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Viveca Lärn
Roberta, mein Tagebuch und ich
Deutsch von Angelika Kutsch
Zeichnungen von Eva Eriksson
Saga
Liebes neues rotes Tagebuch,
ich taufe dich mit Pfefferminztee
auf den Namen Botilda.
Jetzt taufe ich dich. Spritz, spritz.
Und von nun an heißt du Botilda.
19. August
Morgen fängt die Schule wieder an. Papa hat versprochen, mit mir zusammen ein Lineal zu kaufen. Wenn man in die zweite Klasse kommt, braucht man ein rosa Lineal mit weißen Wolken drauf.
Oh, es klingelt gerade. Tschüs, Botilda.
Später
Es war Roberta. Ein Glück, daß ich zur Tür gegangen bin. Wenn Papa aufmacht, vergißt Roberta immer, ihm guten Tag zu sagen. Sie rennt einfach an ihm vorbei und hinein in mein Zimmer. Darüber ärgert sich Papa jedesmal.
»Beeil dich!« rief Roberta, kaum, daß ich geöffnet hatte. »Wir müssen was ganz Wichtiges tun, und es ist schrecklich eilig.«
»Das geht nicht«, sagte ich. »Papa und ich wollen gleich ein Lineal für mich kaufen.«
Roberta rollte mit den Augen und legte ihre Hand auf meine Stirn. »Hast du Fieber?« fragte sie. »Die Schule fängt doch erst morgen an. Willst du dir die ganzen Sommerferien verderben und jetzt ein Lineal kaufen?«
Papa freute sich überhaupt nicht, als ich sagte, ich wolle mit Roberta weggehen statt mit ihm ein Lineal zu kaufen.
»Aber Roberta und ich haben was ganz Wichtiges vor«, sagte ich. »Das Lineal können wir ein andermal kaufen. Wir wollen uns doch nicht die Sommerferien verderben.«
Papa sah erstaunt aus, aber dann setzte er sich hin und fing an, in einem seiner geliebten Kataloge zu blättern. Es sind lauter Zwiebeln drin abgebildet. Solche, die man im Herbst in die Erde steckt, und im Frühling kommen Tulpen heraus. Obwohl wir keine Erde haben. Trotzdem liest Papa alles über Zwiebeln.
Ich lief hinter Roberta her, und sie blieb erst vor Enoks Schuhgeschäft stehen. Dort legte sie mir die Arme um den Hals und blies warme Luft ins Ohr. Ich glaub, es war das linke. Oder vielleicht das rechte. Man grüßt mit der rechten Hand. Also war es das linke Ohr? Oder doch das rechte?
Was für einen Schreck ich kriegte, Botilda, als ich einen Augenblick lang glaubte, ich hätte während der langen Sommerferien vergessen, wie das mit rechts und links ist! Was würde meine Lehrerin dazu sagen?
Ich machte die Augen zu und versuchte mir vorzustellen, wie sie aussieht. Es ging nicht! Es ist wirklich schrecklich, wenn man so lange Ferien hat. Wenn meine Lehrerin nun mal die Straße entlangkam, und ich erkannte sie nicht wieder!
Sie würde sagen: »Guten Tag, kleine Mimi!«
Und ich würde nicht antworten, denn ich darf nicht mit fremden Leuten reden. Furchtbar!
Jetzt stampfte Roberta mit dem Fuß auf.
»Was ist los mit dir, Mimi?« schrie sie. »Du hörst mir ja gar nicht zu! Dabei ist es so wichtig.«
»Oje«, antwortete ich. »Sag’s noch mal. Ich hab grad an meine Lehrerin gedacht.«
Roberta seufzte, aber dann drückte sie ihren Mund wieder gegen mein Ohr. Es war ganz bestimmt das rechte.
»Wir müssen Enok beobachten«, sagte sie. »Er ist sehr merkwürdig. Wir wollen ihm nachschleichen.«
Enok! Dann hätte ich ebensogut mit Papa ein Lineal kaufen können. Womöglich sind die Lineale morgen ausverkauft. Dann ist es Robertas Schuld.
»Enok«, sagte ich, »das ist doch nur ein alter Mann, der Schuhe verkauft.«
»Enok«, quietschte Roberta, »ist überhaupt kein gewöhnlicher alter Mann. Ich hab ihn beobachtet. Er macht undurchsichtige Sachen. Gestern hat er seinen Laden mitten am Tag geschlossen, und dann ist er mit seiner Angel um die Ecke da verschwunden.«
»Vielleicht wollte er angeln gehen«, sagte ich böse.
»Der See liegt aber in der anderen Richtung«, sagte Roberta.
»Es ist wirklich blöd, wenn man sich mit so einer Nuckelflasche aus der ersten Klasse wie dir abgeben muß.«
»Ich komme morgen in die zweite Klasse«, sagte ich.
Es war ein tolles Gefühl im Bauch, zweite Klasse zu sagen.
»Wir schleichen Enok nach«, sagte Roberta, »nur du und ich.«
Es ist nicht zu fassen, wie nett sie ist!
20. August
Es ist gerade sechs Uhr morgens, und ich kann nicht wieder einschlafen, obwohl ich es schon viermal versucht hab. Um zehn beginnt die Schule, und ich hab vor vier Sachen Angst:
1 Wenn meine Lehrerin nicht mehr meine Lehrerin ist, sondern eine andere – vielleicht eine Punkerin mit viereckigen Nasenlöchern. Das hab ich heut nacht geträumt.
2 Wenn alle anderen Lineal und Papier auf dem Tisch haben und ich nicht.
3 Wenn der Hausmeister mich nicht wiedererkennt und Linda mit »Hallo, Mimi!« begrüßt.
4 Wenn alle anderen große weiße richtige Zähne gekriegt haben in den Sommerferien.
Später
Der Schulanfang war wunderbar. Du hättest dabeisein sollen, Botilda. Wir sollen Schönschrift und alles mögliche lernen. Björn Axelsson hat vorne riesengroße Zähne gekriegt. Wie Zuckerstückchen. Er hat sich auf den Bauch geklopft und gesagt, daß er diesen Sommer viel Eis gegessen hat. Davon sind seine Zähne so groß geworden.
»Wieviel Eis?« hat Linda gefragt.
Das wußte Björn nicht. Er stellte sich eine Weile auf die Hände. Aber Linda hat bloß die Nase kraus gezogen.
