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Uwe Klausner
Operation Werwolf – Ehrensold
Kriminalroman

Zum Buch
Die Jagd geht weiter Berlin im Juli 1941, knapp zwei Jahre nach Kriegsbeginn. Der „Werwolf“, einer der berüchtigtsten Serientäter in der Kriminalhistorie von Berlin, befindet sich weiterhin auf der Flucht. Kommissar Sydow, der mit dem Fall betraut wurde, gerät zusehends unter Druck. Dass er im Begriff ist, Verbindungen des Täters aufzudecken, die bis in die Führungsriege der SS reichen, bleibt der Gestapo nicht verborgen. Doch damit nicht genug. Im Zuge der Ermittlungen wird klar, dass es sich beim Täter um einen Kameraden „aus den eigenen Reihen“ handelt, der an den Kriegsverbrechen zu Beginn des Polenfeldzugs beteiligt war. Sollte sich dies bewahrheiten und der Stand der Ermittlungen publik werden, wäre der Sicherheitsapparat des NS-Regimes diskreditiert. Sowohl gegenüber der eigenen Bevölkerung, als auch gegenüber den Kriegsgegnern – allen voran den (noch) neutralen USA. Für Reinhard Heydrich, Chef der Gestapo und des SD, das Horrorszenario schlechthin …
Uwe Klausner wurde in Heidelberg geboren und wuchs dort auf. Sein Studium der Geschichte und Anglistik absolvierte er in Mannheim und Heidelberg, die damit verbundenen Auslandsaufenthalte an der University of Kent in Canterbury und an der University of Minnesota in Minneapolis/USA. Heute lebt Uwe Klausner mit seiner Familie in Bad Mergentheim. Neben seiner Tätigkeit als Autor hat er bereits mehrere Theaterstücke verfasst, darunter »Figaro – oder die Revolution frisst ihre Kinder«, »Prophet der letzten Tage«, »Mensch, Martin!« und erst jüngst »Anonymus«, ein Zweiakter über die Autorenschaft der Shakespeare-Dramen, der 2019 am Martin-Schleyer-Gymnasium in Lauda uraufgeführt wurde.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © ullstein bild
ISBN 978-3-8392-6776-9
DIE BERLINER S-BAHN 1931

ZWEITES BUCH EHRENSOLD
»Die Nazi-Partei duldete keine kriminellen Banden neben sich. Sie machte Berlin zur Kommandozentrale von Verbrechen einer ganz neuen Dimension: der staatlich gedeckten Entwürdigung, Freiheitsberaubung, Ausplünderung und Ermordung von Millionen unschuldiger Menschen.«
(Michael Bienert / Elke Linda Buchholz, Die Zwanziger Jahre in Berlin. Ein Wegweiser durch die Stadt, Berlin 2018, S. 255)
FIKTIVE CHARAKTERE
(alphabetisch, Teil I–II)
Elsa Bruckmann, Schülerin
Eberhard Derpa, Revierleiter
Paul Hanke, Polizeibeamter
Erich Kalinke, Kriminalassistent und Sydows rechte Hand
Hertha Krause alias ›Bijou‹, Animierdame im Tanz-Kabarett »Kakadu«
Max Jakubeit, Unterscharführer des SD der SS
Emil Leschek, genannt Hantel-Emil, Türsteher im Tanz-Kabarett »Kakadu«
Brad Macintosh alias Philip Cameron, Redaktionsleiter der Nachrichtenagentur Reuters in Berlin
Hagen Mertz, Kriminalobersekretär der Gestapo
Eberhard Michalski, Kriminalassistent und stellvertretender Leiter der Spurensicherung
Adele Mürwitz, Pensionärin
Adolf Peschke, Frührentner
Erna Pommerenke alias ›Tante Lola‹, Grande Dame der Berliner Halbwelt
Karl Prittwitz, Oberbahninspektor
Mira Schultz, Personalsachbearbeiterin beim RSHA
Friedbert Schultze-Maybach, Sydows Vorgesetzter und Leiter der Kriminalgruppe M der Kripo Berlin
Ava Schumann, Revue-Tänzerin
Tom von Sydow, Kommissar der Mordinspektion Berlin
Ida Varese, Ehefrau des italienischen Botschafters
Theodor Wattke, Leiter der Spurensicherung
Bodo Wilmers, Chefarzt
Heinz Wischulke, Sanitätsgefreiter
REALE CHARAKTERE
(alphabetisch)
Reinhard Heydrich (1905-1942), Chef des RSHA, SS-Gruppenführer und General der Polizei
Heinrich Himmler (1900-1945), Reichsführer-SS, Reichsinnenminister und Chef der Deutschen Polizei
PROLOG
DONNERSTAG, 3.7.1941
1
Berlin-Schöneberg, Kaiserin-Auguste-Viktoria-Krankenhaus
19:10 Uhr
Kurz nach sieben, in einem Waggon der Linie drei, brach die Hölle über sie herein.
Und es gab nichts, was sie dagegen tun konnte.
Von nun an, beginnend mit dem heutigen Tag, wusste sie, was es bedeutete, auf sich allein gestellt zu sein. Allein zu sein mit einem Monstrum, das nur eins im Sinn zu haben schien.
Nämlich ihr Gewalt anzutun. Um sie im Anschluss an die Tortur zu töten.
Das sechste Mordopfer in Folge. Opfer eines Mannes, der Berlin in Angst und Schrecken versetzte.
Jetzt war sie an der Reihe.
Gerade mal 17, beinahe noch ein Kind.
Behaupteten zumindest ihre Eltern. Sie selbst war da natürlich anderer Meinung. Und das mit vollem Recht. Gut gebaut war sie nämlich schon, den Freundinnen weit voraus. Gut gebaut, nicht auf den Mund gefallen und fast schon dunkelhäutig, wie Rosita Serrano, die chilenische Nachtigall. Ein echter Hingucker, der Schwarm aller Jungs in ihrem Viertel.
Doch all das war Schnee von gestern, nicht mehr als eine vage Erinnerung.
Zur falschen Zeit am falschen Ort. Mehr brauchte es nicht, um zum hilflosen Opfer einer Bestie zu werden. Um mit Lichtgeschwindigkeit zu altern, für immer gebrandmarkt, gedemütigt und von schier endlosen Albträumen geplagt.
Und das alles nur, weil der Zufall es so wollte. Dem es gefiel, sie einem Monstrum zum Fraß vorzuwerfen. Einem Monstrum, das es nicht verdiente, als Mensch betrachtet zu werden. Das keine Skrupel besaß und dessen Ziel allein darin bestand, sie zu töten.
Zur falschen Zeit am falschen Ort.
Und die Hölle auf Erden war perfekt.
Der Teufel, so das beklemmende Fazit, war keine abstrakte Figur, ein bloßes Schreckgespenst, verantwortlich für alles Leid, das einem widerfuhr. Der Teufel war real, ein Mensch wie du und ich, eine Gestalt aus Fleisch und Blut.
Darin geübt, in das Gewand eines Biedermannes zu schlüpfen.
Und so perfide, dass er alles bisher Dagewesene übertraf.
Zur falschen Zeit am falschen Ort. So abgedroschen die Floskel klang, sie traf den Nagel auf den Kopf.
Dabei hatte alles so harmlos begonnen. Der Abend, an dem sie in ihr Unglück lief, war brütend warm gewesen, die Luft so feucht wie in den Tropen. Laut Wetterbericht würde die Hitze bleiben, zumindest bis übermorgen, wenn es schlecht lief, sogar noch länger. Da kam Freude auf, vor allem dann, wenn man mit der S-Bahn fuhr. Temperaturen wie im Treibhaus, die Sonne grell wie Blitzlichtgewitter. Und dazu eine ganze spezielle Duftnote, nämlich S-Bahn-Mief vom Feinsten. Die Holzbänke, von denen der Lack schon beim Hinsehen abblätterte, nicht zu vergessen.
Doch egal wie, da musste sie durch.
Mehr als die dritte Klasse war nun mal nicht drin. Kein Wunder, wenn man die paar Groschen, die ihr Vater am Ersten rüberwachsen ließ, mit einem Verehrer im Lunapark verjubelte.
Willkommen im Abteil für Arme, ein Güterwaggon war nichts dagegen. In der zweiten Klasse, das zum Thema knapp bemessenes Taschengeld, wäre sie wesentlich besser dran gewesen. Und außerdem, in Gesellschaft reiste es sich viel besser. Ein bisschen Tratsch konnte bekanntlich nicht schaden, redselige Mitfahrerinnen vorausgesetzt. Wozu auch Zeitung lesen, das brachte doch sowieso nichts. Propaganda, dass sich die Balken bogen, Siegesmeldungen aus wer weiß welchem russischen Kaff, Ordensverleihungen am Fließband, die ewigen Appelle, den Gürtel enger zu schnallen, mehr war nicht. Was die Leute wirklich interessierte, danach fragte doch kein Mensch.
Immer noch keine Mitfahrer, einfach zum Gähnen. Und von wegen spazieren gucken, das konnte sie sich abschminken. Die Verdunkelungsrahmen waren nun mal Pflicht, wenngleich so überflüssig wie ein Kropf. Ein handtellergroßes Loch, um während der Fahrt aus dem zugeklebten Fenster zu kieken, welch ein Komfort. Ein Gefühl wie im Aquarium, für Zierfische wärmstens zu empfehlen.
Und was die Engländer betraf, vor denen brauchte man keine Angst zu haben. Die standen mit dem Rücken zur Wand, und anstatt sich Gedanken über Luftangriffe zu machen, hatten die Berliner andere Sorgen. Bei der Versorgung haperte es am meisten, um nur ein Beispiel unter vielen zu nennen. Und beim Angebot in den Kaufhäusern ja wohl auch. Von der Hitze, derentwegen sich ihre Bluse wie ein klitschnasses Handtuch anfühlte, nicht zu reden.
Da lobte sie sich doch die U-Bahn, dort war es wenigstens nicht so heiß. Und weniger gefährlich ja wohl auch. Es sei denn, man hatte das Pech, einem Sittenstrolch zu begegnen. Ihre Mutter konnte ein Lied davon singen, war sie doch gleich mehrfach rüde begrapscht worden, zuletzt vor ein, zwei Monaten, auf dem Weg zu ihrer Tante in Friedrichshain. Mittlerweile hatten sich die Zeiten jedoch geändert, und wer sich oder seine Pfoten nicht in den Griff bekam, mit dem wurde kurzer Prozess gemacht. Im Vorbeigehen mal eben ein bisschen rumfingern, weil sich der Pavian im Mann zu Wort meldete, die Zeiten waren ein für alle Mal vorbei. Auf Sittlichkeitsdelikten stand KZ, und wie man hörte, herrschten dort ziemlich raue Sitten.
Quer durch Berlin mit der S-Bahn, bei der Hitze nun wahrlich kein Vergnügen. Kein Wunder also, dass ihr vor Müdigkeit fast die Augen zufielen, zwar nur für ein paar lächerliche Sekunden, aber lange genug, um nicht auf der Hut zu sein. Im Nachhinein kamen sie ihr jedoch wie Stunden vor, von Mal zu Mal zahlreicher, je öfter sie sich den Horror ins Gedächtnis rief.
Horror.
Eine fast schon verharmlosende Bezeichnung für das, was sie in den folgenden Minuten durchlitt. Auch jetzt, eine gefühlte Ewigkeit später, hing ein unsichtbarer Schleier vor ihrem Gesicht. So verzweifelt sie auch dagegen ankämpfte, sie erkannte sich selbst nicht wieder. Es schien, als stecke sie in einem fremden Körper, zusammengekauert wie in einem Käfig, aus dem es kein Entkommen gab. Hätte sie in den Spiegel geschaut, sie wäre zu Tode erschrocken, so rasant hatte sie sich verändert. Um 10 Jahre gealtert, und das in 100 Sekunden, wie aus dem Nichts in die Welt der Erwachsenen katapultiert. Zeitlebens würde sie den Schock, der sie durchfuhr, nicht verdauen. Die Blessuren am ganzen Körper, der lähmende Schmerz, intensiv wie ein Stromstoß von mehreren Hundert Volt, die Scham, überall am Körper berührt zu werden, der Ekel, als ihr der Widerling zwischen die Schenkel griff, die Wut, die Ohnmacht, die Hilflosigkeit, der Wunsch, der Unbekannte werde dafür büßen: Die Hölle war kein imaginärer Ort mehr für sie, sie existierte wirklich.
