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Veronique Larsen

Maxillia

Finstere Visionen

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

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„Ich glaubte Schicksal wäre ein anderes Wort für Zufall, welches die formenden Einschnitte des Lebens beschreibt. Doch das, was geschehen ist, lässt mich zweifeln und alles, was ich glaubte zu wissen, in Frage stellen. Denn wenn das Leben nur eine Aneinanderkettung von Zufällen wäre, die am Ende eine Geschichte formen, so würden sich Schicksale doch nicht so sehr mit denen anderer verweben und mit ihren Fäden Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit verbinden. Ist das Leben vielleicht doch ein vorbestimmter Ablauf, den man nur wenig beeinflussen kann? Steht die eigene Geschichte, schon bevor man sie durchlebt hat, irgendwo auf dem Blatt eines Mächtigen geschrieben? Kann es sein, dass jemand in der Vergangenheit schon wissen konnte, was der Schleier der Zukunft vor einem verbirgt?“

Maxillia von Rebien

Finstere Visionen

Helle Strahlen fielen bündelweise durch das dichte Laub der Bäume, als Maxillia den schmalen Weg durch den Wald ging, den sie an jedem Tag entlangeilte. Schließlich hatte sie nicht viel Zeit, um dem tristen Alltag in der Burg zu entfliehen und aus der Rolle der Prinzessin heraus zu kommen. Sie hatte lediglich drei Stunden am Tag, die ihr zwischen den langweiligen Unterrichten und dem Training, bei dem sie sich regelmäßig blamierte, blieben. In dieser Zeit traf sie sich heimlich mit ihrer besten und einzigen Freundin an einem Ort, an dem sie sein konnte, wie sie war und nicht so, wie sie sein musste. Es gab strenge Regeln in der Burg, die ihr vieles verboten und sie in ein Verhalten zwängten, das wirklich nicht ihrem Naturell entsprach. Wenn sie dagegen verstieß, drohten ihr strenge Strafen, die durch Gesetze und Erlasse geregelt waren. Selbst ihrer Mutter, der Königin der Großelfen und des Bündnisses zwischen den Elfenvölkern und den Zwergen, gefielen die meisten dieser Regeln nicht, an die sich die Königsfamilie eigentlich halten musste. Jedoch waren sie beinahe wie eine Pflicht, aufgelegt von den am Bündnis beteiligten Königreiche, damit dieses Bündnis überhaupt bestehen konnte. Eine dieser Regeln war auch, dass die Königsfamilie die Burg nicht ohne Begleitung von Wachen und Dienern verlassen durfte, da sie möglicherweise von irgendwem angegriffen werden könnten und so Schutz benötigen. Allerdings berücksichtigten diese Regeln nicht, dass es eventuell schwierig wäre, als einziges Kind des Palastes, Freunde zu finden und nicht an Einsamkeit zu verzweifeln. Daher schlich Maxillia sich heimlich jeden Tag aus der Burg über einen Weg, den sie vor einigen Jahren entdeckt hatte, als sie noch mehr Freizeit hatte und sie ihre Nachmittage nicht mit dem Training ihrer Zauberkünste vergeuden musste. Damals entdeckte sie einen wunderschönen Ort, von dem niemand etwas zu wissen schien, abgesehen von der einen Nymphe, der sie an einem dieser Tage begegnet war. Sie freundeten sich an und trafen sich seither so oft es ging und so oft sie aus ihren täglichen Abläufen entfliehen konnten. Denn auch der gleichaltrigen Nymphe Seraphina gefiel ihr Leben nicht so richtig, das sie in den Sümpfen mit ihrem Volk führte. Dieses schottete sich nämlich komplett von der Außenwelt ab und hegte so gut wie zu keinem anderen Volk Kontakt. Wenn sie auch in den Ländereien der Großelfen lebten, waren sie doch ein eigenständiges Volk, das nicht der Befehlshabe Maxillias Mutter, Königin Isabella, unterstand. Dazu verließen sie das Gebiet der Sümpfe nur äußerst selten, so dass ihre Existenz mittlerweile beinahe zur Legende geworden war. So war Maxillia wohl eine der Wenigen, die mit einer von ihnen in Verbindung stand. Sie trafen sich immer an dem einen besonderen Ort, zu dem der schmale versteckte Weg führte, auf dem Maxillia gerade entlangeilte. Der Weg führte nur ein kurzes Stück in den Wald hinein, da man schon bald die Sümpfe erreichte, die ein kaum wegsames Gelände bildeten und der Tod an jeder Ecke lauerte, wenn man sich dort nicht richtig gut auskannte. Für die Nymphen war es kaum ein Problem sich dort zurecht zu finden und den tückischen Stellen auszuweichen. Doch den Elfen würden sie nur den Tod bringen. Maxillia hatte schon oft gehört, dass Elfen in die Sümpfe gegangen waren, um herauszufinden wie die Nymphen lebten und nie zurückgekehrt waren. Aber Maxillia hatte ja nicht vor in die Sümpfe zu gehen, sondern an ihren angestammten Platz, der für sie in gewisser Weise ein kleines bisschen Freiheit bedeutete. Endlich hatte sie auch dieses Mal die kleine Lichtung erreicht, die sie vor langer Zeit entdeckt hatte. Sie lag in einem dicht bewachsenen Teil des Waldes und war von keiner Seite her richtig einzusehen. Selbst von dem Weg aus sah man sie nicht, bis man sich zwischen den Zweigen zweier Bäume hindurch quetschte, die den Eindruck erweckten, dass es hinter ihnen gar nicht weiter ging. Doch hinter diesen Ästen lag die Lichtung, dessen Großteil ein Tümpel einnahm. Der Rest der Lichtung war bewachsen mit hohen Gräsern und Moosflechten, die sich sogar an die Rinde der Bäume und an die karge Oberfläche der Steine krallten. Ein leicht modriger Geruch lag in der Luft, der für solch dichte Wälder typisch war und den Maxillia jedes Mal erneut genoss. Es zauberte ihr ein Lächeln auf die Lippen, wenn sie die klare Waldluft in ihre Lungen sog und wusste, dass hier niemand sie als Prinzessin bezeichnen und wie ein rohes Ei behandeln würde. Denn hier war sie Max. Die jugendliche Rothaarige, die gerne lachte und alles ihrer Freundin anvertraute, wie es auch alle anderen normalen Mädchen in ihrem Alter taten. Normal sein. Das war es was sie wollte. Das war es, nach dem sie sich so sehr sehnte. Doch dies war ihr seit ihrer Geburt verwehrt, da sie ja ausgerechnet als eine Prinzessin und dazu noch als Thronerbin auf die Welt kommen musste. Manchmal wäre sie sogar lieber als Tochter einer Bauernfamilie geboren worden, mit vielen Geschwistern und allen Problemen und allen Sorgen, die sich aus der Situation der Ärmlichkeit ergaben. Manchmal überlegte sie einfach zu verschwinden, zu fliehen und irgendwo ein neues Leben anzufangen. Jedoch hielt sie die Liebe zu ihren Eltern auf, die die Einzigen im Schloss waren, die sie einigermaßen normal behandelten. Eigentlich konnte sie sich kaum bessere Eltern vorstellen, da sie stets für sie da waren und unheimlich liebevoll mit ihr umgingen, auch wenn Maxillias Vater Don manchmal ein ziemlicher Sturkopf war. Allerdings änderte dies nichts an der Tatsache, dass Dinge von Maxillia erwartet wurden, für die sie sich nicht bereit und fähig genug fühlte. Seufzend blinzelte sie der Sonne entgegen und schob die vielen Gedanken beiseite, die in ihrem Kopf herumgeisterten. Schließlich hatte sie nun ihre Pause von dem Prinzessin-sein und wollte dies auch genießen und sich nicht zu sehr den Kopf über die vielen Dinge zerbrechen, die sie als negativ empfand. Lächelnd zupfte sie also einen Grashalm ab und stapfte durch das hohe Gras, zu dem alten knorrigen Baum herüber, dessen Krone tief über dem trüben Wasser des Tümpels hing. Der dicke Stamm bog sich stark und sah aus, als hätte er sich beim Wachsen um seine eigene Achse gedreht. Er musste uralt sein und schon vieles auf der Lichtung erlebt haben. Zumindest ließen dies die vielen Kerben, verwachsenen Ritzungen und Astlöcher vermuten, die den Stamm zierten. Auch die tiefen Kerben, die fast wie eine Treppe den Stamm hinaufführten, erzählten förmlich Geschichten über längst vergangene Zeiten. Einen kurzen Blick ließ Maxillia nochmal über die Lichtung und den Tümpel schweifen, sowie über den modrigen Steg, der auf das kleine Gewässer führte, bevor sie den dünnen Ast, der auf Augenhöhe herausragte, ergriff und sich daran hochzog. Mit dem Fuß erreichte sie so die Erste der Kerben, die einst tief in das Holz geschlagen worden waren. Geschickt kletterte sie den Rest des Stammes hinauf in die dichte Krone hinein, in der ein altes Floß regelrecht eingewachsen war. -Völlig unerklärlich, wie es dort hingekommen war. Auf den alten Brettern, die gänzlich von dem Blattwerk umhüllt waren, wartete auch schon Seraphina. „Hallo Max“, lächelte diese fröhlich und sprach mit ihrer sanften und klaren Stimme. „Na? Wie war dein Tag bisher?“, begrüßte Maxillia ihre einzige Freundin mit einer herzlichen Umarmung, bevor sie sich neben sie setzte. Vorsichtig lehnte sie sich gegen einen dicken Ast, der fast senkrecht nach oben ragte. „Wie immer“, seufzte Seraphina und lehnte sich ebenso gegen einen Ast, der hinter ihr gen Himmel wuchs. „Nichts Besonderes also?“, hakte Maxillia nochmal nach, die die Antwort eigentlich schon kannte. „Nein. Wir haben wieder Kräuterkunde gehabt und Salben hergestellt. Also nichts Besonderes. Und bei dir?“, entgegnete sie und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. Ihr hellblondes Haar war mit grünen Strähnen durchzogen und teils zu dünnen Zöpfen geflochten, in denen kleine Blüten steckten. Es glänzte herrlich seiden, genauso wie ihre grüne Haut, selbst in dem spärlichen Licht, dass das dichte Blattwerk hindurch ließ. Ihre großen, grünen, mandelförmigen Augen schienen immer vor Freundlichkeit zu strahlen und spiegelten so ihren Charakter wider. „Bei mir auch nicht. Alles beim Alten“, gähnte Maxillia und streckte ihre Glieder, die von dem vielen steifen Sitzen im Unterricht ganz angespannt waren. „Schade. Sonst hätten wir mal über etwas neues quatschen können“, lachte Seraphina und schaute nach oben, als würde sie durch die grünen Blätter in den wolkenlosen Himmel blicken können. „Ja, da hast du Recht. Es ist schon lange nichts Interessantes mehr passiert“, seufzte Max und schaute ebenso nach oben in das Dach aus Blättern, das sich wie eine Höhle über sie beugte. „Und was machen wir heute?“, fragte Seraphina mit hochgezogenen Augenbrauen und warf Max einen kurzen Blick zu. „Ich weiß es nicht“, entgegnete diese, der ebenso wie Seraphina die Ideen ausgegangen waren. „Hätten wir mehr Zeit, würden mir da so einige Sachen einfallen, die wir mal wieder machen müssten. Aber die haben wir ja nicht, seitdem deine Trainingseinheiten verlängert wurden“, seufzte die Nymphe erneut, die genauso traurig darüber zu sein schien, wie es Maxillia war. „Ach Phina. Ich würde so gerne mal wieder ein paar Ausflüge mit dir machen. Ich vermisse das“, gestand Maxillia und rieb sich die Augen, die beinahe türkis funkelten. „Ja, ich auch“, seufzte Seraphina ein wenig wehmütig und zupfte eines der Blätter neben ihr ab. „Es tut mir leid, dass wir wegen mir nichts richtig unternehmen können“, entschuldigte sich Maxillia und senkte den Kopf. „Wieso entschuldigst du dich? Du kannst doch nichts dafür“, wunderte sich Seraphina. „Na doch. Irgendwie schon. Schließlich müsste ich wahrscheinlich weniger trainieren, wenn ich das besser auf die Reihe bekommen würde und nicht so unfähig wäre“, erklärte Maxillia ihre Meinung über ihre Schuld. „Dafür kannst du doch nichts. Ich meine, warum musst du überhaupt zaubern können? Du wirst es wohl fast nie brauchen als Königin. Oder hat deine Mutter je einen Zauber gebraucht, außer um dich zu trainieren?“, stellte Seraphina Maxillias Lehrplan in Frage. „Nein, nicht wirklich“, dachte Max nach. „Wenn Zauberer wenigstens heilen könnten, dann hätte das Ganze einen Nutzen. Aber Zauberer sind keine Heiler. Und um eine Kerze anzuzünden, kannst du auch einen Diener bitten dies zu tun“, grinste Phina breit. „Ja. Aber wenn ein Krieg kommen sollte, muss man fähig sein zu kämpfen“, widersprach Maxillia ihrer Freundin ein wenig. „Das musst du doch auch nicht wirklich. Schließlich ist das die Aufgabe der Soldaten. Ich wüsste nicht, was eine Königin auf dem Schlachtfeld zu suchen hat. Abgesehen von strategischer Planung“, argumentierte die Nymphe weiter. „Irgendwie hast du Recht. Aber meine Mutter wird wohl kaum aufgeben mich zu trainieren, auch wenn das gute Argumente sind“, lächelte Maxillia betrübt und warf ihrer Freundin einen skeptischen Blick zu. „Das stimmt. Aber gib dir daran nicht die Schuld. Schließlich ist es deine Mutter, die dich zwingt, das zu lernen, auch wenn du das einfach nicht kannst“, versuchte Seraphina Maxillia etwas in Schutz zu nehmen. „Ja. Ich verstehe eigentlich auch gar nicht, wieso sie mich in dem Punkt so quält. Bei den meisten anderen Dingen ist sie nicht so streng. Eigentlich ist sie nur bezüglich meiner Ausbildung so hinterher“, zog Max ihre Augenbrauen hoch und zupfte am Saum ihres Hosenbeins herum. „Hast du sie nie gefragt?“, wollte Seraphina wissen. „Doch, schon. Aber sie hat immer nur gesagt, dass ich das als Königin später können muss“, antwortete Max. „Vielleicht ist es ja auch nur, damit ich den Respekt der anderen Könige habe, dass sie mir dann auch folgen und das Bündnis bestehen bleibt. Ich denke, dass meine Mutter viel in das Bündnis investiert“, ergänzte Max nachdenklich. „Vielleicht hat sie aber auch Angst, dass ein Diener es verweigert dir die besagte Kerze anzuzünden und du dann im Dunkeln sitzen musst“, scherzte Phina lachend, die den ernsten Alltag auch für eine gewisse Zeit vergessen wollte. Max stieg darauf ein und scherzte ebenso. Doch wie es so war, wenn man Spaß hatte, verflog die Zeit, sodass Maxillias Pause beinahe schon vorbei war. So musste sie sich also wieder auf den Weg zurück in die Burg machen. Seufzend standen die beiden Mädchen auf und kletterten den Stamm nacheinander herunter in das hohe Gras, das die Lichtung überwucherte. „Na dann bis morgen“, verabschiedete Maxillia sich mit einer Umarmung ihrer Freundin. „Bis morgen“, lächelte Seraphina und ging um den Tümpel herum, weiter in den Wald hinein. Etwas wehmütig schaute Max nochmal über die Lichtung und ließ ihren Blick den Baum hinauf wandern, der sicher schon für viele ein hervorragendes Versteck gewesen war. Nun musste sie aber wieder zurück. Zurück in die Burg und in die Rolle der Prinzessin. Ein widerwilliges Gefühl zupfte an ihrem Gemüt und ließ ihre Laune wieder sinken. Wieso sie? Wieso nur musste sie als Prinzessin geboren worden sein und den Thron ihrer Mutter erben müssen? Hätte sie doch wenigstens noch Geschwister, die diese Aufgabe übernehmen könnten, wenn sie sich weigerte. Doch leider war sie ein Einzelkind und somit verpflichtet den Thron ihrer Mutter zu erben. Seufzend wandte Max sich ab und lief rüber zu den Ästen, die wie eine kleine Tür die Lichtung von dem Pfad trennten. Dieser würde sie wieder aus dem Wald hinausführen, in ihren trübsinnigen Alltag zurück. Vorsichtig bog sie die Äste zur Seite und trat auf den kleinen Weg, der deutlich dunkler war als die Lichtung. Er wirkte so unheimlich, wenn man zwischen den Bäumen hindurchschaute, die dicht beieinanderstanden und ihre Äste ineinanderschlangen. Es hatte den Anschein als würde man in die Unendlichkeit sehen, die sich düster in dem Wald verbarg und darauf lauerte einen zu verschlingen. Mit pochendem Herzen eilte Maxillia den schmalen Pfad entlang, den man kaum als einen solchen erkannte. Links und rechts erstreckten sich die Baumreihen und Büsche, als sie geschickt wie ein Reh über die Wurzeln huschte und sich immer weiter von der Lichtung entfernte, sich entfernte von der Freiheit. Zumindest fühlte es sich so an, als sie aus dem Wald heraustrat und die Burg vor ihr erschien. In ihrer vollen Pracht thronte sie auf den Wällen mit ihren dicken Mauern und vielen Türmen, die sich in den Himmel reckten. Beeindruckend war es schon, wenn man unten am Fuß der Wälle stand und zu ihr empor sah, wie sie ihren Schatten über die Stadt Lubea warf. Vorsichtig schaute sie an der Schutzmauer in beiden Richtungen entlang, die die Burg und die Stadt schützend umrahmte, ob die Luft rein war und keine Wache sie entdecken würde. Erst als sie sicher war, dass niemand in der Nähe war, eilte sie geduckt zu den schmalen Treppen rüber, die steil über die Wälle hinauf zu der dicken Schutzmauer führte. Unauffällig und klein war die Tür am Ende der vielen Stufen und führte in den hinteren Hof der Burg, der mehr für die militärischen Zwecke genutzt wurde. Vorsichtig quetschte Max sich durch den schmalen Spalt, den sie die Tür geöffnet hatte und schob die dichte Efeuranke beiseite, die die Tür von innen verbarg. Quietschend bewegten sich die alten Scharniere, als sie die Tür hinter sich wieder verschloss und den Efeu davor drapierte. Scheu schaute sie sich noch einmal um, eh sie im Schatten der Mauer zur Hintertür huschte, die in die Eingangshalle der Burg führte. Einen kurzen Moment hielt sie inne, als sie diese erreicht hatte und lauschte, ob sie das Klappern einer Rüstung vernehmen konnte, welches verraten würde, ob eine der Wachen sich gerade dort aufhielt. Doch es blieb alles still, sodass sie die Tür öffnete und hineinschlüpfte. Die weißen Wände ließen den Raum erstrahlen und der Steinboden war von den Mägden so blank geputzt, dass sich die Bilder der vorigen Königspaare, die die Wände zierten, sich darin spiegelten. Auf steinernen Säulen waren große Vasen aufgestellt, die wie gewohnt mit kunstvollen Blumenarrangements gefüllt waren, deren süßlicher Duft den Raum erfüllte. So leise sie konnte, schlich sie sich um das Geländer der breiten Treppe herum und eilte diese empor auf die Galerie, die um die Eingangshalle führte. Auf leisen Sohlen stahl sie sich durch eine der vielen Türen, die auf den schmalen Flur führte, von dem die Treppen in den Ostflügel abgingen, wo Maxillia ihre Gemächer hatte. Dort musste sie hin, ohne dass jemand sie entdecken würde. An einem jeden Tag schlich Max diesen Weg entlang, der so viele Gefahren barg, entdeckt zu werden und Bestrafungen zu erhalten. Doch war es die süße Freiheit, die sie lockte, dies auf sich zu nehmen und die Risiken einzugehen. Mehr noch wollte sie aber um jeden Preis die Treffen mit ihrer besten und einzigen Freundin wahrnehmen. Ohne sie wäre ihr Leben nämlich noch einsamer, als es ohnehin schon war und noch deutlich weniger schön. Es kam ihr aber auch zugute, dass selten jemand über die Flure lief, da die Diener in den verschiedenen Räumen arbeiteten und die Wachen sich meist im Außenbereich aufhielten. Daher hatte es selten Situationen gegeben, in denen es knapp wurde und sie beinahe erwischt worden wäre. Am gefährlichsten war eigentlich nur das Stück des Weges, der über die Wälle, den Hof und durch die Eingangshalle führte. Doch da Maxillia mittlerweile sehr geübt darin war sich unauffällig zu bewegen, wurde sie die vielen Jahren noch nicht entdeckt, die sie sich schon aus der Burg schlich. Es waren mittlerweile sechs Jahre, in denen sie sich beinahe jeden Tag auf den Weg zu der kleinen Lichtung machte. Zuerst sollte es nur ein einmaliger Ausbruch gewesen sein, eine kleine Ungehorsamkeit, die sie sich an ihrem zehnten Geburtstag leistete, als ihr klar wurde, was es bedeutete die Thronfolgerin zu sein. Denn an diesem Tag begann der Unterricht, der sie auf das Amt vorbereiten sollte, das sie wohl in weiter Zukunft einmal erben würde. Zwar wurde sie zuvor auch schon unterrichten, aber doch deutlich lockerer und lustiger als seit jenem Tag. Nun quälte ihre Mutter sie mit langweiliger Politik und solch trockenem Stoff, dass es beinahe schon staubte. Da war es dieser wunderschöne, ja, schon verwunschene Ort, der ihr Halt gab und für sie Freiheit bedeutete. Versonnen lächelte sie vor sich hin, wenn sie an ihn dachte, den einzigen Platz, an dem sie einfach nur Max sein konnte.

