Читать книгу: «Meine verlorene Heimat»

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2021
© 2021 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim
www.rosenheimer.com
Titelfoto: © Bundesarchiv, Bild 146-1988-013-34A
Bildnachweise: Alle Fotos stammen aus dem Privatarchiv von Sonja Maicher mit folgenden Ausnahmen:
Seiten 152 und 155: Heimatverein Hirschhorn-Hammersbach e.V.
Seite 14: Tedmek – Wikipedia.com
Lektorat: Richard Prechtl, Rosenheim und Dr. Elisabeth Hirschberger, Hohenschäftlarn
Satz: SATZstudio Josef Pieper, Bedburg-Hau
eISBN 978-3-475-55456-8 (epub)
Worum geht es im Buch?
Viktoria Schwenger
Meine verlorene Heimat
Sonja führt ein einfaches, aber schönes Leben in Mähren und als sie dort auf ihre große Liebe, den deutschen Soldaten Franz trifft, scheint ihr Glück vollkommen. Doch wenig später wird Franz eingezogen, denn der Krieg beginnt. Für Sonja fängt nun eine Zeit voller Warten, Hoffen und Bangen an, die unbeschwerte Kindheit ist dahin. In den folgenden Jahren, schaffen sie es, in kurzen Phasen des Wiedersehens, zu heiraten und eine eigene Wohnung zu finden, in der ihr Sohn Peter zur Welt kommt. Ein Lichtblick, der jedoch zunichte gemacht wird, als Sonja mit Peter und ihrer Mutter aus der Heimat fliehen muss, da die Russen auf dem Vormarsch sind. Die Suche nach einem neuen Zuhause ist nicht einfach, aber wird Sonja ihren Franz je wiedersehen?
Inhalt
Vorwort
Kinderjahre
Endlich ein »Backfisch«!
Eine neue, eine andere Zeit bricht an
Franz, meine große Liebe
Wir heiraten!
Wiedersehen mit Franz
Unser Wunschkind Peter ist da!
Der Wahnsinn beginnt
Abschied von Ostrau
Zuflucht im Böhmerwald
Franz kommt zurück!
Wir werden ausgesiedelt
Eichendorf
Hirschhorn, unsere neue Heimat
Eva
Michael
Endlich geht es aufwärts!
Abschied
Letzte Erinnerung
Nachwort
Vorwort
Die Lebenserinnerungen seiner Mutter Sonja, die 1922 in Orlau, dem ehemals tschechischen Teil Schlesiens, geboren wurde und 2008 im niederbayerischen Arnstorf verstarb, bekam ich von Peter Maicher in die Hand.
Sie beschreibt darin ihr Leben als junge, hoffnungsfrohe Frau, deren bisheriges, gutbürgerliches Dasein durch Krieg, Flucht und Vertreibung völlig aus der Bahn geworfen wurde.
Zusammen mit ihrer Mutter und dem neun Monate alten Baby Peter muss sie Hals über Kopf ihre Heimat verlassen und sich auf eine gefahrvolle Flucht begeben, ohne zu wissen, wohin das Schicksal sie führen und ob sie ihren Mann jemals wiedersehen wird, ja, ob er überhaupt noch lebt.
Wie sie ihr Leben trotz aller Schwierigkeiten und Schicksalsschläge meistert, wird in diesem Buch erzählt, wobei ich die Aufzeichnungen von Sonja Maicher, nur sprachlich überarbeitet, wiedergebe.
Es ist nur eines von den Schicksalen hunderttausender Frauen zu jener Zeit, und doch ist es wichtig, darüber zu berichten und davon zu erzählen.
Wir erfahren, wie viele Probleme, Schwierigkeiten, Gefahren und Ängste jene Menschen durchleben mussten, wobei sie dennoch nicht an ihrem Leben verzweifelten. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für sich und ihre Familien hielt sie aufrecht, ließ sie alle Hürden überwinden.
Die meisten Menschen jener Zeit sind bereits von uns gegangen, auch Sonja. Die Geschehnisse von damals drohen in Vergessenheit zu geraten. Gerade deshalb ist es wichtig, daran zu erinnern, was vor nicht allzu langer Zeit mitten in Europa geschehen ist.
Auch heute sind Millionen von Menschen auf der Flucht vor Terror, Krieg und Hunger, auf der Suche nach einer sicheren Bleibe, einer Zukunft für sich und ihre Familien.
Möge es vor allem uns, die wir in Frieden, Sicherheit und Wohlstand geboren und aufgewachsen sind, eine Mahnung sein, mit Hochachtung und Respekt anzuerkennen, was diese Kriegsgeneration erduldet, überstanden und später, nach Krieg und Vertreibung, in der neuen Heimat aufgebaut hat.
Viktoria Schwenger
Kinderjahre
Meine Kindheitserinnerungen reichen weit zurück. Ich sehe mich als kleines Mädchen in der Straßenbahn sitzen. Meine weiß bestrumpften Beinchen baumelten hin und her und ich blickte neidvoll auf die Erwachsenen, deren Beine lang genug waren, um sie auf den Boden zu stellen. Die Meinen waren noch viel zu kurz. Einige Jahre später begann der Ernst des Lebens.
In einem roten Seidenkleidchen, das meine Mutter genäht und unter dem Halsausschnitt mit einer goldenen und einer schwarzen Rose bestickt hatte, fuhr ich mit ihr nach Mährisch-Ostrau zur Schuleinschreibung.
Artig reichte ich dem Herrn Oberlehrer, der mir mit seiner Glatze und dem Bäuchlein so alt wie Methusalem vorkam, die Hand und knickste, wie es sich damals gehörte.
Errötend beantwortete ich, mit ängstlichen Kinderaugen unter dem frisch gestutzten Pony scheu zu ihm aufblickend, seine Fragen, woraufhin er mir wohlwollend die Wange tätschelte. Ich spürte, wie mein Gesichtchen erglühte.
Meine Volksschulzeit verlief problemlos. Ich bekam gute Zeugnisse und bereitete dem Herrn Oberlehrer Freude. Dennoch verdrosch er mich einmal in einem für mich unerklärlichen Anfall von Zorn.
Unter die korrigierten Rechtschreibübungen pflegte er mit Rotstift ein dickes »R«, den Anfangsbuchstaben seines Namens, zu schreiben. In kindlicher Verspieltheit kam es mir in den Sinn, das dicke »R« mit Schreibfeder und Tinte in der Mitte nachzuziehen. Der so verzierte Buchstabe gefiel mir gut, nicht aber meinem Lehrer.
Wutentbrannt fiel er über mich her und schlug auf mich ein. Prügelstrafe an den Schulen war seinerzeit üblich und keinesfalls verpönt, doch auf ein kleines Mädchen einzuschlagen war selbst damals nicht in Ordnung. Ich wusste nicht, wie mir geschah. Hatte ich ahnungsloses Kind das verdient? Aber so ist es, wenn man, ohne böse Absicht die Initialen des Namens seines Lehrers »schändet«. Es war dies meine erste und letzte Dresche in der Schule. Doch zu Hause erzählte ich aus Scham und Furcht nichts.
Ich war ein stilles und schüchternes Kind, kein Problem für unsere Familie wie mein Bruder Erich. Er war zwei Jahre jünger als ich, ein schwer erziehbares Kind, wodurch das Familienklima sehr beeinträchtigt wurde. Er bereitete meiner Mutter und auch mir ein Leben lang große Sorgen und Schwierigkeiten, auch noch lange nach dem Krieg.
In seinen späteren Jahren war er an den Rollstuhl gefesselt und damit nach einem bewegten Leben den Versuchungen dieser Welt, denen er nicht widerstehen konnte, entzogen. Dabei war Erich hochbegabt und sehr musikalisch, beherrschte eine Vielzahl von Musikinstrumenten, und das ohne jeglichen Unterricht. Alles fiel ihm leicht, während ich mir alles erst erarbeiten musste.