Und der leibhaftige Satan auch.
Dabei ging alles auf ihre Kappe, die Polizei traf keine Schuld. Hätte sie sich nicht heimlich mit ihrem Freund getroffen, sie wäre spätestens um sechs zu Hause gewesen. Um die Zeit war es ja noch hell, und überhaupt, was konnte ihr denn schon passieren. Dachte sie zumindest. Polizei an allen Ecken und Enden, sowohl uniformiert als auch in Zivil, Kontrolleure der BVG und zu guter Letzt die selbstherrlichen Beschützer der SA, die sich aufspielten, als ob sie Graf Koks von der Gasanstalt wären.
Alles unter Kontrolle?
Von wegen.
Aber wehe, wenn man jemanden brauchte. Wenn man sich zur Wehr setzte, um seine Haut so teuer wie möglich zu verkaufen. Wenn es sich so anfühlte, als sei der Tod, an den man sonst keinen Gedanken verschwendete, nur eine Frage von Minuten, wenn nicht von ein paar lächerlichen Sekunden.
Dann erlebte man sein blaues Wunder.
Denn dann war man auf sich allein gestellt, und das mit gerade mal 17 Jahren.
Von aller Welt verlassen, nur sie und das Scheusal, von dem man sich Dinge erzählte, bei denen ihre Fantasie versagte. Allein mit einem Monstrum, das alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte. Das nicht zögern würde, sie auf bestialische Weise zu töten. Allein mit ihrer Angst, wie ein Stück Vieh auf die Schlachtbank zu wandern. Und kein Retter in Sicht, der sie vor dem, was nun folgte, bewahren würde.
Mit der S-Bahn fahren, anstatt auf den Bus zu warten.
Alles richtig gemacht, Elsa.
Das hast du nun davon.
»Heil Hitler, junge Dame! Die Fahrkarte, wenn ich bitten darf.« Der Bahnhof Rummelsburg entschwand gerade ihren Blicken, da stand er auf einmal vor ihr, wie aus dem Nichts, die Uniform bis zum Kragen zugeknöpft, dass es ihm fast die Luft abschnürte, die Stimme fordernd, wie es sich für einen Kontrolleur gehörte, die Mütze tief im mit Stoppeln besprenkelten Gesicht. »So allein hier, hübsches Fräulein? Ich will ja nichts sagen, aber ist das nicht ein bisschen leichtsinnig von Ihnen?«
Hübsch, na ja. Darüber konnte man geteilter Meinung sein. Einer ihrer Verehrer hatte mal gesagt, sie sähe wie eine Zigeunerin aus. Natürlich nur im Scherz, denn der Vergleich wäre eine ziemliche Frechheit gewesen. Obwohl, da waren ihre schulterlangen dunklen Haare, weich und glänzend, wie bei den Stars in der Illustrierten. Zu einem Zopf geflochten, um bei der Partei nicht anzuecken. Und was ihren Teint betraf, nun ja, um als Südamerikanerin durchzugehen, musste sie sich nicht groß anstrengen. Da hatte sie so ihre Erfahrungen gemacht, vor allem mit diversen Mitschülern, die das Gerücht ausstreuten, ihre Vorfahren seien von nichtarischer Geburt gewesen. Dummes Geschwätz, über das sie und ihre Eltern nur lachen konnten. An ihrem Ariernachweis gab es nichts zu deuteln, südländisches Aussehen hin oder her.
»Warum so schweigsam, Sie fahren doch nicht etwa schwarz?«
»Tut mir leid, Sie zu enttäuschen«, hielt sie mit aufgesetzter Forschheit dagegen, in der Hoffnung, dem Kontrolleur den Wind aus den Segeln zu nehmen, zog ihre Fahrkarte aus der Brusttasche ihrer BDM-Jacke hervor und hielt sie dem Wichtigtuer vor die Nase. »Ich sehe vielleicht nicht so aus, aber die 20 Pfennig kann ich mir gerade noch leisten.«
»Freut mich für Sie«, presste der Unbekannte hervor und dachte offenbar nicht daran, das Billet für die dritte Klasse in Empfang zu nehmen. Stattdessen starrte er auf ihren dunklen Rock, der im Eifer des Gefechts in die Höhe gerutscht war. Wider Willen brachte sie das Missgeschick zum Erröten, und als könne sie es dadurch wettmachen, zerrte sie den Stoff über das schokoladenfarbene Knie.
»Ich muss schon sagen, die braune Jacke passt wie angegossen.«
Die Knie krampfhaft zusammengepresst, wich sie dem Blick des Unbekannten aus, starrte sie wie in Trance an die gegenüberliegende Wand. Die Röte in ihrem Gesicht vertiefte sich, und je länger sie wie versteinert dasaß, das Gesicht glühend heiß wie eine Herdplatte, desto unverschämter die Blicke, mit denen der Unbekannte sie taxierte. Es war nicht das erste Mal, dass die Männer ihr schmachtende Blicke zuwarfen, und wenn sie ehrlich war, mitunter fühlte sie sich geschmeichelt. Anders als sonst hatte sie sich sogar geschminkt, aber nur dezent, weil es von den Parteioberen nicht gern gesehen wurde. Ihrem Kavalier hatte es jedenfalls gefallen, und das war ja wohl das Wichtigste. Und wenn die Männer sie anglotzten, als hätten sie noch nie eine Frau gesehen – na wenn schon. Solange sie nicht zudringlich wurden, konnte es ihr egal sein.
Nicht etwa, dass sie damit angab, aber sie war nun mal ziemlich weit entwickelt, fast schon eine junge Dame, wie ihre Mutter bei den Nachbarn herumposaunte. Und wenn ihr die Jungs Komplimente machten, dann musste ja etwas dran sein. Besser, als durch den Kakao gezogen zu werden, ihre Banknachbarin konnte ein Lied davon singen.
Heute jedoch, im Visier des vermeintlichen Kontrolleurs, konnte von einem Flirt keine Rede sein. Denn zum ersten Mal, seit sie sich ihrer Attraktivität bewusst geworden war, kroch ein bisher unbekanntes Gefühl in ihr empor: Angst.
Lähmende, wie eine Droge wirkende Angst.
»Warum so schweigsam, oder haben Sie etwas dagegen, wenn man Ihnen Komplimente macht?«
Alles, was Recht war, aber die Siezerei brachte sie fast zur Weißglut. Sie war erst siebzehn, gerade mal halb so alt wie dieser Widerling in Uniform, unter Umständen nicht mal das. Junge Mädchen ansprechen, um sich an sie ranzumachen, das hatte sich der Schleimer so gedacht. Aber nicht mit ihr, und schon gar nicht mit dieser Masche.
Die Hände auf den Knien, stierte sie mit angehaltenem Atem ins Leere. Und siehe da, ihr Flehen wurde erhört. An der nächsten Station, von wo aus es nur noch drei Minuten bis nach Karlshorst waren, verlangsamte der Zug das Tempo und kam mit einem sanften Ruck zum Stehen. »Kommt drauf an, vom wem die Komplimente kommen.«
Wiewohl scharf im Ton, hörte der Mann über die Replik hinweg, trat einen Schritt näher und ließ den Blick über ihren drallen Körper wandern. Sie ließ es geschehen, was blieb ihr übrig. Hoffte inständig, jemand anderes würde in ihren Waggon steigen. Stierte weiter geradeaus, wie unter Hypnose, die Hände krampfhaft um die Kniekehlen gekrallt.
Zu früh gefreut.
Kein Mensch ließ sich in ihrem Abteil blicken.
Und kein Mensch, das wurde ihr blitzartig klar, würde sie vor dem, was ihr bevorstand, bewahren.
»Nur damit Sie Bescheid wissen, ich habe einen Freund.« Etwas Dümmeres, so die rückblickende Erkenntnis, hätte ihr nicht einfallen können. Kaum kam ihr der Satz über die Lippen, richtete sich der Mann zu voller Größe auf, ein Lächeln im Gesicht, bei dem sich alles in ihr zusammenkrampfte.
Und dann, als es längst zu spät war, ging ihr ein Licht auf. Sie kannte den Mann zwar nicht mit Namen, aber sie kannte die Geschichten, die man sich über ihn erzählte. Offiziell wurde nicht darüber gesprochen, und wer es dennoch tat, der riskierte Kopf und Kragen. Im Geheimen und hinter vorgehaltener Hand jedoch umso mehr, weshalb der Werwolf, wie man ihn beinahe ehrfürchtig nannte, zum allgegenwärtigen Schreckgespenst mutierte.
»Wir haben uns schon mal gesehen, erinnerst du dich nicht mehr?«
Diese Stimme, samtweich zwar, aber durchtränkt von abgrundtiefer Verachtung. Und obendrein voller Bosheit, an Perfidie nicht zu überbieten. »Nicht, dass ich wüsste.«
»Oh doch, ich weiß es genau«, tönte es ihr aus dem Halbdunkel im Waggon entgegen, fast wie aus dem Jenseits, als sei dies eine Séance. »Vor zwei Jahren, im Kühlhaus, nur du und ich, wie für einander geschaffen.«
»Ich sagte es doch bereits, ich habe einen …«
»Der kann warten, bis ich mit dir fertig bin«, erwiderte der Unbekannte mit süßlicher Stimme und ließ die Hand auf der Lehne ihrer Sitzbank ruhen. »Weißt du, woran ich gerade gedacht habe? An damals, als wir beide uns kennengelernt haben, du erinnerst dich doch, oder? Was meinst du, wie wär’s, wenn wir ein bisschen in Erinnerungen schwelgen? Ich finde, das wäre doch die Idee, oder was sagt die junge Dame dazu?«
»Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. Kann es sein, dass Sie mich mit jemandem verwechseln?«
»Ich dich verwechseln? Nie und nimmer«, fügte der Mann in süffisantem Ton hinzu, nahm ihren Zopf in die linke Hand und strich mit der Rechten darüber hinweg. »Ich irre mich nie, schönes Fräulein, aber das nur nebenbei.«
Und dann, im Begriff, sich loszureißen, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Dass er Handschuhe trug, hätte sie beinahe übersehen, doch als sie es bemerkte, fuhr ihr der Schreck durch sämtliche Glieder. Wiewohl in Leder gehüllt, fühlte sich die Hand wie die Tatze eines Raubtiers an, zudem deutlich größer als die Linke, die ihren Zopf mit eisernem Griff umklammerte. »Wenn ich es Ihnen doch sage, ich habe Sie noch nie …«
»Jetzt tu doch nicht so, als könntest du nicht bis drei zählen!«, fiel ihr der Unbekannte mit sich überschlagender Stimme ins Wort, die Tatze in Höhe ihrer Wange, die vor Scham beinahe zu glühen schien. »Ich weiß genau, was du vorhast – versuch bloß nicht, mich hinters Licht zu führen, so was wie damals passiert mir nicht noch mal!«
»Lassen Sie mich los, sonst schreie ich um Hilfe!«
»Nur zu, tu dir keinen Zwang an«, presste der Unbekannte zwischen zusammengepressten Fangzähnen hervor, ließ den Zopf unvermittelt los und griff in die Tasche seines Mantels. »Das Dumme ist, kein Mensch wird dich hören, also lass den Quatsch, damit machst du es nur noch schlimmer. In ein paar Minuten hast du es hinter dir, so oder so.«
Oder du, kommt ganz drauf an.
Drei Minuten bis zum nächsten Halt. Ganze drei Minuten musste sie noch durchhalten.
Leichter gesagt, als getan. In drei Minuten konnte viel passieren. Doch egal, was noch kam, sie musste es versuchen. Musste versuchen, dem Monstrum Paroli zu bieten. »So, meinen Sie.«
Die Reaktion ließ nicht auf sich warten. »Jetzt hör mir mal gut zu, du dreckige kleine Nutte«, keuchte der Werwolf, einen Totschläger in der linken Hand, mit dem er ihr Kinn brutal in die Höhe drückte. »Und wenn du noch so viel Theater machst, noch mal falle ich nicht drauf rein. Mach dir darüber keine Illusionen. Mir kannst du nichts vormachen, egal welche Tricks du auf Lager hast.« Der Fiesling lachte triumphierend auf. »Ich schlage vor, wir drehen den Spieß mal um, denn wenn wir schon unter uns sind, kommen wir doch zur Sache. Die S-Bahn ist dafür wie geschaffen, meinst du nicht auch? Du bist ja so ernst, stimmt irgendwas nicht mit dir? Weißt du, ich habe mich so auf unser Wiedersehen gefreut, ich kann mein Glück immer noch nicht fassen.«
»So glauben Sie mir doch«, beteuerte sie mit flehentlichem Blick, und sei es nur, um Zeit zu gewinnen. »Wer auch immer Sie sind, ich kenne Sie nicht. Das ist ehrlich gemeint, ich lüge Sie nicht an. Wie käme ich denn dazu. Wir beide sind uns noch nie über den Weg gelaufen, sonst wüsste ich es noch.«
Einfach nur weiterreden, so lautete ihre Strategie. Jede Sekunde, die verstrich, brachte sie ihrem Ziel näher, und wenn der Zug erst anhielt, dann hatte sie das Schlimmste hinter sich.
