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Walter Müller

Lasst uns über die Liebe reden

Trauerreden


Die Drucklegung dieses Buches wurde gefördert von den

Kulturabteilungen von Stadt und Land Salzburg.


www.omvs.at

ISBN 978-3-7013-1291-7

eISBN 978-3-7013-6291-2

© 2021 OTTO MÜLLER VERLAG SALZBURG-WIEN

Alle Rechte vorbehalten

Satz: Media Design: Rizner.at

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck-Germany

Umschlaggestaltung: Leo Fellinger

Wenn du an mich denkst, erinnere dich an die Stunde, in welcher du mich am liebsten hattest.

Rainer Maria Rilke

Inhalt

Über die Liebe also, ein Vorwort

„Kommt ein Vogel …?“

Vom Mädchen, das ein bisschen anders war

Dem himmlischen Stern hinterdrein

Barfuß über jeden See

Die Zugfahrt ins Glück

„Ach, der Professor!!!“

Als der Krampus vor der Tür stand

Erste Geige – im Konzert und daheim

Rosen, Kerzen, Tränen

„Sind Sie der heilige Nikolaus?“

Santé, Friedl! Egészségére!

Rohrnetzmeister und Torschützenkönig

„Ein Pfifferl für die Frau Lotte!“

Der Himmel über dem Zirkuszelt

Pflanzenflüsterer und Strudelkönig

„Ach Gott, diese Ziele immer!“

Markus, Liebling der Menschen

„Ich bin der Peter Marzipan!“

Der „Dürre“ tanzt den Schneewalzer

Liftführer und Geschichtensammler

„Wolfram, du gehst da runter!“

Ist der Tag wichtiger als die Nacht?

Über die Liebe also

Jeder Mensch ist ein eigener Kosmos, einzigartig, unverwechselbar. Jedes Leben, ob es schwer, ob es leicht zu leben war, erzählt seine eigene Geschichte: staunenswert, unkompliziert, geheimnisvoll, bizarr, glücklich, hart, viel zu kurz, bemerkenswert lang, verspielt, enttäuschend, in Geborgenheit oder vogelfrei, vom Schicksal herausgefordert oder von Engelscharen begleitet. Aber immer war es ein einzigartiges, unverwechselbares Leben.

Als Trauer- oder besser: Abschiedsredner hat man das Privileg, in ein Menschenleben hineinhorchen, sich hineinfühlen zu dürfen. Man ist eingeladen, einen unbekannten Planeten zu betreten, einen beispiellosen Kosmos zu erkunden und zu entdecken. Und jedes Mal ist es ein Geschenk, eine bleibende Erfahrung. Über dieses ganz besondere Leben zu erzählen, den vielen Facetten eines Menschen in einer Rede gerecht zu werden, ist Aufgabe und Ehre zugleich.

Wie lässt sich aber ein Leben halbwegs oder tiefgehend erfassen, noch dazu, wenn zwischen der Anfrage von Angehörigen, die Verabschiedung zu übernehmen, und der Trauerfeier selbst nur wenig Zeit zur Verfügung steht? Manchmal eine Woche, manchmal vier oder drei Tage. Da geht sich kaum mehr als ein langes Gespräch aus, ein paar Telefonate und Mails, ein bisschen Recherchieren und Nachfragen.

Der Abschiedsredner muss also mitfühlend und zielstrebig zugleich agieren. Mit großem Verständnis dafür, dass jede Trauer anders ist, und dennoch so strukturiert, dass in den zwei, drei Stunden der persönlichen Begegnung die/der Verstorbene fassbar, spürbar wird? Dass aus einem Namen, ein paar Daten ein Menschenbild entsteht?

Mein „Hilfsmittel“ ist der Fragenkatalog geworden, den ich mir im Laufe der Zeit erarbeitet habe. Ganz präzise Fragen zur Herkunftsfamilie, zu den Lebensumständen, der Kindheit, der Schulzeit, der Berufssuche, der eigenen Familie, den Hobbys und Interessen, den sportlichen und kulturellen Vorlieben usw., bis zur Zeit der Krankheit, der Pflege, des Sterbens oder des unerwarteten, schicksalhaften Todes. Den Katalog habe ich meistens vor unserem ersten, oft einzigen Treffen, an die Familie geschickt, mit der Bitte, die Erinnerung fließen zu lassen und mir die Antworten in kurzen Sätzen oder stichwortartig zurückzuschicken. Bei der persönlichen Begegnung konnten wir dann Fragen und Antworten vertiefen und das Lebenspuzzle bunt und anschaulich zusammenfügen. Zwei Fragen erwiesen sich immer als besonders spannend und ergiebig. Die Frage „Was bringt Sie zum Schmunzeln, wenn Sie an Ihre Mutter (Ihren Mann, Ihre Großmutter, …) denken?“ Das bringt ohne Anstrengung ein Lächeln und eine Entspannung in das Gespräch … Und es ist immerhin ein Trauergespräch, kurz nach dem Tod eines geliebten Menschen. Die kleinen und größeren Schrulligkeiten eines Vaters, einer Ehefrau, eines Freundes …, quer durchs Leben, der Humor, die Lebensparolen, Urlaubsüberraschungen, Ungeschicklichkeiten und Alltagspannen hellen die düstersten Stunden auf.

Die zweite wichtige Frage – an die Kinder, Freunde, Geschwister gerichtet: „Wie haben sich die beiden kennengelernt?“ Oder – an den Witwer: „Wo und wie haben Sie Ihre Frau kennengelernt?“ Wobei, einfach ein Erfahrungswert, die Witwen hier viel genauer, auch launiger, Antwort geben können.

Die allererste Begegnung, am Zuckerbäckerball, im Wartezimmer eines Zahnarztes, am Gang eines hoffnungslos ausgebuchten Zugwaggons – wo auch immer; diese Geschichten bleiben im Gedächtnis. Und stets sind es Geschichten im Glück, vom Glück. „Lasst uns über die Liebe reden …“, und dann erzählt man vom ersten Kennenlernen, von der Aufregung der Verliebtheit, vom Rendezvous ein paar Tage oder ein paar Wochen später.

Über die Liebe zu reden, hellt jeden Lebenslauf auf; da muss man nichts schönfärben oder zurechtpolieren. Die Liebe hat immer bezaubernde Überraschungen parat.

Und dann gibt es auch und vor allem die berührende Liebe einer Frau zu ihrem, unserer Welt allmählich entschwindenden Mann, die Liebe der jüngeren zur älteren Schwester, einer Mutter zu ihren Kindern, die Liebe zwischen zwei ungleichen Freunden, die Liebe eines Menschen zum Sport, zur Musik, zum Zirkus und vieles mehr.

Ich habe im Laufe der Zeit Hunderte Trauerfamilien kennengelernt, die mir von ihrem oder ihrer lieben Verstorbenen erzählt haben, und Hunderte Male, nein: jedes Mal, ist es auch um die Liebe gegangen. Um die große, die lebenslange, die konfliktbeladene, die dritte nach der zweiten und der ersten. Aber immer war von der Liebe die Rede.

Natürlich endet manche Beziehung, manche Ehe in Bitternis, und manche Enttäuschung lässt sich nicht wegzaubern. Wenn die Liebes-Episoden in einer Menschenbiografie schier unüberschaubar werden, weil der verstorbene Vater noch zwei Kinder aus einer ersten Ehe und zusätzlich zu den beiden Kindern aus der zweiten, immer noch gültigen Verbindung, ein Kind aus einem Seitensprung … – dann lese ich aus dem wahrhaftigen Gedicht Was es ist von Erich Fried vor:

… Es ist lächerlich, sagt der Stolz

Es ist leichtsinnig, sagt die Vorsicht

Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung

es ist was es ist, sagt die Liebe.

Damit lassen sich bei der Abschiedsfeier schwierige Situationen respektvoll und warmherzig auflösen, manchmal sogar kleinere oder größere Misslichkeiten im Familienverband bereinigen. „Es ist, was es ist. Es war, was es war…“

Ach, lasst uns über die Liebe reden! Mit all ihren Spiegelungen und Brüchen. Über die Liebe und über das Leben. Und vergesst nie: Jeder Mensch ist ein eigener Kosmos, einzigartig, unverwechselbar.

„Kommt ein Vogel …?“
(Robert Grannersberger, 1969–2016)

Die Sissy gibt sich alle Mühe, spricht ihrem Mann sanft, zärtlich die beiden Wörter vor: „Noch ein …“ Jetzt wartet sie geduldig, bis er, der Robert, das richtige Wörtchen gefunden hat. „Tor“, sagt er mit unsicherer Stimme.

Richtig, Robert. „Noch ein Tor!“ Also gleich noch einmal.

Für einen ehemaligen Fußballer ist das doch eine Winzigkeit. Wie oft hat er dieses Sätzchen im Stadion gebrüllt? „SAK vor, noch ein Tor!“ Wenn er selbst kickte, hatte er es aus den Kehlen der Fans gehört: „Grannersberger vor, noch ein Tor!“ Und jetzt?

Die Sissy gibt nicht auf, und der Robert strengt sich mächtig an. Neuer Versuch, dieses Kinderlied: „Kommt ein Vogel …“ – „… geflogen“. Bravo, Robert!

Am Ende seines Lebens war Robert Grannersberger ein Kind. Ein liebenswertes 47 Jahre altes Kind, ein lieber Mensch. Mit diesem verschmitzten Lächeln ab und zu; manchmal noch für ein paar Stunden den Schalk im Nacken. Wie auf dem Foto aus dem Steintheater in Hellbrunn auf der Traueranzeige. Und wie als Kind damals.

Er war dankbar für alles. Dankbar der Mama, die jeden Tag zu ihm herübergekommen ist. Dankbar für die zärtliche Bestimmtheit, mit der seine Frau, die Sissy, auf ihn aufgepasst, ihn an der Hand genommen und durch sein so klein gewordenes Leben geführt hat. Die an seiner Seite war in den Stunden der Angst, sich gefreut hat, wenn er sich wohlgefühlt hat. Das lange, langsame Abschiednehmen. Dieses nicht leicht zu verstehende, nicht leicht zu ertragende Sich-Entfernen aus der für uns überschaubaren Welt.

Es ist so. Jeder Mensch ist ein eigener Planet – wertvoll, faszinierend, schön, spannend, liebenswert, interessant, facettenreich, anders, unvergleichbar, einzigartig. Manchmal können wir Planeten uns einem anderen Planeten annähern, beschreiben mit ihm ähnliche Flugbahnen im Universum, spüren genau dieselben Schwingungen, fühlen einander unendlich nahe, auf ein und derselben Ebene. Für kurze oder lange Zeit. Man kann das Liebe nennen, Vertrautheit, Herzgefühle.

Manchmal bleibt uns ein anderer Planet fremd oder wird einem, wodurch auch immer, fremd. Vielleicht auch wir ihm. Und wir kreisen nebeneinander her, als würden wir nicht denselben Kosmos bewohnen. Aber immer bleibt dieser Planet, dieser Mensch einzigartig, besonders, mit all seinen Ecken und Kanten, Schrulligkeiten, Liebenswürdigkeiten und seinen Geheimnissen.

Der Planet Robert Grannersberger war ein besonderer Planet, ist auf seiner Umlaufbahn um und durch diese Welt gezogen. Mit seiner eigenen Antriebskraft, seiner eigenen Sehnsucht, seiner eigenen Liebe.