2

„Max? Bist du noch anwesend?“, riss die Stimme von Maxillias Mutter sie aus ihren Tagträumen, in denen sie schon seit einer Weile versunken war. Sie kämpfte gegen die bohrende Müdigkeit, die ihre Augenlider schwer machte und jegliche Konzentration verhinderte. Wie jeden Tag, quälte ihre Mutter Isabella sie mit langweiligem Politikunterricht, den Maxillia regelrecht hasste. „Ja“, räusperte sich diese heiser und legte den Stift aus der Hand, mit dem sie das Deckblatt ihres Notizbuchs bekritzelt hatte. „Ich weiß, dass das nicht spannend ist, aber du musst das lernen, wenn du mal meinen Thron übernehmen sollst. Du bist nunmal mein einziges Kind“, meckerte Isabella ihre Tochter an, in der die Sorge brannte, dass Max mit der Stellung als Königin später überfordert wäre. Schließlich hing nicht nur das Reich der Großelfen sondern auch das Fortbestehen des Bündnisses von dem Thron ab. „Nagut. Dann ist es erstmal genug für heute. Sei bitte pünktlich zum Training nachher da“, sagte Isabella seufzend mit besorgtem Blick und legte das Buch aus ihren Händen auf den Tisch. Maxillia wartete nicht auf eine weitere Aufforderung und huschte lächelnd mit wehendem Kleid aus der Bibliothek. Drei Stunden hatte sie nun wieder Zeit dem Alltag zu entfliehen und ihre Krone, die sie so sehr verfluchte, abzulegen. Ihr Herz hüpfte vor Freude ihre beste Freundin nun wieder zu treffen und für ein paar Stunden einfach nur Max zu sein. Schnell schlängelte sie sich durch die vielen Flure nach oben in den kleinen Turm, in dem sie ihre Gemächer hatte, und zog sich schnell ihre bequeme Hose und das lockere Oberteil an, das sie so gerne trug. Dann warf sie sich noch den schwarzen Kapuzenumhang über die Schultern und verließ so unauffällig wie möglich ihre Gemächer. Flink eilte sie die Flure wieder nach unten in die Eingangshalle hinunter, von der aus sie wachsam hinaus in den Hof trat. Mit angehaltenem Atem überquerte sie diesen im Schatten der dicken Burgmauern zur vom Efeu versteckten, kleinen Pforte. Vorsichtig öffnete sie die alte Tür, deren Scharniere leise quietschten, während sie sich umsah, ob jemand in der Nähe war, der dies hätte beobachten können. Als die Luft rein und der Spalt groß genug war, zwängte sie sich hindurch, trat leise auf die Wälle hinaus und zog die Tür sofort wieder hinter sich zu. Einen Moment lang blieb sie im sicheren Schatten stehen und atmete erst einmal tief durch. Den schwierigsten Teil ihres Weges hatte sie geschafft. Nun musste sie schnell sein. Also eilte sie los, während sie darauf achtete nicht auf die kaputten Stufen zu treten. Auf manchen waren die Steine lose oder gebrochen. Einmal war sie unachtsam gewesen und ist böse gestürzt. Zwar hatte Seraphina ihr helfen und die Wunden und Schmerzen lindern können, so dass ihre Eltern nichts mitbekommen hatten, jedoch hätte jemand durch den Lärm auf sie aufmerksam werden können, was glücklicherweise nicht geschehen war. Aber es darauf ankommen lassen wollte sie auch nicht. Daher umging sie geschickt die tückischen Stellen und sprang wie ein junges Reh die Stufen hinunter. Als sie endlich am Ende der Treppen angelangt war, eilte sie rüber zum Waldrand, zu den dichten Büschen, hinter denen sich der schmale Pfad verbarg. Sanft schob sie die Äste beiseite und schlüpfte zwischen ihnen hindurch. Kaum hatte sie den Wald betreten, fiel die Anspannung von ihr ab und Ruhe begann ihren Geist zu erfüllen. Mit jedem Schritt, den sie der Lichtung näher kam, schien sie sich auch von der bedrückenden Verantwortung zu entfernen, genauso wie von den typischen Geräuschen des Trainings der Rekruten, die wie eine Glocke an jedem Tag über die Burg und die Umgebung schallten. Die Stille des Waldes umhüllte sie wie ein sanfter Mantel des Friedens, der sich wärmend um sie legte. Hoch oben in den Baumwipfeln zwitscherten Vögel und sangen ihre herrlichen Lieder, die für Max wie ein Loblied der Freiheit klangen. Der würzige Duft von Tanne und der modrige Geruch des Waldbodens stiegen wohlig in ihre Nase, die den Frust und die lähmende Langeweile zu verjagen schienen. Mit einem Lächeln auf den Lippen stapfte sie über die Wurzeln der Lichtung entgegen und genoss schon jetzt die Ruhe und die Stille. Schon bald hatte sie wieder die kleine Lichtung erreicht und überquerte die hohe Wiese, um zu dem Baum zu gelangen, in dem sich das Versteck der beiden Freundinnen befand. Flink kletterte sie wieder den alten Baumstamm empor und krabbelte in die Baumkrone auf die alten Bretter. Dort wartete auch schon, wie zu erwarten, ihre Freundin Seraphina. „Hallo Max“, begrüßte die Nymphe sie, als sie auf das Floß gekrochen kam und lächelte ihr zu. „Schön dich wieder zu sehen, Phina. Wie geht es dir?“, seufzte Max und drückte ihre Freundin ganz fest, als sie sich neben sie gesetzt hatte. „Wie immer gut. Und dir?“, lächelte diese und setzte sich in einen Schneidersitz. Zwischen den Fingerspitzen zerrupfte sie ein kleines Blatt, das sie von einem Zweig abgezupft hatte. „Mir auch. Abgesehen davon, dass ich beim Politikunterricht wieder fast eingeschlafen bin. Es gibt wohl auch nicht viel was Langweiligeres, als das Leben einer Prinzessin“, stöhnte Max und verdrehte die Augen. Lachend stützte Phina ihren Kopf in die Hand und schaute mit leerem Blick in die Blätter hinein. „Gibt es bei dir etwas Neues?“, fragte Max, wie fast an jedem Tag und betrachtete ihre Freundin, deren traditionelle Bekleidung aus wenig Leinenstoff bestand, der gerade das nötigste ihres Körpers bedeckte. „Nein, nicht so richtig. Wir haben heute mal wieder Heilkräuter gesammelt, die wir später zu Salben und Tränke verarbeiten. Also das Gleiche wie gestern und vorgestern und vorvorgestern und so weiter. Von daher war auch mein Tag bisher nichts Besonderes. Eigentlich traurig, dass man sich schon wünscht, dass jemand krank wird, damit mal was los ist und man ein wenig üben kann“, erzählte Phina etwas gelangweilt, die ihren Blick wieder zu Maxillia wandern ließ. „Aber warum soll es dir anders gehen, als mir?“, lachte Max, die sich auch mal wieder nach etwas Abwechslung sehnte. „Ich weiß, dein Leben ist nicht nur langweilig, sondern auch sehr einsam. Mir geht es aber ähnlich. Wie du weißt, komme ich mit den Nymphen in meinem Alter nicht sonderlich gut zurecht“, seufzte Seraphina betrübt und schob die Fetzen des Blattes, die sie auf eines der Bretter gelegt hatte, mit dem Zeigefinger hin und her. „Wieso ist das eigentlich so?“, wollte Maxillia wissen und brach einen kleinen Ast ab, der ungünstig in die Blätterhöhle hineinwuchs. „Ich weiß es nicht genau. Aber irgendwie scheine ich etwas anders zu denken. Ich sage nicht zu allem „Ja“ und halte mich nunmal nicht so gern an diese ganzen Regeln. Manche Traditionen finde ich völlig überflüssig und diskriminierend“, erklärte Seraphina, während sie begann mit den Fetzen Figuren zu legen. „Diskriminierend?“, hakte Max nach und schaute ihre Freundin verwundert an. „Naja. Zum Beispiel ist es doch verboten Kontakte außerhalb unseres Volkes zu pflegen. Genauso verstehe ich nicht, warum wir die Sümpfe nicht verlassen dürfen. Oder wieso wir einen so strengen Essensplan haben und nicht mal etwas Neues ausprobieren dürfen. Der Vorstand tut immer so, als ob alles außerhalb unseres Volkes schlecht wäre. Dabei kann ich bislang überwiegend das Gegenteil feststellen“, beschwerte Phina sich. „Warum ist der Vorstand denn so streng mit allem?“, verwunderte Max sich mit einem beinahe unverständlichen Blick. „Vorstand Ehrin sagt immer nur, dass wir die Traditionen wahren müssen. Aber du brauchst gar nicht so zu gucken, schließlich hast du auch nicht gerade wenig Regeln, an die du dich zu halten hast. Und mehr Sinn machen die auch nicht“, bemerkte Phina, als sie Maxillias skeptischen Blick sah. „Gut, da hast du Recht“, lachte diese zugebend, bevor sie fragte: „Was sagen deine Eltern eigentlich zu den Regeln? Sind die auch eher deiner Ansicht, oder doch mehr auf der Seite des Vorstandes?“. „Was denkst du denn? Sie sind selbstverständlich auf der Seite des Vorstandes. Wobei ich mir bei meiner Mutter nicht so sicher bin. Manchmal wirkt sie so, als würde sie nur so tun, dass sie die Regeln komplett befürwortet“, erzählte Seraphina mit einem ratlosen Gesicht. „Vielleicht denkt sie ähnlich wie du. Irgendwoher musst du deine rebellische Art ja haben“, lachte Max. „Das stimmt. Sie hat noch nie viel von sich erzählt. Ich weiß zum Beispiel gar nicht, was sie in ihrer Kindheit erlebt hat. Als ich sie mal gefragt habe, hat sie nur gelächelt und gesagt, dass sie es mir mal irgendwann erzählt“, stellte Seraphina fest und schaute dabei Maxillia nachdenklich an. „Wer weiß“, zuckte diese mit den Schultern und schaute dabei etwas ratlos. „Ich finde es nur schade, dass wir nicht mehr Zeit miteinander verbringen können. Ich würde dir zu gerne mal die Siedlung zeigen. Ich wette, dass du noch nie etwas so Cooles gesehen hast. Die Häuser sind nämlich fast alle in die Bäume gebaut und mit Hängebrücken und Stegen verbunden“, erzählte Phina begeistert. „Das klingt wirklich fantastisch. Ich würde das zu gern mal sehen. Die Burg ist sicher nicht annähernd so spannend. Manchmal wünschte ich mir tatsächlich auch eine Nymphe zu sein. Dann könnten wir uns immer sehen. Und ich müsste nicht später Königin werden“, gestand Max seufzend und lehnte sich wieder zurück gegen einen der dicken Äste. In Gedanken stellte sie sich vor, wie die Siedlung wohl aussehen würde und lächelte innerlich bei der Vorstellung ihrer Schönheit. „Das wäre sicher lustig. Wir zwei als junge Rebellinnen, die die Regeln umgehen und heimlich lustige und spannende Dinge machen“, stellte Phina sich das mit einem Lächeln vor. „Ja, genau“, lachte Max mit ein wenig Sehnsucht im Herzen. Denn es war ihr bewusst, dass es nie mehr als ein Traum sein würde. Schließlich konnte man schlecht seine Herkunft verändern und sich einem Volk zuschreiben, dass sich sogar vom Aussehen her stark von dem Eigenen unterschied. Seufzend schob sie die Gedanken beiseite. Es hatte auch wenig Sinn sich nach etwas zu sehnen, das nicht annähernd greifbar war. Und wenn Max an ihr Leben dachte, trübte dies wieder ihr Herz. Schließlich hatte sie allein ihre Eltern als wirkliche Bezugspersonen, die allerdings selten für sie Zeit hatten. Als Königspaar waren sie nunmal viel gefordert und hatten täglich viele Termine. Die Zofen, Diener und Soldaten, die Max täglich umgaben, waren alle sehr auf Abstand bedacht und gingen nie über ihre Pflichten hinaus. Davon abgesehen, dass eh keiner von ihnen in Maxillias Alter war, fand sie so in der Burg niemanden, der Zeit mit ihr verbringen wollte, ohne dass es als eine Art Auftrag angesehen wurde. Auch für Gespräche mit ihren Eltern, außerhalb der Unterrichte war kaum Zeit, so dass sie einander oft nur zum Frühstück und zum Abendessen hatten. Somit hatte sie niemanden, dem sie sich anvertrauen konnte, abgesehen von Seraphina, die sie allerdings auch nicht ständig um sich haben konnte. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass ihre Eltern sie kaum kannten. Sie wussten noch nicht einmal, dass sie mit Seraphina, einer Nymphe, Kontakt hatte. Und das schon seit vielen Jahren. Sie konnte es ihnen auch nicht erzählen. Schließlich würde sie sich sonst selbst verraten und zugeben, dass sie täglich gegen Regeln verstieß. Sicher würden ihr dann Strafen auferlegt werden und Seraphina, dürfte sie dann wohl nie mehr wiedersehen. Zumindest wären dies die Vorschriften. Am liebsten würde sie einfach irgendwo hin gehen, wo niemand wusste wer sie war. Weg von all der Einsamkeit und Schwere ihrer zukünftigen Aufgabe. Allerdings würde sie wohl nicht weit kommen. Schließlich kannte ein jeder, der in den Bündnisländern lebte, ihr Aussehen und würde sie sofort erkennen und verraten, wenn er sie sehen würde. Sie müsste schon die Ländereien verlassen, die ihre Mutter befehligte, was ebenso durch ihre Bekanntheit schwierig werden würde. Abgesehen davon, wüsste sie nicht wie sie sich durchschlagen sollte, da sie sich nicht einmal gegen den Angriff eines Wildtieres hätte verteidigen können. Es war schon peinlich, dass es so war. Schließlich war sie die Tochter einer mächtigen Magierin, deren Kraft sie wenigstens teilweise hätte erben müssen. Doch dem war nicht so. Die Zauberkraft, die sie selbst besaß, war nicht im Ansatz so groß, wie die ihrer Mutter. Daher schaute auch das Volk mit Sorge auf die Zukunft, in der Maxillia den Platz ihrer Mutter einnehmen sollte. Es war eine gängige Meinung des Volkes, dass nur jemand regieren könne, der viel Kraft und Macht schon von Geburt an besäße. Warum es so war, konnte Max sich selbst nicht erklären. Doch Isabella sagte immer, dass das Volk ein Gefühl von Schutz und Sicherheit bräuchte. Demnach würde sie das Volk aber nie richtig führen können, wenn sich nicht plötzlich etwas an ihrer Stärke ändern würde. Unter dem Volk, und vor allem in der Burg, entstanden dadurch Gerüchte, die nicht gerade positiv waren und Maxillia in ein noch schlechteres Licht rückten. Besonders hielt sich das Gerücht, dass ihre Eltern nach einer Alternative suchten, damit nicht sie den Thron erben würde. Zumindest schienen dies sehr viele zu hoffen. Doch Isabella und Don setzten scheinbar alles daran Maxillia auszubilden und auf das Amt der Königin vorzubereiten, obwohl nicht einmal Maxillia einen Sinn darin sah. Sie war nämlich der Überzeugung, dass man so etwas wie die Ausstrahlung von Macht und Autorität entweder von Geburt an hatte oder eben nicht. So etwas war in ihren Augen nicht erlernbar. Und sie hatte es ganz einfach nicht. Scheinbar sahen das aber ihre Eltern anders, wenn sie sich nicht nur erhofften irgendeines der Attribute in ihr zu erkennen, da sie sonst sicherlich nicht krampfhaft daran festhielten sie zur Thronerbin zu machen. Wie dem auch sei. Max hatte das Gefühl, dass sie als Königin unerwünscht war. All das bekräftigte ihren Wunsch das alte Leben hinter sich zu lassen und irgendwo ein Neues zu beginnen immer mehr. Schon oft hatte sie ernsthaft darüber nachgedacht wegzulaufen und hatte sich schon einige Pläne zurechtgeschustert, die allerdings zum Scheitern verurteilt gewesen wären. Einer dieser Pläne zog sogar in Betracht durch eines der Portale in die Welt der Menschen zu fliehen, da es einer der wenigen Orte war, wo keiner sie kannte. Jedoch würde sie sich dort wohl kaum zurechtfinden, im Gegensatz zu ihrer Mutter, die dort groß geworden war. Sicher würde Maxillia sich durch ihre Unbeholfenheit zu sehr verraten und so eine Spur legen, der Isabella nur folgen bräuchte, um sie wiederzufinden. Eigentlich war jeder Plan, den sie sich zurecht legte zum Scheitern verurteilt, was allerdings mehr an ihr selbst lag als an dem Plan an sich. Also war sie mehr oder weniger in ihrem Leben gefangen und dazu verdammt sich mit ihrem Willen und ihrem ganzen Wesen dem ihrer Eltern zu fügen und ihr ödes Leben zu leben und zu akzeptieren. Leider verging die einzige Zeit, die Max am Tag frei hatte immer so schnell, dass sie schon wieder abgelaufen war. So musste sie wieder einmal zurück in die Burg schleichen, in der Hoffnung, dass auch diesmal niemand sie bemerken würde. Lustlos zwang sich Max endlich den Baum hinunter und legte wieder den Umhang über ihre Schultern. Widerwillig stand sie noch einen Moment lang neben dem Stamm und starrte auf das trübe Wasser des Tümpels, während auch Seraphina aus dem Versteck kletterte. „Dann sehen wir uns morgen wieder?“, fragte Seraphina, wie beinahe an jedem Tag, als sie das letzte kleine Stück hinuntergesprungen war. „Gleicher Ort, gleiche Zeit!