Typisch für sie, so zu denken. Das hatte sie von ihrem Vater. So schlimm wie befürchtet würde es schon nicht werden, und wenn doch, ihr würde schon etwas einfallen. »Noch nie, ich lüge Sie nicht an! Weder vor zwei Jahren, noch bei einer Feier, noch auf der Straße oder in der S-Bahn oder …«
»Glaub bloß nicht, du könntest mich um den Finger wickeln, sonst begehst du einen großen Fehler«, fuhr ihr der Unbekannte über den Mund, bohrte den Totschläger in ihren Hals, dass sie kaum noch Luft bekam, und kicherte hysterisch in sich hinein. »Apropos Finger: Ist dir eigentlich klar, was du miese kleine Judenschlampe angerichtet hast? Sieh mich an, ich rede mit dir!«
Ohne eine Reaktion abzuwarten, holte der Unbekannte aus, den Schlagstock drohend über seinem Haupt, um ihr den Schädel einzuschlagen. »Du sollst mich anschauen, hab ich gesagt – sonst kannst du was erleben!«
Hätte sie nicht reflexartig den Arm emporgerissen, der Hieb mit dem Knüppel wäre ihr Ende gewesen. Der Schlagstock traf sie mit voller Wucht, und es kam ihr vor, als würde sie unter einer heranrollenden Sturzwoge begraben. Der Ohnmacht nah, rappelte sie sich auf, ignorierte den Schmerz, der eine Schockwelle nach der anderen durch ihren Körper jagte, und starrte ihren Peiniger trotzig an.
Und stutzte.
Der Mann sah eigentlich ganz normal aus. Salopp gesagt, fast schon ein wenig zu normal. Groß, breite Schultern, kräftig, Dreitagebart, schlank, aber nicht abgemagert, blond und vermutlich auch blauäugig, bei der Schummerbeleuchtung kaum zu erkennen. Auf der Straße wäre er niemandem aufgefallen, und vielleicht war es genau das, was ihn von Gewohnheitsverbrechern unterschied. Der da gerade vor ihr stand, er kam ihr wie der Prototyp des Nordländers vor. Wäre er an ihr vorbeigelaufen, sie hätte ihn nicht mal angeschaut. Das wäre ihm vermutlich recht gewesen, je weniger Aufsehen, desto geringer die Chance, ins Visier der Kripo zu geraten.
Und noch etwas fiel ihr auf, allen Schmerzattacken zum Trotz. Der Mann sah nicht etwa wie der geborene Rowdy aus, sondern hatte weiche, fast knabenhaft zu nennende Züge. Auch die Stimme war weich, für ihren Geschmack jedoch ein wenig zu hoch. Dieser Kerl, dem sie am liebsten ins Gesicht gespuckt hätte, er wusste genau, was er tat. Und er wusste, dass er leichtes Spiel mit ihr haben würde, genau wie mit den Frauen vor ihr, die das Pech hatten, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein.
Wie sie, eine 17-jährige Gymnasiastin aus gutem Hause, die nicht wusste, wie sie die folgenden zwei Minuten überstehen sollte.
Nur noch 120 Sekunden, zwei lumpige, im Zeitlupentempo verrinnende Minuten.
Dann war Rettung in Sicht.
Hoffte sie.
»Antworte, ich hab dich was gefragt! Tut es dir wenigstens leid, was du mir angetan hast, oder …?«
Der Werwolf kam nicht dazu, den Satz zu vollenden. Der Tritt, den sie ihm verpasst hatte, ließ ihn jäh verstummen.
Doch sie hatte sich zu früh gefreut. Denn jetzt ging die Tortur erst richtig los. Schlag auf Schlag prasselte auf sie nieder, einer nach dem andern, sodass ihr Hören und Sehen verging. Angetrieben von blinder Wut, drosch der Unbekannte wie ein Berserker auf sie ein. Wie ein Raubtier, das nur einen einzigen Gedanken kannte, nämlich den Gegner in tausend Stücke zu reißen.
Der Werwolf hatte Recht gehabt. In zwei Minuten hatte sie es hinter sich.
Allerhöchstens.
Es sei denn, es geschah ein Wunder.
Woher sie die Kraft nahm, auf die Beine zu kommen, die Schläge abzuwehren, den gebrochenen Unterarm zu ignorieren, sie gäbe etwas dafür, wenn sie es wüsste. Vielleicht war es ihr Überlebensinstinkt, der ihr die Kraft verlieh, sich nicht widerstandslos in ihr Schicksal zu fügen. Vielleicht war es aber auch nur blinde Wut, weil ihr Peiniger sie wie ein Stück Dreck behandelte, als zähle sie nicht, weil sie erst 17 war. Oder vielleicht war es auch der Drang, es dem Scheusal endlich heimzuzahlen, stellvertretend für all jene, die von ihm auf bestialische Weise getötet worden waren.
Die geglaubt hatten, ein Mensch sei zu so etwas nicht fähig.
Und ob dieser Wahnsinnige das war.
Nur noch eine Minute, oder, auf die Fahrstrecke bezogen, nicht mehr als ein lausiger Kilometer. So lange musste sie sich das Schwein noch vom Leibe halten.
So sie von ihren Kräften nicht im Stich gelassen wurde.
Das Wenige, was ihr noch im Gedächtnis war, es trieb ihr die Schamröte ins Gesicht. Die Hiebe mit dem Totschläger, die wie Glas zersplitternden Knochen, das Dröhnen in ihrem Schädel, der Blutgeschmack im Mund, fade, schal und übelriechend, die geschwollenen Augen, die dafür sorgten, dass sie wie eine Blinde auf allen Vieren im Abteil herumkrabbelte, all das war nichts im Vergleich zu dem, was am Ende des Höllenritts geschah.
Selbst jetzt, Stunden später, wurde sie die Scham, die sie bis in die Katakomben ihres Unterbewusstseins verfolgten, nicht los. Auf einmal, mitten im wüsten Gerangel, hatte sie seine Klaue zwischen ihren Schenkeln gespürt, hart wie aus Stahl, scharf wie die Klaue eines tollwütigen Wolfs.
Erst dann, sprachlos vor Scham, Ekel und Wut, die sie in eine wie entfesselt um sich schlagende Furie verwandelte, erst dann wendete sich ihr Schicksal.
»Bahnhof Karlshorst. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.« Die Stimme im Lautsprecher, die wie von fern in ihren schmerzenden Gehörgang drang, ließ den Unbekannten aufhorchen.
Er musste eine Entscheidung fällen, und das möglichst schnell.
Ihre Gurgel zwischen den Fängen der linken Hand, ließ der Werwolf von ihr ab, rappelte sich auf und sah sie an, als versuche er in ihrem Blick zu lesen. Sie selbst lag einfach nur da, am ganzen Körper zitternd, die Linke vor dem blutüberströmten Gesicht. Die nächsten Sekunden würden über ihr Leben entscheiden, und sie hütete sich, auch nur einen einzigen Laut der Klage zu äußern.
Doch dann, als der Bahnsteig bereits in Sichtweite kam, erwachte der Unbekannte zu neuem Leben, beugte sich über sie und entblößte die rechte Hand.
Der Mann trug eine Prothese, metallisch schimmernd wie der Greifarm eines Automaten.
»Schau sie dir an, du dreckige kleine Schlampe«, knurrte er zähnefletschend vor sich hin, einen Geruch im Mund, der ihren Ekel vor dem Monstrum noch verstärkte. Und kreischte mit sich überschlagender Stimme: »Du sollst hinschauen, hab ich gesagt! Das da habe ich ganz allein dir zu verdanken – oder behauptest du immer noch, du hättest nichts damit zu tun? Und ob du was damit zu tun hast, du mieses Stück Dreck. Halt mich bloß nicht für dumm, sonst wirst du es bitter bereuen. Weißt du überhaupt, was ich durchgemacht habe? Nein? Wegen dir kann ich nicht mehr Violine spielen, und wegen dir kleinem Aas bin ich aus der SS geflogen. Und ausgerechnet du besitzt die Frechheit, zu behaupten, du hättest mich noch nie gesehen.« Der Werwolf lachte diabolisch auf. »Weißt du, was ich denke? Ich denke, wir machen es ein bisschen spannend. Der Reiz des Ungewissen – du verstehst. Wenn ich gewollt hätte, du wärst längst tot, oder glaubst du wirklich, du könntest mir das Wasser reichen? Da müsste schon jemand anderes kommen als du, machen wir uns nichts vor. Kurzum, um dich leiden zu sehen, brauche ich Zeit. Viel Zeit. Denn wenn ich schon meinen Kopf riskiere, möchte ich wenigstens auf meine Kosten kommen. Die anderen fünf, das war erst der Anfang, die Ouvertüre, um es dezent zu formulieren. Mit dem, was dir blüht, nicht im Mindesten zu vergleichen. Glaub mir, der Tag wird kommen, an dem du bereust, mich zum Krüppel gemacht zu haben. Meine Rache wird furchtbar sein, also mach dich auf was gefasst. Egal, wo du bist, egal, wo du dich versteckst, egal, was du dir einfallen lässt, um mich an der Nase herumzuführen, du entkommst mir nicht!«
An der Abteiltür angekommen, riss der Unbekannte eine Pistole hervor, zielte auf ihren Kopf und zischte: »Das Einfachste wäre, dir eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Aber keine Angst, mit dem Schießprügel zu agieren ist nicht unbedingt mein Ding. Gut Ding will Weile haben, das ist nun einmal so. Aber was soll’s, wenn es so weit ist, werde ich dich aufspüren – und wenn es Jahre dauert, bis ich dich finde. Ich komme wieder, sei gewarnt!« Die Augen weit offen, warf der Unbekannte einen verzückten Blick nach oben, während ihm der Speichel in Strömen zwischen den Mundwinkeln hervorsickerte. Und sprach mit bebender Stimme: »Ewige Ruhe gib ihnen, Herr, zu dir wird kommen alles Fleisch!«
Kurz darauf, nachdem der Zug endlich zum Stehen gekommen war, war er wie vom Erdboden verschluckt.
CONFUTATIS
Wenn zum Schweigen gebracht werden die Verdammten,
Flammis acribus addictis,
den verzehrenden Flammen ausgesetzt werden,
Voca me cum benedictis.
dann rufe mich mit den Gesegneten.
Oro supplex et acclinis,
Ich bitte unterwürfig und demütig
Cor contritum quasi cinis,
mit einem Herzen, das sich in Reue im Staub beugt,
Gere curam mei finis.
trag Sorge zu meinem Ende.
(Wolfgang Amadeus Mozart, Requiem)
2
Berlin-Schöneberg, Kaiserin-Auguste-Viktoria-Krankenhaus
21:30 Uhr
»Eine Vernehmung, in diesem Zustand? Kommt überhaupt nicht infrage, Herr Kommissar!«
Der Chefarzt sah seinem Vater zum Verwechseln ähnlich. Das war die eine Hälfte des Problems. Die andere bestand darin, dass er sich auch so benahm. Und genau damit kam Tom Sydow nicht zurecht.
»Seien wir doch mal ehrlich: Wären Sie an meiner Stelle, Sie würden genauso handeln. Die Ärmste hat genug durchgemacht, und wenn sie etwas braucht, dann ist es Ruhe – und zwar so viel wie irgend möglich.«
»Und was, wenn der Täter erneut zuschlägt? Ihre Fürsorge in allen Ehren, aber …«
»Kein Aber, Herr von Sydow. Meine Entscheidung steht unverrückbar fest.«
Der Halbgott in Weiß hatte gesprochen.