Manchmal, besonders in den Jahren dieser gnadenlosen Krankheit, waren seine Geheimnisse für andere nicht zu entschlüsseln. Warum ist er so? Warum verhält er sich so merkwürdig? Wo kommen seine Stimmungen her? „Es ist so geheimnisvoll, das Land der Tränen“, heißt es im Kleinen Prinzen von Saint-Exupéry. Manche Menschen haben den Planeten Robert im Laufe des Lebens aus den Augen verloren, ihn auf seinem Weg nicht mehr begleitet, begleiten können, begleiten wollen. Manchmal prallen Planeten auch gegeneinander, und einer wird oder beide werden aus ihrer Umlaufbahn geschleudert, für lange Zeit, für immer. Andere bleiben beisammen, in guten und in schweren Jahren.

Jeder Mensch ist ein eigener Planet: kostbar, einzigartig, besonders.

Am 2. April 1969 erblickt in Maxglan Robert Grannersberger das Licht der Welt, im gleichen Jahr wie Oliver Kahn geboren wurde, der Torhüter, im Jahr, in dem der erste Mensch den Mond betrat und die englische Rockband „Led Zeppelin“ ihre erste LP herausbrachte.

1969 – das Jahr, in dem der SAK 1914 im österreichischen Fußballcup gegen die renommierte Wiener Austria (mit Köglberger, Fiala, Parits in deren Reihen) spielte und 2:5 verlor. Bei den Blaugelben aus Nonntal kickten heimische Größen wie Hannes Granzer oder Fredl Kainberger. Robert Grannersbergers Herz wird immer für die Blaugelben, für seinen Verein schlagen, so wie sein Blut immer „stiegl-rot“ sein wird, wie das Rot seiner Brauerei. Eine treue Seele.

Robert ist das Jüngste von den vier Kindern der Maria und des Otto Grannersberger. Drei Geschwister gibt es bereits, jeweils im Abstand von vier Jahren geboren: Rosemarie, Othmar und Rudi. Der Vater ist gelernter Schlosser, Heizer bei der Stieglbrauerei und Nebenerwerbsbauer. Am kleinen Hof am Haslbergerweg gibt es zwei, drei Stierkälber, zwei, drei Kühe, ein paar Schweindln.

Der Robert ist ein quirliger Bub, voller Temperament, abenteuerlustig und unerschrocken. Kein „Kittlschliafa!“ Er kraxelt überall hinauf, auch auf den „Bimbo“, den Stier, auf dem er reitet, bevor er ihn in den Transportwagen Richtung Schlachthof treiben muss.

Der Robert ist kein Riese, als Kind kann er längere Zeit unterm Tisch durchlaufen, ohne sich den Kopf anzustoßen.

Angst ist ein Fremdwort für ihn, damals. Wie ängstlich wird er später sein, in den Zeiten der Krankheit, wenn ihm etwas fremd ist … eine Gegend, in der er noch nicht gewesen ist, ein Mensch, den er nicht kennt, und er sich lieber zurückzieht, daheimbleibt, die Augen schließt.

Furchtlos aber war er damals als Kind, beim Skifahren im Lungau, in der Heimat der Mutter, bei den Großeltern. Kein Weg durch den Wald war ihm zu gefährlich, kein Sprung über Gräben zu riskant. Mit den Geschwistern, Cousins, Freunden zuerst bergauf stapfen, eine Piste ausbretteln – und dann waghalsig „schuss“ runterbrausen.

Oder auf den Pferden, den Haflingern, auf den Bergpfaden, zwischen den Bäumen herumreiten. Schöne Erinnerungen an die Ferienzeit in Lamm/Krottendorf im Zederhaustal. Und dass sich die Kinder dort nicht unbedingt jeden Abend die vom Herumlaufen schmutzigen Füße waschen müssen, bevor sie zu Bett gehen – einfach herrlich!

Fußball, Roberts große Leidenschaft. Kaum dass er laufen kann, beginnt er auch schon zu kicken. Mit den anderen auf den Wiesen in Maxglan, später dann beim SAK. Mitte der 80er-Jahre spielt er bei seinem Verein, dessen Erste es grad in die oberste Spielklasse, die Bundesliga, geschafft hat. Mit Ballkünstlern wie Detlev Szymanek oder dem Holländer Frenkie Schinkels! Robert Grannersberger ist auf dem Sprung in die Kampfmannschaft, aber dann werfen ihn Verletzungen aus dem Spiel.

Aus der Traum von der großen Fußballerkarriere! Das Talent dafür hätte er gehabt. Geblieben sind die schönen Erinnerungen und der berechtigte Stolz auf seine Erfolge am Spielfeld.

Dann also die Berufslaufbahn. Koch wäre so ein Gedanke. Er kocht sein Leben lang gerne und gut, vom Braten bis zum Apfelstrudel. Aber der Vater hat für ihn, nach absolvierter Volksschule in Moos und Hauptschule in Maxglan, eine Lehrstelle bei der Brauerei ausfindig gemacht. Der Robert wird „Stiegler“, wie sein Vater. Ein „überzeugter Stiegler“, einer mit Leib und Seele, Haut und Haar. Als Brauer, bei der Aufsicht über die Flaschenabteilung, auch beim Bewirten in der Brauwelt oder am Rupertikirtag. Für seinen Betrieb Tag und Nacht bereit für eventuelle Notfälle.

Auch bei den Treffen, den Feiern, den sportlichen Betätigungen der „Stiegler“ ist Robert Grannersberger mit Begeisterung dabei, etwa an den Skitagen bei den „Stiegl-Rennen“ auf der Reiteralm.

Bei seiner ersten Hochzeit ist der Robert grad einmal 20 Jahre alt. Die Liebe hat ihre eigenen Regeln. Die Liebe kommt, die Liebe geht. Es ist, was es ist, sagt die Liebe. Das Schönste aber, das die Liebe zu schenken hat, sind Kinder. Die schönsten Geschenke in Robert Grannersbergers Leben: Michael, Christian, Corina.

Drei eigene Planeten in diesem Universum, besonders, kostbar, einzigartig, mit ihren eigenen Träumen und Geheimnissen. Robert Grannersberger ist verdammt stolz auf sie gewesen, war glücklich mit seinen Dreien, hat alles Mögliche und Unmögliche für sie gemacht; gekocht hat er gerne für sie. Vielleicht haben sie ja auch die Liebe zum Sport von ihm, vom Vater, geerbt, den Mut fürs Leben …

„Kommt ein Vogel …“ – „… geflogen.“

Die Sissy ist es, die den Robert durch das letzte Viertel seines viel zu kurzen Lebens begleitet. Beim Tanzen lernen die beiden einander kennen, im „Stiegl“, bei einem Gschnas. Der letzte Tanz, ganz am Schluss, das war das behutsame Führen im Gleichschritt, auf die Terrasse … zum Badezimmer.

Damals, beim Kennenlernen, sind die Schutzengel zögernd im Gebälk gehockt, und die Sissy hat nur gedacht: „Bitte, tat’s endlich weiter!“ Sie haben die beiden zusammengeführt. Auch der Christian ist ihm ans Herz gewachsen. Und er dem Christian.

Die schönen Jahre … Robert Grannersberger war ein charmanter und zuvorkommender Gastgeber, seine Freunde, Elisabeths Freundinnen haben sich bei den beiden wohlgefühlt. Wie selig war er in der Natur, im Lungau, beim Schwammerlbrocken … das hat ihm Freude bereitet, wie konnte er sich über einen einzigen, grad aufgespürten Steinpilz freuen! So freuen sich Kinder und besondere Menschen!

Er, der Robert, wollte immer auch anderen eine Freude machen. Hat manchmal gesagt: „Ja, das mach ich gern“, um niemandem, auch der Sissy nicht, eingestehen zu müssen, dass er „das“ eigentlich gar nicht so gern macht. Flohmärkte, ja gern! Aber letztendlich eher, weil sie so gerne Flohmärkte besucht. Helfen, wenn jemand Hilfe brauchte – und niemandem zur Last fallen. Das war ihm wichtig!

Robert Grannersberger war ein „Geber“, einer der mit Freude gegeben hat, Zuwendung, Mithilfe, sein Lächeln. „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb“, heißt es in der Bibel. „Je mehr du gibst, umso mehr wächst du“, schreibt Antoine de Saint-Exupéry, „… es muss aber einer da sein, der empfangen kann.“

Der Robert hat so viel gekonnt und so viel gemacht, im Haus, im paradiesischen Garten, hat sich um keine Arbeit gedrückt („Im Garten arbeiten. Ja gern!“), mit logischem Denken und hausmännischen Fertigkeiten ausgestattet. Mit seiner Liebe und seinem Engagement. Im Haus, ums Haus herum, und genauso in der Brauerei.

Die kleinen Tagträumereien … vielleicht ein Boot am Mittelmeer … Schiffskoch wäre doch ein schöner Beruf …

„Es ist verrückt, alle Rosen zu hassen, nur weil Dich eine gestochen hat. / Oder auf alle Träume zu verzichten, nur weil sich einer nicht erfüllt hat“, heißt es im Kleinen Prinzen.

Es hat nicht nur eine Rose gestochen und es haben sich einige Träume nicht erfüllt. Als ihm, dem gewissenhaften, seinen Betrieb so liebenden Menschen (das waren die Vorboten der Krankheit), Fehler bei der Arbeit unterlaufen sind … und immer öfter Fehler, da hat auch die Verstörtheit um sich gegriffen. Eines führt zum anderen. Unverständnis zum Wutausbruch, Fehler zu Ungeduld. Die frühe Pensionierung, krankheitsbedingt.

Der furchtlose Mann, der liebenswürdige Mensch auf dem Weg zum Kind, der einzigartige Planet Robert Grannersberger auf seinem Weg in ein für andere fremdes Universum. Nicht von allen, aber von seiner Frau Elisabeth, ihrem Sohn Christian, von der Mama und ein paar Herzensmenschen aus der Familie, aus dem Freundinnenkreis begleitet.

Natürlich haben die Rosen gestochen, als sich Freunde nicht mehr blicken ließen. Es ist nicht leicht, mit dieser unbarmherzigen Krankheit, die das Bekannte ins Fremde rückt, umzugehen.

Das lächelnde erwachsene Buddha-Kind, wie es aus der Steinhöhle in Hellbrunn hervorguckt, verschmitzt, den Schalk im Nacken. Aber wenn er den Rasen mäht, ruiniert er jetzt den Rasenmäher, und wenn er an der Heizung werkt, geht die Heizung kaputt. Und wenn er über die Straße läuft … dann ist die Sissy sein Schutzengel.

Den Pflegerinnen, ohne die das Alltagsleben nicht mehr möglich wäre, macht er den Kaffee, Gentleman, der er war, der er immer noch ist. Früher hat der Robert gerne gesungen, Schlager, die Lieder von Wolfgang Ambros oder Reinhard Fendrich. „Weus d‘ a Herz hast wia a Bergwerk …“ – „Kommt ein Vogel …“, sagt die Sissy, „geflogen“, fügt er hinzu.

Keine Lust mehr, zu entdecken, nicht mehr reden, nicht mehr schauen, einfach noch ein bisschen leben, geduldig, die kleine, große Zufriedenheit. Geborgen sein wie ein Kind.

Dann die Lungenentzündungen, das Krankenhaus, wieder heim ins Haus am Haslbergerweg. Die Betreuung durch Mitarbeiter des Palliativteams. Die Mama, die Sissy … nur noch Halten, Streicheln, ihm, dem Robert, leise, sanft vermitteln, dass alles gut ist.

