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UWE BÖSCHEMEYER
Der innere
Gegenspieler
Wie man ihn findet
und überwindet

Sämtliche Angaben in diesem Werk erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung ohne Gewähr. Eine Haftung der Autoren bzw.
Herausgeber und des Verlages ist ausgeschlossen.
1. Auflage
© 2020 Ecowin bei Benevento Publishing Salzburg – München, eine Marke der Red Bull Media House GmbH, Wals bei Salzburg
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags, der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen sowie der Übersetzung, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Gesetzt aus der Palatino, Kosmik Plain, Din 2014
Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:
Red Bull Media House GmbH
Oberst-Lepperdinger-Straße 11–15
5071 Wals bei Salzburg, Österreich
Satz: MEDIA DESIGN: RIZNER.AT
Lektorat: Arnold Klaffenböck
Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie
ISBN: 978-3-7110-0264-8
eISBN: 978-3-7110-5289-6
Für meine Frau Christiane
INHALTSVERZEICHNIS
VORWORT
EINLEITUNG
Der Anstoß zu diesem Buch: Wertimaginationen – die destruktive Macht des Gegenspielers und die konstruktive Kraft des Verbündeten
DER INNERE GEGENSPIELER: WAS ER IST, WAS ER TUT, WOHER ER KOMMT
»Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust«
Verdeckte Beispiele des Gegenspielers
Ist vieles im Leben nur Schicksal, Verhängnis, Tragik?
Worum es dem Gegenspieler vor allem geht
Der Gegenspieler und der Zweifel
Woher kenne ich den Gegenspieler?
Warum ist die Macht des Gegenspielers nicht hinreichend bekannt?
Woher kommt der Gegenspieler?
Ist der Gegenspieler nur »negativ« oder nur »böse«?
Wie finde ich den Gegenspieler?
Jürgens Trauerspiel: Ein langes Leben im Griff des Gegenspielers
WIE WIR DEN INNEREN GEGENSPIELER ÜBERWINDEN KÖNNEN
Die Stille als wesentliche Bedingung der Möglichkeit, die Macht des Gegenspielers zu begrenzen
Will ich mich wirklich verändern?
Von der Kraft des Verbündeten
Eine Begegnung zwischen dem Gegenspieler und dem Verbündeten
Die Persönlichkeitslehre des Enneagramms als effektive Hilfe in der Auseinandersetzung mit dem Gegenspieler: Vom Typ zum Original
Und das Leben lohnt sich doch!
Es wird doch wieder Sommer werden!
Das Ringen um Lebensqualität: Leben ist mehr als Leistung und Erfolg
WELCHE WESENTLICHEN VERÄNDERUNGEN BRAUCHEN WIR IN DIESER ZEIT, UM DEN GEGENSPIELER IN SEINE SCHRANKEN ZU WEISEN?
1.Wir brauchen eine freundlichere Anschauung des Menschen
Viktor Frankl, der Therapeut der Hoffnung
2.Wir brauchen mehr Einsicht in die Notwendigkeit, die verletzenden Stunden des vergangenen Lebens anzusehen
Wie der Gegenspieler Jahrzehnte eines Lebens mitbestimmte – eine therapeutische Intervention
3.Wir brauchen das gefühlte Bewusstsein: Ich bin ich!
4.Wir brauchen ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Selbstverantwortung und Verantwortung für unsere Mitwelt
5.Wir brauchen ein neues Verständnis für die Einsamkeit
6.Wir brauchen mehr Einsicht darin, dass der Gegenspieler uns dazu verführt, uns selbst als Opfer zu betrachten
7.Wir brauchen mehr Sinnerfahrung
8.Wir brauchen mehr Mut zum Leben in dieser Zeit
9.Wir brauchen mehr Besinnung auf die Liebe
10.Wir brauchen mehr Kenntnis vom Gegenspieler, weil sie uns im Umgang mit Krankheiten behilflich sein kann
11.Wir brauchen eine neue Einstellung zum Staunen
12.Wir brauchen mehr Mut, über die Schulweisheiten hinauszusehen
13.Wir brauchen eine vertiefte Selbsterfahrung
14.Wir brauchen eine Wiederentdeckung der Dankbarkeit
15.Sinnvoll leben – Gedanken, die, wenn sie das Herz erreichen, den Gegenspieler überwinden werden
16.Wir brauchen ein vertieftes Verständnis für die Zeit
17.Wir brauchen eine neue Reformation
Nachwort und Dank
Auswahl der Literatur von Uwe Böschemeyer
Literatur zum Buch
Informationen
VORWORT
Ein ums andere Jahr habe ich Bücher geschrieben, und in der Rückschau stehe ich zu jedem einzelnen. Trotzdem ließ mich seit Längerem der Gedanke nicht los, ich hätte noch nicht meinBuch geschrieben.
Mein letztes erschien Ende 2018, in dem ich die »hellen Farben der Seele« mir selbst und meiner Leserschaft nahezubringen versuchte. Es ging um eine ausführliche Zusammenfassung meines »Lebenswerkes«, wie einige meiner Schüler es nannten. Ich danke auf diesem Wege den vielen Leserinnen und Lesern, die freundlich auf das Buch reagierten.
2019 wollte ich ein weiteres Buch schreiben. Dabei geschah etwas Seltsames, was ich bis dahin nicht erlebt hatte: Ich machte mehrere Anläufe, mich für ein bestimmtes Thema zu entscheiden. Doch sobald ich für einen Titel zu brennen begann, folgte stets rasch die Ernüchterung. Dann, an einem Sonntagmorgen, fiel mir wie Schuppen von den Augen, was mich ein ganzes Lebens lang beschäftigt, was ich mit fast ungläubigem Staunen an mir und später an meinen Klienten und Patienten beobachtet hatte: dass wir Menschen oft, sehr oft das, was wir wollen, nicht tun, dass wir dagegen das, was wir nicht wollen, tun. Ob arm oder reich, ob jung oder alt, ob intelligent oder stumpf, ob gebildet oder ungebildet, ob Mann oder Frau, ob Afrikaner, Chinese, Russe oder Westeuropäer. Wir Menschen haben diese Neigung! Oder diesen Trieb?
Das war schon immer so, unabhängig von der Zeit und ihrem Geist, unabhängig von den jeweiligen Umständen. Mir scheint jedoch, dass eine Generation nach der anderen sich daran gewöhnt hat, dass das Leben nun mal so ist: unvollkommen, doppeldeutig, zwiespältig, so und nicht anders. Dass die Ambivalenz des Lebens unser Schicksal ist.
Ich schreibe dieses Buch zur Zeit des Coronavirus. Wir erfahren aus den Medien, dass es Zeitgenossen gibt, die sich verantwortlich fühlen und sich an die vorgegebenen Hinweise zur Vermeidung der Ausweitung der Pandemie halten. Und dass es andere gibt – und diese stehen meiner Überzeugung nach unter dem Diktat des »Gegenspielers« –, die nur an sich und ihre Wünsche denken und sich nicht vergegenwärtigen, dass sie mitverantwortlich sind für die Ausweitung der Epidemie – und damit für weitere Todesfälle.
In diesem Buch möchte ich zeigen, dass wir Menschen keineswegs dem Diktat innerer Zerrissenheit ausgeliefert sind, dass wir vielmehr die Möglichkeit haben, unser Dasein in weiten Bereichen selbst mitverantworten und mitgestalten zu können und viel mehr Freude am Leben haben könnten als bisher.
Noch etwas: Alle Namen in den Fallgeschichten aus meiner Berufspraxis im Buch sind frei erfunden. Und: Auf vielen Seiten ist von »er« und »ihm« die Rede. Selbstverständlich meine ich damit den Menschen, die Frau und den Mann.
EINLEITUNG
Der Anstoß zu diesem Buch: Wertimaginationen – die destruktive Macht des Gegenspielers und die konstruktive Kraft des Verbündeten
Zugegeben, alles Leben ist vom Wechselspiel polarer Strukturen bestimmt. Wir begegnen ihm überall. Es gibt den Tag und die Nacht, die Geburt und den Tod, die Natur und den Geist, den Himmel und die Erde, den Mann und die Frau, die Liebe und den Hass, die Freiheit und den Zwang, die Verzweiflung und die Hoffnung, die Lebensverneinung und die Lebensbejahung, die Konstruktivität und die Destruktivität, die Sinnfindung und die Sinnverweigerung. Wie aber können wir im Spannungsfeld dieser Polaritäten leben – wirklich leben?
Vielleicht, wahrscheinlich sogar, werden Sie sich fragen, was mich dazu bewegt, mich auf ein solches Thema einzulassen, haben sich doch viele große Geister aus Philosophie, Psychologie, überhaupt Geistes- und Naturwissenschaftler seit Jahrhunderten an dieser Frage wundgerieben. Nein, ich bin nicht übermäßig eitel oder geltungssüchtig. Ich möchte nur gegen Ende meines Lebens Ihnen nicht vorenthalten, was ich im Lauf der Jahre in meiner Arbeit von der Möglichkeit erfahren habe: dass wir weit weniger in diesem Spannungsfeld unserer Seele leiden müssten, dass wir häufiger zum Frieden mit uns selbst und der Welt gelangen könnten, wenn wir mehr von dem wüssten, was in unserer inneren Welt, also im Unbewussten, vorgeht – an Bedrohungen einerseits und realen Möglichkeiten andererseits. Und was sollten wir wissen, vor allem erfahren?
