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Ute Leimgruber

Der Teufel

Ute Leimgruber

Der Teufel

Die Macht des Bösen

Butzon & Bercker


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.


Das Gesamtprogramm von Butzon & Bercker finden Sie im Internet unter www.bube.de

ISBN 978-3-7666-1358-5

E-BOOK ISBN 978-3-7666-4123-6

EPUB ISBN 978-3-7666-4124-3

© 2010 Butzon & Bercker GmbH, 47623 Kevelaer, Deutschland, www.bube.de

www.religioeses-sachbuch.de

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Christoph Kemkes, Geldern

Satz: Schröder Media GbR, Dernbach

Druck: Bercker Graphischer Betrieb, Kevelaer

Inhalt

Einleitung

I. Die Wiederverzauberung der Welt – Der Teufel in der Gesellschaft

1. Kirche und Gesellschaft – Eine Renaissance des Teufels?

2. Okkultismus, Satanismus – Destruktive Opposition

II. Lichtträger und Satanssturz – Der Teufel in der Bibel

1. Jahwe und das Böse im Alten Testament

2. Die Apokalyptik der Zeitenwende

3. Jesus, der Teufel und das Geheimnis des Bösen

III. Hexen und Satansglaube – Der Teufel in der (Kirchen-)Geschichte

1. Das frühe Christentum

a) Die Apostolischen Väter

b) Die Apologeten

c) Augustinus

2. Die mittelalterliche Scholastik

a) Anselm von Canterbury

b) Thomas von Aquin

3. Die Tradition im Lehramt: Das Vierte Laterankonzil (1215)

4. Hexenwahn und Hexenverfolgung

IV. Der Teufel und das Volk – Volksglaube und Kunst

1. Der Teufel im Volksglauben

2. Teufelsbilder in der Kunst

V. Martin Luther und der Teufel

VI. Weiche, Satan – Exorzismus und Teufelsaustreibungen

1. Exorzismen in der Geschichte

a) Taufexorzismen

b) Sachbeschwörungen

c) Exorzismen über Besessene

2. Tod und Teufel – Der Fall Klingenberg

3. Auf Teufel komm raus – Der neue Exorzismus aus dem Jahr 1999

VII. Was sagt die Kirche? Der Teufel in kirchlichen Texten

1. Lehramt: Katechismen

a) Katholischer Erwachsenen-Katechismus (KEK)

b) Katechismus der Katholischen Kirche (KKK)

2. Liturgie: Taufe

VIII. Keine Angstmacherei – Die pastorale Verantwortung der Kirche

1. Höllenfurcht und Fegefeuer – Die Pastoral der Angst

2. Abschied vom Teufel – Herbert Haag

IX. Vom Bösen reden – Das Geheimnis in Worte fassen

1. Das Böse ist und bleibt ein Geheimnis

2. Das Böse und die Verantwortung des Menschen

3. Der Teufel als Person?

4. Die Bedeutung des Bösen: Engagement dagegen!

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Böse geschieht. Es geschieht tagtäglich – und wir erfahren es tagtäglich. Ein Mann, der – als er anderen helfen wollte – zu Tode geprügelt wird. Kinder, die von den eigenen Eltern misshandelt werden. Der weltweite Terrorismus droht mit Selbstmordattentaten. Großgrundbesitzer enteignen Kleinbauern. Staaten und ihre Funktionäre zerstören die Lebensgrundlagen zahlloser Zivilisten. Es könnten noch viele Beispiele genannt werden.

Das Böse ist nicht irgendein abstraktes Konzept, sondern es ist greifbar, es ist real. Und gerade diese realen Erfahrungen sind es, die die Menschen dazu bewegt haben, die Frage nach dem Woher des Bösen zu stellen, die Frage nach dem Warum. In all den als schlimm, leidvoll, unterdrückend, zerstörerisch – kurz: als böse wahrgenommenen Erfahrungen taucht irgendwann die Frage nach dem Sinn auf. Die Sinnfrage ist aufs Engste mit den Vorstellungen vom Bösen verbunden. Denn sie zeigt den Verständnishorizont auf, innerhalb dessen sich unterschiedliche Gesellschaften mit der menschlichen Kontingenz, mit der Unheimlichkeit des Bösen auseinandergesetzt haben.

Das Böse hat eine bedrängende Wirklichkeit, und diese Wirklichkeit will thematisiert werden. Die Frage nach Gott und nach seiner Verantwortung für das Böse sind beinahe zwangsläufig gestellte Fragen angesichts der menschlichen Wirklichkeit. Die christliche Tradition überliefert uns hier die Vorstellungen um den Teufel. Der Teufel und die Geheimnishaftigkeit des Bösen gehören untrennbar zum innersten Kern der Frage nach dem Sinn des Lebens, nach dem Sinn der gemachten Erfahrungen. Die existenzielle Angefochtenheit des Menschen durch das erfahrene Böse ist das Bindeglied zu den vielfältigen Überlieferungen, in deren Mittelpunkt die Figur des Teufels steht. Die Rede vom Teufel hat eine lange Tradition, und sie hat eine erstaunliche Entwicklung durchlaufen. Neben dem Christentum – das hier im Buch im Mittelpunkt stehen wird – finden sich Teufelsvorstellungen nur in wenigen religiösen Vorstellungen. Wenn auch viele Religionen Dämonen zu ihrem Personal zählen und fast alle Weltanschauungen das Thema des Bösen problematisieren, so gehört der personalisierte Teufel neben dem Christentum nur im Zoroastrismus (oder Mazdaismus), in der antiken hebräischen Religion (nicht im modernen Judentum) und im Islam1 zu den Inhalten religiöser Überlieferung.

Der Begriff Teufel stammt wie auch der englische devil und der spanische diablo vom griechischen diabolos ab. Diabolos bedeutet ursprünglich Verleumder, Meineidiger oder Gegner vor Gericht. In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments (2./3. Jh. v. Chr.) wurde der Begriff diabolos zum ersten Mal verwendet, um das hebräische Wort Satan, wörtlich: Gegner, Hindernis oder Widersacher, zu bezeichnen. Hier ist also Der Böse zum ersten Mal als diabolos benannt. Später bekam er noch viele weitere Namen und Bezeichnungen, die häufigsten sind Satan, Luzifer oder Beelzebub – je nach Zeit und jeweiliger religiöser Überlieferung. Die großen monotheistischen Religionen haben also die Vorstellung einer Figur, die für das Böse verantwortlich zeichnet, entwickelt, um die Spannung zwischen erfahrener Wirklichkeit und der Vorstellung des einen Gottes zu bearbeiten.

Das vorliegende Buch behandelt nach einem Blick auf die gegenwärtige Gesellschaft und ihre Teufelsbilder (Kapitel I.) diese jüdisch-christlichen Traditionen im Alten und im Neuen Testament, aber auch in der Kirchengeschichte (Kapitel II.; III.). Doch nicht nur die Bibel, die Kirchenoffiziellen oder die Theologen machten sich Gedanken über das Böse, Teufelsbilder finden sich im Volksglauben ebenso wie in der christlichen Kunst (Kapitel IV.); auch für Martin Luther und die Protestanten war das Thema von großer Wichtigkeit (Kapitel V.).

Einer der zentralen Orte der Rede vom Teufel war (und ist) der Exorzismus, bei dem vermeintlich vom Teufel besessene Menschen von eben jenem befreit werden sollen. Was ist von dieser Tradition zu halten? Ist es nicht vielmehr reiner Aberglaube? Dies untersucht Kapitel VI.

Was sagt die kirchliche Lehre heute über die Lehre vom Bösen und über die Figur des Teufels? Antworten darauf gibt das Kapitel VII. Doch die Lehre und die Rede vom Teufel wurden über Jahrhunderte hinweg skrupellos auch dazu missbraucht, den Gläubigen Angst einzujagen, sie einzuschüchtern und so die Herde gefügig zu halten. Diese Pastoral der Angst und der anschließende Abschied vom Teufel in Teilen der Theologie behandelt das Buch in Kapitel VIII.

Doch die Wirklichkeit des Bösen entzieht sich letztlich jeder eindeutigen Erklärung und Einordnung. Sie ist eine Macht, die bedrängt und existenziell erfahrbar ist, gleichwohl bleibt sie im Grunde geheimnisvoll. Die Macht des Bösen besteht im Grunde in ihrem Geheimnischarakter – man kommt ihr auch begrifflich nicht endgültig bei. Wie nun theologisch verantwortlich vom Bösen gesprochen werden kann und welche Rolle der Teufelsbegriff dabei spielt, davon handelt das Kapitel IX.

Die faktische Erfahrung des Bösen ist Grundlage für die Rede vom Bösen. Und nur eine verantwortete Rede vom Bösen vermag das existenzielle Problem des Bösen aufzufangen – jenseits von Aberglauben und Okkultismus, jenseits von Instrumentalisierung und Drohgebärden, jenseits von fundamentalistischem Dualismus oder einer falsch verstandenen Theodizee. Das Problem des Bösen bedarf der Versprachlichung, denn man muss das Böse benennen, um es zu bannen.

Das vorliegende Buch will zweierlei: Es will informieren über die althergebrachten Bilder des Teufels und den Umgang mit ihnen – quer durch die Geschichte –, und es will einen Beitrag dazu leisten, wie der Wirklichkeit des Bösen in Bezug auf die Menschen, die damit konfrontiert sind, begegnet werden kann, in Verantwortung vor der Theologie und ihrer Überlieferung.

I. Die Wiederverzauberung der Welt – Der Teufel in der Gesellschaft
1. Kirche und Gesellschaft – Eine Renaissance des Teufels?

Die Frage nach dem Bösen, nach seinen Erscheinungsformen und seinen Ursachen gehört zu den Grundfragen der Menschen. Doch auch wenn diese Frage immer wieder gestellt wurde, die Antworten driften weit auseinander. Was ist böse? Wann ist etwas als böse zu bezeichnen? Schon bei diesen Fragen ist man sich nicht einig. Ist es böse, dass täglich tausende Kinder mangels sauberen Trinkwassers sterben? Und wenn ja, wer ist da böse? Die Frage und ihre Beantwortung fällt zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten je anders aus. Das Problem scheint unlösbar zu sein. Und doch: Die Frage nach dem Bösen lässt niemanden kalt.

