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Ute Dombrowski

Verlorene Fassung

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

Verlorene Fassung

Ute Dombrowski

1. Auflage 2022

Copyright © 2022 Ute Dombrowski

Umschlag: Ute Dombrowski mit www.canva.com

Lektorat/Korrektorat: Julia Dillenberger-Ochs

Satz: Ute Dombrowski

Verlag: Ute Dombrowski Niedertiefenbach

Druck: epubli

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors und Selbstverlegers unzulässig.

Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

„Es ist mehr Würde in großmütiger Vergebung als in Rache.“

William Shakespeare, Der Sturm,5. Akt, 1. Szene / Prospero

Susanne hob den flachen Kieselstein auf und ließ ihn über die sanften Wellen des Rheins flippen, dann setzte sie sich auf die Bank. Die Maisonne streichelte ihre Haut und sie fühlte die Kraft des Frühlings. Sie streckte die Beine aus und schloss die Augen.

Seit Susanne vor fast einem halben Jahr hierher versetzt worden war, hatte sie sich immer besser gefühlt. Sie war angekommen, auch wenn das Schicksal direkt zu Beginn ihres Lebens in Eltville nochmal grausam zugeschlagen hatte: Karin, ihre erste Bekannte an diesem Ort, die dann ihre Vermieterin und Freundin geworden war, war tot. Ermordet. Es war eine schwere Zeit, doch sie hatten den Täter überführt. Lia, Karins Freundin und das eigentliche Opfer des Arztes, war im März zu ihrer Schwester nach Italien gezogen und Susanne fühlte sich seitdem recht einsam.

Sie ging jetzt regelmäßig zum Training und Marcel, der Meister der Kampfkünste, hatte sie auf ihrem Weg aus der Wut begleitet. Sie hatte ihn noch immer nicht von den Beinen geholt, wenn sie miteinander kämpften, aber das machte Susanne nicht mehr verrückt.

So, wie er es prophezeit hatte, war sie ruhiger geworden und konnte ihre Wut auf sich endlich begreifen. Marcel hatte sie zu sich selbst geführt, besser, als jeder Psychologe es gekonnt hätte. Auch Ferdinand hatte sie schon gelobt, wenn sie statt mit überschießender Energie mit Ruhe und Gelassenheit an einen Fall herangegangen war. Robin hatte genickt, wenn sie vom Training erzählte.

„Ich wusste es. Du bist ganz anders, wenn du nicht wütend bist. Und ich wusste, dass du dir verzeihen kannst.“

Ja, sie hatte sich verziehen. Die Strafversetzung konnte und wollte sie nicht rückgängig machen, doch sie litt nicht mehr darunter und sie konnte mit Abstand an die Sache in Potsdam denken.

Nur mit einem hatte sie nach wie vor keine Berührungspunkte: Eric war abweisend, kühl und arrogant. Manchmal erwischte sie sich zwar dabei, wie sie an den Kuss dachte, der so viel Sehnsucht ausgelöst hatte, aber dann wischte sie den Gedanken rasch weg, denn das Gespenst Bianca würde immer zwischen ihnen stehen.

Gestern hatte sich nach langer Funkstille ihr Exfreund Phillip gemeldet, der sich sofort nach ihrer Abreise mit anderen Frauen getröstet hatte. Er berichtete bei seinem Anruf von einer neuen Kunstausstellung, denn er war sehr kreativ und fleißig gewesen.

„Ich habe neue Energien in mir gespürt! Als du weg warst, hat es mich wieder in den Fingern gejuckt und nun habe ich eine Ausstellung in Wiesbaden, also ganz in deiner Nähe. Dann werde ich endlich eine Gelegenheit haben, dich wiederzusehen.“

„Ah ja“, hatte Susanne nur gesagt.

„Ich vermisse dich immer noch wahnsinnig. Vielleicht gibt es einen Neuanfang für uns. Jetzt kann ich mir auch vorstellen zu pendeln. Deine Mutter würde das sehr freuen.“

Na prima, dachte Susanne, da kann ich doch gar nicht nein sagen, wenn ich meiner Mutter eine Freude machen kann mit einer aufgewärmten Beziehung. Früher hätte sie ihn angeschrien und getobt, heute fühlte sie sich überlegen und besonnen.

„Ich muss viel arbeiten und weiß nicht, ob ich Zeit habe. Wir können ja nochmal telefonieren. Mach‘s gut.“

Phillip war damals anscheinend so überrascht gewesen, als sie ihn nicht beschimpfte, dass er nicht einmal nachhakte und sich ebenfalls brav verabschiedete.

Sie lächelte, stand auf und ging dann in Richtung Altstadt. Heute war seit drei Wochen ihr erster freier Tag. Sie hatten einige Fälle gehabt, die viel Zeit in Anspruch genommen hatten, aber nun war es ruhig und die Verbrecher wollten ihr wohl nicht den Frühling vermiesen. Sie schlenderte durch die Altstadt, kaufte sich ein Eis und grüßte den einen oder anderen, denn sie hatte die Leute in ihrer Nachbarschaft bereits kennengelernt. Nicht, dass sie enge Kontakte ge­knüpft hatte, nein, das wollte sie nicht. Es war einfach ein freundliches Miteinander.

Susanne lenkte ihre Schritte zurück zum Rheinufer, um noch eine Weile in der Sonne zu sitzen. Ihr Telefon klingelte und sie schnaufte, als sie sah, dass es ihre Mutter war. Am liebsten wäre sie nicht dran gegangen, doch ihre Mutter würde es hartnäckig immer weiter versuchen.

„Hallo Mama“, sagte sie freundlich. „Was gibt es denn?“

„Ich hoffe, du gehst mit Phillip vernünftig um und fauchst ihn nicht wieder an, wenn ihr euch trefft.“

Susanne war nicht mehr erschüttert, dass ihre Mutter nicht einmal eine Begrüßung für sie erübrigen konnte, nein, sie kannte das bereits und ließ es an sich abprallen.

Ihre Mutter redete ununterbrochen weiter, wie stolz sie auf Phillip war. Susanne hörte geduldig zu, aber als sie nun auch noch stolz sein sollte, erklärte sie mit ruhiger Stimme, dass sie ja nicht wüsste, was Phillip geschaffen hatte, also müsste sie sich die Kunstwerke erst ansehen.

„Es ist traumhaft, Farben und Formen, die förmlich explodieren.“

Susanne wollte etwas erwidern, kam aber nicht zu Wort.

„Aber du hast dich ja nie für seine Kunst interessiert. Es war dir nicht gut genug. Du hast solch einen Mann gar nicht verdient, aber er möchte dich unbedingt zurückerobern.“

„Mama, ich bin auf der Arbeit angekommen und muss auflegen.“

Nachdem sie das Handy in die Hosentasche geschoben hatte, atmete sie mehrmals tief durch. Sie wollte sich den Tag nicht verderben lassen, doch wie immer tat es weh, dass sie ihrer Mutter nichts rechtmachen konnte. Sie hatte immer gehofft, diese Frau würde einmal für sie eintreten, aber diese Hoffnung musste sie schon vor langer Zeit aufgeben.

Ein Schiff fuhr langsam stromaufwärts. Susanne sah ihm hinterher und freute sich, als jemand winkte.

„Das ist aber nett“, flüsterte sie.

In ihrer Hosentasche vibrierte es. Wer konnte das sein? Mutter? Phillip? Die Neugier siegte und sie war froh, als sie Robins Nummer sah.

„Hallo Susanne, ich weiß, du hast frei, aber vielleicht interessiert es dich, dass wir eine Leiche haben.“

„Ach du je! Wo denn?“

„In den Weinbergen. Ich bin eben losgefahren. Magst du mitkommen?“

Einen freien Tag gegen eine Leiche eintauschen? Eigentlich wollte sie gar nichts tun, aber Robin zu einem Tatort zu begleiten war schon etwas Besonderes. Und morgen würde sie sich sowieso damit beschäftigen müssen. Sie seufzte.

„Ich bin am Rheinufer, kannst du mich abholen?“

„Ja, komm zum Anleger, dann sammle ich dich ein.“

Eine Viertelstunde später saß Susanne neben Robin im Auto. Er entschuldigte sich nochmals, dass er sie angerufen hatte.

„Ach, das macht nichts. Ich wollte mich zwar ausruhen, aber eine Leiche toppt alles. Weißt du Näheres?“

„Nein, nur, dass es ein männlicher Toter sein soll. Er liegt bei einer Schutzhütte. Die Spusi ist bereits dort.“

Robin grinste.

„Ferdinand meinte, ich soll dich anrufen und fragen, ob du mitkommen möchtest.“

„Aha, ihr denkt also, ich bin so eine, die nur die Arbeit im Kopf hat. Dabei gibt es andere interessante Dinge in meinem Leben.“

„Zum Beispiel?“

Susanne lachte.

„Erwischt. Gut, ich gebe zu, es gibt nichts Spannenderes als eine Leiche.“

„Du musst dich mal verlieben, damit du auch wieder an etwas anderes denken kannst.“

„Verlieben? Nein danke.“

Susanne erzählte Robin, was Phillip und ihre Mutter gesagt hatten und schüttelte nochmal den Kopf.

„Nein, ein Mann ist das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann. Mir ist heute schon schlecht, wenn ich an Phillips bevorstehenden Besuch denke. Der will mich zurückerobern.“

„Und das wäre so schlecht?“

„Ja, das wäre übel. Ein Egoist, Angeber, arroganter Fatzke und Mutters Liebling, der sich in den letzten Wochen und Monaten mit diversen jungen Mädchen vergnügt hat. Die eine hat er zu meiner Mutter mitgenommen und sie fand sie süß und hübsch. Nein danke, auf solch einen Mann kann ich verzichten.“

„Naja, vielleicht findet sich hier ein netter Junggeselle, mit dem du anbandeln kannst.“

Susanne winkte ab, als sie am Fundort der Leiche angekommen waren.

2

Der Tote lag halb auf dem Rücken und der Fotograf machte Fotos aus allen Perspektiven. Einen Moment später nickte er und packte zusammen. Eben hielt Herrmann Pfriehl, der Gerichtsmediziner, neben ihnen und stieg aus. Sie sahen, wie Dr. Merten Hacke aus dem Hintergrund trat und theatralisch mit der Arbeit begann.

„Der gönnt sich mal wieder einen ganz großen Auftritt“, flüsterte Susanne.

„Tja, ein Blender und menschlich noch nicht ausgereift, aber ich glaube, in seinem Job ist er gut“, erwiderte Herrmann lachend.

