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Uwe Kirst
Bella und Paul
Erzählungen

adakia Verlag UG (haftungsbeschränkt)
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Gesamtherstellung: adakia Verlag, Leipzig
Covergestaltung: Sophia Ferstl, Schober – Büro für Gestaltung
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2020
1. Auflage, Dezember 2020
ISBN 978-3-941935-69-3 (Print)
ISBN 978-3-941935-82-2 (MOBI)
ISBN 978-3-941935-83-9 (EPUB)
Für Henrike
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Die Kathedrale
Kreisel
Bella und Paul
Feierabend
Fait accompli
Das Mal
Das Fenster
Über Land
Der Heimweg
Der Augenblick
Die Tür
Die Reise
Ausschank
Aus der Zeit
Willkommen daheim!
Quattro Stagioni
Mittwoch
Dank
Die Kathedrale
Das Zentrum der riesengroßen Stadt war quirlig, voller Lärm und Staub, mit stetig wachsendem Verkehr, der rasant und unerbittlich das Überqueren einer Straße zum Abenteuer geraten ließ. Die heiße Sonne prallte auf die Dächer, unter denen die Vergangenheit brütete. Fassaden, schmutzig gelb, verschnörkelt oft, die Häuser, hoch, verschachtelt, kaum frische Farbe, aber dadurch Illustration einer vergehenden Ära. Herrschaftliches, dem auf Jahrzehnte die Macht entzogen war, fand sich neben Plattem, zweckhaft Modernem, berichtend von gebrochener Geschichte.
»Da drüben, diese prachtvolle Kathedrale, wurde vom gleichen Architekten geplant, der das GUM in Moskau entworfen hat, sie wurde aber erst Anfang des letzten Jahrhunderts fertig und ist die zweitgrößte orthodoxe Kirche auf dem Balkan.«
Der Respekt meiner Erklärerin war sichtbar. Eine verlockende Frau, die tief ruhte in der Größe der Vergangenheit ihres Volkes und die stolz darauf war, zu denen zu gehören, die die Schriftzeichen der neuen Zeit schwungvoll zu schreiben begonnen hatten.
Sie war Unternehmerin, gekleidet im Businesslook, wie er vor Jahren der Mode entsprochen hatte, aber hier herausstach aus dem Grau einheitlicher Alltagskleidung. Sie wirkte elegant, nichts störte die Harmonie und ein edel wirkender Hut zierte ihren Kopf. Niemand sonst trug einen, am helllichten Tag, in dieser Stadt.
Sie war ein Mensch, wie mir viele begegnet waren in diesen Jahren nach dem Fall eiserner Mauern in Europa. Intelligent, gebildet, aktiv und erfüllt von unbändiger Energie, endlich das umzusetzen, was die eigenen Gedanken hervorgebrachthatten. Im Rausch einer Freiheit, die es in späteren Jahren so nicht mehr geben würde, weil die aus den Trümmern alter Ideologien entstandene Bürokratie, sich zu neuer Macht aufschwingen würde, intriganter und einflussreicher als je zuvor.
Doch heute gehörte sie zu den Siegerinnen, den Vorreitern einer neuen, vernunftbegabten Zeit, die kühn in das Vakuum der Macht vorstießen und in die Hand nahmen, was zu gestalten sie sich vorgenommen hatten.
Ich fand sie imponierend und voller Charme und freute mich, an ihrer Seite eine Welt zu entdecken, die mir vorher verschlossen war und die sich so gravierend unterschied, von dem, was Deutschland, Italien, Österreich oder Portugal ausmachte, und rein gar nichts zu tun hatte mit Staatsgebilden wie Großbritannien sowie der immer noch neuen Welt in Übersee.
Wir überquerten die Straße und den weitläufigen Platz, auf dem damals kaum ein Auto parkte und schritten über einige Stufen zum Eingang, durch drei imposante steinerne Bögen, in der Mitte von zwei Säulen gestützt. Das Bild der Dreierbögen tauchte am ganzen Bauwerk immer wieder auf, zwischen kupfergrünen und goldenen Kuppeln – neobyzantinische Gewalt, eindrucksvoll und doch verspielt.
Drinnen, eine Welt aus Säulen, Nischen, Schreinen mit Gemälden, Ikonen, riesigen Lüstern und direkt unter der riesenhaften Hauptkuppel, in der Mitte des Bodens aus kreisförmig angeordneten, quadratischen, wechselfarbigen Fliesen, ein großer Stern.
»Stellen Sie sich auf diesen Platz!«, sagte meine Begleiterin, »aber halten Sie sich an mir fest.«
Verwundert schaute ich sie an und tat, wie mir geheißen, indem ich ihre Hand ergriff und mit einem Schritt in die Mitte des Sterns trat.
Da stand ich mit geschlossenen Füßen inmitten dieser Kathedrale, genau im Lot der Kuppel und bevor mir das bewusst wurde, nahm ich einen Sog wahr, der mich fast taumeln ließ. Erschrocken drückte ich die Hand, die ich hielt und hatte das Gefühl, in einem Fahrstuhl zu stehen, nein, einer zu sein, ohne mich aber nach oben oder unten zu bewegen. Etwas verstört trat ich aus dem Zentrum des Sterns wieder an ihre Seite.
»Was war das?«, fragte ich verblüfft.
Sie lächelte: »Die alten Baumeister wussten um die besonderen Plätze und Mancher kann es sehr deutlich spüren. Sie gehören offenbar dazu.«
Eine schlüssige Erklärung war das nicht, doch sie wies schon auf die übrigen Kirchenschiffe, mit bekannten Gemälden und Glasmalereien und dann, in der Krypta, die berühmte Poganow-Ikone aus dem 14. Jahrhundert. Gruppen von Schülern hörten ihren Lehrern zu, touristisch anmutende Personen vertieften sich in die Kunstwerke und auf dem Gestühl unter der Kanzel saß eine alte Frau, die betete.
Ich war beeindruckt, aber nicht völlig bei der Sache; in mir summte die Energie, die mich zum Wanken gebracht hatte. Mein Schritt war unstabil. Da fiel mir auf, dass ich ihre Hand hielt, sie nicht losgelassen hatte, nach dem Ereignis unter der großen Kuppel; sie hatte sie mir nicht entzogen. Ich empfand in dieser Berührung eine Nähe, die sich nicht erklärte, zu einer Fremden, die mir doch von meinen Universitätskollegen erst empfohlen worden war: »Gehen Sie zum Denkmal. Dort wartet Maria auf Sie. Sie hat bei uns studiert und ist sehr vielseitig; sie wird Ihnen die Stadt zeigen, bevor wir morgen mit der Arbeit beginnen.«
Auf dem Weg nach draußen schien mir die übliche Distanz verschwunden, die es zwischen Menschen gibt, die sich eben erst begegnet sind. Es herrschte ein Vertrautsein, das mich wunderte, denn ich war vorsichtig bei neuen Kontakten, in Ländern, die mir fremd waren. Ich erzählte meist wenig von mir, hörte lieber zu und war auf Distanz bedacht: Herzlich, aber höflich und genau beobachtend. Fehler sind schnell geschehen und der Weg zum Verstehen anderer Lebenswelten ist mit Missverständnissen förmlich gepflastert.
»Sind Sie Maria?«, sprach ich sie an, am Nachmittag, auf dem Platz, der mir genannt worden war. Sie hatte mich kurz gemustert und dann genickt. Das war keine zwei Stunden her, doch nahm ich sie schon jetzt anders wahr, mit einer präsenten Wärme; einem Vertrautsein ohne Grund.
»Ich lade Sie zum Essen ein«, lächelte sie mich an. »Oder machen Sie eine Diät? Das ist doch in Deutschland große Mode, habe ich gelesen, oder?«
»Bestimmt nicht, das würde man mir ansehen«, antwortete ich und eine Mitarbeiterin fiel mir ein, die mit ihrer Trennkost seit ein paar Wochen den halben Betrieb in Atem hielt.
»Ich möchte Ihnen ein Restaurant zeigen, ein privates, das zwei junge Männer gerade erst gegründet haben. Dort wird traditionell gekocht. Das gefällt Ihnen sicher. Es ist nicht weit.«
Das bedeutete hierzulande nicht selten einen Fußmarsch von zwanzig Minuten und länger, aber Maria hatte ein Auto, einen kleinen deutschen Wagen, der mehr als Worte davon kündete, dass ihr Geschäft kein Hirngespinst war und etwas abwarf. Kredite gab es nicht und sobald jemand ein Fahrzeug besaß, war das meist bar bezahlt.
