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Verena Rank

Im Sternbild des Zentauren

Impressum:

© dead soft verlag, Mettingen 2020

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Coverbild: © MysticArtDesign

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-422-3

ISBN 978-3-96089-423-0 (epub)

Inhalt:

Als Ben versehentlich ein Portal in die mystische Welt „Mytherra“ öffnet, wird ihm klar, dass hier die Antworten auf all seine Fragen liegen. Seit jeher kann er mit Pflanzen kommunizieren, lässt sie wachsen und heilen. Seine Augen sind so grün wie der Smaragd, der alles ist, was er von seiner Mutter hat. Die Begegnung mit dem stolzen Zentauren Hektor, der die Menschen abgrundtief hasst, ist der Beginn einer aufwühlenden Reise. Mit jeder Auseinandersetzung knistert die Luft zwischen ihnen noch mehr. Am Ende müssen beide erkennen, dass das Schicksal längst für sie entschieden hat …

Diesen Roman widme ich meinen „Fantastic Four“ Katrin, Saskia, Sabrina und Claudia!

Euch als Testleserinnen zu gewinnen, war wie ein Sechser im Lotto! Danke, dass Ihr mit mir durch das Portal nach Mytherra gegangen seid.

Die Welt Mytherra, im Schimmerwald …

Hektor

Die Nacht hüllt den Wald in ihren schwarzen Schleier, Fetzen aus Nebelschwaden wabern über die moosbedeckte Erde. Das Getrampel unserer Hufe und schweres Atmen durchbrechen die Stille, als ich meinem besten Freund folge. Die Augen der Zentauren passen sich jedem Lichtverhältnis an, sodass ich Nox’ dunkles Fell auch im fahlen Schein des Vollmondes immer wieder aufschimmern sehe.

„Sag mir doch erst mal, was los ist!“, rufe ich ihm mit trockener Kehle zu. „Was ist mit Kreon?“ Die Angst um meinen älteren Bruder macht mich fast wahnsinnig.

„Er steht vor dem Hohen Rat, sie werden ihn verurteilen, Hektor!“ Nox verlangsamt seine Schritte, bleibt schließlich stehen und dreht sich nach mir um. Er atmet schwer und mustert mich sichtlich bestürzt. Ich halte direkt vor ihm inne und blicke ihn entsetzt an.

„Was? Aber wie …“

„Kreon soll ein Portal benutzt haben … in die Welt der Menschen!“

Ich bin für einen Moment wie erstarrt. Dass Kreon von der Idee, in die Menschenwelt zu gelangen, fasziniert, ja fast schon besessen ist, weiß ich. Doch würde er so weit gehen, ein Portal zu benutzen? Und wie hätte er das ohne einen Portalstein anstellen sollen? Aufkommende Panik schnürt mir die Kehle zu und mein Herz rast schmerzhaft, als wir weiter eilen. Tausende von Gedanken schießen mir durch den Kopf, während ich fieberhaft überlege, ob an den Anschuldigungen etwas dran sein könnte. Kreon und ich sind nicht wie die anderen Zentauren. Wir sind Wandler, können menschliche Gestalt annehmen, wie schon unser Vater und Großvater davor. Der Umstand macht uns zu Geächteten im Clan der Zentauren – wir sind nur geduldet und dazu verdammt, in einer Gemeinschaft zu leben, die uns nicht will. Es gibt nicht mehr viele Wandler und unseren wahren Ursprung kennen wohl nur die Titanen.

„Das würde Kreon niemals tun!“, stoße ich hilflos hervor, während wir unseren Weg zum Ratsplatz fortsetzen. In Wirklichkeit bin ich mir gar nicht so sicher, ob mein Bruder nicht doch dazu fähig wäre. Er verhält sich in letzter Zeit seltsam. Immer öfter schleicht er sich heimlich davon, um im Wald allein zu sein. Ich weiß, dass er sich dann verwandelt, denn als ich noch jünger war, haben wir das oft zusammen gemacht. Aber jetzt bin ich kein Kind mehr und ich werde alles dafür tun, eines Tages als gleichwertiges Mitglied des Zentauren-Clans angesehen zu werden. Ich werde mich nie wieder verwandeln. Zentauren hassen die Menschen, das war immer so und wird auch so bleiben. Ich bin ein Zentaur! Für einen kurzen Moment überfällt mich heftiger Zorn, weil Kreon alles zerstört, wofür ich kämpfe.

Wenn sich die Vorwürfe gegen ihn tatsächlich bewahrheiten sollten … nein!

Ich schüttle heftig den Kopf und ermahne mich selbst. Mein Bruder ist unschuldig. Er muss es einfach sein.

Endlich erreichen wir die Lichtung, die der Vollmond silbern erhellt. Die hohen Tannen rings um den Platz gleichen undurchdringlichen Burgmauern, aus denen es kein Entkommen gibt. Die Jäger und Wächter der Zentauren haben sich kreisförmig um den hohen Rat formiert. Einige halten brennende Fackeln in der Hand, um der Dunkelheit zu trotzen. Hier werden der Zentaurenrat abgehalten und Bestrafungen durchgeführt. Auf der Suche nach meinem Bruder sehe ich mich panisch um und entdecke ihn in der Mitte des Platzes. Bei seinem Anblick stockt mir der Atem und mein Magen krampft sich zusammen. Ich will schreien, aber aus meiner trockenen Kehle kommt nur ein ersticktes Geräusch. Kreon hat seine menschliche Gestalt angenommen, nackt und schutzlos ist er dem Clan ausgeliefert. Er kniet auf dem Boden, seine Handgelenke liegen in Ketten, die an zwei Holzpflöcken befestigt sind. Über Kreons breite Brust und seine Oberarme ziehen sich blutige Striemen von Peitschenhieben. Er hält den Blick gesenkt, sein langes, rot-goldenes Haar verdeckt das Gesicht und streift die Erde. Zu seiner Bewachung wurde einer der bösartigsten Jäger abgestellt, Thurius. Die Peitsche noch in der Hand, spuckt der dunkelhäutige Hüne mit der Narbe auf der Wange, auf den Boden vor Kreon.

„Verräter!“, brüllt Rigorus, der Anführer der Zentauren und ich zucke erschrocken zusammen. „Wie kannst du es wagen, die Rasse der Zentauren so zu beschmutzen?“ Das bronzefarbene, graubärtige Gesicht ist vor Hass und Wut zu einer grässlichen Maske verzerrt. In dem Moment erwache ich aus meiner Starre.

„Bindet ihn sofort los!“ Meine Beine zittern und gehorchen kaum, als ich auf das grausame, unwirkliche Szenario zustürze, um meinen Bruder zu beschützen. Ich komme nicht weit, denn sofort versperren mir zwei Wächter den Weg und drängen mich zurück. Kreons Kopf schießt in die Höhe, sein Blick sucht rastlos umher, bis er mich endlich entdeckt. Als ich sein Gesicht sehen kann, keuche ich auf und automatisch schießen mir Tränen in die Augen. Von seiner Unterlippe läuft Blut aus einer Platzwunde an seinem Hals hinunter. Ein Auge ist völlig zugeschwollen und die Haut über dem Wangenknochen aufgerissen. Kreon zerrt an den Ketten und trotz der Dämmerung leuchtet das Türkis des unverletzten Auges wie ein Stern am Firmament.

„Nicht, Hektor!“ Er schüttelt den Kopf, seine Schultern beben. Einer der Wächter packt mich unsanft am Arm.

„Das hier ist nicht deine Angelegenheit, Kleiner. Zurück mit dir!“ Er schnaubt und wirft einen Blick über die Lichtung, zum Oberhaupt des Clans. Rigorus kommt erhobenen Hauptes auf Nox und mich zu, während er seinen Sohn mit argwöhnischem Blick straft. In diesem Moment bin ich unendlich dankbar für dessen unerschütterliche Loyalität und Freundschaft. Mein Bruder ist die einzige Familie, die ich noch habe. Ihn zu verlieren, wäre das Schlimmste, was mir je passieren könnte. Seit ich denken kann, hasst Rigorus Kreon und mich, doch Nox hat diese Tatsache nie sonderlich beeindruckt. Als einziger im Clan hat er uns nie verurteilt. Nach dem Tod unserer Eltern haben wir es in der Gemeinschaft der Zentauren nicht leicht gehabt, aber er war immer an unserer Seite.

Rigorus baut sich vor mir auf, seine kalten Augen blicken starr auf mich herab. Das ergraute Haar und der spitz zulaufende Bart bedecken seine breite Brust.

„Dein Bruder hat ein schweres Verbrechen begangen und wird dafür bestraft werden. So will es unser Gesetz und so haben es auch die Götter vor langer Zeit anerkannt.“

„Seit wann schert ihr euch um die Götter?“ Mein Herz rast in wildem Stakkato. „Kreon hat nichts Unrechtes getan! Lasst ihn frei!“

„Sei still, Hektor!“, zischt Kreon, worauf er sich von Thurius einen Faustschlag ins Gesicht einhandelt. Er spuckt Speichel und Blut und funkelt den Jäger zornig an. Ich will mich losreißen, doch einer der Wächter versetzt mir so unvermittelt einen Hieb in den Magen, dass es mir die Luft aus den Lungen presst. Ich krümme mich zusammen und ringe nach Atem.

„Dein Bruder war bereits geständig!“, fährt Rigorus unbeirrt fort und öffnet seine geballte Faust. In seiner Handfläche liegt ein dunkler, glänzender Stein in der Größe eines Wachteleis. „Er hat den Stein der Reisenden einer Harpyie abgenommen, die er im Kampf besiegt hat. Anstatt ihn abzugeben hat er ihn verbotenerweise benutzt, um damit heimlich durch ein Portal in die Welt der Menschen zu gelangen! Und das nicht nur einmal!“

„Harpyie?“ Ich blinzle irritiert und überlege fieberhaft. Plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen und ich blicke meinen Bruder entsetzt an. Die Harpyie, die damals Lilaja angegriffen hat … das ist mindestens ein Jahr her! Kurz darauf hat Kreon damit begonnen, alleine in den Wald zu gehen. Panik steigt in mir auf, meine Kehle wird eng.

„Sag ihnen, dass das nicht stimmt!“, rufe ich verzweifelt und blicke meinem Bruder flehend entgegen. „Bitte, Kreon! Das ist doch alles nicht wahr!“

„Ich habe ihnen bereits gesagt, dass du davon nichts gewusst hast!“, antwortet Kreon niedergeschlagen und sieht mich schuldbewusst an. „Ich habe mich verliebt, Hektor. Es war nicht geplant, aber ja, ich liebe eine Menschenfrau und …“ Er atmet tief ein und aus. „Sie liebt mich auch.“

Während ich nur langsam begreife, was er da gesagt hat, höre ich entrüstete Aufschreie in den Reihen der Zentauren, einige spucken verächtlich auf den Boden. „Verräter!“, „Bastard!“ sind nur einige der Beschimpfungen, die sie rufen. Mir wird schlecht.

„Bringt den Bruder des Verräters zurück ins Lager und sperrt ihn ein!“ Rigorus hebt die Hand und deutet auf mich. Dann gleitet sein Blick wütend zu seinem Sohn, der bleich und starr neben mir steht. „Nox, wir sprechen uns noch!“

„Vater! Das kannst du nicht machen! Kreon ist alles, was Hektor noch an Familie hat! Er ist doch erst vierzehn Jahre alt! Bitte!“

„Und du bist dreizehn! Und schon alleine deswegen glaube ich nicht, dass ich mir von dir sagen lassen muss, was ich zu tun habe! Stelle nicht meine Geduld auf die Probe, Nox!“

Meine Brust ist eng, mein Magen rebelliert und ich schreie meine Wut und meinen Schmerz hinaus, als mich die beiden Wächter mit Gewalt von der Lichtung fortzerren wollen. Ich wehre mich mit aller Kraft, rufe nach meinem Bruder und unsere verzweifelten Blicke begegnen einander. In diesem Augenblick ahne ich, dass wir uns zum letzten Mal sehen. Aus Kreons Kehle dringt ein hilfloser Laut. Er wirft den Kopf in den Nacken und schaut nach oben, als würde er von seinen geliebten Sternen Hilfe erwarten. Tatsächlich leuchtet das Sternbild des Zentauren in dieser grauenvollen Nacht besonders hell.

„Kreon!“ Ich brülle frustriert auf. „Sag ihnen doch, dass die Anschuldigungen gegen dich nicht wahr sind! Sag es ihnen!“ Tränen laufen mir über das Gesicht, meine Sicht verschwimmt. „Du bist ein Zentaur, Kreon! Und du gehörst hierher!“

Kreon schüttelt seufzend den Kopf. „Aber ich bin auch zum Teil menschlich, genau wie du! Verstehst du das denn nicht?“ Er wirkt sichtlich niedergeschmettert, sein Zwiespalt ist greifbar.

„Nein, das verstehe ich nicht!“, antworte ich in aufsteigendem Zorn. „Ich bin ein Zentaur!“

„Wie dem auch sei …“, unterbricht Rigorus uns schroff, „morgen bei Sonnenaufgang wirst du durch unsere Pfeile sterben, wie es das Gesetz der Zentauren vorsieht! Bereite dich auf deinen Tod vor, Bastard!“ An mich gewandt fügt er hinzu: „Und du wirst zusehen, wie dein Bruder stirbt! Sei gewarnt, jemals unser Blut zu verraten!“

Mein Aufschrei zerreißt die Stille der Nacht, als sie mich von der Lichtung fortbringen.

Die Wächter sperren mich in den Kerker unter dem Ratsplatz, von wo ich keine Chance habe, zu entkommen. Als die schwere Gittertür zufällt, verliere ich jegliche Hoffnung, dass mein Bruder noch gerettet werden kann. Je mehr Zeit vergeht, umso stärker treibe ich zwischen Verzweiflung und Wahnsinn dahin. Irgendwann höre ich plötzlich Schritte und im nächsten Moment steht Nox auf der anderen Seite des Gitters. Völlig aufgelöst kann ich nur den Kopf schütteln und sehe ihn hilflos an.

„Hektor …“, flüstert er. „Ich hol dich hier raus.“

Ich überlege, wie er am Wächter vorbeigekommen ist, als er den Schlüssel hochhebt und mich schief angrinst. Kurz darauf schleichen wir uns an Trebesius vorbei, der tief und fest schläft, dieser versoffene Idiot.

„Ich habe nachgeholfen und seinem Wein etwas beigemischt, aber es hat leider etwas gedauert, bis es gewirkt hat.“ Nox wirft einen verächtlichen Blick zurück auf den Schlafenden. Wir laufen, bis wir weit genug vom Lager entfernt sind, dann erst bleiben wir außer Atem stehen. „Sieh zu, dass du eure Freundin, die Nymphe findest“, raunt mir Nox zu und sieht sich nervös um, als hätte er Angst, jemand wäre ihm gefolgt. „Wenn euch jetzt noch jemand helfen kann, dann sie.“

„Hat dich jemand gesehen, Nox?“, frage ich besorgt. „Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn du wegen uns in Schwierig…“

„Mach dir darüber keine Gedanken“, unterbricht er mich. „Ich bin sicher, dass mich niemand gesehen hat.“

Ich lege eine Hand auf seinen Arm. „Ich stehe für immer in deiner Schuld. Wie kann ich dir nur je dafür danken?“

„Du bist mein bester Freund“, entgegnet er. „Auch wenn dein Bruder etwas Falsches getan hat, ist er alles, was du noch hast. Hilf ihm zu entkommen und du hast mir genug gedankt, ja?“ Er nickt mir ermutigend zu. „Und nun beeil dich!“

Wie von Sinnen laufe ich durch den Wald. Als ich am See ankomme, kann ich mich gar nicht erinnern, wie ich hergekommen bin, so sehr lähmt die Angst meinen Geist. Am Ufer bleibe ich stehen und blicke rastlos über die glitzernde, dunkle Wasseroberfläche.