Er war der Liebling und Stolz meines Vaters, der ihm zu vieles durchgehen ließ.
Erich war wie mein Vater, vermutlich von diesem beeinflusst, überzeugter Nationalsozialist. Er meldete sich schon als 17-Jähriger freiwillig zum Kriegsdienst und trat sofort der SS bei, der berüchtigten Schutzstaffel Hitlers. Dort stieg er auf der Karriereleiter schnell empor.
Meine Mutter legte viel Wert auf schöne Kleidung, obwohl das Gehalt meines Vaters gering und die Zeiten schlecht waren.
Ein schicker, neuer Frühjahrshut, mit Maiglöckchen oder Veilchen als Zierde, war zu jedem Osterfest unbedingt nötig. Mit vor Schmerzen zusammengebissenen Zähnen stolzierte sie in Stöckelschuhen zur Kirche, selbst wenn diese noch so drückten.
Die Auferstehungsprozession an Ostern mit Blasmusik und »Frühjahrsmodenschau« gehörte zu den Höhepunkten des Jahres und war stets ein großes Ereignis. Der liebe Gott mag wohl gelächelt haben über so viel weibliche Eitelkeit, doch es geschah auch zu seiner Ehre. Ich muss gestehen, dass ich mich in meiner jeweiligen neuen Frühjahrsausstattung nie wohlfühlte und eher schüchtern den Kopf einzog. Nach der Prozession gab es ein feierliches Abendessen mit gefärbten Eiern und Schinken, den wir uns jedoch nicht immer leisten konnten.
Wir Geschwister bekamen alljährlich weiße Matrosenblusen mit einem marineblauen Plisseerock für mich und blauen Hosen für meinen Bruder. Meine Mutter war sehr stolz, wenn die Leute sagten, dass wir wie die Kinder von Kaiser Karl aussähen. Der bereits verstorbene Monarch war der letzte Kaiser von Österreich-Ungarn gewesen, wurde aber immer noch als »Friedenskaiser« verehrt.
Meine Mutter, die immer sehr modisch gekleidet war, konnte uns Kinder schön herausputzen, weil sie viel selbst nähte.
Als ich in der Oberschule immer noch die gleiche Matrosenbluse wie mein Bruder tragen musste, rebellierte ich innerlich, doch niemals hätte ich es gewagt, vor den Eltern etwas zu kritisieren oder mich gar zu beschweren.
Eine meiner Mitschülerinnen meinte kess, ich solle mir ein Tintenfass über die weiße Matrosenbluse schütten, dann wäre das Thema gleich erledigt. Doch so etwas Ungezogenes hätte ich nie getan! Eines Tages war der Matrosenlook aus der Mode gekommen und damit dieses Thema von selbst passé.
Meine Heimat lag in der Tschechoslowakei, die 1918 nach dem Ersten Weltkrieg durch den Versailler Vertrag entstanden war und aus Böhmen, Mähren, einem Teil Schlesiens und der Slowakei bestand.
Wir wohnten in Nordmähren, genauer gesagt im Ostrau-Karwiner Industriegebiet, das früher zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie gehört hatte. Neben den Tschechen lebten dort auch viele deutsche und österreichische Familien, die seit Generationen ansässig waren. Das Gebiet liegt etwa dreihundert Kilometer östlich von Prag und war zweisprachig, tschechisch und deutsch. Viele Deutsche beherrschten wie ich die tschechische Sprache. Das sollte mir später einmal sehr zugute kommen.

5. Mai 1932 – Ich bin zehn Jahre alt
Eisenwerke, Kohlegruben und rauchende Schlote prägten die Landschaft. Rot leuchtete bei Nacht der Himmel über Ostrau, flammende Essen loderten empor und verliehen der Stadt eine gespenstische Silhouette. In diesem Gebiet, genauer gesagt in Orlau, einem Städtchen im Ostrau-Karwiner Industriegebiet, hatte ich das Licht der Welt erblickt. Viele Stiegen führten zu der Kirche hinauf, in der meine Taufe stattfand.
Mein Vater war bei der Ostrau-Karwiner Lokalbahn, die von Orlau nach Karwin führte, angestellt, deshalb durften wir die Bahn kostenlos benutzen.
Die Strecke betrug etwa 25 Kilometer bei einstündiger Fahrzeit. Jeder dieser kleinen Orte, die die Bahn miteinander verband – wir nannten sie »Elektrische«, im Schülerjargon »Kiste« – hatte eine oder mehrere Kohlegruben mit dazugehörigen Bergarbeiterkolonien. Viele Bergbauingenieure und Beamte besaßen dort ihre Villen.

Die Kirche in Orlau, in der ich getauft wurde
Meine Kindheit fiel in eine Zeit, in der die Grenzen meiner Heimat noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges oft verschoben wurden.
Nach dem Münchner Abkommen 1938 wurde das Sudetenland von der Tschechei getrennt und Deutschland zugeschrieben, dann die »Rest-Tschechei« im März 1939 von Deutschland faktisch annektiert und zum »Protektorat Böhmen und Mähren« erklärt. Später fiel die polnisch besetzte Hälfte des Ostrau-Karwiner Industriegebietes an Oberschlesien und somit an das Deutsche Reich. Als Kind hatte ich das freilich nicht registriert, sondern als natürlich hingenommen.
Es bestand nun eine reichsdeutsche Grenze in Radwanitz zwischen dem Protektorat Böhmen und Mähren und Polen. Wenn wir von Peterswald, wo wir später wohnten, nach Ostrau in die Schule fuhren, mussten wir im Grenzgebiet in Radwanitz unsere Grenzausweise vorzeigen, gelegentlich sogar unsere Schultaschen nach Schmuggelware untersuchen lassen. Selbst wir Kinder und Jugendliche wurden gefilzt!
Einmal hatte ich mir einen Hut in Ostrau gekauft und aufgesetzt, ohne ihn anzumelden. Eigentlich hätte er verzollt werden müssen. Wohl war mir nicht dabei, mein Herz klopfte vor Aufregung, zumal mich der Zollbeamte misstrauisch musterte. Doch er ließ mich laufen, ohne mich zu kontrollieren. Was für eine Erleichterung!
Es gab unter den Grenzbeamten auch einige nette Typen, für die wir Mädchen schwärmten. Wir himmelten alles an, was reichsdeutsch war und Uniform trug.
Mein Vater stammte aus Nordböhmen, aus der Gegend von Neu-Paka, Trautenau-Gablonz. Das Riesengebirge war nicht weit entfernt. Mein Großvater war Bahnwärter, vermutlich deshalb arbeitete auch Vater bei der Bahn. Er wohnte mit meiner Großmutter in einem bescheidenen Häuschen. Als kleines Mädchen war ich einige Male dort zu Besuch gewesen, ich erinnere mich noch gut an meine Großeltern.
Wenn mich mein Großvater auf die Wange küssen wollte, rannte ich davon, weil ich seine kratzigen Bartstoppeln fürchtete. Seinen Wunsch, mir Zöpfe wachsen zu lassen, wofür er mir sogar ein neues Kleid versprach, konnte ich ihm mit meinem dünnen Haar nicht erfüllen. So kam ich weder zu Zöpfen noch zu einem Kleid von Großvater. Er sprach nur Deutsch und konnte kaum Tschechisch. Meine Großmutter hingegen war Tschechin und beherrschte kein Wort Deutsch, dennoch hatten sie sich gefunden.
Ich frage mich heute noch, wie sie sich unterhalten konnten, doch es schien zu funktionieren. Immerhin hatten sie zusammen drei Kinder gezeugt, doch dazu braucht es keine Sprache.
Zu den kleinen Vergnügungen, die mir die Großmutter bieten konnte, gehörten in einem Mörser zerstampfte und mit Zucker vermischte Walnüsse.