Vor gut 30 Jahren habe ich Wertimaginationen zu entwickeln begonnen. Inzwischen ist diese Form der Imagination den forschenden Kinderschuhen entwachsen.
Die Wertimagination ist ein empirisches Konzept, beruht also auf Erfahrungen – auf Erfahrungen mit Menschen unterschiedlichster Art, typologisch, lebensgeschichtlich, persönlich. Und diese Erfahrungen haben mir etwas gezeigt, worauf mein Denken niemals gekommen wäre: dass sich die polaren Strukturen des Lebens im Unbewussten in zwei großen symbolischen Gestalten widerspiegeln – in der des Lebensbejahers, ich nenne ihn den Verbündeten, und der des Lebensverneiners, den ich als den Gegenspieler bezeichne. Darüber hinaus haben mir diese Erfahrungen gezeigt, dass es einen Unterschied macht, ob wir ein allgemeines Symbol betrachten, wie zum Beispiel die Freiheitsstatue in New York, oder die Freien als Wertgestalt.
Lebensbejahung ist wohlwollende Haltung sich selbst und allem Leben gegenüber und daher die wichtigste Voraussetzung für ein gelingendes Leben. Lebensverneinung dagegen ist aggressive Haltung sich selbst und dem Leben gegenüber und daher die Grundlage für ein misslingendes Leben. Wer diese Tatsache verkennt und sich nicht bewusst mit ihr auseinandersetzt, läuft Gefahr, unglücklich zu werden.
Die Auseinandersetzung mit dem inneren Gegenspieler einerseits und das Sich-Ausrichten und Sich-Einlassen auf den inneren Verbündeten andererseits sind ein wesentlicher Grund dafür, dass wir mehr als bisher in Freiheit sein und tun könnten, was wir wollen. Um Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, einen kleinen Einblick in die innere Welt zu geben, von der ich spreche, möchte ich Ihnen kurz die von mir entwickelte »Methode« der Wertimagination vorstellen. Anschaulicher würde sie jedoch, wenn wir sie miteinander praktizierten.
Wertimaginationen (lat. imago = Bild) sind einem Traum vergleichbar. Sie sind »Wanderungen« ins Unbewusste, präziser: in den Bereich des Unbewussten, in dem die spezifisch menschlichen Werte ihre Wurzeln, ihren Grund haben, zum Beispiel die Freiheit, die Verantwortlichkeit, die Liebe, der Mut, die Hoffnung, die Spiritualität, die Kreativität etc.
Anders als im Traum jedoch wird das Bewusstsein nicht ausgeblendet. Der Imaginand erlebt die inneren Bilder nicht nur, er kann auch selbst auf sie Einfluss nehmen, auf die »positiven« ebenso wie auf die »negativen« Gefühlskräfte, die ihn in der Entfaltung seiner Persönlichkeit fördern beziehungsweise behindern.
Zentrum der Wertimaginationen sind die inneren »Wertgestalten«, die die spezifisch menschlichen Werte als Personen zum Ausdruck bringen. Sie sind es, die die Selbst- und Sinnverwirklichung fördern. Sie symbolisieren Potenziale, reale Möglichkeiten, die weit über die Fähigkeiten des Bewusstseins hinausgehen. Sie »wissen« besser als der Verstand, womit sich die Imaginandin/der Imaginand auseinandersetzen sollte und womit nicht. Und sie vermitteln Kräfte, die Erkenntnisse auch umsetzen zu können. Sie schaffen eine erstaunliche kognitive, emotionale und energetische Annäherung an den jeweiligen Wert, den sie symbolisieren. Wichtig ist, dass sie nicht vorgestellt, sondern erwartet werden. Und das geschieht so, dass wir uns auf sie ausrichten.
Die Wertgestalten können sich in jedem Menschen zeigen. Sie mögen verdrängt oder verkapselt sein, präsent bleiben sie immer, denn sie sind konstitutiv für jeden.
Wer sind diese Gestalten? Keine Einbildungen, keine Projektionen unbewusster Wünsche, keine Fantasiefiguren, keine Phantome, sondern vom unbewussten Geist (Viktor Frankl) geschaffene, wirkungsmächtige Personifizierungen. Sie sind Gefühlskräfte, die darauf warten, endlich wirken zu können. Sie haben die Tendenz, sich mit unserem Bewusstsein zu verbinden.
Die Wertimaginationen haben mir deutlich die destruktive Macht des Gegenspielers veranschaulicht, mehr aber noch die konstruktive Kraft des Verbündeten. Beide Großmächte sind im Grunde die Autoren der Geschichte unseres Lebens, je nachdem, wem unsere Zuwendung gilt. Gewiss, im Alltag erfahren wir wenig von dem, was sich in unserer Tiefe abspielt. Das aber bedeutet keineswegs, dass dieses Spiel in der Tiefe uns nichts anginge, im Gegenteil: Je »realistischer« wir über dieses Spiel hinweg leben, desto leichteres Spiel hat der Gegenspieler.1
1Eine ausführliche Darstellung der Wertimagination finden Sie in meinem Buch: Unsere Tiefe ist hell. Wertimagination – ein Schlüssel zur inneren Welt, München 72014.
DER INNERE GEGENSPIELER: WAS ER IST, WAS ER TUT, WOHER ER KOMMT
»Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust«
Dieser leidvolle Ausruf von Goethes Faust könnte insbesondere als Motto unserer abendländischen Kulturgeschichte gelten, dessen Vorläufer sich bereits bei den griechisch-antiken Philosophen Xenophon und Platon findet. Zwei Seelen? Es gibt ein Gespräch, das niemand hört und kaum jemand als Gespräch erkennt. Es findet an einem Ort statt, den jeder kennt und doch nicht jedem vertraut ist. Wenn Sie sich jedoch in sich selbst zurückziehen und so weit wie möglich nichts denken, tun oder wollen, dann erfahren Sie das Zwiegespräch in Ihrer eigenen Seele: das Für und Wider der Gedanken und Gefühle, das Hin und Her zwischen Zögern und Entscheiden, das Gespräch zwischen dem Lebensbejaher in Ihnen, der Leben will und Leben sucht, und dem Lebensverneiner in Ihnen, der sich weigert, zu hoffen und zu glauben, dass Leben geht und gut sein kann, so oder so.
Was Goethe mit dem berühmten Satz aus Faust meinte, war den Märchen, jenen Spiegelungen der Seele, schon immer bekannt. Ein Beispiel: Der Prinz ist voll Freude auf dem Weg zu einem fernen Schloss, um seine künftige Gemahlin in sein Reich zu holen. Unterwegs aber locken ihn sieben Raben in eine Schlucht und verschließen ihm, jedenfalls vorerst, den Ausweg. Bis eine alte, gebückte, gütige Frau erscheint und ihm zuflüstert, auf welchem Weg er in das nahe liegende Schloss gelangt.
Sigmund Freud schreibt in seinem aufregenden Traktat Das Unbehagen in der Kultur, das Unbehagen liege vordergründig in der Unruhe … in der Angststimmung ihrer (der Menschen) Zeit, denn: »Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, daß sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten.«
Hintergründig jedoch liegt für ihn das Kernproblem in etwas Grundsätzlichem und Bleibendem: Zwei mächtige Prinzipien bestimmen, so Freud, den Gang der Welt, zwei mächtige Triebe, die miteinander im Kampf liegen. Gemeint sind die Destruktivität (er nannte sie in späteren Jahren den Todestrieb) und die Libido, die Liebe. Wie der Kampf dieser beiden »Giganten des Lebens« ausgehen werde, sei ungewiss, denn sie stellten nach Freuds Auffassung einen »wahrscheinlich unversöhnlichen Gegensatz« dar. Dieses Ungewissheitsgefühl war für Freud das grundlegende und bleibende Kernproblem des Menschen seiner Zeit. Deshalb beendete er sein Traktat mit dem (aus meiner Sicht) niederschmetternden Satz: »So sinkt mir der Mut, vor meinen Mitmenschen als Prophet aufzustehen, und ich beuge mich ihrem Vorwurf, daß ich keinen Trost zu bringen weiß, denn das verlangen sie im Grunde alle, die wildesten Revolutionäre nicht weniger leidenschaftlich als die bravsten Frommgläubigen.«2
Und wenn Freud irrte? Wenn man gar kein Prophet sein müsste, um sagen zu können: Es gibt Trost für uns Menschen? Es gibt Grund zur Hoffnung, Hoffnung darauf, dass wir unser eigenes Leben und das Leben überhaupt mehr als bisher wohlwollend betrachten, vielleicht sogar lieben können? Allerdings unter zwei Bedingungen: Dass wir uns beide Seiten der Seele vergegenwärtigen, dass wir die dunkle Seite ansehen, studieren, so weit wie möglich begreifen und daraus existenzielle Schlüsse ziehen – und dass wir im Besonderen die helle Seite der Seele ansehen, studieren, begreifen und daraus existenzielle Schlüsse ziehen. Denn wir leben primär nicht von unserem Problembewusstsein, sondern von unserer Wertorientierung.
Um uns dem »Wesen« des Gegenspielers anzunähern, möchte ich Ihnen zunächst eine Reihe individueller, aber verdeckter Alltagsbeispiele vorstellen, darüber hinaus solche, die weit über den Alltag hinausgehen.
Verdeckte Beispiele des Gegenspielers
Die folgenden einfachen Beispiele aus dem täglichen Leben sind keine Erfindung. Nicht wenige dieser Sätze sind oder könnten in meiner Ordination gesagt worden sein. Ob Ihnen das eine oder andere Beispiel bekannt vorkommt?