„Lilaja!“ Meine Kehle ist völlig ausgetrocknet und so geht mein erster Ruf in einem Krächzen unter. Ich räuspere mich nervös und rufe die Nymphe ein zweites Mal.

Lilaja ist eine Najade, oder auch Wassernymphe und lebt alleine an einem See, der versteckt und abgelegen im südlichen Teil des Schimmerwaldes liegt. Seit Kreon und ich ihr Leben gerettet haben, sind wir in tiefer Freundschaft verbunden.

Wie gebannt starre ich zum Wasserfall, hinter dem sich der Eingang der Grotte befindet, in der sie lebt. Plötzlich erscheint etwa in der Mitte des Sees ein dunkler Fleck auf der Wasseroberfläche und verschwindet wieder. Gleich darauf taucht Lilaja nur wenige Meter vor mir auf und blickt mich überrascht an. Als sie aus dem Wasser steigt, wringt sie ihr langes, blondes Haar mit beiden Händen aus, während sie mich besorgt mustert.

„Hektor! Was machst du hier, mitten in der Nacht? Was ist passiert?“

„Bitte …“, krächze ich. „Du musst mir helfen, Lilaja!“

Nachdem ich Lilaja die Kurzfassung dessen erzählt habe, was geschehen ist, eilen wir Seite an Seite durch den Wald zurück. Nymphen können sich unglaublich schnell fortbewegen, sie huschen geradezu über den Boden hinweg.

„Ich brauche den Stein der Reisenden, sonst hat Kreon keine Chance“, sagt sie mit zitternder Stimme. „Meine Instinkte können ihn aufspüren, aber das nimmt etwas Zeit in Anspruch. Ich bin imstande, mit jeder Pflanze und mit jedem Baum zu verschmelzen, das weißt du. Niemand wird mich sehen, wenn ich nach dem Portalstein suche, mach dir keine Sorgen.“

Kurz bevor wir das Gebiet der Zentauren erreichen, bleiben wir stehen.

„Hektor …“ Lilaja sieht mich mit schmerzvoll verzerrter Miene an. „Ich weiß, dass das jetzt alles von dir abverlangt, aber ich kann das Leben deines Bruders nur retten, wenn ich alleine gehe. Und du musst zurück in deine Zelle, damit sie dich nicht verdächtigen können.“

Ich will protestieren, doch sie bringt mich mit einem hektischen Kopfschütteln zum Schweigen. „Du weißt, dass ich Recht habe“, raunt sie mir in der Dunkelheit zu. „Wenn du willst, dass dein Bruder lebt, musst du ihn für immer gehen lassen.“ Sie greift nach meinem Arm. „Es geht um Leben und Tod. Entweder Kreon stirbt in ein paar Stunden, oder ich befreie ihn und er wird Mytherra für immer verlassen.“ Lilaja seufzt schwer. „Ich bin euch ein Leben schuldig und werde diese Schuld nun einlösen. Die Götter werden das verstehen und akzeptieren. Doch den Stein der Reisenden zu besitzen wäre mehr als ein grober Verstoß … du weißt, dass ich ihn im Olymp abgeben muss.“

Mein Magen zieht sich zu einem schweren Klumpen zusammen, während Säure meine Kehle hinaufkriecht.

„Das heißt, ich werde Kreon nie wiedersehen“, sage ich erstickt. Der Gedanke daran ist unerträglich. Wie soll ich ohne meinen Bruder weiterleben? Wir schleichen uns an dem noch immer schlafenden Trebesius vorbei und Lilaja sperrt mich wieder ein, bevor sie den Schlüssel zurück zum Wächter legt.

„Ich werde alles tun, um Hektor zu retten, das verspreche ich.“ Lilaja sieht mich von der anderen Seite des Gitters ermutigend an.

„Und ich … kann mich wirklich nicht von ihm verabschieden?“, frage ich und umklammere die Gitterstäbe meines Gefängnisses so fest, dass meine Knöchel weiß hervorstehen.

„Tut mir leid“, antwortet Lilaja stockend und sieht zu mir auf. „Sobald ich den Stein und auch Kreon habe, werde ich das Portal öffnen und ihn hindurch lassen. Danach mache ich mich aus dem Staub.“ Das Licht einer Fackel zaubert funkelnde Tränenspuren auf ihre Wangen, während sie ihre kleinen Hände um meine schließt. Ein Schluchzen löst sich aus meiner Kehle, meine Beine beginnen so sehr zu zittern, dass meine Vorderläufe nachgeben und ich zu Boden sinke.

„Ich hasse ihn“, sage ich mit bebenden Schultern. „Ich hasse Kreon, für das, was er mir angetan hat.“

Ich nehme Lilajas Hand auf meiner Schulter wahr und doch habe ich das Gefühl, meinen Körper nicht mehr zu spüren. Alles geht in einem überwältigenden, lähmenden Schmerz unter.

„Ich muss gehen“, höre ich Lilaja sagen, doch es klingt, als wäre sie bereits weit weg. Ich schließe die Augen und krümme mich zusammen. Plötzlich ist es, als würde die Welt über mir einstürzen und mich unter ihren Trümmern begraben. Ich bin allein …

10 Jahre später, in der Welt der Menschen …

Ben

Das schrille Klingeln meines Handyweckers reißt mich mitten aus dem Schlaf und katapultiert mich mit einer Wucht in den Tag, dass ich ein paar Sekunden brauche, um richtig wach zu werden. Noch ganz benommen taste ich nach dem Handy auf dem Nachttisch, finde es und lasse es verstummen. Mein Herz rast immer noch wie verrückt, so real war dieser verdammte Traum gerade eben! Seit ich denken kann, verfolgt er mich. Leise fluchend stehe ich auf und versuche mich zu beruhigen. Auf dem Weg ins Bad rufe ich mir die Bilder meines ungewollten, nächtlichen Abenteuers in Erinnerung. Warum träume ich immer wieder dasselbe? Mein Körper schwebt schwerelos im Himmel … zumindest glaube ich das, denn ich bin umgeben von dichten Wolken. Ich schaue auf den Gipfel eines Berges und auf ein gewaltiges Gebäude. Wenn ich hinunterblicke, sehe ich meine Füße in der Luft baumeln. Die Watteberge aus Wolken sind so dick, dass ich darunter keine Landschaft erkennen kann. Jemand ruft nach mir, es ist ganz klar die Stimme einer Frau. Ich kann sie nicht verstehen, aber ich weiß, dass sie mich meint und ihr Rufen wird immer verzweifelter. Ich versuche irgendwie näher heranzukommen, rudere mit Armen und Beinen, aber je mehr ich mich bewege, umso stärker werde ich von einer unsichtbaren Macht zurückgedrängt. Heute hat mich mein Wecker davor bewahrt, ins Nichts zu fallen, denn das ist es, was mich sonst aus dem Schlaf reißt. Ich stürze dann mit solch einer Heftigkeit in die Tiefe, dass es mir den Atem aus der Lunge presst und ich meist mit einem Aufschrei wach werde. Ich bin schon an der Badezimmertür, als mein Handy klingelt. Zurück am Bett werfe ich einen Blick auf das Display und muss automatisch lächeln, während ich das Gespräch annehme.

„Bennniiiiiii!“, tönt es schrill und für diese Uhrzeit viel zu fröhlich am anderen Ende der Leitung. Noch bevor ich etwas erwidern kann, folgt so lauter Gesang, dass ich das Handy einen Meter vom Ohr weghalten muss. „Happy Birthday to youuuu … Happy Birthday to youuuu … Happy Birthday, mein allerliebster, bester Freuheuuund Bennileiiin, happy Birthday to youuu!“

Ich schüttele lachend den Kopf und stehe auf. Meine beste Freundin hat wirklich einen an der Klatsche, aber man muss sie einfach lieben.

„Bennilein?“, erwidere ich gespielt entsetzt. „Ernsthaft? Wann gewöhnst du dir diese schwulen Spitznamen endlich ab?“

„Niemals!“ Sabrina lacht überdreht. „Alles Gute zum Geburtstag, Schatzi! Schon wach?“

„Danke. Jetzt auf jeden Fall. Um diese Uhrzeit schon so aufgekratzt zu sein, ist pervers, weißt du das?“

Erneutes Lachen. „Ich freue mich schon auf heute Abend. Soll ich dich abholen?“

Ich überlege kurz. „Kreon und Anna haben gefragt, ob wir noch vorbeikommen, bevor wir weggehen, also wäre es schön, wenn du gegen sieben bei mir sein könntest.“

Ich unterrichte Sport und Mathematik an einer Realschule und fahre meistens mit dem Fahrrad zur Arbeit. Es gibt nichts Besseres, als morgens durch den Englischen Garten zu fahren und die Natur zu genießen. Mein Geburtstag fällt dieses Jahr auf den letzten Schultag vor den Sommerferien und so mache ich mich gut gelaunt auf den Weg. Schon nach kurzer Zeit erreiche ich den Englischen Garten und verlangsame mein Tempo. Die Reifen meines Fahrrades knirschen auf dem Kies, ansonsten hört man um diese Uhrzeit nur Vogelgezwitscher. Wie jeden Tag komme ich am Monopteros vorbei und halte kurz an. Seit ich denken kann, übt der kleine, griechische Rundtempel eine Anziehungskraft auf mich aus, deren Grund ich mir nicht erklären kann. Ich blicke hinauf, wo sich die weißen Säulen des Tempels majestätisch über einem Hügel erheben und die Strahlen der Morgensonne willkommen heißen. Je länger ich ihn ansehe, umso stärker wird diese rätselhafte Sehnsucht nach etwas, das ich nicht mal benennen kann. Es ist einfach ein Gefühl, als würde ich etwas vermissen, aber ich weiß nicht was. Sabrina und ich haben schon viel Zeit da oben verbracht, aber wir haben noch nicht herausgefunden, warum dieser Ort mit meinen Gefühlen Achterbahn fährt. Ich seufze leise und will gerade wieder auf meinen Sattel steigen, um weiterzufahren, als ich ein vertrautes Flüstern vernehme. Es ist als hörte ich den Wind, obwohl sich kein Lüftchen regt. Und dieser Wind trägt eine Stimme mit sich, die sonst niemand bemerkt. Mich fröstelt und meine Nackenhaare stellen sich auf, während ich mein Fahrrad abstelle und der Stimme folge. Schon nach ein paar Metern sehe ich, wer, oder besser gesagt, was mich ruft und meine Hilfe braucht. Ich sehe mich kurz um, um mich zu vergewissern, dass niemand in der Nähe ist. Dann laufe ich die restlichen Schritte und stehe vor einem wunderschönen Lindenbaum. Ein Ast wurde gewaltsam abgerissen und hängt nur noch lose an ein paar Holzfasern. Ganz sanft lege ich meine Hände auf den Ast und schließe die Augen. In meinem Kopf manifestiert sich ein Bild von ein paar betrunkenen Typen, die sich einen Spaß daraus machen, sich gewaltsam an den Ast zu hängen. Sie rütteln und zerren daran, bis er nachgibt und schließlich abbricht. Lachend und grölend machen sich diese Idioten danach aus dem Staub. Wut steigt in mir auf und ich verfluche diese beschissenen Kerle. Mit geschlossenen Lidern verbinde ich mein ganzes Sein mit dem Baum und werde Eins mit der Natur. Schon nach einigen Sekunden erfasst mich eine Energiewelle, die von meinen Füßen aufwärts durch mich hindurch strömt und sich bis in meine Fingerspitzen ausbreitet. Ich atme tief ein und aus … mit dem Herzschlag des Wachsens und Blühens, der meinen Körper und Geist jedes Mal in eine kurze, aber intensive Trance versetzt. Ich spüre, wie die Linde heilt, wie der Ast sich aufrichtet und wieder da anwächst, wo er hingehört. Zufrieden öffne ich die Augen und trete einen Schritt zurück. Als der Wind sanft durch die Blätter fährt, hört es sich an, wie ein geflüstertes ‚Danke‘. Ich nicke lächelnd, bevor ich mich umdrehe und eilig zu meinem Fahrrad zurückkehre. Mein Blick schweift nervös umher, doch ich kann niemanden sehen, der etwas von meiner Aktion mitbekommen hätte.

Es ist kurz vor acht, als ich das Klassenzimmer betrete und meine Schüler begrüße. Dass ich heute Geburtstag habe, posaune ich nicht groß in der Gegend herum, also bekomme ich von den meisten der Neuntklässler wie gewohnt ein müdes und weniger enthusiastisches ‚Morgen‘ zurück. Auf die erste Reihe hingegen kann ich mich wie immer verlassen. Lydia, Sophie und Anna Maria sehen mich mit verklärten Blicken an und flöten einstimmig: „Guten Morgen, Herr Wagner.“ Als ich ihnen ein freundliches Lächeln zuwerfe, könnte ich schwören, ein Seufzen zu hören. Nachdem ich meine Tasche auf dem Schreibtisch abgelegt habe, zähle ich kurz durch und stelle fest, dass einer fehlt. Ich rolle mit den Augen und werfe einen Blick auf meine Armbanduhr.

„Ruhe, Leute!“, rufe ich in die große Runde und sehe kurz zur Tür. „Ihr wollt doch Hakans großen Auftritt nicht verpassen, oder?“ Jetzt hab’ ich volle Aufmerksamkeit und achtundzwanzig Augenpaare richten sich auf mich. „Was wird es diesmal sein?“, frage ich und überlege, während ich vor meinen Schreibtisch trete und mich dagegen lehne. „Ey sorry, Herr Wagner, ich kann nix dafür“, ahme ich Hakan nach und ernte schon die ersten Lacher. „Wir haben heute früh die Katze verlegt und mussten sie suchen … oder hat das arme Tier gar die Schultasche gefressen und er musste warten, bis es sich übergeben hat?“, frage ich amüsiert. Lautes Gelächter füllt den Raum aus, als im nächsten Moment die Tür aufgerissen wird und ein schwarzhaariger Junge mit hochrotem Gesicht hereinstürmt.

„Ey sorry, Herr Wagner!“, japst er abgehetzt. „Ich schwör, ich kann nix dafür!“ Jetzt gibt es kein Halten mehr, das Gelächter der Schüler hallt mit Sicherheit bis auf den Flur hinaus. Hakan zuckt zusammen und sieht sich irritiert um. Obwohl es überhaupt nicht mehr möglich scheint, läuft sein Gesicht noch dunkler an. Mit einem Handzeichen ermahne ich alle zur Ruhe und sehe Hakan an.

„Guten Morgen, Hakan“, begrüße ich meinen notorischen Zuspätkommer. „Was hat dich denn diesmal davon abgehalten, pünktlich zum Unterricht zu erscheinen?“

Ein paar Sekunden sieht mich mein Schüler an und scheint fieberhaft zu überlegen, was er antworten soll. Ich kann regelrecht die Zahnräder in seinem Gehirn klicken hören. Er kratzt sich verlegen hinter dem Ohr und grinst schließlich schief.

„Also meine Oma hat den Wecker gestellt“ antwortet er, worauf die ersten bereits zu lachen beginnen. „Aber sie hat die Zeitverschiebung mit der Türkei wohl vergessen.“ Ich muss die Klasse ein weiteres Mal zu Ruhe ermahnen, doch zugleich muss ich mich zusammennehmen, um nicht lauthals loszuprusten. Während sich Hakan mit gesenktem Haupt zu seinem Platz begibt, setze ich mich kopfschüttelnd an meinen Schreibtisch, um die Zeugnisvergabe vorzubereiten.

