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EXO Assimilation
1 EXO ASSIMILATION
EXO ASSIMILATION
Klevno Valentin
+49017647245549
klevnovalentin@gmail.com
Science – Fiction – Roman
von Valentin Klevno
16.01.2019
Inhalt
Vorwort des Autors.
1 Ein großes Ziel. . . . . .
2 Hypothese. . . . . . . . .
3 Ein schwieriger Weg.
4 Resonanz. . . . . . . . .
5 Die neue Welt. . . . . .
Vorwort des Autors
Verschiedene Wege führen zum Beruf des Schriftstellers: Manche erlernen ihn von der Pike auf, andere schreiben einfach drauflos. Und dann gibt es noch die besonders Unglückseligen, denen urplötzlich ein Thema in den Sinn kommt. Nicht etwa in einzelnen Teilen oder Episoden, nein – es klopft sofort als greifbares Ganzes an die geistige Tür. Das kannte ich zwar auch von früher, doch da fand sich stets ein Grund, dem Ganzen aus dem Weg zu gehen. In meinem Fall stimmten schlichtweg die Voraussetzungen nicht, oder vielmehr – sie waren überhaupt nicht gegeben. Meine Rechtschreibung ist katastrophal, vom Stil ganz zu schweigen. Meine Gedanken pflegte ich zur Not auch mit wenig geeigneten Worten darzulegen. Ich lief umher, dachte nach, nahm einen kräftigen Schluck, und am nächsten Tag trat das Wesentliche in den Vordergrund, während das Wünschenswerte sich weit weg versteckt hielt.
Doch diesmal war alles anders, und ich konnte weder ausweichen noch abtauchen. Das Thema wuchs wie ein Schneeball, Tag für Tag kamen neue Details hinzu. Ich wurde nicht nur von seinem Sinn durchdrungen, sondern ich sah es, mein Bewusstsein verlieh jeder einzelnen Episode eine sichtbare Form: Mein Zustand glich dem eines Wahnsinnigen. Irgendwann wurde mir klar, dass es so nicht weiterging, dass ich etwas tun musste. Das alles erwähne ich deshalb, weil die Leser im Roman keinen Spannungsbogen aus Helden, klassischer Dramaturgie und weiteren grundlegenden Elementen vorfinden werden, die der Konzeption eines künstlerischen Werkes nach landläufiger Meinung zugrunde liegen. Die Kritiker können sich beruhigt zur Ruhe legen, denn ich bin kein Autor, der durch die Feder Neues schafft. Mir blieb lediglich keine andere Wahl, als das niederzuschreiben, was irgendwie von meinem Bewusstsein Besitz ergriffen hatte. Warum also Exo? Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet etwa „außen“ - „von außen“ - „entfernt“. Genauso stellt mein Roman eine entfernte Variante eines tatsächlichen Romans dar. Am ursprünglichen Text wurden kaum Änderungen vorgenommen, wer also stilistische und grammatikalische Fehler suchen möchte, wird solche zuhauf finden. Den Leser wird einzig und allein der Wunsch, das bisher Gelesene zu begreifen, zum Weiterlesen bewegen können. Vielleicht gelingt es ihm mithilfe meines Sujets, die Perspektive einer neuen Zeit als Alternative zu erkennen. Und diese Zeit hat mit Sicherheit nichts mit den Vorstellungen der Architekten unserer Gegenwart zu tun.
Möge der Roman dem Leser als Motivation dienen, sämtliche Vorgänge, die einem modernen Gesellschaftsmodell zugrunde liegen, geistig zu durchdringen. Die Vorstellung eines bevorstehenden neuen Menschentyps schwirrt schon seit vielen Jahren in den Köpfen der Menschen umher. Interessant jedoch bleibt, in welcher Form sich dieses Neue im Menschen äußern soll.
Der Titel entstand von allein, denn der ganze Roman dreht sich um Assimilation, Verschmelzung und Aneignung. Das Thema steht so sehr mit der heutigen Lebensart im Einklang, dass auch das Genre sich selbst definierte: Science-Fiction.
Die Ereignisse entwickeln sich sowohl in vertikaler als auch in horizontaler Richtung und bringen dem Leser das Jahr 2070 nahe, während meine Geschichte viele Jahre später mit der Entstehung eines neuen Sonnensystems endet. Ich schildere Ereignisse, weshalb die allgemeinen zeitlichen Vorgänge von größerer Bedeutung sind als das Leben einzelner Romanfiguren. Dabei bin ich weder Astronaut noch Mikrobiologe, um qualifiziert über diese Themen schreiben zu können, doch die objektive Realität lässt schon heute bei vielen Menschen den Eindruck entstehen, dass die Ressourcen unserer Erde nicht unerschöpflich sind. Ihr Abbau unterliegt faktisch keiner Kontrolle, und es gibt keine alternativen Quellen.
So bleibt mir die Hoffnung, dass Sie beim Lesen des Romans „Exo-Assimilation“ nicht sinnlos Zeit vergeuden. Reagieren Sie, äußern Sie Ihre Meinung, dann gibt es vielleicht eine Fortsetzung.
Sollten Ihnen jedoch auf den ersten Seiten die Augen zufallen, dann legen Sie den Text guten Gewissens beiseite – dann ist er nicht für Sie.
P.S.: Übereinstimmungen mit realen Personen oder Ereignissen sind rein zufälliger Natur.
Kapitel 1. Ein großes Ziel.
Was hat die Menschheit in den vergangenen 300 Jahren nicht alles erreicht: Mehrere Tausend Jahre lang holte sie Schwung, dann fand auf einmal ein riesiger Evolutionssprung statt. Noch vor gar nicht allzu langer Zeit gruben unsere Vorfahren die Erde mit Hacke und Spaten um und erschlugen einander wegen eines Stückchens Papier, auf dem Zahlen und ein Gegenwert abgebildet waren. Lange diente das Geld als Maßstab zahlreicher Ereignisse und Vorgänge unter den Menschen, bis schließlich allen klar wurde, dass es seine positive Rolle längst eingebüßt hatte. Viel Zeit verbrachte die Menschheit damit, die Geburt eines neuen Menschen auf der Erde bildlich darzustellen und auf eine neue Mission zu warten, die sie von allem Leid erlösen und das Paradies auf Erden einläuten sollte. Die Erleuchtung tritt mit der wissenschaftlichen Entwicklung ein.
Wie viele Entdeckungen wurden in verschiedenen Bereichen gemacht, insbesondere in der Elektronik. Die Quantentechnologie löste geradezu eine Revolution auf dem Feld der lebenden und leblosen Materie aus. Doch stellen Sie einem beliebigen Passanten einmal die Frage, was er über das Leben weiß. Ich versichere Ihnen, dass Sie, sooft Sie diese Frage auch stellen, jedes Mal eine andere Antwort bekommen. Hatten die Menschen früher keine einheitliche Vorstellung vom Leben, so haben sie auch heute noch keine. Mag unser Einfluss auf die Umwelt noch so weit reichen, mag ein Mensch noch so bedeutsam erscheinen – das Leben als solches ist und bleibt ein Rätsel. Der Mensch bleibt stets ein Kind der Natur, deren Werte ebenfalls unerschütterlich bleiben. Und so bleiben vom Leben: Verteidigung, Schutz, Stärkung, Verlängerung. Steckt nicht in diesen Begriffen die Essenz unseres gesamten Daseins?
Lange Zeit fantasierte die Menschheit über übermenschliche Kräfte und den Übermenschen. Die Religion erstickte im wahrsten Sinne des Wortes die Wissenschaft, deren Arme und Beine gebunden waren. Untersuchungen wurden anhand moralisch-ethischer Normen bewertet. Die Evolution der Amöbe folgt zum Beispiel nur einem einzigen Gesetz: dem von Leben und Tod. Die menschlichen Wertvorstellungen hingegen wurden lange anhand falscher Maßeinheiten bemessen, selbst wenn man davon ausging, der Mensch herrsche über die Natur. Wie wir jedoch wissen, stellt die Natur eine aggressive Umgebung dar, die ihren Herrscher im unpassendsten Moment verschlingen kann.
Der Verstand, der kollektive Verstand der Menschheit ist jedoch stärker als sämtliche Überzeugungen, so fest diese auch sein mögen.
Das 21. Jahrhundert verlief für die Menschheit besonders erfolgreich. Im Weltraum wurde das Projekt einer internationalen Raumstation verwirklicht – ein hinsichtlich seiner Größenordnung beispielloses Projekt, das sich mit nichts vergleichen ließ, was die Menschheit bisher auf der Erde oder im Weltraum erbaut hatte.