Oft sagte ich zu ihr auf Tschechisch: »Großmütterchen, komm, Nüsse stampfen«. In dieser Sprache klang das freilich viel schöner, zumal es da das nüchterne Wort »Großmutter« nicht gibt, sondern eben nur das zärtliche »Großmütterchen«. Dieses »Babička, budeme tlouct oŕechy«, konnte ich bereits als ganz kleines Kind auf Tschechisch sagen.

Vorne mein Großvater (deutsch), Großmutter (tschechisch), dahinter von links nach rechts: Wenzel und Anna (tschechisch) und mein Vater (deutsch)
Einmal habe ich der lieben Babička einen Schock versetzt. Sie brachte mir aus der Stadt einen Kleiderstoff mit, wobei sie jammerte, nichts »Gescheites« gefunden zu haben. Eigentlich war es eine Untertreibung, denn sie war stolz auf ihren Einkauf. Obwohl sie nicht viel Geld hatte, wollte meine Babička ihrem Enkelkind eine Freude machen.
Mir gefiel der gelbe Seidenstoff mit den blauen Blümchen und winzigen Punkten sehr, aber ich wollte so klug wie meine Großmutter sein und ihr nach dem Mund reden. So sagte ich altklug: »Ja, es ist ein Fetzen, aber für die Schule wird es gut sein«.
Sie war so enttäuscht! Ich schäme mich heute noch dafür.
Als Dreijährige kehrte ich einmal nach wochenlangem Aufenthalt bei den Großeltern nach Hause zurück. Ich hatte meine Muttersprache vergessen und sprach nur noch Tschechisch, wie mir später erzählt wurde.
Es herrschte bei den Großeltern noch einfaches, unverfälschtes Landleben. Ich erinnere mich vage an Bauernkinder und einen Puppenwagen, in dem wir kleine Katzen spazieren fuhren. Ich liebte es, bei den Großeltern zu sein, obwohl es einfach und sparsam zuging.
Seit jenen Kindheitstagen habe ich meine Großeltern nicht mehr gesehen. Vielleicht war die Entfernung zu groß, vielleicht gab es andere, mir unbekannte Gründe, sodass der Kontakt zu ihnen abriss.
Als ich 15 war, starb meine Großmutter im Alter von 74 Jahren. Ich fuhr zu ihrer Beerdigung in das kleine Dorf. Sie lag im Haus im Sarg aufgebahrt, schwarz angezogen, mager und gelb im Gesicht. Man versteckte damals die Toten nicht im geschlossenen Sarg so wie heute. Die Zurückgebliebenen sollten Gelegenheit haben, die Toten noch einmal zu sehen, um Abschied von ihnen nehmen zu können.
Ich erinnere mich noch heute mit Schaudern, wie mit dumpfen Schlägen der Sarg zugenagelt wurde.
Genau in dem Moment, als der Kirchenchor begann, ein Marienlied zu singen, fiel vom Fensterbrett ein Blumentopf herab und zersprang. Die Trauergäste sahen sich erschrocken an, sie hielten es für ein schlechtes Omen.
Ein Jahr später starb mein Großvater im Alter von 79 Jahren. Nach dem Tod seiner Frau war er vereinsamt, konnte ihren Verlust nicht verwinden und erschoss sich an ihrem Grab. Ich habe das lange nicht erfahren, es wurde innerhalb der Familie streng geheim gehalten. Ich habe nie verstanden, warum.
Die drei Kinder meiner Großeltern gingen verschiedene Wege. Bruder und Schwester meines Vaters bekannten sich zur tschechischen Nationalität, mein Vater hingegen war ein fanatischer Deutscher. Selbst unser Türschild musste in den Nationalfarben schwarz-rot-gold angefertigt sein.
So spalteten die damaligen politischen Verhältnisse die Familien. Vielleicht war dies der Grund, dass der Kontakt zu den Großeltern abgebrochen worden war.
Im Ersten Weltkrieg diente mein Vater bei der Gendarmerie der österreichisch-ungarischen Monarchie. Nach dem Krieg fand er Arbeit bei der Ostrau-Karwiner Lokalbahn in der am 28. Oktober 1918 neu gegründeten, tschechoslowakischen Republik. Er arbeitete dort als Bahnhofsvorsteher, Revisor, zeitweise auch als Wagenführer.
Sein Fanatismus hätte ihn beinahe seine Stelle und womöglich mehr gekostet, als er im Stationsbüro das Bild des damaligen tschechischen Präsidenten Masaryk, des Mitbegründers der unabhängigen Tschechoslowakei war, von der Wand riss und zertrampelte. Einflussreiche Freunde konnten den Vorfall vertuschen und das Schlimmste abwenden.
Meine Mutter stammte aus einem entgegengesetzten Winkel der Tschechoslowakei, nämlich aus Leutschau in der Zips, einem Landstrich in der nördlichen Slowakei. Sie schwärmte oft von ihrer Geburtsstadt, die auf Grund ihrer Kunstwerke und prächtigen Gebäude auch das »slowakische Nürnberg« genannt wurde. Gerne erinnerte sie sich an sonntägliche Standkonzerte der K. und K.-Militärmusik, an promenierende, elegante Frauen und fesche Offiziere – vergangener Glanz der damaligen Donaumonarchie.
Ich bezweifle aber, dass sie selbst das alles erlebt hatte, denn bereits mit zwei Jahren verlor sie ihre Mutter, worauf sie bei einer sprichwörtlich hartherzigen Stiefmutter eine traurige Kindheit durchmachen musste.
Als sie zwölf Jahre alt war, starb auch ihr Vater. Sie lebte eine Weile bei ihrer um elf Jahre älteren Schwester. Sie beide waren die Einzigen, die von neun Geschwistern übrig geblieben waren. Die anderen hatte der Tod im Kindesalter dahingerafft. Die Kindersterblichkeit war damals sehr hoch, doch dass von neun Kindern gleich sieben starben, war selbst zu dieser Zeit ungewöhnlich und erschütternd.
Später kam meine Mutter zu einer Baronin »in Stellung«, wie man damals die Arbeit als Hausangestellte nannte. Dort ging es ihr sehr gut, sie wurde wie eine Tochter behandelt und eignete sich viele Kenntnisse an. Als Waise musste sie früh lernen, auf eigenen Beinen zu stehen, errang Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein, was mir fehlte.
Oft erzählte sie von »ihrer« Baronin, die dahinschmolz, wenn feurige Roma und Sinti sie »umgeigten«. Mag sein, dass aus jener Zeit ihr Hang zu Höherem stammte, den sie zeitlebens nicht verlor.
Ihren ersten Verlobten hatte sie mitleidlos sitzen gelassen, da er ihr zu klein von Statur und zu weichherzig war und sie ständig umturtelte, was ihr nicht gefiel. Sie verließ ihn während einer gemeinsamen Zugreise, stieg einfach aus und fuhr in der Gegenrichtung davon.
Später heiratete sie meinen Vater, der groß und energisch war und Uniform trug, wenn auch nur eine Eisenbahneruniform. Doch Uniformen zogen junge Mädchen an wie Nektar die Bienen. Mag sein, dass sie sich meinen Vater im Laufe der Jahre etwas weniger energisch gewünscht hatte.
In meiner Kindheit besaßen wir immer Hunde, denn mein Vater war ein Hundenarr und dressierte die Tiere stundenlang. Meist waren es Deutsche Schäferhunde, die Lux hießen.
Doch der Liebste unserer Hunde war mir ein Bernhardiner. Ich brachte ihn eines Tages in der Schultasche nach Hause. Als ich ihn herauskullern ließ, sah er aus wie ein kleines Wollknäuel auf kurzen Beinchen. Nach und nach entwickelte er sich zu einem riesigen Tier, tollpatschig und gutmütig, der einen aus großen, braunen Augen, mit schräg geneigtem Kopf, treuherzig ansah. Er packte meinen kleinen Bruder gerne am Kragen und zog ihn, zu dessen Begeisterung, in der Küche herum.