“, entgegnete Max und umarmte ihre Freundin nochmal zum Abschied. Seufzend wandte sie sich ab und lief zu dem kleinen Waldpfad, den sie tagtäglich entlangeilte. Nun musste sie sich wieder beeilen zurück zur Burg zu kommen. Schließlich musste sie zum Training, für das sie allerdings schon wieder recht spät dran war. Täglich hetzte sie sich ab und versuchte jede Sekunde ihrer freien Zeit zu nutzen und diese außerhalb der Burg zu verbringen, immer in der Angst erwischt zu werden und eine dicke Strafe zu erhalten. Wie sehr sie doch die Zeit vermisste, als sie noch mehr frei gehabt hatte und den halben Tag wegbleiben konnte, ohne dass jemand sie vermisste. Es war noch gar nicht lange her. Erst zwei Jahre, um genau zu sein. Doch diese Zeit war vergangen und würde wohl nie wieder zurückkehren. Früher hatte sie sich auch manchmal mit Seraphina in die Welt der Menschen geschlichen, wo sie sich die vielen Dinge ansahen, die es bei ihnen nicht gab. Zum Beispiel staunte Max jedes Mal, wenn sie ein Auto sah oder jemand mit einem Handy am Ohr an ihnen vorbeigelaufen war. Das erste Mal hatte sie gedacht, dass die Personen Selbstgespräche führten und hatte sich darüber lustig gemacht, bis sie verstand, was sie damit wirklich taten. Beeindruckend fanden die beiden Mädchen auch die vielen hohen Häuser, in denen zig Familien lebten und sich einander doch nicht kannten. Oder die vielen Läden, in denen man Dinge kaufen konnte, von denen Maxillia gar nicht wusste, wozu sie benötigt wurden. Doch am meisten hatte sie über die Treppen gestaunt, deren Stufen sich bewegten und die Personen empor oder hinunter trugen. So etwas hätte sie sich auch für ihr Zuhause gewünscht! In der Burg hatte sie nämlich tagtäglich so viele Treppen zu laufen, dass sie oft aus der Puste war. Leider konnten sie sich in der Welt der Menschen aber immer nicht lange aufhalten, da Seraphinas Aussehen doch sehr auffällig war, sodass sie recht schnell die Aufmerksamkeit auf sich zog, auch wenn sie sich zuvor versucht hatte zu verkleiden. Aber auch Maxillias spitze Ohren waren es einmal, die sie beinahe in Schwierigkeiten gebracht hatten. Sie hatte es nämlich einmal vergessen, dass ihre Ohren anders aussehen, als die der Menschen und ihre Haare hinter eines gesteckt, so dass ihr spitzes Ohr gut zu sehen war. Glücklicherweise war dies Seraphina aufgefallen, die sie schnell darauf hatte hinweisen können, bevor es ein Mensch gesehen hatte. So blieben sie meistens unentdeckt und konnten zumindest ein paar wenige Dinge besichtigen, die sie ins Staunen versetzt hatten. Mittlerweile lohnten sich die Ausflüge in diese für sie spannende Welt nicht mehr, da es nur noch ein paar wenige Stunden waren, die Maxillia ihrem Alltag entfliehen konnte. Endlich hatte sie wieder einmal aus dem Wald hinausgefunden und eilte nun die Treppen an den Wällen empor. So unauffällig wie möglich, huschte sie durch die Tür, über den Hof, hinein in die Eingangshalle, die wie gewohnt leer war. Nun musste sie nur noch die Gänge entlang in ihre Gemächer. Aber auch dieses Mal gelang es ihr unbemerkt in den kleinen Turm zurückzukehren. Allerdings war nun Eile geboten, da sie rechtzeitig zum Training fertig unten in der Eingangshalle zu sein hatte. Und da sie wieder sehr spät dran war und nur wenige Minuten hatte, um sich fertig zu machen und nach unten zu kommen, musste sie sich besonders beeilen. Schnell zog sie sich also den schwarzen Overall an, der eng an ihrem Körper lag und ihre Beweglichkeit einschränkte. Er war gänzlich aus Leder und sollte sie ein wenig schützen. Wobei er sie vermutlich mehr vor sich selbst schützen musste, als vor den trainingsbedingten Angriffen ihrer Mutter. Ihr rotes Haar band sie noch schnell zu einem hohen Zopf, bevor sie nach unten in die Eingangshalle rannte. Gerade noch so schaffte sie es rechtzeitig zur vereinbarten Zeit zum Treffpunkt, wo Isabella schon ungeduldig wartete. „Du bist wieder ziemlich knapp dran“, schmunzelte Isabella, die die beiden Zauberstäbe fürs Training in den Händen hielt. „Aber pünktlich“, lachte Maxillia und zwinkerte ihrer Mutter zu. „Schon gut“, entgegnete diese und reichte ihrer Tochter einen der beiden Stäbe. Er war fast so lang wie Max groß und aus massivem Holz. Eigentlich erinnerte er mehr an einen langen Wanderstock mit hübscher Verzierung und kunstvoller Spitze. Die meisten dieser Zauberstäbe hatten einen edlen Stein oder eine besondere geschwungene Form, die die Spitze bildeten und waren aus edlen Hölzern gefertigt. Diese beiden waren recht ähnlich und fassten einen blauen und einen weißen Stein. Mit einem Seufzen nahm sie den Stab entgegen und stellte ihn mit dem unteren Ende auf den Boden. Er war recht schwer und sie verhältnismäßig schwach. „Nun, dann wollen wir mal“, lächelte Isabella und wandte sich in Richtung des hinteren Ausgangs, durch den Maxillia vor wenigen Minuten hereingekommen war. Mit schnellem Schritt trat Isabella voran in den schattigen Hof und hielt ihrer Tochter die hölzerne Tür auf. „Danke“, sagte Maxillia und warf einen kurzen Blick rüber zu der versteckten Pforte, um zu prüfen, ob sie die Ranke wieder ausreichend davor drapiert hatte. Doch wie zu erwarten, konnte man sie kaum erahnen, so dass sie beruhigt in Richtung des Trainingsplatzes gehen konnte. Sie folgten dem Verlauf des Hofes nach rechts, an der Burg entlang und an dem Hauptgebäude vorbei. Nun mussten sie noch an den Stallungen und an der Kaserne vorbei, ehe sie den eckigen Platz erreichten, auf dem die Rekruten die meiste Zeit des Tages trainierten. Es schien so, als würden die Rekruten schon auf sie warten, da fast alle von ihnen am Trainingsplatz herumlungerten, obwohl sie eigentlich ihre Pause hatten. Sicher wollten sie sich wieder über Maxillias Versagen lustig machen und dabei zusehen, wie sie sich blamierte. Es war so ziemlich das Interessanteste was der Tag für die jungen Männer und Frauen zu bieten hatte, die, umgeben von den tristen Mauern, tagein tagaus ihre Kampfkunst perfektionierten und darauf hofften endlich als Soldat anerkannt zu werden. Doch ihr strenger Kommandant, war schwierig zu beeindrucken, oder wenigstens zufrieden zu stellen, so dass es wohl bei den meisten noch eine ganze Weile dauern würde, ehe sie ihre Ausbildung abschließen durften. „Können wir nicht woanders trainieren?“, fragte Max, als sie ihren Blick über die vielen Köpfe wandern ließ, die neugierig ihre Hälse reckten. „Nein, wir trainieren wie immer hier“, lachte ihre Mutter, die natürlich auch die Blicke der Rekruten bemerkte. Sie standen in Gruppen eng beieinander und tuschelten schon jetzt kichernd, obwohl Maxillia noch nicht einen Zauber ausgesprochen hatte. „Ach bitte“, flehte Max mit dem Gedanken an die letzte Trainingsstunde, bei dem sie ihre Haare versehentlich selbst in Brand gesetzt hatte. Zum Glück hatte ihre Mutter sie noch schnell mit einem Wasserzauber löschen können. Trotzdem stand sie rauchend und pitschnass vor versammelter Mannschaft mitten auf dem Platz. Am liebsten wäre sie vor Scham im Boden versunken und nie wieder hervorgekommen. „Max. Wo sollen wir denn bitte hin? Die Burg hat nur einen sehr begrenzten Außenbereich. In den Garten können wir nicht, weil dieser weiterhin die Besucher erfreuen soll. Und rein können wir erst recht nicht“, redete Isabella auf ihre Tochter ein, die völlig verstehen konnte, das Maxillia sich so sehr schämte. „Nun gut“, gab Maxillia auf und platzierte sich schüchtern vor den Trainingspuppen. Kurz sah sie sich nochmal um und schaute in die Gesichter einiger derer, die sich platziert hatten, als würden sie eine Vorstellung erwarten und nur darauf hoffen, dass Maxillia sich wieder blamieren würde. „Also. Wir üben heute wieder den Feuerzauber vom letzten Mal. Diesmal wird sicher alles gut gehen. Konzentriere dich, fixiere dein Ziel, also eine der Trainingspuppen, und spreche den Zauber“, sagte Isabella und trat zwei Schritte zurück. Es war beinahe so, als würde sie sich vor einem erneuten Unfall fürchten und schien sich dafür bereit zu machen ihre Tochter ein weiteres Mal zu löschen. Maxillia atmete tief durch, konzentrierte sich so gut sie konnte auf eine der Puppen und sprach den Zauber. Eigentlich sollte, wie es bei ihrer Mutter war, nun ein Schwall aus Feuer von der Spitze des Zauberstabes auf die Trainingspuppe zu rauschen und diese in Flammen setzen. Es geschah aber einfach gar nichts. Da war sie am Vortag definitiv weitergekommen, auch wenn es nicht so geendet hatte, wie es eigentlich hätte enden sollen. „Nun mach doch endlich mal was“, runzelte Isabella die Stirn, nach einer ganzen Weile, die sie erwartungsvoll hinter ihrer Tochter ausgeharrt hatte. Doch was sie nicht wusste, war, dass Max es schon viermal probiert hatte. Das Einzige was bislang allerdings passiert war, war dass der Zauberstab sich nun schön warm anfühlte und als Handwärmer hätte dienen können. „Ich bin dabei“, entgegnete Max genervt und probierte es noch einmal. Doch der Versuch führte lediglich zu einer kleinen Rauchwolke, die sie zu allem Überfluss noch einatmete und einen Hustenanfall bekam. Leises, unterdrücktes Kichern drang zu Maxillias Frustration vom Rand des Trainingsplatzes an ihr Ohr, während sie sich halb die Lunge aus dem Hals hustete. „Geht es?“, fragte ihre Mutter etwas besorgt, mit einer gewissen Note an Enttäuschung in der Stimme. Maxillia hätte gerne geantwortet, aber das Husten verhinderte dies. Also nickte sie nur, während sie versuchte sich wieder einzukriegen. Kräftig klopfte Isabella ihr auf den Rücken, bis sie sich wieder beruhigte und halbwegs normal atmete. „Du kannst das. Ganz ruhig und viel Konzentration“, sagte Max innerlich zu sich selbst, schloss die Augen, um ihre Konzentration zu sammeln, und machte sich bereit. Nun probierte sie es ein weiteres Mal, in der festen Überzeugung das es diesmal funktionieren würde, da sie nun wirklich nicht mehr Konzentration aufbringen konnte. Die Schweißperlen standen ihr auf der Stirn, doch alles, was ihr gelang, war ein kleiner Feuerschweif, der einen Meter vor ihr zu Boden fiel und einen kleinen schwarzen Fleck auf dem Sand hinterließ. Wieder ging ein Kichern durch die Reihen der Rekruten, denen ihre Unfähigkeit wieder einmal zur Unterhaltung diente. Der Frust stieg in ihr auf und Wut bohrte in ihrem Magen. Den Tränen nah versuchte sie es verzweifelt immer wieder wenigstens die Puppe zu erreichen und einen kleinen Brandfleck zu erzielen. Jedoch gelang ihr dies nicht im Geringsten und der erhoffte Erfolg blieb wie üblich aus. Verzweifelt schaute sie zu ihrer Mutter, die nach dem zigsten Versuch endlich Erbarmen mit ihr hatte, während von den Rekruten nur weiteres Gelächter kam. „Na gut. Ein wenig weiter als gestern sind wir zumindest gekommen. Dann würde ich gerne den Schutzzauber wiederholen, der dir letztens gelungen ist“, beendete Isabella dieses peinliche Szenario. Dankbar wischte sich Max eine Träne weg und machte sich bereit den Schutzzauber zu üben. Mit einem Zauber ließ Isabella einen kleinen Stein zu Max herüber schnellen, die diesen mit dem Schutzzauber tatsächlich schaffte abzuwehren. Ihr Herz machte ein Hüpfer vor Freude, dass ihr dies auf Anhieb gelungen war und machte sich erneut bereit. Diesmal nahm Isabella einen größeren Stein, den sie ihrer Tochter wieder entgegen schnellen ließ. Auch diesen schaffte Max mit viel Mühe abzuwehren. Doch dann wählte ihre Mutter einen noch größeren Stein, der beinahe doppelt so groß war. Erschrocken wirkte Max den Schutzzauber, der allerdings den Stein lediglich abbremste, aber nicht aufhielt. Mit einem „Rumps“ knallte er gegen Maxillias Kopf und warf sie zu Boden. Im gleichen Moment war es wie ein zartes Klirren in ihr, als wäre Glas zersprungen. Doch der Schmerz durchströmte sie so sehr bis in die Zehenspitzen, dass sie es kaum vernahm. Vor ihren Augen wurde es schwarz und etwas Seltsames geschah. Denn noch einmal durchströmte sie ein stechender, brennender Schmerz, der sich anfühlte, als ob Feuer durch ihre Adern schießen würde. Plötzlich wurde alles vor ihren Augen weiß und eine Stimme schallte in ihrem Kopf, die etwas sagte was Max nicht verstand. Verschwommen und undeutlich erschien das Gesicht eines fremden Mannes in ihrem Kopf, der auf etwas Weißem sitzend kurz erschien, bevor das Bild eines schwarzen, blank polierten Steines für einen Bruchteil einer Sekunde aufblitzte, in dem es wie rote Flammen zu lodern begann. „Max?!“, hörte sie die Stimme ihrer Mutter verzerrt rufen, als das Bild aus ihrem Kopf verschwand und sie verschwommen wieder ihre Umgebung wahrnahm. „Aua“, murmelte sie leise und setzte sich wackelig wieder auf. Undeutlich sah sie die Rekruten angespannt zu ihr rüber schauen, während Isabella ihr mit einem Tuch das Blut von der Stirn wischte. Brennen tat es allerdings nicht, da die Stelle, von der das Blut hinunter tropfte, ganz taub geworden war. „Das tut mir so leid, Schatz“, hauchte Isabella mit zittriger Stimme und half Max auf. Wankend versuchte sie auf ihren Beinen zu stehen. Doch diese drohten weg zu knicken. Ganz benommen fühlte sie sich, wobei es weniger von der Verletzung, sondern viel mehr von dem seltsamen Ereignis zu sein schien. „Kann ich helfen, eure Hoheit?“, fragte die angenehm tiefe Stimme eines blonden Rekruten, den Maxillia erst gar nicht bemerkt hatte. Er musste zu ihnen geeilt sein, um zu helfen und verbeugte sich tief vor seiner Königin und seiner Prinzessin. „Ja, bitte“, stimmte Isabella zu, die ganz schön aufgelöst schien. Vorsichtig griff der junge Mann unter Maxillias Arme und half ihr vorsichtig in Richtung der Burg zu gehen. Seine starken Arme, nahmen Max das Laufen beinahe komplett ab und sein Duft hatte irgendwie eine beruhigende Wirkung auf sie. Schade war es nur, dass sie sein Gesicht nicht richtig erkennen konnte, da vor ihren Augen immer noch alles verschwommen war. Gerne hätte sie gewusst welcher der Rekruten so gut roch und ihr so freundlich geholfen hatte, um ihm später danken zu können. Doch ihre Augen taten nicht ihren Dienst, sodass ihr sein Gesicht verborgen blieb. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte sie doch noch etwas zu sehen, woran sie ihn wiedererkennen könnte, als sie in der Eingangshalle angekommen waren und er sie ihrem Vater Don übergab, der zufällig gerade durch diese hindurch gelaufen kam. Leider blieb es aber dadurch dabei, dass sie sich lediglich seinen Geruch merken konnte. Kurz sah sie ihm noch hinterher und versuchte sich wenigstens seine Umrisse einzuprägen. Aber ihre Eltern schienen dem nicht viel Beachtung zu schenken und führten Max gleich aus der Eingangshalle hinaus. Behutsam brachten sie sie auf ihre Gemächer, nach oben in ihr Schlafzimmer und setzten sie vorsichtig auf das große Bett. Mit dröhnenden Kopfschmerzen legte sie sich in voller Montur hin und schloss ihre Augen, während Don besorgt fragte was geschehen war. Stammelnd erklärte Isabella es ihm, mit einem sichtlich schlechten Gewissen, während sie sich immer wieder bei Max entschuldigte. Es dauerte nicht lange bis ein Arzt hereingeeilt kam und Maxillia gründlich inspizierte. Nachdem er die Wunde gereinigt und verbunden hatte, überreichte er ihr einen Beutel voll Eis, den sie erst beim dritten Versuch schaffte entgegen zu nehmen, da sie irgendwie immer noch alles verschwommen und nur zur Hälfte wahrnahm und daher ein paar, mal danebengegriffen hatte. Lächelnd legte Max sich diesen auf die Stirn und schloss die Augen, während die Kälte den Schmerz etwas betäubte. „Ruh dich aus, Schatz. Das Abendessen lassen wir dir herbringen“, hauchte Isabella liebevoll und gab ihrer Tochter einen Kuss auf die Wange. „In Ordnung“, nuschelte Max als Antwort, die einfach nur noch ihre Ruhe haben wollte. Vorsichtig zog Isabella ihrer Tochter wenigstens noch die Schuhe aus, bevor sie und Don die Gemächer verließen. Beschämt über das, was geschehen war, verbrachte Max den restlichen Tag in ihrem Bett und dachte über diesen Bildfetzen mit dem Mann und diesem Stein nach. Seltsam war es schon. Schließlich hatte sie diesen Mann noch nie zuvor gesehen, genauso wie solch einen seltsamen Stein. Denn auch wenn alles verschwommen war, konnte sie genug erkennen, um sich darüber sicher zu sein. Doch am meisten nagte die deprimierende Tatsache, dass sie nicht einmal einen blöden Stein hatte abwehren können, wenn sie doch den Hieb eines Schwertes hätte parieren können müssen. In einem Kampf wäre sie also chancenlos ihrem Gegner ausgeliefert. Vielleicht war sie doch mehr Mensch als Elf. Vielleicht kam sie zu sehr nach ihrer Großmutter, über die sie lediglich wusste, dass sie ein solcher gewesen war. Viel mehr hatte Isabella über ihre Mutter auch nicht sagen können, da sie ihre Eltern selbst nie hatte kennenlernen dürfen. Die Gedanken plagten Maxillia schon sehr, da sich ihr so auch wieder diese Fragen und Gedanken aufdrängten. Denn wie sollte sie so nur das Volk ihrer Eltern irgendwann mal führen können? Ihre Untergebenen würden sie doch niemals ernst nehmen. Und wieder einmal haderte sie mit dem Schicksal ihrer Geburt und den sich daraus ergebenen Verpflichtungen, der Einsamkeit und diesem albernen Gehabe um ihren Titel. Jeder behandelte sie, als sei sie ein rohes, zartbesaitetes Ei, mit dem man immer gekünstelt reden müsse. Nie sagte jemand mal etwas direkt und eindeutig und vor allem nicht, was er wirklich dachte. Die Lügen und künstlichen Nettigkeiten gingen ihr gehörig auf den Senkel. Doch was sie am meisten störte war, dass sie dies selbst auch tun musste, da sie sonst gleich als herrisch, zickig und unfreundlich gelten würde. Wie gerne doch würde sie mal ihre wirkliche Meinung sagen. Besonders diesen aufgeblasenen Pinseln von Prinzen des Bündnisses. Zu gern würde sie ihnen sagen, wie dämlich sie doch aussähen, wenn sie so herumstolzieren, als hätte man sie an einen Stock gebunden. Doch es half nichts sich über die Dinge aufzuregen, die sie nicht ändern konnte. Der Zufall des Schicksals hatte sie nunmal an diese Stelle gestellt. Seufzend setzte sie sich vorsichtig auf. Ihr Kopf dröhnte immer noch vor Schmerz und pochte vor sich hin, als wäre er zur doppelten Größe geschwollen. Zumindest kehrte ihre Sehfähigkeit allmählich zurück, so dass sie die Sonne beim Untergehen beobachten konnte. Bis spät in die Nacht hinein starrte Max aus ihrem kleinen Fenster in die funkelnden Sterne und dachte darüber nach, was an diesem Tag geschehen war. Was hatte es zu bedeuten gehabt, was sie nach dem Unfall mit dem Stein gesehen hatte? Hatte es etwas zu bedeuten oder war es einfach nur ein Produkt aus der Ohnmacht und dem Schmerz gewesen? Sehnend starrte sie in den Nachthimmel, während sich die Fragen mit einem Verlangen nach Freiheit mischten, das in ihrem Herzen brannte. Freiheit, die ihr scheinbar nur der Himmel und die Luft hätten bieten können. Freiheit, die sie wohl nie erlangen würde.