Trotz ihrer immensen Kosten wurde die Raumstation in Betrieb genommen. Sie eröffnete der Menschheit im Bereich der Wissenschaft und Technik völlig neue Möglichkeiten. Die ersten Prototypen konnten den tatsächlichen Anforderungen der Wissenschaftsverbände aufgrund ihrer geringen Abmessungen und ihrer Anfälligkeit im Weltraum noch nicht gerecht werden. Ihre Hauptaufgabe bewältigten sie jedoch voll und ganz, denn dort wurde ein neues Element entdeckt und entwickelt, das das Kristallgitter von Metall veränderte. Dieses besteht nun weder aus Metall noch aus Plastik oder Glas, sondern liegt irgendwo zwischen diesen drei Stoffen.
Dieses Material erwies sich als leicht und überaus durchlässig und behielt im Weltraum konstant seine Form bei. Letztendlich gelang es, mithilfe dieses neuen Elements in vergleichsweise kurzer Zeit das Problem von Anlieferung und Bau einer riesigen Raumstation im Weltraum zu lösen. Aus Sicht der ersten Jahre des neuen Jahrtausends erweckte das gesamte Projekt einer großen, im Weltraum fliegenden Stadt einen unglaublichen Eindruck.
Nahezu alle grundsätzlichen Arbeitsabläufe, die den Bau und die Funktionsfähigkeit der Raumstation betreffen, wurden und werden weiterhin von Robotern erledigt.
Das Bestreben zahlreicher Hersteller, der Robotertechnik in Sachen äußeres Erscheinungsbild und Verhalten menschliche Züge zu verleihen, führte zu einem großen Disput der internationalen Gemeinschaft. Da Ziel und Aufgabe jedes Roboters darin bestehen, dem Menschen zu helfen und ihm das Leben zu erleichtern, fasste man den vernünftigen Beschluss, keine zusätzlichen Gelder dafür aufzuwenden, die Roboter weiter den Menschen anzugleichen.
Der Moment der Wahrheit.
Als die Menschheit zu Beginn des Jahres 2070 erkannte, welch große Bedeutung der sparsame Umgang mit sämtlichen Gütern des Erdballs hatte, waren die destruktiven Prozesse bereits nicht mehr aufzuhalten. Diese hatten sich stark beschleunigt, nachdem die Roboter, die keine Erschöpfung innerhalb kürzester Zeit kannten, über 65 % der Lithosphäre abgebaut hatten. Zudem stellte sich zu jener Zeit heraus, dass kein Ersatzmaterial entwickelt worden war, mit dem man die erschöpften Zechen hätte wieder auffüllen können.
Nicht nur der bedrohliche Klimawandel auf dem Planeten brachte die Menschen wieder zur Vernunft, sondern auch der akute Mangel an unverarbeiteten biologischen Lebensmitteln.
Dies lag nicht etwa an der ständig wachsenden Bevölkerung auf dem Planeten, sondern daran, dass die Böden ihre Regenerationsfähigkeit eingebüßt hatten. Sie waren ausgelaugt. Die Lebensmittelproduktion durch die Landwirtschaft ging rapide zurück. Dabei wurde es immer schwieriger, die Menschen von Plastik zu ernähren.
Das bekannte Energieerhaltungsgesetz wurde zunehmend in Frage gestellt. Verschiedene Untersuchungen führten zum Ergebnis, dass Quantität nur selten oder eben gar nicht in Qualität übergeht.
Blickt man auf den Beginn des 21. Jahrhunderts zurück, so wird einem schnell klar, wo und wie die Menschheit ins Straucheln geriet und sich weiter auf den Abgrund zubewegte, indem sie von einer Kursänderung absah.
Als sich der gesamten Zivilisation die Frage stellte, ob sie wie Menschen oder wie eine transformierte Form des Lebens weiterleben wollte, schlossen sich die Menschen zusammen und machten sich ernsthafte Gedanken über die unausweichlich heranrückende Katastrophe. Dabei ließ man nichts unversucht, um eine solche zumindest in den nächsten Jahrzehnten auszuschließen.
Diese Versuche hatten jedoch nichts mit bedrohlichen Genmanipulationen oder alles verschlingenden Machtfantasien zu tun. Vielmehr lagen die Ursachen tief unter der Erde. Im Kreislauf des Ökosystems war ein winziges Glied abhandengekommen, das für den Verschluss des Reproduktionszyklus der Erdrinde verantwortlich war.
Die Tatsache, dass die für die Regeneration des Bodens verantwortlichen Mikroorganismen in großem Stil verschwanden, setzte dem Leben auf der Erde eine klar definierte Grenze. Der Planet stirbt langsam ab. Eine Vielzahl der Probleme, die das Zusammenleben in dieser Phase mit sich brachte, lösten sich auf natürlichem Wege auf. Der Lebensstil der Verbraucher änderte sich radikal und damit ging natürlich auch eine Veränderung der Menschen einher. Der Welt zeigte sich ein direkter und jedem verständlicher Weg des Fortbestehens auf. Sämtliche sozialen und internationalen Beziehungen wurden im Wesentlichen von der Vorstellung einer Gemeinschaft reguliert.
Jugend macht Schicksal.
Vor diesem Hintergrund beginnt nun unsere Geschichte, deren weiterer Verlauf von einer Gruppe junger Menschen abhängt, die unter der Schirmherrschaft der Internationalen Wissenschaftlichen Gemeinschaft die mikrobiologische Fakultät abschließen. Niemand hatte diese Gruppe mit einem bestimmten Ziel gegründet. Schon vom ersten Semester an hatte sie sich von selbst an der Fakultät herausgebildet. Auffällig war, dass die Gruppe keinen eindeutigen Anführer hatte – wahrscheinlich wollte niemand diese Rolle übernehmen, wenngleich sich das nur schwer mit Bestimmtheit sagen lässt.
Wie zwischen einzelnen Menschen Freundschaft entsteht, ist seit jeher eine Art Geheimnis: Die einen führen die Chemie als Ursache an, die anderen die jeweiligen Überzeugungen, der wahrhaftige Grund für die Entstehung einer Freundschaft ist jedoch im natürlichen Magnetfeld des menschlichen Bewusstseins zu suchen. Begriffe wie Sympathie, Empathie und vieles weitere waren seinerzeit detailliert erforscht worden, es war jedoch niemandem gelungen, ein ganzheitliches Bild zu zeichnen. Wahrscheinlich kommen wir später auf dieses Thema zurück.
Und so wurden die Studenten der Mikrobiologie im Jahre 2074 auf die Internationale Raumstation ISS geschickt, um eine Reihe von Experimenten durchzuführen, die in direktem Zusammenhang mit ihrer Diplomarbeit standen. „Das Verhalten von Mikroorganismen in veränderter Umgebung“ - so lautete ihr gemeinsames Thema.
Eben dieses Thema schweißte unsere Mannschaft auf der Zielgeraden zusammen. Das Ziel, ein Diplom zu erhalten, hatte von Anfang an keine Rolle gespielt – der Beruf als Mittel, der Gesellschaft von maximalem Nutzen zu sein, bildete die Grundlage für den berechtigten Enthusiasmus der jungen Leute.
Irgendwo gab es noch Menschen, denen der Leitspruch der Vorzeit im Gedächtnis geblieben war: “Leb', verlieb dich und vermehrt' dich”. Aus heutiger Perspektive wirkt das allzu unbesorgt und zweitrangig, insbesondere vor dem Hintergrund der Bevölkerung des Planeten. Im Vergleich zum Beginn des 21. Jahrhundert s war sie um ein Vielfaches gewachsen. Der heutige Menschentyp ist sich der Bedeutung seines Daseins auf der Erde und der Kostbarkeit des Lebens bewusst. Und dies nicht nur auf dem Papier dank ausformulierter Gesetze über Menschenrechte, sondern auch in Wirklichkeit. Denn wohin künstlich erdachte Überzeugungen führen, wissen wir bereits, wohin wahrhaftige führen, erfahren wir in Bälde.
Die vor Diplomanden gruppe bestand aus fünf Personen. Sie stammen alle aus verschiedenen Ecken des Planeten und waren überzeugte junge Menschen, die mit sich selbst im Reinen waren. Nun ist es an der Zeit, jeden von ihnen persönlich kennenzulernen: Konstantin, den alle “Kostja” nennen, hat helles Haar, ist durch und durch Realist, hat eine starke Physis, ist selbstbewusst, verfügt über einzigartige analytische Fähigkeiten und kann Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge schnell begreifen. Im Grunde ist er ein gutmütiger und hilfsbereiter junger Mann.