•Eine Frau sagt: »Ich habe doch alles, wonach sich so viele Frauen sehnen: einen lieben Mann, nette Kinder, Gesundheit, genügend Geld. Aber ich bin trotzdem nicht glücklich. Immer wieder mache ich mir klar, was ich alles habe. Aber dann werde ich von dunklen Gedanken überschwemmt, gegen die ich machtlos bin – oder zu sein scheine.«
•Ein Mann sagt: »Ich gebe es ungern zu: Ich habe Angst. Ich weiß nicht wovor. Das war schon immer so. Dabei kenne ich gar keinen Grund, weswegen ich Angst haben sollte. Doch dann schleichen sie heran, die Gedanken, die ich nicht mehr einfangen kann. Nur mühsam gelingt es mir – viel zu selten –, anders, ›positiv‹ zu denken.«
•Jemand sagt: »Auf meinem Nachttisch liegt ein Buch, das ich mir vor zwei Jahren bewusst gekauft habe. Aber ich greife an jedem Abend immer nach einer Boulevard-Zeitung, die ich hasse.«
•Ein anderer berichtet: »Ich stehe vor meinem Chef und möchte mich über etwas beschweren, was mich schon lange bedrückt. Aber dann nicke ich nur zu einer belanglosen Geschichte, die er mir anvertraut.«
•Ein Mann ahnt, dass ihm sein Stress bald einen Herzinfarkt bescheren könnte. Er hat Angst vor dieser Möglichkeit. Aber: Weder ändert er die Struktur seiner Tage noch seine Einstellung zur Arbeit. »In einer Nacht«, erzählt er leicht beschämt, »hatte ich einen wunderschönen Traum. Ich stand an einem Bach. Die Morgensonne spielte mit den winzigen Strudeln des fließenden Wassers. Die Luft war klar, die Stille wohltuend. Ich tat nichts. Ich war nur da. Ich nahm nur auf: die wohltuende Stille, die klare Luft, die Morgensonne, die Schönheit der Bilder. Tiefes Glück zog durch alle meine Poren. Mit einem Lächeln wachte ich auf. Nur eine Stunde später bediente ich zwei Telefone zugleich, griff nach meinem Medikament und murmelte, als sich mir der Traum noch einmal zeigen wollte: ›So eine Albernheit.‹«
•Eine Frau weiß, dass sie mit dem Rauchen aufhören müsste. Sie sagt sogar: »Ich ekle mich inzwischen vor dem Rauch.« Aber dann steckt sie sich die nächste Zigarette an …
•Ein 40-Jähriger: »Ich wusste, dass der Satz, den ich auf der Zunge hatte, die endgültige Trennung von meiner Partnerin zur Folge haben würde (was ich überhaupt nicht wollte). Aber dann sagte ich ihn doch.«
•Eine Frau und ein Mann ahnen, dass ihre Ehe gefährdet ist. Beide wissen sogar, dass sie sich noch immer lieben. Aber: Statt zu klären, was sie in diese Situation gebracht hat, machen sie sich weitere Vorwürfe.
•Er sagt zu ihr: »Ich liebe dich.« Doch sie blickt verschämt zur Seite und hängt nur dem Gedanken nach: »Wie oft hat er diesen Satz wohl schon anderen Frauen gesagt?«
•Eine Frau ahnt, wie wichtig es wäre, die jahrelange Feindschaft gegen ihre Familie aufzugeben und versöhnliche Zeichen zu setzen. Aber: Wieder greift sie zum Hörer und entlädt ihre Aggressionen.
•Die kleine Tochter sagt zu ihrem Papa: »Komm doch bitte mit auf die Demo für die Umwelt.« Er schaut sie liebevoll an und sagt: »Weißt du, mein Schatz: Frag die Mami. Die hat wirklich mehr Zeit als ich.«
Nur drei Beispiele von vielen möglichen, die weit über das Alltägliche hinausgehen. Sie ließen sich beliebig erweitern:
•Während ich diese Sätze schreibe, lese ich, dass vor zwei Tagen ein 27-jähriger Mann in Südtirol mit seinem Sportwagen in eine Gruppe junger Skiläufer gerast ist. Er war betrunken. Sieben junge Menschen zwischen 22 und 25 Jahren starben. Andere schweben derzeit noch in Lebensgefahr. Was gäbe dieser Mann darum, wenn er nicht der inneren Stimme seines Gegenspielers gefolgt wäre, die ihn dazu verführte, sich betrunken ans Steuer zu setzen?
•Akte des Gegenspielers sind meines Erachtens auch die laschen Bemühungen von Politikern, dem immer deutlicher werdenden Klimawandel konstruktiv zu begegnen. Es musste erst ein Kind kommen, um die »Großen« auf ihre Pflichten aufmerksam zu machen. Was hat das mit dem Gegenspieler zu tun? Er »sorgt« dafür, dass die Vernunft das innere Brennen für unseren wunderbaren Planeten niederhält.
•Nicht verdeckt, sondern brutal offen zeigt sich der Gegenspieler in Kriegen, so zum Beispiel in Traumatisierungen von Soldaten, die aus Afghanistan zurückkehren und an »posttraumatischen Belastungsstörungen« leiden. Einen erschütternden Brief leitete eine Zeitung an mich weiter mit der Bitte, der 30-jährigen Frau S. behilflich zu sein. Der Brief spiegelt in einem Einzelfall wider, was Kriege im Allgemeinen und immer wieder im Besonderen anrichten. Frau S. schrieb:
»Unser Leben hat sich verändert, und ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Vor drei Jahren haben wir geheiratet. Mein Mann ist 29 Jahre alt und Soldat bei der (deutschen) Bundeswehr. Ich weiß, dass sein Beruf sehr gefährlich sein kann. Vor einem Jahr kam er nach Hause und sagte, er wolle nach Afghanistan, um dort seine Pflicht zu tun und den Menschen zu helfen. Und er zitierte den früheren Verteidigungsminister, der gesagt hatte, dass unsere Sicherheit auch am Hindukusch verteidigt werde.
Ich versuchte, meinen Mann von seinem Vorhaben abzubringen. Wir waren doch voller Pläne, wollten ein Kind und eine Familie gründen. Aber vergeblich. Er könnte nicht anders, er hätte sich ja nun einmal für den Beruf des Soldaten entschieden. Er flog nach Afghanistan. Ich habe entsetzliche Angst um ihn gehabt. Und ich war so dankbar, als er nach sechs Monaten äußerlich unversehrt zurückkam.
Aber er hat sich verändert und ist mir fast fremd geworden. Er hat offensichtlich etwas erlebt, was das Maß des Erträglichen bei Weitem überstiegen hat. Er ist mir gegenüber abweisend. Einziger Außenkontakt ist sein Kamerad, der ebenfalls in Afghanistan war. Ich erreiche ihn nicht. Er spricht nicht darüber, was ihn bewegt. Nachts schreit er manchmal, wimmert, ruft den Namen eines Kameraden, der wohl Opfer eines Überfalls geworden war. Er wird immer wieder von den grausamen Erinnerungen an Afghanistan überflutet, sodass er sich wie betäubt, stumpf, ja gleichgültig fühlt. Daher vermeidet er auch alle ihm sonst vertrauten Aktivitäten und Situationen, die Erinnerungen an die Traumatisierungen wachrufen könnten.
Er ist übererregt und schreckhaft und findet wenig Schlaf. Er versteht sich selbst nicht mehr, ist von sich selbst evakuiert. Und dass mit diesen Symptomen Angst, Depression und suizidale Gedanken verbunden sind, wird niemanden verwundern.
Für mich ist schwer zu ertragen, dass er einerseits seine seelischen Schmerzen zurückhält und andererseits sich offenbar danach sehnt, mit dem Leben wieder in Berührung zu kommen. Inzwischen wundere ich mich nicht mehr, dass er mit seinen Leidensgenossen zurzeit leichter sprechen kann als mit mir.«
Ist vieles im Leben nur Schicksal, Verhängnis, Tragik?
Wenn ich an die gerade angedeuteten Erfahrungen Einzelner sowie an die eben nur angedeuteten katastrophalen Verhaltensweisen vieler denke, wenn ich mir darüber hinaus die grauenvollen »modernen« Kriege vergegenwärtige, das Verhungern-Lassen von Millionen Kindern durch reiche Staaten, die Ignoranz oder grenzenlose Naivität verantwortungsloser narzisstischer Politiker, so frage ich mich: Ist das alles Schicksal, Verhängnis, Tragik? Warum geschieht so vieles im Leben, dem wir kopfschüttelnd, verzweifelt oder fassungslos gegenüberstehen, auch uns selbst? Müssen wir uns mit dem, was auf unserem schönen Planeten passiert, abfinden? Ist das nun mal so? Sollten wir uns lieber darauf verlassen, dass die Wissenschaften uns irgendwann Schlüssel zum Verständnis dieser Weltabläufe geben? Und wenn sie das könnten, vermögen sie uns auch zu zeigen, wie die Erkenntnisse in die Tat umzusetzen sind.
Die im letzten Abschnitt angedeuteten Beispiele sind Aussagen, die in ihrer Alltäglichkeit oder Weltläufigkeit über das zentrale Problem der Menschheit hinwegtäuschen. Ich sage es jetzt mit dem berühmten und doch so verkannten Paulus: »Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; das Böse aber, das ich nicht will, das tue ich.« Das bedeutet: Dass wir nicht so frei sind, nicht so verantwortlich, nicht so liebesfähig, nicht so glücksfähig, nicht so menschlich etc., wie wir sein könnten und möchten – jedenfalls den realen Möglichkeiten nach.