„Warum kommst du denn jetzt erst? Bist du nicht immer der Erste am Tatort?“

„Eigentlich schon, Robin, doch ich stand tatsächlich im Stau. Das Müllauto hat alles blockiert und ich musste erst aussteigen und diskutieren. Aber ich muss ja niemanden mehr retten, meine Kunden können auch ein bisschen Verspätung verkraften.“

Sie gingen hinüber zur Leiche des Mannes und Dr. Hacke nickte ihnen erhaben zu.

„Zertrampeln Sie mir nicht die Spuren, Mädchen!“, bellte er Susanne an, die das Tuch anhob, das über die Leiche gebreitet worden war.

„Keine Angst, Jungchen“, konterte die Kommissarin, „ich schwebe förmlich herbei wie eine Elfe.“

„Ich verbitte mir diesen Ton!“

„Und ich erst. Komm Herrmann, erzähl uns was.“

Dr. Hacke trat zur Seite und kramte in einem Koffer, während Herrmann sich zu Susanne hockte. Robin schaute sich die Schutzhütte an.

„Es sieht so aus, als wäre er dort auf die Mauer gestürzt. Entweder war es ein Unfall oder jemand hat ihn gestoßen. Näheres kann ich euch nach der Obduktion sagen.“

„Er ist groß und kräftig, also braucht man schon Kraft, den umzuschubsen.“

„Da stimme ich dir zu, doch mit der nötigen Wut geht das, auch wenn man nicht so stark ist.“

Susanne schluckte, denn sie wusste das aus eigener Erfahrung. Der Mann, den sie im Potsdamer Hinterhof verprügelt hatte, war auch viel größer und bulliger als sie gewesen, noch dazu bewaffnet. Aber Wut und Angst hatten ihr übermenschliche Kräfte verliehen.

Herrmann zog das Tuch ganz herunter und zischte einmal kurz zwischen seinen Zähnen. Auch Susanne stockte. Die Hose des Mannes stand offen und man konnte ahnen, was er vorgehabt hatte.

„Ein Stelldichein?“

„Herrmann, sowas sagt man heutzutage nicht mehr.“

„Was denn dann?“

„Ein Date.“

„Aha. Wann hattest du dein letztes Date?“

Susanne winkte lachend ab. Ein richtiges Date hatte sie zuletzt mit Phillip gehabt, aber daran mochte sie nicht denken.

„Vielleicht wollte sie nicht so, wie er wollte und dann hat sie ihn von sich gestoßen. Es soll ja Frauen geben, die eher auf eine Beziehung aus sind.“

„Dr. Hacke, haben Sie schon eine Brieftasche oder so etwas gefunden?“

„Nein, ich habe ihn noch nicht angefasst.“

Herrmann durchsuchte sein Jackett und holte eine dicke braune Brieftasche heraus. Er roch daran.

„Das ist echtes Leder, ein teures Stück.“

Er öffnete sie und sah einen dicken Stapel Geldscheine, dazu mehrere Kreditkarten. Also war es kein Raub.

„Na prima“, sagte Robin, der zu ihnen getreten war, „das hätte es einfacher gemacht. Wer ist er?“

Herrmann holte den Ausweis hervor und las: „Fabian Tschötz. Wohnt in Eltville. Schau selbst!“

Robin sah den Ausweis an und erklärte, dass sie jetzt zu der Adresse fahren würden, während Susanne aufstand und ihm zum Auto folgte. Sie sahen sich über das Dach hinweg an.

„Was ist, wenn er Frau und Kinder hat?“

„Das sehen wir dann. Ich hoffe, er ist ledig. Hast du die offene Hose gesehen?“

„Ja, denkst du, er trifft sich mit seiner Ehefrau zum Vögeln in den Weinbergen?“

„Eher nicht“, sagte Robin, „darum hoffe ich auch, dass er nur pinkeln wollte und dabei gestolpert ist.“

„Du bist ein hoffnungsloser Romantiker.“

„Na einer muss es ja sein.“

Susanne verdrehte die Augen und stieg ein. Als Robin sich neben sie auf den Beifahrersitz fallen ließ, sah er seine Kollegin düster an.

„Mal im Ernst: Ich hasse es, Todesnachrichten zu überbringen, aber wenn Kinder davon betroffen sind, ist es doppelt so schlimm.“

„Da wird mir auch immer ganz mulmig.“

Sie parkten vor einem großzügigen Einfamilienhaus und sahen einen gepflegten Garten mit unzählbar vielen Tulpen, die in allen Farben strahlten. Hier hatte jemand ein Händchen für die Natur. Vor der Haustür stand ein pinkfarbenes Mädchenfahrrad und Susanne hatte sofort einen Kloß im Hals. Die Sonne schien wie zum Hohn, als sie klingelten.

Eine Frau Anfang dreißig öffnete die Tür und lächelte. Sie war trotz altmodischer Kittelschürze über dem eleganten Kleid umwerfend schön.

„Ja bitte?“

„Frau Tschötz?“

„Ja. Wer sind Sie und wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ich bin Robin Hinschler, das ist meine Kollegin Susanne Wescham, wir sind von der Kriminalpolizei. Dürfen wir reinkommen?“

Die Frau hatte die Augen aufgerissen und zeigte mit einer fahrigen Bewegung ins Innere des Hauses. Susanne entdeckte die große Wohnküche und ging voran.

Mandy Tschötz zog die Schürze aus und bot den beiden einen Platz an. Sie setzten sich und Susanne beobachtete, wie ihr Gegenüber die Hände knetete, bis die Knöchel weiß hervortraten.

„Ist meinem Mann etwas zugestoßen? Hatte er einen Unfall?“

Robin fragte: „Heißt Ihr Mann Fabian?“

Die Frau nickte.

„Ich bin Mandy.“

„Haben Sie ein Foto von ihm?“

Sie nickte abermals und nahm mit zitternden Händen ihr Handy vom Tisch. Dann zeigte sie den Kommissaren ein Bild des Mannes, der tot in den Weinbergen gelegen hatte.

„Frau Tschötz, wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass wir Ihren Mann heute Morgen tot aufgefunden haben. Es tut uns sehr leid.“

Ein Schauer lief Susanne über den Rücken, als Mandy Tschötz den Kopf auf ihre Hände legte und still weinte. Ihre Schultern bebten heftig.

Susanne berührte sie sanft, da richtete sich Mandy wieder auf und wischte die Tränen ab.

„War es ein Unfall?“

„Das wissen wir noch nicht.“

„Wie ist er gestorben?“

„Durch einen Sturz.“

„Also kann es ein Unfall gewesen sein?“

„Wann haben Sie Ihren Mann zuletzt gesehen?“

„Gestern Abend um sieben. Er wollte nochmal in die Praxis und heute früh war er wohl schon weg.“

Susanne und Robin sahen sich an.

„Was ist das für eine Praxis?“

„Fabian ist … war Schönheitschirurg.“

Aha, dachte Susanne, daher der Luxus um sie herum. Sie hatte sich umgesehen und das Innere dieser Küche bewundert, die mit allem ausgestattet war, was sich eine Hausfrau nur wünschen konnte, aber sie würde diesen Raum niemals gegen ihre kleine Küche eintauschen, die Wärme und Geborgenheit vereinte.

„Was machen Sie beruflich?“

„Ich kümmere mich um den Haushalt und die Kinder. Nebenbei gebe ich Yoga-Kurse.“

Susanne schluckte.

„Kinder?“

„Wir haben drei zauberhafte Mädchen. Es ist Samstag, die beiden Großen sind bei Freundinnen, die Kleine ist in ihrem Zimmer. Julia ist sechzehn, Jeannine fünfzehn und Jana zwölf. Oh mein Gott, wie soll ich ihnen erklären, dass ihr Vater tot ist?“

„Haben Sie eine Freundin oder Familie, die Sie unterstützen können? Sie brauchen sowieso jemanden, denn Sie müssen Ihren Mann identifizieren.“

Mandy begann wieder zu zittern, aber sie nickte trotz allem sehr gefasst.

„Ich rufe eine Freundin an, die kann kommen.“

Mandy telefonierte und als die Freundin eingetroffen war, informierte sie Susanne kurz und folgte ihnen zum Auto.

3

Jewgeni Sabritschek öffnete die Augen und blinzelte in das Licht. Er war durstig und fühlte sich merkwürdig. Neben ihm piepte etwas eindringlich. Aus dem Nebel erschien ein Gesicht vor ihm, das freundlich auf ihn herabsah.

„Ich bin Dr. Benger, Herr Sabritschek, Sie hatten einen kleinen Herzinfarkt.“

Jewgeni riss die Augen auf.

„Bin ich im Krankenhaus?“

„Im Gefängniskrankenhaus.“

„Aber … aber … was ist denn passiert?“

„Sie waren auf dem Hof und sind umgekippt. Wir haben Sie drei Tage auf der Intensivstation betreut, aber es gibt eine gute Nachricht: Sie werden bald wieder gesund. Sie bleiben noch eine Weile hier, schonen sich und machen eine Reha. Die Schwester bringt Ihnen gleich etwas zu trinken und ein wenig Schonkost.“

Der Arzt verabschiedete sich und ließ Jewgeni mit seinen Gedanken allein. Er starrte an die Decke. Dass ihm jede Erinnerung an den Herzinfarkt fehlte, störte ihn nicht. Schon ein paar Mal hatte es in seiner Brust gezwickt, aber er hatte sich geschüttelt und gut war es. Schließlich war er ein Mann wie ein Baum und niemals krank gewesen.

Jetzt fiel ihm ein, dass auch sein Vater an einem Herzinfarkt gestorben war, als er noch ein Teenager war. Jewgenis Leben danach hatte sich stark verändert. Er hatte sich nichts mehr sagen lassen, weder von seiner Mutter noch von Lehrern oder sonst irgendjemandem. Seine Freunde hatten Respekt und benahmen sich ihm gegenüber eher wie Untergebene. So war er dann auf die schiefe Bahn geraten.

Im Bett neben ihm raschelte es, sodass er erschrak und hinübersah. Den Bettnachbarn hatte er noch gar nicht wahrgenommen. Ein Kopf mit einer Frisur wie ein Vogelnest nach einem Orkan erhob sich aus dem Kissen, dann hustete der Mann und fuhr das Kopfende seines Bettes hoch. Er grinste, wobei Jewgeni sah, dass dem Mann ein Schneidezahn fehlte.

„Du lebst ja wirklich noch!“, rief er erstaunt. „Ich dachte, du bist tot. Habe gehört, du hattest einen Herzinfarkt. Hast wohl zu viel geraucht?“

„Halt die Fresse“, brummte Jewgeni und drehte sich zum Fenster um.

Er wollte nicht reden, schon gar nicht mit solch einem asozialen Penner. Aber der Mann mit den wirren Haaren sprach einfach weiter.