Der restliche Vormittag verläuft recht ereignislos. Der Unterricht endet heute bereits um kurz nach zehn Uhr und so strömen die Massen unter Freudengeschrei, Lachen und lautem Stimmengewirr durch die Schulflure und aus dem Gebäude. Ich staple meine Unterlagen, um sie in meiner Tasche zu verstauen, als ich bemerke, dass ich angestarrt werde. Lydia, Sophie und Anna Maria stehen vor mir und strahlen um die Wette. Ich grinse etwas irritiert zurück.

„Na? Ich dachte eigentlich, ihr könnt es gar nicht erwarten, hier rauszukommen. Gibt es noch etwas?“, frage ich neugierig, worauf Sophie, die in der Mitte steht, etwas hinter ihrem Rücken hervorholt.

„Alles Gute zum Geburtstag, Herr Wagner“, sagt sie, während ihre Wangen die Farbe von überreifen Tomaten annehmen. Ihre Freundinnen nicken beipflichtend und kichern, während mir ein in pinkfarbenes Papier gewickeltes Geschenk mit goldener Schleife entgegengestreckt wird. Ich sehe die Mädels erstaunt an.

„Woher wisst ihr, dass ich heute Geburtstag habe?“, frage ich.

„Wir haben da so unsere Informationsquellen“, antwortet Sophie selbstbewusst, worauf alle drei glucksen.

„Ja und außerdem wollen wir uns auch für den tollen Unterricht bedanken, den Sie immer machen.“ Anna Maria lächelt so breit, dass ich einen Moment nur zwei weiße Zahnreihen sehe. „Seit wir Sie in Sport haben, ist das mein Lieblingsfach“, fügt sie hinzu und nickt dabei nachdrücklich. Da sie beim Sportunterricht meistens mit ‚verstauchtem Knöchel‘ auf der Bank sitzt, bezweifle ich das zwar, aber ich fühle mich geschmeichelt. Ich nehme das Geschenk an und nicke den dreien freundlich zu.

„Wow, das ist aber nett von euch, vielen Dank.“

„Sie können es später aufmachen, schöne Ferien Herr Wagner!“

„Das wünsche ich euch auch“, antworte ich amüsiert. „Erholt euch gut.“

Die drei verschwinden kichernd und ich packe grinsend meine restlichen Sachen zusammen.

Die Kolleginnen und Kollegen sind bereits da, als ich das Lehrerzimmer betrete. Ich werde mit lautstarkem Jubel begrüßt, während Sektkorken knallen. Auf dem Konferenztisch hat Frau Stieglmeier, unsere Sekretärin, selbstgemachte Häppchen serviert und schenkt geschäftig die Gläser voll. Wie praktisch, dass mein Geburtstag ausgerechnet auf den letzten Schultag fällt, an dem wir ohnehin feiern.

„Hui, schaut mal, Ben hat ein pinkfarbenes Geschenk bekommen!“ Andrea, unsere Religionslehrerin, ist chronisch gut gelaunt und hängt an beinahe jeden Satz ein vergnügtes Glucksen an. Sie hält mir ein Sektglas hin und sieht mich durch die Gläser ihrer Hornbrille vergnügt an. Ihre pausbäckigen Wangen glühen, als hätte sie bereits ein, zwei Gläschen intus.

„Alles Gute zum Geburtstag, Ben!“

Auch die anderen kommen jetzt näher, um zu gratulieren und um zu sehen, was ich von meinen Schülerinnen geschenkt bekommen habe.

„Nun mach es schon auf!“

„Ich habe noch nie etwas von meinen Schülern zum Geburtstag bekommen.“

„So jung und gutaussehend müsste man halt noch sein.“

Während ich die Verpackung löse, quasseln alle durcheinander.

„Ihr seid schlimmer als die Kids“, stelle ich lachend fest, während ich eine Packung Pralinen und ein paar Socken aus einem kleinen Karton nehme.

„Socken?“, fragt Frau Reimann, die Direktorin verwundert, worauf ich lachend nicke.

„Ja, aber nicht irgendwelche Socken“, antworte ich begeistert, während ich mein Geschenk hochhebe, damit alle es sehen können. „Star Wars – Meister Yoda – Socken mit Ohren!“ Meine Kollegen brechen in Gelächter aus, während ich die Socken grinsend betrachte. Sie sind knallgrün, mit dem Gesicht von Yoda vorne drauf und seitlich stehen seine großen, spitzen Ohren ab.

„Die Mädels haben wirklich gut aufgepasst“, sage ich und schüttle amüsiert den Kopf.

„Natürlich – sie machen ja nichts anderes, als seufzend an deinen Lippen zu hängen und deiner Stimme zu lauschen“, erwidert Andrea, worauf die anderen erneut lachen. Ich rolle mit den Augen, zugleich spüre ich so etwas wie Stolz. Von meinen Kollegen bekomme ich einen Gutschein für mein Lieblingsrestaurant, einem Mexikaner in Schwabing, in dem ich heute Abend mit Freunden feiern werde. Vom Sekt leicht beschwipst mache ich mich ein wenig später auf den Weg zu meiner Familie, die eine knappe halbe Stunde von der Schule entfernt wohnt. Meine Stiefmutter macht mir zu Ehren heute ganz traditionell Schweinebraten mit Knödeln und Blaukraut. Als ich sechs Jahre alt war, haben mein Vater und Marlies geheiratet und ich habe noch einen Bruder und eine Schwester dazu bekommen. Felix ist achtzehn und besucht die Fachoberschule, während unser Nesthäkchen Antonia nach den Ferien die vierte Klasse der Grundschule besuchen wird.

Meine leibliche Mutter habe ich nie kennengelernt, ihre gesamte Existenz und die Umstände, wie sie mich damals bei meinem Vater gelassen hat, sind sehr mysteriös. Ich weiß nur, dass ich wohl aus einem One-Night-Stand entstanden bin. Sie hat meinem Vater nicht mal ihren Namen genannt. Alles, was ich von ihr habe, ist ein unförmiger, geschliffener Smaragd, in der Größe einer Zwei-Euro-Münze. Mein Vater hat mir den Edelstein an meinem zwölften Geburtstag gegeben, seitdem trage ich ihn an einem Lederband um den Hals. Vaters Erzählungen nach muss meine Mutter wunderschön gewesen sein, aber sehr geheimnisvoll und zurückhaltend. Ihre Augen sollen vom selben intensiven Grün gewesen sein wie der Smaragd. Und genau diese Farbe haben auch meine Augen, aber ich verstecke sie unter braunen Kontaktlinsen. Als Kind bin ich ständig angeglotzt und gehänselt worden, bis mein Augenarzt offiziell eine Lichtempfindlichkeit diagnostizierte und ich in der Schule eine Brille mit verdunkelten Gläsern tragen durfte. Der Arzt hat damals gesagt, es wäre wohl eine Laune der Natur, er selbst habe in seiner ganzen Laufbahn nie solch eine Augenfarbe gesehen – auch keiner seiner Kollegen. Es ist nicht nur dieses tiefe Grün allein, manchmal scheinen meine Augen regelrecht von innen zu leuchten. Je nach Stimmung variiert die Farbe. Wenn ich zum Beispiel wütend bin, wird sie dunkel wie der Grund eines Moorsees. Bei Aufregung jeglicher Art scheint das Grün am intensivsten und dann tanzen goldene Lichter in den Iriden.

Vater erinnert sich an eine feucht-fröhliche Nacht, in der er mit einigen seiner Studienkollegen um die Häuser gezogen war. Meine Mutter stand plötzlich irgendwann da und hat ihn buchstäblich verzaubert. Diese Begegnung muss wie ein Rausch gewesen sein, der jedoch nicht nur dem Alkohol geschuldet war. Sie besaß eine außergewöhnliche Aura, die alles wie im Traum erschienen ließ, erzählt er heute noch mit einem Gesichtsausdruck, den ich nicht deuten kann. Zerstreut, verwundert und nachdenklich, würde ich sagen.

Am Morgen danach war sie verschwunden und tauchte gut neun Monate später mit mir auf, um mich quasi einfach auf der Türschwelle abzulegen. Vater hat sie nur kurz gesehen und sie sagte ihm, ich sei etwas ganz Besonderes und er solle mir einen schönen Namen geben. Ich glaube nicht, dass sie damit so etwas wie ‚Benjamin‘ meinte, denke ich seufzend und verdrehe in Gedanken die Augen. Auch wenn sie ihr eigenes Kind verließ, hat er nie ein böses Wort über sie verloren – im Gegenteil. Sie wirkte wohl sehr unglücklich und hat mich unter Tränen bei ihm gelassen. Was meine eigenartige Gabe betrifft, dass ich mit Pflanzen kommunizieren und diese heilen und wachsen lassen kann: Ich bin sicher, es hat etwas mit meiner leiblichen Mutter zu tun. Wenn ich diese Fähigkeiten von ihr habe, macht es mich unglaublich wütend, dass sie mich ohne ein Wort der Erklärung zurückgelassen hat.

Meine Familie lebt im Stadtteil Oberföhring und so führt mich mein Weg erneut quer durch den Englischen Garten, der jetzt von Schülern, Spaziergängern und Touristen nur so wimmelt. An der Wohnungstür angekommen, ist mein kleiner Schwips bereits verflogen, dafür knurrt mein Magen. Marlies öffnet mir die Tür und schließt mich sofort in die Arme. Sie hat nie einen Unterschied zu ihren eigenen Kindern gemacht und mich immer so geliebt, wie eine Mutter es tun sollte. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.

„Ben! Alles Gute zum Geburtstag, mein Lieber. Wie war es in der Schule? Hast du Hunger?“

„Danke, ach wie immer, ja und wie“, erwidere ich grinsend, um ihre Fragen in der richtigen Reihenfolge zu beantworten. Sie nimmt mich kichernd an der Hand und zieht mich in die Wohnküche. Sofort stürmt mir ein blonder Wirbelwind entgegen und ich schließe meine kleine Schwester in die Arme und hebe sie hoch.

„Hey, Prinzessin!“ Ich küsse sie auf die Wange. „Wie war der letzte Schultag?“

„Gut, aber sehr stressig“, antwortet sie augenrollend, worauf ich lache. „Alles Gute zum Geburtstag!“ Antonia schlingt ihre Arme so fest um meinen Hals, dass ich beinahe ersticke und zum Spaß Würgegeräusche mache.

„Du … bringst … mich … ja … um“, krächze ich, „aber vielen Dank.“

Antonia gluckst, während ich sie wieder auf dem Boden abstelle, um den Rest der Familie zu begrüßen. Felix ist viel zu cool, um mich zu umarmen und so streckt er mir die Hand entgegen und klopft mir mit der anderen auf die Schulter.

„Alles Gute, Bro“, gratuliert er mir lässig und grinst schief.

„Danke.“ Ich grinse zurück und boxe ihm leicht gegen die Brust.

„Ben!“ Mein Vater kommt auf mich zu und schließt mich in seine Arme.

„Alles Gute zum Geburtstag! Wir haben schon auf dich gewartet.“ Er blickt mich stolz an und schüttelt langsam den Kopf. „Sechsundzwanzig“, sagt er, als könne er es kaum glauben. „So viele Jahre ist es schon her, dass du so unerwartet in mein Leben geschneit bist und es jeden Tag schöner und glücklicher gemacht hast.“

Ich hebe eine Augenbraue. „So? Ich dachte, du wusstest damals nicht mal, was ein Baby ist und hast Oma und Opa erstmal panisch nach einer Gebrauchsanweisung gefragt?“, antworte ich frech, worauf alle lachen. Antonia hält sich die Hände vor den Mund und prustet los. Vater wird tatsächlich ein bisschen rot und kratzt sich hinter dem Ohr. Obwohl er langsam grau an den Schläfen wird, sieht er gerade unheimlich jung aus.

„Na ja …“, sagt er peinlich berührt und wirft seiner Jüngsten einen gespielt beleidigten Blick zu, worauf sie noch mehr lacht. „Ich war ja damals noch selbst sehr jung … nicht recht viel älter als Felix jetzt. Ich wusste nicht, was so ein Baby braucht und wie herum man es hält. Außerdem musste ich jeden Tag zur Uni und hätte mich gar nicht alleine um Ben kümmern können. Ja, ich gebe zu, ohne Oma und Opa wäre ich komplett aufgeschmissen gewesen.“

„Wo sind die beiden überhaupt?“, frage ich. „Ich dachte, sie wollten auch kommen?“ Marlies will gerade antworten, als es auch schon an der Tür klingelt.

„Ich geh schon!“, ruft Antonia fröhlich, während sie aus der Wohnküche in den Flur saust. Ich muss innerlich lachen, als ich höre, wie überschwänglich meine Schwester unsere Großeltern begrüßt.

„Da ist ja jemand schon wieder einen Meter gewachsen“, sagt Großvater gespielt erstaunt, worauf Antonia kichert.

„Quatsch, Opa! Doch nicht einen Meter!“, erwidert sie altklug. „Kommt schnell, Ben ist schon da!“

Großmutter schließt mich als erste in ihre Arme, um zu gratulieren. Wie immer sieht sie sehr elegant aus. Ich kann mich nicht erinnern, sie einmal ohne ein schönes Kostüm gesehen zu haben und ohne dass ihr graues, kinnlanges Haar in gepflegte Wellen gelegt war.

„Ben, mein Lieber“, sagt sie sanft. „Alles Gute zum Geburtstag. Hach, manchmal habe ich das Gefühl, es war gestern, als dein Großvater und ich nach dem aufgeregten Anruf deines Vaters gekommen sind und dich das erste Mal im Arm hielten.“ Sie schüttelt den Kopf, ihre Augen werden feucht. „Uns war sofort klar, dass du ein ganz besonderer Junge bist.“ Sie sieht mich verschwörerisch an und zwinkert mir zu. Meine Großeltern, Marlies und auch Felix wissen von meiner Gabe, Antonia jedoch noch nicht. Sie wird es irgendwann erfahren, wenn sie größer ist und keine Gefahr mehr besteht, dass sie sich irgendwann, irgendwo verplappern könnte. „Es war Liebe auf den ersten Blick – du warst ja so ein hübsches Baby“, fährt Großmutter fort und seufzt selig. Ich drücke ihr einen Kuss auf die Wange und bedanke mich gerührt.

„Ich war doch auch ein hübsches Baby, oder?“, ruft Antonia dazwischen, worauf Großmutter ein Stück zurücktritt und ihr lächelnd über den Kopf streicht.

„Natürlich warst du das, Liebes.“

„Felix war bestimmt hässlich, oder?“, fragt sie, worauf unser Bruder lautstark protestiert.

„Hey, ich war der Hübscheste von allen! Bin ich heute noch.“

Wir lachen alle, während mir mein Großvater gratuliert.

„Glückwunsch, mein Junge“, sagt er und zieht mich in eine holprige Umarmung, während er mir auf den Rücken klopft. Mein Großvater passt optisch zu seiner Frau, wie ein Bauarbeiter auf ein rosa Plüschsofa und doch sind sie das harmonischste Paar, das ich kenne. Ohne seine bayrische Lederhose verlässt er nicht das Haus, was meine Großmutter stets unkommentiert und mit einem resignierten Lächeln akzeptiert. Seinen grauen Bart, der ihm mittlerweile bis gut zehn Zentimeter unters Kinn reicht, hegt und pflegt er, wie andere ihr teuerstes Pferd.