Eine finale Geste, und Sydows Déjà-vu-Erlebnis war komplett.
So hatte es zumindest den Anschein. »Schlagen Sie sich das aus dem Kopf, Herr Kommissar. Morgen früh sehen wir weiter.«
»Auf die Gefahr, Ihr Nervenkostüm zu strapazieren: Bis dahin könnte es zu spät sein.« Und dann auch noch die Reminiszenzen an seinen alten Herrn, mit dem ihn eine innige Hassliebe verband. Für Sydow, dem die Anstrengung deutlich ins Gesicht geschrieben stand, des Schlechten entschieden zu viel. »Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, Herr Doktor: Jede Minute zählt. Je früher ich mit dem Mädchen reden kann, desto größer die Chancen, den Täter hinter Schloss und Riegel zu bringen.«
»Ich denke, ich habe mich klar genug ausgedrückt. Das Wohl der Patientin geht vor.«
»Das will ich ja auch gar nicht bestreiten, Herr Doktor …«
»Wilmers. Facharzt für Klinische Chirurgie«, vollendete die anerkannte Koryphäe, rein äußerlich in den besten Jahren, wofür seine Gesichtsbräune beredt Zeugnis ablegte. Das eisgraue Haar fiel dabei nicht übermäßig ins Gewicht, und man musste schon genauer hinsehen, um die Falten unter den stahlblauen Augen zu entdecken. »Nehmen Sie es bitte nicht persönlich, Herr Kommissar«, fuhr der Stationsleiter höflich, aber bestimmt fort, gab Sydow einen Wink, ihm zu folgen, und trat an die schalldichte Panoramascheibe, um einen Blick auf die 17-jährige Notfallpatientin zu werfen. »Aber ich kann das nun mal nicht verantworten. Wie gesagt, morgen ist auch noch ein Tag.«
Der Kopf gleich mehrfach bandagiert, das Gesicht, in dem es kaum noch eine unversehrte Stelle gab, dunkelrot gefleckt, der linke Arm fast vollständig von einem Verband umhüllt, während der rechte an der mobilen Drainage hing. Ein Anblick, bei dem Sydow Mühe hatte, den Groll in seinem Inneren zu bezähmen. »Wie Sie sehen, hat die junge Dame schwerste Verletzungen erlitten, und wir können von Glück sagen, dass sie noch am Leben ist.«
»Das können wir in der Tat«, räumte Sydow mit nachdenklicher Miene ein, wechselte einen Blick mit dem zuständigen Revierleiter und kam nicht umhin, den Chefarzt genauer in Augenschein zu nehmen. Die Ähnlichkeit mit seinem Vater war frappierend, und wie immer, wenn er mit seinem Vorleben konfrontiert wurde, machte sich Wehmut in ihm breit. Zeitlebens waren sie sich nie wirklich nah gewesen, nicht etwa, weil der Wille dazu fehlte, sondern weil Vater und er den gleichen Sturkopf besaßen. Kam es zu Streitigkeiten, die zuletzt überhandnahmen, konnte von Einlenken nicht die Rede sein. Auch deswegen, weil seine Mutter zunehmend Partei für ihn ergriff. Der häusliche Friede, sofern man das Wort in den Mund nehmen konnte, war somit nachhaltig gestört. Ein Grund unter vielen, weshalb sich seine Mutter nicht anders zu helfen wusste, als die Scheidung einzureichen. An den Moment, als sie ihre Koffer packte, um in ihre englische Heimat zurückzukehren, erinnerte sich Sydow noch genau, als ob es erst gestern Abend gewesen wäre. Das Geräusch, wie sie die Freitreppe hinunterging, die Schritte auf dem Kiesweg vor dem Herrenhaus am Neuruppiner See, das herumwirbelnde Herbstlaub, bleifarben und vermodert, die Abfahrt des Taxis vor der Toreinfahrt, das mit aufheulendem Motor davonraste, als befände sich die Insassin auf der Flucht, all das würde er nie vergessen.
»Sieht wirklich schlimm aus, Herr Doktor, keine Frage.« Vor fünf Jahren, als er zur Kripo ging, war es dann zum Bruch zwischen ihm und seinem alten Herrn gekommen. Sydows Weigerung, die Tradition des Hauses fortzuführen und wie sein Vater in den diplomatischen Dienst einzutreten hatte das Fass zum Überlaufen gebracht. An Versuchen, den Riss zwischen ihm und dem Chef des Hauses zu kitten, hatte es zwar nicht gemangelt. Doch selbst seine Schwester, bei seinen Eltern schon seit Kindertagen die Nummer eins, hatte es nicht geschafft, den Disput zwischen Vater und Sohn zu beenden. Sein alter Herr machte ihm zum Vorwurf, dass er zur Kripo gegangen war, unter anderem, weil er die Meinung vertrat, für einen von Sydow zieme sich so was nicht. Wie nicht anders zu erwarten, hatte der so Gescholtene die Kritik nicht auf sich sitzen lassen und argumentiert, als Ministerialdirigent im Außenministerium mache sein Vater mit den Nazis gemeinsame Sache. Für Letzteren Grund genug, den Filius in hohem Bogen vor die Tür zu befördern und sämtliche Leinen, die Sydow mit ihm verbanden, abrupt und unwiderruflich zu kappen. Er selbst ließ es geschehen – und dachte trotz aller Wehmut nicht im Traum daran, den Kontakt zu seiner Familie wieder aufzunehmen.
»Stur wie ein Preuße«, wenn es jemanden gab, auf den der Vergleich zutraf, dann war es Tom Sydow, Kommissar bei der Kriminalinspektion Berlin. »Wie Sie bereits sagten, Herr Doktor: Die Rekonvaleszenz der Patientin geht vor.«
»Aber?«
Sydow gab ein ratloses Schnauben von sich, gestikulierte ziellos mit der Hand und dachte kurz nach, bevor er weitersprach: »Sie sagten doch, das Mädchen sei übern Berg, oder verstehe ich Sie da falsch?«
»Keineswegs«, gab Wilmers mit entschiedener Miene zurück, nahm die Brille ab, um sie am Ärmel seiner Kutte abzureiben, und sah sein Gegenüber abwägend an. »Aber das hat nicht viel zu sagen, Herr Kommissar. Sie sehen ja selbst, der linke Arm des Mädchens ist gebrochen, und ich denke, wir können davon ausgehen, dass sie sich ein schweres Schädel-Hirn-Trauma zugezogen hat. Ob und inwieweit das Nervenzentrum in Mitleidenschaft gezogen wurde, können wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht sagen. Dazu wäre es zu früh, die Untersuchungen sind noch im Gange. Sicher ist, das Mädchen hat ordentlich was abbekommen, dazu Hämatome, Blutergüsse und Schwellungen an den Armen. Von daher wage ich zu bezweifeln, ob es Sinn macht, sie einer polizeilichen Befragung zu unterziehen.«
»Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, aber …«
Der Chirurg schüttelte entschieden den Kopf. »Ich kann verstehen, was in Ihnen vorgeht, Herr Kommissar. Es ist Ihre Aufgabe, den Vorfall so schnell wie möglich aufzuklären, und als Privatmann habe ich vollstes Verständnis dafür. Aber als Arzt muss ich darauf bestehen, dass das Wohlergehen der Patientin Vorrang hat, ungeachtet der Konsequenzen, die sich daraus ergeben.« Die Hände abwehrend in die Höhe gestreckt, ließ sich Wilmers nicht erweichen. »Bitte üben Sie sich in Geduld, die Patientin braucht dringend Ruhe.«
»Ich möchte Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber mit Geduld allein kommen wir hier nicht weiter.«
»Versetzen Sie sich doch mal in ihre Lage, Herr Kommissar. Von einem wildfremden Mann halbtot geprügelt zu werden, das muss man doch erst mal verkraften. Bedeutet, wie es mit ihrer Psyche steht, möchte ich gar nicht wissen. Bei allem Verständnis, schlagen Sie sich das mit der Vernehmung aus dem Kopf. Als Mediziner kann ich die Belastung nicht verantworten.«
»Eine Frage noch, Herr Doktor. Gibt es Anhaltspunkte, die auf eine Vergewaltigung schließen lassen?«
»Sagen wir mal so: Es sieht so aus, als habe er es versucht.«
»Er?«
»Na, der Täter, um wen auch immer es sich gehandelt haben mag. Wenn wir gerade dabei sind: Wenn man auf Volkes Stimme hört, dann steht seine Identität ja wohl fest, oder?«
Sydow schnaubte amüsiert. »Schön wär’s. Um ganz ehrlich zu sein, wir haben nicht mal eine heiße Spur.«
»Und wer tut so was?«
»Ich wäre froh, wenn ich es wüsste, Herr Doktor Wilmers.«
»Jetzt machen Sie aber mal einen Punkt, Herr Kommissar«, hielt der Chirurg in einem Anflug von Unverständnis dagegen, die Brille zwischen Daumen und Zeigefinger, an der er mit geistesabwesendem Blick herumhantierte. »Sie wissen doch genau, wer als Mörder infrage käme, oder sehe ich das falsch?«
»Glauben heißt nicht wissen, Herr Doktor Wilmers«, machte Sydow dem Rätselraten ein Ende, deutete auf die Patientin und sagte: »Sie sagen also, er hat versucht, das Mädchen zu missbrauchen?«
»Missbrauch ist gut!«, stieß der Stationsleiter erbittert hervor, sichtlich mitgenommen, wie das Zittern der wohltönenden Tenorstimme bewies. »Sagen wir mal so, ich muss lange zurückdenken, um mich an einen ähnlich schwerwiegenden Vorfall zu erinnern.«
»Sie werden es nicht glauben, ich auch.«
»Falls es Sie tröstet, Herr Kommissar, ich möchte nicht in Ihrer Haut stecken.« Die Stirn in einem Meer von Falten, die wie Risse in einer antiquierten Stuckdecke anmuteten, setzte Wilmers die Brille wieder auf, kratzte sich nachdenklich an der grau melierten Schläfe und ließ den Blick auf der 17-jährigen Patientin ruhen. »Wundmale an der Vagina, Kratzspuren am Oberschenkel, dazu Blutspuren im Schlüpfer. Ich kann mir nicht helfen, Herr von Sydow, aber wenn ich mir vorstelle, was noch alles hätte passieren können, dann bekomme ich das kalte Grausen.«
»Auch da kann ich Ihnen nur zustimmen, Herr Chefarzt. Apropos: Das ›Von‹ können Sie sich sparen, mit der Etikette habe ich es nicht so.«
»Und Sie sich die umständliche Anrede, mein Nachname tut es voll und ganz.«
»Na, dann wären wir uns ja einig«, erwiderte Sydow und rang sich zu einem schwachen Lächeln durch. »Jedenfalls beinahe, wenn ich das mal so sagen darf.«
»Wie darf ich das verstehen?«
»Sehen Sie mal: Ich – beziehungsweise wir alle – wir alle sitzen doch im gleichen Boot.«
»Inwiefern?«
Die Hände auf dem Sims, ließ Sydow den Kopf auf die Brust sacken. Die Anspannung forderte ihren Tribut, und es fiel ihm immer schwerer, den Faden nicht zu verlieren. »Sie gestatten, dass ich Ihnen eine Frage stelle?«
Bodo Wilmers deutete ein Nicken an.
