrenzt, zieht sich das waldige Gelände der Eremitage dahin.
Es war im Jahr 1616, als der damalige Markgraf Christian von Brandenburg-Bayreuth in den Besitz der ausgedehnten Waldflächen kam und diese als Jagdgebiet nutzte. Unter der Herrschaft seines Urenkels Georg Wilhelm, der bis 1726 das fränkische Fürstentum führte, regte sich dort emsige Bautätigkeit, die von 1715 an über die nächsten Jahrhunderte anhalten sollte. Einer der ersten auf dem Gelände errichteten Bauten war das Alte Schloss, das der Adelsfamilie als Sommersitz diente. 1720 entstand das heutige Monplaisir, einst Wohnhaus des Parkverwalters mit schlossartigem Charakter. Da Georg Wilhelm keinen männlichen Nachfolger zeugte, übernahm Markgraf Georg Friedrich Karl, aus einer Nebenlinie der fränkischen Hohenzollern stammend, ab 1726 die Amtsgeschäfte. Ihm folgte schon 1735 sein Sohn Friedrich, der acht Jahre an der calvinistisch geprägten Universität Genf studiert hatte.
Vier Jahre zuvor war Friedrich über Hof und Leipzig nach Potsdam gereist, wo der preußische König Friedrich Wilhelm I. einen Hochzeitskandidaten für seine älteste Tochter Wilhelmine suchte. Eigentlich sollte sie, nach den Plänen ihrer Mutter, Königin von England werden. Doch es kam anders: Friedrich und Wilhelmine wurden im November 1731 getraut. Ein Jahr darauf schenkte Friedrich seiner Frau Monplaisir und als Wilhelmine 1735 dann ihren 24. Geburtstag feierte, vermachte er ihr die gesamte Eremitage. Bald schon begann Wilhelmine, das Gelände umzugestalten, und schuf jene Parklandschaft von rund 50 Hektar, die heute noch zu den schönsten Sehenswürdigkeiten Bayreuths gehört.
Von 1749 bis 1753 entstand das Neue Schloss, bestehend aus einem Mittelbau, dem sogenannten Sonnentempel, mit vergoldeter Quadriga, die vom fackeltragenden griechischen Gott Apoll als Sinnbild der Sonne gelenkt wird. Links und rechts des kuppelgekrönten Sonnentempels schließen sich zwei halbkreisförmige Arkadengänge an, die Wilhelmine einst als Orangerie dienten. Darunter, durch Treppen abgestuft, liegt das obere Wasserbecken, auch Obere Grotte genannt, das mit mehreren Figurengruppen besetzt ist. Doch das sind längst nicht alle Gebäude und Gartenelemente, die im Laufe der Jahre das abwechslungsreiche Gelände schmückten: Heute stehen da das Ruinentheater und die Kaskade, die sich weg vom Alten Schloss den Hang hinabzieht. Ein alter Turm diente früher als Speicher, um die vielen Wasserspiele in Gang zu setzen. Auf dem Schneckenberg thront der Chinesische Pavillon. Hinzu kommen die Statue des Sokrates wie auch die Untere Grotte und die Drachenhöhle, die Allee nach Monplaisir, der Kanalgarten, eine Reihe von Brunnen und unzählbare versteckte Winkel zum Verweilen und um in der Stille der Natur Kraft zu tanken oder von der Muse geküsst zu werden.
Heutzutage ist die Eremitage für jedermann frei zugänglich. Nicht nur die Einwohner Bayreuths nutzen den herrlichen Park für ausgedehnte Spaziergänge. Viele Reisebusse karren täglich Scharen von Touristen herbei, die sich erst in der weitläufigen Anlage verlieren, um sich dann doch an den markanten Punkten, spätestens aber im Parkrestaurant, wiederzutreffen. Auch Jogger schätzen die gepflegten Wege, die durch den Park führen.
Ein junger, groß gewachsener und athletischer Mann, der erst kürzlich vom Niederrhein nach Bayreuth gezogen war und in der Stadt eine noble Dachterrassenwohnung sein Eigen nannte, nutzte das Gelände regelmäßig für seine sportlichen Aktivitäten. Jeden Mittwoch und Freitag kam er hierher, um seine zehn Kilometer abzuspulen – meist erst am Spätnachmittag, wenn der Hauptpulk der Touristen wieder verschwunden war. Auch heute fuhr er an der Königsallee seinen Mercedes die Auffahrt zu den öffentlichen Parkplätzen hinauf. Nur wenige Fahrzeuge leisteten dem 350 SL-Oldtimer in silbergrau-metallic Gesellschaft. Es war kurz vor 17:00 Uhr. In einer Dreiviertelstunde würde, dem Kalender nach, die Sonne bereits hinter dem Horizont verschwunden sein. Theoretisch. Heute hatte sie sich eh den ganzen Tag nicht blicken lassen. Das lag an dem atlantischen Tiefausläufer Doris: Dicke, schwere Wolken segelten von einem heftigen, unangenehmen Wind getrieben, von Westen heran, entließen ihr gespeichertes Wasser in einem ständigen, alles durchdringenden Schnürlregen über ganz Oberfranken und setzten ihren Weg in Richtung Osten fort. Ein Scheißwetter. Wer konnte, blieb zuhause. Nicht so der attraktive Hobbysportler vom Niederrhein. Für ihn gab es kein schlechtes Wetter. Man brauchte nur die richtige Kleidung – in seinem Fall eine regelrechte Luxusausstattung: Seine Nike Air Laufschuhe waren hundertprozentig auf seinen Tritt und das Abrollverhalten seiner Füße abgestimmt. Seine orangefarbenen Laufshorts waren wasserabweisend. Unter seiner leichten, selbstverständlich atmungsaktiven Regenjacke trug er ein Vertical Funktionsshirt. Die Regencap lag auf dem Beifahrersitz.
Der Jogger machte sich gar nicht erst die Mühe, seinen Mercedes auf einem der zahlreichen markierten Plätze abzustellen. Er steuerte den Wagen auf kürzestem Weg direkt an eine mit Bäumen und Büschen bewachsene Verkehrsinsel und stellte ihn dort, wo normalerweise die Touristikbusse parkten, auf dem Kopfsteinpflaster ab. Das einzige feste Gebäude schräg gegenüber, das wie ein quadratischer Pavillon aussah und eine Besuchertoilette beherbergte, wirkte trist und grau, doch es erlaubte den unmittelbaren Zugang zum Kanalgarten. Bevor der Mann aus seinem Wagen stieg, schaltete er seinen alten i-Pod ein, wählte „Wiedergabelisten“ und dann „Shuffle“ und ließ das kleine Gerät im Innern seines Regenschutzes verschwinden. Daraufhin stöpselte er die Kopfhörer in seine Ohrmuscheln, bedeckte den Kopf mit seiner Regencap und stieg aus. So ausgestattet machte er sich auf den Weg, den er immer nahm.
Wir ziehen durch die Straßen und die Clubs dieser Stadt. Das ist unsre Nacht, wie für uns beide gemacht, oh oh, oh oh … stöhnte ihm Helene Fischer in die Gehörgänge. Er betrat den Park und hielt sich rechts des ovalen Wasserbeckens. Dann lief er hinüber zum langgestreckten Laubengang. Auf dieser kurzen Strecke ließ er es noch langsam angehen, nutzte sie, um seinen Körper aufzuwärmen, stoppte immer wieder und legte die ein oder andere Stabilisations- und Laufkraftübung ein. Atemlos durch die Nacht, bis ein neuer Tag erwacht … Er wusste, dass Laufen Muskeln, Sehnen und Gelenke herausforderte, den Herzschlag beanspruchte und den Wasserhaushalt des Körpers aus dem Gleichgewicht brachte. Schon vor Jahren hatte er herausgefunden, wie er schonend den Maximalwert seiner Herzfrequenz erreichte.
Nun bog er scharf links ab und sprintete in vollem Tempo rund 200 Meter kerzengerade auf den Sonnentempel zu, den die Wassermassen von oben nahezu verschluckten. Die letzten Minuten war der Regen stärker geworden. Er prasselte heftig auf die Bäume und kahlen Hecken der barock angelegten Gartenflächen ein, die wie ein riesiges Labyrinth wirkten. Auf den Wegen bildeten sich die ersten Wasserlachen. Es spritzte nach allen Seiten, wenn der Jogger mit schnellen, kräftigen Schritten in sie hineinstapfte. Er folgte einem schnurgeraden Pfad bis zu seinem Ende, überquerte die geteerte Hauptallee, schlüpfte zwischen Sonnentempel und Orangerie hindurch, vorbei am großen Wasserbecken, und legte noch ein paar Übungen ein. Dann rannte er durch die Allee zum kleinen Schlösschen Monplaisir hinab. Die dicken Stämme der Bäume waren grau und schmucklos, wie überhaupt der gesamte Park zu dieser Jahreszeit. Überall auf dem Gelände waren die witterungsanfälligen Steinstatuen und Skulpturen mit Stahlrahmen überbaut, zwischen denen als Kälteschutz graue Plastikplanen gespannt waren.
Kurz vor Monplaisir grüßte zwischen blattlosen Ästen der Chinesische Pavillon vom Schneckenberg herunter. Der Läufer wählte den Weg nach rechts in Richtung der Unteren Grotte, vorbei am Eremitenhaus, um dann über einen kleinen Anstieg auf das Alte Schloss zuzulaufen. Jetzt war er im Rhythmus, hatte seine Idealgeschwindigkeit gefunden. Vom Alten Schloss kommend, an dem langgezogenen Wirtschaftsgebäude vorbei, in dem die Schlossgaststätte untergebracht war, den alten Wasserturm hinter sich lassend, ging es rechterhand hinein in den Wald und in diversen Links-rechts-links-rechts-Bögen, immer dem Roten Main folgend, schließlich zum Parnass, dem künstlichen Felsen, der nur mit viel Fantasie an seinen Namensvetter, den 2.455 Meter hohen Gebirgsstock in Zentralgriechenland, erinnerte. Ein Symbol des mythischen Bergs des Gottes Apoll, zugleich Heimat der neun Musen, der Göttinnen der Künste. Der Bayreuther Parnass wirkte eher wie ein grauer, von Wind und Wetter zerklüfteter Steintunnel, den man von vier Seiten begehen konnte. Kaum jemand würde sich wundern, wenn hier plötzlich heulend und pfeifend eine alte, überdimensionale Dampflokomotive durchfauchen würde. Durch eine der vier Öffnungen führte ein kurzer Weg hin zum Alten Schloss. Der Jogger erinnerte sich an seinen ersten Besuch der Eremitage im Juli letzten Jahres, als der Park im satten Grün stand und er und Annalena diesen Weg gegangen waren. Die Buchenhecken links und rechts waren über ihren Köpfen zusammengewachsen und hatten angenehmen Schatten gespendet. Nun standen ihre Holzgerippe traurig ineinander verwachsen herum und boten in ihrem Herbstschnitt ein Bild kahler Tristesse. Wenigstens lag von hier aus der Sonnentempel nur noch einen Katzensprung entfernt. Schon etwas schwerer atmend huschte der Jogger erneut an der Orangerie durch, um seine zweite Runde einzuläuten. Dreimal wollte er die Strecke laufen, wie immer. Das war nach seinem Umzug nach Bayreuth schnell zu einem Ritual geworden.
Weine nicht, wenn der Regen fällt. Tam tam, tam tam. Es gibt einen, der zu dir hält. Tam tam, tam tam … Drafi Deutscher besang die Geschichte von Marmor, Stein, Eisen und dem Regen. Wie treffend für diesen trüben Tag. Normalerweise waren um diese Uhrzeit immer noch Leute unterwegs, bei aller Kahlheit hatte der Park schließlich auch im Winter seinen Reiz. Heute war dem Läufer noch keine einzige Menschenseele begegnet. Das heißt, bis auf die kleine Gruppe Raucher vor dem Eingang der Schlossgaststätte, die jetzt vor ihm auftauchte. Frierend drängten sie sich unter einem Sonnenschirm eng aneinander und zogen gierig an ihren Glimmstängeln. Er beachtete sie nicht weiter, konzentrierte sich auf seinen Weg, seine Laufschritte und seine Atmung.
Ein Augenpaar aus der Gruppe der Raucher hatte ihn allerdings sofort erkannt. Es folgte ihm, als er vorbeihastete, um auf Höhe des alten Wasserturms wieder rechts in den Wald abzubiegen. Ein Blick voller Groll – aber noch war Zeit. Zweimal würde der Jogger hier noch vorbeikommen, es gab keinen Grund, jetzt schon zu handeln.
Schritt für Schritt, immer im gleichmäßigen Tempo, wie ein Präzisionsuhrwerk, hatte der Läufer rund eine Stunde später seine zehn Kilometer nahezu geschafft. Er bog gerade wieder in den Kanalgarten ab und weiter in Richtung Parkplatz. Erst 1977 war dieses Stück der Eremitage nach alten Plänen renoviert worden und entsprach nun wieder seinem ursprünglichen Aussehen. Für die aparte Anlage mit ihrem langen, engen Wasserkanal samt drei Bassins, den unzähligen Heckenquartieren und Laubengängen, in denen in der warmen Jahreszeit vor allem Kinder gerne Versteck spielten, hatte der Jogger auf seinen letzten Metern aber kein Auge. Zwischenzeitlich war er, trotz seiner hochprofessionellen Kleidung, ordentlich durchnässt und wollte nichts anderes als schnell nach Hause und ein heißes Bad nehmen.
Als er den Parkplatz erreichte, schüttete es immer noch wie aus Kübeln und eine unangenehme Kälte kroch ihm in die Glieder, während er sich nach der Anstrengung des Laufs abdehnte. Da sah er die Bescherung. Sein Mercedes stand nicht mehr so, wie er ihn verlassen hatte, die Haube war seltsam abgesackt. Im Dunkel der aufkommenden Nacht trat er näher heran, fluchte wie ein Kesselflicker und warf voller Wut seine Regencap auf den nassen Asphalt. Die beiden vorderen Reifen waren platt. Schöne Scheiße. Das konnte nur einer dieser oberfränkischen Vollpfosten gewesen sein, der sich einen Spaß daraus machte, Reifen an ortsfremden Autos zu zerstechen. Ein unbekanntes Kfz-Kennzeichen konnte bei diesen Typen schon Grund genug sein.
Was für eine Woche! Dieser Tage war schon alles zusammengekommen: Los ging es, als er am Mittwoch sein Handy verlegte. Er wusste bis heute nicht, wo es abgeblieben war. Gott sei Dank hatte er eine Sicherungskopie all seiner Kontakte auf dem Computer gespeichert. Ohne Handy – das ging gar nicht, also besorgte er sich am nächsten Tag gleich ein neues Modell, übergangsweise mit Prepaid-Karte; für seine Herzallerliebste wollte er erreichbar sein, die war am Mittwochmorgen zu einer Tagung ihrer grünen Partei nach Hof abgereist. Hätte er sich auch sparen können, seit ihrem Aufbruch hatte sie sich nicht bei ihm gemeldet. Sehr ungewöhnlich für sie. Noch schlimmer: Seine Anrufe hatte sie weggedrückt, seine SMS unbeantwortet gelassen. Lag’s an der neuen, unbekannten Nummer? Er machte sich Sorgen. Sie schwebten doch beide noch auf Wolke Sieben. Oder etwa nicht mehr? War irgendetwas passiert, von dem er keine Ahnung hatte? Morgen erst würde sie zurückkommen. Wenn er sich nicht ablenkte, machte ihn die Situation halb wahnsinnig.
Und dann dieser triste Tag heute; am Vormittag hatte er seine Zugehfrau gefeuert. Die meinte offenbar, dass sie sich alles erlauben konnte. Nicht nur, dass sie immer unzuverlässiger geworden war, auch Diebstahl stand zuletzt auf ihrem Programm. Klar lag eine gehörige Mitschuld bei ihm selbst. Man ließ eben Geld nicht offen in Schubladen herumliegen. Gelegenheit macht Diebe. Trotzdem, da waren einige Fünfziger verschwunden, das konnte er nicht mehr durchgehen lassen.
Der Zoff mit Manfred hatte dem Ganzen die Krone aufgesetzt. Wegen einer Lappalie! Schuld war nur seine Ex, das stand außer Frage. Von Neid zerfressen, voller Vorwürfe und eine Meisterin im Stiften von Zwietracht.
Dass gestern Abend auch noch dieses Sexmonster Aischa Bint Malika Al-Bagdadi vor seiner Haustür stand, Sturm klingelte und Einlass verlangte, versuchte er immer noch zu verdrängen. Die hatte ihm gerade noch gefehlt. Als ob er wegen diesem kleinen Wertpapiergeschäft nach ihrer Pfeife tanzen würde, lächerlich. Und gefährlich für seine aktuelle Beziehung. Da zeigte sich einmal wieder: Geschäft und Privates gehört sauber getrennt!
Das hatte er sich auch gedacht, als am Dienstag die seltsame SMS eingetrudelt war – unbekannte Nummer, unterzeichnet mit „Bill“. Der einzige Bill, den er kannte, hatte gerade die deutsche Steuerfahndung an der Backe, atmete vermutlich sogar schon gesiebte Luft und saß in U-Haft. Der SMS konnte man nicht trauen. Eventuell ein plumper Trick der Steuerfahnder, auf diese Leimrute würde er sicherlich nicht kriechen. Er hatte einfach nicht geantwortet.
Momentan schien wirklich alles aus dem Ruder zu laufen. Und nun die platten Reifen mitten im Scheißregen.
Mit der Lampe seines neuen Handys beleuchtete er die beiden Vorderreifen notdürftig. Eindeutig zerstochen. Damit kam er hier nicht weg. Er sah sich um. Der Parkplatz war fast vollkommen leer. Nur ein japanisches SUV-Modell stand, einsam geparkt, rund fünf Meter hinter seinem Mercedes. Vom Fahrer des Wagens war weit und breit nichts zu sehen.
Resigniert nahm der Hobbysportler vom Niederrhein sein Mobiltelefon zur Hand, drückte auf „Kontakte“ und scrollte durch die neu abgespeicherten Nummern. Dann wählte er, nachdem er die Kopfhörer aus seinen Gehörgängen genommen hatte, die 22333.
„Taxi Union Bayreuth“, meldete sich eine weibliche Stimme.
„Bitte schicken Sie einen Wagen zum öffentlichen Parkplatz an der Eremitage. Königsallee. Der Fahrer soll dorthin kommen, wo normalerweise die Reisebusse parken.“
„Gerne“, hörte er die angenehm weiche Stimme der Frau, „kann aber rund sieben bis zehn Minuten dauern. Unsere Fahrzeuge sind momentan alle mit Kunden im Einsatz. Der Dauerregen …“, versuchte sie sich zu entschuldigen. Dann war sie weg.
„Schöne Scheiße!“ Er stöpselte seine Kopfhörer wieder ein und wandte sich dem Kofferraum seines Wagens zu. Völlig durchnässt würde er sich nicht in seinen Mercedes setzen. Er hatte schließlich vorgesorgt, im Laderaum lagen ein frisches Shirt und eine warme Jacke, einen Schirm hatte er sowieso immer dabei. Ob er lieber unter dem Vordach des Pavillons warten sollte? Oder doch beim Wagen? Am Ende übersah ihn der Taxifahrer noch und fuhr unverrichteter Dinge wieder davon. Das hätte ihm gerade noch gefehlt.
My makeup is dry and it clags on my chin. I’m drowning my sorrows in whisky and gin … fetzten die Kinks an die Trommelfelle des Joggers, der sich tief in den Kofferraum beugte, um nach seinem Knirps zu suchen. Der Parkplatz lag nun in fast vollkommener Dunkelheit. Die wenigen Laternen, die hier standen, hatten mit ihrem diffusen Licht kaum eine Chance gegen den dicht fallenden Regen.
Dass sich hinter dem japanischen SUV eine geduckte Gestalt aus dem Schatten des Fahrzeugs löste und auf leisen Sohlen näherte, bekam er nicht mit. Dave Davis, der Leadgitarrist der englischen Musikgruppe, schmetterte ungebrochen die Rockballade vom sterbenden Clown. Als der Stahl der Klinge zwischen seine Rippen fuhr, war es bereits zu spät. Dem ersten Stich folgte schnell ein zweiter, der sein Herz traf.
Feuer – er spürte die schweren Verletzungen als heiße Schmerzwellen. Der Schirm entglitt seinen Fingern und er hielt sich krampfhaft am Wagenrahmen fest. Mit letzter Kraft wandte er den Kopf nach hinten. Eine Hand, ein blutiges Messer darin.
„Du?“, kam es ihm flüsternd über die Lippen, dann verloren seine Hände den Halt.
Sein Oberkörper fiel in den geöffneten Kofferraum hinein, seine Beine knickten ein, hingen nur noch schlaff zu Boden. So let’s all drink to the death of a clown. Won’t someone help me to break up this crown? Let’s all drink to the death of a clown … sang Dave Davies weiter.
Der Jogger hörte die Botschaft der Kinks nicht mehr. Er war tot. Blut quoll aus seinem Rücken und wurde sofort vom Regen weggespült. Die größere Menge des roten Lebenssafts sammelte sich im Innern seines Körpers.
Kurz sah die Gestalt mit der Klinge in der Hand auf ihr Opfer herab. Dann zog sie die Kapuze ihrer schwarzen, wasserdichten Hardshell-Jacke zurecht, umrundete den Mercedes, öffnete die Beifahrertür und wandte sich dem Handschuhfach zu. Schnell schien sie fündig geworden zu sein. Hastige Schritte führten sie zurück zum Kofferraum, wo sie dem Ermordeten auch noch sein Mobiltelefon abnahm und in dieselbe Tasche steckte, wo bereits Wohnungsschlüssel, Personalausweis und Führerschein des Opfers untergebracht waren. Der Geldbeutel des Getöteten interessierte die Gestalt nicht.
Eine halbe Minute später sprang der Motor des Japaners an. Im Wagen wurde der Rückwärtsgang eingelegt, er stieß zurück. Dann schlich sich der SUV im zweiten Gang und mit ausgeblendeten Scheinwerfern davon.