Michael ist ein Intellektueller und gilt unter den Mitstudenten als besonders ausgeglichen. Schon die Präsentation der ersten Seminararbeiten glich bei ihm der Aufführung eines Theaterstücks. Er ist ein ausgezeichneter Redner und organisiert sämtliche größeren Veranstaltungen der Fakultät.
Habib verfügt über eine mathematische Denkweise, hat stets nur Zahlen und mathematische Analysen im Kopf und ist das Paradebeispiel einer introvertierten Person. Er erweckt einen stillen und verschlossenen Eindruck, allerdings nur bis zum Beginn einer Diskussion.
Samantha ist eine gutherzige, rothaarige Mutter Teresa, aufmerksam bis zum Geht nicht mehr. Sie bemerkt einfach alles, liebt Disziplin und Ordnung und ist auch beim wissenschaftlichen Arbeiten äußerst pedantisch.
Julia ist klug und hübsch, liebt Chemie über alles und ist durch und durch Perfektionist. Sie hat ein wunderbares Gehör, spielt Geige und weiß stets, was sie will. Privat ist sie scharfsinnig und geradeheraus, bei der Arbeit hingegen eine unersetzliche Hilfe.
Das Leben auf der Raumstation unterscheidet sich rein theoretisch kaum vom Leben auf der Erde – vor allem dann, wenn die Arbeit einen voll und ganz beansprucht. Natürlich gibt es auf der Erde ganz andere Möglichkeiten, für helle Köpfe sind diese in der Regel jedoch kaum von Interesse. Man wird mit allerhand nebensächlichen Reizen überflutet, und einfachen Menschen fehlt es mitunter an der Kraft, sich auf ein bestimmtes Thema zu fokussieren. Dabei waren Begriffe wie Werbung oder Direktmarketing bereits vor etwa 50 Jahren in Vergessenheit geraten. Der soziale Raum hatte viel freiere und unkomplizierte Züge angenommen.
Dieses Geschwür des 20. Jahrhunderts war jedoch durch ein anderes ersetzt worden: durch die künstliche Intelligenz mit all ihren Assistenten, Helferlein und Transkriptionen. Alles, was man tut, wird von ihnen kontrolliert. Sie streben vor allem danach, den Kontakt zu Ihrem Bewusstsein ständig aufrechtzuerhalten. Der Mensch gewöhnt sich zwar daran, die Maschine aber nicht. Wird diese Unterstützung missbraucht, so hat man nach einem halben Jahr direkter Kommunikation vergessen, wo das eigene Haus steht.
Im Weltraum sieht alles ein wenig anders aus – Geräusche, Licht und Feuchtigkeit unterliegen keinerlei Veränderungen, was der schöpferischen Arbeit zuträglich ist. Dies gilt insbesondere dann, wenn von der Erde ein ganzer Schwall an komplizierten und wichtigen experimentellen Projekten zugestellt wird.
Auf der Station befinden sich zahlreiche unterschiedliche Laboratorien, die mit der neuesten Technik ausgestattet sind. Einzelne Gruppen können notwendige Untersuchungen entweder in ihren eigenen Labors durchführen oder Tests von der Roboter Zentrale anfordern. Die Datenbank der ISS ist online über einen Zentralserver mit der Internationalen Wissenschaftlichen Gemeinschaft auf der Erde verbunden. Dieses pulsierende System ermöglicht es, sämtliche auf der Erdoberfläche stattfindenden Prozesse zu analysieren und über alles Neue auf dem Laufenden zu sein.
Das retrospektive Kaleidoskop.
Der Morgen beginnt für alle Bewohner der ISS in der Küche des Wohnbereichs. Jeder Sektor verfügt über eine eigene Küche. Es gibt drei Sektoren: einen wissenschaftlichen, einen technischen, einen für die Steuerung Piloten. Normalerweise ist ein Roboter für den Haushalt in der Küche verantwortlich, er nimmt von jedem Bewohner der ISS Menü Bestellungen entgegen. Er kann die Bestellung auch von einem einzelnen Gruppenmitglied entgegennehmen, das über die persönlichen Vorlieben des anderen Bescheides weiß. Dabei handelt es sich meist um eine freiwillige Aufgabe, die in unserer Gruppe Samantha bereitwillig übernommen hat – so kann sie sich wie eine fürsorgliche Mutter um den männlichen Teil der Gruppe kümmern. Übrigens wusste Julia das Ganze ebenfalls zu schätzen. Ihr zart besaitetes Wesen bedurfte der Fürsorge. Und wie in jeder eingeschworenen Gemeinschaft zählte keiner die Ausgaben, vielmehr kam alles nur von Herzen.
In dieser Welt wurde schon vieles zum Thema zwischenmenschliche Beziehungen beschrieben, gedeutet und interpretiert. Anhand von Laboruntersuchungen wurde aufgezeigt, dass eine Vorstellung wie die der Einmütigkeit gleich auf die der Liebe folgt. Und das ist nur allzu gut verständlich, denn was bedeutet schon „mein“ im Vergleich zu „unser“? In Summe lässt sich ein solches Team nur mit einem Kometen vergleichen, der am Firmament aufleuchtet, dabei eine gigantische Entfernung zurücklegt und seine Spur in der Ewigkeit hinterlässt. Dass so etwas nur selten vorkommt, dürfte uns allen bekannt sein. Hat man jedoch das Glück, einmal im Leben auf ein solches Team zu treffen und seine Entwicklung zu verfolgen, so gibt es mit Sicherheit keinen schöneren Anblick im Leben.
Ich blicke ein wenig in die Zukunft, wenn ich an dieser Stelle die Liebe in unserem Team anspreche, denn bisher denkt noch keiner daran. Wahrscheinlich ist sie zwischen einzelnen Gruppenmitgliedern bereits entflammt, obwohl noch niemand seine Gefühle offen gestanden oder angedeutet hat. Das Leben weiß genau, wann es dieses Lämpchen einzuschalten gilt, von dem das Gesicht eines Menschen zu leuchten beginnt, während sein Gesichtsausdruck dem eines Kindes ☺ gleicht, das soeben ein lebendes Küken erblickt hat.
***
Der folgende Tag beginnt mit der Morgenroutine. Einmal im Kreis um die Wohneinheit zu laufen, dauert elf bis zwölf Minuten, wobei etwa 3000 Meter zurückgelegt werden – eine hervorragende Distanz, um den Kreislauf in Schwung zu bringen. Als Erster läuft Michael los, daraufhin Habib, zuletzt schließt sich Kostja an. Normalerweise bestellt Samantha genau zu dieser Zeit das Frühstück für alle und nimmt regelmäßig Verbindung zu den Läufern auf, um die Bestellung mit den Daten des Personal Trainers abzustimmen, der die Chemie des Organismus im Auge behält.
Der Organismus gewöhnt sich rasch an das Leben auf der Station. Wenn er nicht gestört wird, funktioniert das System stabil. Auf der Erde gibt es zu viele Faktoren, die das menschliche Befinden beeinflussen, und normalerweise kann der Mensch diese Einflüsse nicht kontrollieren. Daneben treten zahlreiche sekundäre Einflüsse auf, die im Grunde nicht vorhersagbar sind: Wo und wie wird man von Magnet wellen durchdrungen oder von UV-Strahlen verbrannt? In der Summe nennt sich das „Extremum“. Das Leben findet dann in einer Extremsituation statt, wenn alles, wirklich alles um einen herum nicht zum eigenen Wachstum beiträgt, sondern die eigene Existenz aktiv beeinträchtigt.
Nachdem sie genügend Informationen eingeholt hat, bestellt Samantha das Frühstück beim Küchenroboter TKB – die Abkürzung steht für „Technischer Küchenbetreiber“. In dessen Aufgabenbereich fällt alles, was mit dem Essen und der Organisation dieses Prozesses zu tun hat. Er vergisst nie etwas, ist sorgfältig, pflichtbewusst und – darin sind sich alle einig – ein äußerst organisierter Roboter. Im Idealfall nimmt er selbst zu allem Kontakt auf.
Normalerweise sind die morgendlichen Treffen in der Küche Briefings, bei denen aktuelle Fragen erörtert und gemeinsame Maßnahmen besprochen werden. Trotzdem sind alle auch im Laufe des Tages online über den Hauptserver „ISS“ miteinander verbunden. Dieser wiederum wird von der elektronischen Schaltzentrale „ALL“ verwaltet.
Dabei handelt es sich um einen Super-Quantencomputer, der die Kommunikation sämtlicher Systeme und Mechanismen der ISS aufeinander abgestimmt. Seine Möglichkeiten sind noch nicht gänzlich erforscht, er befindet sich im Stadium der Selbstvervollkommnung, und niemand weiß genau, wie lange das dauert. Es ist auch heute noch beeindruckend, wozu die künstliche Intelligenz in der Lage ist. Wie verwundert wären doch unsere Vorfahren gewesen, hätten sie die Möglichkeiten dieses Systems mit eigenen Augen gesehen!
