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Ute Dombrowski
Verlogenes Versprechen
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Impressum neobooks
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Verlogenes Versprechen
Ute Dombrowski
1. Auflage 2019
Copyright © 2019 Ute Dombrowski
Umschlag: Ute Dombrowski
Lektorat/Korrektorat: Julia Dillenberger-Ochs
Satz: Ute Dombrowski
Verlag: Ute Dombrowski Niedertiefenbach
Druck: epubli
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors und Selbstverlegers unzulässig.
Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
„Der Tod, das Schicksal aller, kommt, wann er kommen soll.“
William Shakespeare
Aus: „Julius Cäsar“
2. Aufzug, 2. Szene, Cäsar
„Es tut mir leid. Die Ärzte haben alles getan, was möglich war, es ist schrecklich, dass auch die neue Chemotherapie nicht wirksam war.“
„Du hast doch gesagt, dass es diesmal gut wird!“
Tränen liefen über Janoschs Wangen und er zitterte. War es jetzt soweit? Musste er sterben?
„Was denkst du … wie lange noch?“
„Das kann ich dir nicht sagen. Eine Woche oder ein Monat oder ein Jahr …“
„Wird es wehtun? Habe ich dann noch meine sieben Sinne beisammen?“
„Janosch, als dein Freund würde ich dir so gerne Hoffnung machen, aber als Arzt muss ich realistisch sein. Da selbst nach der Knochenmarktransplantation der Krebs zurückgekehrt ist, sehe ich keine Möglichkeit mehr.“
„Macht noch eine Chemo! Oder bestrahlt mich erneut! Was ist mit einer Immuntherapie?“
„Du bist so geschwächt, dein Immunsystem ist sozusagen nicht mehr vorhanden. Geh heim und tu das, was du immer schon mal machen wolltest. Erfülle dir Wünsche. Lebe und wenn es soweit ist, werde ich für dich da sein und dir die Schmerzen vom Leib halten.“
„Konrad, sei bitte ehrlich. Gibt es im Ausland eine Möglichkeit für mich? Oder etwas Experimentelles? Ich gebe all mein Geld …“
„Ich bin immer ehrlich zu dir gewesen, Janosch, wir kennen uns doch so lange … glaube mir, ich würde alles, ALLES versuchen, um dich am Leben zu halten. Besuche deine Mutter, Schwester, Freunde. Genieße die Zeit, die dir bleibt. Du hast das Glück, finanziell unabhängig zu sein, reise noch ein bisschen, nicht zu weit weg, nicht zu lange, fahre ans Meer oder in die Berge.“
„Danke …“, murmelte Janosch.
Er sah Konrad Knibbel, der ihn heute zum Onkologen begleitet hatte, noch einmal an und seufzte.
„Das ist Scheiße.“
„Ich weiß. Alles Gute. Komm nächste Woche zum üblichen Termin zu mir.“
Als Janosch vor der Tür stand, rieb er sich die Augen. Er dachte: Jetzt bin ich siebenunddreißig, muss nicht arbeiten, habe weder Familie noch Kinder, auch die meisten Freunde haben sich von mir abgewendet und dazu habe ich einen Krebs in mir, der mich töten wird.
Austherapiert, das war das Wort, vor dem er sich seit Jahren fürchtete. Austherapiert, das war sein Todesurteil. Womit hatte er das verdient?
„Nein, ich gebe nicht auf! Es muss doch noch etwas geben, was mir hilft. Morgen, morgen beginne ich nochmal zu recherchieren.“
Ganz in Gedanken lief Janosch durch die überfüllte Stadt zum Bahnhof, nachdem er sich von seinem Freund verabschiedet hatte. Konrad hatte noch einen Termin und konnte Janosch nicht heimbringen. Der kranke Mann sah nicht die Menschen, die ihn verstört aus dem Weg gingen, denn die Tränen der Verzweiflung bahnten sich nach wie vor ihren Weg. Janosch spürte sie nicht, denn er konnte nur eines denken: Ich will nicht sterben!
Im Zug starrte er aus dem Fenster und als er in Eltville ausstieg, waren die Tränen versiegt. Er irrte durch die Altstadt heim und schloss die Haustür zweimal ab.
Janoschs Haus befand sich am Ende der Straße zu den Weinbergen, eine Hecke verbarg es vor neugierigen Blicken. Die Rollläden waren heruntergelassen, um die Welt aus seinem Leben auszusperren.
Janosch ließ sich auf die Couch fallen und schaltete den Fernseher an, aber er sah nicht, was lief. Er dachte an den Tag vor fünf Jahren, an dem sein Freund Konrad nach einem Routinecheck die furchtbare Diagnose stellte: Knochenmarkkrebs. Weitere Untersuchungen zeigten, dass es eine besonders aggressive Form war, die schon in die Leber gestreut hatte. Janosch war sich sofort bewusst gewesen, dass nur das volle Programm mit Operation, Knochenmarktransplantation, Chemotherapie und Bestrahlung helfen würde und weil er leben wollte, begab er sich euphorisch in die Hände der Spezialisten. Konrad, sein alter Schulfreund, war immer an seiner Seite gewesen.
Die Operation brachte den gewünschten Erfolg, ein Knochenmarkspender war relativ rasch gefunden worden und die Chemotherapie zerstörte die Krebszellen. In dieser Zeit ging es Janosch schlecht, aber er kämpfte und überlebte. Ein Jahr später war er frei von Krebs.
Janosch ging regelmäßig zur Nachsorge und war zuversichtlich, mit der Energie, die er aufgebracht hatte, als Sieger aus dem Kampf zu gehen. Ein weiteres Jahr später wurden alle Hoffnungen zerschlagen. Der Krebs war mit ganzer Macht zurückgekehrt. Sein Kampf begann von vorn, aber jeder Gedanke an eine Heilung wurde zunichte gemacht, denn der Krebs hatte weiter gestreut. Neue Operationen waren nötig und mit jedem Schnitt ins Fleisch verlor Janosch an Kraft. Und nicht nur das. Die Haare, die langsam nachgewachsen waren, fielen erneut aus, der Appetit war verschwunden und wenn Janosch sich im Spiegel betrachtete, sah er einen abgemagerten, totkranken Mann, einem Geist ähnlicher als einem Menschen.
Bis zu seiner Erkrankung war er ein normaler junger Mann gewesen. Sein Vater hatte ihm nach dessen Tod durch einen Unfall das Haus und ein dickes Bankkonto hinterlassen, sodass er ganz seiner Leidenschaft nachgehen konnte: dem Zeichnen. Er war nicht sehr erfolgreich, aber da er finanziell unabhängig war, genügte es ihm, ab und zu mal ein Bild zu verkaufen. Ansonsten lebte er in den Tag hinein, traf sich mit Freunden, schlief ab und an mit einer Frau und freute sich des Lebens.
Dieses Leben war lange vorbei. Einzig Konrad verstand, was mit ihm los war. Viele Freunde hatten Angst vor dem Krebs und zogen sich zurück, andere wussten nicht, wie sie ihr herzzerreißendes Mitleid in Worte fassen sollten und der eine oder andere ärgerte sich, dass er Janosch nun nicht mehr ausnutzen konnte. Sie hatten ihn nach und nach im Stich gelassen.
„Ihr miesen Typen, wenn es hart auf hart kommt, dann zeigt sich, wer die wahren Freunde sind.“
Seine Familie, die aus der dementen Mutter und einer kinderreichen Halbschwester bestand, hielt sich ebenfalls zurück.
Friderike sagte immer: „Ich will dich nicht mit den Kindern belasten, du brauchst ja Ruhe. Besuch doch die Mutti, dann habt ihr beide etwas davon. Melde dich, wenn ich etwas für dich einkaufen soll.“
Janosch hatte sich nicht gemeldet, auch seine Mutter besuchte er nur selten. Die Frau schaute ihn an wie einen Fremden, also was sollte er da? Sie war in einem guten Pflegeheim und die Pfleger verstanden sehr gut, dass der schwerkranke Sohn sich nicht um seine Mutter kümmern konnte.