»Haben Sie Kinder?«
Der Stationsleiter pflichtete nickend bei. »Zwei, falls Sie es genau wissen wollen – einen Sohn und eine 15-jährige Tochter, wieso …?«
Im Begriff zu antworten, brach Wilmers unvermittelt ab. »Hartnäckig sind Sie ja, das muss Ihnen der Neid lassen.«
»Ach, wissen Sie, das bringt mein Beruf so mit sich«, schmunzelte Sydow und ließ es sich nicht nehmen, Kalinke einen vielsagenden Blick zuzuwerfen. »Mein Kollege und ich sind da einiges gewohnt. Was unsere Stammkunden betrifft, gibt es nichts, was uns beide aus der Bahn werfen kann. Und wenn wir gerade von Hartnäckigkeit reden, die gehört nun mal zum Geschäft.«
»Und was ist mit Ihnen?«
Sydow stutzte. »Bedaure, wenn ich Ihnen gerade nicht folgen kann, aber was soll denn mit mir …?«
Der Chirurg setzte ein tiefgründiges Lächeln auf. »Ob Sie Kinder haben, wollte ich wissen – oder möchten Sie nicht darüber reden?«
»Doch. Schon.«
»Und?«
»Kinder? Verschonen Sie sich mich bloß damit!«, rief Sydow aus, verzweifelt bemüht, das Gespräch zum eigentlichen Thema zurückzuführen. »Kommen wir lieber zum Geschäft, ich möchte Sie nicht unnötig von der Arbeit abhalten.«
»Wissen Sie, Herr Doktor: Mein einfühlsamer Kollege ist selbst noch ein Kind, und die Frau möchte ich sehen, die es länger als eine Woche mit ihm aushält.« Wie immer, wenn es darum ging, ihm ein Bein zu stellen, war auf Kalinke absolut Verlass. »Stimmt’s oder hab ich Recht, Herr Kommissar?«
»Du und deine Kommentare, das hat mir gerade noch gefehlt«, blaffte Sydow zurück, warf Kalinke einen wütenden Blick zu und sah die Anwesenden in der Manier eines Stabsfeldwebels an. »Also was ist, könnten wir jetzt vielleicht zum Thema kommen? Oder ist es den Herrschaften lieber, wenn wir morgen früh noch rumpalavern?«
»Können wir, Herr Kommissar«, stimmte Wilmers lächelnd zu, wechselte ein paar Worte mit der Oberschwester und verkündete in unmissverständlichem Ton: »Fünf Minuten, aber keine Sekunde mehr. Und nur, weil Sie es sind!«
Dann entschwand er Sydows Blicken.
»Verbindlichen Dank!«, rief Sydow dem Alter Ego seines Vaters hinterher, einen Seufzer der Erleichterung auf den Lippen, den er sich aus naheliegenden Gründen verkniff. Dann wandte er sich an den Leiter des 256. Reviers in Karlshorst, dessen Namen er in der Hektik vergessen hatte. »Um Zeit zu sparen – was wissen wir über die junge Dame?«
Der schweißüberströmte Revierleiter, der Kalinke in puncto Gewicht noch übertraf, knetete die platte Nase und begnügte sich damit, die denkbar knappste Antwort zu geben. »Nicht viel.«
»Dann schießen Sie mal los, Herr … Wie war doch gleich der werte Name?«
»Olbricht«, gab das wandelnde Phlegma bekannt, bei dem der Rumpf fast nahtlos in den Kopf zu münden schien. Dann verdrehte er die dunklen Knopfaugen, räusperte sich und leierte: »Polizeiobermeister Hans Olbricht vom 256. Revier in Karlshorst, wenn’s gefällig ist.«
»Ist es, heutzutage freut man sich schließlich über alles«, gab Sydow in launigem Tonfall zurück, bemüht, sein aufbrausendes Naturell zu zügeln. »Dann schießen Sie mal los, Herr Kollege – was gibt es über das Mädchen zu sagen?«
»Wie gesagt, viel war aus ihr nicht herauszu…«
»Name, Alter, Elternhaus, Adresse – das kann doch nicht so schwer sein, oder?«
Olbricht fuhr erschrocken zusammen, kramte sein Notizbuch hervor und schnarrte: »Laut meinen Informationen ist das Mädchen 17 Jahre alt, stammt aus Köpenick und geht aufs Gymnasium, das heißt in die dortige Eichendorff-Schule.«
»Und heißt?«
»Bruckmann – Elsa Bruckmann.«
»Vater?«
»Stadtkämmerer und Ortsgruppenleiter der Partei, einer von den Hundertprozentigen, wenn die Bemerkung gestattet ist.«
»Ist sie, wir sind ja schließlich unter uns. Und weiter?«
»Was soll ich sagen«, ließ Olbricht achselzuckend verlauten, einen verdatterten Blick im feisten Gesicht. »Bis jetzt … äh … Bitte um Entschuldigung, aber wie ich zu meiner Schande gestehen muss, gäbe es da noch ein kleines …«
»Problem?«
Der Revierleiter nickte wie ein Wackelhund. »Die Sache ist nämlich die: Bis jetzt ist es uns noch nicht gelungen, die Eltern des Mädchens zu erreichen.«
»Einen kleinen Moment, Herr Kollege, bevor ich es vergesse. Wann genau hat Sie die Nachricht über die Gewaltattacke erreicht?«
Olbricht blätterte kurz in seinen Unterlagen, hob den Blick und sagte: »Um zwanzig nach sieben, Herr Kommissar.«
Sydow glaubte, er habe sich verhört. »Wollen Sie damit sagen, Sie und Ihre Chaoten-Combo haben über eineinhalb Stunden gebraucht, um uns zu verständigen? Sagen Sie mal, haben Sie eigentlich noch alle Tassen im Schrank? Was ist das denn für ein lahmarschiger Verein, das haut ja den stärksten Zuhälter um! Wir beide reißen uns den Hintern auf, um diesen Werwolf beim Kanthaken zu kriegen, und die Kollegen in Karlshorst machen Dienst nach Vorschrift. Ich will Ihnen mal was sagen, Sie Trantüte: Jede Minute, die nutzlos verstreicht, kann eine weitere Frau das Leben kosten, geht das in Ihren Charakterkopf hinein? Jede Minute, die wir mit sinnlosem Gequatsche verplempern, könnte dazu führen, dass wir uns weiter bis auf die Knochen blamieren, als ob das nicht schon oft genug der Fall gewesen wäre.« Sydow schüttelte entnervt den Kopf. »Fünf Tote, und Sie tun so, als gehe die Welt davon nicht unter. Als müssten Sie nur ein paar Strafzettel verteilen, und dann sei die Sache erledigt. Sind wir doch mal ehrlich, Herr Kollege: Wenn die Sicherheitskräfte auf Draht wären, dann hätte der Werwolf keine Chance. Was ich damit sagen will, ist: Noch so ein Vorfall wie heute, und wir sind bei den Leuten unten durch. Und zwar endgültig. Ergo: Entweder wir ziehen alle an einem Strang oder der Werwolf macht uns endgültig zum Affen. Fünf Tote sind genug, oder wollen Sie, dass die Gestapo den Fall Werwolf übernimmt? Wie ich sehe, sind Sie lange genug im Geschäft, um sich vorzustellen, welche Konsequenzen das für die beteiligten Kollegen haben könnte. Eins garantiere ich Ihnen, werter Herr Olbricht: Wenn die Jungs aus der Prinz-Albrecht-Straße erst in Fahrt kommen, dann gibt es für die Truppe kein Halten mehr. Dann werden Köpfe rollen, und wenn es der Teufel – will heißen: der Reichsführer – will, dann können Sie sich einen anderen Job suchen. Falls Sie überhaupt dazu kommen, das sollte ich vielleicht dazusagen. Noch Fragen, Herr Polizeiobermeister, oder muss ich vielleicht noch deutlicher werden?«
»Das war deutlich genug, Tom. Es reicht.« Kalinke hob gebieterisch die Hand, warf Sydow einen strafenden Blick zu und sagte: »Um mit deinen Worten zu reden, kommen wir zum Geschäft.«
»Jetzt mach aber mal halblang, Erich. Man wird doch wohl noch seine Meinung sagen …«
»Nein, darf man nicht!«, fuhr Kalinke gereizt dazwischen, den Zeigefinger drohend auf seinen Kollegen gerichtet. »Jetzt rede ich – und du hast erst mal Sendepause. Frage an den Kollegen Olbricht: Wie weit sind Sie mit den Recherchen?«
»Erst am Anfang, fürchte ich. Hätten wir mehr Personal, dann …«
»Falls es Sie tröstet, die Generäle in Russland haben das gleiche Problem.«
Olbricht atmete geräuschvoll aus. »Wir haben einfach nicht genug Leute, ob Sie es mir abnehmen oder nicht.«
»Anderes Thema. Gibt es Spuren?«
»Blutflecken auf den Polstern und auf dem Boden, hier und da auch an der Wand, aller Wahrscheinlichkeit nach vom Tatopfer.« Der Revierleiter machte eine hilflose Geste. »So leid es mir tut, das wäre es schon gewesen.«
»Mehr war nicht?«
»Wie gesagt, die Kollegen sind noch bei der Arbeit.«
»Fingerabdrücke?«
»Jede Menge«, antwortete Olbricht und zuckte entschuldigend mit den Schultern. »War ja auch nicht anders zu erwarten, oder? Der Zug war von frühmorgens an unterwegs, hätte mich auch gewundert, wenn es anders gewesen wäre.«
»Augenzeugen?«
»Nicht dass ich wüsste.«
»Und die Bediensteten am Bahnhof Karlshorst?«
»Sagen, sie hätten nichts Auffälliges bemerkt.«
Kalinke zog verstimmt die Augenbraue hoch, holte tief Luft und sagte: »Was schätzen Sie, wie viele Leute saßen zum Tatzeitpunkt im Zug?«
»Moment mal, haben wir gleich.« Olbricht blätterte sein Notizbuch durch, hielt mit gerunzelter Stirn inne und atmete aus, als habe er einen Dauerlauf absolviert. »Alles in allem befanden sich circa 40 Personen an Bord, die Mehrheit in der zweiten und nur einige wenige in der ersten Klasse.«
»Wie viele genau?«
»Kann man beim besten Willen nicht sagen. Sie können sich vorstellen, bis wir vor Ort waren, hat es einige Minuten gedauert. Von daher kann man nicht ausschließen, dass sich der eine oder andere aus dem Staub …«
»Verstehe. Apropos, wer hat das Tatopfer gefunden?«
»Der Stationsvorsteher.«
»Ich nehme an, Sie haben sich den Namen des besagten Herrn notiert?«
»Selbstverständlich. Den Namen und die Adresse.«
»Verstehe ich Sie richtig, Herr Polizeiobermeister: Keiner der Fahrgästen war imstande, der Polizei sachdienliche Hinweise zu geben?«
Olbricht bejahte. »Sie wissen ja, wie die Leute sind. Einigen war es schon zu viel, dass sie auf den nächsten Zug warten mussten. Da war vielleicht was geboten, das können Sie mir glauben. Aber was soll’s, die Idioten sterben nun mal nicht aus, und wenn wir uns alle auf den Kopf stellen.«
»Mit anderen Worten, es sieht so aus, als habe kein Mensch etwas von der Attacke mitbekommen, weder im Vorfeld noch im Anschluss.«
»Korrekt. Ach so, eins sollte ich vielleicht noch erwähnen. Der Stationsvorsteher hat ihnen was vom Pferd erzählt, von wegen Maschinenschaden und so.«
»Hut ab, der Mann hat sich ein Sonderlob verdient.« Kalinke blickte nachdenklich vor sich hin. »Eine Frage noch, Herr Kollege: Wie kam der Stationsvorsteher eigentlich dazu, einen Blick in den Waggon …«
»Moment mal, damit wir uns nicht falsch verstehen«, platzte der Revierleiter mit einer fahrigen Handbewegung heraus, steckte das Notizbuch ein und ergänzte: »Nach den mir vorliegenden Informationen war es nicht der Stationsvorsteher, der auf die Schwerverletzte aufmerksam wurde, sondern …« Auf einen Schlag kreidebleich, rang der Revierleiter nach Worten, schloss die Augen und schüttelte unentwegt den Kopf. »Ich Idiot, wie kann man nur so bescheuert sein!«
Böses ahnend, hüllte sich Kalinke in Schweigen.
»Ich Blödmann. Dämlicher geht es wirklich nicht.« Der Revierleiter war untröstlich, und wie um dies zu demonstrieren, winkte er mit einer schlaffen Handbewegung ab. »Ich könnte mich ohrfeigen. Bitte nehmen Sie es mir nicht krumm, Herr …«
»Kommt drauf an, worum es geht«, schaltete sich Sydow unvermittelt ein, wechselte einen wissenden Blick mit seinem Partner und ging vor dem Revierleiter in Stellung, die Hände fast krampfartig gegen die Hüften gepresst. »Lassen Sie mich raten, Herr Kollege: Könnte es sein, dass der Mann, von dem hier die Rede ist, mit einer Uniform bekleidet war?«
Olbricht nickte devot.
»Mit einer Uniform der Deutschen Reichsbahn?«
Am Boden zerstört, stimmte der Revierleiter zu.