Sie hat ein besonderes Notizbuch von ihrem Papa gekriegt, und in dem hat sie jedes Eis aufgeschrieben, das sie im Sommer gegessen hat.
Die Lehrerin fragte, ob wir in den Ferien auch viel Eis gegessen haben.
Da meldete Linda sich. »Ich hab jeden Tag Eis gegessen, außer am 24. Juni«, sagte sie. »Da hatte ich Bauchschmerzen.«
Wie leicht es war, »Hier« zu sagen, als wir aufgerufen wurden! Ich bekam nicht mal einen Schluckauf.
Lindas Mama und Papa saßen in ihren besten Kleidern am Fenster und lächelten. Sonst waren keine Mamas und keine Papas da.
Meine Mama wollte eigentlich auch kommen. Aber ich wollte es nicht, obwohl sie sich ihre blauen langen Hosen und den blauen Pullover und die gewöhnlichen blauen Schuhe angezogen hatte. Damit sieht sie ja fast aus, wie eine richtige Mama aussehen sollte.
»Ich bin doch keine Nuckelflasche aus der ersten Klasse, Mama«, hab ich gesagt.
»Ich weiß«, sagte sie seufzend und zog wieder ihr Lieblingskleid mit dem Tigermuster an.
Unsere Lehrerin war so süß. Sie hat im Sommer lauter Sommersprossen auf den Backen und an den Händen bekommen. Sommerferien müssen langweilig sein, wenn man Lehrerin ist. Dann hat man gar nichts zu tun. Wenn ich Lehrerin werde, dann werd ich während der Sommerferien Schwimmlehrerin. Ich langweile mich bestimmt nicht. Aber vielleicht werde ich auch Bäcker. Bäcker oder Hirnchirurg, das ist die Frage.
Ich mußte einen Haufen komischer Papiere mit nach Hause nehmen. Auf einem stand der Essensplan der Schulküche für die Woche. Wir sollten zweimal Hühnerfrikassee und dreimal Leber essen. Wenn es Leber gibt, bin ich wahrscheinlich krank. Furchtbar krank. Verflixt krank. Hast du gemerkt, daß ich geflucht habe, Botilda? Man ist schließlich nicht mehr so eine Nuckelflasche aus der ersten Klasse. Aber ich hab sie gesehen. Huh. Die Nuckelflaschen, mein ich. Sie standen auf dem Schulhof herum. Kaum zu glauben, wie klein die sind. Wie Erdnüsse.
Aber den Hausmeister hab ich nicht gesehen. Hoffentlich ist er nicht gestorben.
27. August
Himmel, macht das einen Spaß, in die zweite Klasse zu gehen. Aber es ist schrecklich, wie ich im Augenblick fluche. Mama hat mir Fluchen verboten. Aber Papa darf das, komischerweise. Mama sagt, ihn hat sie schließlich nicht erzogen.
Gestern ist unser Fernseher kaputtgegangen (wieder mal), und da hat Papa gleich mehrere Flüche losgelassen. Er hat mindestens zweimal das Wort mit »Sch« am Anfang gesagt.
Heute war die Schule erst um zwanzig vor zwei aus. Es ist herrlich, so lange in die Schule zu gehen. Dann ist man richtig müde und hungrig, wenn man nach Hause kommt. Mama lag noch im Bett, denn sie ist erst von der Arbeit gekommen, als ich heute morgen wegging. Ich will nie Serviererin werden wie sie.
»Ich nehm mir ein Butterbrot!« hab ich Mama zugerufen. »Roberta wartet draußen auf mich.«
»Wir müssen uns ein Notizbuch anschaffen und alles aufschreiben, was Enok tut«, sagte Roberta, als ich auf die Straße kam. »Komm, wir gehen rauf zu dir und holen Geld.«
Aber wir kriegten kein Geld. Mama war wieder eingeschlafen. Sie tat jedenfalls so. Ihre Augenlider waren fast kariert, so fest hat sie sie zugekniffen. Wir gingen wieder nach unten.
»Du«, sagte Roberta, »deine Mama ist ein Geizkragen. Jetzt können wir Enok nicht auf die Schliche kommen. Vielleicht macht er ganz schreckliche Sachen, und wir können sie nicht aufschreiben.«
»Vielleicht kriegen wir von deiner Mama Geld«, sagte ich.
Roberta rollte mit den Augen. »Die arbeitet doch. Aber wir können ja mal zu ihr gehen.«
Das wollte ich lieber nicht. Wo Robertas Mama arbeitet, riecht es so nach Zahnarzt. Sie ist nämlich Zahnärztin.
»Ich kann nicht«, sagte ich. »Der Weg ist zu weit, und ich hab mir den Zeh verstaucht.«
»Selbst schuld«, schrie Roberta. »Ich hab tausend Freunde, die besser sind als du!« Und dann rannte sie weg.
Ich mag nicht mit Roberta verkracht sein. Aber diesmal war es bestimmt für immer.
Ich lief nach Hause und warf mich aufs Bett und weinte so, daß meine Kuschelmöwe Alfons ganz nasse Flügel kriegte. Wie schrecklich alles war! In der ersten Klasse ist es viel schöner gewesen.
Plötzlich steckte Mama den Kopf zur Tür herein. »Mimi, hast du meine Schlüssel gesehen?«
Ich schüttelte den Kopf. Mama sah verwundert aus.
»Ich dachte, du wärst draußen und spielst mit Roberta«, sagte sie.
»Nicht, daß ich wüßte«, antwortete ich.
Sie merkte nicht mal, daß ich weinte, so verschlafen war sie. Ich könnte mich wahrscheinlich totheulen, ohne daß es jemand merkt.
Da klingelte das Telefon. Wenn das nun ...
»Ich geh ran!« schrie ich und stürzte in den Flur. Dabei warf ich einen Hocker voll Kleider um, aber ich war jedenfalls als erste am Telefon. Es war Roberta!
»Ist dein blöder Zeh wieder heil?« fragte sie.
»Bestens«, antwortete ich.
»Ich hab ein Notizbuch beschafft«, sagte sie.
»Du bist toll, Roberta«, sagte ich.
»Wir treffen uns in vier Minuten vor Enoks Laden«, sagte sie und legte den Hörer auf.
Ich umarmte Mama und tanzte mit ihr um den umgefallenen Hocker.
Abends
Papa liest wieder in seinem Samenkatalog, und ich schreib Geheimnisse in mein Tagebuch.