Lange hatte der prasselnde Regen die Szene für sich allein. Dann löste sich eine schmale, bis auf die Haut durchnässte Figur aus dem Schutz des quadratischen Pavillons. Sie sah sich gehetzt um, als sie aus dem Schatten des Gebäudes trat. Schnell lief sie zum offenstehenden Kofferraum des Mercedes. Sekunden später umrundete sie den Wagen, wie es der Mörder vorher getan hatte, und widmete sich ebenfalls dem Handschuhfach. Im Portemonnaie des Ermordeten steckten einige Geldscheine. Schnell nahm sie alles an sich und legte den Geldbeutel in das Handschuhfach zurück. Angespannt strich sie sich mit den Fingern durch das patschnasse Haar. Dass sich dabei eine schwarze Haarspange löste und herabfiel, bemerkte die Gestalt nicht. Sie schmiss den Wagenschlag der Beifahrertür zu und machte sich davon.
Kaum war sie verschwunden, fuhr das vom Mordopfer bestellte Taxi auf den Parkplatz. Die Lichtkegel der Scheinwerfer fielen auf den einsamen Wagen, der mit offenem Kofferraumdeckel unweit des Parkzugangs stand. Erst als er näher heranfuhr, erkannte der Taxler auch den menschlichen Körper, der leblos halb im Kofferraum lag, halb daraus herabhing. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sein Gehirn begriff, was ihm seine Augen verrieten. Dann stieg er aus, stülpte sich provisorisch seine Jacke zum Schutz gegen den Regen über den Kopf und rannte die wenigen Meter zu dem Mercedes hin.
Der Mann im Kofferraum reagierte nicht, auch nicht auf ein heftiges Schütteln. Als der Taxifahrer seine Hand vom Rücken des Manns nahm und im Schein einer Laterne das Blut daran sah, fackelte er nicht lange, rannte zu seinem Wagen zurück und wählte fluchend die 110. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Seine Kollegen und Kolleginnen verdienten sich bei dem Scheißwetter eine goldene Nase, aber er musste hier auf einen Toten stoßen und nun auch noch auf die Ankunft der Kripo warten. Verdammte Kacke!
*
Als Hauptkommissar Benno Behringer vom Bayreuther Kriminalkommissariat K1 mit dem Team der Spurensicherung eintraf, waren seit der Notfallmeldung knapp 20 Minuten vergangen. Behringer fluchte, als er aus dem Einsatzfahrzeug stieg und die Kapuze seines Anoraks über seinen mächtigen Schädel stülpte. In der Rechten hielt er eine kräftige Stablampe und richtete sie auf das Taxi, das mit eingeschalteten Scheinwerfern hinter dem Mercedes mit dem vermutlichen Mordopfer stand. Scheißwetter. Er hatte sich im Büro gerade auf den Weg nach Hause machen wollen, als ihn die Meldung erreichte. Wieder mal kurz vor Feierabend, ausgerechnet an einem Freitag und dann auch noch bei diesem Dauerregen. Was sollte die SpuSi da noch finden?
Der Taxifahrer hatte die Ankunft der Polizei bemerkt. Er öffnete den Wagenschlag und stieg aus. Schimpfend spannte er einen Stockschirm auf und zog den Reißverschluss seiner Lederjacke bis zum Anschlag nach oben.
„Sie haben ihn gefunden?“, rief ihm der kleine Dicke im Daunen-Anorak entgegen, der mit trippelnden Schritten schnell näherkam und dessen Gesicht ihn aus einer Kapuze heraus neugierig fixierte. Seine Äuglein – auffällig klein, wie bei einer Feldmaus – musterten den Taxler neugierig. Ihr Braun verschmolz mit der Nacht. „Hauptkommissar Benno Behringer von der Kripo Bayreuth“, stellte er sich vor.
„Leider!“, bemerkte der Taxifahrer. „Der scheint komplett hinüber zu sein“, klärte er dann den Polizeibeamten auf und deutete auf den leblosen Körper des Joggers.
„Haben Sie ihn berührt?“, wollte der Dicke von ihm wissen, als er vor ihm zu stehen kam.
„Nur kurz geschüttelt, als er auf meine Ansprache nicht reagiert hat. Wann kann ich mich hier vom Acker machen? Sie sind ja jetzt da. Die Zeit läuft und: Time is money. Der Regen … wenn Sie verstehen, was ich meine.“
„Wir müssen noch Ihre Personalien aufnehmen, dann können Sie meinetwegen verschwinden“, erhielt er zur Antwort. „Haben Sie irgendetwas beobachtet?“
„Nicht die Bohne. Als ich hier ankam, war der ganze Parkplatz leer – bis auf den Mercedes. Keine Menschenseele zu sehen, nicht mal ein einsamer Köter.“
„KKL!“, schrie Behringer über seine Schulter hinweg. „Kommen Sie mal und kümmern Sie sich um den Herrn hier. Personalien und das Übliche, dann kann er gehen.“
„Kommen Sie bitte mit mir zum Wagen?“, forderte Kommissar Klaus-Karl Lang, Behringers rechte Hand und sein designierter Nachfolger, den Taxler auf. „Das können wir auch im Trockenen erledigen.“
Das Team der SpuSi schleppte die Einzelteile eines Zelts herbei und begann mit dem Aufbau rund um das Heck des Mercedes. Andere platzierten starke Scheinwerfer um den mutmaßlichen Tatort herum. Benno Behringer nutzte die Gelegenheit, beugte sich in den offenstehenden Kofferraum und leuchtete dem leblosen Mann darin ins Gesicht.
Er erkannte ihn auf Anhieb.
27. Juli des letzten Jahres im Bayreuther Festspielhaus: Das war der „Popelschnalzer“. Außerdem hatte er ihn ein zweites Mal an der Behringersmühle in der Fränkischen Schweiz gesehen. Leider hatte der Kommissar keinen Namen zu dem ihm bekannten Gesicht – aber einen interessanten Fakt: Nahe der Mühle war der Mann in einem Zweierkanu auf der Wiesent unterwegs gewesen. In dem Boot hatte auch eine junge, äußerst attraktive blonde Frau gesessen. Nicht diese Kräftige, besser gesagt Stattliche, die ihn im Festspielhaus begleitet hatte.
„Wenn ihr mit eurer Arbeit fertig seid“, wandte sich Behringer an das Team der SpuSi, „dann lasst den Leichnam in die Rechtsmedizin nach Erlangen bringen.“
Wie alles begann: Die Kolbs
Juni, ein Jahr zuvor
Dort, wo sich die Tristanstraße den „Grünen Hügel“ hochzog, etwa auf halber Höhe, stand rechter Hand das frisch renovierte Hotel „Richard Wagner“. Ein Bau aus den Zeiten der Postmoderne, Anfang der 1960er Jahre: ein dreistöckiges Gebäude in L-Form, dem man heute den verbauten Beton nicht mehr ansah. Dafür sorgten die glatten Außenfassaden in harmonisch abgestimmten Farbtönen Marke „frischer Frühling“ sowie die beiden tragenden Säulen im Bereich der überdachten Auffahrt – edel und luxuriös sollte der Eindruck des Hauses sein. Die ganze Eingangsfront war durchgängig verglast und in der großzügigen Lobby protzten dicke Ledersessel um die Wette. Oben auf der Terrasse des Flachdachs thronte eine mächtige halbrunde Glaskuppel: der neue Frühstückssaal, wo die Übernachtungsgäste ihren Morgenkaffee trinken und einen wunderbaren Blick auf das Richard Wagner Festspielhaus genießen konnten.
Stolze Herren und Eigentümer der Anlage waren die drei Brüder Manfred, Günther und Karl Kolb. Ihre verstorbene Mutter hatte ihnen und ihrer Schwester Laila vor über zwei Jahren das damals mehr als angestaubte Anwesen vererbt. Kurzfristig dachten die vier über einen Verkauf nach, doch dann beschlossen die Brüder, den Sprung zu wagen und das elterliche Erbe in neuem Stil und mit neuem Konzept fortzuführen. Die hohen Schulden, die sie dabei auf sich luden, brachten Laila, die jüngste der Geschwister, dazu, sich vollends aus dem Projekt zu verabschieden. Außerdem passte ein berufliches Engagement in der Hotellerie gar nicht zu ihrem Studiengang.
Manfred, der älteste, wurde General Manager und Kundenakquisiteur. Unterstützt von Karl, der sich zukünftig ums Personal und den reibungslosen Ablauf des Tagesgeschäfts kümmern sollte, ging er an die Planung und Umsetzung des Umbaus: Vor einem Jahr, rechtzeitig zu Beginn der Festspielsaison, konnten die umfangreichen Sanierungs- und Modernisierungsarbeiten abgeschlossen werden; auch das rund 4.000 Quadratmeter große Außengelände des Viersternehotels war auf Vordermann gebracht und völlig neu gestaltet worden. Nun offerierte das Haus 126 unterschiedlich große Zimmer und drei Suiten – geradezu klassisch benannt: Brünhilde-, Kriemhild- und Siegfried-Suite –, alle ausgestattet mit modernem Bad/WC, selbstverständlich inklusive freiem WLAN, mit Minibar und in der Wand integriertem TV. Auch die Hotelküche und das Restaurant glänzten in neuem Outfit. Auf das Design des Gastraums war Manfred besonders stolz. Seine Gäste speisten in der modernen Imitation einer schmucken fränkischen Landscheune mit viel Holz, offenen Balken und Buntsandsteinwänden.
Günther, Karls Zwilling und gelernter Koch, war nun Chef in seinem eigenen Reich und für die Speisekarte verantwortlich. Äußerlich glich er seinem Zwillingsbruder fast wie ein Ei dem anderen, nur ein Muttermal an seinem Hals gab ihn zu erkennen. Während Karl eher von zurückhaltender Natur war, mochte es Günther extrovertierter und fand sich auch in unvorhersehbaren Situationen schneller zurecht. Seine tiefe Liebe zur fränkischen Heimat zeigte sich in den hauptsächlich regionalen Gerichten, die er aus seinen Töpfen und Pfannen zauberte – vom Schäufele bis zur Nürnberger Rostbratwurst, vom zarten Lammfilet von der Frankenhöhe bis zum Aischgründer Spiegelkarpfen oder den Regenbogenforellen aus eigenen Gewässern der Fränkischen Schweiz. Je nach Saison standen Spargelgerichte, Wildbret oder ausgewählte Gemüse- und Salatprodukte aus dem Nürnberger Knoblauchsland zur Auswahl. Die Weinkarte offerierte, unter der eifrigen Mithilfe von Manfred, ein breites Spektrum an Weiß-und Rotweinen aus den Weinhängen um Ipsheim, Würzburg und Klingenberg. Die Biere kamen ausschließlich aus den kleinen Privatbrauereien Oberfrankens.
Nach der Renovierung versprach selbst der Keller des Hotels neue Glanzpunkte: Alle drei Brüder hatten hier ihre Ideen eingebracht und nun konnten sich die Gäste auf zwei Bowlingbahnen austoben oder in der Zirbensauna bei herrlichen Aufgüssen schwitzen. Auf dem Außengelände ließen die neuen Hoteleigentümer zuerst einen kleinen, schattigen Biergarten anlegen. Allein die fünf Meter hohen Kastanienbäume, die dafür eingesetzt wurden, kosteten ein Vermögen. Blumengesäumte Kieswege führten zu dem lauschigen Platz, vorbei an einem mit Kois, den teuren japanischen Karpfen, besetzten Gartenteich. Keine 50 Meter davon entfernt lockte in den heißen Sommermonaten ein neues Schwimmbecken, 25 auf 20 Meter groß und beheizbar, umgeben von einer gepflegten Wiese mit Duschen und Sonnenliegen. Überall im Garten luden elegante Ruhebänke zum Verweilen ein, kurzum: eine einzige Wohlfühloase, umstanden von einer halbhohen, immergrünen Kirschlorbeerhecke. Und weil es an diesem Punkt auch nicht mehr auf den letzten Cent ankam, hatten Manfred, Karl und Günther hinter der Hecke gleich noch zwei Tennisplätze anlegen und den hoteleigenen Parkplatz erweitern lassen.
Als ihren Finanzdirektor hatten die drei Brüder Dieter Kowalski eingestellt. Ihr Verhältnis zu Dieter war ein besonderes – er war nicht nur der langjährige Freund und Vertraute von allen dreien, sondern auch ihr Halbbruder. Ein fruchtbarer Fehltritt ihres längst verstorbenen Vaters. Jetzt sollte er sich darum kümmern, dass im neu eröffneten „Richard Wagner“ stets genügend Cash Flow vorhanden war. Er erstellte die Bilanz, übernahm Gewinn- und Verlustrechnung, überwachte und bediente sämtliche Finanzierungsangelegenheiten. Auch die Steuer gehörte zu Dieters Aufgabenbereich. Bisher hatte er Manfred, Karl und Günther nicht im Stich gelassen, sie gut durch die schwierige Phase des Umbaus gelotst und danach die Weichen für eine wirtschaftlich erfolgreiche Zukunft gestellt. Bei einer Sache konnte er allerdings nicht helfen.
Was den drei Kolb-Brüdern schwer im Magen lag, war die Abfindung von 250.000 Euro, auf die sie sich mit ihrer Schwester Laila geeinigt hatten. Diese Summe sollte ihr Erbanteil am Hotel sein, den sie ihr zur Erreichung ihres 28. Lebensjahres würden ausbezahlen müssen. So lautete die Vereinbarung. Noch war es nicht so weit, doch Kowalski erinnerte die drei ständig daran, dass der Tag der Fälligkeit unaufhaltsam näher rückte. Nächstes Jahr im Mai mussten sie zahlungsfähig sein. Wie sie das bewerkstelligen sollten, wussten die drei heute noch nicht. Das Hotel lief zwar gut – seit der Wiedereröffnung waren sie fast durchgehend ausgebucht –, doch die Kosten des Umbaus hatten sich längst nicht amortisiert. Die Schuldenlast der Kredite drückte.
Sie würden Laila wohl bitten müssen, nicht auf eine termingerechte Auszahlung ihres Erbanteils zu bestehen. Doch wie lange Laila noch darauf warten würde, das konnten weder Manfred noch Günther oder Karl abschätzen. Auch der Finanzdirektor traute sich nicht, die Reaktion seiner Halbschwester vorauszusagen, zumal er ihr aktuell keinen alternativen Auszahlungstermin nach ihrem 28. Geburtstag in Aussicht stellen konnte. Zu lebendig waren die Zeiten. Erst kürzlich hatte im Norden der Stadt ein neues Sporthotel eröffnet und versprach harten Wettbewerb. Die Konkurrenz schlief nicht. Jeder wollte am süßen Kuchen der Bayreuther Festspiele partizipieren, wollte seinen Teil an den gutbetuchten Promis und Wagnerfans, die in die Stadt kamen und mit ihrem Geld nur so um sich schmissen.
*
Laila studierte an der Universität Bayreuth Geoökologie und Umweltnaturwissenschaften, stand kurz vor dem Ende des achten Semesters und damit auch ihres Studienganges. Mit 27 Jahren war sie nicht gerade eine der jüngsten Studentinnen. Das störte Laila aber nicht, betrachtete sie sich selbst doch als „Spätzünder“: Mit dem Abi frisch in der Tasche hatte sie keine große Lust auf ein Studium verspürt. Wie viele andere in ihrem Alter wollte sie damals schnell Geld verdienen und hatte bei der örtlichen Sparkasse eine zweieinhalbjährige Ausbildung zur Bankkauffrau gestartet. Als sie damit fertig war, wusste sie, was es bedeutete, den ganzen Tag am Schalter zu stehen und unfreundliche Kunden zu bedienen. Das war nicht ihr Ding. Zwischenzeitlich hatte sie außerdem eine neue Leidenschaft entdeckt – die Natur. Sie war dem Bündnis 90 / Die Grünen beigetreten und hatte sich zu einer energischen Verfechterin des Umweltschutzes entwickelt. Auf kommunalpolitischer Ebene setzte sie sich für die Einhaltung der Klimaziele ein, sie organisierte gewaltfreie Demonstrationen gegen die Jagd auf Wale, lud gemeinsam mit Parteifreunden zu Diskussionsabenden ein, bei denen es um die Klimaerwärmung und eine saubere Umwelt ging, und verfasste Flyer, wenn mal wieder die eine oder andere Kommunalwahl vor der Tür stand. Ein entsprechendes Studium schien mit einem Mal der perfekte Weg für sie. Laila sprühte vor Ehrgeiz.
Nun, kurz vor dem Abschluss, überlegte sie, ob sie noch zwei Jahre für den Master dranhängen sollte, vielleicht in Biodiversität und Ökologie? Oder Global Change Ecology? Ja, sie spielte mit dem Gedanken, hatte sich aber noch nicht endgültig entschieden. Zuerst wollte sie ihre Bachelorarbeit mit bestmöglichem Ergebnis hinkriegen. Ihre Ansprüche waren hoch, wofür aber mehr ihre Leidenschaft als der Drang nach einer Karriere verantwortlich war. Finanziell ging es ihr jetzt schon gut.
Ihre verstorbene Mutter hatte ihr und ihren Brüdern neben der Hotelanlage auch ein kleines Erbe an Barmitteln hinterlassen. Aus dem Verkauf des alten Wohnhauses, auf den sie sich mit ihren Brüdern geeinigt hatte, war dazu eine ordentliche Summe für sie abgefallen. Ein Vermögen hatten sie dafür nicht bekommen, das Haus war wirklich uralt, reparaturbedürftig und im Grunde genommen abbruchreif gewesen. Den eigentlichen Wert hatten die rund 800 Quadratmeter Grund am Rand der Stadt ausgemacht – ihre Brüder verwendeten die kompletten Einnahmen für die Renovierung des Hotels. Obendrein war da auch noch dieses nicht unbeträchtliche Aktienpaket, das ihre Mutter vor langen Jahren angelegt hatte.
Von ihrem Erbanteil konnte Laila easy ihr Studium und ihren derzeitigen Lebensunterhalt finanzieren. Anders als ihre Brüder ließ sie den ihr zustehenden Anteil der Aktien unangetastet in ihrem Bankdepot. Für eine profitable Anlage musste man Zeit und Geduld mitbringen, hatte sie einmal gelesen. Und was brauchte sie schon in der kleinen Studenten-WG am Eichendorffring? 280 Euro Miete zahlte sie monatlich für ein 20-Quadratmeter-Zimmer. Die Uni lag so nah, da kam sie mit dem Fahrrad hin. Bei schlechtem Wetter packte sie den Regenschirm aus und lief. Essen konnte sie kostenlos im Hotelrestaurant ihrer Brüder und einen sicheren Nebenjob hatte sie dort auch. Wann immer sie eine größere Anschaffung oder eine Reise plante, ließ Manfred sie als Zimmermädchen, Bedienung oder Aushilfe in der Küche einspringen und bezahlte einen brüderlichfürstlichen Stundenlohn. Das Geld selbst zu verdienen, anstatt ihr Bankkonto dafür anzuzapfen, gab Laila ein gutes Gefühl. Und es tat von Zeit zu Zeit auch gut, das Hotel der Eltern wiederzusehen, selbst wenn sie es sich nie hatte vorstellen können, in den Betrieb einzusteigen – eine Entscheidung, die sich mit jedem vergangenen Jahr ihres Studiums mehr bestätigte.
Sie ging ihren eigenen Weg. Sich finanziell derzeit wirklich keine Sorgen machen zu müssen, gab ihr zusätzlichen Rückenwind. Auch ein Auto besaß Laila nicht. Wenn sie unbedingt mobil sein musste, nahm sie die Bahn oder den alten Nissan Qashqai, den ihr der Kommilitone und Parteifreund Lorenz Kutscher meist problemlos überließ, sofern er das Fahrzeug nicht selbst brauchte. Nächstes Jahr, wenn sie 28 wurde, warteten 250.000 Euro auf sie. Eine Menge Geld, das sie auch schon früher hätte beanspruchen können, aber dann wäre es Manfred und den Zwillingen wohl unmöglich gewesen, die Modernisierung des Hotels anzugehen.
Laila war absolut dafür, dass ihre Brüder das Erbe erfolgreich fortführten. Deshalb stundete sie ihnen die Auszahlung der Viertelmillion um knapp drei Jahre. Wenn sie sich das heute so überlegte … wer verfügte schon mit 28 über so ein großzügiges finanzielles Polster? Aus dieser Sicht sprach auch nichts dagegen, mit dem Master weiterzumachen. Absolut gar nichts!
Laila hatte sich zum Ziel gesetzt, ihren persönlichen Beitrag für eine saubere Umwelt zu leisten. Ein anspruchsvoller Job in der Abfallwirtschaft, der Recycling- und Entsorgungsindustrie oder auch etwas Naturnahes, das könnte sie sich gut vorstellen. Laila konnte sehr wütend werden, wenn sie über den weltweiten Plastikmüll nachdachte, der die Weltmeere verseuchte und für den Tod so vieler kleiner und großer Meereslebewesen verantwortlich war. Auch der Wald litt. Das merkte sie, wenn sie im nahen Fichtelgebirge unterwegs war; immer mehr Fichten waren geschädigt, starben einfach ab. Laila liebte eine intakte Natur, kämpfte dafür, dass mehr Laubbäume wie Buchen und Eichen in den einheimischen Gefilden ihren erneuten Platz fanden. Sie waren einfach strapazierfähiger als Fichten, die in zu trockenen Sommern hohen Schaden nahmen. Und es wurde immer wärmer. Wer das nicht begriffen hatte, dem war nicht zu helfen. Die verlogene und betrügerische Autoindustrie hätte sie dazu so gerne an den Pranger gestellt. Sie verstand die machthabenden Politiker nicht. Dass die nicht härter gegen die ganzen Lobbyisten und Vorstände der betroffenen DAXUnternehmen vorgingen! Eine einzige Mauschelei. Beschämend. Wenn sie Bundeskanzlerin wäre … Verkehrsministerin täte es für den Anfang auch …
Aber erst kam die Bachelorarbeit. Hervorragend müsste sie werden. Wie immer hatte Laila alles perfekt geplant und rechtzeitig vorbereitet. Als erstes hatte sie sich die Zusage ihrer Lieblingsprofessorin eingeholt, ihre Arbeit zu betreuen, dann hatten sie zusammen das Thema besprochen und festgelegt: „Der Einfluss der Klimaerwärmung auf den deutschen Wald“. Als Laila das Inhaltsverzeichnis ihrer Abschlussarbeit zu Papier gebracht hatte, stimmte sie sich erneut mit ihrer Betreuerin ab. Die gab ihr noch den ein oder anderen wertvollen Hinweis, mit welcher Literatur sie sich auf jeden Fall befassen sollte. Mit „Mischwälder in Deutschland“ war sie längst durch. Auch „The fossil history of Fagus“ hatte sie wie einen Thriller von Hitchcock verschlungen. 30 Seiten ihres Manuskripts standen bereits und sie hatte noch zwei Monate Zeit, alles fertigzustellen und abzugeben. Mit ihren bisherigen Studienleistungen war sie recht zufrieden. Im Moment lag sie bei einer Durchschnittsnote von 1,3 und Laila hatte nicht vor, diesen Wert durch das Ergebnis ihrer Bachelorarbeit zu verschlechtern.
