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Uwe Klausner

Stasi-Konzern

Tom Sydows sechster Fall

Zum Buch

Republikflucht Berlin, 9. Oktober 1964. Bei einem konspirativen Treffen mit einem Boulevardreporter im West-Berliner Wilde-Park wird Gerd Czerny, Major des MfS, von einem Unbekannten niedergeschossen. Der Grund: Czerny ist im Besitz des derzeit größten Staatsgeheimnisses der DDR und hat es sich zum Ziel gesetzt, Stasi-Chef Mielke vor aller Welt bloßzustellen. Die Chancen dafür stehen recht gut, verfügt er doch über Dokumente, aus denen hervorgeht, dass der Grenzsoldat Egon Schultz – östlichen Angaben zufolge von einem Fluchthelfer erschossen – in Wahrheit den Kugeln eines Kameraden zum Opfer fiel. Eine Tatsache, die unter keinen Umständen an die Öffentlichkeit und schon gar nicht in die Hände der West-Berliner Presse gelangen darf, für die der von Stasi-Chef Mielke unter Verschluss gehaltene Obduktionsbericht der Charité mit Sicherheit ein gefundenes Fressen wäre …

Uwe Klausner, Jahrgang 1956, geboren und aufgewachsen in Heidelberg, hat in Mannheim und Heidelberg Geschichte und Anglistik studiert und lebt heute mit seiner Familie in Bad Mergentheim. Neben seiner Tätigkeit als Autor hat er bereits mehrere Theaterstücke verfasst.

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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

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Alle Rechte vorbehalten

2. Auflage 2020

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Bildes von: © J. Wilds / Getty Images

ISBN 978-3-8392-4390-9

Vorbemerkung

Mit Ausnahme von Erich Mielke (Minister für Staatssicherheit der DDR von 1957–1989), Egon Schultz (Unteroffizier der DDR-Grenztruppen), Erich Honecker und den unmittelbar am Geschehen um den ›Tunnel 57‹ Beteiligten sind alle Figuren frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

REALE HAUPTFIGUREN

(in der Reihenfolge des Erscheinens)

Egon Schultz, 21, Unteroffizier der DDR-Grenztruppen

Erich Mielke, 56, Minister für Staatssicherheit der DDR

Erich Honecker, 52, ZK-Sekretär, Mitglied des SED-Politbüros und Sekretär des Nationalen Verteidigungsrates

FIKTIVE HAUPTFIGUREN

Anneliese Petzold, Sekretärin im Institut für Rechtsmedizin der Charité

Gerd Czerny, Offizier im besonderen Einsatz (OibE) des Ministeriums für Staatssicherheit

Tom Sydow, 51, Kriminalhauptkommissar a.D.

Lea, 49, seine Frau

Hans-Joachim Marquard, Sydows Schwiegersohn-in-spe

Viktor Kamerowski, Generalmajor der Stasi und Sekretariatsleiter von Erich Mielke

Marek Wegener, genannt ›Radek‹, Stasi-Agent

Paul Gierke, 21, Boulevard-Reporter

Eduard Krokowski, 36, ermittelnder Kriminalkommissar und Sydows ehemaliger Assistent

Timo Bartels, Kriminalassistent

Marlene Holdt, 34, Czernys ehemalige Geliebte

Friedemann van der Eyck, Chefredakteur

Constanze Behrens, seine Sekretärin

Veronika ›Vroni‹ von Oertzen, Sydows Stieftochter

Fred Matuschek, Kneipenbesitzer

Grigorji Wassiljewitsch Schaljapin, KGB-Offizier

Waldemar ›Waldi‹ Naujocks, LKA Berlin

SCHAUPLÄTZE

PROLOG

1. Szene: Ost-Berlin (Stadtbezirk Mitte), Strelitzer Straße 55

2. Szene: RIAS-Interview

ERSTES KAPITEL

3. Szene: Ost-Berlin (Stadtbezirk Mitte), Institut für Rechtsmedizin der Humboldt-Universität in der Hannoverschen Straße 6

4. Szene: Berlin-Schöneberg, Sydows Wohnung in der Grunewaldstraße

5. Szene: Ost-Berlin (Stadtbezirk Lichtenberg), Haus 1 des Ministeriums für Staatssicherheit in der Rusche­straße 103

6. Szene: Berlin-Schöneberg, Sydows Wohnung in der Grunewaldstraße

7. Szene: Berlin-Schöneberg, Rudolph-Wilde-Park

8. Szene: Berlin-Schöneberg, Rudolph-Wilde-Park

ZWEITES KAPITEL

9. Szene: Ost-Berlin (Stadtbezirk Mitte), Friedrich-Engels-Kaserne am Kupfergraben 1

10. Szene: Berlin-Schöneberg, Rudolph-Wilde-Park

11. Szene: Berlin-Schöneberg, RIAS-Funkhaus in der Kufsteiner Straße 69

12. Szene: Berlin-Dahlem, Bernadottestraße

DRITTES KAPITEL

13. Szene: Berlin-Tempelhof, Redaktions- und Verlagsgebäude am Mariendorfer Damm 1-3

14. Szene: Berlin-Charlottenburg, Café Kranzler am Kurfürstendamm 18

15. Szene: Berlin-Dahlem, Mensa der FU Berlin in der Van’t-Hoff-Straße 6

16. Szene: Berlin-Karlshorst (Stadtbezirk Lichtenberg), KGB-Zentrale in der Zwieseler Straße

17. Szene: Berlin-Tiergarten, Lützowplatz

18. Szene: Berlin-Tiergarten, Derfflingerstraße

19. Szene: Berlin-Tiergarten, Ecke Lützow-/Derfflingerstraße

20. Szene: Berlin-Tempelhof, Redaktions- und Verlagsgebäude am Mariendorfer Damm 1-3

21. Szene: Berlin-Schöneberg, Palasstraße

22. Szene: Ebenda

23. Szene: Berlin-Schöneberg, Grunewaldstraße

VIERTES KAPITEL

24. Szene: Berlin-Schöneberg, Palasstraße

25. Szene: Ebenda

26. Szene: Berlin-Schöneberg, Rathaus am John-F.-Kennedy-Platz 1

27. Szene: Berlin-Schöneberg, Sydows Haus in der Grunewaldstraße

28. Szene: Berlin-Wedding, Grenzübergang Chausseestraße

EPILOG

29. Szene: Ost-Berlin (Stadtbezirk Mitte), Strelitzer Straße 55

Zitat

»Ich liebe … Ich liebe doch alle … alle Menschen … Na, ich liebe doch … Ich setzte mich doch dafür ein!«

Erich Mielke vor der DDR-Volkskammer

(13. 11. 1989)

Aus dem Strafgesetzbuch der Deutschen Demokratischen Republik (StGB)

§ 213. Ungesetzlicher Grenzübertritt. (1) Wer widerrechtlich in das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik eindringt oder sich darin widerrechtlich aufhält, die gesetzlichen Bestimmungen oder auferlegte Beschränkungen über Ein- und Ausreise, Reisewege und Fristen oder den Aufenthalt nicht einhält oder wer durch falsche Angaben für sich oder einen anderen eine Genehmigung zum Betreten oder Verlassen der Deutschen Demokratischen Republik erschleicht oder ohne staatliche Genehmigung das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik verlässt oder in dieses nicht zurückkehrt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Verurteilung auf Bewährung, Haftstrafe, Geldstrafe oder öffentlichem Tadel bestraft.

(2) In schweren Fällen wird der Täter mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu fünf Jahren bestraft. Ein schwerer Fall liegt insbesondere vor, wenn

1. die Tat durch Beschädigung von Grenzsicherungsanlagen oder Mitführen dazu geeigneter Werkzeuge oder Geräte oder Mitführen von Waffen oder durch die Anwendung gefährlicher Mittel oder Methoden durchgeführt wird;

2. die Tat durch Missbrauch oder Fälschung von Ausweisen oder Grenzübertrittsdokumenten, durch Anwendung derartiger falscher Dokumente oder durch Ausnutzung eines Verstecks erfolgt;

3. die Tat von einer Gruppe begangen wird;

4. der Täter mehrfach die Tat begangen oder im Grenzgebiet versucht hat oder wegen ungesetzlichen Grenzübertritts bereits bestraft ist.

(3) Vorbereitung und Versuch sind strafbar.

PROLOG

(Ost-Berlin, Montag, 5. Oktober 1964)


1

Ost-Berlin (Stadtbezirk Mitte), Strelitzer Straße 55│00:30 h

»Halt, stehen bleiben – deutsche Grenztruppen!«

Die verdächtige Person stellen, ansprechen und die AK-47 entsichern.

Und, falls nötig, auch Gebrauch davon machen.

So war es ihm beigebracht, eingetrichtert und bis zum Abwinken durchexerziert worden.

Aber das war Schnee von gestern. Wie überhaupt alles, was er während der Ausbildung gelernt hatte, Schnee von gestern war. Egon Schultz, 21 Jahre, Unteroffizier der Grenztruppen der Nationalen Volksarmee und erst ein knappes Jahr Zeitsoldat, umklammerte den Schaft seiner Kalaschnikow und näherte sich der Treppe, die zur Hoftür des Ost-Berliner Mietshauses führte. Übungen waren nämlich eine Sache. Der Ernstfall, mit dem er konfrontiert war, etwas anderes.

Etwas, womit weder er noch sein Kamerad und schon gar nicht die beiden Maulhelden, die vor einer halben Stunde Alarm geschlagen hatten, gerechnet hatten.

»Mitkommen – oder ich schieße!« Dabei hatte es zunächst alles nach einem geruhsamen Abend ausgesehen. Zunächst, wohlgemerkt. Bis am Führungspunkt Arkonaplatz zwei MfS-Offiziere aufgekreuzt waren. Von da an, kurz vor Mitternacht, war es mit der Ruhe vorbei gewesen. Und mit derjenigen der drei Kameraden, die bei der Alarmgruppe der 1. Kompanie des Grenzregiments 33 Dienst schoben, natürlich auch. Schultz, mittelgroß, kräftig, dunkelblond und im Zivilberuf Lehrer, war gar nicht erst zum Fragen, geschweige denn zu einer Lagebeurteilung gekommen. Dazu, wie für weitergehende Erklärungen, war laut Aussage eines gewissen Herrn Stiel, der ihm auf Anhieb unsympathisch gewesen war, keine Zeit gewesen. Wohl auch deshalb hatte der Stasi-Offizier nicht lange gefackelt, Schultz und die anwesenden Kameraden seinem Befehl unterstellt und sie zum Mitkommen vergattert. Dann waren die beiden Wartburgs, gefolgt von einer Kradstreife, in halsbrecherischem Tempo Richtung Grenze gerast. Dort, genauer gesagt in der Strelitzer Straße 55, sollte eine Personenkontrolle durchgeführt und die Verdächtigen, falls nötig, verhaftet werden. Schultz war dies nicht nur merkwürdig, sondern ausgesprochen verdächtig vorgekommen. Aber Befehl war nun einmal Befehl. Und Schultz hatte nicht vorgehabt, unangenehm aufzufallen. Deshalb hatte er den Mund gehalten, nicht ahnend, was auf ihn zukommen würde.

»Los, schnappt ihn euch!« Die Waffe im Anschlag, spähte Schultz nach draußen, mit steingrauem Pullover, einer ebenfalls grauen Militärhose und blankgeputzten Lederstiefeln bekleidet. Der Hinterhof lag in tiefem Dunkel, und er fragte sich, was er hier zu suchen hatte. Unter Personenkontrolle, wie vom Stasi-Hauptmann behauptet, verstand er jedenfalls etwas anderes und man musste nicht viel Fantasie besitzen, um die beiden Schnösel aus der Firma zu durchschauen. Schon sehr häufig waren von Wedding aus Tunnel gegraben worden, was ihn, dem linientreuen SED-Anhänger, in seiner Meinung nur bestärkt hatte. Der Westen, allen voran die BRD, hatte nichts anderes im Sinn, als seinem Land zu schaden. Wenn es sein musste mit allen Mitteln. Ob Fluchthelfer, Agenten, Spione oder Saboteure – die Subjekte, die es zu bekämpfen galt, waren alle gleich. Ließen nichts unversucht, dem Sozialismus zu schaden. Aber sie hatten die Rechnung ohne Leute wie ihn gemacht. Er, Egon Schultz, würde alles in seiner Macht Stehende tun, um ihre Machenschaften zu unterbinden. Und sei die Gefahr, in die er sich begab, noch so groß.

»Na los, oder brauchen Sie eine Extra-Einladung?« Schultz schnappte nach Luft, unterließ es aber, seinem Unmut Luft zu machen. ›Typisch!‹, fuhr es dem Unteroffizier durch den Sinn, während er nachdachte, wie dem Feind, der da draußen auf der Lauer lag, beizukommen war. Typisch Stasi. Volle Deckung nehmen, während andere die Dreckarbeit machen. Eine große Lippe riskieren, selbst aber zu feige, um die Kohlen aus dem Feuer zu holen.

Mit einem Wort: große Klappe, aber nichts dahinter.

Was also tun? Was tun, wenn die Kriminellen, die vor ihnen Reißaus genommen hatten, wie vom Erdboden verschluckt zu sein schienen? Was tun, wenn nicht klar war, wie viele von ihnen sich hier rumtrieben?

»Nein, ganz bestimmt nicht!«, beteuerte Schulz, nachdem sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. »Ich frage mich nur, mit wie vielen von denen wir es zu tun …«

»Jetzt hören Sie mir mal gut zu, junger … wie war doch gleich Ihr Name?«

»Schultz, Egon Schultz.«

»Ich will Ihnen mal was sagen, Sie Klugscheißer –«, zischte der Hauptmann, so laut, dass sein Kamerad, NVA-Soldat Maier, erschrocken zusammenfuhr. »Wenn Sie nicht sofort Ihren Hintern in Bewegung setzen, können Sie sich auf was gefasst machen! Dann werden Sie bereuen, dass Sie mir über den Weg gelaufen sind. Kapiert, was ich damit sagen will? Entweder Sie gehen jetzt da raus, oder ich sorge dafür, dass Sie die längste Zeit Grenzsoldat gewesen sind!«

Schultz verzog keine Miene, und da er wusste, wie man mit Leuten vom Schlage eines MfS-Hauptmanns umgehen musste, schluckte er seinen Ärger hinunter. Jetzt war nicht die Zeit, um sich an die Gurgel zu gehen, was zählte, war der Kampf gegen den Feind. Gegen den gemeinsamen Feind. Als Unteroffizier saß er am kürzeren Hebel, und wenn es etwas gab, auf das er nicht erpicht war, dann darauf, in einer Arrestzelle zu landen. Was das betraf, war die Stasi schnell bei der Hand, allen voran dieser Hauptmann, der nicht zögern würde, ihn beim Regimentskommandeur anzuschwärzen. An die Folgen, die das haben würde, wollte er lieber nicht denken. Wenn er Glück hatte, würde er ein paar Wochen Bau bekommen, wenn nicht, konnte er froh sein, wenn man ihn in eine Strafkompanie steckte. Was das bedeutete, wusste er nur zu gut, und so beschloss er, in Zukunft den Mund zu halten.

»Haben wir uns verstanden, Schultz?«

Ja, haben wir!, dachte der Angesprochene voller Groll und wich dem Blickkontakt mit dem Stasi-Offizier aus. Einstweilen gab es Wichtigeres zu tun, wenngleich er sich fragte, ob er nicht dabei war, einen Fehler zu begehen.