Am Abend war er noch einmal aus dem Haus gegangen, um am Rhein dem Wasser nachzuschauen, das wie sein Leben an ihm vorbeifloss. Erschöpft ließ er sich auf eine Bank fallen, denn eine große Müdigkeit war über ihn gekommen. Er hatte sich kaum noch auf den Beinen halten können und hörte auch die Frau, die ihn jetzt ansprach, wie durch eine Nebelwand.
„Hallo, geht es Ihnen nicht gut? Kann ich Ihnen helfen?“
Er reagierte nicht, erst, als ihm jemand auf die Schulter tippte. Sein Kopf fuhr herum und er blickte in freundliche, sanfte Augen. Eine Frau in Sportkleidung beugte sich über ihn.
„Es geht schon, ich muss nur einen Moment ausruhen.“
„Sind Sie sicher? Soll ich Sie nach Hause bringen?“
„Nein, nein, mir geht es gleich wieder gut.“
„Ich setze mich kurz zu Ihnen, ja?“
Janosch nickte. Er schloss die Augen und fühlte sich neben der fremden Frau plötzlich sehr wohl. Ihre warme Stimme hatte sein Herz berührt. Er versuchte gleichmäßig zu atmen und beruhigte sich langsam. Jetzt schaute er zur Seite, wo die Frau immer noch den wachen Blick auf ihn gerichtet hatte.
„Ist das nicht lächerlich? Ich schaffe es nicht mal ohne Pause spazieren zu gehen.“
„Sie sehen nicht so aus, als wenn Sie darüber lachen könnten.“
Janosch nickte.
„Sie müssen hier nicht warten. Gehen Sie ruhig.“
„Nein, auf keinen Fall. Ich gehe erst, wenn es Ihnen wieder gut geht.“
Janosch begann zynisch zu lachen, aber Tränen rannen dabei über seine Wangen. Er lachte, bis ein Hustenanfall ihn ausbremste.
„Gut geht … gut geht … gut geht … ein toller Witz.“
Er presste die Hände vor sein Gesicht.
„Es wird mir nie wieder gut gehen, also könnte es sein, dass Sie hier bis in alle Ewigkeit sitzen. Oder nein, wenn Sie Glück haben, bin ich morgen tot.“
„Das hört sich nicht positiv an. Wollen Sie mir erzählen, was passiert ist?“
Janosch schaute der Frau in die Augen. Sie strahlte immer noch eine unbeschreibliche Ruhe aus.
„Ich bin Janosch.“
„Ich bin Bianca.“
Er lächelte.
„Ich habe Krebs und es geht dem Ende zu, sagt mein Freund und Arzt, Dr. Konrad Knibbel. Mit ihm war ich heute beim Onkologen.“
„Das tut mir leid. Ich kann mir vorstellen … nein, ich kann es mir nicht vorstellen. Was für eine Art Krebs ist es?“
„Knochenmark, Metastasen in Leber, Darm und Lunge.“
„Ich wurde mal angeschossen, aber das kann man, denke ich, nicht vergleichen. Gibt es Behandlungsmöglichkeiten?“
„Austherapiert. Wer hat Sie denn angeschossen?“
„Ein Verbrecher, ich bin Polizistin.“
„Ah, das ist sicher ein aufregender Job. Wissen Sie, jetzt verstehe ich auch, warum Sie so ruhig sind. Sie haben wohl öfter mit Menschen zu tun, die neben der Spur sind?“
Bianca nickte. Der Mann straffte sich und stand auf.
„Ich habe es nicht mehr weit. Danke, dass Sie auf mich aufgepasst haben. Vielleicht mache ich wirklich, was mein Arzt gesagt hat: mich amüsieren, so lange es noch geht.“
Bianca nickte erneut und wünschte dem Mann alles Gute. Sie schaute ihm hinterher, als er sich mit schlurfenden Schritten in Richtung Weinberge entfernte.
2
Bianca lief wie jeden Abend am Rhein entlang. Sie musste sich ablenken, denn Eric war noch nicht wieder zurück. Er wollte sein Leben ordnen und dazu gehörte seine Ehe mit der Frau, die mit einem lauten Knall in Biancas Leben eingedrungen war.
Mit klopfendem Herzen musste sie an den Moment denken, wo er ihr entgegengeschleudert hatte: „Ich bin verheiratet.“
Sie hatten sich gestritten und das hätte man wohl wieder in Ordnung bringen können, doch dieser eine Satz hatte Bianca den Boden unter den Füßen weggerissen. Später hatten sie sich ausgesprochen und Eric hatte versprochen, alles zu klären. Nach der Lösung des letzten Falles, der alle an ihre Grenzen geführt hatte, hatte er Urlaub genommen und war an die Nordsee gefahren.
Das war vor zwei Wochen gewesen. Sie telefonierten ab und zu und er machte einen gelösten Eindruck. Aber Bianca spürte, dass ihr Freund das nur vorspielte. Morgen endlich wollte er zurückkommen. Sie hatten beim Telefonieren kein Wort über die Frau gesprochen, die wie eine bedrohliche Gewitterwolke über Biancas Leben hing. Darum war sie jeden Abend gerannt, als ginge es um ihr Leben.
Als sie heute den Mann getroffen hatte, der auf einer Bank zusammengebrochen war, wollte sie eigentlich noch eine Weile am Rhein sitzen und ihren Gedanken nachhängen. Das Wetter war alles andere als winterlich, es war mild und oft schien die Sonne.
Im Nachhinein war sie über die Ablenkung froh gewesen. Schon auf dem Friedhof, wo sie wie immer stille Zwiesprache mit Michael gehalten hatte, hatte sich eine große Unruhe in ihr breitgemacht und sie war angespannt. Der Mann, der sich als Janosch vorgestellt hatte, hatte sie aus ihren Grübeleien geholt. Er tat ihr wahrhaftig leid, wie er sich so dahingeschleppt hatte und dann kraftlos auf die Bank gesunken war. Erst hatte sie gedacht, dass er betrunken war, aber seine ausgemergelte Gestalt mit dem glänzenden kahlen Schädel ließ erahnen, dass er nüchtern, aber schwer krank war.
Jetzt hatte sie geduscht und dachte über den Mann nach, der den Tod schon direkt vor sich sah. So nah, dass er bereits seinen Atem spüren konnte. Er musste verzweifelt sein, schwach, voller Schmerzen und hatte allen Grund dazu. Was waren dagegen schon ihre eigenen läppischen Probleme?
„Morgen“, murmelte sie zu ihrem Spiegelbild. „Eric wird kommen und mich in den Arm nehmen. Ich vertraue ihm.“
Der skeptische Blick, den sie im Spiegelbild entdeckte, sagte etwas anderes. Sie schüttelte die letzte Unsicherheit ab und ging ins Bett. Mit der Hand auf Erics Kopfkissen versuchte sie zu schlafen. Es war Freitag und sie konnte morgen ausschlafen. Die Verbrecher waren gnädig gewesen und hatten Eltville verschont, nur Kleinigkeiten waren vorgefallen und so genossen Bianca und Hannes eine ruhige Zeit.
Ferdinand war seit einer Woche wieder zuhause und musste sich weiter erholen. Die Zwangspause machte ihn unruhig, er wollte endlich wieder arbeiten, aber alle waren froh, dass der Schuss keine tödliche Wunde hinterlassen hatte. Wie gut, dass die Täterin nicht die Absicht gehabt hatte, ihn zu erschießen. Bianca hatte ihn aus dem Krankenhaus abgeholt und viel mit ihm über den Fall geredet, der nicht so ausgegangen war, wie sie wollten. Wenn Bianca Ferdinand im Krankenhaus besucht hatte, war sie auch immer zur Intensivstation gegangen, wo Mia, die Frau, die Ferdinand angeschossen hatte, um ihr Leben kämpfte.
Sie nahm ihr Handy und rief den Freund an.