In der Regel können nur wenige mit außergewöhnlichen Erfolgen prahlen, wenn sie auf ihren bisherigen Lebensweg zurückblicken. Insbesondere mit einigem zeitlichen Abstand erscheint der zurückgelegte Weg leicht und wenig komplex, und alle Drehungen und Wendungen kommen einem nur allzu bekannt und verständlich vor. Viele von uns haben darüber nachgedacht, ob sie diesen Weg im Wissen um alle Wendungen, die er mit sich bringen würde, schnell und ohne Verluste hätten zurücklegen können. Ist es da nicht viel angenehmer, an einer echten Geschichte teilzunehmen und zu erleben, wie präzise jeder einzelne Schritt im multiplen Raum der möglichen Lösungen abgemessen wird? Dadurch lässt sich meine Vision gewissermaßen rechtfertigen. Ich möchte Sie nicht in die Geschichte der Ereignisse einweihen, die der Bildung unserer vor Diplomanden gruppe auf der ISS vorangegangen sind. Die wichtigsten Momente ihres Lebens spielen sich nämlich genau hier ab und bilden den Anfang einer neuen Ära auf der progressiven Leiter der menschlichen Evolution.
Das nächste morgendliche Briefing in der Küche unterschied sich durch nichts von den Vorhergehenden. Kostja, welcher der physischen Vorbereitung diesmal etwas mehr Zeit gewidmet hatte, begab sich eilends in die Küche. Sein Personal Trainer teilte ihm Folgendes mit: „Kostja, nehmen Sie Brötchen nur in Maßen zu sich, Ihr BMI und Ihre Eiweißwerte liegen dagegen im Normbereich.“
Er bedankte sich beim Provider und beschleunigte seinen Schritt. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich alle weiteren Gruppenmitglieder bereits im Saal.
Als Kostja das Zimmer betrat, fiel sein Blick sofort auf Samantha, deren Gesicht einerseits Verwunderung, andererseits Empörung zum Ausdruck brachte.
Kostja, der sich die Hände abtrocknet, meint:
„Anscheinend haben wir eine interessante Woche vor uns. Wer hat sich die letzte Zusammenfassung von der Erde angesehen?“
Samantha lächelte und fuhr mit dem Frühstück fort.
Habib sah mit starrem Blick auf das vor ihm stehende Frühstück, als würde er die in den Lebensmitteln enthaltenen Moleküle zählen.
Julias Blick trifft auf den von Michael, welcher zustimmend mit dem Kopf nickt und spricht:
„Der schläft noch halb.“
Mit monotoner Stimme meint Habib:
„Wir müssen die Daten der Sahara Proben noch einmal überprüfen und sie mit den Daten der Subtropen abgleichen.“
Julia trinkt ihren Cocktail fertig und schaltet das Übersicht Display in der Mitte des Tisches ein:
„Schauen wir uns die Nachrichten an.“
In den Nachrichten wurde von der Aufhebung bedeutender Systeme im Bereich der zwischenstaatlichen Beziehungen berichtet, wenngleich die Existenz von Staaten aus juristischer Sicht bereits lange vorher abgeschafft worden war. Dasselbe gilt auch für die Grenzen zwischen solchen.
Die Sprecherin las die wesentliche These eines Dekrets über die Erde vor, das zuvor lange ausgearbeitet worden war. Die These war kurz und verständlich: „Die Erde stellt eine unteilbare Einheit dar, die weder einzelnen Gruppen noch Rassen gehören kann.“
Anschließend wurde knapp über den erneuten Einsturz der Erdoberfläche an mehreren Stellen berichtet. In Anbetracht der Gesamtlage erweckten derartige Berichte einen durchaus beunruhigenden Eindruck.
Michael schlug vor, die Nachrichten auszuschalten und den Arbeitstag gemeinsam abzustimmen. Er las folgende Mitteilung vor:
„ALL schlägt vor, dass zwei von uns die gestern eingetroffenen Studenten mit der ISS vertraut machen sollen.“
Kostja und Samantha tauschten Blicke aus und erklärten sich dazu bereit.
„Habib fährt mit dem Abgleich der Daten von der Erde fort, und du, Julia, machst die biochemischen Test Analysen der Kapsel Proben fertig“, sagte Michael.
Kapsel Proben stellen eine Innovation in der Erforschung der oberen Schichten der Planeten des Sonnensystems dar. Auf diese Methode kommen wir später noch detailliert zurück.
Michael selbst wollte sich der Erstellung des Zeitplans für die Referate zu den im vergangenen Monat durchgeführten Untersuchungen widmen. Am Wochenende war eine Telekonferenz mit dem wissenschaftlichen Beirat anberaumt, bei der die Gruppe von den Ergebnissen ihrer Arbeit berichten und konkrete praktische Untersuchungen für ihre Diplomarbeit vorschlagen sollte. Alle Gruppenmitglieder sind erfahrene Forscher, die sich darüber im Klaren sind, dass die Regeneration der Erdkruste mehrere Jahrhunderte dauern kann. Den Luxus, auf die natürliche Regeneration zu warten, kann sich die Menschheit nicht leisten, vielmehr werden neue Algorithmen zur Prozessbeschleunigung benötigt, denn das irdische Potential ist signifikant gesunken. In diesem Zusammenhang werden schon heute Ergebnisse benötigt.
Ein Hoffnungsschimmer.
Als sich alle bereits vom Tisch erheben wollten, bat Kostja um kurze Aufmerksamkeit:
„Mir ist morgens eine Nachricht von den Geodäsien ins Auge gefallen, hört mal kurz zu. Von der Station für übertiefe Bohrung wurden vollkommen neuartige Verbindungen unbekannter Mikroorganismen entdeckt. Früher war man davon ausgegangen, dass es in solcher Tiefe kein Leben geben kann.“
Kostjas Mitteilung rief bei allem Interesse hervor, und man beschloss, eine Anfrage nach sämtlichen Informationen über diesen Fund zu stellen. Jeder begab sich an seinen Platz, doch der Gedanke an neue Mikroorganismen ließ niemanden gleichgültig. Diese Neuigkeit hatte das Potential, die Untersuchungen in eine ganz andere Richtung zu lenken.
Michael begab sich in seine persönliche Kabine, die ihm als Büro mit Arbeitstisch diente, und sandte eine Anfrage an ALL, nachdem er zuvor mit ihm über dieses Thema gesprochen und darum gebeten hatte, Informationen über sämtliche Proben der übertiefen Bohrung einzuholen.
Um sich ein allgemeines Bild von der Geodäsie machen zu können, muss man über alle mehr oder weniger erfolgreich durchgeführten Bohrungsarbeiten der übertiefen Bohrstationen Bescheid wissen. ALL teilte mit, dass solche Bohrungen aufgrund fehlender kaufmännischer Interessen äußerst selten durchgeführt würden, da man davon ausgehe, dass es jenseits des Oberen Mantels nichts gebe, was sich verarbeiten und produzieren lasse. Mit anderen Worten: Eine betriebswirtschaftliche Grundlage sei nicht gegeben. Die geologische Forschungsabteilung weise in ihrer Bilanz jedoch eine experimentelle Gruppe aus, die eine spezielle Technik entwickelt habe – autonome Roboter, die in der Lage seien, derartige Arbeiten durchzuführen. Die Testmodelle hätten einen ausgezeichneten Eindruck hinterlassen. Der Kombiroboter könne an jeder beliebigen Stelle landen und die notwendigen Arbeiten auch unter Wasser durchführen.
Von dieser Gruppe seien schon viele Arbeiten durchgeführt worden, momentan finde die operative Wassersuche dort statt, wo solches noch nie vorhanden gewesen sei, da das Grundwasser stets in zu großer Tiefe gelegen habe. Dadurch ließen sich mehrere Hunderttausend Menschen vor der Dehydrierung des Organismus retten. Michael meinte: „Die sind echte Helden“, während ALL die weiteren Verdienste der Gruppe aufzählte.
Daraufhin erwiderte Michael:
„Bitte schick alles, was du darüber weißt, zu mir ins Büro, ich muss mir ein detailliertes Bild davon verschaffen.“
Die Mannschaft erhält Zuwachs.