„Ich habe mir gedacht, wir essen in der Küche und zum Kaffee gehen wir hinüber ins Wohnzimmer.“ Marlies nimmt ihre Kochschürze ab und begrüßt ihre Schwiegereltern. Ihre eigenen Eltern wohnen am anderen Ende von Deutschland, in Hamburg, daher sehen wir sie nicht sehr oft. Jeden Besuch in der Hansestadt verbinde ich mit schönen Erinnerungen.

Wir sitzen am großen runden Tisch in der Küche und ich genieße die Zeit mit meiner Familie. Wir kommen viel zu selten alle zusammen und so hat jeder etwas zu erzählen. Meine Großeltern planen einen Wochenendtrip nach Südtirol, worauf sie sich sehr freuen. Felix erzählt uns, dass er momentan einen Abitur-Schnitt von 1,8 hat und auf alle Fälle das dritte Jahr zur allgemeinen Fachhochschulreife machen wird. Antonia wünscht sich zu ihrem Geburtstag auch einen Schweinebraten, aber mit größeren Knödeln – außerdem eine Meerjungfrauen-Barbie, samt Meermann-Ken dazu. Vater und Marlies sehen einander wie immer verliebt an und halten am Tisch Händchen. Ich schweige und beobachte dankbar unsere fröhliche Runde.

Während die anderen nach dem Essen ins Wohnzimmer hinüber gehen, bleiben Vater, Großvater und ich noch in der Küche, um gemeinsam einen Schnaps zu trinken. Vater schenkt uns drei Williams ein und wir stoßen an.

„Auf dich, mein Junge“, sagt Großvater stolz und Vater nickt beipflichtend.

„Auf dich, Ben!“ Ich schlucke das grausige Zeug und schüttle mich innerlich, als ich plötzlich einen Windhauch spüre. Mein Blick fällt zum Fenster hinüber, wo eine Basilikumpflanze im Topf ums Überleben kämpft.

„Oh Gott, du armes Ding“, sage ich entsetzt und gehe hinüber, um den Schaden genauer unter die Lupe zu nehmen. Vater und Großvater folgen mir.

„Kannst du da noch was machen?“, fragt Großvater und blickt dann seinen Sohn missbilligend an. „Ja, gießen musst du deine Pflanzen schon, Ludwig“, fügt er tadelnd hinzu und schnalzt ein paar Mal mit der Zunge. Vater zuckt mit den Schultern und ich muss innerlich lachen, weil er wie ein kleiner Junge den Kopf einzieht, als hätte er was angestellt und wäre dabei erwischt worden.

„Ich weiß nicht, was ich falsch mache, aber dieses scheiß Basilikum geht mir immer ein.“

Als ich ihm einen vorwurfsvollen Blick zuwerfe, entschuldigt er sich sofort.

„Ich meine, also ohne scheiß … nur Basilikum, sorry.“

„Schon gut, sie nimmt es dir nicht krumm“, antworte ich und nehme die Pflanze näher in Augenschein. Sie ist völlig ausgetrocknet.

„Du hast sie zu wenig gewässert. Außerdem verträgt sie kein kaltes Wasser und vermutlich hast du wieder darüber gegossen, statt in den Übertopf.“

Er kratzt sich hinter dem Ohr.

„Ist das denn wirklich so wichtig?“

„Jep, ist es“, antworte ich, während ich meine Hände knapp über den verdorrten Blättern schweben lasse und konzentriert die Augen schließe. In meinem Kopf höre ich den Wind, der die Wipfel der Bäume sanft hin und her wiegt, Vogelgezwitscher, hoch oben in den Baumkronen … und das vertraute Flüstern und Ächzen der Pflanzen, wenn ich sie heile. Wenn sie zu neuem Leben erwachen, mir ihre Blütenköpfe und Blätter entgegenstrecken. So rasch wie sie gekommen sind, verstummen die Geräusche und als ich die Augen öffne, ist die Pflanze satt und grün und gesund. Lächelnd berühre ich eines der Blätter behutsam mit den Fingerspitzen. Der intensive Duft von Basilikum steigt mir in die Nase und erfüllt den ganzen Raum.

„Auch wenn es mich immer wieder fasziniert, macht es mir doch genauso viel Angst“, wispert Vater neben mir. Als ich ihn ansehe, starren er und Großvater den Kräutertopf mit großen Augen an.

„Macht euch keine Sorgen, ich kann es mittlerweile ganz gut steuern. Niemand außer euch und Sabrina wird es je erfahren.“

„Das war aber nicht immer so und ich denke mit Grauen an die Zeit zurück, als es dir Angst gemacht hat und du dich allein und ausgeschlossen gefühlt hast“, erwidert Vater leise.

„Da war ich noch ein Kind.“ Ich lege eine Hand auf seine Schulter. „Wir hatten es wirklich nicht leicht. Aber ihr habt immer an mich geglaubt und mich behandelt, wie ein ganz normales Kind.“

„Das warst du für uns ja auch“, erwidert Großvater nachdrücklich. „Na ja, mit ein paar Extras halt.“

Ich grinse. „Ich kann mich noch an Papas Gestammel erinnern und an seine Schweißausbrüche, als er versucht hat, der Nachbarin zu erklären, wie unsere Zimmerpflanzen über Nacht mutieren konnten.“

Heute können wir gemeinsam darüber lachen … auch bei der Erinnerung, wie ich in der Schule mein Klassenzimmer verschönern wollte und es plötzlich aussah, als würde sich der Raum mitten im Wald befinden. Als ich etwa acht oder neun war, hat alles angefangen. Ich interessierte mich immer mehr für die Natur und die verschiedenen Pflanzen. Ich hörte ihr Flüstern und war imstande, sie wachsen zu lassen, oder zu heilen. Anfangs habe ich es überhaupt nicht kontrollieren können und es war sehr schwer, alles zu erklären. Mit der Zeit habe ich gelernt, meine Fähigkeiten zu unterdrücken, oder gezielter einzusetzen.

„Und heute bist du ein junger, erfolgreicher Mann und ich kann dir gar nicht sagen, wie stolz ich auf dich bin.“ Vater lächelt selig und scheint für ein paar Sekunden in Erinnerungen zu schwelgen. In dem Moment steckt Marlies den Kopf zur Tür herein

„Kommt ihr? Ben, du musst die Kerzen ausblasen.“

Eine Tasse Kaffee und zwei Tortenstücke später wird es Zeit, nach Hause zu fahren, denn ich hab’ noch einiges vor.

„Dann wünsche ich dir ganz viel Spaß heute Abend“, sagt Marlies, während sie den Rest der Geburtstagstorte in eine Frischhaltedose packt.

„Nicht so viel!“ Ich verdrehe die Augen. „Wer soll denn das alles essen?“

„Ach, ich kenn euch doch“, mischt sich Vater grinsend ein und drückt Marlies einen Kuss auf die Wange. „Ihr kommt um drei Uhr morgens betrunken heim und habt tierischen Hunger.“

Als ich ihn amüsiert mustere, zuckt er mit den Schultern. „Was? Das war bei uns damals auch nicht anders, stimmt’s Schatz?“, wendet er sich an seine Frau, die ihm beipflichtet, indem sie vehement nickt.

„Auf jeden Fall! Wenn es wirklich zu viel ist, kannst du deinen netten Nachbarn etwas bringen.“

Ich hebe beschwichtigend die Hände. „Okay, okay … ich nehm’s ja mit. Bei Kreon und Anna schauen wir eh noch vorbei, bevor wir gehen. Vielen Dank.“

Nachdem ich mich vom Rest der Familie verabschiedet habe, begleitet mich Vater zur Tür.

„Ben?“

„Ja?“ Die Hand bereits auf der Türklinke, schaue ich mich nach ihm um.

„Du trägst doch den Stein, oder?“ Plötzlich wirkt er nervös. „Ich weiß, das ist albern, aber ich habe tatsächlich das Gefühl, er beschützt dich … irgendwie. Keine Ahnung. Gerade wenn ihr nachts unterwegs seid.“ Hilflos zuckt er mit den Schultern und lächelt mich schief an. Instinktiv greife ich in den Kragen meines Hemdes, taste nach dem Edelstein und ziehe ihn hervor.

„Klar, Papa – immer.“

„Nimm ihn nicht ab, okay?“

Ich schüttle lächelnd den Kopf. „Niemals, versprochen.“

Zur selben Zeit in Mytherra, im Schimmerwald …

Hektor

Mit jedem Schritt, den ich mich vom Zentauren-Lager entferne, kann ich leichter atmen. Manchmal habe ich das Gefühl, es keinen Tag mehr dort aushalten zu können, aber wo sollte ich denn sonst hin? Zentauren sind Wesen, die nur in Clans leben. Wir sind keine Einzelgänger und doch fühle ich mich unheimlich einsam. Mein Blick folgt einem der letzten Sonnenstrahlen, die sich vor der Abenddämmerung ihren Weg zwischen die dicht stehenden Bäume erkämpfen. Ich schließe seufzend die Augen und genieße für einen Moment die friedliche Stille. Nur ganz oben, in den Wipfeln der Tannen, Kiefern und Eichen hört man das fröhliche Zwitschern der Vögel. Ich bin auf dem Weg zum Teich, wo ich mich mit Lilaja verabredet habe. Seit Kreons Flucht vor zehn Jahren gab es fast keinen Tag, an dem wir uns nicht gesehen haben. Die offene Abneigung und der Hass des Clans sind oft unerträglich. Hier im Wald habe ich das Gefühl, Kreon näher zu sein. Zugleich übermannt mich oft die Wut, denn wegen ihm bin ich nichts anderes, als der Bruder des Verräters.

Lilaja wartet bereits auf mich und winkt mir fröhlich zu, bevor sie zügig ans Ufer schwimmt. Ihre unbeschwerte Art ist jedes Mal Balsam für meine geschundene Seele. Mit ihr kann ich meine Sorgen teilen, sie hört mir stundenlang zu. Die Najade ist wie eine Schwester für mich - und das war sie auch für Kreon.

Der Sonnenuntergang hinterlässt ein prächtiges Farbenspiel, das rot und orange auf dem Wasser tanzt. Es heißt, die Zeit heile alle Wunden, doch ich vermisse meinen älteren Bruder mit jedem Tag mehr. Besonders nachts, wenn der Himmel klar ist und die Sterne das Firmament erleuchten, scheint die Sehnsucht beinahe unerträglich. Wenn sich das Sternbild des Zentauren hell und eindrucksvoll am Himmel zeigt, schnürt es mir vor Kummer die Brust zusammen. Kreon hat jeden einzelnen Stern und jeden Planeten benennen können, und er wusste über viele Sternbilder eindrucksvolle Geschichten zu erzählen. Ich konnte ihm stundenlang zuhören, wenn wir zusammen im Wald waren. Und nun weiß ich nicht einmal, ob mein Bruder noch lebt.

Mittlerweile verbringe ich sehr viel Zeit im Wald – zum Ärgernis von Rigorus, dem Oberhaupt des Clans. Ich kann kaum glauben, dass mein bester Freund Nox wirklich sein Sohn ist. Er ist treu, hilfsbereit und gutherzig – Eigenschaften, die seinem Vater gänzlich fehlen. Dann ist da noch die Dorfälteste Silva. Sie ist so etwas wie die gute Seele, Heilerin und Medizinfrau. Alle bringen ihr den größten Respekt entgegen. Niemand weiß, wie alt sie wirklich ist, und jeder nennt sie einfach nur Großmutter Silva. Bei ihr fühle ich mich jederzeit willkommen. Sie ist die einzige, die Kreon und mich niemals aufgrund dessen, was wir sind, verurteilt hat. Der Rest des Clans meidet mich, als hätte ich eine ansteckende Krankheit. Diese Tatsache nagt an meinen Eingeweiden, reißt mir fast das Herz heraus. Ich möchte doch einfach nur dazugehören.

Ein Schwall Wasser in meinem Gesicht beendet meine düsteren Gedanken abrupt und ich zucke erschrocken zusammen. Meine rechte Hand schnellt ganz automatisch zum Köcher und will schon nach einem Pfeil greifen, als ich registriere, dass sich Lilaja einen Spaß erlaubt hat.

„Hey hey, ganz ruhig, Weißer. Träumst du schon wieder, Hektor?“ Lilaja hebt beschwichtigend die Hände über den Kopf und kichert. Die Nymphe steigt anmutig aus dem Wasser und sieht mich schelmisch grinsend an. Schon allein ihre Erscheinung zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht und ich entspanne mich rasch wieder. Lilajas Körper schmückt ein kunstvoll gebundenes Arrangement aus Wasserpflanzen, Muscheln und Seerosen. Ihre nackte Haut blitzt lediglich an Beinen, Armen und am Bauch hervor.

„Himmel, Lilaja! Irgendwann jage ich dir versehentlich einen Pfeil in dein hübsches Köpfchen, wenn du mich so erschreckst.“

„Entspann dich“, antwortet sie lachend und schüttelt den Kopf, so dass die eingeflochtenen Muscheln in ihrem Haar aneinander klappern. Sie mustert mich nachdenklich. „Was ist los? Wieder Ärger mit Rigorus?“

Ich schüttle den Kopf und seufze.

„Ich habe gerade an meinen Bruder gedacht“, antworte ich leise. „Ob es ihm gut geht, dort wo er jetzt ist?“

Lilaja legt ihre schmale Hand auf meinen Oberarm. Sie ist kalt, nass – und tröstend.

„Bestimmt. Er hat eine Frau, die ihn liebt. Und er muss sie sehr lieben, nachdem er sein Leben für sie riskiert und alles hier aufgegeben hat.“

Ich stoße ein höhnisches Schnauben aus und scharre mit dem rechten Vorderhuf im Kies.

„Genau, du sagst es! Aufgegeben! Seinen eigenen Bruder“, erwidere ich voller Zorn. „Er ist ein Narr und sie ein verdammter Mensch! Ich hasse die Menschen und werde jeden einzelnen, der meinen Weg kreuzt, mit meinen Pfeilen durchlöchern, das schwöre ich dir!“

Lilaja verdreht die Augen. „Oh, wie melodramatisch, Hektor. Beruhige dich!“, erwidert sie streng. „Dein Bruder hat sich für die Liebe entschieden“, fügt sie gleich darauf in sanfterem Ton hinzu. „Ist das nicht das Wichtigste?“

Ich sehe auf sie hinunter, direkt in ihre großen, seeblauen Augen.

„Aber zu welchem Preis?“, antworte ich aufgebracht. „Er steckt für immer im Körper eines Menschen und musste unsere Welt für immer verlassen. Und seinen Bruder! Eher würde ich sterben!“

Lilaja seufzt schwer und blickt auf das Wasser hinaus.

„Er hat es aus Liebe getan“, murmelt sie.

Ich verschränke die Arme vor der Brust und schüttle den Kopf. „Nein, er hat unsere Rasse verraten … und mich ebenso!“

Lilaja weiß offensichtlich nichts mehr zu antworten und senkt den Kopf. Wir schweigen eine Weile und ich lausche den vertrauten Geräuschen des Waldes. Das ferne Rauschen des Windes in den Baumwipfeln und der Ruf des Kuckucks beruhigen mich etwas. Dennoch kann ich einfach nicht verstehen, warum Kreon seinen geliebten Wald und seinen Bruder gegen ein Leben bei den Menschen eingetauscht hat. Warum er mich verlassen hat, als ich erst vierzehn Jahre alt war … noch ein Kind. Ich hätte Kreon all die Jahre so sehr gebraucht.