Dennoch: Für Gedankenspiele, gleich welcher Art, war es jetzt zu spät. Jetzt mussten er und Maier, dessen Atem er im Nacken spürte, Nägel mit Köpfen machen. Und das bedeutete, dass sie ihre Deckung verlassen, das Gelände von verdächtigen Elementen säubern und gegebenenfalls das Feuer eröffnen würden.

Aber nur, wenn Gefahr drohte.

Oder wenn auf sie geschossen wurde.

Na, dann mal los!, dachte Schulz, verstärkte den Griff um den Schaft seiner AK-47 und bedeutete Maier, ihm auf den Hinterhof des Hauses Strelitzer Straße 55 zu folgen.

Dort wandte er sich nach links, den Finger am Abzug seiner Kalaschnikow. Kaliber 7,62 mal 99 Millimeter. 600 Schuss pro Minute. Eingestellt auf Dauerfeuer. Genug, um kriminellen Elementen das Fürchten zu lehren.

Genug, um mit Banditen, Saboteuren und vom Westen gesteuerten Agenten aufzuräumen.

Doch Egon Schultz, 21 Jahre, neun Monate und einen Tag alter NVA-Unteroffizier, irrte. Zwar nicht zum ersten, aber definitiv zum letzten Mal in seinem Leben.

*

Das hatten sie jetzt davon. Buddeln bis zum Umfallen, 145 gottverdammte Meter, 12 Meter tief. Tag und Nacht, sechs Monate, drei Wochen und auch noch den letzten von insgesamt 175 gottverdammten Tagen. Knöcheltief im Berliner Mergel, verschmutzt, verdreckt, durchnässt, übermüdet, kurzatmig und das Rumpeln der Doppeldeckerbusse oder die Schritte der DDR- Grenzpatrouillen im Ohr. Stromkabel verlegen, eine Entlüftungsanlage installieren, Telefon anschließen. Funkgeräte, Gasmasken und vor allem Knete auftreiben, im Ganzen über 35 Mille. Und zusehen, möglichst viele Ost-Berliner nach drüben zu schleusen.

Tagein, tagaus. Ohne Unterbrechung.

Genau das aber, ihre Selbstlosigkeit, war zum Bumerang der Aktion geworden. Das Risiko, an den Falschen zu kommen, war eminent groß, konnte man doch nie sicher sein, ob etwas durchsickerte. Ein falsches Wort, am Ende gar ein gezielter Hinweis – und die Stasi würde ihnen die Hölle heißmachen. Mielke und Genossen hatten überall ihre Leute sitzen, und man tat gut daran, niemandem über den Weg zu trauen. Vertrauen war gut, Misstrauen allemal besser.

Ein Leitspruch, der oberste Priorität besaß, an den sich jeder, auch er, gehalten hatte.

175 gottverdammte Tage lang.

Abzüglich der letzten Dreiviertelstunde.

Christian Zobel, 24, Student und im Nebenberuf Fluchthelfer, verstand die Welt nicht mehr. Bis zuletzt war alles wie am Schnürchen gelaufen. Besser, als er, Furrer und die anderen es sich erträumt hatten. Am Sonnabend, also vorgestern, hatten die ersten Flüchtlinge den Tunnel durchquert. Und was hieß hier überhaupt ›durchquert‹? Ein Spaziergang war das Ganze weiß Gott nicht gewesen. Im Gegenteil. Kriechen war das Gebot der Stunde. 20 Minuten, mitunter sogar eine knappe halbe Stunde lang. Auf allen Vieren, hintereinander, einer nach dem anderen, im Ganzen 57 Menschen. Das war Rekord gewesen – und mehr als genug.

Aber nicht für Furrer. Kurz vor zwölf, vor ziemlich genau einer Dreiviertelstunde, hatte sein Kumpel einen Riesenfehler gemacht.

Vielleicht den größten seines Lebens.

Zobel stöhnte innerlich auf. Kaum zu fassen, aber wahr. Leider. Ausgerechnet dann, als alles wie am Schnürchen zu laufen scheint, tauchen diese beiden Gestalten auf, der jüngere mit einer Taschenlampe in der Hand. Öffnen die Haustür, treten in den Flur und bewegen sich auf das Hoftor zu. Durch die Milchglasscheiben der Haustür fällt das Licht einer Laterne, aber nicht genug, dass man ihre Gesichter erkennen kann. Furrer, in Erwartung weiterer Flüchtlinge, schöpft zunächst keinen Verdacht, auch dann nicht, als die beiden das verabredete Losungswort ›Tokio‹ nicht nennen. Flurlicht nicht angeknipst, Losungswort nicht genannt – irgendwie, so scheint es, lässt Furrer die gebotene Vorsicht vermissen. Eine Fehleinschätzung mit Folgen. Mit Folgen, die sie alle, auch ihn, in tödliche Gefahr bringen.

Zobel schüttelte den Kopf. Furrer, akribisch wie kaum ein anderer – ausgerechnet ihm musste so etwas passieren. Ausgerechnet er, Physikstudent an der FU Berlin, schöpft im Gegensatz zu sonst keinerlei Verdacht. Kauft den beiden ihre Lügengeschichte ab. Wird selbst dann nicht misstrauisch, als sie darum bitten, noch einen Kameraden mitnehmen zu dürfen. Ein, wie sich noch zeigen wird, unentschuldbarer Schnitzer.

Kurz nach halb eins, vor wenigen Minuten, wird ihm jedoch klar, dass er hereingelegt worden ist. Furrer, der mit ihm, Zobel, den Eingang im Auge behält, beobachtet drei Männer, die von der Strelitzer Straße aus das Haus betreten. Da er in zwei von ihnen die vermeintlichen Flüchtlinge erkennt, eilt er dem Trio entgegen, um die notwendigen Anweisungen zu geben.

Der dritte und, wie Zobel blitzartig klar wird, schwerwiegendste Fehler.

Doch war es müßig, darüber nachzudenken. Momentan hatte Zobel andere Sorgen. Jetzt, wo der bewaffnete Grenzer den Hof betrat, beschäftigte ihn nur noch eins: die Frage, wie er möglichst schnell die Fliege machen konnte.

Jetzt ging es um die Wurst, sprich: ums Überleben. Und natürlich auch darum, ob der Tunnel, dessen Einstiegsloch in knapp sieben Metern Entfernung unerreichbarer denn je erschien, entdeckt werden würde. Ein Toilettenhäuschen, in der Dunkelheit kaum zu erkennen, war zwar die perfekte Tarnung. Aber da der Hof recht klein und die Grenzer nicht auf den Kopf gefallen waren, konnte man davon ausgehen, dass sie nicht lange Bestand haben würde.

Was also tun? Was tun, wenn der Bewaffnete, der sich suchend umschaute, Ernst machen würde?

Zobel kam nicht dazu, den Gedankengang abzuschließen. Kaum hatte der NVAler den Hof betreten, riss er die Waffe hoch und zielte. Er tat dies mit Bedacht, als sei Furrer, der in gebückter Haltung auf das Toilettenhäuschen zu rannte, im Grund kein Gegner für ihn. »Abhauen!«, war alles, was der Physikstudent hervorbrachte, um seinen Kumpel, der hinter dem Abort in Deckung gegangen war, zu warnen. »Höchste Gefahr!«

Zobel, bislang unentdeckt, wusste, was er zu tun hatte. Nicht einzugreifen hieß, dass Furrer, der um sein Leben rannte, wie ein Hase abgeknallt werden würde. Und es bedeutete, dass auch ihm, dem der Fluchtweg abgeschnitten war, das gleiche Schicksal drohte. Deshalb, und nur deshalb, musste er genau das tun, was er sich bis vor Kurzem, als er seine Knarre zum ersten Mal in der Hand hielt, nicht hatte vorstellen können.

Er musste zur Waffe greifen, sie auf einen Menschen richten und abdrücken. Er musste damit rechnen, dass dieser Mensch, ein DDR-Grenzsoldat, ums Leben kommen würde.

Durch sein Zutun.

Und durch seine Schuld.

Zobel brach der kalte Schweiß aus den Poren. In die Luft schießen, um den Grenzer abzulenken – schön und gut. Aber was dann? Dann, so war zu befürchten, würde der Kerl sich umdrehen und ihn mit Kugeln vollpumpen. Für ihn, den linientreuen Genossen, wahrscheinlich das Größte. Wer weiß, vielleicht würde er demnächst als Held gefeiert, mit Ehrungen überhäuft und als Musterbeispiel eines rechtschaffenen Staatsbürgers präsentiert werden. Bei denen da drüben, zumindest bei den Hundertprozentigen, musste man mit allem rechnen.

Mit einer Kalaschnikow konnte man gleich reihenweise Leute abknallen, warum also nicht auch ihn?

Zobels Griff, mit dem er seine Walther PPK umklammert hielt, erreichte die Schmerzgrenze, und während er auf seinen Kontrahenten zielte, begann die Hand, in der er die Waffe hielt, zu zittern. Eine Pistole Kaliber 7,65!, dachte er resigniert, was soll ich überhaupt damit? Zu wenig, um es mit einem NVAler aufnehmen zu können, zu viel, um hinterher nicht als Mörder dazustehen. Ein Schießeisen, wie man es aus Edgar-Wallace-Krimis kannte. Verglichen mit dem, was der Grenzer in der Hand hielt, der reinste Witz.

Aber auch darauf kam es jetzt nicht mehr an. Die Waffe im Anschlag, trat der Fluchthelfer aus der Hoftürnische hervor, in die er sich beim Auftauchen des Grenzers gezwängt hatte. Die Zeit des Abwägens, ohnehin kurz genug, war vorüber. Jetzt war es an der Zeit zu handeln.

Höchste Zeit, um Furrer, der um sein Leben rannte, aus der Patsche zu helfen.

Jetzt gleich.

*

»Verdammt noch mal, warum schießt denn hier keiner!« Das war deutlich, mehr als deutlich. Und es waren die letzten Worte, die Egon Schultz, Kandidat der SED, aus dem Mund des Stasi-Mannes hörte.

Die letzten, die er überhaupt hörte.

Danach, innerhalb von Sekundenbruchteilen, durchfuhr ihn ein Schmerz, wie er ihn noch nie verspürt hatte. Er genügte, um ihn außer Gefecht zu setzen, um ihn kurz innehalten, nach links taumeln und wie ein gefällter Baum zusammenbrechen zu lassen. Aber er reichte nicht aus, um ihn zu töten. Denn Schultz war ein Mann, der gelernt hatte, wieder aufzustehen. Das hatte ihm sein Vater, von Beruf Kraftfahrer, regelrecht eingebläut.

Aufstehen, selbst wenn du denkst, es geht nicht mehr. Auch wenn es sinnlos, um nicht zu sagen unmöglich erscheint.

Aufstehen, selbst wenn eine der beiden Kugeln, die dich treffen, in der Lunge steckt.

Und so, unbemerkt von seinen Begleitern, allen voran dem NVA-Gefreiten Maier, rappelt sich Schulz auf, schwankend, nach Luft hechelnd und kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren. Eine schier übermenschliche Anstrengung, die ihm, nicht weiter verwunderlich, nur zum Teil gelingt.

Denn plötzlich, ohne dies zu bemerken, ist Kamerad Maier zur Stelle, die entsicherte Kalaschnikow in der Hand und wie alle anderen, die hinter ihm ins Freie drängten, nur von einem Wunsch beseelt: die Grenzverletzer, auf die sie es abgesehen hatten, an der Flucht zu hindern.

Ein Unterfangen, das indes misslingt. Und das, obwohl Soldat Maier Dauerfeuer schießt, obwohl ein Feuerstoß nach dem anderen zwischen den Hofwänden widerhallt. Sämtliche Fluchthelfer, auch Zobel, können sich retten, in letzter Sekunde und dank des Tunnels, durch den sie wieder in den Westen gelangen.

Sie haben überlebt, können ihr Glück kaum fassen.

Nicht so Egon Schultz, der nicht nur kein Glück, sondern ausgesprochenes Pech gehabt hat. Von insgesamt 10 Kugeln getroffen, bricht er unweit der Hoftür zusammen.

Wobei der Großteil, nämlich acht, aus der Waffe seines Kameraden stammt.

Ein Umstand, über den nichts, nicht einmal die leiseste Andeutung, an die Öffentlichkeit dringen durfte. Dafür würden die Verantwortlichen, allen voran die Stasi, sorgen.

2

RIAS-Reportage über den Fluchttunnel │05. 10. 1964

RIAS: Wie haben sich die letzten … Minuten abgespielt, die ja die entscheidenden sind?

Fluchthelfer: Es ist gut gelaufen, bis eben am fraglichen Abend – in der fraglichen Nacht – als Flüchtlinge getarnt zwei Männer erschienen, die vorgaben, noch einen anderen Mann holen zu wollen oder holen zu müssen. Wir waren aber nicht sicher, ob es nun Flüchtlinge waren oder keine Flüchtlinge. Wir hatten eben das Ultimatum gestellt, innerhalb von fünf Minuten zurückzukommen mit diesen neuen Flüchtlingen. Nach fünf Minuten kamen diese Männer mit dem dritten angekündigten Mann zurück. Diese drei Leute traten dann in den Hof und forderten uns mit entsicherter Maschinenpistole auf mitzukommen. In der darauf folgenden Schrecksekunde blieben wir natürlich starr stehen, dann rannten wir über den Hof. Die Vopos eröffneten sofort – ohne jede Warnung – und ohne jeglichen Aufruf das Feuer. Ich schätze, dass etwa 100, 150 oder – ich weiß nicht, wie viel – Schüsse auf uns abgegeben worden sind in einem Hof, der nicht größer ist als vielleicht sechs Meter auf drei Meter.

RIAS: Das war aber auch der Schlussstrich unter die ganze Aktion. Wahrscheinlich hätten Sie noch weitermachen können, nicht?

Fluchthelfer: Wir hätten noch weitermachen können, wir hätten es zumindest versucht, aber das war, wie gesagt, der Schlussstrich, und wir mussten daraufhin natürlich sofort die ganze Aktion abblasen.

(Quelle: www.chronik-der-mauer.de)

MYTHOS UND WAHRHEIT

›Der Unteroffizier war von Zobels Kugel im Oberkörper getroffen und an der Lunge verletzt worden. Tödlich aber waren die Kugeln von Volker M., die den verwundeten Egon Schultz trafen, als er sich gerade wieder aufrichtete.‹

(DIE WELT, 30. 11. 2011)

*

›Am 5. Oktober 1964, gegen 0.15 Uhr, wurde Unteroffizier Egon Schultz bei der Ausübung seines Dienstes an der Staatsgrenze der Deutschen Demokratischen Republik zum NATO-Stützpunkt Westberlin von Westberliner Agenten durch gezielte Schüsse meuchlings ermordet. Die Mörder drangen durch einen von Westberlin vorgetriebenen Agententunnel, der mit Billigung und aktiver Unterstützung der Westberliner Polizei angelegt wurde, im Abschnitt Strelitzer Straße in das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik ein, um im Auftrag Westberliner Spionageorganisationen Personen illegal, unter Verletzung der Staatsgrenze zu schleusen.‹

(Neues Deutschland, 6. 10. 1964)

POST MORTEM (I)

IN DIESEM HAUSFLUR

WURDE AM 5. OKTOBER 1963

UNTEROFFIZIER

EGON SCHULTZ

GEBOREN AM 4. JANUAR 1943

BEI DER AUSÜBUNG

SEINES DIENSTES ZUM SCHUTZ

DER STAATSGRENZE DER

DEUTSCHEN DEMOKRATISCHEN

REPUBLIK

DURCH WESTBERLINER AGENTEN

MEUCHLINGS ERMORDET

*

Im Hof dieses Hauses endete ein von

West-Berlin aus gegrabener 145 Meter langer Tunnel,

durch den 57 Männern, Frauen und Kindern

in den Nächten des 3. und 4. Oktober 1964

die Flucht in den Westen gelang. Nach Verrat

der Fluchtaktion an das Ministerium für

Staatssicherheit der DDR kam es auf dem Hof

zu einem Schusswechsel zwischen Grenzsoldaten und Fluchthelfern. Dabei kam der

Unteroffizier der Grenztruppen der

Nationalen Volksarmee

*

Egon Schultz

*4. Januar 1943 in Groß-Jestin (Kreis Kolberg)

am 5. Oktober ums Leben. Egon Schultz

wurde in der DDR als Held idealisiert, die

Fluchthelfer galten als Agenten und Mörder.

