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Uwe Klausner

Operation Werwolf – Fememord

Kriminalroman


Zum Buch

Lynchjustiz Bei der Jagd nach dem »Werwolf«, einem der berüchtigtsten Serientäter in der Kriminalhistorie der Stadt, stößt Tom von Sydow, Kommissar bei der Mordinspektion Berlin, auf die langersehnte heiße Spur. Dass er selbst damit in Gefahr gerät, wird dem Ermittler jedoch bald klar. Stellt sich doch heraus, dass es sich bei dem »Phantom der S-Bahn« um ein Mitglied der SS handelt, dessen Verbindungen bis in höchste Kreise reichen. Eine Erkenntnis, mit der sich Sydow bei seinen Vorgesetzten keine Freunde macht – und die dazu beiträgt, dass er und sein Partner Kalinke ins Visier des allmächtigen Sicherheitsapparates geraten, allen voran Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamts und Himmlers rechte Hand. Gerade Ersterer, Herr über ein weitverzweigtes Spitzelsystem und Architekt der »Endlösung der Judenfrage«, lässt nichts unversucht, um den unbequemen Quertreiber auszuschalten – und dies mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Ein ungleiches Duell, bei dem Sydow denkbar schlechte Karten zu besitzen scheint …

Uwe Klausner wurde in Heidelberg geboren und wuchs dort auf. Sein Studium der Geschichte und Anglistik absolvierte er in Mannheim und Heidelberg, die damit verbundenen Auslandsaufenthalte an der University of Kent in Canterbury und an der University of Minnesota in Minneapolis/USA. Heute lebt Uwe Klausner mit seiner Familie in Bad Mergentheim. Neben seiner Tätigkeit als Autor hat er bereits mehrere Theaterstücke verfasst, darunter »Figaro – oder die Revolution frisst ihre Kinder«, »Prophet der letzten Tage«, »Mensch, Martin!« und erst jüngst »Anonymus«, ein Zweiakter über die Autorenschaft der Shakespeare-Dramen, der 2019 am Martin-Schleyer-Gymnasium in Lauda uraufgeführt wurde.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Willy Pragher, Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Freiburg, W 134 Nr. 009499b

https://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=5-727030-1

ISBN 978-3-8392-6968-8

DIE BERLINER S-BAHN 1931


DRITTES BUCH


Fememord

»Die Nazi-Partei duldete keine kriminellen Banden neben sich. Sie machte Berlin zur Kommandozentrale von Verbrechen einer ganz neuen Dimension: der staatlich gedeckten Entwürdigung, Freiheitsberaubung, Ausplünderung und Ermordung von Millionen unschuldiger Menschen.«

(Michael Bienert / Elke Linda Buchholz, Die Zwanziger Jahre in Berlin. Ein Wegweiser durch die Stadt, Berlin 2018, S. 255)

FIKTIVE CHARAKTERE

(alphabetisch, Teil I–III)

Elsa Bruckmann, Schülerin

Paul Derpa, Revierleiter

Paul Hanke, Polizeibeamter

August Henschel, Justizoberrat

Erich Kalinke, Kriminalassistent und Sydows rechte Hand

Hertha Krause alias ›Bijou‹, Animierdame im Tanz-Kabarett »Kakadu«

Max Jakubeit, Unterscharführer des SD der SS

Rudolf Lehmann, Kriminalhauptsekretär der Gestapo

Emil Leschek, genannt Hantel-Emil, Türsteher im Tanz-Kabarett »Kakadu«

Brad Macintosh alias Mark Cameron, Redaktionsleiter der Nachrichtenagentur Reuters in Berlin

Jacques Mannsdörfer, Pathologe

Jens Marquardt, Internist

Erna Mentzel, Hausverwalterin

Hagen Mertz, Kriminalobersekretär der Gestapo

Eberhard Michalski, Kriminalassistent und stellvertretender Leiter der Spurensicherung

Adele Mürwitz, Pensionärin

Adolf Peschke, Frührentner

Erna Pommerenke alias »Tante Lola«, Grande Dame der Berliner Halbwelt

Karl Prittwitz, Oberbahninspektor

Mira Schultz, Personalsachbearbeiterin beim RSHA

Friedbert Schultze-Maybach, Sydows Vorgesetzter und Leiter der Kriminalgruppe M der Kripo Berlin

Ava Schumann, Revue-Tänzerin

Tom von Sydow, Kommissar der Mordinspektion Berlin

Ida Varese, Ehefrau des italienischen Botschafters

Theodor Wattke, Leiter der Spurensicherung

Bodo Wilmers, Chefarzt

Heinz Wischulke, Sanitätsgefreiter

REALE CHARAKTERE

(alphabetisch)

Reinhard Heydrich (1905–1942), Chef des RSHA

Heinrich Himmler (1900–1945), Reichsführer-SS, Reichsinnenminister und Chef der Deutschen Polizei

PROLOG
FREITAG, 4.7.1941

1

Berlin-Friedrichshain, Betriebsbahnhof Rummelsburg

14:00 Uhr

Angst vor dem Dunkeln, in deinem Alter.

Wenn deine Freundinnen davon erfahren, die lachen dich aus.

Du bist doch schon sieben, Elsa. Schluss mit dem Theater, ab ins Bett.

Von wegen Theater. Die Angst vor dem Dunkeln, die sie nach dem Zubettgehen packte, für Elsa Bruckmann war sie real gewesen. Egal was ihre Eltern sagten, so sehr sie auch mahnten, drohten oder mit Engelszungen auf sie einredeten, gegen ihre Angst vor der Finsternis kamen sie nicht an.

Ob mit sieben oder siebzehn, das Problem, vor dem sie stand, war das gleiche.

Wenn es dunkel wurde, kam die Angst.

Heute, am Tag ihrer Entführung, heftiger denn je zuvor.

Fast schien es, als sei sie wieder klein, ein Mädchen von sieben Jahren, das den Umzug nach Berlin nicht verkraftet hatte. Jeden Abend war es dasselbe Theater gewesen, insofern hatten ihre Eltern recht. Kaum hatte ihre Mutter das Licht ausgeknipst, verschwand sie auch schon unter der Decke. Fest zusammengekauert, um sich die Ausgeburten der Fantasie vom Leib zu halten.

Vergeblich.

Die Finsterlinge, die in ihrem Kinderzimmer auf der Lauer lagen, in Elsas Augen waren sie aus Fleisch und Blut, wie frisch aus den Dreigroschenheften, die ihr Bruder Alfred heimlich las. Die Schritte ihrer Mutter waren noch nicht verhallt, da standen sie auch schon neben ihrem Bett, an der Spitze Graf Dracula und der Golem, gefolgt von Nosferatu, der danach lechzte, ihr das Blut aus dem schweißgebadeten Körper zu saugen. Doktor Mabuse, Gestaltwandler und Finsterling in einer Person, durfte im Reigen der Schreckensgestalten nicht fehlen, mit Doktor Frankenstein, dessen Blick sie vollends in Panik versetzte, als schaudererregendem Finale.

Doch dann, vor etwa drei, vier Jahren, war der Spuk auf einmal vorbei gewesen, zur Erleichterung ihrer Eltern, die geglaubt hatten, sie sei nicht mehr ganz richtig im Kopf. Im Rückblick hatte sich die Sorge als unbegründet erwiesen, und wie um sie Lügen zu strafen, wurde eine intelligente und ansehnliche junge Frau aus ihr. Keck, adrett und mit auffallend dunklem Teint. Ein echter Hingucker, da waren sich die Nachbarsjungen einig. Doch waren es nicht nur sie, die ihr schmachtende Blicke hinterherwarfen, sondern auch Männer im fortgeschrittenen Alter, weit jenseits der 20 und absolut nicht nach ihrem Geschmack. Letztendlich war sie ja erst 17, und was ihre Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht betraf, da war außer Händchenhalten nicht viel gewesen.

Bis gestern, als Elsa in die Fänge eines Monstrums geriet.

Eines Verbrechers, wie ihn Berlin bis dato nicht gekannt hatte.

Frauenschänder, Phantom, Frankenstein von Friedrichshain, Unhold, S-Bahn-Mörder, Werwolf: Die Prädikate, mit denen man ihren Peiniger bedachte, sie waren so zahlreich wie die Verbrechen, deren man ihn bezichtigte. Offiziell wurde nicht viel darüber verlautbart, aber das hatte nicht viel zu bedeuten. Je länger die Polizei im Dunkeln tappte, desto zahlreicher und fantasievoller die Berichte, die hinter vorgehaltener Hand kursierten.

Fünf Morde, und das innerhalb weniger Monate, einer widerwärtiger als der andere. Genug, um die Stadt in Angst und Schrecken zu versetzen. Genug auch, um ihre Eltern in Wachhunde zu verwandeln und sie mit Ermahnungen zu traktieren, bis sie Kopfweh davon bekam. Hätten Vater und Mutter gewusst, dass sie mit dem Bruder ihrer besten Freundin durch den Lunapark gebummelt und zuvor sogar schon mehrfach Eis essen gegangen war, zwei Wochen Hausarrest wären das mindeste gewesen, das ihr blühte.

In Ermangelung von Fakten waren die Gerüchte über den Werwolf nur so ins Kraut geschossen, und wie nicht anders zu erwarten, liefen die Märchenerzähler zur absoluten Höchstform auf. Das Wenige indes, was an harten Fakten durchsickerte, war so schrecklich, das sich einem auf Anhieb die Nackenhaare sträubten.

Fünf Bluttaten, mit Betonung auf der ersten Silbe, die Opfer zumeist Frauen aus einfachen Verhältnissen, begangen an der Strecke zwischen Erkner und dem Ostkreuz, just die Gegend, wo sie mit Vorliebe unterwegs gewesen war. Sei es bei Freundinnen, sei es bei ihrer Tante, die, wie der Zufall es wollte, eine Datsche in der Kolonie Gutland II besaß. Nach Bekanntwerden der Tatorte, die allesamt in der näheren Umgebung lagen, hatte sie sich jedoch rargemacht, insbesondere bei Nacht, wenn Verdunkelung angeordnet wurde. Spätestens um sechs, so lautete das eherne Gesetz, musste sie wieder zu Hause sein, auf Anordnung ihres gestrengen Vaters, für den Pünktlichkeit an oberster Stelle stand.

Wehe, sie kam auch nur eine Minute zu spät, dann konnte sie was erleben. Der Herr des Hauses, Ortsgruppenleiter der NSDAP in Karlshorst, verstand in puncto Amüsement keinen Spaß, anders als ihre Mutter, die bereit war, hin und wieder mal ein Auge zuzudrücken. Für eine 17-Jährige nicht unbedingt das, was sie sich vom Leben erhoffte, aber eine Situation, mit der sie wohl oder übel leben musste. Und die sie in Kauf zu nehmen hatte, allen Bitten ihres Freundes zum Trotz, doch ein paar Minuten länger mit ihm durch den Tiergarten zu spazieren.

Es geschah am gestrigen Donnerstag, als sich ihr Weg mit demjenigen des Serienmörders kreuzte.

Mit desaströsen, um nicht zu sagen alptraumhaften Folgen.

Von da an, seit gestern Abend Schlag sieben Uhr, als er in der S3 nach Erkner über sie herfiel, war nichts mehr so gewesen, wie es war. Das einzig Gute daran, sie war dem Werwolf um Haaresbreite entkommen. Schwer verletzt zwar und mit Blessuren am ganzen Körper, aber immerhin noch am Leben, wenngleich gegenüber früher nicht wiederzuerkennen. Das Schlimmste war nicht etwa der gebrochene Unterarm gewesen, so höllisch er auch jetzt, da sie in der Dunkelheit ihres unterirdischen Verlieses vor sich hindämmerte, noch schmerzte. Nein, das mit Abstand Widerwärtigste während der vergangenen 19 Stunden stellte für sie die Tatsache dar, dass sie ihrem Peiniger nichts entgegenzusetzen hatte, nur mehr ein hilfloses Opfer, das man nach Belieben schikanieren und erniedrigen konnte.