Roberta und ich haben uns in Enoks Laden geschlichen. Ich war zum erstenmal in meinem Leben ohne Mama oder Papa oder Tante Anna in einem Schuhgeschäft. Das war aufregend.
»Was sagen wir, wenn Enok uns fragt, was wir wollen?« flüsterte ich Roberta zu.
»Still«, zischte sie. »Du mußt ganz eiskalt tun.«
Ich versuchte es.
Im Laden waren zwei alte Tanten, die nebeneinander auf zwei Stühlen saßen. Auf dem Boden rund um ihre Füße lagen Schuhe in einem riesigen Durcheinander. Die eine Tante sah aus, als ob sie sehr energisch wäre. Sie hielt eine große Tasche auf dem Schoß und trug schmutzige weiße Schuhe.
Die andere Tante guckte ganz unglücklich. Sie hatte braune Strümpfe an, die Falten schlugen, und an dem einen Zeh hatte sie ein kleines Loch im Strumpf.
Enok lag auf Knien vor den Tanten und schwitzte. Seine Brille hing an einem Band um seinen Hals, aber jetzt setzte er sie sich auf die Nase. Gleichzeitig versuchte er, einen braunen Mokassin auf den Fuß der Tante mit dem Loch im Strumpf zu schieben.
»Das sind sehr schöne bequeme Mokassins«, sagte Enok.
»Das fanden wir doch eben, nicht wahr?«
»Sie sind unpraktisch, wenn es regnet«, sagte die Tante bekümmert. »Sie kriegen Flecken.«
»Aber meine liebe Ruth«, sagte die andere Tante. »Ich habe meine Mokassins nun schon vier Jahre, und da ist noch kein einziger Flecken drauf.«
»Bist du denn schon mal damit im Regen gewesen?« fragte die traurige Tante.
Enok zog ihr den Mokassin vom Fuß und hielt ein Paar gelbe Schuhe hoch.
»Wenn man richtige Qualität wünscht«, sagte er, »kann man an diesen Schuhen nicht vorbeigehen. Echtes Büffelleder! Ein sehr strapazierfähiger, guter Wanderschuh.«
Plötzlich sah die traurige Tante fast fröhlich aus. Sie streckte die Hand nach einem Paar weinroten, etwas verstaubten Schuhen aus.
»Die hier gefallen mir«, sagte sie. »Wirklich sehr hübsch und bequem. Genau mein Stil. Darf ich die mal probieren?«
Enok wischte sich die Stirn ab. Dabei rutschte ihm die Brille von der Nase und baumelte wieder an der Schnur.
»Aber das sind doch Ihre eigenen Schuhe!« rief er.
»So ein Glück«, sagte die Frau und zog sich die Schuhe an.
»Und billig! Die behalt ich.«
Die beiden gingen. Enok seufzte tief und fing an, die Schuhhaufen zu sortieren. Plötzlich bemerkte er uns.
»Hallo, Mädchen«, sagte er müde. Er lächelte nicht mal. »Was möchtet ihr denn? Hoffentlich keine Schuhe probieren!«
»Nein, nein«, sagte Roberta. »Wir wollten bloß wissen, wie spät es ist.«
»Ach so«, sagte Enok. »Das ist aber komisch. Warum habt ihr nicht auf die große Uhr am Marktplatz beim Uhrgeschäft geschaut?«
Er warf den Schuhen aus gelbem Büffelleder einen bösen Blick zu und hängte sie an zwei Haken.
»Weißt du denn nicht, wie spät es ist?« fragte Roberta.
Sie hat vielleicht Mut!
»Doch«, sagte Enok, »es ist fünf vor halb vier. Das weiß ich deshalb so genau, weil ich jeden Tag um drei Uhr Cornflakes mit Milch esse. Und das hatte ich gerade getan, als die beiden Frauen kamen. Sie probieren immer genau zwanzig Minuten lang Schuhe an.«
Roberta stieß mich in die Seite. Ich fiel fast in ein Regal mit echten Fellpantoffeln aus Lappland.
»Vielen Dank«, sagte sie.
Dann liefen wir auf die Straße und blieben nicht eher stehen, bis wir sicher waren, daß Enok uns nicht mehr sehen konnte. Es könnte ja sein, daß er uns aus einem seiner Schaufenster nachschaute.
Roberta rutschte unter die gelbe Bank im Park. Das ist unser geheimer Treffpunkt. Sie nahm ein kleines weißes Notizbuch und einen Kugelschreiber aus der Tasche und schrieb:
»Enok: Jeden Tag um drei Cornflakes mit Milch. Sehr interessant.«
Dann schlug sie das Buch zu. »Jetzt gehen wir Ball spielen.«
3. September
Ganz früh am Morgen
Gestern abend konnte ich nicht einschlafen. Ich mußte erst über Enok nachdenken. Vielleicht hatte Roberta recht. Irgendwas ist komisch mit ihm. Er scheint Schuhe gar nicht zu mögen. Und er selbst trägt nie richtige Schuhe. Keine braunen Schuhe mit kleinen Löchern wie unser Hausmeister in der Schule, keine Turnschuhe wie Papa und keine Schnürschuhe.
Im Sommer hat er komische Sandalen und Strümpfe an. Und im Winter geht er in Fellpantoffeln. Manchmal, wenn ich ihn mit seiner Angel zum Fischen gehen seh, trägt er grüne Gummistiefel mit Schleifen an den Knien. Niemals wirklich richtige Schuhe.
Mama kam herein und setzte sich zu mir auf die Bettkante. Es kommt so selten vor, daß sie abends mal frei hat und mir gute Nacht sagen kann. Das ist dann besonders schön.
»Woran denkst du?« fragte sie. »Denkst du daran, daß du jetzt in die zweite Klasse gehst?«
»Nein, ich denk an Enok«, antwortete ich.
»Als ich in die zweite Klasse ging«, sagte Mama, »da fühlte ich mich schon richtig groß. Am ersten Tag trug ich ein Kleid aus Kordsamt. Es war braun. Und außerdem hatte ich Pflaster auf den Knien. Ich war richtig stolz darauf, daß ich zum Ende der Sommerferien so oft hingefallen war. Meine ersten Sommerferien ...«
»Was meinst du, Mama, mag Enok Schuhe?« fragte ich.