Muss Leben so sein – und bleiben? Was ist das für eine Kraft, die uns immer wieder daran hindert, dass wir unserer eigenen Einsicht und unserem eigenen Willen folgen? Oder gibt es doch eine Kraft, die stärker ist als die Hindernisse in uns?
Worum es dem Gegenspieler vor allem geht
Der Gegenspieler hat verschiedene Gesichter und Ausdrucksformen. Seine »Verwandten« heißen zum Beispiel der Wütende in mir, der Verantwortungslose, der Ankläger, der Arrogante, der Eitle, der Unwahrhaftige, der Heimatlose, der Angstmacher, der Lieblose, der Haltlose, der Maßlose, der Süchtige, der Ausweichler, der Wahrnehmungsstörer. Oder auch: Der (scheinbar) Vornehme, der Mitleidheischende, der Spötter, der Zyniker, der Brutale, der Schmeichler, der Stratege. Kurzum: Der Gegenspieler ist der oft verkannte und deshalb nicht erkannte, nicht wahrgenommene, nicht begriffene Lebensverneiner in uns, der das Gute im Menschen und im Leben überhaupt stört oder gar zerstören will, der das Gegenteil des Lebensbejahers ist, der das Leben will (!).
Das, worauf der Gegenspieler vor allem abzielt, ist das Entwerten des Menschen, das Infragestellen seiner Würde, die Missachtung seiner Selbstachtung, die Infragestellung seiner Kräfte. Und da aus Selbstsicht Weltsicht wird, fehlt vielen Menschen auch die Wertschätzung für die Welt, in der sie leben.
Was aber bedeutet das, wenn sich ein Mensch nicht wert genug fühlt, was bedeutet das konkret? Ein solcher Mensch hat nicht genug Freude an sich selbst und nicht genug Freude am Leben. Und wenn mich nicht alles täuscht, liegt hier das Kernproblem des Menschen überhaupt.
Die Folge: Er hat Mangel an Gefühl, im Leben sein zu dürfen.
Die Folge: Er ist zu viel mit den eigenen Mängeln beschäftigt.
Die Folge: Er ist zu abhängig vom Urteil anderer.
Die Folge: Er ist nicht frei genug, über seinen eigenen Horizont hinaus über das Leben nachzudenken, geschweige denn, sich auf unbekanntes, frisches Leben einzulassen.
Die Folge: Er fragt nicht genug danach, was ihm Grund und Halt geben könnte, und entwickelt deshalb keine Beziehung zum tragenden Grund des Lebens, zum Göttlichen, zu Gott.
Die Folge: Er fühlt nicht genügend Geborgenheit im Leben.
Die Folge: Er entwickelt mehr als zuträglich Angst und daher mehr als zuträglich Aggressivität (auch wenn sie ihm nicht bewusst ist).
Die Folge: Hat aber ein Mensch zu viel Angst und Aggressivität in sich, hat er zugleich zu viel Selbstablehnung in sich, weil diese Gefühlskräfte unteilbar sind, also sich sowohl nach innen als auch nach außen auswirken.
Die Folge: Weil niemand auf Dauer sich selbst ablehnend ertragen kann, richtet er (unbewusst) einen Teil seiner aggressiven Kraft gegen die eigene Seele und den eigenen Körper beziehungsweise gegen andere Menschen, gegen die Welt, gegen das Leben.
Die Folge: Wer die Gemeinschaft mit anderen und dem Leben überhaupt stört, verliert die Zuwendung durch anderes Leben, sodass sich das Gefühl, nicht wert zu sein, verstärkt.
Die Folge: Je stärker dieses Gefühl wird, desto weniger findet der Mensch Lösungen in sich selbst.
Die Folge: Er sucht Ersatz für seinen Mangel an gutem Selbstwertgefühl nicht mehr im Innern, sondern im Außen.
Die Folge: Je mehr er sich nach außen orientiert, desto mehr entfernt er sich von seiner inneren Welt.
Die Folge: Je geringer die Beziehung zur inneren Welt ist, desto geringer ist die Beziehung zu den spezifisch menschlichen Werten, die Sinn begründen.
Die Folge: Je mehr der Zugang zu diesen Werten verloren geht, desto weniger kann ein Mensch sein Leben sinnvoll gestalten.
Die Folge: Je weniger er sein Leben selbst gestalten kann, desto mehr verliert er Hoffnung, Zuversicht und den Mut zum Sein.
Die Folge: Je mehr er den Mut zum Sein verliert, desto mehr verliert er die Begeisterung fürs Leben.
Die Folge: Nimmt die Begeisterung fürs Leben ab, nimmt auch die Kraft des Geistes ab, in dem die spezifisch menschlichen Werte gründen.
Die Folge: Die Problemorientierung nimmt weiter zu, die Wertorientierung nimmt ab. Die Freude am Leben geht immer mehr verloren.
Der Gegenspieler und der Zweifel
Eine der besonderen »Methoden«, mit denen der Gegenspieler sein Entwertungsprogramm durchführt, ist der Zweifel. Er ist so alt wie der Gegenspieler selbst. Denken Sie nur an die berühmte Frage der Schlange im 1. Buch Mose: »Sollte Gott wirklich gesagt haben, dass Ihr nicht von dem ›Baum der Erkenntnis‹ essen dürft?« Diese und ähnliche Fragen lösen Unsicherheit aus, Zweifel an dem, was »an und für sich« klar ist. Wer zweifelt, denkt und fühlt nicht eindeutig.
Der Zweifel sät Misstrauen, also das Gegenteil von Vertrauen, das wir dringend zu einem gelingenden Leben brauchen. Je stärker der Zweifel wird, desto mehr schält sich ein misstrauischer Mensch heraus, misstrauisch sich selbst und allem Leben gegenüber. Ein solcher Mensch hofft wenig, glaubt wenig, sucht wenig, wagt wenig – er wartet vor allem darauf, dass das eintrifft, was er befürchtet. So zwingt er das Negative herbei, denn jede Idee hat die Tendenz, sich zu verwirklichen. Das aber bestätigt ihn wieder in seiner düsteren Auffassung vom Leben. Besonders anschaulich zeigt sich der Zweifel an Menschen, die dazu neigen, vieles im Leben vollkommen machen zu wollen.
Ich sehe den Mann vor mir, von dem ich jetzt beispielhaft erzählen möchte. Ich sehe sein verspanntes Gesicht, hinter dem er sein tiefes Schamgefühl zu verbergen versucht. Ich sehe seine verspannten Bewegungsabläufe. Es scheint mir, als sei er mit seinem Unglück fast eins.
Ich begegnete ihm vor vielen Jahren. Er war intelligent, hilfsbereit, offen für alle Fragen des Lebens, hatte einen spannenden Beruf. Ein sympathischer Mensch! Doch er war weit davon entfernt, sich selbst so zu erkennen. Da ich anderen gern sage, was ich an ihm oder ihr sympathisch finde, sagte ich auch ihm eine Freundlichkeit. Doch er ließ mich nicht einmal zu Ende sprechen, meinte nur: »Ach, Uwe …«
Irgendwann bemerkte ich, dass er alles, dass er Gott und die Welt anzweifelte. Nur ein Beispiel unter vielen: Wir waren gemeinsam bei einer Abendgesellschaft. Da sah ich ihn zufällig im Schlafzimmer der Gastgeber hantieren. Auf meine Frage, was er denn da mache, antwortete er – und ich spürte deutlich, wie er litt: »Das Bild, das über den Betten hängt, könnte auf die beiden Schlafenden fallen. Ich versuche gerade, es besser zu befestigen. Vielleicht ist der Nagel ja stark genug, vielleicht aber auch nicht.«
Es bedurfte keiner besonderen Kenntnis, um zu bemerken, dass der Mann an einer Zwangsstörung litt. Diese Störung veranschaulicht in extremer Form, was es bedeutet, wenn sich der Zweifel sowohl des Verstandes als auch der Emotionalität bemächtigt.
Ich sehe den Mann jetzt wieder vor mir: gequält, gepeinigt, vereinsamt, getrennt von der Welt, in den Fängen des Gegenspielers. Nein, es handelt sich hier nicht um ein einmaliges Schicksal, sondern um ein vielfältiges. Nur weil das Schamgefühl dieser Menschen so stark und ihre Kunst, sich zu verbergen, so ausgeprägt ist, werden sie in der Regel nicht in ihrer Not wahrgenommen.
Wird der Zweifel zur Grundhaltung eines Menschen, muss daraus keine Zwangsstörung entstehen, wohl aber kann sich daraus die Grundlage für Ängste, Depressionen, Frustrationen entwickeln und all das, was die Seele nur schwer verkraften kann und will. Und selbstverständlich gibt es auch den produktiven, spezifisch menschlichen Zweifel, der zum Nachdenken veranlasst, der Gedanken und Gefühle vertieft, der Klarheit und Verständnis bewirkt, der den Weg zur Reife ebnet. Diesem Zweifel gegenüber ist der Gegenspieler machtlos.
Woher kenne ich den Gegenspieler?
•Weil ich Entscheidungen in meinem Leben getroffen habe, die mir heute gänzlich unverständlich sind.