Und wie steht es mit dem Teufel? Er ist doch die Personifikation des Bösen schlechthin – und er stößt auf ungebrochenes Interesse. Laut einer repräsentativen FORSA-Umfrage aus dem Jahr 2005 gaben 27 % der Befragten an, an den Teufel zu glauben.2 Ob das nun viel oder wenig ist, obliegt der Seite des Betrachtenden. Bilder vom Teufel aber kann sich fast jeder machen. Die Facetten der Reaktion auf den Teufelsbegriff reichen von Abscheu bis Faszination. Ob Literatur, Film- und Kulturschaffende, ob Philosophie oder Kunst: Der Teufel und das Böse finden zahllose Verkörperungen.

Spätestens seit dem 11. September 2001 ist die Diskussion über das Böse neu entflammt. In den rauchenden Türmen des World Trade Centers soll sich sogar die Fratze des Teufels gezeigt haben – die entsprechenden Bilder verbreiteten sich via Internet in Minutenschnelle über den ganzen Erdball. Das Vokabular der amerikanischen Evangelikalen und ihres Präsidenten ebenso wie das ihrer Gegenspieler im Nahen oder Fernen Osten oder sonst wo auf der Welt unterstützt den Eindruck, der Teufel habe wieder Einzug gehalten in die Welt. Wieder?

Mit der westlichen Aufklärung schien auch der Teufelsglaube an ein Ende gekommen zu sein. Die berühmt gewordene Parole Max Webers von der „Entzauberung der Welt“3 steht stellvertretend für den Prozess der Säkularisierung in der Moderne. Im Zuge dessen wurde die Akzeptanz von Gutes und Böses wirkenden Geistern suspekt und kam schließlich gänzlich abhanden. Die Natur wurde entpersonalisiert, und zwar in dem Maße, in dem sie rational erklärbar wurde. Was objektivierend nicht zu beobachten war, was keiner kausalen und logischen Erklärung zugänglich gemacht werden konnte, durfte es nicht mehr geben.

Mit der Entzauberung der Welt fiel auch der Teufel und mit ihm alle anderen Geistwesen aus dem allgemein akzeptierten Regelungsrahmen der Welt. Zwischen Säkularisierung, Neurobiologie, Quantenphysik und Biochemie schienen der Teufel und seine Dämonen ausgedient zu haben. Zur gleichen Zeit verlor die Kirche das Monopol auf eine umfassende Interpretation der gesamten Wirklichkeit, des gesellschaftlichen und privaten Lebens. Bald konnte sie dies selbst bei ihren eigenen Mitgliedern nicht mehr einfordern. Mit diesem Plausibilitätsverlust und dem ihrer religiösen Symbole ist allem Anschein nach auch der Sinnverlust des christlich geprägten Begriffes Teufel verschwunden. Mit ihm ging der Glaube an Himmel und Hölle, ja, an eine gesamte stabilisierende Weltordnung unter. Dieser noch weit über die Teufelsproblematik hinausreichende Prozess wird allgemein als Kopernikanische Wende bezeichnet – dies ist eine Metapher für den Zusammenbruch der Metaphysik und des Glaubens. Das Projekt der säkularen Moderne hat den Teufel abgeschafft; und auch das Christentum scheint den Teufelsglauben so vieler Jahrhunderte undifferenziert im Kuriositätenkabinett der Kirchengeschichte entsorgt zu haben. Die traditionelle Vorstellung eines personifizierten Teufels wird zumeist als Anachronismus angesehen, denn vergegenwärtigt man sich den Erfahrungshorizont der meisten Menschen, so hat wohl die Erfahrung des Bösen, nicht jedoch eine dezidierte Rede vom Bösen oder gar vom Teufel ihren Platz. Dämonen- und Teufelsglauben gehören der Vergangenheit an. Der Terminus Teufel und die damit verbundenen Anschauungen scheinen für die Mehrzahl der Menschen ausgedient zu haben.

Doch wie gesagt: Ganz so einfach ist es nicht. Die Prozesse der Entmythologisierung und der aufklärerischen Modernisierung haben ihre Gegenseite. Es ist eine Bewegung, die nach dem Scheitern der großen Ideologien (Kapitalismus, Marxismus) und angesichts einer allgegenwärtigen Bedrohung, wie beispielsweise durch den Terrorismus, schon länger zu beobachten ist. Zwar schwindet zunehmend traditionelle Kirchlichkeit (inklusive formeller Zugehörigkeit zu einer der Großkirchen), doch bedeutet dies nicht das Schwinden von Religiosität und religiöser Vorstellungen. Auch der Themenkomplex Teufel und Dämonen erfährt erneut Konjunktur. So wurde von verschiedenen Seiten von einer „Wiederverzauberung der Welt“, von einer „Renaissance des Bösen“ oder gar von einem „Comeback der Teufel“ gesprochen. Die Wiederbelebung des Glaubens an Engel, Teufel, Dämonen und andere übermenschliche Geister besonders auf dem Feld religiöser Bewegungen steht nur scheinbar im Gegensatz zu einem säkularisierten, aufgeklärten Zeitgeist. Der Hang zum Irrationalen ist letztlich das illegitime Kind des Rationalismus.

In vielen religiös-fundamentalistischen Gruppen wird der Teufel zu jenen Traditionen gerechnet, die zum unbedingten Glaubensschatz zählen und unter allen Umständen zu erhalten sind. Der „Leibhaftige“ wird als ernst zu nehmender und realer Gegner betrachtet, gegen den zu kämpfen den Menschen befohlen sei. Ob er in Form von menschlichen Feinden auftrete, die zu vernichten oder wenigstens zu bekehren seien, oder als Dämon, der Menschen in Besitz nehmen könne – Unerklärliches vermag so erklärt und Unübersichtliches geordnet werden. Der Zulauf zu fundamentalistischen Gruppierungen am Rande der großen christlichen Kirchen gehört ebenso zur Erfolgsgeschichte des wiedererstarkten Bösen wie seine Position in Sekten und Freikirchen. Die Komplexität der tatsächlichen Verhältnisse wird rigoros beseitigt zugunsten einer eindeutigen Interpretation der Welt. Vom Teufel wird ein eindeutiges Bild entwickelt, gespeist durch ein wortwörtliches Verständnis der biblischen Schriften. Andersdenkende werden allzu rasch selbst dämonisiert und zu Gegnern erklärt: Es gebe nur die Möglichkeit „With us or against us“, wie es der ehemalige US-Präsident George W. Bush formulierte.

Auch nicht-religiöse Diskurse widmen sich der Herausforderung des Bösen; gerade die Philosophie sieht sich gefordert. Der polnische Philosoph Leszek Kolakowski schreibt in seinem Buch Gespräche mit dem Teufel in einer berühmt gewordenen „metaphysischen Pressekonferenz“4, die Kategorie des Teufels als eine jahrhundertealte Tradition der Auseinandersetzung mit den Phänomenen des Bösen sei zu einer oft allzu lächerlichen Zweckrationalität zugunsten einer modernen Realitätssicht verkommen. Doch der philosophische Umgang mit dem Teufel stößt auf Schwierigkeiten, denn die Zuschreibung des Prädikats „böse“ gelangt letztlich immer an die Frage des Warum?, an die Frage von Verantwortung, Verursachung und Freiheit und an die Auseinandersetzung mit den Lösungsversuchen der Theologie. Gott wird letztlich zum Angeklagten der Vernunft. Albert Camus fasste dies in Worte:

„Vor Gott gibt es weniger ein Problem der Freiheit als ein Problem des Bösen. Wir kennen die Alternative: Entweder wir sind nicht frei und der allmächtige Gott ist für das Böse verantwortlich. Oder wir sind frei und verantwortlich, aber Gott ist nicht allmächtig. Alle scholastischen Spitzfindigkeiten haben der Schärfe dieses Paradoxons nichts hinzugefügt und nichts genommen.“5

Anstatt zahlreicher weiterer philosophischer Abhandlungen über das Böse soll an dieser Stelle nur ein Autor genannt werden: Rüdiger Safranski. „Man muss nicht den Teufel bemühen, um das Böse zu verstehen.“ Mit dieser programmatischen These beginnt er sein Buch Das Böse oder Das Drama der Freiheit6. Auch wenn er für sein Verständnis der bösen Wirklichkeit ausschließlich die Ambivalenz der menschlichen Freiheitserfahrung, also ein rein menschliches Phänomen der Wirklichkeitsbewältigung, anführt und somit die Geschichte des Bösen rational, ohne ein diabolisches Geheimnis zu bemühen, erfassen will – um die Diskussion des Teufels kommt auch er nicht herum. Doch der Teufel ist für ihn zentrales Symbol ideologischer Diktatur und Manipulation; religiöse Sprache und Hermeneutik seien in diesem Sinne zu ambivalent, um sie akzeptieren zu können. Symbolische und imaginative Wirklichkeitserschließung erfahren bei Safranski eine Radikalkritik. Das Böse wird hier einzig anthropologisch interpretiert: Das Paradigma der menschlichen Freiheit erscheint als Ausgangs- und Mittelpunkt jeglicher Reflexion über das Böse.