Und was die Polizei betraf, die Herren Beamten waren bei ihr unten durch. Da lag sie nun im Krankenhaus, schwer verletzt zwar, aber überglücklich, dem Monstrum in Menschengestalt entkommen zu sein. Im Gespräch mit einem netten Kommissar, der ihr versprach, kein Mensch werde ihr je wieder etwas tun. Der zwei Kollegen herbeibeorderte, die er anwies, ihr unter keinen Umständen von der Seite zu weichen. Der sie tröstete und ihr Mut zusprach, allen Ängsten, mit denen sie rang, zum Trotz.

Denkste.

Außer Versprechungen nichts gewesen.

Entgegen den Beteuerungen, ihr werde nicht das Geringste zustoßen, hatte der Werwolf längst ihre Witterung aufgenommen. Und hatte die Kaltblütigkeit besessen, die Polizei nach allen Regeln der Kunst an der Nase herumzuführen. Auf welche Weise, war ihr immer noch ein Rätsel.

Gerade eben noch auf der Intensivstation, um sich von der Attacke in der S-Bahn zu erholen, befand sie sich nun an einem Ort, an den sie keinerlei Erinnerung besaß. Ein Ort, an dem sie nie zuvor gewesen war, so sehr sie ihr Gedächtnis nach Erinnerungslücken durchforstete.

Ein Ort, der wie ein unterirdisches Verlies anmutete. Wären die Turbinen, deren Surren ihr wie von fern in den Ohren klang, nicht gewesen.

Und wären da nicht die Fahrgeräusche der S-Bahn, so laut, dass sie dachte, die Decke stürze ein.

Denk nach, Elsa, raunte ihr eine imaginäre Stimme zu, bald näher, bald weiter von der Stelle entfernt, wo sie in Kreuzform an die feuchte Wand gekettet worden war.

Denk nach, irgendeine Lösung muss es geben.

Fragte sich nur, welche.

Kaum fähig, sich auf den Beinen zu halten, schrie sie ihre Angst heraus. Rüttelte an den Ketten, bis ihre Haut in Fetzen hing, wie taub gegenüber den Schmerzen, die den gebrochenen Arm durchzuckten. Und ohne Rücksicht auf die Blessuren an ihrem Körper, die sie ein Lebtag lang begleiten würden, von den Schreckensvisionen, die ihr das Leben zur Hölle machten, nicht zu reden.

Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte. Wenn ihr nicht bald jemand zu Hilfe kam, würde der Werwolf Ernst machen.

Und würde zur Tat schreiten, um sie zu töten.

Genau wie die anderen fünf Frauen auch.

Auf welche Weise, darüber wollte sie jetzt, da ihre Hilferufe ungehört verhallt und in ein klägliches Wimmern übergegangen waren, lieber nicht spekulieren. Egal was im Gehirn dieses Scheusals herumspukte, sie würde es bald zu spüren bekommen. Die Drohung, der Werwolf würde demnächst Ernst machen, war unmissverständlich gewesen. So absurd es klang, der Mann wollte sich an ihr rächen. Aus welchem Grund und mit welchen Mitteln, das war und blieb ein Mysterium für sie. In ein paar Stunden, so die unverhüllte Drohung, würde es ihr an den Kragen gehen. Je eher sie bereit war, die Tatsache als gegeben hinzunehmen, desto besser für ihre Konstitution. Und umso besser für ihre geschundene Seele. Denn wenn sie schon dazu bestimmt war zu sterben, dann aber bitte schnell – und hocherhobenen Hauptes.

Mit einem Lächeln auf den Lippen, ihr größter – wenngleich einziger – Trumpf.

Es sei denn, ihr fiele noch etwas ein.

Denk nach, Elsa, die Zeit drängt.

Denk nach – so schwer kann das doch nicht sein.

Nicht lange, und der Werwolf würde wiederkommen. Um sie nach allen Regeln der Kunst zu töten.

Die Hölle auf Erden, sie existierte wirklich.

Und ihr nach Blut lechzender Herrscher auch.

Der Schlüssel, der von außen ins Schloss gesteckt wurde, war Beweis genug.

Gleich würde die Stahltür aufgehen.

Und der Leibhaftige würde ihr seine Aufwartung machen.

Reiß dich gefälligst zusmmen, Elsa.

Du hast nichts mehr zu verlieren.

LACRIMOSA

Lacrimosa dies illa

Tränenreich ist jener Tag,

Qua resurget ex favilla

an welchem auferstehen wird aus dem Staube

Judicandus homo reus.

Zum Gericht der Mensch als Schuldiger.

(Wolfgang Amadeus Mozart, Requiem)

FREITAG, 4. JULI 1941

2

Berlin-Karlshorst, Dorotheastraße

14:15 Uhr

»Na schön, Herr Kommissar, weil Sie es sind«, willigte die spindeldürre, spitzgesichtige und zu Sydows Leidwesen auch spitzzüngige Hausverwalterin ein, öffnete die Tür und forderte ihn auf, einen Blick ins Innere der Etagenwohnung zu werfen. »Mir ist zwar nicht ganz wohl dabei, aber wenn es nicht anders geht, will ich mal nicht so sein.«

»Das ist aber nett von Ihnen, Frau Mentzel«, gab Sydow knapp, aber bestimmt zurück, ließ der mit Lockenwickeln bekränzten Xanthippe den Vortritt und wartete ab, bis die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war. »Sie wissen ja, ich tue nur meine Pflicht, insofern machen Sie sich bloß keine Gedanken. Ich bin mir sicher, der Bewohner hat nichts dagegen, wenn ich mich hier ein wenig umschaue, und wenn doch, verweisen Sie den Herrn an mich. Wie war doch gleich sein Name?«

»Justizoberrat Henschel.«

»Alleinstehend?«

»Soweit ich weiß, ja«, versetzte die mit einer Kittelschürze bekleidete Concierge, die der Versuchung, einen Blick ins angrenzende Wohnzimmer zu werfen, nicht widerstehen konnte. »Aber wer weiß das heutzutage schon genau.«

»Eben«, gab Sydow lapidar zurück, deutete ein Nicken an und nahm die Wohnung, unter 250 RM Miete pro Monat mit Sicherheit nicht zu haben, genauer unter die Lupe. Chaiselongue aus gestreiftem Plüsch, Mobiliar aus der Kaiserzeit, Standuhr aus gebeizter Eiche, Stillleben mit Goldrahmen, für Durchschnittsverdiener unerschwinglich. Bis das Wohnzimmer komplett war, kam ordentlich was zusammen. Da lobte er sich doch seine Junggesellenbude, für die er nur knapp die Hälfte bezahlte. Auf eine gutbürgerliche Wohngegend wie in Lichterfelde legte er ohnehin keinen gesteigerten Wert, im Gegensatz zu Kalinke, für den nichts schlimmer gewesen wäre, als in einem Altbau zu logieren. »Wer weiß denn schon, was seine Mitmenschen den Tag über so treiben.«

»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, Herr Kommissar, würde ich jetzt lieber …«

»Einen Moment noch, Frau Mentzel – ich bin gleich so weit«, gab Sydow wie selbstverständlich zurück, zückte sein Notizbuch und dachte offenbar nicht daran, der Aufforderung zum Rückzug Folge zu leisten. »Wenn Sie erlauben, ich hätte da noch ein paar Fragen.«

»Aber das können wir doch genauso gut unten im Flur …«

»Können wir nicht, so leid es mir tut«, fiel Sydow der Mittsechzigerin höflich, aber bestimmt ins Wort, kratzte sich hinterm Ohr und sagte: »Dieser Jakubeit, wie war er denn eigentlich so?«

»Er hat was ausgefressen, stimmt’s?«

»Kann man wohl sagen, gnädige Frau«, fuhr Sydow in geschäftsmäßigem Tonfall fort, durchquerte die Diele, um den bohrenden Blicken der Hausverwalterin zu entgehen, und tat so, als sei er in Gedanken woanders. Das heißt, er tat nicht nur so, sondern rief die Unterredung mit Mira in sich wach. Ohne sie, die seinetwegen Kopf und Kragen riskiert hatte, wäre er dem Werwolf wohl nie auf die Spur gekommen, und wenn doch, hätte er Tage, wenn nicht gar Wochen dafür gebraucht. »Bei dem Herrn kommt Einiges zusammen.«

Der Blick der Matrone weitete sich, zwischen Neugierde und Furcht hin- und hergerissen. Am Ende trug die Sensationsgier den Sieg davon, für Sydow, der sie wie zufällig aus dem Augenwinkel musterte, alles andere als eine Überraschung. »Und was genau?«

»So leid es mir tut«, fügte der Kommissar mit dem Ausdruck tiefsten Bedauerns hinzu, eine seiner Glanznummern, mit der er sich schon oft aus der Affäre gezogen hatte. »Aber ich bin nicht befugt, Dritten gegenüber Auskünfte zu erteilen. Und schon gar nicht über laufende Ermittlungen, das sehen Sie hoffentlich ein. Nichtsdestotrotz wäre ich Ihnen für jeden Hinweis dankbar. Sie wissen ja, wie das ist: Um unsere Arbeit zufriedenstellend zu erledigen, sind wir auf die Hilfe der Bevölkerung angewiesen, je mehr verlässliche Informationen, desto schneller ist das Puzzle komplett. Ich darf also bitten, Sie haben das Wort!«

»Wollen Sie damit sagen, bei Jakubeit könne es sich um den Wer…«

»Zum Mitschreiben, Frau Mentzel«, gab Sydow mit einem Maximum an Selbstbeherrschung zurück und steuerte auf das geräumige Arbeitszimmer zu. »Der Fall geht nur mich und die Kollegen etwas an. Also dann, auf ein Neues: Was genau können Sie über Ihren ehemaligen Mieter sagen?«

Der Rumpf der Befragten straffte sich, und um nur ja nichts zu verpassen, folgte sie Sydow auf dem Fuß. »Nun ja, wenn Sie mich so fragen: Ein bisschen komisch war er schon.«

»Inwiefern?«

»Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, Herr Kommissar«, warf die Verwalterin beschwichtigend ein, während Sydow einen Blick aus dem Fenster warf. Geduld zählte nicht zu seinen Stärken, vor allem dann nicht, wenn er das Gefühl hatte, die Zeit laufe ihm davon. Jede Minute, die nutzlos verstrich, vergrößerte die Gefahr, dass es noch mehr Tote gab. Und was das Schicksal von Elsa Bruckmann betraf, da ließ ihn sein Vorstellungsvermögen im Stich. Was geschähe, wenn der Werwolf freie Bahn haben würde, das konnte – und wollte – er sich lieber nicht vor Augen führen. »Was soll ich sagen, der Mann wusste sich zu benehmen.«

»Wie darf ich das verstehen?«

»Er hat jeden gegrüßt, war höflich, freundlich, gebildet, zuvorkommend, gepflegt, gut gekleidet, verlässlich und außerordentlich reinlich, um nicht zu sagen penibel.«

»Wo genau, werte Frau Mentzel, liegt dann das Problem?«, fragte Sydow, der wahrlich Besseres zu tun hatte, als der Angesprochenen die Würmer aus der Nase zu ziehen. »Hört sich doch nicht schlecht an, oder?«

»Worin das Problem liegt, fragen Sie?« Die Augen zu einem hauchdünnen Spalt verengt, baute sich die Concierge vor Sydow auf. »Zum einen darin, dass er und mein Mann sich nicht ausstehen können. Ich sag Ihnen eins: Wenn die sich über den Weg laufen, dann liegt Ärger in der Luft.«

»Und warum ist das so?«

Die Aufwartefrau hob fragend die Schultern. »Keine Ahnung. Die können sich halt nicht riechen, und damit fertig. Kommt ja wohl in den besten Kreisen vor.«

»Mag sein.«

»Ist so, das wissen Sie so gut wie ich. Ich will ja nichts sagen, aber so ganz ohne ist dieser Jakubeit ja nicht. Und wer weiß, vielleicht hat mein Egon sogar Recht. Mit dem halbseidenen Spanner stimmt was nicht, hat er gesagt – gleich am Anfang, beim Einzug. Trifft ja wohl auch zu, oder?«

Sydow vermied es, auf die Frage einzugehen. »Und wie kam Ihr Göttergatte darauf?«

»Ich weiß nicht, wenn er einen so angeschaut hat, dann … Also, dann wurde einem richtig mulmig. Zumindest den Frauen, wenn ich das mal so sagen darf. Die hat er begafft, als ob er sie mit seinen Blicken ausziehen wollte.«

»Und auch belästigt?«

Die Concierge wehrte lächelnd ab. »Ach woher, der doch nicht! Dafür war er zu verklemmt. Und auch zu feige, wenn Sie es genau wissen wollen. Einen auf Casanova zu machen, das hätte er sich nie und nimmer getraut.«

Im Begriff, etwas zu erwidern, behielt Sydow die Replik für sich.