Einmal jedoch bereitete er uns Kummer. Er sprang nachts im Garten in ein Frühbeet aus Glas und schnitt sich dabei den inneren Oberschenkel auf. Eine lange Blutspur hinter sich ziehend kam er in die Wohnung gelaufen. Wir gossen im ersten Schreck ein Fläschchen Jod auf die Wunde, was schrecklich gebrannt haben musste, doch er ertrug es geduldig. Er wurde verbunden und in die Kammer gesperrt. Ich betete die ganze Nacht, dass Bary am Leben bleiben solle.
In der Früh wagte niemand, nach ihm zu sehen, aus Angst, er sei verendet. Doch als ich zur Kammertür kam, nahm ich ein gleichmäßiges, vertrautes Klopfen wahr. Er hatte mich gehört und wedelte freudig mit dem Schwanz. Wie waren wir froh, dass er lebte! Später mussten wir ihn aus Platzmangel verkaufen, er war zu riesig für unsere kleine Wohnung geworden. Bei seinem neuen Besitzer lief er in ein Auto und wurde so schwer verletzt, dass man ihn einschläfern musste. Das machte mich sehr traurig.
Der nächste Hund – mein Vater hielt es nie lange ohne Hunde aus – war ein eleganter Windhund, der »Blitz« genannt wurde. Er war nicht mehr jung, als wir ihn erhielten, aber er war ein wunderschönes, reinrassiges Tier.
Oft führte ihn meine Mutter, in grünem Lodenmantel und ein Hütchen mit Gamsbart auf dem Kopf, stolz durch den Ort spazieren. Einmal jedoch rannte er mit Riesensprüngen querfeldein davon und zog meine Mutter hinter sich her. Das imposante Bild »Dame mit Hund« war dahin! Sie erwischte ihn noch – leider, muss ich sagen. Denn kurz darauf biss er mich knapp neben der Hauptschlagader in den Arm, weil es ihm nicht passte, dass ich ihn streicheln wollte.
Ich höre heute noch, wie er wütend knurrte, seine spitzen Zähne fletschte und zubiss. Mein Vater griff mit dem Schürhaken ein, worauf Blitz von mir abließ. Ich musste zum Arzt, um die Wunde versorgen zu lassen. Noch heute sieht man die Narben auf meinem Arm. Blitz wurde schleunigst verkauft, weil er eben unberechenbar und bissig war, was vermutlich der Vorbesitzer aus demselben Grund getan hatte.
Die Sonntagnachmittage meiner Kindheit bestanden überwiegend darin, dass wir mit der Straßenbahn zur »Tanta«, der Schwester meiner Mutter, nach Ostrau fuhren. Sie war mit einem Malermeister verheiratet und kinderlos.
Mein Vater saß dann vor dem »Kristallradio«, einem einfachen Gerät mit Detektoren aus den Anfangstagen des Rundfunks mit Detektoren, und stocherte am Kristall herum, um die Sender zu finden.
Mutter und Tante tauschten sich über ihre diversen Krankheiten aus, was ich schon nicht mehr hören konnte. Dann zückte Mama ihre Tarotkarten, um für die Tante Ereignisse der kommenden Woche vorherzusagen. Und manchmal gingen ihre Prophezeiungen sogar in Erfüllung!
Wir waren katholisch. Erstkommunion und Firmung wurden ausschließlich in der Kirche gefeiert, weltliche Feiern waren nicht üblich.
Auch Süßigkeiten wurden einem nicht so nachgeworfen, wie den Kindern heute. Ein Nikolaus oder ein Osterhase aus Schokolade war etwas Besonderes. Ich versteckte die Leckereien meist, um mir nach und nach ein kleines Stückchen zu genehmigen. Wenn mein Osterhase dann von mir aus seinem Versteck hervorgeholt wurde, musste ich oft voll Wut feststellen, dass ihm mein Bruder ihm heimlich die Füße oder Ohren abgebissen hatte.
Eigentlich war ich ein gesundes Kind, doch mit zehn Jahren brachte man mich mit Scharlach für ganze sechs Wochen ins Krankenhaus, wo ich vollkommen isoliert wurde.
Der einzige Kontakt zu meinen Eltern bestand durch das geschlossene Fenster, wobei ich mich mittels Schreien verständlich machen musste. Was für ein Stimmengewirr, wenn die mehr als zwanzig kleinen Patienten an den Fenstern hingen und nach draußen brüllten!
Was er mir mitteilen wollte, schrieb mein Vater auf ein Stück Papier, das er an die Scheibe hielt, sodass ich es lesen konnte.
Das waren meine frühen Jahre der Kindheit.
Endlich ein »Backfisch«!
Ich konnte es kaum erwarten älter zu werden, ein »Backfisch« zu sein, heute würde man es »Teenager« nennen.
Endlich war es so weit: Die Schuleinschreibung für das Mädchenrealgymnasium stand bevor. Etwas beklommen marschierte ich mit meiner Mutter zum Schulgebäude.
Der Direktor war ein imposanter Mann mit stahlblauen Augen und schwarzem Vollbart. Dass er sich einige Jahre später das Leben nehmen würde, weil er Jude war, konnte man nicht ahnen.
Er stellte die obligatorischen Fragen, die von mir schüchtern beantwortet wurden, wobei ich mir aus Verlegenheit ständig mit der Hand eine Haarsträhne unter meinen roten Matrosenhut strich. Die Aufnahmeprüfung war erfolgreich, und so begann meine achtjährige Oberschulzeit.
Die gesamte Familie war nun auf ihre Gymnasiastin stolz. Täglich musste ich etwa eine halbe Stunde mit dem Zug von Orlau nach Ostrau fahren und dann von der Bahnstation etwa zwanzig Minuten zur Schule gehen. Bei strengem Winterwetter, wenn es einen an den Fingern und Füßen fror, schien mir der Weg endlos.
Der Großteil meiner Klassenkameradinnen und auch einige Lehrer waren jüdisch. Damals fragte niemand danach, wir vertrugen uns und waren befreundet.
Als meine jüdische Mitschülerin Ruth einmal zu mir sagte, »du hast ja Kuhaugen«, war ich schrecklich wütend auf sie.
Wegen meiner langen Nase, meiner abstehenden Ohren und meiner dünnen Haare fand ich mich als Backfisch absolut hässlich. Nun wurden mir auch noch »Kuhaugen« zugeschrieben!
Die Familie dieser Jüdin war sehr wohlhabend. Ruth spielte Tennis, lernte reiten und fuhr in den Ferien ins Salzkammergut. Das alles waren Privilegien, die sich nur reiche Leute leisten konnten.
Kurz nach Kriegsende las ich in einem Amtsblatt, dass sie für tot erklärt worden war. Das hat mich tief erschüttert. So war auch sie in dieser schrecklichen Zeit mit größter Wahrscheinlichkeit den Weg von Millionen von Juden zur Ermordung in einem deutschen Konzentrationslager gegangen.
Kleine Unterschiede unter uns Schülerinnen gab es wohl in der Herkunft: »Akademikertochter« oder »Beamtentochter«, aber das verwischte sich im Laufe der Jahre. Als wir 1939 durch die Annexion der Tschechoslowakei »heim ins Reich« kehrten, hielten wir uns als Deutsche ohnehin für etwas Besseres als die Tschechen oder Juden.
Die Schulzeit brachte ihre Höhen und Tiefen.
Wenn ich heute meine damaligen Lehrer Revue passieren lasse, fällt mir auf, dass mir einige von ihnen sehr alt vorkamen. Doch so alt konnten sie nicht gewesen sein, da sie noch im Schuldienst waren. Aber als jungem Menschen kommen einem selbst die Eltern alt vor.
Einen Mathematikprofessor fürchtete ich in der untersten Klasse ganz besonders. Es war Professor Franz Lorenz, der schon äußerlich den Eindruck eines sehr alten Herrn machte. Mit seinem dicken, grauen Schnauzbart erinnerte er mich an einen Seelöwen. Selbst heute noch muss ich, wenn ich einen Seelöwen sehe, an ihn denken.