„Die haben gesagt, du brauchst Ruhe und ich soll auf dich aufpassen. Mann, ich dachte echt, du kratzt hier ab. Aber keine Angst, Leo passt auf dich auf.“

Jewgeni reagierte nicht und schloss die Augen.

„Ich bin schon das achte Mal im Krankenhaus.“

Leo erwartete wohl, dass Jewgeni antwortete, aber der reagierte nicht.

„Bist wohl so ein Schweiger? Na egal, also ich habe immer Ärger im Knast mit den anderen. Die sagen, ich bin ihr Opfer Nummer eins. Eigentlich lustig, aber ich kriege ständig eins aufs Maul. Dieses Mal haben sie mir den Arm angebrochen und eine Rippe ist auch angeknackst.“

Jewgeni hatte große Lust, dem Bettnachbarn noch viel Schlimmeres anzutun, als ihm einfiel, dass er diesen Leo vielleicht noch brauchen könnte.

Jetzt betrat eine Krankenschwester mittleren Alters das Zimmer.

„Mittagessen, die Herren“, bellte sie unfreundlich.

„Kann ich ein Einzelzimmer bekommen?“, fragte Jewgeni.

„Ja, klar, wir sind ein Luxushotel und erfüllen gerne die Wünsche unserer Gäste. Was denken Sie sich denn? Wir sind voll belegt und Sie haben Glück, dass es nur Leo ist.“

„Ja, Schwester Regina, ich bin Stammkunde und ein guter Mann.“

Leo schob sich das Tablett mit dem Essen zurecht und nahm die Gabel in die Faust. In Windeseile verschwanden Bratwurst, Sauerkraut und Kartoffelbrei in seinem Mund. Jewgeni sah angewidert weg.

„Was ist das?“, fragte er, als Regina den Deckel von seinem Tablett hob und ein großes Glas Wasser eingoss.

„Vollkornreis mit Hähnchen und viel Gemüse. Das ist die Schonkost.“

Jewgeni schob mit der Gabel das winzige Stück Fleisch über den Teller und rührte den Reis in das Gemüse.

„So ein Fraß! Wer soll denn davon satt werden?“

„Sie sollen nicht satt werden, sondern gesund. Wir müssen noch ein paar Kilo runterkriegen, darum gibt es nichts Fettes. Guten Appetit.“

Schwester Regina drückte ihm das Glas Wasser in die Hand und verließ das Zimmer. Im Nachbarbett kratzte Leo die Reste des Essens mit einem Teelöffel vom Teller und machte sich genauso schnell über den Schokopudding her. Dann sah er zu Jewgeni hinüber und seufzte.

„Soll ich dir aus der Cafeteria etwas Richtiges besorgen?“

Jewgeni sah Leos verschlagenen Blick und kniff die Augen zusammen. Er massierte sich die Brust und überlegte, ob er sich darauf einlassen konnte. Er fühlte sich nicht krank, nur schlapp und müde. Dann schaute er auf seinen Teller und nickte.

„Hol mir ein Salamibrötchen!“

Mühsam schnaufend richtete sich Leo auf und lachte.

„Ey, du kannst hier nicht einfach rumlaufen, ich darf aber später mit einem Pfleger rausgehen. Dann besorge ich dir was zu essen. Versprochen. Das ist nicht nur ein Krankenhaus, sondern auch ein Knast.“

Jewgeni nickte und schaufelte widerwillig sein Essen in sich hinein. Danach drehte er sich wieder zum Fenster um und Leo begriff, dass sein Bettnachbar Ruhe wollte.

Eine Stunde später holte der Pfleger Leo zu einem Spaziergang ab. Sie liefen auf dem Flur hin und her, und Leo quengelte so lange, bis der Pfleger mit ihm in die Cafeteria ging. Dort saßen manchmal Patienten mit ihrem Besuch. Es gab Kaffee, belegte Brötchen und Süßigkeiten. Leo bot dem Pfleger eine Tasse Kaffee an, der lehnte ab. Er sah, wie Leo Kaffee, zwei Brötchen und Schokolade kaufte. Danach riss er mehrere Servietten aus dem Körbchen neben der Kasse.

„Ja was?“, fuhr er die Kassiererin an. „Ich will das nachher essen. Der trockene Kuchen hängt mir zum Halse raus.“

Er packte die Brötchen ein und trug sie zum Tisch, während der Pfleger die Tasse mit dem Kaffee balancierte. Sie setzten sich und schwiegen. Leo schlürfte laut, dann sah der Pfleger auf die Uhr.

„Austrinken, die Zeit ist rum.“

Leo grinste, bedankte sich für den Ausflug und wurde wieder in sein Zimmer geführt. Alle Türen, die auf dem Weg lagen, waren abgeschlossen, der Pfleger hatte einen Schlüsselbund an einer Kette, den er fest in seiner Faust hielt.

„Ist hier schon mal einer abgehauen?“

„Nein.“

„Und wenn einer abhauen würde?“

„Die Leute sind krank und nicht blöd. Jetzt rein!“

Er schob Leo durch die Tür und schloss ab. Leo strahlte, als er Jewgeni die Brötchen überreichte. Der aß mit großem Appetit, obwohl die Brötchen schon ein wenig trocken waren und das Salatblatt schlaff auf seiner Zunge lag.

„Regina darf davon nichts wissen, sonst kriegen wir Ärger.“

Jewgeni nickte. Dieser Idiot würde ihm noch viele Dienste leisten. Er wollte sich also mit ihm gutstellen.

„Ich bin Jewgeni“, sagte er.

„Ich bin Leo.“

Sie schüttelten sich die Hände, danach ließ Leo die Servietten verschwinden und legte sich wieder in sein Bett. Er grinste in sich hinein, denn auch er sah in der Verbindung mit Jewgeni nur Vorteile. Einen solchen Freund zu haben war nützlich. Mit einem wie Jewgeni war er unantastbar.

4

Susanne saß regungslos am Fenster im Büro und starrte hinaus. Weit und breit war alles grau, denn in der Nacht hatte Regen eingesetzt. Die Luft hatte wie frisch gereinigt geduftet, als sie heute früh zur Arbeit gelaufen war. Sie hatte nicht gut geschlafen, denn die Sorge um Mandy und die Mädchen ließ sie nicht los. Also war sie aufgestanden und hatte sich ohne Frühstück auf den Weg ins Büro gemacht.

Sie konnten gestern nicht mehr mit der Frau reden, denn sie war beim Anblick ihres toten Mannes auf dem Tisch in der Gerichtsmedizin einfach umgefallen. Robin hatte den Rettungswagen alarmiert und Susanne hatte Mandys Freundin angerufen, damit sie sich weiter um die Mädchen kümmerte.

Sie zuckte zusammen, als die Tür aufging.

„Guten Morgen, Frau Wescham“, sagte Eric.

Susanne rollte mit ihrem Stuhl an den Schreibtisch und zeigte auf den Platz gegenüber.

„Ich bin in Eile“, fuhr Eric fort und blieb stehen. „Was sagt die Frau?“

„Keine Ahnung, ich warte auf Robin, dann wollen wir ins Krankenhaus. Mandy Tschötz ist zusammengebrochen, aber wenigstens hat sie ihren Mann identifiziert.“

„Gibt es Kinder?“

„Ja, drei Mädchen. Zwölf, fünfzehn und sechzehn. Furchtbar. Ich weiß nicht, ob ihnen schon jemand gesagt hat, dass ihr Vater tot ist.“

„Und am Tatort wurde er mit offener Hose gefunden? Deutet das nicht auf eine andere Frau hin?“

„Wir gehen davon aus.“

„Wovon gehen wir aus?“, ertönte eine Stimme von der Tür her.

Es war Robin, der mit einer Tüte vom Bäcker eintrat.

„Guten Morgen, ihr beiden. Wovon gehen wir aus?“

Susanne grüßte zurück und gab wieder, worüber sie und Eric gesprochen hatten. Der Staatsanwalt nickte und wendete sich zur Tür.

„Dann findet rasch heraus, was passiert ist. Ich bin weg.“

Er zog die Tür leise zu.

Robin sah Susanne aufmerksam an.

„Was?“, fragte die Kommissarin.

„Ihr habt euch gar nicht gestritten. Was ist los mit euch? Mal einer Meinung?“

„Du bist einfach zu früh hier, so sind wir gar nicht zum Streiten gekommen.“

„Punkt für dich!“

Robin kochte Kaffee, verteilte die Leckerbissen vom Bäcker auf drei Tellern und stellte sie auf den Tisch.

„Drei Teller?“, fragte Susanne, als sie vom Computer hochsah.

„Ferdinand kommt gleich dazu, damit wir unser Vorgehen planen können. Hast du schon etwas aus dem Krankenhaus gehört?“

„Nein, ich wollte auf dich warten. Aber ich rufe gleich mal an.“

Nachdem sie den Hörer wieder aufgelegt hatte, schnaufte sie.

„Mandy Tschötz ist immer noch fertig mit den Nerven. Aber sie ist wieder zuhause, weil sie die Kinder nicht alleinlassen wollte. Sie ist auf eigene Gefahr gegangen.“

„Oh Mann, das ist ein Mist. Ob sie es den Mädchen gesagt hat?“

Die Tür öffnete sich und Ferdinand kam fröhlich pfeifend herein.

„Oh, Frühstück ist gut. Ich hatte nur zwei Kaffee bisher.“

Robin schüttelte den Kopf.

„Du musst mal ein bisschen auf dich achten. An manchen Tagen siehst du ganz grau aus. Man kann sich nicht nur von Kaffee ernähren.“

„Ich nehme ja Milch dazu, das ist Nahrung. Mal im Ernst, Robin, du hast recht, aber es macht mir einfach keinen Spaß. Ich habe keine Lust, mir allein was zu kochen. Meistens gibt es Fastfood.“

„Wir sollten am Wochenende mal zusammen kochen und essen. Susanne, bist du dabei?“

„Gerne, ich esse die meiste Zeit Kuchen, das ist auch nicht gesund.“

„Dafür siehst du aber noch gut aus“, stichelte Robin.

„So!“, rief Ferdinand. „Wir machen das irgendwann mal bei mir. Ich kaufe ein und ihr bringt was zu trinken mit. Jetzt müssen wir uns um den Fall kümmern. Also los, informiert mich.“

Susanne und Robin wechselten sich ab und erläuterten alle bekannten Einzelheiten.

Am Ende sagte Susanne: „Und wir müssen Mandy fragen, ob sie etwas von einer Affäre weiß. Das ist so fies.“

Ferdinand nickte und schob sich den letzten Bissen des Brötchens in den Mund.

„Fragt vielleicht auch diese Freundin, die auf die Kinder aufgepasst hat, was sie über die Ehe weiß. Danach könnt ihr noch in der Praxis vorbeischauen. Ich habe die Leute dort gestern informiert, dass sie heute alle im Haus sein müssen.“

Nach dem Gespräch räumte Ferdinand brav seinen Teller und die Tasse ab und verließ das Büro. Robin erledigte den Rest.