„Als die Stunde des Abschieds kam, sagte der Fuchs zum Kleinen Prinz: ‚Adieu. Hier mein Geheimnis. Es ist ganz einfach. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar!‘“

Vom Mädchen, das ein bisschen anders war
(Yuriko Natalie Hoshi, 1973–2013)

Was ist Glück? Was heißt: glücklich sein? Für jeden etwas anderes. Der eine ist glücklich über die teuren Geschenke, die er bekommt, zu Weihnachten etwa. Natalie Hoshi war glücklich beim Auspacken der Geschenke. Das Auspacken war ihr wichtiger als der Inhalt.

Das Glücklichsein, wenn man ganz große Karriere gemacht hat, ein stattliches Haus besitzt, kannte Natalie nicht. Sie war glücklich über ihre Arbeit als Hilfskraft im Landeskrankenhaus Salzburg, in der Abteilung für Physikalische Medizin und Rehabilitation. Die kleine Wohnung in der Lanserhofstraße in Maxglan, in der sie die letzten vier Jahre ganz allein gelebt hat, hat sie glücklich gemacht. Und zufrieden und auch stolz. Eigene Arbeit, eigene Wohnung. Ihr eigener Rhythmus, ihr eigenes, eigenständiges Leben. Man kann glücklich sein über einen Millionengewinn beim Glücksspiel. Oder glücklich sein, wenn einem die Patienten, für die man die Therapiebäder perfekt vorbereitet hat, Schokolade schenken, weil sie so zufrieden waren.

Natalie Hoshi muss oft glücklich gewesen sein. Es heißt, wenn man schnell unterwegs ist, beim sehr langen, kilometerweiten Laufen zum Beispiel, werden Glückshormone ausgeschüttet. Natalie Hoshi war in manchem langsamer als die anderen. Vielleicht war sie deshalb glücklicher, zufriedener? Oder anders glücklich, anders zufrieden.

Manche Menschen zeigen ihr Glücklichsein, indem sie alle und jeden umarmen und küssen. Natalie war, könnte man sagen, keine Welt-Umarmerin, aber sie war sehr glücklich, wenn Liam, ihr kleiner Neffe, grad 18 Monate alt, der Bub von Akemi, ihrer Schwester, und deren Mann Sven, die Ärmchen nach ihr ausstreckte, wenn er auf sie zutrippelte und sein Köpfchen in ihren Schoß legte. Liam war der, den sie, wenn er mit seinen Eltern zu Besuch war, umarmen und herzen konnte. Eine einzige Umarmung kann glücklicher machen als alle Freundschaftsküsse dieser Welt.

Ja, Nathalie Hoshi war oft glücklich über das, was wir im Hochmut, in unserer Gedankenlosigkeit, „Kleinigkeiten“ nennen. „Viele Menschen versäumen das kleine Glück, während sie auf das Große vergebens warten“, schreibt Pearl S. Buck, die Literaturnobelpreisträgerin, deren Tochter übrigens seit der Geburt an einer, damals nicht behandelbaren, Erbkrankheit litt.

Natalie Hoshi war eine Lehrmeisterin in Sachen Glück. Der Name Natalie hängt mit Weihnachten zusammen, das sie sehr gemocht hat. Er kommt vom Lateinischen „dies natalis“, also Tag der Geburt; übertragen: der Geburt Christi, Weihnachten. Natalie war sozusagen ein Weihnachtskind, mitten im Sommer geboren.

Als sie das Licht der Welt erblickte, in Tokio, hatte der Vater, Takashi Hoshi, ein weltweit gefragter Maschinenbau-Ingenieur, grad beruflich in Warschau zu tun. Und für das Baby war noch kein offizieller Name ausgesucht. Die Mama sagte Natalie zum Töchterchen. Die Japaner fanden diesen Namen wunderschön. Als der Vater von der Europa-Reise nach Tokio zurückkam, nannten sie bereits alle Verwandten und Familienfreunde Natalie. Dabei blieb es, bis heute.

Geboren wird Natalie Hoshi an einem Glückstag. Der 7.7. ist ein ganz besonderer Tag in Japan. Ein Festtag. Da wird Jahr für Jahr das Tanabata-Fest gefeiert. Kinder, die an diesem Tag zur Welt kommen, werden Glückskinder genannt. Das hat mit einer schönen Legende, der Sternenlegende zu tun. Der Geschichte der Prinzessin Orihime, Tochter des Himmelsgottes, die eine fleißige Weberin ist. Vor lauter Arbeiten ist es ihr nicht möglich, einen Mann an ihrer Seite zu finden. Da schickt ihr der Vater den Rinderhirten Hikoboshi und vermählt die beiden. Orihime und Hikoboshi entflammen sofort in großer Liebe. Ja, sie lieben einander so sehr, dass sie darüber vollkommen die Arbeit vergessen. Der Vater, der Himmelsgott, bekommt keine von seiner Tochter gemachten Kleider mehr. Und die Rinder seines Schwiegersohnes werden krank. Da erzürnt der Gott und verbannt mit seinen magischen Kräften den Hirten auf die andere Seite der Milchstraße. Und nur einmal im Jahr dürfen hinfort die Liebenden einander begegnen, an Tanabata, am 7. Juli, an dem der Legende nach die Sterne Altair und Wega sich am Nachthimmel treffen.

An diesem Tag werden in Japan poetische Wünsche auf bunte Papierstreifen geschrieben und an Bambusstangen befestigt, in der Hoffnung, dass sie in Erfüllung gehen.

Natalie Hoshi ist an einem Tanabata-Tag geboren, als erstes Kind von Takashi und Annemarie Hoshi. Die Mutter stammt aus Ostpreußen, der Vater aus Japan. Sie lernen einander in Düsseldorf kennen, bei der Arbeit. Der Maschinenbau-Ingenieur muss, für die japanische Firma Mitsui, später dann für Sony, oft seinen Wohnort, seine Lebensadresse wechseln. Geheiratet wird in Düsseldorf, aber dann geht es für vier Jahre nach Tokio. Und jetzt gehört also Natalie zu ihnen.

Bald führt die Lebensreise zurück nach Düsseldorf, wo zwei Jahre nach Natalie das zweite Mädchen, Akemi, das Licht der Welt erblickt. Dann Wien für zehn Jahre, schließlich Salzburg. Die kleine Familie Hoshi ist immer dort daheim, wo der Vater zu arbeiten hat.

In Wien lebt man in Mauer, im 23. Bezirk. Ganz in der Nähe befindet sich der Waldorfkindergarten. Hier fühlt sich Natalie wohl, findet Freunde, ist bei den Spielen und Späßen mit dabei. Sie ist kleiner als die anderen Kinder, aber das macht nichts. Sie ist ein bisschen langsamer. Das macht nichts. In Wien, auch dann in der Waldorfschule, ist das kein Problem. Natalie erlernt ein Instrument – die Leier. Die kleine Schwester, Akemi, spielt Geige.

Ach, Weihnachten ist immer so schön. Erst die Geige, dann die Leier. Das Weihnachtsevangelium, von der Mama gelesen, der Christbaum. Das Auspacken der Geschenke. Die Wiener Jahre sind eine unbeschwerte Zeit. In der Schule eine tolle Lehrerin, fröhliche, nette Mitschüler. In der Freizeit alles, was Spaß macht: Schwimmen, Radfahren, im Winter Skifahren. Mit der Schwester im Garten herumtollen. Ein bisschen langsamer, aber darauf kommt es nicht an. Niemandem.

In Salzburg, so scheint es, kommt es darauf an. Keine so aufmerksame Lehrerin mehr, keine so fröhlichen, netten Mitschüler. Oder nur wenige. Nur weil sie, die Natalie, ein bisschen anders ist, ein bisschen langsamer? In Salzburg gibt es eine Diagnose für dieses Anderssein. Die lautet „Turner-Syndrom“, eine Chromosomen-Besonderheit. Damit wird man geboren. Jedes 2.500-ste Mädchen wird damit geboren. Auch wenn man an Tanabata zur Welt gekommen ist.

Jetzt ist das Mädchen 13 und es heißt: Mit diesem Syndrom kann man gut leben. Ein bisschen was ist anders, manche Entwicklung stellt sich zeitverzögert ein. Darauf kommt es nicht an. Vielen schon. Vor allem Mitschülerinnen und Mitschülern, die grad mitten in der Pubertät stecken, mit allem, was dazugehört.

Bei Natalie ist die Pubertät nicht ausgebrochen. Jetzt reden die anderen von ach so wichtigen Dingen, die ihr nicht vertraut sind. Mopedfahren, Tanzen, heiße Partys, Flirten. Da kann, da will sie nicht mitreden, nicht mitmachen. Um die Kleine, die Langsame kümmern sich nur einige aus der Klasse. Die Schule bringt sie trotzdem bis zum Abschluss hinter sich. Die Familie kümmert sich umso mehr. Die Mutter, die Schwester, die ihre Natalie im Haus in Parsch beschützen, behüten, umsorgen.

Das Mädchen hat vieles, was andere nicht haben. Natalie ist äußerst gewissenhaft, vergisst nie etwas. Wenn man ihr sagt: „Weck mich um viertel nach sechs in der Früh“, weckt sie einen um viertel nach sechs in der Früh. Sie merkt sich alle Daten, alle Geburtstage. Man kann sich auf sie voll und ganz verlassen. Sie ist pünktlich, manchmal – nicht immer zur Freude der anderen, ihrer Schwester zum Beispiel – über-überpünktlich.

Nach der Schule die Familien-Überlegungen, welchen Beruf Natalie ergreifen könnte: Was kann sie machen? Wo wird sie akzeptiert? Was will sie selbst? „Weiß ich nicht“, sagt sie auf die letzte Frage. Die Mutter schickt sie auf berufsorientierte Jugendseminare in Deutschland. Massage wäre eine Möglichkeit, vor allem, als eine Ausbildnerin meint: „Die Natalie hat schöne, energiestarke Hände.“ Sie lässt sich in diversen Massagetechniken ausbilden, auch in Shiatsu-Therapie, massiert eine Zeit lang im Bekanntenkreis. Aber, auch das ein Symptom ihrer Erkrankung, sie scheut Körperkontakt, Berührungen sind ihr nie wirklich angenehm. Umarmungen auch nicht.

Natalie Hoshi werden 50 Prozent Behinderung attestiert. Da schafft Prof. DDr. Anton Wicker, der Primararzt auf der Uni-Klinik für Physiotherapie und Rehabilitation am Landeskrankenhaus, für sie eine eigene Arbeitsstelle. Als Hilfskraft, zuständig für die Bäder, auch für die Magnetresonanztherapie. Außerdem ist sie die verlässlichste Post-Vermittlerin, die sich denken lässt. Jetzt hat sie ihre fixen Aufgaben, ihren exakten Arbeitsrhythmus. Acht Jahre lang ist sie auf ihrer Station glücklich und zufrieden. Mit dem Job, mit den liebenswürdigen Mitarbeiterinnen, mit dem Essen in der Spitalskantine.

Akemi, die Schwester, ist mit 18 von daheim ausgezogen, ist nach Linz gegangen, um – nach der Waldorfschule in Salzburg – dort die Matura zu machen, und schließlich nach Amerika, um Psychologie und Kriminalistik zu studieren und auf diesen Gebieten den Bachelor und das Master-Diplom zu erwerben. Seit 2004 lebt sie mit ihrem Mann Sven in Malaysia.

2004 stirbt der Vater, Takashi Hoshi. Die Mama und die Natalie sind und bleiben unzertrennlich, ganz aufeinander abgestimmt. Im Jahr nach Vaters Tod bekommt Natalie ihren Arbeitsplatz. Und schließlich, 2009, ihre eigene Wohnung. Und kommt prima mit allem zurecht. Das große Glücklichsein, die ganz große Zufriedenheit. Eigene Arbeit, eigene Wohnung, eigener Lebensrhythmus.