Wer Laila nicht kannte, hätte sie nun vielleicht für eine Streberin halten können, die nur ihr Studium im Kopf hatte. Dabei war sie nur sehr gut darin, Prioritäten zu setzen. Nie hatte man sie in den letzten Jahren mit jungen Männern angetroffen, obwohl die meisten von ihnen sich öfter als einmal nach ihr umdrehten, wenn sie in Bayreuth unterwegs war. Sie war eine außerordentlich hübsche junge Frau mit einer langen, glatten blonden Mähne, die ihr bis weit in den Rücken fiel. Ihre intelligenten grünen Augen versprühten Lebenslust und wenn sie lachte, bildeten sich links und rechts auf ihren Wangen kleine Grübchen, die sie auf Anhieb sympathisch wirken ließen. Mit schlanken ein Meter 75 besaß Laila eine Topfigur, an der kein einziges Gramm Fett störte.
Im Grunde waren ihre drei Brüder der Auslöser, weshalb ihr so selten der Sinn nach männlicher Bekanntschaft stand – beziehungsweise die Art, wie sie mit ihr in der Kindheit umgesprungen waren. Nicht, dass Manfred, Günther oder Karl sie je misshandelt hätten, niemals! Es war schlicht das überhebliche, chauvinistische Gehabe der älteren Brüder, das sich bei Laila übel eingeprägt hatte. Immer war sie die Kleine. Nie nahmen sie sie mit auf ihre abenteuerlichen Eskapaden. Sie störte nur. Sobald sie alt genug war, um im Haushalt mitzuhelfen, blieb alle Drecksarbeit an ihr hängen. Abspülen, Putzen, Einkaufen gehen und so weiter und so fort. Die Herren drückten sich, wo es nur ging. Nie hatten sie ein Lob für sie übrig, nie ein gutes Wort der Anerkennung. Wenn sie für jede herablassende Bemerkung, jede gemeine Stichelei und jeden schlechten Witz auf ihre Kosten einen Cent bekommen hätte, müssten Manfred und die Zwillinge ihr nächstes Jahr keine 250.000 Euro mehr zahlen, das wäre längst erledigt.
Auf solche Typen konnte sie verzichten. Leider liefen von dieser Sorte überall genug herum. Außerdem – sie hatte neben dem Studium und ihrer politischen Arbeit gar keine Zeit für das andere Geschlecht. Und dann war da ja noch ihre Aushilfsstelle im Hotel. Zum Glück hatte sich der Ton ihrer Brüder ihr gegenüber in den letzten Jahren deutlich verändert. Mochte sein, dass das früher wenig geschwisterliche Verhältnis einfach an der traditionellen Rollenverteilung der Geschlechter gelegen hatte? In der Welt herumstreifende Jungs gegen die braven Mädchen zuhause? Seit sie zur Frau gereift war, für sich selbst einstand und ihr Schicksal in neue Bahnen lenkte, war es deutlich herzlicher geworden. Manfred war gerade mal sieben Jahre älter als sie, die Zwillingsbrüder Günther und Karl fünf. Kein allzu großer Unterschied. Mittlerweile hatten sie alle eine Art Waffenstillstand geschlossen und Laila kam mit ihnen gut zurecht, vor allem mit Karl, dem ruhigsten der drei Rabauken.
Springer und Sturm
Vorletzte Juliwoche
Das Paar stammte aus der Gegend vom Niederrhein, er aus Xanten, sie aus Wesel. Es war das erste Mal, dass sie nach Franken reisten, der Bayreuther Festspiele wegen. Sie wussten, dass es so manchen Promi in der letzten Juliwoche auf den „Grünen Hügel“ trieb, so auch dieses Jahr wieder. Kanzlerin Angela Merkel hatte sich genauso angesagt wie die Showgröße Thomas Gottschalk und Fürstin Gloria von Thurn und Taxis. Knapp 75.000 Einwohner zählte die Stadt, sagte ihnen das Internet. Wie es mit den Hotelkapazitäten stand, wussten sie nicht genau, also hatten sie bereits im Januar im Hotel „Richard Wagner“ gebucht, die Siegfried-Suite sollte es sein. Die Homepage hatte einen guten Eindruck gemacht und beide waren einen gehobenen Hotelstandard gewohnt. Geld spielte keine besonders große Rolle, sie mussten nicht auf den letzten Pfennig achten.
Die Festspiele würden am 25. Juli mit „Tristan und Isolde“ beginnen. Das Stück war nichts für Heiko Springer und seine Begleiterin. Nicht, dass das Liebesdrama um den Königssohn und seine große Liebe Isolde ihn und Annalena Sturm nicht interessiert hätte, aber sie hatten sich dieses erste Mal in Bayreuth Größeres vorgenommen: die komplette vierteilige Inszenierung des „Ring des Nibelungen“.
Vor allem Heiko liebte das mittelalterliche Heldenepos, das Wagner als Vorlage für seinen Opernzyklus gedient hatte. Auf dem Schwarzmarkt hatte er Unsummen für die Eintrittskarten ausgegeben. Sie freuten sich.
Am Montag, den 27. Juli sollte der Vierteiler mit „Rheingold“ starten. Zwei Tage zuvor kamen Heiko und Annalena in Bayreuth an. Sie wollten die Gelegenheit nicht versäumen, sich neben dem Festspielhaus auch die anderen Sehenswürdigkeiten der oberfränkischen Metropole anzusehen. Ganz oben auf ihrer Liste stand die Parkanlage der Bayreuther Eremitage mit ihren vielen Wasserspielen, der schwungvollen Orangerie und dem Sonnentempel, auf dessen Kuppel Apoll, Gott des Lichts und der Musik, seine Rösser zum schnellen Lauf anspornte. Leider war das Markgräfliche Opernhaus – weitaus älter als das Festspielhaus und 2012 als UNESCO-Weltkulturerbe ausgezeichnet – nicht zugänglich, die Renovierungsarbeiten sollten sich noch über die nächsten drei Jahre hinziehen, hieß es. Wie die Eremitage war der barocke Bau ein Vermächtnis der Markgräfin Wilhelmine, Gattin des einstigen Markgrafen Friedrich von Brandenburg-Bayreuth und Lieblingsschwester von Friedrich dem Großen; jene Frau, die so viel für die Stadt getan hatte. Das Neue Schloss im Stadtzentrum mit dem Hofgarten wollten Heiko und Annalena sich aber auf jeden Fall ansehen. Das hatten sie sich fest vorgenommen.
Die beiden 30-Jährigen waren auf den ersten Blick ein etwas seltsames, auf jeden Fall aber auffallendes Paar. Er schlank und einen Meter 89 groß, mit breiten Schultern, muskulösen Armen und schmalen Hüften, einem kantigen Gesicht und blonden Locken, die ihm bis in den Nacken fielen. Seinen aufmerksamen himmelblauen Augen entging nichts und die dunklen, langgebogenen Brauen gaben seinen Zügen eine gewisse Eleganz.
Nicht so seine Begleiterin. Sah man sie durch die Straßen Bayreuths flanieren, kam einem nicht unbedingt das Wort „Eleganz“ in den Sinn. Nicht, dass sie grobschlächtig oder gar korpulent gewesen wäre, auch sie hatte kein Gramm Fett zu viel am Körper. Dennoch stolperte so manch männlicher Blick über ihre breiten Schultern und die stahlharten Muskeln ihrer Oberarme und Waden, die ihr Sommerkleid frei ließ. Annalena war durchtrainiert. Kein Wunder, sie hatte sich seit frühen Teenagertagen der Leichtathletik verschrieben. Diskuswerferin. Beinahe hätte ihr Talent für die Aufnahme in den Kader des Nationalteams ausgereicht, doch mittlerweile war sie froh, einem Beruf mit gesichertem Verdienst nachzugehen und dem Sport nur in der Freizeit treu geblieben zu sein. Trotzdem fehlte ihrem Äußeren einfach die weibliche Leichtigkeit. Dazu kam ihr Blick: selten heiter, meistens hart und unnahbar, ein bisschen streng, man könnte auch sagen misstrauisch. Überhaupt wirkten ihre Gesichtszüge eher männlich. Annalenas herausragendstes weibliches Merkmal war ohne Frage ihr Busen. Sie trug ihn mit Stolz. Als Sportlerin war eine aufrechte Körperhaltung für sie selbstverständlich, sie lief fast schon mit einem Hohlkreuz herum und reckte ihre beiden Attribute unübersehbar von sich. Zu allem Überfluss trug sie meistens auch noch einen Push-up-BH, der ihre einzigen Rundungen aus jedem noch so züchtigen Ausschnitt quellen ließ.
Wie Heiko und Annalena genau zueinander standen, wussten nicht einmal ihre wenigen gemeinsamen Freunde und Bekannten. Waren die zwei ein festes Liebespaar oder schliefen sie nur miteinander, wenn es ihnen gerade gut in den Terminplan passte? Eine Art Zweckgemeinschaft, in der sich beide nicht unsympathisch fanden und sowohl Nähe als auch Flexibilität genossen? Niemand wurde aus ihnen so richtig schlau. Sei’s drum, es war ihr Leben. Solange sie miteinander auskamen und es ihnen gefiel … zumindest waren beide begeisterte Sportler und glühende Opernfans.
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Als sich Heiko bei ihrer Ankunft in Bayreuth in das Anmeldeformular des Hotels „Richard Wagner“ eintrug, zögerte er für einen kurzen Moment.
Das Formular fragte ihn nach seiner Berufsbezeichnung … hmm, Börsenhändler, Finanzberater, Investor? Wenn sich seine steile Karriere weiter so hervorragend entwickelte, vielleicht bald schon Privatier?
„Ist doch egal, was ich reinschreibe“, sagte er sich und kritzelte schnell den „Finanzberater“ ins entsprechende Kästchen.
Da sollte er sich gewaltig täuschen. Die drei Kolb-Brüder interessierte es außerordentlich, wie ein Investor, Börsenhändler und Finanzberater sein Einkommen bestritt, und vor allem, wie er das seiner Kunden vermehrte.
Finanzielle Schieflage
26. Juli
Manfred, Günther und Karl waren ein eingeschworenes Team. Die einzige Person, die sie mit uneingeschränktem Vertrauen in ihre kleine Gruppe aufnahmen, war Dieter Kowalski. Ihr Halbbruder stand ihnen sehr nahe und wurde trotz seines jüngeren Alters von Anbeginn in alle wichtigen unternehmerischen Entscheidungen rund um das „Richard Wagner“ miteinbezogen.
Dieter war das Produkt eines Seitensprungs ihres längst verstorbenen Vaters Friedrich mit einer recht bekannten Opernsängerin am Festspielhaus. Die beiden waren sich nach einer erfolgreichen Inszenierung von „Rheingold“ vor knapp 30 Jahren zum ersten Mal nähergekommen. Das Ergebnis dieser Liaison – und der Grund, warum sich Ute und Friedrich Kolb schließlich trennten – war Dieter, der im selben Jahr wie Laila geboren wurde. Rein äußerlich geriet er ganz nach seiner Mutter, einer grazilen Person mit einer kräftigen Sopranstimme. Leider hatte diese bei aller Ähnlichkeit nicht das geringste Interesse an ihrem Kind, ebenso wie der Vater.
Während Friedrich Kolb seine Frau verließ, mit seiner Liebschaft um die Welt tingelte und das Leben genoss, bis ihn der Lungenkrebs ereilte, überließ er, herzlos wie er nun einmal war, seinen unehelichen Sohn den allgemeinen sozialen Diensten der Stadt Bayreuth. So verbrachte der Halbbruder von Manfred, Günther, Karl und Laila einen kläglichen Teil seiner Kindheit in den dafür vorgesehenen städtischen Einrichtungen. Dieter litt von Anbeginn unter der Einsamkeit, dem Ausgestoßensein. Oft kränkelte er.
Irgendwann konnte Ute Kolb nicht mehr mitansehen, wie der Junge litt. Die Jahre hatten den Schmerz über Friedrichs Betrug gemildert, Gras über die tiefe Kränkung wachsen lassen, also holte sie den außerehelichen Sohn ihres Mannes aus Mitleid aus dem Heim und plötzlich waren es fünf Kinder, die im Wohnhaus Kolb herumtobten.
Dieter blühte auf und dennoch hatte Ute das Gefühl, dass ihm etwas in seiner Entwicklung fehlte. Körperlich war er deutlich kleiner und schmächtiger als seine Halbbrüder, aber das war es nicht: Er war allzu sehr in sich gekehrt, strotzte nicht gerade vor Selbstwertgefühl. Um seine neu gefundene Familie baute er eine regelrechte Mauer, sprach von Dritten außerhalb dieses Kreises oft negativ und eine gehörige Portion Neid spielte in vielem, was Dieter tat, eine Rolle. Trotzdem war Ute beseelt davon, Dieter zu helfen und ihm den Weg in eine erfolgreiche Zukunft zu ebnen. Nach seinem Schulabschluss ermunterte sie ihn, eine solide Ausbildung zum Bankkaufmann anzugehen, während der er selbstverständlich sein Zimmer im ersten Stock behalten konnte und weiter am Familientisch willkommen war. Eine tolle Frau. Noch heute war Dieter seiner Ziehmutter und auch seinen Halbgeschwistern unendlich dankbar, dass sie ihn so unproblematisch aufgenommen hatten. Mit zunehmendem Alter hatte er sich geschworen, ihnen die große Unterstützung zurückzuzahlen. Loyalität seiner Familie gegenüber war für ihn deshalb kein Fremdwort, sondern eine Selbstverständlichkeit, ja geradezu ein Mantra – vor allem nachdem ihm Manfred, Günther und Karl auch noch den Posten als Finanzdirektor ihres Hotels anvertraut hatten.
Als er sich mit ihnen das erste Mal über die Finanzierung der anstehenden Renovierungskosten beriet, schlug er vor, die Auszahlungsverpflichtung, die sie ihrer Schwester gegenüber hatten, in die Bilanz der Kommanditgesellschaft einzustellen. „Wir könnten die Schuldverhältnisse aktivieren. Das wäre nach den Prinzipien der kaufmännischen Vorsicht korrekt“, waren seine Worte.
„Was bedeutet das genau?“, wollte Manfred wissen.
„Nun, nach den Paragrafen 268, Absatz 5, Satz 1, und 285, Nummer 1, des Handelsgesetzbuches müsstet ihr eine Verbindlichkeit einstellen. Die schmälert natürlich eure Vermögensposition.“
„Ich versteh nur Bahnhof“, meinte Günther und Karl nickte dazu energisch.
„Könnte das negative Auswirkungen auf die Beschaffung des Kredits haben, den wir für die Renovierung brauchen?“ Es war Manfred, der den Braten roch.
Dieter zog die Stirn in Falten. „Könnte durchaus sein“, antwortete er. „Es wird jedenfalls nicht einfacher. Aber im Rahmen einer Kommanditgesellschaft seid ihr neben eurer Kapitaleinlage sowieso auch mit eurem gesamten Privatvermögen gesamtschuldnerisch haftbar.“
Dann erklärte er ihnen, was es bedeutete, Komplementär und Kommanditist zu sein, und dass die Haftung von Gesellschaftsverbindlichkeiten im Außenverhältnis durch den Gesellschaftsvertrag sowieso nicht begrenzt werden konnte.
„Dann ist es doch Wurst, ob wir mit der Verbindlichkeit an Laila die Bilanz belasten und damit – wenn ich es richtig verstanden habe – auch die Finanz-, Vermögens- und Ertragssituation unserer Kommanditgesellschaft oder ob wir die 250.000 Euro als private Schuld außerhalb der Geschäftsbücher betrachten. Das heißt“, korrigierte sich Manfred selbst und hob einen Zeigefinger, „es ist doch nicht Wurst. Wenn ich so drüber nachdenke, wäre es mir doch lieber, wenn unsere Bilanz nicht damit belastet wird, auch wenn die Zahlung an Laila der Höhe und dem Grund nach feststeht.“
Manfred war schon immer der Zampano der Familie, vor allem seit ihrer aller Mutter verstorben war. Immer gab er den Ton an und seine Geschwister kuschten, weil sie wussten, dass Diskussionen keine Aussicht auf Erfolg hatten.
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Am Tag nach der Festspielpremiere saßen die Brüder mit Dieter einmal wieder in Manfreds Büro zusammen. Routinemäßige Besprechung der Hotelleitung. Durch die offenen Fenster kam laue Sommermorgenluft herein, aber die vier waren mittlerweile bei einem schweren Thema angelangt: die Sache mit Lailas Erbteil.
„Als euer Finanzchef muss ich euch darauf hinweisen – ja, Manfred, ständig darauf hinweisen –, dass hier noch eine enorme Verpflichtung ansteht, die einer Lösung zugeführt werden muss. Ansonsten schaut es mau aus mit unserer Finanzlage.“
„Ja, ja … wissen wir“, nahm Manfred das Thema auf, „an der Zahlungsverpflichtung gegenüber unserer Schwester gibt es nichts zu rütteln und zu deuten. Eine unschöne Sache, der Termin rückt immer näher. Momentan hätten wir die 250.000 Euro jedenfalls nicht zur Verfügung – und unter uns gesagt, fällt mir auch nichts ein, wie wir das im nächsten Jahr hinkriegen sollen. Wir haben uns seinerzeit bei der Kalkulation unserer Fixkosten ganz schön vertan und müssen froh sein, dass wir die fälligen Tilgungsraten aus der Finanzierung bedienen können.“
„Aber auch nur, weil wir die Aktien von Mama zu Geld gemacht und die Erlöse in die Gesellschaft eingebracht haben“, merkte Karl an.
„Ja, ja, ich weiß. Das musst du mir nicht auch noch sagen, Karl!“, reagierte Manfred laut und schroff. „Wir müssen uns etwas einfallen lassen!“
Karl zuckte zurück, als er von Manfred halb gescholten wurde; er und Günther standen immer in zweiter Reihe, auch wenn sie gleichberechtigte Gesellschafter waren.
Wieder hatte sich Manfred in den Vordergrund geschoben. Allmählich ging den Zwillingen sein Verhalten aber gehörig gegen den Strich. Es brodelte unter der Decke der brüderlichen Harmonie. Was bildete Manfred sich eigentlich ein? Er hatte auch keine bessere Ausbildung genossen als sie. Großhandelskaufmann – das machte aus ihm nicht automatisch den perfekten Hotelmanager, genauso wenig wie sein beruflicher Einstieg als Sachbearbeiter im Vertrieb und Innendienst der Brauerei Gebrüder Maisel. Na und? Das einzige, was für seinen Job als Direktor des „Richard Wagner“ sprach, war die Tatsache, dass er von Küchen- und Hotelbetriebsabläufen keinen Schimmer hatte, da blieb nur noch der Posten des Chefs, der Verantwortung trägt, aber sonst nichts. Die wahren Gründe, warum man ihm den Job anvertraut hatte, waren seine imposante Erscheinung und sein weltmännisches Auftreten. Kamen die Gäste mit Beschwerden zu Punkten, die nicht so liefen, wie sie sollten, vermittelten schon seine an den Seiten leicht ergrauten Haare diesen gewissen Hauch von Seriosität. Seine Art zu sprechen und die positive Aura eines in sich ruhenden Menschen sorgten für den Rest: Manfred stand für Verlässlichkeit, für gewissenhaftes Handeln, für das Einleiten von Verbesserungen. Er war ganz groß in der Theorie.
Gott sei Dank hatte Günther souverän die Gastronomie des Hotels übernommen. Mehrere Jahre lang war er stellvertretender Chefkoch in Laudensacks Parkhotel, dem Sternerestaurant in Bad Kissingen, gewesen; noch heute schwärmten seine ehemaligen Gäste von seiner Rinderroulade „Oma Herta“. Vom Empfang bis zu den Zimmern, vom Personal und der Verwaltung bis zum Einkauf oblagen Karl die vielen Aufgaben des Alltagsgeschäfts. Er war der eigentliche Experte in der Familie, der sich dafür im „Bayerischen Hof“ in München zum Hotelkaufmann hatte ausbilden lassen. Karl und Günther waren sich einig, dass ihr älterer Bruder die überflüssigste der Leitungspositionen übernommen hatte. Hier ein bisschen repräsentieren, dort ein wenig den Gästen um den Bart gehen. Also brauchte er sich nicht immer wie ein Tyrann aufzuführen. Außerdem: Das Geld zusammenzuhalten, schien ihm nicht so zu liegen. Manfred gab es viel zu leichtsinnig aus.
Sie erinnerten sich nur zu gut an die Gespräche, die sie mit Laila nach der Beerdigung ihrer Mutter geführt hatten. 250.000 Euro hatte Manfred ihr auf Anhieb für ihren Anteil am Hotel angeboten. Völlig überflüssig. 150.000 bis 200.000 hätten es sicher auch getan. Andererseits – die Erbmasse mit Hotelgebäude und Grund war mehr als eine Million wert, auch unrenoviert. Das besagte jedenfalls das Gutachten, das sie wenig später hatten anfertigen lassen. Ein Hotel in bester Lage. Laila hatte sich sehr konziliant gezeigt. Allen war klar gewesen, was es bedeuten würde, den alten Kasten modernisieren zu lassen, und auch die Zwillinge waren ihrer Schwester durchaus dankbar, dass sie ihnen nicht durch übertriebene Geldforderungen noch mehr Steine in den Weg gelegt hatte. Aber jetzt? Jetzt ragte Lailas Erbteil als schlimmster und größter Brocken vor ihnen auf.