•Weil ich mir meines inneren Zwiegesprächs bewusst bin, der Gespräche zwischen dem inneren Gegenspieler und dem inneren Lebensbejaher (von dem im zweiten Teil des Buches ausführlich die Rede sein wird).
•Von zahllosen Begegnungen mit anderen Menschen in meiner Ordination
•Aus einer Vielzahl mir anvertrauter Träume
•Vor allem aus Wertimaginationen
•Aus bedeutsamen Werken der Weltliteratur
•Aus der, soweit es mir möglich ist, sorgsamen Beobachtung der Realität
Warum ist die Macht des Gegenspielers nicht hinreichend bekannt?
•Weil das Wissen über die digitale Welt offensichtlich für viele weit aufregender ist als die Kenntnis dessen, wer der Mensch ist.
•Weil viele Zeitgenossen sich nicht vorstellen können oder wollen, dass auch in ihnen eine negative Kraft von der Art des Gegenspielers verwurzelt ist.
•Weil er in vielerlei Gestalt wirkt, sogar in scheinbar vornehmer, sodass er in der Tat nicht immer erkennbar ist.
•Weil es das »Werk« des Gegenspielers ist, uns Menschen davon abzuhalten, in die »Dimension der Tiefe« (Paul Tillich) zu gehen.
Woher kommt der Gegenspieler?
•Ist er uns angeboren? Sicher, denn er ist, wie gesagt, in jedem Menschen, ob es ihm bewusst ist oder nicht.
•Ist er eine missglückte Figur der Evolution? Das könnte sein.
•Müssen wir die Metaphysik befragen? Der Gedanke liegt nahe. Doch dann läge es auch nahe, die Theologie zurate zu ziehen. Und was würde sie uns raten? Die Geschichte von Adam und Eva dreimal zu lesen und sich darüber nicht zu amüsieren. Jedenfalls würde uns diese uralte Geschichte bestätigen, dass der Gegenspieler schon immer gegenwärtig war.
•Noch einmal: Woher kommt der Gegenspieler? Gewiss auch von Eindrücken aus alter Zeit: Da waren Menschen, die unser Wesen verkannten, die uns führten, wohin wir nicht wollten, die nicht uns sahen, sondern sich, die allzu oft das Wort nicht sagten: »Ich hab’ dich lieb«, und auch zu wenig selber liebten. Denn jeder braucht das – vor allem als Kind: das An-Wärmen, das An-Muten, das An-Erkennen, das An-Lieben. Und wer es zu wenig empfängt, hat es schwer – zunächst einmal – mit der Freiheit und der Liebe, mit der Liebe zu sich selbst und zum Leben.
•Doch hat es auch mit uns selbst zu tun, wenn wir uns bis jetzt nicht angenommen haben. Denn festgelegt ist niemand durch das, was er erlebte, weil Menschsein heißt, auch anders sein und werden zu können.
Nein, es gibt – aus meiner Sicht – keine befriedigende Antwort auf die Frage nach der Herkunft des Gegenspielers. Er ist eine Gegebenheit des Lebens. Und das bedeutet? Dass wir uns weitere Recherchen ersparen können und begreifen sollten, dass nur zweierlei wichtig ist: ihn so gut wie möglich kennenzulernen und nach Möglichkeiten zu fahnden, wie wir seine Macht in Schranken halten können.
Können wir den Gegenspieler irgendwann »loswerden«? Nein! Er bleibt uns »treu« ein Leben lang, solange es Tag und Nacht gibt, Sommer und Winter, Mann und Frau, Geist und Natur. Er gehört zu unserem Leben.
Ist der Gegenspieler nur »negativ« oder nur »böse«?
Urteilen Sie selbst, liebe Leserinnen und Leser: Ich empfahl einer Frau, die Augen zu schließen, den Atem zu beobachten und auf den Gegenspieler zu warten. Noch hatte ich bis dahin keinem Imaginanden vorgeschlagen, sich in der Auseinandersetzung mit ihm vom Verbündeten begleiten zu lassen.
Ich empfahl der Frau, die alles andere als eine Versagerin war, gemeinsam mit ihrer Verbündeten dem Gegenspieler dorthin zu folgen, woher er gekommen war. (Erkennen wir den Ursprung einer destruktiven Kraft, verliert sie bereits ein Stück weit an Energie.) Sie hatte auf einem Berggipfel gestanden, der Gegenspieler auf einem ihr gegenüberliegenden Gipfel. Er hatte sie verspottet und verhöhnt: »Ich lasse dich nicht los. Du entkommst mir nicht. Du bist eine Versagerin. Versagt haben schon deine Eltern. Was denkst du denn, mit wem du es zu tun hast usw.?« (So oder ähnlich lauten fast alle Anklagen des Gegenspielers, ob sie uns bewusst werden oder nicht.)
Während sie ihm nachging, drehte er sich immer wieder um, um zu sehen, ob sie ihm auch folgte und Zeuge seines Elends war. Sein Gang wurde immer schleppender. Zunehmend verlor er an Kraft. Er zeigte sich in seiner ganzen Armseligkeit. Vor allem aber: Er deutete an, dass er von seinem unseligen Hass aufs Leben befreit sein wollte. (Heute sagte mir eine Imaginandin: »Der Gegenspieler kann sich nicht freuen, und er kann nicht traurig sein. Er kann nur ›miesmachen‹.«)
Ich frage: Kann es sein, dass der Gegenspieler, diese Personifizierung der Destruktivität in uns, Zeugen braucht für sein eigenes Unglück? Kann es sein, dass er letztlich von seinem Hass aufs Leben befreit sein möchte? Kann es sein, dass ihm eine geheime Sehnsucht nach Bejahung von Leben innewohnt? Und wenn das so wäre, was würde das über den persönlichen Bereich hinaus bedeuten: gesellschaftlich, politisch? Es würde sich lohnen, dieser Frage gründlich nachzugehen.
Wie finde ich den Gegenspieler?
Ich brauche ihn nicht zu suchen, denn er findet mich, zu jeder Zeit, an jedem Ort, in jeder Situation. Es ist nur wichtig zu wissen, dass er da ist, dass er keine psychologische Erfindung ist, sondern eine gegen das Leben gerichtete Realität. Wann immer wir den Eindruck haben, dass es uns nicht gut geht, dass wir nicht verstehen, warum wir mit uns nicht eins sind, wann immer wir uns unfrei fühlen, wann immer wir tun, was wir »eigentlich« nicht wollen, sollten wir uns fragen, ob der Gegenspieler seine lebensverneinende Tätigkeit aufgenommen hat.

Zum Abschluss dieses Kapitels möchte ich Ihnen ein vom Gegenspieler bestimmtes Leben vorstellen, das meines Erachtens in besonderer Weise die Macht der Lebensverneinung in Gestalt des Gegenspielers veranschaulicht.
Jürgens Trauerspiel: Ein langes Leben im Griff des Gegenspielers
Ich erzähle Ihnen nun von einem Mann, dem ich hin und wieder begegnete. Jürgen war nie mein Klient. Er war das, was man einen guten Bekannten nennt. Er war wie ich ein am Leben interessierter Mensch. Aber es ging von ihm eine große Schwere aus, denn sein ganzes Leben kreiste um einen bestimmten Verlust. Wann immer wir uns sahen, sprach er darüber und fühlte sich als dessen Opfer. Er erwartete mein Mitgefühl und bekam es auch. Trotzdem belastete seine Opferhaltung unsere Beziehung im Lauf der Zeit mehr und mehr. Denn ich bin daran gewöhnt, so weit wie möglich schwierige Lebensgefühle ändern zu helfen.
Wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Nicht nur wegen der Corona-Pandemie. Auch nicht, weil wir inzwischen in unterschiedlichen Ländern leben. Vermutlich auch deshalb, weil Gespräche mit ihm wegen der Fixierung auf seinen Verlust für mich anstrengend wurden. Ich hatte gehofft, er würde irgendwann seine Opferhaltung aufgeben. Doch er zog sich immer mehr in sich zurück. Er ist inzwischen verbittert und sieht die Ursache seines gesamten unglücklichen Lebens in diesem einen Verlust.
Seine Kindheit
Jürgens Mutter war sehr jung, als sie ihn gebar. Sie bekam ihn nicht einmal zu Gesicht, denn er wurde gleich nach seiner Geburt den Adoptiveltern zugeführt. Dass er zur Adoption freigegeben werden sollte, war von langer Hand vorbereitet. Weder die junge Mutter noch der junge Vater waren in Überlegungen einbezogen worden. Jürgens Eltern wussten auch lange Jahre nicht, wohin ihr Kind verbracht worden war.
Jürgens Adoptiveltern – ich habe sie viele Jahre später kennengelernt – waren einfache, freundliche Menschen, die nach ihren Möglichkeiten alles für ihn taten. Doch Zärtlichkeit war ihre Sache nicht. Jürgen konnte sich nicht daran erinnern, dass Vater und Mutter ihn einmal in den Arm genommen hätten. Doch da er nichts anderes kannte, vermisste er lange Zeit ihre Zärtlichkeit nicht. Jürgen war ein hübscher, intelligenter, emotionaler und sozialer Junge, dem seine Eltern nicht gewachsen waren. Deshalb ließen sie ihm vieles durchgehen, was ihnen selber fremd war. Sie wussten, dass ihr Sohn »anders« war als sie selbst, und taten trotzdem alles erdenklich Mögliche, ihm gute Eltern zu sein.