Am Vormittag wird im Krankenhaus gearbeitet, zu Mittag in der Kantine gespeist. Am Nachmittag gibt es fixe Termine: Tee zubereiten, Duschen, Wäschewaschen im Keller. Alles in ihrem Tempo, gründlich und genau geplant. Und dann, wichtig, um Punkt 18 Uhr im Ersten Deutschen Fernsehen die Vorabendserie Verbotene Liebe. Bitte ja nicht anrufen um diese Zeit! Seit 1995 gibt es diese Daily Soap, Woche für Woche, von Montag bis Freitag. Sehr viele Folgen wird Natalie Hoshi nicht versäumt haben.

Ihre Schwester Akemi schaut sich in der Ferne, in Malaysia, viele Folgen im Internet an, damit sie Bescheid weiß, wenn Natalie sie am Telefon fragt, was sie von dieser oder jener Liebesverwicklung in der Verbotenen Liebe hält. Zu ihrem 40. Geburtstag, heuer am Tanabata-Tag, hat Akemi für ihr Schwesterherz eigenhändig unterschriebene Autogrammkarten der wichtigsten Darsteller dieser Lieblingsserie per Post bei der ARD besorgt. Was für ein kleiner, großer Liebesbeweis!

Der 40. Geburtstag. Ein festliches Essen mit ein paar Freunden und der Familie natürlich beim Schützenwirt in St. Jakob. Geburtstage hat sie sehr gemocht. Und Geschenke vor allem, weil man sie auspacken konnte.

Was Natalie Hoshi noch gern gehabt hat? Schwimmen, eine richtige Wasserratte ist sie gewesen. Was für ein gutes Gefühl, wenn der Körper im See, im Meer schwerelos wird. In Griechenland, in Jugoslawien, in der Türkei, am Wallersee, im Schwimmbad.

Reisen war schön. Immer mit der Familie. Zur Akemi nach Amerika, nach Asien. Viermal war sie bei ihr in Malaysia. Ist nach Thailand, Kambodscha, Indonesien, Singapur mitgeflogen. Das hat sie toll gefunden, aber es hat sie auch immer belastet. Weil dadurch ihre Alltagsroutine durcheinandergekommen ist. Was tun wir am Abend? Was geschieht morgen? In einer Stunde? Ungewissheit hat Natalie sehr verunsichern können. Dann hat Akemi sie wieder beruhigt. Bei ihr war sie in sicheren Händen. Behütet, beschützt.

Ein Schokoladen-Fan ist sie gewesen. Die Süßigkeiten im Café Schatz hat sie nicht verachtet; überhaupt das Essen, wichtig! Als Kind am liebsten: Schnitzel, Schnitzel, Schnitzel. Jeansröcke hat sie gerne getragen. Niemals Hosen. Ihre bevorzugte Kleiderfarbe: blau. Eine Orchidee, die ihr die Schwester einmal schenkte, hat sie durch viele Winter gebracht. „Akemi, deine Orchidee blüht immer noch!“

Malkurse bei Karin Unterburger, einer Maltherapeutin, hat sie besucht und dabei erstaunliche Bilder geschaffen. Bilder in zarten Farben, mit einer duftigen, berührend positiven Ausstrahlung. Manchmal musste man sie ein bisschen anschubsen, aber dann hat sie mit Freude weitergemalt. Der Mutter hat sie manches Bild überlassen, aber nur für einige Zeit, als Leihgabe. Natalie Hoshi war stolz auf ihre Werke.

Einmal, da war sie 23, 24 Jahre alt, hat sie begonnen, für Udo Jürgens zu schwärmen und hat sich alle CDs von ihm gekauft. Ein jahrelanges Schwärmen ist daraus geworden.

Und später für den Schauspieler und Fernseh-Conférencier Alfons Haider. Sogar seine Biografie hat sie gelesen, als eines der wenigen Bücher in ihrem Leben. Man nennt ihn den Küsserkönig, weil er so charmant und formvollendet allen Damen die Hand küsst. Im Fernsehen hat sie ihn bewundert, einmal sogar live im Salzburger Landestheater, das ist grad einmal ein Jahr her, im Stück Butterbrot von Gabriel Barylli. Der Onkel Heinz hat sie oft zum Lachen gebracht, auch wenn er sie ein bisschen auf die Schaufel genommen hat.

Liam, ihr kleiner Neffe, war der wärmste Sonnenstrahl in den letzten 18 Monaten. Wenn er ihr die Ärmchen entgegengestreckt, seinen Kopf in ihren Schoß gelegt hat, wenn sie ihn hochgehoben hat. Von ihm hat Natalie gelernt, dass man manchmal Rücksicht nehmen muss. „Wir müssen es so machen, wie es für den Liam richtig ist!“ Sie hat auch gelernt, auf die Mama Rücksicht zu nehmen, als ihr klar geworden ist, dass selbst die Mama nicht unverwundbar ist, die Mama, die ihr immer ganz, ganz nahe war und auch jetzt noch ist.

Von der Natalie, sagt Akemi, die wunderbare Schwester, hat man lernen können, dass man die Welt nicht immer durch seine eigenen Augen beurteilen kann, sondern offen sein muss für andere Betrachtungsweisen. Natalie lebte, so Akemi, in ihrer eigenen Welt, die nicht für alle zugänglich war und die andere Werte hatte. „Entschleunigen“ konnte man von ihr lernen. Selbst einmal langsamer werden.

„Viele Menschen versäumen das kleine Glück, während sie auf das Große vergebens warten.“ Natalie Hoshi war, weil sie ein bisschen anders war, eine Lehrmeisterin für die anderen. Eine Lehrmeisterin in Sachen kleines, großes Glück und Zufriedenheit.

Dem himmlischen Stern hinterdrein
(Richard Mühl, 1947–2012)

„Deine Wangalan“ heißt die kleine Melodie, die du sehr gemocht hast, Richard. Tobi Reiser, der Jüngere, hat sie komponiert, das Reiser-Ensemble hat sie gespielt. Wir waren Hirten beim Salzburger Adventsingen, lang ist es her. Tobi Reiser, Karl Heinrich Waggerl, das war unsere Bubenzeit, Hirtenstock und Filzhut, der Andachtsjodler und der Stern, dem wir andächtig Jahr für Jahr gefolgt sind, auf dem Weg zum Stall von Bethlehem, auch wenn wir längst gewusst haben, dass der Stern bloß ein heller Scheinwerfer hoch droben im Beleuchterhimmel in der Aula oder im Festspielhaus gewesen ist.

Wer einmal Hirte war, der bleibt ein Hirte, dem Herzen nach, sein Leben lang. Du hast oft von dieser Zeit geplaudert, Richard, bist später gerne zu den Treffen der ehemaligen Hiatabuam und Hirtensänger gekommen. Wenn du aufgetaucht bist, nicht nur beim Hirtentreffen, ich glaube, das hast du immer und in jeder geselligen Runde so gemacht, hast du zuallererst jedem erzählt, wie lang du mit der Anni verheiratet bist. Und im nächsten Satz, dass du deinen erstgeborenen Sohn, den Richard, 1994 durch einen tragischen Unfall verloren hast. Das waren die ersten Sätze. Dann alles andere.

In der Nacht vor deinem so überraschenden Tod heute vor einer Woche, hast du mit der Nachtschwester im „Wehrle“ ein bisschen geshakert, kavaliersmäßig, und hast ihr dein ganzes Leben erzählt. Der erste Satz war wohl der: „45 Jahre bin ich mit der Anni verheiratet!“ Und der zweite: „Seit 18 Jahren ist mein erster Bub, der Richard, tot.“

Du warst so stolz und so verwundbar zugleich. Kein Diplomat, weiß Gott nicht. Wie einseitig wäre das Leben, wenn es nur diplomatische Menschen gäbe! Die zu allem Ja und Amen sagen. Du bist immer den geraden Weg gegangen, und der führt manchmal mit dem Kopf durch die Wand. Du bist einer mit Ecken und Kanten gewesen, da eckt man hin und wieder an. Das ist halt so.

Du hast oft einfach die Wahrheit gesagt, gradheraus – das verträgt nicht ein jeder. Das Wichtigste: Du hast Handschlagqualität besessen, auf dich hat man sich hundertprozentig verlassen können, ob als Versicherungs-Kunde oder als Freund. Du hast geholfen, wo es was zu helfen gab, ohne Zögern und ohne auf die Uhr zu schauen. Warst einfach da – zur richtigen Zeit. Du mit deiner rauen Schale und diesem großen butterweichen Herzen!

Der Anfang, der Einstieg ins Leben, war nicht gerade leicht. Die Jahre vor deiner Geburt: Der Vater im Krieg, die Mutter mit zwei Mädchen, der Judith und der Helga, deinen älteren Schwestern, auf der Flucht vor den Russen – irgendwohin in den Westen. In der Unterfischach-Mühle bei Köstendorf sind sie angekommen, haben beim Bauern wohnen und mitarbeiten dürfen. Gott sei Dank ist auch der Vater unversehrt aus dem Krieg zurückgekehrt. Und dann hast du das Licht der Welt erblickt, Ritschi – am 24. Februar 1947.

Richard Mühl, genauso wie der Vater. Dein Vater war gelernter Tischler und später ist er Finanzbeamter geworden. Aber vor allem war er so geschickt mit den Händen, beim Bauen, beim Basteln, ach bei allem. Wie tatkräftig hat er später beim Umbau eurer so sehr geliebten Hütte am Fuß des Schlenken mitgearbeitet! Er hat dir früh beigebracht, dass ein richtiger Bub immer ein Taschenmesser, eine Schnur und Streichhölzer bei sich tragen muss. Das hast du als richtiger Bub befolgt und später an deine beiden Buben weitergegeben. Beim Bauern von der Unterfischach-Mühle bist du am liebsten mit dem Traktor herumgefahren. Aber dann seid ihr mit Kind und Kegel in die Stadt gezogen, Salzburg, Nonntaler Hauptstraße – die ganze Familie auf engstem Raum. Platz ist in der kleinsten Hütte. Und dann ist noch der Bernhard, der kleine Bruder, zur Welt gekommen.

Eure Mutter, Leopoldine Mühl, hat sich einen Namen gemacht als engagierte Funktionärin bei den ÖVP-Frauen. Du hast ja später auch, ihrem Vorbild folgend, viel Zeit und Energie in die Partei-Mitarbeit bei der Ortsgruppe Parsch gesteckt.

Du, Ritschi, hast die Volksschule in Nonntal besucht, bist beim Sternsingen als einer der Heiligen Drei Könige vor lauter Übermut in den Almkanal gefallen, aber dir ist nichts passiert und man hat dir statt dem nassen Heiligen-Gewand Klamotten aus der Altkleidersammlung der Pfarre angezogen, dass du dir keinen Schnupfen holst. Du hast im Nonntaler Kirchenchor mitgesungen, warst Handballspieler, Hirte beim Adventsingen und Ministrant.

Lasst uns über die Liebe reden. Dass Ehen im Himmel geschlossen werden, ist ein allseits bekannter Satz. Aber dass sich zwei junge Menschen in der Kirche ineinander verschauen, so sehr, dass sie später einmal heiraten, das kommt nicht so oft vor. Du warst also Ministrant im Nonntal, Richard, fromm und spitzbübisch zugleich. Grad einmal fünf Jahre jung, als du damit angefangen hast. Und später dann, als ihr Ministranten alt genug dafür wart, habt ihr, deine Kollegen und du, leidenschaftlich gern mit dem Herrn Pfarrer tarockiert, wenn er nicht grad im Brevier gelesen hat.