3

Die Sonne war schon längst aufgegangen, als Maxillia von den wärmenden Strahlen aufwachte und sich streckte. „So ein Mist“, fuhr es ihr durch den Kopf, als sie plötzlich bemerkte, wie spät es schon war. Sie hätte schon längst unten beim Frühstück im Speisesaal sein müssen. Vorsichtig setzte sie sich auf, während ihr Puls hochschnellte und ihr Schädel gleich wieder begann vor Schmerz zu pochen. Sicher würde sie wieder einen riesigen Ärger bekommen. Doch warum hatte niemand sie geweckt? Normalerweise hätte man dies doch schon längst getan. Egal. Nun aber bloß keine falsche oder ruckartige Bewegung machen. Sonst würde der Schmerz wohl wieder unerträglich durch sie hindurch jagen. Aber beeilen musste sie sich trotzdem. Schließlich würde sie desto später es würde, umso mehr Ärger bekommen. Mühsam wusch sie sich so schnell es ging und zog sich eines der etwas bequemeren Kleider an, bevor sie in den untersten der drei Stockwerke ihrer Gemächer eilte. Dort stand unerwarteterweise ein Tablett mit Frühstück auf dem dunklen Esstisch. Seit wann brachte man ihr denn bitte das Essen aufs Zimmer? Das war bislang noch nie vorgekommen. Zumindest erinnerte sie sich in diesem Moment an keinen Tag, an dem man dies gemacht hatte. Etwas verwundert schaute sie es sich an, bevor sie zur Tür ging und diese öffnete. Vielleicht war jemand auf dem Flur, der sie hätte aufklären können. Und tatsächlich, vor ihrer Tür stand an diesem Tag eine Wache, die dort sonst nicht stand. Sonst war der Flur sowieso immer komplett leer und selten lief mal ein Bediensteter dort entlang. Aber vielleicht wusste der dickliche Mann in der silbern glänzenden Rüstung was los war. „Gibt es einen Grund, warum man mich nicht geweckt hat?“, fragte Max den bewaffneten Mann, der stocksteif Löcher in die Luft starrte und ab und zu seinen Blick über den Gang schweifen ließ. „Anordnung der Königin. Ihr sollt euch ausruhen, eure Hoheit. Heute wird für euch auch kein Unterricht oder Training stattfinden. Königin Isabella wird nachher nochmal persönlich zu euch kommen“, antwortete die Wache, verbeugt sich und kehrte in die gleiche starre Haltung zurück. „Gut“, sagte Max zögerlich und ging wieder in ihr Zimmer. Irgendwie konnte sie mit dieser Information noch nicht so richtig etwas anfangen. Hatte sie wirklich den gesamten Tag frei? Oder hatte die Wache oder sie etwas falsch verstanden? Sie traute sich noch gar nicht sich zu freuen, so unwirklich und seltsam, wie es ihr vorkam. Träumte sie? Der letzte freie Tag schien schon ewig her gewesen zu sein. Sie konnte sich nicht einmal richtig daran erinnern. Eine ganze Weile stand sie nur da und überlegte, ob es wirklich sein konnte und was sie machen sollte, wenn dem so war. Schließlich musste sie es doch dann ausnutzen. Sicher würde sich nämlich eine solche Gelegenheit nicht so schnell wieder ergeben. Was hatte sie eigentlich damals gemacht, als jeder Tag für sie frei war? Bestimmt hatte sie im Garten herumgetollt und mit Puppen gespielt. Sie war da nämlich sicher noch ein kleines Kind gewesen, so lang war es her. „Oh man“, dachte sie sich. Sicher kannte sie da noch nicht einmal Seraphina. Apropos. Später, wenn sie sich mit Seraphina traf, könnte sie ungewohnt lange und entspannt mit ihr zusammen sein. Vielleicht würde ihnen noch etwas spontan einfallen, worauf sie Lust hätten es mal wieder zu unternehmen. Aber wie sollte sie an der Wache unbemerkt vorbeikommen, die direkt vor ihrer Tür stand? Darüber musste sie sich wohl noch Gedanken machen. Doch das hob sie sich lieber für später auf. Schließlich musste sie sich auch noch etwas für den Vormittag einfallen lassen. Denn Phina hatte nur an den Nachmittagen Zeit. Erstmal sollte sie aber etwas essen. Also setzte sie sich an den großen Tisch, in dessen Mitte eine kleine Zimmerpflanze stand und begann in Ruhe ihr Frühstück zu essen. So ganz allein war es schon etwas still und einsam in dem kleinen Turm, der so hoch war, dass man in ihm das leise Säuseln des Windes hören konnte und weit entfernt das Klappern der Waffen und Rüstungen der trainierenden Rekruten. Langsam kaute sie auf den Broten herum, die man ihr zurecht gemacht hatte und starrte mit leerem Kopf aus dem Fenster, das sich neben ihr befand. In der Ferne konnte sie Vögel beobachten, die dicht über den Baumwipfel des dichten und weiten Waldes hinwegjagten. Der Anblick erfüllte sie irgendwie mit Sehnsucht und dem Wunsch selbst zu fliegen. Doch sie war ja eine Elfe und kein Vogel oder ähnliches und hatte folglich keine Flügel, mit denen es hätte klappen können. Schon ein seltsamer Wunsch, dachte Maxillia, die zuvor noch nie über sowas nachgedacht hatte. Klar kam man so deutlich einfacher und schneller an einige Orte, jedoch ist der Elf nicht dafür gemacht. Sonst wären ihm Flügel gegeben. Außerdem hatten sie magische Portale, um schnell an weit entlegene Orte zu gelangen. Die Menschen hatten dafür Flugzeuge erfunden, die dröhnend den Himmel durchpflügten. Aber das war eigentlich auch nicht Maxillias Ansinnen dahinter. Denn es sah nach Spaß aus und nach grenzenloser Freiheit, die sie nicht hatte. Ob überhaupt ein Elf je fliegen würde? Wohl eher nicht. Denn im Gegensatz zu den Menschen wägten Elfen sehr genau ab, wie hoch der Nutzen wäre im Gegensatz zu den Schäden, die es der Natur brächte. Vor allem machten sich Elfen auch über die Langzeitfolgen Gedanken und dachten nicht nur an den Nutzen, den sie im Hier und Jetzt hätten. Daher entschieden sich die Elfen oft gegen neue Erfindungen, wenn sie die Natur aus dem Gleichgewicht hätten bringen können. So verhielt es sich sicher auch mit den Flugzeugen. Schließlich brauchten diese Unmengen an Treibstoffen, die erst einmal gewonnen werden mussten. Und spätestens dies würde dem Planeten stark zusetzen. Dazu kam, dass die Elfenvölker und auch die Zwerge viel zu sehr an Traditionen und der Vergangenheit festhielten, als dass sie etwas ändern oder gar einen Gedanken an große Veränderungen verschwenden würden. Völlig in Gedanken versunken würgte sie den letzten Bissen ihres Brotes herunter und starrte noch ein paar Minuten aus dem Fenster, bevor sie beschloss sich in ihren Gemächern noch einmal umzusehen, ob ihr nicht doch noch etwas ins Auge fiele, womit sie sich den Vormittag hätte vertreiben können. Also stand sie auf und lief die Stufen, die in die runden Wände geschlagen waren, wieder nach oben in den zweiten Stock. Dort befand sich ihr Bade- und Ankleidezimmer. Ihre Kleidung war allerdings mit einer hölzernen Trennwand abgeteilt, so dass ihr Kleiderschrank mehr einem weiteren Zimmer glich. Kurz ließ sie ihren Blick über den Paravent, die Badewanne und das Schminktischchen mit dem Spiegel wandern und überlegte, ob sie dort etwas hatte, womit es lohnt sich zu beschäftigen. Doch nichts, was sich dort befand, war zum Zeitvertreib geeignet. Gut, sie hätte verschiedene Arten sich zu schminken ausprobieren können, aber darauf hatte sie keine Lust. Schminken verband sie eh immer nur mit dem Prinzessin-sein, was sie bekanntlich nicht gerne war. Daher wandte sie sich ab und ging weiter in den dritten und obersten Stock ihrer Gemächer. In diesem war ihr Schlafzimmer eingerichtet, mit dem herrlichen Himmelbett und den paar wenigen Regalen, in denen nur noch Kerzen und Vasen standen. Früher waren sie vollgestopft mit Kuscheltieren und Spielzeugen. Doch aus diesem Alter war sie schon lange raus, so dass die meisten Bretter leer waren und nur Staub fingen. Seufzend setzte sie sich auf die linke Seite ihres Bettes und starrte aus dem kleinen Fenster gegenüber, von wo sie eine atemberaubende Aussicht über die große Hauptstadt von Rebien hatte. Sie war nicht zu vergleichen mit den modernen Städten der Menschen, mit ihren unglaublich hohen Gebäuden und vielen Lichtern, die oftmals nicht zum Zweck der Beleuchtung angebracht waren. Vielmehr erinnerte sie an die Städte, die die Menschen im sogenannten Mittelalter bewohnten. Neidisch war Max darauf aber trotzdem nicht. Denn so interessant die Welt der Menschen auch war, so schmutzig und unheimlich war sie auch. Max hatte oft das Gefühl, dass die Menschen mit den vielen Dingen die sie besaßen deutlich weniger zufrieden und glücklich waren, als die einfachen Bauern der Elfen und Zwerge, die deutlich weniger besaßen. Selbst Maxillia, eine Prinzessin, besaß teilweise weniger als manch ein normaler Bürger der Menschen. Zumindest sagte Isabella das immer. Nachprüfen konnte das Max nicht so richtig, wodurch sie es einfach glauben musste. Vorstellen konnte sie es sich aber dennoch. Da sie schon einen kleinen Eindruck hatte bekommen können. Verträumt beobachtete sie die kleinen rauchenden Schornsteine, die verrieten, dass dort unten in Lubea in den vielen Schmieden, Bäckereien und den ganzen anderen kleinen Geschäften und Ständen wieder fleißig gearbeitet wurde. „Max?“, riss die Stimme ihrer Mutter sie aus ihrer Träumerei, die, den Schritten nach zu urteilen, die Treppen schon hinaufstieg. „Ja?“, rief Maxillia zurück, während ihr wieder ein stechender Schmerz durch den Kopf zuckte. „Ach hier bist du“, stellte Isabella lächelnd fest, als sie das Schlafzimmer ihrer Tochter erreicht hatte und dieses betrat. „Na? Wie geht es dir heute?“, fragte sie und setzte sich neben sie auf das Bett. „Ich habe Kopfschmerzen“ grinste Maxillia ihre Mutter an, der das schlechte Gewissen ins Gesicht geschrieben stand. „Dafür hast du jetzt eine gesamte Woche frei“, entgegnete Isabella zerknirscht und strich ihrer Tochter sanft über den Rücken. „Eine ganze Woche?“, rief Max ungläubig aus, der fast das Herz stehen geblieben war. „Ja“, entgegnete Isabella nüchtern. „Du solltest dich aber auf jeden Fall viel ausruhen. Und wenn du irgendetwas benötigst oder möchtest, sagst du es der Wache vor der Tür. Er wird dann dafür sorgen, dass du es bekommst“, fuhr sie fort. Das war die Lösung für das Problem, wie sie aus ihren Gemächern entkam. Denn wenn sie die Wache kurz wegschicken würde, könnte sie den tristen Mauern entfliehen, ohne, dass er es bemerkte. So sollte es ein Einfaches werden sich mit Phina zu treffen. „Könntet ihr mir das Mittagessen dann auch herbringen lassen?“, fragte Max, da sie noch nicht sicher war, ob sie gegen die Mittagszeit überhaupt im Schloss wäre. Schließlich war der Ruf der Freiheit viel zu verlockend, als dass sie brav in ihrem Turm verharren würde. „Natürlich“, antwortete Isabella und stand mit einem liebevollen Lächeln wieder auf. „Ich muss dann auch schon wieder los. Ich wollte wenigstens noch nach dir sehen, bevor Don und ich wieder den ganzen Tag in Verhandlungen und Diskussionen stecken. Die Könige des Bündnisses möchten mal wieder etwas besprechen“, ergänzte sie und verdrehte die Augen. Sie hatte sichtlich keine Lust darauf, zumal es ungewöhnlich viele Gespräche waren, um die die Bündnispartner in letzter Zeit baten. Isabella erzählte oft, dass immer die gleichen Dinge debattiert wurden, obwohl sie schon längst besprochen waren. Allerdings hatte Max auch das Gefühl, das Isabella immer nur die Hälfte erzählte, da sie mittlerweile bei nicht allzu vielen Gesprächen dabei sein sollte. Früher, als ihre Ausbildung begonnen hatte, schleppte Isabella sie zu jedem Bündnistreffen mit, bei denen sie meist gegen das Einschlafen kämpfen musste. Sie waren meist noch langweiliger als der Politikunterricht, was eigentlich schwierig war. Aber in letzter Zeit, gingen Isabella und Don meist ohne sie in die Gespräche. Dann wurden ihr entweder zig Aufgaben zum Selbststudium aufgebrummt oder eine der Zofen übernahm den Unterricht. Damals waren es nicht einmal halb so viele Gespräche, die in den Kalendern der Könige standen. Vorsichtig umarmte Isabella Max nochmal und ließ nach einer kurzen Verabschiedung ihre Tochter wieder allein. Mit einem Seufzen richtete Max ihren Blick wieder auf Lubea hinab, als Isabella auf der Treppe verschwand. Beinahe sehnsüchtig begann Max davon zu träumen durch die Gassen zu schlendern und sich die Läden anzusehen, als sie so auf die vielen Dächer schaute. Wie gern hätte sie doch die Stände und Geschäfte auf dem Marktplatz besucht, die sie noch nie von nahem gesehen hatte. Eigentlich hatte sie nun sogar die Zeit dazu. Aber ihr Kopf tat so unheimlich weh und pochte vor sich hin, besonders wenn sie ihn ungünstig bewegte. Doch sollte der Schmerz sie wirklich an der Freiheit für einen ganzen Tag hindern? Unten fiel die Tür ins Schloss und verriet, dass Isabella Maxillias Gemächer verlassen hatte. „Nein, das sollte es nicht“, beantwortete sie sich die Frage entschlossen im Geiste. Von Schmerzen ließe sie sich nicht aufhalten. Wieso auch hätte sie den Tag über brav in ihren Gemächern ausharren sollen, bis sie sich auf den Weg zur Lichtung machte? Das wäre doch dumm gewesen. Schließlich gab es auch nichts in ihren Gemächern oder in der Burg, womit sie sich die Zeit hätte vertreiben können oder gar wollen. Somit wäre die Alternative gewesen den Vormittag im Bett zu verbringen und sich zu langweilen, so wie es auch eine brave Prinzessin gemacht hätte. Das wollte sie aber in keinem Fall. Dazu brannte das Bedürfnis nach Freiheit zu sehr, als dass sie der Verführung hätte widerstehen können. Also lief sie runter in das zweite Stockwerk ihrer Gemächer und kramte eine dunkle Stoffhose und ein einfaches Oberteil aus ihrem Schrank heraus. Schön waren sie nicht, aber innerhalb der Stadt unauffällig. Dies war bei ihrem Vorhaben auch deutlich wichtiger, als dass sie gut ausgesehen hätte. Vorsichtig zog sie ihr hellblaues Kleid aus und zwängte sich in die Hose und das Oberteil. Beides war ihr mittlerweile ein wenig eng geworden, da sie, seitdem sie sie besaß, gewachsen und deutlich weiblicher geworden war. Aber es war vermutlich die einzige Kleidung, die sie besaß, die zwischen den anderen Elfen in Lubea nicht auffiel. Ihre Haare band sie wieder zu einem Zopf, bevor sie noch einen alten dunklen Umhang aus dem Schrank suchte, der am ältesten aussah. Diesen warf sie sich über die Schultern und steckte dessen Enden mit der einfachsten Brosche zusammen, dessen edles Metall sie mit Kohle aus dem Kamin beschmierte. Sie sollte dadurch alt und abgenutzt aussehen, so dass man sie nicht bemerken würde. Schließlich wollte Max nicht als angehörige des Königshauses erkannt werden und schon gar nicht als Prinzessin Maxillia. Nun legte sie sich noch ein Tuch um den Hals, dass sie einst selbst genäht hatte. Es war krumm und schief geschnitten und der Stoff war an manchen Stellen etwas kaputt, was es ideal für den Zweck machte, den es erfüllen sollte. Die Stiefel, die sie wählte, trug sie immer zum Training, wodurch sie schmutzig waren und weniger schön, auch wenn sie es wären, wenn man das Leder wieder sauber polieren würde. Zufrieden beäugte sie sich nochmal im Spiegel, bevor sie ihre Verkleidung dem Härtetest unterziehen würde. Allerdings war dieser Test auch gleich das, wofür sie sich verkleidet hatte. Demnach bedeutete es alles oder nichts. Etwas aufgeregt ging sie in das unterste Stockwerk und öffnete die Tür einen kleinen Spalt, damit die Wache sie nicht sehen konnte. Dann räusperte sie sich kräftig, damit der Mann auf sie aufmerksam wurde und ihr Plan nicht gleich am Anfang scheiterte. „Könnten Sie mir ein paar Bücher aus der Bibliothek besorgen? Ich würde gerne etwas lesen. Aber bitte legen Sie die Bücher dann hier gleich auf die Kommode neben der Tür. Ich möchte mich oben ausruhen und dabei nicht gestört werden“, dachte es sich Max spontan als Vorwand aus, um die Wache von der Tür weg zu locken. „Natürlich, eure Hoheit. Ich werde mich sofort darum kümmern“, entgegnete der Mann und machte sich sofort auf den Weg den Wunsch seiner Prinzessin zu erfüllen. Grinsend schnappte Max sich den Dolch, der neben ihrer Tür hing und schlich aus ihren Gemächern. Vorsichtig schaute sie um jede Ecke, bevor sie weiterlief, in der Angst, jemand könnte sie entdecken und dann aufhalten wollen. Daher huschte sie wie auf Katzenpfoten mit pochendem Herzen durch die langen Flure an den vielen Türen und Sälen vorbei, wenn sie dachte, dass die Luft rein war. Unbemerkt schaffte sie es hinunter in die Eingangshalle, in der sich diesmal allerdings eine Wache befand. Eigentlich stand dort selten jemand. Aber diesmal hatte Maxillia wohl Pech gehabt. Unsicher beobachtete sie den starr stehenden Mann von der Galerie aus und wartete ab, was er tat. Jedoch bewegte er sich nicht einen Zentimeter und schaute stetig auf die Haupttür, die sich gegenüber der Tür zum Hof befand. Laut klopfte Max gegen einen der Stäbe des Geländers an der Galerie, um herauszufinden, wie die Wache darauf reagieren würde. Jetzt war sie nämlich noch vor seinen Blicken geschützt und hatte einige Möglichkeiten sich schnell zu verstecken. Doch die Wache reagierte nicht im Geringsten. Also wagte sie sich die weiße Treppe hinunter zu schleichen, immer mit einem Blick auf die Wache, damit sie sofort bemerken würde, wenn er seine Blickrichtung änderte. Ihr Herz pochte aufgeregt bis hoch in den Hals, während sie sich am Geländer entlang drückte und versuchte keinen Laut zu verursachen. Gerade als sie nur noch wenige Stufen zu gehen hatte, flog die Flügeltür des Thronsaals auf, der sich rechts neben der Treppe befand. Max hatte das Gefühl, ihr würde das Herz stehen bleiben, als auch noch Schritte ertönten, die der Flügeltür näherkamen. Offensichtlich wollte jemand den Thronsaal verlassen, wodurch Maxillia sich gezwungen sah sich zu verstecken. Doch wohin? Sie stand mitten auf der großen Treppe und war noch nicht einmal so gekleidet, dass sie darauf hoffen konnte, dass die Farben auf der Treppe nicht auffallen würden. Denn ihre dunkle Kleidung bildete einen riesigen Kontrast zu den weißen Stufen. Jeder würde sie also sofort bemerken, der den Thronsaal verließ. Wie sollte sie es nur erklären, wenn man sie so erwischen würde? Wie sehr würde sie ihre Eltern blamieren, wenn ein König sie so sähe. Und das auch noch außerhalb ihrer Gemächer, obwohl sie Ruhe hätte halten sollen. Mit einem großen Satz sprang sie über das Geländer in den Schatten rechts neben der Treppe, von dem es nur noch ein paar wenige Schritte zum Hinterhof waren. Es war die einzige Möglichkeit, die sich ihr bot, um vielleicht doch noch unentdeckt zu bleiben. Mit angehaltenem Atem drückte sie sich an den kalten Stein hinter die schmale Säule, die die Galerie über ihnen trug. Ihr Kopf schmerzte, für den der Ruck von dem Sprung nicht gerade gut gewesen war. Doch jetzt durfte sie den Schmerz nicht zulassen und musste sich darauf konzentrieren nicht aufzufallen. Völlig im Gespräch vertieft verließen die Könige des Bündnisses den Thronsaal und liefen einer nach dem anderen an der völlig erstarrten Maxillia vorbei. Sie liefen geradeaus in den Ostflügel hinein, in dessen unterstem Stockwerk sich die Konferenzräume befanden. Sicher wollten sie in einen von diesen gehen, da sie dort ungestört debattieren und diskutieren konnten. Nicht einmal Isabella oder Don bemerken ihre Tochter und liefen einfach an ihr