Sie fuhr schnell und wenn mir der hier übliche Fahrstil nicht schon vertraut gewesen wäre, hätte mich das beunruhigt. Doch sie reagierte präzise und hielt den Blick auf der Straße, was mir Gelegenheit gab, sie von der Seite zu mustern. Die Nase war zierlich, die Lippen fein geformt, die Brauen perfekt, ein Hauch von Schminke auf der Haut und an den Ohren bildete ihr schwarzes, dichtes Haar kleine Halbkreise. Der kurze, enge Rock endete über den Knien, ein wenig hochgerutscht durch die Bewegungen beim Kuppeln und Bremsen, schlanke Beine, trotz der Sommerhitze feinbestrumpft.
Ihr Lächeln zeigte mir, dass sie meine Blicke bemerkte. So schaute ich besser wieder nach vorn und sah jetzt, dass wir in einem anderen Stadtviertel unterwegs waren. Es wirkte sauberer, gepflegt, mit kleineren Häusern, dafür mit weniger frischer Farbe.
Ich war erstaunt, dass ein solches Lokal fernab vom Touristentrubel in einer eher Wohngegend zu finden war und sagte ihr das. Es war nicht das erste Mal, dass mir Standortentscheidungen für Gastronomiebetriebe und Handelsgeschäfte unverständlich waren und ich rätselte dann, woher denn die Gäste in ausreichender Anzahl und Frequenz kommen sollten, um diese aufwendige Küche wirtschaftlich zu ermöglichen.
»Hier essen vor allem die, die in dieser Gegend wohnen; zunehmend Geschäftsleute. Ein Geheimtipp.«
Es war ein langgezogener Raum, erhellt von Wandleuchten. Kleine Tische, mit zwei gegenüber angeordneten Stühlen, reihten sich an den Wänden und erinnerten an die versteckten Pariser Restaurants, wo der Tisch jedes Mal vorgezogen werden musste, für denjenigen, der mit dem Rücken zur Wand saß. Weißes Tuch mit schwerem Besteck, aber elegant, Kristallgläser, hier traditioneller Ausdruck für gehobenen Standard und Festlichkeit.
Eine Speisekarte mit schlichtem Druck auf dickem Papier und Gerichte, die mir wie eine Mischung aus geheimnisvollem Orient und federleichter, australischer Küche vorkamen.
Kardamom und Limonen, Honig und Fisch. Der Wein war aus einer Spitzenlage des Landes, bestens beleumdet bei Kennern europäischer Gewächse.
Unser Gespräch schwebte zwischen den Welten, berührte Literatur wie Geschichte, Religion wie kühne Reden politischer Protagonisten. Das, was wir aßen, bildete den Kontrapunkt.
»Ich wohne auch nicht weit von hier. Wir können gerne den Kaffee bei mir trinken. Es würde mir Freude machen, Sie dazu einzuladen!« Sie ließ mich nicht zahlen und als ich zum Auto steuerte, lächelte sie: »Es sind nur ein paar Schritte.«
Nach wenigen Minuten wanderten wir durch Gänge und über Treppen bis zu einer Tür auf einem langen Flur mit vielen solcher Türen. Ich sah kein Namensschild, aber das war hier nicht ungewöhnlich; es erinnerte mich an England, wo meist nur Wohnungsnummern zu sehen waren oder die Häuser klangvolle Namen hatten. Ein Flur mit wenigen Möbeln, hell, mit Bildern an den Wänden, modern, keine Drucke. Sie führte mich in ein Zimmer, das größer als erwartet, freundlich wirkte und warm, wie der Flur nicht überladen, eine Mischung aus Bequemlichkeit und Stil. Ich nahm den Platz, den sie anbot, und kam mir nicht fremd vor.
Den Kaffee bereitete sie in einer dieser Metallkonstrukte, die man direkt auf die Flamme oder Kochplatte setzte und die eine Art Espresso hervorbrachten, der meist nicht übel war. Zucker stand in einer Schale neben den Tassen, einen kleinen Krug mit klarem, kühlen Wasser stellte sie dazu. Wir saßen an einem viereckigen Tisch aus dunklem, poliertem Holz, auf dem eine Spitzendecke lag. Die Tassen waren klassisch geformt, die zierlichen Löffel wirkten verspielt. In dem sonst modern gestalteten Raum bot dieser Platz, zusammen mit einem garantiert ebenso alten Glasschrank, einen deutlichen Kontrast.
»Das ist schon lange im Besitz meiner Familie.« Sie hatte die Blicke bemerkt. »Früher gehörte dazu noch ein selbstgemachter Likör. Möchten Sie vielleicht ein Glas probieren?«
Die Dämmerung war zwar schon in Dunkelheit übergegangen, aber es gab keinen Grund, schnell zu meiner Unterkunft zu kommen, die, sauber und freundlich, doch recht spartanisch eingerichtet war. Außer ein paar Seiten in meinem Buch, in dem ich las, wartete dort nichts auf mich.
Ich nickte und sie trat zur Vitrine, nahm Gläser mit schlankem Stiel und eine dunkle Flasche ohne Etikett heraus, löste den Korken und goss beide halbvoll. Es war eine dunkelrote, schwere Flüssigkeit und ich war gespannt, was das alte Hausrezept hervorgebracht haben mochte. Sie stand mit dem Rücken zur Vitrine, in jeder Hand ein Glas und lächelte mir zu, so dass ich automatisch aufstand und die zwei Schritte zu ihr ging.
Sie gab mir eines davon und hob das ihre: »Lassen Sie uns anstoßen und etwas sagen. Es bringt Unglück bei uns, wenn man trinkt und nichts dazu sagt.«
Ich schaute sie erwartungsvoll an, denn sie war die Gastgeberin. Ihr voller Blick traf meine Augen, da ergriff mich das gleiche Gefühl, wie in der Kathedrale: Ein leichter Schwindel und eine merkwürdige Wärme, die in mir aufstieg.
»Wenn Menschen sich begegnen, berühren sich immer auch ihre Herzen.«
Das Kristall klang aneinander und ich nahm einen Schluck. Der bittersüße Geschmack des schweren Likörs erreichte augenblicklich alle Geschmacksknospen. Unsere Blicke lösten sich voneinander, mein Mund wurde trocken; ein inneres Vibrieren kam auf. Ein Lichtreflex, gebrochen durch den tiefroten Inhalt des Glases, zeichnete purpurne Muster auf die helle Haut ihres Dekolletés. Rubin auf Samt. Ihre Lippen schimmerten, benetzt vom Likör; und als sie meinen Mund berührten, atmete ich ihr Parfum.
Ich erwachte von einem Streicheln. Es war dunkel, das Straßenlicht warf ein rechteckiges Muster auf das Parkett. Sie strich mir über mein Gesicht: »Ich bringe dich zurück.«
Ich fand die Kleider verteilt um das breite Bett inmitten eines Raumes, an den ich mich nicht erinnerte. Sie stand in einem leichten Mantel wartend im Flur. Wir gingen erneut über Treppen und Gänge bis zu ihrem Auto; die Straßenbeleuchtung war erloschen, ich wusste nicht, warum.
Sie fuhr konzentriert, wir sprachen nicht, ich atmete Nähe, innere Ruhe. Ihr Geschmack war auf meinen Lippen.
Wir kamen an und sie stieg mit mir aus, trat vor mich hin und legte mir beide Hände auf die Schultern. In ihren Augen sah ich ein Licht. Ihre Fingerspitzen berührten mein Gesicht, einer Umarmung wich sie aus, stieg in ihren Wagen, setzte den Motor in Gang und fuhr davon.
In meinem Zimmer angekommen, lag ich lange wach und im Kopf lösten sanft bewegte Bilder einander ab, bis ich einschlief.
Meine Kollegen begrüßten mich am nächsten Morgen: »Haben Sie den Abend gut verbracht? Unsere Kollegin Maria haben Sie ja leider verpasst, sie hat gestern angerufen, dass sie eine Zeit gewartet hätte, dann aber gehen musste. Das macht aber nichts – dann zeige ich Ihnen in den nächsten Tagen selbst, was sehenswert ist.«
In mir strahlte das Bild von Maria, das Schimmern ihrer Haut, ihre berührende Stimme, der Laut, der uns entrückte.
»Ist alles in Ordnung mit Ihnen?« Er klang besorgt.
»Ja, ja«, beeilte ich mich zu sagen. »Natürlich. Danke, alles gut.« Ich erhob mich, ordnete meine Unterlagen und suchte nach dem Zettel, auf dem ihre Adresse notiert war. Ich fand ihn nicht.
Kreisel
Der Rückspiegel machte ihn wahnsinnig. Sein leichtes Vibrieren ließ das, was er sehen wollte, so verschwimmen, dass kaum zu erkennen war, ob sich ein oder zwei Fahrzeuge von hinten näherten. Das alles bei Linksverkehr, der ihm zwar vertraut war, aber in den ersten Stunden nach seiner Ankunft Konzentration forderte.