Wendet man den Blick auf die breite Massengesellschaft und ihre Ausdrucksformen, sind Kategorien von Gut und Böse augenscheinlich. Die zeitgenössischen Bilder und Symbole des Bösen sind im säkularen Bereich stark durch massenmediale Darstellung und Multiplikation geprägt. Und es werden immer häufiger religiöse Versatzstücke und Symbole aus ihrem traditionellen Kontext gelöst und umgewidmet, so auch in beinahe inflationärer Weise die Begriffe Teufel oder teuflisch. Schlagworte insbesondere in der Werbebranche, die sich in hohem Maß religiöser Gefühle und Elemente bedient, wie „teuflisch billig“, „höllisch scharf“, „Putzteufel“ oder Ähnliches, gehören mittlerweile zur Alltagssprache. Es tauchen dabei Teufel(chen) auf, mit Hörnchen auf dem Kopf und einem schwarzen, wahlweise schwarz-rotem Umhang. Die Begriffe „Teufel“ oder „höllisch“ meinen dabei meist gar nichts Böses oder zu Verurteilendes. Sie sollen vielmehr den Gegensatz zu langweilig, brav, altbacken oder fade ausdrücken. Wer das entsprechende Produkt kauft, kauft gleichzeitig auch Leidenschaft, Verruchtheit, eben einen Lebensstil, der das genaue Gegenteil eines frommen, angepassten Lebens ist. Der Begriff Teufel dient dabei als Signal, um die Aufmerksamkeit eines kaum mehr zu reizenden Publikums wenigstens kurzfristig auf eine Sache zu lenken, sodass das Ziel, den Profit immer weiter zu steigern, mit immer neuen Variationen teuflischer Assoziationen erreicht werden soll. Dass die genuin religiöse Rede vom Teufel im Kontext des Glaubens dabei sinnentleert wird, ist unübersehbar.

Neben dem Teufelsbegriff taucht auch die Teufelsfigur auf säkularem Hintergrund auf – es werden dabei bewusst religiöse Gefühle im Spiel mit Elementen der (christlichen) Tradition benutzt. Seit den 1970er-Jahren ist Satan eine Kultfigur im Horrorgenre und Garant für volle Kinokassen. Zahlreiche Filme voller populär-religiöser Versatzstücke variieren die Abgründe menschlichen Daseins und der unheimlichen Bedrohung durch transzendente Mächte. Garantiert und autorisiert wird dies durch Bibelzitate (vornehmlich der Offenbarung des Johannes) und christliche „Traditionen“ wie Hexenvorstellungen. Filme wie Rosemary’s Baby (Roman Polanski, 1967), Der Exorzist (William Friedkin, 1973 mit zwei Fortsetzungen 1977 und 1989), Das Omen (Richard Donner, 1975 mit zwei Fortsetzungen 1978 und 1982), Angel Heart (Alan Parker, 1986, mit Robert de Niro als Luzifer „Lou Cypher“), Im Auftrag des Teufels (Taylor Hackford, 1997, diesmal gibt Al Pacino den Teufel), Teuflisch (Harold Ramis, 2000), Constantine (Francis Lawrence, 2005) oder The Reaping – Die Boten der Apokalypse (Stephen Hopkins, 2007) sind nur wenige Beispiele für die noch immer anhaltende Erfolgsgeschichte okkulter Themen auf der Kinoleinwand.

Ein Blick in die Bücherlisten der Verlage zeigt eine immense Produktion an (oft dubiosen) Schriften zu Themen wie Teufel, Engel, Dämonen etc. Zahlreiche Bücher pseudoreligiösen Inhalts und unwissenschaftlicher Natur – jedoch mit dem Anspruch auf Seriosität und Wahrhaftigkeit – befassen sich mit dem Problem des Bösen und der Existenz Satans: Ein schier unüberschaubares Angebot lässt auf eine entsprechende Nachfrage schließen. Mit immer neuen Enthüllungen und spektakulären Erkenntnissen wird ein gewaltiger Markt bedient, der in seiner Gier nach transrationalen Ungeheuerlichkeiten unersättlich scheint.

2. Okkultismus, Satanismus – Destruktive Opposition

Dem Bösen haftet mithin eine eigentümliche Faszination an, die sich auch immer wieder in okkulten Praktiken zeigt, die zumeist losgelöst von (christlicher) Religion und auf das vordergründig Wahrnehmbare (aber gerade eben nicht rational Erklärbare) reduziert sind. Es bilden sich quasireligiöse Vorstellungen, durchsetzt von Schwarzer Magie, von Hexen, Zauberern und Wahrsagerinnen, von parapsychologischen Fähigkeiten und Räumen voller Geister und Dämonen. Spätestens seit Mitte der 1980er-Jahre ist ein Aufflammen okkulter Phänomene und Thematiken zu erkennen, sei es in esoterischen oder spiritistischen Zirkeln oder in dezidiert okkulten Kreisen. Die Moderne setzt also vielerorts auch eine Suche nach mehr als Faktizität, Rationalität und Funktionalität in Gang. Offensichtlich haben die Großkirchen diese Suche nach religiöser Verortung nur ungenügend beantwortet, das dadurch entstandene (Sinn-)Vakuum in postmoderner Unsicherheit wird von dubiosen Sekten und ernsthaften Selbstfindungs- und Meditationsseminaren gleichermaßen ökonomisch verwertet: Wenn der Markt für religiöse Befriedigung mit okkulter Ausrichtung auch im täglichen Geschäft des Gesellschaftsbetriebs nebensächlich zu sein scheint, so ist er offensichtlich noch lange nicht gesättigt. Ob nun in der Esoterik der Blick in erster Linie auf positive Mächte oder wie im Okkultismus auf böse Geister gerichtet wird: Die Faszination am Transrationalen, am Metaphysischen und Übersinnlichen scheint ungebrochen – und mit dieser Faszination ist ein gutes Geschäft zu machen.

Mit dem Okkultismus verbunden, aber dennoch davon abzugrenzen ist der Satanismus. Dieses Phänomen ist ein nur schwer definierbares, und selbst Experten und Expertinnen widersprechen sich in der Beschreibung und Beurteilung von satanistischen Szenen und Gruppen: Von harmloser Protestjugendkultur bis zu gefährlichen Ritualkulten, von unschädlicher Musikströmung über Schwarze Messen hin zu Tier- und Menschenopfern reicht die Spannbreite in der Beschreibung. In der Tat ist der Satanismus ernst zu nehmen, seine psychischen und physiologischen Folgewirkungen sind nicht zu vernachlässigen. Doch allzu oft erscheint Satanismus als Projektionsfläche gieriger Sensationslust und unseriöser Spekulationen, die genährt werden von Vorfällen wie dem sog. „Wittener Satanistenmord“ im Juli 2001, als ein Ehepaar einen Menschen unter Verwendung satanistischer Symbole tötete.

Im Satanismus manifestiert sich ein jahrhundertealter Satanskult, dessen Wurzeln Antithesen zum christlichen Kult sind. Von Beginn dieser Strömung an wollte man gegen das Christentum aufbegehren, das man auf die scheinbar spezifische Grundlage, den Gegensatz Gott – Satan reduzierte, sodass die satanistische Bewegung ursprünglich auf der Rebellion gegen die etablierte Religion und Kirche gründet. Geprägt ist die Sprache des Satanismus in allen seinen Ausprägungen von martialischem Vokabular, Hauptakteur ist der Teufel, das Biest, der Antichrist, der Satan. Der moderne Satanismus des 20. und 21. Jahrhunderts und seine zahlreichen subreligiösen Versionen lassen sich vielfach zurückführen auf Aleister Crowley (1875 – 1947) und seine Ideen und Schriften. In Crowleys „Offenbarungsbuch“ Liber Al Vel Vegis, dessen Inhalt ihm angeblich 1904 in Kairo von einer jenseitigen Wesenheit namens Aiwass mitgeteilt wurde, steht der zentrale und immer wieder zitierte Satz, ein Aufruf nach absoluter und völlig autonomer Durchsetzung der eigenen Interessen und Begierden, nach schrankenlosem Sich-ausleben: „Es gibt kein Gesetz, außer tue, was du willst“ (Erster Teil, 40). Crowley versteht sich selbst als „wahrer Gott vom wahren Gott“ und folgerichtig bezeichnet er sich in dieser Selbstvergottung als die Inkarnation Satans und im Anschluss an das biblische Buch Offenbarung Kap. 13 als The Beast 666.

Stark beeinflusst durch das Denken Crowleys sind Charles Manson, der Gründer der Final Church, der in den späten 1960er-Jahren durch sexuelle Kultorgien und Ritualmorde bekannt wurde, und der Gründer der Church of Satan, Anton LaVey (gest. 1997). Einen Einblick in das Gedankengebäude der Kirche Satans vermag das folgende „Glaubensbekenntnis“ zu geben:

„1. Satan verkörpert Befriedigung von Begierden anstelle von Abstinenz. 2. Satan verkörpert vitale Existenz anstelle spiritueller Hirngespinste. 3. Satan verkörpert reine Weisheit anstelle scheinheiliger Selbsttäuschung. 4. Satan verkörpert Gefälligkeit gegenüber denen, die sie verdienen, anstelle von Liebe, die an Undankbare verschwendet wird. 5. Satan verkörpert Rache anstelle des ,auch die andere Wange Hinhaltens‘. 6. Satan verkörpert Verantwortung gegenüber den Zurechnungsfähigen statt Besorgnis um seelische Erpresser. 7. Satan verkörpert alle sogenannten Sünden, weil sie alle zu körperlicher, geistiger oder gefühlsmäßiger Befriedigung führen …“

Es wird deutlich, dass es um radikalen Protest gegen das Christentum geht, um völlige Ablehnung der christlich geprägten Erziehung und Kultur. Das absolut Böse, das Satan eigentlich verkörpert, wird vernachlässigt bzw. zum Guten pervertiert, da das, was sich selbst als Gutes darstellt und seinen Gott als absolut gut propagiert, abgelehnt wird – eine Umwertung der Werte findet statt. Satanistische Gruppierungen sehen sich so in der Fundamentalopposition zu einer Gesellschaft, in der sie aber zwangsläufig leben und – wollen sie überleben – sich relativ anpassen müssen; der destruktive Charakter ist in diesem Paradoxon begründet.