„Wir brauchen auch einen Kinderpsychologen.“

Susanne zuckte zusammen.

„Willst du mit den Mädchen über die Tat reden? Was sollen die denn wissen?“

„Vielleicht haben sie etwas gehört oder gesehen. Mit wem er verabredet war zum Beispiel.“

„Och, das finde ich furchtbar. Die drei sind in einem Alter, wo sie solch ein Verlust sehr belastet. Der Tod des Vaters reicht schon.“

„Vielleicht hast du recht“, sagte Robin, „hören wir uns erstmal an, was Mandy sagt. Danach fragen wir ihre Freundin. Sie muss eine Nachbarin sein, denn sie war gestern echt schnell da.“

Das Telefon klingelte genau in dem Moment, als sie losgehen wollten. Susanne nahm ab. Es war Herrmann.

„Das Opfer wurde mit großer Kraft gestoßen, das zeigen die Abdrücke an seinem Oberbauch. Er hat sicher nicht damit gerechnet und dadurch das Gleichgewicht verloren. Ich kann weder Mord noch fahrlässige Tötung ausschließen, aber einen Unfall ganz sicher. Die Person, die ihn gestoßen hat, war kleiner als er.“

„Also eine Frau?“

„Möglich. Es gibt aber auch kleine Männer. Was es nicht gibt, sind DNA-Spuren oder sonst irgendwas. Auch sein Geschlechtsteil hat niemand berührt, jedenfalls nicht ohne Handschuhe. Aber wer geht schon mit Handschuhen zu einem Stelldich … ähm, Date.“

Susanne bedankte sich und informierte Robin auf dem Weg zum Auto, was Herrmann festgestellt hatte. Endlich fuhren sie zu Mandy und ihrer Familie.

Die junge Frau lag auf der Couch und sah elend aus. Die Freundin, die sich bereits gestern um die Mädchen gekümmert hatte, hatte geöffnet. Sie ging voran in die Küche, wo sie gerade einen Eintopf kochte.

Die Kommissare stellten sich vor.

„Ich bin Marianna und wohne drei Häuser weiter. Sie sehen ja, Mandy geht es nicht gut. Ich mache gerade was zu essen. Mandy hat sich ein bisschen hingelegt.“

„Hat sie ihren Töchtern gesagt, was passiert ist?“

Marianna nickte und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

„Es ist für Kinder immer besonders schlimm. Man ist so hilflos.“

Susanne räusperte sich.

„Können wir offen reden?“, fragte sie leise.

Robin signalisierte, dass er zu Mandy ins Wohnzimmer ging und Susanne setzte sich mit Marianna an den Küchentisch. Die Freundinnen kannten sich schon sehr lange.

„Was wollen Sie wissen? Dass Fabian ein Arsch war? Dass die Ehe nicht gut lief?“

„Ja, so etwas in der Art möchte ich hören. Er ist tot, wahrscheinlich ermordet. Selbst wenn er ein Arsch war, müssen wir herausfinden, was passiert ist und den Täter oder die Täterin zur Rechenschaft ziehen.“

„Täterin? Sie verdächtigen doch nicht Mandy, das Schaf?“

„Schaf?“

„Ich habe ihr immer wieder gesagt, sie soll ihn verlassen. Der hat doch alles gefickt, was nicht bei drei auf einem Baum war. Man soll nicht schlecht über einen Toten reden, aber an diesem Mann war nicht allzu viel Gutes. Mandy hat sich oft die Augen aus dem Kopf geheult und bei mir gejammert, aber wenn ich ihr gesagt habe, sie sollte gehen, hat sie den Ehevertrag erwähnt und die Kinder ins Spiel gebracht, die doch ihren Vater brauchen. Mandy war einfach feige.“

„Das sind harte Worte. Sie könnten auch ein Motiv sein. Vielleicht hat sie ihn an dem Abend verfolgt, denn wir wissen, dass er sich mit jemandem getroffen hat. Seine Hose stand offen, wenn Sie verstehen.“

„Oh ja, ich verstehe. Seine Hose stand immer offen, auch mich hat er öfter angemacht oder mit anzüglichen Bemerkungen über meinen Hintern genervt. Mandy aber wollte immer heile Welt spielen. Ich konnte sie dann nur trösten, wenn es wieder mal schlimm war. Er hat ihr sogar mal eine gescheuert.“

„Hat sie das angezeigt?“

„Was denken Sie denn? Natürlich nicht. Sie hat ihm verziehen und ich glaube ihr auch, dass es nur einmal war.“

„Und die Kinder? Ging es ihnen gut?“

„Ja, sie waren seine Schätze, wie er immer sagte. Er hat ihnen jeden Wunsch erfüllt. Besonders der Kleinen.“

Susanne lächelte. Auch in den miesesten Typen schlummerte ein guter Kern. Er war vielleicht als Mann ein Blindgänger, aber als Vater lief es gut. Die Mutter spielte diese heile Welt nicht nur, sie lebte sie.

Susanne bedankte sich für die offenen Worte und versprach Mandy gegenüber Stillschweigen. Als sie nach Robin sehen wollte, kam der gerade aus dem Wohnzimmer. Sie verabschiedeten sich. An der Tür drehte sich Susanne nochmal um.

„Warum sind die Kinder heute nicht zuhause?“

Marianna sagte leise: „In der Schule sind sie abgelenkt. Sie wollten auch nicht zuhause bleiben. Ich kann sie gut verstehen. Der Schmerz ist betäubt, wenn man zu tun hat.“

Susanne nickte, denn sie wusste das aus eigener Erfahrung.

5

„Wann kommst du denn wieder raus aus dem Knast?“, wollte Leo wissen.

Jewgeni hatte vor sich hin gedöst und wie von Ferne das Dauergeschwätz von Leo gehört.

„Keine Ahnung, dauert noch“, sagte er. „Und du?“

Er fühlte ein Fünkchen Hoffnung auf Ruhe.

„Ich denke, nächsten Monat. Vielleicht auch schon früher. Meine Zeit ist rum. Warum bist du eigentlich im Knast?“

Jewgeni winkte ab.

„Wir wurden verraten.“

„Wer wir?“

„Mein Boss, meine Kollegen und ich.“

Leo fuhr sein Bett hoch und beugte sich interessiert zu Jewgeni hin, aber der große Glatzkopf schwieg. Er hatte plötzlich einen Ausdruck im Gesicht, der jeden anderen in die Flucht geschlagen hätte, doch bei Leo löste er eine unfassbare Neugier aus.

Jewgenis Kiefer mahlten, er hatte die riesigen Hände zu Fäusten geballt und man sah ihm an, dass das ein Thema war, was ihn sehr aufwühlte. Der Monitor zeigte einen beschleunigten Puls.

„Los, erzähl mir alles. Manchmal hilft das schon. Und wenn nicht, dann denken wir uns eine schöne Rache aus.“

Jewgeni sah in die gierigen Augen seines Bettnachbarn. Der Typ hat einen irren Blick, dachte er, der ist schon sehr schräg.

„Ich war die rechte Hand eines Immobilienmaklers. Das war ein ganz großes Ding: Wir haben alte Häuser im Rheingau für einen Appel und ein Ei gekauft, indem wir den alten Leuten, die meistens dort wohnten, erklärt haben, dass das Haus bald unbewohnbar ist. Baumängel, hohe Sanierungskosten, du verstehst schon. Das hat natürlich nicht gestimmt, aber die Leute haben lieber verkauft als zu investieren. In Eltville lief es dann mit der neuen Idee noch besser. Ludger hat den Leuten eine halbe Million blanko geboten und eine neue Wohnung dazu.“

„Wo ist das Problem?“

Jewgeni grinste bösartig.

„Wir haben so lange gebohrt, bis sie eingewilligt haben. Zwei Typen haben ins Gras gebissen. Mann, es ging doch nicht um die alten Häuser. Mit dem Grund und Boden im Rheingau kann man sich eine goldene Nase verdienen. Da sind Millionen drin.“

„Was ging schief? Schließlich bist du jetzt im Knast und nicht in einer Villa.“

„Ludger hatte mehrere Leute ganz oben, die er geschmiert hat. So hat zum Beispiel der Staatsanwalt die Hand aufgehalten und dafür wichtige Infos gegeben oder Akten verschwinden lassen. Das haben die Bullen irgendwie mitgekriegt und ein Typ hat sich bei uns eingezeckt. Gab sich als Anwalt aus, war aber letztendlich von der Staatsanwaltschaft. Dieser Scheißverräter!“

Jewgeni boxte in die Luft.

„Und dann?“

„Meine Kollegen sind im Knast, ich bin im Knast, meine Alte ist mit den Kindern abgehauen und meinen Boss haben die Bullen abgeknallt.“

„Tzzzz …“, zischte Leo.

„Du sagst es.“

„Scheiß Bullen. Du musst dich rächen. Leg alle um! Echt, dann kannst du deine innere Ruhe wiederfinden.“

Leo kreischte hysterisch.

Jewgeni sah Leo entsetzt an, der ihn anfeuerte wie bei einem Wettlauf. Der Typ war ja noch verrückter als er.

„Nein, ich habe meine Familie verloren, das reicht. Wenn die mich nochmal länger einbuchten, wäre das schlimm.“

„Hast du einen umgelegt?“

„Nein, das war Sandro. Ich habe nur ab und zu einen weichgeklopft. Und eine Frau entführt, die Tochter vom Pfarrer.“

Leo brach in wieherndes Gelächter aus. Jewgeni bekam eine Gänsehaut.

„Warum bist du im Knast?“

„Ich habe ein paar alte Omas beklaut. Dieses Mal.“

Jewgeni dachte: Was für ein Wichser. Kein Wunder, dass dieser schlaffe Kerl das Opfer Nummer eins war. Aber er würde ihm helfen, die letzten Tage hier gut zu überstehen. Die Mitgefangenen hatten großen Respekt vor ihm, denn er lachte nie und bewegte sich wie ein Schwergewichtsboxer. Er wusste, dass er unantastbar war. Einer hatte ihm Schnaps besorgt, ein anderer Schokolade.

„Die Schlampe von der Polizei wurde vor kurzem erschossen. Aber der Staatsanwalt, dieser Verräter, macht fett Karriere.“

„Dann lass ihn uns umlegen, wenn wir hier rauskommen.“

Jewgeni dachte nach. Was Leo hier so sachlich sagte, hörte sich gut an. Er schloss die Augen und sah Eike, der eigentlich Eric hieß, vor sich. Der Typ war arrogant und hielt sich für etwas Besseres. Er hatte Ludgers Mitarbeitern immer deutlich gezeigt, dass er sie für billige und dumme Handlanger hielt.