»Ja, ich freue mich.« Sein Lächeln, das niemand sah, hätte trotzdem jeden für ihn eingenommen. »Eine schöne Aufgabe in meinem England!«
Er schmunzelte über diese Vereinnahmung all dessen, was wir irgendwann und irgendwo einmal erlebt oder nur wahrgenommen hatten. Was wem in der Welt alles gehören würde, gäbe es eine diesbezügliche Software, die das erfasste. Lange würde es nicht dauern, bis biomechanische Rechner im Nanobereich am Körper befestigt oder gar integriert waren. Sie lieferten das dann als nette Zusatzinfo. Und garantiert nicht nur dem Träger des digitalen Kunstwerks. Allein London gehörte so, laut dieser Statistik, fast der halben Welt. Der Halbwelt war es ja schon heute zugefallen, so wirkte es inzwischen zumindest auf ihn.
Diese Fahrt war seit langem wieder die erste auf den Britischen Inseln. Hierher eingeladen zu sein – ein Auftrag, der ihn im Herzen freute. Samt der Besonderheiten hiesiger Usancen im Verkehr. Die Kreisel vor allem – der erste kam sicher bald – und da war er schon. Rechts einordnen, rechts blinken, dann links in ihn einbiegen, sich dabei aber erneut rechts halten, um ihn vier Ausfahrten später wieder links verlassen zu können. Klingt wie ein Vortrag über den Gebrauch des Gerundiums in der englischen Sprache. Kaum Staus an solchen Knotenpunkten gaben den Erfindern dieses Verkehrsprinzips aber recht.
Er entspannte sich spürbar, als die weiten Flächen der Wiesen und Felder in leichten Wellen den mühsamen Straßen der Kleinstadt gewichen waren, gesäumt von niedrigen Mauern und Hecken, die, ebenso geschwungen, klare Areale schufen, Besitzverhältnisse verkündend. Sie waren niemals höher, als ein Pferd im Sprung überwinden kann, ohne zu scheuen, denn die Einfriedungen der Äcker durften die wilde Jagd der Landlords nicht stoppen. Ein altes Gesetz englischen Adels, das zunehmend bedeutungslos wurde. Obgleich – hier in Yorkshire tickten viele Uhren anders, als im Süden des Landes. Es war über zwei Jahrzehnte her, dass ihn sein Weg in diese Grafschaft geführt hatte; und so genoss er diesen Tag als zweiten Fußpunkt der Ereignisse seines Lebens, das aus einem wahren Kuppelbau solcher Erinnerungsbögen bestand.
Die Hecken am Straßenrand, durchbrochen von krumm gewachsenen Bäumen, verbargen oft Steinbalken, Bordsteinen ähnlich. Ihnen zu nahe zu kommen, vermied er; dem Gegenverkehr einen Außenspiegel zu opfern allerdings desgleichen. Trotzdem liebte er diese schmalen Straßen, die selten geradlinig verliefen und die ihm eine spontane Abstimmung mit entgegenkommenden Fahrzeugen abforderten; frei zu sein, erkunden und entdecken, auf sich selbst gestellt – das liebte er. Nur nicht zu Fuß in Kratergelände, sondern eher mit gefülltem Tank und Luxusfahrwerk.
Sein Ziel war nicht mehr weit und seine Gastgeber hatten einen Gesprächsort für das Treffen gewählt, den er in berührender Erinnerung hatte - als einen seiner ersten Aufenthalte in diesem Land: Middlethorpe Hall. Hochnäsig schlichtes Manor aus dem 18. Jahrhundert inmitten eines Prinzessinnenparks mit Springbrunnen und bemoosten Skulpturen. Die frühere Auffahrt wurde zum Hotelentree und hinter dem Gebäude eine langgestreckte Terrasse, auf der weiße Tische und Stühle standen – nur die Queen mit ihrem Gefolge fehlte.
Eine Dunststickerei schwebte über den Wiesen; die Sonne zog das Nass aus den Grasbüscheln und Kriechgehölzen, leckte Pfützen flach und versuchte sich am Schattenmalen.
Sein erstes Erlebnis in Middlethorpe Hall war die Einladung seines damaligen Geschäftsfreundes John Forbes aus York, ein verschmitzter Anwalt, dessen Leibesfülle seine Beweglichkeit nicht einschränkte. Präsident des Anwaltsvereins, in aller Gestik getragen von altenglischer Würde, die sich mit lebhafter Intelligenz verband. Seine nicht minder ausladende Ehefrau war Französin von Geburt und vereinte überzeugend die englische Küche mit südländischer Leichtigkeit und dem unnachgiebigen Anspruch auf Qualität und Einfachheit. Die Tochter war zur Zeit in Deutschland; den Fotos nach eine Schönheit.
Zum vorläufigen Abschied von England baten sie ihn zu einem Herrenessen im altenglischen Ambiente, an einer Tafel mit Silberbesteck, Römern und süffigem Wein. Alle waren ihm gewogen und in seinem Inneren formte sich ein Anker für diese Menschen, dieses Land und diesen Platz. Nach dem Dinner führte ihn sein Gastgeber zu einem Kaminzimmer, wo sie in dunkelbraunen Ledersesseln einen Whisky tranken, der vierundzwanzig Jahre alt war und von einer Destille aus Islay stammte. Die Erklärung fehlte in seiner Erinnerung, aber der Respekt, mit dem sein Gastgeber das Getränk behandelte, klang in ihm nach.
Jetzt wäre er fast von der Straße gerutscht. »Was für ein Idiot, zu schnell und auf der falschen Seite! Mietwagen! Naja. Wenn ich keine Ahnung habe, dann fahre ich doch langsam!«
Da fiel ihm sein erster Tag mit Linksverkehr ein, auf Malta – er hatte den Wagen zehn Minuten. Mitten über den Kreisel war er gefahren, weil er sich nicht entscheiden konnte: rechts oder links vorbei. Jeder war sofort stehengeblieben und hatte ihn durchgelassen, den Mietwagenfahrer – auf Malta ging das.
Wie es heute wohl hier aussehen wird? In den vergangenen Jahren gerieten ihm verinnerlichte Bilder zu Synonymen für Großbritannien. Gefühle, Formen, Farben hatten sich mit diesen Tagen in Yorkshire verwoben und dazu beigetragen, dass sein Interesse an diesem Land wachblieb, obwohl es nichts gab, das ihn beruflich damit verband. Die lukrative Vortragsreise durch Nordengland und Schottland würde das ändern – seine Agentur in Berlin hatte ihm den Kontakt vermittelt.
Warum es Middlethorpe Hall war, das zum Treffpunkt für den Erstkontakt wurde, konnte er nur vermuten. Offenbar war es nach wie vor ein bestens geeigneter Ort, um vom Glanz des britischen Empire zu künden, nachdem in der Gegenwart eher kleingeistige Strömungen von wenig staatsmännischer oder gar weltpolitischer Kompetenz kündeten.
Er hatte ernsthaft erwogen, diese Reise zu nutzen, um gegebenenfalls ein Refugium zu finden; hier, im Harry-Potter-Land. Zum Abschalten, Nachdenken, Ideenentwickeln – gepfiffen auf den Brexit. Er war allein, voller Sehnen nach Heimatlichkeit, die in Deutschland Gemütlichkeit hieß und wie Staub und Lavendelsäckchen roch.
Das erwartete Gespräch lockte ihn, denn der hiesige Partner hatte Letitia Brown angekündigt. Sie war Leiterin einer PR-Agentur mit einem speziellen Bildungsauftrag zur Förderung des europäischen Gedankens im Vereinigten Königreich. Das klang zwar fast anachronistisch in dieser Zeit, aber er trug gern dazu bei, die Vorzüge eines innovativen Europas zu erläutern, wo immer man ihm zuhörte. Er liebte es, wenn ihm Menschen aufmerksam lauschten. Sie hatte oft in Deutschland gearbeitet, er hoffte auf anregende Gedanken und den Geist einer Britin.
Nachdem die Straße durch eine moorige Fläche geführt hatte, in der versprengte Schafe mit roten Markierungen weideten, wuchs immer mehr Bebauung aus dem Horizont: Die Stadt York rückte näher. Sein Hotel zu finden, würde kein Problem sein, denn das Navigationsgerät kannte sich aus. Indes sprach es deutsch. Quelle größter Heiterkeit, wenn es zum Beispiel aus Cambridge »Kammbriddge« generierte.
Er sah die Gärten, die vielen Mäuerchen und erinnerte sich an John Forbes. Schade, dass er tot war; er hätte jetzt gern seine Meinung gehört zur Lage im Land. Er hatte immer gelassen reflektiert und pointiert geurteilt. Zu Gast in dessen Haus fiel ihm eines Morgens auf, dass tiefe Parallelspuren das um ein Haar perfekte englische Grün durchpflügt hatten.