Wo Ministranten sind, da sind meistens auch die Jungscharmädchen nicht weit. Eines dieser Mädchen, sie ist noch in die Hauptschule gegangen wie du, hat Anni geheißen, die Anni vom Hinterholzerkai. Jedes der Mädels hat sich einen Ministranten ausgesucht, rein platonisch, nur so zum Anhimmeln. Sie, die Anni, hat dich erkoren, den schlanken, ranken Ministranten Richard, blond und blauäugig … obwohl sie eigentlich von einem Schwarzhaarigen mit braunen Augen geträumt hätte. Egal – es war ja ohnehin eine Liebe ohne Worte, aber eine mit Herzklopfen. Deinetwegen ist sie mit dem Rad jedes Mal in die Frühmesse gefahren, weil du so fromm ministriert und so spitzbübisch gelächelt hast. Ach, diese wunderbare erste Verliebtheit!

Dann haben sich eure Wege getrennt. Die Anni vom Hinterholzerkai hat eine Bürokaufmannslehre gemacht, du hast eine Zeit lang die LBA besucht, die Lehrerbildungsanstalt. Einer deiner Lehrer war Hans Katschthaler, der spätere Landeshauptmann, der jetzt drei Wochen vor dir gestorben ist. Dein Musiklehrer in der LBA wollte unbedingt, dass du ein Instrument erlernst, weil du so musikalisch warst. Orgel zum Beispiel. Bei euch daheim hätte es eine Harfe für dich zum Spielen gegeben. Aber das war nicht in deinem Lebensplan vorgesehen. Singen – gern. Und laut! Dein ganzes Leben lang. Hunderte Wander-, Berg-, Volks- und Wienerlieder. Die Kirchenlieder sowieso. Fehlerfrei und textsicher. Aber kein Instrument.

Und auch die LBA hast du vorzeitig wieder verlassen. Lieber zum Bundesheer, hast du gedacht, für eine Weile.

Dann habt ihr euch wiedergefunden, die Anni und du. Am 24. Februar 1965, an deinem 18. Geburtstag. Bei einem Fest beim Römerwirt in Nonntal, gleich gegenüber von eurem Wohnhaus.

Du hast einen Nebenbuhler, den die Anni ohnehin unbedingt loswerden wollte, unmissverständlich in die Schranken gewiesen. „Hoppla, jetzt komm ich!“ Und die Sache war gelöst. Ihr habt getanzt, du und die Anni, und ihr seid beisammen geblieben, für immer.

Was für ein guter Tänzer du gewesen bist! Wenn die Anni mit ihren Bürokolleginnen unterwegs war, dann hast du auch mit denen getanzt, Kavalier, der du warst. Kein Ball, kein Fest, bei dem ihr nicht bis zum letzten Walzer getanzt habt. Als dich, später dann, das Knie im Stich gelassen hat, habt ihr zumindest in der Silvesternacht auf der „Hütt’n“ zu lauter Musik den Donauwalzer getanzt, die Feuerwerkssterne am Nachthimmel. Ihr zwei, im schönsten Walzerschritt. Da hättest du am liebsten die ganze Welt umarmt!

„Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen“, hat Augustinus geschrieben. Die Engel, da droben oder da drüben, wo auch immer sich der Himmel befindet, werden sich reißen um einen Tanz mit dir. Und du, Gentleman der alten Schule, wirst ihnen keinen Tanz verweigern.

Du hast ihnen ja längst und stolz erzählt: „45 Jahre war ich mit der Anni verheiratet!“ Vom Richard, dem Erstgeborenen, musst du nichts erzählen. Der ist ja längst bei dir. Ihr habt euch umarmt. „Alles ist gut.“ Und heute Nacht werdet ihr eine spontane Fahrt durch das Sternenmeer unternehmen, wie du, Ritschi, mit ihm früher das eine oder andere Mal, einfach so, spontan, mitten in der Nacht runter in den Süden ans Meer gedüst bist.

Im Jänner 1967 habt ihr in der Kirche Herrnau geheiratet, du und die Anni. Vier Monate später, die Liebe hat ihre eigene Zeitrechnung, ist der Richard zur Welt gekommen. Ihr habt in Obertrum gewohnt, dann in der Josefiau – und 1970 seid ihr Parscher geworden und geblieben, im Haus gegenüber der Parscher Kirche.

Die Anni hat beim ORF zu arbeiten begonnen. Du, Richard, hast verschiedenes ausprobiert in deinem Berufsleben: Hypo, dann Verkaufsförderer bei einer Getränkefirma. Und neben der Arbeit, sprich: in der Nacht, hast du, fleißig wie du warst, bei der Firma Albus die riesigen Busse gewaschen und gesäubert, damit mehr Geld ins Haus kommt. Bald seid ihr ja zu viert gewesen. 1973 ist euch der zweite Sohn, der Christian, geboren worden.

Ein fürsorglicher Vater bist du gewesen, sagt der Christian. Immer da, wenn man dich gebraucht hat. Du hast den beiden „Türen geöffnet“ und warst an ihrer Seite – das ist das Wichtigste, ob man sich immer ganz einig ist oder nicht.

Als der Richard und der Christian beim SAK Fußball gespielt haben, bist du selbstverständlich bei jedem Spiel dabei gewesen. Du warst ein richtiger Spielervater, hast alles in die Hand genommen, hast deine Buben unterstützt und angespornt.

Wenn der Richard auf Jungscharlager gefahren ist, bist du mitgefahren, als väterlicher Betreuer für alle. Du hast junge Menschen so gut motivieren können, Richard! Wenn der Christian ins Pfadfinderlager gezogen ist, bist du natürlich ebenfalls mitgekommen, hast organisiert, was zu organisieren war; und wenn noch Kochgeschirr gefehlt hat, hast du halt beim Bundesheer welches besorgt. Später dann, als der Christian in Graz studiert hat, hast du für ihn oft vorgekocht, hast ihm in der Kühltasche allerlei Köstliches und Nahrhaftes mitgegeben, damit der Bub, der Student, nicht verhungern muss.

Bei „SPAR“ bist du Finanz- und Vermögensreferent gewesen, da hast du selbstständig wichtige Entscheidungen treffen müssen und hast dich dabei wohlgefühlt, zehn Jahre lang. Bis auch dieses Kapitel für dich abgeschlossen war. Bei der Wiener Städtischen hast du 20 Jahre lang gearbeitet als Kundenbetreuer. Ich weiß es selbst, wie gewissenhaft und ausdauernd du Menschen, die keine Ahnung vom Versicherungswesen haben, beraten und begleitet hast. Und wenn es gepasst hat, hat man ein paar nagelneue Witze dazu serviert bekommen. Du warst Bezirksinspektor, aber Titel waren für dich das Unwichtigste überhaupt. Zu deinen Aufgaben hat es auch gehört, in den Kasernen die jungen Grundwehrdiener über Versicherungen zu informieren. Das hat dir Freude gemacht. Junge Menschen hast du gemocht.

Du hast die Natur geliebt, Richard, und hast die Deinen mitgenommen, deine Familie und Annis Familie – in die Berge, auf den Hochkönig zum Beispiel. Urlaub auf den Almen! Als du selbst noch ein junger Mann warst, bist du mit deiner Schwester Helga mit dem Fahrrad über den Pass Lueg gestrampelt und dann seid ihr zu Fuß hinauf auf die Werfener Hütte gestiegen. Die Berge haben dich fasziniert.

Zur Bundesheerzeit hast du am Untersberg beim Seilbahnbau mitgeholfen und hast Ziegel geschleppt. Das karge Ziegelgeld ist nach den Anstrengungen meist fürs Durstlöschen draufgegangen.

Wo du glücklich warst? Beim Schwammerlsuchen in Hüttau! Auf Reisen, mit dem Auto nach Kroatien. Du, der Frühaufsteher, hast alle anderen zum Frühstück mit Obst und Gemüse versorgt, das du bei Sonnenaufgang gepflückt oder eingekauft hast. Die Kreuzfahrt durchs Mittelmeer, die Schiffsfahrt auf dem Rhein, die Reise zur Zitronenblüte in Nizza und Cannes. Wanderurlaube in Niederösterreich. Die Flugreisen nach Amerika, nach Florida … und einmal mit dem Wohnmobil von Los Angeles bis Las Vegas. Deinen 65. Geburtstag, heuer im Februar, habt ihr, die Anni und du, Richard, auf Mallorca gefeiert, als die Mandelbäume so wunderschön geblüht haben.

Über alle Maßen glücklich? Auf der „Hütt’n“! Seit 30 Jahren – in jeder freien Minute „auf der Hütt’n“! Am Fuße des Schlenken habt ihr einen Stadel umgebaut, habt jedes Brett händisch hinaufgeschleppt, und dein Vater hat dir geholfen beim Fenster-Einbauen. Die zweite Hütte, die in Adnet-Wimberg, ist schon gestanden, aber hübsch erweitert habt ihr sie, immer fest Hand angelegt. Und dann diese unvergesslichen Momente: In der Hütte sitzen, vor der Hütte sitzen, mit lieben Freunden die prachtvolle Aussicht genießen, den Sonnenuntergang.

Einfach glücklich sein. Reden, singen, erzählen … wie lange du und die Anni schon verheiratet seid zum Beispiel. Voller Genuss das Bier trinken und den Schweinsbraten verspeisen, den du eigenhändig am alten Bauernofen zubereitet hast … oder deine Kaspressknödel. Ein begnadeter Koch bist du gewesen. 25 Leberknödel auf einmal – eine Kleinigkeit. Koch und Genießer. Beim Kochen hast du dich so gut vom Arbeitsstress und vom Alltagsärger erholen können. Redselig warst du. Und leutselig. Selig mit Leuten rund um dich.

Deine Anni hast du überallhin begleitet, auch zu den Dreharbeiten fürs Klingende Österreich. Du warst stolz auf deine Familie, über das erste Schulzeugnis eurer Enkelin Stefanie, lauter Einser!, hast du dich sehr gefreut. Vor vier Wochen warst du noch auf der „Hütt’n“, ein bissl was herrichten, für später.

Am Schluss ist alles so schnell gegangen. Dass du alles erledigt hast, hast du der Anni gesagt, „wann i’ a Bankl reiß“. Das war deine Art: raue Schale, butterweiches Herz. Du hast viele Seiten des Lebens kennengelernt, nicht nur die strahlenden. Du hast verzweifelt und du hast so glücklich sein können, Ritschi, Hirtenbruder. Du hast dir den Himmel weiß Gott redlich verdient.

Barfuß über jeden See
(Robert Christl, 1922–2013)

Da braust einer übers Wasser, am Seil von einem Motorboot gezogen, mehr als 60 Stundenkilometer schnell – braust so dahin und hat nicht einmal Skier unter den Füßen. Barfuß ist er unterwegs, auf den nackten Sohlen. Nicht irgendeiner: Robert Christl, Weltmeister im Barfuß-Wasserskifahren!

Dreieinhalb Kilometer barfuß übers Wasser flitzen. „Dann passt du drei Tage lang in keinen Schuh hinein, so geschwollen sind die Füße“, hat er mir erzählt, beim späten Besuch, keine vier Wochen vor seinem Tod, draußen in Itzling, in der Wohnung, in der er 65 Jahre lang gelebt hat. 26 Kilometer von seinem geliebten Mondsee entfernt, zu dem er bei jedem halbwegs schönen Wetter gefahren ist. Sein See, sein Club. Und er der Star, als Läufer und als Lehrer. Der Barfußkaiser.