„Hey“, unterbricht Lilaja irgendwann meine düsteren Erinnerungen. „Wenn du dich verwandeln würdest, könnten wir um die Wette schwimmen und tauchen!“ Ihre blauen Augen blitzen auf, sie legt den Kopf schief und blickt mich herausfordernd an.

„Du weißt genau, dass ich mich nicht in so ein ‚Ding’ verwandle“, antworte ich schroff. „Ich bin ein Zentaur!“

„Toll“, sagt Lilaja unbeeindruckt. „Ein Sturschädel bist du! Ich hab’ dich noch nie in menschlicher Gestalt gesehen, obwohl wir uns nun schon so lange kennen.“ Sie klingt enttäuscht.

„Das wirst du auch nicht erleben.“ Ich recke das Kinn. „Niemals.“

„Na schön, dann lass uns zur Grotte gehen.“ Lilaja wendet sich um und bedeutet mir mit einem Kopfnicken, ihr zu folgen. Die kleine Grotte, in der die Nymphe lebt, liegt verborgen hinter einem Wasserfall, aber man kann auch über ein verstecktes Höhlensystem auf dem Landweg hineingelangen. Bei meiner Größe ist es etwas schwierig, mich durch die engen Gänge zu bewegen, aber durch den See und unter dem Wasserfall hindurch zu schwimmen, wäre für mich sehr mühsam. Zentauren sind schließlich nicht als die besten Schwimmer bekannt.

Drinnen schenkt Lilaja Wein ein und reicht mir einen Becher. Ihre Behausung ist nicht groß, aber sie hat so viel Liebe hineingesteckt, dass man sich sofort wohl und geborgen fühlt.

„Na, wie ist die Stimmung im Lager der Zentauren?“, fragt sie und blickt mich besorgt an. Ich zucke mit den Schultern und nehme einen Schluck Wein.

„Sie werden mich nie als einen der Ihren ansehen“, antworte ich leise. „Für sie bin und bleibe ich ein Halbblut und der Bruder eines Verräters.“ Ich seufze. „Kreon hat mir die Chance genommen, jemals im Clan akzeptiert zu werden.“

Unruhig wandert mein Blick über die vielen kleinen Muscheln und Steine, die die Wände schmücken. Das sanfte Licht umher tanzender Glühwürmchen sollte heimisch wirken, doch nicht für mich. In einer fließenden Bewegung setzt sich Lilaja auf einen der mit Fellen gepolsterten Baumstämme und sieht mit nachdenklich an.

„Glaubst du das wirklich?“ Sie legt den Kopf schief. „Ich denke, tief in deinem Herzen weißt du, dass das nichts mit Kreon zu tun hat.“

Ich will ihr widersprechen doch sie hebt die Hand und schüttelt vehement den Kopf. „Mit Sicherheit hat dies alles noch viel schlimmer für dich gemacht. Aber die Tatsache, dass du … dass ihr beide niemals ganz und gar zum Clan gehören würdet, ist allein dem Fanatismus dieser arroganten, starrsinnigen Idioten zu verdanken. Sie akzeptieren niemanden, der anders ist und haben Angst, dass ihr ihnen überlegen seid.“ Sie lächelt mich aufmunternd an. „Nun ja, das entspricht ja auch der Tatsache.“

Ich atme tief ein und stoße die angehaltene Luft aus.

„Wenn ich nur wüsste, was geschehen ist, nachdem er durch das Portal ging. Nicht zu wissen, ob mein Bruder lebt, quält mich jeden Tag.“

Menschenwelt, München …

Ben

Sabrina steht breit grinsend auf meiner Türschwelle, als ich ihr öffne.

„Hey, Hübscher!“ Sie mustert mich von oben bis unten und pfeift durch die Zähne. „Wow, du hast dich ja richtig in Schale geworfen zu deinem Geburtstag. Neues Hemd?“

Ich nicke und werfe ihr einen lasziven Blick zu.

„Wer weiß, vielleicht begegne ich heute einem richtig heißen Kerl. Da möchte ich ihm in nichts nachstehen.“ Ich zeige ihr meine Yoda-Socken, die ich schon anhabe. „Guck mal, von Kopf bis Fuß sexy, oder?“

Sie schüttelt sich vor Lachen, sodass ihre kinnlangen Locken wild umherfliegen. Dann schlingt sie die Arme um meinen Hals.

„Mit diesen Socken auf alle Fälle. Alles Gute nochmal, Benni. Gesundheit, Glück, eine Weltreise, unanständigen Sex … mögen all deine Wünsche in Erfüllung gehen.“

Ich lache auf und erwidere die Umarmung.

„Danke, Schatz. Komm rein.“

Als ich die Tür hinter uns geschlossen habe, sehe ich an meiner besten Freundin hinunter. „Ähm … der Gürtel ist toll, aber du hast anscheinend deinen Rock zuhause vergessen.“ Ich kratze mich gespielt ratlos am Kinn. Sabrina verdreht die Augen und schlägt mir gegen die Brust.

„Sehr witzig.“ Sie streift den ‚Rock‘ mit den flachen Händen nach unten, aber dadurch wird er auch nicht länger. „Willst du dein Geschenk gleich haben?“, fragt sie und klimpert mit ihren langen, getuschten Wimpern, worauf ich eifrig nicke.

„Natürlich. Ich kann es gar nicht erwarten.“

Sie kramt in ihrer riesigen Handtasche und holt ein in silbernes Papier gewickeltes Päckchen daraus hervor.

„Ich hoffe, es gefällt dir und du kannst es brauchen.“

Ich nehme Sabrinas Geschenk entgegen und packe es neugierig aus. Zum Vorschein kommt ein kleiner brauner Lederholster mit einem bekannten Logo und ich weiß bereits, was sich darin verbirgt.

„Ein Schweizer Taschenmesser!“, stoße ich überrascht hervor, während ich das Holster öffne und das Messer herausnehme. „Das ist das Victorinox Evolution Wood. Bist du verrückt? Das ist sauteuer!“

Sabrina winkt ab und grinst. „Ach was … ist es denn das Richtige? Ich dachte mir, das kannst du gut für deine Survival-Trips und Wandertouren gebrauchen.“

„Aber wie!“ Ich nicke begeistert, während ich das Multifunktionsmesser aus edlem Nussbaumholz genauer betrachte und die verschiedenen Tools ausklappe. „Ist das geil – es hat sogar eine Schere mit Mikrozahnung!“

„Was immer das auch ist“, erwidert Sabrina glucksend. „Freut mich, dass es dir gefällt.“

Ich umarme Sabrina stürmisch, hebe sie ein Stück hoch und drücke ihr einen festen Kuss auf die Wange.

„Wäre ich hetero, würde ich dir jetzt einen Heiratsantrag machen.“

Sabrina verdreht gespielt entsetzt die Augen.

„Gott bewahre!“

Nachdem ich mir jedes einzelne Tool meines neuen Spielzeugs akribisch angesehen habe, verlassen wir meine Wohnung und begeben uns ein Stockwerk tiefer, zu meinen Nachbarn. Mit Kreon, Anna und ihrer gemeinsamen Tochter Lilly bin ich von dem Tag an befreundet, als ich hier vor etwa vier Jahren eingezogen bin. Kreon ist ein beeindruckender Kerl, der aussieht, als könne er eine alte Eiche mit dem kleinen Finger zum Umkippen bringen. Ich weiß noch, als ich mich am Tag meines Einzugs mit einem Sessel abgeschleppt habe und beinahe mitsamt dem Ding die Stufen hinab gesegelt wäre. Kreon kam mir gerade von oben entgegen. Er erkannte die Situation sehr schnell und hat das schwere Möbelstück und mich quasi mit einer Hand am Abstürzen gehindert. Damit noch nicht genug, hat er den Sessel dann zwei Stockwerke hochgetragen, ohne auch nur ein bisschen außer Atem zu kommen. Anschließend hat er mir und meinen Freunden beim restlichen Umzug geholfen und uns Werkzeug ausgeliehen. Ich hab’ ihn und seine Familie dann zur Einweihungsparty eingeladen und seitdem sind wir Freunde.

Anna öffnet die Tür und strahlt, als sie uns sieht. Mit ihren schwarzen, langen Haaren und ihrem zarten Gesicht bildet sie das krasse Gegenstück zu ihrem Mann. Anna und Kreon sind Yin und Yang …völlig verschieden, aber untrennbar miteinander verbunden. Ich kenne kein Paar, das einander so vergöttert, wie diese beiden.

„Hey, ihr Zwei“, begrüßt sie Sabrina und mich fröhlich. „Schön, dass ihr da seid.“ Sie grinst mich an und streckt die Arme aus. „Ben, mein Lieber. Alles Gute zum Geburtstag.“ Ich lasse mich von ihr in eine sanfte Umarmung ziehen und erwidere die Geste.

„Danke, Anna.“

Anna umarmt auch Sabrina und bittet uns rein. Wir sind noch gar nicht weit gekommen, als Lilly im Flur auftaucht und lachend auf uns zustürmt. Sie ist vor einem Monat sechs geworden und kommt nach den Sommerferien in die Schule.

„Ben! Sabrina!“, jubelt sie begeistert und begrüßt uns mit Küsschen und Umarmungen. „Ich hab’ dir was gemalt“, sagt sie stolz und hält mir ein Blatt Papier vor die Nase. „Alles Gute zum Geburtstag!“ Ihre strahlend blauen Augen funkeln dabei so intensiv, dass ich für einige Sekunden völlig darin versinke. Ich denke an meine eigene Augenfarbe, die ich verstecken muss. Auch wenn Lillys Iriden nicht so intensiv leuchten, sind sie doch auffällig und ungewöhnlich. Ihre Haare glänzen wie Kastanien im Herbstlaub. Ich nehme ihr die Zeichnung aus der Hand und gehe in die Hocke, um sie mit Lilly auf Augenhöhe zu betrachten. Mit ihren sechs Jahren ist die Kleine unglaublich talentiert und so erkenne ich die Szene sofort, die sie gezeichnet hat. Es ist eine ihrer Lieblingsgeschichten aus der griechischen Mythologie, die ihr Kreon jeden Abend zum Schlafengehen erzählt. Die schöne Königstochter Andromeda wird von Perseus, dem strahlenden Helden vor einem grausamen Seeungeheuer gerettet. Dabei hat Lilly kein Detail ausgelassen. Die Prinzessin ist an einen Felsen gekettet, während Perseus mit seinen geflügelten Schuhen herbeieilt, um das Ungeheuer zu töten.

„Wow!“ Ich pfeife durch die Zähne und nicke anerkennend. „Lilly, das ist unglaublich gut, vielen Dank. Das bekommt auf alle Fälle einen Ehrenplatz.“ Ich drücke sie kurz an mich und stehe dann auf, um Sabrina mein Geschenk zu zeigen. Auch sie ist beeindruckt und überschüttet Lilly mit Komplimenten. Die Kleine ist sichtlich stolz und grinst bis über beide Ohren.

„Nächste Woche gehe ich mit Papa wieder in die Sternwarte und dann erzählt er neue Geschichten. Vielleicht mal ich dann nochmal was für dich.“

„Ich freue mich darauf“, antworte ich augenzwinkernd, während wir durch den Flur in die Wohnküche gehen. Als Kreon vom Tisch aufsteht, um uns zu begrüßen, wirkt alles um ihn herum plötzlich lächerlich klein. Seine hünenhafte Gestalt scheint den kompletten Raum auszufüllen. Das rotblonde, dichte Haar trägt er heute offen und so wirkt er mit seinem Vollbart wie ein Wikinger. Als er die Hand ausstreckt, um mir zu gratulieren, sprengen seine Armmuskeln fast das Shirt.

„Hey, Ben! Alles Gute zum Geburtstag. Schön, dass ihr es geschafft habt, noch vorbeizukommen.“

„Danke, Kreon.“ Meine Stimme klingt eine Oktave höher, als der Wikinger mir die Hand fast zerquetscht. Ich bin sehr sportlich, körperlich in Topform und besitze viel Kraft, aber gegen Kreon hätte ich im Zweikampf keine Chance. Der Mann ist einfach ein Tier. Als er Sabrina begrüßt, sehe ich genau, wie sie seine Muskeln bewundert.

„Torte“, säuselt sie eintönig und im ersten Moment habe ich Angst, dass ihr die Muskelberge den Verstand geraubt haben. Doch dann hält sie die Tupperbox mit den Resten von Marlies’ Geburtstagstorte hoch und schaut von Kreon zu Anna. „Bens Stiefmama hat uns Torte für euch mitgegeben.“

„Oh, das ist aber lieb, danke.“ Anna nimmt Sabrina die Box ab und blickt lächelnd auf ihre Tochter herab. „Willst du etwas von Bens Geburtstagstorte, Schatz?“

Lilly bejaht die Frage ihrer Mutter mit Jubelgeschrei, während Kreon Sabrina und mir etwas zu trinken anbietet.

Kurz darauf mampft die Kleine genüsslich ihr Stück Torte, Sabrina und Anna haben sich eine Flasche Sekt aufgemacht und Kreon und ich trinken Helles aus der Flasche.

„Lilly begleitet mich nächste Woche wieder in die Sternwarte“, sagt Kreon zwischen zwei Schluck Bier. „Habt ihr nicht Lust, uns zu begleiten?“

„Oh ja!“, meldet sich Lilly von der anderen Seite des Tisches. Sie trägt jetzt einen Sahnebart und grinst breit. „Ihr müsst mitkommen!“

Ich sehe Sabrina fragend an und sie nickt begeistert.

„Ich bin dabei“, sagt sie, worauf ich mit der flachen Hand auf die Tischplatte klopfe.

„Gut, dann ist es beschlossene Sache. Wir freuen uns darauf.“

Kreon nickt zufrieden und nennt uns Datum und Uhrzeit. Sein großes Hobby sind die Sternbilder und deren mythologische Geschichten dazu. Er kennt unglaublich viele davon und ich bin immer wieder fasziniert von seinem Wissen. Kreon ist Hausmeister an einer Hochschule mit einer eigenen Sternwarte. Seit ich ihn kenne, repariert er dort nicht nur alles, sondern er hält auch alle zwei Wochen Vorträge an der großen Kuppel, auf dem Dach der Schule. Die Augen der zum größten Teil weiblichen Besucher hängen jedes Mal wie gebannt an seinen Lippen (und an seinem breiten Oberkörper), wenn er mythische Sagen von Göttern, Ungeheuern, Helden und anderen geheimnisvollen Wesen zum Besten gibt. Kreon hat etwas an sich, das die Menschen um ihn herum in einen beinahe magischen Bann zieht. In jedem Wort und in jedem Atemzug spürt man seine Leidenschaft für die Astronomie. Lilly ist der größte Fan ihres Vaters und jedes Mal an seiner Seite, wenn er erzählt. Sabrina und mich hat er auch schon damit angesteckt.

Kreon und Anna schenken mir eine Jahreskarte für den Zoo, den ich besuche, so oft es geht. Ich liebe es, durch dieses riesige Areal zu spazieren und die Tiere zu beobachten. Am liebsten bin ich im Tropenhaus, wo mich vor allem die Flora fasziniert. Auch hier habe ich bereits mit Pflanzen kommuniziert und still und heimlich meine Gabe der Heilung angewendet.