Ganz anders Erna Mentzel, die mit fortschreitender Dauer immer redseliger wurde: »Hängt wahrscheinlich mit seiner Prothese zusammen, im Grunde tat er mir ja leid. War halt ein Eigenbrötler, was soll’s. Aber so ist das nun mal, leider Gottes. Da arbeitest du als Ingenieur bei Siemens, musst nicht zum Barras, weil es ohne dich nicht geht, brauchst deinen Kopf nicht hinzuhalten und scheffelst Kohle bis zum Abwinken – und dann so etwas.«

Raffiniert.

Auf die Idee, der Werwolf könne sich eine falsche Identität zugelegt haben, wäre Sydow nicht gekommen.

Und dies mit beträchtlichem Erfolg, wie der Rapport der wachsamen Hausverwalterin bewies. »Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht ganz folgen, Frau Mentzel.«

»Er hat seine Hand in eine Stanzmaschine gekriegt, haben Sie das nicht gewusst?«

»Nein, woher sollte ich«, gab Sydow scheinbar desinteressiert zurück und ließ den Blick durch das mit allen Schikanen eingerichtete Studierzimmer schweifen, bei dessen Anblick er sich in das Allerheiligste seines alten Herrn versetzt fühlte. »Leider sind wir bei der Kripo nicht allwissend, sonst ginge uns die Arbeit leichter von der Hand.«

Wie sich die Bilder doch glichen. Hier wie da, sowohl im Arbeitszimmer seines Vaters als auch in dem mit Stilmöbeln ausstaffierten Refugium eines Justizbeamten im gehobenen Dienst, herrschte eine geradezu penible Ordnung. Um dem Benutzer den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, war an nichts gespart worden, schon gar nicht am erlesenen Mobiliar. Allein der Schreibtisch aus Mahagoni musste ein Vermögen verschlungen haben, von den Persern und Tapisserien nicht zu reden. »So gut kenne ich den Herrn ja auch nicht – noch nicht.«

»Wie gewonnen, so zerronnen – mehr fällt mir dazu nicht ein.«

Sydow stutzte.

Und musste die Frage, die ihm auf der Zunge lag, erst gar nicht stellen. »So eine Wohnung wie hier ist nicht billig, machen Sie sich bloß keine falschen Vorstellungen. Und noch etwas, falls Sie es nicht gemerkt haben: In unserem Viertel geht es anders als im Wedding zu. Nämlich anständig, falls Sie verstehen, was ich damit zum Ausdruck bringen will. Schauen Sie doch mal kurz auf die Namensschilder, und dann erübrigen sich weitere Fragen. Im Parterre wohnt ein Kardiologe, gegenüber ein Prokurist mit seiner Frau, im ersten Stock ein Privatgelehrter und ein Schalterbeamter bei der Dresdner Bank, beide verheiratet, wie es sich gehört, hier oben ein lediger Justizoberrat und in der Wohnung vis-à-vis ein Juwelier samt dreiköpfiger Familie.«

»Und was will uns die Aufzählung von Hochkarätern sagen?«

»Dass diejenigen, die hier wohnen, nicht darben müssen«, versetzte die Hüterin der Moral in harschem Ton, reckte das Kinn und ergänzte: »Und dass ich nicht verstehen kann, wie jemand wie Jakubeit, wir reden hier von einem gelernten Ingenieur, so tief sinken kann.«

»Wenn wir gerade dabei sind, nur so aus Interesse: Wie viel würde mich die Wohnung kosten?«

Die Verwalterin lächelte spitz. »Ich weiß ja nicht, was Sie auf der hohen Kante haben, Herr Kommissar, aber …«

»Viel zu wenig, reden wir nicht darüber.«

»Aber um Ihre Frage zu beantworten: Mit 320 Mark sind Sie dabei. Kaltmiete, versteht sich.«

Sydow pfiff überrascht durch die Zähne. »Ordentlich Holz, so schön wollte ich es haben.«

»Qualität hat eben ihren Preis. 102 Quadratmeter, Flur mit 13 Metern Länge, im Ganzen vier Zimmer, drei davon zur Straße, dazu Küche, Bad und Speisekammer. Telefonanschluss inbegriffen. Wenn man das nötige Kleingeld hat, um es sich gemütlich zu machen – warum nicht!«

»Was bei Herrn Jakubeit der Fall gewesen zu sein scheint. Zumindest zeitweise.«

»Sagen wir mal so, er hatte es in der Hand. Keine Familie, guter Beruf, Geld wie Heu. Mit einem Wort, der Mann hatte ausgesorgt.«

»Sollte man meinen.« Mit Blick auf den Schreibsekretär, ein wahres Kleinod aus der Belle Époque, hielt Sydow abwartend inne. »Ganz schön teuer, so ein Ding, kann das sein?«

»Kann man wohl sagen.«

»Bleiben wir lieber beim Thema. Sie sagten, mit Jakubeit sei es bergab gegangen. Wissen Sie auch, wieso?«

»Bedaure, da bin ich überfragt.« Die Concierge zuckte hilflos mit den Achseln. »Ich weiß zwar nicht genau, wie er das Kunststück fertiggebracht hat, aber am Schluss war er nicht mal mehr imstande, die Miete zu bezahlen.«

»Woraufhin ihm von den Eigentümern gekündigt wurde?«

»Genau. Und zwar fristlos.«

»Wann genau war das?«

»Vor zwei, drei Monaten.«

»Und wie lange hat er hier gewohnt?«

»So um die eineinhalb Jahre. Seit Oktober 1939.« Die Concierge gab ein abfälliges Schniefen von sich. »Wie gewonnen, so zerronnen, was soll ich dazu sagen. Ich weiß ja nicht, wie Sie darüber denken, Herr Kommissar, aber um mit Geld umzugehen, bedarf es einer gewissen Reife.«

»Wem sagen Sie das, Frau Mentzel!«

»Je mehr davon, desto besser. Ich kann es nur immer wieder sagen, irgendwie war mir der Mann suspekt.«

»Verstehe.« Tief in Gedanken, ließ Sydow den Zeigefinger über die Schreibtischkante gleiten, betrachtete die blitzsaubere Kuppe und rührte sich nicht von der Stelle. Den Angaben von Mira zufolge war Jakubeit Mitte September vergangenen Jahres wegen sittenwidrigen Verhaltens aus der SS ausgeschlossen worden. Inwieweit die Vorwürfe berechtigt waren und ob es sich tatsächlich um einen Fall von sexueller Belästigung handelte, spielte im aktuellen Kontext keine Rolle. Wichtig war einstweilen nur das genaue Datum, nämlich der 17. September 1940. Genau drei Tage später, am darauffolgenden Freitag, hatte der Werwolf seinen ersten Mord begangen, der Auftakt zu einer Reihe von Verbrechen, die dafür sorgten, dass er zum Schrecken aller Berlinerinnen mutierte.

Ein Absturz, wie er tiefer und krasser nicht hätte vonstattengehen können.

Insofern hatte seine Gesprächspartnerin Recht.

Nur leider eben nicht ganz, aber das konnte das alte Waschweib nicht wissen. Denn was für das berufliche Fiasko galt, das traf offenbar auch auf die pekuniäre Seite der Medaille zu. Wenn überhaupt, davon war auszugehen, hatte der Werwolf nur über bescheidene Ressourcen verfügt. Die, so Sydow mit seiner Mutmaßung richtiglag, innerhalb kürzester Zeit erschöpft gewesen waren. Da war es nur folgerichtig, dass der vermeintliche Ingenieur nicht mehr imstande war, die Miete für eine Wohnung zu bezahlen, von der Normalsterbliche wie ein Kommissar der Kriminalinspektion Berlin nur träumen konnten.

Und genau da lag der Hund begraben. Vorausgesetzt, Jakubeit hatte nicht viel auf der hohen Kante, dann erhob sich die Frage, wie er imstande gewesen war, die Summe von sage und schreibe 320 Reichsmark aufzutreiben. In Sachen Löhne und Gehälter kannte sich Sydow zwar nicht so genau aus und konnte das Gehalt eines Unterscharführers der SS infolgedessen nur schätzen. Sicher war jedoch, dass der Werwolf nach knapp sieben Jahren Mitgliedschaft im SD der SS auf maximal 200 RM pro Monat kam. Da die Miete für die besagte Etagenwohnung jedoch mehr als das Eineinhalbfache verschlang und Jakubeit keineswegs aus dem Vollen schöpfen konnte, stellte sich die Frage, wie er es zuwege brachte, auf vergleichsweise großem Fuße zu leben.

Da war etwas im Busch.

Fragte sich nur, was.