Schon klar, dass sie nicht mehr davon abging, nachdem die Zahl einmal auf dem Tisch lag – aber noch lange kein Grund für Manfred, seine Brüder ständig zusammenzustauchen. Den Zwillingen schwoll der Kamm. Dieser selbstgerechte Sack stellte sich hin und sprach davon, dass man sich „etwas einfallen lassen müsse“, ohne selbst eine Idee zu haben.
Karl hingegen hatte sehr wohl einen Vorschlag. „Gestern hat ein gewisser Heiko Springer mit seiner Freundin eingecheckt“, wusste er zu berichten. „Ich war gerade am Empfang. Finanzberater hat er ins Anmeldeformular eingetragen. Der stinkt nach Geld. Goldene Rolex, Anzug von Armani, einen 350er Mercedes SL auf dem Parkplatz. Seine Freundin trägt Goldgeklimper vom Hals bis zum Knöchel, Klamotten von Edelmarken und irgendeine sauteure Ledertasche hatte sie auch noch über der Schulter hängen.“
„Was willst du uns damit sagen?“, fragte Dieter über seine verschränkten Arme hinweg. „Sollen wir ihn um finanzielle Unterstützung angehen, vielleicht nach einem Privatkredit fragen?“
„Wie – Privatkredit?“, wurde Manfred hellhörig.
„Davon würde ich abraten“, sagte Dieter streng. „Finanzberater … solche Leute sind doch die reinsten Halsabschneider.“
„Nein, nein, das meine ich nicht“, fuhr Karl schnell fort, „aber so ein Finanzberater spekuliert doch an der Börse, legt das Geld seiner Kunden möglichst gewinnbringend an. Offenbar hat der Springer ein Händchen dafür, wenn er sich von der Provision so einen Lebensstil leisten kann.“ Karl sah seine Brüder einen nach dem anderen an. „Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir auch auf die Dienste eines Finanzdienstleisters zurückgreifen.“
„Du willst diesen Springer engagieren?“, fragte Günther skeptisch. „Nur weil dem eine Rolex am Handgelenk baumelt?“
„Nein, ich weiß nicht, vielleicht. Ich hab das noch nicht zu Ende gedacht“, entgegnete Karl mit bemühtem Lächeln. „Wir können uns auch schlau machen, wer hier in Bayreuth so eine Finanzberatung betreibt?“
„Pfft“, machte Günther.
„Bin ich der einzige, der sich fragt, mit welchem Geld unser potenzieller Finanzberater denn an der Börse für uns spekulieren soll?“, warf Dieter ein. „Ihr kennt unsere Lage. Da ist für solche Spielchen nichts übrig …“
„Hhm.“ Manfred wog den Kopf hin und her. „Vielleicht sollten wir den Burschen mal kennenlernen … Heiko Springer … Am besten laden wir ihn und seine Freundin mal zum Abendessen ein. Quasi als Aufmerksamkeit des Hauses gegenüber seinen VIP-Gästen. Je nachdem, wann es bei denen geht“, fügte er hinzu, „sie bleiben ja ein paar Tage, wenn ich es richtig verstanden habe. Vielleicht kann der Mann uns wirklich helfen.“
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Der Bursche, der nach Geld stank und dessen Dienste möglicherweise gefragt waren, war an diesem Morgen schon allein zum Frühstück vorausgegangen. Ein Streit mit Annalena. Es ging um Nichtigkeiten. Nur weil er, wie immer, früher wach war als sie und dieses eine Mal – im Urlaub, im Hotel – nicht auf sie warten wollte.
Mit einem „Ich bin noch soooo müde“ hatte sie sich einfach auf die andere Seite gedreht und weitergeschlafen. Dabei war es schon halb neun! Gestern Abend hatten sie extra noch vereinbart, dass sie um diese Zeit ihren ersten Kaffee gemeinsam genießen wollten. Langsam ging sie ihm auf die Nerven mit ihrer Unzuverlässigkeit.
Während Heiko Annalena dabei zugesehen hatte, wie sie ihre Nase immer tiefer ins Kissen drückte, hatte er geahnt, wie das enden würde: Mindestens eine Stunde müsste er totschlagen – mucksmäuschenstill, versteht sich –, bevor sie sich dazu herablassen würde, endlich aufzustehen. Nein, irgendetwas hatte ihn heute dazu bewogen, nicht nachzugeben. Er wusste nicht, welcher Impuls genau diesen Trotz angestachelt hatte, aber er hatte sich kurz unter die Dusche gestellt, war, nachdem er sich die Zähne geputzt hatte, in seine Jeans und ein weißes T-Shirt von Hilfiger geschlüpft und hatte sich die leichten Lederslipper übergezogen. Fast hätte er es auch aus dem Bad und zur Tür hinaus geschafft, aber da hatte Annalena nun doch schon wach im Bett gesessen und gemeint, dass sie in einer halben Stunde fertig sei und er auf sie zu warten habe. Wie gesagt, heute nicht.
Es folgte ein unfreundliches Wortgefecht. Wutentbrannt verließ er die gemeinsame Suite. Seine lockigen Haare glänzten noch feucht vor sich hin.
Als er das reichhaltige Angebot in der Frühstückskuppel des „Richard Wagner“ entdeckte, das als Selbstbedienungsofferte aufgebaut war, besserte sich Heikos schlechte Laune schlagartig. An der Eierstation stand ein Hotelangestellter und nahm die Wünsche der Gäste entgegen. Die Wahl bestand aus Omelette, Rühr- und Spiegelei mit diversen Zutaten. Er entschied sich für Rührei mit Speck. An der Saftbar gab es frisch gepressten O-Saft. Für seinen Toast wählte er die Einstellung „knusprig braun“ und als er endlich einen Platz mit Blick auf das Bayreuther Festspielhaus gefunden hatte, stand plötzlich ein atemberaubendes blondes Wesen neben ihm und fragte nach seinen Tee- oder Kaffeewünschen.
Er war erst so perplex, dass er das Wort „Cappuccino“ kaum herausbrachte. „Trottel!“, schimpfte er sich in Gedanken selbst, er musste ja den Eindruck hinterlassen, als ob er stottern würde.
Kaum hatte er sich wieder einigermaßen sortiert, rauschte die blonde Bedienung mit einem vollen Haferl in der Hand wieder heran. „Wohl bekomm’s“, wünschte sie mit einer Stimme, die süßer nicht klingen konnte, stellte das Haferl auf die Tischplatte und schwebte davon.
Heiko Springer war platt. So eine Frau hatte er noch nicht erlebt. Sie war schlank, nicht zu groß und nicht zu klein geraten, blond, hatte grüne wache Augen und wenn sie lächelte, bildeten sich links und rechts auf ihren Wangen zwei entzückende Grübchen. Ihr Alter schätzte er auf Mitte, vielleicht auch Ende 20.
„Kein Vergleich zu Annalena“, war das erste, was er logischerweise feststellte, als er sich genug gesammelt hatte, um eine Gabel mit Rührei zu beladen. Er musste sie ansprechen, sie kennenlernen. Sicher kam sie noch einmal an seinen Tisch, wenn er seinen Cappuccino geleert hatte. Er nahm einen großen Schluck … Es war einfach die Weiblichkeit, die seiner derzeitigen Freundin fehlte, trotz ihres übermächtigen Busens. Irgendwie war er ihrer überdrüssig geworden. Er wollte – oder konnte – es sich nur noch nicht völlig eingestehen.
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Rund 40 Minuten nach Heiko verließ auch Annalena die Suite. Die Zeit, die Heiko morgens mit Duschen, Zähneputzen und Ankleiden zubrachte, benötigte sie allein für ihr Make-up. Heute hatte sie es richtig krachen lassen: Ihr schwarzer Lidschatten stand im krassen Gegensatz zum bonbonrosa Lippenstift, den sie dick aufgetragen hatte. Schwer klimperten ihre getuschten Wimpern. Ihre Wangen wurden von Rouge betont, farblich passend zur Lippenfarbe. Mit dieser Kriegsbemalung und einem kleinen Schwarzen von Dolce und Gabbana, eingehüllt in eine Wolke von Dior, betrat sie mit gereckter Brust den Aufzug, in dem gerade auch Manfred und seine beiden Brüder dem Frühstücksraum entgegenschwebten; nach ihrer Morgenbesprechung mit Dieter hatten sie sich einen Kaffee mehr als verdient.
Karl konnte es nicht lassen, Manfred mit einem leichten Rempler und einem Zucken der linken Augenbraue auf die Erscheinung namens Annalena Sturm aufmerksam zu machen. Sie hatten ja gerade über das Finanzberaterpaar gesprochen. Doch zum einen verstand Manfred den finanziellen Hintergrund des Ellbogenstoßes nicht und zum anderen brauchte er keine besonderen Hinweise: Die Frau war der Hammer. Fand jedenfalls Manfred. Ein Sinnbild der Stärke. Die konnte zupacken, das sah man. Und die feminine Seite kam in seinen Augen auch nicht zu kurz. Diese Lippen …
Die Türen schlossen sich und die Aufzugskabine verwandelte sich in ein Meer von Parfüm.
Alle drei Männer, besonders Manfred, mussten einfach auf den dominanten Busen starren, der das Zentrum des engen Raums zu sein schien. Keiner sagte ein Wort.
Endlich, bevor der Aufzug im obersten Stockwerk ankam, nahm Manfred seinen ganz Mut zusammen und sprach die Frau an: „Ähem … Sie sind Gast in unserem Haus, Frau …?“
„Sturm“, wurde er von Annalena nicht gerade freundlich belehrt. Sie besah ihn sich flüchtig. „Und das geht Sie etwas an, weil …?“
Der Aufzug hielt.
„Entschuldigung, Frau Sturm. Ich bin Manfred Kolb, der Mitinhaber und General Manager des Hotels. Meine Brüder Karl und Günther“, stellte er die beiden anderen vor, während sie aus dem Aufzug traten. „Ich hoffe, Ihnen gefällt Ihr Aufenthalt bei uns?“
„Oh!“ Bei den Worten „Inhaber“ und „General Manager“ horchte Annalena auf. „Ja, danke, die Siegfried-Suite gefällt mir recht gut. Auch wenn die Badewanne etwas größer sein könnte.“
„Manfred – wir gehen dann schon mal. Bis später“, unterbrach Günther grinsend das Geplänkel und die Zwillinge verdünnisierten sich.
„Sagen Sie, Frau Sturm“, nahm Manfred den Faden wieder auf und führte Annalena zu einer kleinen Nische vor dem Frühstückssaal, „hatten Sie schon die Gelegenheit, unseren Wellnessbereich auszuprobieren? Ganz neu gestaltet, mit Zirbensauna, ein Traum.“
Annalena musterte ihr Gegenüber noch einmal genauer: Der Hotelmanager war ein großer, stattlicher Mann, gut gekleidet, ganz Geschäftsmann. Ein komplett anderer Typ als Heiko, der im Anzug immer aussah, als freue er sich schon darauf, wieder in die bequeme Jeans schlüpfen zu können. Gute Manieren hatte dieser Manfred Kolb auch. Nicht unsympathisch. Eher das Gegenteil, mit seinen leicht angegrauten Schläfen. „Zirbensauna, soso …“
Manfred zwinkerte. „Ich könnte für Sie auch einen privaten Besuch arrangieren …“
Annalena spähte in den Frühstücksraum hinüber. Ah ja, da hinten saß Heiko und schob sich gerade den letzten Bissen Toastbrot in den Mund. „Herr Kolb –“
„Manfred, bitte.“
„Manfred“, wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Hotelchef zu, „wenn dieser private Saunabesuch auch Ihre Gesellschaft miteinschließt, muss ich Ihnen sagen, dass ich nicht allein in der Siegfried-Suite wohne.“
Manfreds Lächeln fror ein.
„Wenn Sie Ihr Anmeldeformular checken, werden Sie feststellen, dass die Suite auf den Namen Heiko Springer läuft. Mein Partner.“
Auf Manfreds Gesicht spiegelten sich zwei gegensätzliche Emotionen: vage Enttäuschung und ein freudiger Aha-Moment. „Entschuldigen Sie, Frau Sturm … ich wollte nicht … Ihnen nicht zu nahe treten. Hoffentlich habe ich Sie nicht beleidigt? – Aber sagen Sie, Ihr Begleiter, Heiko Springer … wenn ich mich richtig erinnere, hat er sich mit Finanzberater bei uns angemeldet.“
Annalena nickte knapp.
„Dann nutze ich vielleicht die Chance … Frau Sturm, da möchte ich ganz unverblümt nachfragen … wie soll ich mich ausdrücken … ob wir vom Hotel Richard Wagner vielleicht auch seine Dienste in Anspruch nehmen könnten? Unverbindlich natürlich. Ich meine, wenn es sich lohnt. Für beide Seiten natürlich. Ich meine, es soll sein Schaden nicht sein.“
Manfred fiel auf, dass er faselte, und er riss sich zusammen. „Bislang haben wir uns mit dem Thema Investment noch nicht auseinandergesetzt und wenn man schon einmal einen Experten im Haus hat, dachte ich, könnte man die Gelegenheit beim Schopfe packen. Für eine erste Beratung, gern in ungezwungenem Rahmen. Sie sind natürlich auch herzlich dazu eingeladen: Was würden Sie von einem gemeinsamen Abendessen halten? Zum Kennenlernen und Erläutern der Situation? Wann immer Sie und Herr Springer Zeit haben.“
Annalena hatte kaum zugehört, ihr Blick war auf den Frühstückssaal fixiert. Denn Heiko, der sein Frühstück beendet hatte, schäkerte inzwischen mit einer ihr unbekannten jungen, äußerst attraktiven Blondine. Die beiden standen mitten im Raum und waren nicht zu übersehen. Heiko widmete ihr seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Beide lachten herzlich und sie berührte ihn sanft am Arm.
„Frau Sturm?“, fragte Manfred ungeduldig.
„Ja?“ Annalena fuhr herum. „Wann Heiko Zeit hat? Das können Sie ihn gleich selber fragen. Er steht dort drüben – mit der hübschen, jungen Frau. Die mit den blonden Haaren.“ Sie deutete mit einem manikürten Finger hinüber.
„Ach, die? Laila. Das ist unsere jüngere Schwester. Sie hilft hier ab und zu aus.“ Manfred lachte. „Das trifft sich gut. Die beiden scheinen sich ja gut zu verstehen.“
Annalena warf noch einen giftigen Blick in Richtung des fröhlichen Heikos mit seiner neuen blonden Bekanntschaft, dann nahm sie Manfred ins Visier. Ihre Augen blitzten. „Herr Kolb – Manfred, ich glaube, ich möchte doch auf Ihr Angebot des privaten Saunabesuchs zurückkommen … und bitte, nennen Sie mich Annalena.“
Spaziergang zum Festspielhaus
Am selben Tag
Noch ein Tag, dann würde es auch für die Gäste vom Niederrhein mit den Festspielen losgehen: „Das Rheingold“. Heiko wollte den Sonntag nutzen, um sich einen persönlichen Eindruck des Richard Wagner-Festspielhauses zu verschaffen, bevor am Nachmittag die Massen anrückten. Er hatte schon viel über den Prachtbau gelesen, den der große Künstler zwischen 1872 und 1875 nach eigenen Entwürfen im Stil der hellenischen Romantik für sich hatte bauen lassen. Bereits ein Jahr später waren mit „Rheingold“ die ersten Festspiele eröffnet worden.
Vom Hotel aus war es nur ein Katzensprung. Einfach die Tristanstraße ein Stück bergauf, bis zur Bushaltestelle „Am Festspielhaus“, schon ging es hinein in den rund 19 Hektar großen Festspielpark.
Gleich nach dem Frühstück hatte sich Heiko mit Annalena auf den Weg dorthin machen wollen, aber als seine Freundin endlich unter der Dachkuppel des Hotels aufgetaucht war, hatte sie sich erst eine halbe Ewigkeit Zeit gelassen, um ihren Joghurt zu löffeln, und dann darauf bestanden, noch einmal „zum Frischmachen“ in die Suite zurückzugehen. Jetzt waren sie endlich unterwegs, aber die Stimmung war alles andere als rosig. Ohne ein einziges Wort zu wechseln, liefen sie nebeneinander her.
Am Seerosenteich im Park brach Annalena das Schweigen: „Die kleine Blonde scheint dir zu gefallen?“, begann sie.
„Kleine Blonde? Welche kleine Blonde?“
„Na, Laila, die Schwester von Manfred, dem Hotelchef. Sie hat beim Frühstück bedient.“
„Ach so, die. Ich hab gar nicht gewusst, dass sie zur Familie gehört. Das hat sie mir nicht verraten.“
„Lenk nicht ab, du hast meine Frage nicht beantwortet“, ließ Annalena nicht locker.
„Mensch, Anna! Sie hat mir einen Kaffee gebracht und ich hab mich mit ihr unterhalten. Du warst ja noch nicht da.“
„Ich kenn doch deinen Blick. Du hast sie regelrecht verschlungen. Mach mir nichts vor.“
„Und du?“, brauste jetzt Heiko auf. „Du brauchst gar nichts zu sagen. Glaubst du denn, ich hab dich nicht gesehen? Wie du so vertraut mit diesem Kerl zusammengestanden hast, oben vor dem Frühstück? Wie der dich angehimmelt hat? War das dieser Manfred, der Hotelchef? Der wär ja am liebsten in dich hineingekrochen. Hat seine Blicke gar nicht mehr von deinem Busen losgekriegt. Das hat dir gefallen, nicht wahr?“
„Ja, das hat mir gefallen“, gab sie trotzig zurück. „Ich hab meine Brüste sogar noch etwas weiter herausgestreckt als üblich.“
„Und die Blicke, die du ihm zurückgegeben hast. Eindeutiger geht es ja nicht mehr. Du findest ihn attraktiv, oder?“
„Was willst du von dieser Laila?“, stellte Annalena ihm hitzig die Gegenfrage. „Du brauchst mir eigentlich gar nicht zu antworten“, winkte sie dann gleich wieder ab. „Ich weiß es sowieso. Du willst sie in die Kiste kriegen. Hab ich recht?“ Sie blieb stehen und ließ die Arme hängen. „Und danach, was passiert danach? Das ist, was ich gern von dir wissen möchte.“
„Ich glaube, dass deine Fantasie mal wieder mit dir durchgeht“, wich Heiko immer noch gereizt aus. „Können wir das Thema nun beenden? Bitte?“
Er ging los, ohne abzuwarten, ob Annalena ihm nachkam. Welche Gefühle Laila in ihm wirklich geweckt hatte – darüber wollte er nicht sprechen.
„Immer schön den Problemen aus dem Weg gehen. Wie immer“, gab sich Annalena enttäuscht, als sie zu ihm aufschloss. „Typisch Mann, einfach alles totschweigen. Irgendwann mach ich da nicht mehr mit, das sag ich dir.“
„Willst du mir drohen?“, reagierte er schroff. „Mich verlassen? Ha! Wer hält dich denn aus? Wer bezahlt denn deine ganzen Designerklamotten?“
„Ja, bezahlen, bezahlen! Mit dem ein oder anderen schmutzig verdienten Geld!“, herrschte sie ihn an. „Du hast mich bei genug deiner kleinen Deals als Partnerin eingespannt. Meinst du, ich hab keine Augen im Kopf, keine Ohren, die verstehen, was du mit deinen ganzen halbkriminellen Geschäftspartnern am Telefon besprichst? Ich warte nur auf den Tag, an dem dich die Steuerfahnder hopsnehmen.“
„Blödsinn, was ich mache, ist vollkommen legal, das weißt du ganz genau. Ich nutze nur Gesetzeslücken. Und jetzt ist Schluss mit deinem Rumgekeife. Mach doch, was du willst!“ Heiko beschleunigte seine Schritte und verfiel in lethargisches Schweigen.
Während sich die beiden gefetzt hatten, waren sie immer näher zum Eingang des Festspielhauses gekommen. Rege Tätigkeit um sie herum lenkte sie nun von ihrem Streit ab. Arbeiter wuselten durch Türen und schleppten die letzten Bühnenaccessoires von A nach B. Andere waren an den Fahnenstangen vor dem Eingang beschäftigt und hissten diverse Flaggen: Eine zeigte das riesige Konterfei des einstigen genialen Künstlers, im Hintergrund sein Festspielhaus in der linken unteren Ecke. Auf einer anderen waren drei halbrunde, grüne Bögen, die das nahegelegene Fichtelgebirge stilisiert darstellen sollten, über dem blauen Schriftzug „BAYREUTH“ zu sehen; das offizielle Logo der Stadt. Auch das Stadtwappen, das Bayreuth 1457 von Markgraf Albrecht Achilles, damals zugleich Kurfürst von Brandenburg, verliehen worden war, wurde aufgezogen.
Heiko stand ehrfürchtig vor dem imposanten Ziegelsteinbau und zog seinen DuMont-Reiseführer zu Rate. Vom Hauptportal bis zum Ende der Hinterbühne maß das rote Gebäude 100 Meter, verriet ihm der, und dass das Festspielhaus eines der Opernhäuser mit der weltweit besten Akustik sei, weil seine Innenausstattung hauptsächlich aus Holz gebaut war. Selbst auf Sitzpolster hatte Richard Wagner bewusst verzichtet, um die Schallausbreitung nicht negativ zu beeinflussen. Er las weiter: Neben der 22 Meter tiefen Hauptbühne gab es noch die ebenso bespielbare Hinterbühne. Die Höhe des Bühnenportals betrug knapp zwölf Meter und der Dachfirst lag gar 36 Meter über dem Bühnenniveau. Heiko stahl sich an das Hauptportal heran und fragte einen der Arbeiter, wo denn die Spielpläne auslägen.
„Warten Sie hier“, antwortete der, „ich hole Ihnen einen.“ Dann verschwand er in den Tiefen der Eingangshalle, kam aber kurz darauf wieder zurück. „Bitteschön“, erbot er sich und überreichte Heiko einen Faltplan.
28 öffentliche Aufführungen und zwei geschlossene Vorstellungen für Mitglieder des Deutschen Gewerkschaftsbundes wurden zwischen dem 25. Juli und dem 28. August gegeben. Morgen würden auch Heiko und Annalena erstmals die heiligen Hallen betreten – zusammen mit den 1.972 anderen Zuschauern, die neben ihnen beiden noch in den Opernbau hineinpassten – und zweieinhalb Stunden, ohne Pause, „Rheingold“, die Vorgeschichte der Tetralogie um den Ring des Nibelungen genießen. Zweieinhalb Stunden voller Streit um Macht und Liebe, der mit dem heimtückischen Raub des Schatzes der Rheintöchter seinen Anfang nehmen würde. Heiko war Feuer und Flamme und hatte seine verbale Auseinandersetzung mit Annalena fast schon vergessen.