In der Zwischenzeit trafen Kostja und Samantha sich mit den Neuankömmlingen. Treffen dieser Art finden normalerweise in der Haupthalle statt, in der sich alle Bewohner der ISS in ihrer Freizeit treffen. Dann geht es zu wie auf einer Party, auf der die Leute tanzen oder einfach Spaß haben. Eine lebhafte Diskussion ist durch nichts zu ersetzen – sie ist wie eine Gruppentherapie, bei der jeder jeden heilt. Der Saal wird auch für Telekonferenzen verwendet, wobei ALL bei den beteiligten Forschungsgruppen von der Erde den Eindruck erweckt, sie seien bei wichtigen wissenschaftlichen Gesprächen unmittelbar vor Ort. Auf der Erde kam diese Methode endgültig zum Durchbruch, als den Menschen klar wurde, dass es sinnlos war, sich voreinander zu verstecken, geheime Untersuchungen durchzuführen und Errungenschaften zu verheimlichen. Dies führt nicht zur Weiterentwicklung der Zivilisation, denn der wissenschaftlich-technische Fortschritt betrifft uns alle und ist lebensnotwendig.
Während sie auf die Halle zuging, fragte Samantha ALL nach den Personalien dreier Studenten, die im Rahmen eines Praktikums im Bereich Weltraumforschung eingetroffen waren. Kostja bat den Kommunikator, ihm die Informationen über die Studenten vorzulesen, und wunderte sich darüber, dass er nur zwei Sätze zu hören bekam: Geschlecht, Alter, Fakultät und Forschungsgebiet. Als sie die Halle betraten, erblickten sie drei junge Personen in enganliegenden, türkisfarbenen Overalls: zwei Männer und eine junge Frau, die etwa dieselbe, ihrem Alter entsprechende Körpergröße hatten. Kostja hob den Arm und begrüßte seine ergebenen Vasallen wie ein Anführer. Er gab sich jede Mühe, einen steinernen Gesichtsausdruck beizubehalten, konnte ein Lächeln jedoch kaum zurückhalten. Samantha hingegen lächelte offenherzig, streckte ihnen die Hand entgegen und hieß sie mit warmen Worten auf der ISS willkommen. Als sie ihre bleichen Gesichter bemerkte, fragte sie vorsichtig, wie ihnen die Teleportation bekommen sei.
Einmütig erwiderten die Studenten:
„Ganz normal, eigentlich wie immer...“
Damit brachten sie das Eis bei Kostja endgültig zum Schmelzen. Er wäre fast in Lachen ausgebrochen und meinte:
„Jetzt aber mal ehrlich!“
Samantha entgegnete sofort:
„Vergiss nicht, wie es bei dir war.“
Kostja blickte die Neuen an und sagte:
„So etwas vergisst man nicht. Anfangs hätte ich mich selbst kaum erkannt und meinen Organismus auch nicht.“
Samantha meinte:
„Den persönlichen Bereich kennt ihr schon, nun steht die Bekanntschaft mit der Crew an. Die Steuerungstafel ist nämlich direkt nebenan. Danach kommt das Laborgebäude. Alles Weitere erledigen ALL und euer persönlicher Kommunikator. Kostja und ich sind aus der mikrobiologischen Abteilung und helfen euch immer gerne, falls irgendwelche Fragen auftauchen. Und jetzt wartet schon die Plattform an der Transportlinie auf uns. Wahrscheinlich habt ihr die Markierung gesehen, als ihr hierhergelaufen seid.“
Die Studenten nickten einmütig.
„Dem bleibt nur noch hinzuzufügen, dass es auf der ISS zwei Typen gibt: Transportlinien und Passagier Linien. Der Kommunikator sagt euch immer, wie ihr am besten wohin gelangt, und organisiert den Transport.“
Die durchsichtigen Türen öffneten sich, und eine Passagier Plattform für sechs Personen kam zum Vorschein. Die Mädchen nahmen auf der einen Seite Platz, die Jungen gegenüber.
Kostja wollte witzig sein und meinte:
„Legt die Gurte an.“
Es regte sich jedoch keiner, da alle wussten, dass dies überflüssig war.
Während des Fluges nimmt man die Geschwindigkeit gar nicht wahr, und der Wind pfeift nicht in den Ohren – ein unbeschreibliches Gefühl, und einen Augenblick später ist man dort, wo man hinwollte.
Die Plattform machte vor einer riesigen Raumanlage Halt, hinter der man außer den gewöhnlichen Lichtreflektoren, die an allen Trennwänden und übrigen Konstruktionen der ISS angebracht sind, keinerlei schützende Kulisse ausmachen konnte. Dies sorgte für Verwunderung bei den Neuankömmlingen, die sich flüsternd darüber austauschen, wie das möglich sei, den Technologien dieser Art waren noch unerforscht. Ein ganzes Modul kann verschwinden und zusammen mit den anwesenden Personen, Gegenständen und Steuerungssystemen das Aussehen verändern, was die Studenten überraschte.
Kostja meinte:
„ALL, autorisieren Sie den Zutritt zur Zentrale und informieren Sie den Kapitän.“
ALL erwiderte:
„Der Zutritt ist genehmigt, der Kapitän erwartet euch.“
Den verblüfften Studenten erklärte Kostja:
„Diese Technologie ermöglicht es, den unabhängigen Betriebsmodus der Steuerungszentrale aufrechtzuerhalten. Bei Beschädigungen oder in Extremsituationen transformiert ALL die Zentrale in einen sicheren Raum, um das Fortbestehen der Station zu gewährleisten.“
An der Stelle, wo noch eine Sekunde zuvor eine Wand gewesen war, bildete sich ein Durchgang in der Größe einer Doppeltür, durch den alle ungehindert ins Innere des Raumes gelangen konnten. Wie aus dem Nichts tauchte der Kapitän auf und trat auf die Gruppe zu. Er schüttelte allen die Hand und sah sich die Gesichter der jungen Studenten aufmerksam an. Er wusste nur allzu gut, dass die heutigen Studenten schon morgen zu rechtmäßigen Bewohnern der Station werden konnten, mit denen er kooperieren musste.
Mit leicht zusammengekniffenen Augen fragte der Kapitän:
„Wie war die Teleportation?“
Einstimmig und munter erwiderten die jungen Leute:
„Ausgezeichnet, Kapitän, wir können gleich loslegen.“
Der Kapitän entgegnete:
„Nein-nein, wir müssen uns an die Regeln halten. Das gesamte innere System eures Organismus gewöhnt sich momentan an die neue Umgebung, dabei sollten wir es nicht stören. ALL, öffne das Front Panorama für uns.“
In Sekundenbruchteilen verwandelte sich die matte Wand hinter dem Kapitän in ein riesiges Fenster mit Aussicht in den Weltraum. Eigentlich konnte man gar nicht von einem Fenster sprechen, denn es gab keinerlei Barrieren. Man gewann den Eindruck, man sei Teil eines riesigen, grenzenlosen Raumes – ein Zustand, der gleichzeitig Angst, Freude und Entzücken hervorruft und sich kaum beschreiben lässt. Der Kapitän schlug vor, näher an den Rand zu treten. Kostja und Samantha, die schon mehr als sechs Monate auf der ISS verbracht hatten, verschlug es in Anbetracht einer solchen Schönheit genauso die Sprache wie den Neuen, denen beinahe die Beine versagten. Der Kapitän bemerkte natürlich, dass alle völlig verblüfft waren – er ließ ihnen etwas Zeit, lächelte und trat langsam auf das Panorama zu.
Einer der Studenten fragte:
„Ist das kein Hologramm?“
Der Kapitän antwortete:
„Nein, das ist eine unverzerrte Direktansicht. Unsere Station ist im Bereich wissenschaftlich-technischer Perfektion zu Außergewöhnlichem fähig. Viele Technologien lassen sich auf der Erde einfach nicht anwenden, aber hier laufen sie völlig reibungslos. In gewissem Sinne führt jedes noch so kleine Element der Auskleidung der ISS sowohl innen als auch außen ein Eigenleben. Und ALL kontrolliert sie alle, er kann über 100.000 Programmbezeichnungen sowohl einzeln als auch gemeinsam transformieren. Falls es uns gelingt, jenseits unseres Sonnensystems Retranslatoren als Tageslicht Beschleuniger einzurichten, kann ALL die Station an jeden Punkt der Galaxie befördern. Das ist die Zukunft, dann muss keiner mehr Raumschiffe bauen.“
Die Studenten standen da und hörten dem Kapitän mit offenem Mund zu. Schließlich bedankten sie sich für den interessanten Bericht und meinten, zeit ihres Lebens noch nichts Derartiges erlebt zu haben.
Der Kapitän setzte ein breites, natürliches Lächeln auf, welches man bei älteren Personen häufig dann sieht, wenn sie kleine Kinder mit einem trockenen Streich hinters Licht geführt haben.