»Sind wir jetzt endlich fertig, Herr Kommissar? Wenn es nichts mehr zu bereden gibt, würde ich jetzt lieber gehen.«

»Einen Moment noch, Frau Mentzel. Ich bin gleich so weit.« Sydow nickte anerkennend in die Runde. Wenn man sich hier so umsah, dann konnte man glatt neidisch werden. Seine Dachwohnung war höchstens halb so groß, und was die Einrichtung betraf, davon konnte er nur träumen. Allein die Bilder, unter ihnen ein Porträt Friedrichs des Großen in Uniform, hatten mit Sicherheit ein Vermögen gekostet. Von der Einrichtung, mit einer Suite im Kempinski durchaus zu vergleichen, ganz zu schweigen. »Donnerwetter, die Bude kann sich wirklich sehen lassen. Alles vom Feinsten, ich bin beeindruckt.«

»Ich auch«, versetzte die Verwalterin kühl, wie ein Zinnsoldat am Türpfosten postiert, von wo aus sie Sydow mit ihrem Adlerblick beobachtete. »Und wie. Fragt sich nur, woher das nötige Kleingeld kam.«

Im Begriff, einen Blick in das dekorative Bücherregal zu werfen, blickte Sydow verdutzt über die Schulter. »Sagten Sie nicht, der Mieter sei Jurist?«

»Das schon, aber den meine ich auch nicht!«, gab Erna Mentzel im Stil eines Feldwebels zurück, wenig erbaut, dass Sydow die Ruhe weg zu haben schien. »Justizoberrat Henschel weiß mit Geld umzugehen, da können Sie sagen, was Sie wollen. Und was das Mobiliar betrifft, es stammt von seinem Vorgänger, für den war das Beste gerade gut genug. Alles eine Frage des Geldes, aber daran hat es ja wohl dann doch gehapert. Ich weiß zwar nicht, wie Jakubeit das geschafft hat, aber am Ende war sein Nachfolger bereit, die Einrichtung zu übernehmen. Für einen Apfel und ein Ei, wie ich aus berufenem Munde weiß. Sie müssen wissen, Jakubeit hat aus dem letzten Loch gepfiffen, sowohl finanziell als auch anderweitig.«

»Alkohol?«

»Das mit Sicherheit.« Die Concierge deutete ein Nicken an. »So kann’s kommen, Herr Kommissar. Wenn man sein Leben nicht im Griff hat, dann holt es einen unwiderruflich ein. Vor allem, wenn man über seine Verhältnisse lebt. Dann kann man einpacken, so ist das nun leider mal.«

Der Kommissar zuckte bedauernd die Achseln. Da hatte er gehofft, dem Werwolf auf die Pelle zu rücken, und dann dies. »Und Sie haben wirklich keine Ahnung, wo er jetzt steckt?«, richtete er aufs Neue das Wort an seine Begleiterin, die nichts lieber getan hätte, als die Wohnung schleunigst zu verlassen. »Jakubeit kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben!«

»Und selbst wenn, ich weine ihm keine Träne nach«, machte die Concierge aus ihrer Antipathie erneut keinen Hehl, wandte sich demonstrativ zum Gehen und sagte: »Ich weiß zwar nicht, was der komische Kauz auf dem Kerbholz hat, aber was mich betrifft, ich bin froh, dass er sich nicht mehr blicken lässt.«

»Ich weniger«, gab Sydow missgelaunt zurück, folgte der Verwalterin auf dem Fuß und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. »Aber danke für Ihre Mühe, Sie haben mir sehr ge…«

»Darf man fragen, was Sie hier zu suchen haben?«, fuhr ihm ein Mann in mittleren Jahren über den Mund, auf dem Treppenabsatz postiert, um seinen Schlüsselbund hervorzukramen. »Raus mit der Sprache, oder ich rufe die Polizei!«

»Nicht nötig, Herr Justizoberrat«, redete Sydow dem Monokelträger mit dem blank polierten Schädel zu, geradezu eine Karikatur des pflichtbewussten Staatsbürgers, wie es ihn in Preußen seit jeher gegeben hatte. Dann zückte er seine Dienstmarke und ergänzte: »Von Sydow, Kriminalinspektion Berlin. Wenn Sie erlauben, hätte ich ein paar Fragen. Der Name Jakubeit ist Ihnen ja wohl bekannt, oder?«

»Hören Sie, ich bin in Eile, und wenn es …«

»Sie werden lachen, ich auch!«, bereitete Sydow den Ausflüchten ein abruptes Ende, deutete auf die Wohnungstür und fügte in unmissverständlichem Tonfall hinzu: »Und jetzt wäre ich Ihnen dankbar, wenn wir beide uns unter vier Augen unterhalten könnten. Ich bin mir sicher, Sie haben nichts zu verbergen – oder etwa doch?«

3

Berlin-Lichtenberg, Betriebsbahnhof Rummelsburg

14:30 Uhr

Entweder er griff zur Waffe, oder die Sache würde komplett aus dem Ruder laufen.

Jakubeit hatte die Wahl.

Das Wichtigste war, die Ruhe zu behalten. Auch wenn es ihm noch so sehr gegen den Strich ging. Und sich die Wut, die seine Galle zum Brodeln brachte, nicht anmerken zu lassen. Wer aus der Haut fuhr, schadete sich selbst am meisten.

Und spielte seinen Gegnern in die Hände.

Genau darin bestand das Problem. Wenn die Emotionen in ihm hochkochten, war seine Selbstbeherrschung dahin. Irgendwie verständlich, wenn man sich die Situation auch nur einen Moment vor Augen hielt. Denn was sich sein Komplize da geleistet hatte, das ging über seinen Horizont.

Und gegen den Strich ging es ihm auch.

Einfach so hier aufzutauchen, aus einer Laune heraus, ohne Kontaktaufnahme.

Und dann noch am helllichten Tag.

Das sieht diesem Tollpatsch ähnlich.

Jakubeit bebte vor Zorn. Er hatte geredet und geredet und geredet. Er hatte davor gewarnt, die Zügel schleifen zu lassen. Hatte mit Engelszungen plädiert, die Kripo nicht zu unterschätzen.

Umsonst.

Die Katastrophe war perfekt, so gut wie jedenfalls. Entgegen sämtlichen Warnungen, nur ja kein Risiko einzugehen, hatte Wischulke sie samt und sonders ignoriert, wider jegliche Vernunft, aus einer Sektlaune heraus.

Einfach so, ohne ersichtlichen Grund.

Von daher gab es für ihn zwei Möglichkeiten. Entweder er ging an seinen Spind, schnappte sich seine Walther PPK und erledigte das Problem, bevor er Gefahr lief, der Polizei vor die schussbereite Flinte zu laufen. Bisher war es ihm zwar gelungen, sie nach Belieben an der Nase herumzuführen, doch war er klug genug, sein Blatt tunlichst nicht zu überreizen. Auf einen Toten mehr oder weniger kam es im Endeffekt nicht an, ob er nun Müller, Mayer oder Wischulke hieß. Dennoch war etwas in ihm, das zur Vorsicht riet, allen sonstigen Gewohnheiten zum Trotz.

Man konnte es als innere Stimme, Instinkt oder was auch immer bezeichnen, die Botschaft lautete, Ruhe zu bewahren. Ausgerechnet jetzt hoch zu pokern und dabei das Risiko einzugehen, dass er seine Pläne gänzlich über den Haufen werfen musste, im Moment kam das nicht infrage. Zuerst kamen er und die geplanten Maßnahmen, und danach kam überhaupt nichts mehr. Waren sie geglückt, würde er 100.000 RM kassieren, Berlin auf Nimmerwiedersehen Lebewohl sagen und sich einen Spaß daraus machen, die SS bis auf die Knochen zu blamieren. Die Dokumente, in deren Besitz er sich befand, sie reichten aus, um die Welt in helle Aufregung zu versetzen. Zwei, drei Artikel, falls möglich, auf der Vorderseite der »New York Times« oder der »Washington Post«, und ein Aufschrei der Empörung würde um den Globus gehen. Die Amerikaner würden Gift und Galle spucken, allen voran ihr profilsüchtiger Präsident. Und das zu Recht, so schwer er sich damit tat, dies zuzugeben. Einfach mal so über 60.000 Polen im Akkordtempo umzubringen, da gehörte schon was dazu. Etwas Vergleichbares hatte es noch nicht gegeben, innerhalb weniger Tage schon gar nicht.

Aber macht nichts, anscheinend waren die Nazis ganz wild darauf, sich in Rekordzeit ihr eigenes Grab zu schaufeln. Denn was Himmler sich von der Aktion erhofft hatte, nämlich dass die Weltöffentlichkeit so gut wie nichts davon mitbekäme, das würde sich nicht bewerkstelligen lassen. Selbst wenn es ihm nicht gelänge, sich mithilfe der Geheimdossiers aus dem Staub zu machen, das »Unternehmen Tannenberg« – so der damalige Deckname – würde publik werden. Den Russen war es mit Katyn genauso gegangen, und wenn alles so lief, wie er sich das vorstellte, hatten Himmler und Konsorten ein Problem. Die Amerikaner, das wusste beinahe jedes Kind, warteten nur darauf, in den Krieg einzutreten, und wie die Dinge lagen, bekamen sie ihn frei Haus.

Und zwar mit seiner Hilfe – und mit dem allergrößten Vergnügen.

Doch zuvor würde ihm nichts anderes übrigbleiben, als sich seinen unbotmäßigen Adlatus vorzuknöpfen. Als ihm eine Lektion zu erteilen, die er so schnell nicht vergessen würde. Noch so ein idiotischer Einfall, und seine Pläne würden sich endgültig in Luft auflösen.

Das galt es zu verhindern, mit aller Macht und um jeden Preis.

»Na warte, mein Freund, dir werde ich was erzählen«, murmelte Jakubeit erbost, trat ans Fenster des langgestreckten Schaltraums, der sich im Obergeschoss des Stellwerks Vnk befand, und nahm sein Fernglas zur Hand, um bessere Sicht zu haben. »Das ist gegen die Abmachungen, tu bitte nicht so, als ob du es nicht wüsstest. Wie kann man nur so dämlich sein wie du, ich fasse es nicht!«

Der Mann hatte wirklich Nerven. Überquerte die Gleise der Fernbahn, als sei dies die normalste Sache der Welt.

Sah weder nach rechts noch nach links.

Blickte sich um, als sei der Teufel hinter ihm her. Ein Alarmzeichen erster Güte, die Ruhe vor dem Sturm.

Wie konnte man nur so verdammt unprofessionell sein.

Da half nur eins, Ruhe bewahren. Die Handkante an der Stirn, auf der sich quecksilberfarbene Schweißperlen bildeten, nickte er mechanisch mit dem Kopf. Das also kam dabei heraus, wenn man sein Vertrauen auf ehemalige SS-Kameraden setzte. Entweder die Kanaillen ließen einen im Stich, so geschehen vor knapp zwei Jahren, oder sie bauten Mist, dass man die Hände über dem Kopf zusammenschlug.

Oder, schlimmer noch, sie lieferten einen ans Messer.

Such es dir aus, Max.

Und tu endlich was, sonst geht es dir an den Kragen.

Irgendwas war hier nicht in Ordnung, das konnte er mit bloßem Auge sehen. Am Ende des Laufgangs angekommen, von wo aus es nur noch wenige Schritte bis zum Stellwerk waren, rang der tumbe Koloss nach Luft, noch aufgeschwemmter als vor zwei Jahren, als Jakubeit die Ehre besaß, als sein Stubenkamerad zu fungieren. Auf Komfort hatte er zwar noch nie übermäßigen Wert gelegt, aber was ihn nervte, war, dass Wischulke die Gewohnheit entwickelte, ihm auf Schritt und Tritt zu folgen, im Guten wie im Schlechten. War es doch dieser Versager gewesen, dem er es verdankte, dass er Hals über Kopf ins Verderben gelaufen war. Hätte er ihn nicht abgelenkt, die Begegnung mit dem Flittchen wäre anders verlaufen.

Und seine Karriere, die in ein Desaster ohnegleichen mündete, vermutlich auch.

Von Beruf Hilfsweichensteller, mit einem Verdienst von 161 RM im Monat. Welch ein Unterschied zu früher, als die Quelle, aus der er schöpfte, noch am Sprudeln gewesen war. Als dem Verräter, der sich Kamerad schimpfte, nichts anderes übrigblieb, als nach der Pfeife von Maximilian Jakubeit zu tanzen. Einen Skandal zu vertuschen war nämlich eine Sache – und eine höchst knifflige obendrein. Etwas gänzlich anderes, wiewohl Komplizierteres, stellte der Wert der jeweiligen Geheiminformationen dar. Anders ausgedrückt, wer aus den Dossiers, die er in einem unbeobachteten Moment an sich gebracht hatte, kein Kapital schlug, der war zu gut für diese Welt.

Oder so dumm wie altes Brot, je nach Standpunkt des Betrachters.