In seiner extremen und zur Schau gestellten Antikirchlichkeit und Antichristlichkeit bleibt der Satanismus – nicht nur in seinem Vokabular – auf das Christentum verwiesen, denn ohne dessen Existenz wäre ein satanistischer Tabubruch gar nicht möglich. Satanismus in fast all seinen Variationen ist also (in Parallele zu jeder anderen Religion!) für die Praktizierenden ein weltanschauliches System, das eine eigene Anthropologie wie auch Kosmologie und mit der Satanologie eine pervertierte Theologie bereithält. Seriöse Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sind sich einig, dass das Phänomen des Satanismus weder dramatisiert noch bagatellisiert werden dürfe. Die magische Faszination, die von der Quasi-Selbstvergottung und absoluten Autonomie ausgeht, die der Satanismus verspricht, die satanistischen Rituale und die entsprechende Musik sind zumeist exzessiv und destruktiv – unkontrollierbare teuflische Bedrohungen sind sie hingegen in den meisten Fällen nicht.

II. Lichtträger und Satanssturz – Der Teufel in der Bibel
1. Jahwe und das Böse im Alten Testament

Das Alte Testament bietet die Basis für die Teufelsvorstellungen des Christentums – doch wäre nichts fataler, als die alttestamentlichen Texte als Vorlage für eine einfache Erklärung zu verwenden. Die alttestamentlichen Texte präsentieren verschiedene Figuren, die für das Böse stehen. Ein Beispiel ist das Buch der Weisheit; hier wird die Schlange der Paradieseserzählung mit dem Teufel identifiziert:

„… durch den Neid des Teufels [Schlange] kam der Tod in die Welt“ (Weisheit 2,24).

Die Schlange bzw. der Teufel wird charakterisiert als das todbringende Böse; mit Merkmalen, die spätere Traditionen auch anderen Bildern vom Bösen verliehen haben: Das Böse existiert außerhalb des Menschen, es ist dem Menschen vorgegeben und es ist von Gott geschaffen.

Das Volk Israel erfuhr sich im Laufe seiner politischen und sozialen Geschichte immer wieder als massiv bedroht, und so entstand in der Prophetie die Vorstellung einer widergöttlichen Figur. Diese war ursprünglich Gottes gutes Geschöpf, wandte sich aber irgendwann gegen ihn. Die Folgen dieses Aufstands gegen Gott drückte man aus in einem mythischen Bild, das übrigens auch in anderen Zusammenhängen gebraucht wurde: ein Sturz aus der Höhe. Eine Stelle im Prophetenbuch Jesaja schildert, wie der Sohn der Morgenröte, Helal, wegen Hochmuts in den Abgrund gestürzt wird:

„Ach, du bist vom Himmel gefallen, du strahlender Sohn der Morgenröte … In die Unterwelt wirst du hinabgeworfen, in die unterste Tiefe“ (Jesaja 14,12 – 15).

Der gefallene Helal wird mit dem Morgenstern identifiziert. Der Morgenstern aber hieß in der Antike auch Luzifer. Nun assoziieren der heutige Leser und die heutige Leserin mit Luzifer sofort den Teufel. Doch dauerte es einige Jahrhunderte, bis Luzifer-Helal, der gestürzte Sohn der Morgenröte, mit dem gestürzten Engel der christlichen Teufelsüberlieferung gleichgesetzt wurde. Bemerkenswert ist, dass in frühchristlicher Zeit – also noch vor dieser Gleichsetzung – Christus mit Luzifer, dem Morgenstern, verglichen wurde; Luzifer war sogar ein beliebter Taufname. Erst im Laufe der ersten nachchristlichen Zeit wurde Jesaja 14,12 – 15 mit einer Stelle aus dem Lukasevangelium (10,18) verknüpft, wo Jesus sagt, er sah Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen (ausführlich dazu im Abschnitt über das Neue Testament). Dieser Satan galt bald als gestürzter Engel – und Luzifer wurde zur Bezeichnung des Teufels.

Doch was steht hinter der Vorstellung, Luzifer/Satan sei ein gestürzter Engel? Der sogenannte Engelssturz war in der damaligen Vorstellungswelt allgemein bekannt. Als einstiger Lichtträger (= lat. Lucifer) begnügte sich der erste der Engel nicht mit der Gottähnlichkeit, sondern strebte nach der Gleichheit mit Gott. Er stellte die Eigenliebe über die Liebe zu Gott. Die Folge war der gewaltsame Sturz aus dem Himmel in die Hölle, die Umpolung zum Herrn der Finsternis. Er wurde zum Anführer der hässlichen, böswilligen Teufel und Dämonen, also der Gegenwelt zu den guten und schönen Engeln.

Dieser Mythos wurde jedoch in außerkanonischen jüdischen Schriften niedergeschrieben (zum Beispiel Henochbuch 6,1 – 7; 10,4 – 6), d. h. in Texten, die nicht in den Kanon der Bibel Eingang gefunden haben. Diese Schriften waren häufig dennoch von großem Einfluss auf das Denken ihrer Zeit. Auch wenn der Engelssturz nicht direkt Eingang in die Bibel gefunden hat, so spielen Texte sowohl des Alten als auch des Neuen Testaments darauf an.

Eine andere Stelle im Alten Testament, wo der Satan eine wichtige Rolle spielt, ist das Buch Ijob. Dort erscheint der Satan unter den „Söhnen Gottes“, er ist der „Widersacher“ (so auch die Bedeutung des hebräischen Wortes Satan), der mit Gott beinahe auf Augenhöhe kommuniziert. Es gelingt ihm sogar, Gott zu einer Wette zu überreden – dazu gleich noch mehr. In anderen Fällen im ersten Teil der Bibel ist nicht so klar wie bei Ijob, ob etwas von Gott oder von Satan ausgeht. So wird zum Beispiel die Anstachelung Davids zu einer Volkszählung das eine Mal dem Gott Jahwe zugeschrieben (2 Samuel 24,1), das andere Mal aber dem Satan (1 Chronik 21,1).

Wer ist also dieser Satan und wie sind die verschiedenen Überlieferungen vom „Bösen“ im Alten Testament zu verstehen?

Die Vorstellung vom „Bösen“ wurde nicht unverändert durch die Zeiten hinweg tradiert. So wie sich das Gottesbild gewandelt und entfaltet hat, veränderte sich auch die Interpretation der Welt und des Kosmos. Das Alte Testament entstand über einen langen Zeitraum, von ca. 1000 v. Chr. bis fast 100 v. Chr.; die meisten Bücher stammen aus der Zeit des sogenannten Babylonischen Exils (586 – 538 v. Chr.). Der alttestamentliche Gott steht in engem Zusammenhang mit dem Ergehen seines Volkes, das im Verlauf der Geschichte gute und schlechte Erfahrungen mit seinem Gottesglauben zu vereinbaren hatte. Der Kern des alttestamentlichen Jahweglaubens ist die Aussage über Gottes Einmaligkeit, Einzigkeit und Heiligkeit:

„Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig“ (Deuteronomium 6,4).

Gott hatte die Welt erschaffen und er hatte gesehen, „dass es gut war“ (Genesis 1). Und genau dies unterscheidet die jüdische Genesis von den anderen Kosmologien ihrer Zeit: Sie vereint Ordnung und Chaos, sie harmonisiert Licht und Finsternis. Und so stößt man auch wiederholt auf die Aussage, Gott selbst veranlasse das Böse. In zahllosen Textstellen versetzt Jahwe den Menschen durch Katastrophen, Hungersnöte oder Krankheiten in Furcht und Schrecken. Für Israel galt der Glaube, Gott verhänge Prüfungen oder Gericht über sein Volk:

„Ich erschaffe das Licht und mache das Dunkel,

ich bewirke das Heil und erschaffe das Unheil.

Ich bin der Herr, der das alles vollbringt“ (Jesaja 45,7).

Der alttestamentliche Gott ist alleine zuständig für die Geschicke auf der Erde; genau darin bleibt er ambivalent: Er ist machtvoll gütig, er hat aber auch eine Schattenseite – und diese Schattenseite ist die Hintergrundfolie für den hebräischen Satan. Denn der Glauben an einen ambivalenten Gott machte im Laufe der Zeit dem Bekenntnis Platz, dass Gott vollkommen gut sei. Nun stand man aber vor dem Dilemma des Bösen in seiner schärfsten Form: Die Existenz des Bösen musste mit der Existenz eines allmächtigen, erhabenen und ausschließlich guten Gottes in Einklang gebracht werden. Jahwe war heilig und transzendent – wie sollte er da Urheber des Bösen sein? An dieser Stelle trat eine neue Figur auf: Satan. Er ist nun der Urheber feindselig empfundenen Verhaltens, er ist der Widersacher Israels. Satan handelt als Anstifter zur Sünde – allerdings ohne eigene Machtbefugnis, sondern in Abhängigkeit von Gott. Wenn nun also christlich geprägte Leserinnen und Leser beim alttestamentlichen Satan gleich an den volkstümlichen Teufel denken, so hält dies einer kritischen Lektüre nicht wirklich stand. Der Satan ist der Widersacher – und als solcher erfüllt er lediglich seine Aufgabe. Im Hofstaat Gottes übt er die Funktion eines Anklägers aus, der diejenigen, die die Ordnung Gottes stören, vor dessen Gericht zerrt.

Am deutlichsten wird dies in der Ijobgeschichte: Hier ist er als eine Art Staatsanwalt unterwegs. Er behauptet, es sei ja klar, dass Ijob Gott unentwegt lobe, schließlich sei dieser vom Herrn mit wunderbaren Kindern, einer großen Menge Vieh und mit Reichtum gesegnet worden. Erst im Unglück werde sich Ijobs Gottesliebe erweisen, der Herr solle den Ijob doch auf die Probe stellen. Und Gott lässt sich darauf ein, indem er dem Ijob alles nimmt: seinen Reichtum und alle seine Kinder. Als das nicht fruchtet und Ijob noch immer ein Loblied singt, geht es an Ijobs Gesundheit. Gott überzieht ihn mit einem fürchterlichen Ausschlag – und die Freunde Ijobs schütteln unverständig den Kopf über seinen gottesfürchtigen Starrsinn, denn noch immer singt er das Lob Gottes. Erst da gibt sich der Satan geschlagen – und Gott gibt dem Ijob seine Kinder, seine Gesundheit und seinen Reichtum zurück. Dem Satan ist es sichtlich unangenehm, Ijob nicht überführen zu können und die Wette zu verlieren.