»Was haben Sie über Nacht mit Ihrem Rasen gemacht?« fragte er seinen Gastgeber.
»Oh«, entgegnete Forbes. »Das war nicht ich, das waren die Diebe, die den Rasentraktor gestohlen haben.« Und ungerührt griff er zum gebutterten Toast, während er die Baked Beans seines Englisch Breakfast löffelte.
Sie war vorbei, diese Zeit. Sein unbewusstes Lächeln trug für einen Beobachter einen wehmütigen Zug. Wir erleben Menschen und merken nicht, dass wir sie im Grunde lieben, dass sie ihren Platz in unserem Alltag wie selbstverständlich besetzen, sich passend einrichten und Teil dieses Lebens bleiben. Immer verdeckt von akutem Handeln, aber stets präsent, glockenklar auftauchend, sobald unser Unterbewusstes die Gelegenheit bekommt, etwas ›nach oben‹ zu schicken, ins geistige Licht. Belangloses, so urteilen wir oft, doch nichts ist ohne Sinn, was uns das Innerste liefert. Passgenau, aber häufig unverständlich, da Verstehen an Einsicht geknüpft ist, die meist erst später kommt. Es heißt, dass wir sie ›gewinnen‹. Das stimmt, denn ständig tobt der Wettkampf mit unserer eigenen Dummheit.
Er erreichte sein Hotel, das, wie erwartet, kein Kasten war aus Glas und Beton, sondern viktorianische Architektur verkörperte. Trotz aller Renovierungsorgien nach wie vor harmonisch, aber mit den Hühnerstiegen, die hier Treppe genannt werden.
Sein Zimmer hatte eine freistehende Badewanne. Geeignet, einer nackten Schönheit im Bade zuzusehen, während man, den alten Sherry im Glas, darauf wartete, bis sie trocken genug war, um ihr beim Schließen der Verschlüsse zu assistieren. Das Badezimmer war kein enges Kabinett, sondern voller Licht und Raum, die Toilette wiederum ungeeignet für korpulente Gäste.
Die altertümliche Schließtechnik der Fenster war respektvoll erhalten worden und nach ihrer Überwindung konnte sein Blick die Stadt erfassen.
Die Kathedrale mit ihrer kantigen Silhouette, die tausend Schornsteine auf Pultdächern, das schwindende Licht, das rötliche Reflexe auf ungezählte Glasscheibchen zauberte.
Er räumte seine wenigen Utensilien in Bad und Schränke, zog die Reisekleidung aus und wählte eine Krawatte zum Hemd, die ihm gefiel. Er war es Middlethorpe Hall schuldig, selbst wenn alle Welt in Jeanslumpen und Fünf-Euro-T-Shirts sogar in Opernpremieren latschte. Er hatte keinen Einblick, wie Letitia, er nannte sie in Gedanken schon bei ihrem Vornamen, gekleidet sein würde. Ein Jeansberuf in einem Cut-away-Land? Was trugen Geschäftsfrauen heute zum Dinner in historischen Mauern?
Seine Gastgeber hatten ein Taxi geschickt; nicht ein solches, wie es für London typisch war, sondern eine moderne Marke südostasiatischer Herkunft und die recht kurze Fahrt endete, wie erwartet, vor dem Eingang, den er kannte. Nach dem Aussteigen hatte er, genau wie vor vielen Jahren, das Gefühl, klein zu sein vor diesem imposanten Haus und zugleich erhobenen Hauptes durch das verzierte Tor gehen zu dürfen, dazuzugehören, ein erwarteter Gast zu sein.
Die Lobby wirkte noch immer wie eine Szene aus Downton Abbey, nur, dass Flachbildschirme auf altem Holz mit den korrekten Sakkos der Angestellten und deren beflissenem Blick konkurrierten.
Leticia Brown stand am Tresen des Portiers und er war froh, dass er nicht die Casual-Variante gewählt hatte, da neben ihr zwei jüngere Männer mit Fliege posierten. Sie war es sicher, denn sobald sich die Tür hinter ihm schloss, kam sie auf ihn zu, mit fragendem Blick, der schnell strahlend wurde, da sie ihn ebenfalls erkannt hatte. Niemand trifft heutzutage irgendwen, den er nicht vorher googelt.
Es wurde ein Dinner, wie er es liebte, mit besten Weinen, wie es heute in England erwartet werden konnte. Er aß mit Appetit und Interesse, denn die englischen Speisen waren besser als ihr Leumund, vor allem, weil ausgesuchte Rohstoffe hier Standard waren und niemand auf die Idee kam, dass ein Stück bestes Fleisch billig zu haben sein müsse.
Seine Gastgeberin kannte sich aus und die Inhalte seiner Vorträge waren bald umrissen. Witzig war sie, vor allem, wenn sich ihre Mitarbeiter, das waren die beiden Herren in ihrer Begleitung, im Gespräch zu weit vorwagten. Er genoss das Geplänkel, denn er war geübt in der behutsamen Hartnäckigkeit, mit der Briten ihren Faden verfolgten, obwohl eine lockere Floskel die andere abzulösen scheint. Das Dessert, ein Crumble, wie es fast nur in England zu bekommen war, bot Gelegenheit, einen schweren Portwein zu kosten.
Dann war alles besprochen und vereinbart und es kam das, was er im Stillen gehofft hatte: Mrs Brown schickte ihre Begleiter nach Hause und lud ihn zu einem Whisky an den Kamin ein.
»Es interessiert mich doch sehr«, lächelte sie, »was Sie damals bei ihrem ersten Besuch in Yorkshire so erlebt haben.«
Das wunderte ihn zwar, aber welche Überschrift diesen Teil des Abends zieren würde, war im egal. Die Hauptsache, er hatte Gelegenheit, ihr weiter einige Zeit zuzuhören und sie zu betrachten, denn er nahm ihre Anziehungskraft wahr, die vom recht vertrauten Grundton herrührte, den sie ihm gegenüber von Anbeginn angeschlagen hatte.
»Aber sehr gern!« Er erhob sich ebenfalls. »Dann sehe ich gleich, ob der Kamin noch derselbe ist, an dem ich damals saß.«
Es waren zwei Sessel reserviert und bald saßen sie einander halb gegenüber, den Blick auf das Feuer gerichtet, das in dem Kamin, der in der Tat derselbe war, vom Personal präzise bei mittlerer Flamme gehalten wurde.
»Was möchten Sie trinken? Wirklich Whisky? Es gibt hier einen 16 Jahre alten Lagavulin; aber ich möchte vorher mit Ihnen noch etwas anderes trinken. Einverstanden?«
Er nickte; ihr Lächeln erinnerte ihn schon den ganzen Abend an irgendetwas.
Sie orderte zwei Champagner, dann erhob sie das Glas, sah ihn lange an und sagte, unvermutet im fast akzentfreien Deutsch: »Ich trinke darauf, dass Sie meinen Vater kannten und heute Abend gesagt haben, dass er wie ein väterlicher Freund für sie war.«
Er wusste zunächst nichts zu sagen, so verblüfft war er über ihren Toast.
»Ihr Vater?« Und auf einmal sah er das Foto vor sich, dass ihm John Forbes damals gezeigt hatte: die Tochter in Deutschland. Die Augen, die Kopfhaltung – sein Witz. »Letitia Forbes? Sie sind Letitia Forbes!«
»Ja, das bin ich. Brown hieß mein Mann.« Ihr Gesicht strahlte. »Und mein Vater hat immer wieder über den jungen Deutschen gesprochen, der garantiert Erfolg damit gehabt hätte, sich in England niederzulassen.«
Sie tranken ihren Champagner und seine verstaubten englischen Geschichten rissen nicht ab, immer wieder ergänzt durch die Ereignisse, die sie beisteuerte.