Nicht so seine Begleiterin. Annalena stand ein paar Schritte hinter Heiko, hatte keinen Blick für die Schönheiten um sie herum und eine Miene wie der von den Rheintöchtern verschmähte Zwerg Alberich. Sie hatte Heikos ständige Eskapaden, amourösen Abenteuer und Seitensprünge allmählich satt. Klar, ihre Beziehung war nicht gerade das, was man „konservativ“ nennen würde. Der Mensch war nicht für die Monogamie geschaffen, da waren sie sich einig. Aber es gab gewisse Grenzen. Wenn er sich mittlerweile nicht einmal mehr zu schade dafür war, im gemeinsamen Urlaub etwas mit einer anderen anzufangen und sie dabei links liegen zu lassen … Heiko würde sich nicht mehr ändern.
Es reichte, sie hatte die Schnauze wirklich voll. Geld zu haben, war zwar angenehm, aber nicht alles im Leben. Außerdem – dieser Manfred schien als Geschäftsführer und Gesellschafter des Hotels auch nicht gerade zu den Armen der Stadt zu gehören. Annalena nickte sich selbst zu. Manfred erweckte nicht den Eindruck, dass er jedem hübschen Rock hinterherjagen würde. Als er sie heute früh im Aufzug angesprochen hatte, war er sogar ein wenig rot geworden. Gefallen hatte ihr das eigentlich nicht … wobei – mit ein wenig Abstand betrachtet wirkte es doch ganz charmant.
Sie würde ihm eine Chance geben. Wer weiß, wie die Geschichte ausgehen könnte? Jedenfalls würde es nicht schaden, Heiko eine Lektion zu erteilen.
Annäherungen
27. Juli
Die hübsche Laila spukte auch einen Tag später noch in Heikos Kopf herum. Genau genommen konnte er an nichts anderes mehr denken. Was für eine tolle Frau. Graziös, feminin, sexy – ein Wesen wie aus einer anderen Welt. Von ihr ging eine faszinierende Ausstrahlung aus, die ansteckte. Heiko konnte die Superlative, die er ihr zusprach, gar nicht alle in Worte fassen. Dabei hatte er sie erst einmal gesehen. Das musste sich ändern. Er wollte sie näher kennenlernen, mit ihr ausgehen, sie zum Abendessen einladen. Nicht hier im Hotel. Nein, Annalena brauchte das nicht mitzubekommen. Ihr Gekeife von gestern klang ihm noch immer in den Ohren nach.
Wenn er ganz ehrlich war, konnte er ihren Ärger schon verstehen. Da fuhren sie gemeinsam zu den Wagner-Festspielen und dann ließ er sie gleich am ersten Tag im Zimmer sitzen. Wie viel Annalena von seiner angeregten – und anregenden – morgendlichen Unterhaltung mit Laila mitbekommen hatte, wusste er nicht. Auf jeden Fall genug, um ihren Zorn in gewaltige Höhen zu treiben.
Dieser Trampel von Weib hatte ihn mit ihren grundlosen Vorwürfen mächtig aufgeregt. Es war noch gar nichts passiert! „Bisher“, gestand er sich selbst ein. Er hatte sich vorgenommen, dies zu ändern.
Beim Frühstück hatte er umsonst auf eine zweite Begegnung gehofft, seinen Kaffee hatte er heute von einem dunkelhaarigen Kellner serviert bekommen. Aber dann war ihm auf dem Weg zur Müslistation der Küchenchef des Hotelrestaurants über den Weg gelaufen. Für einen kurzen Plausch hatte der offenbar gerade Zeit, war ausnehmend freundlich. Heiko nutzte die Gunst der Stunde, um nach Laila zu fragen.
Sie war im Haus, Laila war heute im Haus. Heute würde sie bei Kleinigkeiten im Garten und abends im Restaurant aushelfen.
Annalena war unterwegs. Geld ausgeben. Sein Geld. Heiko hatte ihr sogar das Taxi bestellt, mit dem sie in die Fußgängerzone gefahren war, sie wollte einen Bummel durch die Maximilianstraße unternehmen. Er wusste, was das bedeutete. Unter 1.000 Euro ging Annalena nie zum Shoppen. Kaum war seine Freundin zur Tür hinaus gewesen, hatte er einen simplen Entschluss gefasst, ganz ohne Schnörkel, und sich auf die Suche nach Laila begeben.
Nachdem er sie im Hotelgebäude nirgends angetroffen hatte, machte er sich auf den Weg in den Garten. Fast eine halbe Stunde lang tigerte er um die Tennisplätze, den Pool und den Biergarten, in dem sich die ersten schon ein kühles Mittagsbier gönnten. Nichts. Musste er es wohl wieder im Hotel selber versuchen. Er machte sich auf den Weg.
Sie saß auf einer Bank nahe der Liegewiese und las in einem Buch. Heiko stand wie vom Donner gerührt vor ihr.
„So einsam?“, fragte er scheinbar neugierig, als er näher an sie herantrat.
Sie schenkte ihm ein zauberhaftes Lächeln und legte ihr Buch beiseite.
„Die größten Umweltsünden der Menschheit“, las Heiko. „Mit so einem interessanten, aber schwierigen Thema?“, setzte er hinzu. „Irgendwann in naher Zukunft bringt sich die Menschheit selbst um. Man müsste die Grünen viel mehr unterstützen.“
„Interessieren Sie sich für Umweltschutz?“, wollte Laila wissen.
„Unbedingt. Es ist die zentrale Frage unserer Zeit, die gelöst werden muss, um nachfolgenden Generationen weiterhin ein Leben auf unserem Planeten zu ermöglichen. Wenn ich lese, dass gerade eine Insel im Mississippi-Delta dabei ist zu verschwinden, weil der Meeresspiegel ansteigt, dann ist es eigentlich schon fünf nach zwölf. Viel zu spät, um erst damit zu beginnen, sich Gedanken um Handlungsoptionen zu machen.“
„Das sehe ich auch so“, antwortete Laila und machte dabei ein besorgtes Gesicht.
„Oh, das steht Ihnen aber gar nicht.“
„Was steht mir nicht?“ Sie verstand seinen Kommentar nicht.
„Dieser sorgenvolle Gesichtsausdruck“, gestand er. „Ein Lächeln steht Ihnen viel, viel besser, macht sie einfach noch hübscher.“
„Sie tragen aber ganz schön dick auf“, tadelte sie ihn, grinste aber dabei. Dann legte sie ihr Buch weg. „Ich habe gehört, dass Sie gestern meinen Bruder Manfred kennengelernt haben?“, wollte sie wissen.
„Nicht ganz. Manfred hat sich gestern meiner … Begleitung vorgestellt. Ich habe heute Ihren Bruder Günther getroffen. Er hat mir übrigens den Tipp gegeben, dass Sie hier draußen im Garten zu finden sind. Obwohl er meinte, dass Sie arbeiten würden, nicht lesen.“
„Auch lesen kann Arbeit sein, ich recherchiere. Aber … Dann haben Sie sich sofort auf die Suche nach mir gemacht? Warum denn?“
„Ich wollte unsere nette Unterhaltung von gestern fortsetzen und habe gehofft, dass Sie heute ein wenig mehr Zeit übrighaben. Wissen Sie, ich finde Sie sehr attraktiv und unterhalte mich gerne mit Ihnen.“ Heiko setzte ein strahlendes Lächeln auf.
Leila sah ihn erst erstaunt an, dann lachte sie verlegen. „Oh, das ist direkt. Aber danke fürs Kompliment.“
Ein paar Sekunden lang suchten beide etwas ungelenk nach einem neuen Gesprächsthema, dann fingen sie gleichzeitig zu sprechen an: „Was –“ „Wie –“
„Bitte, Sie zuerst“, gab Heiko den Gentleman.
„Was wollte denn Günther heute von Ihnen? Und Manfred gestern von Ihrer Begleitung?“
„Ich denke, es läuft auf dasselbe hinaus: Beide wollten meinen beruflichen Rat.“
„So? Was sind Sie denn von Beruf?“
Heiko räusperte sich. „Sagen wir mal so, ich habe meine Augen und Ohren sehr nah an den internationalen Börsen. Ich befasse mich mit allem, was mit Vermögensvermehrung zu tun hat oder mit der Finanzierung von Großprojekten. Finanzanlagen, wenn Sie verstehen?“
Laila nickte zögernd. „Das klingt interessant, aber kompliziert“, antwortete sie.
„Anscheinend ist es das, was Ihre Brüder interessiert. Genaueres wollen Manfred und Günther bei einem gemeinsamen Abendessen besprechen.“
„Aha. Auch mit der stattlichen Dame, die Sie begleitet?“ Laila sah ihn prüfend an.
„Ah, ja, das ist meine Geschäftspartnerin. Sie unterstützt mich gelegentlich bei der Kundenakquise.“ Heiko wurde etwas warm, aber er lächelte das aufflammende schlechte Gewissen weg. War es eine Lüge, wenn man nur ein paar Informationen wegließ? Annalena war ja gelegentlich auch seine Geschäftspartnerin.
Laila verzog keine Miene. „Meine Brüder scheinen ja wirklich von Ihnen und Ihren Diensten angetan zu sein“, bemerkte sie leichthin.
„Scheint so“, lachte Heiko herzhaft auf und schüttelte seine blonde Mähne. „Dabei kochen wir Finanzberater auch nur mit Wasser, wir lassen es so manches Mal nur etwas länger auf dem Herd. Von dem, was Günther – er ist der Küchenchef oder? – heute Morgen angedeutet hat, habe ich den Eindruck, dass sich Ihre Brüder viel mehr erwarten als ich zu leisten imstande bin. Zaubern kann ich auch nicht. Aber das werden wir ja sehen. Sie sind in die Finanzangelegenheiten des Hotels gar nicht eingebunden?“
„Nein.“ Laila nahm wieder ihr Buch zur Hand und tippte darauf. „Meine Interessen liegen auf ganz anderem Gebiet.“
„Gut, dass die Umwelt eine Fürsprecherin wie Sie hat. Dort ist Ihr Engagement sicher besser aufgehoben.“
„Da könnten Sie recht haben, Herr Springer.“ Laila lächelte verschmitzt und zwei kleine Grübchen erschienen auf ihren Wangen.
„Heiko, nennen Sie mich doch Heiko. Herr Springer – das ist viel zu förmlich.“
„Gerne, Heiko. Ich bin Laila. Aber das wissen Sie … das weißt du ja schon. Und ihr, deine Geschäftspartnerin und du, seid extra wegen unserer Festspiele angereist?“
„Ja, wir sind zum ersten Mal hier. Allerdings kein reines Privatvergnügen“, log Heiko zum zweiten Mal. „Wir treffen uns auch mit Geschäftspartnern. Bankmanager.“ Klang das plausibel genug, um Annalenas Hiersein zu erklären? Heiko hoffte es. „Ansonsten versuche ich, auch noch etwas von den kulturellen Besonderheiten der Region mitzubekommen“, wechselte er schnell das Thema. „Was gibt es denn außer dem Festspielhaus, der Eremitage und dem Neuen Schloss im Stadtzentrum sonst noch Sehenswertes in Bayreuth? Oder in der näheren Umgebung?“
„Nun ja, das Markgräfliche Opernhaus ist ja leider gerade geschlossen. Aber außerhalb der Stadt haben wir noch das Fichtelgebirge und die Fränkische Schweiz, zwei beeindruckende Naturlandschaften, die quasi direkt vor unserer Haustür liegen.“
„Fichtelgebirge sagt mir etwas, aber Fränkische Schweiz?“
„Oh, da gibt es Pottenstein mit der Teufelshöhle, die Basilika in Gößweinstein, das Felsendorf Tüchersfeld, die historische Dampfbahn von Ebermannstadt nach Behringersmühle“, zählte Laila auf, „um nur einige wenige Ausflugsziele zu nennen. Alles sehr malerisch.“
„Du machst mich neugierig“, forderte Heiko sie heraus. „Aber ob es so viel Spaß macht, da überall allein hinzufahren? Wahrscheinlich finde ich erst gar nicht hin.“
„Ein paar der schönsten Ecken kann ich dir gerne zeigen“, ging Laila auf das Spiel ein.
„Wann?“
„Wann hast du denn Zeit?“
„Na, heute habe ich Karten für Rheingold und morgen gibt es Die Walküre, aber dann habe ich zwei Tage Pause, bevor es mit Wagner weitergeht.“
„Rheingold und Der Ring des Nibelungen“, warf Laila ein. „Ein ganz schöner Kraftakt, sich gleich alle vier Teile in einem Jahr anzusehen.“
„Du sagst es. Da tun die zwei Pausentage sicher gut. Und wenn du es noch einrichten könntest …“
„Also, wenn es da bei dir gut passt … übermorgen könnte ich schon“, schlug Laila vor. „Eigentlich hätte ich Dienst im Hotel, aber da müssen meine Brüder dann durch. Sie werden schon eine andere Aushilfe finden. Also, wenn du willst?“
„Perfekt!“ Heiko strahlte. „Und was schauen wir uns an?“
Laila legte den Kopf schief und zeigte ihre Grübchen. „Ich überleg mir etwas Schönes. Sportlich bist du ja, oder?“
„Auf jeden Fall.“
„Gut. Wann möchtest du losfahren?“
„Was meinst du? Gleich nach dem Frühstück? Wir könnten uns so gegen halb neun am Parkplatz treffen?“
„Das passt. Dann sag ich nur noch Günther Bescheid, dass er sich für übermorgen eine andere Küchenhilfe besorgen muss.“
„Ich freue mich.“
„Ich mich auch.“
*
Annalena kam erst am frühen Nachmittag von ihrem Ausflug in die Bayreuther Innenstadt zurück. Sie hatte kaum ein Geschäft in der Maximilianstraße und auf dem Hohenzollernring ausgelassen. Es machte ihr Spaß, allein zwischen den alten Bürgerhäusern und den vielen Bratwurstbuden herum zu flanieren, ab und zu auf einer Bank zu verweilen, die Architektur aus dem 16. und 17. Jahrhundert zu bewundern und dem lokalen Volkssport, dem Rudel-Glotzen, zu frönen. Im „Kochlöffel“ hatte sie sich zur Mittagszeit einen Burger gegönnt.
Zeit genug, um ihr derzeitiges Verhältnis zu Heiko gedanklich unter die Lupe zu nehmen, genau wie das offensichtliche Werben von Manfred um sie. Der Hotelmanager passte rein äußerlich gut zu ihr. Er hatte zwar nicht die athletische Figur, mit der Heiko gesegnet war, aber ansonsten … Heiko und diese Blondine. Alles hing davon ab, wie sich die Situation an dieser Front entwickeln würde. Sie kannte ihren Partner. Er würde nicht lockerlassen. Und diese Laila schien auch nicht abgeneigt zu sein. Wie erbärmlich Heikos Reaktion ausgefallen war, als sie ihn zur Rede gestellt hatte! Typisch für ihn. Erst mal alles abstreiten.
Annalenas Gedanken wanderten wieder zu Manfred zurück. War er wirklich eine Alternative? Der neue Mann an ihrer Seite? So ganz übergangslos? Abgeneigt war sie nicht. Natürlich würde sie sich etwas einschränken müssen, was das Finanzielle anging. Wahrscheinlich. Kaum jemand spielte mit Mitte 30 schon in Heikos Liga. Aber … neben ihm hier in Bayreuth, quasi als Hotelmanagerfrau? Sie verwarf den Gedanken. Zu verfrüht. Und dann stelle man sich nur mal vor: Sie mit Manfred und daneben Heiko mit Laila – alle gemeinsam im Hotel. Komplett absurde Situation. Sie musste lachen. Aber was, wenn … Wie sollte das gut gehen, wenn Heiko und Laila tatsächlich …? So querbeet in einer Familie? Nein, das würde nur ständigen Streit geben. Fehlte nur noch, dass sich die Zwillingsbrüder auch einmischten … Andererseits, wer sagte denn, dass Heiko diese Blondine nach ein paar Nächten nicht wieder loswerden würde? Und dann hatte sie mit Manfred das Feld für sich allein. Sie selbst war nun in einem Alter, das durchaus Stabilität vertragen konnte. Ob Manfred auch so dachte? Sie musste sich Klarheit verschaffen.
Ihr Taxi bog gerade in die Hotelauffahrt ein.
„Wir sind da“, verkündete der Taxifahrer von vorne.
Annalena öffnete den hinteren Wagenschlag und stieg aus.
„Vergessen Sie Ihre Einkaufstüten nicht“, rief ihr der Taxler nach, „es wäre doch schade!“ Er öffnete den Kofferraum von innen.
Da war die große Tüte von „Landhausmode Charivari“ mit dem neuen Dirndl. Dazu passten die Trachtenschuhe von „Schuh Mücke“. Die elegante Damenunterwäsche und die vier T-Shirts, die sie in einer der kleinen Boutiquen erstanden hatte, nahmen weniger Platz ein. Außerdem waren da noch Einkäufe von „Noa Noa“ und „Bonita“. Annalena sah sich hilfesuchend um.
Manfred war es, der aus der Hotelhalle stürzte. „Kann ich Ihnen helfen?“, bot er sich atemlos an.
Annalena lächelte und ließ die Wimpern klimpern.
„Zufällig war ich gerade in der Eingangshalle“, schwindelte er, „und da sehe ich Sie.“ Tatsächlich hatte er sich seit zwei Stunden hier herumgetrieben und auf die Rückkehr seiner Angebeteten gewartet. Günther hatte seinem älteren Bruder gesteckt, dass Heiko Springer wiederum ihm verraten habe, dass seine Partnerin heute zum Shoppen in die Stadt fahren würde. „Ich nehme Ihnen das alles gern ab. Möchten Sie erst mal eine Tasse Kaffee zu sich nehmen? Sie müssen doch erschöpft sein, bei der Hitze. Kommen Sie, ich lade Sie ein. Ein kleines Pläuschchen in Ehren kann niemand verwehren“, setzte er hinzu. Und ohne eine Antwort abzuwarten, lief er, beladen wie ein Packesel, bereits auf den Eingang und schnurstracks auf das Restaurant zu.
Annalena folgte mit schwingenden Hüften.
„Cappuccino, Espresso oder vielleicht lieber einen Tee – auch geeist?“, rief Manfred, nachdem er die Einkäufe in einer Ecke abgesetzt hatte. „Das lasse ich auf Ihre Suite bringen.“ Er winkte einen Kellner heran.
„Dann doch einen Cappuccino“, antwortete Annalena und war gespannt, wie sich der Nachmittag nun entwickeln würde.
Es dauerte kaum fünf Minuten, bis das Gespräch auf sie und ihren Suite-Mitbewohner kam. Sie erzählte ihm, was er hören wollte: dass sie geschäftlich mit Heiko liiert war und sich daraus auch gewisse persönliche Interessen ergeben hätten. Nein, von einem Verhältnis könne man da nicht sprechen, schon gar nicht von einem intimen. Man hätte sich mit der Zeit in einer lockeren Verbindung eingependelt, sei eben eng befreundet, wenn man tagtäglich zusammenarbeite. Dass man sich eine Suite teile, hätte mehr mit Kommunikation zu tun, mit dem vollkommen ungezwungenen Umgang miteinander und damit, dass man die Wagner-Festspiele gemeinsam besuche. Aber das läge rein am beidseitigen Interesse an dem Künstler und seinen monumentalen Werken.
„Ich möchte da keinen Verdacht aufkommen lassen, dass … Also ich möchte sichergehen“, erklärte Manfred, „keinen Keil in egal welche Beziehung meiner Gäste zu treiben.“ Deshalb habe er lieber vorher gefragt.
Dann schoss ihm die Röte ins Gesicht und er fing an, über die Zusammenstellung der Tageskarte zu philosophieren.
Annalena war klar, was er mit „vorher“ meinte, äußerte sich aber dazu nicht. Sie wollte den Dingen ihren Lauf lassen.
Als sie ihre Cappuccino-Tassen zum dritten Mal geleert hatten, waren sie per Du und Manfred konnte es sich nicht verwehren, Annalena ein kleines Küsschen auf die Wange zu setzen. Er war überglücklich.
Was er ihr nicht verriet, war seine kurze Begegnung mit Heiko Springer, etwa 30 Minuten bevor seine Traumfrau in der Auffahrt ihrem Taxi entstiegen war. Der Finanzberater war mit glasigen Augen und breitem Grinsen durch die Eingangshalle gewandelt und fast mit Manfred zusammengestoßen. Darauf hatte der sich vorgestellt, kurz den Wunsch geäußert, man könne sich in Sachen Anlageberatung doch näher kennenlernen, und war dann gleich auf sein Herzensthema gesprungen: Wie eng war das Band zwischen den Bewohnern der Siegfried-Suite? Ein lockeres Verhältnis oder hatten sie beide aus Versehen ihren Ehering zuhause vergessen? Springers Aussagen deckten sich mit dem, was Annalena berichtet hatte. Geschäftspartner. Manfred war so erleichtert, dass er über die vernebelten Sätze zu „sehr enger Freundschaft“ und „persönlichen Interessen“ gar nicht weiter nachdenken wollte.
*
Der Besagte war schon wieder auf der Suche nach Laila. Er hatte ihr ja gar nicht gesagt, welchen Wagen er fuhr! Ob sie ihn in zwei Tagen auf dem Parkplatz überhaupt finden würde? In Wahrheit wollte er sie einfach noch einmal sehen und mit ihr ein paar Worte wechseln. Er hatte schon jetzt Sehnsucht.
Als Heiko mit einer ergebnislosen Umrundung des Außenbereichs fertig war, konzentrierte er seine Kreise auf das Erdgeschoss des Hotels. War sie schon in der Küche und half beim Vorbereiten des Abendgeschäfts? Das konnte dauern. Oder machte Laila gerade Pause und saß wieder draußen auf ihrer Bank? Wo er doch gerade ins Haus hineingelaufen war? War sie gar nicht mehr im „Richard Wagner“?
Als der Mann vom Niederrhein ahnungslos in das Hotelrestaurant torkelte, dauerte es einige Sekunden, bis er Annalena registrierte. Was machte die denn hier?