»Wieso – Enok?« fragte Mama. »Klar mag er Schuhe. Er hat doch ein Schuhgeschäft. Warum fragst du das?«
»Ich glaub nicht, daß er Schuhe mag«, sagte ich. »Erinnerst du dich, als du im Frühling die hochhackigen Schuhe aus Schlangenleder gekauft hast? Er hat dich richtig böse angeguckt.«
Mama dachte eine Weile nach. »Du hast recht«, sagte sie schließlich. »›lch begreif nicht, wie jemand solche Schuhe anziehen kann‹, hat er gesagt. So was sagt man doch nicht, wenn man Schuhe verkaufen will.«
»Und dann hat er noch gesagt, daß sie bald kaputtgehen werden, weil sie in Kalmar hergestellt wurden.«
»In Kalmar?«
»Ja, Kalmar. Erinnerst du dich nicht?«
»Nein, es war Taiwan«, sagte Mama. »Er hat gesagt, daß sie keine guten Schuhe machen in Taiwan.«
»Ein starkes Stück«, sagte ich. »Wenn das nun mal jemand aus Kalmar gehört hätte!«
»Schlaf jetzt«, sagte Mama, »vergiß die Schule nicht. Was habt ihr morgen?«
»Wir fangen mit Abraham an«, sagte ich.
»Oh«, sagte Mama. »Als ich klein war, kannte ich einen Jungen, der hatte eine Schildkröte, und die hieß Abraham Svensson ...«
Dann sagte sie nichts mehr und blieb sitzen und starrte zum Fenster, obwohl das Rollo runtergezogen war. Und als ich eben aufgewacht bin, da war sie weg.
4. September
Als ich heute zur Schule kam, war die ganze Klasse auf dem Schulhof versammelt, und kein Mensch redete von Abraham. Alle trugen Gummistiefel und Tüten mit Pausenbrot, und einige hatten Mützen auf. Nur ich hatte meine gewöhnlichen Schuhe an und kein Pausenbrot. Ich dachte, ich müßte tot umfallen, so sehr schämte ich mich.
Da kam unsere Lehrerin. Sie trug ein komisches Riesentaschentuch auf dem Kopf und einen großen Korb mit Pausenbroten. Sie starrte mich wie alle anderen an.
»Hast du vergessen, daß wir heute Wandertag haben?« fragte sie. »Hast du deiner Mutter nicht den Zettel gegeben?«
Dann mußten alle auf mich warten, während ich wieder nach Hause lief.
Niemand war da. Ich rief durch den Briefkastenschlitz, aber keiner machte auf. Da mußte ich runterlaufen zu Perssons, die unseren Schlüssel haben. Frau Persson öffnete die Tür. Sie hatte Lockenwickler im Haar und einen grünen Morgenmantel an und hielt ihren blöden Hund fest, der immer auf mich los will. Nach einer ganzen Weile brachte sie endlich unseren Schlüssel, und ich raste rauf zu unserer Tür. Zuerst paßte der Schlüssel nicht, und die ganze Zeit, während ich im Schlüsselloch herumstocherte, brüllte ich: »Wir sind zwanzig Leute. Und Papa und Albin stehen draußen!« Das schrei ich immer, wenn ich allein nach Hause komme, damit jeder Angst kriegt. Es könnte ja ein fremder finsterer Typ drinnen in unserer Wohnung sein.
»Papa und Albin«, schrie ich, »wartet im Treppenhaus. Ich mach mir nur zwei Butterbrote für den Wandertag.«
Der Kühlschrank war fast leer. Kein Käse und keine Wurst. Nur eine alte Tube mit Kaviarpaste lag da. Aber Brot fand ich. Es wurden zwei komische Kaviarbrote. Hoffentlich lacht mich die Lehrerin nicht aus, dachte ich, und hoffentlich sagt sie nicht wieder, daß sich Kinder nicht einseitig ernähren sollen. Das hat sie mal gesagt, damals, als Schülerratssitzung war und zwei aus unserer Klasse daran teilnehmen sollten. Janna und Björn sollten es sein. Wir wollten, daß sie sagten, wir wünschten uns als Schulessen jeden Tag Reis mit Zucker und Zimt. Aber unsere Lehrerin sagte, einseitige Kost sei nicht gut. Darum goß ich ein bißchen saure Sahne über das eine Butterbrot, damit es nicht gar zu sehr aussah wie das andere, also einseitig.
Oh, wie ich mich beeilte! Den Schlüssel steckte ich in Perssons Briefkastenschlitz, damit ich nicht ihr dummes kariertes Gesicht mit den hellblauen Augen ansehen mußte.
Ich lief und lief und lief und war froh, daß ich alles gefunden hatte.
Die Klasse wartete immer noch auf dem Schulhof. Alle trippelten auf der Stelle. Aber unsere goldige Lehrerin sah kein bißchen ungeduldig aus. Sie hatte die Hände in den Taschen, blinzelte zum Himmel und kicherte. Nein, in den Himmel blinzelte sie nicht. Sie schaute zum Zweimetermann hinauf, ein Lehrer von unserer Schule. Er hatte die Hände auch in den Taschen.
Als ich gerade an der Wohnung des Hausmeisters vorbeilief, bemerkte ich ihn. Er grub in einem Beet und sah ziemlich böse aus. Er war nicht gestorben!
»Hallo, Mimi!« rief er sogar. »Wo kommst du denn her?«
»Von zu Hause«, sagte ich. »Ich hab mir was zu essen geholt.« Ich guckte auf meine Hände. Da war aber nichts zu essen. Ich hatte alles zu Hause auf dem Tisch vergessen! Oooh. Aber der Hausmeister hob einen Apfel von der Erde auf, rieb ihn an seiner grauen Jacke ab, zwinkerte und gab ihn mir.
»Hier hast du prima Proviant für eure Wanderung«, sagte er.
Da entdeckte Björn Axelmyr mich. »Buuuh!« rief er.
Die ganze Klasse fing an, buh zu schreien.
Der Zweimetermann klopfte unserer Lehrerin auf die Schulter und ging weg.
»Kommt, Kinder, jetzt geht’s los«, sagte sie.
Ich drehte mich um und wollte dem Hausmeister winken. Aber er war nicht mehr zu sehen.