****

Weil wir ohnehin schon spät dran sind, entschließen wir uns, die U-Bahn zu nehmen und steigen einige Minuten später an der Haltestelle „Universität“ aus. Von dort sind es nur noch zwei Querstraßen bis zu unserem Lieblings-Mexikaner. In Schwabing gibt es unheimlich viele Restaurants und Kneipen Tür an Tür, außerdem sind die Technische Universität, sowie die Ludwig-Maximilian-Universität in unmittelbarer Nähe. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Straßen auch lange nach Feierabend noch sehr belebt sind. Kurz bevor wir unser Ziel erreichen, spüre ich plötzlich ein heftiges Kribbeln im Nacken und bleibe abrupt stehen. Jemand rennt in mich hinein und flucht. Ich entschuldige mich halbherzig, doch meine Aufmerksamkeit gilt etwas, oder besser gesagt jemandem auf der anderen Straßenseite. Wie erstarrt sehe ich direkt in smaragdgrüne Augen, die fest auf mich gerichtet sind. Sie ist wieder da, denke ich mit rasendem Herzen, während sich unsere Blicke aneinanderheften. Sie wirkt traurig und doch liegt ein Lächeln auf ihrem zarten Gesicht, das von dunklen Locken eingerahmt ist. Auf ihrem Kopf sitzt ein Kranz aus bunten Blüten, der ihr elfenhaftes Aussehen noch unterstreicht. Ich habe Angst zu blinzeln, weil sie dann vielleicht fort sein könnte. Wie immer gilt mein erster Gedanke meiner Mutter, doch dafür ist sie viel zu jung. Sie kann kaum älter sein als ich selbst, allerhöchstens Ende Zwanzig. Was mir jedes Mal eine Gänsehaut beschert, ist, dass ich anscheinend der einzige bin, der sie sehen kann. Sie steht einfach nur da, sieht mich an und lächelt schwermütig. Ihr dünnes Kleid flattert wie im Wind, doch heute Abend regt sich kein Lüftchen. Obwohl sie mitten auf dem Gehweg voller Menschen steht, scheint ganz offensichtlich niemand Notiz von ihr zu nehmen. Die junge Frau wirkt beinahe wie ein Hologramm aus einer anderen Welt, unwirklich und doch ganz klar und deutlich. Passanten hetzen an ihr vorbei, ohne sie anzurempeln. Als ich durch ein Hupen aufschrecke, gehorcht mein Körper endlich wieder. Ich will über die Straße zu ihr, doch in diesem Augenblick fährt ein Transporter vorüber und versperrt mir die Sicht. Es sind nur Sekundenbruchteile, doch kaum ist der Wagen vorbei, ist die junge Frau fort. Wie vom Erdboden verschluckt, so wie jedes Mal. Mein Blick gleitet suchend den Gehweg entlang, doch ich kann sie nirgends entdecken. Mein Herz hämmert hart in meiner Brust. So hart, dass ich automatisch die Hand darauflege und versuche, ruhiger zu atmen. Meine wild umherfliegenden Gedankenfetzen werden unterbrochen und ich zucke zusammen, als mich Sabrina sanft am Arm berührt.

„Was ist los, Ben?“ Sie folgt meinem Blick über die Straße, dann sieht sie mich mit gerunzelter Stirn an. „Hast du sie wieder gesehen? Die Frau mit den grünen Augen?“

Ich nicke abwesend.

„Ja“, antworte ich heiser und atme tief ein und aus, um wieder einen klaren Gedanken fassen zu können. „Glaubst du, ich werde verrückt?“

„Noch verrückter, als du jetzt schon bist?“, fragt Sabrina sanft lächelnd und hakt sich bei mir unter. „Das geht doch gar nicht.“ Sie blickt mich besorgt an. „Willst du darüber reden?“

Ich schüttle den Kopf. „Nicht jetzt, die anderen warten.“ Die Schultern straffend füge ich hinzu: „Lass uns feiern!“

Als wir die gemütliche Kneipe betreten, sitzen unsere Freunde bereits an unserem reservierten Tisch. Wir kennen uns alle noch aus der Schulzeit und treffen uns regelmäßig zu verschiedenen Aktivitäten. Mit Mike und Katrin bin ich oft Bergwandern. Heidi arbeitet in einer Fördereinrichtung für behinderte Kinder und Noah ist mein Ex-Freund. Ich habe vor etwa einem Jahr Schluss gemacht, weil es sich für mich irgendwann einfach nicht mehr richtig angefühlt hat. Er wird schnell aufbrausend, eifersüchtig und bestimmend. Ich lasse mich nicht gerne herumkommandieren und ich muss in einer Beziehung auch nicht ständig an meinem Partner kleben. Noah teilt meine Leidenschaft fürs Bergwandern absolut nicht und war jedes Mal beleidigt, wenn ich mich sonntags um halb sieben am Morgen auf den Weg in die Natur gemacht habe und erst am Abend wiedergekommen bin. Mit der Zeit haben wir immer öfter deswegen gestritten und so hab‘ ich die Notbremse gezogen. Anfangs war es schwer, weil ich ihn als Freund nicht verlieren wollte. Noah war sehr verletzt, aber wir haben die Kurve gekriegt und ich möchte ihn nicht missen. Ich weiß, dass er immer noch an mir hängt und mich gerne zurückhaben würde, aber ich will das nicht mehr.

„Heeeeey, da seid ihr ja!“ Mike grinst, hebt seinen Long Island Eistee und prostet mir zu. „Sorry, aber wir mussten schon mal ohne euch trinken.“

Ich lache kopfschüttelnd. „Schon klar.“

Nacheinander stehen alle auf, um uns zu begrüßen und mir zum Geburtstag zu gratulieren. Von den Mädels werde ich mit Wangenküssen überhäuft, während mich Mike in eine Umarmung reißt, die sich eher nach Schwitzkasten anfühlt. Er trainiert viermal die Woche im Fitnessstudio und rennt am Wochenende mit mir in den Bergen herum – kein Wunder, dass er aussieht, wie ein Schrank. Noah küsst mich auch auf die Wange und sieht mich schon wieder so komisch an.

„Alles Gute, Ben“, wispert er in mein Ohr und seufzt sehnsüchtig hinein.

„Nimm die Zunge aus Bens Ohr, sonst hört er sein Geburtstagsständchen nicht“, ruft Sabrina trocken, worauf sich Noah mit roten Wangen zurückzieht.

„Oh nein, ihr wollt doch wohl nicht singen?“, frage ich entsetzt und sehe mich panisch im Raum um. Das könnte peinlich werden.

„Wir sind doch keine Tierquäler“, erwidert Heidi lachend, als auch schon der alte Klassiker Happy Birthday aus den Lautsprechern tönt. Gleichzeitig kommt meine Lieblingskellnerin Britta um die Ecke geschwebt. Auf einer Handfläche balanciert sie ein Tablett voller Schnapsgläser und auf der anderen eine Torte mit brennenden Wunderkerzen. Wir johlen und klatschen und auch die Gäste an den anderen Tischen applaudieren und rufen Glückwünsche herüber. Britta stellt die Sachen ab und breitet ihre Arme aus.

„Ben, mein Hübscher! Lass dich drücken.“ Sie presst mich an ihre großen Brüste und küsst mich links und rechts auf die Wangen. „Alles Gute zum Geburtstag!“ Sie lächelt mich breit an, dann verteilt sie die Schnapsgläser an uns und nimmt sich auch eins. „Der geht aufs Haus, Leute! Auf Ben!“

„Auf Ben!“, rufen alle jubelnd durcheinander. Ich lache in die fröhliche Runde und proste allen zu, bevor ich das Gesöff mit einem Schluck hinunterschütte. Ja pfui Teufel! Captain Morgan noch vor dem Abendessen … das kann ja noch heiter werden.

Zwei Cocktails und eine Runde Schnaps später packe ich meine Geschenke aus. Von Heidi bekomme ich einen schönen Füller und ein Notizbuch und Katrin und Mike haben einen Gutschein für den Sportshop besorgt, in dem ich immer meine Wanderausrüstung kaufe. Noah hat mir mein Lieblingsparfüm gekauft und sieht mich erwartungsvoll an, nachdem ich es ausgepackt habe. Die anderen sind in Gespräche vertieft, während er sich ganz nah zu mir neigt und an meinem Hals schnüffelt.

„Du riechst immer gut, Ben. Auch ohne Parfüm … gerade morgens, wenn du aufgewacht bist.“

Ich glaube mich verhört zu haben, rücke ein Stück von ihm ab und sehe ihn verwundert an. Ich bin froh, dass ich die farbigen Kontaktlinsen trage. Noah starrt mich so intensiv an – da muss ich seinen Blick nicht auch noch mit meiner irren Augenfarbe erwidern. Seufzend lege ich eine Hand an seine Wange und tätschle sie leicht.

„Noah, du weißt, dass du mir sehr viel bedeutest …“, setze ich an, worauf er eifrig nickt und wieder ein Stück näher rückt. „Und deswegen rate ich dir, ab jetzt nur noch Wasser zu trinken, okay?“

Noah zieht seine Augenbrauen zusammen, macht dann eine Schnute und zuckt mit den Schultern.

„Du weißt ja gar nicht, was dir entgeht“, murmelt er, gerade so laut, dass ich ihn verstehen kann. Ich schüttle grinsend den Kopf und stoße mit meiner Schulter gegen seine, worauf er auch lachen muss. Ich wuschle durch seinen blonden Lockenschopf und ordere bei Britta ein Desperados für mich und ein großes Mineralwasser für Noah.

Erst in den frühen Morgenstunden verlassen wir alle zusammen das Lokal und gehen danach verschiedene Wege. Nachdem wir uns vergewissert haben, dass die Mädels sicher nach Hause gebracht werden, machen Sabrina und ich uns ebenfalls auf den Weg.

Uns beiden ist klar, dass der Englische Garten um vier Uhr morgens nicht gerade der sicherste Ort ist. Aber es ist eine herrliche, sternenklare Nacht und deswegen entschließen wir uns spontan, zu Fuß nach Hause zu gehen. Und der kürzeste Weg führt durch den Park. Wir sind noch gar nicht weit gekommen, da beschleicht mich ein ungutes Gefühl, ob unsere Entscheidung die richtige war. Nicht selten passieren hier Überfälle und dergleichen. Sabrina scheint denselben Gedanken zu haben.

„So schön wie der Englische Garten tagsüber ist, umso gruseliger finde ich ihn in der Nacht“, sagt sie leise und ich spüre ihr Unbehagen. Ich lege einen Arm um ihre Schultern und ziehe sie an mich.

„Keine Angst, ich pass schon auf dich auf“, versuche ich sie zu beruhigen, während wir automatisch unsere Schritte beschleunigen. Als wir am Monopteros vorbeikommen, muss ich dennoch innehalten und sehe hinauf, wo der kleine Rundtempel von Scheinwerfen beleuchtet wird und strahlend schön auf seinem Hügel thront.

„Wahnsinn, wie geil das aussieht“, wispere ich wie gebannt. Die Sichel des zunehmenden Mondes und ein atemberaubender Sternenhimmel über dem Monopteros verzaubern die gesamte Umgebung in etwas Mystisches, Märchenhaftes. Wieder einmal erfasst mich diese vertraute, eigenartige Sehnsucht, die ich nicht erklären kann. Meine Gedanken sind plötzlich wieder bei der jungen Frau mit den grünen Augen, die ähnliche Gefühle in mir auslöst, und ich seufze auf.

„Denkst du an Fräulein Grünauge?“, fragt Sabrina, worauf ich sie erstaunt ansehe.

„Woher weißt du das?“

Sabrina kichert, während wir unsere Schritte langsam wieder aufnehmen und weitergehen. „Ich kenne dich doch“, antwortet sie. „Wenn ich nicht ganz sicher wüsste, dass du wirklich nur auf Männer stehst, würde ich sagen, du bist verliebt.“

Ich schüttle vehement den Kopf.

„Nein, solche Gefühle sind das nicht“, erwidere ich rasch. „Ich kann dir das nicht erklären, aber ich weiß irgendwie, dass wir eine Verbindung zueinander haben. Nicht auf romantische Art … aber ich spüre eindeutig, dass sie eine Rolle in meinem Leben spielt.“

„Vielleicht ist sie wirklich deine Schwester“, sagt Sabrina nachdenklich. „Wir wissen ja nicht, ob deine Mutter nochmal Kinder bekommen hat.“

„Wenn sie diese auch im Stich gelassen hat …“, erwidere ich deprimiert und schüttle den Kopf. „Ich muss versuchen, mit ihr zu sprechen. Aber sie verschwindet ja jedes Mal von einem Moment auf den anderen.“ Ich seufze schwermütig, worauf mich Sabrina sanft in die Seite stößt.

„Hey komm, jetzt lass uns nach Hause gehen. Und dann teilen wir uns erstmal das letzte Stück der Geburtstagstorte“, sagt sie aufmunternd, während unsere Schritte im Kies knirschen. „Dein Vater hat Recht, Alkohol macht hungrig.“

„Daran hab’ ich auch grad gedacht“, antworte ich grinsend. „Ich freu mich jetzt richtig darauf. Und auf ein warmes Bett.“

Obwohl es erst Anfang August ist, hat der Regen der letzten Tage die Luft ganz schön abgekühlt und ich fröstele etwas in meinem Hemd. Eine leichte Brise verstärkt das Gefühl noch. Plötzlich hören wir Schritte hinter uns, die immer schneller werden. Ich sehe mich flüchtig um und entdecke ein paar dunkel gekleidete Gestalten in einiger Entfernung. Sofort beschleicht mich ein mulmiges Gefühl und ich nehme Sabrinas Hand. „Komm, wir sollten echt sehen, dass wir von hier fortkommen.“

Als die Gruppe direkt hinter uns ist, ziehe ich Sabrina zur Seite und hoffe, dass die Typen vorbeigehen, doch im nächsten Moment packt mich jemand am Arm.

„Hey, Arschloch, bleib stehen!“

Ich fluche innerlich, während Sabrina ein ersticktes Geräusch von sich gibt. Als ich mich umwende, erkenne ich, dass es sich um eine Horde Halbstarker handelt, nicht älter als siebzehn, oder achtzehn. Der Junge, der immer noch den Ärmel meiner Jacke festhält sieht mich hasserfüllt an. „Geld her!“, befiehlt er, „alles, was du hast. Und deine kleine Freundin hier auch.“ Er wirft einen Blick auf Sabrina und grinst süffisant. Ich entreiße ihm meinen Arm und schüttle den Kopf.

„Verzieht euch!“

Jetzt kommen auch die anderen bedrohlich näher, während der Typ vorschnellt und mich wieder am Arm packt.

„Ich mache keinen Spaß, Alter! Geld her, oder ich stech’ dich ab, Mann!“ Er sieht sich kurz zu seinen Kumpels um und fügt dann hinzu. „Und dann ficken wir deine Freundin.“

Der Zorn überrennt mich so heftig, dass ich nicht darüber nachdenke, was ich mache und wie dumm das von mir ist. Anstatt den Typen einfach unser Geld zu geben, schlage ich zu und verpasse ihm einen heftigen rechten Haken, sodass er zu Boden geht. Sabrina schreit auf, als einer der anderen auf mich zustürmt. Ich wappne mich dafür, nochmal zuzuschlagen, als ich plötzlich die Klinge eines Messers im Schein der Straßenlaterne aufblitzen sehe. Und dann passieren mehrere Dinge auf einmal. Ich schiebe Sabrina mit einem Arm schützend hinter mich, während sie sich an mich klammert und mich gleichzeitig zurückziehen will. Es ist völlig verrückt, aber aus einem übermächtigen Instinkt heraus greife ich nach meinem Edelstein, anstatt die Hand mit dem Messer abzuwehren, die gerade auf mich niedersaust. Ich schreie auf, als ein heftiger Schmerz in meine Brust fährt. Meine Augen tränen und ich ringe nach Luft, während die Typen und der Englische Garten vor mir zu verschwimmen beginnen. Ich registriere noch, dass der Stein in meiner Hand vibriert und heiß wird, dann falle ich mit Sabrina durch einen Ring aus gleißendem Licht. Mein Hemd fühlt sich nass auf meiner Haut an und ich ahne, dass es Blut sein muss. Sämtliche Geräusche verstummen und werden durch einen immer lauter werdenden Pfeifton abgelöst, bis dieser schließlich ebenfalls verklingt und alles um mich herum in einer schwarzen Nebelwolke verschwindet. Ich merke, wie mir der Edelstein aus der Hand rutscht und versuche vergeblich die Augen offen zu halten, aber ich verliere den Kampf und drifte davon …

Mytherra, Schimmerwald …

Hektor

Lilaja und ich wollen uns gerade am Teich verabschieden, als in unmittelbarer Nähe plötzlich ein Krachen zu hören ist, das dem eines Blitzschlages gleicht. Wir fahren erschrocken herum und ich sehe gerade noch das Licht, das die Umgebung kurz erleuchtet. Dann ist es gespenstisch still. Wir sehen uns fragend an.