Er war wohl krank, denn er war quittengelb im Gesicht und schrecklich »grantig«. In seinem Zorn schmetterte er gelegentlich einen ganzen Stoß Hefte auf den Boden, nicht selten flog der schwere Tafelzirkel samt Transporteur in die Klasse, sodass alle schnell die Köpfe einzogen.
Ab und zu bekam er einen Niesanfall, bei dem er gar nicht aufhören konnte zu nießen, was uns sehr belustigte. Mit seinem im Taschentuch vergrabenen Gesicht konnte er unser Feixen glücklicherweise kaum wahrnehmen, sonst hätte es ein schreckliches Donnerwetter gegeben.
Eines Tages hatte Mama die glorreiche Idee, für mich ein blaues Band mit Schleife als Haarschmuck zu nähen. Dieser Blickfang wurde mir zum Verhängnis.
Obwohl ich mich in der Bank klein machte und hinter meiner Mitschülerin verkroch, hatte mich der gefürchtete Lehrer bemerkt: »Die da mit dem blauen Mascherl!«, rief er, und holte mich vor an die Tafel. Ich habe diese Szene überlebt, verwünschte aber mein blaues Mascherl und nahm es immer vor der Schule vom Kopf.
Einige Jahre später hatte ich nochmals ein Erlebnis mit ihm. Bei einer Schulveranstaltung im Turnsaal, bei der etwa vierhundert Schülerinnen versammelt waren, wurde mir plötzlich schwarz vor Augen. Als ich blinzelnd wieder zu mir kam, lag eine Hand auf meiner Stirn. Mein Mathelehrer beugte sich mit fürsorglichem Blick über mich. Vor Schreck schloss ich die Augen und täuschte eine weitere Ohnmacht vor. Seine väterliche Besorgnis aber hatte mich doch beeindruckt, er schien gar nicht so böse zu sein.
Professor Karl Ruis war unser Deutschlehrer. Er war Junggeselle und verbrachte seine Abende bis in die frühen Morgenstunden in einem Weinlokal in Ostrau. Oft kam er vormittags mit einer Fahne aus Rauch und Alkohol in die Klasse.
Heute denke ich, dass er sich einsam fühlte und seinen Kummer im Wein ertränkte. Er war sehr sentimental und konnte kein Gedicht vorlesen, ohne dass sich seiner eine heftige Gemütsbewegung bemächtigte, besonders, wenn es im Gedicht um Liebe ging. Er war unfähig, seiner Rührung Herr zu werden und seine Tränen zurückzuhalten.
Wir spotteten, lachten und feixten darüber, aber eigentlich hatten wir ihn ganz gern. Worüber amüsiert man sich in diesem Alter nicht? Es musste in Geografie nur vom »Meerbusen« die Rede sein, schon wurde hinter vorgehaltener Hand gekichert.
Unserem Zeichenlehrer Professor Julius Spiegel setzte die Klasse besonders zu. Er war Jude und von kleiner, zierlicher Statur. So konnte er sich gegenüber seinen Schülern nur schlecht behaupten, sie konnten ihm buchstäblich auf den Kopf spucken.
Als wir einmal auf der Rückseite einer seiner ausgehängten Zeichnungen eine von ihm gefertigte Aktstudie fanden, nahm das Gespött kein Ende, der Arme konnte sich des hämischen Gelächters kaum erwehren.
Nicht zu übersehen war Professor Ernst Gretzer, unser Religionslehrer, der uns alles lehrte, nur nicht Religion.
Er sah gut aus, war groß und schlank. Und lackierte sich die Fingernägel! Der Wahnsinn! Er ließ sich von uns Schülerinnen anhimmeln und sonnte sich in seinem Glanz.
In der Früh holten wir ihn vom Pfarrhof ab. Inmitten der Mädchenschar schritt er mit hoch gereckten Schultern und dem stolzen Lächeln eines Siegers zur Schule. Seine Schwäche war halt die Eitelkeit.
Ansonsten war er ein sehr guter Prediger. Bei seinen Maiandachten war die Kirche rappelvoll. Schon deswegen, so bin ich überzeugt, wird Gott beim letzten Gericht trotz seiner »Wurzelsünde«, der Eitelkeit, ein Auge zugedrückt haben.
Wir hatten auch Lehrerinnen. Eine war Professor Valerie Ruźička, was auf Deutsch »Röschen« heißt. Sie war für Sprachen zuständig. Ein Röschen war sie freilich nicht mehr, sondern bereits im Stadium einer verwelkenden Rose.
Vergeblich versuchte sie, mit viel Puder und Schminke die Spuren zu verbergen, die der Zahn der Zeit auf ihrem Gesicht hinterlassen hatte. Zu ihren rot gefärbten Haaren trug sie mit Vorliebe lila Tücher und extravagante Kopfbedeckungen. Obwohl wir über sie kicherten, mochten wir sie im Grunde genommen ganz gerne.
Eine unangenehme Situation ereignete sich damals in der Abiturklasse, als ich mit meinem Verlobten Franz in der Straßenbahn fuhr und bemerkte, dass sie uns gegenübersaß. Es war mir so peinlich! Ich brachte keinen Ton heraus und zählte die Minuten bis zum Aussteigen. Riskierte ich einen scheuen Blick in ihre Richtung, starrten ihre Augen unbewegt ins Leere.
So war das damals mit der Autorität!
Vor Lehrern und Erziehungsberechtigten hatte man Respekt! Dabei hätte ich doch stolz darauf sein können, mich in Begleitung eines deutschen Offiziers zu befinden, der noch dazu eine Uniform trug.
Die übrigen Lehrer waren mehr oder weniger unauffällig und blieben mir nicht besonders in Erinnerung. Doch auch sie haben meine Jugend mitgeprägt.
Sie alle leben längst nicht mehr, sind zu Staub geworden. Doch in meinem Gedächtnis werden sie bis zum Ende meiner Tage gegenwärtig sein, denn das Wissen, das sie mir vermittelten, begleitet mich durch mein ganzes Leben.
Meine Eltern waren strikt dagegen, dass ich, wie meine Mitschülerinnen, mit den Schülern des benachbarten Gymnasiums Kontakte pflegte.
Einmal aber machte mir doch ein Gymnasiast namens Walter den Hof. Der gut aussehende Sohn einer italienischen Mutter hatte braune, lockige Haare. Er bemühte sich, mit mir in Kontakt zu kommen, was bei einem so schüchternen Mädchen wie mir nicht leicht war. Wann ich mich mit ihm treffen könne, wollte er von mir wissen. So ein Rendezvous sahen meine Eltern nicht gern, doch wenn man etwas fest will, findet man einen Weg.
Also benutzten wir meinen Nachmittagsunterricht, bei dem ich bis 16.30 Uhr Stenografie lernte. Walter wartete an der Ecke und amüsierte sich vermutlich über meine Besorgtheit im Hinblick auf meine Eltern.
Um Zeit zu gewinnen, schwindelte ich zu Hause vor, meine Tante besuchen zu wollen. Der Weg dauerte zwanzig Minuten, also vierzig Minuten hin und zurück.
Folgsam besuchte ich die Tante, wenn auch nur für schnelle fünf Minuten, damit für den Spaziergang mit Walter etwas mehr Zeit blieb. Dabei war ich schrecklich angespannt und sah dauernd auf die Uhr, denn meine Eltern hatten mir befohlen, spätestens mit der Straßenbahn um 18.40 Uhr heimzukommen.
Oft musste ich in schnellem Tempo über die Promenade hetzen, um diese Straßenbahn noch zu erreichen, während meine Mitschülerinnen mit ihren Freunden verliebt auf und ab spazierten. Der arme Walter musste dann hinter mir herrennen. Viel Freude hatte er in den wenigen Wochen unserer ersten Verliebtheit sicher nicht!
In diesen Jahren hatte ich einige »offizielle« Auftritte, vor denen mir schrecklich graute.