Doch eins nach dem andern, zuerst kam dieser dämliche Fettsack dran. Er hatte seine Gründe gehabt, ihn ins Vertrauen zu ziehen, so banal sie auch immer gewesen sein mochten. Für Jakubeit, der so gut wie keine Ahnung von Chirurgie besaß, war Wischulke ein Geschenk des Himmels gewesen. Oder des Leibhaftigen, auch das eine Frage der Perspektive. Bei Ausbruch des Krieges vor zwei Jahren war Wischulke zwar lediglich Sanitätsgefreiter gewesen, hatte jedoch rasch dazugelernt – respektive dazulernen müssen. Die ideale Voraussetzung, Medizin zu studieren, wäre er sich selbst nicht im Weg gestanden.

Viel zu jung, viel zu fett, viel zu träge. So hatte es der Regimentsarzt, ehedem Stationsleiter in der Charité, umschrieben.

Eine Einschätzung, die der Wahrheit ziemlich nahe kam.

Auch und gerade dann, wenn man über ihn Bescheid wusste. Menschliche Schwächen, über die man hierzulande kein Wort verlor, mit inbegriffen. Hätten die Nazis nichts dagegen gehabt, dass die Volksgenossen so lebten, wie sie wollten, es wäre schwierig gewesen, Wischulke für seine Zwecke einzuspannen. Und so gut wie unmöglich, ihn zu einem willfährigen – weil erpressbaren – Werkzeug zu machen.

Der Fettklops hatte nach seiner Pfeife zu tanzen, ob es ihm in den Kram passte oder nicht.

Und damit Feierabend.

»Ich muss dich sprechen – hast du mal eben kurz Zeit für mich?«, fiepte Wischulke in der Manier eines Kastraten, das Gesicht gerötet von der Mühe, die es ihn kostete, über die Wendeltreppe ins Obergeschoss des Stellwerks zu gelangen. »Es ist dringend, sonst würde ich dich nicht stören.«

»›Stören‹ ist vielleicht das falsche Wort«, stieß Jakubeit mit zusammengebissenen Zähnen hervor, das Fernglas, mit dem er die Umgegend des Stellwerks mit zusammengekniffenen Augen musterte, in der durchscheinenden linken Hand. »›Ins Handwerk pfuschen‹ wäre richtiger!«

Wischulke hechelte nach Luft, das Gesicht ein einziges Fragezeichen, in dem sich Unmut und aufkeimende Panik spiegelten. »Falls es dich beruhigt, Max – mir ist niemand gefolgt. Ich weiß ja schließlich, was auf dem Spiel steht.«

»Genau das, mein lieber Heinz, habe ich mich gerade eben gefragt!«, hielt Jakubeit mit drohendem Unterton dagegen, vermischt mit einem Hauch von Spott, um den aufkeimenden Jähzorn zu kaschieren. »Sag mal, bist du eigentlich noch ganz bei Trost? Wenn uns jemand zusammen sieht – was dann?«

»Wie gesagt: Es ist dringend.«

»Jetzt hör mir mal gut zu, mein Freund. Entweder du hältst dich an meine Direktiven, oder du lernst mich kennen. Damit eins klar ist, du Experte: Zu bestimmen hat in diesem Raum nur einer, und das bin ich. War das klar genug, oder hat der Herr Sanitätsgefreite noch Fragen?«

Wischulke, vier Jahre jünger, teiggesichtig, schafs­äugig und fast doppelt so schwer wie sein Herr und Meister, dachte offenbar nicht daran, sich einschüchtern zu lassen. Knetete die platte Nase und überlegte hin und her, wie er seine Hiobsbotschaft schonend an den Mann bringen sollte. »Momentan nicht, danke der Nachfrage.«

Jakubeits Gesicht, zuvor noch düster, angespannt und drohend, hellte sich wie nach einem reinigenden Gewitter auf. »Na, dann wären wir uns ja einig, oder?«

»Du hörst mir einfach nicht zu, Max. Das war schon immer dein Problem.«

»Auch noch frech werden, wie?« Die Lippen geschürzt, schnappte der Werwolf nach Luft. »Also raus mit der Sprache, was spukt in deinem Schwammkopf herum?«

»Nichts weiter«, hielt der unförmige Koloss dagegen, die Lider gesenkt, um dem Blick des Werwolfs zu entgehen. »Es ist nur so, dass …«

»Dass was?«, stieß Jakubeit mit lauerndem Blick hervor und ließ den Blick wie zufällig durch den Schaltraum schweifen, auf der Suche nach der Weichenstellstange, die ihm bereits mehrfach wertvolle Dienste geleistet hatte. »Mach endlich den Mund auf, ich bin kein Hellseher!«

Wischulke, dem die Furcht ins aufgedunsene Profil geschrieben stand, ließ den Blick wie im Takt nach rechts und von dort aus wieder nach links wandern. Dann fasste er sich ein Herz und wimmerte: »Die Bullen haben meine Datsche durchsucht.«

»Sagt wer?«

»Ein Nachbar.«

»Name?«

»Adolf Peschke.«

»Verlässlich?«

Wischulke zuckte mit den Achseln. »Und wenn nicht, was würde das ändern? Ich bin am Arsch, Max, machen wir uns nichts vor!«

Armer Heinz. Kein bisschen Mumm in den Knochen. Und zu allem Unglück kein bisschen Grips im Hirn.

Und naiv wie ein sechsjähriges Kind.

»So beunruhigend sich das für dich anhört, Heinz: Damit mussten wir rechnen.«

»Na, du machst mir vielleicht Spaß! Wenn die Bullen rauskriegen, wem die Hütte gehört, werden sie mir auf die Bude rücken, und was dann passiert, möchte ich nicht wissen. Du bist doch vom Fach, oder etwa nicht? Nehmen wir doch mal an, die Gestapo mischt bei der Fahndung mit, was, denkst du, werden die mit mir machen?« Außer Atem vor Furcht, welche die Fettringe an seinem Hals zum Vibrieren brachte, riss Wischulke hilfesuchend die Arme empor. »Die werden mir das Fell gerben, darauf gehe ich jede Wette ein!«

Ist ja auch dick genug, dachte der Werwolf amüsiert, ein Lächeln auf den Lippen, das in Sekundenschnelle erstarb. »Komm endlich zum Punkt, Heinz. Worauf willst du hinaus?«

»Die Sache wird mir zu heiß, Max. Ich möchte aussteigen – und zwar sofort!«

»Du möchtest was?«, stieß der Werwolf mit drohendem Unterton hervor, der Blick so entgeistert, als habe er sich verhört. Nur um unmittelbar danach sein wahres Gesicht zu zeigen: »Sag mal, Wischulke – bist du eigentlich noch ganz bei Trost? Weißt du überhaupt, was du da sagst, oder hast du einen über den Durst getrunken?«

»Ich meine es ernst, Max. Auf mich kannst du nicht mehr zählen.«

»Was du nicht sagst, Wischulke.«

Armer Heinz.

Der typische Befehlsempfänger, geboren, um vor anderen den Kotau zu machen. Ohne Mumm, ohne Esprit und ohne eigene Meinung. Und naiv bis zum Gehtnichtmehr.

»Keine krummen Dinger mehr. Das habe ich mir geschworen.«

»Was du nicht sagst!«

»Gib dir keine Mühe, Max. Mein Entschluss steht fest.«

Die Stellstange im Visier, die sich auf dem Sims an der Schmalseite des Schaltraums befand, pfiff der Werwolf maliziös durch die Zähne. Die Roststellen am Griff waren zwar nicht zu übersehen, aber was den erhofften Effekt betraf, würde die Stange ihren Zweck erfüllen. »Dein letztes Wort, Wischulke?«

Der Sanitätsgefreite nickte.

Wimpern wie die einer Frau, die Brauen gezupft und mit dunkelblauem Schminkstift nachgezogen.

Wie sehr ihn dieser Fleischklumpen doch anwiderte.

Die Stellstange in der linken Hand, deren Spitze auf der Unterseite seiner Prothese ruhte, schlenderte Jakubeit durch den mit Abfällen übersäten Raum, trat auf den einstigen Kameraden zu und flüsterte: »Ich finde, du solltest dir das Ganze noch mal überlegen. Du erwartest doch nicht, dass ich tatenlos zusehe, wie du mich in die Scheiße reitest, oder? Denn über eins, du aufgeblasene Schwuchtel, musst du dir im Klaren sein: Solltest du es wagen, aus der Reihe zu tanzen, bekommst du es mit mir zu tun. Damit wir uns richtig verstehen: Entweder du nimmst Vernunft an, oder ich sehe mich gezwungen, die Gestapo zu informieren. Du weißt ja, auf Leute wie dich sind sie in der Prinz-Albrecht-Straße nicht gut zu sprechen, schon gar nicht, wenn du mich zwingst, aus dem Nähkästchen zu plaudern.« Jakubeit blinzelte amüsiert, in Gedanken beim geplanten Finale, von dem ihn nur noch wenige Stunden trennten. »Also, was ist, du Memme – bist du dabei oder nicht?«

4

Berlin-Köpenick, Uferweg am Großen Müggelsee

14:40 Uhr

»Hier draußen ist die Welt noch in Ordnung, meinen Sie nicht auch?«, ergriff Hagen Mertz, Kriminalobersekretär der Gestapo, das Wort, in Begleitung eines Kollegen, mit dem er einen Spaziergang am Seeufer unternahm. Der Pfad, für derlei Zusammenkünfte wie geschaffen, lag in tiefem Schatten, und das Geäst der Bäume, darunter Kiefern, Erlen und heillos verästelte Weiden, spendete angenehme Kühle.

Und lieferte die Gewähr, von neugierigen Blicken verschont zu bleiben.

Mithin das Wichtigste an der Sache.

Wie berauscht von der unberührten Natur, breitete Mertz theatralisch die Arme aus. Weit draußen auf dem See, dessen silbrig glänzende Oberfläche zwischen den Baumriesen hindurchschimmerte, war der Schrei eines angriffsbereiten Habichts zu hören, spitz und kehlig, so als lechze er nach leichter Beute. »Und vor allem ist es nicht so heiß wie im Büro, dort kommt man sich ja wie im Treibhaus vor.«

»Es gibt Schlimmeres, wie wir beide wissen.«

»Weitaus Schlimmeres sogar, um zum Thema unseres Dringlichkeitsgesprächs zu kommen«, gab Mertz in gänzlich verändertem Tonfall zurück, trotz der Hitze mit dunklem Anzug, schwarzem Hut mit breiter Krempe und dazu passender Krawatte bekleidet, was seinen Begleiter zu einem verständnislosen Stirnrunzeln animierte. »Dieser Sydow ist eine verdammt harte Nuss, und ich fürchte, uns bleibt nichts anderes übrig, als ihn aus dem Verkehr zu ziehen.«

»Wie Ihren Worten zu entnehmen ist, stellen Sie sich das sehr einfach vor«, hielt ein Mittdreißiger in Zivil dagegen, im Gegensatz zu Mertz in salopper Kleidung und von den Ausflüglern, die das gegenüberliegende Seeufer bevölkerten, nicht zu unterscheiden. Einzig sein Haarschnitt, akkurat und der Ansatz auf das Sorgsamste zurechtgestutzt, hob ihn über die Masse der Sommerfrischler hinaus, ein Merkmal, das durch die abgehackte Sprechweise noch verstärkt wurde. »An Sydow haben sich schon ganz andere die Zähne ausgebissen, lassen Sie sich das gesagt sein. Und darum aufgepasst, der Schnösel ist mit allen Wassern gewaschen. Hören Sie auf meinen Rat, ich weiß, wovon ich spreche. So leicht, wie Sie denken, lässt er sich bestimmt nicht in die Irre führen.«

»Damit kein Missverständnis entsteht, das Ziel besteht nicht etwa darin, Sydow auf eine falsche Fährte zu locken«, wandte Mertz korrigierend ein und wich einem Pärchen auf einem Tandemfahrrad aus, das in entgegengesetzter Richtung vorüberfuhr, stierte ihm argwöhnisch hinterher und fuhr fort: »Sondern darin, ihn dauerhaft aus dem Verkehr zu ziehen.«

»Aus dem Verkehr ziehen – so kann man es natürlich auch formulieren!«

»Das heißt, ihn zu eliminieren, falls Ihnen die Wortwahl besser behagt«, fuhr Mertz den deutlich kräftigeren und einen Kopf größeren Begleiter an, den der Tonfall völlig kalt zu lassen schien. »Was das betrifft, besitzen Sie ja Erfahrung, oder sehe ich das falsch?«

Der Angesprochene zuckte kaum merklich zusammen, und wäre das in Ufernähe vorüberbrausende Motorboot nicht gewesen, welches jedwede Unterhaltung unmöglich machte, wäre er die Antwort auf die Provokation nicht schuldig geblieben. Kurz darauf, nachdem das Boot hinter einer Gischtwolke verschwunden war, hatte er sich jedoch wieder im Griff, die Hände lässig in den Hosentaschen, wie bei einer Unterredung unter Freunden.