Erst nach dem Fall der Mauer stellte sich heraus,

dass die tödlichen Schüsse aus der Waffe

eines Kameraden abgegeben wurden. Dieser

Sachverhalt war den DDR-Verantwortlichen

von Anfang an bekannt.

(Gedenktafeln am Haus Strelitzer Straße 55 in Berlin-Mitte)

ERSTES KAPITEL

(Berlin, Freitag, 9. Oktober 1964)


3

Ost-Berlin (Stadtbezirk Mitte), Institut für Rechtsmedizin der Humboldt-Universität in der Hannoverschen Straße 6 │07:30 h

»Der Obduktionsbefund?«, entrüstete sich die Endvierzigerin, bebrillt, kurz angebunden und mit einer Turmfrisur, bei der jedes Haar an der richtigen Stelle saß. »Da muss ich aber erst den Herrn Professor fragen!«

Ihr Gesprächspartner reagierte mit einem müden Lächeln. »Bei aller Freundschaft –«, antwortete er in dem für ihn typischen, teils spöttischen, zuweilen aber auch harschen Ton, wobei er das letzte der drei Wörter besonders betonte, »das wird, denke ich, nicht nötig sein.«

Die Sekretärin, die dem Klischee der altjüngerferlichen Vorzimmerdame perfekt entsprach, gab sich unbeeindruckt. »Was hier nötig ist und was nicht, junger Mann, entscheide immer noch ich.«

»Besten Dank für den jungen Mann«, antwortete der unverhoffte Besucher, zog ein silbernes Etui aus der Innentasche seines Sakkos, an dessen Revers das Parteiabzeichen der SED steckte, und fand offenbar nichts dabei, eine Zigarette Marke Herzegowina Flor anzuzünden. »Damit Sie Bescheid wissen: Ein Anruf von mir, und Sie kriegen den Wind von vorn. Wenn ich Sie wäre, würde ich mich entscheiden, was mir weniger behagt: Ärger mit meinem Chef oder …«

»Oder?«, trotzte die Sekretärin, die außer dem Institutsleiter keine anderen Götter neben sich duldete. »Wollen Sie mir etwa drohen?«

Czerny antwortete mit einem gequälten Schnauben. »Ich fürchte, Sie verkennen die Situation, junge Dame«, antwortete der 43-jährige Major, sog an seinem Glimmstängel und blies seinem Gegenüber, das ihn mit verkniffener Miene beäugte, den Rauch ins Gesicht. »Wenn hier jemand am längeren Hebel sitzt, dann bin ich es. So viel Erfahrung, will heißen: Kenntnis der Gepflogenheiten in unserem Arbeiter- und Bauernstaat, müssten Sie eigentlich haben. Ergo: Sie werden mir jetzt den Befund in Sachen Egon Schultz, Unteroffizier der Grenztruppen der Nationalen Volksarmee, aushändigen. Und zwar umgehend. Ich hoffe, das war deutlich genug.« Die Zigarette in der Linken, griff Gerd Czerny, von Geburt Deutscher, dank eines russischen Stiefvaters jedoch auch Sowjetbürger, nach seinem Dienstausweis, der die Aufschrift ›Ministerrat der Deutschen Demokratischen Republik – Ministerium für Staatssicherheit‹ trug. »Noch Fragen?«

»So einfach, wie Sie sich das vorstellen, ist die Sache nicht.«

»Doch, ist sie.« Ohne sich um seine Gesprächspartnerin zu kümmern, durchmaß der hoch gewachsene MfS-Major das Büro, nahm einen Aschenbecher aus dem Regal und drückte die Zigarette aus. Danach wandte er sich wieder der Sektionssekretärin zu. »Hier, junge Dame – das Aktenzeichen. Damit es schneller geht.«

Aus dem Konzept gebracht, wanderte der Blick der Endvierzigerin zwischen ihrem Besucher und dem Zettel, den er auf den Schreibtisch fallen ließ, hin und her. Natürlich wusste sie, wie der Hase lief, aber das war es nicht, was sie irritierte. Es war etwas anderes, hatte mit dem Mann zu tun, der vor fünf Minuten ohne Voranmeldung aufgetaucht war.

Anneliese Petzold, rechte Hand ihres Chefs und heimliche Herrscherin im Institut für Rechtsmedizin, warf dem Offizier, der vor ihrem Schreibtisch Position bezogen hatte, einen prüfenden Seitenblick zu. Wie erwartet hatte sich der ungebetene Gast zwar ausweisen, sie trotz Imponiergehabe jedoch nicht an der Nase herumführen können. Dazu war Anneliese Petzold, geborene Matuschek, selbst viel zu lange im Polizeipräsidium in der Keibelstraße beschäftigt gewesen. Wie manch anderes hatte sie als Schreibkraft bei der Kripo nämlich eins gelernt: die wirklichen von den vermeintlichen Schurken zu unterscheiden. Was das betraf, machte ihr niemand etwas vor. Und da dem so war, beschlich sie das Gefühl, dass mit dem schlanken, gut gekleideten und zu allem Überfluss auch noch gut aussehenden Stasi-Offizier etwas nicht stimmte. Randlose Brille, hohe Stirn, dunkle Augen, weiches Kinn, volles, grau meliertes und in langen Strähnen nach hinten gekämmtes Haar, gepflegte Erscheinung, dunkler Teint – sie konnte sich nicht helfen, aber irgendetwas stimmte mit dem Besucher aus der Normannenstraße nicht.

Irgendetwas war an der Sache faul, und sie hätte zu gerne gewusst, was.

Dies herauszufinden war jedoch nicht ihr Problem. Damit sollten sich die hohen Herrn herumschlagen, allen voran ihr Chef, die in Ost und West gleichermaßen anerkannte Koryphäe. »Sie werden es nicht glauben, junger Mann – ich habe sie im Kopf.«

»Und ich, falls Sie mir die Bemerkung gestatten, habe Sie durchschaut!«, antwortete der MfS-Offizier, der dem Bild, das man sich von einem Angestellten der Firma machte, in keiner Weise entsprach. Mit einem Wort: Er war anders, laut Fazit von Anneliese Petzold, die sich dazu durchrang, einen Schlüssel aus der Schreibtischschublade hervorzuholen, mit Sicherheit ein hohes Tier. Mit dem Bild, dem man sich von einem Stasi-Agenten machte, stimmte er jedenfalls nicht überein, auch wenn er alles daransetzte, so zu erscheinen. »Soll ich mich umdrehen?«

»Ich bitte, darum, Herr …«

»Sie verlangen doch wohl nicht, dass ich meinen Namen nenne?«

»Nein, nicht wirklich«, gab die Sekretärin zurück, klug genug, sich nicht mehr Ärger als nötig einzuhandeln. Vor der Stasi, hinter vorgehaltener Hand VEB Horch, Guck und Greif, hatte selbst sie großen Bammel, und das wollte in der Tat etwas heißen. »Trotzdem bitte ich Sie, draußen zu warten.«

»Machen Sie es uns beiden doch nicht so schwer, Frau Petzold«, erwiderte Czerny und weidete sich am Erstaunen, welches sich auf dem Gesicht der Vorzimmerdame abzeichnete. »Vorschlag zur Güte: Ich drehe mich jetzt um, vertreibe mir die Zeit, indem ich das Porträt des Genossen Ulbricht an der gegenüberliegenden Wand betrachte und übe mich in Geduld. Das heißt, zumindest bis Sie den Safe hinter Ihrem Schreibtisch geöffnet, den Obduktionsbefund zutage gefördert und ihn mir übergeben haben, damit ich ihn mitnehmen und an seinen Bestimmungsort bringen kann.«

»›Mitnehmen‹? Das ist doch nicht Ihr …«

»Und ob es mein Ernst ist, Frau Petzold.« Urplötzlich, von einem Moment auf den anderen, war Anneliese Petzold mit einem anderen Mann konfrontiert. Jetzt kehrte ihr Gegenüber den Stasi-Mann heraus, schlug einen ungehaltenen, um nicht zu sagen barschen Tonfall an. »Meinetwegen machen Sie eine Notiz im Sektionsbuch. Wie Sie wissen, wurde dort am 5. Oktober, also vor vier Tagen, schon einmal ein Vermerk in oben genannter Angelegenheit hinterlassen. Er besagt, dass zwei – in Worten: zwei! – Protokolle bei Ihrem Chef verblieben und per Kurier jeweils ein Exemplar an den Generalstaatsanwalt der Deutschen Demokratischen Republik und an das Ministerium des Inneren übersandt worden sind. So, und jetzt wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir die Unterlagen aushändigen würden.«

»Und was haben Sie damit vor?«

»Das, liebe Verwaltungssekretärin zur Anstellung, lassen Sie lieber meine Sorge sein. Offen gesagt: Meine Geduld ist allmählich erschöpft. Wenn Sie schlau sind, tun Sie bitte genau, was ich sage. Oder ich sehe mich gezwungen, andere Mittel der Überredungskunst anwenden. Soweit alles klar, Frau Petzold?«

Ja, damit war alles gesagt.

Ohne den Major anzuschauen, stand Anneliese Petzold auf, straffte ihr malvenfarbenes Kostüm, öffnete den Safe, der sich an der Rückwand des Büros befand, und holte eine dort neben einer Reihe anderer Dokumente verwahrte Kladde hervor.

»Nicht nur eine, Gnädigste, sondern beide.«

Die Sektionssekretärin gehorchte, legte die Kladden auf den Schreibtisch und schloss den Safe wieder ab. Dann, für ihre Verhältnisse recht spät, ging jedoch ein Ruck durch ihren Körper und sie drehte sich auf dem Absatz um. »Jetzt fällt’s mir wieder ein!«, stieß sie in der Aufregung, die sie plötzlich gepackt hatte, hervor. »Sie waren dabei, stimmt’s? Sie waren dabei, als der Professor und Doktor Meyer den Genossen obduziert haben, der am Montag ermordet worden ist. Ich hab Sie zwar nur im Vorbeigehen gesehen, aber … aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie und ein Kollege von der …«

Auch ohne den Blick, welchen ihr der Unbekannte zuwarf, wurde der Sekretärin im selben Moment klar, dass sie einen Fehler begangen hatte. Und dass es ratsam war, den Mund zu halten.

Endgültig.

»›Ermordet ist gut‹!«, sagte Czerny nach einer längeren Pause, so als habe er sich die Ereignisse, über die er sich vor Ort ein Bild gemacht hatte, nochmals ins Gedächtnis rufen müssen. »Fragt sich nur, von wem!«

Dann ließ er sich die Kladden aushändigen, machte kehrt und verließ wortlos das Büro.

4

Berlin-Schöneberg, Sydows Wohnung in der Grunewaldstraße │07:40 h

Genau hier, an dieser Stelle, war es passiert. Hier hatte seine Mutter die eigene Tochter, Sydows Schwester Agnes, erschossen. Vor seinen Augen. Mit seiner Dienstwaffe. Ohne zu zögern.

Und er? Was war mit ihm?

Er, Tom Sydow, zum Tatzeitpunkt 49 und Kriminalhauptkommissar a. D., hatte zugesehen.

Falsch. Er hatte zusehen müssen. Tatenlos, schreckensstarr, vor Entsetzen, das ihn in eine Art Schockstarre versetzte, wie gelähmt.

Oder war es am Ende seine Schuld gewesen? War es nicht fahrlässig, um nicht zu sagen verantwortungslos, die Waffe in seinem unverschlossenen Schreibtisch aufzubewahren? Und es seiner Mutter, die bei ihm zu Besuch war, zu erzählen?

Und vor allem: War es richtig gewesen, die Mörderin zu decken?

Richtig oder nicht – außer Lea, seiner Frau, hatte kein Mensch davon erfahren. Mutter, gebürtige Britin, war am darauf folgenden Tag, einem Freitag, in aller Herrgottsfrüh von Tempelhof nach Frankfurt und von dort aus nach London-Heathrow geflogen. Aber auch sonst war der 1. Juni 1962 ein denkwürdiger Tag gewesen. Kurz nach Mitternacht war im israelischen Ramla ein gewisser Adolf Eichmann aufgeknüpft worden, SS-Obersturmführer, Organisator der sogenannten ›Endlösung‹, verantwortlich für den Tod von sechs Millionen Juden – und, für Sydow das Schlimmste, Ex-Geliebter seiner Schwester. Um das Maß vollzumachen, war drei Tage später ein weiblicher Leichnam an das Ufer des Großen Wannsees gespült worden. Sydow, der den Artikel nicht zu Ende gelesen hatte, war sofort im Bilde gewesen. Und hatte geschwiegen, aus Angst, der Beihilfe zum Mord bezichtigt zu werden.

All das war mittlerweile zwei Jahre, fünf Monate und neun Tage her. Anders als erhofft hatte die Zeit seine Wunden jedoch nicht geheilt, sondern sie mit jedem Tag, der verstrich, noch vertieft. Rein äußerlich hatte sich Sydow nichts anmerken lassen, aber wie es in seinem Inneren aussah, darüber wusste nur seine Frau Lea Bescheid. Hätte sie ihn nicht getröstet, wäre er die glatte Wand hochgegangen, und sein Leben, um das ihn manch einer beneidete, nicht mehr zu ertragen gewesen.

Schwierig, oder besser gesagt ungewohnt, war es allemal. Dank einer Erbschaft, einem unerwarteten Lichtblick, war er zwar aus dem Gröbsten raus, aber das bedeutete nicht, dass sein Dasein in geordneten Bahnen verlief. Damit er auf andere Gedanken kam, waren Lea und Sydow vor Kurzem umgezogen, ein erster Schritt, aber auch nicht mehr. Wie oft er in Gedanken in das Haus am Wannsee zurückgekehrt war, konnte Sydow nicht sagen, er wusste nur, dass ihn die Ereignisse immer noch verfolgten, dass er, Tom Sydow, längst noch nicht der Alte war.