Einmal war es meine Aufgabe, in der Kirche neben der Marienstatue ein tschechisches Gedicht zur Maiandacht aufzusagen, dabei an einer bestimmten Stelle des Textes auf die Statue zu schauen und mir gleichzeitig theatralisch ans Herz zu fassen.
Meiner Meinung nach war das kitschig und übertrieben, mir war nicht wohl dabei, aber meine Mutter war sehr begeistert. Nebenbei bemerkt trug ich zu dieser Zeit bereits voller Stolz meine ersten Seidenstrümpfe und Stöckelschuhe, was mir das Gefühl gab, schon sehr erwachsen zu sein.
Bei der Begrüßung von Kardinal Bertram, der die Firmung durchführte, musste ich erneut auftreten. Wir gehörten damals zur Diözese Breslau. Weil der Kardinal nicht Tschechisch konnte, musste ich ihn in unserem überwiegend tschechischen Ort mit einem deutschen Gedicht und gelben Rosen begrüßen.
»Ein Freudentag ist angebrochen, es feiert ihn der ganze Ort, die Kinderherzen jubelnd pochen, der Mund hat nur ein dankend Wort …«, musste ich vortragen. Aber mein Herz pochte nicht jubelnd, sondern schlug in panischer Angst bis zum Hals.
Seine Eminenz sprach ein paar nette Worte zu mir und nahm mir das Versprechen ab, immer brav und katholisch zu bleiben. Dann stotterte er mehr schlecht als recht einen tschechischen Satz, womit er die Sympathien der heimischen Bevölkerung errang.
Ein weiteres nachhaltiges Ereignis war meine Teilnahme an der Primizfeier eines Nachbarsohnes, eines stillen jungen Mannes, der seine Berufung ernst nahm.
Ich durfte mit anderen Mädchen Ehrenjungfrau sein. Es waren etliche Vertreter der Geistlichkeit anwesend, ob schon zum Priester geweiht oder nicht, weiß ich nicht. Jedenfalls waren sie sehr übermütig und schäkerten ausgelassen mit den Mädchen herum. Auch in ihren frechen Liedern, die von vergeblicher Liebe und Frauen im Beichtstuhl handelten, war keinerlei Frömmigkeit zu erkennen.
Sehr enttäuscht, ja fast entrüstet kam ich nach Hause. Diese jungen Männer entsprachen überhaupt nicht meiner Vorstellung von einem Priester!
Einmal marschierte ich in einer slowakischen Tracht, mit Ährenkranz auf dem Kopf, zu einem Erntefest im Wiesengrund, das der Katholische Verein veranstaltete.
Gleich zu Beginn schenkte mir der Herr Pfarrer sein Tombola-Los. Natürlich zog ich damit den Hauptgewinn, der eigentlich dem Herrn Pfarrer zugedacht war. Es war ein lebendiges Suppenhuhn!
Ratlos stand ich da, den Käfig mit dem Huhn in der Hand. Irgendwie brachte ich das Federvieh nach Hause, und wir aßen dann vergnügt die Hühnersuppe, die für den Herrn Pfarrer bestimmt war.
So verbrachte ich eine schöne Kindheit und Jugend, an die ich mich immer noch gerne erinnere.
Eine neue, eine andere Zeit bricht an
Am politischen Himmel zogen dunkle Wolken auf, die sich mehr und mehr verdichteten. Konrad Henlein, ein Deutscher aus dem Sudetengebirge, der ursprünglich Bankbeamter und Turnlehrer war, hatte die »Sudetendeutsche Heimatfront« gegründet. Sie wurde später, vom Deutschen Reich unterstützt, zur »Sudetendeutschen Partei«, abgekürzt »SdP«.
Diese Partei war maßgeblich mit daran beteiligt, dass mit dem »Münchner Abkommen« – einem Vertrag, der 1938 in München zwischen Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien ohne die Tschechoslowakei vereinbart worden war – die Abtretung der sudetendeutschen Gebiete in der Tschechoslowakei an das Deutsche Reich verfügt wurde. Man stelle sich vor, dass diese Staaten den verbrecherischen Machthunger Hitlers unterstützten!
Durch die Parolen dieser »SdP« beeinflusst, besannen wir uns mehr und mehr unseres »Deutschtums« und zogen als Ausdruck unserer deutschen Gesinnung in Dirndlkleidern und weißen Kniestrümpfen mit Zopfmuster, »Sieg Heil« rufend, zu den angeordneten Kundgebungen. Nichts anderes wollten wir als »Heim ins Reich«. Damals konnten wir nicht im Geringsten ahnen, unter welch furchtbaren Umständen sich dieser Wunsch Jahre später verwirklichen sollte.
In wenigen Jahren nach dem verlorenen Krieg würden die jetzt unterdrückten, verfolgten und diskriminierten Tschechen die Deutschen ihres Hab und Guts berauben. Sie würden ihre Unterdrücker, soweit sie sie nicht ermordet hatten, aus ihrer Heimat vertreiben: »Jetzt könnt ihr heim in euer Reich!«, würden sie uns Deutschen höhnisch nachrufen, wenn sie uns, wie Tiere in Güterwaggons gepfercht, aus dem Land trieben. Die Rache der Tschechen für die an ihnen verübten Gräueltaten und Diskriminierungen würde schrecklich sein.
Doch damals ahnte man das alles nicht, wir Deutschen fühlten uns als die »Herrenrasse« im Recht, wie es uns der »Führer« eingetrichtert hatte.
Die politischen Machenschaften während der Henleinzeit, der später von Hitler zum Gauleiter des Sudetenlandes und Reichsstatthalter befördert wurde, hatte ich als Jugendliche nicht registriert. Es interessierte mich nicht, man machte halt das, was auch die anderen machten: Man »siegheilte« und jubelte enthusiastisch mit: »Ein Volk, ein Reich, ein Führer!«. Wir sahen eine glänzende Zukunft vor uns. Erst viele Jahre später wurde uns bewusst, welche Verbrechen von den Nazis verübt worden waren.
An einem Märzabend im Jahre 1939 geschah es:
Ich saß zu Hause über einer Lateinaufgabe, als ich durch das Fenster draußen in der Finsternis eine lange Lichterkette die Anhöhe von Schlesisch-Ostrau herunterkommen sah. Es waren deutsche Panzer!
Die tschechischen Mieter im Haus, mit denen wir bis dahin in guter Nachbarschaft gewohnt hatten, waren außer sich vor Angst. Beklommen fragten sie meine Mutter: »Was wird nun mit uns geschehen? Es ist doch unsere Heimat, die ihr jetzt in Besitz nehmen wollt!«
Meine Mutter beruhigte sie: »Nichts«, sagte sie, »nichts wird Ihnen geschehen. Wir Deutsche sind anständige Menschen.« Es geschah den Tschechen auch nichts – vorerst.
In der Nähe unserer Wohnung war eine tschechische Kaserne. Die tschechischen Soldaten hatten die Wahl, sich widerstandslos zu ergeben oder in die Luft gejagt zu werden. Sie entschieden sich für Ersteres. Nun brach ein unbeschreiblicher Jubel aus, ein wahrer Rausch erfasste alle Deutschen.
Man kann nicht beschreiben, was sich auf Ostraus Straßen und Plätzen tat.
Lautsprecherwagen spielten Marschmusik, die Menge tanzte, sang und schunkelte. Im Triumphzug wurden die deutschen Soldaten auf den Schultern der Männer in die Häuser getragen und königlich bewirtet. Ein Jubel ohnegleichen.
Wir Jugendliche saßen im »Deutschen Haus« und trennten tschechische Fahnen auf, um aus dem Stoff Hakenkreuzfahnen zu nähen! Tschechische Frauen gingen am Haus vorbei und zeigten uns hasserfüllt die Zunge. Wir aber lachten nur, wir waren die Sieger!