Dass dem nicht so war, daran bestand für Hagen Mertz kein Zweifel: »Genug der Vorrede, lassen Sie uns Nägel mit Köpfen machen.«

»Mit welchem Ziel?«

»Wie ich bereits sagte, Sydow ist umgehend zu liquidieren, wie und mit welchen Mitteln, steht Ihnen frei.«

»Wie nett von Ihnen, ich werde mich des Vertrauens würdig erweisen«, lautete die frostige Replik, gefolgt von minutenlangem Schweigen, in das sich das Gekrächze eines Kolkraben mischte. Kurz darauf, vertrieben durch das heisere Kreischen, schlängelte sich ein Fischotter durch das dichte Schilf, reckte den Kopf und verschwand so schnell, wie er in Erscheinung getreten war. »Ihr von der Gestapo seid doch so clever, warum erledigt ihr die Drecksarbeit nicht selbst? Und wenn wir gerade dabei sind, was wirft man ihm denn eigentlich vor? Soweit ich weiß, hat er nichts verbrochen.«

»Na, Sie stellen vielleicht Fragen!«, rief Mertz in indigniertem Tonfall aus. »Der Mann könnte zu einer wirklichen Gefahr werden, nicht nur für Sie, sondern für uns alle. Das muss ich Ihnen ja wohl nicht sagen. Ignoriert seine Direktiven, macht, was er will, provoziert mich, wo er nur kann. Und pfuscht der Gestapo ins Handwerk, so geschehen heute Morgen, als ich ihn dabei ertappte, wie er auf eigene Faust Ermittlungen unternahm. Trotz gegenteiliger Anweisungen, wie nicht eigens betont werden muss.« Mertz schüttelte ungehalten den Kopf. »Und jetzt kommen Sie daher und behaupten, es handele sich um eine Lappalie. Ich muss schon sagen, das ist wirklich ein starkes Stück. Auch wenn Sie es vielleicht nicht wahrhaben oder die Realität nach eigenem Gutdünken zurechtbiegen wollen, der Mann ist eine tickende Zeitbombe. Bei Typen wie ihm kenne ich mich aus, darauf können Sie getrost vertrauen. Die geben nicht eher Ruhe, bis sie hinter Schloss und Riegel sitzen. Oder bis man ihnen eine Lektion erteilt, die sie nicht vergessen. In welcher Form, spielt keine Rolle. Hauptsache, sie kommen nicht mehr zum Zug, denn nur so ist gewährleistet, dass die Gestapo am Ende die Oberhand behält. Glauben Sie ernsthaft, Sie wären imstande, Sydow in den Griff zu bekommen? Wenn ja, machen Sie sich etwas vor. Und wenn wir gerade dabei sind: Hatten Sie nicht getönt, der Fall sei eine Nummer zu groß für ihn?«

»Sicher.«

»Und worin besteht dann das Problem, Herr Kollege?«

Der Mittdreißiger, wider sonstige Gewohnheiten die Ruhe selbst, prustete vergnügt in sich hinein. »Darin, dass Sie und Ihre Kollegen denken, Sie könnten uns permanent ins Handwerk pfuschen. Sydow hin oder her, zu viele Köche verderben nun mal den Brei. Falls Sie verstehen, worauf ich hinauswill, Herr Kollege.« Der Begleiter von Mertz atmete gekünstelt durch. »Seien wir doch mal ehrlich, Kollege Mertz. Kripo und Gestapo, das sind zwei grundverschiedene Paar Stiefel. Was ich damit zum Ausdruck bringen will, ist: Es hilft uns nicht weiter, wenn einer versucht, den anderen auszumanövrieren.«

»Was, bitte schön, soll das heißen?«

»Ich schlage vor, Sydow fürs Erste gewähren zu lassen. Hinterher, das heißt nach Ergreifung des Täters, ist noch genug Zeit, ihn zur Räson zu bringen. Und ihn zu liquidieren, falls unsere Bemühungen auf taube Ohren stoßen.«

»Wie bitte, sind Sie verrückt?«, begehrte Mertz mit entrüsteter Miene auf, ballte die Faust und stellte sich seinem Begleiter in den Weg. »Und was, wenn er rauskriegt, dass wir beide unter einer Decke stecken? Dass der Zwangsarbeiter, den wir zum Täter auserkoren haben, nicht das Geringste mit der Mordserie zu tun hat? Dass sich der Werwolf noch auf freiem Fuß befindet, weil Ihre Behörde nicht imstande ist, die Ballastexistenz hinter Schloss und Riegel zu bringen? Können Sie sich vorstellen, was dann passiert?«

»In etwa schon.«

»Sollte der Fall eintreten, Herr Kollege, wollte ich nicht in Ihrer Haut stecken.«

»Und ich nicht in der Ihrigen, Herr Kriminalobersekretär.«

Der Agent kicherte vergnügt in sich hinein, wandte sich ab und setzte den Weg an der Seite seines Gesprächspartners fort. »Wem, wenn Sie die unziemliche Frage gestatten, würde Gruppenführer Heydrich vermutlich glauben, Ihnen oder mir?«

»Falls Sie es noch nicht realisiert haben, ich nehme meine Aufagbe ernst.«

»Und ich auch, oder etwa nicht? Fragt sich nur, wer von uns beiden am längeren Hebel sitzt.«

Friedbert Schultze-Maybach, Kriminalrat im Rang eines Obersturmbannführers der SS, verzichtete auf eine Antwort. Wusste er doch nur zu gut, wie sie lauten würde. »Wie bereits erwähnt, Sydow aus dem Weg zu räumen wird nicht einfach sein.«

»Jetzt tun Sie doch nicht so, als könnten Sie nicht bis drei zählen«, fuhr Mertz den sichtlich mitgenommenen und im Rang deutlich höher angesiedelten Begleiter an und dachte offenbar nicht daran, sich zu mäßigen. »Ich weiß genau, mit wem ich es zu tun habe.«

»Tatsächlich?«

»Schluss mit dem Geplänkel, Herr Kriminalrat. Oder sollte ich lieber Oberscharführer sagen?«

»Ach, daher weht der Wind!«

»Damit wir uns richtig verstehen, Schultze-Maybach: Wenn jemand Karriere machen will, ist das seine Sache. Mir persönlich ist das schnurzegal. Es sei denn, der Betreffende tritt mir auf den Schlips. Oder widersetzt sich meinen Wünschen. Dann ist bei mir Polen offen – mit Betonung auf Polen, um Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen.« Seinem Begleiter eine Körperlänge voraus, lachte Mertz mit unverhohlener Verachtung auf. »Vom Oberscharführer zum Obersturmbannführer, und das in weniger als zwei Jahren. Einfach mir nichts, dir nichts sieben Ränge höher zu klettern – also ich weiß nicht, aber mir persönlich kommt das reichlich merkwürdig vor.«

»Mir nicht.«

»Sie haben Recht – lassen wir die Vergangenheit ruhen«, tat Mertz in gönnerhaftem Tonfall kund, rückte seine randlose Brille zurecht und ergänzte: »Wie Sie bereits zu bemerken geruhten, Kripo und Gestapo sind zwei grundverschiedene Paar Stiefel.«

»Was Sie jedoch nicht daran hindert, mir das Messer an die Kehle zu setzen.«

»Falsch, Herr Kriminalrat. Ich habe Ihnen einen kollegialen Rat erteilt – mehr nicht.«

»Auf Befehl von Gruppenführer Heydrich, nehme ich an?«

»Sie sagen es«, gab Mertz mit hämischem Timbre zurück, beschleunigte seinen Schritt und strebte auf das Ende des beschatteten Uferweges zu, wo sich eine Anlegestelle samt dazugehörigem Parkplatz befand. »Um es abermals zu betonen, Herr Kollege: Im Interesse unserer Behörde halte ich es für dringend erforderlich, Kommissar Sydow dauerhaft aus dem Verkehr zu ziehen. Aus welchem Grund, dürfte Ihnen geläufig sein. Je eher Sie oder ein Ihnen dafür geeignet erscheinender Kollege sich dazu durchringen kann, desto besser. Wenn ich Sie wäre, würde ich nicht zögern, den Befehl des Gruppenführers in die Tat umzusetzen, sonst laufen Sie Gefahr, sich unbeliebt zu machen. Und was dann passiert, werter Kollege Schultz-Maybach, darüber muss ich ja wohl kein Wort verlieren.« Auf dem Weg zu seiner dunklen Limousine, reckte Mertz den knochigen Zeigefinger empor, lachte kurz auf und raunte seinem Begleiter über die Schulter hinweg ins Ohr: »Sie wissen ja: Gott verzeiht, der Gruppenführer dagegen nie!«

5

Berlin-Oberschöneweide, Königin-Elisabeth-Hospital

14:55 Uhr

»Was glauben Sie denn eigentlich, wo Sie hier sind? Bei der Bahnhofsmission, oder was? Dies hier ist ein Krankenhaus – und keine Informationsbörse!«

»Dit weeß ick selbst, stell dir vor«, dachte die Grande Dame der Berliner Halbwelt nicht daran, vor dem diensthabenden Arzt zu kuschen. Von einem Mann würde sie sich den Wind nicht aus den Segeln nehmen lassen, schon gar nicht, wenn der Betreffende ihr Sohn hätte sein können. »Wie ick bereits jesagt habe, ick hätte jern ein paar Auskünfte von Ihnen, und zwar über …«

»Ginge das auch in Hochdeutsch? Ich bin nämlich nicht von hier.«

Erna Pommerenke, unter Ganoven auch salopp »Tante Lola« genannt, hörte über die Provokation hinweg, schnalzte mit den grell geschminkten Lippen und erwiderte: »Aber klar doch, Jungchen, daran soll’s nicht scheitern.«

»Sind Sie eigentlich immer so impertinent?«

»Nur wenn’s nicht anders geht, Herr Medizinalrat. Oder wenn ich das Gefühl habe, verscheißert zu werden.«

»Damit Sie Bescheid wissen, ich möchte nicht mit Jungchen angeredet werden, sondern mit meinem Titel. Und auch nicht mit Du, aber das nur nebenbei.« Jens Marquardt, gerade mal zwei Jahre Facharzt für Innere Medizin im Königin-Elisabeth-Hospital in Oberschöneweide, was seiner Arroganz jedoch keinen Abbruch tat, verzog das nach Hautcreme duftende Gesicht. »Falls Sie es nicht wissen, in unseren Kreisen ist das so üblich.«