Aber immerhin, redete er sich ein, war er auf dem besten Weg dazu. Der Umzug nach Schöneberg war jedenfalls leichter vonstattengegangen als gedacht, unter anderem, weil Lea dort Verwandte und er mehrere Bekannte aus der Zeit vor seiner Flucht nach England hatte. Damals, anno 1942, war er der Gestapo nur um Haaresbreite entwischt, hatte er mehr Glück als Verstand gehabt. Es war ihm treu geblieben, auch nach dem Krieg, als er wieder zur Kripo gegangen war. Mehr als einmal war sein Schicksal auf Messers Schneide gestanden, und er konnte von Glück sagen, dass er noch lebte. Ein Privileg, das seiner Schwester, die den Preis für ihre Liaison mit einem Verbrecher gezahlt hatte, nicht zuteil geworden war.

Wie so oft, wenn ihn die Vergangenheit eingeholt hatte, riss sich Sydow nur mit Mühe von ihr los, stieß einen gedämpften Seufzer aus und hängte das Bild, auf dem der Bootssteg und sein Anwesen am Wannsee zu sehen war, wieder an die Wand neben der Tür. Dann nahm er die Zeitung, die er aus dem Briefkasten geholt hatte, und trottete in die Küche, um das Frühstück zuzubereiten. Ohne Kaffee, am besten schwarz, war er nicht zu gebrauchen, und wäre Lea nicht gewesen, der er zu stark war, hätte er die Dosierung längst erhöht.

Die ›Berliner Morgenpost‹ unter dem Arm, drehte sich Sydow vor der Küchentür um. Eigentlich war alles so, wie er es sich gewünscht hatte, auch und vor allem sein neues Domizil. Da er sich nicht vorstellen konnte, in einem der Betonbunker zu wohnen, die wie Pilze aus dem Boden schossen, hatte er sich für das vierstöckige Haus in der Grunewaldstraße entschieden. Es stammte noch aus der Kaiserzeit, das heißt, es war ein Wunder, dass es überhaupt noch stand. In den Bombennächten, die er zum Glück nicht miterlebt hatte, war fast ganz Berlin in Schutt und Asche versunken und es grenzte an Hexerei, dass es Häuser gab, die den Krieg überdauert hatten.

Er hatte es sich so gewünscht, so und nicht anders. Und er war froh, dass es Häuser wie dieses überhaupt noch gab. Wohnungen, in denen die Dielenbretter knarrten, die holzgetäfelte Wände, Decken aus Stuck, dazu reichlich Platz und einen Balkon samt Ausblick auf einen Berliner Hinterhof hatten. In Gegenwart von Lea, die lieber gebaut hätte, durfte er das zwar nicht so laut sagen, aber da es von hier aus nicht weit bis zum RIAS war, wo sie als Redakteurin arbeitete, hatte sie sich damit abgefunden.

Das hieß aber nicht, dass alles in Butter war. Einen abermaligen Seufzer auf den Lippen, betrat Sydow die Küche und begann, den Tisch zu decken. Es gab Zeiten, wo ihm die Decke auf den Kopf zu fallen drohte, und das nicht erst seit heute. Lea, die in ihrem Beruf aufging, hatte es wesentlich besser als er. Sie hatte alle Hände voll zu tun, während er nicht wusste, was er den lieben langen Tag anfangen sollte. Seit er bei der Kripo den Bettel hingeschmissen hatte, war er nicht mehr in die Gänge gekommen, für ihn, Prototyp eines Preußen, nur schwer zu ertragen. Er war ein Mensch der Tat, zum Herumsitzen, und sei es mit einem Buch in der Hand, nicht geschaffen. Na ja, zumindest nicht unbedingt. Er musste unter die Leute, musste sich mit anderen messen, etwas tun, das ihn voll und ganz in Anspruch nahm. Gewiss, da gab es natürlich die Geschichte derer von Sydow, die er erforscht, Bücher, die er gewälzt, Urkunden, die er reihenweise studiert hatte. Zufriedener war er dadurch nicht geworden, sondern das ziemliche Gegenteil. Kurzum: Aus Tom Sydow, Polizist mit Leib und Seele, war ein Stubenhocker geworden, und er musste zusehen, dass er bald die Kurve kriegte.

Die Frage war nur, wie.

Und auf welche Weise.

Nicht geschaffen, um über Gott und die Welt nachzugrübeln, nahm der 51-jährige, hochgewachsene und zum Leidwesen seiner Frau zumeist nachlässig gekleidete Ex-Kriminalhauptkommissar die Kaffeedose aus dem Schrank, öffnete sie und schüttete fünf gehäufte Löffel in den Filter. Das Minimum, um auf Touren zu kommen, das Maximum, um wegen der drei Tassen, die er kochte, mit Lea nicht aneinanderzugeraten. Er war von Natur aus konfliktscheu, wenngleich dies nur auf Lea und weniger auf die Ganoven zutraf, mit denen er im Dienst von Vater Staat zu tun gehabt hatte.

Die dampfende Henkeltasse in der Hand, ließ sich Sydow am Tisch nieder und blätterte die Morgenpost durch. Im Gegensatz zum Wochenbeginn, wo Berlin wieder einmal Schlagzeilen gemacht hatte, gab es wenig Neues, und so knöpfte er sich die vorangegangen Ausgaben vor. Das Thema Nummer eins, und zwar nicht nur im Westen, waren wieder einmal die Fluchthelfer gewesen, die ihre Stollen unter der Mauer hindurch Richtung Westen getrieben hatten. Was das anging, wich Sydows Meinung von derjenigen der übrigen Berliner nicht ab, die besagte, dass jedes Mittel recht war, um Ost-Berlinern die Flucht zu ermöglichen. Leider ging dies nicht immer reibungslos vonstatten, und während Sydows Blick auf die Schlagzeilen vom vergangenen Dienstag fiel, legten sich Sorgenfalten über sein Gesicht. ›Wilde Schießerei nach Massenflucht durch einen Tunnel‹ war in der Morgenpost zu lesen, wobei nicht klar war, wer zuerst und auf wen geschossen hatte. Eines stand jedoch fest, nämlich dass ein Grepo dabei ums Leben gekommen war. Die Zeitungen in der Ostzone, wie Sydow die DDR immer noch nannte, hatten Gift und Galle gespuckt, allen voran das Neue Deutschland, das ein Riesentamtam veranstaltet und die Gelegenheit beim Schopf gepackt hatte, um das Regime als Opfer westlicher Attacken zu präsentieren. Dass es das nicht war, wusste jeder Idiot, gäbe es die Mauer nicht, hätte der Spitzbart, wie Ulbricht nicht nur im Westen genannt wurde, schon lange einpacken können.

Um nicht in Rage zu geraten, faltete Sydow die Morgenpost zusammen, trank einen Schluck Kaffee und schmierte sich eine Butterstulle. Auf andere Gedanken kam er trotzdem nicht. Wie die meisten Berliner hatte er für Ulbricht & Co. nichts übrig, und das war, wie er offen zugab, noch harmlos formuliert. An den 17. August vor zwei Jahren, wo ein 18-Jähriger im Todesstreifen verblutet war, konnte er sich noch gut erinnern, ebenso wie an die Proteste, die auf den Tod des Maurergesellen Peter Fechter gefolgt waren. Bis zum Abtransport des Sterbenden hatte es knapp 50 Minuten gedauert, ein Umstand, der nicht nur Sydow in Wut versetzt hatte. Das Bild, auf dem ein Vopo mit dem schmächtigen Mann aus Weißensee auf dem Arm abgelichtet war, hatte für weltweite Schlagzeilen gesorgt, und wieder einmal war Berlin in den Brennpunkt des Interesses geraten. An der Situation der Insulaner, als die sich seine Mitbürger gern bezeichneten, hatte sich jedoch wenig geändert, trotz Hupkonzerten am 13. August, Demonstrationen, Sprengstoffanschlägen auf die Mauer und dem Bau von Fluchttunneln, der vor vier Tagen ein weiteres Opfer gefordert hatte. Sydow war sich sicher, dass es nicht das letzte war, und er fragte sich, wie lange der Belagerungszustand noch andauern würde.

Woanders leben wollte er trotzdem nicht, anders als all jene, die in den Westen abgewandert waren. »Na, mein Schatz – so früh schon wach?«

›Was heißt hier früh!‹, wollte Sydow grummeln, doch wie so häufig, wenn seine Laune nicht die beste war, möbelte ihn ein Kuss seiner Frau Lea wieder auf. »Klar doch!«, beeilte er sich folglich zu erwidern und schenkte seiner Jugendliebe, die er mit 40 geheiratet hatte, eine Tasse Kaffee ein. »Oder denkst du, ich lasse dich allein frühstücken? Kommt gar nicht in die Tüte, schöne Frau!«

»Du bist ein Schatz, Brummbär, weißt du das?«

Sydow wurde regelrecht warm ums Herz, aber da er sich mit Emotionsbekundungen schwertat, flüchtete er sich in Humor. »Brummbär und Schatz – wie passt das denn zusammen?«

»Sehr gut«, antwortete Lea, schälte ihr Frühstücksei und lächelte Sydow an, als sei dies ihr erstes gemeinsames Rendezvous. Sydow geriet ins Träumen. Blondes, auf die schmalen Schultern herabfallendes Haar, azurblau schimmernde Augen, helles Kleid, Sommersprossen und die Figur eines Teenagers. So hatte sie ausgesehen, als sie zum ersten Mal miteinander Tanzen gegangen waren. Und so sah sie, 49 Lebensjahren zum Hohn, immer noch aus. Obendrein hatte Lea das Glück, stets jünger geschätzt zu werden, ein Vorzug, der Sydow nicht zuteilwurde. Er war zwar über 1,90 Meter groß; bis auf das volle rotblonde Haar war das aber auch schon alles, was imposant an ihm war.

Er war kein einfacher Typ, und das sah man Thomas Randolph von Sydow, Sohn eines Spitzenbeamten und einer Engländerin, auch an. Die Nase, scharf geschnitten und ein Erbteil seiner Mutter, war eine Idee zu spitz, und das Gleiche galt für die hohen Wangenknochen, denjenigen seines Vaters zum Verwechseln ähnlich. Aber auch so hatte Sydow viel von ihm geerbt, wenngleich er in die Luft ging, wenn er mit dem Ministerialdirigenten im Reichsaußenministerium verglichen wurde. Sydow war reserviert, reizbar und zuweilen barsch, und das, im Verein mit der unterkühlten Art, war sein alter Herr auch gewesen. Darüber hinaus besaß er einen ausgesprochenen Hang zur Ironie, womit er sich bei der Kripo nicht nur Freunde gemacht hatte. Bei so viel Ähnlichkeit fielen die blauen Augen, die zumeist rissigen Lippen und der ebenfalls rotblonde Oberlippenbart nicht mehr groß auf. Der Apfel fiel nicht weit vom Stamm, wie Lea zu betonen nicht müde wurde, und das traf, seinem Unwillen von Trotz, auch auf die eine oder andere von Sydows Charaktereigenschaften zu. »Wie heißt es doch so schön: raue Schale, weicher Kern.«

»Was anderes: Wie lange musst du heute arbeiten?«

»Gute Frage. Wieso fragst du?«

»Nur so.«

Ohne aufzublicken, fuhr Lea von Sydow mit dem Schälen des Eis fort, schnitt es in Scheiben und verteilte sie auf ihrem Brot. »Glaub nur nicht, dass mir das Spaß macht, Tom!«, antwortete sie geraume Zeit später, als Sydow, der an seiner Stulle herumkaute, schon nicht mehr mit einer Antwort rechnete. »Momentan habe ich wirklich nichts zu lachen.«

»Kein Wunder – bei dem Ehemann.«

»Du sollst nicht immer alles ins Lächerliche ziehen, Tom. Ich meinte meinen Beruf.«

Nicht gerade erpicht auf einen Disput, riss sich der Kriminalhauptkommissar außer Dienst am Riemen. »Wieso – wo brennt’s denn?«

»Live-Interview mit einem Fluchthelfer. Punkt zehn. Thema: ›Tod eines DDR-Grenzpolizisten.‹ Noch Fragen?«

»Das heißt nicht DDR, das heißt …«

»Ostsektor von Berlin, ich weiß!«, fiel Lea Sydow ihrem Mann ins Wort. »Wie auch immer – keine Ahnung, wie ich damit umgehen soll.«

»Na, wie denn wohl! Indem du ihn fragst, wie sich alles abgespielt hat.«

»Genau das ist der Punkt, Tom.« Die Ellbogen auf der Tischkante, verschränkte Sydows Frau die Hände und ließ das Kinn auf den Daumenkuppen ruhen. »Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, aber … aber irgendwie behagt mir die Angelegenheit nicht. Versteh mich nicht falsch: An sich finde ich es in Ordnung, dass man Leuten, die es drüben nicht mehr aushalten, unter die Arme greifen muss. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste mein Leben hinter Mauer und Stacheldraht … Nein, Tom, was das betrifft, versagt meine Fantasie. Ich glaube, ich würde die glatte Wand hochgehen.«

»Ich auch, das kannst du mir glauben.« Nicht sicher, worauf Lea hinauswollte, schob Sydow den Teller beiseite, täuschte Gelassenheit vor und fragte: »Und wo liegt dann das Problem?«

»Das Problem, mein lieber Tom, liegt darin, dass bei der Schießerei ein Mensch ums Leben gekommen ist. So etwas darf nicht passieren. Mord bleibt nun einmal Mord, egal, ob es einen Grepo oder einen deiner Kollegen trifft.«

»Ex-Kollegen.«

»Na schön, dann eben Ex-Kollegen.« Sydows Frau stieß einen gequälten Seufzer aus. »Du verstehst, was ich damit sagen will?«

Sydow deutete ein Nicken an. »Das heißt aber nicht, dass ich einer Meinung mit dir bin.«

»Hätte mich auch gewundert. Und wieso nicht?«

»Die Jungs haben ihr Leben riskiert, Lea. Sie haben sich abgerackert, um anderen zu helfen. Ich war zwar nicht dabei, aber wer sagt dir, dass der Betreffende nicht in Notwehr gehandelt hat?« Die Hände verschränkt, lehnte sich Sydow zurück. »Siehst du, jetzt kommst du ins Grübeln.«

»Mord bleibt Mord, Tom. Davon lasse ich mich nicht abbringen.«

»Falls es dich beruhigt: Ich auch nicht. Aber es ist nun einmal so, dass der Bau eines Fluchttunnels kein Zuckerschlecken ist. Wer mitmacht, weiß, dass er ein großes Risiko eingeht. Und wer, frage ich dich, hat denn schon Lust, den Rest des Lebens im Gelben Elend zu verbringen? Wer immer den Grepo auf dem Gewissen hat: Versetz dich doch mal in seine Lage. Da schuftest du wie ein Sklave, ackerst wie verrückt und verlangst keine müde Mark dafür. Und riskierst, dass dich die Stasi hopsnimmt und nach allen Regeln der Kunst durch die Mangel dreht. Würde dir das gefallen? Nein? Ob du es nun hören willst oder nicht, Lea: Bei einem Unternehmen wie dem Tunnel 57 musst du mit allem rechnen. Vor allen Dingen, dass dir jemand in die Quere kommt. Da kann verdammt noch mal eine Menge schiefgehen. Versteh mich nicht falsch, Lea: Mir tut der Grepo, der dran glauben musste, genauso leid wie dir. Aber was nicht zu ändern ist, ist nun mal nicht zu ändern. Und noch was: Der Fluchthelfer, der auf den NVAler geschossen hat, hat es nicht aus Jux und Dollerei getan. Das kann ich mir nicht vorstellen. Wer sagt dir, dass es einer von den Fluchthelfern war? Schon mal was von Querschlägern gehört? Oder von dem, was die Amis ›friendly fire‹ nennen?«