Leo plapperte weiter: „Wir beobachten den eine Weile, dann erwischen wir ihn, wenn er am wenigsten damit rechnet, und stechen ihn ab. Oder du haust ihm eine rein und schmeißt ihn in die Strömung. Den findet dann niemand mehr.“

„Ich werde nicht so schnell entlassen.“

„Vielleicht doch wegen deinem Herz.“

„Denkst du?“

„Ja, Mann, ich war mal in einem Knast, da war auch einer total krank. Den haben sie früher rausgelassen.“

„Hm.“

Leo lehnte sich zurück und plante wahrscheinlich den bevorstehenden Mord in allen Einzelheiten, als die Schwester hineinkam.

„Was ist hier los? Es stinkt nach Salami!“

Jewgeni schloss unauffällig die Augen und tat, als ob er schlief. Leo zuckte mit den Schultern.

„Ich habe bei meinem Spaziergang ein Brötchen in der Cafeteria gegessen. Das wird es sein.“

„Also wenn Herr Sabritschek hier heimlich Salami isst, kippt er schneller wieder aus den Latschen als er piep sagen kann.“

„Schwester, der Jewgeni doch nicht. Das ist ein ganz Korrekter.“

„Jaja, das sagen sie alle. Arm her!“

Sie maß bei Leo den Blutdruck und die Temperatur.

„Ich weiß ja nicht, warum Sie noch hier sind. Sie könnten ruhig wieder in ihre WG.“

„Pah!“

Die Schwester wendete sich zu Jewgeni und tippte ihn an die Schulter. er öffnete seine Augen und tat so, als wäre er aus einem Tiefschlaf aufgewacht.

Die Schwester beugte sich über ihn und schnupperte.

„Aha, da hat jemand gelogen. Herr Sabritschek, Sie müssen sich an den Ernährungsplan halten. Keine Salamibrötchen!“

„Ist doch egal!“

„Ihr Puls ist erhöht.“

„Das liegt dann wohl an Ihnen.“

„Mit Sicherheit nicht.“

Die Schwester rollte mit den Augen. Viele Häftlinge dachten, wenn sie mit ihr flirteten, würden sie Vergünstigungen bekommen. Oft war das Gegenteil der Fall, denn sie meldete jeden Versuch einer persönlichen Annäherung ihrem Vorgesetzten. Dann gab es einen Eintrag in die Akte.

„Nicht was Sie denken, Schwester. Sie nerven nur mit ihrem Gefummel.“

Wortlos kontrollierte die Schwester die Geräte und verließ das Zimmer ohne weitere Worte.

„Das hat sie verdient.“

Leo stand auf, humpelte zum Bad und kam mit zwei kleinen Flaschen zurück, die eine farblose Flüssigkeit enthielten. Eine davon reichte er Jewgeni.

„Chef, darauf trinken wir einen und auf deine Rache. Jetzt kommt eine Weile keiner.“

Der Wodka brannte in Jewgenis Kehle und platzte als Feuerball in seinem Magen. Eine wohlige Wärme breitete sich in ihm aus. Der Gedanke an Eric und dessen Verrat vertrieb das Wohlgefühl allerdings rasch wieder.

„Ich glaube, du hast recht. Ich werde mich rächen. Der Typ hat mir mein ganzes Leben versaut.“

6

Susanne hatte nach dem Training bei Marcel noch am Supermarkt angehalten. Noch immer wurde sie dort wie ein Star behandelt, nachdem sie und Robin in ihrem ersten gemeinsamen Fall zwei Trickdiebe gestellt hatten. Die Angestellten nickten ihr freundlich zu, eine Kassiererin winkte. Wenn jemand neu eingestellt wurde, wusste er nach kurzer Zeit, wer sie war und was sie getan hatte.

Sie schlenderte am Käseregal entlang, warf eine Packung Schnittkäse in den Wagen und bog um die Ecke. Dort prallte sie gegen den Rücken eines Mannes. Es war Eric, der zwei Flaschen Wein in der Hand hielt.

„Oh, Entschuldigung.“

Eric schaute Susanne erst grimmig an, dann versuchte er ein Lächeln. Es überzeugte die Kommissarin nicht.

„Was ist denn los? Kann ich Ihnen helfen?“

„Nein danke.“

Susanne nickte und wollte weitergehen.

„Rot oder weiß?“, fragte Eric plötzlich.

Susanne sah ihn an.

„Ich habe weitaus weniger Ahnung von Wein als Sie. Aber ich mag am liebsten Weißwein.“

„Gut, dann nehme ich den.“

Er stellte den weißen Burgunder in den Einkaufswagen und bedankte sich.

„Sie haben Sportklamotten an.“

Es war nicht klar, ob das eine Frage oder eine Feststellung war. Susanne grinste und nickte.

„Sie sind ein guter Beobachter. Ich war beim Training.“

„Was trainieren Sie?“

„Kampfkunst.“

„Ah ja. Können Sie das denn noch nicht gut genug?“, fragte er düster.

Eben dachte Susanne noch, sie könnte sich unbefangen mit Eric unterhalten, da zerstörte er diese Illusion mit einem Satz.

„Ich lerne dort unter anderem, nicht beleidigt wegzulaufen. Warum müssen Sie immer so unhöflich zu mir sein?“

„War das unhöflich?“

Eric lachte los.

„Ich könnte genauso beleidigt sein. Warum müssen Sie immer alles falsch verstehen? Es war nicht so gemeint.“

Susanne hielt ihm die Hand hin.

„Dann entschuldigen Sie. Ich wollte nicht zickig sein.“

Eric nahm Susannes Hand. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, aber das war nicht unangenehm, im Gegenteil. Die Wärme seiner Hand fühlte sich nach Geborgenheit an, nach Sicherheit. Rasch zog sie ihre weg, denn er hatte ihre Reaktion sehr wohl wahrgenommen, weshalb sich ein Lächeln in seine Augenwinkel schlich.

Was war das? Susanne wünschte Eric einen schönen Abend und gab vor, sich beeilen zu müssen. Sie lief zur Kasse und sah dort, dass sie nur diese eine Packung Käse im Wagen hatte. Sollte sie lieber morgen einkaufen? Dann kniff sie sich in den Handrücken.

„Susanne, du bist bescheuert. Hol schnell den Rest und bleib locker.“

Wie peinlich, dachte sie, dieser Kerl hat mich schon wieder aus dem Konzept gebracht. Und so, wie er sie angesehen hatte, hatte er das auch bemerkt. Reiß dich zusammen, rief sie sich innerlich zu.

Sie konzentrierte sich wieder auf den Einkauf und sah, dass Eric auf die Kasse zusteuerte. Erleichtert schob sie nun durch die Gänge.

„Sind Sie verknallt, Frau Kommissarin?“

Susanne fuhr herum und erkannte die junge Frau, die mit der Kasse unter dem Arm nach hinten ging.

„Was? Wie? Nein, um Gottes Willen, nein!“

„Der Typ sieht aber heiß aus. Ich würde da nicht nein sagen.“

Susanne lachte.

„Nein, er sieht zwar ganz gut aus, aber der ist nichts für uns.“

„Ist er schwul?“

„Nein, das ist er nicht. Er ist Staatsanwalt, mega streng und nicht so nett, wie er aussieht.“

„Staatsanwalt? Oha, dann will ich ihn auch nicht. Schönen Abend noch!“

Die Verkäuferin winkte fröhlich und eilte davon. Susanne seufzte. Wenn diese Frau das gesehen hatte, was hatte dann Eric gedacht? Sie nahm sich vor, ganz sachlich zu bleiben, wenn er ihr wieder über den Weg lief. Sie eilte zur Kasse, bezahlte, lud alles in den Kofferraum und fuhr heim. Nach dem Abendessen legte sie sich auf die Couch, schaltete den Fernseher ein und zappte durch die Kanäle. Das Telefon klingelte und sie sah auf das Display.

„Lia, was für eine Freude!“

„Hallo, meine Liebe, ich wollte mich mal melden und fragen, wie es dir geht und was in Eltville los ist.“

„Ach Lia, was bin ich froh, dich zu hören. Ich bin gerade rein, war beim Training.“

„Oh, da gehst du immer noch hin?“

„Es tut mir gut und mit Marcel kann man sich super unterhalten. Er weiß immer, was ich denke und wie es mir gerade geht.“

„Wäre das kein Mann für dich?“

„Nein, erstens ist er verheiratet und zweitens will ich keinen Mann. Außerdem kommt Phillip demnächst hierher und wird mich nerven. Meine Mutter hat mir offenbart, dass er mich zurückhaben möchte.“

„Ach du je! Willst du ihn auch zurück?“

„Niemals!“

„Aber so ein bisschen Wärme wäre doch ganz nett, oder? Hast du mal jemanden kennengelernt?“

„Ich arbeite nur, ich habe keine Zeit für sowas.“

Sollte sie Lia von ihren verwirrenden Gedanken zu Eric berichten?

„Ich bin mit Robin befreundet, Ferdinand ist mein Chef. Eric mag mich nicht und ist eh immer schlecht drauf, aber …“

„Aber? Höre ich da ein kleines Glitzern in deiner Stimme?“

„Ist das so offensichtlich? Der Typ bringt mich ständig aus dem Konzept, bei ihm weiß ich nie, wie etwas gemeint ist. Verstehst du, was ich meine?“

„Ja, es ist kompliziert und du musst immerzu an ihn denken.“

Lia hatte es auf den Punkt gebracht. Susanne berichtete von ihrem Zusammentreffen im Supermarkt.

„Er lässt niemanden an sich ran, ich denke, nur Ferdinand weiß, wie er tickt. Bianca, seine Ex und meine Vorgängerin, ist immer noch präsent. Es ist schon im Job schwierig, sie auszublenden. Da kann ich das privat nicht auch noch. Es würde keinen Sinn machen und nur wehtun. Und das will ich nun wirklich nicht.“

„Dann gehst du ihm besser aus dem Weg. Habt ihr viel zu tun im Moment?“

„Wir haben einen Toten in den Weinbergen gefunden, aber wir wissen noch gar nichts, außer dass der Mann ein mieser Typ war. Er hinterlässt Frau und drei Kinder und holte sich den Spaß woanders. Wenn er nicht schon tot wäre, würde ich ihn verprügeln. Aber das mache ich ja nicht mehr.“

„Du musst trotzdem den Mörder jagen und verhaften. Manchmal denkt man, dass so jemand eher einen Orden verdient hat.“

„Ja, da hast du recht. Aber jetzt haben wir die ganze Zeit über mich geredet! Wie geht es dir denn? Ich nehme dich mit in die Küche und gieße mir ein Glas Wein ein.“

Sie redeten noch eine knappe Stunde, bis sich Susannes Laune stark verbessert hatte. Lia war eine tolle Freundin, klug und warmherzig, nur zu weit weg in Italien. Aber vielleicht würde sie im Sommer Urlaub in Eltville machen. Zufrieden ging Susanne ins Bett und schlief bald ein. Der Wein hatte ihr eine angenehme Bettschwere beschert.