Dann sagte er:
„Und jetzt ruht euch aus.“
Kostja erwiderte:
„Aber Kapitän, wir müssen ihnen noch das Laborgebäude zeigen.“
Der Kapitän antwortete:
„Aber nur ganz kurz, überfordert die Jungs nicht.“
Kostja, Samantha und die Studenten bedankten sich beim Kapitän und gingen dorthin zurück, von wo sie gekommen waren. Der Ausgang tat sich genau dort auf, wo sich die Plattform befand. Nun war allen klar, dass ALL jeden Teil der ISS und jede Zwischenwand der Modulverbindungen öffnen und verschließen konnte.
Samantha nahm über das interne Kommunikationssystem flüsternd Kontakt zu Julia auf und erzählte ihr von der Steuerungszentrale und dem breiten Panoramafenster mit Aussicht in den offenen Weltraum. Sie erklärte ihr, dass ein solcher Eindruck mit nichts zu vergleichen sei und dass kein Bordfenster einen solchen Anblick biete.
Samantha fragte:
„Warst du schon zu Gast beim Kapitän?“
Julia antwortete:
„Ja, aber das Panorama hat er mir nicht gezeigt. Wir haben uns über Musik unterhalten, anscheinend spielt er Querflöte, das hat mich sehr beeindruckt.“
Noch bevor sie zu Ende gesprochen hatte, machte die Plattform vor einem riesigen Modul namens „Laborgebäude“ Halt. Dieses stellt einen großen Organismus dar, in dem eine Vielzahl von Mikro Robotern für verschiedene Arbeitsabläufe verantwortlich sind. Sie befördern Objekte und Gegenstände zwischen einzelnen Geräten hin und her und führen komplizierte chemische Reaktionen durch. Jeder Quadratzentimeter der Labor Oberfläche weist einen Wirkungsgrad von 100 % auf. Direkt unter der Kuppel dieses Raumes befindet sich ein oval förmiges Zimmer, in das man über eine spezielle Rolltreppe gelangt. Dort angekommen, waren die Studenten nicht weniger verblüfft als im Deckshaus des Kapitäns.
Kostja sprach:
„Hier könnt ihr sämtliche Arbeitsabläufe und jeden einzelnen Untersuchungsvorgang verfolgen.“
Die Studenten fragten:
„Also nach unten schauen und beobachten, was die Roboter machen?“
Samantha reagierte als Erste:
„ALL, aktiviere das Klassifikationsschema.“
Sofort wurde eine vertikal entlang der Zimmerwände verlaufende Schautafel mit Tabellen sichtbar, auf der die gegenwärtigen Maßnahmen, aktiven Prozesse und eine Vielzahl weiterer, den jungen Spezialisten bisher unbekannter Bezeichnungen abgebildet waren.
Kostja fuhr fort:
„All das wird von ALL kontrolliert, allerdings solltet auch ihr wissen, wie und was hier vor sich geht, daher dient eure Anfangszeit im Labormodul der Adaptation. Euer persönlicher Kommunikator erzählt und zeigt euch alles en Detail. Und natürlich sind Samantha und ich ebenfalls für euch da.“
Die Erschöpfung in den Gesichtern der jungen Leute war kaum zu übersehen, daher bot Samantha ihnen an, sie zu ihren Appartements zu bringen. Sie wollte sich selbst davon überzeugen, dass die persönlichen Räumlichkeiten bei allen in Ordnung waren.
Theorie und Praxis gehen Hand in Hand.
Zu jener Zeit hatte Michael bereits beschlossen, auf Grundlage der neuen Daten weitere Untersuchungen und Planungsschritte durchzuführen. Es galt herauszufinden, inwieweit man sich auf diese Daten verlassen konnte. Die Entdeckung neuer Mikroorganismen, ihre Wechselwirkung mit dem gesamten Ökosystem der Erdoberfläche und ihr Einfluss auf bestimmte Arten hatten zu einem veränderten Bild geführt. Es gab so viele Fragen, dass Michael allen über das interne Sprechsystem vorschlug, sich nach dem Abendessen im Konferenzsaal zu treffen und genauer zu besprechen, inwiefern die neuen Umstände eine Änderung der Gesamtausrichtung der Untersuchung nach sich zogen. Dabei wusste er, dass man nicht immer im Freundeskreis zu Abend essen konnte – wenn die einen mit der Arbeit fertig waren, benötigten die anderen noch etwas Zeit. Heute wusste er jedoch, dass sich alle beizeiten versammeln würden, denn nur selten trafen neue Informationen ein, die das Potential hatten, die gesamte Untersuchung auf den Kopf zu stellen. Wenn irgendetwas fehlte, drehte sich die Gruppe meist lange im Kreis und es gelang nur mit Mühe, eine Untersuchungsstrategie zu entwerfen. Julia und Habib nahmen zum wiederholten Male eine Prüfung aller bis dato bekannte pathogene Mikroorganismen vor, die zur Regeneration der Erdkruste fähig waren. Die Gründe ihres Verschwindens sind allseits bekannt, und auch ihre Wechselwirkung mit anderen Stoffen wurde bereits erforscht – so sind Mikroorganismen, die neben Stickstoff-, Kohlenstoff- und Schwefelverbindungen auch viele weitere Verbindungen verarbeiten und an die Böden abgeben können, ein entscheidender Faktor für deren Fruchtbarkeit.
Kostja und Samantha testeten die Existenzfähigkeit sämtlicher Arten unter veränderten Bedingungen. Aufgrund ihrer äußerst kurzen Lebensdauer und ihrer hohen Sensibilität verändern diese jedoch augenblicklich ihre Form und verwandeln sich in Toxine und Mykotoxine, wodurch sich keine stabilen Ergebnisse erzielen lassen. Die wesentliche Frage bestand stets darin, wie sie entstanden, was zu ihrer Entstehung beitrug, was den Transformationsprozess beziehungsweise die Emigration der Mikroorganismen bedingte und wie man die Steuerung dieses Prozesses erlernen konnte. Eines war nämlich klar: In dieser Kette fehlte etwas. Man hatte zwar gelernt, die Erde zugrunde zu richten, ihre Lebenskräfte wiederherzustellen jedoch nicht.
Als Michael den Konferenzsaal betrat, saßen alle ruhig an ihren Plätzen und machten sich mit den von der Erde erhaltenen Informationen vertraut, die ALL zu Analysezwecken an alle versandt hatte. Der TKB näherte sich lautlos dem gemeinsamen Tisch und bot Getränke an. Alle sahen ihn an und erklärten nahezu einstimmig: „Schenk einfach irgendwas ein!“
Kostja meinte:
„Was denn, der TKB kann auch flüstern!“
Alle lächelten einmütig, während Michael noch einmal auf seinen Tablet-PC blickte:
„Habt ihr nicht den Eindruck, dass sich alles von Grund auf ändern könnte? Vielleicht hat es uns gerade daran gefehlt.“
Habib fragte in die Runde:
„Sollte es sich hier tatsächlich um lebende Mikroorganismen handeln, und dann noch in einer solchen Tiefe – was würde das bedeuten?“
Samantha fand als Erste eine Antwort:
„In unmittelbarer Nähe des Oberen Mantels und unter dem Einfluss sehr hoher Temperaturen müssen sie eine bestimmte Funktion haben. Die kinetische Masse der Lithosphäre macht zwei bis drei Prozent der gesamten Erdmasse aus, und die Dicke dieses Gürtels beträgt zwischen 50 und 200 Kilometern. Und die Lithosphäre ist ihr primäres Lebensmilieu.“
Julia warf ein:
„Wir brauchen so schnell wie möglich Muster, ich muss mir ihre Existenzform ansehen. Ich finde keinen Schlaf mehr, solange ich nicht weiß, wie sie aussehen.“
Kostja trank das vom TKB servierte Getränk leer, strich sich wie ein Glücksspieler über den Scheitel und meinte:
„Was wäre, wenn darin der Schlüssel zum gesamten Ökosystem der Erde läge?“
Alle schüttelten schweigend die Köpfe, doch keiner brachte den Mut auf, diese kühne Behauptung anzuzweifeln.
Michael ergriff das Wort:
„Jetzt müssen wir nur noch die Tür zu diesem Schlüssel finden. Ich schlage vor, dass wir das Ganze noch einmal in Ruhe überdenken und morgen einen Plan ausarbeiten. Habib und Julia, ihr seid für den praktischen Teil verantwortlich: Wie viele Proben brauchen wir, und wo sollen wir sie entnehmen? Morgen erhalten Kostja und Samantha die Proben von der Erde und untersuchen sie hinsichtlich ihrer konstanten Energie. Und ich stelle morgen beim wissenschaftlichen Beirat einen Antrag auf Durchführung der erforderlichen Arbeiten.“
Die Antwort des wissenschaftlichen Beirats ließ in Anbetracht der Dringlichkeit der Angelegenheit nicht lange auf sich warten. Die Betriebsgruppe des Ministeriums für geologische Forschungsarbeiten erteilte der Gruppe „Thomas“ den Auftrag, sämtliche erforderlichen Untersuchungsmaßnahmen durchzuführen. Die Mitglieder der Forschungsgruppe der Internationalen Wissenschaftlichen Gemeinschaft erklärten, Details zu Koordinaten und Aufgaben der Gruppe beim nächsten Treffen festlegen zu wollen.