Es dauerte Tage, bis man sich beruhigt hatte und wieder zum Alltag überging. Wir jungen Mädchen schwärmten von den deutschen Soldaten und sahen zu ihnen auf wie zu Göttern. Die armen Gymnasiasten wurden, nun uninteressant geworden, ins Abseits gestellt. Was war schon ein Gymnasiast gegen einen deutschen Soldaten?
Im Bräuhaushof von Radwanitz teilte die »Nationalsozialistische Volkswohlfahrt« (NSV) an die arme Bevölkerung Suppe und Brot aus, während in den Nebengebäuden Soldaten mit ihren Pferden lagerten.
Manchmal half ich bei der Brotausgabe mit, so auch am Ostermorgen im April 1939. Plötzlich sah ich mich im Hof von Soldaten umringt, die sich mit mir unterhalten wollten. Wir Mädchen waren nämlich sehr gefragt.
In vorlauter, frecher Backfischmanier ließ ich angeberisch meine Schulweisheiten einschließlich lateinischer Vokabeln auf die jungen Männer niederprasseln, was sie sehr zu beeindrucken schien. Sie standen da mit offenem Mund. Eigentlich war Angeben nicht meine Art. Wir lebten jedoch in einem Ausnahmezustand, und da waren alle wie berauscht.
Ich hätte sicher munter mit meinem Wissen weiter geprahlt, hätte sich nicht ein großer, blond gelockter Gefreiter der Gruppe genähert, und damit trat Franz in mein Leben.
Er nahm das Wortgefecht mit mir auf und erwies sich als ebenbürtiger Gesprächspartner, der meiner Angeberei durch entsprechendes Kontra Einhalt gebot.
Als ich meinen Eltern davon erzählte, ermunterten sie mich, den jungen Mann mit nach Hause zu bringen, immerhin war er Soldat und damit etwas Besonderes. Man bewunderte die jungen Männer, die bald in den glorreichen Krieg ziehen würden, zur Rettung des Vaterlandes.
Nichts war mir lieber als dieser Vorschlag meiner Eltern, und als ich den Gefreiten am nächsten Tag wie zufällig wieder traf, lud ich ihn zu uns nach Hause ein. Er war hoch erfreut.
Franz besuchte mich zwei Mal und wir musizierten zusammen. Ich spielte Klavier, er begleitete mich auf der Geige.
»Träume von der Südsee« spielten wir hingebungsvoll, und weil Franz auch noch schön sang, eroberte er nicht nur mein Herz, sondern die Herzen der ganzen Familie im Sturm.
Als er das zweite Mal kam, bat er um Schuhputzzeug, um seine staubigen Stiefel reinigen zu können. In dem Augenblick als er sich bückte, geschah etwas ganz Seltsames: Für den Bruchteil einer Sekunde schoss, wie auf einem Foto, das Bild von einem gemeinsamen Leben mit Franz durch meinen Kopf. Es war wie ein Fenster in die Zukunft.
Nie hatte ich vorher an so etwas wie Ehe gedacht, ich war doch noch viel zu jung und hatte erst meinen 16. Geburtstag gefeiert. Außerdem währte die Begegnung mit Franz noch nicht lange. Trotzdem, so scheint es mir heute, hatte mir das Schicksal für einen winzigen Moment einen Blick in mein künftiges Leben gezeigt.
Nach fünf Tagen musste die Einheit von Franz den Ort verlassen und zog weiter. Zurück blieben eine schöne, zarte Erinnerung und ein Briefwechsel, der uns in der nächsten Zeit die einzige Gelegenheit bot, uns näher kennenzulernen.
Franz, meine große Liebe
Franz stammte aus Beuthen, einer oberschlesischen Industriestadt, etwa hundert Kilometer nördlich von Ostrau, auf Reichsgebiet gelegen.
Er war der Älteste von acht Geschwistern, von denen zwei im Kindesalter gestorben waren. Das bescheidene Gehalt seines Vaters, eines kleinen Postbeamten, reichte für die große Familie kaum aus, und so standen mancherlei Entbehrungen auf der Tagesordnung, zumal für die Kinder Schulgeld entrichtet werden musste. Doch auf eine gute Schulbildung legten die Eltern trotz aller Bedürftigkeit großen Wert.
So manches Mal, erzählte mir Franz, zog er im Winter zusammen mit seiner Mutter den Handwagen, in dem sich der monatliche Lebensmitteleinkauf befand, mit steif gefrorenen Fingern nach Hause. Der Haushaltsetat wurde meist überschritten, und so musste man »anschreiben« lassen. Dieses Geld fehlte dann im nächsten Monat in der Haushaltskasse. Auf diese Weise häuften sich die Schulden der Familie immer weiter an.
Seine Geschwister hingen Franz dauernd am Rockzipfel. Kaum hatte er sich einmal auf den Fußballplatz weggestohlen, tauchte schon wieder ein kleiner Bruder auf, mit dem er sich beschäftigen musste. Seine Geduld, die er sich wohl in dieser Zeit angeeignet hatte, begleitete ihn zeitlebens, sei es im Umgang mit seinen Kindern und Enkelkindern und nicht zuletzt im Beruf mit seinen Schulkindern.
Einen seiner Brüder verlor Franz im Krieg, seine Schwester erlag mit 26 Jahren einem Lungenleiden. Die anderen Geschwister kamen mit den Eltern 1958 als Spätaussiedler in den Würzburger Raum, wo die Eltern in den siebziger Jahren starben.
Nach seinem Abitur musste Franz sofort zum Reichsarbeitsdienst, dem »RAD«. Im Zuge der Errichtung des NS-Regimes nach 1933 zwang die Reichsregierung jeden jungen Erwachsenen zwischen dem 18. und 25. Lebensjahr, unabhängig vom Geschlecht, »gemeinnützige« Arbeiten zu verrichten. Dieser »Dienst« wurde vorläufig auf ein halbes Jahr festgelegt.
Ziel war es, »die deutsche Jugend im Geiste des Nationalsozialismus zur Volksgemeinschaft und zur wahren Arbeitsauffassung, vor allem zur gebührenden Achtung der Handarbeit, zu erziehen«. Dazu wurden die jungen Männer und Frauen in der Urbarmachung von Land, im Straßenbau, in der Landwirtschaft sowie im Aufbau militärischer Abwehranlagen wie dem »Westwall« eingesetzt.
Sofort nach seinem Arbeitsdienst wurde Franz zur Wehrmacht eingezogen, da war keine Gelegenheit ein Studium zu beginnen oder einen Beruf zu erlernen.
Bedeutsame Tage waren also die Ostertage des Jahres 1939 für mich, in denen ich meine große Liebe Franz kennenlernte.

Erste Liebe
Bei uns begann Ostern damit, dass mein Vater mir am Morgen die Zudecke wegzog und mich mit Parfüm bespritzte. Dann wartete ich den ganzen Vormittag ängstlich, wer mich noch »begießen« würde, denn der Ostermontag war der große Tag der Männer.
Sie besuchten alle ihnen bekannten Frauen und Mädchen, um sie mit duftenden Wässerchen zu besprengen.
Manchmal gab es dazu ein paar Schläge mit der geflochtenen, bändergeschmückten Osterrute auf die Waden. »Schmeck Ostern«, sagte man zu dieser Prozedur. Die Männer erhielten dafür ein gefärbtes Osterei, oft auch ein Schnäpschen.
Dass deren im Laufe des Vormittags zu viele geworden waren, konnte man um die Mittagszeit beobachten, wenn die Männer und Burschen ziemlich beschwipst, den Hut im Genick, singend und grölend heimwärts wankten.
War der Angriff mit dem Parfümfläschchen die normale, feinere Art, so gab es auch frechere Burschen, die einen gleich mit der Siphonflasche attackierten. So erging es mir einmal vor dem Kirchgang, als so ein Rabauke den Wasserstrahl ausgerechnet auf meine frisch gedrehten Stopsellocken richtete, die danach in traurigen Strähnen herabhingen. Auch hörte man von groben Burschen, die von ihren Osterruten ausgiebig Gebrauch machten und die Mädchen zum Brunnen zerrten, um sie dort bis auf die Haut zu durchnässen. Ich liebte diese Bräuche nicht sonderlich. Am Osterdienstag dann kam der Tag der Frauen, doch sie beschränkten ihre Spritzerei auf die eigene Familie.