Dann kam der Tag, der sein Kinderleben veränderte. An einem Sonntagnachmittag im Sommer – Jürgen war inzwischen 14 Jahre alt – kehrte er verschwitzt und fröhlich nach Hause zurück. Sein Vater stand vor der Haustür und empfing ihn mit den Worten: »Mein Junge, wir müssen dir was sagen.« Dann legte er ihm seine große Hand auf die Schulter und führte ihn ins Wohnzimmer, wo bereits seine Mutter saß, die sich an ihrer weißen Schürze zu schaffen machte. Jürgen bemerkte, dass sie blass aussah und seinem fragenden Blick auswich. Die Unruhe der Eltern begann sich auf ihn zu übertragen. Sein Blick wanderte zwischen beiden hin und her. Dann stieß er hervor: »Was ist denn? Was ist passiert? Ist jemand krank?« Ihm fiel auf, dass sein Vater nach einem Stuhl Ausschau hielt, obwohl sich ihm mehrere Stühle anboten. Jürgens Unruhe steigerte sich. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, sagte noch einmal: »Nun sagt es schon! Was ist los?«
Der Vater setzte sich neben Jürgen, der seinen Lieblingsplatz auf dem Sofa eingenommen hatte, legte noch einmal seine Hand auf die Schulter des Jungen und begann: »Weißt du, deine Mama und ich haben dich lieb. Das weißt du.« Jürgen hob ruckartig seinen Kopf, denn einen solchen Satz hatte er noch nie von ihnen gehört. Sein Herz schlug schneller. »Aber da ist etwas, was du wissen solltest. Du bist ja nun groß und wirst sicher verstehen, was ich dir jetzt sage.« Jürgen fiel auf, dass seine Mutter ihre weiße Schürze nahm und sie zum Gesicht führte. Ob sie weinte? Ihre Hand zitterte. Jürgen war inzwischen aufgestanden und suchte Halt an einer Schrankwand. Er sah, wie sich auch sein Vater Schweißperlen von der Stirn wischte. (Als mir der erwachsene Jürgen diese Szene zum ersten Mal erzählte, schien es mir, als habe er diese Stunde erst gestern erlebt.) Der Vater fuhr stockend fort: »Was du noch nicht weißt, ist, dass du eigentlich einen anderen Papa und eine andere Mama hast. Deine Mama durfte dich nicht behalten, weil sie sehr jung war und ihr eigener Papa ihr verboten hatte, für dich zu sorgen.« Jürgen lehnte kreidebleich an der Schrankwand. Was er da hörte, verschlug ihm die Sprache. »Und dein eigentlicher Papa hat leider nicht um dich gekämpft«, ergänzte Jürgens Vater. »Er hat dann später eine andere geheiratet.«
Jürgen sagte nichts, rannte auf sein Zimmer. Dann hörten seine Eltern ein lang gezogenes Heulen, das man sogar in der Nachbarschaft gehört hatte. Beide Eltern hatten versucht, mit ihm weiter zu sprechen, aber Jürgen hatte die Tür zu seinem Zimmer verschlossen. All ihr Bitten und Betteln half nicht, er wollte allein sein. In der folgenden Nacht schlief er kaum, aber er fasste einen Plan: Er wollte seine Mutter suchen.
Am nächsten Abend kam er nicht nach Hause. Zwei Tage war er verschwunden. Seine Eltern benachrichtigten die Polizei. Sie fand ihn nach einer Woche in der benachbarten Stadt auf einer Parkbank, auf der er vor lauter Müdigkeit eingeschlafen war. Mit seinem ersparten Geld hatte er sich eine Fahrkarte gekauft und war in den nächsten Zug gestiegen. Als man ihn später fragte, ob er denn gewusst habe, wo seine Mutter wohnte, sagte er nur: »Nein, ich wollte doch nur zu ihr.« Seine leibliche Mutter fand er kurz vor seinem 30. Geburtstag. Ich wurde später Zeuge der Liebe zwischen Mutter und Sohn.
Jürgens weiteres Leben
Jürgen machte seinen Adoptiveltern keinen Vorwurf, warum sie ihm nicht schon längst ihr Geheimnis mitgeteilt hatten. Er war und blieb »brav«, war weiterhin ein guter Schüler, verbrachte viele Stunden mit einem Freund, spielte Fußball und es schien, als habe er seine Verzweiflung überwunden. Als er sich zum ersten Mal verliebte, heiratete er gleich das hübsche Mädchen. Drei Jahre später wurde ihr Sohn geboren. Er schien glücklich zu sein.
Jürgen machte eine Fortbildung nach der anderen und kletterte die Karriereleiter immer höher. Aber er hatte nicht genügend Zeit für seine junge Frau gehabt. Die Folge war, dass sie sich auf andere Männer einließ. Die Ehe wurde geschieden. Ihm war klar, dass er sich früh auf eine Ehe eingelassen hatte, weil seine Sehnsucht nach einer eigenen Familie so stark gewesen war. Er heiratete nicht wieder. Wurde er von Freunden darauf angesprochen, zuckte er nur mit den Schultern und sagte: »Was wollt ihr? Mir geht’s gut. Ich traue sowieso keiner Frau mehr über den Weg.«
Nach der Scheidung teilte ihm der Priester mit, er sei von den Sakramenten ausgeschlossen. Fortan sprach er nur noch zynisch und verbittert von der Kirche, in der er sich jedenfalls ein Stück weit zu Hause gefühlt hatte.
Gewiss war er stolz auf das, was er beruflich erreicht hatte, auch auf das Ansehen, das er in der Stadt genoss, in der er für mehrere Jahre als Gemeinderat tätig war. Da er sehr gut verdiente, konnte er sich »alles« erlauben, was er sich wünschte: vornehme Kleidung, lange Reisen und vieles andere mehr. Als seine Eltern starben, erbte er ihr großes Haus.
Immer wieder erzählte er die Geschichte seines Lebens solchen Menschen, von denen er annahm, dass sie ihn mochten und mit ihm fühlten, auch seinen neuen Verwandten, die er kennenlernte, nachdem er seine leibliche Mutter gefunden hatte. Als er mir seine Geschichte zum ersten Mal erzählte, löste er auch in mir ein starkes Mitgefühl aus, doch ging mir bei seiner dritten Erzählung auf, dass er sich in seinem Gefühl, Opfer seiner Umstände zu sein, eingerichtet hatte und das damit verbundene tragische Gefühl auch ein wenig zu genießen schien. Sein Gesicht war gerötet, seine Stimme fast beschwörend, wenn er von sich und seinem Schicksal erzählte. Dann atmete er tief durch und sah mich erwartungsvoll an.
Zu jener Zeit kannte ich den Gegenspieler noch nicht. Doch wenn ich heute an Jürgen denke, geht mir auf, dass er seit jenem dunklen Tag, als sein Vater ihm eröffnete, er sei ein Adoptivkind, unter dem Diktat des Gegenspielers stand. Offensichtlich tat dieser alles, um sein Selbstmitleid zu vertiefen, sodass Jürgen nicht aufhörte, um seinen Verlust zu kreisen. Sein anscheinend nicht zu überwindendes Selbstmitleid führte auch zu chronischer Unzufriedenheit, die immer wieder in Aggressivität ausartete. Doch auf die Idee, sich um fachkundige Hilfe zu bemühen, kam er nicht, und wenn wohlmeinende Menschen ihn darauf behutsam hinwiesen, wies er ein solches Ansinnen weit von sich. Nur in einer Hinsicht hatte der Gegenspieler keinen Zugriff auf Jürgen: Er sprach immer gut von seinen Adoptiveltern. Er achtete sie bis zu ihrem Tod.
Ich habe dieses Trauerspiel so ausführlich beschrieben, weil mir zahlreiche Menschen begegnet sind, die nicht frei wurden von einer Kränkung, einem Verlust, einem Schicksalsschlag und sich ein Leben lang darauf fixierten, Menschen, die sich vom Leben beleidigt fühlten. Vom Leben? Vom Gegenspieler. So aber geht Leben nicht, dass wir unser ganzes Leben auf nur eine Sinnsäule stellen – auf die Ehe, auf die Kinder, auf die Karriere etc. – noch es von einem Unglück bestimmen lassen!
Leben findet zwar im Spannungsfeld zwischen Lebensbejahung und Lebensverneinung statt, aber die Fülle der Möglichkeiten, ein starkes Leben zu führen, wird dadurch nicht eingeschränkt. Im Gegenteil: Je mehr ein Mensch durch dieses Spannungsfeld herausgefordert wird und sich nicht durch den Gegenspieler davon abhalten lässt, das Gute, Wichtige und Wesentliche zu suchen, desto gewisser wird er sich selbst und sein Leben finden!
2Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur. Fischer-TB, Frankfurt am Main 1972, S. 125 ff.
WIE WIR DEN INNEREN GEGENSPIELER ÜBERWINDEN KÖNNEN
Die Stille als wesentliche Bedingung der Möglichkeit, die Macht des Gegenspielers zu begrenzen
Alle großen Veränderungen bedürfen des Rückzugs in die »Wüste«, dorthin, wo ich mit mir ganz allein bin. Die »Wüste«, die ich meine, ist die Stille. Denn die Stille ist der »Ort«, an dem ein Mensch am ehesten spürt, wer er ist, was er braucht und welche Wege für ihn sinnvoll sein könnten. In der Stille erschließt sich ihm seine innere Welt. In der Stille erschließt sich ihm auch am ehesten, was er im Grunde will und was er nicht will.