Kurz nach Mitternacht klingelte ihr Telefon erneut. Sie sah Phillips Nummer und drückte den Anruf weg. Was dachte sich der Kerl? Dass sie den Tag über schlief und nachts auf seine Anrufe wartete? Nein, sie musste ihm bald sagen, dass er auf gar nichts zu hoffen brauchte. Susanne dagegen hoffte, dass er das auch verstehen würde.

Jetzt konnte sie nicht mehr einschlafen, wälzte sich hin und her und verfluchte Phillip. Sie verfluchte auch Eric, der sich jetzt in ihre Gedanken schlich. Sie spürte seine Lippen und ärgerte sich im nächsten Augenblick darüber, dass sie den Kuss nicht einfach ausblenden konnte, so wie er es tat. Sie raffte ihr Kopfkissen zusammen und streckte sich.

„Raus aus meinem Kopf!“, sagte sie laut in die Dunkelheit.

Nach einer weiteren wachen halben Stunde fielen ihr endlich die Augen zu.

7

Am nächsten Morgen saß Susanne bereits am Schreibtisch, als Ferdinand und Eric hereinkamen. Sie tat so, als wäre sie am Computer beschäftigt.

„Guten Morgen, wie sieht es denn in unserem Fall aus? Ich habe den Staatsanwalt gleich mitgebracht, er wollte auch wissen, was heute anliegt.“

Glücklicherweise kam jetzt Robin und übernahm das Reden. Er berichtete von ihrem Besuch in der Praxis und dass Fabian Tschötz dort fachlich sehr angesehen war. Nach Susannes eindringlichen Fragen hatte eine Kollegin zugegeben, auch eine Affäre mit ihrem Chef gehabt zu haben.

Ferdinand seufzte.

„Warum muss solch ein Klischee immer erfüllt werden? Arzt und Krankenschwester, Chef und Sekretärin … na ich weiß nicht. Was finden die Frauen an Vorgesetzten? Die meisten sind verheiratet und haben Kinder. Unser toller Schönheitschirurg auch.“

Susanne zuckte mit den Schultern.

„Also mich ziehen solche Typen nicht an. Da musst du die betroffenen Frauen fragen.“

„Das ist, denke ich, für unseren Fall nicht relevant“, erwiderte Eric, „Sie sollten uns schnell den Täter präsentieren. Wie steht es mit der Liste der Patientinnen?“

„Kommt nachher.“

„Ich hatte Druck gemacht, auch wenn der Richter gar nichts davon hören wollte. Der kannte den Arzt, weil seine Frau bei ihm eine neue Nase bekommen hat. Aber wenn er irgendetwas Mieses angestellt hat, ist mir das egal. Findet alle Sauereien heraus!“

Robin nickte und Eric verließ das Büro. Ferdinand sah die beiden Kommissare ernst an.

„Ich muss euch nicht sagen, dass ihr diskret vorgehen müsst?“

„Musst du nicht“, erwiderte Robin.

„Man wird gar nicht merken, dass wir ermitteln“, setzte Susanne grinsend hinzu.

Ferdinand lachte.

„Na dann verstehen wir uns ja!“

Auch er verließ das Büro und Robin machte erstmal Kaffee. Dann setzte er sich an den Schreibtisch und sah Susanne gut gelaunt an.

„Ihr habt euch schon wieder nicht gestritten. Es klappt langsam.“

„Wir gehen sachlich miteinander um. Ich werde immer ich sein und nie Bianca.“

Robin zuckte zusammen.

Susanne erschrak.

„Entschuldige, ich wollte nicht … ähm … alte Wunden aufreißen.“

Robin winkte ab.

„Ist schon in Ordnung. Mir ist nur aufgefallen, dass ich nicht mehr ständig daran denke.“

„Ich schon. Ich denke immer, ich bin euch nicht genug.“

Robin stand auf und hockte sich zu Susanne. Er legte ihr eine Hand auf den Arm.

„Du bist du und das ist gut so. Ich mag dich, wie du bist und du sollst niemand anderes sein. Versuch, den Gedanken an Bianca aus dem Kopf zu bekommen. Vielleicht fällt es dir dann auch leichter mit Eric. Er ist ein wirklich guter Kerl und ich wünsche mir, dass ihr eine freundschaftliche Ebene miteinander finden könnt. Du bist nicht schuld an Biancas Tod und du musst nicht sie sein. Das ist einfach so.“

Susanne nickte nur. Wenn sie jetzt etwas sagen würde, kämen die Tränen mit dazu. Robin wusste das und erwartete keine Antwort. Er setzte sich wieder auf seinen Platz und fuhr den Computer hoch.

„Ach, hier ist die Liste der Patientinnen. Es sind auch ein paar Männer dabei. Dann wollen wir mal alle befragen, wie zufrieden sie waren.“

„Denkst du, er hat gepfuscht?“

„Ja, das ist durchaus möglich. Du nicht?“

„Hat seine Frau nicht auch ein Motiv?“

Robin sah sie erstaunt an.

„Schon, aber ich halte sie nicht für eine Mörderin.“

„Ich sage ja nicht, dass sie ihn ermordet hat. Vielleicht ist sie ihm an dem Abend gefolgt, hat ihn zur Rede gestellt, gestoßen und hat dann Panik bekommen, als er sich nicht mehr bewegt hat. Es könnte ein Unfall gewesen sein. Oder eine Tat im Affekt. Oder Notwehr, wenn er sie vielleicht bedroht hat.“

Das klang logisch und Robin konnte diese Möglichkeit nicht ausschließen.

„Ich hätte mir das auch nicht gefallen lassen.“

„Da hat dein Phillip ja Glück, dass er dich nicht betrogen hat.“

Susanne runzelte die Stirn und kaute auf der Unterlippe.

„Hat er?“

„Was?“

„Dich betrogen?“

„Keine Ahnung, ich dachte immer, er ist mir treu, aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Er hatte ja schon eine Neue am Start, da waren meine Rücklichter noch zu sehen.“

„Ach was, du siehst bestimmt Gespenster.“

„Er war mit der Tussi bei meiner Mutter.“

„Was ziemlich blöde ist.“

Sie grinsten sich an und Susanne winkte ab.

„Ich habe keine Lust mehr, mir das Leben versauen zu lassen. Er kann sich gerne von meiner Mutter adoptieren lassen.“

„Dann musst du dein Erbe teilen.“

„Hör jetzt auf! Wir haben Wichtiges zu erledigen. Los!“

Sie machten sich auf den Weg zum Auto und klapperten der Reihe nach die Patientinnen ab, die auf der ersten von vier Seiten standen. Alle Damen waren sehr zufrieden und betonten sehr deutlich, dass es nur ein Arzt-Patientinnen-Verhältnis war.

Im Auto schnaufte Susanne. Sie klappte die Sonnenblende herunter, schaute in den Spiegel und tippte mit dem Zeigefinger unter ihren Augen herum. Robin brach in schallendes Gelächter aus.

„Was machst du da? Willst du dich jetzt auch zerschnippeln lassen?“

„Ich werde alt und das sieht man. Meinst du, ich sollte etwas machen lassen?“

„So ein Unsinn.“

Robin griff nach oben und klappte Susannes Sonnenblende wieder hoch. Dann drehte er ihr Gesicht zu sich und betrachtete es eingehend. Ab und an wackelte er mit dem Kopf, zischte kurz und grinste dann.

„Das geht alles noch.“

Susanne schüttelte sich und seine Hand ab.

„Na danke schön, geht noch ist kein Kompliment.“

Plötzlich klopfte es an die Scheibe auf der Beifahrerseite. Die Frau, die sie eben befragt hatten, sah sich hastig um und rutschte auf den Rücksitz.

„Ich … ich schäme mich. Und mein Mann darf nichts wissen.“

„Sie hatten eine Affäre? Eine Beziehung?“

Sie duckte sich hinter die Sitze.

„Es war nur Sex. Mein Mann ist nie zuhause und da habe ich mich einsam gefühlt. Fabian war so einfühlsam und man konnte sich gut mit ihm unterhalten. Aber ich wusste, dass ich ihn nicht haben kann. Das war auch nicht unsere Absicht. Wir haben uns ab und zu getroffen und … sie wissen schon.“

„Wann zum letzten Mal?“

„Letzte Woche Freitag in einem Hotel.“

Sie schrieb Robin die Adresse auf.

„Wissen Sie, mit wem Fabian Tschötz noch etwas am Laufen hatte?“

„Nein, nur von der einen Krankenschwester hat er mir erzählt. Sie war eifersüchtig. Merle.“

Robin und Susanne sahen sich erstaunt an.

„Davon hat uns die nette Dame gar nichts gesagt.“

„Bitte, Herr Hinschler, sagen Sie meinem Mann nichts. Er ist eigentlich einer von den Guten.“

Robin nickte. Als die Frau ausgestiegen und im Haus verschwunden war, sah er Susannes Ärger.

„Wenn er so ein Guter ist, sollte sie ihn nicht bescheißen!“, knurrte sie.

„Das denke ich auch, aber wir sind nicht für die Moral der Menschen verantwortlich.“

„Warum hast du eigentlich keine Freundin? Du bist doch auch einer von den Guten?“

„Weil ich keine Zeit dafür habe. Und nun besuchen wir unsere liebe Krankenschwester noch einmal. Eifersucht ist ein sehr interessantes Motiv.“

8

Der Arzt klopfte kurz und betrat das Zimmer mit wehendem Kittel. Jewgeni saß auf dem Bett, seine nackten Füße baumelten ein Stück über dem Boden. Leo stand vor dem Spiegel im Bad und ging neugierig zurück ins Bett. Er hatte sich die Haare gekämmt, die dadurch aber keineswegs ordentlicher aussahen.

„Hey, Doktor Benger, wollen Sie uns besuchen?“

„Ich wollte Sie entlassen. Herr Sabritschek, Ihre Werte sind in Ordnung, wir schicken Sie zurück in Ihre Zelle und sind bei der Planung einiger Reha-Maßnahmen. Man kümmert sich dort um Sie.“

„Ich bin gesund?“

„Nein, gesund sind Sie erst, wenn Sie Ihren Lebensstil anpassen. Kein Stress, gute Ernährung und Sport, den natürlich in Maßen. Und Sie, Herr Krummhorst, dürfen mit. Der Gips bleibt noch ein bisschen dran, lassen Sie ihn sich nicht kaputtschlagen. Ich will Sie hier nicht mehr sehen. Die Rippe wird noch eine Weile wehtun, heilt aber von selbst.“

„Cool, Doktor. Siehst du, Chef, jetzt bleiben wir zusammen.“

Der Arzt sah missmutig zu Jewgeni.