Wichtig im Blick auf die Entwicklung des Teufelsglaubens ist, dass Satan nicht aus eigener Machtfülle handelt, sondern weil Gott sich seiner bedient. Satan ist quasi das ausführende Organ. Das wahrhaft Unerklärliche, Schicksalhafte, das den Menschen trifft, fällt auf Gott zurück. Und doch ist Satan schon eine eigenständige Person – schließlich ist er es, der den Herrn zu dieser unheilvollen und grausamen Wette überredet –, er tut zwar nichts ohne Gottes Zustimmung, aber es kündigt sich bereits eine Gegnerschaft zwischen dem Satan und dem Herrn an.

2. Die Apokalyptik der Zeitenwende

Im Laufe der Zeit bekam Satan und mit ihm das Böse einen immer größeren Raum und immer mehr Eigenständigkeit zugestanden, sodass er irgendwann zum Inbegriff des Bösen wurde. Spätestens zur Zeit des Neuen Testaments sah die Überlieferung Satan als Prinzip des Bösen, als Verführer zum Bösen. Doch wie kam es dazu? Hierzu bedarf es eines Einblicks in jüdische apokalyptische Traditionen der Zeitenwende.

Seit Palästina in das Reich Alexanders d. Gr. eingegliedert worden war (331 v. Chr.), sah man sich direkt mit der hellenistischen Weltanschauung konfrontiert, mit griechischer Sprache, mit griechischer Religion, mit griechischer Kunst usw. Zunächst führte man die Auseinandersetzung mit der fremden Kultur mit geistigen Waffen, doch unter dem Seleukidenkönig Antiochos IV. Epiphanes (175 – 164 v. Chr.) kam es zu einer blutigen Religionsverfolgung. Nicht wenige Juden fielen vom Glauben ab und unterwarfen sich dem Befehl des Epiphanes. Gegen diese Verfallserscheinungen des jüdischen Glaubens formierte sich eine Bewegung, die sich „Gemeinde der Frommen“ (hebräisch Chassidim) nannte (1 Makkabäer 2,42). Die Treue zum mosaischen Gesetz war der einzige wirklich wichtige Gesichtspunkt der neuen Bewegung. Man teilte die Welt auf in „Gerechte“ und „Frevler“, in Gesetzestreue und Gesetzesverächter. Und im Laufe der Zeit steigerte sich diese Polarisierung.

In die zeitgenössische Theologie kam so ein stark dualistischer Zug, der sich vor allem in neuartigen Vorstellungen vom Jenseits ausprägte. Spekulationen über Gottes Eingreifen und die göttliche Wende der Not griffen um sich. Es war die Zeit der Apokalypsen. Zahlreiche konkrete Daten waren im Umlauf, wann die irdische Welt zerfallen würde und die Gerechten ihren verdienten Lohn, die Bösen aber ihre gerechte Strafe erhalten würden.

In diesen politisch unruhigen Zeiten, während des sogenannten Makkabäeraufstands (um 163 v. Chr.), wurde das Buch Daniel, der jüngste Text der hebräischen Bibel, geschrieben. Auch hier wird eine Apokalypse verkündet – und die wiederum ist nicht denkbar ohne Mächte der Finsternis, die in einem Endkampf von den Mächten des Lichts niedergerungen werden.

Die Mächte der Finsternis waren in der apokalyptischen Vorstellung dieser wirren und aufrührerischen Zeiten, auch beeinflusst durch zahlreiche Sekten, in größere Unabhängigkeit von Gott getreten. Der böse Engel, der Satan, der zerstörerische Geist wurde von Gottes Untergebenem zu einem Widersacher des Guten, zum Gegenspieler Gottes.7

In einem der nichtbiblischen Bücher, dem Jubiläenbuch, das dennoch großen Einfluss auf die jüdischen und auch frühchristlichen Denkrichtungen hatte, taucht Mastema auf: ein böser Geist, der praktisch von Gott unabhängig ist. Er führt in Versuchung, er klagt an, er zerstört und bestraft die Menschen, kurz: Er übernimmt all die bösen Merkmale, die einmal Gott zugeschrieben wurden. Das Böse wurde also von Gott getrennt, indem man es einer Figur zugeschrieben hat, doch ist bei all dem unbestritten, dass diese Figur von Gott geschaffen wurde. Die apokalyptische Literatur der Zeitenwende ist sich darin einig, dass Gott das Böse gewähren lässt, es aber nach dem Endkampf zerstören würde. Am Ende würde der Messias kommen, über die Bösen ein letztes Gericht abhalten und sie endgültig vernichten.

Gott wird bei dieser Vorstellung erst einmal von der Verantwortung für das Böse entlastet. Er hat zwar den bösen Engel geschaffen, doch dieser ist aus einer freien Entscheidung heraus böse geworden. Allerdings ist bei einem solchen Denken Gott noch immer dafür verantwortlich, überhaupt einen Kosmos geschaffen zu haben, in dem eine böse Macht wirken darf. Nicht wenige apokalyptische Gruppen hatten damit ein Problem. Sie vergrößerten deshalb die Distanz zwischen Gott und dem Bösen, sodass das Böse nicht selten zu einem eigenständigen Prinzip wurde. Das Problem dabei ist, dass dieses dualistische Denken eigentlich der monotheistischen jüdischen Tradition widerspricht. Gottes Allmacht darf nicht von einem anderen – womöglich ähnlich mächtigen – Prinzip begrenzt werden.

Die Essener von Qumran, eine der apokalyptisch geprägten jüdischen Gruppen der Zeitenwende, versuchten, den jüdischen Monotheismus mit der dualistischen Lösung des Problems des Bösen zu vereinen. Ihre Gedankenwelt wurde vor allem dadurch einer größeren Öffentlichkeit bekannt, weil im Jahr 1947 zahlreiche Schriftrollen in Qumran am Toten Meer entdeckt wurden. Der Fürst der Finsternis und seine Anhänger kämpften gegen den Fürsten des Lichts und seine Anhänger; in letzter Konsequenz aber sei der Fürst der Finsternis dem Gott Israels untertan. Dieser apokalyptische Kontext erst machte also aus dem Satan des Buches Ijob eine ganz andere Figur mit weit größeren Machtbefugnissen.

Im apokalyptischen Judentum (wie zum Beispiel auch im iranischen Mazdaismus) ist der Kosmos zweigeteilt: Es gibt Mächte der Finsternis und Mächte des Lichts. Beide Mächte führen gegeneinander einen tödlichen Kampf. Dieser Kampf, so glaubte man, sei in seine Endphase eingetreten. Man lebte in gespannter Naherwartung der apokalyptischen Entscheidungsschlacht und der Trennung von Gut und Böse im Letzten Gericht.

Jeffrey Burton Russell schreibt zur Frage des Bösen, wie sie zur Zeitenwende vertreten wurde und wie sie auch Jesus kennenlernte, Folgendes:

„Die Juden … fühlten sich versucht, das Böse als dunklen Fürsten, als Gottes Widersacher zu personifizieren. Als Monotheisten lehnten sie es jedoch gleichzeitig ab, die beiden voneinander zu trennen, und hielten vielmehr daran fest, dass nur ein einziges Prinzip existieren könne, ein Gott allein. Die hebräische Position ist zweideutig, weder reiner Dualismus noch reiner Monismus. Diese Doppeldeutigkeit ist alles andere als ein Mangel, sie erweist sich vielmehr als große Tugend: Sie … lässt keine Umgehung der Frage des Bösen zu. Gott ist gut, das Böse existiert. Es gibt keine einfache Lösung des Dilemmas.“8

Das apokalyptische Gedankengut des Judentums der Zeitenwende setzte sich in Teilen des Neuen Testaments fort, vor allem in der Johannes-Offenbarung. Markiert man mit dem Buch Daniel den Beginn der jüdisch-apokalyptischen Bewegung, so stellt die Offenbarung des Johannes den anderen Pol dieser Tradition dar – dazwischen liegt eine lebendige und beinahe ununterbrochene apokalyptische Überlieferung. Die Offenbarung des Johannes ist klar von dem österlichen Christus-Ereignis geprägt, ihre mythologischen Bilder sind Vorlage für zahllose Abbildungen in der christlichen Kunst – und in ihrer Deutung schwierig und umstritten. Im 12. Kapitel wird geschildert, wie eine sternenbekränzte Frau hochschwanger im Himmel steht, den Mond zu ihren Füßen, und im Begriff ist, ein Kind zu gebären, wie sich aber auch schon der feuerrote Drache, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern, vor ihr aufrichtet und das Kind verschlingen will. Das Kind wird sofort in den Himmel entrückt und so dem Drachen entzogen. Doch auch dort ist es vor dem Drachen nicht sicher, bis „Michael und seine Engel“ den „Drachen und seine Engel“ besiegen und aus dem Himmel werfen:

„Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt, und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen“ (Offenbarung 12,9).

Doch der Drache gibt nicht auf, er setzt sein todbringendes Treiben auf der Erde fort – mit schwerwiegenden Konsequenzen für die Nachkommen der Frau.

Die geballte Häufung von Namen für die widergöttliche Macht zeigt neben seiner Gefährlichkeit und Stärke insbesondere, dass diese Macht nicht mit einem Namen zu fassen ist: So vielgestaltig ist das Böse, dass es viele Bezeichnungen braucht, um es auch nur ansatzweise erfassen zu können. Satan ist der Verführer der Welt (Offenbarung 20,10), der mit ganz unterschiedlichen Strategien vor allem ein Ziel verfolgt, nämlich zum Kampf gegen Gott zu mobilisieren.

Von hier ist es nur noch ein kleiner Schritt hin zu einer Konzeption, die in Satan das widergöttliche Prinzip schlechthin verkörpert sieht. Ein solches dualistisches Denken setzt die Machtsphäre Satans allzu bald mit der Welt überhaupt in eins. Diese in den späten Schriften des Neuen Testaments niedergeschriebene Vorstellung, die die spätere Lehre vom Teufel wie keine andere beeinflusst hat, ist zwar von apokalyptischen Denkweisen geprägt, jedoch eindeutig in eine christliche, nachösterliche Vorstellungswelt einzureihen. Denn auch wenn Satan schließlich als der „Antichrist“, der Repräsentant des Bösen schlechthin erscheint, der alles Weltliche beherrscht, ist man sich trotzdem sicher: Selbst wenn der Satan mit noch so viel Gewalt zum Kampf gegen Christus aufruft, gewinnen kann er diesen letzten Kampf nicht: Sieger ist Christus.