In seinem Buch Japan und die Kultur der Stille schreibt Karlfried Graf von Dürckheim: »Es lebt im Menschen ein geheimes Wissen darum, daß die rechte Stille, nach der die Seele sich sehnt, mehr ist als das wohltuende Fehlen von Lärm, mehr auch als ein bloßes Gegengewicht an Ruhe gegen Unruhe und Überforderung seines Leibes, mehr auch als die bloße Voraussetzung alles Lebens im Geiste oder als die Bedingung seelischer Gesundheit. Es ist ein Wissen, daß echte Stille grundsätzlich mehr ist als die Voraussetzung oder Bedingung glückhaften Lebens, daß sie vielmehr gleichbedeutend ist mit der Erfahrung sich erfüllenden Lebens selbst!«3
Vielleicht gehören Sie zu jenen Menschen, die wissen, wie schwer es ist, die Stille auszuhalten. Dann werden Sie auch wissen, dass es nicht die Stille ist, vor der wir am liebsten fliehen würden, sondern es vielmehr unsere eigenen ungelösten Fragen, Sehnsüchte und Konflikte sind, die darauf drängen, endlich angesehen und gelöst zu werden. Die Stille selbst ist immer nur der Raum, in dem sich die Tiefen unserer Seele deutlich zeigen, und jener Raum, in dem am ehesten das Ungelöste unseres Lebens sich zu lösen beginnt. Denn wer still wird, begegnet nicht nur seiner verdrängten Problematik, sondern auch und nicht weniger seinen verdrängten Ideen und Kräften, seinem Grund- und Wertgefühl für anderes Leben.
Sogleich lässt sich der Gegenspieler hören:
»Und wenn du dich noch so lange aus der Welt zurückziehst, glaub nicht, dass du mir entgehst. Und wenn du meinst, mich überlisten zu können, wer bist du, dass du glaubst, mich aus deinem Leben vertreiben zu können? Nein! Leben findet nicht im stillen Kämmerlein statt, sondern draußen, mitten in der Welt. Das aber wirst du wohl nie verstehen.«
Gibt es trotz dieser Gegenspieler-Störung Hilfen, um zur Stille zu kommen?
•Setzen Sie sich in einen ruhigen Raum und sorgen Sie dafür, dass niemand Sie stört.
•Legen Sie Ihre Hände auf die Oberschenkel. Schließen Sie Ihre Augen. Lassen Sie zunächst Ihre Gedanken kommen, wie sie kommen, und gehen, wie sie gehen.
•Halten Sie keinen störenden Gedanken fest und folgen Sie keinem. Drängt sich einer immer wieder auf, notieren Sie ihn auf einem neben Ihnen liegenden Zettel. Schauen Sie Ihre Gedanken an wie in einem inneren Kino.
•Wandern Sie dann gedanklich durch Ihren Körper. Spüren Sie eine Spannung? Vielleicht im Kopf, vielleicht im Magen? Betrachten Sie dieses Spannungsfeld, nehmen Sie es nur wahr. Versuchen Sie nicht, es zu verändern. Vielleicht verändert es sich dadurch, dass Sie es zur Kenntnis nehmen, also Beziehung zu ihm aufnehmen.
•Lassen Sie den Atem in die Mitte Ihres Leibes einfließen. Lassen Sie sich mit jedem neuen Atemzug weiter ausfüllen. Mit jedem neuen Atem fließt neues Leben in Sie ein.
•Inzwischen werden Ihre lästigen Gedanken sich verringert haben. Im Kopfinneren breitet sich eine wohlige Dunkelheit aus. Wenn Sie mögen, lassen Sie die Fragen zu: Wer bin ich? Was will ich? Wozu bin ich da? Was brauche ich?
•Vergewissern Sie sich noch einmal, dass es weiterhin so still wie möglich in Ihnen ist. Dann lassen Sie, wenn Sie mögen, zum Beispiel die Frage zu: Was wäre, wenn ich erfahren würde, wovon meine Seele schon lange träumt?
Will ich mich wirklich verändern?
Eine ältere Klientin, die mich stets mit einem großen Traumbuch aufsuchte, erzählte mir folgenden Traum: »Ich befand mich in einem Tal. Es hieß, dass es hier kein Wasser gebe, wohl aber oben auf dem Berge. Also begab ich mich auf den Berg. Dort befand sich eine Hütte, vor der eine lange (Menschen-) Schlange stand. Jeder Wartende hatte einen Eimer bei sich und ließ sich Wasser einschenken. Nur ich hatte keinen Eimer bei mir. Als ich an die Reihe kam, wies mich der ›Wassermann‹ brüsk ab. Und so ging ich unverrichteter Dinge wieder ins Tal.«
Als ich daraufhin die Dame freundlich fragte, ob sie mich als Therapeuten möglicherweise lebenslang »buchen« wolle, senkte sie ihren Kopf, lächelte dabei verschämt und sagte leise: »Ja.« Ich empfahl ihr, den Traum und unser Gespräch noch einmal zu überdenken.
Wer den Gegenspieler in sich selbst in Schranken halten möchte, sollte sich zuerst die Frage stellen, ob er überhaupt sein Leben verändern will. Denn das ist alles andere als selbstverständlich. In meinem Buch Neu beginnen! Aber wie?4 habe ich ausführlich beschrieben, welcher Voraussetzungen es bedarf, um zu einem anderen, lebenswerteren Leben zu gelangen. Ich nenne kurz die wichtigsten Punkte, über die ich nachdenken würde:
•Ist da noch Sehnsucht in mir nach einem anderen, neuen, bisher nicht bekannten Dasein?
•Was hält mich in der Vergangenheit fest?5 Unerfüllt gebliebene Wünsche, Ereignisse, deren Bilder noch immer Schatten werfen, bestimmte Verletzungen in der Kindheit, eingesperrte Wut, ein Versagen in späterer Zeit?
•Welche Widerstände habe ich gegen ein anderes Leben? Ist es Resignation? Mangel an Hoffnung? Unerfreuliche Erfahrungen in den letzten Jahren? Mangel an gutem Selbstwertgefühl?
•Welche negativen Gedanken laufen ständig in mir ab? Zum Beispiel diese: Ich kann doch nichts! Ich bin ein Versager. Wenn ich mehr Kraft hätte, ja dann … Wenn ich wüsste, was ich wirklich will …
•Welche positiven Gedanken könnte ich dagegensetzen? Zum Beispiel solche: Ich werde es schaffen. Ich traue mir was zu. Ich sage Ja zu mir selbst. Ich weiß, dass ich frei bin, ja frei, nicht von meinen Genen, meiner Erziehung, von meiner Welt, in der ich lebe, aber frei gegenüber alledem.