„Chef?“

Jewgeni zuckte mit den Schultern.

„Na dann. Auf Wiedersehen.“

Als sie wieder allein waren, ergoss sich ein irrer Redefluss über Jewgeni, in dem Leo ihre gemeinsamen Aktivitäten in schillernden Farben beschrieb. Jewgeni hoffte, dass es sich lohnte, diesem Irren nicht sofort den Hals umzudrehen. Er legte sich auf sein Bett und starrte an die Decke, während Leo redete und redete. Bald fielen ihm die Augen zu und er dachte an alte Zeiten. Sie waren ein gutes Team gewesen, sie konnten sich aufeinander verlassen. Der einzige Störfaktor war Ludgers Anwalt gewesen.

Der hatte immer auf Ludger eingeredet: „Tu dies nicht, tu das nicht, das ist zu gefährlich …“

Jewgeni hatte immer gedacht: Was für ein feiger Hund! Lässt sich auf die Sache ein und jammert dann. Aber Ludger hielt ihn für wichtig. Hätte er ihn doch gleich verschwinden lassen. Doch für diese Dinge war er nicht zuständig gewesen. Er war der Kerl, der Eindruck machte. Er drohte, boxte und nahm auch mal einen in den Schwitzkasten. Die wichtigsten Probleme löste Sandro, ein desillusionierter Endzwanziger ohne Empathie und bereit, für Geld alles zu tun. Aber auf Sandro konnte man sich verlassen. Jewgeni hatte zugesehen, wie sein Kollege, ohne mit der Wimper zu zucken, den Mann, der sich ihnen widersetzte, im Rhein ersäufte.

Ludger war immer großzügig gewesen, hatte aber auf Anraten des Anwaltes alles akribisch notiert und das hatte ihnen letztendlich Ärger gemacht. Die Schlampe, die er entführt hatte, hatte später für Ludger gearbeitet und sie ebenso verraten. Aber die hatte ihre Strafe bekommen: Sie durfte ihren Mann beerdigen. Dieser Drecksack hatte mehr Geld gewollt und Ludger gedroht. So ein Idiot.

Jewgeni sah Eric vor sich: aalglatt und arrogant bis in die Haarspitzen. Er hatte sich eingeschlichen und sie an die Bullen ausgeliefert. Und dann hatte die miese Kommissarin einfach Ludger erschossen. Das hatte in der Zeitung gestanden. Um jemanden zu retten. Jemanden. Sicher diesen Anwalt.

Am besten hatte ihm Doktor Rosenschuh, der Staatsanwalt, gefallen. Dem stand die Gier in den Augen, dass es nur so blitzte, wenn Ludger ihm dies und das versprach. Der war Wachs in Ludgers Fingern. Aber am Ende ist er auch in den Bau gegangen.

Jetzt schlich ein Lächeln in sein Gesicht. Es hatte noch mehr in der Zeitung gestanden: Die Kommissarin war Opfer eines Psychopathen geworden. Er hatte sie erschossen. Da waren sie und Eric schon ein Paar gewesen. Er konnte sich noch genau erinnern: „Bianca Verskoff, die Lebensgefährtin des Staatsanwaltes Eric Ströckwitz, ist heimtückisch ermordet worden. Wir trauern um eine hervorragende …“

Und so weiter und so weiter. Jewgeni öffnete die Augen und sein Herz klopfte schneller. Der Gedanke, dass bald auch jemand einen Nachruf auf Eric schreiben würde, beflügelte seinen Hass. Er hatte lange nicht mehr daran gedacht, erst Leo hatte ihn wieder darauf gebracht. Das Gefühl, dem Verräter die Kehle durchzuschneiden, musste grandios sein. Er sah vor sich, wie das Blut hervorsprudelte, wie der Typ die Augen aufriss und wie er, Jewgeni, ihn dann auslachte. Danach würden sie sich besaufen und vielleicht würde er Leo auch noch die Kehle durchschneiden, damit der endlich die Schnauze hielt.

„Mann, was ich mich freue, Chef, wenn wir morgen zusammen auf dem Hof spazieren gehen. Niemand wird mich jemals wieder anfassen. Und als Dank helfe ich dir, deinen Verräter zu erledigen.“

Jewgeni nickte. So wird es laufen. Mal sehen, wie lange es dauerte, bis er wegen seiner gesundheitlichen Probleme rauskam. Er musste dringend seine Anwältin anrufen und das mit ihr besprechen.

Am späten Nachmittag kamen die Wachhabenden und brachten Jewgeni und Leo zurück in ihre Zellen. Niemand erkundigte sich nach ihrem Befinden, niemand sagte oder fragte irgendetwas. Sie verabschiedeten sich und Jewgeni genoss die Ruhe in seiner Zelle. Er sollte noch schlafen, deshalb stellte ihm nur jemand sein Abendessen auf den Tisch.

Leo hingegen erzählte dem Wärter, dass er jetzt den Schutz von einem richtig guten Mann genießen würde.

„Hey, da fasst mich keiner mehr an. Ich muss denen gleich sagen, dass es jetzt knallt, wenn sie mir ans Leder wollen.“

„Herr Krummhorst, ruhen Sie sich noch aus mit der Rippe. Provozieren Sie Ihre Mithäftlinge nicht, dann brauchen Sie auch keinen Beschützer.“

Damit ging die Zellentür zu und Leo konnte sich seinen Racheplänen hingeben. Er malte sich aus, wie er stundenlang mit Jewgeni im Auto saß, belegte Brötchen aß, Bier trank und jeden Schritt von diesem Eric beobachten würde. Sie würden abwechselnd schlafen und dem Mann auf Schritt und Tritt folgen. Wenn der Typ irgendwohin laufen würde, könnte Leo ihm zu Fuß folgen, denn ihn kannte Eric ja nicht. Jewgeni durfte das nicht, er sah viel zu auffällig aus. Da würde der Verräter gleich Lunte riechen.

Wenn sie ihn dann allein sahen, vielleicht abends, wenn er am Rhein spazieren ging, würden sie ihn in die Zange nehmen. Er stellte sich vor, wie Jewgeni Eric, der um sein Leben bettelte, festhielt und Leo zunickte. Er würde ihm ein Messer überreichen, das im Mondlicht glänzte. Leo würde genau zuschauen, wie die Klinge durch den weißen Hals des Opfers glitt, als wäre er aus Butter.

Leo kicherte vor sich hin und rieb sich die Hände. Er wollte sich genau ansehen, wie das Blut heraussickerte oder spritzte. Jewgeni würde Eric dann auf den Boden sacken lassen, der Fußweg wäre rot.

Und dann würden sie ihn an den Beinen und den Schultern packen - dabei würde der Kopf schlaff herunterhängen - und ihn in den Rhein werfen. Der Fluss würde die Leiche mitnehmen und vielleicht nie wieder hergeben. Danach würden sie sich die Hand geben. Leo kicherte grunzend. Die blutüberströmte Hand. Sabber lief ihm aus dem linken Mundwinkel und er wischte ihn mit dem Ärmel ab.

Wenn es so ein gutes Gefühl war wie bei den Schlampen damals, dann würde er sich mal wieder eine von ihnen suchen. Er war nie erwischt worden. Noch immer gab es sechs verschwundene junge Frauen, die auch in den nächsten hundert Jahren niemand finden würde. Sie hatten sich gewehrt und das war das Beste daran. Er hatte die Angst gesehen, die nackte Angst, genauso nackt waren ihre Seelen in diesem Moment gewesen. Er hatte mit dem Messer ihren Hals gestreichelt und dann den Augenblick genossen, in dem der Schnitt der rasiermesserscharfen Klinge in das zarte Fleisch eindrang.

Er war nie erwischt worden, weil ihm niemand so etwas Großes zutraute. Alle hielten ihn für den geborenen Verlierer. Dabei traute er sich ALLES! Außer­dem war er schlau. Er hatte zuerst im Wald ein Loch gegraben, dann die Mädchen betäubt und direkt neben dem Grab getötet. Es gab keine Spuren, weil er immer Handschuhe getragen hatte, und er sparte sich die Schlepperei und das Putzen, was nun wirklich schlau war.

Um die Leute von seiner Harmlosigkeit zu überzeugen, hatte er nur ab und zu gestohlen, denn er war arbeitslos, hatte aber keine Lust, zum Amt zu gehen. Er kam auch anderweitig an Geld. Viel brauchte er nicht zum Leben. Auch als Kind hatte er nie viel gehabt, weil seine Mutter das ganze Geld in Schnaps investierte. Er war also den Mangel gewohnt. Als er ihr die Kehle durchgeschnitten hatte, war er fünfzehn. Alle dachten, dass es einer ihrer Saufkumpane gewesen war.

Leo war noch drei Jahre im Heim gewesen und hatte dann seine Laufbahn als Kleinkrimineller begonnen, bis ihm dieses Mädchen über den Weg gelaufen war. Es hatte ihn getroffen wie der Blitz: Liebe. Biggi war das erste Mädchen gewesen, welches solche krassen Gefühle in ihm ausgelöst hatte. Er konnte nicht mehr schlafen, nichts essen und trinken.

Er lief ihr hinterher wie ein Dackel, doch sie wollte nichts von dem dürren, zerzausten Teenager wissen. Irgendwann, als sie betrunken von einer Party kam, hatte er ihr an der Rheinpromenade aufgelauert. Sie war auf ihn zu getorkelt, in der rechten Hand eine Flasche Wodka.

Als sie ihn sah, begann sie zu lachen. Er fragte, ob er helfen könne, aber sie hatte ihn ausgelacht und weggestoßen. Da war er weggerannt und hatte einen Tag später sein erstes Loch gebuddelt.

Als sie am nächsten Abend wieder zu einer Party wollte, hatte er angeboten, sie zu fahren. Er hatte ein Auto aufgebrochen und war statt zu der Party mit ihr in den Wald gefahren. Weil sie bereits angetrunken war, konnte sie nicht mehr schnell genug reagieren, als er ihr die Kehle zudrückte, bis sie bewusstlos war.

Er hatte sie neben das Loch gelegt und ihre Bluse aufgeknöpft, um ihre Brüste zu betrachten, aber das interessierte ihn nicht so sehr wie diese kleine Kuhle am Hals. Er hatte den Duft dieser Stelle eingesogen wie eine Droge. Das Messer hatte alles rot gefärbt.