„He, Ferdinand, Lust auf Pizza?“
„Kannst du nicht schlafen?“
„Nein, ich habe einfach keine Ruhe. Hast du Zeit?“
„Ach, Bianca, natürlich habe ich Zeit, für dich doch immer.“
„Gut, ich bringe eine Tiefkühlpizza mit, schmeiß schon mal den Herd an.“
Bianca schlüpfte aus dem Bett, zog sich ihre Jogginghose und den dicken Lieblingspulli an. Sie öffnete den Tiefkühlschrank, um die Pizza herauszunehmen. Mit einem Lächeln machte sie sich auf den Weg zu Ferdinand.
Der Kommissar saß zuhause im Sessel, sah fern und dachte an Bianca. Der Kuss kam ihm in den Sinn, aber es fühlte sich an, als wäre es ein anderer gewesen, der die Kollegin und Freundin geküsst hatte. Nein, das war ich nicht, dachte er und lauschte in sich hinein. Freundschaft, nicht mehr, war das, was er fühlte. Zufrieden nickte er.
Als es klingelte, öffnete er und Bianca lief an ihm vorbei in die Küche. Sie nahm die Pizza aus der Schachtel, löste die Folie ab und schob sie in den vorgeheizten Backofen.
„Salamipizza, wenn es in Ordnung ist.“
Ferdinand winkte ab und holte das große runde Brett aus dem Schrank. Sie setzten sich an den Küchentisch und schauten sich an.
„Schieß los!“
Bianca strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und lachte.
„Du kennst mich ziemlich gut, oder? Ich werde gerade verrückt vor Angst, obwohl Eric morgen zurückkommt. Die ganze Zeit war ich relativ ruhig, aber jetzt ist mir wirklich schlecht. Vorhin war ich bei Michael, doch der konnte mich nicht beruhigen. Ich habe ein ganz merkwürdiges Gefühl.“
„Habt ihr denn die ganzen zwei Wochen nicht miteinander telefoniert?“
„Doch, aber ich hatte nicht den Mut zu fragen und Eric hat auch nichts gesagt. Heißt das, er hat jetzt reinen Tisch gemacht? Oder heißt das, er hat sich wieder in sie verliebt? Hat er womöglich niemals aufgehört sie zu lieben?“
„Jetzt mach dich nicht verrückt! Er ist wegen euch dorthin gefahren, nicht wegen ihr. Du musst ihm vertrauen!“
„Ich weiß, aber das Warten ist verdammt schwer. Ich schäme mich, weil ich denke, ich bin nicht gut genug für ihn. Was, wenn er sich für sie entschieden hat? Sie haben eine Menge zusammen durchgemacht.“
„Ich kann verstehen, dass du Angst hast, aber ich denke, das ist unnötig.“
„Mein Bauchgefühl …“
„… kann auch mal falsch sein.“
Bianca seufzte, dann dachte sie an Janosch.
„Es ist so albern, dass ich mir um so einen Kram Gedanken mache.“
Dann erzählte sie von der Begegnung auf ihrer Joggingrunde.
„Weißt du, dagegen fand ich meine Sorgen und Nöte lächerlich. Stell dir vor, du musst sterben und das ganz sicher.“
„Ich stelle mir das furchtbar vor. Wenn ich solch ein Schicksal hätte, wüsste ich nicht, was ich mache.“
Bianca dachte an Alexander, der den alten Mann von seinem Leiden erlöst hatte, aber jetzt schossen ihr die Tränen in die Augen. Ferdinand ließ sie weinen, denn er ahnte, dass Bianca gerade vollkommen durcheinander war. Er kannte die Geschichte, die zwei Kollegen das Leben gekostet hatte. Wenn ich todkrank wäre, dachte er, dann würde ich selbst bestimmen wollen, wie es endet.
„Ich würde kämpfen, bis es nicht mehr geht“, sagte Bianca leise.
Dann war die Pizza fertig und sie aßen schweigend. Zwei Stunden später fuhr Bianca heim und eine bleierne Müdigkeit senkte sich über sie. Sie schloss die Augen und fiel in einen unruhigen Schlaf. Nach langer Zeit träumte sie wieder von Alexander und der Explosion, doch dieses Mal rettete sie Michael und Benedikt, indem sie Alexander erschoss, bevor er das Haus in die Luft sprengen konnte.
3
Janosch hatte sich zuhause wieder einmal an den Computer gesetzt, um nach Möglichkeiten für eine letzte Therapie zu suchen. Er las jeden Artikel, aber alles, was dort publiziert wurde, kam für ihn nicht infrage. In seiner langen Leidenszeit hatte er viel gelernt und sein Freund und Arzt Konrad Knibbel hatte alles gründlich mit ihm besprochen. Janosch war müde, aber da er sowieso keinen erholsamen Schlaf finden würde, recherchierte er unermüdlich weiter. Gegen Morgen war er enttäuscht und gelangweilt, sodass er sogar schon die Werbeanzeigen anklickte.
„So ein Mist, das braucht kein Mensch.“
Plötzlich strahlte ihn eine Frau an, die einen weißen Kittel trug. Der blaue Schimmer, der auf ihren Augenlidern lag, unterstrich die Farbe ihrer Augen. Ein gewinnendes Lächeln umspielte ihre Lippen. Zwei kleine Grübchen gaben ihr ein angenehmes Äußeres, das natürlich und gepflegt wirkte. Das blonde Haar fiel ihr locker über die Schultern. Die Frau gefiel Janosch und so wollte er wissen, wer sie war.
„Eine Ärztin wie es scheint. Moment … hier … ah, Prof. Dr. Ramona Zackig, privates Forschungsinstitut für Onkologie und Hämatologie. Sprechen Sie mit Ihrem Facharzt über eine Überweisung. Aha, diese nette Frau könnte meine Ärztin sein.“
Er las weiter, um herauszufinden, wo sich diese Praxis befand. Über die Finanzierung machte er sich keine Sorgen, denn wofür sonst sollte er sein Geld ausgeben, wenn nicht für den Kampf ums Überleben.
Janosch gab den Namen in die Suchmaschine ein und sein Herz machte einen Sprung: Die Praxis der Ärztin befand sich in Eltville, in einer der Villen am Rande der Stadt. Er atmete hastig aus und ein, weil er das Gefühl hatte, hier die Lösung aller Rätsel gefunden zu haben.
„Mensch!“, rief er laut in die nächtliche Stille. „Sie ist eine Professorin und das auch noch in der Onkologie. Ich muss wissen, was sie für mich tun kann.“
In ihren beiden fachlichen Publikationen, die er entdeckte, ging es hauptsächlich um Leukämie, Lymphdrüsenkrebs und Knochenmarkkrebs. Warum hatte er diese Ärztin nicht längst gefunden? Irgendwie hatte er seine Suche oft schon nach drei Seiten erschöpft abgebrochen. Heute hatte er weiter und weiter gescrollt und so war er auf die Werbeanzeige gestoßen. Weiter unten stand ein anderer Name. Dr. Max Hähmann war anscheinend ihr Partner in der Forschung. Unter seinem Namen tauchten jetzt mehrere Artikel auf, die sich ausschließlich mit der Behandlung von Knochenmarkkrebs beschäftigten. Er hatte bereits zwei Medikamente erschaffen, die einen ganz neuen Ansatz zur Therapie zeigten.
Atemlos las Janosch weiter und es war schon hell, als er wieder Hoffnung auf ein Leben geschöpft hatte. Es hörte sich alles sehr wissenschaftlich an und er wollte sich dieser Wissenschaft ergeben, solange sie ihn retten konnte. Er musste sich einen Termin holen, aber so lange er auch suchte, er fand keine Telefonnummer und auch keine E-Mail-Adresse. Ebenso umsonst suchte er nach einer genauen Adresse.
„Ganz exklusiv also. Na dann, morgen werde ich nach dieser Praxis suchen und der Frau so lange auf die Nerven gehen, bis sie bereit ist, mir zu helfen.“
Janosch spürte die erdrückende Müdigkeit, die in diesem Moment die Euphorie verdrängte. Er schleppte sich ins Bett und schlief augenblicklich ein.