„Er war ein Unikum, die Seele der Wasserschule, das Mädchen für alles“, sagt Sepp Mörtl vom Wasserskizentrum Mondsee. Immer für alles und für alle da. Hunderte Menschen haben von ihm das Wasserskilaufen gelernt … Wie Hunderte Menschen im Winter von ihm das Schneeskifahren gelernt haben.

„Das Wichtigste ist“, erzählt der Robert – und er kann so anschaulich erzählen auch ganz am Ende seines langen Lebens –, „dass du im richtigen Moment aus den Ski-Schlaufen springst und dann ganz flach arschlings und am Rücken auf der Wasseroberfläche landest. Wie ein Stein, den man über den See plattelt. Dann ziehst du den Körper hoch und braust dahin. Auf den Sohlen.“ So einfach ist das, wenn man einer wie er ist.

Wasserskifahren: Wahrscheinlich seine größte Leidenschaft – neben Skispringen, Kunstturnen, Turmspringen, Langlaufen, Drachenfliegen, Marathonlaufen und so weiter und so fort. 24 Sportarten in 46 Disziplinen hat er wettkampfmäßig betrieben. Und immer überall ganz vorne dabei. Einmal ist er Allround-Europameister in einer Kombination aus 20 Sportarten geworden!

Am meisten abgeräumt hat er freilich beim Wasserskilauf. 85 Medaillen allein bei Welt- und Europameisterschaften, davon 30 in Gold. Wenn man sein Trophäenzimmer in der Bognerstraße besichtigt, glaubt man, da müssen die Pokale, Medaillen und Urkunden einer ganzen Sportlergeneration deponiert sein. Es sind aber einzig und allein seine. 700 werden es wohl sein.

Darunter etwa ein Pokal, den ihm König Hussein von Jordanien persönlich überreicht hat. Dass er zweimal im Internationalen Guinness-Buch der Rekorde steht, hat ihn besonders stolz gemacht: 1997 mit 30 Teilnahmen an Wasserski-Europameisterschaften (es sind ja danach noch vier weitere gefolgt) und 2006 als ältester Schneeski- und Wasserski-Lehrer der Welt. Der Titel „Doyen der europäischen Wasserski-Elite“ hat ihn gefreut und geehrt. In Florida, in Australien ist er, Robert Christl, Ehrenmitglied bei den diversen Barfußfahrer-Clubs. Letzten Sommer, das ist ja erst ein halbes Jahr her, ist er in bestechender Manier über den Mondsee gefahren, mit dem Mono-Wasserski, nach seinem 90. Geburtstag noch.

Dabei wäre sein Leben, das Leben des Robert Christl, nach einem halben Jahr schon fast vorbei gewesen. In Stall im Mölltal hat er das Licht der Welt erblickt. Am 26. Juni 1922. Der Vater: nicht da. Ein lediges Kind also. Und die Mutter sieht nur eine Chance, den Buben über die Runden, in eine halbwegs gute Zukunft zu bringen: Er muss nach Zell am See, zu den Großeltern, den Steinachers. Also bettet sie ihn im kalten Jänner 1923 in einen Wickelpolster und die Hebamme macht sich mit ihm auf den Weg. Zu Fuß von Stall über Flattach bis Mallnitz, durch den Schnee, stundenlang.

Der Robert, der Bub, hat Keuchhusten und ist dem Tod näher als dem Leben. Von Mallnitz aus geht es mit dem Personenzug nach Zell. Der Opa ist ein sehr tüchtiger, erfolgreicher Schuhmacher; die Oma, die der Robert später dann und immer „Mutter“ nennen wird, schaut sich das hustende, kleine Würmchen im Wickelpolster an, meint lächelnd „So a liab’s Biabl!“, und schon gehört er zur Familie. 13 Kinder gibt es bereits, da kommt es den Steinachers auf ein weiteres wahrlich nicht an. „Bei dir“, sagt die Oma, die „Mutter“, später einmal, „hab i’ ma nur die Geburt erspart!“

Das „liabe Biabl“ wird rasch gesund und entwickelt sich in Zell am See prächtig. Wird ein lebendiges Kind im wahrsten Sinne des Wortes. An jedem Spiel, an jedem Sport interessiert. Spielt Fußball auf der Straße, mit so einem Temperament, dass dann und wann eine Fensterscheibe dran glauben muss. Vor allem aber gibt es den See für den Sommer. Und die Berge und bald schon die Schanze im Winter!

Der Robert ist grad einmal 14 Jahre alt, als die Sprungschanze im Köhlergraben eröffnet wird, 1936. Der legendäre Bubi Bradl siegt mit einem Sprung über 81,5 Meter. Robert Christl schafft als Vorspringer immerhin 49 Meter, ohne Training und mit 2,40 Meter langen Skiern, in die der Wagner von Zell am See schnell zwei Rinnen auf der Waxlseite gezogen hat, damit man mit diesen Dingern halbwegs springen kann. Am Gersberg, später dann, wird der Robert den Schanzenrekord aufstellen, der ewig hält – 38 Meter. Bis ins Flache. Und dann haut es ihn hin und er liegt eine Zeit lang im Gips, vom Hals bis zum Bauch. Auch das gehört zu so einer unglaublichen Sportlerkarriere. Wie er ja auch das Barfuß-Wasserskifahren nicht ohne gewaltige Salti, spektakuläre, schmerzhafte Stürze erlernt hat. Aber irgendwie ist er immer aufgestanden. Und weitergefahren, weitergesprungen.

Zurück in die 30er-Jahre. Die Schule ist vorbei, der Robert hat etliche Jugend- und Ortsmeisterschaften in verschiedenen Sportarten gewonnen. Jetzt geht es um den Beruf. Robert Christl hat einen großen Traum: Schauspieler möchte er werden. Einer wie der Heesters, der Albers oder der Willy Forst, die er in den Kinofilmen so bewundert. „Mach was G’scheites“, sagen die Großeltern. „Schauspieler ist kein Beruf!“ Also beginnt er eine Bäckerlehre in Lend. Bäckerlehrling, Bäcker sein – das heißt: In den Nachtstunden mit der Arbeit beginnen. Dann wird das Trainieren danach doppelt schwer.

Das wirft den Robert nicht aus der Bahn. Er ist willensstark und zäh. Und hat noch immer diesen Traum im Herzen: Schauspieler werden! Im März 1939 hat er als Bäcker ausgelernt. Drei Monate später ist er auch schon in Berlin. „Ich hab einen fürchterlichen Dialekt gesprochen“, erzählt er. Also nimmt Robert Christl Sprechunterricht, in einer renommierten Schule, in die auch so prominente Leute wie Rudolf Platte und Heinz Rühmann gegangen sind.

Ganz unrecht haben die Großeltern nicht gehabt. Viel Geld kann man als Schauspielanfänger nicht verdienen. Man muss eher dazuzahlen. Immerhin kann er in einigen Stücken an Berliner Theatern als Statist mitwirken. Einmal steht er an der Volksbühne Berlin in der Zirkuskomödie mit Gusti Wolf gemeinsam auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Oder bedeuten könnten.

Aber da ist schon Krieg, und jetzt beginnt ein ganz anderes Kapitel in seinem Leben. Robert Christl rückt zu einer Infanterie-Division ein. „Wer kann Skifahren?“, heißt es.

Wer schon! Er natürlich; und schon ist er Gebirgsjäger. Wird im Laufe des Krieges mit seiner Einheit in 50 Nahkämpfe verwickelt. Hat sehr viel Glück, aber am 22. Juli 1943 verwundet ihn ein Bauchschuss lebensgefährlich. „Da ist die Kugel rein“, erzählt der alte Herr und deutet auf die Narbe auf seinem immer noch braungebrannten Körper, vier Wochen vor seinem Tod, „und da hinten …“, und jetzt dreht er mir den Rücken zu, „… ist sie wieder raus!“

Eigentlich könnte der Krieg ab sofort für ihn vorbei sein, aber er wird noch einmal mit einem „letzten Aufgebot“ an Soldaten an die Fronten geschickt. Ins Baltikum, mit der „Ju 52“. Über Tallinn, Reval hieß die Stadt damals, werden sie alle einfach aus dem Flugzeug geworfen und müssen per Fallschirm landen. Der allererste Fallschirmsprung für ihn. Ohne Training, wie so oft. Noch eine Verwundung kommt dazu: Eine Ferse wird ihm durchschossen. Dass er später auf dieser Ferse, vom Motorboot gezogen, übers Wasser braust – unglaublich.

Dann ist der Krieg endgültig vorbei. Robert Christl arbeitet wieder in der Bäckerei in Lend. Aber der Traum von der Schauspielerei lässt ihn immer noch nicht los. Diesmal geht es, von einer Bekannten vermittelt, die Beziehungen hat, nach Wien, an das Horak-Konservatorium. Bibiane Zeller und Peter Minich sind seine Schauspielschul-Kollegen. Peter Minich verdankt er es übrigens, dass er mit dem Rauchen Schluss gemacht hat. Robert Christl, der brillante Sportler, hat bis zu seinem 28. Lebensjahr viel geraucht, 30 Zigaretten am Tag. Der Opern-, Operetten-, Musical-Sänger Minich, der ein guter Freund geblieben ist und sich im Laufe des Lebens oft mit ihm am Mondsee getroffen hat, sagt eines Tages, 1950: „Wetten, dass du es nicht schaffst, damit aufzuhören!“ Robert Christl hört in derselben Stunde damit auf, für immer, und gewinnt die Wette: 200 Schilling.

Die große Schauspielerkarriere hat sich nicht ergeben. In ein paar Filmen hat er kleinere Rollen übernommen, war dabei, als Luis Trenker seinen Dokumentarfilm über die Männer von Kaprun, über den Kraftwerksbau, gedreht hat. Und in Werbefilmen.

„Nivea Reklame“ – wer hätte besser gepasst als der ewig braungebrannte, smarte Robert Christl? Werbung hätte er für Vieles machen können. Für Sonnenbrillen, Zahnpasta, bunte Hawaii-Hemden – aber vor allem: fürs Leben selbst. Was für ein flirrend buntes Leben!

Also doch Bäcker von Beruf. Und das gerne und mit vollem Einsatz. Wie immer in seinem Leben. Bäcker bei seinem Bruder in Salzburg. Und später beim „Haidenthaler“. Bäcker bis zur Pensionierung vor gut 30 Jahren. Die Großeltern, die ja wie Eltern waren, haben schon recht gehabt. Für die Leidenschaft Sport war da allemal Platz genug. Bei der Schauspielerei wäre das viel schwieriger gewesen.

Wenn man den Namen Robert Christl nennt, bekommen heute noch viele Damen im reiferen Alter glänzende Augen und geraten regelrecht ins Schwärmen. „Womanizer“, würde man heute sagen. Ein Charmeur. Einer mit einem g’sunden Schmäh; und getanzt hat er auch fantastisch. Turniertänze – Walzer, Tango, Slowfox und Rumba. Nie „schlampert“ beisammen, immer ein Sir.

Am Tag, bevor ich mir seine Geschichten anhören darf, ist die Tochter von Bubi Bradl bei ihm, beim Robert, zu Besuch gewesen, zum Abschiedsbesuch. „So a fesche Frau!“, hat der Robert gesagt.