»Da wo ich herkomme nicht«, war Tante Lola schlagfertig genug, die Spitze umgehend zu parieren. »Aber egal, das tut nichts zur Sache. Ich hätte da nämlich eine Frage an Sie.«

»Und welche?«, gab sich der 28-jährige Mediziner betont distanziert, das Haar aschblond und fettig, überdies hager und dank guter Beziehungen im Begriff, an die Spitze des NSDÄB aufzurücken. »Falls es sich um ein rein medizinisches Anliegen handelt, in Ihrem Alter macht es keinen Sinn mehr, sich verschönern zu lassen.«

»Ganz Ihrer Meinung, der Herr«, dachte Tante Lola nicht daran, sich von der nassforschen Art aus der Reserve locken zu lassen, daran gewöhnt, von den oberen Zehntausend mit Verachtung gestraft zu werden. Im Lauf der Jahre hatte sie gelernt, damit umzugehen – und sich bei passender Gelegenheit zu revanchieren. Leute wie Marquardt taten nun mal so, als seien sie etwas Besseres, im Falle des Stationsarztes, der es auf eine Körpergröße von bescheidenen 1,70 Metern brachte, nur zu verständlich. »Wenn da nur nicht die vielen Fettpölsterchen wären. Bitte sagen Sie es nicht weiter, aber die machen mir ziemliche Sorgen – mehr als meine Lunge, wenn ich ehrlich bin.«

»Rauchen schadet der Gesundheit, aber das wissen Sie ja wohl selbst. Und alkoholische Getränke auch.«

»Wie ich sehe, kennen Sie sich mit der Materie aus«, gab Lola halb bissig, halb sarkastisch gemünzt zurück, ein Schwarz-Weiß-Foto in der Hand, das sie dem hochnäsigen Brillenträger präsentierte. »Und nun zu meinem Anliegen. Ich nehme an, die beiden Herrn auf dem Foto sind Ihnen bekannt?«

»Sollten sie?«

»Aber gewiss doch«, gab Tante Lola mit perfekt einstudierter Nonchalance zurück, steckte das Schwarz-Weiß-Foto wieder ein und fand offenbar nichts dabei, sich eine Juno ohne Filter in den Mund zu stecken. »Ist gerade mal zwei Tage her, müssen Sie wissen.«

»Was denn?«

»Dass die beiden spurlos verschwunden sind, als hätten sie sich in Luft aufgelöst.«

»Und um wen handelt es sich, wenn man fragen darf?«

»Um zwei Musiker, mit denen ich befreundet bin. Der Rudi spielt Klavier, jemanden wie den gibt’s nicht noch mal in Berlin. Und Schnulzen-Eddie, sein Spezi, der begleitet ihn auf dem Saxofon. Wenn Sie Zeit haben, schauen Sie doch mal bei mir vorbei – würde Ihnen guttun, wenn ich Sie so sehe«, machte Erna aus ihrer Abneigung ebenfalls keinen Hehl, zündete die Juno an und saugte den Rauch genüsslich in sich hinein. »Die Herrlichkeit ist bald vorbei, genießen wir also das Le…«

»Hier wird nicht gequalmt, ist das klar?«, platzte Marquardt ohne Vorankündigung der Kragen, was die Patienten erschrocken aufhorchen ließ, darunter auch mehrere Uniformierte, die sich im Wartebereich der Ambulanz zusammendrängten. Etliche davon reckten indigniert die Hälse in die Luft, doch davon ließ sie sich nicht beeindrucken. »Was glauben Sie denn, wer Sie sind?«

»Die Frage sollten Sie sich lieber selbst stellen«, gab Lola mit amüsiertem Stirnrunzeln zurück, bekleidet mit einem eng anliegenden Kostüm, das aus plissiertem schwarzem Seidenstoff bestand. »Noch haben Sie die Chance dazu, ich will mal nicht so sein.«

»Raus hier, sonst rufe ich die Polizei!«

»Wetten, dass Sie das nicht tun werden, Herr Doktor?«, gab Tante Lola in doppelbödiger Manier zurück, trat bis auf Armlänge an den Internisten heran und blies ihm den Rauch ins wutlodernde Gesicht. »Sie lügen zwar, dass sich die Balken biegen, aber so dumm, sich selbst ans Messer zu liefern, sind ja wohl nicht mal Sie.«

»Raus hier, sonst …«, spie Marquardt zornbebend hervor und machte Anstalten, die Mutter Courage des Milieus zu attackieren.

»Sonst was?«, gab Erna Pommerenke süffisant lächelnd zurück und gab ihrem Leibwächter einen Wink, der sich beeilte, den Beobachtungsposten am Eingang zu verlassen. Der vierschrötige Kleiderschrank, ein ehemaliger Geldeintreiber aus dem Wedding, dem Marquardt höchstens bis zur Schulter reichte, nahm ihn mit verschränkten Armen ins Visier. »Darf ich vorstellen: Muskel-Max, anno 19 Berliner Meister im Weltergewicht. So – und jetzt wäre ich Ihnen dankbar, wenn wir beiden Turteltauben uns unter vier Augen unterhalten könnten. Oder wollen Sie, dass die Leute mitkriegen, was Sie ausgefressen haben?«

»Zuerst sagen Sie mir, wer Sie sind. Und dann würde ich gern wissen, wie Ihr Vorgesetzter heißt. Ich habe Beziehungen, über die würden Sie nur staunen – sogar zur Kripo, bis in die oberen Gefilde!«

Tante Lola, auf der ein Dutzend neugierige Augenpaare ruhte, nahm ihre Zigarette aus dem Mund, stieß den Rauch in die abgestandene Luft und ließ es sich nicht nehmen, ihrem Leibwächter einen Stoß in die Rippen zu versetzen. »Haste dit jehört, Maxe, dit Jungchen will uns drohen! Dit hat die Welt noch nich jesehn, ick lache mir gleich tot!«

*

»Sie behaupten also, die Gestapo habe Sie unter Druck gesetzt?«, zog Lola am Ende des halbstündigen Gesprächs Bilanz, wechselte einen Blick mit ihrem Begleiter und fragte sich, wie ihr Freund Sydow das Gehörte kommentieren würde. Vor knapp zwei Tagen, während der Razzia im »Kakadu«, hatte sie den Kommissar zum letzten Mal gesehen. Seitdem war eine Menge passiert, in der Mehrzahl Dinge, die dazu beitrugen, ihren Groll gegen die Nazis ins Extrem zu treiben. In weniger als 24 Stunden waren vier ihrer treuesten Gefolgsleute verschwunden, Gerüchten zufolge kaltblütig liquidiert. Von wem und warum, konnte sie sich denken. Alle vier, also auch Rudi Szabo und sein langjähriges Pendant, die im »Kakadu« zum Tanz aufspielten, waren im Zuge einer Razzia verhaftet worden und ohne eine Spur zu hinterlassen verschwunden. Das Gleiche traf auf Hantel-Emil zu, Faktotum und Mädchen für alles. Bijou, im »Kakadu« als Animierdame tätig, bildete den Schluss.

Insofern das überhaupt schon alles gewesen war.

Vier Tote innerhalb kürzester Zeit. Seit Erna denken konnte, hatte es das noch nie gegeben, auch nicht in den wilden Zwanzigern, wo nicht lange gefackelt wurde, wenn es darum ging, alte Rechnungen zu begleichen.

Vier Tote, alles enge Weggefährten, um nicht zu sagen Freunde.

Das würde sie nicht auf sich sitzen lassen.

Selbst auf die Gefahr, von der Gestapo an die Wand gestellt zu werden. »Dieser Greifer von der Gestapo, der versucht hat, Sie zu erpressen …«

»Was ist mit ihm?«

»Sind Sie imstande, die Kanaille zu beschreiben?«

»Selbstverständlich«, antwortete Marquardt gedehnt, am Fenster postiert, von wo aus sein Blick auf den Park des Klinikums fiel, bevölkert mit zahlreichen Patienten, die Besuch von Verwandten oder Freunden erhielten. Das Hospital genoss einen exzellenten Ruf, hatte jedoch kaum noch Ärzte, um den Betrieb zumindest halbwegs am Laufen zu halten. Hier wie auch andernorts forderte der Krieg seinen Tribut, und Marquardt konnte von Glück sagen, dass seine Abkommandierung an die Front auf sich warten ließ. Allein die Vorstellung, auch ihn könne es eines Tages treffen, ließ den Internisten bis ins Tiefinnerste erschaudern. Zum einen, weil er nicht einsah, an der Ostfront den Heldentod zu sterben, die Rolle sollten gefälligst andere übernehmen. Und zum andern, da er alles daransetzte, Karriere zu machen, zur Not auch mit Ellbogen, wie unter Akademikern mittlerweile üblich. »Aber natürlich kann ich ihn beschreiben, so einen wie den vergisst man nicht.«

»Dunkler Anzug mit Hut, mittelgroß, Himmler-Brille, Schmiss, Reptilienblick. Die Hasenscharte nicht zu vergessen. Kommt Ihnen bekannt vor, kann das sein?«

»Woher …«

Tante Lola lächelte schief, die mittlerweile dritte Juno in Gebrauch, deren Stummel aus dem rechten Mundwinkel ragte. »Woher ich das weiß, wollten Sie gerade fragen? Was soll ich sagen, man macht eben so seine Erfahrungen. Ich bin zwar nicht übermäßig scharf darauf, mit der Gestapo auf intensive Tuchfühlung zu gehen, aber manchmal lässt es sich eben nicht vermeiden. Wie aufdringlich die Jungs aus der Prinz-Albrecht-Straße sind, wissen Sie ja am besten, oder?«

»Reden Sie endlich. Was wollen Sie von mir?«

Die Königin des Milieus atmete tief durch, nahm ihre Fluppe aus dem Mund und gesellte sich zu ihrem Gesprächspartner, der es nach wie vor nicht für nötig hielt, sie auch nur eines Blickes zu würdigen. »Eins möchte ich wirklich wissen, Herr Doktor Marquardt.«

»Und das wäre?«

Tante Lola zögerte die Antwort hinaus. »Zugegeben, jeder von uns hat so seine Schwächen, je nach Charakter und Temperament. Der eine im Dutzend, der andere so gut wie keine.«

»Was Sie nicht sagen.«

»Also auch Sie.«

Tief in Gedanken, schreckte Marquard unvermittelt auf. »Sie etwa nicht?«

»Mit anderen Worten, ich frage mich, wie die Gestapo es geschafft hat, einen Mann wie Sie zu rekrutieren.«

»Purer Zufall.«

»Eben nicht. Eins können Sie mir glauben, ich weiß genau, wie die ehrenwerte Gesellschaft tickt. Die Herren überlassen nichts dem Zufall, mehr möchte ich dazu nicht sagen. Auch bei Ihnen nicht, darauf können Sie Gift nehmen.« Auf der Suche nach einem Aschenbecher, drehte sich die Kiez-Königin um, schlenderte zu Marquards Schreibtisch und ließ die Fluppe in das dafür vorgesehene Kristallschälchen fallen. »Also reden Sie schon, womit wurden Sie erpresst?«

»Ach, fahren Sie doch zur Hölle!«

»Falls Sie es noch nicht gemerkt haben, Herr Doktor – wir Deutschen sind längst dort.«

»Ich warne Sie: Noch so eine Bemerkung, und …«

»Und was?« Wieder zurück an ihrem Platz vor dem Fenster, würdigte Tante Lola den Mann zu ihrer Linken keines Blickes. »Bringen wir es auf den Punkt, junger Mann. Soweit ich weiß, gibt es drei Sorten von Lastern, derentwegen ein Mann wie Sie in Schwierigkeiten geraten kann: Weibergeschichten, Glücksspiel oder Zocken an der Börse. Da Letzteres derzeit nicht möglich ist, bleiben zwei Varianten übrig. Hätte ich einen Tipp abzugeben – ganz spontan, denn wer kann denn schon in einen Menschen hineinblicken –, dann würde ich mich für die weitaus häufigste Verfehlung entscheiden.«