»Du glaubst doch nicht allen Ernstes, dass …«

»Ich glaube überhaupt nichts, Lea. Außerdem war ich nicht dabei.«

»Aber?«

»Aber ich weiß, wozu die da drüben fähig sind. Denen traue ich alles zu. Allen voran der Stasi. «

»Weißt du eigentlich, wie du dich gerade anhörst? Wie der fleischgewordene kalte Krieger. Hier die Guten, dort drüben die Schlechten. Um ihnen eins auszuwischen, ist jedes Mittel recht.« Bevor sie fortfuhr, holte Sydows Frau tief Luft. »Was macht es schon, wenn einer von denen draufgeht. Kommt in den besten Familien vor, oder? Wo gehobelt wird, fallen nun mal Späne. Hauptsache, der Coup gelingt. Und was den Getöteten betrifft: War doch eh nur einer von der NVA, oder?«

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Aber gedacht.«

»Wenn du meinst – du musst es ja wissen.«

»Du bist doch nicht etwa eingeschnappt, oder?«

»Eingeschnappt – ich? Wo denkst du hin!« Natürlich war er eingeschnappt. Und wie. Aber das würde er nicht zugeben. »Lass sehen – was haben wir denn da! Es geht doch nichts über Ingwerkuchen made by Lea, findest du nicht auch?«

»Lenk nicht ab, Tom.« Da auch sie einem Krach aus dem Weg gehen wollte, trank Lea Sydow noch einen Schluck Kaffee, erhob sich und umrundete den Tisch. Dann fuhr sie ihrem Mann durchs Haar. »Und sitz nicht den ganzen Tag hier rum. Bis ich wieder hier bin, kann es dauern.«

»Wie lange denn?«

»Keine Ahnung.« Sydows Frau nahm seinen Kopf zwischen die Hände und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. »Wie wär’s, wenn du mal einen Dauerlauf machst? Das bringt dich auf andere Gedanken.«

Dauerlauf. Das fehlte noch. Wenn Churchill in einem Punkt recht gehabt hatte, dann darin, dass Sport dem Wohlbefinden eines Gentleman abträglich war. Zwar rauchte er äußerst selten und genehmigte sich nur hin und wieder ein Bier, aber diesbezüglich war er mit seinem Landsmann einer Meinung.

Dauerlauf? Nicht mit ihm.

Dann schon lieber eine FdH-Kur.

»Was guckst du denn so? Hab ich etwas Falsches gesagt?«

»I wo. Wo denkst du hin.«

»Sei doch nicht immer gleich be…«

»Ich bin nicht beleidigt, Lea. Ich weiß selbst, dass ich zu viel Speck auf den Rippen habe.«

»Speck oder nicht – ich muss jetzt los!«, erwiderte Lea Sydow, strich ihrem Mann über die Wange und hastete von dannen. »Mach’s gut, Brummbär – bis heute Nachmittag!«

Du hast gut reden!, dachte Sydow bei sich, verzehrte die Reste seiner Stulle und konnte der Versuchung, ihr eine Portion Rührei folgen zu lassen, nicht widerstehen. Ein opulentes Frühstück war nicht zu verachten, besonders wenn man Kap Hoorn nur knapp umschifft hatte.

Dachte er wenigstens.

Und ahnte nicht, was ihm noch bevorstehen würde.

Doch dann, kaum dass seine Frau zum Aufbruch gerüstet hatte, geschah es. Telefon, zu allem Unglück Dauerläuten. Das bedeutete nichts Gutes.

Sydow angelte sich einen Speckstreifen, erhob sich, eilte mit vollem Mund an den Apparat und nahm ab.

Kurz darauf, nach Beendigung des Gespräches, ließ er den Hörer auf die Gabel sinken.

Freitag, der 9. Oktober 1964, versprach ein besonderer Tag zu werden.

Ein Tag, an den er noch lange denken würde.

5

Ost-Berlin (Stadtbezirk Lichtenberg), Haus 1 des Ministeriums für Staatsicherheit in der Ruschestraße 103 │08:40 h

Er war der Mann, mit dem es sich nicht einmal Ulbricht verderben wollte, und es gab nicht wenige, die ihn als heimlichen Herrscher der DDR bezeichneten. Er selbst, Tschekist aus Überzeugung, hörte es mit Vergnügen, reagierte jedoch ungehalten, wenn er darauf angesprochen wurde. Dass dies der Wahrheit entsprach, wusste er jedoch nur zu gut, doch war er klug genug, sich in Zurückhaltung zu üben. Dies galt vor allem für sein Auftreten gegenüber Spitzenkadern, wo er darauf bedacht war, den aufopferungsvollen Parteisoldaten zu mimen.

Insgeheim jedoch, vor allem im Umgang mit Untergebenen, legte der Minister für Staatssicherheit ein ausgesprochen rüdes, um nicht zu sagen vulgäres Benehmen an den Tag. Erich Mielke, 56 Jahre und zweites von vier Kindern eines KPD-Aktivisten aus dem Wedding, betrachtete dies jedoch nicht als Makel. Um die Körpergröße von 1,63 Metern zu überspielen, hatte er früh gelernt, auf sich aufmerksam zu machen. Eine Angewohnheit, die er auch dann beibehielt, als er die Leitung des MfS übernahm. Umgangsformen, gepaart mit Zurückhaltung, waren seine Sache nicht, die Wutausbrüche, auch solche im kleinen Kreis, allseits gefürchtet. Mielke, seit 1957 Stasi-Chef, war kein Freund langatmiger Diskussionen. Durchgreifen, handeln, nicht lange fackeln – das, verbunden mit einem klaren Feindbild, war seine Devise. Der Arbeitersohn, den die Aura eines Bullterriers umgab, war nicht nur impulsiv, sondern auch verschlagen, trotz wachen Verstandes nicht übermäßig gebildet und jederzeit bereit, seine Gegner, auch solche in den eigenen Reihen, aus dem Weg zu räumen. An ihnen herrschte gewiss kein Mangel, doch wagte niemand, sich mit ihm anzulegen. Erich Mielke war und blieb der meist gefürchtete Mann der DDR, und nichts deutete darauf hin, dass sich dies ändern würde.

»Eins weiß ich genau: Wenn wir die Ratten, die den Tunnel gebuddelt haben, in die Finger kriegen, werde ich sie eigenhändig liquidieren.« Mielke redete nicht bloß daher, er meinte es auch so. Für ihn, Absolvent der Moskauer Lenin-Schule und Stalinist, gab es nur zwei Sorten von Menschen: überzeugte Kommunisten und solche, die man zu ihrem Glück zwingen musste. Was Letztere betraf, war jedes Mittel recht, um sie mundtot zu machen, wenn es sein musste, auch unter Anwendung von Gewalt. Wer nicht für ihn war, wurde liquidiert, nur eine der Lehren, die er aus seinem Aufenthalt in der Sowjetunion gezogen hatte. »Als Tschekist bin ich das unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat schuldig.«

Mielke, der hochrangigste der drei Männer im abgedunkelten Dienstzimmer der Ost-Berliner Geheimdienstzentrale, erntete keinen Widerspruch. Dazu war das Thema, um das es sich bei der Diavorführung drehte, viel zu ernst. »Kann mir mal einer sagen, warum kein Schwein etwas davon mitgekriegt hat?«

»Bei allem gebotenen Respekt, Genosse Minister –«, tönte es aus dem hinteren Teil des Raumes, der zum Geheimsten zählte, was die DDR zu bieten hatte, »das frage ich mich auch.« Geheim vor allem deshalb, weil sich unmittelbar hinter Mielkes Schreibtisch der Panzerschrank des VEB-Stahlschrankwerkes ›Feuerfest‹ befand, in dem Mielke Unterlagen aufbewahrte, die nicht in fremde Hände gelangen durften. In diese Rubrik fiel natürlich nicht nur der Klassenfeind und mit ihm ein ganzes Heer von ›Fronstadt-Agenten‹, Diversanten und Saboteuren, sondern in erster Linie auch die eigenen Genossen, an ihrer Spitze Ulbricht und Honecker. Es gab niemanden, dem der Herr der Spitzel vertraute, und schon gar niemand, der von sich behaupten konnte ihn zu kennen. Mielke hütete seine Geheimnisse wie einen Schatz, um sie bei passender Gelegenheit aus dem Ärmel zu ziehen. Darin, im Abpassen des richtigen Moments, lag seine Stärke, und man konnte nie sicher sein, wen er als Nächstes ins Visier nehmen würde.

»Wie dem auch sei, Kamerowski«, erwiderte der Stasi-Chef, den Ellbogen auf der Lehne seines Sessels, und trommelte mit der Linken auf dem blankpolierten Schreibtisch aus volkseigener Produktion herum. »Noch so eine Panne, und ich kann meinen Hut nehmen.«

»Panne?«, echote Mielkes Sekretariatsleiter, vom Schreibtisch aus kaum zu erkennen. »Dagegen sind wir doch wohl …«

»Machtlos?«, vollendete der Stasi-Chef, kurz davor, aus der Haut zu fahren. »Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst, Kamerowski!«

Um nicht anzuecken, verkniff sich der 53-jährige Generalmajor eine Erwiderung und wechselte rasch das Thema. »Bitte um Erlaubnis, meinen Vortrag fortsetzen zu können, Genosse Minister!«, schnarrte er, nach eigenem Empfinden reichlich übertrieben. Bei Mielke, dem Lektor für militärpolitische Fragen an der Moskauer Lenin-Schule und Veteran des Spanischen Bürgerkrieges, kam so etwas jedoch gut an. Umso mehr, weil er Widerspruch auf den Tod nicht ausstehen konnte. »Sie gestatten?«

Mielke machte sich nicht einmal die Mühe zu nicken, sondern stieß einen unwirschen Grunzlaut hervor.

»Wo waren wir stehen geblieben – genau!« Kamerowski betätigte die Fernbedienung, um das nächste Schwarz-Weiß-Dia zu erläutern. Es zeigte ein Treppenhaus, von dessen Wänden der Putz abblätterte, das Geländer und eine Flügeltür. »Der Hinterausgang«, erläuterte der Sekretariatsleiter und betätigte den Schalter in der rechten Hand erneut. »Dort hat es den armen Teufel erwischt.«

Mielke reagierte nicht darauf.

Kamerowski nahm dies als Aufforderung zur Eile, womit er zweifelsohne richtig lag. »Und hier die gleiche Stelle von außen, also vom Hof«, tat er mit Blick auf die Backsteinfassade und die offen stehende Flügeltür kund. »Dort hat …«

»Dort hat es den armen Teufel erwischt, ich weiß.«

Dies war zwar nicht das, was Kamerowski hatte sagen wollen, aber es genügte, um ihn aus dem Konzept zu bringen. »Und … und hier, Genosse Minister –«, unternahm der 53-Jährige einen weiteren Versuch, seinen Herrn gnädig zu stimmen, indem er einen Zeigestock zur Hand nahm und auf die betreffende Stelle deutete, »kam es zu der folgenschweren Schießerei.«

»Schießerei?«

»Wie Sie wissen, hat das Gutachten unserer Ballistik-Abteilung ergeben, dass die Waffe von Unteroffizier Schultz nicht zum Einsatz gekommen ist.« Kamerowski gab ein Verlegenheitsräuspern von sich. »Er hat keinen Schuss abgegeben. Keinen einzigen.«

»Und die Frontstadt-Saboteure?«

»Mindestens ein halbes Dutzend.«

»Wie? Nicht mehr?«

»Soweit ich informiert bin, hat die Spurensicherung insgesamt sieben Patronenhülsen gefunden, die aus der Waffe des Fluchthelfers …«

»Das heißt nicht ›Fluchthelfer‹, Kamerowski, sondern ›faschistischer Provokateur‹!«, brüllte Mielke und hieb mit der flachen Hand auf den Tisch. »Und das von einem meiner engsten Mitarbeiter – nicht zu fassen! Ich will Ihnen mal was sagen, Genosse: Mir ist scheißegal, wer hier auf wen geballert oder welcher Trottel aus den eigenen Reihen diesen Schultz auf dem Gewissen hat. Sei’s drum – ändern lässt sich daran sowieso nichts mehr. Wichtig ist, dass wir den größtmöglichen Nutzen aus dem Schlamassel ziehen. Und dass sich so eine Pleite nicht wiederholt. Alles, was recht ist, Kamerowski: Langsam frage ich mich, weshalb wir jedes Jahr eine halbe Milliarde zum Fenster rauswerfen und über 30.000 Kostgänger durchfüttern, wenn sie zu dämlich sind, dem Abschaum aus dem Westen das Handwerk zu legen. Knapp 10 Prozent des Polizei- und Armeeetats – und wofür? Für nichts, Herr Generalmajor, für nichts und wieder nichts! Ich will Erfolge sehen, Kamerowski – kapiert? Dafür werden Sie und die übrigen Genossen bezahlt.« Der Stasi-Chef holte tief Luft. »Ein Tunnel nach dem andern, so viele, dass man mit dem Zählen nicht mehr hinterherkommt – Sie werden zugeben, dass es so nicht weitergehen kann.« Krebsrot im Gesicht, lockerte Mielke seine Krawatte. »145 Meter lang, und keiner will etwas bemerkt haben. Wissen Sie was, Genosse: Das können diese Jammerlappen von Grenzern ihrer Großmutter erzählen. Aber nicht mit mir, Freunde, nicht mit mir! Wenn dieser Unglücksrabe unter der Erde ist, könnt ihr euch auf was gefasst machen! Da werden Köpfe rollen, glauben Sie mir.«

»Erlauben Sie mir eine Bemerkung, Genosse Minister?«

»Aber nur eine. Je mehr gequatscht wird, desto weniger kommt dabei raus.«

Kamerowski schluckte. »Ich bin überzeugt, die zuständigen Stellen werden alles tun, um die Umstände, die zum Tod von Unteroffizier Schultz geführt haben, restlos aufzuklären.«

»Zu Ihrer Information, Kamerowski: Laut Gutachten sind insgesamt zehn Schüsse auf ihn abgefeuert worden, davon zwei aus der Waffe eines faschistischen Banditen.«

»Höchste Zeit, dass diesen Flucht… dass den faschistischen Provokateuren das Handwerk gelegt wird«, erwiderte der Sekretariatsleiter und schaute derart arglos drein, dass Mielke beschloss, den Versprecher zu ignorieren. »Sonst machen wir uns zum Gespött.«

Der MfS-Chef ging jedoch nicht darauf ein. »Und sein Kamerad, dieser …«

»Maier. Soldat Volker Maier. Was ist mit ihm?«

»Haben Sie dafür gesorgt, dass er zum Schweigen verdonnert wird?« Die Stirn in Falten, ließ sich Mielke in seinen Sessel sinken. »Nicht auszudenken, wenn etwas durchsickern würde – am Ende vielleicht noch nach drüben! Wenn das passiert, Genosse, können wir einpacken.« Der Mann, um den selbst Spitzenkader einen Bogen machten, schürzte die farblosen Lippen. »Dann möchte ich nicht in Ihrer Haut stecken, Kamerowski!«

Der Angesprochene tat so, als habe er den drohenden Unterton nicht bemerkt. »Die Tür zum Hof«, fuhr er stattdessen mit Blick auf das nächste Dia fort, den Zeigestock, den er wie ein Gewehr präsentierte, in der rechten Hand. »Der linke Flügel offen, der rechte zum Tatzeitpunkt geschlossen. Man beachte die Blutflecken, in erster Linie auf dem Treppenabsatz.«

»Ich habe Augen im Kopf, Genosse. Weiter.«

Klick. Ein Geräusch, das sich wie Entsichern einer Waffe anhörte. Fotos von Einschusslöchern in der Backsteinwand, von Blutflecken auf dem Hofpflaster, herumliegenden Patronenhülsen, Mülltonnen und drei Stufen, die zum nur wenige Schritte von der Hintertür entfernt gelegenen Toilettenhäuschen führen.