»Aber wir wollten doch Whisky trinken,« sagte sie, als die Champagnergläser leer waren. »Probieren wir den Lagavulin oder haben Sie einen anderen Wunsch?«
»Sehr gern«, entgegnete er, und erzählte von der Szene mit ihrem Vater an diesem Kamin. »Allerdings weiß ich nicht mehr, wie die Marke hieß, die wir im Glas hatten. Der war für mich das Beste, was ich bis dahin kannte.«
»Das bekommen wir vielleicht heraus.« Sie winkte einem Kellner und erklärte ihm die Geschichte, worauf er in den Nebenraum verschwand. »Er fragt seine Chefin, die hier schon gelernt hat. Sicher kennt sie die üblichen Marken ihres Kellers.«
Die Erwähnte kam und trug eine Flasche mit sich, fast leer und erkennbar alt. »Ich habe noch etwas gefunden von dem, was wir in der damaligen Zeit im Keller hatten. Diese Destille gibt es leider nicht mehr. Das könnte aber noch die Sorte sein, an die Sie sich erinnern.«
Sie freute sich merklich über seine Nachfrage: »Wir haben heutzutage immer seltener Gäste, die sich für Derlei interessieren.«
Sie reichte ihm die Flasche und aufmerksam betrachtete er das Etikett. Es hatte Patina angesetzt und nicht jedes Wort war leicht zu entziffern, nicht zuletzt wegen der handschriftlichen Signaturen darauf. Und da kam seine Erinnerung: Wenn er wolle, dürfe er seine Initialen auf das Etikett setzen. Es sei so ein Usus bei Ehrengästen. Das hatte John Forbes damals gesagt, und er hatte es getan, mit seinem schwarzen Mont Blanc, geschmeichelt von diesem Angebot: »PLA«. Sogar mit dem zweiten Vornamen, den er verabscheute, der im Pass verewigt war, sich für Initialen aber recht gut eignete, damit ein »PA« nicht wie die Abkürzung für »Personalausweis« wirkte.
Er zeigte die Flasche Letitia Forbes und wandte sie dann zum Licht, ob auf diesem Etikett gar ein prominentes Kürzel zu finden war und hielt jäh inne: PLA, fast verblasst. Das waren seine Initialen! Kein Zweifel – es war sein Signum!
Das raubte ihm die Fassung, aber warum sollten in einem Land, in welchem es zur Normalität gehörte, dass PCs auf dreihundertjährigen Tischen standen, nicht halbgefüllte Whiskyflaschen zwanzig Jahre überdauern? Das Licht begann für ihn zu schimmern und etwas berührte sein Inneres. Er reichte die Flasche der Kellnerin, die ihnen behutsam den Rest eingoss, vorsichtig abmessend, die letzten Tropfen eines Getränks, das es nie mehr geben würde.
Er nahm das birnenförmige, dünnwandige Gebilde in die Hand und brachte die Flüssigkeit zum Schwingen, so dass der alte Stoff durch das Glas hindurch seine Handfläche liebkoste. Die breiten Schlieren verliefen sich und das Aroma erreichte seine Nase. Er hob den Kelch und im Geiste tauchte das warme Lächeln von John Forbes auf. Der Blick seiner Gastgeberin ruhte auf ihm.
»Letitia«, sagte er.
Ein wenig vom goldenen Glanz, der in ihren Gläsern gefangen war, schimmerte in ihren Augen.
Bella und Paul
Paul
Sie glauben vielleicht, so etwas passiert Ihnen nicht? Nun ja, ich habe das auch einmal gedacht.
Es begann vor Jahren mit der bitteren Erkenntnis, dass das Leben sich zu einer Abfolge von Routinen mit Rollenspielcharakter entwickelt hatte. Konkret: mein Leben. Als das eines Mannes, der seinen Pflichten folgt, selbst auferlegt, unmerklich mit Zusatzfeatures versehen, was zu einer Funktionalität führte, die an Vielfalt nicht zu überbieten war. Nur, dass im Inneren, dieses einstmals kraftvolle und lebendige Lodern zum Flämmchen wurde, stets bemüht, den erforderlichen Aktionen die dafür nötige Energie zu liefern. Es tänzelte förmlich in einem Hohlraum herum.
Ein Roboter in Menschengestalt, fähig, mit richtigen menschlichen Wesen umzugehen, ohne sie zu verletzen. Sozusagen ein Vorläufer der neuesten Robotergeneration, wie sie heute mit Human-Kollegen zusammen am Band steht.
Wohlgemerkt, was da aus mir geworden war, hatte ich zugelassen. Ich selbst. Im zumindest theoretischen Bewusstsein meiner Souveränität als Vertreter der menschlichen Rasse. Es ist ja leicht, es anderen in die Schuhe zu schieben, wenn es nicht gelungen ist, sich zu behaupten.
Denn wir sind für uns selbst verantwortlich. So steht es auch in Ratgebern, klugen Büchern noch klügerer Leute, die letztlich alle steinreich und galaktisch glücklich sein müssten, weil sie doch so viel Richtiges wissen. Aber – selbst der beste Chirurg kann sich den Blinddarm nicht höchstpersönlich herausnehmen – spätestens bei der Vollnarkose endet der Versuch.
Ich gehöre zu denen, die in der Welt herumreisen und Reden halten zu Themen der Wissenschaft – und des Lebens. Als eines Tages jemand in einem Seminar, das ich leitete, nach einer Stunde aufstand und sagte: »Nun wird es aber Zeit, dass ich nach fünfzehn Jahren endlich erfahre, wie ich erfolgreich sein kann! Fangen Sie endlich damit an! Ausschließlich dafür bin ich hier!« wäre das kein sonderbares Verhalten, wenn, ja wenn, diese Dame sich nicht zu Beginn der Veranstaltung als »Erfolgs-Trainerin« vorgestellt hätte. Wie weit muss jemand von sich selbst entfernt sein, um derartige Statements vollen Ernstes und in aller Öffentlichkeit abzugeben? Das war mir lange ein Rätsel – bis heute.
»Was machst du hier eigentlich?«
Mit dieser launigen, jedoch durchaus sinnvollen Frage an mich in eigener Person startete der Ablösungsprozess von einem Leben, das ich nicht mehr verstand, aber schon viele Jahre zelebrierte. Ebenso von einer Beziehung, die nur insofern eine war, als dass es einen speziell definierten Bezug zwischen diesen zwei Personen gab. Begriffe, wie ›erfüllt‹, oder ›glücklich‹ kamen in der Gebrauchsanweisung zu diesem Beieinander nicht vor.
Eine Beziehung, in welcher mein Mann-Sein nur darin bestand, gendergerechte Kleidung zu tragen, nicht etwa in der orgiastischen Zweisamkeit lebender Wesen – meist unterschiedlichen Geschlechts. Das ›meist‹ ist der Tatsache geschuldet, dass durchaus andere Konstellationen existieren, die Lustgewinn erlauben, falls, ja, falls, es etwas von dem gibt, was gemeinhin als sexuelle Anziehungskraft beschrieben wird.
Das alles hatte zumindest dazu geführt, dass Zweifel an der Sinnhaftigkeit meiner Daseinsinterpretation aufkeimte, aus dem Dunkel hervorschimmerte und schließlich ein Gewächs hervorbrachte, das solche Schatten warf, dass sogar die pralle Sonne mein Gehirn nicht garkochen konnte, denn etwas in der Art muss es gewesen sein, was mich derartig blind hatte werden lassen.
Nun hatte ich gesiegt, über mich selbst, meine Illusionen, die Trägheit der Usancen meines Alltags und über die heimtückische Angst vor der Veränderung. Ich war allein! Endlich! Und: Es war elend. Nicht, dass es mir an etwas gemangelt hätte, an Materiellem oder an Bequemlichkeit.
Wenn Sie ein Leben geführt haben, in dem Sie vom Kochen über das Dirigieren der Handwerker bis zur Bespaßung der Beteiligten für alles den Hut aufhatten, mangelt es Ihnen nicht an Fertigkeiten und Fähigkeiten, einen Haushalt zu führen, anfallende Arbeiten zu verrichten oder dafür zu sorgen, dass Sie selbst nicht wie ein abgerissener Haderlump durch die Gegend laufen.
Ich beherrschte das seit jungen Jahren und erinnere mich, dass ich, einst, während einer Solo-Phase, am Weihnachtstag eine komplette Gans gebraten hatte, samt Kloß und Blaukraut. Nur für mich, obwohl es dann doch eine einzige Keule war, die ich verzehren konnte.
Andere beweisen sich, dass sie überlebensfähig sind, indem sie drei Tage ohne zivilisierte Nahrung durch die Wälder und um Seen streifen. Da ist mir die Gänsevariante als Beleg egozentrierter Selbstachtung deutlich ansprechender.
Nein, es war nicht der Mangel an Komfort, der mir die Einsamkeit so schwer werden ließ, es war die eingeschränkte Möglichkeit zu teilen, Freude, Lachen und Zärtlichkeit. Dieses »Schau, wie schön das aussieht!«, »Riechst du diesen wunderbaren Duft!« Oder schlicht das Streicheln einer Hand – ohne Worte; der kleine Kuss im Vorbeigehen, die Vorfreude, gemeinsam zu erleben – was immer es sein mochte.