Pedantismus und Professionalität.
Der Gruppe „Thomas“ gehörten folgende Personen an: der Brigadeleiter Thomas (48) selbst, der technische Sachverständige Brigg (35) und die Mechaniker Phil (42) und Rey (34). Wozu sie wirklich in der Lage waren, konnte niemand genau sagen, denn alles, was sie in die Hand nahmen, wurde zu 100 Prozent und manchmal auch mehr erledigt. Es ging das Gerücht um, diese Männer könnten jeden beliebigen Planeten durchbohren. Die Station „Thomas“ befand sich im Landesinneren Australiens unweit der Kleinstadt Oodnadatta. Sie bestand aus mehreren kreisrund angeordneten Start- und Landebahnen, in deren Zentrum eine riesige Flugzeughalle mit nicht minder riesigen unterirdischen Anlagen stand. Im Grunde genommen fungierte die Station als hochmodernes Experimentiere Zentrum, in dem künftig sämtliche neuen Systeme für Transformer-Roboter und weitere wissenschaftlich-technische Konzepte der Geoforschung nutzbar gemacht und angewendet werden sollten.
Das Treffen wurde im Zentrum der Internationalen Raumfahrt Gemeinschaft anberaumt, das seinerzeit auf der Observationsstation des Mauna Kea auf Hawaii gebaut worden war. Alle Teleportationen zur ISS und zurück wurden von der Station aus vorgenommen.
Anfang Juni des Jahres 2072 wurden mit Habib und Julia zwei Mitarbeiter (oder vielmehr Praktikanten) von der Raumstation teleportiert. Sie sollten unter anderem Kontakt zur Betriebsgruppe „Thomas“ aufnehmen, die Bohrkoordinaten festlegen, erforderliche Proben entnehmen und sie auf die Raumstation transportieren. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, die Entnahme des Erdbodens in bestimmten Intervallen zu gewährleisten, wenngleich man diesen Boden im Original kaum als solchen bezeichnen konnte. Vielmehr handelte es sich um glühendes Magma oder deren Axialformen.
***
Wenige Stunden nach ihrer Ankunft hatten sich die jungen Leute akklimatisiert und erfrischt. Habib schlug vor, in den Park zu gehen und die Wartezeit an der frischen Luft zu verbringen. Im Zentrum eigenen Park duftete es nach verschiedenen exotischen Pflanzen, und das akkurat geschnittene Gras schmiegte sich wie ein weicher Samtteppich um die Füße. Julia wedelte mit den Armen und meinte:
„Wie gern wäre ich jetzt ein Schmetterling!“
Die grelle Sonne blendete ihr die Augen, sie ließ langsam die Arme sinken, kniff die Augen leicht zusammen und erblickte einen Schmetterling, der gleichmäßig auf ihren Arm zuflog. Sie streckte ihn dem Schmetterling entgegen, und dieser ließ sich auf der Kuppe ihres Daumens nieder. Julia seufzte, und ihre Augen begannen vor Verwunderung zu leuchten:
„Ich kann fühlen, wie er sich mit seinen Beinen an meinem Daumen festhält. Sieh nur, Habib, wie schön seine Flügel verziert sind. So etwas habe ich noch nie gesehen.“
Habib war vom Auftauchen des Schmetterlings ebenso überrascht wie Julia, auch er begutachtete interessiert seine Flügelzier. Erst jetzt fiel den beiden auf, dass der ganze Park mit hüpfenden und kriechenden Insekten aller Art übersät war. Sie suchten sich einen geeigneten Platz unter einem großen, massiven Baum, legten sich aufs Gras und nahmen den warmen Atem der Erde mit dem ganzen Körper wahr. Während er somit hinter dem Kopf verschränkten Armen da lag, hörte sich Habib fragen:
„Wie kommt es, dass du so vielseitig interessiert bist? Du spielst Geige, singst, malst...“
Ohne lange nachzudenken, erwiderte Julia:
„Meine ganze Kindheit und Jugend vor dem Studium habe ich in einem Kinderheim verbracht. Ich habe meine Eltern nie gekannt, deswegen habe ich mich verschiedenen Gruppen angeschlossen, statt wie andere Kinder am Fenster zu sitzen und auf besseres Wetter zu warten. Mein Tagesablauf sah so aus, dass ich stets etwas kennenlernen oder erlernen musste. Und so kam ich zu meiner ersten und einzigen Geige: Ich habe einen Wettbewerb gewonnen, und ein berühmter Musikant hat sie mir persönlich überreicht.“
Habib blickte schweigend zum Himmel und versuchte, den in seinem Hals steckengebliebenen Kloß lautlos herunterzuschlucken. Niemals hätte er damit gerechnet, so etwas aus Julias Mund zu vernehmen. Er verspürte den Wunsch aufzustehen, sie fest an sich zu drücken und mit ihr zu fühlen. Da sie ihre Geschichte jedoch vollkommen ruhig vorgebracht hatte, war ihm klar, dass sie einen starken Charakter hatte und Tatsachen trotz zahlreicher Unbekannter angemessen verarbeiten konnte.
„Das Malen“, fuhr Julia fort, „stellt eine Fortsetzung der Musik dar, impliziert allerdings eine konkrete Veranschaulichung. Die Abbildung einer Unterhaltung mit sich selbst ist äußerst hilfreich.“
Sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als sich plötzlich die Sonne vor ihnen verdunkelte und eine riesige menschliche Figur auftauchte.
Sie sprach:
„Ich bin Thomas.“
Julia und Habib erhoben sich, erwiderten den Gruß, stellten sich vor und schüttelten dem Neuankömmling die Hand.
„Kommt wir gehen ins Gebäude und suchen uns einen Raum fürs Briefing“, meinte Habib.
„Aber natürlich“, erwiderte Thomas und ging mit ihnen aufs Gebäude zu. Am Eingang wartete eine Administratoren Drohne auf sie und schlug ihnen einen Arbeitsraum vor. Nachdem sie an einem großen Tisch inmitten eines völlig leeren Saales mit großen Panoramafenstern mit Aussicht auf den Ozean Platz genommen hatten, machte Julia den Vorschlag, mit dem Protokoll Teil zu beginnen. Die Drohne legte ein Video ein, in dem die nötigen Informationen – insbesondere wer bei dieser Expedition wofür verantwortlich war – aufgezählt wurden. Nach Beendigung des Protokoll Teils wandte sich Julia fragend an Thomas:
„Werden Sie mit einem solchen Arbeitsumfang fertig?“
Thomas entgegnete:
„Wenn Sie damit einverstanden sind, möchte ich, dass meine Brigade diese Unterredung mithören kann. Sie sind alle Experten auf ihrem Gebiet, das trägt zur korrekten Einschätzung der Lage bei.“
Julia und Habib nickten zustimmend.
Habib meinte:
„Wir benötigen Kernbohrungen von mindestens drei Punkten der Erdoberfläche. Einer davon befindet sich in Algier, der andere in den Antarktischen Trockentälern und der dritte in Moldawien im Zwischenstromland der Flüsse Pruth und Dnister. Die genauen Koordinaten müssen vor Ort bestimmt werden. Wir sollten die Lithosphäre und die Asthenosphäre bis zum Oberen Mantel durchbohren, falls möglich.“
Julia fuhr fort:
„Und das sollte innerhalb kürzester Zeit umgesetzt werden. Wie viel Zeit benötigen Sie für die Vorbereitung der Ausrüstung?“
Thomas blickte auf den vor ihm liegenden Tablet-PC, während Brigg drei Finger ausstreckte – drei Tage für die Vorbereitung würden also ausreichen.
Julia meinte:
„Okay, in drei Tagen treffen wir uns, machen einen Rundflug und legen die Bohrkoordinaten fest.“
Nachdem er allen die Hände geschüttelt hatte, trat Thomas nach draußen und ging in Richtung Startfeld, wo er seinen „Torpedo“ gelassen hatte – so nannte er zärtlich sein Fluggerät. Dieses unterschied sich stark von sämtlichen Modellprojekten, und bei vielen setzte sich der Eindruck durch, er habe es selbst gebaut.