Ich betrachtete den Apfel. Er hatte nur zwei Wurmlöcher. Zwei Wurmlöcher sind viel besser als eins, denn dann weiß man, daß der Wurm wieder aus dem Apfel rausgekrochen ist. Aber wenn man Pech hat, können natürlich auch zwei Würmer im Apfel sein, die jeder aus einer anderen Richtung gekommen sind.
Aber so ein Pech hat man nur selten.
5. September morgens
Weißt du, was ein Wanderweg ist, Botilda? Ein Wanderweg ist natürlich ein Weg, auf dem man wandert. Er ringelt sich durch die Natur. Du weißt nicht, was Natur ist? Natur ist alles, die Berge und Tannen und Flüsse und Teiche und Leberblümchen und Moos und Tannennadeln. Das hat uns unsere Lehrerin erklärt, als wir loswanderten.
Jedesmal wenn es etwas Interessantes am Weg zu sehen gab, blieb sie stehen und zeigte darauf.
»Das ist eine Birke«, sagte sie einmal.
Ein andermal sagte sie: »Dort ist ein Bach, und an seinem Ufer wächst eine Ulme. Ulmen gefällt es so nah am Wasser.«
Björn lief immer vorneweg. Plötzlich blieb er stehen und zeigte auf etwas. »Das ist eine Bierdose!« schrie er. »Bierdosen gefällt es im Moos.«
Aber unsere Lehrerin schüttelte düster den Kopf. »Man darf die Natur nicht verschmutzen«, sagte sie. »Und warum nicht? Was meint ihr?«
Ich meldete mich. »Dann hört die Natur irgendwann auf«, sagte ich.
Die Lehrerin sah mich lange an. Dann sagte sie: »Das war eine sehr gute Antwort, Mimi. Die wollen wir nicht vergessen. Wenn wir die Natur verschmutzen, hört sie irgendwann auf, Natur zu sein.«
Meine Backen wurden ganz heiß. Ich legte meine Hände dagegen. Mindestens fünfzig Grad, viel heißer als damals, als ich Mumps hatte. Ich hatte plötzlich Lust zu singen und zu tanzen. Aber ich ließ es lieber sein. Ich hielt den Apfel vom Hausmeister nur ein bißchen fester.
Der Weg machte viele Kurven und war sehr steil. Es ging einen großen Hügel bergauf und einen winzigen Hügel bergab, und dann kamen wir zu einem See. Baden konnte man dort nicht, denn es gab keinen Strand. Aber auf dem Wasser schaukelten lauter rote Seerosen.
»Hier ist das Wasser ganz sauber«, sagte unsere Lehrerin. »Fast wie in den Bergen.«
Ich mußte an meinen Freund Lasse denken, den ich in den Sommerferien in den Bergen getroffen hatte. Was er jetzt wohl tat? Vielleicht saß er in seiner Hütte mit seiner Katze und schaute in die Natur hinaus. Ich hatte solche Sehnsucht nach Lasse und seinen hübschen Ohren.
»Nein«, sagte die Lehrerin, »hier können wir nicht baden. Aber im Frühling fahren wir jede zweite Woche ins Hallenbad und baden. Das wird bestimmt Spaß machen.«
Wenn Lasse nur zu mir nach Göteborg kommen könnte, dachte ich. Dann würde ich ihm den Vergnügungspark und diesen Wanderweg zeigen. Aber zuerst würde ich alle Bierdosen aus dem Weg räumen, damit er es nicht zu schmutzig bei uns an der Westküste findet. Mein Onkel Albin sagt immer, daß es bei uns in Südschweden schmutzig ist. Dabei hab ich mal gesehen, wie er eine Zigarettenkippe weggeworfen hat und draufgetreten ist. Mitten in den Bergen!
Unsere Lehrerin entdeckte vier Pfifferlinge. Sie stürzte sich darauf und steckte sie in ihren Korb.
»Die kriegt bestimmt der Zweimetermann«, flüsterte Linda mir zu.
Wir fingen so wahnsinnig an zu kichern, daß wir uns auf den Bauch ins Herbstlaub legen mußten, um uns erst mal richtig auszukichern.
»Ja, wollt ihr zwei denn nichts essen?« fragte die Lehrerin streng. Hoffentlich hatte sie nicht mitgekriegt, was wir gesagt hatten!
»Doch, gleich«, japsten wir.
Im Apfel vom Hausmeister waren zwei Würmer.
Der Weg nach Hause war breit und schön und führte fast nur bergab. Janna brachte uns einen prima Reim bei. Wenn man im Takt geht, muß man sagen:
»Klotz, Klotz, Klotz am Bein,
Klavier vorm Bauch,
wie lang ist die Chaussee?«
Das sagten alle Mädchen mindestens tausendmal. Unsere Lehrerin hielt sich die Ohren zu und sagte, wir sollten aufhören. Aber sie machte nur Spaß.
10. September
Mein Papa muß sehr viel laufen bei seiner Arbeit. Das müssen fast alle Briefträger. Nun sollte man glauben, daß er genug gelaufen ist, wenn er abends nach Hause kommt. Aber das stimmt ganz und gar nicht. Sobald wir mit dem Essen fertig sind, muß er spazierengehen. Sonst fühlt er sich eingesperrt. Wenn ich ihm eine Freude machen will, dann geh ich mit. Und heute abend wollte ich ihm eine Freude machen.
Es war ein klarer Herbstabend. Wir gingen spazieren, und wir hatten fast die ganze Zeit die Hände auf dem Rücken. An jedem langweiligen Garten blieb Papa stehen und guckte hinein.
»Wenn wir doch einen Garten hätten«, sagte er. »Dann würde ich Dill säen und Mohrrüben, und dann hätten wir einen Birnbaum.«
»Und warum haben wir keinen Garten?« fragte ich.
»Es ist ziemlich schwer, an einen ranzukommen«, sagte Papa. »Viele Leute möchten einen Garten. Aber wenn ich mal einen habe, dann sitz ich auf einem weißen Stuhl unter dem Birnbaum und les die Abendzeitung und rieche alle Düfte des Sommers.«
»Das klingt ziemlich langweilig«, sagte ich. Aber er tat mir leid. Wenn er doch so gern einen Garten haben wollte, dann sollte er ihn auch kriegen!
Auf dem Rückweg gingen wir über den Marktplatz. In Enoks Laden brannte noch Licht!