Klick.

Das Innere des Toilettenhäuschens. Knopfdruck. Der Einstieg in den Tunnel 57. Ein Klicken. Abermals der Einstieg, diesmal aus der Vertikalen. Ein Knacken, untermalt vom Rauschen des Projektors. Und dann, um die Niederlage perfekt zu machen, die Skizze eines Schachtes, der in schnurgerader Linie Richtung West-Berlin führt.

Nach Wedding, wo Mielke aufgewachsen war.

»Wenn ich könnte, würde ich die Bastarde der Reihe nach liquidieren. Persönlich.«

»Ich finde, das ist der falsche Weg.«

Es gab nur wenige, die den Mut besaßen, Mielke zu widersprechen, unter ihnen der Agent, der den Decknamen ›Radek‹ trug. Außer dem Minister, der die Wahrung seiner Identität zur Chefsache erklärt hatte, war sein Name niemandem bekannt. Gemunkelt wurde natürlich viel, auch darüber, dass es eine Sondereinheit gab, an deren Spitze besagter Radek stand. Da Geheimhaltung jedoch oberstes Prinzip war, wagte niemand, den kursierenden Gerüchten auf den Grund zu gehen.

»Es sei denn, so etwas kommt noch öfter vor.« Dem Mann, der mit verschränkten Armen am Türbalken lehnte, war es recht so. Anders als bei Kamerowski, der Mielke verblüffend ähnlich sah, handelte es sich bei ihm um einen gänzlich anderen Typ. Kamerowski war untersetzt, stiernackig und der geborene Speichellecker, Radek das genaue Gegenteil. Vom Aussehen her viel älter, in Wahrheit jedoch knapp zehn Jahre jünger als der Büroleiter, wies er keinerlei besondere Merkmale auf, weder was sein Allerweltgesicht, das stets angefeuchtete Haar, die Geheimratsecken und schiefergrauen Augen noch was den Rollkragenpullover, die dunklen Hosen und das cremefarbene Jackett betraf. Radek war es recht so, denn er wollte – und durfte – auf keinen Preis auffallen. Als Leiter der ›Sektion Omega‹, deren Aufgabe darin bestand, Maulwürfe, Überläufer und Verräter aufzuspüren, war dies oberstes Gebot. Und die halbe Miete, um zu überleben. »Dann, wie ich wohl nicht eigens betonen muss, müssen wir natürlich einschreiten.«

»Soll das heißen, Sie sind dafür, die Angelegenheit auf sich beruhen zu …«

»Damit wir uns nicht falsch verstehen, Genosse Kamerowski: Wenn der Genosse Minister den Befehl erteilt, die Schuldigen zu liquidieren, wird er selbstverständlich ausgeführt. Was mich betrifft, bin ich der Meinung, dass es derzeit Wichtigeres zu tun gibt, als einen Rachefeldzug gegen westliche Saboteure zu führen.«

»So? Und was denn?«, erwiderte der Sekretariatsleiter, zog die Vorhänge zurück und schaltete den Projektor wieder aus. »Ich dachte, es sei alles gesagt.«

»Wenn Sie sich da mal nicht irren, Genosse Generalmajor«, gab Radek zurück, die Augenlider, die von eisgrauen Brauen überwölbt wurden, fast vollständig geschlossen. »Ich habe lediglich gesagt, dass es ratsam wäre, wenn wir uns auf andere Dinge …«

»Und auf welche?«, blaffte Mielke, dem die Art, wie Radek um den heißen Brei herumredete, an den Nerven zehrte. Ein Blick auf seinen Vertrauten, und der Grund hierfür wurde ihm jedoch auf Anhieb klar. »Soll das heißen, es gibt schlechte Nachrichten? Und was Sie betrifft, Kamerowski – tun Sie mir den Gefallen und lassen uns allein. Ich möchte mit Radek unter vier Augen reden.«

»Wie Sie wünschen, Genosse Minister.«

»So, Radek, den wären wir los!«, richtete Mielke das Wort an den 43-jährigen Dresdener, nachdem dieser unaufgefordert Platz genommen und es sich auf dem Sessel vor Mielkes Schreibtisch bequem gemacht hatte. »Und jetzt raus mit der Sprache – was ist passiert?«

Die Rechte über den Augen, mit der er sie gegen das hereinflutende Tageslicht abschirmte, ließ sich Radek mit seiner Antwort Zeit. »Etwas, woran wir möglicherweise zu kauen haben werden«, begann er nach reiflicher Überlegung, der Blick auf den Fingerkuppen und dem darüber streichenden Daumen. »Aber noch ist bekanntlich nicht aller Tage Abend.«

Das Läuten des Telefons, Teil einer links von Mielke befindlichen Apparatur, durch die er führende Funktionäre per Direktleitung erreichen konnte, sorgte dafür, dass Radek seine Ausführungen unterbrach.

»In Ordnung – stellen Sie durch.« Mielkes Miene sprach Bände, und man musste nicht Radek heißen, um zu erkennen, dass ihm der Schreck in sämtliche Glieder gefahren war. »›Verdächtig‹?«, rief er stirnrunzelnd aus, den Hörer am rechten Ohr. »Inwiefern, Herr Professor? Ach was, wer kommt denn auf so eine Idee! Wie? Unsinn! Major Czerny genießt mein vollstes Vertrauen. Er hat auf meinen ausdrücklichen Befehl gehandelt. Wieso? Das lassen Sie mal lieber meine Sorge sein. Ich bin Ihnen keine Rechenschaft schuldig. Wenn Sie wollen, wenden Sie sich an den Generalstaatsanwalt. Oder an das Ministerium des Inneren. Auf Anfrage wird es sicherlich bereit sein, Ihnen eine Kopie … ›Ohne mich zu informieren‹ – was, bitte schön, soll das heißen? Damit Sie Bescheid wissen, Herr Professor Prokop: Um das Obduktionsprotokoll ausgehändigt zu bekommen, muss ich niemanden um Erlaubnis fragen. Am allerwenigsten Sie. ›Ein ungeheurer Vorgang‹? Überlegen Sie sich genau, was Sie sagen. Sie haben es hier nicht mit einem Ihrer Assistenzärzte zu tun. Aber natürlich können Sie Beschwerde einlegen. Ich frage mich nur, bei wem. Unter uns, Herr Professor: Wenn ich Sie wäre, würde ich die Angelegenheit auf sich beruhen lassen. Es sei denn, Sie ziehen es vor, Scherereien zu bekommen. Kein Bedarf? Na also, warum nicht gleich! Was Sie jetzt tun sollen, fragen Sie? Na, was wohl – den Mund halten! Zu niemandem ein Wort, kapiert? Nichts für ungut – und danke für den Anruf. Wiederhören!«

»Schwierigkeiten?«

»Nicht, dass ich wüsste!«, erwiderte Mielke und warf Radek, der ihn mit hochgezogenen Brauen musterte, einen unwirschen Seitenblick zu. Dann erhob er sich, durchquerte den Raum und riss die Tür zum Vorzimmer auf, wo er auf einen erstaunt dreinblickenden Kamerowski traf. »Czerny soll kommen!«, bellte er, eine Vorahnung, die sich alsbald bestätigte, im angespannt wirkenden Gesicht. »Aber dalli!«

Kamerowski, nicht minder ahnungsvoll, senkte den Blick. »Bedaure, das wird nicht gehen.«

»Und wieso nicht?«

»Hier, Genosse Minister«, antwortete der Generalmajor, einen Umschlag, der an Mielke adressiert war, in der ausgestreckten Hand. »Er hat Ihnen eine Nachricht …«

Mielke wartete die Antwort nicht ab, gebot Kamerowski zu schweigen und öffnete das Couvert. Dann überflog er den darin befindlichen Brief.

Ein Brief, der es wahrhaftig in sich hatte.

Wie lange er dagesessen, vor sich hin gestarrt und sämtliche Racheszenarien, die ihm in den Sinn kamen, durchgespielt hatte, war dem Stasi-Chef hinterher nicht bewusst. »Schlechte Nachrichten?«, fragte der Leiter der Sektion Omega, ein rätselhaftes Lächeln im Gesicht. Und ergänzte: »Czerny, hab ich recht?«

Mielke nickte, in Gedanken immer noch bei dem Mann, dem er wie keinem Zweiten vertraut hatte. Dann, nach einem Kopfschütteln, das seine ganze Ratlosigkeit ausdrückte, reichte er den Brief über die rechte Schulter.

Die Reaktion fiel jedoch anders aus als erwartet. »Kopf hoch, Genosse Minister«, tönte es hinter seinem Rücken, optimistischer als erwartet. »Ich weiß, wo der Verräter steckt!«

6

Berlin-Schöneberg, Sydows Wohnung in der Grunewaldstraße │09:10 h

»Kann es sein, dass du ein bisschen zugelegt hast, Tom?«, fragte Sydows Schwiegersohn in spe und biss in die Käsestulle, die der Stiefvater seiner Angebeteten geschmiert hatte. »Tut mir leid – war nicht so gemeint!«

Sydow nahm es mit Humor. Auf ein paar Kilo mehr oder weniger kam es schließlich nicht an, Hauptsache, man fühlte sich wohl.

Und das war bei ihm ja wohl der Fall, oder?

»Freut mich, wenn es dir schmeckt, Hajo«, warf der Hausherr ein und beschloss, dem Frühstück mit Lea ein zweites in Form einer Käsestulle mit Zwiebeln, seinem erklärten Leibgericht, folgen zu lassen. Auf einem Bein konnte man nicht stehen, und anderen beim Essen zuzusehen war nun wirklich nicht das Wahre. »Greif zu!«

»Wenn ich ehrlich bin, ist mir der Appetit vergangen«, bekannte Hans-Joachim Marquard, 23, Student an der Kirchlichen Hochschule in Zehlendorf und Verlobter von Leas Tochter aus erster Ehe, und legte die angebissene Stulle auf den Teller. »Warum, kannst du dir wahrscheinlich denken.«

Sydow verneinte. »Probleme an der Uni?«

»I wo! Alles bestens.«

»Na dann!« Um nicht unhöflich zu erscheinen, unterbrach Sydow sein zweites Frühstück, verschränkte die Hände und sah den Freund seiner Stieftochter Veronika, auch sie Studentin, mit erwartungsvoller Miene an. »Irgendwas nicht in Ordnung?«

»Das kannst du aber laut sagen.«

Sydow stutzte. Ein Blick auf den blonden, ein wenig blass und anders als sonst auch ein wenig fahrig wirkenden Studenten der Theologie aus Lichterfelde, und der Gedanke an einen geruhsamen Vormittag begann sich in Luft aufzulösen. »Rück raus damit, Hajo – was ist los?«

»Es ist wegen Vroni, Tom. Wir haben uns in die Wolle gekriegt.«

»In die Wolle gekriegt?« Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Erst der Disput mit Lea, und jetzt, im denkbar ungünstigsten Moment, sein zukünftiger Schwiegersohn, der wie ein Häuflein Elend am Küchentisch saß und seinem Ersatz-Vater das Herz ausschütten wollte. »Weshalb denn? Ich dachte, mit euch beiden ist alles in …«

»Das war es auch, Tom. Bis vor vier Tagen.«

Böses ahnend schob Sydow seinen Teller auf die Seite, legte die Ellbogen auf die Tischplatte und hoffte, dass sich die Vermutung, die in ihm aufkeimte, nicht bewahrheiten würde. Hajo, seit dem Krieg Halbwaise und infolge des Krebstodes seiner Mutter auf sich allein gestellt, war nicht nur ein zukünftiger Verwandter, sondern mittlerweile fast so etwas wie ein Sohn für ihn geworden. Die Sympathie, die er für ihn hegte, beruhte auf Gegenseitigkeit, und es gab nichts, was ihm der schlaksige und so gut wie nie ohne Schlips und weißes Hemd in Erscheinung tretende junge Mann mit dem Kurzhaarschnitt nicht anvertraut hätte. Lea, verwundert über so viel Vertrautheit, zog ihn zwar wegen seines Beschützerinstinktes auf, aber das war, wie so vieles, nicht wirklich ernst gemeint. »Kopf hoch, Hajo, das kommt in den besten Familien vor.«

»Ich weiß. Aber zugesetzt hat es mir trotzdem.« Marquard stierte bedrückt vor sich hin. »Mal ehrlich, Tom: Würdest du dich freuen, wenn Lea dich als Kriminellen bezeichnet hätte?«

Obwohl ihm nicht danach war, konnte sich Sydow ein Lächeln nicht verkneifen. »Hast du eine Ahnung, was Lea mir schon alles an den Kopf geworfen hat!«, übte er sich in Humor, was, wie er sehr wohl wusste, der Situation nicht angemessen war. Und ruderte prompt zurück: »Ich weiß, so was ist nicht zum Lachen. Tut mir leid, Hajo. Zumal ich mir sicher bin, dass du ein grundanständiger Zeitgenosse bist.«

»Freut mich zu hören, Tom«, entgegnete Marquard, die Andeutung eines Lächelns im glatt rasierten Gesicht. »Die Genossen und etliche meiner Kommilitonen sehen das leider anders.«

»Die Genossen?«, rief Sydow aus, bestürzt, dass sich seine Vorahnung zu bewahrheiten schien. »Sag, dass du nichts damit zu tun hast!«

»Falls du den Hickhack wegen der Tunnelbuddelei meinst – doch.«

Sydow stieg die Zornesröte ins Gesicht. »Damit wir uns richtig verstehen, Hajo – «, rang er nach Worten, obwohl ihm klar war, worauf der sichtlich geknickte Theologiestudent hinauswollte, »du behauptest, beim Bau des Tunnels, der von Wedding aus in die Ost…«

»Ich behaupte es nicht nur, Tom – ich war dabei.« Hans-Joachim Marquard lächelte gequält. »Hättest du mir nicht zugetraut, was?«

Sichtlich geschockt, war Sydow die Lust am Witzereißen vergangen. »Heißt das, du warst mit von der Partie, als der DDR-Grenzer erschossen worden bist?«

»Das heißt nicht ›DDR‹, sondern ›Ostzone‹. Originalton Sydow.«

»Lenk nicht ab, Hajo. Du weißt genau, wie ernst die Sache ist.«

»War, Tom, war.« Marquard hob den Kopf und sagte: »Wie dem auch sei – sie hat sich gelohnt.«

»So, meinst du.« Obwohl er seit einem halben Jahr nicht mehr rauchte, begann sich in Sydow das dringende Bedürfnis nach einem Glimmstängel zu regen. Eine Verlockung, der er nur mit Mühe widerstand. »Und was genau hast du zum Gelingen beigetragen?«

»Ich bin Schmiere gestanden.« Marquard, der die Rolle des bußfertigen Pennälers perfekt beherrschte, kratzte sich hinterm Ohr. »Auf der Weddinger Seite.«