Sie saß mit Manfred Kolb zusammen. Der Hotelmanager drückte ihr gerade einen Kuss auf die Wange. Sie schien damit sehr einverstanden zu sein.
Was sonst noch passierte
Am selben Tag
„Die Regenbogenforellen gehen zur Neige“, wusste Günther zu berichten, während er einen Dessertteller mit einigen eleganten Schokotropfen verzierte. „Wir müssen bald wieder zur Schottersmühle rausfahren und frische besorgen.“
Karl, der am liebsten direkt in der Küche zu Abend aß, nickte erfreut.
Die Zwillingsbrüder betrieben ein entspannendes Hobby: die Fliegenfischerei. In der Fränkischen Schweiz hatten sie bei der Schottersmühle ein Fischwasser gepachtet und verbanden so ihr Freizeitvergnügen mit dem beruflichen Alltag. Sämtliche Forellenzubereitungen auf der Speisekarte – ob geräuchert oder frisch gebraten, gesotten, blau serviert – stammten aus eigener Fischerei.
„Machen wir’s am Wochenende oder brauchen wir die Fische schon früher?“, fragte Karl.
„So brisant ist’s auch wieder nicht“, antwortete Günther. „Ich wollte nur darauf hinweisen, dass demnächst wieder ein Ausflug in die Fränkische ansteht.“ Er wusch seine Hände. „Was hältst du eigentlich von dieser Annalena Sturm, von der Manfred so schwärmt?“, fragte er seinen Bruder. „Das ging ja ganz flott mit der Annäherung.“
„Ich weiß nicht so recht“, meinte Karl, „Holz hat sie ja genug vor der Hütte, aber das Frauliche geht ihr trotzdem völlig ab. Unser Bruderherz scheint da einen besonderen Geschmack zu haben.“
„Sehe ich genauso“, amüsierte sich Günther. „Eine Frau wie ein Mann. Aber wo die Liebe hinfällt!“
„So schnell, wie das ging, ist sie nicht gefallen, sondern regelrecht abgestürzt. Wer hätte das von Manfred gedacht … Wie sieht es eigentlich mit den Bachforellen aus?“ Karl war gedanklich schon wieder beim Angeln.
„Da haben wir noch welche. Die dürften im Kühler noch knapp zwei Wochen ausreichen. Aber wenn wir zum Angeln rausfahren, nehmen wir einfach mit, was anbeißt. Am besten gehen wir’s doch schon unter der Woche an, wenn nicht so viel los ist.“
„Wollen wir Dieter auch mitnehmen?“
„Wenn er Zeit hat, kann er gerne mitkommen. Der nimmt doch die Fische so gern aus.“
„Ha! Zurzeit googelt der nur“, meinte Karl.
„Und was?“
„Finanzierungsmodelle, Investment-Sparpläne und alles, was das Netz über diesen Heiko Springer hergibt. Er sagt, er will vorbereitet sein – und dass er nicht will, dass wir auf einen Scharlatan hereinfallen, in unserer prekären Situation. Nicht, dass wir Geld verlieren, falls wir uns wirklich auf ihn einlassen. Du weißt doch, wie misstrauisch Dieter Fremden gegenüber ist. Und er weiß, dass Manfred in vielen Belangen viel zu gutgläubig ist.“
„Na, dann. Ist ja gut, wenn wenigstens einer was von dem ganzen Finanzkram versteht. Ist schließlich auch seine Aufgabe“, merkte Günther an.
„Hmm, ja.“ Karl steckte seinen leeren Teller in eine der Spülmaschinen. „Wie wär’s mit Donnerstag?“
„Okay, Donnerstag wird gefischt. Ich frag Dieter, ob er Zeit hat.“
Es geht los
Abend des 27. Juli
Annalena und Heiko hatten kaum miteinander gesprochen, als sie sich für „Rheingold“ ankleideten. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Rund 16 Stunden würden sie in den nächsten Tagen nebeneinander auf den harten Stühlen ohne Polster kleben. War es das wert? Ihr Verhältnis hatte sich deutlich abgekühlt. Annalena dachte an Manfred, Heiko an Laila. Füreinander hatten sie gerade wenig übrig.
Sie sollten sich gegenseitig besser nichts vormachen oder gar versuchen, ihre Beziehung zu kitten, fand Heiko. Annalena hatte ihm nichts von ihrem ausgedehnten Kaffeeplausch mit Manfred erzählt. Das brauchte sie auch nicht. Er hatte genug gesehen, um zu wissen, was Sache war. Und er kannte sie. Seine Antennen hatten sofort registriert, dass Annalena diesen Manfred nicht nur aus Rache so nah an sich heranließ. Heiko war sich sicher, dass der Geschäftsführer des Hotels bei ihr mehr als nur einen Stein im Brett hatte. Vielleicht gut so. Das verschaffte ihm selbst mehr Freiheit in seinen Bemühungen um Laila.
Dennoch würde die Konversation mit Annalena in den nächsten Tagen nicht einfacher werden. Heiko grauste vor den langen Pausen während der großen Opern. Jeweils zwei Unterbrechungen gab es bei der „Walküre“, bei „Siegfried“ und der „Götterdämmerung“ – und jede dauerte eine Stunde. Gott sei es gepriesen und gepfiffen, dass „Rheingold“ in einem Aufwasch in knapp zweieinhalb Stunden durchgespielt wurde. Was sollte er nur mit seiner Noch-Freundin bereden? Anschweigen war auch keine Option. Eigentlich.
Wortlos brachen sie auf und stiegen den kurzen Weg zum Grünen Hügel hinauf. Sie in ihrem langen schwarzen Kleid von Karl Lagerfeld mit dem mächtigen Ausschnitt, der kaum von einer leichten weißen Stola verdeckt wurde. Auch Heiko hatte sich edel gekleidet. Zu seinem zweireihigen Anzug – Slim Fit, hellgrau – trug er ein taubenblaues Hemd mit weißem Kragen und eine dunkelblaue Seidenkrawatte. Was ihr äußeres Erscheinungsbild anging waren beide erzkonservativ. Niemals würden sie eine festliche Veranstaltung in Jeans besuchen. Das gehörte sich einfach nicht.
Noch immer schweigend betraten sie den Vorplatz zum Festspielhaus. Es war schon mächtig was los auf dem Platz. Festlich gekleidete Paare lustwandelten zwischen den historischen Lampen und den Baumbepflanzungen auf der Ost- und Westseite des Baus. Sehen und gesehen werden. Das gehörte auch hier zum Spiel.
Mit ihren hochhackigen Pumps hatte Annalena Probleme, sich auf dem Granitpflaster zu bewegen. „Ich muss zur Toilette“, knurrte sie.
„Na, dann“, meinte Heiko und führte sie durch den Balkonsaal auf der Südseite in die Wandelhalle im Großen Haus. „Gleich rechts“, versuchte er hilfreich zu sein, „ich warte hier auf dich.“
An den langgezogenen Besuchergarderoben hielten sich nur wenige Gäste auf. Die meisten hatten keine Kleidung abzugeben, draußen war es sommerlich warm. Die Sonne flutete von außen durch die hohen Sprossenfenster und tauchte das Foyer und seine Besucher in ein zartes Lichtspiel – die Wandmalereien im neopompejanischen Stil leuchteten. Heiko sah sich um und nutzte die Zeit des Wartens, um sich zu orientieren. Parkett rechts, 3. Reihe, Sitze 14 und 15. „Ziemlich mittig“, erinnerte er sich. Den Sitzplan hatte er aber im Hotel gelassen.
Da kam Annalena wieder. Die bewundernden Blicke einiger umherstehender Herren begleiteten sie. Damen begutachteten sie weniger wohlwollend.
„Wir müssen zu Tür 1“, warf Heiko ihr mit zwanghaftem Lächeln entgegen. „Noch 15 Minuten. Lass uns schon reingehen.“
Sie folgte ihm wortlos auf dem Fuß.
Drinnen empfingen sie gleichmäßig ansteigende Sitzreihen. Etwa die Hälfte der Plätze waren bereits besetzt. Ein Raunen gedämpft quasselnder Menschen wälzte sich durch den Opernsaal. Diverse Instrumente meldeten sich aus dem rund 140 Quadratmeter großen abgedeckten Orchestergraben. Schwer hingen die roten Vorhänge vor der Bühne. Nirgends Plüsch und nur verhaltener Prunk mit wenigen Säulen und einer dezent geschmückten Decke. Zweckmäßigkeit herrschte vor. Die halbrunden Stuhlreihen füllten sich allmählich weiter.
„Entschuldigung!“ Heiko und Annalena zwangen bereits sitzende Besucher, sich von ihren Plätzen zu erheben, um sie passieren zu lassen.
Heiko ließ sich elegant auf seinen Sitz Nr. 15 gleiten und kam sich vor, als befände er sich in einem antiken Amphitheater. Annalena starrte regungslos auf die geschlossenen Vorhänge.
Nach schier quälend langen Minuten war es so weit: Der Saal hatte sich bis auf den letzten Platz gefüllt. Ausverkauft.
Im Orchestergraben stand Kirill Petrenko, der designierte Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Ihm wurde die diesjährige Ehre der musikalischen Inszenierung des „Rings“ zuteil. Alle Orchestermitglieder sahen konzentriert auf ihn und seinen graziös erhobenen Taktstock. Dann gab er das Zeichen zum Einsatz.
Präzise und temperamentvoll starteten die Musiker in ihre erste Szene. Plastische Energie belebte die Aufschwünge. Während Petrenko im Lauf des vierminütigen Vorspiels das Rauschen des Rheins intonierte, hielten sich auf der Bühne die drei Rheintöchter Woglinde, Floßhilde und Wellgunde für ihren Einsatz bereit. Sie bewachten den sagenhaften Goldschatz ihres Vaters im Rhein, der seinem Besitzer zu endloser Macht verhelfen sollte. Schon starteten sie ihre Gesänge mit leichtem Sopran. Klangreich und in der Höhe angespannt sprudelten ihre Stimmen in die Ohren des gespannten Publikums.
Der Zwerg Alberich vom Volk der Nibelungen erschien. Mit rauer, schallkräftiger Stimme erkämpfte er sich die Anerkennung des Auditoriums und entsagte der Liebe, nachdem er bei den Rheintöchtern rüde abgeblitzt war. Mit List und Heimtücke bemächtigte er sich des Schatzes.
Unterdessen hatten die Riesen Fasolt und Fafner die Götterburg Walhall fertiggestellt und warteten auf ihre Entlohnung. Wotan hatte ihnen die Göttin Freia, die das Geheimnis der ewigen Jugend hütete, zur Ehe versprochen. In empathischen Betonungen versuchte Wotan, die beiden Riesen davon zu überzeugen, dass es besser wäre, den Schatz im Rhein als Gegenleistung zu akzeptieren als auf Freia zu bestehen. Denn ohne Freia würden die Götter altern. Das durfte nicht geschehen. Zudem hatte auch Wotan ein Auge auf den Schatz geworfen und auf sein Herzstück, den Ring, der seinem Träger zur maßlosen Macht über die Welt verhilft.
Mit einer List wurde Alberich der Schatz entrissen und – zu Wotans Gram inklusive Ring – den beiden Riesen übergeben: Gierig erschlug Fafner seinen Bruder Fasolt und brachte den Ring an sich. Endlich konnten die Götter in Walhall einziehen. Drunten im Rhein beklagten die Rheintöchter immer noch den Verlust des gestohlenen Schatzes.
Heiko und Annalena waren regelrecht berauscht. Minutenlang spendeten sie dem Orchester und den Darstellern begeisterten Beifall.
Morgen würden sie wieder hier sitzen. Dann stand „Die Walküre“ auf dem Programm – wie „Rheingold“ auch in einer modernen Inszenierung von Frank Castorf. Ob der Stoff wieder mehr oder weniger elegant mit übertriebenen Bezügen zur heutigen Zeit und Gesellschaft aufbereitet werden würde? Wich der Regisseur da nicht zu sehr vom eigentlichen Gehalt des Werkes ab?
Nicht alle Besucher hatten sich mit dem modernen Kram anfreunden können. Es gab auch Buh-Rufe aus dem Publikum. Doch die vom Bühnenbild und -geschehen Enttäuschten konnten sich trösten: Zumindest die musikalische Leitung würde morgen wieder in den fähigen Händen von Kirill Petrenko liegen, den sie immer noch frenetisch beklatschten.
Siegfried
31. Juli
Das Drama um Siegmund, seine Zwillingsschwester Sieglinde und deren Mann Hunding in „Die Walküre“, war eine Steigerung zu „Rheingold“ gewesen. Annalena und Heiko hatten die Oper am Dienstag gesehen und ihre beidseitige Begeisterung hatte die tiefen Risse in ihrer Beziehung etwas in den Hintergrund treten lassen. Sie behandelten sich nun zumindest wieder mit einer Art distanzierter Höflichkeit.
Als Siegmund starb, weil Wotan dessen Schwert zerschlug und Hunding, Sieglindes Ehemann, ihn so besiegen konnte, hatte Annalena kurzfristig an die Rivalität zwischen Heiko und Manfred denken müssen. Aber konnte man überhaupt von Rivalität sprechen?
Es schien fast so, als würde Heiko sich gar nichts daraus machen, dass Manfred sie für sich zu gewinnen versuchte. Am Tag nach der „Walküre“ hatte er darauf bestanden, sich das fränkische Land anzusehen. Dabei hatten sie doch auch zuhause Natur genug. Sie hatte versucht, ihn im Hotel zu halten, hatte mit dem Wellnessbereich inklusive Sauna geworben und angedeutet, dass sie sicher nicht allein bleiben würde, wenn er ohne sie loszog. Er hatte ihr nur „viel Spaß“ gewünscht und war federnden Schrittes zur Tür hinausmarschiert.
Seit er von seinem ominösen Ausflug zurückgekommen war, hing er ständig an seinem Handy. Gestern Abend hatte Annalena ihn draußen im Biergarten überrascht, wie er gerade „Laila“ ins Telefon gesäuselt hatte.
„Rivalität, so ein Quatsch“, gestand sie sich ein. Im wirklichen Leben gab es keine Götter, Walküren, oder Könige namens Hunding, die um einen geheimnisvollen Schatz und die Liebe einer Frau stritten. Die verfahrene Beziehungssituation bedurfte einer Klärung.
Annalena nahm sich vor, Heiko zur Rede zu stellen. Heute Abend wurde „Siegfried“ gegeben, da konnte er ihr nicht mehr aus dem Weg gehen. In den langen Pausen würden sie genug Zeit haben, um über die unschöne Angelegenheit zu sprechen.
*
Auch ein anderer Festspielbesucher, ein eingefleischter Bayreuther, bereitete sich gemeinsam mit seiner Frau Gisela auf den „Siegfried“-Besuch vor. Natürlich kannte er den Grünen Hügel und das Festspielhaus. Er war auch schon drinnen gewesen – im Rahmen einer Führung. Allerdings noch nie zur Festspielzeit. Die hohen Eintrittspreise waren ihm die Sache nicht wert gewesen. Und selbst wenn, man musste erst einmal an Eintrittskarten kommen. Dass er nun im Besitz von zwei solcher Billetts für den „Siegfried“ war, hatte er seinem obersten Chef, dem Polizeipräsidenten von Oberfranken, zu verdanken: Hauptkommissar Benno Behringer hatte am 1. Juli sein 40-jähriges Dienstjubiläum gefeiert. Noch zwei Jahre, dann ging es in den wohlverdienten Ruhestand.
Seine Kollegen und Kolleginnen vom Kommissariat hatten zusammengelegt und der Polizeipräsident hatte seine Beziehungen spielen lassen, um an die Wagner-Karten zu kommen. Den Rest des Geldes, der noch fehlte, hatte er außerdem draufgelegt. So kam es, dass „BB“, wie sie ihn alle nannten, heute knapp vier Stunden Wagner genießen durfte.
Behringer war beileibe kein Wagnerfan. Ein Opernfreund schon gar nicht. Viel mehr interessierte ihn das mittelhochdeutsche Nibelungenlied, die alte, im germanischen und skandinavischen Raum weitverbreitete Heldensage. Schon zu Schulzeiten hatte sich BB für dieses Epos begeistert, worin es – historisch gesehen – um die Zerschlagung des burgundischen Machtbereichs durch den weströmischen Heerführer Flavius Aetius unter Mithilfe hunnischer Hilfstruppen ging. Richard Wagner hatte auf dem Stoff sein Hauptwerk „Der Ring des Nibelungen“ aufgebaut, von 1848 bis 1874 schrieb er die Texte und komponierte vor allem die Musik. Allerdings hatte er in seinem vierteiligen Opernzyklus viele Charaktere und Motive abgeändert. Behringer interessierte sich hauptsächlich dafür, an welchen Stellen Wagner seiner Fantasie freien Lauf gelassen und vom Original abgewichen war. Was der berühmte Mann wohl aus seinem Nibelungenlied gemacht hatte?
Nein, Opern an sich lagen dem Hauptkommissar nicht. Man verstand ja nicht einmal die Texte, wenn sich die Sänger und Sängerinnen in ihrer Kunst ergossen und Oktaven und Terzen rauf und runter jodelten. BB hatte sich aber vorgenommen, wenigstens die Atmosphäre dieser Kultveranstaltung ein einziges Mal ausgiebig zu inhalieren. Einmal dabei zu sein, bei den Bayreuther Festspielen!
Nun war es so weit und beim Binden seiner Krawatte stellte Behringer fest, dass er sich wirklich auf die Vorstellung freute. Natürlich hatte er sich auf die Handlung von Wagners Oper vorbereitet. Wenn er schon den Text nicht verstand, wollte er wenigsten wissen, was warum auf der Bühne passierte. Er hatte sich im Internet informiert und in die Handlung des „Rheingolds“ und der „Walküre“ eingelesen. Er wusste, dass Sieglinde, die Tochter Wotans, von ihrem Zwillingsbruder Siegmund schwanger war und dass Wotan, der inzestuösen Geschwisterliebe wegen, in furchtbarer Wut Siegmunds Schwert Nothung zerschlagen hatte. Dass Brünhilde, eine der neun Walküren, der schwangeren Sieglinde zu Hilfe geeilt war und diese samt dem zerbrochenen Schwert im Fafnerwald versteckt hatte, war so eine verrückte Idee Wagners, die mit dem wahren Nibelungenlied absolut nichts zu tun hatte. Ganz schön daneben, fand Behringer, aber seine Erwartungshaltung näherte sich trotzdem einer hochprozentigen Neugierde.
Heute Abend erwartete ihn die Fortsetzung des Dramas: mit einem immer noch vor Wut tobenden Wotan und dem Zwerg Mime, Bruder von Alberich, der Sieglinde im Fafnerwald finden und sie und die Reste des zerschlagenen Schwerts in seiner Höhle verstecken würde. Sieglinde würde die Geburt ihres Sohnes Siegfried nicht überstehen, sodass dieser allein bei Mime heranwachsen müsste. Die Götter würden zwischenzeitlich durch einen simplen Trick den Zwerg Alberich um den Goldschatz erleichtern und damit die Riesen bezahlen, die die Götterburg Walhall errichtet hatten. Aus Furcht, den Schatz wieder zu verlieren, würde sich der Riese Fafner in einen fürchterlichen Drachen verwandeln und den Hort bewachen. Doch der herangewachsene furchtlose Siegfried, dem es gelingen würde, aus Nothung ein neues Schwert zu schmieden, wäre schon zur Stelle, um den Drachen zu töten und in seinem Blut zu baden. Ein Waldvögelchen würde ihm darauf raten, aus dem Schatz eine Tarnkappe und den berühmten, alle Macht der Welt verleihenden – aber auch verfluchten – Ring an sich zu nehmen und sich zum Walkürefelsen zu begeben, wo Siegfried auf die in einem Feuerschweif schlafende Brünhilde treffen würde.
„Ein schöner Schmarrn, der dem Wagner da eingefallen ist“, stellte Behringer erneut fest. „Mal sehen, was der Castorf als Intendant draus macht.“
Hätte Behringer das im Vorhinein gewusst, hätte er seine Eintrittskarten wahrscheinlich zerrissen. So war er nur ziemlich skeptisch, denn was er da im Netz über den Regisseur gelesen hatte, machte ihm nicht gerade Mut. Zum 700-Jahr-Nationaljubiläum der Schweiz hatte der ehemalige Intendant der Volksbühne Berlin „Wilhelm Tell“ inszeniert und dabei den Alpenstaat auf der Bühne mit der DDR gleichgesetzt. Einen Monat nach der Premiere der Ruhrfestspiele war er schon entlassen worden, weil die Besucherzahlen dramatisch eingebrochen waren.
„Wenn jemand hauptsächlich postdramatisches Theater macht, kann das ja eigentlich nichts werden. Beim Wagner“, brummte Behringer.
Dass Castorf sich bei der Inszenierung des „Siegfried“ selbst übertreffen würde, konnte der Hauptkommissar noch nicht ahnen.
„Wer hätt etz dees denkt, dass wir zwaa auf unsre altn Tooch nomal zu die Wagnerfestspiele gänga?“, schwärmte seine Frau schon seit Tagen. „Dees hätt i fei net glabt, dass wir do nomal hiekumma.“
Mit Gisela, die ihm eine Tochter und einen Sohn geschenkt hatte, war Benno Behringer sage und schreibe 37 Jahre verheiratet. Seit den frühen Morgenstunden war sie heute auf den Beinen, bügelte ihre festlichen Kleider auf und polierte Schuhe auf Hochglanz.
BB selbst hatte sich den Tag freigenommen und sich mittlerweile ordentlich in Schale geworfen. Obwohl er keine Krawatten und Anzüge mochte, hatte Gisela auf einem dunkelblauen Blazer und einem weißen Hemd mit dunkelroter Krawatte bestanden. Selbst goldene Manschettenknöpfe hatte sie ihm heimlich gekauft.