Am späten Nachmittag wachte er auf und als ihm einfiel, was er in der Nacht recherchiert hatte, sprang er aus dem Bett. Er fühlte sich stark und voller Hoffnung. Frisch geduscht und mit einer Scheibe trockenem Toast im Magen rief er Konrad an.
„Janosch, ist etwas passiert? Brauchst du meine Hilfe?“
„Nein, nein, es geht mir gut. Ich habe bis eben geschlafen, weil ich die ganze Nacht im Internet unterwegs war. Stell dir vor, ich habe etwas gefunden!“
„Das freut mich wirklich. Komm her!“
Konrad wohnte nur drei Straßen weiter und Janosch machte sich zügig auf den Weg. Einen Moment später saßen sie in einem gemütlichen Wohnzimmer und tranken Tee.
„Schieß los!“, forderte Konrad seinen Freund auf.
„Kennst du eine Professor Doktor Zackig? Sie hat ein Institut hier in Eltville.“
„Ja, ich kenne den Namen. Doch das ist keine Arztpraxis. Sie behandelt dort keine Patienten, die vorbeikommen und man bekommt auch keinen Termin, als wenn man normal zum Arzt geht.“
„Das ist mir egal, kannst du dafür sorgen, dass sie mich anhört? Du erzählst ihr, dass ich fast schon tot bin und überzeugst sie davon, dass sie mir hilft.“
„Ich kann gerne mal nachfragen. Aber mach dir nicht so große Hoffnungen. Diese Frau arbeitet hauptsächlich in der Forschung.“
„Wenn sie mir damit das Leben rettet, kann sie gerne an mir herumforschen.“
„Warte, ich probiere es. Die Onkologie in Wiesbaden hat ihre Nummer.“
Konrad griff zum Telefon, rief zuerst seinen Kollegen in Wiesbaden und danach die Wissenschaftlerin an. Nach einer halben Stunde, in der Konrad Janoschs Krankheit ausführlich beschrieb, legte er auf.
„Sie sagt, sie ist nicht die richtige Ärztin für dich. Aber sie hat mir drei Kollegen empfohlen.“
Janosch sprang auf und lief auf und ab.
„Was soll das heißen? Wie will sie denn nur von Telefon her wissen, dass sie mir nicht helfen kann? Das ist unterlassene Hilfeleistung!“
„Janosch, bitte beruhige dich. Lass uns morgen früh gleich die drei Ärzte kontaktieren, vielleicht können sie etwas für dich tun.“
Konrad machte sich Sorgen um seinen Freund, der sich hier wohl in etwas verrannt hatte. Janosch setzte sich wieder erschöpft in den Sessel. Sein Atem ging schwer und kalter Schweiß hatte sich auf seiner Stirn gebildet. Mühsam versuchte er sich zu beruhigen.
Dann rollten Tränen der Verzweiflung über seine eingefallenen Wangen und tropften auf seine Knie.
„Sie will mir nicht helfen. Was ist das für eine Ärztin? Was kann man denn noch falsch machen bei mir? Ich krepiere doch so oder so!“
Seine Schultern bebten und Konrad sah ihn voller Mitleid und Schmerz an. Er würde seinem Freund so gern helfen, aber es gab wirklich nichts mehr. Jede neue Chemotherapie oder gar eine Immuntherapie würden ihn töten. Er ging hinüber zum Sessel und legte einen Arm um Janosch.
„Bitte mach, was wir gestern besprochen haben. Genieße die letzte Zeit! Und ich erkundige mich morgen nach den drei Spezialisten. Einverstanden?“
Janosch nickte und erhob sich. Er zog sich die Jacke an und verabschiedete sich. Langsam schlenderte er durch die Stadt. Seine Füße trugen ihn automatisch zu den Villen am Stadtrand. Welches Haus konnte es sein? Irgendwann blieb er stehen und sah durch die schmiedeeisernen Gitter eines großen Tores. Es war längst dunkel. Am Klingelschild stand „R.Z.“ und ein Schauer lief über Janoschs Rücken.
„Das muss es sein. R … Z … Ramona Zackig. Frau Professor, ich komme morgen wieder.“
Er sah das Licht in den Fenstern im Erdgeschoss. Mit einem Seufzen lief er heim.
4
Der Samstagmorgen begann mit viel Licht, das in Biancas Schlafzimmer fiel. Sie hatte vergessen, die Rollläden herunterzulassen. Um zwei Uhr war sie heimgefahren und ins Bett gefallen. Das Gespräch mit Ferdinand hatte ihr gutgetan und sie war bereit für Eric. Es war acht Uhr, in zwei Stunden würde er zurückkommen von der Nordsee und sie musste sich der Angelegenheit stellen.
Eine halbe Stunde später sprang sie aus dem Bett, duschte, machte eine Haarkur, während deren Einwirkzeit sie sich Kaffee kochte und zwei Scheiben Toast in den Toaster schob. Es duftete köstlich und wie zur Bestätigung des schönen Morgens brach die Sonne durch die Wolken.
„Das kann ja nur gut werden“, murmelte sie, als sie den Tisch deckte.
Sie setzte sich und frühstückte. Dabei las sie noch einmal Erics Nachrichten auf dem Handy und versuchte, irgendwelche Worte und Sätze zu entdecken, die ihr Angst machen könnten. Nichts, dachte sie, nichts, worüber ich mich sorgen muss. Er kommt nachher zu mir zurück und dann können wir endlich neu anfangen.
Ferdinands Kuss kam ihr in den Sinn, aber sie konnte die Erinnerung rasch wieder ausblenden. Das Jahr hatte mit Katastrophen begonnen, auch der Fall hatte ihnen alles abverlangt, doch jetzt wollte sie nur noch nach vorne schauen.
Mit Eric an ihrer Seite.
Wenn er heute mit guten Nachrichten heimkam.
Nun schlich sich doch wieder ein leiser Zweifel in ihre Seele und sie musste an ihr letztes Telefonat denken, bei dem sie ein merkwürdiges Gefühl im Bauch hatte. Was war an der Nordsee geschehen?
Bianca hatte sich zusammengerissen, um nicht das gesamte Internet nach Einträgen über diese Violetta Cherney-Ströckwitz zu durchsuchen. Ihre Freundin Riva hatte das vorgeschlagen, als die beiden zwei Stunden miteinander telefoniert hatten. Riva und ihr Mann hatten sich zu einer Reise durch Europa aufgemacht und Bianca vermisste die Gespräche und Abende mit ihr.
Sie hatten am Telefon alles besprochen und Riva hatte ihr unverblümt gesagt: „Wenn sie so aussieht, wie sie heißt, dann musst du ein Auge auf deinen Schatz haben. Hast du schon recherchiert?“
„Nein, ich will das nicht!“
„Tja, meine Liebe, beschwere dich hinterher nicht. Denk nur daran, dass du das bei Eric auch mal hättest tun sollen.“
„Eric hat gesagt, er klärt das und danach können wir uns eine gemeinsame Zukunft aufbauen. Ich vertraue ihm.“
„Da hat sich schon so manche Frau geirrt.“
„Riva! Mach mich nicht verrückt. Wenn ich ihm nicht vertraue, ist das doch wohl keine Basis für eine Beziehung. Nein, nein, ich werde warten, bis er kommt und mir alles sagt.“
„Gut, wenn es schief geht, weißt du ja, wie du mich erreichst. Ich finde zwar, du solltest es anders machen, aber egal, ich halte zu dir.“
„Wann kommst du denn wieder heim? Ich vermisse unsere schönen Abende.“
„Januar, Februar, März, April, Mai … so ist die Planung. Der Januar ist ja schon um. Süße, wir können jederzeit telefonieren. Was machen die Verbrecher?“
„Im Moment sind sie gnädig, zumal ich Ferdinand noch nicht wieder im Büro habe.“
„Der arme Kerl, geht es ihm besser?“
„Ja, viel besser. Sie wollte ihn nicht erschießen, sondern nur aufhalten. Hätte sie ihn töten wollen, hätte Ferdinand keine Chance gehabt. Ich bin froh, dass es ihn noch gibt. Es wäre schrecklich gewesen, auch noch an seinem Grab zu trauern.“
Nach dem Frühstück räumte Bianca auf und sah sich zufrieden um. Noch eine Stunde, also setzte sie sich auf die Couch, schaltete den Fernseher ein und zappte durch die Kanäle.