»Guck mal«, sagte ich und zog Papa zum Schuhgeschäft. »Da ist noch Licht.«
»Sehr merkwürdig«, sagte Papa. »Es ist schon acht Uhr. Er verkauft doch jetzt keine Schuhe mehr!«
Mein Herz schlug, als wir näher kamen. Vielleicht sah ich ja was, das Roberta in ihr Notizbuch schreiben konnte.
Aber im Laden war nichts Ungewöhnliches zu entdecken, obwohl wir die Nasen gegen die Schaufensterscheibe preßten. Im Büro war auch Licht, und die Tür war angelehnt.
»Still, ich hör was«, sagte ich und legte das Ohr gegen die Scheibe. Musik!
Papa machte es mir nach.
Da hörten wir, wie sich jemand hinter uns räusperte. Es war Ingenieur James G. Persson, der seinen Hund ausführte.
Er starrte uns an.
»Die Fensterscheiben sind doch sehr kalt im Herbst«, sagte Papa. »Enok sollte sie isolieren.«
James G. Persson schüttelte den Kopf und ging weiter mit seinem Hund. Als er weit genug entfernt war, fingen Papa und ich an zu lachen.
»Vielleicht feiert Enok ein kleines Fest«, sagte Papa. »Und um seine Nachbarn zu Hause nicht zu stören, feiert er im Geschäft.«
11. September
Heute nach dem Mittagessen (es gab Bratwurst) fand ich Roberta in einer Ecke auf dem Schulhof.
»Du«, sagte ich, »ich weiß was über Enok, was du nicht weißt. Hast du dein Notizbuch mit?«
»Bist du verrückt?« sagte sie. »Wenn nun mal jemand aus meiner Klasse sieht, daß ich mit einer aus der zweiten Klasse rede!«
»Darf man das denn nicht?« fragte ich.
»Was heißt dürfen«, sagte sie. »Das gehört sich einfach nicht, wenn man in die vierte Klasse geht, verstehst du?«
Ich hätte gern gewußt, wo die anderen aus ihrer Klasse waren. Roberta war ganz allein. Aber ich fragte nicht. Ich blieb einfach stehen, denn ich wußte etwas, was sie nicht wußte. Ich krümmte die Zehen ein bißchen in meinen Schuhen und pfiff vor mich hin. In diesem Sommer hab ich ganz gut pfeifen gelernt, finde ich. Vögel kann ich nicht nachmachen, aber ich kann zum Beispiel unsere Nationalhymne.
Roberta starrte mich wütend an. Schließlich fragte sie:
»Was ist denn nun mit Enok? Sag’s schnell!«
»Ich darf ja nicht mit dir reden«, sagte ich. »Das gehört sich doch nicht für einen aus der vierten Klasse, hast du gesagt.«
Roberta stöhnte. Dann packte sie mich am Arm und zog mich über den Schulhof.
»Sag mir jetzt, was du von Enok weißt«, sagte sie, »es ist sehr wichtig.«
Da erzählte ich ihr, daß ich gestern abend Licht im Laden gesehen und Musik gehört hatte.
Roberta sah richtig beeindruckt aus und biß sich auf die Lippe. Dann sagte sie: »Das ist doch nichts Neues. Das hab ich gestern abend selbst festgestellt. Steht schon in meinem Notizbuch. Ich weiß sogar, was für Musik das war. Das Stück hieß ›Schöner Gigolo, armer Gigolo‹.«
13. September
Als ich heute zur Schule ging, hab ich mir Wörter mit dem Sch-Laut ausgedacht. »Schinken, Schuhe, Schubkarre, Schwimmbad, Schei ...« Aber das Wort durfte ich nicht sagen.
Plötzlich, ohne daß ich gemerkt hatte, wie ich dahin gekommen war, war ich auf dem Schulhof. Er ist immer fast leer, wenn ich komme, denn ich bin immer sehr früh da. Und auch jetzt waren fast keine Kinder zu sehen. Aber dafür sah ich etwas anderes! Nämlich zwei Polizeiautos! Sie standen so herum, ohne Polizisten, und die Sirene heulte auch nicht.
Mir wurde eiskalt. Ich weiß nicht, warum. Ich bin nur ein einziges Mal bei Rot über die Kreuzung gegangen, und das auch nur, weil ich so schnell nach Hause mußte. Warum, das kann ich dir nicht sagen ... Das kannst du dir ja denken. Wenn ich nicht bei Rot über die Straße gegangen wäre, wäre eine Katastrophe passiert, wenn du nun weißt, was das ist. Das ist, wenn man ganz plötzlich in einer Pfütze steht, obwohl es nicht regnet.
Natürlich standen einige Jungen um die Polizeiautos herum und beguckten sich alle die komischen Knöpfe und Apparate. Als Janna kam, gingen wir auch ganz nah heran. Ich fragte sie, ob es schlimm sei, daß ich bei Rot über die Straße gegangen war. Aber sie lachte nur. Sie sagte, daß ihr Opa immer bei Rot über die Straße geht, weil er findet, daß es zu viele Gesetze und Bestimmungen bei uns in Schweden gibt.
Als wir da noch so herumstanden, kam Roberta angelaufen. Sie zupfte mich an der Jacke und zog mich ein Stück mit sich.
»Weißt du, warum die Polizei in der Schule ist?« fragte sie.
Nein, das wußte ich nicht.
»Weil sie Fingerabdrücke in Enoks Laden gefunden haben. Deine Fingerabdrücke!« sagte sie, und ihre Augen waren ganz groß und rund.
»Pah«, sagte ich. »Da gibt’s massenhaft Fingerabdrücke. Deine zum Beispiel.«
»Ich bin doch kein Amateur«, sagte Roberta lachend. »Ich hatte Handschuhe an, als ich mich neulich bei Enok reingeschlichen hab.«
»Was ist ein Amateur?« fragte ich.
»So einer wie du«, sagte Roberta und lief weg.
Aber als ich ins Klassenzimmer kam, dachte ich, daß Roberta vielleicht doch recht hatte.
Unsere Lehrerin saß auf ihrem Platz, und neben dem Harmonium standen zwei richtige Polizisten in Uniform. Ein Herr-Polizist und eine Frau-Polizist.
Kaum hatten wir uns gesetzt, da meldete ich mich. Die Lehrerin tat so, als ob sie es nicht sähe.
»Jetzt, Kinder«, sagte sie, »wollen wir unsere Gäste von der Polizei ordentlich willkommen heißen. Laßt mal hören!«
»Will-kom-men!« schrien wir, wie sie es uns beigebracht hatte.