Biggis warmes Blut roch metallisch und vertrieb den Duft, der ihn so fasziniert hatte. Es war aus und vorbei. Er hatte den leblosen Körper in das Loch geschoben und es mit Erde gefüllt. Danach war er wie berauscht. Er hatte sie mit den alten Lederhandschuhen angefasst, aber auch nur so viel wie sein musste.

Als der Hund eines Jägers ihre Leiche vor knapp zwei Jahren ausgebuddelt hatte, gab es keine Spuren mehr. So stand es damals zumindest in der Zeitung.

9

„Ich kann Ihnen nicht weiterhelfen“, sagte Merle Kessert in arrogantem Tonfall.

Sie stand am Schreibtisch, hatte Akten sortiert und war gerade dabei, die Briefe über das Ableben des Arztes an die Patienten in Briefumschläge zu packen.

„Sie hatten eine Affäre mit Ihrem Chef, das hat uns eine Patientin gesagt, also lassen wir die Spielchen.“

Susanne hatte sich über den Schreibtisch gebeugt und sah Merle in die Augen. Sie wusste, dass die Frau log, weil ihr linkes Augenlid sichtbar zuckte.

„Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen.“

Robin fragte freundlich: „Können Sie uns sagen, wo Sie in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch waren?“

„Was denken Sie denn? Nach einem anstrengenden Arbeitstag war ich zuhause im Bett.“

„Kann das jemand bezeugen?“

„Nein, natürlich nicht. Ich bin Single. Und mein Kater kann nun mal nicht sprechen.“

Merle hatte die Arme vor der Brust verschränkt und signalisierte deutlich ihre Ablehnung.

„Ohne meinen Anwalt sage ich nichts.“

„Wenn Sie meinen, dann müssen Sie uns jetzt auf das Präsidium begleiten.“

„Bin ich verhaftet?“

Merle war verunsichert.

„Im Moment noch nicht“, sagte Robin wütend, „aber Sie machen sich gerade verdächtig!“

„Sie wissen ja gar nicht, was für ein Arschloch Fabian war!“, platzte es aus Merle heraus, während sie sich auf den Stuhl fallen ließ. „Er hat Frauen immer nur ausgenutzt. Und es war ihm egal, ob Patientin, Ehefrau oder Mitarbeiterin.“

„In welcher Form ausgenutzt?“

„Wenn ich Ihnen alles sage, kann ich dann nach Hause?“

Susanne sah Robin an, dann nickte sie. Sie befürchtete, dass die Liste der Verdächtigen wachsen würde, je mehr sie über Fabian Tschötz in Erfahrung brachten.

Merle legte die Briefe beiseite und es schien, als hätte sie auch ihren Widerstand weggeschoben.

„Es begann sehr romantisch. Ich hatte meine erste Arbeitswoche hinter mir, da kam er mit einer Rose und erklärte, dass er noch nie solch eine gute Mitarbeiterin hatte wie mich. Ich fühlte mich geschmeichelt, ließ mich auch zum Essen einladen und fühlte mich wie eine Königin, als er mir sagte, dass er seine Frau verlassen würde, um mit mir zu leben. Das hat er sicher jeder Affäre versprochen. Ich war so blöd, das zu glauben, denn bald danach hatten wir Sex, wann immer es passte. Und hinterher hat er mir noch mehr Arbeit auf den Tisch geknallt und ist zur nächsten Frau gefahren. Ich bin ihm mal gefolgt. Abends ist er wahrscheinlich völlig erschöpft von seiner ach so wichtigen Arbeit nach Hause gekommen und hat es seiner Frau dann auch nochmal besorgt.“

Susanne schnaufte. Solche Typen waren ihr zuwider und die „alte“ Susanne hätte ihn zumindest verprügelt. Sie konnte verstehen, dass ihn jemand von sich gestoßen hatte.

Merle fuhr fort: „Er wurde immer grober und ich hatte auch mal blaue Flecken, aber immer an gut verdeckten Stellen. Irgendwann hatte er genug von mir und hat mich abserviert. Er hat versucht, mich zur Kündigung zu überreden, aber den Gefallen habe ich ihm nicht getan.“

„Stattdessen haben Sie ihn zur Rede gestellt und getötet?“

„Nein!“

Merle war aufgesprungen und funkelte Robin böse an.

„Niemals hätte ich das getan. Ich habe mich jeden Tag gefeiert! Er konnte mir nicht mehr in die Augen sehen, denn ich habe ihm gedroht, seiner Frau alles zu sagen.“

„Sie haben ihn also erpresst? Das macht es noch schlimmer. Vielleicht wollte er sich das nicht mehr gefallen lassen und hat Sie in die Weinberge bestellt. Sie haben sich gestritten und dann haben Sie ihn gestoßen, wobei er zu Tode gekommen ist.“

„Nein! Ich war nicht in den Weinbergen!“

Robin ärgerte sich. Er hätte die Frau gern in U-Haft gesteckt, doch sie konnten ihr nichts beweisen. Eric hätte ihnen niemals einen Haftbefehl ausgestellt. Außerdem hatte er das Gefühl, dass sie die Wahrheit sagte.

„Gut, das reicht erstmal. Wissen Sie denn die Namen der Damen, die er noch auf seiner Liste hatte?“

Merle nahm ein Blatt Papier und notierte sieben Namen.

„Das sind die Patientinnen, mit denen er im Bett war. Also die, von denen ich weiß. Immer nur die jungen und sehr hübschen. Aber ich war ja auch so blöd, auf ihn hereinzufallen.“

„Wissen Sie, wie das Verhältnis zu seiner Frau war? War sie über seine Affären informiert?“

Merle rollte mit den Augen.

„Natürlich wusste sie Bescheid. Jedenfalls denke ich mir das, aber sie war sicher nicht über Details im Bilde. Er hat sich nicht sehr viel Mühe gegeben, das alles zu verbergen. Manchmal hat er behauptet, sie hätten eine offene Beziehung. Dass ich nicht lache!“

Im Auto sagte Robin: „Mandy Tschötz wirkt so lieb und süß, wie ein Engel … sie schien nichts zu wissen.“

„Tja, wahrscheinlich ist sie eine gute Schauspielerin. Aber eines weiß ich: Wir haben eine fast unlösbare Aufgabe vor uns, denn es gibt sehr viele Kandidaten, die für einen Mord infrage kommen. Männer und Frauen haben ein Motiv.“

„Da hast du recht. Lass uns morgen zuerst zu den Damen von der Liste fahren. Eine Sache haben wir noch gar nicht herausgefunden.“

„Was denn?“

„Ob es mal eine verpfuschte OP gab.“

„Stimmt. Wir brauchen einen Plan, wie wir diesen Berg Arbeit in den Griff bekommen, sonst sind wir die nächsten drei Wochen nur noch mit Befragungen beschäftigt.“

Ferdinand stimmte ihnen zu, als Robin ihm die Tragweite des Falles schilderte.

„Ich besorge Leute, die euch unterstützen können. Und ihr sollt zu Dr. Hacke kommen.“

Susanne stöhnte, denn sie hasste den frauenfeindlichen Gerichtsmediziner. Er vergriff sich jedes Mal im Ton, obwohl ihn sowohl Ferdinand als auch Eric ermahnt hatten, vernünftig und sachlich mit ihr zu reden. Es war das einzige Mal gewesen, dass Susanne Eric wütend erlebt hatte. Danach hatte sich Dr. Hacke zusammengerissen, aber in der letzten Zeit war er wieder zu seinem üblichen herablassenden Tonfall übergegangen.

„Ich gehe allein“, sagte Robin und lächelte, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

„Danke. Ich mache mal eine Liste und teile die Namen auf.“

„Mach das.“

In dem Moment klingelte ihr Handy und Susanne sah auf das Display. Es war Phillip und sie drückte ihn weg.

„Was ist los?“

„Das ist mein Ex. Aber dafür habe ich jetzt keinen Nerv.“

„Er will dich zurück, also wird er sicher nochmal anrufen.“

„Leider.“

Susanne lachte verbittert. Robin lief zum Gerichtsmediziner und Susanne schrieb die Namen der Verdächtigen auf ein weißes Blatt.

Sie schaute über die Anzahl der Menschen, mit denen es sich Fabian Tschötz verdorben hatte.

„Mann, Mann, der hat jegliches Vertrauen in die Tonne getreten. Wie kommt Mandy damit klar? Und was wissen die Kinder über ihren Vater?“

Sie hoffte, dass die drei Mädchen nichts mitbekommen hatten. Viele Eltern dachten, dass ihre Kinder von Streitigkeiten in der Ehe nichts bemerkten, aber Kinder hatten einen ganz feinen Draht, ein Gespür für das, was passierte, auch wenn sie es meistens nicht zeigten. Die Wahrheit war unbarmherzig und verletzend, das wusste sie aus eigener Erfahrung. Ihr Vater war gegangen, als sie ganz klein war. Sie hatte es trotzdem gefühlt. Später hatte sie herausgefunden, dass ihre Mutter ihn erdrückt und ihm keine Luft zum Atmen gelassen hatte.

Robin kam zurück und wedelte mit einer Akte.

„Auf dem Hemd des Toten hat der Doc fremde DNA gefunden. Weiblich. Aber es ist zu wenig für einen Abgleich.“

„Dann können wir wenigstens die Männer ausklammern.“

Susanne schob die Liste über den Tisch.

„Das sind die, von denen wir wissen. Ich denke, es werden noch ein paar Namen dazukommen. Mit den Patientinnen können sich die Kollegen beschäftigen. Lass uns morgen nochmal bei Mandy anklopfen.“

Erneut klingelte ihr Handy.

„Geh dran!“, sagte Robin. „Wir machen jetzt Feierabend und morgen weiter, wenn wir mehr Leute haben.“

Seufzend nahm Susanne den Anruf an, als Robin ihr von der Tür aus winkte.

„Phillip, was gibt es?“

„Ich bin gestern angekommen und wohne in einer Ferienwohnung. Gehst du mit mir essen?“

„Nein, tut mir leid, ich habe keine Zeit. Wir haben einen Mord auf dem Tisch.“

„Morgen? Da ist Samstag. Nur essen und reden.“

Susanne wollte nicht, sagte aber zu, denn er würde ja doch keine Ruhe geben. Sie würde ihm deutlich sagen, dass er sich seine Hoffnungen sonst wohin stecken konnte. Natürlich würde sie es höflich verpacken.

Sie legten auf und Susanne lief am Rhein entlang nach Hause. Sie blieb noch kurz auf einer Bank sitzen und dachte über Mandy Tschötz nach.

Wie konnte man es mit einem Mann wie Fabian aushalten, ohne auszurasten? Aber vielleicht konnte sie das ja nicht und hatte ihn getötet.

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9783754183595
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