»Donnerwetter, der traut sich aber was!« Ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, brach Sydow das Gespräch mit Olbricht ab, bedeutete Kalinke, ihm zu folgen, und begab sich zu der Glastür, die den Warteraum mit der angrenzenden Intensivstation verband. »Aber wie heißt es so schön: Hochmut kommt vor dem Fall.«
»Und was, wenn er weiterhin keine Fehler macht?«, erwiderte Kalinke, dem die Skepsis ins übermüdete Profil gemeißelt war. »Du weißt doch, der Kerl ist mit allen Wassern gewaschen.«
»Ist er nicht.«
»Und warum?«
»Wenn dem so wäre, hätte er die Kleine umgebracht – so herzlos das auch klingen mag«, versetzte Sydow mit tonloser Stimme, drückte auf die Klingel und machte ein Gesicht, das vor Groll und Abscheu nur so strotzte. »Na, dann wollen wir mal, Herr Kollege, wäre doch gelacht, wenn er uns durch die Lappen gehen würde!«
3
Berlin-Lichtenberg, Osthafen
21:50 Uhr
Er hatte es in der Hand gehabt. Aber dann war die Sache aus dem Ruder gelaufen. Wieso, konnte er nicht sagen. An ihm hatte es nicht gelegen, denn die Kleine lag genau auf seiner Linie.
Einfach zum Anbeißen.
Sechs tote Frauen, und es wäre vorbei gewesen. Aus und vorbei, für alle Zeiten.
Stattdessen hatte er die Tour vermasselt. Wie unter Drogen, ohne Mumm in den müden Knochen.
Wie konnte man nur so töricht sein.
Ausgerechnet ihm, dem erklärten Perfektionisten, musste das passieren. Auch jetzt, um Haaresbreite entwischt, konnte er es immer noch nicht fassen. All die Male zuvor hatte er nicht lange gefackelt und sein Ding ohne Wenn und Aber durchgezogen. Vorhin jedoch, als das Flittchen halbtot am Boden kauerte, da kam es ihm vor, als sei er nicht mehr richtig bei der Sache.
Völlig unnütz, sich etwas vorzulügen. Ein Anfänger hätte es besser gemacht.
Die Frage war, wie konnte es dazu kommen. Selbst im Nachhinein, zweieinhalb Stunden später, hätte er sich dafür ohrfeigen können. Um bis zum Äußersten zu gehen, durfte man keine Emotionen zeigen. Das war ehernes Gesetz. Und schon gar nicht durfte man den Fehler begehen, die Ausführung der Tat auf die lange Bank zu schieben. Eine Panne, die ihm nie und nimmer hätte unterlaufen dürfen. Profis wie er, die das Töten von der Pike auf beherrschten, solche Leute durften sich nicht aus der Ruhe bringen lassen.
Zuerst der Totschläger, dann das Hackmesser und im Anschluss das Finale Furioso, der Schlussstrich unter die Vergangenheit. Gefolgt von der Entfernung des Leichnams, nur noch ein blutverschmierter Klumpen Fleisch, für den sich kein Mensch mehr interessierte.
So weit die übliche Prozedur.
Im Grunde verstand er die Welt nicht mehr. Fünfmal hatte es wie am Schnürchen geklappt, nur vorhin nicht, als habe der Teufel die Hand im Spiel. Kein Zweifel, es war ein Fehler gewesen, sich von der Göre um den kleinen Finger wickeln zu lassen. Und es war geradezu eine Torheit gewesen, das durchtriebene Luder am Leben zu lassen. Hätte er sie liquidiert, mit Sicherheit das Vernünftigste, dann wäre er jetzt fein raus gewesen.
Mission beendet, von wegen.
Das Desaster war perfekt, und wie die Dinge lagen, musste er es auf die eigene Kappe nehmen.
Eine Panne wie vorhin durfte es nicht mehr geben. Sonst lief er Gefahr, den Bogen zu überspannen.
Kommando zurück, Herr Unterscharführer.
Reißen Sie sich gefälligst zusammen.
Wie sehr er diesen Spruch doch hasste. Als ob das, was ihn bis in den Schlaf verfolgte, als bloße Lappalie durchgehen würde. Weit gefehlt, von welcher Seite man seinen Aussetzer auch betrachtete. Denn wenn es jemanden gab, der für den krönenden Abschluss infrage kam, dann Miss Unbekannt in der geschniegelten BDM-Uniform. Drall, dunkler Teint, um die 17, nach außen züchtig wie eine Nonne – aber natürlich nur nach außen, wo kämen wir da auch hin –, und somit genau seine Kragenweite, das Feinste vom Feinen, frisch aus der Gourmetküche sozusagen.
Etwas für Genießer, besonders der letzte Gang.
Und dann, nach vollendeter Tat, nichts wie ab durch die Mitte.
Auf Nimmerwiedersehen.
Selbst wenn die Welt unterging, das nächste Mal würde er Nägel mit Köpfen machen. Egal was noch passierte, Alternativen gab es nicht. Und wenn die aufgetakelten Evastöchter, die ihm tagtäglich über den Weg liefen, auch wie die fleischgewordene Versuchung aussahen. Einen Patzer wie vorhin, als er es mit Mühe und Not geschafft hatte, die Kurve zu kratzen, den würde es nicht mehr geben.
Das hatte er sich geschworen.
Am Ufer der Spree angelangt, zündete er sich eine Fluppe an, blies den Rauch in die von Schwüle gesättigte Luft und ließ den Blick auf den schlackefarbenen Fluten ruhen. Die Dunkelheit war nahezu vollkommen, der Treptower Park, wo die Hausboote träge vor sich hindümpelten, nur in Umrissen zu erkennen. Ihm selbst machte das nichts aus, denn er war mit jedem Quadratmeter Boden vertraut. Fast schien es, als sei er wieder zu Hause, und je länger er auf dem Verladekai ausharrte, desto mehr sehnte er sich nach den Tagen seiner Kindheit zurück.
Danzig Anfang der Zwanziger, wie unbeschwert die Jugend doch gewesen war. Sooft er konnte, hatte er sich mit seinen Freunden am Hafen herumgetrieben, zum Missfallen seiner Eltern, die ihn keine Minute aus den Augen ließen. Mit dem sogenannten Freistaat, in dem sie lebten, hatten die beiden nichts am Hut gehabt. Umgang mit Polen, für Mama der Abschaum schlechthin, war unter Androhung von Hausarrest verboten, wie im Übrigen auch derjenige mit Juden, die, so die glühende Wagnerianerin, hinter der Verschwörung gegen die arische Rasse steckten. Auch wenn er noch so angestrengt nachdachte, an Liebkosungen der bigotten Mutter konnte er sich beim besten Willen nicht erinnern. Zuerst kam Mozart, die einzige und große Liebe in ihrem Leben, danach kam ihr Flügel, den sie wie den Nibelungenhort hütete, und erst dann, an dritter Stelle und mit weitem Abstand, kam ihre Familie, über die sie wie eine orientalische Despotin herrschte. Was auch passierte, die Violinenstunden ihres Ältesten gingen vor, seit jeher war das ehernes Gesetz gewesen. Und wer war er, der er es gewagt hätte, der herrschsüchtigen Walküre zu widersprechen.
Ein leichter Windstoß, eher ein Lüftchen, bereitete den Reminiszenzen ein Ende. Jäh aus den Grübeleien gerissen, richtete er sich ruckartig auf. Selbst wenn die Erinnerung ihn nicht losließ, die Realität hatte Vorrang. Alles andere war jetzt nebensächlich, pure Augenwischerei. Das Kapitel Danzig war für ihn beendet, der Weg zurück für immer versperrt. Er hatte eine Mission zu erfüllen, und danach würde man weitersehen.
Doch egal was noch kam, die Vergeltung für damals würde furchtbar sein.
Wehe all jenen, die es wagten, sich ihm in den Weg zu stellen.
Sie würden es bitter bereuen.
Um zu erreichen, was er geplant hatte, war Vorsicht das Gebot der Stunde, wichtiger noch als seine Tarnung, die aus einem ölverschmierten Overall bestand. Er als Hafenarbeiter, die ultimative Lachnummer. Doch wie die Dinge lagen, hätte er sich die Mühe sparen können. Ein halbes Dutzend Spreekähne, beladen mit Kies, Sand und Altmetall, dazwischen ein Verladekran, im Hintergrund das Gebäude der Hafenmeisterei. Und am Horizont, anhand der Turmspitzen gut zu erkennen, die Silhouette der Oberbaumbrücke, über die ein unbeleuchteter Zug hinwegratterte. Die Fenster abgedunkelt, streng nach Vorschrift. Viel mehr war inmitten der Schattenwelt, die seine Gestalt vor den Blicken unerwünschter Zeugen verbarg, nicht zu sehen.
Am Kreuzberger Ufer, einem Sammelsurium von Lagerhallen, Mietskasernen und Fabrikschloten, die wie ausgestreckte Finger in den Nachthimmel ragten, das gleiche Bild. Die Eintönigkeit war buchstäblich mit Händen zu greifen, und kein Mensch, der sich spätabends noch die Beine vertrat, würde auf die Idee kommen, dem verödeten Areal einen Besuch abzustatten.
Es sei denn, er wollte unbeobachtet bleiben.
Wie er, der personifizierte Schrecken.
Kurz nach zehn, die Minuten schlichen wie im Zeitlupentempo dahin. Seit jeher war ihm Unpünktlichkeit ein Gräuel gewesen und er fragte sich, was sein Ex-Kamerad damit bezweckte. Früher, als sie den Polen die Hölle heißgemacht hatten, wäre ihm das nie passiert. Dazu war er viel zu korrekt, wenn nicht sogar verbohrt gewesen. Frei nach dem Motto: »Meine Ehre heißt Treue, und mein Ehrgeiz kennt keine Grenzen.« Hut ab, konnte man da nur sagen. Der Mann hatte begriffen, wo es langging. Um in der SS Karriere zu machen, durfte man sich durch nichts von der Marschroute abbringen lassen. Weder durch Skrupel noch durch das Gewissen oder die vielzitierte innere Stimme – und schon gar nicht, wenn es um eine Trophäe in Gestalt des BDM-Flittchens ging.
Schon Viertel nach, die Warterei zehrte an den Nerven. Der Treffpunkt, an den er per Anruf beordert worden war, lag in tiefem Dunkel. Fast schien es, als sei die Stadt wie durch Zauberhand verschwunden, verglüht in einem riesigen Feuerball, der sie in Bruchteilen von Sekunden ausradierte.
Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra.
Eine interessante, wenn nicht gar verlockende Vision.
Die Fußspitze auf der zertretenen Kippe, fletschte er genüsslich die Zähne. Dann malte er sich aus, wie es wäre, wenn Berlin vom Erdboden verschwand. Eine Vorstellung, die ihn zu einem verzückten Lächeln animierte. War die Mission, die ihn an nichts anderes mehr denken ließ, erst erfüllt, dann war es ihm egal, was aus den Bewohnern der Hauptstadt wurde. Sollten sie doch alle zur Hölle fahren, sie hatten es nicht anders verdient.
Der Junge, dessen Violinspiel die Zuhörer einst zu Tränen rührte, dieser Junge hatte sich in eine reißende Bestie verwandelt. In ein Monstrum, das in den Annalen des Verbrechens weit vorn rangierte. Doch egal, was noch geschah, einen Rückzieher würde es nicht geben. Und so blieb ihm nur eins, nämlich die Zelte für immer abzubrechen. Sollte der Feuersturm doch wüten, bis kein Stein mehr auf dem andern stand. Sollte die Stadt doch im Bombenhagel zugrunde gehen, die Nazis hatten es nicht anders verdient. Am Tag X, also morgen, würde er über alle Berge sein. Von der Revanche der Sieger, die sich die Chance nicht entgehen lassen würden, den Deutschen einen Denkzettel zu verpassen, bekäme er dann nichts mehr mit.
Und wenn doch, würde er keinen Finger rühren.
Schönen Gruß auch an die ehemaligen Kameraden – und viel Spaß noch, vor allem bei der Beseitigung der Trümmer. So es sich dann noch lohnte, Gomorra wieder aufzubauen.
Das Geräusch von Schritten.
Na endlich, wurde aber auch Zeit.
»Schönen Abend, Kamerad. So trifft man sich also wieder.« Um festzustellen, wer wie aus dem Nichts auf der Bildfläche erschien, brauchte er sich nicht umzudrehen. Die Zeit bei der SS hatte ihre Spuren hinterlassen, weit mehr als anfänglich geglaubt. Einmal Sonderkommando, immer Sonderkommando, an dem Spruch war wahrhaftig etwas dran. Und wenn er noch so vehement versuchte, das Trauma zu überwinden, die Mühe konnte er sich sparen. Mit dem Erscheinen dieses Mannes, der die Arroganz mit Löffeln gefressen hatte, wurden seine Pläne null und nichtig, und wie um ihm dies vor Augen zu halten, baute der sich mit gespreizten Beinen vor ihm auf.