Die beiden lächelten. Sie waren ziemlich süß, aber ich nahm meinen Meldefinger nicht runter.
»Ja, Mimi?« fragte die Lehrerin seufzend.
»Was ist ein Amateur?« fragte ich.
Die Lehrerin sah gereizt aus, obwohl sie doch gesagt hatte, wir könnten sie alles fragen. Die Frau-Polizist lachte.
»Das kann ich erklären«, sagte sie. »Ein Amateur ist das Gegenteil von einem Profi. Ich bin ein Amateur, wenn ich singe, denn Singen ist nicht mein Beruf. Aber ich singe oft samstags in Restaurants und so. Michael Jackson ist ein Profi im Singen, und ich bin Amateur. Aber als Polizistin bin ich Profi ...«
Der Herr-Polizist wieherte los. »Das denkst du, ja!« sagte er.
Es waren sehr nette Polizisten. Sie sagten kein Wort von den Fingerabdrücken oder Enok. Ich frag mich langsam, ob Enok wirklich ein Verbrecher ist.
Aber von roten und grünen Ampeln, davon redeten sie viel.
Ich meldete mich wieder. »Darf man bei Rot über die Straße gehen, wenn man es sehr eilig hat und an einem bestimmten Ort sein muß und wenn keine Autos kommen?« fragte ich.
Die anderen in der Klasse lachten blöd.
Die Polizisten sahen sehr ernst aus.
»Nein«, sagten sie beide gleichzeitig, »das darf man auf Keinen fall.«
Aber die Lehrerin lächelte mich an. Vielleicht hat sie auch nicht gewußt, was ein Amateur ist.
14. September
Wir waren gerade mit dem Essen fertig, da klingelte es an der Tür. Es war Roberta, obwohl man sie kaum erkennen konnte, weil sie so eine große Sonnenbrille trug.
»Damit ich nicht auffalle«, sagte sie.
Ich fragte Mama, ob ich mir ihre Sonnenbrille leihen dürfe, und ausnahmsweise fragte sie nicht, wofür ich sie haben wollte. Sonst fragt sie viel zuviel. Jetzt war ich ganz sicher, daß sie mich fragen würde, wofür ich die Sonnenbrille brauchte, weil es draußen stürmte und regnete. Und ich überlegte mir schon eine gute Antwort.
Aber Mama fragte nichts, sondern fing sofort ganz lieb an, nach der Sonnenbrille zu suchen.
Sie suchte in den Schubläden in der Küche und in der Kommode im Flur und im Badezimmer und in einem Kleiderschrank. Roberta und ich standen im Flur und warteten ruhig ab, und Papa raschelte mit der Abendzeitung.
»Hurra«, sagte Mama, als sie die Sonnenbrille fand. (Sie hat in einem Gewürzregal gelegen.)
Ich setzte sie auf und wollte gerade die Wohnungstür hinter Roberta und mir zuschlagen, als Papa rief:
»Mimi!«
Ich steckte den Kopf in den Flur und fragte, was er wollte.
»Wozu brauchst du die Sonnenbrille bei Sturm und Regen?« fragte Papa.
Ich brummte nur irgendwas vor mich hin und machte die Tür zu.
»Du hast es gut, daß du nur einen Erwachsenen zu Hause hast«, sagte ich zu Roberta auf der Treppe. »Bei uns sind es immer zwei Große gegen eine Kleine.«
Roberta gab keine Antwort. Sie versuchte, in ihrem Notizbuch zu lesen. Das ist nicht ganz leicht in einem dunklen Treppenhaus mit der Sonnenbrille auf der Nase. Aber es war ein aufregendes Gefühl.
Bestimmt waren wir so gut getarnt, daß wir überhaupt nicht auffielen, wie wir zu Enoks Laden schlichen.
Enok war allein. Er stand an der Tür zu seinem kleinen Büro und hörte sich den Wetterbericht an. Er gab uns ein Zeichen, still zu sein. Roberta nahm die Sonnenbrille ab, schlug das Notizbuch auf und schrieb: Dämlich
Dann machte sie es schnell wieder zu, setzte sich die Brille auf, und Enok stellte das Radio ab und lächelte uns an.
»So, so, da krieg ich also wieder Besuch«, sagte er. »Wollt ihr Schuhe anprobieren?«
»Nein, nein«, sagte ich. »Wir wollen bloß reden.«
»Wir wollen ein paar Fragen stellen«, sagte Roberta und warf mir einen bösen Blick zu. Es paßte ihr wohl nicht, daß ich zuerst geredet hatte.
»Wie nett«, sagte Enok.» Müßt ihr das für die Schule?«
»Das nicht«, sagte Roberta. »Wir sammeln Antworten. Nur so.«
Enok setzte sich auf einen Schemel. Er sah müde aus. Oben auf dem Kopf, wo er eine Glatze kriegte, war er ganz blank.
»Geburtstag?« fragte Roberta.
»Ja, am 13. November«, sagte Enok. »Dann werde ich sechzig.«
»Oh!« sagte ich.
Roberta schrieb. »Lieblingsblume?« fragte sie weiter.
»Hm«, machte Enok. »Das ist Linnéa, die kleine Blume, die wild im Wald wächst. Manchmal sehe ich Linnéa, wenn ich angeln geh.«
»Idol?«
»Idol?« fragte Enok. »Was meinst du damit?«
»Ja, ob du zum Beispiel Michael Jackson magst«, sagte Roberta.
»Wie war der Name?« fragte Enok. »Ist das jemand aus deiner Klasse?«
»Das ist ein amerikanischer Sänger«, antwortete Roberta und verdrehte die Augen. »Hast du ein Idol? Einen Lieblingsstar?«
»Nein, das glaub ich nicht«, sagte Enok. »Aber ich hab ein Lieblingslied, das heißt ›Schöner Gigolo, armer Gigolo‹.«
»Lieblingsfarbe?«
»Grün«, antwortete Enok, ohne nachzudenken.
»Das hab ich mir gedacht«, sagte ich. »Du trägst immer grüne Sachen, und du magst den Wald.«
Enok sah beeindruckt aus. Roberta guckte böse.
»Verhörst du ihn oder ich?« fragte sie.
»Du«, sagte ich.
»Kann ich dann weitermachen?«
Ich nickte. Enok lächelte mir zu. Er hat ganz hellblaue Augen. Mama hat eine Perlenkette, die hat genau dieselbe Farbe.