»Ausguck auf dem Dachboden, hab ich recht?«

»Ich sehe, du kennst dich aus.« Heilfroh, das Schlimmste überstanden zu haben, trank Marquard einen Schluck Kaffee. »Wie du dir vorstellen kannst, ist es kein Pappenstiel, so ein Ding über die Bühne zu bringen«, fuhr er fort, längst nicht mehr so zurückhaltend wie zuvor. »Hat schließlich gedauert, bis wir fertig

waren.«

»Wir?«

»Du verlangst doch nicht, dass ich dir eine Antwort gebe, oder?«

»Nicht wirklich.« Sydow ließ die angestaute Atemluft entweichen. »Dann stimmt es also, was die Genossen behaupten. So kann man sich irren!«

Marquards Miene verfinsterte sich. »Das glaubst du doch selbst nicht, oder?«

Sydows Antwort ließ auf sich warten. Der Polizist in ihm war nicht totzukriegen, und er genoss es, den künftigen Schwiegersohn an der Nase herumzuführen. »Wenn ich ehrlich bin, Hajo«, tat er mit erheblicher Verzögerung kund, »wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, wem ich glauben soll.«

»Mir, wem denn sonst!«

»Du hast gut reden, Hajo«, sprach Sydow mit Bedacht, erhob sich und trat ans Fenster, von wo aus man einen Blick auf den Hof und das angrenzende Hinterhaus werfen konnte. Im Gegensatz zur Vorwoche ließ das Wetter zu wünschen übrig, und am Himmel, wovon nur ein winziger Ausschnitt zu sehen war, zogen Regenwolken auf. »Im Ernst: Woher soll ausgerechnet ich wissen, wer lügt und wer die Wahrheit sagt? Du warst dabei – ich nicht.«

»Na schön: Er hat auf den Grepo geschossen.«

»Wer hat auf ihn geschossen?«

»Christian.«

»Hat dieser Christian auch einen Namen?«

»Er heißt Zobel, Christian Zobel!«

»Warum denn so missmutig? Mehr wollte ich gar nicht wissen.« Sydow legte eine Kunstpause ein. Dann fragte er: »Und woher stammt die Waffe?«

»Ob du’s glaubst oder nicht, Herr Kriminalhauptkommissar: aus Polizeibeständen.«

Sydow gab ein nachdenkliches Nicken von sich. Um nachzuvollziehen, wie der Tunnelbau überhaupt möglich war, musste man nicht viel Fantasie besitzen. Ohne die – gelinde gesagt – stillschweigende Duldung seiner Ex-Kollegen wäre ein Unternehmen wie das vom vergangenen Wochenende nicht möglich gewesen. Außerdem kostete so was eine Stange Geld, von Schaufeln, Spitzhacken und technischem Zubehör einmal abgesehen. Woher dieses Geld kam, war ein offenes Geheimnis, gab es doch einen Haufen Leute, die mit den Genossen eine Rechnung offen hatten. »Da erzählst du mir nichts Neues, Hajo.«

»Na also. Und wo liegt dann das Problem?«

»Das Problem, junger Mann, besteht darin, dass ein Mensch zu Tode gekommen ist.«

»Schon mal was von Peter Fechter gehört, Tom?«

»Du brauchst jetzt nicht ironisch zu werden, Hajo. Ich weiß, dass die da drüben Befehl haben, auf Flüchtende zu schießen. Und ich weiß auch, wie viele Tote es seit dem Mauerbau gegeben hat. Aber ich bin dagegen, dass den Grepos mit gleicher Münze heimgezahlt wird, frei nach dem Motto: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Versteh mich nicht falsch, Hajo: Ich hab die Klugscheißer von der SED gefressen, und wenn ich könnte, würde ich den ganzen Laden hochgehen lassen. ›Deutsche Demokratische Republik‹ – wenn man da nicht das Kotzen kriegt, weiß ich auch nicht mehr! Aber all das, die Mauer, das Propagandagetue, die Stasi und der Maulkorb, den sie den armen Teufeln verpasst haben, rechtfertigt nicht, dass …«

»Der Tod eines Menschen als etwas Nebensächliches hingestellt wird, ich weiß.« Marquard schüttelte missbilligend den Kopf. »Falls du es vergessen hast, Tom: Ich studiere Theologie.«

»Weißt du was, Hajo: Ich finde, es bringt nichts, wenn wir anfangen rumzudiskutieren. Erzähl mir lieber, wie es dir ergangen ist.« Die Arme vor der Brust verschränkt, drehte sich Sydow um. »Oder darf ich das nicht wissen?«

»Doch.«

»Na also – dann schieß los.«

Der Theologiestudent, nach dem sich so manche Schwiegermutter die Finger geleckt hätte, seufzte aus tiefster Seele. »Die hätten den Laden dicht machen sollen«, flüsterte er, in Gedanken bei den Ereignissen, die er vom Dachboden des Hauses in der Bernauer Straße beobachtet hatte. »Aber nein, Reino und Zobel konnten den Hals nicht voll kriegen!«

Einmal in Fahrt, war Marquard nicht zu bremsen, und da er froh war, dass er ihn so weit hatte, nahm Sydow kommentarlos Platz.

»Aber so ist es nun mal: Wenn du nicht aufpasst, kann es sein, dass du auf die Schnauze fällst. So wie Christian. Ich versteh das nicht, Tom – ehrlich. Die hätten doch merken müssen, mit wem sie es zu tun haben. Noch einem Kumpel Bescheid sagen, der rübermachen will! Eine dümmere Ausrede hab ich in meinem Leben noch nicht gehört. Zu dumm, dass ausgerechnet wir drauf reingefallen sind.« Sichtlich aufgebracht, hielt es Marquard nicht mehr auf seinem Stuhl, und er begann ruhelos hin- und herzulaufen. »57 Ost-Berliner, Männer, Frauen, Kinder – und dann so etwas! Das hältst du ja im Kopf nicht aus. Aber lassen wir das. Wo waren wir gerade stehen … genau! Ziemlich genau um halb eins kam dann Leben in die Bude. Da sind nämlich die zwei Wartburgs und eine Kradstreife aufgetaucht. Weshalb, war mir auf Anhieb klar. Dank der Gaskandelaber konnte man nämlich genug sehen. Meinen Augen getraut hab ich trotzdem nicht. Da hast du wochenlang geschuftet, tonnenweise Sand durch die Gegend gekarrt, jede freie Minute unter Tage verbracht – und dann, wenn du denkst, das Ding ist gelaufen, tauchen auf einmal die Grepos auf. Ich also nichts wie ans Funkgerät, um die Jungs am Tunnelende im Westen zu warnen. ›Erbse an Kochtopf – Gefahr im Verzug!‹

Keine Ahnung, wie wir auf derart bescheuerte Codewörter gekommen sind. Egal: Die Jungs in der stillgelegten Backstube haben die Warnung umgehend weitergegeben. Wir hatten nämlich zwei Grubentelefone, musst du wissen. Genützt hatte es leider wenig. Als die Warnung eintraf, war das Geballere bereits in vollem Gang.«

»Geballere?«

»Was hast du denn gedacht, Tom! Die waren bewaffnet, mit Kalaschnikows. Das hat gekracht, dass man geglaubt hat, wir sind im Krieg.« Marquard gab ein nachdenkliches Schnauben von sich. »Mich wundert, dass alle wieder heil rübergekommen sind. Falls nicht, hätte ich nicht in ihrer Haut stecken wollen. Die wären ihres Lebens nicht mehr froh geworden, jede Wette. Bei so was versteht die Stasi keinen Spaß.«

»Das kannst du aber laut sagen.« Sydow legte die Stirn in Falten, und die Miene, mit der er Marquard musterte, sprach Bände. »Wenn ich dir einen Rat geben darf, Hajo: Zu niemandem ein Wort. Wärst nicht der Erste, der von der Stasi entführt worden ist. Um sich zu rächen, ist denen jedes Mittel recht.«

»Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass …«

»Denk bloß nicht, die können dir nichts anhaben. Das wäre der größte Fehler, den du machen kannst. Der Stasi-Konzern ist schwer am Expandieren. Der hat überall seine Filialen – auch hier, im vermeintlich freien West-Berlin.«

»Da sagst du mir nichts Neues, Tom«, erwiderte Marquard resigniert. »Keine Angst, ich bin auf der Hut.«

»Wenn du alles so genau weißt – weshalb bist du dann hier?«

»Gute Frage!«, stieß Marquard hervor und blieb mit dem Rücken zu Sydow stehen. »Gründe dafür gibt es viele.«

»Und die wären?«

»Zunächst mal wollte ich mir alles von der Seele reden. Glaub mir, Tom: Die letzten paar Tage waren kein Zuckerschlecken für mich. Und schon gar nicht für meine Kameraden. Speziell Christian macht zur Zeit viel durch. Kannst dir vorstellen, dass ihm der Tod von diesem Grepo auf den Magen geschlagen hat. Der weiß nicht mehr, wo ihm der Kopf steht – ehrlich. Wie dem auch sei, er behauptet steif und fest, dass es Notwehr war. Ihm sei keine andere Wahl geblieben, meint er.« Marquard gab ein bitteres Lachen von sich. »Den will ich sehen, der in dieser Situation anders gehandelt hätte. Hinterher ist man sowieso schlauer, vor allem die Klugscheißer, die momentan über uns herziehen. Weißt du was, Tom, die können mich alle mal!«

»Du bist doch nicht gekommen, um mir das zu sagen, oder?«

»Nein, ganz bestimmt nicht.«

»Hör zu, Hajo, falls du Ärger mit Vroni hast, ist es vielleicht besser, du redest mit Lea.«

»Ich will aber nicht mit Lea darüber reden, sondern mit dir.«

»Auf gut deutsch: Ich soll retten, was noch zu retten ist.«

»So könnte man es bezeichnen.« Sonst nie um eine Antwort verlegen, rang Hans-Joachim Marquard nach Worten. »Sie … sie nimmt es mir übel, dass ich ihr die Sache mit dem Tunnel verheimlicht habe.«

»Auf die Gefahr, es mir bei dir zu verscherzen: Ein ganz klein wenig kann ich sie verstehen.«

»Ich mittlerweile auch. Ehrlich währt eben immer noch am längsten.«

»Na also, dann wäre ja alles klar.«

»Nichts ist klar, Tom. Das ist überhaupt nicht der Punkt.«

»Sondern?«

»Sie wirft mir vor, mit Mördern gemeinsame Sache gemacht zu haben.«

»Wie bitte? Das ist doch wohl nicht dein Ernst!«

»Und sie sagt, sie wolle nichts mehr mit mir zu tun haben. ›Wer sich auf so etwas einlässt, darf sich nicht wundern, wenn er vor der Öffentlichkeit als Krimineller dasteht!‹ Originalton Veronika von Oertzen. Da bleibt einem die Spucke weg, was, Tom?«

»Mein Gott, was ist denn in die gefahren!«, ächzte Sydow und trottete zum Küchenschrank, um sich einen Cognac einzugießen. »Nichts für ungut, Hajo – auf den Schreck muss ich mir einen genehmigen. Auch ein Glas?«

Marquard nickte und drehte sich im Zeitlupentempo um. »Ich fürchte, das war noch nicht alles, Tom!«, räumte er kleinlaut ein, den Blick an die gegenüberliegende Wand gerichtet, wo ein Bild von Lea, Sydow und Vroni hing. »Das Schlimmste steht dir noch bevor.«

»Noch nicht alles?«, echote Sydow und drückte Hajo ein Cognacglas in die Hand. »Was hat das Ganze denn mit mir …« Das Glas in der Rechten und die linke Hand auf der Tischkante, wo er instinktiv Halt suchte, versagte Thomas Randolph von Sydow, vermeintlich Letzter der Neuruppiner Filiale seines Hauses, die Sprache. Wer ihn kannte, wusste, dass dies nur in Ausnamefällen geschah, glaubte er doch, ihn könne nichts mehr erschüttern. »Was kann denn so schlimm sein, dass … Sag, dass das nicht wahr ist, Hajo!«

Das Glas in Brusthöhe, nahm Marquard instinktiv Haltung an. »Doch, Tom – ist es!«, bekräftigte er und nahm all seinen Mut zusammen. »Vroni ist im dritten Monat. Eigentlich wollte ich es dir schon viel früher sagen, aber … aber ich wusste nicht, wie ich es dir beibringen sollte!«

Tom Sydow, Kriminalhauptkommissar a. D., gab keine Antwort, sondern trank das Glas, das er in der Hand hielt, auf einen Zug leer.

Dann nahm er Platz und goss sich nach.

7

Berlin-Schöneberg, Rudolph-Wilde-Park │09.30 h

Vertrauen war gut, Vorsicht besser. Ohne sie, Kardinaltugend jedes Agenten, wäre er längst aufgeschmissen gewesen, sowohl damals, während seiner Moskauer Zeit, als auch heute, wo der Stasi-Konzern allgegenwärtig zu sein schien. Darüber hinaus benötigte man jedoch auch Instinkt, je mehr, desto größer die Gewähr, nicht in Schwierigkeiten zu geraten. Das war unter Stalin so gewesen und das war auch heute so. Ein unbedachtes Wort, missliebige Freunde oder Kritik am Kurs der Partei, und das Mindeste, was einem passieren konnte, waren zehn Jahre Gulag gewesen.

Oder mehr, wie im Fall seiner Mutter.

Kein Zweifel: Vertrauen war gut, Vorsicht indes unerlässlich.

Seit damals, den späten Dreißigern, hatte diese Maxime sein Handeln bestimmt. Das war so weit gegangen, dass er es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, Gesichter zu studieren, je gründlicher, desto besser auch hier. Als Sohn einer Berliner Kommunistin, die vor den Schergen Hitlers nach Moskau geflüchtet war, hatte er das auch bitter nötig gehabt, denn man konnte nie sicher sein, ob nicht eines Tages doch der NKWD vor der Tür stehen würde. Der Terror Stalins hatte vor niemandem Halt gemacht, am allerwenigsten vor einem 15-Jährigen, der Mühe hatte, in der neuen Heimat Fuß zu fassen. Dass seine Mutter an der Lenin-Schule unterrichtet hatte, änderte nicht das Geringste daran, zumal jeder, vom deutschen Exilanten bis zum Sowjetmarschall, jeden Tag aufs Neue um sein Leben fürchten musste.

Je besser man es also verstand, in den Gesichtern seiner Mitmenschen zu lesen, desto geringer die Gefahr, auf der Anklagebank bei einem der zahlreichen Schauprozesse zu landen. Gerd Czerny, 43-jähriger Major des DDR-Staatssicherheitsdienstes, ließ den Blick durch den voll besetzten Waggon der U-Bahn-Linie 4 schweifen. Das musste genügen, um festzustellen, ob ihm Gefahr drohte, ein zweiter, um die Umstehenden zu taxieren. Schüler, Studenten, Berufstätige, unter anderem mehrere Arbeiterinnen, zwei, drei Rentner und als Krönung ein amerikanischer Tourist. Fazit: Alles bestens, kein Grund zur Sorge.