vorbei. Sie wirkten allerdings auch recht angespannt und in ihren Gedanken versunken, was Maxillia definitiv zugutekam. Als die Könige alle im Ostflügel verschwunden waren folgte ihnen nun auch die Wache und verließ ebenso die Eingangshalle. Maxillia fiel ein riesiger Stein vom Herzen, als die Gefahr vorbei war und atmete erst einmal tief durch. Sie hatte das Gefühl, dass sie die gesamte Zeit über den Atem angehalten hatte. Ihre Lungen brannten und ihr Kopf schmerzte noch mehr als zuvor. Doch zu lang sollte sie nicht die Anspannung verdauen. Schließlich könnte die Wache wieder zurückkommen und sie doch noch erwischen. Also verließ sie leise die Eingangshalle durch die Hintertür hinaus in den Hof. Kurz ließ sie noch ihren Blick über diesen, mit seinem gepflasterten Boden, schweifen, um sicher zu gehen, dass nicht gerade ein Rekrut oder gar ein Soldat in der Nähe war, der sie hätte sehen können. Doch die Luft war rein, so dass sie die Mauern wieder über die kleine Pforte verlassen konnte. Schnell setzte sie ihre Kapuze auf und huschte mit wachsamem Blick die Wälle hinunter zum Waldrand. Doch diesmal nahm sie nicht den kleinen Pfad zur Lichtung, sondern schlich den Waldrand entlang. Angestrengt behielt sie die Mauer im Blick, während sie im Schatten der Bäume in Richtung der großen, gepflasterten Straße eilte. Diese führte durch das westliche Tor der großen Mauer, die die Stadt Lubea schützend umgab. Es zog sich ein ganzes Stück hin, eh sie diese endlich erreichte und das Treiben in greifbare Nähe rückte. Im Schutz der Bäume hielt sie inne und schaute sich die Straße aus der Finsternis des Waldes genau an. Der Waldrand hatte sie ein wenig weiter weg von der Mauer geführt, so dass sie nicht direkt am Tor herausgekommen war. Doch das war gar nicht schlimm. Schließlich konnte sie sich so besser zwischen die Leute schummeln und würde weniger auffallen. Bis hierhin hatte sie es geschafft. Jedoch begann nun der schwierigste Teil, denn sie musste sich nun auch unauffällig unter die Menge mischen und an den Stadtwachen vorbei in die Stadt hineingelangen, in der sie ebenso unbemerkt bleiben musste. Aufgeregt schob sie das Tuch bis über ihre Nase, so dass die Hälfte ihres Gesichtes versteckt war und eilte im Schatten eines Karrens auf die breite Straße. Dieser war zu Maxillias Glück gerade ebenso auf dem Weg in die Stadt hinein und ratterte mit quietschenden Rädern über die groben Steine. Das war schon mal geschafft. Und der Plan schien bislang aufzugehen, denn die anderen Leute nahmen nicht viel Notiz von ihr. Scheinbar war es auch keine Besonderheit, dass eine vermummte Person in dunkler Kleidung über die Straßen lief, so dass es niemanden zu interessieren schien. Aufgeregt schaute Maxillia sich um und beobachtete, wie die anderen sich am Tor verhielten. Die meisten gingen einfach hindurch und beachteten die Wachen gar nicht, die mit ihren Speeren bewaffnet den Eingang zur Stadt sicherten. Andere grüßten wiederum den ein oder anderen der Soldaten, die dann freundlich zurück grüßten. Sicher waren dies Personen, die beinahe jeden Tag den Weg in die Stadt nahmen. Vielleicht waren es auch Bauern, die außerhalb des Waldes um Lubea herum lebten und die Felder bewirtschafteten. Doch nun kam auch Max der Stadt allmählich näher und würde auch gleich an den Wachen vorbeimüssen. Vor Aufregung pochte ihr Herz bis in den Hals und ihr Kopf dröhnte und pochte. Sicher wurden die Schmerzen durch ihren hohen Puls verstärkt, was der Aufregung geschuldet war. Schwer atmend versuchte Maxillia unauffällig zu bleiben und schlenderte auf das Tor zu. Nun war der Moment der Wahrheit gekommen. Würden die Wachen sie nun erkennen? Oder würde sie es schaffen unerkannt hindurch zu gelangen? „Einfach hindurch gehen“, sagte Maxillia zu sich selbst und versuchte Blickkontakt mit den Wachen zu vermeiden. Ganz starr schaute sie geradeaus und lief einfach an den bewaffneten Männern vorbei. Erleichtert stellte sie fest, dass die Männer nicht einmal Notiz von ihr zu nehmen schienen und trat ohne einen Zwischenfall auf die große Hauptstraße, die direkt zum Marktplatz führte. Kurz atmete Max durch und warf einen Blick zu den Wachen zurück, die sich nicht anders verhielten als zuvor. Ihre Verkleidung hatte offensichtlich bislang funktioniert. Nun durfte auch keiner von den vielen Leuten, die sich in der Stadt herumtrieben, sie erkennen. Mit einem Lächeln wandte sie sich wieder der Stadt zu, in der sie noch nie zuvor einfach durch die Gassen hatte schlendern können. Schon hier auf der Hauptstraße drangen die verschiedensten Gerüche und Geräusche an Maxillia heran, die sie nun das erste Mal vernahm. Interessiert schaute sie in die Schaufenster der vielen verschiedenen Geschäfte, die die Straße säumten, in dessen Auslagen die herrlichsten Dinge lagen. Sogar edle Holzschnitzereien wurden von den Läden angepriesen und üppige Mengen an Blumen waren zum Verkauf vor einem Geschäft drapiert. Maxillia bewunderte die schönen gemauerten Häuser mit ihren reichen Verzierungen und Bemalungen, die den Wohlstand der Stadt und des Reiches gar widerspiegelten. Sie brauchte eine halbe Ewigkeit, um überhaupt zum Marktplatz zu gelangen, da an jeder Ecke die tollsten Dinge zu sehen waren. Für die meisten der Leute war es nichts Ungewöhnliches und sie liefen einfach an den vielen Dingen vorbei, für die sich Maxillia so begeisterte. Sie fühlte sich beinahe wie ein kleines Kind, das die Herrlichkeiten zum ersten Mal wahrnahm, was im Grunde ja auch fast so war. Nur dass sie kein kleines Kind mehr war. Dann endlich erreichte sie auch den großen Marktplatz und Max kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es herrschte buntes Treiben, an den vielen Läden und Ständen, wo die Händler ihre Waren lautstark anpriesen und mit Frauen und Männern feilschten. Bunte Stoffe, glitzernder Schmuck und glänzende Waffen, sowie duftende Lebensmittel, Kräuter, Tränke und vieles mehr lagen in großer Fülle auf den Tischen, die sich unter ihrer Last schon gefährlich bogen. Auch die Schaufenster der Läden waren noch mehr gefüllt und noch schöner geschmückt als die Geschäfte auf der Hauptstraße. Noch nie war Max auf dem Marktplatz gewesen, ohne dass sie sich aufgrund einer Feierlichkeit mit ihren Eltern zusammen dem Volk zeigte. Dann war der Platz immer geputzt und schön hergerichtet, dass man kaum erahnen konnte wie es sonst dort zu ging. So im normalen Treiben der Stadt, erkannte man ihn kaum wieder, Maxillia gefiel das aber sehr. Besonders die Geräusche faszinierten sie, da sie diese zuvor noch nie gehört hatte. Es war das Klirren eines Schmiedehammers auf Metall, das Quietschen der Schilder im Wind und lautes Gelächter, Gekreische und Rufen, die die Ohren schon fast zu betäuben schienen, während die Nutztiere neben den Ständen seelenruhig auf ihrem Heu herumkauten. Sie schienen sich gar nicht daran zu stören und starrten trüb in der Gegend herum, während Kinder vergnügt um sie herum jagten. Weiter gedrängt von den Massen ließ sich Max einfach von Stand zu Stand mittreiben und schaute kurz über die Ware, die dort lag, bevor sie einfach weiter geschoben wurde. Irgendwann landete sie am Rand, in dem Schatten der Häuser, wo ein Paar Kinder miteinander vor einer Schmiede standen und mit Holzschwertern spielten. Neugierig betrat Max den kleinen Laden, der vollgestopft mit sämtlichen Arten von Waffen war, die teils kunstvolle Muster und Formen schmückten. „Willkommen in der Amell-Schmiede. Kann ich ihnen weiterhelfen?“, fragte eine blonde Frau hinter dem Tresen mit einem freundlichen Lächeln. „Ich wollte mich nur ein wenig umsehen“, antwortete Max heiser und wandte sich von ihr ab. Unter dem genauen, misstrauischen Blick der Frau schaute sich Max die Waffen an, mit denen sie wohl nie umgehen können würde. Schließlich schaffte sie es gerade mal ihren Zauberstab für ein paar Minuten hoch zu halten, ehe ihre Muskeln versagten. Maxillias Blick blieb an einem Dolch hängen, der hinter dem Tresen auf einem Gestell präsentiert wurde. Der Griff war weiß und hatte ganz grazile Rankenmuster hineingearbeitet, die mit Goldeinlagen hervorgehoben wurden. Die silberne Klinge glänzte leicht rötlich, in der ebenso ein dezentes Muster zu sehen war. „Wie viel kostet der Dolch hinter ihnen?“, fragte Max und deutete auf das scheinbar schönste Kunstwerk des Schmiedes. „Eigentlich ist er nicht zu verkaufen“, antwortete die Frau etwas betrübt. „Warum denn das?“, wollte Max wissen und runzelte verwundert die Stirn. „Den hat unser jüngster Sohn gefertigt, als er zehn war“, erklärte die Frau mit schwerem Herzen, aber großen Stolz. „Oh. Dann hat er viel Talent. Aber wieso möchten sie ihn denn nicht verkaufen? Ist er gestorben?“, hakte Max unsicher und vorsichtig nach, die nicht ganz die Reaktion der Frau einordnen konnte. „Naja so ähnlich. Er ist vor vier Jahren Rekrut geworden und seitdem haben wir ihn nicht mehr gesehen“, antwortete sie mit einem betrübten Lächeln. „Oh. Das tut mir leid“, entgegnete Maxillia, die sich irgendwie direkt schuldig fühlte. Schließlich lernten die Rekruten am Hofe der Burg, mehr oder weniger unter der Aufsicht ihres Vaters. „Schon gut. Es war sein Wunsch. Aber der Dolch ist so ziemlich das Einzige, das wir noch von ihm haben“, lächelte die Frau, deren Gesicht durch tiefe Falten gezeichnet war. „Aber sind Sie nicht stolz darauf, dass er sich entschieden hat zu den Rekruten zu gehen? Ich meine er lässt sich dazu ausbilden das Reich einmal zu schützen und für seine Königin zu kämpfen“, hakte Max nach, die ihr Leben lang dachte, es sei eine Ehre als Rekrut angenommen zu werden, auch wenn sie schon bemerkt hatte, dass dies auch zu Problemen in der Familie ihres Vaters geführt hatte. Dieser war nämlich auch einmal Rekrut gewesen und stellte trotz der Schwierigkeiten, die er gehabt hatte, das Rekrutendasein immer als große Ehre dar. „Ich weiß nicht so recht. Man hört nichts von ihm. Ich weiß nicht einmal, ob er noch lebt. Es tut einfach nur weh zu wissen, dass ich ihn wohl nie wiedersehen werde und auch nie wissen werde, ob er am Leben ist“, entgegnete die Frau betrübt. Es stach in Maxillias Herz, als sie begriff, welch ein Leid die vermeintliche Ehre eigentlich für die vielen Familien bedeutete und welch eine Wunde sie gerade versehentlich wieder aufgerissen hatte. Wehmut erfüllte Max und der Wunsch zu helfen erstarkte in ihr. Doch wie würde sie nur helfen und das Leid mildern können? Einen Moment lang überlegte sie welch eine Möglichkeit sie als Prinzessin hatte. Zum Entscheidungen treffen oder zum Freistellen, fehlte ihr die Macht. Doch auf irgendeine Weise musste sie helfen. Denn sein eigenes Kind mehr oder weniger zu verlieren, muss wohl der größte Schmerz sein, den eine Mutter spüren konnte. Zumindest sagte dies ihre Mutter immer, wenn sie daran dachte, wie sich Dons Mutter damals gefühlt haben musste, als dieser sich hat rekrutieren lassen. Maxillias Vater stammte ja auch nicht aus einer adligen Familie, wodurch die Situation damals dieser sehr ähnlich hatte sein müssen. „Was könnte denn die Königsfamilie tun, damit ihnen geholfen wäre?“, fragte Maxillia vorsichtig, die den Dolch beinahe schon vergessen hatte. „Ich würde einfach nur gerne wissen, wie es meinem Sohn geht. Aber was bringt es sich eine Information zu wünschen, wenn man niemanden fragen kann“ lächelte sie mild. „Und wenn sie ihn selbst fragen könnten?“, überlegte Max laut. „Das würde ich zu gerne. Aber auch eine vermummte Person kann das nicht organisieren“, erwiderte sie lachend und spielte dabei auf Maxillias Verkleidung an. „Vielleicht kann ich es ja doch“, lächelte Max, was die Frau natürlich wegen dem Tuch nicht hatte sehen können. „Wie sollten sie das denn bitte machen? Er ist Rekrut der Königlichen Armee“, winkte sie lachend ab und warf einen Blick zu dem Dolch herüber. Im hinteren Bereich der Schmiede begann plötzlich jemand zu hämmern und zu klopfen, was ohrenbetäubend bis in den Verkaufsraum drang. „Ich könnte versuchen etwas Freigang für ihn zu organisieren“, dachte Max erneut laut nach und ignorierte das belustigte Lächeln der Frau. „Das kann nur das Königspaar“, entgegnete diese fast schon abfällig und wischte einen Fleck von der Verkaufstheke. „Ich weiß“, stimmte Max ihr zu, bevor sie einen kurzen Blick durch den kleinen Laden schweifen ließ, um zu prüfen, ob jemand sie beobachten würde. Der Laden war leer und nicht ein einziger Kunde schaute sich die vielen Waren an, die nur darauf warteten, gekauft zu werden. Räuspernd drehte sie sich ein wenig von dem Schaufenster weg und schob langsam das schwarze Tuch herunter. Die Augen der Frau wurden immer größer, als sie Max erkannte, und erstarrte förmlich zu Stein. Wie gelähmt starrte sie die junge Prinzessin an und konnte ihren Augen gar nicht trauen. „Eure Hoheit“, stotterte sie atemlos, ohne sich zu regen. Dann plötzlich, nach einem Moment der Regungslosigkeit, schien es wie ein Blitz durch sie hindurch zu fahren, der ihr die Beweglichkeit zurückgab. Hastig verbeugte sich immer wieder, während sie stammelnd um Verzeihung bat. „Ist schon gut. Hören sie auf“, zischte Maxillia in der Angst, es würde jemand mitbekommen. „Meine Eltern wissen nicht, dass ich nicht in meinen Gemächern bin und das will ich auch nicht ändern“, ergänzte sie, während sie sich ängstlich umschaute. „In Ordnung eure Hoheit. In Ordnung“, stammelte die Frau, die sich es nun kaum wagte in Maxillias Gesicht zu sehen. „Ich rede mit meinen Eltern und sorge dafür, dass sie ihren Sohn bald wiedersehen können“, versprach Max, während sie ihr Gesicht wieder verschleierte. „Wenn ihr das wirklich tun würdet, dann würde ich euch auch den Dolch verkaufen“, japste die Frau voller Hoffnung und einer Träne im Auge. Lächelnd holte Max ein kleines Säckchen mit Goldmünzen heraus, von denen sie zehn auf die Theke legte. „Dann haben wir einen Deal“, stimmte Max zu und schob die Münzen zu der Frau. „Der Dolch ist vom Wert nicht mal die Hälfte wert“, stotterte sie mit aufgerissenen Augen und traute sich gar nicht die Goldstücke auch nur zu berühren. „So viel ist der Dolch mir aber wert. Also nehmt das Gold“, lächelte Max und schob die Münzen noch näher zu ihr. Mit einem dankbaren Lächeln drehte die Frau sich zu dem Dolch um und nahm ihn von dem Sockel. Dabei kullerte ihr eine Träne über ihre fahle Wange, die sie mit dem Ärmel ihres schmutzigen Kleides wegwischte. Vorsichtig schob sie die edle Klinge in die dazugehörige Scheide und überreichte ihn Maxillia, die ihn lächelnd entgegennahm. Mit pochendem Herzen befestigte sie ihn neben dem anderen Dolch am Gürtel, der neben dem neuen prunkvollen Dolch völlig banal und langweilig wirkte. „Vielen Dank. Wie ist der Name ihres Sohnes?“, fragte Max noch und steckte ihren Geldbeutel zurück in eine der Innentaschen ihres Umhangs. „Ian. Ian Amell“, antwortete sie mit hoffnungsvollem Blick, bevor Max sich mit einem Nicken abwandte und den Laden verließ. Noch eine ganze Weile trieb Max sich in der schönen Stadt herum und erkundete diese neugierig, so dass es schon mittags war, als Max sich auf den Weg in den Wald machte. Dazu lief sie den Weg zurück, den sie gekommen war, an den Wachen vorbei und den Waldrand entlang, bis sie an den kleinen Pfad gelangte, der zur Lichtung führte. Schnell eilte sie den Weg zwischen den knorrigen alten Bäumen entlang, dessen Laub in dem sanften Wind rauschte, bis sie wieder den kleinen Tümpel auf seiner Lichtung erreicht hatte. Geschickt kletterte sie in das kleine Versteck, in dem ungewohnter Weise mal noch nicht die junge Nymphe wartete. Es kam schließlich äußerst selten vor, dass Seraphina nicht schon vor ihr auf den alten Brettern saß und sich damit beschäftigte aus abgerupften Blättern Figuren zu legen. Nun war es mal andersherum. Aber auch nur, weil Max an dem Tag frei gehabt hatte und nicht ewig in der Bibliothek hatte lernen müssen. Während sie nun also auf Seraphina wartete, machte sie es sich schon mal bequem und ruhte sich ein wenig aus. Ihr Kopf schmerzte. Scheinbar hatte sie sich doch ein wenig übernommen an diesem Tag, an dem sie sich hätte ausruhen sollen. Doch bereuen tat sie ihren Ausflug nicht. Schließlich hatte sie so viel gesehen und besaß nun den wohl schönsten Dolch, der je gefertigt wurde. Es dauerte nicht lang, bis sich der Baum bewegte und Seraphina zwischen den Ästen auftauchte. „Du bist heute aber früh dran“, bemerkte Phina überrascht, die nicht damit gerechnet hatte Maxillia schon zu sehen. „Ja. Ich habe die gesamte Woche frei“, strahlte Max sie an, während sich Seraphina zu ihr setzte. „Wie kommt denn das?“, fragte diese mit einem Lachen in der Stimme. „Ich habe beim Training einen Stein nicht abwehren können, der mir dann gegen den Kopf geflogen ist. Ich war wohl auch kurz bewusstlos“, erklärte Max beschämt lachend und deutete auf den Verband an ihrem Kopf. „Oh. Kann ich mir das mal ansehen?“, fragte Phina mit verzerrtem Gesicht, als hätte sie den Stein abbekommen. „Tu dir keinen Zwang an“, entgegnete Max und nahm den Verband ab. Neugierig beugte Phina sich vor und schaute es sich ganz genau an, bevor sie Maxillias Augen ansah. „Das sieht nach einer leichten Gehirnerschütterung aus. Aber das haben wir gleich“, sagte sie und kletterte den Baum schnell wieder herunter Durch die Blätter hindurch beobachtete Max wie Seraphina ein paar Pflanzen vom Rand des Tümpels sammelte, bevor sie zurück zu ihr kam und sich wieder neben sie setzte. Mit den Fingern zupfte sie die Pflanzen in kleinere Teile, bevor sie sie zwischen den Händen zerrieb und sich eine matschige Masse bildete. „So“, entgegnete sie und legte ihre rechte Hand auf die verschorfte Wunde, wodurch sie die Paste gleich ein wenig darauf verteilte. Es brannte etwas und zog unangenehm an der kaputten Haut, so dass Max ihr Gesicht verzog. „Ja, es ist etwas unangenehm. Aber gleich wirst du dich besser fühlen“, lächelte Phina, als sie den Gesichtsausdruck ihrer Freundin bemerkte. Konzentriert ließ sie ihre Hand dort ruhen und sprach murmelnd ein paar kurze Worte. Sofort geschah etwas, was Max nicht schlecht staunen ließ. Im ersten Moment brannte es wie Feuer, bevor es angenehm warm und gleichzeitig kühl in ihrem Kopf zu ziehen schien. Gleich brachte es Linderung und der Schmerz verschwand. Auch das Schwindelgefühl und die leichte Übelkeit verschwanden auf einen Schlag. Nur ein leicht pelziges Gefühl blieb auf der Zunge zurück. „Nun kannst du deine freie Woche genießen. Von dem komischen Gefühl auf der Zunge brauchst du dich nicht beirren lassen. Das ist normal und sollte morgen weg sein“, grinste Seraphina stolz und wischte sich die Salbenreste von den Händen. „Danke“, sagte Max begeistert und umarmte glücklich ihre Freundin, bevor sie begann ihr von ihrem aufregenden Tag in der Stadt zu berichten. Stolz präsentierte sie den neuen Dolch und erzählte von der Abmachung mit der Frau in der Schmiede. Begeistert hörte Seraphina zu, die auch froh zu sein schien, dass Max mal etwas Spannenderes zu erzählen hatte.

