Читать книгу: «Dorchen»
Walter Dormansky
Dorchen und andere Erzählungen
Saga
Ebook-Kolophon
Walter Dormansky: Dorchen und andere Erzählungen. © Walter Dormansky. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2015 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2015. All rights reserved.
ISBN: 9788711487570
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
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Durch den stillen Forst glänzen die letzten Sonnenstrahlen und lassen die braunen Stämme goldig erglänzen. Am Ufer des klaren Waldsees sitzt ein sinnend Mägdlein, die kleine Gänsehirtin Dorchen. Eben hat sie ihren Ruf erschallen lassen, da kommen ihre Tiere, leise schnatternd, langsam herbeigewatschelt, um mit der Herrin heimwärts zu ziehen. Diese achtet nicht sonderlich auf das, was die Gänse sich zu erzählen haben; ihre Gedanken weilen bei dem köstlichen Abendliede, das sie soeben aus der Mutter altem Gesangbuch gelernt hat. Und als sie nun aufsteht, um die Herde, die im Weiher sich gütlich gethan hat, heimzugeleiten, da erhebt sie plötzlich laut ihre Stimme, und gar feierlich klingt es in den Abendfrieden hinein: „Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städt’ und Felder, es schläft die ganze Welt.“ Dorchen weiss ganz genau, warum sie jetzt singt, denn ihr Gesang verkündet der lieben Mutter, welche drüben in dem einsamen Waldwärterhause sich zu schaffen macht, ihre und der Tiere bevorstehende Heimkunft. Nun schreitet sie aus dem Walde hervor auf die Lichtung, wo das Waldwärterhaus steht. Gar friedlich liegt dasselbe mitten im Walde da, und der bläuliche Rauch steigt aus dem Schornstein gerade zum Himmel empor. Sieh, da tritt die Mutter unter die Hausthür und winkt freundlich der Heimkehrenden entgegen. Und um die Ecke des Hauses kommt auch Mariechen, die ältere Schwester, welche ein Reisigbündel herbeischleppt und trotz der ziemlich schweren Last recht vergnügt dreinschaut. Sobald Dorchen ihren Gesang beendet hat, erheben die Gänse einstimmig ein lautes Geschrei, um den gewohnten Stall zu begrüssen. Dann werden sie eingesperrt, und Dorchen folgt der Mutter und der Schwester in das Haus, wo auf dem offenen Herde die Abendsuppe bereitet wird. Da der Vater nicht daheim ist und erst spät zurückkommt, kann die Waldwärterfrau sich schon etwas mehr Zeit gönnen. Glutrot leuchtet das Feuer vom Herde in die Küche hinein, und Dorchen schaut mit weitgeöffneten Augen in die Flammen.
„Ich weiss selber nicht, wie es kommt, liebe Mutter,“ beginnt sie, „aber sobald ich ein Feuer sehe, muss ich immer an Krieg denken.“
Die Mutter hebt den Kessel mit der dampfenden Suppe ab und spricht leise das Verslein vor sich hin: „Krieg und Brand segnet Gott mit milder Hand. Sieh, Kind, auch das, was uns als ein grosses Unglück erscheint, kommt aus Gottes Hand und muss uns zum besten dienen.“
Bei diesen Worten trägt sie die Abendsuppe in die Wohnstube und stellt die Schüssel auf den reinlich gehaltenen Tisch. Derweile muss Mariechen auf der Mutter Geheiss die bunten Teller aus dem Eckschrank nehmen, die nur selten in Gebrauch kommen. Alsdann setzen sie sich alle drei an den Tisch, und nachdem die Mutter das Tischgebet gesprochen hat, geht es an das Essen. Aber Dorchen kann auch während des Essens das Plaudern nicht lassen. Im Stillen hat sie sich gewundert, warum gerade heute die bunten Teller benutzt werden, und so muss sie denn mit der Frage heraus. Die Mutter erwidert, dass es zum Andenken an den Grossvater geschehe, der ein Seemann war. Wenn derselbe jetzt noch lebte, dann würde er heute seinen Geburtstag feiern. Nun möchte Dorchen aber noch gern wissen, woher die bunten Teller und die blanken Tassen in dem Eckschrank stammen. Und die Mutter berichtet getreulich, dass der Grossvater dieselben aus England mitgebracht habe.
Dorchen schaut sie dabei mit ihren grossen, blauen Augen an und meint: „Der Grossvater ist aber auch weit in der Welt herumgekommen. Liegt England wohl noch weit von Jerusalem?“
„O ja,“ entgegnet die Mutter, „noch weit, weit hinweg. Doch weshalb fragst du so?“
„Ach, Mutter,“ antwortet Dorchen, „ich möchte gar so gern einmal nach Jerusalem, wo der liebe Heiland gewesen ist.“
„Wie wolltest du dorthin kommen?“ fragt die Mutter.
„Nun, ich würde wandern, so lange mich meine Füsse tragen,“ sagt das Kind. „Und an jeder Thür würde ich singen, damit die Leute mir ein Stückchen Brot geben. Weiter bedarf ich ja nichts.“
„Du liebe Einfalt,“ erwidert die Mutter. „Doch nun geht zur Ruhe, Kinder. Ich muss noch wach bleiben, bis der Vater heimkommt.“
Etwa zwei Stunden mögen vergangen sein, und der Zeiger an der Schwarzwälder Uhr weist bereits auf elf. Noch immer ist der Waldwärter nicht daheim, und sein treues Weib wartet geduldig mit dem Abendessen, das sie warm gestellt hat. Nun nimmt sie das Gesangbuch zur Hand und liest eines nach dem andern von den schönen Liedern, woran sie ihre Seele oft genug erquickt hat. Dabei fällt der milde Schein der Lampe auf ihr freundliches Antlitz, das von halbergrautem Haar umrahmt ist.
Wieder geht eine Viertelstunde nach der andern dahin, und der einsam Wachenden wird vor Müdigkeit der Kopf schwer, sodass sie ihn ein wenig auf die Tischplatte neigt. Eben ist sie leise eingenickt, da hört sie ein sonderbares Geräusch wie ein verdächtiges Knistern. Verwirrt richtet sie sich empor, während sie sich die Haare aus dem Gesicht streicht und sich die Augen reibt. Richtig, da wiederholt sich der seltsame Ton, und zugleich kommt es der Waldwärterfrau vor, als ob ein feiner Rauch sich durch die Stube verbreite. Eilends springt sie auf und öffnet die Thür, die nach der Küche führt. Da aber muss sie sich bereits vor Schrecken an dem Thürpfosten festhalten, denn ein dichter Qualm kommt ihr von oben her entgegen. Es scheint so, als ob der Bodenraum erleuchtet ist, und doch brennt dort oben kein Licht. Mit zitternden Knieen springt die Frau in die Stube zurück, und indem sie schleunigst die Kammerthür öffnet, ruft sie in den engen Raum hinein: „Wacht auf, Kinder, wacht schnell auf! Unser Haus brennt! Legt rasch eure Kleider an, und dann geht ihr auf den Boden des Kartoffelkellers, hört ihr? Dass ihr euch von dort nicht hinwegrührt, bis ich komme!“
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