Czerny atmete kaum hörbar auf und vertiefte sich in seine Zeitungslektüre. Kein Zweifel, verglichen mit damals, als auch er um sein Leben hatte bangen müssen, sahen die Leute in West-Berlin ganz anders aus, bewegten sich anders, verhielten sich anders, redeten, wie ihnen der Schnabel gewachsen war. Kam man miteinander ins Gespräch, blieb der sattsam bekannte Blick über die Schulter aus, und niemand wäre auf die Idee verfallen, im Flüsterton zu sprechen. Dort, wo er gerade herkam, war dies natürlich anders, ein Grund unter vielen, warum ihm der Entschluss, einen Schlussstrich zu ziehen, relativ leicht gefallen war.

Ganz so leicht, wie er es sich anfangs vorgestellt hatte, war die Sache dann aber doch nicht gewesen. Für viele, mit denen er zusammengearbeitet hatte, war er ab jetzt ein Verräter, und wenn er ehrlich war, konnte man den Vorwurf nicht von der Hand weisen. Schließlich hatte er im Osten Karriere gemacht, hatte er es bis zum persönlichen Referenten von Mielke gebracht. Er konnte sich Klamotten aus dem Westen leisten, mit dem Geld, das er verdiente, einen Lada kaufen und sich eine Wohnung gönnen, von der andere, allen voran Werktätige, nur träumen konnten. Er zählte zu den Privilegierten, und das, wie er sehr wohl wusste, nicht nur im materiellen Sinn.

All das zählte jedoch nicht mehr, hatte noch nie irgendeine Bedeutung für ihn besessen. Von Anbeginn, seit seiner Rückkehr aus dem Exil, war er nämlich nur von einem Gedanken beseelt gewesen: Er, Sohn einer linientreuen KPDlerin, würde es denen, die seine Mutter auf dem Gewissen hatten, zeigen. Dass dies Jahre in Anspruch nehmen und ihn zu einem Versteckspiel zwingen würde, das ihn an den Rand des Wahnsinns brachte, hatte er 1945 noch nicht ahnen, geschweige denn voraussehen können. Damals, gerade einmal 24, hatte der Kampf ums Überleben im Vordergrund gestanden, das Bemühen, sich in dem Trümmerfeld, das der Krieg hinterlassen hatte, eine Existenz aufzubauen. Dank seiner Adoptiveltern, die beste Verbindungen zur Parteispitze besaßen, war ihm dies auch recht bald gelungen, doch der Preis, den er hatte zahlen müssen, war hoch gewesen. Er hatte Parolen nachbeten müssen, an die er nicht mehr glaubte, Dinge tun müssen, die er verabscheute, Ideale hochhalten müssen, an denen selbst führende Genossen Zweifel hegten. Vor allem aber hatte er mitgeholfen, ein System aufzubauen, das vor nichts, nicht einmal vor dem Bau einer Mauer mitten durch Berlin, zurückzuschrecken schien. All das, insbesondere so tun zu müssen, als stehe er voll und ganz hinter dahinter, hätte ihn um ein Haar den Verstand gekostet. Wäre ihm der Zufall in Gestalt eines Sonderauftrages, mit dem Mielke ihn vor vier Tagen betraut hatte, nicht zu Hilfe gekommen, wer weiß, wie lange er hätte durchhalten können.

»Viktoria-Luise-Platz.« Um einen Rückzieher zu machen, war es jedoch zu spät. Jetzt und in den kommenden Minuten war Kaltblütigkeit gefragt. Kaltblütigkeit, Umsicht und Professionalität – Eigenschaften, die ihn seit jeher ausgezeichnet und dafür gesorgt hatten, dass er es bis zum Vertrauten von Mielke gebracht hatte. Czerny lächelte in sich hinein. Mit Betonung auf ›hatte‹. Nach dem, was er vorhatte, durfte er sich in der Normannenstraße nicht mehr blicken lassen, und er konnte von Glück sagen, wenn er keine Kugel verpasst bekam.

Czerny ließ den Blick zur Tür wandern. Etwa ein halbes Dutzend U-Bahn-Passagiere stieg aus, ganze drei, darunter sein Kontaktmann, stiegen in den letzten Waggon der Linie 4 ein. Wie verabredet trug dieser einen gestreiften Schal, dazu passend einen Pullover aus Kaschmirwolle und obendrein eine dunkelblaue Schirmmütze, die den Umstand, dass er kaum noch Haare auf dem Kopf hatte, nicht verbergen konnte. Czerny dagegen hatte sich einen Spaß daraus gemacht, so auszusehen, wie man sich einen Geheimagenten vorstellte. Grauer Trenchcoat, feiner Zwirn und den breitkrempigen Hut tief im Gesicht: Manchmal bestand die beste Tarnung eben darin, wenn man sich ein wenig aufmöbelte. Eine, wenn nicht gar die wichtigste Voraussetzung, um den Erfolg – sprich: die Durchführung – seiner Pläne zu gewährleisten.

Damit allein war es freilich nicht getan, und so leicht wie in den Agentenfilmen, bei denen er sich vor Lachen gekugelt hatte, würde die Sache bestimmt nicht über die Bühne gehen. Czerny runzelte die Stirn, im Zweifel, ob er wirklich alles durchdacht hatte. An seinem Entschluss, das größte Staatsgeheimnis der DDR preiszugeben, änderte dies jedoch nichts. Das Einzige, was jetzt zählte, war, an den Richtigen zu geraten, ob der Mann, den er noch nie zu Gesicht bekommen hatte, genug Sachverstand besaß.

Und genug Geld, dass er sich eine neue Existenz aufbauen konnte.

»Bayerischer Platz.« Zeit, sich auf die Socken zu machen. Vorbei an einer Blondine, die ihn mit Wohlgefallen musterte, schlängelte sich Czerny zwischen den dicht an dicht gedrängten Passagieren hindurch. Auf den Mann, der sich umgehend an seine Fersen heftete, verschwendete er jedoch keinen Blick. Wer wie er so lange beim Geheimdienst war, spürte, wenn ihm jemand folgte, ob Freund oder Feind, spielte keine Rolle. Dass es sich um Ersteren handelte, stand für Czerny fest, und so unterließ er es, die Lage zu sondieren.

Dass er observiert wurde, hätte er nicht im Traum vermutet, schon gar nicht, dass sein Leben keinen Schuss Pulver mehr wert zu sein schien. Dementsprechend gelassen, ja geradezu heiter war seine Miene, und wie um der Gefahr, in der er schwebte, zu spotten, summte er ein Lied vor sich hin.

»Rathaus Schöneberg.« Alles, so schien es, lief nach Wunsch. Die Becher-Hymne im Sinn, die weiß Gott nicht zu den Gassenhauern zählte, stieg Czerny aus, wandte sich nach links und strebte der Treppe zu, die hinauf ins Freie führte. Er wirkte wie befreit, heiter, beinahe schon ausgelassen. Der Tag der Vergeltung war gekommen, der Tag, an dem Gerd Czerny, Stasi-Major a. D., den Genossen einen Schlag versetzen würde, von dem sie sich so schnell nicht erholen würden.

Von dem sie sich, wenn alles gut ging, nie mehr erholen würden.

Nie mehr.

Ohne auf die Schritte, die sich von hinten näherten, zu reagieren, umklammerte Czerny seinen Schirm, drehte den Kopf, um einen Blick auf das Schöneberger Rathaus zu erhaschen, und überquerte die Zuckmayer-Brücke, an deren Ende sich eine ausladende Freitreppe befand. Dort angekommen, blieb der Stasi-Major stehen. Zu Lebzeiten seiner Großmutter, die nicht weit von hier gewohnt hatte, hatte er an diesem Ort viel Zeit verbracht, im Park, wo die Freitreppe endete, Cowboy und Indianer gespielt. Das war zwar lange her, hatte sich ihm jedoch unauslöschlich eingeprägt. Nicht zuletzt deshalb war seine Wahl auf diesen Ort gefallen, wobei die Tatsache, dass er sich hier auskannte, den Ausschlag gegeben hatte.

Immer noch guter Dinge, warf Czerny einen Blick zum Himmel. Bleigrau, dazu Nieselregen und Windböen, wie man sie sonst nur von der Nordsee kannte: Das Wetter war zwar nicht das Beste, aber für das, was ihm vorschwebte, geradezu ideal. Dementsprechend gering fiel die Zahl der Spaziergänger aus, und Czerny musste nicht lange warten, bis auch der Letzte, ein älterer Herr mit Hund, plötzlich umgekehrt und in Richtung U-Bahnhof entschwunden war.

Der Körper des Stasi-Majors straffte sich, und während er die Lage sondierte, trat ein Ausdruck von Entschlossenheit in sein Gesicht. Kein Zweifel, heute, am 9. Oktober, war ein ganz besonderer Tag. Vor genau 28 Jahren war seine Mutter verhaftet worden, und von da an war nichts mehr so gewesen wie es war. Czerny atmete geräuschvoll aus. Nichts ahnend hatte er mit ihr noch am Vortag einen Spaziergang durch den Gorki-Park gemacht und wie so viele, die in die Fänge des NKWD gerieten, nicht geahnt, was auf ihn zukommen würde. Genau wie heute war es kein schöner Tag gewesen, nasskalt, wolkenverhangen und selbst für Moskauer Verhältnisse zu kühl. Dennoch oder gerade deswegen hatten sie die Zeit für einen kleinen Ausflug genutzt, unter anderem, weil Mutters Worten zufolge »die Wände bedauerlicherweise Ohren« hatten. Was genau sie damit meinte, war ihrem 15-jährigen Sohn zunächst nicht ganz klar geworden. Doch schon am nächsten Tag, am 9. Oktober 1936, waren sämtliche Unklarheiten beseitigt gewesen. Mitten in der Nacht hatte es plötzlich an der Tür geklopft, so laut, dass er schlaftrunken in die Höhe fuhr. Kurz darauf waren auf dem Korridor Stimmen zu hören gewesen, darunter diejenige seiner Mutter, die in ein Wortgefecht mit einem Unbekannten verwickelt war. Anfänglich beherrscht, war ihre Stimme immer lauter geworden, wovon sich der Unbekannte, der sich in Begleitung eines weiteren Mannes befand, nicht beeindrucken ließ. Czerny war wie gelähmt gewesen, unfähig, die Schockstarre, in die er verfiel, wieder abzuschütteln. Kurz darauf war dann seine Mutter erschienen, mit Mantel, Hut und einem Koffer in der Hand, der stets reisefertig in der Diele stand.

Czernys Miene verhärtete sich. Auch jetzt, nach all den Jahren, war sein Groll immer noch nicht gewichen, klangen ihm die Abschiedsworte seiner Mutter immer noch im Ohr. Sie müsse »auf eine Kommandierung«, hatte sie gesagt, der damals übliche Begriff für die Verschleppung in ein Straflager, von denen es in der Sowjetunion Hunderte gab. Czerny, zu jener Zeit noch Gerd Mendelssohn, hatte daraufhin sämtliche Hebel in Bewegung gesetzt, um Näheres über ihre Verhaftung zu erfahren, war von Pontius zu Pilatus gelaufen, beim Direktor der Lenin-Schule und sogar beim nächstgelegenen Revier der Miliz vorstellig geworden. Vergebens. Mutter war wie vom Erdboden verschluckt gewesen, und das Letzte, was er von ihr gesehen hatte, war der Schatten, der ihm von der Türschwelle aus zuwinkte, umrahmt vom Licht, das von der Diele in das spärlich möblierte Kinderzimmer drang. Danach hatte er nichts mehr von ihr gehört, und wären seine Pflegeeltern, KPD-Exilanten aus der Tschechoslowakei, nicht gewesen, hätte sein Weg ins Waisenhaus oder in eines der überall im Land verstreuten Kinderlager geführt.

»Irre ich mich, oder sind wir zwei verabredet?«

»Letzteres!«, erwiderte Czerny, der es nicht eilig hatte, sich zu dem Mann, auf den er wartete, umzudrehen. »Paul Gierke, nehme ich an?«

»Sie sagen es.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen«, erwiderte Czerny und drehte sich so langsam um die eigene Achse, dass man es als Desinteresse auffassen konnte. »Und – sind Sie zu einem Entschluss gelangt?«

»In der Tat, das bin ich«, erwiderte der Mann aus der U-Bahn, während der Wind, der von Westen her durch den Park fegte, an Stärke zuzunehmen schien. »Zuerst möchte ich jedoch wissen, mit wem ich es zu tun habe.«

»Nennen Sie mich Gerd, alles andere tut nichts zur Sache.«

»Der große Unbekannte – verstehe.«

»Ich fürchte, Sie verstehen überhaupt nichts!«, gab Czerny zurück und ließ die Umgebung, über der eine Regenbö nach der anderen niederging, keinen Moment aus den Augen. »Wenn Sie interessiert sind, sagen Sie es, wenn nicht, ist unser Gespräch beendet.«

»Aber, aber – wer wird denn gleich in die Luft gehen.« Paul Gierke, Reporter eines Boulevardblattes, das angeblich niemand las, fuhr mit der Hand über die Oberlippe und sagte: »Damit wir uns richtig verstehen, Herr …«

»Mendelssohn, Gerd Abraham Felix Mendelssohn.«

»Ver… Freut mich, Sie kennenzulernen.«

»Sie lernen schnell, junger Freund.«

»Jung – haben Sie eine Ahnung!«

»Jahrgang 43, geboren in Kreuzberg, von Beruf Schriftsetzer, hab ich recht?«

»Woher wissen Sie, wann ich …«

»Neugierde, junger Freund – aber lassen wir das.«

»Soll das heißen, Sie schnüffeln hinter mir her? Falls ja, können Sie das Ganze …«

»Vergessen, meinen Sie? Wenn ich Sie wäre, Gierke, würde ich mir überlegen, was ich sage.« Mit der Geduld am Ende, vollführte Czerny eine Drehung, ließ den Boulevardreporter stehen und erweckte den Anschein, als sei das Gespräch für ihn beendet. »Die Konkurrenz schläft nicht, junger Freund.«

»Eins muss Ihnen der Neid lassen, Mendelssohn –«, rief Gierke hinter ihm her, was Czerny veranlasste, auf der Stelle zu verharren. »Sie sind gut informiert.«

»Das bringt mein Beruf mit sich, junger Freund.«

»Stasi?«

»Ich muss zugeben, ich habe Sie unterschätzt.« Ein Lächeln auf den Lippen, spazierte Czerny auf Gierke zu, versenkte den Blick in denjenigen des Reporters und flüsterte: »Junger Freund – Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich Sie so nenne, oder?«

Gierke schüttelte den Kopf.

»Freut mich.« Trotz allem Herr der Lage, legte Czerny eine Kunstpause ein. Dann dämpfte er den Ton und sagte: »Soll ich Ihnen sagen, warum Sie meine Honorarforderungen erfüllen werden?«

»Da wissen Sie mehr als ich, Men…«

»Sie werden sie erfüllen, weil sich Ihnen die Chance bietet, auf einen Schlag berühmt zu werden.«

»Wer will das nicht!«

»Und Sie werden diese Chance nutzen, weil Sie – vorausgesetzt, ich liege mit einer Einschätzung nicht falsch – einen guten Riecher haben.«

»Ach, ja? Und wenn nicht?«

Czerny lachte in sich hinein. »Wenn nicht, verpassen Sie die Chance, Ulbricht, Honecker und speziell Mielke vor aller Welt bloßzustellen. Eine Gelegenheit, die man beim Schopf packen sollte, finden Sie nicht auch?«

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Возрастное ограничение:
18+
Дата выхода на Литрес:
25 мая 2021
Объем:
274 стр. 7 иллюстраций
ISBN:
9783839243909
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