Pünktlich um zehn Uhr hörte sie den Schlüssel im Schloss, schaltete den Fernseher wieder aus und lief in den Flur. Die Tür ging auf und Eric stand mit Reisetaschen und einem Lächeln vor ihr. Wortlos flog sie in seine Arme. Eric presste Bianca an sich, als würde er sie nie wieder loslassen wollen. Endlich suchte er ihren Mund und küsste sie lange. Dann ließ er sie los, zog seine Jacke aus und hängte sie an den Haken, um Bianca ins Wohnzimmer zu folgen.
„Was für eine Fahrt, wie gut, dass es keine Staus gab. Ich bin so froh, wieder zuhause zu sein.“
Zuhause, dachte Bianca, er hat zuhause gesagt. Das gab ihr direkt ein gutes Gefühl zurück. Sie ließen sich auf die Couch fallen und hielten sich wieder fest. Eric schaute Bianca in die Augen.
„Hast du mich vermisst?“
Sie nickte.
„Du hast mir auch gefehlt. Ich freue mich auf das Leben mit dir.“
„Hast du klären können, was du wolltest.“
„Wir haben uns ausgesprochen, dass unsere Ehe zu Ende ist und dass ich eine neue Frau habe. Wir haben die Scheidung in Angriff genommen.“
Ah, dachte Bianca, das hört sich gut an, aber irgendwie habe ich ein komisches Gefühl.
„Das ist sehr gut, ich möchte nämlich den Rest meines Lebens mit dir verbringen und du sollst mein Mann sein, nicht ihrer.“
„War das gerade ein Heiratsantrag?“, fragte Eric lachend und küsste Bianca auf die Stirn.
„Nein, ich denke, du verstehst, wie ich das meine. Wir müssen nicht heiraten, denn ich fühle mich dir auch so verbunden.“
„Da habe ich aber Glück gehabt.“
„He! Was soll das heißen?“
Bianca knuffte Eric in die Seite.
„Vielleicht mache ich dir irgendwann einen schönen Antrag, aber jetzt ist erstmal wichtig, dass ich geschieden werde, damit das alles im Reinen ist.“
„Was hat sie gesagt?“
„Sie hat mir zugestimmt, dass wir lange genug getrennt sind und wünscht mir … uns alles Gute.“
„Sehr gut. Dann lass uns nicht mehr drüber reden, denn das belastet mich doch sehr.“
„Ich liebe dich und wir gehören zusammen.“
Sein Blick war klar und offen und Bianca beschloss, ihm zu glauben und ihre Zweifel über Bord zu werfen.
„Was machen die Verbrecher?“
„Sie sind im Urlaub.“
„Und Ferdinand?“
„Es geht ihm besser, aber er ist noch krankgeschrieben. Ich arbeite zurzeit mit Hannes und das funktioniert ganz gut. Es ist gerade sehr ruhig und entspannt. Weißt du, als ich auf dich gewartet habe, habe ich mir ständig Sorgen gemacht“, erklärte Bianca ehrlich, „dass du wieder mit deiner Frau zusammenkommst und mein Kopfkino hat mich einigen Schlaf gekostet, da wäre es schon besser gewesen, wenn ein schwerer Fall mich abgelenkt hätte. Aber dann habe ich beim Laufen einen Mann getroffen, der sehr krank ist und bald sterben wird. Er war auf einer Bank zusammengesackt und ich hatte ihm meine Hilfe angeboten. Als ich wieder zuhause war, ist mir in den Sinn gekommen, dass unsere Probleme winzig sind im Gegensatz zu richtigen Problemen. Und da war ich zuversichtlich.“
Jetzt hatte Bianca feuchte Augen und Eric strich ihr sanft über den Rücken.
„Du musst dir keine Sorgen machen, alles wird gut, bei uns jedenfalls. Hast du ihn noch einmal wiedergesehen?“
Bianca schüttelte den Kopf.
„Er hat Krebs und niemand kann ihm mehr helfen. Das tut mir echt leid.“
„Schlimmes Schicksal, vielleicht treffen wir ihn mal und können ihm eine Freude machen.“
„Das wäre eine schöne Sache. Danke, dass es dich gibt und dass unser Leben so gut läuft, auch wenn es mal kleine Hürden gibt.“
Eric ging duschen, danach fuhren sie in den Rheingau zum Mittagessen und der Tag endete nach einem langen Spaziergang auf der Couch. Am Abend rief Bianca Ferdinand an und berichtete von Erics Rückkehr.
5
Janosch stand am Montagmorgen vor dem Tor und schaute auf die Villa, die ein wenig zurückgesetzt unter alten Eichen lag. Seine kalten Hände umklammerten die Gitterstäbe und eine Träne lief ihm über die Wange. Er wusste nicht, ob er einfach klingeln oder abwarten sollte, dass jemand hinauskam.
Seine Überlegungen wurden vom Anblick eines Teenagers unterbrochen. Der Junge, der etwa sechzehn Jahre alt sein musste, hatte die große Eichentür ins Schloss fallen lassen. Er trug einen Helm in der Hand und lief um das Haus herum. Einen Moment später sah ihn Janosch mit einem knatternden Roller auf das Tor zukommen, dessen schmiedeeisernen Gitter sich wie von Zauberhand öffneten. Janosch war zur Seite gesprungen, aber der Jugendliche hielt neben ihm und schob das Visier des Helms hoch.
„Sie müssen klingeln, wenn Sie zu meiner Mutter wollen“, sagte er, tippte sich mit zwei Fingern gegen den Helm und fuhr davon.
Es war halb acht, also war der Junge auf dem Weg zur Schule. Bei der Kälte mit dem Roller, dachte Janosch und schüttelte sich. Wie kam der Junge darauf, dass er zu dessen Mutter wollte? Kamen öfter Patienten ins Haus? Oder waren es nur Lieferanten?
Diese Gedanken beschäftigten Janosch, als er durch das Tor schlüpfte, ehe es geschlossen war. Jetzt stand er in der parkähnlichen Anlage, die im Sommer wohl in allen Farben blühte. Heute war alles trist und grau und die kahlen Bäume reckten ihre Äste in den diesigen Himmel.
Unter seinen Schritten knirschte der Kies, als er auf das Haus zuging. Sein Herz klopfte, denn in seinem Inneren kämpfte die Hoffnung auf Leben mit der Angst, abgewiesen zu werden.
„Hier wohnen Ramona und Kevin und unser Name ist Programm“, las Janosch auf einem Keramikschild neben der Klingel.
Er hatte am Tor nicht geklingelt und nun fand sein Finger den Weg auf den runden Messingknopf. Im Inneren ertönte ein freundliches Geläut mit einer Melodie, die Janosch bekannt vorkam.
Die Frau von der Werbeanzeige öffnete die Tür und sah ihren ungebetenen Gast überrascht an.
„Frau Professor, Ihr Sohn hat mich …“
„Jaja, der Junge ist immer so unvorsichtig. Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?“
Sie hatte die Augenbrauen hochgezogen und ihre Lippen waren ein schmaler Strich.
Janosch hatte sich seine Worte gut zurechtgelegt und sagte: „Ich bin Janosch Brickmann und brauche Ihre Hilfe, denn ich möchte nicht sterben. Bitte weisen Sie mich nicht ab und hören Sie ich an. Es wäre noch besser, wenn Sie sich meine Behandlungsakten ansehen könnten. Ich weiß, dass Sie eine bedeutende Forscherin in Sachen Krebs sind.“
Er war außer Atem und sah die Frau jetzt an. Jedoch antwortete sie nicht, sondern wollte eben die Tür zudrücken. Dann schien sie es sich anders zu überlegen. Sie schnaufte und biss sich auf die Unterlippe.