Die vielen Prominenten, die er gekannt und die ihn geschätzt haben! Katerina Jacob, die Kommissarin aus dem Bullen von Tölz, hat ihn in den Goldenen Hirschen eingeladen, um mit ihm über ihren Vater zu plaudern, der im Krieg sein Vorgesetzter gewesen ist, Major Jacob. Der Schauspielerin Hildegard Knef hat er, als sie in Salzburg war, ziemlich krank, ein Bett in seiner Wohnung zur pflegerischen Betreuung überlassen. Sepp Forcher hat ihn in einem Brief „mein Über-Weltmeister“ genannt. Jochen Rindt, Klammer, Goldberger, Hinterseer, Helmuth Lohner – alle haben sich gern mit ihm fotografieren lassen und mit ihm über den Sport, das Leben, das Theater geplaudert.

„I’ möcht auch amoi so berühmt werden wie der Onkel Robert!“ Der das gesagt hat, ist sogar noch berühmter geworden. Robert Christls Großneffe – Hans-Peter Steinacher, Doppel-Olympiasieger im Segeln.

Wenn man Robert Christl nach dem Geheimnis für seine Fitness und für seine grandiosen Erfolge befragt hat, dann hat er immer locker aus der trainierten Hüfte heraus gesagt: „Viel Sport, kein Nikotin, viel Milch und Kakao, kein Alkohol, keine Sorgen!“

Das mit den Sorgen ist so eine Sache. Dass neben dem Beruf und dem Sport zu wenig Zeit für die Familie geblieben ist, das hat er, vor allem in den letzten Jahren und Monaten, sehr bedauert. Eine Ehe, die früh gescheitert ist. Und dann der Sohn, die Enkelin mit ihrer Familie, Urenkel. Viel zu selten in den Arm genommen. Alles im Leben hat seinen Preis. Und nichts im Leben kann man zurückdrehen.

Schön, dass Wolfgang, der Sohn, in einer der letzten Nächte bei ihm in der Palliativstation im Landeskrankenhaus sein konnte. Und dass Magdalena, die Enkelin, mit ihren Kleinen gekommen ist – mit dem Theo und dem Konstantin, der im Sterbezimmer noch Bilder gemalt hat für den Uropa.

Schön, dass die Frau Lackner, die liebe Nachbarin, sich so sehr um ihn gekümmert hat, und die Tante Mitzi und die Cousine Christa vor allem, die ihm in der allerletzten Nacht im Kerzenschein noch das lange Weihnachtsgedicht aufgesagt hat, das man in der Familie immer so gern gehört hat. Frau Dr. Faber, der Engel von der Palliativstation, hat extra für ihn, nachdem er noch die Krankensalbung bekommen hat, auf dem Klavier gespielt.

Was bleibt und was ihn stolz gemacht hat: die Anerkennung, die Wertschätzung in der Welt draußen und in seiner Heimat. Die Verdienstzeichen in Gold und Silber, seinen Lieblingsfarben, der Republik Österreich, des Landes Salzburg, der Sportverbände, der Wörtherseer und seiner Mondseer vor allem.

Geld hat Robert Christl mit dem Sport nicht wirklich verdienen können. Ein paar Hundert Schilling bei Wasserski-Vorführungen beim Seefest in Zell. Aber darum ist es ja nicht gegangen.

Er hat sein Leben gelebt, er, das liabe Biabl aus dem Mölltal, er, der so besondere Mensch, der mehr als ein Mal dem Tod von der Schaufel gesprungen ist, als Kind, im Krieg.

87 Meter: Seine Höchstweite beim Skispringen, einstmals in Bischofshofen, die Arme voraus, tadelloser Telemark.

Pumperlgesund, 90 Jahre lang. Dann, nach diesem schönen letzten Sommer am Mondsee, auf dem Mondsee – die Krankheit, gegen die es kein Gewinnen mehr gibt. Wenn ihn in den letzten Wochen seines Lebens ein Hospizbegleiter besucht hat, dann hat der Robert ihm – ach, dieses Elefantengedächtnis! – die lateinischen Gebete rezitiert, die er als Ministrant in seiner Kinderzeit in Zell am See gelernt hat.

In seinem Krankenzimmer daheim in Itzling, beim Fenster mit dem Blick ins Weite, bis zum Untersberg hin, steht der Hometrainer. „Da setz ich mich im Moment lieber nicht drauf“, hat er gesagt, vier Wochen vor seinem Tod. Gegen den Tod, letztendlich, kann man nur verlieren. Robert Christl ist als fairer Verlierer abgetreten von der Lebensbühne. Nein, nicht als Verlierer, einfach als Zweiter. Hinter dem Tod. Einmal ist er bei der österreichischen Marathon-Meisterschaft Zweiter geworden, hinter der Marathon-Legende Adolf Gruber. „Der hat’s leicht g’habt“, hat er gemeint, „der hat ja nix anderes g’macht!“

Robert Christl hat diese Welt gefasst verlassen, in Frieden. Mit einem Lächeln und in großer Dankbarkeit für sein sagenhaftes, unvergleichliches Leben.

Die Zugfahrt ins Glück
(der Herr Fritz, 1942–2020)

Lasst mich mit dieser Geschichte beginnen, weil sie erstens so hübsch ist und weil sie zweitens wohl die entscheidende Geschichte war im gemeinsamen Leben von Fritz und Gerlinde. Eine Weihnachtsgeschichte. Weihnachten 1972, vor 48 Jahren also.

1972, noch rasch eingefügt, haben zwei Lieder die heimische Schlagerparade dominiert: Es fährt ein Zug nach Nirgendwo und Ich wünsch mir ’ne kleine Miezekatze, vom Zeichentrickhund Wum interpretiert. Und den hat, wie auch das Lied, der Meisterzeichner und -satiriker Loriot erfunden. Loriot, seine Kunst und seinen Humor, hat der Fritz sein Leben lang gemocht und bewundert.

1972 also. Eine junge Frau mit dem Namen Gerlinde hat grad das Abteil im Liegewagen eines Zuges betreten. Nicht Nirgendwohin und auch nicht irgendeines Zuges – es ist der „Wiener Walzer“, der Nachtzug von Basel nach Budapest. Sie ist Österreicherin, in Langenlois aufgewachsen, in Wien zur Krankengymnastin ausgebildet, mit Berufserfahrung im Salzburger Kurhaus, seit einigen Jahren in der Schweiz aktiv. Zurzeit als Physiotherapeutin im Kantonsspital in Luzern.

Heute will sie für ein paar Tage heimfahren. Weihnachtsurlaub. Eine Mitreisende, auch für dieses Abteil gebucht, hat einen schweren Koffer dabei, den die beiden Frauen nicht auf die Gepäckablage hieven können. Dann dieser Moment. Und dieser Satz. Ein Mann so um die 30 öffnet die Schiebetür zum Liegewagenabteil – und die Frau Gerlinde ruft voller Erleichterung: „Endlich ein Mann!“ Gemeint war: Endlich einer, der den Koffer stemmen kann.

Aus dieser Szene, aus diesem Satz hätte Loriot wohl einen köstlichen Sketch gemacht, über den der Herr Fritz, wie er sich vorstellt, herzlich gelacht hätte. „Endlich ein Mann!“ – zum Kofferheben.

Der erste Satz, die erste Begegnung, und sympathisch ist er auch. Ingenieur, Diplomkaufmann, aber solche Titel sind ihm, waren ihm immer völlig unwichtig. Dass er beim Elektrotechnikkonzern Brown, Boveri & Cie in Südafrika arbeitet, im Moment aber im Mutterhaus des Unternehmens in Baden bei Zürich beschäftigt sei, erzählt er. Und dass er in ein paar Monaten wieder nach Südafrika, nach Johannesburg, zurückkehren werde. Sympathisch ist er und fesch. Schnürlsamtjeans, schicker Pullover, leger und elegant zugleich. Dass Jeans, Blue Jeans vor allem, seine absolute Lieblingsgarderobe sind und er sogar auf Kunstereignisse verzichtet, wenn man sich dafür „aufmascherln“ müsste, wie er es nennt, also die Jeans gegen eine Anzugshose wechseln, weiß die Frau Gerlinde noch nicht.

Man könnte doch nach der Rückkehr vom Kurzurlaub einmal gemeinsam essen gehen. Kurzum: Der erste Satz ist gefallen, die ersten Worte sind gewechselt. Und jetzt kommt erst einmal Weihnachten.

Die beiden bleiben in Verbindung. Man trifft sich wieder – und bald schon stellt der Fritz der Gerlinde eine schwerwiegende Frage. Ob sie nicht mit ihm nach Südafrika gehen möchte. Da muss man natürlich gründlich nachdenken. Fritz fliegt im April. Gerlinde im September. In Johannesburg beginnt sozusagen das offizielle Glück der beiden. Ein Dreivierteljahr später, im Sommer 1974, kehren sie gemeinsam zurück und schlagen ihre Zelte in Salzburg auf.

Was folgt, sind 47 Jahre Zuneigung, 47 Jahre Fürsorge und aufeinander Schauen. Liebe und Respekt. Jeder lässt dem anderen Freiräume für die jeweiligen Interessen und Besonderheiten. Gerlinde geht gerne Tanzen, der Fritz verweigert mit der augenzwinkernden Ausrede: „Ich hab einen Nagel im Knie!“ Sie besucht Konzerte und Opern mit Freundinnen und Freunden, weil er sich so schwer von seinen Blue Jeans trennen kann und nicht in die Abendgarderobe schlüpfen mag. Opern und Konzerte sind ja auch im Fernsehen schön.

Außerdem genügt es, wenn einer bzw. eine von ihnen bei der Saunarunde und im Gesangschor dabei ist. Der andere, der Fritz also, hält die Gemütlichkeit daheim in Ehren.

Das Wichtigste: Beide freuen sich, wenn es dem anderen gut geht. Und wenn es dem oder der anderen nicht gut geht, kümmert sich der Lebenspartner mit Haut und Haar, von ganzem Herzen darum. Wie oft ist der Fritz mit dem Rad zur Gerlinde ins Diakonissenkrankenhaus gefahren, als es ihr so schlecht gegangen ist. Wie oft hat die Gerlinde den Fritz im Spital besucht, bei seinen diversen gesundheitlichen Problemen und vor allem in den schweren letzten Wochen auf der Herzchirurgie, auf der Intensivstation. Sie waren füreinander da, an hellen Tagen und in dunklen Nächten.

„Eine glückliche Ehe ist eine, in der sie ein bisschen blind und er ein bisschen taub ist“, hat der Sir unter den Humoristen, Loriot, der Lieblingsautor vom Fritz, geschrieben. Einer der wenigen geistreichen, pfiffigen Sätze, dem die beiden widersprechen müssen. Jeden so lassen wie er ist, quirlig die eine, in sich ruhend der andere – und so viel wie erwünscht gemeinsam erleben. Da muss man nicht ein bisschen blind oder ein bisschen taub sein. Verstehen, vertrauen, sich freuen, wenn der Partner sich freut. Das ist die Basis für eine glückliche Ehe.

Sieben Jahre leben Fritz und Gerlinde glücklich, zufrieden und unverheiratet dahin, bis die Mütter, wir schreiben das Jahr 1980, meinen: Jetzt ist es aber Zeit! Die Hochzeit findet am Standesamt in Grödig statt, weil man den dortigen Standesbeamten kennt und der Fritz die „Trauungsfabrik“ im Marmorsaal im Schloss Mirabell so gar nicht mag.

Die Hochzeitsreise wird mit einem großen Hobby von beiden verbunden: Tennisspielen. Und zwar an der Adria, in Bibione. Natürlich haben sie ein Doppelzimmer bestellt, aber noch unter ihren Vor-Ehe-Namen. Sie bekommen auch ein Doppelzimmer, eines, in dem die beiden Betten weit voneinander entfernt sind. Noch dazu an der Wand festgeschraubt. Da lässt sich nichts zusammenschieben.