Einmal Unterscharführer, immer Unterscharführer.
An der Maxime kam auch er nicht vorbei.
»Wie ist die Lage, Kamerad – alles unter Kontrolle?«
Hut ab, der Mann konnte anscheinend Gedanken lesen. »Bestens, ich kann nicht klagen«, gab er kurz angebunden zurück und wich dem Blick seines Gegenübers aus. Zählte er doch zu den Leuten, deren Gesichter so einprägsam waren, dass man sich auch noch nach Jahren an sie erinnerte. »Und du … äh … Und Sie, Herr Obersturmbannführer – wie geht es Ihnen?«
»Da sieht man es mal wieder.«
»Was denn?«
»Kaum sind die Leute ausgemustert, haben sie keinen Respekt mehr vor dir«, zog sein ehemaliger Frontkamerad vom Leder, ein Mann so recht nach dem Geschmack des Reichsführers, der seine Ideale perfekt verkörperte. »Wie sehen Sie denn aus, irgendwas nicht in Ordnung?«
»Im Gegenteil, mir geht es blendend.«
»Sie erwarten doch nicht, dass ich das glaube?«
»Aber natürlich, wieso denn nicht.«
»Ihr Optimismus in Ehren, aber was das betrifft, habe ich ganz andere Sachen gehört.« Immer noch die gleiche Stimme, durchdringend, herrisch und hart wie Stahl. Und immer noch derselbe Befehlston, von oben herab, barsch und schnarrend. Manche Leute, Kommandeure der SS an vorderster Stelle, änderten sich vermutlich nie. »Sie sind aus dem Tritt gekommen, Unterscharführer Jakubeit, kann das sein?«
»Falls Sie auf das Fiasko von vorhin anspielen, das war nur ein Ausrutscher«, hörte er sich wie aus weiter Ferne sagen, einen Kloß im Mund, der einmal mehr überdeutlich herauszuhören war. »Wird nicht wieder vorkommen, Sie können sich darauf verlassen.«
»So, denken Sie.«
Einmal SS, immer SS. Da stand er nun, stocksteif und in Habachtstellung, und ließ sich gefallen, wie ein Rekrut runtergeputzt zu werden. Wut stieg in ihm empor, ungezügelte, durch nichts zu bezähmende Wut. Keineswegs nur auf den ehemaligen Kameraden, sondern in allererster Linie auf sich selbst. Es war an der Zeit, sich auf die Hinterbeine zu stellen, je eher das geschah, desto deutlicher der Verlauf der Front.
Max Jakubeit, SD-Unterscharführer außer Dienst, ballte die Linke zur Faust. Einen auf Feldwebel machen und ihn zusammenstauchen, als habe es die Geschehnisse vor zwei Jahren nicht gegeben, das könnte dem Karrieristen so passen. Den Zahn würde er dem aufgeblasenen Popanz ziehen.
Und zwar auf der Stelle.
Besser spät als nie.
»Ja, finde ich. Sie zweifeln doch nicht etwa an meinem Wort?«
Immer noch dasselbe Lachen. Voller Geringschätzung, arrogant und mit überbordender Häme. Und immer noch das lang anhaltende Schweigen, um den vermeintlich Schwächeren unter Druck zu setzen.
Aber nicht mit ihm.
Nicht mit Max Jakubeit, für den das Gehabe nicht mehr zählte. »Ich wüsste nicht, was es da zu lachen gäbe.«
»Um ganz ehrlich zu sein, ich auch nicht.« Die Heiterkeit verschwand so schnell, wie sie aufgebrandet war, und wie um dies zu verdeutlichen, sank die Stimme des Phantoms zu einem Zischeln herab. »Aber Sie haben Recht, bleiben wir lieber sachlich. Besser, als sich wegen Nichtigkeiten in die Haare zu kriegen, finden Sie nicht auch?«
Jakubeit wurde hellhörig. »Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?«
»Worauf ich hinauswill, fragen Sie? Um es auf einprägsame Art zu formulieren: Der Wind ist dabei, sich zu drehen, und wenn es hart auf hart kommt, wird er uns mit Orkanstärke ins Gesicht blasen. Und wissen Sie auch, wer von uns beiden das als Erster zu spüren bekommt? Sie, Jakubeit. Ich nehme an, der Grund ist Ihnen bekannt?«
»Wie ich Sie kenne, werden Sie es mir gleich sagen.«
»Ich fürchte, mir wird nichts anderes übrigbleiben.« Der Kriegskamerad von einst machte eine resignierende Geste. »In letzter Zeit sind da nämlich ein paar Dinge geschehen, die nie und nimmer hätten geschehen dürfen. Dinge, auf die ich keinerlei Einfluss habe.«
»Wie darf ich das verstehen?«
Eine weitere Kunstpause, und dann, in ungleich schärferem Ton: »Aber lassen wir das. Ich habe mit Ihnen zu reden, Jakubeit – von Kamerad zu Kamerad.«
»Das mit dem Kameraden können Sie vergessen. Die Zeiten sind vorbei.«
»Das also ist der Dank, ich hätte es mir ja denken können. Da hält man schützend die Hand über Sie, damit Sie nach Ihrer OP wieder in die Spur kommen, und kaum zwei Jahre später fahren Sie mir an den Karren. Alle Achtung, Kamerad Jakubeit – das nenne ich Loyalität!«
»Wissen Sie, was ich mich frage?«
»Spucken Sie’s aus, mich haut so schnell nichts um.«
»Ich frage mich, wer denn hier wen im Stich gelassen hat, Sie mich oder ich Sie. Denn wie Ihnen bekannt sein dürfte, war ich es, der auf Anordnung von oben den Dienst quittieren musste – oder sehe ich das etwa falsch?«
»Zum hundertsten Mal: Damit hatte ich nichts zu tun.«
»Mit der Antwort habe ich gerechnet.«
»Und wo, wenn Sie gestatten, liegt dann das Problem?«
Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. »Hierin, Kamerad«, gab Jakubeit mit mühsam unterdrücktem Groll zurück, streifte den Handschuh ab und zischte: »Wegen dem Ding da bin ich von einem auf den andern Tag geschasst worden, das wissen Sie so gut wie ich. Das zum Thema Kameradschaft, Herr Obersturmbannführer. Also kommen Sie mir nicht mit dem abgedroschenen Geschwätz, von wegen Korpsgeist, Ehre, Treue, Zusammenhalt, darüber kann ich nur noch lachen. Ihr da oben habt mich einfach im Stich gelassen, einfach so, ohne einen Finger zu rühren. Es war euch total schnuppe, was mit mir passiert – geben Sie es doch zu!«
»Darauf hatte ich keinen Einfluss, wie oft soll ich das denn noch sagen.«
»Selbst wenn, in meinen Augen macht es das nicht besser«, erwiderte Jakubeit ergrimmt, zog den Handschuh wieder an und reckte den mit Kratzspuren übersäten Arm: »Heil Hitler, Herr Obersturmbannführer – melde mich zur Stelle! Kommando Werwolf vollständig angetreten.«
»Werden Sie nicht infantil, Jakubeit. Sonst machen Sie sich lächerlich.«
»Und wenn schon, das macht den Kohl jetzt auch nicht mehr fett. Und überhaupt, was gehen mich die Probleme anderer Leute an?«
»Eine Menge«, gab das Musterbild eines SS-Mannes zu bedenken, wie eigens dazu auserkoren, den Ariern zum finalen Sieg zu verhelfen. »Machen wir es also kurz. So wie bisher kann es einfach nicht weitergehen, das merken Sie ja wohl selbst. Der geringste Patzer, und schon schnappt die Falle zu. Anders ausgedrückt, der Flurschaden, den Sie während der vergangenen Monate angerichtet haben, er darf und wird sich nicht vergrößern. Unter keinen Umständen, nur damit das klar ist. Und Finanzspritzen wird es ab sofort auch keine mehr geben. Es wird Zeit, dass Sie auf eigenen Füßen stehen, von mir haben Sie nichts mehr zu erwarten.«
›Auf eigenen Füßen stehen‹ – hörte sich gut an.
Der Mann hätte in die Politik gehen sollen.
»Wirklich nicht? Wenn ich Sie wäre, würde ich mir das noch mal überlegen.«
»Ich fürchte, Sie haben mich nicht verstanden«, gab der Mann im dunklen Jackett zurück und begann, an der Kaimauer auf und ab zu gehen. Außer den Stiefeltritten, die weithin hörbar durch die Dunkelheit hallten, regte sich kein Laut, und wäre der auffrischende Wind nicht gewesen, der Werwolf hätte sich in die Tropen versetzt gefühlt. »Wenn hier jemand seinem Kameraden die Pistole auf die Brust setzt, dann bin ich es – merken Sie sich das. Ich wiederhole: Ab sofort werden Sie auf Tauchstation gehen, falls Sie verstehen, was ich damit meine.«
Jakubeit verzog keine Miene.
»Lassen Sie die Finger von den Weibern, und zwar ein für alle Mal. Mit Ihren Eskapaden ist jetzt Schluss, sonst bekommen Sie es mit mir zu tun. Fünf Morde sind genug, schreiben Sie sich das hinter die Ohren!«
Jakubeit glaubte, er habe sich verhört. »Und … Und warum ausgerechnet jetzt? Wir hatten eine Abmachung, oder haben Sie das schon vergessen?«
Der nordische Recke lachte heiser auf. »Na, Sie stellen mir vielleicht Fragen«, stieß er kopfschüttelnd hervor, hielt abrupt inne und ließ den Blick auf dem einstigen Untergebenen ruhen. Immer noch der gleiche Blick, fuhr es dem Unterscharführer durch den Sinn, fest entschlossen, keinen Fußbreit Boden preiszugeben. Und immer noch das hyänenhafte Profil, als habe er gerade Blut geleckt. »Weil ich keine Lust habe, mit jemandem wie Ihnen in den gleichen Topf geworfen zu werden, darum.«
Mit jemandem wie ihm.
Hört, hört.