„Kommen Sie herein. Ich habe wenig Zeit, also müssen Sie schnell reden.“
Erleichtert, die erste Hürde genommen zu haben, trat Janosch in einen Flur. Sofort korrigierte er in Gedanken den Begriff in „Eingangshalle“. Die Frau wies mit der Hand auf eine Sitzgruppe und Janosch setzte sich auf die Sesselkante.
„Einen Moment, ich komme sofort.“
Während Janosch betete, dass sie ihm helfen konnte, telefonierte Ramona Zackig mit ihrem Forschungspartner, der heute im Labor arbeitete.
„Kevin hat einen Mann aufs Grundstück gelassen. Er ist krank und wird sterben. Denkst du, wir können ihm helfen? Er ist Mitte … Ende dreißig, vielleicht sollten wir mal …“
Am anderen Ende wurde gesprochen. Dann legte sie auf und nickte. Sie zog sich einen Kittel über und ging zurück zu Janosch, der immer noch mit geschlossenen Augen unbeweglich auf der Kante des Sessels hockte. Sie sprach ihn an und er folgte ihr in eine Art Büro. Janosch achtete nicht auf die Einrichtung, nicht auf das sagenhafte Licht, das aus dem Garten hereinfiel, sondern konzentrierte sich vollkommen auf seine Hoffnung. Es konnte nur gut werden, denn er saß vor der Frau, die an einem Heilmittel gegen Krebs arbeitete.
„Ich habe recherchiert, immer und immer wieder, Frau Professor, ich gebe nicht auf. Austherapiert ist nur ein Wort. Sie können gerne alles mit mir machen, wenn ich nur eine winzige Chance habe zu überleben.“
„Herr Brickmann, ich verstehe, dass Sie alles tun wollen, was möglich ist und Ihr Vertrauen macht mich ein wenig verlegen, aber ich denke, Sie können auch Ihren Ärzten vertrauen. Wenn es etwas geben würde, was Sie retten kann, würden die Ihnen das nicht vorenthalten.“
„Bitte, hier sind meine Unterlagen, Sie müssen sich ja nicht heute entscheiden. Bitte lesen Sie alles und überlegen Sie, ob es nicht doch einen Weg gibt. Sie können auch irgendwas Neues an mir testen.“
Janosch hatte einen Ordner aus seiner Tasche genommen und ihn auf den Tisch gelegt.
„Bitte, ich flehe Sie an.“
„Ich werde mir alles ansehen, versprochen.“
„Oh danke!“
„Nein! Stopp! Nicht so voreilig. Ich sehe mir Ihre Unterlagen an, aber ich kann für nichts garantieren. Kommen Sie morgen noch einmal her. Passt Ihnen neun Uhr?“
„Natürlich! Wenn ich etwas zur Genüge habe, dann ist das Zeit.“
„Haben Sie jemanden, der für Sie sorgt?“
Sie lächelte freundlich und für Janosch war das ein gutes Zeichen. Sie interessierte sich für ihn, nahm Anteil. Er schüttelte den Kopf.
„Ich bin allein. Meine Mutter leidet an Demenz und ist in einem Pflegeheim, mit meiner kinderreichen Schwester habe ich keinen Kontakt. Sie sagt immer, sie wolle mich nicht belasten, aber ich fürchte, ich soll eigentlich sie nicht mit meinem Krebs belasten.“
„Das ist sehr schade. Wenn man niemanden hat, fühlt man sich noch schlechter. Keine Frau? Kinder?“
„Nein, ich lebe allein.“
„Freunde, die sich kümmern?“
„Nein, mein einziger Freund ist auch mein Hausarzt. Wir waren schon vorher Freunde, ich meine, bevor ich krank wurde. Mit ihm kann ich über alles reden, er ist mein Vertrauter. Er hat mich ermutigt herzukommen. Sie haben schon mit ihm telefoniert.“
„Ah ja, das ist gut. Dann möchte ich Sie jetzt hinausbitten. Ich muss arbeiten. Morgen um neun?“
Janosch stand auf, bedankte sich nochmals und verließ nickend das Büro. Draußen atmete er tief durch und spürte Euphorie. Der Drang zu leben und darum zu kämpfen machte ihn stark und jetzt kam eine neue Hoffnung ins Spiel.
„Ich werde überleben!“
Er drehte sich um sich selbst und boxte in die Luft.
„Du Scheiß-Krebs bekommst mich nicht, das schwöre ich!“
Mit energischen Schritten lief er heim, frühstückte und zu seinem großen Erstaunen musste er sich nicht übergeben. Er fühlte sich lebendig und gut.
Am nächsten Morgen klingelte Janosch am großen Tor. Es war Punkt neun Uhr und er hatte sich sogar ein Hemd angezogen. Mit klammen Fingern hielt er den Mantel am Hals zusammen. Ein Summen ertönte und das Tor sprang auf. Janosch lief über den Kiesweg zum Haus und dort erwartete ihn Ramona bereits.
„Treten Sie ein, Herr Brickmann.“
Als sie im selben Büro wie gestern saßen, war das Lächeln der Frau verschwunden. Sie setzte sich, rückte einen Ordner zurecht und sah Janosch ernst an.
„Ich habe mir ihre Unterlagen angesehen. Leider bin auch ich nicht in der Lage Ihnen zu helfen. Glauben Sie mir, wenn ich könnte, würde ich Ihnen eine Therapie mit einem neuartigen Medikament anbieten, aber es passt nicht zu Ihrer Erkrankung.“
Janosch schluckte.
„Bitte“, flüsterte er, „es ist doch egal, wenn ich daran sterbe, aber Sie müssen mir helfen. Sie sind meine letzte Hoffnung.“
Ramona beugte sich über den Tisch und griff nach Janoschs Hände. Er zuckte zusammen und entzog sie ihr rasch.
„Das kann nicht sein“, murmelte er, „Sie können mich doch nicht hängenlassen. Ich habe all Ihre Beiträge studiert, auch die, bei denen Sie mit Ihrem Kollegen zusammengearbeitet haben. Es passt ganz sicher. Ich habe volles Vertrauen.“
„Herr Brickmann, es tut mir unendlich leid. Das Medikament, an dem wir forschen, würde Ihnen nicht helfen. Aber ich verspreche Ihnen, dass ich mich umgehend melde, wenn ich eine Therapiemöglichkeit finde.“
„Gibt es denn noch etwas?“
Janosch sah sie mit großen Augen an. Er zitterte.
„Wie gesagt, ich werde weiter danach suchen. Vielleicht gibt es im Ausland eine Möglichkeit.“
„Geld spielt keine Rolle. Ich bin vermögend. Das einzige, was ich nicht habe, ist Lebenszeit. Meine Kräfte werden täglich weniger. Obwohl, als ich gestern dachte, Sie könnten mich retten, ging es mir sehr gut.“
„Ich verstehe Sie.“
Ramona stand auf, um Janosch anzuzeigen, dass das Gespräch beendet war.
„Sie haben aber ein Medikament?“
„Es ist noch in der Erprobungsphase.“
„An Menschen? An Betroffenen?“
„Nein, soweit sind wir noch lange nicht. Im Moment würde es Ihr Leiden verschlimmern.“
„Vielleicht vertrage ich es ja gut?“
„Herr Brickmann, bitte gehen Sie jetzt. Wir arbeiten unter Hochdruck an dem Material, aber es dauert.“
Janosch stand auf und schlurfte zur Tür. Die Energie, die ihn gestern in Hochstimmung versetzt hatte, war fort. Er fühlte sich wieder krank und schwach. Missmutig drehte er sich noch einmal um.