4

Zu Maxillias Glück, war die Wache vor ihren Gemächern eingenickt, als sie gerade in diese zurückkehren wollte. Der große Mann stand schlummernd an die Wand gelehnt und schnarchte leise vor sich hin. Sie hatte schon hin und her überlegt, wie sie es hätte anstellen sollen an ihm vorbei zu kommen, ohne dass sie in Erklärungsnot geraten wäre. Aber der Zufall hatte ihr in die Karten gespielt, so dass sie sich nichts hatte aus den Fingern saugen müssen. Leise schlich sie sich also an ihm vorbei, öffnete beinahe lautlos die Tür und schlüpfte zurück in ihre Gemächer. Ganz vorsichtig schloss sie die Tür wieder hinter sich und atmete erleichtert durch, als das leise Klicken des Schlosses zu hören war. Was für ein Tag, lächelte Max zufrieden, während sie nach oben in die zweite Etage ging. Sie hatte wohl mehr erlebt als sonst in einem ganzen Monat. Ach was. In einem ganzen Jahr. Mächtig stolz auf sich, dass alles so reibungslos geklappt hatte, war sie auf jeden Fall. Schließlich hatte sie sich vor ihren Eltern verstecken und an zwei Wachen des Hofes vorbei schleichen können. Und da sage mal noch jemand, sie sei zu nichts fähig. Nun musste sie sich aber umziehen und etwas sauber machen. Ihre Eltern erwarteten sie nämlich gleich schon zum Abendessen. Sie sollten auf keinen Fall Verdacht schöpfen. Also wusch sie sich den Dreck vom Körper, kämmte ihr Haar gründlich durch und zog sich das blaue Kleid an, das sie am Morgen getragen hatte. Prüfend schaute sie sich im Spiegel an, ob sie auch ja keinen verräterischen Fleck vergessen hatte und der Verband an ihrem Kopf auch richtig saß. Schnell rückte sie ihn noch einmal zurecht, auch wenn sie ihn eigentlich gar nicht mehr gebraucht hätte. Aber zur Tarnung musste sie ihn tragen. Und das genau an der Stelle, an der die Wunde gewesen war. Nun machte sie sich auf den Weg zum Speisesaal, wobei sie, beabsichtigt laut, die Tür ihrer Gemächer aufwarf, damit die Wache sie auch ja bemerken würde. Erschrocken zuckte der Mann zusammen und verbeugte sich hastig vor Max, als diese auf den Flur heraus getreten kam. Schlapp ließ sie ihre Schultern hängen und setzte ein müdes, wehleidiges Gesicht auf, während sie keine weitere Notiz von der Wache nahm, die seinen Posten verließ, um Max zu begleiten. Scheinbar kaufte der Mann ihr das gespielte Leid ab, wenn man den besorgten Blicken Glauben schenkte, die er ihr ab und zu zuwarf. Max gab sich auch alle Mühe, man sollte ihr ja auch bloß nicht anmerken, wie gut es ihr eigentlich wieder ging. Schließlich wollte sie nicht auffliegen und am Ende noch mehr Arbeit aufgebrummt bekommen, als sie es sonst, unter normalen Umständen, gehabt hätte. Seufzend betrat sie den Speisesaal, als sie diesen erreicht hatte, um ihrer Rolle der Verletzten noch einmal mehr Ausdruck zu verleihen und hoffte, dass sie es trotzdem aber nicht übertriebe. Ihre Eltern saßen schon am Tisch, der wieder einmal reich gedeckt war, so dass man von der hölzernen Platte kaum noch etwas sah. „Oh Max. Ich hatte gehofft du würdest zum Abendessen herkommen. Wie geht es dir?“, begrüßte Isabella sie gleich mit ihrer manchmal etwas überfürsorglichen Art. „Bisschen besser“, antwortete Max träge und setzte sich auf den Stuhl, der für sie vorgesehen war. Schnaufend nahm sie erst mal einen Schluck aus ihrem Becher, da sie von ihrem Ausflug ziemlichen Durst hatte. Schließlich hatte sie zuletzt etwas zum Frühstück getrunken, was ja schon eine Weile her gewesen war. Trotzdem riss sie sich zusammen nicht zu hastig zu trinken, da auch dies sie zum einen hätte verraten können, aber es sich zum anderen für eine Prinzessin auch nicht geziemte „Was hast du denn heute alles schönes gemacht“, fragte ihr Vater Don, der sich eines der duftenden Brötchen nahm. „Ich habe mich ausgeruht und gelesen. Nichts Spannendes“, antwortete sie seufzend und nahm sich ebenso eines der Brötchen. „Morgen werde ich wohl auch nicht viel mehr machen“, ergänzte sie und schnitt das Brötchen auf. „Oh je. Dir scheint es wirklich nicht gut zu gehen“, stellte Isabella zu Maxillias Zufriedenheit fest und strich ihrer Tochter über den Arm. „Ja, das geht es mir wirklich nicht“, log Max, die innerlich regelrecht grinste. „Was hast du denn gelesen?“, wollte Isabella wissen und brachte ihre Tochter unbewusst in die Bredouille. Zum Glück verschaffte ihr der Bissen in ihrem Mund einen kurzen Moment zum Nachdenken. Angestrengt überlegte sie und kaute absichtlich besonders lange, um sich ein wenig mehr Zeit zu verschaffen. Was sollte sie nur antworten? Sie hatte sich nicht einmal die Titel der Bücher angesehen, die die Wache ihr auf ihre Gemächer gebracht hatte. Leider fiel ihr auch kein Titel ein, den sie schon einmal gelesen hatte. Das letzte Mal, dass sie einen Roman oder ein anderes Buch gelesen hatte, das nicht relevant für den Unterricht gewesen war, war schon ewig her. Auf jeden Fall war zu viel Zeit verstrichen, um sich noch an die Handlung oder gar an den Namen erinnern zu können. Vielleicht könnte sie es ja ausnutzen und die Frage als Vorlage missbrauchen, um das Thema auf die Rekruten zu lenken. Irgendwie musste sie ihren Eltern sowieso ihren Wunsch unterbreiten, dass die Rekruten mehr Freizeit bekämen und eine Erklärung dazu liefern, die nicht der Wahrheit entsprach. Sie konnte ja schlecht von ihrem Ausflug erzählen und von der Frau, der sie dazu noch ein Versprechen gegeben hatte. „Ich habe eine recht dramatische Geschichte gelesen, die mich zum Nachdenken angeregt hat“, begann Maxillia vorsichtig und wartete einen kurzen Moment ab, um die Reaktion ihrer Eltern war zu nehmen. Verwundert sahen diese zu ihr auf und runzelten die Stirn. Sie wussten, dass Maxillia keine Dramen leiden konnte und solche Geschichten lieber immer gemieden hatte. „Es war die Geschichte eines jungen Mannes, der sich hat rekrutieren lassen. Er ist von seiner Familie fortgegangen und hat sie nie wiedergesehen. Die Eltern wurden krank und starben, weil der Kummer sie zerfressen hatte. Als der Rekrut das erfuhr, bekam er ein so schlechtes Gewissen, dass er sich selbst das Leben nahm“, dachte Maxillia es sich spontan aus, der ihre blühende Fantasie dabei zugutekam. Sie hoffte mit dieser zugespitzten Dramatik die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen mit ihrem Vorschlag durchzukommen, den sie ihren Eltern unterbreiten musste. Denn nur so hatte sie den Hauch einer Chance der Frau aus der Schmiede helfen zu können. „Das ist ja furchtbar. Von der Geschichte habe ich aber noch nie etwas gehört“, wunderte Isabella sich räuspernd, der scheinbar ein Krümel im Hals stecken geblieben war. „Ja. Das ist es. Mich hat das so an unsere Rekruten erinnert, die nicht mal in ihrer freien Zeit das Burggelände verlassen dürfen. Ich will gar nicht wissen, wie viele Familien vom Kummer zerfressen sind. Ich habe jetzt ein richtig schlechtes Gewissen, wenn ich an die jungen Männer und Frauen denke, die ihre Familien für uns verlassen haben“, bohrte Maxillia weiter darauf herum. „Wo hast du denn nur eine solche Geschichte gefunden?“, wollte Don nun wissen, den das Ganze ein wenig an sich selbst erinnerte. Schließlich hatte auch er sich rekrutieren lassen und seine Familie in viel Kummer gestürzt. „Die Wache vor meinen Gemächern hatte die Bücher geholt. Er meinte er habe einfach irgendwelche Bücher aus den Regalen genommen und nicht ganz darauf geachtet was in ihnen steht“, antwortete Max in der Halbwahrheit. Mit gerunzelter Stirn nahm ihr Vater das so hin, schien ihr aber nicht zu hundert Prozent zu glauben. Doch jetzt durfte sie sich nicht beirren lassen und musste an ihrer Geschichte festhalten. Schließlich würde sie noch unglaubwürdiger werden, wenn sie sich selbst widerspräche. „Ich finde wir sollten den Rekruten mehr Freizeit geben. So viel, dass sie ab und zu ihre Familien besuchen können. Ich möchte nicht, dass so etwas wirklich irgendwann passiert. Wer weiß. Vielleicht ist es auch schon geschehen, ohne dass wir das so genau wissen. Ich kann mir das ehrlich gesagt sogar vorstellen, wenn ich daran denke, wie es Oma damals ging, als du dich hast rekrutieren lassen, Papa“, schlug Maxillia vor, die auf eine positive Reaktion hoffte, sich aber sehr weit in verbotenes Terrain begeben hatte. Das Thema war nämlich auch nach so vielen Jahren ihrem Vater gegenüber eigentlich tabu und brachte die Gefahr großen Zorns mit sich. Aber sie hatte irgendwie nicht viele Möglichkeiten das Thema sonst auf eine richtige Bahn zu bringen und musste so das Risiko eingehen. Es gab nun zwei Möglichkeiten der Reaktion. Die eine war Einsicht und Begeisterung über diese Idee, die andere jedoch furchtbaren Ärger. Dabei war letzteres doch deutlich wahrscheinlicher. Aber das musste sie jetzt in Kauf nehmen. „Was soll das, Max?“, fragte Don, dessen Miene sich verdunkelte. Erschrocken wich sie unwillkürlich zurück, auch wenn sie eigentlich schon darauf vorbereitet gewesen war. Sie hatte bei ihm aber den Nerv getroffen, den sie hatte treffen wollen, auch wenn es ihr anders lieber gewesen wäre. „Naja. Mir ist einfach aufgefallen, dass die meisten der Rekruten ihre Eltern seit Beginn der Ausbildung nicht mehr gesehen haben. Daher habe ich nun die Sorge, dass sich solch furchtbare Geschichte irgendwann bewahrheitet“, erklärte Max angespannt. „Willst du mich schlecht machen? Deinen Vater? Oder willst du unsere Entscheidungen in Frage stellen? Es gibt nunmal Dinge, durch die jeder Rekrut durchmuss. Und wenn jemand dies nicht verkraftet, hat er in der Armee auch nichts zu suchen“, entgegnete Don erbost mit einem wütenden Funkeln in den Augen. „Nein. Ich will dich nicht schlecht machen. Ich finde es ehrenwert, wenn man sich rekrutieren lässt, aber“, stotterte Maxillia angespannt, deren Satz Don einfach unterbrach. „Es wird sich nichts ändern. Wir haben ohnehin schon zu wenig Nachwuchs für die Armee, und deine Anspielung ist nicht akzeptabel“, donnerte dieser. In Maxillia brodelte der Zorn plötzlich auf, die es hasste, wenn man ihr nicht bis zum Ende zuhörte und sie einfach unterbrach. Besonders, wenn sie sich gerade erklären wollte, um die Situation vielleicht noch zu retten. Mit viel Mühe riss sie sich zusammen und versuchte noch einmal zu einer Erklärung anzusetzen, wurde aber sofort von ihrem Vater mit erhobenem Zeigefinger aufgehalten. Wie eine Explosion schoss die Wut durch ihren Körper, während unbewusst sich all der Frust, der sich über ihr Leben hinweg angestaut hatte, entlud. Wütend sprang sie auf, dass der Stuhl hinter ihr umfiel und alle Angst ihrem Vater gegenüber scheinbar gleich mit. „Lass es wegen meiner Kopfverletzung sein, die mich das jetzt trauen lässt, aber das was du tust ist nicht akzeptabel. Ich habe nicht auf dich anspielen wollen. Wenn du dich dabei erwischt fühlst, oder dich darin wiederfindest, ist das dein Problem. Die Regeln waren bislang nunmal so bekloppt, wofür du nichts kannst. Aber meinst du nicht, dass man vielen Familien dieses Leid ersparen könnte, wenn man einfach ein wenig an den Regeln schraubt? Du könntest jetzt derjenige sein, der den Familien hilft. Und meinst du nicht, dass es vielleicht sogar die Bereitschaft erhöht sich rekrutieren zu lassen, wenn man weiß, dass es kein Abschied von der Familie bedeutet? Ihr solltet vielleicht besser vorher darüber nachdenken, eh ihr wegen nicht bewältigter Konflikte gleich alles abblockt“, schimpfte Max in lautem Ton mit ihrem Vater, der sie ganz überrascht anstarrte. Auch die Wachen, die im Saal standen, schienen die Luft anzuhalten und wünschten gerade an einem anderen Ort zu sein. Eh noch einer etwas sagen konnte, stürmte Maxillia aus dem Raum und kehrte in ihre Gemächer zurück. Ein wenig Angst hatte sie schon vor dem was nun als Reaktion von ihren Eltern folgen würde. Schließlich hatte sie mit ihrem Vater geschimpft und war ihm gegenüber laut geworden. Das war eigentlich das Schlimmste, was sie als Prinzessin und Tochter hätte tun können. Denn so hat sie seine Autorität und Urteilskraft doch sehr in Frage gestellt. Und das auch noch vor anwesenden Wachen. Aber was hätte sie sonst tun sollen? Sie hatte der Frau versprochen sich darum zu kümmern. Und einen anderen Weg, als die bisherigen Regeln in Frage zu stellen, gab es nicht. Leider war es nur so, dass ihr Vater sich gleich angegriffen fühlte, wenn man dies tat, als ob er selbst diese Regeln aufgestellt hätte. Sicher lag es an den tiefen Wunden, die die Zeit als Rekrut bei ihm hinterlassen hatte. Er gab es nur nie zu. Aber leugnen konnte er es definitiv nicht. Vor ihrem geistigen Auge sah sie das traurige Gesicht mit den fahlen Wangen der Frau aus der Schmiede. Was wäre, wenn sie doch zu viel versprochen hatte? Was ist, wenn ihre Eltern auf stur schalten würden und Maxillias Wunsch ignorierten? Wie sehr würde es die Frau wohl noch zerbrechen, wenn sie feststellen müsste, dass ihre Hoffnung umsonst gewesen war und sie das Einzige, das sie von ihrem Sohn noch gehabt hatte, nun auch noch verloren war? Max wollte sich das gar nicht vorstellen. Sie wollte das nicht verantworten. Also musste sie wohl darum kämpfen und alles dafür tun ihren Plan durchzusetzen. Der Schmerz der Frau wollte sie nicht loslassen und brannte sich immer weiter in Maxillias Herz. Frustriert schmiss sie sich auf ihr Bett, während die Gedanken in ihrem Kopf weiter kreisten und der Ärger immer noch in ihr brodelte. Wie sollte sie nur ihre Eltern überzeugen und der Frau helfen? Davon abgesehen, stand sicher nicht nur die Mutter des Rekruten, Ian Amell, mit dieser Verzweiflung da. Schließlich gab es dazu sicher noch andere Familienmitglieder und andere Familien, mit denen sie nicht hatte sprechen können. Bei ihrem Vater hatte besonders seine Schwester unter dem Verlust und der Ungewissheit gelitten, ob sie ihn je wiedersehen würde. Er war damals ihre engste Bezugsperson gewesen, die plötzlich einfach weg war. Eine Weile verging, in der sie eigentlich nur grimmig die Wand anstarrte und sich weiter über ihre Eltern aufregte. Wobei sie mehr den Groll auf ihren Vater hegte. Schließlich hatte Isabella sie nur mit großen Augen angestarrt, als wäre sie zu Stein geworden. Aber sie hätte ja wenigstens auch mal etwas sagen können, auch wenn Max es nicht hätte hören wollen, wenn sie auf Dons Seite gewesen wäre. Also war es vielleicht tatsächlich besser gewesen, dass sie sich da rausgehalten hatte. Von unten drang plötzlich Isabellas Stimme in ihr Schlafzimmer, die sie aus ihren Gedanken riss. Zwar hatte sie nicht verstanden was ihre Mutter gesagt hatte, aber zumindest kündigte es sie an. So blieb Maxillia ein kurzer Moment, um ihren Verband zu überprüfen und rückte ihn erneut zurecht. Ein mulmiges Gefühl ließ ihren Bauch allerdings verkrampfen, da sie nicht wirklich abschätzen konnte, was nun geschehen würde. Würde sie nun furchtbaren Ärger bekommen? Oder wohlwollende Worte hören? Mit nachdenklichem Gesicht betrat Isabella das Schlafzimmer ihrer Tochter und setzte sich neben sie auf das Bett. Zumindest standen schon mal keine Zornesfalten auf ihrer Stirn, was Maxillia ein wenig hoffen ließ. Einen Moment lang hielt Isabella noch inne, als ob sie nach den richtigen Worten suchte, bevor sie im ruhigen Ton sagte: „Sei nicht böse auf deinen Vater“. „Bin ich aber“, nutzte Max gleich die Atempause ihrer Mutter. „Ich meine was soll das denn? Er kann doch wenigstens mal darüber nachdenken“, fuhr Max fort und wandte ihren Blick gleich wieder zur Wand. „Das mag sein, aber trotzdem ist er dein Vater. Es war also auch nicht richtig, wie du mit ihm geredet hast“, erwiderte Isabella mit sanfter Stimme. „Das stimmt, aber er hätte das ja nicht gleich persönlich nehmen müssen. Er hat mir ja gar nicht richtig zugehört. Hätte er das nämlich gemacht, wäre ihm gleich aufgefallen, dass ich ihn nicht für etwas verurteile, was er gar nicht erfunden hat“, erwiderte Maxillia anklagend. Seufzend ließ Isabella ihren Blick zu Boden sinken, die offenbar nicht genau wusste, was sie darauf sagen sollte. Max nutzte dies aus und machte ihrem Frust freie Bahn: „Ihr wollt doch auch, dass ich eure Nachfolgerin werde. Warum gebt ihr mir dann aber keine Chance das Ganze richtig zu lernen, damit ich das auch später hinbekomme. Und wenn ich eine Idee habe, zu der ich ja auch eine ziemlich gute Begründung habe, denkt ihr nicht einmal darüber nach, sondern blockt gleich alles ab. Wie soll mich das Volk bitte ernstnehmen, wenn ihr es nicht einmal tut? Es nimmt mich doch eh schon keiner ernst“, fuhr Max aufgebracht mit hochgezogenen Augenbrauen fort. „Wir nehmen dich ernst. Aber...“, „Vielleicht du. Aber damit bist du hier in diesem Land wohl die einzige Person“, unterbrach Max ihre Mutter gleich wieder, die sie besorgt ansah. „Das stimmt doch gar nicht“, seufzte Isabella, worauf hin Max sagte: „Dann verrate mir mal, worüber die Rekruten sonst ständig lachen, wenn sie mir beim Training zusehen“. „Ach Max. Du nimmst die Meinungen anderer zu ernst. Dazu kommt, dass nicht das Volk entscheidet wer du bist, sondern das Leben und du selbst. Was das andere angeht, rede ich nochmal mit deinem Vater. Er sah ziemlich mitgenommen aus, als du herausgestürmt bist. Ich denke, dass du da einen sehr wunden Punkt bei ihm getroffen hast. Aber jetzt beruhige dich erst mal. Schließlich habe ich nicht nein gesagt. Und mein Wort hat nunmal deutlich mehr Gewicht, als das von Don“, versuchte Isabella ihre Tochter zu beschwichtigen. Ein kurzes Lächeln huschte dieser über die Lippen. Denn scheinbar war ihre Mutter auf ihrer Seite und nicht auf der ihres Vaters. „Heißt das, dass du die Idee, den Rekruten mehr Freizeit zu geben, gut findest?“, hakte Max nach, da ihre Mutter immer noch nichts über ihre Meinung dazu gesagt hatte und sie nicht nur spekulieren wollte. „Das weiß ich noch nicht. Ich muss erstmal gründlich darüber nachdenken und Für und Wider abwägen. Schließlich ist es eine Änderung an den bisher bestehenden Regeln. Dazu muss ich prüfen, ob in den Bündnisverträgen etwas steht, was mich in meiner Entscheidung diesbezüglich einschränkt. Im ersten Moment fände ich das gar nicht schlecht. Aber, wie gesagt, muss ich noch ein paar Sachen prüfen, um mir eine endgültige Meinung bilden zu können und dann eben zu entscheiden“, antwortete Isabella zu Maxillias Freude und lächelte diese an. „Na gut. Dann muss ich wohl ein wenig abwarten und geduldig sein“, stellte Max fest, in der neue Hoffnung aufkeimte. „Genau. Und versuche bis dahin bitte nicht zu viel darüber nachzudenken“, stimmte Isabella ihrer Tochter zu. „Ist in Ordnung. Vor allem sollte ich nicht zu sehr über diese Geschichte nachdenken, die ich gelesen habe. Das macht mich sonst nur noch depressiv“, versprach Max lachend und lehnte ihren Kopf auf die Schulter ihrer Mutter. „Das ist gut. Wir schlafen einfach alle mal drüber und sprechen ein anderes Mal weiter“, entgegnete Isabella und streichelte ihrer Tochter über die Wange. Zustimmend nickte Max und richtete sich wieder auf. Sie fühlte sich schon gleich viel besser und der Gedanke an die Frau aus der Schmiede schmerzte gleich viel weniger. Zudem war sie unglaublich erleichtert, dass ihr der große Ärger erspart geblieben war, den sie eigentlich befürchtet hatte. „Jetzt lasse ich dich aber erstmal wieder allein. Der Tag war anstrengend und ich bin müde. Davon abgesehen habe ich dir gerade versprochen nochmal mit deinem Vater zu reden und ein paar Sachen zu prüfen. Versprich dir aber nicht gleich morgen eine Entscheidung“ lächelte Isabella mit hochgezogenen Augenbrauen und hob den Zeigefinger, um ihren letzten Satz physisch zu unterstreichen. „Vielleicht solltest du auch bald schlafen gehen. Schließlich bist du noch verletzt und brauchst Ruhe“, ergänzte sie und küsste ihrer Tochter auf die Stirn. „Schon gut“, seufzte diese mit einem leidenden Blick, als ginge es ihr schlecht. Sie musste in ihrer Rolle bleiben und weiter die Verletzte spielen. „Na gut. Dann schlaf nachher schön“, schnaufte Isabella, als sie sich erhob und ging in Richtung Treppe. „Ach so. Gib mir doch am besten das Buch mit, in dem die Geschichte steht. Vielleicht ist es besser, wenn du gar nicht erst die Gelegenheit hast erneut hineinzusehen“, drehte Isabella sich nochmal um. Kurz stockte Max der Atem. Was sollte sie nur sagen? Schließlich hatte sie nie ein Buch mit so einer Geschichte in der Hand gehabt und nur erzählt sie habe es in solch einem gelesen. Sie wusste noch nicht einmal, ob auch nur eine ähnliche Geschichte existierte. Denn dieses Problem war ja doch recht lokal, wenn auch schon viele Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte. „Ich habe es der Wache schon wieder mitgegeben. Ich wollte es nicht weiter bei mir haben, als ich die Geschichte zu Ende gelesen hatte. Es war mir zu dramatisch gewesen. Schließlich hatte ich immer auf ein positives Ende gehofft. Allerdings hatte es ein solches nicht gegeben“, stotterte sie und versuchte dabei ihre Unsicherheit zu überspielen. „Achso. Na, dann ist ja alles gut. Dann gehe ich jetzt. Gute Nacht“, entgegnete Isabella, der man anmerkte, dass sie ein wenig enttäuscht über diese Antwort gewesen war. Sicher wollte sie Maxillias Aussage überprüfen und selbst nachlesen was dort stand. Aber da diese Geschichte höchstwahrscheinlich gar nicht existierte, konnte Max ihr diese wohl auch nie zeigen. „Ja. Ist in Ordnung. Gute Nacht“, erwiderte Max mit pochendem Herzen. Sie versuchte sich die Aufregung nicht anmerken zu lassen, die durch ihre Adern pulsierte. Sie war sich nämlich nicht sicher, ob ihre Mutter ihr wirklich glaubte. Schließlich hatte sie sie schon oft durchschauen können. Nur die Sache mit ihren täglichen Ausflügen mit Seraphina, schien sie noch nicht bemerkt zu haben. Mit einem Lächeln wandte Isabella sich ab und stieg die Treppen herunter, während Max starr auf ihrem Bett sitzen blieb und den sich entfernenden Schritten lauschte. Erst als unten die Tür ins Schloss fiel, atmete sie durch und nahm den überflüssigen Verband von ihrem Kopf, der eigentlich nur störte. Mit beiden Händen wischte sie sich über das Gesicht, als wollte sie die Anspannung wegwischen. Was hatte sie nur getan? Erst jetzt dachte sie darüber nach, was passieren würde, wenn ihre Eltern ihre Geschichte wirklich überprüfen würden. Schließlich würde die Wache die Wahrheit sagen und so die Lüge entlarven. Gut. Sie könnte mit der Wache sprechen und ihn darum bitten ihre Geschichte zu bestätigen. Aber dann würde sie ihn mit in die Lügerei verstricken und ihn eventuell sogar in Schwierigkeiten bringen. Vielleicht sollte sie es doch einfach auf sich zukommen lassen und abwarten, was geschehen würde. Eine eventuelle Strafe sollte, wenn dann nur sie treffen und nicht den armen Mann, der den ganzen Tag vor ihrer Tür herumstehen musste. Schließlich war er es ja nicht, der der Frau ein Versprechen gegeben hatte, dessen Ausgang sie kaum vorhersehen konnte. Vielleicht war es eh schon zu spät und Isabella hatte ihn schon längst befragt. Müde stand sie von ihrem Bett auf und ging in den zweiten Stock ihrer Gemächer. Wenn es schon zu spät war, dann musste sie sich vielleicht doch noch eine andere Geschichte ausdenken. Oder sie sagte die Wahrheit. Nur dann würden sicher unangenehme Fragen auftreten, die Auswirkungen haben könnten, die die Verabredungen mit Seraphina betrafen. Grübelnd wusch sie sich das Gesicht und versuchte auf eine Lösung zu kommen, die ihr vielleicht keine Strafe einbrocken würde, aber auch glaubwürdig war. Etwas was ihre Eltern vielleicht nicht einmal nachprüfen konnten. Aber auch als sie endlich fertig zum Schlafengehen war, war ihr noch kein Gedanke gekommen, der sie hätte aus dem Schlamassel herausholen können. Der Tag war anstrengend gewesen und es war so viel passiert, dass sie kaum noch einen klaren Gedanken fassen konnte. Vielleicht nahmen ihre Eltern das alles auch einfach so hin und stellten keine weiteren Fragen. Max redete es sich mehr ein, als dass sie daran glaubte und begab sich wieder nach oben in ihr Schlafzimmer. Erschöpft kuschelte sie sich in ihr Bett und drehte sich auf die Seite, damit sie aus dem Fenster schauen konnte. Der Himmel war tiefschwarz, an dem die Sterne wunderschön funkelten, wie tausende Diamanten. Herrlich sah es aus, wie sie so hell neben den beiden Monden glommen, deren rote und weiße Sicheln dicht beieinanderstanden. Bis ihre Augenlider so schwer waren, dass sie von allein zufielen, starrte Maxillia auf die Kraterlandschaften, die die beiden Monde überzogen. Es sah beinahe aus, als hätte jemand mit der Fingerspitze immer wieder ihre Oberflächen berührt und große, kreisrunde Dellen auf ihnen hinterlassen. Wobei der rote Sand des näheren Mondes weniger stark gezeichnet war als der Stein des silbrig weißen Mondes. Schon bald schlief Maxillia ein und versank etwas unruhig im Land der Träume.