Habib und Julia kontaktierten die ISS und erstatteten Michael Bericht von ihrem Treffen mit Thomas. Michael hörte ihnen zu und wünschte ihnen für diese drei Tage auf der Erde eine gute Zeit.
Habib meinte:
„Hör mal, hast du nicht auch den Eindruck, dass man auf der Erde die ganze Zeit essen möchte? Ich ertappe mich immer wieder beim Gedanken ans Essen und will ständig futtern.“
Julia antwortete:
„Ja, bei mir ist es so ähnlich. Komm wir essen eine Kleinigkeit.“
Sie saßen zu zweit am Tisch und hatten die bestellten Snacks beinahe aufgegessen, als Habib plötzlich unerwartet fragte:
„Du kannst also auch nirgendwo hinfahren?“
Julia lächelte und fragte zurück:
„Und du sag mir, woher du einen so altertümlichen Namen hast.“
Habib erklärte:
„Oh, das ist ein alter muslimischer Name. Er bedeutet etwa „guter Freund“ oder „lieber und geliebter Freund“. Ich stamme aus einer großen Familie – ich habe viele Geschwister und bin der jüngste von allen. Deswegen haben meine Eltern mir diesen Namen gegeben. Wie wäre es, wenn ich dich zu uns einlade? Ich bin mir sicher, dass dir bei uns nicht langweilig wird.“
Julia sah Habib direkt in die Augen und antwortete ohne zu zögern:
„Nun, ich habe nichts dagegen.“
Märchen aus 1001 Nacht.
Habib machte sich daran, seine Eltern anzurufen. Diese waren hocherfreut über den Anruf ihres Sohnes und stellten ihm wild durcheinander Fragen zu seinem Leben, seiner Gesundheit und weiteren Dingen. Er kündigte an, dass er nicht alleine, sondern mit einem Mädchen zu Besuch kommen werde. Am anderen Ende vernahm er die Freudenschreie seiner Schwestern und Händeklatschen. Die Begeisterung seiner Mutter wuchs auf ein Vielfaches – sie meinte, er solle sich keine Sorgen machen, es werde schon alles gut gehen.
Habib versuchte sich vorzustellen, wie seine Mutter sich freute und wie sie sich die großen Freudentränen aus dem Gesicht wischte. Er kündigte seine Ankunft für heute Abend oder morgen früh an, dann legte er den Hörer auf – diese Redensart stammt aus der fernen Vergangenheit, denn heute verwendet niemand mehr Hörer. Eine über zahlreiche Funktion verfügendes Kommunikationsgerät wird jedem Menschen von Geburt an implantiert. Zu den ersten und grundlegenden Funktionen gehören die Gesundheitskontrolle und die Feststellung der Identität, mit wachsendem Alter kommen weitere Funktionen hinzu.
Nach Beendigung des Gesprächs stellte Habib einen Antrag auf ein Transportmittel für zwei Passagiere, um seinem Elternhaus einen dreitägigen Besuch abzustatten. Die weibliche Stimme des Operators bat ihn um ein wenig Geduld – den genauen Zeitpunkt der möglichen Beförderung werde sie etwas später mitteilen.
Während seiner Gespräche war Julia in den Park hinausgegangen. Habib trat ans Fenster und sah, wie sie in einer gemütlichen Gartenlaube mitten im Park saß. Als er auf sie zuging, wurde er vom Operator kontaktiert, welcher ihm mit angenehmer, samtweicher Stimme folgenden Vorschlag machte:
„Wenn es Ihnen zeitlich zusagt, können Sie in 40 Minuten abfliegen. Bitte geben Sie die Adresse oder die exakten Koordinaten an.“
Habib erwiderte:
„Syrien, Stadt Ath- Thaura . Wenn Sie es gestatten, würde ich außerdem gerne einen Kreis um den Damm fliegen.“
Der Operator meinte:
„Aber natürlich, Sie können direkt mit dem Autopiloten an Bord in Verbindung treten.“
Als er sich der Gartenlaube näherte, sah Habib, wie Julia mit geschlossenen Augen dasaß und die weit ausgebreiteten Arme auf das Geländer der Laube stützte. Sie saß still da und schien kaum zu atmen, während einige Sonnenstrahlen durch das geriffelte Dach drangen. Einer davon schien Julia direkt ins Gesicht. Es wurde vom Sonnenlicht erfüllt und schien auch von innen zu leuchten.
Habib konnte den Blick nicht von Julia abwenden und dachte daran, was dies doch für eine wundersame Fügung war – nach einem halben Jahr auf der Raumstation hätte er sich nicht träumen lassen, dass er einen bekannten Menschen nach so kurzer Zeit mit ganz anderen Augen sehen würde. Lag es am Zauber dieses Ortes, an der Chemie oder an der wundersamen Eigenschaft der Erde? Diese Frage drang tief in sein Bewusstsein ein, und gern hätte er eine Antwort drauf gewusst.
Er nahm gegenüber Platz, sah auf die Uhr und beschloss, ein wenig die Schönheit und Stille dieses Ortes zu genießen. Hier standen selbst die Gedanken still, er dachte weder an das baldige Wiedersehen mit seinen Eltern, Geschwistern und deren Kindern, noch an die bevorstehende Expedition, deren Resultate das Potential hatten, die gesamte Vorstellung von der Regeneration der Böden auf den Kopf zu stellen. Er saß einfach da, genoss die Stille und bemerkte selbst nicht, wie ihm die Augen zufielen. Doch bald darauf rief die angenehme Stimme des Operators Habib wieder zurück ins Bewusstsein:
„Wenn Sie es sich nicht anders überlegt haben, sollten Sie sich zum Flugdienstleiter aufmachen.“
Habib antwortete:
„Ja natürlich, wir sind schon auf dem Weg.“
„Julia...“, sprach er leise, woraufhin diese sofort die Augen öffnete.
Sie fragte:
„Findest du diesen Ort nicht auch zauberhaft? Hier möchte man einfach an gar nichts denken.“
Habib entgegnete:
„Ist mir auch aufgefallen. Wir haben uns 20 Minuten lang ausgeklinkt und es nicht einmal bemerkt. Normalerweise kann ich an unbekannten Orten nicht abschalten, von tiefem Schlaf ganz zu schweigen. Die Flugaufsicht erwartet uns, wahrscheinlich ist sie dort auf dem Dach, wo sich auch die Einstiegs Fläche befindet.“
Nachdem sie mit dem Aufzug ins Obergeschoss gefahren waren, fanden sie sich in einem großen Raum wieder, der tatsächlich einem Wartesaal ähnelte. Zu ihrer Verwunderung handelte es sich bei der Flugaufsicht um einen Roboter. Dieser hatte die neuen Gäste des Zentrums sofort erkannt und schlug vor, eine Route auszuwählen.
Er fragte:
„Haben Sie noch irgendwelche Wünsche?“
Habib antwortete:
„Nein, danke.“
Der Flugaufsichtsroboter meinte:
„Dann wartet eine F-7-Maschine auf der Plattform auf Sie. Wir wünschen einen angenehmen Flug.“
Das Modell F-7 war im Grunde eine Standardmaschine. Sie kam in verschiedenen Modifikationen auch im zivilen Bereich als Taxi und Transportmaschine zum Einsatz. Seit der Einführung dieses Fluggeräts hatte es den Planern gegenüber nicht eine kritische Anmerkung gegeben. Es war von den Spezialisten so konzipiert worden, dass ein Absturz oder Motorausfall prinzipiell unmöglich waren. Flugreisen waren um ein Vielfaches zuverlässiger und sicherer als Reisen am Boden.
Diese Reise wird Julia als schönster Moment ihres Lebens in Erinnerung bleiben. Nicht nur, weil sie endlich das mit eigenen Augen sah, was sie davor nur auf Bildern gesehen hatte, sondern weil so viele neue Menschen in ihr Leben traten. Sie waren alle so gut zu ihr, als würden sie sie bereits ihr Leben lang kennen. Obwohl Julia ein verschlossener Mensch war, der sich Unbekannten gegenüber nur schwer öffnen konnte, musste sie ihren kalten Schleier diesmal ablegen: Sie lachte und freute sich des Lebens wie ein 15-jähriges Mädchen. Überall war sie von Liebe und Güte umgeben, die aus allen Augen strömten, denen sie im Hause Habibs begegnete. Ihren Kollegen sah sie in diesen drei Tagen nur am Mittagstisch. Am erstaunlichsten für Julia war, dass niemand sie fragte, woher und wie lange sie Habib kannte. Die drei Tage vergingen wie im Flug, und Habib und Julia kehrten ans Zentrum zurück. Thomas hatte in dieser Zeit kein einziges Mal angerufen, was darauf schließen ließ, dass alles reibungslos lief.
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