Nach diesem Blick in die Apokalypse des Neuen Testaments stehen nun unausweichliche Fragen im Raum: Wie steht Jesus selbst zu der Macht des Bösen? Was sagen die Evangelien?

3. Jesus, der Teufel und das Geheimnis des Bösen

Die jüdisch-hebräische Gedankenwelt und die apokalyptische Überlieferung waren von großem Einfluss auf die neutestamentlichen Vorstellungen vom Bösen. Und diese Vorstellungen wiederum sind so vielschichtig, dass es keine einheitliche biblische „Lehre vom Bösen“ gibt. Man kann die Frage, was die Evangelien sagen, also nicht in einem Satz beantworten.

Die Schriften des Neuen Testaments entstanden über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten und spiegeln die Denkhintergründe und die Lebenskontexte der verschiedenen Verfasser wider – auch die Vorstellung vom Bösen betreffend. Während die vier Evangelien sich mit Leben und Sterben des Jesus von Nazaret auseinandersetzen, entwickeln die weiteren Schriften eine Theologie nach dem österlichen Ereignis, wie sie für die Verfasser in ihrer Lebens- und Glaubenssituation maßgeblich war.

Für das Böse gibt es im Neuen Testament zahlreiche Namen: Am häufigsten ist es der Satan (36-mal) oder der Teufel (34-mal), dazu begegnen Bezeichnungen wie „der Herrscher der Dämonen“, „der Versucher“ oder „der Fürst der Welt“. Bezeichnungen wie „Beelzebul“, „Beliar“ oder „Belial“ sind der heidnischen Götterwelt entlehnt. Später, im Volksglauben, kamen noch viele andere Namen hinzu, darunter zum Beispiel „Leibhaftiger“, „Höllenfürst“, „Gottseibeiuns“ oder „Gehörnter“.

Die ausgeprägteste Vorstellung der synoptischen Evangelien vom Teufel spiegelt sich in der Geschichte von der Versuchung Jesu wider (zum Beispiel Matthäusevangelium 4,1 – 11). Jesus hält sich nach dieser Erzählung vierzig Tage und Nächte fastend in der Wüste auf. Der Teufel sucht wiederholt Jesus zu provozieren, ihn zu „versuchen“, und er verbindet jede seiner Anfechtungen mit den Worten „Wenn du Gottes Sohn bist …“. Diese Szene erhält dadurch programmatische Bedeutung. Denn es geht darum, Jesus als wahren Sohn Gottes zu verkünden, er hat eine messianisch-göttliche Sendung, die zu erfüllen er gekommen ist. Es ist klar, wie die Versuchungsgeschichte ausgeht: Es misslingt dem Satan, Jesus, den Sohn Gottes, zu versuchen. Jesu unbedingtes Ja zu Gott, seinem Vater, und zum Willen Gottes wird in dieser Geschichte überdeutlich. Satan verkörpert das Gegenteil: das Nein.

Satan ist hier nicht als historisch-reale Macht oder Person zu sehen. Er steht vielmehr für eine zutiefst theologische Aussage über Jesus selbst. Die Evangelisten verorten die Versuchungsszene am Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu. Es wird also schon am Anfang der Evangelien klargemacht: Hier ist einer, der nicht wie Adam der Sünde zuneigt, sondern der als zweiter und neuer Adam einen guten Ausgang in der Bewährung vorlebt.

Auf den ersten Blick befremdlich wirkt die Szene, in der Jesus zu Petrus sagt:

„Weg mit dir, Satan! Geh mir aus den Augen!“ (Markusevangelium 8,33).

Nun heißt das keinesfalls, dass Jesus in Petrus die Verkörperung Satans gesehen hätte. Das würde dem jüdischen Denken Jesu gänzlich widersprechen. Was Jesus meint, wird deutlicher, wenn er gleich im Anschluss fortfährt:

„Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen“ (Markusevangelium 8,33).

Hintergrund der Szene ist, dass Petrus massive Vorwürfe an Jesus richtet, als dieser von seinem bevorstehenden Leidensweg spricht. Petrus will ihn vor der nahenden Katastrophe bewahren, doch für Jesus heißt dies: Petrus will ihn von diesem Ja, von der Erfüllung des Willens Gottes abhalten. Es ist also ganz ähnlich wie bei der Versuchungsgeschichte: Es geht letztlich um den Versuch, Jesus zu einem Nein zu seinem ihm vorgezeichneten Weg zu bringen – das ist die satanische Versuchung Jesu, die er in dieser Aussage eindrücklich in Worte fasst. Und dieser Versuchung vermag der Sohn Gottes zu widerstehen.

Ein weiteres Mal erwähnen die synoptischen Evangelien den Satan in dem Gleichnis vom Sämann (Markusevangelium 4,13 – 20). Jesus erzählt hier, dass ein Sämann seine Körner sät. Allerdings fällt jedoch nur ein Teil der Körner auf guten Boden, der andere Teil landet auf dem Weg, wo er nicht aufgehen kann, oder er wird von Vögeln gefressen oder von Dornen überwuchert, sodass daraus nichts mehr wachsen kann. Die Körner bedeuten in der Bildsprache Jesu das Wort – er selbst deutet das Gleichnis folgendermaßen:

„Der Sämann sät das Wort. Auf den Weg fällt das Wort bei denen, die es zwar hören, aber sofort kommt der Satan und nimmt das Wort weg, das in sie gesät wurde“ (Markusevangelium 4,14 f.).

Satan ist also für den Misserfolg des gesäten Wortes Gottes verantwortlich. Jesus drückt damit die allgegenwärtige und so alltägliche Bedrohung seiner Sendung aus. Und diese Bedrohung führt der Autor des Evangeliums auf den Teufel zurück.

Doch hier wird ebenso wenig etwas über den Teufel selbst ausgesagt wie in einer anderen Begebenheit aus dem Leben Jesu: das Streitgespräch über die jesuanischen Dämonenaustreibungen, auch genannt Beelzebulstreit (Markusevangelium 3,22 – 30). Jesu Vollmachtstaten werden von seiner unmittelbaren Umgebung keinesfalls ungeteilt stürmisch begrüßt, im Gegenteil: Die Evangelisten drücken die Ambivalenz der Heilungen und Wundertaten immer wieder aus, indem sie die Gegner sprechen lassen; hier mit den Worten des Evangelisten Markus:

„Er ist von Beelzebul besessen; mit Hilfe des Anführers der Dämonen treibt er die Dämonen aus“ (Markusevangelium 3,22).

Die Gegner Jesu, in diesem Fall die Schriftgelehrten, schreiben also die Wundertaten Jesu der Macht Satans zu. Jesus treibt Dämonen aus, er ist selbst exorzistisch tätig. Dass diese Exorzismen nicht wörtliche Beschreibungen eines historischen Vorgehens sind, darin ist sich die heutige Forschung weitgehend einig. Diese Exorzismen drücken vielmehr das Selbstverständnis Jesu aus: Er heilt nicht einfach nur wie ein wundertätiger Arzt, sondern seine Heilungen und Befreiungen sind zugleich Auseinandersetzungen mit der Macht des Bösen. In den jesuanischen Dämonenaustreibungen lässt sich die nahegekommene Gottesherrschaft zeichenhaft wahrnehmen; sein Verständnis, Sohn Gottes zu sein, findet hier erneut eine überdeutliche Aussage.

An den gegnerischen Angriffen im Evangelium wird aber auch sichtbar, dass ein Wundererweis eben nicht einfach so für sich spricht, er muss auch recht verstanden werden. Jesus selbst gibt ein weiteres Mal das richtige Verständnis seines Heilshandelns:

„Da rief er sie zu sich und belehrte sie in Form von Gleichnissen: Wie kann der Satan den Satan austreiben?“ (Markusevangelium 3,23).

Hauptaussage ist, dass überall da, wo die Macht des Bösen gebrochen wird, der Satan selbst keine Macht hat. Nicht das Böse kann das Böse besiegen, sondern nur das Gute. Es ist damit klar: Jesus steht nicht unter der Macht des Bösen; der Teufel bekämpft sich eben nicht selbst – andernfalls hätte sein Reich keinen Bestand. Das Böse hat keinen Heilssinn, in dem Sinne, dass es von Jesus benötigt wird, um Heil zu bewirken, sondern es existiert als Böses.9 Erneut sagt das Evangelium nichts über die Beschaffenheit des Teufels aus, sondern ordnet die Aussagen über das Böse in den Gesamtzusammenhang seiner Botschaft vom Sohn Gottes ein. Denn dass Jesus überhaupt Dämonen austreiben kann, erweist bereits den guten, d. h. göttlichen Ursprung seiner Vollmacht. Dem Ziel seiner Sendung entspricht auch das bekannte und vermutlich originale Jesus-Wort:

„Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen“ (Lukasevangelium 10,18).

Dieser Aufruf Jesu folgt im Evangelium auf den Bericht seiner Jünger, dass selbst die Dämonen ihnen Folge leisten würden, wenn sie nur den Namen Jesu aussprechen würden. Erneut wird also deutlich, in welchem Zusammenhang das Wirken Jesu und seiner Anhänger zu sehen ist. Mit ihrer Verkündigung ist die Gewalt des Bösen in der Welt grundsätzlich gebrochen, der Sieg über das Böse findet hier seinen Ausdruck. Satan ist gerade nicht mehr in der alttestamentlich-jüdischen Rolle, den Menschen vor Gott zu verklagen und Gewalt sogar über den Gerechten zu erbitten. Der Teufel ist aus dem Himmel herausgefallen, er ist nicht mehr an dem Ort der Machtfülle. Vielmehr sind dort nun die Jünger mit ihren Namen eingezeichnet (Lukasevangelium 10,20), das heißt, sie sind durch die Jesusnachfolge dorthin aufgerückt, wo zuvor der Satan war: in den himmlischen Bereich, vor Gott. Hier findet sich übrigens die alttestamentliche Charakterisierung des Teufels als Ankläger, als Dienstbote Gottes wieder. Und genau diesen Ankläger sieht Jesus „wie einen Blitz“ vom Himmel fallen. Satan ist aus der Nähe Gottes verbannt. Jesus drückt damit auch aus: Wer ihm nachfolgt, kann als Glaubender eine ganz besondere Heilserfahrung machen, er wird erfahren, dass Gott eindeutig der liebende Vater ist, der die Menschen rettet. Der Evangelist Lukas kommentiert also das Heilswirken dergestalt: Im Glauben ist das Böse entmachtet, denn es ist nicht mehr in der Sphäre Gottes, sondern endgültig besiegt.