»Auf einmal! Na, Sie machen mir vielleicht Spaß.«
»Mit Spaß, Kamerad Jakubeit, hat das Ganze nichts zu tun!«, stieß der Mann mit dem maskenhaften Gesichtsausdruck hervor, die Betonung so gekünstelt, dass der Werwolf vor Wut zu kochen begann. »Sondern mit Vorsicht, wenn ich es mal so ausdrücken darf. Lange Rede, kurzer Sinn: Von heute an bin ich nicht mehr in der Lage, Sie zu protegieren, sonst zieht mir die Gestapo das Fell über die Ohren. Oder wer weiß, vielleicht machen sie mich auch einen Kopf kürzer. Sie wissen ja, in der Beziehung ist mit Heydrich nicht zu spaßen.«
»Nichts für ungut«, knurrte der Werwolf, die Hand in der Tasche seiner Montur, in der sich eine geladene Ordonnanzpistole befand. Was wäre er doch ohne seine Walther P38, ein Relikt aus früheren Tagen, vor zwei Jahren der letzte Schrei. Federleicht, Kaliber neun Millimeter, Stangenmagazin mit acht Patronen. Mehr brauchte man nicht, um eine missliebige Person aus dem Weg zu räumen. Um sie im Anschluss, wenn die Arbeit erledigt war, den Wasserratten in der Spree zum Fraß vorzuwerfen. »Aber vor ein paar Tagen hat sich das noch anders angehört.«
»So, hat es das.« Mit dem Rücken zu Jakubeit, um einen hastigen Blick in die Runde zu werfen, lachte der Obersturmbannführer auf. »Ich will Ihnen mal was sagen, Sie impertinenter Schnösel. Ohne mich, schreiben Sie sich das gefälligst hinter die Ohren, ohne mich säßen Sie längst hinter Schloss und Riegel. Aber das nur am Rande, um Ihr Erinnerungsvermögen zu aktivieren. Frage: Wer hat denn dafür gesorgt, dass Sie nach Belieben schalten und walten konnten? Und wer, mit Verlaub, hat sich Ihretwegen den Allerwertesten aufgerissen, nur damit Sie rechtzeitig die Fliege machen konnten? Mal ganz ehrlich, Jakubeit: Denken Sie wirklich, die Kripo ist so dämlich, wie die Leute glauben? Falls ja, träumen Sie in aller Gemütsruhe weiter. Und danken Sie sonst wem auf den Knien, dass es mich gibt, sonst würden Sie längst am Fleischerhaken baumeln. Auf Mord steht die Todesstrafe, schon gewusst?«
»Mit anderen Worten, wenn zwei das Gleiche tun, ist es trotzdem nicht das Gleiche.«
»Verschonen Sie mich mit den ollen Kamellen, die haben nicht das Geringste damit zu tun!«
»Olle Kamellen – nennt man das jetzt so?« Die Hand am Griff seiner Waffe, auf deren Griff sich der kalte Schweiß sammelte, stieß der Werwolf ein raues Lachen aus. Und ergänzte in süffisantem Ton: »Sie erlauben, dass ich Ihre Erinnerung ein wenig auffrische?«
»Nehmen Sie sich in Acht, Jakubeit. Sie sind dabei, sich um Kopf und Kragen zu reden. Noch bin ich es, der am längeren Hebel sitzt – und nicht Sie.«
»Wenn Sie sich da mal nicht täuschen, guter Mann«, gab Jakubeit mit drohendem Unterton zurück, die Lippen von einer triefenden Schaumkrone überzogen, trat auf seinen Kontrahenten zu und knurrte: »Wer hier wen in der Hand hat, überlasse ich deiner Fantasie. Und darum: Wenn du denkst, ich bin so dumm, mir von einem Dreckschwein wie dir Vorschriften machen zu lassen, dann bist du auf dem Holzweg. Wie sagten die Altvorderen doch gleich: Mitgegangen, mitgehangen. Aber keine Sorge, wenn ich mit der Kleinen fertig bin, dann sind Sie – Verzeihung, wie konnte ich nur! –, dann bist du mich für alle Zeiten los.«
»Jetzt hör mir mal gut zu, du verkrüppeltes Stück Hundeschei…«
»Aber, aber, Herr Obersturmbannführer, wer wird denn hier gleich so gewöhnlich werden. Aber was will man machen, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.« Die Hand am Abzug seiner Waffe, ließ Jakubeit den Blick auf dem einstigen Mentor ruhen. »Mich wundert, wie einer wie du es geschafft hat, bis in die Chefetage aufzusteigen. Respekt, kann ich da nur sagen. Klar, ohne Ellbogen bringst du es zu nichts. Fressen, um nicht gefressen zu werden, was das betrifft, kann man dich getrost als Vorbild bezeichnen. Weißt du noch, was du mir vor unserem ersten Einsatz gesagt hast? Nein? Aber ich. Zitat: ›Entweder wir bringen sie alle um, oder der Tag wird kommen, an dem sich die Juden an uns rächen.‹ Zitat Ende. Ich sehe schon, wir verstehen uns. Um es im Jargon der alten Römer auszudrücken, eine Hand wäscht die andere. Bedeutet, dir bleibt nichts anderes übrig, als nach meiner Pfeife zu tanzen. Aber tröste dich, sobald die Angelegenheit erledigt ist, bin ich über alle Berge. Dann siehst du mich nie wieder. Versprochen. Bis dahin bist du jedoch so nett, den Kameraden von einst auf dem Laufenden zu halten. Wenn nicht, sähe ich mich gezwungen, den Herrn Obersturmbannführer zu seinem Glück zu zwingen. Du weißt doch, Kamerad: Wir sitzen beide im selben Boot. Es sei denn, du legst es darauf an und tanzt aus der Reihe. Dann, so fürchte ich, sähe ich mich gezwungen, mein Geheimnis an den Meistbietenden zu verscherbeln. Konkurrenz belebt nun mal das Geschäft – so viel zum Thema Korpsgeist, um das Unwort erneut in den Mund zu nehmen. Nicht auszudenken, wenn der Reichsführer erfährt, was deine Spezis und du getrieben habt. Mit Judenweibern, man stelle sich das mal vor. Tja, so ist das nun mal, wenn man seinen Schwanz nicht unter Kontrolle hat. Klar doch, kann jedem passieren, wem sagst du das. Ging mir vor zwei Jahren genauso, und das habe ich jetzt davon.« Den Finger immer noch am Abzug, ließ der Werwolf seiner Häme freien Lauf. »Drum merke, solange die dicke Dame singt, ist die Oper noch nicht zu Ende. Denn wie du alter Großkotz bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zu verkünden geruhtest: Ein SS-Mann sollte mit gutem Beispiel vorangehen. Da fragt man sich sofort, wie das gemeint sein könnte, wenn der gleiche Mann reihenweise Judenweiber vögelt, bevor er den Befehl erteilt, die Gespielinnen nach dem Schäferstündchen an die Wand zu stellen. Was meinst du, ist das etwa die feine Art?«
»Wag es nicht, mir zu drohen, sonst …«
Der Werwolf lachte schrill. »Auch noch frech werden, so haben wir’s gern. Du weißt doch, wer im Glashaus sitzt, sollte keine Panzerfaust benutzen. Aber was rede ich, bei dir ist ja sowieso Hopfen und Malz verloren. Bleiben wir also lieber beim Thema – und bringen wir es endlich auf den Punkt. Von jemandem, der gleich mehrfach Rassenschande begangen hat und den Kameraden gegenüber so tut, als habe er sich nichts zuschulden kommen lassen, von so jemandem lasse ich mich nicht unter Druck setzen. Mit anderen Worten, die Zeiten, in denen du mich rumschikanieren konntest, sind vorbei. Und zwar ein für alle Mal. Nimm bitte zur Kenntnis, ich werde einen Teufel tun und untertauchen, darauf kannst du Gift nehmen!«
»Und zweitens?«
»Zum Zweiten nehme ich mir die Freiheit, dich um eine Großspende zugunsten notleidender Kameraden zu bitten. Um eine Art Ehrensold, wenn man so will. Denn wie du weißt, komme ich gerade mal so über die Runden, ein wenig Taschengeld wäre da hochwillkommen.«
»Das ist Erpressung – so lasse ich nicht mit mir umspringen!«
»Nenn es meinetwegen, wie du willst. Um mich dünnezumachen, wenn ich mit dem BDM-Flittchen fertig bin, brauche ich Knete. Viel Knete. Das leuchtet dir ja wohl ein. Hunderttausend dürften fürs Erste reichen, du siehst, ich bin ja gar nicht so. Dazu ein Ausreisevisum in die Schweiz, sicher ist bekanntlich sicher. Wie gesagt, eine Hand wäscht die andere. Will heißen, du erklärst dich bereit, bis spätestens morgen Mittag eine Summe mit fünf Nullen rüberwachsen zu lassen, und ich gebe dir mein Wort, dass du mich danach nie wieder zu Gesicht bekommst. Sobald Nummer sechs das Zeitliche gesegnet hat, das versteht sich ja wohl von selbst. Na, was sagt der Herr Obersturmbannführer dazu?«
»Gegenfrage: Und was, wenn ich mich weigere?«
»Du hörst mir einfach nicht zu, Klugscheißer!«, geiferte Jakubeit mit wutverzerrtem Gesicht, kurz davor, die Waffe aus der linken Hosentasche zu ziehen. »Du bist doch nicht auf den Kopf gefallen – oder etwa doch? Zum letzten Mal, oder du wirst es bereuen: Wenn du nicht tust, was ich dir sage, bleibt mir keine andere Wahl, als mein Wissen in klingende Münze umzuwandeln.« Aufgeschreckt durch das Geräusch eines Außenbordmotors, wirbelte Jakubeit herum, kniff die Augen zusammen und ergänzte: »Denn wie heißt es im Volksmund doch so schön: Wer nicht hören will, muss …«
»Fühlen. Du sagst es.«
Den Kopf wieder in der ursprünglichen Position, fuhr Jakubeit erschrocken zusammen. »Wenn ich du wäre, würde ich mir das noch mal überlegen. Du hast nicht den Hauch einer Chance, also lass den verdammten Quatsch!«
Eine Walther PPK in der ausgestreckten Hand, konnte der Angesprochene seine Genugtuung nicht verhehlen. »Wenn hier jemand am Arsch ist, dann du!«, gab er kalt lächelnd zurück, nahm die rechte Brusthälfte seines Kontrahenten ins Visier und konnte es sich nicht verkneifen, die Situation bis zur Neige auszukosten. »Weißt du, was ich mache, wenn ich dir das Gehirn rausgepustet habe? Nein? Dann spitz mal kurz die Ohren, Kleiner. Ich werde mir erlauben, deine Bude bis in den letzten Winkel zu durchkämmen. Dorotheastraße 24, sehe ich das richtig?«
»Kompliment. Wie ich sehe, bist du gewiefter, als ich dachte.«
»An Belastungsmaterial wird bestimmt kein Mangel herrschen. Man denke nur an die Eisenbahneruniform, für die Kripo ein gefundenes Fressen. Im Präsidium werden die Korken knallen, das kann ich dir garantieren!«
Der Werwolf gluckste amüsiert. »Und was ist mit meinem Schlüssel? Ohne den wärst du ja wohl aufgeschmissen.«
»Wetten, dass nicht?«
»Wie sagt man doch gleich, nur über meine Leiche!«
Die Augen voller Hass, der seine Mundwinkel unkontrolliert zum Vibrieren brachte, ließ der Obersturmbannführer die Pistole nach oben wandern, machte einen Schritt nach vorn und presste sie dem Werwolf auf die Stirn. »Ich zähle jetzt bis drei«, keuchte er erregt, auf Augenhöhe mit einem Mann, den er in den tiefsten Schlund der Hölle wünschte. »Und dann, mein Lieber, jage ich dir das gesamte Magazin in den …«
»Davon rate ich dir ab, Kamerad.«
»Wenn ich du wäre, würde ich nicht so große Töne spucken. Nur eine klitzekleine Bewegung mit dem Zeigefinger, und du kannst die Radieschen von unten begaffen.«
»Hättest du wohl gern, wie?« Seiner Sache absolut sicher, rührte sich der Werwolf nicht vom Fleck. »Du weißt doch, wer als Erster schießt, stirbt als Zweiter.«
»Falls du die Pistole meinst, die in deiner linken Tasche steckt, die habe ich längst bemerkt. Und jetzt nimm endlich die Pfoten hoch, sonst mache ich kurzen Prozess mit dir!«
Der Werwolf tat, wie ihm geheißen, hob die Arme lässig über den Kopf und erwiderte: »So du denn überhaupt dazu kommst – woran nicht nur ich meine Zweifel habe.«
»Halt jetzt endlich die Klappe, sonst …«
»Und hör du auf, mir zu drohen«, fuhr der Werwolf kalt lächelnd dazwischen, die Stimme scharf wie eine Rasierklinge, was seinen Todfeind irritiert verstummen ließ. »Denkst du wirklich, ich bin so dumm, mir kein Hintertürchen offenzulassen? Mir ist bekannt, mit wem ich es hier zu tun habe, dein Name war schließlich in aller Munde. Machen wir es daher kurz, damit du nicht noch mehr ins Schwitzen gerätst. Du weißt ja, wie sehr ich das verabscheue.« Der Werwolf bleckte die maroden Zähne, fuhr mit der Zunge über die Oberlippe und dachte nicht daran, sich aus der Ruhe bringen zu lassen. Einzig die Augen, sprühend vor aufgestautem Groll, ließen darauf schließen, was er wirklich dachte – und wie sehr er den bühnenreifen Auftritt genoss. »Würdest du dich nach links umdrehen – was du vermutlich nicht tun wirst, dann wüsstest du Bescheid. Meinem getreuen Freund und Helfer, der es sich hinter den Paletten dort hinten gemütlich gemacht hat, wäre es eine Freude, dir eine Kostprobe seines Könnens zu geben. Mit anderen Worten, nur ein Mucks, nur eine Bewegung oder gar ein Schuss, und du bist erledigt. Einem Experten wie dir muss ich ja nicht erzählen, was das Gewehr 41 so alles kann. Halbautomatisch, 10 Patronen pro Magazin, sage und schreibe 40 Schuss pro Minute. Wäre ich nicht knapp bei Kasse, ich hätte nichts dagegen, wenn er dir die Birne wegpusten würde. Du hättest es verdient, da sind der Kamerad und ich uns einig.«
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