„Bei den Göttern, was hat das zu bedeuten?“, wispere ich beunruhigt.

„Das hörte sich eben ganz danach an, als hätte jemand ein Portal benutzt“, erwidert Lilaja angespannt und sieht sich vorsichtig um, als könne uns jemand belauschen. „Komm!“

Noch bevor ich fragen kann, was sie vorhat, sprintet sie leichtfüßig los und ich folge ihr. Es dauert nicht lange, bis wir finden, wonach wir suchen. Auf dem Waldboden liegen zwei Gestalten und als wir näherkommen und ich mehr erkennen kann, stockt mir kurz der Atem.

„Menschen!“, stoße ich hervor, während ich die Hufe in die Erde schlage und schockiert innehalte. Lilaja blickt sich hektisch um.

„Ein Mann und eine Frau. Wer hat sie hergebracht? Und warum?“, fragt sie aufgeregt. „Menschen können alleine doch nicht durch ein Portal reisen!“

Ich zucke mit den Schultern. „Sie scheinen aber alleine zu sein. Was kümmert das uns?“ Ich möchte ihr sagen, dass wir von hier verschwinden sollten, doch Lilaja eilt geradewegs zu den offensichtlich Bewusstlosen und neigt sich zu ihnen hinunter. Ein Laut der Entrüstung weicht aus meiner Kehle. „Was machst du denn? Bleib weg von ihnen!“ Fassungslos beobachte ich, wie Lilaja prüft, ob die Frau noch atmet.

„Sie scheint nicht verletzt zu sein.“ Anschließend widmet sie ihre Fürsorge dem Mann. „Oh mein Gott, da ist Blut!“ Sie schiebt seine Oberbekleidung zur Seite und keucht erschrocken auf. Lilaja fixiert die gläserne Phiole, die an meinem Hals an einem Lederband baumelt. „Den Heiltrank! Gib ihn mir … bitte, Hektor!“

Im ersten Moment glaube ich mich verhört zu haben. Als mich Lilaja erwartungsvoll ansieht, schüttle ich ungläubig den Kopf.

„Bist du verrückt? Ich werde dir doch nicht den wertvollen Trank der Zentauren geben!“ Ich greife rasch nach der Phiole, die im Schein des Vollmondes funkelt. „Nicht für ihn!“

„Hektor! Gib mir den Trank, oder wir waren einmal Freunde!“ Lilajas Augen blitzen entschlossen auf.

„Den Teufel werde ich tun! Das sind Menschen. Lass sie liegen, verdammt! Die haben in unserer Welt nichts verloren!“

„Ich habe dich noch nie um etwas gebeten … tu es für mich, ich bitte dich!“ Die Nymphe blickt flehend zu mir auf. „Sie können doch nichts dafür!“

Einige Herzschläge lang herrscht eisiges Schweigen zwischen uns.

„Verflucht!“ Schließlich streife ich mir das Lederband über den Kopf und reiche Lilaja die Phiole. Sie entreißt sie mir förmlich, als hätte sie Angst, dass ich es mir doch anders überlege.

„Ein, zwei Tropfen müssten genügen“, sagt sie aufgeregt und öffnet den kleinen Silberdeckel der Phiole. Ich trete ein Stück vor und nehme den Menschen in Augenschein. Er kann nicht viel älter sein, als ich. Sein Obergewand ist teilweise zerrissen und mit Blut durchtränkt. Lilaja schiebt den Stoff zur Seite und ich erkenne eine Stichwunde zwischen rechter Schulter und Brust.

„Ja, zwei Tropfen reichen, auch wenn ich es für Verschwendung halte“, zische ich gereizt.

Lilaja nickt hastig. Fast zärtlich streicht sie dem Fremden das dunkelbraune, zerzauste Haar aus dem Gesicht, während ihr Blick bewundernd über seinen Körper wandert. Ihre Hand verharrt einen Augenblick auf der Wange des Bewusstlosen, während sie mit den Fingern sanft seine Lippen öffnet und ein paar Tropfen des kostbaren Elixiers dazwischen träufelt. „Er wollte das Mädchen verteidigen“, mutmaßt sie seufzend. „Sieh nur, was für makellose Gesichtszüge er hat … und diese ebenmäßige Haut. Ich wusste nicht, dass Menschen so schön sein können.“

Ich schnaube abfällig und scharre mit den Hufen in der Erde.

„Komm jetzt, wir haben mehr als genug für die beiden getan. Wenn uns jemand mit ihnen sieht …“

„Du wirst sie doch wohl nicht hier liegenlassen wollen?“, entgegnet Lilaja empört und funkelt mich wütend an. „Wir bringen die beiden erstmal rüber in die Grotte.“

„Oh nein, auf keinen Fall! Bist du völlig übergeschnappt? Das … das kannst du von mir nicht verlangen, Lilaja! Ausgerechnet von mir!“

Als ich kurz darauf zuerst die junge Frau und dann den Mann in die Grotte trage, muss ich an Kreon denken, und dass es wegen der Menschen war, dass ich meinen Bruder für immer verloren habe. In diesem Moment fühle ich mich wie ein Verräter. Ungeheurer Zorn steigt in mir auf und nagt an meinen Eingeweiden wie eine Bestie, tief in meinem Inneren. Zorn auf Lilaja, auf Kreon und seine verfluchten Menschen, aber am meisten auf mich selbst.

„Sieh nur, die Wunde hat bereits zu heilen begonnen“, stellt Lilaja erleichtert fest, während sie die nackte Brust des menschlichen Mannes mit einem in Wasser getränktes Tuch reinigt. Sie hat die beiden Menschen mit Fellen zugedeckt und dafür gesorgt, dass sie es bequem haben. Ich verschränke die Arme vor der Brust und werfe ihr einen finsteren Blick zu.

„Ich weiß wirklich nicht, warum ich dir bei diesem Irrsinn geholfen habe“, entgegne ich in frostigem Tonfall. „Ich werde jetzt gehen und ich komme erst wieder, wenn die da verschwunden sind!“

Lilaja sieht mich erschrocken an und schüttelt den Kopf.

„Hektor, bitte! Hätte ich die beiden im Wald sterben lassen sollen?“, fragt sie aufgebracht. „Die Menschen haben mir doch nichts getan!“

„Aber mir! Du weißt, dass Zentauren von Natur aus die Menschen verachten, aber in meinem Fall ist es ja wohl noch um einiges schlimmer!“ Ich werde laut, meine Stimme hallt an den Felswänden wider.

„Es geht aber hier nicht um dich!“, brüllt Lilaja nun wutentbrannt zurück. Ich will gerade antworten, als die junge Frau zu wimmern beginnt. Bevor wir in irgendeiner Weise reagieren können, setzt sie sich plötzlich mit einem Schrei auf und blickt sich verwirrt um.

„Was … wo … ?“ Sie sieht zuerst Lilaja an, dann mich. „Scheiße, ich hab’ doch gar nicht so viel getrunken!“ Ihre Augen heften sich regelrecht an mich und werden immer größer. „Wüsste ich es nicht besser, würde ich sagen, ich hätte gekifft. Aber ich hab’ das erste und letzte Mal an meinem achtzehnten Geburtstag gekifft. Hey, damals hab’ ich im Rausch echt schräge Sachen gesehen, aber ein …“, sie zeigt wild gestikulierend auf mich, „ein Pferde-Tarzan-Dings war nicht dabei.“

„Ich bin ein Zentaur!“, stoße ich erbost hervor und trete ein Stück vor. „Hüte deine Zunge … Menschenfrau!“

Die junge Frau starrt mich einen Moment erschrocken an, dann verdreht sie die Augen und bedeckt kopfschüttelnd ihr Gesicht mit den Händen.

„Natürlich bist du das – weiß ich doch.“ Offensichtlich irritiert über ihre eigene Aussage runzelt sie die Stirn. „Was für ein Arsch hat mir was in den Drink getan?“ Im nächsten Moment zuckt sie zusammen, sieht sich um und entdeckt ihren Freund. „Scheiße, Ben! Ben! Was ist mit ihm? Ist das Blut? Oh Gott, das ist ja Blut! Ist er schwer verletzt?“

„Bei den Göttern, warum spricht sie so viel und so schnell?“, frage ich Lilaja, die etwas überfordert wirkt. Sie kniet sich neben die Frau und berührt vorsichtig ihre Schulter.

„Deinem Freund geht es gut“, sagt sie ruhig. „Wir haben ihm ein Elixier der Zentauren gegeben, die Stichwunde heilt bereits.“

Die Menschenfrau streicht ihrem Gefährten über das dunkle Haar und mustert zuerst Lilaja von Kopf bis Fuß, danach mich.

„Was zum Geier geht hier vor?“, fragt sie offensichtlich verwirrt. „Wo sind wir und was ist das hier überhaupt?“ Sie macht eine ausholende Handbewegung, die Lilajas Grotte umfasst, und schüttelt ungläubig den Kopf. „Wenn das alles ein Scherz sein soll – sorry, aber der ist sogar für mich zu schräg.“

Lilaja wirft mir einen hilflosen Blick zu, bevor sie sich wieder an die Frau wendet.

„Ich bin Lilaja und das hier ist Hektor. Wir haben euch im Wald gefunden. An was kannst du dich erinnern?“

„Ich … bin Sabrina“, antwortet die Menschenfrau, während sie dem Mann wieder über das Haar streicht und ihn besorgt ansieht. „Das ist mein bester Freund Ben. Wir waren in einer Kneipe und haben seinen Geburtstag gefeiert. Danach wollten wir durch den Englischen Garten nach Hause gehen.“ Sie schüttelt den Kopf und stößt einen Seufzer aus, der sich fast nach einem Schluchzer anhört. „Wir hätten es echt besser wissen müssen.“ Sabrina sieht von Lilaja zu mir. „Man spaziert um vier Uhr morgens nicht einfach so durch den Englischen Garten, verdammt!“

Ich verstehe nicht mal die Hälfte von dem, was sie von sich gibt und starre sie verständnislos an.

„Was bei den Göttern ist ein Englischer Garten?“, frage ich ungeduldig. „Wer hat euch hergebracht? Menschen können nicht einfach so nach Mytherra spazieren!“ Das letzte Wort betone ich mit Absicht stärker, um die Lächerlichkeit dieser Worte zu unterstreichen. Sabrina gibt einen erbosten Laut von sich.

„Was soll das sein, Mytherra? Ach scheiße nochmal, wo ist die versteckte Kamera? Ich hab’ keinen Bock mehr auf das Spiel!“

„So kommen wir doch nicht weiter“, wirft Lilaja ein und steht auf. „Ihr redet ja völlig aneinander vorbei!“

„Ich will gar nicht mit einem Menschen reden!“, erwidere ich entnervt, worauf mich Sabrina böse anfunkelt.

„Und ich nicht mit einem dahergelaufenen Zentauren!“

„Hüte deine Zunge, Menschenweib!“

„Fick dich!“

Die eigenartigen Worte, deren Bedeutung ich nicht verstehe, machen mich immer wütender. Ich setze zu einer neuen Schimpftirade an, als sich der Mann plötzlich zu regen beginnt und stöhnend die Lider aufschlägt.

Ben

Als ich die Augen öffne, schwebt Sabrinas besorgtes Gesicht direkt über mir. Fürsorglich streicht sie mir eine Strähne aus der Stirn.

„Hey …“, sagte sie leise und lächelt mich an. „Da bist du ja wieder. Du hast mir vielleicht einen Schrecken eingejagt.“

Ich will etwas sagen, doch aus meinem trockenen Mund kommt kein Ton. Ich versuche mich zu erinnern, was geschehen ist und zucke zusammen, als mir alles wieder einfällt. Meine Hand schnellt automatisch an meine Brust, wo mich die Klinge eines Messers getroffen hat, doch ich spüre kaum Schmerzen.

„Was …?“ Ich will mich aufsetzen, doch Sabrina drückt mich sanft zurück. „… ist passiert?“, beende ich meinen Satz und sehe sie fragend an.

„Bleib ruhig, Ben, okay? Alles ist gut, dir geht es gut.“

Ich stutze. „Warum glaube ich dir das gerade nicht? Was ist los?“

Sabrina seufzt. „Flipp jetzt nicht gleich aus, okay?“, sagt sie mit einem warnenden Unterton, bevor sie einen unsicheren Blick nach hinten, über ihre Schulter wirft. Als sie mich wieder ansieht, verzieht sich ihre Miene zu einem Grinsen, das so gruselig ist, dass es mir heißkalte Schauer über den Rücken jagt. In meinem Innersten schrillen sämtliche Alarmglocken, aber ich kann meine aufkommende Panik nicht einordnen. Ich will sehen, was meine beste Freundin mit ihrem Körper zu verbergen versucht, doch sie greift nach meinen Schultern und sieht mich streng an. „Du … flippst … nicht … aus, okay?“, wiederholt sie nachdrücklich, als wäre ich irgendein Psycho und sie meine Verhaltenstherapeutin.

„Warum sollte ich denn ausflippen?“, frage ich verwirrt, während ich mich aufrecht hinsetze. „Was ist denn überhaupt …?“ Der Rest des Satzes bleibt mir im Hals stecken, als sich Sabrina zur Seite neigt und den Blick freigibt. Ich stoße ein entsetztes Keuchen aus und will zurückweichen, dabei schlage ich mir den Hinterkopf an etwas Hartem an, das sich wie Stein anfühlt.

„Autsch, fuck! Was …?!“ Mein Gehirn kann nicht erfassen, was meine Augen sehen. Wir befinden uns in einer Höhle, in der Mitte brennt ein kleines Feuer. Was genau passiert ist und wie wir hergekommen sind, weiß ich nicht mehr. Was mich im Moment viel mehr beunruhigt, ist das, was sich neben dem Feuer abspielt. Verdammt nochmal, ich muss mir den Kopf gerade ziemlich hart gestoßen haben. Das ist Möglichkeit Nummer Eins. Oder aber ich bin tot und in einer Art Zwischenwelt gefangen. Kann aber auch sein, dass ich völlig den Verstand verloren habe. Gleich kommen Männer in weißer Kleidung und weißen Turnschuhen, stecken mich in eine Zwangsjacke und nehmen mich mit.