„Bitte beeilen Sie sich. Ich kann nicht mehr lange warten.“
„Ich verspreche es, auf Wiedersehen.“
Janosch schleppte sich nach Hause und legte sich auf die Couch. Er schloss die Augen und fühlte sich ausgebrannt und erschöpft. Tränen liefen aus seinen Augenwinkeln, aber er spürte sie nicht.
6
„Ich kann das so nicht hinnehmen!“
Roland Micker stand vor Bianca und gestikulierte wild mit den Händen vor ihrem Gesicht herum.
„Kommen Sie doch bitte in mein Büro. Dort können Sie mir ganz genau erklären, wie wir Ihnen helfen können.“
Sie führte den Mann den Flur entlang und ließ ihn eintreten. Er setzte sich, sprang aber gleich wieder auf und lief hin und her. Bianca seufzte.
„Bitte setzen Sie sich, Herr Micker, ich höre Ihnen jetzt zu und dann entscheiden wir, was wir tun.“
Der Mann, der Anfang vierzig zu sein schien, atmete ein und aus, setzte sich und riss sich die Jacke von den Schultern.
„Mann! Ich bin gleichzeitig traurig und wütend. Meine Mutter war in einer guten Verfassung. Sie wäre niemals einfach gestorben.“
„Seit wann wird Ihre Mutter von diesem Pflegedienst betreut?“
„Ich war ein Jahr in Amerika und wir hatten uns geeinigt, dass sich, solange ich fort bin, jemand um sie kümmert. Meine Mutter wollte nicht ins betreute Wohnen – denn das wäre auch eine Alternative gewesen - also haben wir sie in ihrem Zuhause gelassen und den Pflegedienst organisiert.“
„Wie alt war Ihre Mutter und warum musste sie betreut werden? War sie krank?“
„Sie war dreiundsiebzig, das ist doch noch kein Alter. Sie war nicht mehr so gut zu Fuß, tat sich schwer mit dem Einkaufen und konnte nicht lange stehen. Aber sonst war sie absolut gesund. Keine Herzkrankheit, kein Krebs, nichts. Man stirbt doch nicht daran, dass man nicht mehr richtig laufen kann.“
„Da gebe ich Ihnen Recht. Welche Todesursache hat man Ihnen mitgeteilt?“
„Herzversagen. Das ist Bullshit. Die haben irgendwas versaut und jetzt wollen sie alles vertuschen. Aber nicht mit mir. Ich möchte diesen Pflegedienst anzeigen.“
„Sie sagen, die hätten etwas versaut … nahm Ihre Mutter Medikamente?“
„Einreibung und ab und zu mal ein Schmerzmittel.“
„Also kann man eine falsche Medikation ausschließen.“
„Das sag ich doch.“
„Herr Micker, ich werde den Fall aufnehmen und untersuchen. Es kommt schon mal vor, das alte Menschen plötzlich sterben, aber ich glauben Ihnen, wenn Sie sagen, dass Ihre Mutter nicht so krank war. Gerne würde ich Ihnen raten, sich zu beruhigen, aber ich denke, das wird Ihnen sehr schwerfallen. Versuchen Sie es trotzdem, das mit Ihrer Mutter tut mir sehr leid.“
„Danke, Frau Kommissarin, ich hoffe, Sie können denen das Handwerk legen, ehe noch andere Menschen sterben.“
Er kratze sich am Kopf und stand auf. Dann berichtete er von dem guten Verhältnis, das er schon immer zu seiner Mutter hatte.
„So klar bin ich schon, dass ich weiß, dass alte Menschen sterben. Doch meine Mutter … wissen Sie … ich hatte ein ganz merkwürdiges Gefühl gehabt, als die mich angerufen haben. Wir wollten den Umzug in mein Haus planen, denn ich bin jetzt wieder ganz in Deutschland, und dann kam die Nachricht von ihrem Tod. Sie hatte sich so gefreut, dass sie bei mir wohnen kann.“
Bianca nickte und sah Roland Micker hinterher. Rotraude Micker, seine Mutter, war tot. Die Kommissarin hatte schon so manches Mal darüber nachgedacht, ob der Tod eines alten Menschen immer eine natürliche Ursache hatte, aber das war ein kompliziertes Thema, über das man gerne schwieg.
Jetzt öffnete sich die Tür und Hannes kam mit einer Tüte vom Bäcker herein. Er pfiff fröhlich vor sich hin und setzte sich.
„Mach bitte Kaffee für das Frühstück. Gleich bekommen wir Besuch.“
„Oh, wer kommt denn?“
„Überraschung.“
Bianca hantierte an der Kaffeemaschine und holte Tassen aus dem Schrank.
„Wie viele?“
„Was?“
„Überraschungsbesucher.“
„Nur einer.“
Er grinste und fuhr den Computer hoch.
„Gibt es neue Fälle?“
„Ein Mann ist überzeugt davon, dass der Pflegedienst seine Mutter auf dem Gewissen hat.“
„Ach komm, alte Menschen sterben manchmal.“
Bianca berichtete, was sie von Roland Micker erfahren hatte und nun schüttelte Hannes nachdenklich den Kopf.
„Glaubst du ihm? Was sagt dein Bauchgefühl?“
„Ich … wir werden denen mal auf den Zahn fühlen. Vielleicht ist etwas dran. Es könnte ja sein, dass Medikamente vertauscht oder fälschlich verabreicht wurden. Das ist sicher schon öfter passiert.“
Es klopfte und mit einem breiten Grinsen trat Ferdinand ein. Er trug einen Blumenstrauß in der einen und eine Pralinenschachtel in der anderen Hand. Beides legte er auf den Tisch und begrüßte die Kommissare.
„Mann Leute, mir ist furchtbar langweilig und da dachte ich mir, ich komme mal vorbei, bevor ich zum Arzt zur Kontrolle fahre.“
Bianca lachte und umarmte ihn herzlich.
„Willkommen im Büro, Besuch darf gern sein, arbeiten aber nicht, mein Freund.“
Ferdinand sank entmutigt auf den Stuhl, den Hannes an den Tisch geholt hatte.
„Och nein, ich dachte, ihr könntet mir mit spannenden Verbrechen ein wenig Ablenkung verschaffen. Ich habe das ganze Fernsehen leer geguckt und auf Lesen habe ich auch keine Lust mehr, Sport darf ich noch nicht machen und es ist absolut gar nichts los, wenn ich aus dem Fenster schaue. Also bitte! Erzählt mir, was es Neues gibt.“
Bianca goss Kaffee ein und berichtete dabei von Roland Micker und seiner toten Mutter.
„Denkst du, er hat recht?“
„Möglich ist alles. Eine Verwechslung, dann das Verschweigen und wenn so ein Opfer keine Angehörigen hat, die nach ihm sehen, dann ist es einfach tot und kein Hahn kräht danach.“
„Aber der Sohn ist doch nicht fort.“
„War er aber. Er hat sich ein Jahr in Amerika aufgehalten und wenn seine Mutter in diesem Zeitraum gestorben wäre, hätte es ihn vielleicht nicht so verwundert.“
„Hm, merkwürdig. Werdet ihr ermitteln?“, wollte Ferdinand wissen. „Es muss ja einen Totenschein geben.“
„Wir müssen, denn Herr Micker hat Anzeige erstattet. So kann er wenigstens erreichen, dass der Fall nochmal untersucht wird.“
„Wann ist sie gestorben?“
„Gestern früh, als er mit ihr frühstücken wollte, lag sie tot im Bett. Morgen sollte die Einäscherung sein, die Frau Micker angeblich in einem Schreiben für den Pflegedienst im Falle ihres Todes gewünscht hat. Ich habe gar keine Ahnung, wie das alles funktioniert, darum muss ich mich erstmal schlau machen.“
„Das kann ich doch machen!“
Ferdinand sah Bianca so sehnsüchtig an, dass sie lachen musste. Er langweilte sich anscheinend wirklich und diese kleine Aufgabe konnte er von zuhause erledigen, also nickte sie. Ferdinand freute sich sichtlich und auch Hannes fand die Idee gut.