„Die wern etz aa ozugn“, meinte sie energisch, als er zu protestieren versuchte. „Da hast du scho was fier dein Abschied, wennsd in zwaa Joahr in Pension gehst. Die Jaggn und die Husn haltn di bis dorthin scho no aus. Derfst halt net no digger wern.“
Da hatte Gisela einen wunden Punkt getroffen. Benno war nicht gerade ein Hüne, mit einem Meter 60 gerade mal zwei Zentimeter größer als sie. Wenn sie Schuhe mit Absätzen trug, überragte sie ihn sogar. Das konnte er gar nicht leiden. Und er hatte noch einen Schwachpunkt: Er liebte die deftige fränkische Küche. Braten jeglicher Art standen bei ihm ganz oben auf der Wunschliste, am liebsten mit einer sämigen, dicken Rahmsoße, dazu rohe Klöße, böhmische Knödel oder Mehlklöße. Saftige Rinderrouladen, gern im Riesenformat, waren auch nicht zu verachten. Salate dagegen, am besten noch mit einem leichten Joghurt-Dressing, waren nicht so sein Ding. Wenn schon Grünzeug, dann höchstens fränkischer Endivien- oder Feldsalat mit einer kräftigen Öl- und Essigwürze und einer gehörigen Portion geräuchertem, ausgelassenem Speck. Ansonsten ließ Benno unter der Bezeichnung „Salat“ auf seinem Teller nur den Kartoffelsalat zu – serviert mit fränkischen Bratwürsten oder einem gebackenen Karpfen. Höchstenfalls Spargelsalat kam für ihn noch infrage, garniert mit fünf dicken Scheiben Kochschinken, die in einer Buttersoße herausgebacken worden waren. Auch Baggers, die fränkischen Reibekuchen frisch aus der Pfanne, akzeptierte er als Beilage. Zum Beispiel zu einer dicken, fülligen Kartoffelsuppe. Grünkohl und alle damit verwandten Gerichte, die man vor allem im Norden Deutschlands schätzte, waren für BB ein Fremdwort. In der Bier-Erlebnis-Welt der örtlichen Brauerei Maisel kannte er sich ebenfalls bestens aus. Am liebsten trank er in seiner Freizeit die Maisel’s Weisse, gerade jetzt während der schönen Sommertage.
Tja, sein fast immerwährender Appetit machte Benno nicht schlanker. In seinem Äußeren ähnelte BB einem abgebundenen Kartoffelsack, nur ein paar Kilo schwerer. Ihm fehlte lediglich die Schnur um den Hals. Zusammen mit seinem zuweilen leicht erregbaren Gemüt hatte ihm das im Kommissariat zwei weitere Spitznamen eingebracht: „Kugelblitz“ und „Rumpelstilzchen“. Denn sich wie ein Kugelblitz oder – weniger schmeichelhaft – ein zornigaufgeregter Zwerg zu benehmen, das konnte er hervorragend. Vor allem, wenn er sich ärgerte und nahe daran war, aus der Haut zu fahren, machten seine Mitarbeiter einen weiten Bogen um ihn herum. Das kam glücklicherweise nicht mehr allzu oft vor. Je älter und reifer Behringer geworden war, desto mehr hatten Ruhe und Besonnenheit sein aufbrausendes Temperament gezügelt. Als ausgesprochener Fan des 1. FC Nürnberg war Behringer außerdem einen gewissen Leidensdruck gewöhnt und konnte hin und wieder am Spielfeldrand Dampf ablassen. Die Fußballmannschaft war letztmalig 1968 deutscher Meister geworden, nur um im Folgejahr in die 2. Bundesliga abzusteigen. Auch die letzte Saison war der „Glubb“ nur im Mittelfeld der Abschlusstabelle herumgekrebst.
Behringers Haupt hatte im Lauf der letzten Jahre eine Glatze erobert. Gisela nahm das zum Anlass für liebevolle Spötteleien, aber BB selbst fand sich damit eigentlich ganz schick. Er hatte den perfekt runden Hinterkopf für seine neue „Frisur“, passend zur restlichen Figur.
„Gisela, wie schaut’s aus? Bist du fertig? Können wir fahren? Es wird langsam Zeit!“
„Drängl doch net so!“, erhielt er aus dem Badezimmer zur Antwort. „Ich muss mi bloß no kämma.“
„Diese Weiber“, schimpfte Benno, „kommen einfach nicht vom Spiegel weg. Lass dir doch auch eine Glatze rasieren, dann sparst du Zeit und Haarspray!“, riet er seiner Frau durch die halb offene Badezimmertür. „Die Parkplätze am Grünen Hügel sind immer so schnell belegt und ich hab keine Lust, da eine halbe Stunde rumzugurken, nur um unsre Karre abzustellen.“
„Ich kumm ja scho, alte Nervnsäch.“
*
Heiko und Annalena kamen fast gleichzeitig mit den Behringers am Festspielhaus an. Alle vier drängten sich in die überfüllte Wandelhalle. Das Paar vom Niederrhein kannte sich mittlerweile bestens aus. Parkett rechts, 3. Reihe, Sitz 14 und 15. Ihre angestammten Plätze. Die großen und kleinen Foyers waren von Menschen übersät. Zeitweise herrschte ein kaum mehr zivilisiertes Gedränge, insbesondere an den Getränkeausgabestellen.
Heiko hatte etwa eine Viertelstunde in einer der Schlangen gestanden und war seinem Ziel schon recht nahe, als ihm ein Malheur passierte: Von hinten schoben immer mehr Leute nach, vorne dauerte es Ewigkeiten. Unmutsrufe wurden laut, weil nichts wirklich voranging.
In einer Parallelreihe bemühte sich auch Behringer um zwei Gläschen Sekt.
Wie es genau kam, konnte hinterher niemand mehr nachvollziehen. Irgendjemand hatte seiner Ungeduld körperlichen Ausdruck verliehen, und zwar heftigst. Der Anfangsschubser setzte sich wie eine Tsunamiwelle nach vorne fort. Menschen, die anstanden, wurden auf ihren Vordermann geschoben, gerieten ins Taumeln, stiegen sich auf die Füße. Auch Heiko wurde überrascht und nach vorne gestoßen. Vor ihm stand wiederum ein grauhaariger, runder Zwerg im festlichen Smoking, der gerade bezahlt hatte und drei volle Sektkelche in seinen Wurstfingern jonglierte. Übereilig wollte er der hinter ihm schwankenden Menschenschlange entkommen. Fast hätte er es geschafft, doch dann stolperte ihm Heiko in den Rücken.
Die Schwalbenschwänze des Zwergs flatterten, der Sekt schwappte über und der kleine, runde Dicke ging wie in Zeitlupe zu Boden. Schon klirrten Scherben.
Die Menge verharrte und sah auf den zappelnden Zwerg, der verzweifelt versuchte, sich wieder aufzurappeln. In seinen Händen hielt er drei kaputte Stiele, denen die Glastulpen fehlten. Wie ein fetter Mistkäfer lag er auf dem Rücken und zappelte mit Armen und Beinen in der Luft herum. Sein Gesicht war eine einzige wütende Grimasse. Dann schmiss er mit Elan die drei Glasstiele den Scherben seiner Sekttulpen hinterher, kam endlich wieder auf die Füße und ging mit hochrotem Kopf in Kampfstellung.
Heiko sah sich plötzlich den geballten Fäusten des kugeligen Herrn gegenüber und wusste nicht, ob er lachen oder einen beschämten Kratzbuckel machen sollte. Er entschied sich für eine Entschuldigung.
Den grauen Zwerg in Boxerpose schien die muskulöse Erscheinung des blondgelockten jungen Manns hinter ihm nicht einzuschüchtern. Der überragte den Kleinen um mehr als Haupteslänge und bat zum wiederholten Male um Verzeihung.
Als der Zwerg lospolterte, hörte Behringer, der die ganze Szene ebenso aufmerksam wie amüsiert beobachtet hatte, einen astreinen mittelfränkischen Dialekt, wie man ihn in der Gegend um Erlangen sprach. Der Kleine – etwa seine Größe, aber noch wesentlich fülliger – gebärdete sich wie ein spanischer Kampfstier, schnaubte, spuckte und bedrohte noch immer mit erhobenen Fäusten den athletisch gebauten Mann hinter ihm: „Edz schau abber, dass di rollsd, du Bobblschnalzer. Sunsd hau i der a Schelln runder, dassd mansd die Kieh schelln mit ihre Gloggn am Berch! Kannsd ned aufbassn, wusd hiesabbsd, alder Rodzbobbl? Wersd mer scho so a Breißnzibfl sei, maan i!“
„Entschuldigung, ich kann nichts dafür“, meinte der so Bedrohte und Beschimpfte gutmütig, „man hat mich von hinten gestoßen.“
„So, vo hindn gschdoßn? Dees könnd a jeder Debb behaubdn!“, ließ der Mittelfranke noch immer seiner Wut freien Lauf und tänzelte wie ein Gummiball um den kräftigen Hünen herum. „Was wolld ihr Breißn eigendli do bei uns in Franggn? Abber sei froh, dassd ka Bayernsau ned bisd, sunsd hädder der die Goschn scho längsd bolierd. Und edz roll di, Saubreiß, elendicher!“
Heiko hatte kein einziges Wort verstanden. Er konnte noch nicht einmal die Sprache des Zwergs identifizieren. Nicht, dass er sich durch den Wicht bedroht gefühlt hätte, aber dennoch war es ihm peinlich, den kleinen Runden zu Fall gebracht zu haben.
Behringer schmunzelte. „Popelschnalzer“ – ein fränkisches Schimpfwort, das selbst der Hauptkommissar zum ersten Mal gehört hatte.
Mit dem ganzen Theater hätte er fast seinen Einsatz an der Bar verpasst. Er war an die Spitze seiner Schlange vorgerückt und an der Reihe, bezahlte ein Vermögen für zwei winzige Sektpfützen und suchte dann seine Gisela in der wogenden Menschenmenge.
Der bedrohte blonde Jüngling, der rein äußerlich einen eindrucksvollen Siegfried abgegeben hätte, stand nun neben einer stattlichen Frau etwa gleichen Alters mit extrem fülliger Oberweite und berichtete offenbar von seinem Missgeschick.
Bevor Behringer auch seiner Gisela vom Aufruhr an der Bar erzählen konnte, ertönten die Fanfaren der sogenannten Pausenmusiker vom Balkon des Festspielhauses. Das Zeichen, dass die Inszenierung in einer Viertelstunde beginnen würde. Unruhe kam in die Menge. Einige der Gäste leerten ihre Gläser auf einen Zug. Damen kramten Eintrittskarten aus ihren Handtaschen hervor, um sich zum wiederholten Male zu vergewissern, wo genau sie gleich sitzen würden. Raucher eilten schnell noch einmal ins Freie, um für die nächsten zwei Stunden auf Vorrat ein paar Schnapper an ihren Glimmstängeln zu genießen.
*
Noch vor dem Ende des dritten Akts stürzte Behringer wie von Furien gejagt aus dem Festspielhaus. „Bloß weg hier!“, hechelte er höchst verärgert.
„Etz wart halt!“, rief ihm Gisela außer Atem hinterher und eilte ihrem Mann nach.
Eigentlich hatte Benno schon nach dem zweiten Akt den Ort des Schreckens schnellstens verlassen wollen. „Dees werd bestimmt no besser“, hatte Gisela gemeint und ihm so lange gut zugeredet, bis er auch nach der zweiten Pause wieder Platz genommen hatte. Aber nichts war besser geworden. Als die Kulisse zuletzt den Berliner Alexanderplatz und damit die „marxistische Vielfalt“ verkörpert hatte und aus der Tiefe der Bühne schwanzwedelnde, lebensgroße Krokodile gekrochen waren und eines dieser Monster das Waldvögelchen, das dort auf den Strich gegangen war, aufgefressen hatte, war für BB die Schmerzgrenze überschritten gewesen.
„Wie kann man den Schatz der Nibelungen nur mit Rohöl und Benzin symbolisieren wollen? Und den Riesen Fafner mit einer Kalaschnikow erledigen?“, rief er jetzt immer wieder im Wegrennen. „Was hat das mit der Nibelungensage zu tun?! Eine Schande! Eine Schande ist das, was der Regisseur da inszeniert hat!“ Wie Tarzan im Unterhemd sprang der Hauptkommissar auf dem Vorplatz des Festspielhauses herum und ließ jeden Besucher, der ebenfalls die vorzeitige Flucht nach draußen ergriffen hatte, wissen, was er von dieser lächerlichen Inszenierung hielt. Nämlich nichts, rein gar nichts.
„Aus dem Helden hat er einen Soziopathen gemacht“, steigerte er sich in seiner Rage. „Siegfried – ein Terrorist, der mit einer Kalaschnikow um sich ballert!“
„Etz beruhich di hald widder“, versuchte es Gisela vergeblich, „bevorsd mer an Herzkaschber grigsd. Abber die Musigg war doch schee“, bemühte sie sich, dem Ganzen etwas Positives abzugewinnen, „und die Bühnabilder aa.“
„Schee, schee“, äffte ihr Mann sie nach. „Was hilft’s mir, wenn die Bühnenbilder nicht zum Nibelungenlied passen?!“
„Du und dei Nibelungenlied“, wiegelte Gisela ab.
Benno schnaufte tief durch. „Das ärgert mich eben, wenn Mime Nothung in einem Steinbruch schmiedet, aus dem mich die überdimensionalen Visagen von Marx, Stalin, Mao und Lenin anglotzen. Den Siegfried hat er zu einer gescheiterten Großstadtexistenz herabgestuft!“ Er warf die Arme in die Luft und stiefelte dann los Richtung Parkplatz. „Auf jetzt“, drängte er seine Frau, „weg von hier, bevor ich meinen eigenen Mord an dem Regisseur aufklären muss! Da soll einer verstehen, warum jedes Jahr eine halbe Million Menschen die Festspiele sehen wollen. Schade um Zeit und Geld.“
„Du bist halt a Kuldurbanause“, warf ihm Gisela vor und versuchte, mit ihm Schritt zu halten. „Alles, was nix mit Essn und Franggn zu tu hat, is nix für di. Du sollerst halt aa amol ieber dein Dellerrand nausschaua.“
„So ein Quatsch. Was zu weit geht, geht zu weit. Der Regisseur ist ein richtiger Popelschnalzer!“
Kriminalkommissariat K1
29. Februar, drei Tage nach dem Mord
In dem dreigeschossigen roten Backsteinbau in der Ludwig-Thoma-Straße brodelte es wie in einem Bienenstock. Der Polizeipräsident hatte nach dem Mord am Parkplatz der Eremitage nicht lange gefackelt und Montagfrüh die Gründung der Soko „Siegfried“ angeordnet. Aus einer knapp 20-köpfigen Ermittlergruppe sollte sie bestehen.
Es war nicht alltäglich, dass in Bayreuth und Umgebung ein Mord geschah. Aber wenn, dann konnte es so ein Kapitalverbrechen in sich haben. So wie der noch immer ungeklärte Fall in einem oberfränkischen Dorf: 2001 war dort ein neunjähriges Mädchen verschwunden. Der mutmaßliche Mörder war zwar schnell gefasst und zu einer lebenslangen Haft verurteilt worden, aber als der Mann dreizehn Jahre später sein Geständnis widerrufen hatte, musste er wieder freigelassen werden; es gab keine eindeutigen Beweise. Das Landgericht Bayreuth hatte den Braten damals schon gerochen und Monate zuvor die Wiederaufnahme des Verfahrens angeordnet. Auf die Ermittler waren Vorwürfe von allen Seiten eingehagelt, auch weil das vermisste Kind noch immer nicht gefunden worden war, weder tot noch lebendig. Von gravierenden Fehlern war heute noch die Rede. So etwas brauchte der Polizeipräsident kein zweites Mal.
Also liefen die Vorbereitungen an diesem Morgen auf Hochtouren. Am Nachmittag um 15:00 Uhr sollten die Soko-Mitglieder im großen Besprechungszimmer zusammenkommen. Auch eine Telko – eine Telefonkonferenz – mit Professor Franziskus Stich, Rechtsmediziner und forensischer Anthropologe am Institut für Rechtsmedizin in Erlangen war eingeplant. Stich wollte bis dahin mit der Leichenschau fertig sein.
Dann würde die Arbeit erst richtig losgehen.
„Was für ein Scheißtag“, sagte Kommissar Klaus-Karl Lang mit Gefühl. Das hatte er heute schon des Öfteren von sich gegeben. Seit Arbeitsbeginn saß er im Büro seines Chefs, Hauptkommissar Behringer. Nach dem Wochenende, an dem sie nur im Trüben gefischt hatten, hatten sie sich vorgenommen, im Vorfeld der Soko-Gründung noch einmal Gas zu geben und so viel wie möglich über den Ermordeten herauszufinden. Besonders weit waren sie nicht gekommen.
„Das liegt an der Kirche“, antwortete Behringer.
„Was liegt an der Kirche?“ KKL stand auf dem Schlauch.
„Na, der Scheißtag“, meinte sein Vorgesetzter.
„Ich versteh nur Bahnhof“, schüttelte Lang sein Haupt.
„Heute schreiben wir den 29. Februar. Also haben wir ein Schaltjahr. Es war Papst Gregor XIII., der diesen Tag 1582 eingeführt hat, um ein Auseinanderlaufen zwischen Sonnen- und Kalenderjahr zu vermeiden.“
„Was Sie alles wissen.“
„Ha! Einen Scheiß weiß ich“, gab Behringer schlechtgelaunt zurück. „Ich hab ja nicht mal die leiseste Ahnung, wo das Mordopfer in Bayreuth gewohnt, geschweige denn, was er hier mit wem gemacht hat – und das obwohl er mir schon zweimal über den Weg gelaufen ist!“
„Aber wir kennen seinen Namen, seine Identität. Das ist mehr als wir gestern hatten.“
Die beiden Beamten hatten kaum eine Viertelstunde vorher mit ihren Kollegen in der Stadt Wesel telefoniert, ein lang erwarteter Rückruf: „Der Mercedes ist auf einen Heiko Springer zugelassen“, hatten sie am Telefon erfahren. „Seinen Wohnsitz hatte er bis vor Kurzem auf Burg Winnenthal.“
Da war der Hauptkommissar hellhörig geworden: „Ach, Burg Winnenthal? Die alte Wasserburg, von der Historiker behaupten, dass es sich um die alte Wolfshage handeln könnte, die in der Nibelungensage erwähnt wird? Der Ort, an den Siegfried sich womöglich zurückgezogen hat?“
„Sie sind aber gut informiert, Herr Kollege“, hatte sein Gesprächspartner vom Niederrhein gestaunt. „So ist es. Errichtet höchstwahrscheinlich von den Herzögen von Jülich, im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört. Nachdem die Anlage in den Achtzigern wiederaufgebaut wurde, war lange ein Hotel drin untergebracht. Und ein landwirtschaftlicher Betrieb. Aber heute ist die Burg ein Seniorensitz.“
„Seniorensitz?“, hatte Behringer eingehakt. „Bei dem Mordopfer handelt es sich um einen jungen Mann um die 30!“
„Alles richtig, Herr Hauptkommissar, aber so, wie es aussieht, hat sich Herr Springer schon vor Jahren als Dauergast dort eingemietet. Wir haben nur kurz mit dem Heimleiter gesprochen. Mit den Senioren hatte Springer natürlich nichts am Hut. Er soll oft auf Reisen gewesen sein und die Wohnung quasi nur als Rückzugsort genutzt haben. Aber mit Ende Februar, also heute, ist der Mietvertrag für seine Wohneinheit im Heim ausgelaufen.“
„Ach.“
„Ja, aber die schriftliche Kündigung kam anscheinend schon vor Monaten und im Dezember stand eines schönen Tages plötzlich der Lkw einer Bayreuther Spedition auf dem Hof und hat Springers Möbel abgeholt. Viel mitzunehmen gab es allerdings gar nicht, hat der Leiter der Seniorenresidenz gemeint, und dass er von der Aktion komplett überrascht worden sei. Springer hat die Möbelpacker nicht angekündigt und war selbst auch nicht vor Ort. Aber die Männer hatten ein Schreiben Springers dabei, das ihnen Zugang zur Wohnung verschaffen sollte. Anscheinend glaubwürdig.“
„Das heißt, vor knapp über zwei Monaten ist Springer definitiv nach Bayreuth übergesiedelt?“
„Richtig!“
„Und wohin genau ist er verzogen?“
„Das weiß kein Mensch. Heiko Springer ist laut Einwohnermeldeamt noch immer in Xanten wohnhaft.“
„Verdammt“, hatte Behringer geflucht. „Dann bleibt uns nur noch die Bayreuther Spedition. Den Namen haben Sie nicht zufällig parat?“
„Nein. Da haben wir auch nicht nachgefragt.“
„Könnten Sie das bitte für uns tun und den Leiter des Seniorenheims nochmal anrufen? Vielleicht kann er sich ja erinnern.“
„Selbstverständlich, Herr Kollege, das machen wir und melden uns wieder bei Ihnen. Und Sie sagen, der Springer wurde ermordet?“
„Ja, letzten Freitag. Von hinten niedergestochen.“
*
So viele Beamte der Kriminalpolizeiinspektion Bayreuth wie selten saßen kurz nach 15:00 Uhr um den langen Besprechungstisch. Man hatte zusätzliche Stühle organisieren müssen.
Der Polizeipräsident richtete einen kurzen Appell an die versammelte Mannschaft: Der Mordfall müsse so schnell wie möglich aufgeklärt werden. Bloß keine lang verschleppten Ermittlungen! Dafür hatte er eine so große Zahl an fähigen und sonstigen Köpfen hier zusammengerufen. Also volle Konzentration und zackige Ergebnisse. Jetzt! Dann überließ er Hauptkommissar Behringer und die neuen Soko-Mitglieder ihrem Elend. 18 Kriminalbeamte, auch aus anderen Kommissariaten wie den Zentralen Diensten, waren BB nun direkt unterstellt.
„Jetzt haben wir den Mist am Hals“, eröffnete der seine Rede. „Ihr habt ja gehört, was unser oberster Chef gefordert hat: Er möchte den Fall lieber gestern als heute aufgeklärt haben.“
„Der kann auch nur blöd daherreden“, wagte sich Kommissar Helmut Bauerreis von der Spurensicherung gleich weit aufs Eis.
„Großkopferte!“, stimmte ihm Simon Weidner von der Kriminaltechnik zu. „Weiß der überhaupt, wovon er spricht?“
Allgemeines Murren ging durch den Raum.