Es war genauso wenig die Abwesenheit von Alltagsfähigkeiten, wie Putzen, eine Waschmaschine bedienen, Bügeln oder Essen zubereiten. Es war eher die Manie, all dieses in einer inneren Verbindung mit der Person zu verrichten, deren wohlwollende Wahrnehmung selbst Profanem, wie dem Abwaschen von Geschirr, emotionale Substanz verlieh. So ist das Kochen und die eigene Ernährung zu sichern, als kulinarisches Talent etwas Löbliches. Aber was macht es mit einem Menschen, wenn dieser es liebt, große Menüs zu komponieren und perfekt zuzubereiten, ihm jedoch die Gelegenheiten dafür fehlen? Personen, die das zu schätzen wissen und beglückt in sensorischen Sinfonien schwelgen, die er, völlig allein, erschaffen und aufgeführt hat, sind rar, sobald Alleinsein zur Norm aufgestiegen ist.
In heißen Phasen hatte ich blecheweise gebacken und danach handgefertigte Schilder in die Fenster gestellt mit der Aufschrift: »Kuchen!«, weil es Nachbarn gab, die mich mochten und die sich dann viele Tage darüber unterhielten, was der nette Mann von nebenan doch für ein Backtalent sei und dass man von ihm sogar Besseres gegessen hätte, als von der meisterlich backenden Schwiegermutter. Das war der Lohn, nach dem ich gierte: Wahrgenommen und geliebt zu werden, voller Stolz zu sein, auf etwas Eigenes, das ich exzellent beherrschte.
Alleinsein ist ein wichtiges Privileg, das uns Stärke und Souveränität erhält und für weitere Aspekte unserer Befindlichkeit vonnöten ist. Einsamkeit ist dessen tödliche Schwester.
Es gibt dann keine Resonanz mehr auf das, was wir tun und lassen. Es ist der Welt gleichgültig – wie letztlich selbst uns: »Was macht es schon aus, ob ich sieben oder neun Uhr abends zu Hause bin, an der Autobahn esse oder daheim? Wo immer ich bin, ist Leere.«
Viele Menschen kennen diesen Gedanken nur zu genau; es sind weit mehr, als es zugeben.
Der ganze Kampf ums Überleben als Einsamer besteht darin, auf sich einzureden, um eines Tages davon überzeugt zu sein, dass es Spaß macht, allein zu verreisen, solo in einem Restaurant zu sitzen oder ohne Seelenfreund ein Kunstwerk zu betrachten.
Bella
»Ich habe alles hinter mir gelassen!«
Ich sitze an meinem Schreibtisch, der eine Glasplatte hat und alles ist geordnet. So, wie ich das am liebsten habe: Hell, freundlich, warm, aber mit Übersicht. Das Beste daran ist, dass niemand mehr, absolut niemand, an dieser Ordnung etwas ändern wird – außer mir selbst. Ich kann vom Einkaufen kommen, vom Frisör, von einer Reise und kein Mensch wird auch nur einen Millimeter verrückt haben, was ich mit System oder spontan genau so und nicht anders platziert hatte.
Ich habe meine Rüschenbluse angezogen, die weiße. Für mich. Dazu die schlichte, kurze Kette. Den nachtblauen Businessrock. So etwas wie eine Uniform, meine Distanz gegen gedankliche Übergriffe. Selbst zu Hause, am Telefon gibt mir das Stärke. Vor mir liegt ein Buch. Ein Paperblank. Das hat Schnörkel, mit Gold, und die Seiten sind cremeweiß. Es ist einfach schön. Auf die erste habe ich geschrieben: »Mein Leben ab jetzt!«
Es gibt so viele faszinierende Bücher, in denen steht, dass Ziele das Wichtigste sind; dass wir sie artikulieren, aussprechen und niederschreiben sollen. Genau das tue ich jetzt.
»Ein Leben in Fülle und Reichtum.«
Das habe ich hineingeschrieben, in mein Buch. Gar nicht mal im Sinne von »viel Geld«. Aber, klar, natürlich auch. Nur nicht ausschließlich. Es kommt mir so billig vor, sich Geld zu wünschen, es als einziges Maß von Erfolg zu interpretieren, so grob materialistisch. In der Vergangenheit war es ja immer da, das Geld. Möglicherweise ist es mir materiell noch nie richtig schlecht gegangen, so dass ich es fast verschämt negiere. Dabei war mein Zuhause als jüngstes von sieben Kindern eher bescheiden. Nun, wo fast keins mehr zur Verfügung steht, drücken mich die schmerzlichen Konsequenzen seiner Abwesenheit.
Nur hat Geld mein bisheriges Leben lang niemals dazu geführt, glücklich zu sein. Er hatte es verdient, mein Mann, und nach Hause gebracht, regelmäßig, aber es hat nicht das Glück finanziert und nicht das Lachen. Es war die Rechtfertigung für ein engherziges, eingekapseltes Leben mit einem feindseligen Lächeln nach außen, immer darauf bedacht, dass es unter der Wahrnehmungsschwelle der Anderen blieb.
»Na, du hast es doch gut!«
Dieses langgezogene »gut«, wie mir das zuwider war! Zumal die Blicke dabei von flachem Desinteresse über Neid bis hin zu deutlichem Hass alles enthielten, nur nichts, das gut für mich war. Auch hinter blinden Spiegeln kann die Hölle lauern. »Warum denn gerade Die, wo Die doch nur…«
Das Geld war damals da und das Haus und die Reputation, aber es hat nicht helfen können, die sterbende Liebe zu erhalten. Es heilte nicht, es kaschierte nur, machte abhängig, war der Ersatz für ein Leben mit Emotionen, spontanen Aktionen, lautem Lachen. Und wenn ich tanzen, ein Konzert besuchen wollte, Leute einladen, dann erstarrte der, dessen Geld, das doch alles erlaubt hätte, von innen heraus.
Es tat mir so leid, diese Scheu zu erleben, ein gestandener Mann, intelligent, gutaussehend und inwendig ein angstvolles Bündel von Mikadostäben einer offenbar verlorenen Seele; jede Veränderung führte zu unkontrollierten Folgen im mühsam geschaffenen Gleichgewicht. Das Leben als Gefahr und die Wandlung als Bedrohung zu sehen; den Schein aufzupolieren, um sich verbergen zu können. Ein Fassadenmensch, der sein inneres Entsetzen wegtrank, immer öfter. Mit allem, was dazugehört.
Die schönen Gegenstände, die ich so gern drapierte, die liebevollen Freuden in Farbe und Form, ignoriert, gar verlacht. Das Buhlen um die Anerkennung meines Seins, meiner Vielfalt, meiner Auch-Bedeutung, war so ohne Wirkung auf diesen Mann und seinen Tag. Das Leben versickerte im Einerlei der Routinen und Rituale, deren Sinn nur in ihrer eigenen Existenz bestand.
Paul
»Südafrika! Im nächsten Sommer!« Ich scrolle die Endlosseite des Reiseveranstalters vor und zurück.
Mit dem Auto bis zu den Weinanbaugebieten. Die ewige Sehnsucht nach diesem Kontinent, die mir in der Kindheit schon wundersame Träume beschert hatte. Meist dann, wenn ich Bücher las, die mit Afrika zu tun hatten. Es waren die Tiere und die Weite, die mich aus den Zeilen heraus berührten. Neun Jahre alt, elf, auch später noch. Sehnsucht nach einem Ort, an dem ich gerade nicht bin. Weg vom Jetzt und Heute, nicht, weil es mir als Junge in diesem Alter schlecht ging. Es war das tiefe Gefühl der Neugier, eher nicht auf ›Informationen‹, nein, auf etwas, das zu schauen, zu riechen und zu hören war.
Wann immer ich meine Bücher aufschlug, wehte mich das an, was ich darin las. Mehr als das, es waren die Bilder, die sich formten in mir.
Ist diese Reise wirklich eine gute Idee? Nach so vielen Jahren, jetzt, wo ich allein bin, niemanden zum Teilen habe? Der Gedanke, genau das zu tun, überrascht mich, denn bislang kamen solche Ideen nicht einmal bis zur Tastatur. Das Alleinsein fraß diese Impulse auf.
Ist das das Signal, jetzt, in diesem Augenblick, dafür, dass die Zeit der inneren Zerfleischung vorüber ist? Dass ich bereit bin, wieder zu genießen, und zwar ohne Trauer selbst allein?