Fritz und Gerlinde können über diese kleine Einschränkung in der Flitterwoche herzlich lachen. Nur die Quartiergeber sind völlig aus dem Häuschen, als sie am letzten Tag erfahren, dass die beiden auf Hochzeitsreise in ihrem Hotel abgestiegen sind. „Luna di miele! Notte di nozze!“ – und entschuldigen sich mit einem Prosecco nach dem anderen für das Missverständnis. Gerlinde und Fritz sind voll in ihrem Glück und ziemlich proseccoselig beim Abschiednehmen.

Der Fritz. Das Licht der Welt erblickt er am 9. Juni 1942 in Kittsee, ganz im Osten von Österreich, wenige Kilometer und eine Donaubreite von Pressburg, Bratislava, entfernt. Die Eltern, Vater Josef und Mutter Grete, leben in Pressburg, in Kittsee aber befindet sich ein Krankenhaus für die Pressburger. Für Geburten, für Neugeborene wie den kleinen Fritz.

Die Zeiten damals sind unruhig, gefährlich. Der Vater ist im Krieg, gerät in Finnland in Kriegsgefangenschaft. Und eines Tages, 1945, muss die Mutter samt der Großmutter und dem kleinen Fritz, grad einmal drei Jahre alt, die Flucht ergreifen, von einem Tag auf den anderen. Ach ja, ein Schwesterchen ist auch dabei, zwei Jahre jünger als Fritz – Monika.

Ist das der Zug, der nach Nirgendwo fährt, wie in dem erwähnten Lied? Es geht Richtung Krems und schließlich nach Haitzendorf, wo sich das sagenhafte Schloss Grafenegg befindet, dereinst (und auch heute wieder) ein stattlicher Schlossbau samt großem Park, quer durch die Jahrhunderte von namhaften Grafen bewohnt.

Aber jetzt, nach dem Zweiten Weltkrieg, ist das Schloss in die Hände der russischen Besatzungsmacht gefallen und von den sowjetischen Truppen verwüstet worden. Alles Brennbare hat man verheizt, nicht zuletzt die wertvolle Kunst- und Büchersammlung. Ein Onkel vom kleinen Fritz kann für „den Russen“, den im schwer beschädigten Schloss herrschenden General und seine Mannschaft, arbeiten, als Chauffeur etwa. Und die Mutter von Fritz und Monika fungiert als Dolmetscherin und Sekretärin. Immerhin spricht sie drei Sprachen fließend: Slowenisch, Ungarisch und Deutsch.

Für die vielen Kinder, die mit ihren Familien in den Häusern rund um das Schloss, das eine Halbruine geworden ist, leben, ist das der herrlichste Spielplatz überhaupt. Man kann, wenn einem danach ist, die noch verbliebenen Fensterscheiben mit Steinen einschlagen, im Schlosspark herumtollen, Fußball spielen. Oder mit dem Hund vom „Russen“, dem Alfi, durchs Gelände laufen. Oder den Ochsenkarren ziehen. Ländlich, unbeschwert, Abenteuer pur.

Als der Vater aus der Gefangenschaft zurückkehrt, findet auch er Arbeit in der dortigen Land- und Forstwirtschaft.

Nach dem Abzug der russischen Besatzer übernimmt wieder der angestammte Adel das Schloss. Nicht zuletzt die Familie Metternich. Mutter Grete wird Buchhalterin auf Grafenegg. Und der Bub, der Fritz, bereitet sich in der Volksschule Haitzendorf auf das künftige Erwachsenenleben vor. Viel später, wenn im Familien- oder Freundeskreis irgendein Rätsel oder eine besondere Frage aufzulösen ist, hört man aus seinem Mund oft den Satz: „Das weiß ich! Ich war ja in der Volksschule Haitzendorf!“

Dann die Realschule in Krems. Da kann der Fritz seine Liebe zur Technik erproben und ausleben. Zur Schule kommt er per Fahrrad und Bahn. Mit dem Rad zur Haltestelle, bei Wind und Wetter, Hitze und Frost. Und dann im Zugwaggon zum Unterricht. Die Realschule grenzt in Krems unmittelbar an das Realgymnasium. Dazwischen liegt ein Park, ein Pausenhof, der von den Schülerinnen und Schülern beider Schulen bevölkert wird.

Das Realgymnasium besucht damals ein Mädchen namens Gerlinde, ein Jahr jünger als der Fritz. Sie kommt von Langenlois mit dem Bus – er aus Haitzendorf/Grafenegg mit Rad und Bahn. Am Schulpausenhof werden sie wohl das eine oder andere Mal aneinander vorbeigelaufen sein. Sie haben keine Ahnung voneinander und keine Idee, dass sie das Schicksal einmal so fest zusammenbringen wird, gut 20 Jahre später. Keiner kann sich an den anderen erinnern, als sie auf der Weihnachtsfahrt 1972 von Zürich nach Wien und später über ihre Schulerlebnisse von damals plaudern …

Fritz’ Familie ist nach Wien übersiedelt, nach Alsergrund-Lichtental im 9. Bezirk – und der junge Mann besucht die HTBL, die Höhere Technische Bundeslehranstalt, Abteilung Maschinenbau, in der Schellinggasse. Das ist genau das Seine. Aber noch nicht alles. Kaum hat er den Ingenieurs-Titel („Schmalspur-Ingenieure“ nennen die Lästerer die HTL-Absolventen) in der Tasche, beginnt der Fritz was ganz anderes. Er studiert Welthandel und wird Diplomkaufmann.

Wie gesagt: Titel waren ihm nie wichtig. Das Bundesheer muss er, da ist er schon Mitte 20, noch absolvieren. Als einer, der des Schreibens und des Lesens (nachweisbar!) mächtig ist, kann er in einer Schreibstube dienen. Jetzt ist er also Techniker, Mathematiker, im Welthandel erfahren, er kann so viel, er weiß so viel.

Da schmiedet er mit ein paar Schul- und Studienkollegen einen großen Plan. Mit dem Richard vor allem, der ihm fast ein Zwillingsbruder ist, durchs ganze Leben, mit dem der Fritz bis zuletzt lange Telefongespräche über Gott und die Welt geführt hat. In Südafrika, haben sie erfahren, wartet man auf Techniker aus Österreich. Die stehen in bestem Ruf aufgrund ihrer besonders guten Ausbildung. Auf nach Südafrika also! Die Eltern bringen den Fritz nach Triest, zum Schiff, und realisieren erst nach drei Wochen, als sich ihr Sohn aus Johannesburg meldet, so richtig, dass er tatsächlich ausgewandert ist.

Mit wenig Geld ist er angekommen. Die erste Zeit, wir schreiben das Jahr 1967, wohnt der junge Herr Ingenieur in einem Migrantenhotel und wartet, was sich so ergeben wird, berufsmäßig. Zunächst wird er als Techniker an verschiedene Firmen verliehen. Bis er bei Brown Boveri anheuern kann, als technischer Zeichner von Plänen für Kraftwerke, Turbinenbauten und vieles mehr. Seine Zeichnungen sind imposante kleine Meisterwerke. Die Arbeit floriert, Fritz wohnt mit ein paar Kollegen im eigens gemieteten Haus und schließlich mit dem Freund Hermann und dessen Frau in einem Häuschen in Parkhurst, einem Vorort von Johannesburg.

Für eineinhalb Jahre wird er ins Mutterhaus von Brown Boveri nach Baden bei Zürich geschickt. Und kurz bevor er wieder zurück nach Johannesburg fliegt, trifft er – im Weihnachtszug 1972 – diese hübsche junge Frau, die ihm tatsächlich bald schon nach Südafrika nachreist. Sie, die Gerlinde, findet rasch Arbeit im General Hospital in Johannesburg, lernt den Fritz so richtig kennen und lieben – und beide verbringen wunderschöne Monate mit Arbeit, die ihnen Freude macht, und geselligen Abenden mit den ausgewanderten Studienkollegen und Geschäftspartnern vom Fritz.

So bereichernd und erfüllend diese Zeit auch ist, bei beiden taucht irgendwann ein bisschen Sehnsucht nach Österreich auf. Die letzten vier Wochen reisen sie mit einem VW-Käfer durch Südwestafrika.

Wo die Geschichte von Fritz und Gerlinde weitergehen wird? Wien oder Salzburg? Sie entscheiden sich für Salzburg, wo Gerlinde bereits über eine kleine Wohnung in Lehen und etliche Freunde verfügt. Sie, die erfahrene Physiotherapeutin, findet auch sofort einen Traumjob in Großgmain. Er, der Fritz, sattelt wieder einmal um. „Steuerberater“ lautet jetzt sein Berufsziel.

Die ersten Tage in der Steuerberaterkanzlei, nach der südafrikanischen Sonne, sind schrecklich für ihn. In Salzburg schüttet es ohne Unterbrechung. Aber auch das geht vorbei, wie die Ausbildung vorbeigeht – und der Herr Fritz, bereits Ingenieur und Diplomkaufmann, ist jetzt tatsächlich auch noch geprüfter Steuerberater. Ein Beruf, den er nie ausüben wird.

Nein, er disponiert nach bestandener Prüfung postwendend um und widmet sich der Technik, wird bei der VOEST in Linz technischer Verkäufer für den Turbinenbau und andere große Projekte. Und das fünf Jahre lang. Während der Woche arbeitet und lebt er in Linz und am Wochenende ist er in Salzburg, bei seiner Gerlinde. Seit 1977 in der Eigentumswohnung in der Akademiestraße in Nonntal. Der finanzielle Grundstock dafür war übrigens ein gemeinsam mit Arbeitskollegen errungener Lottogewinn. Fritz im Glück.

Und noch ein großes berufliches und privates Abenteuer wartet auf die beiden: Singapur. Das Außenhandelsbüro der Voestalpine. Gerlinde ist inzwischen Therapeutin am UKH in Salzburg, aber jetzt lässt sie sich für ein Jahr karenzieren, um mit ihrem Fritz nach Asien zu übersiedeln. Highlife für sie – ein tolles Leben für beide.

Während der Fritz als technischer Kaufmann sich um den Außenhandel und den Vertrieb von Voestalpine-Projekten kümmert, besucht Gerlinde die Alliance zum Französischlernen. Gemeinsam wird Tennis gespielt – außerdem gibt es in Singapur viele liebe Menschen aus aller Herren Länder, die bald zu Freunden werden: Engländer, Chinesen, Holländer, Inder. Bei den vielen Essens-Einladungen werden jeweils typische Nationalgerichte aufgetischt. Und wann immer Zeit bleibt, wird gereist. Gerlinde und Fritz besuchen Bali, Indien, Hongkong. Ein herrliches Jahr!

Dann der endgültige Wechsel zurück nach Hause, nach Salzburg. Gerlinde wird leitende Physiotherapeutin am UKH, Fritz arbeitet bei Hydrotechnik in Grödig und dann (und bis zur Pensionierung) als technischer Kaufmann bei der Firma Otis, dem weltweit führenden Unternehmen für Lift- und Aufzuganlagen.

Was den Fritz so liebenswert machte? Natürlich diese bedingungslose Liebe und Fürsorge seiner Gerlinde gegenüber. Dass sie sich mit ihm wunderbar „wegen eines Schmarrns“ streiten, ihn zum Aufbrausen bringen konnte, aber nur für kurze Zeit. Die Versöhnung, auch die Entschuldigung folgte immer auf den Fuß. Dass er immer wusste, was er will. Dass er Gerlindes hervorragender Berater in Finanz- und Steuersachen gewesen ist. Dass man von ihm so viel über Wirtschaft, das Bankwesen, die Technik lernen konnte.

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