Über die Teufelsgestalt als solche ist damit erneut nichts gesagt. Das Böse ist und bleibt ein Geheimnis. Auch wenn das Wort vom Satanssturz über die Entmachtung des Bösen spricht, so bleibt doch die Bosheit dieses Geheimnisses unverändert. Der jesuanische Sieg über das Böse bringt das Böse damit nicht zum Verschwinden. Die Glaubensgewissheit, dass bei Gott das Böse keinen Platz hat, verharmlost nicht das bleibend erfahrbare Böse und sein Geheimnis. Der Teufel ist in diesem christlichen Verständnis ein Geschöpf Gottes, aber er ist nicht mehr sein Dienstnehmer. Das Geheimnis des Bösen bleibt weiterhin in aller Schärfe bestehen. Darauf wird vor allem dann einzugehen sein, wenn die Frage nach einer zeitgenössischen Rede vom Bösen behandelt wird.

Der Teufel kann vor diesem Hintergrund auch nicht einfach als weltbildbedingte Mythologie „erklärt“ oder als bloße literarische Funktion beschrieben werden. Dazu sind die biblischen Vorstellungen zu prägend. Hinzu kommt, dass in der Theologie des vierten Evangeliums, des Johannesevangeliums, die Teufelsvorstellung einen stärkeren dualistischen Zug trägt und so den Befund noch vielschichtiger werden lässt. Hier erscheint der Teufel als „Fürst der Welt“ (Johannesevangelium 12,31), der seine Macht in der Welt durchgehend entfaltet. Doch auch wenn der Teufelsfigur eine größere Eigenständigkeit zugesprochen wird, ist immer klar, dass seine Macht, die er gegen Jesus und dessen Sendung richtet, durch ihn, den Sohn Gottes, bereits gebrochen ist. Aller nachfolgende Glaube der Christinnen und Christen ist sich gewiss: Die irdische Geschichte erscheint von Christus her als die Endzeit, in der die entscheidende Offenbarung stattgefunden hat. Das Böse hat keinen Platz bei Gott.

III. Hexen und Satansglaube – Der Teufel in der (Kirchen-)Geschichte

Die Karriere des Teufels beginnt also in frühester Zeit, lange bevor Jesus von Nazaret lebte. Der Teufel war bei Gott – als ein Engel. Wie dieser Engel böse geworden ist und was er danach zu seinem Lebensinhalt machte, wie er und sein Dämonenheer beschaffen war, das war und blieb viele Jahrhunderte zentrales Spekulationsobjekt zahlreicher Theologen.

Die Durchsicht der biblischen Schriften liefert die Erkenntnis, dass die Gestalt des Teufels im Laufe der Zeit mit einer übergroßen Bedeutungsvielfalt angereichert wurde – alleine die vielen Namen zeugen davon. Dieser Prozess ist theologisch nicht eindeutig zu beurteilen, allerdings muss klar sein, dass der Satan in der christlichen Tradition eine wichtige Rolle einnimmt. Die Teufelsfigur erhält schließlich immer klarere Konturen, immer eindeutigere Gestalt. Der Teufel ist in der christlichen Überlieferung ein wesentliches Element, wenn man das Böse und das Geheimnis, das das Böse umgibt, mit Worten umfassen will.10

Doch während die Theologie der Evangelien noch ganz klar formulierte: Jesus hat den Teufel besiegt, das ist Vorbedingung allen christlichen Handelns, entwickelte sich der Teufel später und quasi unter der Hand „zu einem Werkzeug der historischen Charakterisierung der bösen Feinde des Christentums“11, so Jürgen Bründl. Die Geschichte des Christentums zeigt immer wieder, dass die Christinnen und Christen in ihrem Kampf gegen den Teufel selbst teuflisch handelten.

1. Das frühe Christentum

Die abendländische Dämonologie, wie sie sich in der Folgezeit entwickelte, unterlag mehreren Einflüssen: den biblischen und außerbiblischen jüdisch-christlichen Traditionen ebenso wie der Kosmologie der griechischen und der römischen Philosophie. Der Teufelsglaube der ersten nachchristlichen Jahrhunderte konnte sich nicht losgelöst von dem Denken seiner Umwelt entfalten. Und diese Umwelt war erfüllt vom Glauben an die Realität und Wirksamkeit von Dämonen. Existenz und Wirkmacht böser Geister gehörten zu den Grundlagen des konkreten Lebensvollzugs; sie wurden in keiner Weise hinterfragt. Das junge Christentum musste sich in dem geistigen Umfeld der jüdischen und der heidnischen Umgebung behaupten.

a) Die Apostolischen Väter

So entwickelte sich bereits in den ersten Jahrhunderten etwas, das es bis dato nicht gab: eine eigene christliche Teufels- und Dämonenlehre. In zahlreichen Schriften wurden Glaubenssätze und -lehren formuliert, insbesondere von Schriftstellern, die den Aposteln nachfolgten und in der Theologiegeschichte Apostolische Väter genannt werden. Zu ihnen gehören zum Beispiel Clemens von Rom, Ignatius von Antiochien oder Polykarp von Smyrna.

Clemens, Bischof von Rom, der um das Jahr 95 n. Chr. schrieb, sah den Teufel als eigenständige Person, die mittels Versuchung und Zwietracht die Christenheit spalten will. Ignatius war Bischof von Antiochia und starb 107 n. Chr. als Märtyrer; für ihn war der Teufel der „Fürst dieser Welt“, dessen Macht durch die Menschwerdung Christi bereits ins Wanken geraten war. Mit dem zweiten Kommen des Messias würde er endgültig zerstört werden und eine neue Zeit werde aufbrechen. In diesem neuen Königreich würde für das Böse kein Platz mehr sein. Ignatius war sich sicher, dass der Teufel jeden einzelnen Christen persönlich bekämpft. Auch für ihn wirkte der Teufel in den zahlreichen Tendenzen, die die frühe Christenheit spalteten.

Das Denken dieser frühen christlichen Jahrhunderte war noch tief von apokalyptischen Spekulationen geprägt, doch stets wurde betont, dass im Kampf gegen den Teufel mit dem Sieg Christi bereits eine Entscheidung vorweggenommen worden sei. In der frühesten christlichen Dämonologie konnten sich die Christinnen und Christen sicher sein gegenüber den Angriffen des Satans, denn der Teufel habe nur bei denen Erfolg, die gottlos leben und um ihr Seelenheil unbekümmert seien. So heißt es im sogenannten Hirten des Hermas, einer um 140 n. Chr. entstandenen frühchristlichen Schrift, dass die Furcht vor dem Teufel für Gottesfürchtige inhaltslos sei:

„Den Teufel dagegen brauchst du nicht fürchten. Solange du nämlich den Herrn fürchtest, bist du dem Teufel überlegen, weil er keine Macht hat. Wer keine Macht hat, muss auch nicht gefürchtet werden.“12

b) Die Apologeten

Mitte des 2. Jahrhunderts entstanden mehr und mehr theologische Schriften, das heißt Schriften von analytischer und logischer Reflexion über die Offenbarung. Das Christentum, das sich gegen das rabbinische Denken und die griechische Philosophie behaupten musste, bedurfte einer intellektuell schlüssigen Grundlage. Man nennt die theologischen Autoren jener Zeit auch Apologeten, weil sie das Christentum gegen andere Denkweisen verteidigten und als Religion zu beweisen suchten, die nicht der Vernunft widerspreche. Es gab immer häufiger Streitigkeiten und Uneinigkeit in den christlichen Gemeinden. Zahlreiche theologische Fragen waren heftig umstritten. Die Grenzen zwischen Rechtgläubigkeit und Häresie waren oft nicht klar – und mussten nun gezogen und begründet werden. Sobald ein Streitpunkt gelöst war, waren auch die Vertreter der beiden Meinungen in Gruppen eingeteilt: in orthodox, also rechtgläubig (das waren die „Gewinner“), und häretisch, also nicht rechtgläubig (das waren die „Verlierer“ des Glaubensstreits).

Auch was den Teufel und die Lehre vom Bösen anging, gab es Auseinandersetzungen. Dualistische Strömungen unterschiedlicher Radikalität prallten auf die christlichen Vorstellungen ein. Die Hauptaussage der dualistischen Vertreter war, dass Gott mit dem Bösen nichts zu tun habe, weil das Böse einem übelwollenden, von Gott unabhängigen Prinzip entspringe; die Welt sei nicht die Schöpfung eines guten, sondern das Produkt eines bösen Schöpfers.13 Das Christentum grenzte sich von so einem radikalen Dualismus ab. In der Kosmologie der ersten christlichen Jahrhunderte wurde dem Teufel zwar eine gewisse Macht zugesprochen, doch diese wurde immer als von Christus beschränkt angesehen. Irenäus von Lyon (ca. 140 – 202), einer der christlichen Theologen, wies diese dualistische Weltanschauung strikt zurück. Er betonte in seinen Schriften (die übrigens programmatisch Adversus haereses, also „Gegen die Häretiker“ hießen), dass alles, auch die Engel, Teil des Kosmos seien, den Gott geschaffen habe. Und alles von Gott Geschaffene sei gut – auch der Teufel wurde daher gut geschaffen. Er sei also kein eigenständiges böses Prinzip, sondern der Teufel habe aus eigenem Willen gegen Gott gesündigt, was schließlich zu seinem Fall führte. Auch Irenäus betonte, dass mit der Menschwerdung Christi der Mensch gerettet sei. Doch der Teufel wolle dennoch weiterhin die Rettung vereiteln, indem er die Menschen zu Gottlosigkeit, Götzendienst, Blasphemie oder Häresie verleiten würde. Ungläubige und Häretiker seien Mitstreiter Satans, sie seien Soldaten in seinem Heer, sie kämpften mit ihm gegen Christus. Diese Lehre legte nahe, dass es eine christliche Pflicht sei, gegen Un- oder Falschgläubige in den Kampf zu ziehen. Gewalttätige Verfolgungen Andersdenkender konnten fortan sich auf solche Gedanken berufen.