Ich sehe mich am Tisch eines Restaurants. Die Speisekarte ist studiert, das Essen bestellt. Was tun, bis es kommt? Nochmals die Karte studieren, auf dem Handy Nachrichten ansehen, ein Spiel machen, Tetrisvarianten gibt es ungezählte, oder eine Tageszeitung lesen? Sogar, sobald das Essen gekommen ist, links, leicht versetzt nach oben, neben dem Teller. Aber meist gibt es keine Zeitung. Falls ja, oft eine überregionale, in Hotelrestaurants, mit Seiten zum Zeltbauen so groß. Zuweilen altmodisch eingespannt in ein hölzernes Konstrukt, das man an einen Haken hängt, der neben der Garderobe im Lokal angebracht ist. Damit die Leute die Zeitung nicht mitnehmen. Nichts ist so ungeeignet zum Zeitunglesen, wie eine solche Vorrichtung, die den Bund der Blätter einklemmt, Textteile dadurch unlesbar macht, sperrig ist und schwer. Man braucht den ganzen Tisch dafür, stößt ständig irgendwo an. Während des Essens – unmöglich. Einmal hatte ich damit ein Wasserglas umgeworfen.
Lieber jemandem in die Augen schauen, reden, Gedanken austauschen, zusammengehören, die Hände der Frau ergreifen, die mir gegenüber sitzt, streichelnd die Gemeinsamkeit aufnehmen. Die Speise probieren vom anderen Teller, aufgeteilt bestellen, so dass man zwei Gerichte schmecken kann. Bereden, was als Nächstes kommt, das es anzuschauen lohnt oder doch direkt ins Hotel, pausieren, im Liegen lesen, sich berühren, Energie speichern für das Leben.
Inzwischen kann ich das Alleinsein am Tisch und das Essen genießen, eine Tour planen, die mir Sachen oder Orte zeigt, Landschaften. Nur passiert das jetzt eher zügig, so, wie das Abarbeiten eines Pflichtprogramms, Eindrücke austauschend im Selbstgespräch. Der Verlockung widerstehen, irgendjemanden anzurufen. Ja, das geht.
Werde ich dann eines Tages einer von denen sein, der fremden Leuten wortreich erzählt, was er gesehen und erlebt hat, fragend, ob man denn schon dieses oder jenes besucht hätte? Permanent das umfassende Wissen preisgebend, das niemand braucht oder mit mir teilen möchte?
Eine Freundin hatte mich einmal damit trösten wollen, dass ich letztlich, wann immer mir es einfiele, mein Bad putzen könne – selbst nachts gegen drei. Sicher ein Traum, den jeder von uns zwingend hat.
Wer weiß. Alles besser, als die platten Gedanken eines jemand zu ertragen, der sich unerträglich parlierend über tausend Sachen wortreich ausbreitet, sich darin verliert, selbstgerecht wertend, Menschen stets das Negative unterstellt. Der nur sich sieht und die Wärme gar nicht gewahr wird, die meine Hände für ihn haben.
Bella
»Ich will jeden Tag mindestens einmal laut lachen!«
Das war der zweite Satz in meinem Paperblank. Ich war zunächst erschrocken über ihn, denn ich war der Frohsinn in Person; vor vielen Jahren, als die Ehe mir ein Weg zu sein schien, frei zu werden von den Zwängen, jüngstes Kind zu sein. Niemals brauchte ich einen Grund für Fröhlichkeit. Dann dieser Satz, als müssten graue Schleier zerrissen werden, in die ich mich selbst eingewickelt hatte.
»Lerne, dich wieder wahrzunehmen, dich nicht nur zu verhalten«.
Ich hätte diesbezüglich manches zu erzählen, doch wem? Die glatte Front des Nichtverstehens meines Handelns begegnet mir täglich im Ort in den Gesichtern. Diese Wut darüber, selbst nichts zu verändern. Diese Ahnung davon, wie endlich doch alles ist. »Wie kann die das nur tun, wenn ich es auch nicht mache!« Nur Männerblicke haben unvermutet einen neuen Ausdruck von Interesse, teilweise rücksichtslos direkt. Wie wohltuend es wäre, Empathie zu erkennen, statt eines in Gang gekommenen Bewertungsroulettes durch ewig unzufriedene und selbstgerechte Nachbarn und Bekannte – nur Marionetten ihres armen Lebens.
Ich hatte jetzt eine Menge zu entscheiden für mich. Nicht mehr beeinflusst durch einen fremden Willen, doch beschränkt durch mein eigenes Wissen, die mangelnde Erfahrung, seine Sperre, wann immer ich etwas dazulernen wollte. Eine Anstellung zu bekommen ist nicht leicht, waren die letzten Jahre doch Pflege und Betreuung gewidmet, weit entfernt vom Beruf. Für Alternativen fehlt mir die Übersicht; und etwas Angst ist dabei.
Meine bitter gewonnene Freiheit hatte ich bisher nutzbringend investiert, das glaube ich zumindest. Hatte Events besucht, Bücher studiert und den alten Renault gegen ein knallrotes Auto eingetauscht. Rot, offen, spritzig.
Mensch, Bella, war das kühn.
Ich wollte endlich die sein, die ich bin, mich selbst wahrnehmen. Ohne zu fragen, in meinem eigenen, unvernünftigen Auto sitzen. Zu Veranstaltungen fahren, wohin, wann und wie lange ich das will. Die blöden Blicke muffiger Nachbarn inklusive.
Wie schnell ist doch die Freundlichkeit vorbei, die vorgebliche Empathie, sobald du aus der Reihe tanzt, den Pfad verlässt, den andre Leute dir zugedacht haben. Etwas zustande bringst, das sich keiner sonst traut. Vergessen sind die guten Taten in der Gemeinde, das Engagement bei Festen, bei Vereinen. Die tausendmal kaum mehr geduldig ertragenen Klagen über die Beziehungskatastrophen von Monika, die immer wieder auf die gleichen Kerle reinfällt. Veronika, die sich ständig zurückgesetzt vorkommt in der Firma, mit ihrem verstörten Ehemann, der mir mit seinem Glotzen bis heute an die Wäsche geht. Was hab ich mich eingesetzt für die Nachbarn, bei der Gemeinde oder damals beim Landrat für deren Interessen.
»Wie kannst du dich nur scheiden lassen!«
Das steht jetzt in Leuchtschrift über jedem Haus, in jedem Gesicht. Ich atme sie ein, diese Missbilligung, nur, weil ich das tat, was für mich richtig war. Weil ich mir erlaubt habe, mich zu befreien von einem unerfüllten Leben, über das ich niemals geklagt hatte, aber von dem jeder sehen konnte, wie leidvoll es für mich ist. Wenn ich eines weiß, dann ist es das: Ich werde sicher nicht nochmals heiraten!
Fremde Leute, ja, die zeigen Interesse, nehmen mich ganz anders wahr. Beurteilen nicht mein Gestern, sondern was ich gerade sage, wie ich heute handle; ich habe das erste Mal seit Jahren wieder das Gefühl, dass mich jemand ansieht und dabei mich meint.
Mich! Jetzt! Hier!
Nicht das Bild, das ich abzugeben habe nach Ansicht von Leuten, zu deren Leben ich marginal gehört habe, wie eine Wandfarbe oder ein Möbel, an dem man täglich vorbeigeht.
Ich war vor einiger Zeit in einem Vortrag; es ging um Chancen für die Zukunft, um Visionen im Kontext heutiger Gegebenheiten, um Barrieren in einer modernen Gesellschaft. Der Mann da vorn hat mir getaugt. Bildhaft, stringent, unterhaltend dabei. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass ihm nicht egal ist, was jeder mit seinen Gedanken und Worten anfängt. Und ich hatte mich seit langem wieder verstanden gefühlt, ernst genommen, mit Respekt behandelt. Auf eine Frage von mir, zugegeben, eine etwas ungeschickte, wurde ernsthaft geantwortet.
»Der meint tatsächlich mich!«
Das war mein Gefühl und das hatte ich lange vermisst. Zumindest in den letzten Jahren. In der Pause dann war ich genau darauf bedacht, zuzuhören, was er anderen sagt, geduldig, aufmerksam, nie von oben herab, wie abwegig die Frage sein mochte. Das hat mich beeindruckt. Ich war unversehens wieder jemand.
Ich rühre gedankenversunken in meinem Tee. In einem Tropfen davon, auf meiner gläsernen Schreibtischplatte, bricht sich das Grün der Bäume vor dem Fenster. Ich will so viele Dinge lernen, herausfinden, ob meine Gedanken einen Sinn ergeben, für meine Zukunft, über all das sprechen was ich entscheiden werde in den nächsten Wochen. Wie gut es wäre, darüber unbefangen zu reden, wenn mir jemand zuhörte, der mich nicht sofort in ein Muster einordnet, mir nicht innerhalb von drei Minuten Antworten von der Stange liefert.
»Falls Sie noch etwas loswerden möchten, oder eine Frage haben – meine Daten haben Sie!« Das war ein Satz in seiner Rede, bevor es ans Verabschieden ging und der Veranstalter eine lange Liste von Folgeterminen umständlich präsentierte. Ich hatte ihm daraufhin schon einmal eine juristische Frage gemailt und überraschenderweise hatte er mich sogar zurückgerufen. Seine Stimme war auch am Telefon sehr angenehm und es kam mir vor, als wüsste er, wer ich sei.