»Wie groß bist du, und wieviel wiegst du?« fragte Roberta.
»Einhundertsiebzig Zentimeter«, antwortete Enok, »und wieviel ich wiege, bleibt ein Geheimnis.«
Roberta und ich sahen uns an. Er war tatsächlich sehr geheimnisvoll.
»Das war alles für heute«, sagte Roberta und schlug das Notizbuch zu.
»Kommt mal wieder vorbei«, sagte Enok. »Ich hab gern Besuch. Besonders, wenn er keine Schuhe anprobieren will!«
25. September
Heute bin ich allein von der Schule nach Hause gegangen. Sonst gehen Linda und ich immer zusammen bis zum gelben Papierkorb. Aber heute wollte sie lieber einen anderen Weg mit Janna gehen. Allein. Ich hatte plötzlich ein Gefühl, als hätte ich nichts zu tun. Papa war noch auf der Arbeit. Mama war schon zur Arbeit gegangen, und Roberta hatte erst um drei Uhr Schulschluß. Klar, ich hab dich, liebe Botilda, aber immer wenn ich Zeit habe zu schreiben und wenn mich niemand stört, dann hab ich keine Lust.
Ich hab jetzt einen Schlüssel, den ich an einem schwarzen Samtband um den Hals trage. Frau Persson fand es gar nicht gut, daß ich jedesmal zu ihr gelaufen kam, wenn ich den Schlüssel brauchte.
Zu Hause war es so still und leer. Die Möbel standen überall herum und sahen aus, als wollten sie mich anfallen. Ich ging in die Küche und machte mein Spezialbutterbrot. Das ist eine Scheibe Mischbrot mit ziemlich dick Butter. Obendrauf leg ich acht oder vierzehn Rosinen in einer hübschen Reihe.
Als ich auf der Spüle saß und aß und mich ganz verlassen fühlte, fand ich plötzlich einen Zettel. Darauf stand:
»Mimi, ich hab mir heute freigenommen. Wir kriegen Besuch.«
Das klang spannend. Dann würde sie bald kommen. Was das wohl für ein Besuch war? Hoffentlich nicht diese Frau aus dem Restaurant, die ein Mädchen in meinem Alter hat! Ich krieg Gänsehaut, wenn ich nur an sie denke.
Ich aß drei Spezialbutterbrote, und es passierte immer noch nichts. Aber mir war wenigstens nicht mehr ganz so unheimlich, seit ich den Zettel gelesen hatte.
Plötzlich hatte ich eine prima Idee. Ich könnte zu Enoks Schuhladen gehen und ein bißchen spionieren. Dann würde Roberta mich bestimmt loben, weil ich ganz allein an so einer großen Sache arbeitete.
Im Laden war kein einziger Kunde. Enok saß auf einem Schemel und blätterte in einer Zeitschrift, auf der ein Angler abgebildet war. Als ich hereinkam, schob er die Brille auf die Stirn und sah mich an.
»Guten Tag, Mimi«, sagte er. »Bist du allein heute?«
»Mhm«, machte ich.
»Ihr habt viel gefragt und aufgeschrieben, als ihr neulich bei mir wart«, sagte er.
»Stell dir vor, daß du nun bald sechzig wirst«, sagte ich.
»Och«, sagte Enok, »das ist doch in meinem Alter nicht der Rede wert. Vielleicht backt meine Schwester eine Torte. Vielleicht fahr ich auch nach Lappland zum Angeln. Nein, das kann ich mir wohl nicht leisten. Über sechzigste Geburtstage gibt’s nicht viel zu sagen. Aber ich erinnere mich an einige andere sehr nette Geburtstage.«
»Ach«, sagte ich. »Ich erinnere mich an fast alle Geburtstage. Jedenfalls an den siebten und sechsten und fünften. Als ich fünf wurde, hab ich ein Kaninchen gekriegt. Schrecklich babyhaft. Also so ein Nylon-Kaninchen, das wie ein Rucksack aussah.«
Enok hörte überhaupt nicht zu.
»Ich erinnere mich an meinen zehnten Geburtstag«, sagte er. »Da hab ich einen Fußball bekommen. Wir waren einige Jungs. Wir haben den ganzen Abend draußen gespielt und die Geburtstagsfeier vergessen. Und als es dunkel wurde, schoß Gustav den Ball in den See. So kann’s gehen mit Geburtstagsgeschenken.«
»Aha«, sagte ich.
Das klang ja furchtbar. Enok sah auch nicht besonders fröhlich aus.
»Erinnerst du dich an keinen anderen Geburtstag?« fragte ich.
»Doch, an meinen fünfzigsten, das ist ja klar«, sagte Enok. »Das ist der Höhepunkt des Lebens. Morgens sind zwei meiner Anglerfreunde auf meinen Balkon geklettert, ohne daß ich es wußte. Ich wurde wach, weil zwei alte Knacker auf dem Balkon standen und auf Spielzeugtrompeten bliesen. Das war vielleicht ein Spaß! Ich bekam eine neue Angel, und die hab ich noch, und abends sind meine Schwester und ich in einem Restaurant essen gewesen.«
»Im ›Goldenen Schwan‹?« fragte ich. »Da arbeitet meine Mama.«
»Nein, da doch nicht«, antwortete Enok. »Wir waren in einem feinen Restaurant in der Stadt. Wir haben Seezunge gegessen, die war in einem Teig eingerollt. Ich mag ja lieber Fisch ohne Teig. Er muß an einem Stock überm offenen Feuer im Wald gebraten werden, dann schmeckt er am besten. Aber Elna hat es sehr gut gefallen in dem Restaurant. Und dann hat auch noch die Musik für mich gespielt. Sie haben ›Schöner Gigolo, armer Gigolo‹ gespielt.«
In meinem Kopf ging es sehr durcheinander. Ich versuchte, mir alles zu merken, das mit dem Essen und der Musik, damit Roberta es aufschreiben konnte.
In dem Augenblick klingelte die Ladenglocke. Eine Kundin kam herein. Sie beachtete uns gar nicht und fing an, braune Schnürschuhe aus dem Regal zu nehmen.
Enok strich mir über den Kopf.
»Wiedersehen, Mimi«, sagte er. »Das war ein gemütlicher Plausch. Es ist immer sehr lustig zu erfahren, was Kinder heutzutage so treiben.«
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