Bevor ich Ihnen nun die wichtigste Gestalt der inneren Welt, den Verbündeten, den Lebensbejaher, vorstelle, möchte ich Ihnen zunächst wieder anhand einfacher Beispiele zeigen, wo ich ihn im täglichen Leben am Werk sehe. Danach erinnere ich Sie auch gern an die großartigen Verhaltensweisen von Menschen, die, ohne es vielleicht zu wissen, mit ihrem eigenen Verbündeten ihr Leben führen. Zunächst also die »einfachen« Beispiele:
•Eine Frau antwortet auf die Frage nach ihrem Befinden: »Was soll ich Ihnen sagen? Mein Mann verschließt sich mir gegenüber zunehmend, die Kinder sind in der Pubertät, meine Gesundheit lässt zu wünschen übrig, das Geld ist ständig knapp. Aber – es geht mir irgendwie trotzdem gut, seitdem mir vor ein paar Wochen etwas aufgegangen ist, das ich nie mehr missen möchte: Weder mein Mann noch meine Kinder noch ›die Gesellschaft‹ sind für mich verantwortlich, sondern allein ich selbst. Verstanden habe ich das immer schon, aber erkannt, begriffen, gefühlt habe ich es erst seit ein paar Wochen. Und seltsam: Seit dieser Zeit habe ich selbst ein ganz anderes Lebensgefühl. Mir scheint, dass sich auch mein Mann und meine Kinder irgendwie zu verändern beginnen. Merkwürdig – oder?«
•Eine andere Frau antwortet auf die Frage nach ihrem Befinden: »Es geht mir seit einiger Zeit gut. Das war einmal anders. Ich hatte viel Angst in meinem Leben, nicht vor Bestimmtem, sondern einfach Angst. Manchmal dachte ich, dass sie mein ganzes Leben beherrscht. Sie ist zwar nicht ganz verschwunden, kommt immer mal wieder. Aber wenn sie kommt, habe ich ein ›Mittel‹, das ich nicht mehr missen möchte. Ich frage mich: Was ist wichtiger als die Angst? Dann suche ich ganz bewusst nach freundlichen Gesichtern, nach fröhlichen Kindern, nach lächelnden Alten, nach schönen Pforten oder Türen, nach strahlenden Berggipfeln, kurzum nach allem, was mir auffällt und was mich einlädt, sie oder es eine Weile zu betrachten. Ja, ich weiß, dass es Ängste gibt, die nicht so einfach zu ›behandeln‹ sind. Für mich aber hat diese ganz bewusst herbeigeführte Blickänderung im Lauf der Zeit dazu geführt, dass sich meine Lebensanschauung verändert hat. Diese leicht zu praktizierende und befreiende (kostenfreie) Selbsthilfe werde ich nie mehr aufgeben.«
•»Ich wollte meinem Chef sagen«, berichtet jemand, »dass ich mich in der letzten Teamsitzung über eine Bemerkung, die mir galt, geärgert hatte. Einen Augenblick zögerte ich, ob ich tatsächlich bei ihm anklopfen sollte. Da kam mir das Wort Selbstachtung in den Sinn, über das ich kürzlich einen Vortrag hörte. Ich klopfte an die Tür. Zu meiner Überraschung empfing mich der Chef freundlich lächelnd. Ich lächelte nicht gleich zurück, wollte mich nicht von ihm einwickeln lassen, sondern kam gleich zur ›Sache‹. Ich war erleichtert, dass ich ihm ruhig sagen konnte, was ich auf dem Herzen hatte. Er war leicht beschämt. Ich selbst fühlte Selbstachtung, als ich mich wieder auf dem Flur befand, und verließ aufrecht das Haus.«
•Herr D. schildert: »Zum wiederholten Male fühlte ich, dass mein Herz schmerzt. Einen Augenblick wollte ich den Gedanken an den Arzt beiseiteschieben. Ich hatte, gestehe ich, Angst vor der Diagnose. Dann sah mich meine Frau sorgenvoll von der Seite an. Ich wusste, was sie dachte. Da griff ich zum Hörer. Schon am nächsten Tag bekam ich einen Termin. Meine Frau trat hinter mich, küsste behutsam meinen Kopf und flüsterte: ›Ich bin stolz auf dich.‹«
•Herr F.: »Ich ging nach einer Party nachdenklich nach Hause. Ich fühlte mich unfrei. Und das nicht zum ersten Mal in einer Runde mir unbekannter Menschen. Ich schlief auch schlecht. Am nächsten Morgen stand ich früher auf, weil ich das, was gestern Abend geschehen war, unter die Lupe nehmen wollte. Ich ließ mir Zeit. In der Stille ging mir auf, warum ich mich am Abend zuvor so unwohl gefühlt hatte: Ich bin ein ganz schön eitler Gockel. Nicht ich stand im Mittelpunkt (wie ich es mir gewünscht hatte), sondern mein Arbeitskollege. ›Eitler Gockel‹, sagte ich vor mich hin, als ich das Haus verließ und murmelte nur: ›Na warte.‹«
•Ein Mann sagt zu seiner Frau: »Ich liebe dich.« Das hat er schon lange nicht mehr gesagt, denkt sie. Einen Augenblick sieht sie ihn ein wenig verwirrt an, kann kaum glauben, was er da gesagt hat. Dann sieht sie seine lachenden Augen, schiebt die sich heranschleichenden Zweifel beiseite und sagt kaum hörbar: »Ich vertraue dir.«
•Eine alte Dame geht an einer Gruppe junger Menschen vorbei. Da hört sie einen Jungen sagen: »Na, Oma, mit dem Laufen war’s auch schon mal flotter, oder?« Die anderen lachen laut über den scheinbar mutigen Satz des Jungen. Einen Augenblick steigt Ärger in der alten Dame auf. Dann bleibt sie stehen, schaut den Jungen an und sagt: »Weißt du, mein Junge, als ich so alt war wie du, habe ich mich auch einmal über eine alte Frau lustig gemacht. Und heute staune ich darüber, dass ich so schnell eine alte Frau geworden bin. Übrigens, du bist ein hübscher Kerl.«
Die folgenden Beispiele, hinter denen ich den Verbündeten sehe, erfreuen mein Herz. Ihres auch?
•Da setzt sich ein Mädchen von 15 Jahren, gesundheitlich eingeschränkt, auf die Stufen des schwedischen Reichstagsgebäudes mit einem selbst gebastelten Schild »Schulstreik für das Klima« und macht nicht auf sich aufmerksam, sondern darauf, dass der ganze Planet wankt, wenn wir Menschen nichts gegen den Klimawandel tun. Und Greta gibt trotz aller Verleumdungen nicht auf, weil sie noch nicht den Glauben daran verloren hat, dass Menschen begreifen könnten, was in dieser Zeit auf dem Spiel steht.
•Einer meiner früheren Schüler, ein Arzt, ließ sich von seinem Krankenhaus für ein Jahr beurlauben, sammelte abgelaufene, aber seiner fachlichen Einschätzung nach noch immer gute Medikamente und transportierte sie mit gemieteten Lastkraftwagen – auf eigene Kosten – in Gebiete Europas, in denen die Präparate dringend gebraucht wurden. Keineswegs spielte Eitelkeit oder das Gefühl von Heldentum eine Rolle, sondern Verantwortlichkeit.
•Im März 2020, also zu einer Zeit, in der das Coronavirus die Welt zutiefst beunruhigte, bedankte sich meine Frau mit einer Schachtel Pralinen in einem Geschäft für die sorgsame Betreuung. Den Antwortbrief zu veröffentlichen ist mir ein Anliegen, zeigt er doch eindrucksvoll, welches Gold im Geröll der Mine auch in dieser Zeit noch immer vorhanden ist:
»Liebe Frau B.,
herzlichen Dank für die süße Überraschung!! Wir haben uns sehr, sehr gefreut!! Schokolade ist genau das, was wir jetzt brauchen. Aber der Stress ist mittlerweile etwas abgeflaut … Unsere Kunden sind sehr lieb, und wir haben zum Teil jetzt mehr Zeit für sie als vorher!
Die Hilfsbereitschaft aller ist momentan so groß, ich bin überwältigt … auf den Straßen grüßen sich alle, die Menschen winken aus den Fenstern … das wäre vorher undenkbar gewesen.
Ganz liebe Grüße!«
Von der Kraft des Verbündeten
Vielleicht dachte der große Heidelberger Arzt Viktor von Weizsäcker an ihn, als er vom »wartenden Leben« in uns sprach. Wartendes Leben? Damit sind jene Kräfte in unserem Innern gemeint, die bislang daran gehindert wurden, sich ausleben zu können, jene Potenziale, die jeder Mensch in sich trägt.
Oft zeigt sich der Verbündete als helle Gestalt mit weißem Gewand. Seine Augen richten sich wohlwollend auf den Imaginanden. Manchmal streckt er ihm zum Empfang beide Arme entgegen, so wie man einen Freund empfängt. Er wirkt freundlich, frei, kraftvoll, selbstbewusst, verständnisvoll, vertrauenerweckend, großherzig, gütig, versöhnlich, liebevoll.
Das vor allem Befreiende: Er beschönigt die manchmal stimmigen Vorwürfe des Gegenspielers nicht, sondern stellt sie in einen weiteren Zusammenhang. Er geht von der Selbstverständlichkeit aus, dass zum Menschsein Fehler, Mängel und die Möglichkeit des Scheiterns gehören. Er weckt Hoffnungen, er ermutigt, er zeigt neue Wege, er bejaht das Leben, er bejaht den Menschen. Er will sein Bestes. Er vermittelt das Gefühl von Geborgenheit und vor allem unbedingter Akzeptanz.
Wer das erlebt, weiß sich angenommen, gewinnt den berühmten »aufrechten Gang«, fühlt seinen eigenen Wert und findet das Leben selbst wertvoll. Er gewinnt auch die Fähigkeit, über sich selbst hinaus auf andere zu sehen. Er wird nicht nur lebens-, sondern auch liebes- und gemeinschaftsfähig. Und er wird zulassen können, dass andere Menschen auch eine andere Sicht des Lebens haben können.
Der Verbündete sieht den Imaginanden nicht primär daraufhin an, was er nicht hat, nicht ist, nicht kann, nicht darauf, was er versäumt, worin er schuldig geworden oder gescheitert ist, sondern darauf, was er braucht. Er bewertet ihn nicht, er beschuldigt ihn nicht, er schätzt ihn wert und vermittelt es ihm. Wer dem Verbündeten in sich selbst begegnet, erkennt in sich den eigentlichen Menschen, den, der er im Grunde ist, der er mehr als bisher sein könnte.
Die »Verwandten« des Verbündeten sind die Geduldigen, die Liebenden, die Kreativen, die Freien, die Verantwortlichen, die Künstler, die Engagierten, die Mutigen, die Heiteren, die Gütigen, die Wahrheitsfinder, die Versöhnenden, die Echten, die Gütigen etc. Was für den Verbündeten gilt, ist in gleicher Weise von der Verbündeten zu sagen. Und nur wenn ein Mensch zu beiden Verbündeten eine gute Beziehung hat, lebt er das Beste aus sich heraus.
Ich würde Sie gut verstehen, wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, nun sagen würden, ich beschriebe Ihnen nichts als Fantastereien. Sie kennten doch die Menschen, nicht zuletzt auch sich selbst. Ihre Aufrichtigkeit ehrt Sie. Ich selbst habe auch einmal so gedacht. Nach dem Studium von inzwischen vielen tausend Wertimaginationen jedoch habe ich selbst keinen Zweifel mehr, dass die von mir beschriebenen inneren Gestalten uns zwar fremd, doch deshalb nicht weniger real sind. Und vielleicht könnte Sie das versöhnen: Wir werden die Verbündeten nie in Vollendung erreichen und nie nach wenigen Erfahrungen, wir können ihnen aber mehr als bisher näherkommen. Und diese Annäherung kann gegenüber dem bisherigen Leben einen erstaunlichen qualitativen Unterschied machen.
Darf ich Ihnen nun an einem Beispiel veranschaulichen, was geschieht, wenn der Gegenspieler agiert und der Verbündete auf den Plan tritt.
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