Genau das mache ich.
Ich werde ihn auch diesmal fragen.
Paul
Ping! Eine E-Mail. Schon haben mich die Bedürfnisse anderer wieder erreicht.
Diese Reise – mag sein. Muss ich ja jetzt nicht festlegen. Ich lese die Nachricht und freue mich darüber, dass da jemand meine Expertise schätzt, Fragen stellt, wie sich zu verhalten, wie zu entscheiden sinnvoll ist.
Antworten darauf gebe ich gern. Die Menschen sind mir wichtig, sie vertrauen mir und scheuen sich nicht, ihr Nichtwissen zu offenbaren. Sie fürchten keinen missbilligenden Blick, kein überhebliches Von-oben-herab-Getue. Sie fühlen sich in ihrem Wert nicht abhängig vom Grad ihrer Kenntnisse und Erfahrungen. Und – sie vertrauen sich mir an, genau mir; sie öffnen sich ohne Arg und ohne Sorge, verletzt zu werden. Ein gutes Gefühl.
Diese Nachricht ist von einer Frau, die ich bei einem meiner Vorträge im Saal hatte sitzen sehen. Ich kann mich erinnern: schlank, mit wachem Blick, lebendig, auffallend durch ihre gescheiten Worte.
Es ist nicht die erste Frage, die sie schriftlich stellt und vor einiger Zeit hatte ich, weil es unkomplizierter war, sogar mit ihr telefoniert und in groben Zügen ein Szenario entwickelt, das mir passend für sie schien. Die Telefonstimme hatte mich überrascht in ihrer Frische und Präsenz.
Nun, diesmal wirkte der fachliche Gegenstand heikel. Nicht, dass ich mich scheute, klare Positionen niederzuschreiben. Es ist eher das vernetzte Thema, das ohne Dialog nicht deutlich umrissen werden kann. Manchmal bin ich freilich zu bequem, ausführlich und mit Wenn und Aber ellenlange Texte zu verfassen. Doch hier stören mich die Vertraulichkeit des Gegenstandes und der Gedanke, die eigenen, vermutlich gar nicht perfekten Auslassungen ins Blaue zu schicken.
»Vielen Dank für Ihr Vertrauen und sehr gern gebe ich Ihnen meine Gedanken dazu preis, aber dieses Mal schlage ich vor, das bei einem Kaffee zu tun, hier in der Stadt, in der ich wohne.« So oder ähnlich fand ich Worte.
Erstaunlich, denke ich, du nimmst die Unbequemlichkeit in Kauf, das Haus zu verlassen, in irgendeinem Café, lärmumgeben, jemandem zuzuhören? Kaffee und Wasser vermutlich mit deinem Geld bezahlend, anstatt welches zu verdienen?
Das passt zu meinem Reisegedanken. Ist die Zeit des Nachtrauerns gewohnter Zweisamkeit tatsächlich vorüber? Beginne ich endlich, jetzt für mich selbst und zum eigenen Nutzen zu entscheiden und zu handeln? Verlasse ich soeben meine unsichtbare Klausur, um ein ›normaler‹ Mensch zu sein? Es wird Zeit, nach fast zwei Jahren. Das Gefühl, aus einem Raum hinauszugehen, die Türen offen, aber hinter mir, zurückzulassen, verlockt mich, stolz zu sein.
Ich bin plötzlich größer und stärker und das verschmitzte Lächeln, das man von mir kannte, ist zurückgekehrt, obwohl kein Spiegel mir das zeigt.
Bella
Ich habe einen Termin mit ihm, dem bekannten Referenten, auf einen Kaffee. Weil meine Frage sich nicht fürs Telefon eignet. Da sollte er mal hören, was mir Monika von ihrem Job bei der Stadt alles am Telefon erzählt hatte. Aber ich freue mich. Ich bin sogar ein Gespräch wert. Wie lange gab es das nicht, für wie lange war ich nur ›die Frau von …‹ oder noch früher ›die kleine Schwester von …‹.
Bin ich so empfindlich geworden, dass ich das im Nachhinein so deutlich wahrnehme?
Es ist erstaunlich, wie enge Begrenzungen, gerechterweise goldene Fesseln, uns einengen und trotz alledem die Täuschung vermitteln, wir hätten einen Spielraum? Wer seinen Käfig für die Welt hält, kann sich auch einbilden, dass sie das sei. Wie die Leute im Osten, die mir mal gesagt haben, dieser Trabant sei genau das Auto, das sie gut finden. Unsere Nachbarn hatten sie zu Besuch. Heute, nachdem wir mehr wissen, frage ich mich, wie sie zu der Erlaubnis gekommen waren, überhaupt hierher fahren zu dürfen.
Der Zeitpunkt für meine Reise zum Referenten war etwas ungünstig. Da gab es einen Termin mit einem Professor, der mir weiterhelfen könnte. Aber so sicher war ich seiner Motive nicht. Ich merke jetzt erst, wie wenig ich über diese Welt weiß, in die ich mich gerade hineinbewege, die Geschäftswelt. Es ist schwierig für mich, das Interesse an der Frau vom Interesse an deren fachlicher Kompetenz zu unterscheiden. Ist es Masche oder Geschäftssinn? Bin ich wirklich so blöd, dass ich da Zweifel habe? Wohl doch, denn sonst fiele es mir leichter. Ich will bewundert werden, weil ich etwas kann, nicht weil ich ›aussehe‹!
Neulich erst, da war ein Unternehmer, für den ich ein Konzept entwickeln sollte, für Events. Das kann ich gut. Aufs Geld habe ich nicht geschaut, aber was ich ihm geliefert habe, war deutlich mehr wert, als das, was er mir dann gezahlt hat. Bella, lass dich nicht wieder ausnehmen, wie ein Bio-Huhn!
Mein neues Auto hingegen liefert mir, neben dem Neid aus dem früheren Leben, erstaunliche Angebote: »Sei heute um 22 Uhr an dieser Adresse. Die Tür ist nicht verschlossen!« So der Zettel auf dem Fahrersitz. Es gibt so vieles, das ich nicht kenne.
Mich wieder als Frau zu fühlen ist schön, selbst über den Umweg eines knallroten Cabrios. Begehrt zu werden, nicht etwa begiert, wie von den Männern meiner Freundinnen oder den Nachbarn, Gemeindemitgliedern, die mit verlegenem Tätscheln eine Vertraulichkeit beschworen hatten, von der ich nichts wusste.
Die einsamsten Träume könnten nun alle wirklich stattfinden, sich vergegenständlichen. Aber ich werde jedes Mal anschließend nach Hause gehen, um nicht am nächsten Morgen in entzauberter Wahrheit erwachen zu müssen.
Paul
»Sie können sich darauf verlassen, das ist der größte Schwachsinn, den ich seit langem gehört habe!« Ich wandere auf und ab, das Headset auf dem Kopf, das Telefon liegt auf dem Schreibtisch. »Ja, das meine ich so! Genauso!« Mein Gesprächspartner sorgt sich, er fürchtet um einen Auftrag, den er noch gar nicht hat.
»Und wenn Sie dem zustimmen, werden Sie ihres Lebens nicht mehr froh, so lange das Ganze läuft!«
Etwas, das man nicht hat, kann man nicht verlieren. Aber unter wirtschaftlichem Druck, etwas zu akzeptieren, das über die Zeit einen so deutlichen Nachteil mit sich bringt, ist dumm und riskant. Ängstlichkeit ist ein schlechter Ratgeber beim Verhandeln.
»Ja, sagen Sie denen, in diesem Projekt sei für eine Qualität, die Sie gewöhnlich abliefern, kein Raum und wünschen Sie alles Gute. Dann gehen Sie nach Hause und rufen mich wieder an.«
Ich setze mich und greife zum Wasserglas. Wenn mir in solchen Phasen nur selbst ab und zu jemand begegnet wäre, der mit so deutlichen Worten die Richtung gewiesen hätte.
Mein Kalender für die nächsten Wochen hat noch Lücken. Ein Blick darauf hilft mir, mich zu kontrollieren und nicht zuzulassen, dass ich Zeitdruck fühle. Nichts ist dabei, was Begeisterung hervorruft, aber eine gewisse Zufriedenheit schon, denn ich mache meine Arbeit gern. Am liebsten zu Hause oder ganz weit weg, aber niemals zu lange dasselbe. Ich werde künftig nachsehen, ob an einem der Zielorte nicht etwas Sehenswertes existiert, das ich mir einmal näher betrachten könnte. Nun, wo ich die Freude am Alleinleben für mich entdeckt habe.
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