5

Scheppernde Schwerter und lautes Rufen der trainierenden Rekruten weckten Max unsanft, die in der gesamten Nacht nicht richtig zur Ruhe gekommen war. Wirre Träume hatten sie geplagt, so dass sie sich viel hin und her gewälzt hatte und oft aufgewacht war. Gähnend stand sie auf und ging nach unten in ihr Badezimmer. Es waren wohl die vielen Erlebnisse am Tag zuvor, die ihr den Schlaf geraubt hatten und sie immer noch beschäftigten. Von allem war etwas dabei gewesen. Diese Kombination aus Freude, Aufregung, Spannung, Angst Kummer und Streit, war natürlich nicht spurlos an ihr vorüber gegangen. Am meisten beschäftigte sie aber der Streit mit ihrem Vater. Sie war ihm gegenüber laut geworden und wusste, dass dies nicht richtig gewesen war, auch wenn sie sonst keine Idee gehabt hätte, wie sie ihm anders hätte zu denken geben können. Nun hatte sie aber regelrecht Bauchschmerzen bei dem Gedanken ihm an diesem Tag wieder gegenüber zu treten und ins Gesicht zu sehen. Vielleicht konnte sie ihm ja bis zum Abendessen aus dem Weg gehen, auch wenn dies ein wenig feige war. Zumindest musste sie ihm nicht gleich begegnen und hatte so noch ein wenig Zeit sich Mut zu machen. Nun musste sie sich aber erst mal frisch machen und den Tag beginnen. Also wusch sie sich und zog sich in Ruhe an, bevor sie nach unten in den Teil ihrer Gemächer ging, der mehr den Wohnbereich darstellte. Wie am Vortag stand auf ihrem großen Esstisch das Frühstück schon bereit und verbreitete einen leckeren Duft im ganzen Raum. Hungrig setzte sie sich und begann zu essen. Dabei versuchte sie ihr Unwohlsein zu verdrängen und lenkte ihre Gedanken lieber auf die Frage, was sie an diesem Tag wohl machen könnte. Die Stadt hatte sie schon erkundet. Und viel mehr gab es drumherum auch nicht. Gut, es gab noch den Wald und den Sumpf. Aber ohne, dass man sich dort gut auskannte, sollte man ihn eher nicht allein betreten. Schließlich war er gefährlich und die Tücken lauerten hinter jeder Ecke. Also überlegte sie weiter, während sie ganz vergaß zu essen. Verträumt starrte sie aus dem Fenster und träumte davon Abenteuer zu erleben und spannende Dinge zu machen. Der gestrige Tag zum Beispiel war, bis auf das Abendessen, genau nach ihrem Geschmack verlaufen. Aber von der Burg aus gab es nicht so viel, was man an neuen Dingen hätte machen können, die zudem noch spannend gewesen wären. Auch den Gedanken die Welt der Menschen zu besuchen verwarf sie wieder, da in der letzten Zeit die Kontrolle und Überwachung der Portale verstärkt worden war. Der Auslöser war gewesen, dass ein Mensch ganz aus Versehen durch eines geraten war und sich mitten in Lubea wiedergefunden hatte. Da war vielleicht was los gewesen, als der völlig überforderte Mann über den Marktplatz gestolpert war und eine regelrechte Panik verursacht hatte. Zu gern wäre Max damals dabei gewesen und hätte es mit eigenen Augen gesehen. Aber sie hatte wenig überraschend auch an dem Tag in der Burg festgesessen und sich unterrichten lassen müssen. Die Berge in der Ferne lockten ebenso, die sie genauso wie so vieles noch nie vom nahen, sondern nur aus den Fenstern ihrer Gemächer gesehen hatte. Doch der Weg war zu lang, um diesen ohne ein Reittier auf sich zu nehmen, an ein solches sie wohl auch nicht so einfach und unauffällig rankommen würde. Und wenn es ihr doch gelänge, würden die Wachen sicher gleich nach einem Dieb suchen. Schmunzelnd über den Aufruhr, den es verursachen würde, verwarf sie auch diesen Gedanken und überlegte weiter. Aber auch nach längerem Nachdenken wollte ihr nichts richtig einfallen. Also schien sie tatsächlich den Vormittag über in ihren Gemächern bleiben zu müssen. Vielleicht war es ja aber auch gar nicht mal so schlecht. Schließlich hatte sie sich am Vortag ein wenig übernommen und etwas Ruhe nötig. Räuspernd wandte Max sich nun endlich wieder ihrem Frühstück zu und nahm das Brot von ihrem Teller. Doch gerade, als sie einen Bissen davon nehmen wollte, klopfte es plötzlich an der Tür. „Ja?“, fragte sie, und ließ ihre Hände wieder sinken, bevor sie das Brot vorsichtig auf dem Teller ablegte. Zögerlich wurde die Tür etwas geöffnet, dessen Scharniere leise quietschten. „Darf ich rein?“, fragte Dons Stimme heiser durch den Spalt. Scheinbar traute er es sich nicht einfach die Gemächer seiner Tochter zu betreten, was diese ein wenig wunderte. Schließlich war er sonst auch einfach hereingekommen, so wie es ihre Mutter immer tat. „Ja“, antwortete Maxillia wenig begeistert, deren Bauch sich zu verdrehen schien. Hatte sie ihm nicht bis zum Abendessen aus dem Weg gehen wollen? Dieses Vorhaben hatte sich wohl von selbst erledigt. Schließlich konnte sie ihren Vater nicht wegschicken. Zumindest nicht nachdem, was sie sich am Vortag herausgenommen hatte. Beinahe unsicher trat Don in ihr Wohnzimmer und schloss die Tür nachdenklich hinter sich. Auch er wirkte angespannt und fühlte sich sichtlich nicht ganz wohl, als er nähertrat und auf dem Stuhl ihr gegenüber Platz nahm. „Guten Morgen“, räusperte er seine Stimme und legte die Hände gefaltet auf die dunkle Holzplatte. „Guten Morgen“, erwiderte Max leise und schaute nervös zu ihm auf. „Wegen gestern Abend“, begann er zögernd mit einer unterdrückten Nervosität in der Stimme. „Ja?“, wuchs die Angst in Max und ballte sich zu einem Kloß. „Ich denke, dass wir beide nicht richtig gehandelt haben“, begann Don, dem das Gespräch offenbar genauso unangenehm war, wie Maxillia. Diese schwieg erstmal und wartete ab, was geschehen würde. Schließlich wollte sie nicht gleich klein beigeben und ihren Standpunkt vertreten. „Meine Reaktion gestern fiel etwas heftig aus, weil du eine alte Wunde aufgerissen hast. Für mich war das damals alles auch nicht einfach, als ich mich habe rekrutieren lassen. Und noch weniger einfach war der Gedanke, wie es wohl meiner Familie dabei ging. Aber ich wollte das damals so sehr, dass ich mich nicht habe davon aufhalten lassen. Deswegen habe ich mich in meine Ausbildung reingekniet und habe mein Bestes gegeben“, sagte er zurückhaltend und sah dabei auf seine Hände. „Ich wollte dich nicht verletzen oder dich wegen deiner Entscheidungen kritisieren. Das geht mich auch gar nichts an. Es geht mir auch nicht um die Vergangenheit, sondern nur um die Zukunft“, nutzte Max die Einsicht ihres Vaters aus. „Meine Sorge ist dabei aber, dass die Disziplin derer, die das wirklich wollen, schaden nimmt und wir später nur noch schlecht ausgebildete Soldaten haben. Und da unsere Armee schon recht klein geworden ist, wäre es noch ungünstiger, wenn diese nur noch aus wenigen und dazu schlechten Soldaten besteht“, äußerte sich Don und suchte Maxillias Blick „Schon möglich. Aber es bringt auch Leid in die Familien. Und sicher ist es nur ein kleiner Teil der Rekruten, der so wie du, eher positiv darauf reagiert. Ich denke, dass es viele junge Männer und Frauen gibt, die zu gern zu den Rekruten gehen wollen, es aber nicht machen, weil sie zu sehr an ihren Familien hängen. Es gibt darunter sicher auch viele, die hervorragende Kämpfer wären und später sehr gute Soldaten. Und bestimmt würden diese genauso viel in ihre Ausbildung investieren, wie du es damals gemacht hast. Nur aus anderen Beweggründen. Aber das können sie nur, wenn der Beitritt zur Armee nicht gleich den Abschied von der Familie bedeutet. Davon abgesehen, glaube ich nicht, dass du weniger hart trainiert hättest, wenn du die Möglichkeit gehabt hättest deine Familie weiterhin regelmäßig zu sehen. Deswegen bin ich davon überzeugt, dass es nur gut wäre den Rekruten mehr freie Zeit und vor allem Freigang zu gewähren. Sicher würden sich viel mehr junge Leute rekrutieren lassen und das Problem des Mangels wäre somit behoben“, argumentierte Maxillia selbstsicher. „Du klingst wie deine Mutter“, lachte Don und ließ seinen Blick wieder auf seine Hände sinken. „Du argumentierst genauso selbstsicher und überzeugt wie sie. Trotzdem bin ich mir nicht sicher. Seit so langer Zeit sind die Regeln so, wie sie sind. Und es gibt Gründe, warum sie so getroffen wurden“, ergänzet er, während seine Miene wieder ernst wurde. „Aber es ist doch nicht immer das Alte, was gut ist. Vor allem, wenn man zunehmend vor Problemen steht, wie der fehlende Zuwachs“, hielt Max dagegen und nutzte ein Argument Dons für sich. „Das müssen wir prüfen. Die Verstrickung des Familiären mit der Ausbildung zum Rekruten können aber auch zu Problemen führen. Zum Beispiel können Geschehnisse in der Familie zum Konzentrationsverlust führen“, entgegnete ihr Vater. „Möglich. Aber es können genauso Geschehnisse in der Kaserne die Konzentration und Motivation schmälern. Dagegen kann die Unterstützung der Familie wieder helfen“ runzelte Max die Stirn und ließ sich von ihrem Vater nicht beirren. „Ich merke, dass du sehr von deinem Standpunkt überzeugt bist. Damit haben Isabella und ich eigentlich auch gerechnet. Deshalb möchte ich gerne einen Vorschlag machen, den Isabella und ich uns im Vorfeld überlegt haben“, lehnte Don sich zu seiner Tochter vor und sah ihr mit hochgezogenen Augenbrauen ins Gesicht. Gespannt, was da wohl nun kommen würde, richtete Max sich auf und erwiderte den ernsten Blick ihres Vaters. Irgendwie befürchtete sie etwas Schlimmes, so dass sie vor Anspannung ihre Fingernägel in ihre Handflächen grub. „Bevor du auf den Vorschlag antwortest, den ich dir jetzt unterbreiten werde, möchte ich aber, dass du gründlich darüber nachdenkst und nicht übereilte Entscheidungen triffst. Schließlich musst du auch hinter diesen stehen“, redete er nochmal um den heißen Brei, als ob er Max einer Übung der Geduld unterziehen wollte. „Ist in Ordnung“, stimmte Max zu, die befürchtete, dass Don nie mit der Sprache herausrücken würde, wenn sie es nicht täte. „Deine Mutter und ich schlagen vor, dass wir das erstmal ausprobieren und beobachten was geschieht. Vorausgesetzt die Bündnisverträge lassen dies zu. Wenn du Recht hast und sich die Situation bessert, aber es keine Einbußen bei der Disziplin und Loyalität gibt, werden wir es dauerhaft ändern. Wenn meine Befürchtungen wahr werden, wird alles beim Alten bleiben. Aber dafür versprichst du uns dich mehr in deiner Ausbildung anzustrengen, so dass wir Ergebnisse sehen und du dich schnell verbesserst“, sagte er beinahe übertrieben deutlich, als hätte er Angst gehabt, Maxillia könne ihn falsch verstehen. „Ich denke darüber nach und unterrichte euch heute Abend über meine Entscheidung. Wann werde ich erfahren, ob die Verträge es auch zulassen?“, entgegnete Max nickend, während sie ihre aufsteigende Euphorie versuchte zu unterdrücken. Schließlich hatte sie ihrem Vater zuvor versprochen darüber nachzudenken bevor sie ihre Zustimmung gab und wollte daher die Freude über den Vorschlag noch nicht allzu sehr zulassen. Zumal dieser auch nur umzusetzen wäre, wenn nicht eine dämliche Klausel das Ganze noch auf den letzten Metern verhindert. „Isabella hat sich schon an den Schreibtisch gesetzt und geht die Verträge durch. Ich denke, dass sie sie heute Abend auch durchgesehen haben wird. Also denke ich, dass wir heute Abend die Vereinbarung endgültig treffen können oder die ganze Sache ein für alle Mal vom Tisch ist“, lächelte Don, der zufrieden schien. „In Ordnung“, entgegnete Maxillia, in deren Bauch die Freude schon kribbelte, obwohl ja noch gar nichts entschieden war. „Nun gut. Dann sehen wir uns spätestens heute Abend. Ich werde mich jetzt mal wieder auf den Weg machen. Es stehen wieder wichtige Dinge an und Isabella wartet sicher schon auf mich“, seufzte er und strich mit seiner Hand durch sein schon grau meliertes, braunes, kurzes Haar. Beinahe schwerfällig stützte er sich auf der Tischplatte ab und stand auf als würde man ihn dazu zwingen. So richtig motiviert sah auch sein Gesichtsausdruck nicht aus, worüber Max nur schmunzeln konnte. „Dann bis zum Abendessen. Ob früher, weiß ich noch nicht. Ich werde mich nämlich heute weiter ausruhen“, entgegnete Max etwas beiläufig, um der Lüge nicht zu sehr Bedeutung beizumessen. Sie wollte einerseits nicht verdächtig wirken, aber auch nicht, dass ihre Eltern sich wundern würden, wenn sie sie nicht beim Mittagessen anträfen. Schließlich bestünde dann die Gefahr, dass sie eventuell in ihren Gemächern nach ihr sehen würden, in denen sie sie aber höchst wahrscheinlich nicht finden würden. Denn sicher wäre Max zu der Zeit schon längst auf dem Weg zur Lichtung. „Wir lassen dein Mittagessen herbringen. Und lies nicht wieder solch grausige Geschichten“, lächelte Don, als er sich von Maxillia abwandte und in Richtung Tür ging. „Versprochen“, lachte Maxillia und sah ihrem Vater hinterher, wie er die Tür öffnete und durch diese ihre Gemächer verließ. Mit einem Gefühl des Triumphs wandte sie sich wieder ihrem Frühstück zu, das noch immer beinahe unberührt vor ihr lag. Irgendwie schmeckte es nun noch besser, jetzt wo sie das Glücksgefühl des sicher bevorstehenden Sieges spürte. Als sie satt war, stellte sie den Teller auf das noch gut gefüllte Tablett und lehnte sich seufzend zurück. Dabei ließ sie ihre Gedanken mit einem inneren Lächeln kreisen. Sicher gab es keine Klausel in den Verträgen, die eine Änderung dieser Regel verhindern könnte. Zumindest hoffte Max dies inständig. Denn zu sehr würde es sie enttäuschen, wenn es nun daran scheitern würde. Aber man hatte sich ja hauptsächlich auf die Einschränkungen des königlichen Nachwuchses gestürzt, als man die Verträge aufgesetzt hatte. So kam es Max zumindest immer vor, wenn sie mit ihren Eltern darüber sprach. Mit dem Kompromiss, den sie für ihren Sieg schließen musste, war sie völlig zufrieden. Zwar bedeutete es auch viel Arbeit für sie, aber sie würde ihr Versprechen einhalten können, dass sie Ian Amells Mutter gegeben hatte. Dafür würde sie sich gern mehr anstrengen und sich dort verbessern, wo sie es konnte. Sie könnte damit anfangen früher aufzustehen und pünktlich zu den Unterrichten erscheinen. Das würde ihren Eltern zumindest erstmal zeigen, dass sie sich bemühte und den Kompromiss ernst nahm. Doch nun hatte sie erstmal die Woche frei und somit Zeit sich zu entspannen und sich auszudenken, wie sie sich verbessern konnte. Nach der Woche würde sie sicher motiviert und mit neuem Schwung in den Alltag starten, in der Gewissheit vielen Familien geholfen zu haben. Nun musste sie sich aber erstmal überlegen, wie sie sich die Zeit bis zum Mittag vertreiben konnte und ließ ihren Blick durch den Raum wandern. Vielleicht würde ihr etwas ins Auge fallen, womit sie sich beschäftigen konnte, bevor die Langeweile wieder eintreten würde. Schließlich wollte sie nicht nur herumsitzen und Löcher in die Luft starren, bis sie sich in der Mittagszeit aus der Burg herausschleichen würde. Plötzlich fielen ihr die Bücher auf, die sie sich hatte bringen lassen, um die Wache am Vortag von der Tür ihrer Gemächer weg zu bekommen. Unberührt lagen sie noch immer auf der Kommode neben der Tür und warteten darauf gelesen zu werden. Vielleicht würde sie etwas finden, was ihr gefiel und die Zeit schnell vertreiben würde. Neugierig stand sie auf und schaute sich die Titel an, die die Bucheinbände zierten. Es waren Romane, die von sich Liebenden handelten und vor Romantik und ekligem Kitsch nur so trieften. Wie sehr sie solche Bücher doch hasste. Es waren doch eh immer die gleichen Begebenheiten, die nur anders erzählt wurden und zwischen anderen Personen spielten. Dann die dramatischen Stellen, die die Tränen in die Augen treiben und die Hoffnung auf ein glückliches Ende wecken sollten. Doch oft endeten diese Geschichten nicht schön und ließen einen mit einem furchtbaren Gefühl und verheultem Gesicht zurück. Davon abgesehen konnte Max mit dem ganzen Liebesgedöns auch nicht wirklich etwas anfangen. Vielleicht lag das daran, dass sie eh niemanden weiter kennenlernte. Zudem konnte sie es sich nicht erlauben sich zu verlieben, es sei denn es war einer dieser aufgeblasenen Prinzen, die sie am liebsten nicht mal vom Weiten genießen wollte. Sie waren ihr einfach zu sehr Prinz und zu wenig normal. Etwas enttäuscht von der Auswahl legte sie die Bücher, deren Titel schon vor Drama und Liebeschaos schrien, beiseite. Das Einzige der Bücher, das kein Roman war, handelte von Legenden, Mythen und längst vergangenen Zeiten, die sowohl den Glanz als auch den Schrecken der Zeiten widerspiegeln sollte. Spannend klang es zwar erstmal auch nicht so richtig, da es sie an die Unterrichtseinheiten mit ihrer Mutter erinnerte, die meist eher beim Einschlafen halfen. Aber da es das einzige Buch war, das sie nicht schon vom Titel her nervte, nahm sie es sich mit in ihre Sitzecke, die sich unweit der Tür vor einem Kamin befand. Die eleganten Sitzmöbel hatten kunstvoll geschwungene Rahmen aus dunklem Holz und waren mit hellen Stoffen gepolstert. Der dunkle Holztisch trug auf der Platte ein schönes Blumenmuster, das sich mit helleren Holzeinlagen absetzte. Auf diesen legte Maxillia das große Buch erstmal ab und machte es sich auf dem Sofa bequem, das dem Kamin gegenüberstand. Im Kamin knisterte ein Feuer, das von einem Diener jeden Morgen angefacht wurde, da der Turm über Nacht durch die windigen Höhen, in denen er sich befand, selbst im Sommer doch sehr auskühlte. Sie liebte es aber auch die Flammen bei ihrem Tanz zu beobachten, die sanft den Raum erwärmten und mit dem Duft von verbranntem Holz erfüllten. Allerdings waren die Flammen schon recht klein geworden, so dass man schon bald wieder ein paar Scheite nachlegen müsste. Doch erstmal nahm sie lieber das Buch in die Hand und überflog die Titel, die im Inhaltsverzeichnis aufgelistet waren. Die meisten der Mythen und Legenden kannte sie schon. Sie waren aufregend und spannend und erzählten von Wesen oder Heldentaten, die kaum der Wirklichkeit entsprachen. Dafür waren es ja Legenden, an denen selten etwas Wahres dran war und nur ein Produkt der Fantasie darstellten. Denn auch wenn manches einem Funken der Wahrheit entsprach, waren sie dennoch alle ersponnen. Gerade als sie auch dieses Buch enttäuscht weglegen wollte, bemerkte sie, dass doch ein paar wenige der Titel ihr unbekannt schienen. So dass sie sich diese nochmal genauer ansah. Dabei stach ihr besonders ein Titel ins Auge, der etwas über Sphinxen erzählen sollte. Damit konnte sie gar nichts anfangen. Was sollten bitte Sphinxen sein? Dunkel erinnerte sie sich, dass ihre Mutter von Fabelwesen mit einem solchen Namen erzählt hatte, die in der Mythologie eines menschlichen Volkes vorkamen. Aber unter den Elfen und Zwergen waren solche gänzlich unbekannt. Neugierig schlug sie die entsprechende Seite auf und las die ganze Überschrift: „Die Macht der Sphinx und das goldene Reich“. Verwundert runzelte sie die Stirn. So viel verriet die Überschrift nicht. Nur, dass sie wohl ein eigenes Reich besaßen. Also was war dann bitte eine Sphinx? Neugierig blätterte sie eine Seite weiter und begann die Legende zu lesen. Es stellte sich heraus, dass es sich um Elfen handelte, die sich in diese Fabelwesen verwandeln konnten und große Macht besaßen. Sie waren Herrscher über das riesige Arkatonien und waren die größte Macht, die auf dem Planeten regierte. Ihre Hauptstadt Arkaton lag inmitten der großen Wüste, in einer riesigen Oase, in deren Mitte sich eine schwebende Festung befand. Von dieser aus waren es wohl Figuren von Löwen und Falken aus purem Gold, die Wasser herunter in einen See spien. Die Flüsse, die diesem Gewässer entsprangen, zogen sich wie Strahlen der Sonne durch den kargen Sand, den das magische Wasser zum Blühen brachte. Die Festung selbst, die als uneinnehmbar galt, schien wie aus Sonnenstrahlen gegossen und brachte ihr Licht kilometerweit über das Land, wie ein Leuchtturm seins über das Meer. So war sie auch von den nächstgelegenen Städten außerhalb der Wüste zu erkennen und demonstrierte ihre Präsenz. Der engste Verbündete der Sphingen, war das Volk der Punaji. Eine Art Hybrid aus Menschen und Katzen. Sie dienten den Sphingen als seien sie Götter gewesen und lebten in der Oase unterhalb der Festung und in den Städten um die Wüste herum. Die Macht und Reichtümer der Sphingen waren wohl so groß, dass sie den Völkern Frieden brachten, Kriege verhinderten und mit ihrer Weisheit auch zwischen Feinden vermittelten. „Fantastisch!“, dachte Max und stellte es sich im Geiste vor, während sie zu dem fast erloschenen Kamin aufsah. Einen Moment starrte sie in den gräulichen Qualm, der von der glimmenden Asche aufstieg und träumte davon diese Festung einmal zu sehen. Wie Schade nur, dass es lediglich eine Legende war und es so nie möglich wäre. Davon abgesehen, dass es wohl kaum die Naturgesetze erlaubten eine Festung schweben zu lassen. Selbst Magie stieße dabei an ihre Grenzen. Seufzend wandte sie sich wieder der Legende zu und suchte nach etwas, was das Aussehen der Sphingen beschrieb. Denn auch wenn ihre Mutter diese Wesen einmal erwähnt hatte, wurde ihr nie etwas über ihr Äußeres verraten. Aber kein Wort gab etwas darüber Preis, so dass es Maxillias Fantasie überlassen blieb sich solch mächtige Wesen vorzustellen. Lächelnd schlug sie das Buch zu und legte es beiseite. Zu herrlich waren die Beschreibungen gewesen, die nur so nach Freiheit und Frieden schrien. Sie konnte es sich gar nicht vorstellen, wie es ohne Streitereien zwischen den Völkern wäre. Besonders, da sie von den Orks wusste, die in eher primitiven Stämmen lebten und andauernd reisende Händler, Bauernhöfe und andere leichtere Opfer angriffen und ausplünderten. Selbst untereinander standen sie ständig im Streit und schlugen sich gegenseitig die Köpfe ein. Leider konnte man sie davon auch nicht wirklich abhalten. Sie waren nämlich groß und unheimlich stark, so dass es drei Elfen brauchte, um einen zu besiegen. Daher nutzten auch die vielen Patrouillen eher wenig, die durch die Lande zogen und versuchten die Elfen und Zwerge vor ihnen zu schützen. Zudem lebten sie nicht lange an den gleichen Orten und verließen schnell ihre kleinen Dörfer, so dass man keine Chance hatte eines anzugreifen. Der Legende nach zu urteilen, waren aber auch sie unter der Herrschaft der Sphingen friedlich und blieben unter sich. „Ach man“, seufzte Max innerlich, die sich beinahe wünschte, die Legende wäre wahr gewesen. Aber das war sie sicherlich nicht. Schließlich gab es keine Sphingen. Max hätte das sonst sicher gewusst. Und eine Stadt, geschweige denn Wasser in der Wüste gab es auch nicht. Zwar stand auch geschrieben, dass sie vor tausend Jahren gelebt und regiert haben, aber wohin sollten sie denn verschwunden sein? Schließlich wäre dem Text nach, kein Volk stark genug gewesen, um die Sphingen besiegt und ausgerottet haben zu können. Oder hätte ein übermächtiges Ereignis oder gar eigener Hochmut zu ihrem Fall führen können? In der Legende stand nichts von einem Untergang dieses Reiches. Doch wenn die Geschichte wahr gewesen wäre, hätte es einen Grund geben müssen, warum es sie nicht mehr gab. Eine Weile grübelte sie noch darüber nach, so dass sie völlig die Zeit vergaß und erschrocken hochjagte, als es an der Tür klopfte. Vorsichtig öffnete sich diese gleich und Dienerinnen traten mit einem Tablett herein, auf dem das Mittagessen angerichtet war. Eigentlich wollte sie schon längst losgegangen sein, damit Seraphina nicht wieder so lang auf sie warten musste. Aber offenbar war die Zeit viel schneller vorangeschritten, als sie es gedacht hatte. Also eilte sie nach oben, als die Dienerinnen ihre Gemächer verlassen hatten, und zog sich wieder ihre bequemeren Sachen und den dunklen Umhang an. Während sie oben war, öffnete sich erneut die Tür und die Stimme einer Dienerin rief kurz etwas über einen Nachtisch zu Max nach oben. Was genau sie gesagt hatte, hatte sie nicht verstanden. Daher rannte sie nicht gleich wieder runter, sondern lauschte erst einmal einen Moment, ob sich unten irgendetwas regte. Es war aber kein Laut zu vernehmen. Also schlich sie ein paar Stufen ihrer Treppe hinunter und lugte um die Ecke. Gerade als sie ihren Blick durch den Raum schweifen ließ, fiel die Tür ins Schloss und verriet damit, dass die Frau gerade die Gemächer wieder verlassen hatte. Erleichtert lief sie den Rest der Treppe hinunter, schnappte sich ein Brot von dem Tablett und ging rüber zur Kommode neben der Tür. Dort nahm sie sich den schönen neuen Dolch und befestigte ihn an ihrem Gürtel. Nun musste sie nur die Wache wieder von der Tür wegbekommen. Doch diesmal konnte sie nicht wieder nach Büchern fragen. Es wäre auch seltsam, wenn sie alle Bücher schon durchgelesen hätte. Aber sie konnte sich ja ihre Abneigung gegenüber den Liebesromanen zu Nutze machen und diese zurück in die Bibliothek bringen lassen. Lächelnd nahm sie sich also den Stapel dieser fürchterlichen Romane und öffnete die Tür einen Spalt, bis sie mit der Wache sprechen konnte. „Könnten sie diese Bücher zurück in die Bibliothek bringen? Sie entsprechen nicht ganz meinem Geschmack“, sprach sie den Mann an, der erschrocken zusammenzuckte. Offenbar hatte er nicht bemerkt, wie die Tür sich neben ihm geöffnet hatte und Maxillia in dem Spalt erschien. „Ja, na klar“, nickte er freundlich, mit einem Gesichtsausdruck, als hätte sie ihn bei irgendetwas ertappt. Sich räuspernd nahm er ihr die Bücher ab und machte sich auf der Stelle auf den Weg. Nun konnte Maxillia die Gemächer verlassen und sich auf den Weg zur Lichtung machen. Mit einem verschmitzten Lächeln schlich sie durch die Gänge nach draußen in den Wald, wo sie im Schatten der Bäume den Weg zur Lichtung entlanglief. Endlich kam sie an dem kleinen Tümpel an und kletterte in das Versteck, in dem diesmal wieder Seraphina auf sie wartete. Seufzend machte es sich nun auch Maxillia bequem und lehnte sich gegen den dicken Ast, den sie immer als Lehne benutzte. „Na? Wie geht es dir heute?