1939 war ein herrlicher Sommer! Nie vorher war das Leben für mich so beschwingt und fröhlich gewesen wie in diesem Jahr. Ein bisschen Freiheit hatten mir meine Eltern in meinem 18. Lebensjahr gewährt, wenn auch in beschränktem Maß. Ich genoss diese Zeit zusammen mit meinen Freundinnen in vollen Zügen. Es gab viele Tanzveranstaltungen und zahlreiche Feste, wobei mir die Zukunft in den schönsten Farben erschien.
Damals wurde das tägliche Leben aber auch von Organisationen und Appellen bestimmt. Die Frauen traten in die Frauenschaften ein, viele Männer schlossen sich der Sturmabteilung SA oder der Schutzstaffel SS an.
Die Burschen waren in der Hitler-Jugend und marschierten stramm zum Geschmetter des Spielmannszuges durch die Stadt. Die Mädchen waren Mitglied im »BdM«, dem »Bund Deutscher Mädchen«, dem natürlich auch ich beitrat. Alles war genauestens organisiert, was uns gefiel, und wir waren stolz, dazuzugehören.
Im tschechischen Radwanitz waren wir nur zehn Mädchen deutscher Nationalität, dennoch marschierten wir in kleiner Gruppe singend durch den Ort: »Als die gold’ne Abendsonne, sandte ihren letzten Schein, zog ein Regiment von Hitler, in ein kleines Städtchen ein …«. Was waren wir begeistert!
Doch dann kam der 1. September 1939. Der erste Akt der deutschen Tragödie begann.
An allen Ecken schrien die Zeitungsverkäufer in die Menge: »Deutschland hat Polen den Krieg erklärt!« Im Radio ertönten die berühmt gewordenen Worte Hitlers: »Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen.«
Der Angriff auf Polen wurde uns als Vergeltungsschlag gegen den polnischen Überfall auf den Sender Gleiwitz in Schlesien verkauft. Selbst als aus der Ferne Geschützdonner grollte, wurde mitgefiebert.
»Der Führer wird es ihnen schon zeigen, den frechen Polen.« Und er zeigte es ihnen!
In einem dreiwöchigen Blitzkrieg, an dem auch Franz teilnehmen musste, wurde Polen besiegt, doch dieser Feldzug forderte seinen Blutzoll.
Ein junger Flaksoldat, den ich kannte, war der erste meiner Freunde, der bereits am 16. Kriegstag fiel. Das erschütterte mich so sehr, dass ich sein Sterbedatum bis heute nicht vergessen habe und alljährlich am 16. September daran denke.
Es blieb nicht beim beim Polenfeldzug. Größenwahnsinnig trieb Hitler die Regimenter nach Frankreich und schließlich, um die Katastrophe weiter zu schüren, nach Russland.
In unerschütterlichem Glauben an den Sieg folgten sie ihm willig, auch die Bevölkerung glaubte lange an den »Endsieg«, den die Parolen versprachen.
Doch es dauerte nicht allzu lange, bis den ersten ruhmreichen Siegen der aus unserer Sicht heldenhaften Kämpfer katastrophale Niederlagen folgten, die den Weg in die Apokalypse vorbereiteten.
Immer länger wurden die Listen der Gefallenenanzeigen, immer mehr junge Menschen opferten ihr hoffnungsvolles Leben sinnlos für »Führer, Volk und Vaterland«, starben den »Heldentod«.
Doch noch, anno 1940, waren wir siegreich!
Fernab des Kriegsgeschehens bereitete ich mich auf das Abitur vor.
Die jüdischen Lehrer und Schülerinnen waren nach der Besetzung der Tschechei aus unserer Schule verschwunden. Uns wurde erzählt, sie würden im Osten angesiedelt. Es berührte uns in dem damaligen Begeisterungstaumel kaum.
Ich machte mir zu dieser Zeit wegen des Krieges viele Gedanken, besonders über das Leben nach dem Tode, weil mehr und mehr Bekannte und Freunde im Kampf fielen. Doch viel klüger wurde ich durch das Grübeln nicht. Ich erkannte für mich, dass man in der Hoffnung leben muss, denn es gibt keine Gewissheit über die Zukunft oder über das, was nach dem Tode kommt.
Voller Vorfreude sah ich meinem ersten Tanzabend entgegen, der uns von der Schule als Krönung des Abiturs in Aussicht gestellt worden war. Ich wünschte mir dafür von meiner Mutter ein langes, weißes Taftkleid mit schwarzen Samtbändern und roter Mohnblume und sah mich im Geiste elegant übers Parkett schweben. Doch es wurde nichts daraus.
Im letzten Moment wurde der Tanzabend wegen der Kriegsereignisse abgesagt, es durfte nicht sein, dass wir uns vergnügten, während die Soldaten an der Front dem Tod ins Auge sahen.
Obwohl ich das verstand, war ich doch sehr traurig darüber. Auch wir 18-Jährige mussten lernen, auf vieles, was früher selbstverständlich war, zu verzichten, zum Wohle des Vaterlandes.
Ein besonderes Ereignis für unsere Klasse war eine Einquartierung: Soldaten der »Leibstandarte Adolf Hitler« und der »Standarte Wiking«, einer Panzer-Division der Waffen-SS, zum Teil Freiwillige aus den Niederlanden, Belgien und Skandinavien, schlugen im Schulgebäude ihr Nachtquartier auf.
Zum Abschied schrieben sie ein paar nette Worte an die Tafel.
Wir waren sehr stolz darauf, denn es war eine Eliteeinheit besonders schöner, junger Männer, so, wie sich der Führer seine arische Herrenrasse vorstellte. Doch auch sie wurden erbarmungslos in den grausamen Krieg geschickt, um ihr Leben fürs Vaterland hinzugeben.
Das war im Frühjahr 1941, wir zählten aufgeregt die Tage bis zum Abitur – Matura hieß es bei uns – und wünschten uns, dass alles gut gelingen würde.
Es ging auch schmerzlos über die Bühne. In Deutsch hatte ich mit einer seelenvollen Interpretation des Gedichtes »Sehnsucht« von Eichendorff die beste Arbeit. »Es schienen so golden die Sterne«, begann die erste Strophe, »Am Fenster ich einsam stand/ Und hörte aus weiter Ferne/ Ein Posthorn im stillen Land./ Das Herz mir im Leibe entbrennte,/ Da hab ich mir heimlich gedacht:/ Ach, wer da mitreisen könnte/ In der prächtigen Sommernacht«.
Zwei weitere Strophen gab es auch noch. Ich schwärmte so sehr, dass selbst Freiherr von Eichendorff seine Freude gehabt hätte.
Auch die anderen Fächer bestand ich, und am 27. März 1941 wurde mir mein »Zeugnis der Reife« ausgehändigt, unterzeichnet vom Prüfungsleiter Julius Caesar, er hieß wirklich so. Ich hatte es geschafft!
Nun lag die Schulzeit hinter mir, wobei mir bei dem Gedanken nicht wohl war. Es beschlich mich Wehmut darüber, dass ich nun auf dem jetzigen Stand meines Wissens stehen bleiben und nichts mehr dazulernen würde.
Noch war mir nicht bewusst, dass man sein ganzes Leben lang lernt, wenn auch nicht schulisches Wissen, sondern die Lehren des Daseins.
An der abendlichen Abiturfeier durfte ich nicht teilnehmen. Es ärgerte mich sehr, dass meine Eltern das nicht erlaubten. Doch dafür gestatteten sie mir, Franz zu besuchen, mit dem ich in stetigem Briefwechsel war. Er war inzwischen Leutnant geworden und in Metz, im Nordosten Frankreichs, stationiert.
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