Im Diskurs um das Böse und seine Begründung war ein weiterer Theologe recht einflussreich: Tertullian (ca. 170 – 220/230). Er schrieb als erster Theologe seine Schriften in lateinischer Sprache und begründete einen Großteil des lateinischen theologischen Vokabulars. Er betonte den moralischen Aspekt im Kampf gegen das Böse; ein unmoralisches Leben diente seiner Auffassung nach dem Satan, während ein geregeltes Moralleben Teil des Kampfes gegen den Teufel sei. Auf dieser Grundlage steht schließlich seine antidualistische Lehre. Das Böse könne kein von Gott losgelöstes, unabhängiges Prinzip sein, denn dies würde bedeuten, dass es zwei Götter geben müsse. Gott aber sei per definitionem ein allmächtiges Wesen. Und zwei allmächtige Götter könnten unmöglich existieren. Der eine Gott gewähre seinen Geschöpfen Freiheit, den Engeln ebenso wie den Menschen. Doch die Freiheit würde zu oft missbraucht, um Böses herbeizuführen. Satan war der wichtigste Engel – bis zu seinem Fall, den er alleine seiner freiheitlichen Entscheidung gegen Gott zu verdanken habe. Nun würde Satan die Menschen zu unmoralischen Taten, zu Sünden drängen; er wäre der Angreifer gegen das Gute. Gegen diese ständigen Angriffe hätten die Christinnen und Christen jedoch einen wirksamen Schutz: Jesus Christus.

Tertullian empfahl weitere Werkzeuge im Kampf gegen den Satan: Man solle den Namen Christi anrufen und sich bekreuzigen; vor allem aber die Taufe liefere den wirksamsten Schutz. Er schreibt:

„Denn dazu ist der Sohn Gottes geoffenbart worden, um die Werke des Teufels zu zerstören. Er hat sie auch zerstört, indem er den Menschen befreite durch die Taufe, nachdem die Handschrift des Todes getilgt ist.“14

Und so entwickelte sich im Laufe der Zeit ein standardisierter Taufritus, zu dem bald auch ein Exorzismus und die formelle Lossagung vom Teufel gehörten. Dazu später mehr. In diesem Zusammenhang ist wichtig, dass der Teufel eine reale Macht verkörperte, dass es aber unter bestimmten Voraussetzungen möglich war, auf der richtigen Seite zu stehen und im Heer Christi zu kämpfen.

Die frühen christlichen Theologen nahmen also zum Problem des Bösen Stellung, doch oft eher systemlos und ungeordnet. Einmütigkeit herrschte nur in folgenden Punkten: Alle betonten, dass Gott nicht der Urheber des Bösen sein könne, und alle waren sich darin einig, dass die Möglichkeit zur Sünde auf dem freien Willen basiere. Die Frage aber, warum Gott es zugelassen habe, dass die Freiheit so abgrundtief und zerstörerisch missbraucht werden kann, diese Frage würde die christliche Theologie noch viele Jahrhunderte beschäftigen.

Doch auch die Frage nach dem Woher des Bösen wurde immer drängender. Lactanz (ca. 250 – 320), ein aus Nordafrika stammender Theologe, war einer der Ersten, der sich dieser Frage philosophisch annahm. Kann von Gott Böses ausgehen? Dieser Frage näherte er sich mit Hilfe Epikurs, einem griechischen Philosophen aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., der gesagt hatte:

„Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht,

oder er kann es und will es nicht,

oder er will es nicht und kann es nicht,

oder er will es und kann es.

Wenn Gott es will und nicht kann, ist er schwach und nicht allmächtig;

wenn er es kann und nicht will, widerspricht das seiner Güte;

wenn er es nicht kann und nicht will, ist er kein Gott;

wenn er es aber will und kann – warum beseitigt er dann die Übel nicht?“15

Lactanz – ganz apologetisch gesinnt – versuchte zu beweisen, dass Gott eben nicht bösartig oder schwach oder apathisch sei. Vielmehr könnte Gott das Böse beseitigen, doch er will es nicht, und zwar aus folgendem Grund: Der Mensch könne Gott nur erkennen, wenn er vorher das Böse erfahren habe. Ohne Kenntnis des Bösen wäre der Mensch zum Guten gar nicht fähig. Anders ausgedrückt: Niemand weiß, was gut ist, wenn man nicht auch weiß, was böse ist. Wenn es das Böse nicht mehr gäbe, wäre auch das Gute hinfällig. Das Böse sei also logisch notwendig. Denn eine Welt ohne Übel sei eine Welt ohne Alternativen. Und das würde bedeuten, dass Gott das Böse gewollt habe.

Doch vor der letzten Konsequenz dieses Denkens schreckte Lactanz zurück, denn es hieße auch, dass das Böse von Gott ausgeht. Und an diesem Punkt flüchtete er sich in ein – zu seiner Zeit durchaus übliches – dualistisches Denken. Er sagt nämlich, dass Gott vor der Welt zwei ursprünglich gute Geistwesen geschaffen hätte, wobei der eine böse wurde. Diese beiden Geistwesen seien der Ursprung von gut und böse. Im guten Geistwesen sah Lactanz den Sohn Gottes, im bösen den Teufel am Werk. Die beiden Zwillingsengel – Christus und Satan – stehen für einen dualistischen Umgang mit dem Bösen, der für die junge Kirche auf Dauer nicht ungefährlich und für die christliche Tradition deswegen nicht weiter tolerierbar war.

Der Kampf gegen dualistische Denkweisen hielt noch lange an, denn der Zulauf zu solchen Strömungen war groß. Eine der bekanntesten dualistischen Religionen war der Manichäismus. Er ging weit über das hinaus, was christlich zu vertreten war – war aber auf das Christentum von großem Einfluss. Sein Stifter Mani (216 – 276/7) stammte aus einem persischen Adelsgeschlecht und verkündete in einer südbabylonischen Sekte eine neue Religion. Kaufleute verbreiteten seine Ideen über weite Strecken der damaligen Handelsrouten. Der Manichäismus ist eine synkretistische Religion, d. h. er vereinigt Elemente aus verschiedenen Religionen zu einem neuen Ganzen, darunter babylonische, iranische, buddhistische, jüdische und auch christliche Gedanken. Mani vertrat die Lehre von zwei Prinzipien: dem Geist des Lichtes und dem Geist der Finsternis. Diese beiden Prinzipien treten in Gestalt Gottes und Satans auf. Das Reich Gottes besteht aus Harmonie, Licht, Kraft und Weisheit, das Reich des Satans ist chaotisch, laut und ungeordnet. Doch nicht nur im Kosmos, auch im Menschen selbst sind diese beiden Prinzipien vertreten, und zwar in Gestalt einer Lichtseele und einer Leibseele. Der Mensch ist Schauplatz des Kampfes zwischen Gut und Böse.

Das manichäische Denken ist ungemein vielschichtig, in unserem Zusammenhang ist vor allem wichtig, dass es versuchte, Gott von der Verantwortung für das Böse zu befreien. Doch auch wenn der Dualismus zweier entgegengesetzter Prinzipien im Grunde unchristlich ist, so übte er dennoch eine große Anziehungskraft auch im Christentum aus. Er verschärfte die Spannung zwischen Seele und Körper;16 er verfestigte das Denken, dass die Materie, die Welt, das „Fleisch“ unter der Herrschaft des Teufels seien.

Dieser Kampf zwischen Seele und Körper war zu einem wichtigen Thema im christlichen Denken geworden. Er beherrschte das Leben zahlreicher Asketen und Mönche, die den Körper und seine Begierden abtöten wollten, um die Seele rein zu erhalten. Die Kämpfe, die die Mönche in der Wüste mit dem Teufel auszustehen hatten, gehören zum bilderreichen Geschichtenschatz der ersten christlichen Jahrhunderte. Am bekanntesten sind wohl die Bilder, die den heiligen Antonius († 356) zeigen, umringt von Dämonen und Teufeln. Athanasius, Bischof von Alexandria, verfasste um 360 eine Heiligenvita über Antonius, in der er die Anfechtungen des Teufels detailgenau und farbenprächtig beschrieb – und dadurch Maßstäbe für die Ikonografie und die Vorstellung vom Teufel setzte:

„Seine Augen sind wie des Frührots Wimpern. Aus seinem Maul fahren brennende Fackeln, feurige Funken schießen hervor. Rauch dampft aus seinen Nüstern wie aus kochendem, heißem Topf. Sein Atem entflammt glühende Kohlen, eine Flamme schlägt aus seinem Maul hervor.“17

Die Mönche dieser Zeit sahen sich den Angriffen der Dämonen aber nicht wehrlos gegenüber. Das Kreuzzeichen und Jesu Namen waren Mittel, den Teufel abzuwehren. Auch ihr radikal asketisches Leben, Fasten und Nachtwachen ebenso wie Teufelsaustreibungen oder andere Methoden wie Anblasen oder Anzischen waren Waffen im Kampf gegen den Satan. Die Mönche suchten dauerhaft ihre Urteilskraft zu schärfen, um unterscheiden zu können, ob ein bestimmter Impuls von Gott oder vom Teufel stamme. Auch deshalb wurden sie zu Magneten ihrer Umwelt, viele Menschen kamen, um sie um Rat zu fragen.

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