Wie gebannt starre ich auf die Szenerie, die sich vor mir auftut. Neben dem Feuer steht das schönste Mädchen, das ich je gesehen habe. Seine Augen sind trotz des schlechten Lichtes von einem so strahlenden Blau, als würden sie von innen heraus leuchten. Ihr perfekter Körper ist nur von ihrem langen, blonden Haar und ein paar Ketten aus Muscheln und Blättern verhüllt. Was sich allerdings neben dem Mädchen befindet, ist der Grund, warum ich sicher bin, dass es mit mir bergab geht. Andere sehen im Delirium weiße Mäuse, rosa Kaninchen, oder was auch immer. Und was sehe ich? Ich schlucke hart und starre den Zentauren an. Ach Scheiße, nochmal – welcher Geisteskranke stellt sich denn dieses mystische Mensch-Pferdewesen mit dem Oberkörper eines Chippendales-Typen und dem Gesicht eines Elfenkriegers vor? Mit weizenblonden Haaren, die ihm fast bis zur Taille hinunter reichen? Mann, ich bin sooooooo krank! Während ich den Zentauren noch immer anstarre, kommt das schöne Mädchen näher und kniet sich neben Sabrina und mich.

„Hallo Ben.“ Ihre Stimme klingt so engelsgleich, wie sie aussieht. Ich sehe sie fragend an und warte gespannt auf eine Erklärung. „Ich bin Lilaja und das ist Hektor.“ Sie nickt kurz in Richtung des Model-Zentauren, der mich mustert, als wäre ich ein lästiges Insekt. „Wir haben euch im Wald gefunden, du hattest eine Stichwunde, aber dank eines Heiltranks wird nur eine kaum sichtbare Narbe bleiben. Ihr seid hier in Sicherheit.“

Ich schüttle den Kopf und versuche zu verstehen, was Lilaja erzählt, aber ich bekomme es nicht auf die Reihe.

„Was für ein Heiltrank? Was ist das hier?“ Ich sehe mich um und mein Blick bleibt an Sabrina hängen, die mit den Schultern zuckt und schief lächelt.

„Wie seid ihr in unsere Welt gelangt? Menschen haben hier nichts verloren!“ Die bellende Stimme reißt mich aus meinen krampfhaften Überlegungen und ich zucke zusammen. Ich sehe hinüber und bin gerade nicht mehr so sicher, ob der sexy Zentaur wirklich meinen kranken Gehirnwindungen entspringt. Eher nicht, denn dann wäre er nicht so arrogant und unfreundlich. Obwohl ich ihn nicht anstarren will, fesseln mich seine Augen, die wie ein Aquamarin im Sonnenlicht funkeln.

„Ich … wir … waren im Englischen Garten“, stottere ich wirr. „Ein paar Typen haben uns überfallen … der eine hatte ein Messer und …“ Instinktiv greife ich nach meinem Edelstein, doch er ist nicht mehr da. Mir wird vor Schreck heiß und kalt zugleich, ich taste panisch danach, doch er bleibt verschwunden. „Mein Stein!“, rufe ich entsetzt und blickte zwischen den fremden Gestalten und Sabrina hin und her. „Mein Stein ist weg! Ich muss ihn verloren haben, als wir …“, ich überlege fieberhaft und keuche auf, als es mir wieder einfällt, „… als wir gefallen sind.“

„Du hattest einen Portalstein?“ Lilaja sieht mich fassungslos an. „Wie ist das nur möglich?“

Der Zentaur schnaubt abfällig. „Wie sollte ein Mensch in den Besitz eines Portalsteines gelangen?“ Das Wort Mensch spuckt er dabei verächtlich aus.

„Ich weiß nicht, was ein Portalstein ist, aber der Stein war ein Geschenk meiner Mutter“, erwidere ich genervt, denn langsam regt mich der Schönling auf. Ich will aufstehen, aber ein stechender Schmerz hält mich davon ab und ich krümme mich stöhnend zusammen.

„Du musst dich noch etwas schonen“, sagt Lilaja ruhig. „Deine Verletzung ist fast verheilt, aber bis morgen wird es noch wehtun.“ Sie lächelt mich unsicher an.

„Du sagtest gerade, du hattest den Portalstein von deiner Mutter?“

Ich nicke. „Ich habe sie nie kennengelernt. Sie hat mich als Baby bei meinem Vater zurückgelassen – mit nichts als diesem Edelstein. Ich kenne nicht einmal ihren Namen.“

Lilaja sieht mich nachdenklich an, dann blickt sie von mir zum Zentauren.

„Sie muss aus Mytherra sein“, sagt sie und unterstreicht ihre Aussage mit einem Nicken. „Wenn sie im Besitz eines Portalsteins war, hat sie ihn entweder gestohlen, oder aber sie ist …“ Lilaja neigt sich näher zu mir und betrachtet mich so eingehend, dass es mir schon unangenehm ist.

„Was?“, frage ich unsicher. Lilaja ist sich anscheinend der plötzlichen Nähe bewusst, denn sie weicht rasch zurück und murmelt eine Entschuldigung. Dann steht sie auf und geht hinüber zum Zentauren. Erst als sie vor ihm steht, fällt mir auf, wie gewaltig und muskulös er wirklich ist. Neben ihm wirke sogar ich mit Sicherheit wie ein Zwerg.

„Er ist schön, wie ein Halbgott“, sagt sie halblaut zu ihm, aber Sabrina und ich können sie hören. Meine beste Freundin gluckst unterdrückt.

„Uuuhhh … scheint mir, da hat sich jemand schockverliebt?“, wispert sie mir zu, worauf ich ihr mit dem Ellbogen einen Stoß versetze.

Der Zentaur verschränkt die Arme vor der breiten Brust und zieht eine Augenbraue hoch, was ich zugegebenermaßen ziemlich sexy finde.

„Aber seine Augen …“, erwidert er, während er mich feindselig mustert.

Ich zucke innerlich zusammen und überlege fieberhaft, ob ich auch wirklich meine Kontaktlinsen trage.

„Was ist mit seinen Augen?“, fragt Sabrina an meiner Stelle und legt ihre Hand auf meinen Arm.

„Nun“, antwortet Lilaja. „Seine Augenfarbe ist zu … gewöhnlich.“

Sabrina gibt ein ersticktes Geräusch von sich.

„Gewöhnlich …“, wiederholt sie belustigt und sieht mich verschwörerisch an. „Zeig es ihnen, Ben.“ Ihre Miene ist trotzig und selbstsicher.

Ich schüttle den Kopf. „Nein! Warum denn? Wer weiß, was sie dann mit uns machen.“ Ich werfe ihr einen warnenden Blick zu. „Du weißt doch gar nicht, ob es gut oder schlecht ist.“

Sabrina rollt mit den Augen. „Wir sind den beiden doch so und so ausgeliefert. Schlimmer kann es ja wohl nicht werden.“

„Was soll er uns zeigen?“, fragt der Zentaur ungeduldig und tritt ein Stück näher. Lilaja folgt ihm und die beiden sehen mich neugierig an. Ich rapple mich unter leichten Schmerzen auf und weiche zurück, während ich in meiner Jeanstasche nach meinem Smartphone taste und es herausziehe.

„Mir ist das jetzt echt zu blöd“, sage ich zu Sabrina, die ebenfalls aufgestanden ist. „Ich sehe, ob ich jemanden erreiche, der uns abholen kann.“ Nachdem ich den Homebutton gedrückt und mein Handy entsperrt habe, stelle ich fest, dass ich kein Netz habe und fluche unterdrückt. „Wo ist der Ausgang?“, frage ich Lilaja. „Ich hab’ hier drinnen keinen Empfang.“ Ich zeige ihnen mein Handy, worauf mich beide mit großen Augen anstarren.

„Was ist das?“

„Woher kommt das Licht?“

„Steck das Handy weg!“ Sabrina sieht mich warnend an und verdreht die Augen. Mittlerweile ist der Zentaur so nahe, dass ich feststelle, dass ich ihm vermutlich nicht mal bis zur Schulter reiche. Heilige Scheiße, er ist verdammt beeindruckend.

„Was ist das für ein Ding?“, fragt er herausfordernd und mustert mich argwöhnisch.

„Damit kann ich jemanden anrufen und zum Beispiel sagen, dass er mich abholen soll“, antworte ich möglichst selbstsicher. „Aber es funktioniert hier drinnen nicht. Also vergiss es einfach.“ Ich stecke das Handy in die hintere Tasche meiner Jeans und schüttle seufzend den Kopf.

Der Zentaur scheint vorerst zufrieden, dennoch beäugt er mich skeptisch.

„Also, was ist das nun, was du uns zeigen sollst?“, fragt er noch einmal und blickt zwischen mir und Sabrina hin und her. Auch Lilaja tritt nun näher und mustert mich erwartungsvoll.

„Jetzt zeig es ihnen schon“, drängt Sabrina erneut. „Hast du dir schon mal ihre Augenfarbe genauer angesehen?“ Sie macht eine ausholende Handbewegung, die den Zentauren, sowie Lilaja umfasst. Ich habe natürlich schon bemerkt, dass die Augen der beiden so intensive Farben haben, wie meine, aber ich weiß noch nicht, was das zu bedeuten haben könnte. Lilajas Iriden besitzen die Farbe von einem wolkenlosen Sommerhimmel, während die des Zentauren aussehen, als hätte man ihm strahlende Aquamarine eingesetzt.

„Na schön.“ Ich hebe die Hände und taste mit Daumen und Mittelfingern nach meinen Kontaktlinsen. Vorsichtig ziehe ich sie von meinen Augäpfeln und sehe den beiden so selbstsicher wie möglich entgegen.

„Bei den Göttern!“ Lilaja gibt ein überraschtes Keuchen von sich, während dem Zentauren die Kinnlade herunterklappt.

„Seine Augen besitzen das göttliche Licht“, sagt er sichtlich verblüfft. „Der Farbe nach zu urteilen könnte seine Mutter ein Naturgeist sein. Eine Dryade?“

„Ich … nehme es an“, antwortet Lilaja stockend, ohne den Blick von mir abzuwenden. „Auf jeden Fall muss er ein Halbblut sein.“

Ich bin völlig verwirrt, das alles ergibt keinen Sinn für mich. Ich warte immer noch darauf, dass ein Typ irgendwo hervorspringt und ruft: „Versteckte Kamera!“, aber der sehr realistische Anblick des Zentauren macht meine Hoffnung zunichte.

„Halbblut?“, frage ich mit spottendem Unterton. „Warten wir jetzt noch auf die Eule, oder geht es gleich nach Hogwarts?“

Ich ernte verständnislose Blicke, während mir Sabrina einen Schlag gegen die Schulter versetzt.

„Falsche Welt, Dummie“, zischt sie und kichert leicht hysterisch.

„Sorry, ich komm’ grad überhaupt nicht klar“, erwidere ich. „Ich meine, findest du das alles normal, oder was?“

„Ach was ist schon normal?“, fragt sie mich zurück. „Ich meine, hallo? Gerade du solltest dich nicht wundern. Du sprichst mit Pflanzen!“ Kaum hat sie es ausgesprochen, schlägt sie sich die Hand vor den Mund und murmelt ein „Ups!“

Ich sehe Sabrina geschockt an, mir wird heiß und kalt zugleich.

„Du kommunizierst mit Pflanzen?“, fragt Lilaja aufgeregt. Ich fühle mich so überrumpelt, dass ich nicht sofort antworten kann und nur wie blöd nicke.

„Ben hört ihre Stimmen, wenn sie in Gefahr sind und er kann sie heilen und sogar neu wachsen lassen! Ist das nicht abgefahren?“, erwidert Sabrina aufgeregt an meiner Stelle.

„Faszinierend“, murmelt Lilaja und beäugt mich mit einem hingerissenen Seufzen.

„Deswegen ist und bleibt er trotzdem ein Mensch!“, donnert der Zentaur plötzlich und schlägt mit seinem rechten, vorderen Huf so hart in den Boden, dass wir alle erschrocken zusammenzucken. „Die beiden gehören nicht hierher!“

„Das sagtest du bereits mehr als einmal! Ich kann es sowieso nicht erwarten, von hier wegzukommen!“, zische ich zurück und funkle ihn böse an. „Mann, was bildest du dir eigentlich ein? Langsam gehst du mir gewaltig auf die Nerven!“

„Ich zertrete dich, wie eine Made!“, brüllt der Zentaur und macht Anstalten, seine Worte in die Tat umzusetzen, aber die Schreie von Lilaja und Sabrina können ihn zurückhalten.

„Schluss damit!“, ruft Lilaja wütend. Sie ist etwas kleiner und zierlicher als Sabrina und trotzdem stellt sie sich furchtlos und mit erhobenem Kinn zwischen uns und streckt die Arme nach beiden Seiten aus. „Hört sofort auf, ihr Streithähne! Hektor, dein Hass auf die Menschen hat hier nichts zu suchen. Ben ist zur Hälfte Mytherrianer, er hat schon einmal einen Portalstein von seiner Mutter bekommen. Wir müssen herausfinden, wer sie ist und wo wir sie finden, nur dann haben Sabrina und er eine Chance, in ihre Welt zurückkehren zu können.“

Hektor knirscht mit den Zähnen. „Besser heute, als morgen“, zischt er ungehalten. „Ich frage mich wirklich, was uns das angeht.“

Ich will ihm sagen, dass er sich zum Teufel scheren soll und dass wir seine Hilfe nicht brauchen, aber ich lasse es. Ich merke, dass Lilaja um Haltung ringt, weil sie den Streit nicht erneut entfachen will. Ich weiß zwar nicht, warum sie mit diesem Zentaurenarschloch befreundet ist, aber ich akzeptiere es und schweige.

„Dass Ben göttlich ist, steht außer Frage, sonst hätte er kein Portal öffnen können“, sagt Lilaja, als wir uns alle etwas beruhigt haben. „Auch seine smaragdfarbenen Augen und seine Gabe lassen keine Zweifel offen. Die Frage ist nur, wer seine Mutter ist und wo wir sie finden.“

„Göttlichen Ursprungs“, wiederhole ich verwirrt, meine Gedanken kreisen wie verrückt, mir wird leicht schwindelig.

„Nur Götter, Halbgötter und deren Nachkommen besitzen leuchtende Augenfarben, wobei die Intensität mit jeder Generation nachlassen kann“, erklärt sie. „Zentauren sind zum Beispiel Halbgötter des Himmels.“ Sie zeigt auf Hektor.

„Und du bist ebenfalls göttlich“, sagt Sabrina plötzlich und mustert Lilaja bewundernd. „Ich vermute, du bist eine Najade und an diesen See hier gebunden?“ Sie zeigt auf den sanften Wasserfall, der die Grotte in einiger Entfernung von draußen abschirmt. Ich folge ihrem Blick, das Wasser fällt mir erst jetzt auf.

Lilaja begegnet Sabrina mit erstauntem Blick.

„Du bist sehr weise, Menschenkind.“

Der Zentaur schnaubt im Hintergrund, aber ich versuche ihn zu ignorieren.

„Ja, ich kenne mich ein wenig aus“, erwidert Sabrina sichtlich stolz und grinst von einem Ohr zum anderen.

„Meine Mutter …“, murmle ich fahrig und schüttle aufgeregt den Kopf. „Ich muss wissen, wer sie ist!“

„Ohne sie seid ihr in unserer Welt gefangen“, sagt Lilaja vorsichtig. „Nur sie könnte dir einen neuen Portalstein geben, wenn du deinen ersten von ihr hattest.“

„Aber wir wissen doch gar nichts von ihr!“ Sabrina starrt mit aufgerissenen Augen zwischen uns hin und her. „Sie kann ja sonst irgendwo sein und vielleicht hat sie gar keinen Stein mehr. Ich meine, können wir nicht irgendwo anders so ein Ding herbekommen und dann von hier verschwinden?“

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9783960894230
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