„Leute, beruhigt euch“, schritt Behringer ein. „Ihr seid alle Spezialisten auf eurem Gebiet, darum lasst uns die Sache professionell und organisiert angehen. Als Leiter der Soko Siegfried stelle ich gleich die Eingangsfrage: Hat einer von euch ein Problem mit mir als Chef? Wer mich nicht mag, nicht leiden kann, mir diese Aufgabe nicht zutraut oder einfach keine Lust hat, an diesem Fall mitzuarbeiten, der sollte sich jetzt gleich melden. Ich bin deshalb niemandem böse. Es wird auch keine Repressalien geben, ich würde mich lediglich schnellstens um Ersatz bemühen.“
Er sah ernst in die Runde. „Nur als funktionierendes Team werden wir Erfolg haben. Das zeigen meine Erfahrung und der gesunde Menschenverstand. Dazu brauchen wir ohne Ausnahme voll motivierte Leute und Teamleiter aus euren Reihen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und überproportional großen Einsatz zu zeigen. Was heißt das? Ob ein Kollege aus der KTU oder einer von der Spurensicherung so eine tragende Funktion übernimmt, ist mir völlig egal. Erfahrung und Engagement zählen. Einer muss sich auf den anderen blind verlassen können, muss auch bereit sein, für andere einzuspringen, falls es notwendig wird. Nur gemeinsam sind wir stark.“
Zustimmendes Gemurmel kam aus den Reihen der versammelten Kriminaler.
„Zweiter Grundsatz: Wir teilen unser Wissen zu jeder Zeit mit allen anderen Kolleginnen und Kollegen. Deshalb werde ich in engen Abständen, auf jeden Fall an den kritischen Ecken und Enden des Falls, zu gemeinsamen Sitzungen einladen. Wissen bedeutet Macht und bringt Vorteile. Also, was ist? Wie sieht es aus?“
Alle nickten zustimmend, keiner meldete sich.
„Das freut mich“, fuhr Behringer fort. „Also, gehen wir an die Organisation unserer Soko. Wir brauchen einen Aktenführer. Klingt vielleicht staubtrocken, aber Talente wie absolute Genauigkeit und Verantwortungsgefühl für Aktualität und Ordnung sind nicht zu verachten. Ein bisschen Enthusiasmus für Datenpflege sollte man natürlich mitbringen. Wer fühlt sich angesprochen?“
Eine junge Frau mit blonder Kurzhaarfrisur meldete sich vom Kopfende des Tisches.
„Frau Kriminalkommissaranwärterin Meissner, Sie haben den Job. Das freut mich für Sie. Nun zum Tatortteam. Wer war letzten Freitag am Parkplatz bei der Eremitage mit dabei?“
Kommissar Lang und drei Mitarbeiter der SpuSi hoben die Hände.
„Braucht ihr in eurem Team noch Unterstützung von der KTU?“
„Zwei von der KTU wären nicht schlecht“, meinte KKL, „gerade was die Tatortbeweiserhebung angeht.“
„Wer meldet sich freiwillig?“ Behringer sah in die Runde.
Zwei Polizeibeamte gaben Handzeichen, ein dritter zuckte mit den Schultern und ließ seinen Kollegen den Vortritt.
„Okay, das geht ja flott“, zeigte sich der Hauptkommissar zufrieden. „Apropos Tatort, hat die SpuSi etwas Verwertbares gefunden?“
„Schon“, meldete sich KKL zu Wort. „Im Innenraum des Fahrzeugs wie auch im Kofferraum waren jede Menge Fingerabdrücke und Hautschuppen. An der Kopfstütze des Beifahrersitzes klebten ein paar lange blonde Haare und auf dem Sitz selber lag eine Haarspange, schwarz, die vermutlich ebenfalls DNA-Spuren hergeben dürfte. Das alles wird gerade von der KTU ausgewertet, ansonsten … ach ja: Wir haben rund um Springers Wagen Spuren von Industriemineralen aus Korund festgestellt.“
Behringer hob eine Augenbraue. „Ihr habt das Pflaster gleich mitgeprüft?“
„Klar, Sorgfalt ist oberste Pflicht“, lächelte KKL. „Wir haben sogar Proben aus den Regenpfützen auf dem Pflaster genommen. Da drin hatte sich der Korund gesammelt. Auch darum kümmert sich die KTU.“
„Sonst noch etwas? Ist das Handy bei der Wagendurchsuchung aufgetaucht? Oder Führerschein, Portemonnaie, Ausweispapiere, am besten gleich die Tatwaffe? Irgendetwas, das uns schnell weiterbringen könnte?“, trieb Behringer seine Mitarbeiter an.
„Absolut nichts. Den Geldbeutel des Opfers konnten wir zwar sicherstellen, aber es war nichts darin, außer ein paar Münzen und dem Foto einer hübschen, blonden Frau. Auch das befindet sich …“
„Ja, ja, ich weiß schon, bei den Kollegen der KTU“, vervollständigte Behringer den Satz.
„Ein paar Kondome im Handschuhfach haben wir auch gefunden“, ergänzte KKL. „Unbenutzt.“
„Was ist mit den zerstochenen Reifen?“, fiel Behringer ein.
„Das ist schon etwas seltsam“, überlegte KKL laut. „Warum nur die Vorderreifen? Warum nicht auch hinten? Wobei das natürlich ausreicht, um einen am Wegfahren zu hindern. Die zentrale Frage, die offenbleibt: Wer hat es getan? Zu welchem Zweck? Theoretisch könnte es jeder gewesen sein … quasi ein sehr schlechter Scherz, Vandalismus, Neid auf den teuren Wagen. Oder es war der Mörder, der auf sein Opfer gewartet hat und vermeiden wollte, dass es sich vom Parkplatz entfernt.“
„Mit nur einem zerstochenen Reifen hätte man einen Reifenwechsel durchführen können, mit zwei defekten Rädern kommt man nicht mehr vom Fleck“, warf Kommissar Bauerreis ein. „Wenn es so war, wie der Kollege Lang es schildert, hieße das, dass der Täter wusste, dass Heiko Springer hier seinem Sport nachging, also seine Tagesroutinen kannte und gezielt auf ihn gewartet hat.“
„Und wenn wiederum diese These stimmt, müsste das bedeuten, dass der Täter – oder die Täterin! – im unmittelbaren persönlichen Umfeld des Opfers zu suchen ist. Das heißt, wir müssen dieses Umfeld schnellstmöglich identifizieren und durchleuchten“, folgerte Simon Weidner.
„Da stehen wir natürlich erst ganz am Anfang“, fiel KKL wieder ins Gespräch ein.
„Durchleuchten, ja, unbedingt, macht das“, nickte Behringer. „Das bringt uns zur Organisation unserer Soko zurück – die Ermittlerteams: Wir brauchen Kolleginnen und Kollegen, die sich hauptsächlich der Sach- und Personalbeweiserhebung widmen. Außerdem: Wer meint, ein Gespür fürs Profiling zu haben, der soll sich ebenfalls melden.“
Behringer sah auf seine Uhr. „Überlegt euch das bitte, wir machen gleich weiter, nachdem wir die Telefonkonferenz mit Herrn Professor Franziskus Stich vom Institut für Rechtsmedizin in Erlangen eingeschoben haben. Stich ist ein äußerst erfahrener Rechtsmediziner, ich würde ihn sogar als Koryphäe auf seinem Gebiet bezeichnen. Er und ein Kollege haben noch am Wochenende unser Opfer obduziert und, so wie ich ihn kenne, wird er uns sofort einiges über die Todesumstände erzählen können. Nach der Telko machen wir eine kurze Zigarettenpause, danach geht es an die Verteilung der ersten Aufgaben.“
Behringer rieb sich die Hände. „KKL, können Sie sich um das Zustandekommen des Gesprächs bemühen? Lautsprecher, bitte. Ich denke, ich muss mir diese moderne Technik nicht mehr antun.“
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Rund 100 Kilometer südwestlich von Bayreuth, in Erlangen, lehnte sich Professor Franziskus Stich weit in seinem bequemen Bürosessel zurück und ließ seine Sekretärin, eine Mittdreißigerin mit Pagenfrisur und mächtiger Oberweite, an seiner Telefonanlage herumhantieren.
Draußen drang von der Universitätsstraße das ständige Rauschen und Hupen des Verkehrs heran. Stichs Tränensäcke hingen ihm wie kleine Monde unter den Augen, seine stahlgrauen Blicke dagegen entrückt an der Decke. Er hatte eine hagere Gestalt und die tiefen Falten, die sich vor allem in den letzten Jahren in sein Gesicht gegraben hatten, ließen ihn älter als 63 erscheinen. Eigentlich ein vernünftiges Alter, um allmählich an den verdienten Ruhestand zu denken. Ein gleichwertiger erfahrener Ersatz war allerdings weit und breit nicht am Horizont zu erblicken. Stich lebte mit und für seine Toten, die ihm regelmäßig auf den Edelstahltisch geliefert wurden. Mit Akribie und ungehemmter Begeisterung für den menschlichen Organismus versuchte er, ihnen immer wieder auch das kleinste Geheimnis ihres gewaltsamen Todes zu entlocken, und wurde von seinen „Kunden“ – den Kommissaren, Hauptkommissaren und sonstigen Ermittlern im weiten Umkreis – hoch geachtet.
„Die Verbindung steht, Herr Professor“, meinte der Pagenschnitt und übergab ihm das Telefon.
Stich fuhr aus seinen Gedanken und dem Sessel hoch und nahm den ihm dargebotenen Hörer. „Hier Stich bei der Arbeit“, blies er jovial in die Sprechmuschel.
„Benno Behringer, hallo Doc“, schallte es ihm entgegen.
„Der Benno“, fuhr Stich gut gelaunt fort. „Altes Haus, wie geht’s?“
In Bayreuth ging im Besprechungszimmer ein breites Schmunzeln um den Tisch.
„Gut, danke der Nachfrage. Du bist übrigens auf Sendung. Wir haben den Lautsprecher angeschaltet und warten auf deine geschätzte Expertise.“
Dass rund 40 Ohren seinen Worten lauschten, störte Stich nicht. Genauso wenig wie das leichte Unbehagen des Hauptkommissars bei der vertrauten Ansprache vor seiner versammelten Soko. Bevor er auf den eigentlichen Fall zu sprechen kam, brauchte Stich immer eine auflockernde Einstimmung. Die Ereignisse dieser verrückten Welt brachten sowieso Tag für Tag nur Hiobsbotschaften.
„Wir haben uns ja ewig nicht mehr gesprochen, Benno! Was haben mir meine Quellen zugetragen? Du hast’s letztes Jahr endlich das erste Mal auf die Festspiele geschafft? Siegfried, wie ich gehört habe? Wie war’s?“
Behringer hätte dieses Thema zwar am liebsten ausgeklammert, aber unhöflich zu sein, war auch nicht sein Ding. Auch die Mitglieder seiner Soko warteten mit Interesse auf seine Antwort, wussten die meisten doch, wie ihr Hauptkommissar auf den Besuch der Wagner-Oper reagiert hatte.
„Zu sagen, es war eine Katastrophe, wäre die reinste Untertreibung. Es war ein nicht zu überbietendes Fiasko!“ Allein beim Gedanken an sein Martyrium stieg Behringer die Zornesröte ins Gesicht. „Hast du schon mal was von dem Regisseur Castorf gehört?“
„Gehört nicht, aber gelesen. War es wirklich so schlimm?“
„Schlimm?“, wiederholte Behringer. „Es hat nicht viel gefehlt und ich hätte dir Castorf auf einen deiner Tische geliefert! Du weißt, ich bin ein Anhänger der Nibelungensage – ein echtes Heldenepos –, aber was der daraus gemacht hat … Na, ich erspare mir und dir Einzelheiten. Es war jedenfalls nicht zum Aushalten!“ Er fuhr sich schnell mit der Hand übers Gesicht. „Aber jetzt erwarte ich mir – oder besser gesagt: erwarten wir uns Neuigkeiten von dir, lieber Franziskus.“
„Von eurem blonden Siegfried, den ihr mir habt anliefern lassen?“
„Siegfried ist schön gesagt. Ich hab ihn während der Festspiele als Popelschnalzer kennengelernt …“ Dann kam der Hauptkommissar doch nicht umhin, die kurze Geschichte zum Besten zu geben. „Aber jetzt bist endgültig du dran“, forderte er am Schluss Stich auf.
„Popelschnalzer. Klingt nicht gerade ästhetisch. Da bleibe ich doch lieber bei Siegfried“, nahm der Professor seinen Part auf. „Auf den Punkt gebracht, ist er infolge von zwei Einstichen an einer Herzbeuteltamponade verstorben.“
„Doc, wir haben hier jede Menge junger Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen versammelt. Würde es dir etwas ausmachen, sagen wir, etwas erklärend auszuholen? Wir möchten schließlich alle dazulernen.“ Dass er selbst mit dem Begriff „Tamponade“ nicht allzu viel anfangen konnte, verschwieg Behringer geflissentlich.
„Na, dann hört mir mal zu. Bei einer Herzbeuteltamponade handelt es sich um eine schnelle Ansammlung von Flüssigkeit – in diesem Fall von Blut – im Perikard, dem Herzbeutel. Das ist ein dünner Beutel, ein Hohlraum, der das Herz umgibt. Wenn dahinein, beispielsweise wie in unserm Fall durch eine Stichverletzung, Blut fließt, kommt es zu einer Kompression des Herzens. Es wird von außen zusammengedrückt. Das wiederum führt zu einer Behinderung der Ventrikelfüllung, was nichts anderes heißt, als dass der Körper nicht mehr mit der ausreichenden Menge sauerstoffgesättigten Blutes versorgt werden kann, das Schlagvolumen des Herzens reicht nicht mehr aus. Es ist ganz einfach: Durch den entstandenen Druck von außen hat das Herz nicht mehr genug Kraft, dagegen anzupumpen. Auch das Organ selbst wird nicht mehr vollausreichend mit dem notwendigen Lebenssaft versorgt. Diese Blutunterversorgung führt schließlich zu einem schockartigen Zustand. Organversagen und Herzstillstand sind die Folgen.“
Stille am anderen Ende der Leitung.
„Ich hoffe, ich konnte das so schildern, dass sich jeder von euch etwas darunter vorstellen kann? Ansonsten, wenn ihr weitere Fragen habt …?“
Behringer sah in Bayreuth in die baffe Runde. „Gibt es auch Erkenntnisse zur Tatwaffe und zum Todeszeitpunkt?“
„Todeszeitpunkt, ja“, wiederholte Stich. „Ich würde sagen: letzten Freitag so zwischen 18:00 und 20:00 Uhr. Bei der Tatwaffe handelt es sich um ein Messer mit dreikantigem Klingenquerschnitt, mit dünnem Rücken und einer scharfen Schneide, die beidseitig geschliffen sein muss. Darauf deuten die glatten Wundränder und die Ausdehnungen des Stichkanals hin. Die Klingenlänge selbst dürfte in etwa 18 Zentimeter betragen. Wer auch immer euren Siegfried umgebracht hat, er – oder sie – muss ihn genau zu dem Zeitpunkt erwischt haben, als er sich in den Kofferraum seines Wagens hineingebeugt hat. Die Fotos, die ihr mir geschickt habt, sprechen Bände. Beide Stiche kamen relativ senkrecht von oben. Mit aller Kraft ausgeführt. Aber, wie gesagt, die Kraft einer Frau hätte auch ausgereicht. Als das Messer wieder herausgezogen wurde, wurde es leicht verdreht, was zu einem erhöhten, schnellen Blutverlust geführt hat.“
„Wer benutzt solche Messer?“, warf Behringer ein.
„Quasi jeder“, gab Stich von sich. „Die findest du in jeder professionellen Küche und in den meisten privaten mittlerweile auch. Der dünne Klingenquerschnitt weist auf ein Filetiermesser mit scharfer Spitze hin.“
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Telefonkonferenz und Raucherpause waren vorbei. Schnell wurden die restlichen Teams der Soko gebildet.
Behringer rief seine Leute zum Weitermachen zusammen. „Es ist wie verhext, ein Omen“, begann er, als er sich auf seinen Sitz fallen ließ. „Ich bin dem Opfer schon zweimal begegnet: Die Geschichte vom Popelschnalzer kennt ihr jetzt alle, aber den Treff an der Wiesent bin ich euch noch schuldig.“
Er hielt ein Foto in die Höhe und ließ es dann durch die Runde gehen, bevor er mit seiner Geschichte begann: „Hier auf diesem Foto sehen Sie das Mordopfer in einem Zweierkanu auf der Wiesent. Das Bild entstand im September letzten Jahres in der Nähe des Bahnhofs Behringersmühle. Neben Heiko Springer sehen Sie eine unbekannte junge und – ich denke, darauf können wir uns einigen – sehr attraktive Frau im Boot sitzen. Es ist dieselbe, die auch auf dem Foto im Portemonnaie Springers abgelichtet ist. Eine unserer ersten Aufgaben wird es sein, diese Frau ausfindig zu machen. Ich erhoffe mir, dass sie uns einiges über das Opfer erzählen kann. Jedenfalls wirkten die zwei auf mich wie ein Liebespaar.“
Das Foto kam wieder bei Behringer an und er steckte es zur sicheren Aufbewahrung in eine Mappe. „Über Heiko Springer selbst wissen wir noch relativ wenig. Bis vor Kurzem hat er auf der Burg Winnenthal am Niederrhein, in der Nähe von Xanten, eine Dreizimmerwohnung unterhalten, der Vertrag ist auf den heutigen Tag gekündigt worden. Die Kollegen von der Kripo in Wesel haben für uns herausgefunden, dass urplötzlich, am 22. Dezember letzten Jahres, die Spedition Wedlich aus Bayreuth im Burghof stand – mit dem Auftrag, die Möbel von Springer aus der Wohnung zu holen und hierher, in ein Lager der Firma StorageBox in der Sophian-Kolb-Straße, zu bringen. Ob sie dort immer noch lagern, wissen wir nicht. Kollege Lang und ich haben heute noch niemanden von StorageBox erreicht. Also, wer fährt hin und nimmt die Sache in Angriff?“
Helmut Bauerreis und Kriminalobermeisterin Susanne Landrock hoben die Hände.
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Es war schon kurz vor Feierabend, als sich Behringers Telefon meldete. „Ja?“, blaffte er in den Hörer.
„Bauerreis“, meldete sich der Kommissar der Spurensicherung. „Die Kollegin Landrock und ich haben eben mit dem hiesigen Leiter der Firma StorageBox gesprochen. Die Möbel von dem ermordeten Springer wurden am 28. Dezember in die Friedrich-von-Schiller-Straße gebracht und dort nach einem Einrichtungsplan des Mordopfers bezugsfertig aufgestellt.“
„Wer macht denn so was?“, wunderte sich Behringer.
„Das kam, weil der Hausherr gar nicht da war.“
„Was heißt das, nicht da war?“
„Soweit wir erfahren haben, war dieser Springer gerade nach Kenia in den Urlaub geflogen. Daran konnte sich der Mann vom Lager, Röthlingshöfer heißt er, noch erinnern, weil es so extravagant war. Jedenfalls hatte StorageBox den Auftrag, die Wohnung komplett einzurichten. Vom Aufhängen der Lampen und Anschließen der Waschmaschine bis hin zum Unterbringen der gesamten Wäsche – Anzüge, Hemden und so weiter.“
„Wie soll das denn gehen?“, zweifelte der Hauptkommissar.
„Herr Röthlingshöfer hat uns den Plan gezeigt, den Springer ihm dagelassen hat. Den hat er aufgehoben – als Anschauungsmaterial für den Fall, dass sie so eine Komplett-Dienstleistung in ihr Angebot aufnehmen. Darin ist ganz genau beschrieben, wo jedes einzelne Möbelstück hingehört, wo exakt im Schrank die Hemden aufgehängt werden und in welcher Schublade die Unterhosen ihren Platz finden sollen. Der Springer ging sogar so weit, dass er StorageBox beauftragt hat, für ihn Besorgungen zu erledigen.“ Am anderen Ende der Verbindung raschelte es, Bauerreis hantierte einhändig mit Papier. „Also hier steht: Champagner, Wein – er will eine bestimmte Sorte, spanischen … und dann sogar Weißwein –, argentinische Filetsteaks, Kartoffeln und so weiter. Sogar an Toilettenpapier und Körperpflegemittel hat er gedacht.“
„Und die haben das alles erledigt?“, kam es von Behringer.
„Klar, dafür haben sie ihm auch eine saftige Rechnung gestellt. Geld spielt keine Rolle, soll der Springer dem Röthlingshöfer gesagt haben, als er den Auftrag erteilt hat. Und: Machen Sie einfach alles so, wie ich es aufgeschrieben habe.“
„Hat der Röthlingshöfer vielleicht auch von einer Freundin Springers gesprochen? Blond, hübsch … hat er sie vielleicht sogar kennengelernt?“
„Die Frage hab ich ihm auch gestellt“, antwortete Bauerreis am Telefon. „Leider nicht. Eine Frau hat er nie gesehen oder von einer gehört. Bei der Wohnung soll es sich übrigens um eine komplett neu modernisierte Dreizimmer-Terrassenwohnung im dritten Stock handeln. Knapp 100 Quadratmeter.“
„Na gut, wenigstens wissen wir jetzt, wo wir mit unserer Suche weitermachen müssen. Gut gemacht, Bauerreis. Gruß auch an die Kollegin Landrock. Ich schicke gleich einen Trupp der SpuSi in die Friedrich-von-Schiller-Straße. Hausnummer?“
„6.“
„Ich weiß, es ist schon spät, aber fahren Sie bitte auch dorthin und begleiten Sie die Aktion. Wäre schön, wenn wir ein paar erste Aussagen von den Nachbarn bekämen, Hinweise, die uns weiterbringen.“
„Okay, wir kümmern uns darum.“
Behringer legte auf und wandte sich wieder seinem Computer zu. Er hatte die letzte Stunde genutzt, um sich tiefer ins Leben des Opfers einzuarbeiten. Mit dem Namen „Heiko Springer“ war er recht schnell auf eine Beraterfirma desselben Namens gestoßen. Finanzdienstleistungen. Offenbar ein recht exklusives Geschäft für die oberen Zehntausend Deutschlands und der Welt. Ein Büro mit Adresse in Xanten war im Impressum der Homepage von Springers kleinem Unternehmen angegeben. Das sollte Klaus-Karl Lang überprüfen, zur Not müssten sie auch die Kollegen aus Wesel noch einmal um Hilfe bitten.
Behringer holte tief Luft. „KKL!“
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