“, fragte Phina und schaute Max mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Viel besser als gestern. Ich bin dir echt was schuldig“, antwortete sie mit einem breiten Lächeln. Die Kopfschmerzen waren schließlich völlig verschwunden und auch ihr allgemeines Befinden war mehr als zufriedenstellend. „Das freut mich. Ist aber nicht der Rede wert. Habe ich ja gerne gemacht. Und ich konnte mal mein Wissen anwenden“, lachte Seraphina, die recht stolz auf den Erfolg gewesen zu sein schien. „Das stimmt. Das kommt auch nicht alle Tage vor. Apropos. Welche Kräuter habt ihr heute wieder gesammelt?“, stichelte Max grinsend, der es bewusst war, dass der Tag ihrer Freundin wieder nicht sonderlich spannend gewesen sein konnte. Sicher war selbst Maxillias Tag spannender gewesen, die zumindest eine neue Legende hatte kennenlernen können. „Hey. Nur weil du mal frei hast und dich nicht im Unterricht langweilen musst?“, beschwerte Seraphina sich und warf Max einen Blick zu, der einer Mischung aus Erbostheit und Belustigung glich. „Ich muss es doch mal ausnutzen, dass ich meinen Tag ein bisschen weniger langweilig gestalten kann. Zumal sich das nach meiner freien Woche wieder ändern wird. Und ich muss mir ab dann auch mehr Mühe geben“, lachte Max fröhlich und lehnte sich zurück. Seraphina runzelte die Stirn und setzte gerade zu einer Frage an, mit der sie in Erfahrung bringen wollte, was ihre Freundin damit meinte, sie müsse sich mehr anstrengen. Aber wegen irgendetwas schreckte sie auf und schaute sich verwundert um. „Was ist denn?“, fragte Max verwirrt, die nichts bemerkt hatte, was Seraphina hätte aufhorchen lassen können. „Pst“, machte sie daraufhin und hielt ihren Finger vor die Lippen. „Soweit dürfen wir doch gar nicht von der Kaserne weg“, drang eine männliche Stimme plötzlich an ihre Ohren, während das Rascheln von Schritten näherkam. Erschrocken schauten sich die beiden Mädchen in die Augen und hielten die Luft an. Würden die ungebetenen Gäste sie entdecken? Nun mussten sie auf jeden Fall sehr leise sein. Vielleicht würden sie dann unbemerkt bleiben können. „Man, hab dich nicht so“, sagte eine andere männliche Stimme. „Solange uns hier niemand findet, ist doch alles in Ordnung“, sagte ein Dritter. Mit pochenden Herzen schauten Max und Phina durch die Blätter und erhaschten einen Blick auf drei junge Männer, die auf die Lichtung traten. Sie trugen Rüstungen und Schwerter bei sich, die Maxillia nur zu gut kannte. Offenbar waren es Rekruten, die sich unerlaubterweise von der Kaserne entfernt hatten. Mit klappernden Rüstungen überquerten sie die hohe Wiese und näherten sich dem Baum, in dem die Mädchen sich versteckt hielten. Wie zu Stein erstarrt saßen sie auf den alten Brettern und wagten nicht einen Mucks zu machen. Aber scheinbar bemerkten die drei sie nicht. Nicht einmal, als sie es sich auf dem Steg über dem Tümpel bequem machten, der sich dicht neben dem krummen Stamm des alten Baumes befand. „Fühlt sich gut an, mal ein wenig aus der Kaserne zu kommen“, seufzte der Braunhaarige lächelnd, dessen Gesicht sehr markant war. „Ja. Das kannst du laut sagen“, lachte ein anderer und setzte sich hin. Dessen Haar war fast schwarz und unheimlich dicht und sein Gesicht hatte etwas Hartes an sich, so dass man schon daran seine Kraft hatte vermuten können. Der blonde Mann hingegen nickte nur zustimmend, wobei sein Blick etwas besorgt wirkte. „Wir müssen das öfter machen“, stellte der Schwarzhaarige fest und legte sich auf das moosbewachsene Holz, während er seinen Kopf mit einer Hand stützte. „Wobei es auch ziemlich lustig ist dem Prinzesschen beim Herumhampeln zuzusehen. Trainieren kann man das nicht nennen“, lachte wieder der Braunhaarige. „Sei nicht so gemein. Sie ist eben ein Mädchen“, lachte der Blonde. „Ja und dazu ein Prinzesschen“, stimmte der Schwarzhaarige zu. Grimmig warf Max den drei jungen Männern einen Blick zu, als ob diese ihn hätten sehen können und verschränkte beleidigt die Arme. Ihr war bewusst, dass die Rekruten nicht viel von ihr hatten halten können, aber es nun zu hören, tat doch ziemlich weh. Phina hingegen war belustigt und unterdrückte sich mit vorgehaltener Hand ein Lachen. Traurig lehnte Max sich zurück und lauschte weiter den Verspottungen, die die drei Männer über sie erzählten. „Ach ja. Ich finde, dass es schon etwas Niedliches an sich hat, wenn sie angestrengt mit dem Zauberstab herumfuchtelt und doch nichts passiert“, grinste der Blonde verschmitzt, während die anderen wieder lachten. „Ich frage mich, wann sie wieder trainieren wird. Es sah schon schmerzhaft aus, als sie den Stein gegen den Kopf bekommen hat“, ergänzte derselbe. „Diese Woche sicherlich nicht mehr“, sagte darauf der mit den fast schwarzen Haaren. „Das glaube ich auch. War aber sehr ritterlich von dir, dass du ihr geholfen hast“, erwiderte der Braunhaarige spöttisch und stupste den Blonden an. „Ja. Auch wenn jetzt alle denken, dass du ein Schleimer bist“, stimmte der mit dem schwarzen Haar zu. „Ach Mann. Es hätte auch ein anderer auf die Idee kommen können“, beschwerte sich der Blonde, der offenbar der war, dessen Duft Max nicht mehr aus dem Kopf bekam. „Und wieso? Damit wir uns hätten einschleimen können?“, winkte der Schwarzhaarige ab und prustete abfällig. „Wieso denkt ihr ans Einschleimen? Wir sollen doch lernen die Königsfamilie zu schützen. Und wenn die Prinzessin sich verletzt, ist es doch unsere Pflicht ihr zu helfen. Zudem ist sie eine junge Frau. Hat man euch nicht beigebracht ihnen gegenüber zuvorkommend zu sein?“, fragte wieder der Blonde und zog seine Augenbrauen beinahe ermahnend hoch. „Naja. Ich werde mich in jedem Fall jetzt erst einmal im Wasser abkühlen. Es ist ganz schön warm heute. Und eine bessere Gelegenheit kommt wohl erstmal nicht mehr“, lenkte der Braunhaarige ab und erhob sich. „Kommt ihr auch mit rein?“, fragte derselbe und streckte seine Arme. „Hier soll es Nymphen geben. Ich weiß nicht, ob wir da rein sollten“, äußerte der Blonde seine Bedenken. „Wieso denn nicht? Was sollen die Nymphen denn schon tun?“, entgegnete der Braunhaarige, während er schon begann sich zu entkleiden. Seraphina beugte sich neugierig vor und schaute ihm mit großen Augen dabei zu. Max stieß sie an und schmunzelte amüsiert über dieses offensichtliche Verhalten. „Ich weiß ja nicht, wie die das hier mit dem Tümpel so halten. Ich will niemanden verärgern, wenn wir sowieso schon die Regeln brechen“, erklärte sich der Blonde etwas besorgt und ließ seinen Blick über den Rand der Baumreihen wandern. „Ach, sei kein Spaßverderber Ian. Die werden sicher nicht einmal mitbekommen, dass wir hier sind. Kommt schon. Ryan?“, entgegnete der Braunhaarige und wandte sich von dem Blonden zu dem mit den fast schwarzen Haaren. Maxillia schreckte hoch. Ian? Hatte der Braunhaarige den Blonden gerade etwa Ian genannt? Neugierig reckte nun auch sie den Hals nach den jungen Männern, um mehr mitzubekommen und den blonden Mann genauer anzusehen. Nun stieß Seraphina sie an und verzog ihr Gesicht zu einem verschmitzten Grinsen. Der junge Mann mit den braunen Haaren legte derweil nun auch sein Hemd ab, so dass er nur noch in den dünnen Leinenhosen stand, die er unter der Rüstung trug. Barfuß ging er an den Rand des Steges und wandte sich mit fragendem Blick nochmal zu den anderen beiden um. „Komm Ryan. Und du auch Ian. Habt euch nicht so“, erhob er erneut das Wort. „Gut. Ich bin dabei“, gab der mit den schwarzen Haaren nach, den der Braunhaarige „Ryan“ genannt hatte. „Na also. Dann nur noch du, Ian“, rief der Braunhaarige und zeigte mit dem Finger auf den blondhaarigen jungen Mann. Tatsächlich hatte Max sich nicht verhört und der Name des Mannes schien wirklich Ian gewesen zu sein. Doch konnte es sein, dass dies Ian Amell war? Der Sohn der Frau aus der Schmiede? Ganz unwillkürlich griff Max nach dem schönen Dolch an ihrem Gürtel, als ob dieser ihr die Frage hätte beantworten können. War dieser Mann es gewesen, der diesen herrlichen Dolch gefertigt hatte? Mit großen fragenden Augen schaute Seraphina zu Max rüber, als ob sie an ihrem Blick hatte versuchen wollen die Gedanken ihrer Freundin zu ergründen. Doch die starrte wie versteinert hinunter zu dem jungen Mann, für dessen Mutter sie scheinbar den Ärger mit ihrem Vater auf sich genommen hatte. Ein lautes Platschen war zu hören, als der Braunhaarige kopfüber vom Steg aus ins Wasser sprang und dabei das Wasser gründlich aufwirbelte. „Komm schon Ian. Du auch. Oder siehst du hier eine Nymphe? David traut es sich doch auch“, sagte Ryan, während er sich nun auch seine Rüstung auszog, wobei er fast schon ungeduldig wirkte. „Und was ist, wenn uns jemand erwischt? Ich habe ehrlich gesagt keine Lust auf Ärger“, entgegnete Ian besorgt, während David nach den beiden rief und schon begann seine erste Runde in dem trüben Wasser zu schwimmen. „Komm schon. Sei doch kein Spießer“, entgegnete Ryan, als er gerade an seinem Stiefel zottelte. „Na schön. Aber wehe uns erwischt jemand. Dann macht ihr meine Strafarbeit für mich mit“, gab Ian nach und schaute sich nochmal prüfend um. „Na geht doch“, grinste Ryan und zog sein Hemd aus. Nun begann auch Ian sich der Rüstung zu entledigen, während Ryan schon ins Wasser stieg und zu David herüberschwamm. „Heiß“, flüsterte Seraphina ganz leise Max zu, als nun auch der Letzte seinen muskulösen Körper zeigte und elegant ins Wasser sprang. Max warf ihr ein schmunzeln zu, der das gleiche durch den Sinn ging. „Hey! Seht mal hier“, rief Ryan, der am Ufer etwas gefunden hatte, nachdem die drei den Tümpel erstmal auf gefährliche Stellen überprüft hatten. Er zog etwas aus dem Wasser und riss es von einem Ast ab, der dicht unter dem Wasser gewesen zu sein schien. „Was ist das?“, fragte David, der zu ihm herüber geschwommen kam und mit zusammengekniffenen Augen versuchte zu erkennen, was Ryan dort in den Händen hielt. Auch Ian kam zu ihm rüber geschwommen und wartete gespannt auf ein Urteil der beiden Männer. „Sieht aus wie eine Art Wassernuss. Die könnten wir wie einen Ball verwenden“, entgegnete Ryan, der etwas dunkles, rundes in die Luft warf. „Oh ja. Die schwimmt sogar“, stimmte David begeistert zu, als die Nuss auf die Wasseroberfläche traf und nicht unter ging. „Wirf her“, rief Ian, der noch ein Stück weg war und gleich die Tauglichkeit prüfen wollte. Im hohen Bogen warf Ryan die dunkle Nuss zu ihm rüber, die mit einem hohlen Ploppen vor Ian aufkam. Nun entfernte David sich von Ryan und fing die Nuss als Ian sie zu ihm warf. Dabei tauchte er kurz unter Wasser, da der Tümpel zu tief war, als dass er hätte stehen können. Wie Kinder begannen sie herum zu tollen und lachten, während sie sich gegenseitig die Nuss zuwarfen und dabei versuchten immer weitere Entfernungen zu schaffen. Stumm beobachteten die beiden Mädchen die drei und amüsierten sich über sie. Besonders amüsierte es sie aber, dass die drei sie nicht entdeckten. Scheinbar war das Versteck doch besser, als sie es immer gedacht hatten. Denn selbst als Ryan direkt unter ihnen stand, um die Nuss wiederzuholen, blieben sie völlig unentdeckt. „Wir sollten wieder zurück. Unsere Freizeit dürfte schon wieder vorbei sein“, erinnerte Ian die beiden anderen nach einiger Zeit und verließ gleich als Erster wieder das Wasser. Murrend folgten Ryan und David ihm, die offenbar viel zu sehr Spaß gehabt hatten, als dass sie schon hätten gehen wollen. Aber sie mussten ja. Besonders, wenn sie keinen Ärger kriegen wollten. Schnell zogen sie sich also wieder an und schlüpften so nass wie sie waren in ihre Rüstungen. „Nächstes Mal nehmen wir Handtücher mit“, lachte Ryan noch, woraufhin David und Ian zustimmend nickten. Dann verließen sie die Lichtung wieder und verschwanden zwischen den Bäumen im Wald. „Meinst du, dass dieser Ian, Ian Amell ist?“, fragte Phina, als die drei außer Hörweite waren. „Ich weiß es nicht. Möglich wäre es allerdings. Es wäre sogar recht wahrscheinlich. Schließlich kommt der Name Ian nicht so häufig vor“, stellte Max lächelnd fest. „Schlecht sahen die drei auf jeden Fall nicht aus“, grinste Phina verschmitzt und lehnte sich entspannt zurück. „Da hast du Recht. Auch wenn sie nicht gerade nett über mich gesprochen haben“, lachte Max und lehnte sich ebenso wieder gegen den Ast hinter ihr. „Ja, das stimmt. Aber sie kennen dich auch einfach nicht. Wahrscheinlich würden sie ganz anders denken, wenn sie wüssten, wie du wirklich bist“, entgegnete Phina und versuchte so ihrer Freundin etwas Mut zu machen. „Danke. Das war nett“, bedankte sich Max und lächelte Seraphina an. „Nicht der Rede wert“, lachte diese, als hätte sie Max nur einen Gefallen getan. „Aber wie konnten sie eigentlich die Lichtung finden?“, fragte sich Phina und schaute Max an, als hätte sie es wissen können. „Vielleicht haben sie ja auch die Pforte entdeckt und dann den Pfad. Wer weiß, was sie während ihrer letzten Freizeit gemacht haben. Vielleicht sind sie spazieren gewesen und haben den Ort zufällig entdeckt“, überlegte Maxillia und nahm den Dolch von ihrem Gürtel. Vorsichtig drehte sie ihn zwischen den Händen und schaute ihn sich von allen Seiten genau an. Auch Seraphina betrachtete ihn und sagte nachdenklich: „Vielleicht. Aber vielleicht wissen auch noch andere von der Lichtung und haben ihnen davon erzählt“. „Aber woher hätten diese davon wissen können? Ich meine wir sind doch jeden Tag hier und haben niemanden herumschleichen sehen“, bemerkte Max nachdenklich. „Im Winter treffen wir uns aber nie. Vielleicht hat jemand im Winter die Lichtung entdeckt“, mutmaßte Phina weiter. „Das stimmt. Aber wären sie dann nicht schon viel früher hier gewesen?“, stellte Max die Frage in den Raum. „Hm“, machte Phina nachdenklich und begann sich noch weitere Theorien zu überlegen. Noch eine ganze Weile überlegten sie und zerbrachen sich die Köpfe. Schließlich bestand so die Gefahr, dass sie irgendwann doch entdeckt würden und sich vielleicht nicht mehr treffen konnten. Doch ohne auf eine Erklärung gekommen zu sein, die der Wirklichkeit hätte entsprechen können, machte sich Max relativ spät an diesem Tag wieder auf den Weg zur Burg. Dazu huschte sie wieder den dicht bewachsenen Weg entlang durch den Wald. Es war schon etwas dunkler geworden, so dass sie besonders aufpassen musste nicht über die vielen Wurzeln zu fallen, die regelrechte Schlaufen über dem Boden bildeten. Plötzlich schlug eine der Wurzeln peitschend nach oben, als hätte sie ein Eigenleben gehabt, und brachte Max dadurch zu Fall. Hart schlug sie mit dem Bauch auf dem Boden auf, so dass ihr regelrecht die Luft wegblieb. „Was war denn das?!“, keuchte sie innerlich und wandte sich zu der Wurzel um, die sich wieder völlig normal über den Boden zog. Mit gerunzelter Stirn setzte sie sich auf und klopfte den Dreck von ihrer Brust. Hatte sie sich das gerade eingebildet oder war die Wurzel wirklich nach oben geschnellt, als wollte der Baum ihr ein Bein stellen? „Äußerst seltsam“, dachte sie sich und wollte gerade wieder aufstehen, als sie plötzlich etwas neben sich aufblitzen sah. Verwundert schaute sie auf die Stelle und bemerkte einen goldenen Armreifen in dessen Mitte ein ovaler, schwarz schimmernder Stein gefasst war. Vorsichtig hob sie ihn auf und berührte dessen beinahe unnatürlich glatte und gleichmäßig gewölbte Oberfläche. Sofort färbte er sich rot, als würden Flammen in ihm auflodern und begann sanft zu leuchten, als hätte man eine Kerze angesteckt. „Seltsam“, sagte Max erneut zu sich selbst und stand auf. Kurz sah sie sich um, ob vielleicht jemand in der Nähe war, der den Armreif hätte verloren haben können. Aber es war niemand zu sehen. Vielleicht gehörte er einem der drei Rekruten. Sie waren, nach Maxillias Wissen, die Einzigen, die in den letzten Stunden dort entlanggelaufen waren. Lange konnte er hier nämlich nicht gelegen haben. Schließlich wirkte das Gold wie frisch poliert und glänzte, als ob man den Armreif zu einem königlichen Fest hätte tragen wollen. Aber wieso hätte einer von den dreien ein solch wertvolles Stück mit in einen Wald nehmen sollen? Schließlich wäre er irgendwo versteckt sicherer gewesen. Aber was sollte sie nun damit machen? Sollte sie ihn wieder zurück auf den Boden legen? Schließlich könnte der Besitzer auf der Suche nach diesem Schmuckstück wiederkommen. Allerdings wäre es vielleicht auch töricht ihn liegen zu lassen, da er von einem Wildtier in den feuchten Boden hätte hineingetrampelt werden können. Kaum hatte Max den Gedanken zu Ende gedacht, fiel ihr ein großer Stein am Wegesrand auf. Auf diesem wäre die Gefahr nicht gegeben in der Erde zu verschwinden. Also legte sie den Armreif ab und wandte sich wieder ihrem Heimweg zu. Doch gerade, als sie einen Schritt machen wollte, schlang sich eine Wurzel um ihren Knöchel und hielt sie fest. „Was ist denn das jetzt schon wieder?“, fragte sich Max beinahe entsetzt und versuchte ihr Bein zu befreien. Aber die Wurzel hatte sich so fest um sie geschlungen, dass alles Zotteln und Zerren vergebens waren. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Sie wusste zwar, dass der Wald viele Geheimnisse barg, aber das war selbst für ihn äußerst merkwürdig. Seufzend beugte sie sich runter und packte mit den Händen die Wurzel, in der Hoffnung sie los zu bekommen. Doch was war denn das? Vor ihren Füßen lag der goldene Armreif, den sie gerade schon einmal aufgehoben hatte. Verwirrt schaute sie zum Stein herüber, auf dem sie ihn zuvor abgelegt hatte. Doch dieser war leer. Zögernd hob sie den Armreif auf, woraufhin sich die Wurzel sofort von ihrem Bein löste und sich starr auf den Boden zurücklegte. Langsam bekam Maxilla es mit der Angst zu tun, so dass sie einfach nur noch zurück nachhause wollte. Also steckte sie den Armreif in eine Innentasche ihres Umhangs und machte sich erneut auf den Weg. Diesmal hielt sie keine Wurzel auf, so dass sie ungehindert schnell zurück zur Burg und nach oben in ihre Gemächer huschen konnte. Zum Glück war die Wache vor ihrer Tür wieder eingeschlafen, so dass sie sich auch an diesem Tag keine Ausrede einfallen lassen musste. Endlich zurück, eilte sie nach oben, wo sie sich hastig das Kleid vom Morgen anzog. Schnell legte sie sich noch den Verband um den Kopf und versteckte den seltsamen Armreif in ihrem Kleiderschrank, den sie lieber sorgfältig verschloss. Erst als sie sich sicher war, dass niemand ihn finden würde, eilte sie hinunter in den Speisesaal, in dem sie mit ihren Eltern immer zu Abend aß. „Hallo Max. Du bist diesmal aber besonders spät dran“, bemerkte Isabella schmunzelnd, als Max dort ankam und sich auf ihren Platz setzte. „Ich habe die Zeit beim Lesen völlig vergessen“, log Max und schnappte sich hungrig ein Stück des flachen Brotes, das aus einem seltenen Wildkorn gebacken war. „Was hast du denn gelesen?“, fragte Don, der etwas misstrauisch schien. „Ich habe etwas über die Legende der Sphingen gelesen“, antwortete sie prompt mit schon vollem Mund. Irgendwie fühlte es sich gut an zur Abwechslung mal nicht zu lügen, sondern die Wahrheit zu sagen. Denn die Legende hatte sie ja wirklich gelesen, wenn auch am Vormittag und nicht am Abend. „Achso“, nickte Isabella und warf ihrem Mann einen bedeutungsschwangeren Blick zu. „Was ist denn los? Warum grinst ihr denn so komisch?“, fragte Max irritiert, die die Gesichter ihrer Eltern bemerkt hatte. „Ach nichts“, tat Isabella ab und widmete sich wieder ihrem Essen. „Na schön. Wie sieht es denn jetzt eigentlich mit den Bündnisverträgen bezüglich der freien Zeit für die Rekruten aus? Habt ihr sie schon komplett durchsehen können?“, ließ Max das so stehen und lenkte das Thema lieber auf die Abmachung, die noch endgültig zu treffen war. „Ja. Von den Verträgen her spricht tatsächlich nichts dagegen“, antwortete Isabella, zu Maxillias Freude. „Stimmst du denn dann den Bedingungen zu“, wollte Don nun wissen. „Ich würde es davon abhängig machen, wie viel freie Zeit ihr erlauben würdet“, entgegnete Max und biss erneut hungrig in ihr Brot. „Was würdest du denn vorschlagen?“, fragte Isabella, die überrascht von der Initiative ihrer Tochter schien. „Wie wäre es mit zwei vollen Tagen?“, antwortete Max und wartete gespannt auf die Reaktion. „So viel?“, entsetzte sich Don, dem beinahe ein Bissen im Hals stecken blieb. „Alles andere lohnt sich doch kaum“, argumentierte Max sehr überzeugt. „Wieso, sollte es sich sonst nicht lohnen?“, fragte Don räuspernd, der da scheinbar ganz anderer Meinung war. „Weil mit Anreise und Abreise sonst zu wenig Zeit bliebe. Die Ärmsten wären sonst mehr unterwegs als bei ihren Lieben“, entgegnete Max selbstsicher. „Gut. Dann machen wir es so. Und das gilt dann ab dem nächsten Monat“, entschied Isabella, bevor Don noch etwas sagen konnte. Maxillias Herz machte vor Freude einen Hüpfer. „Echt?“, fragte sie ungläubig mit glänzenden Augen, da sie tatsächlich nicht mit einer solchen Großzügigkeit gerechnet hatte. Sie hatte sich sogar darauf vorbereitet noch weitere Diskussionen mit ihren Eltern zu führen. Auch Don schien damit nicht gerechnet zu haben, dem das Blut aus dem Gesicht gewichen war und erschrocken seine Frau anblickte. „Ja. Aber du musst dich ab nächster Woche dann auch besonders anstrengen“, entgegnete Isabella mahnend und ignorierte ein wenig das entsetzte Gesicht, das Don machte. „Ja. Ich weiß. Abmachung ist Abmachung“, stimmte Max mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen zu. Schließlich hatte sie so ihr Versprechen mehr als erfüllt und sicher nicht nur einer Familie geholfen.

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9783753184494
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