»Ich bin glücklich verheiratet, was fällt Ihnen eigentlich ein!«

»Na, so glücklich nun auch wieder nicht, sonst hätten Sie nicht Ihr Geld verzockt.« Ein vielsagendes Lächeln im Gesicht, winkte Lola lässig ab. »Stammkunde auf der Trabrennbahn, kann das sein?«

»Wenn Sie alles so genau wissen, warum fragen Sie dann überhaupt?«, giftete der Internist zurück und dachte offenbar nicht daran, mit offenen Karten zu spielen. »Scheren Sie sich gefälligst um Ihren eigenen Kram – mehr kann ich dazu nicht sagen. Und wenn wir gerade dabei sind, wie ist eigentlich Ihr Name? Spucken Sie’s aus, warum sind Sie hier?«

»Um Gewissheit zu erlangen.«

»Gewissheit, aha. Etwa darüber, dass die Banane krumm ist?«

»An Ihrer Stelle würde ich den Mund nicht so voll nehmen, Marquardt«, fuhr Tante Lola dem Stationsarzt über den Mund und bedeutete ihrem Leibwächter, die Tür abzuschließen. Dann wandte sie sich ruckartig nach links. »Machen wir also reinen Tisch, sonst verplempern wir unnötig Zeit. Ich möchte Gewissheit darüber, wie meine Bekannten ums Leben gekommen sind. Und zwar bis ins kleinste Detail. Und ich versuche nachzuvollziehen, wie ein Mann wie Sie so tief sinken kann, um für die Gestapo die Drecksarbeit zu erledigen.«

»Ich verbitte mir diesen Ton, merken Sie sich das!«

»Sie können so laut rumschreien, wie Sie wollen, mich und Alfred lässt das völlig kalt. Aber wenn Sie sich weigern, mit der Wahrheit rauszurücken – bitte schön. Dann übernehme eben ich das Reden, anscheinend wollen Sie es nicht anders. Kommen wir daher zur Sache. Soweit ich informiert bin, geht es auf Ihrer Station nicht mit rechten Dingen zu.« Tante Lola lachte heiser auf. »Eine bewusste Untertreibung, ich weiß. Kann man Ihre Machenschaften doch getrost als kriminell bezeichnen. Sie sind ein Mensch, der über Leichen geht, ohne Skrupel, ohne Prinzipien und ohne einen Funken Anstand im Leib. Der vor nichts zurückschreckt, nicht mal davor, mit der Gestapo gemeinsame Sache zu machen!«

Marquardt klatschte höhnisch Beifall. »Beeindruckende Predigt, fast wie in der Kirche. Aber wo, wenn Sie erlauben, ist der Beweis?«

»Merkwürdig, dass gerade Sie mich das fragen – und aufschlussreich zugleich. Wo ich doch überhaupt noch nicht erwähnt habe, um was es geht.«

»Falls Sie die Sache mit den gefälschten Obduktionsbefunden meinen – ich habe nichts damit zu tun!«

»Sehen Sie, Doktorchen – jetzt kommen wir der Sache schon näher«, flötete Tante Lola kess, tätschelte dem Stationsarzt die Wange und sah ihm lange und eindringlich in die Augen. »Denn wie aus sicherer Quelle verlautet, haben Sie sehr wohl etwas damit zu tun, auch wenn Sie versuchen, mir ein X für ein U vorzumachen.« Die Grand Dame des Milieus runzelte die Stirn. »Tatsache ist, benötigt die Gestapo ein Gutachten, um ihre Mordaktionen zu vertuschen, dann wendet man sich zwecks Erledigung an Sie, der es, schenkt man den kursierenden Gerüchten Glauben, unter dem Pseudonym ›Doktor Tod‹ zu zweifelhaftem Ruhm gebracht haben soll. Steht also wieder mal eine Obduktion an, dann ist es ein gewisser Doktor Marquardt, der die Aufgabe hat, die dazugehörigen Dokumente zu fälschen. Leugnen ist zwecklos, über Ihre Aktivitäten sind wir bestens informiert.«

»Und der Beweis – was ist mit dem?«

»Für den Fall, dass Sie denken, ich werde den Namen meines Informanten preisgeben – schlagen Sie sich den Hirnfurz aus dem Kopf. Meine Verbindungen reichen sehr weit, müssen Sie wissen. Weiter, als Sie es sich in Ihrer Borniertheit vorstellen können. Eine schnelle Nummer zur falschen Zeit, und schon schnappt die Falle zu. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Herr Doktor Marquardt, es gibt Kollegen in Ihrem Haus, die zu meinen treuesten Kunden zählen – und die Sie lieber heute als morgen loswerden würden. Aber das nur am Rande. Ich gebe zu, es war ein Glücksfall, dass ausgerechnet ich Ihnen auf die Schliche gekommen bin. Macht aber nichts, denn gefreut hat es mich trotzdem. Wäre mir der Zufall in Gestalt eines Mitarbeiters des hiesigen Hospitals nicht zu Hilfe gekommen, ich wüsste nicht annähernd so gut Bescheid.«

»Sie bluffen nur, geben Sie es doch zu!«

Tante Lola lächelte schief. »So, meinen Sie. Dumm nur, dass ich nicht schauspielern kann. Und dass ich es gewohnt bin, die Karten auf den Tisch zu legen.«

»Tun Sie, was Sie offenbar nicht lassen können.«

»Sie erlauben, dass ich Ihnen eine kleine Geschichte erzähle?«

»Was soll das werden – eine Rezitation von Grimm’s Märchen?«

»Schön wär’s. Wie gesagt, wäre mir der Zufall nicht zu Hilfe gekommen, dann hätte ich schlechte Karten.«

»Die haben Sie auch so, keine Bange.«

»Doch nun zu meiner Geschichte. Sie beginnt am gestrigen Abend, kurz nach Öffnung meines Lokals. Ich stehe wie gewohnt hinterm Tresen, da schneit die Schwester von Hantel-Emil bei mir rein – mit den Nerven am Ende, ist ja auch kein Wunder. Die Ärmste hat eine Menge durchgemacht, aber wem sage ich das, Sie waren ja an der Aktion beteiligt.«

»Und was für eine Aktion soll das sein?«

»Lange Rede, kurzer Sinn: Laut Gutachten vom gestrigen Donnerstag, das ihr mitsamt der Urne von einem Mitarbeiter des Geheimen Staatspolizeiamts ausgehändigt wird, hatte mein Freund Emil das Pech, während einer Vernehmung in der Prinz-Albrecht-Straße vom Stuhl zu kippen. Todesursache: Lungenversagen. So weit die Version der Gebrüder Grimm, mit freundlicher Unterstützung von Herrn Doktor Marquardt, Internist im Königin-Elisabeth-Hospital in Berlin-Oberschöneweide.« Die Königin der Halbwelt griente spöttisch vor sich hin. Von ihren Untertanen war sie ja allerhand gewohnt, aber was den 28-jährigen Mediziner betraf, wurden ihre Erfahrungen samt und sonders übertroffen. »Lungenembolie, und das bei einem passionierten Nichtraucher, der sich weigerte, eine Fluppe auch nur anzurühren. Kommt einem verdammt suspekt vor, finden Sie nicht auch? Zugegeben, Emil war nicht der Gesündeste, aber soweit ich mich entsinne, hat die Lunge bestens funktioniert. Mit seiner Pumpe hatte er dagegen zu kämpfen, von wegen Herzkranzgefäße und so. Aber das nur am Rande, damit Sie auf dem Laufenden sind.«

»Ich wüsste nicht, was es daran zu beanstanden …«

»Aber ich, du aufjeblasener Liliputaner!«, verlor Erna Pommerenke die Geduld, packte den um einen Kopf kleineren Stationsarzt am Kragen und knurrte: »Ick schlage vor, wir lassen dit mit dem Hochdeutsch bleiben, sonst sitzen wa heute Abend immer noch hier rum.«

»Finger weg, verdammt noch mal!«, quiekte Marquardt, verzweifelt bemüht, sich dem Griff der Zwei-Zentner-Frau zu entwinden. »Finger weg, habe ich gesagt, was fällt Ihnen eigentlich …«

»Und jetzt kommt’s, Schätzchen – hör jut zu. Laut Gestapo soll der behandelnde Quacksalber – also du – während der Obduktion auf Symptome von eener ansteckenden Krankheit jestoßen sein. Einer Krankheit, die, dit weeß sogar jedes Kind, in eenem von drei Fällen zum Abnippeln führt. Fazit des Janzen, wie aus den Unterlagen ersichtlich: Spanische Grippe, kurz vor dem akuten Stadium. Bedeutet, ab mit ihm ins Krematorium, um Schlimmeres zu verhüten. Doller Witz, findste nich ooch?«

»Und was soll daran so witzig sein?«, keuchte Marquardt, die Augen vor Anstrengung weit aufgerissen. »Wenn Millionen von Menschen daran gestorben sind, kann … Dann kann zumindest ich nicht mehr drüber lachen.«

»Ick ooch nich. Es sei denn, über dich!«, schleuderte Tante Lola dem wie ein Aal zappelnden Mediziner ins Gesicht, lockerte ihren Griff und fügte mit süffisantem Unterton hinzu: »Dumm jelaufen, Jungchen. Aber seine Schwester muss es ja schließlich wissen.«

»Was denn?«

»Dass der Emil die Grippe anno 18 schon jehabt hat – und dit Glück hatte, dem Teufel von der Schippe zu springen. So ein Pech aber ooch, kann ick da nur sagen! Da zerbrichste dir die Birne, um den Leuten die Hucke vollzulügen – und dann so wat! Pfui Deibel noch mal – ick kann jar nich so ville fressen, wie ick kotzen möchte!«

»Sie kommen sich wohl sehr schlau vor, wie?«

»Im Gegensatz zu dir schon, du halbe Portion«, höhnte Tante Lola, wechselte einen Blick mit ihrem Leibwächter und sagte: »Und nun zu meenen Bedingungen, junger Mann. Als Erstes biste so jut und lässt mich mal eben kurz in die Unterlagen in deinem Schreibtisch kieken. Wird bestimmt interessant, oder wat meinste dazu?«

Marquardt schwieg sich trotzig aus.

»Und dann machen der Alfred und du einen kleenen Ausflug in die Pathologie. Bin jespannt, was es dort zu sehen gibt.«

»War das alles?«

»Nee, wo denkste hin. Alle juten Dinge sind schließlich drei, isses nich so?« Auge in Auge mit einem Mann, den sie zutiefst verachtete, spie Tante Lola die Worte nur so aus: »Zum Dritten wirste mir den Namen von deinem Zuhälter bei der Gestapo nennen – und zwar gleich, aber dalli!«

»Niemals, nur über meine Leiche!«

»Wäre mir ein Vergnügen, die Bedingung zu erfüllen«, höhnte Tante Lola, ließ sich von ihrem Begleiter eine Parabellum 08 aushändigen und presste sie dem Stationsarzt auf die Stirn. »Du Winzling sagst mir jetzt sofort, wer meene Freunde auf dem Jewissen hat, oder ick blase dir den Schädel weg, dass die Fetzen fliegen. Mach’s Maul auf, aber ein bisschen plötzlich!«

»Mertz!«, wimmerte Marquard, zitternd wie Espenlaub und die Augen vor Schreck weit aufgerissen. »Kriminalobersekretär Hagen Mertz!«

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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235 стр. 10 иллюстраций
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9783839269688
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