„Dann kümmere du dich um die Informationen über die Einäscherung und wir leiten eine Obduktion in die Wege.“
Ferdinand grinste.
„Ich habe schon eine super Idee. Jetzt muss ich zum Arzt zur Abschlussuntersuchung. Ich hoffe, er erlaubt mir bald wieder arbeiten zu gehen.“
„Was hast du vor?“, fragte Bianca.
„Ich könnte mir ja einen Pflegedienst kommen lassen, denn schließlich bin ich sehr krank.“
Bianca lachte.
Hannes sagte trocken: „Na, nicht, dass du dann beim Pathologen im Eisfach landest.“
Ferdinand zwinkerte und verließ das Büro. Bianca setzte sich an den Schreibtisch.
„Gut, dann ruf du mal unseren Dr. Jonn an und ich fahre in die Staatsanwaltschaft wegen der Obduktion.“
7
Janosch saß bei Konrad Knibbel und erzählte ihm unter Tränen von der Reaktion der Professorin.
„Sie wollte mir nicht helfen, glaube mir, sie war erst freundlich, dann plötzlich unterkühlt.“
„Ach Janosch, sie wird viel Arbeit haben, wenn sie in der Krebsforschung tätig ist. Das heißt doch nicht direkt, dass sie nicht freundlich ist.“
„Doch, ich bin mir ganz sicher, aber ich weiß nicht, wieso sie auf einmal so anders war. Es fühlte sich an, als hätte sie in einem Moment noch Zuversicht vermittelt und auf einmal war ich ihr egal. Kennst du die Frau? Seid ihr euch mal begegnet?“
„Ich kenne ihren Namen, aber begegnet sind wir uns noch nie. Sie soll eine Koryphäe auf ihrem Fachgebiet sein, aber sie ist nicht Gott. Janosch, wenn sie dir nicht helfen kann, dann keiner.“
„Vielleicht mochte sie mich nicht. Aber du … Konrad, du bist ein Arzt, kannst du sie nicht nochmal anrufen und davon überzeugen, dass sie mir hilft?“
Janosch hatte sich die Tränen abgewischt und sah seinen Freund hoffnungsvoll an. Konrad fühlte sich schlecht und unfähig, denn er wusste, dass er seinem besten Freund nicht mehr helfen konnte. Er hatte ihm nie gesagt, dass er sich fühlte, als sei er der Verkünder und gleich auch der Vollstrecker des Todesurteils. Es war, als würde er selbst Hand anlegen und Janoschs Leben beenden. Aber Janosch war in einem schlechten Zustand, da wollte er ihn nicht noch mit seinen Alpträumen belasten.
Wie ferngesteuert und um seinen Freund nicht noch mehr zu enttäuschen griff er erneut zum Hörer. Er horchte ins Telefon, aber niemand meldete sich.
„Sie ist sicher im Institut um diese Zeit. Ich versuche es später noch einmal. Wollen wir heute Abend zusammen essen gehen?“
„Essen? Seit sie mir die Hoffnung genommen hat, bleibt nichts mehr drin. Willst du zuschauen, wie ich auf den Tisch kotze?“
„Ach Janosch, hör auf. Wir sind Freunde und die unternehmen mal was zusammen. Wenn du nicht essen willst, mach einen Vorschlag.“
Janosch schämte sich plötzlich, weil er seinen einzigen Freund vor den Kopf gestoßen hatte und wollte es wiedergutmachen.
„Es tut mir leid, komm doch zu mir, dann schauen wir einen Film oder spielen etwas. Du kannst dir ja eine Pizza bestellen.“
„Gut, also bis später.“
Konrad lächelte und nahm sich vor, gleich noch einmal bei der Frau anzurufen, um sich zu erkundigen, ob sie nicht doch in absehbarer Zeit eine Hilfsmöglichkeit sehen würde, Janoschs Leben zu retten oder wenigstens zu verlängern.
Er stand auf und begleitete Janosch zur Tür. Die Sprechstundenhilfe sah ihn an und wartete auf sein Nicken, dass der Arzt den nächsten Patienten sehen wollte, aber Konrad schüttelte den Kopf und hob die Hand. Er ging zurück ins Behandlungszimmer und drückte die Wahlwiederholung. Dieses Mal ging Prof. Dr. Zackig dran.
Konrad erklärte, warum er anrief.
„Es tut mir sehr leid für Ihren Freund“, sagte Ramona und Konrad spürte deutlich ihre Distanz.
„Ich weiß, dass Janoschs Leben bald vorbei sein wird und habe ihn gebeten, noch einmal zu leben und das zu tun, was er immer schon mal machen wollte, aber ich denke, dazu hat er jetzt schon keine Kraft mehr. Bitte, Frau Professor, wenn es auch nur ein Prozent Hoffnung gibt, dann helfen Sie ihm.“
„Ich habe Ihrem Freund schon genauestens geschildert, dass wir kein Mittel haben, das zu seinen Krankendaten passt.“
„Können Sie ihm wenigstens Zeit verschaffen? Einen Aufschub?“
„Gott gibt auch keinen Aufschub, wenn er denkt, dass das Ende kommt, aber ich werde mir noch ein weiteres Mal die Akten ansehen. Ich melde mich bei Ihnen, wenn mir etwas einfällt. Und jetzt muss ich weiterarbeiten.“
Sie legte auf, ohne weiter auf Konrad einzugehen. Nach dem Telefonat war er erschüttert. Genauso wie Janosch hatte nun auch er das Gefühl gehabt, dass er mit einer eiskalten Person geredet hatte. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Wie konnte man als Ärztin so sein? Sie hatten alle einen Eid geschworen, aber der Frau Professor waren wohl Ehrfurcht und Menschlichkeit verloren gegangen. Seufzend beschloss er, Janosch nichts von dem Gespräch zu erzählen, solange sie sich nicht meldete. Er rief in seiner Lieblingspizzeria an und bestellte für halb acht eine große Salamipizza, die sie zu Janosch liefern sollten. Zufrieden, wenigstens den Abend mit seinem Freund verbringen zu können, ließ er den nächsten Patienten aufrufen.
Janosch hatte sich unterdessen auf den Heimweg gemacht. Es war erst Mittag und bis zum Treffen mit Konrad war noch viel Zeit, also beschloss er, zur Villa von Prof. Dr. Zackig zu fahren und sie im Auge zu behalten. Er nahm sein Auto und stellte sich auf ein paar Stunden Beobachtung ein.
Ein winziges Lächeln flog beim Einparken über sein Gesicht, fühlte er sich doch sofort wie ein Detektiv, der eine wichtige Observation durchführte. Er trank einen Schluck Wasser und sah auf das große Tor. Eine Weile passierte nichts, nur ein Eichhörnchen lief emsig hin und her, um für den Rest des Winters vorzusorgen.
„Bald kommt der Frühling … ob ich den noch erlebe?“, murmelte Janosch, als sich plötzlich das Tor öffnete und eine dunkle Limousine herausfuhr.
Er bildete sich ein, Ramona hinter den getönten Scheiben erkannt zu haben. In einem Anflug von Neugier folgte er dem Wagen bis ins Erbacher Industriegelände, wo er hinter einem anderen undurchdringlichen Gittertor wieder verschwand. Es war zur Seite gefahren und schloss sich in dem Moment, als Janosch die Handbremse anzog.
Voller Enttäuschung sah er, dass aus dem Auto nicht Ramona ausstieg, sondern ein drahtiger Mitvierziger, der seinen Anzug glattstrich, die Aktentasche unter den Arm klemmte und in einem flachen Gebäude verschwand.
Janosch wusste nicht, wer er war und was er dort tat, also fuhr er zurück zur Villa, um gerade noch zu sehen, dass Ramonas Sohn mit dem Moped auf das Grundstück fuhr. Es war ein Uhr und er schien aus der Schule zu kommen. Janosch starrte Haus und Tor an, aber in den nächsten zwei Stunden kam nur noch die Post und ansonsten passierte nichts. Er wollte eben nach Hause fahren, da traten Ramona und ihr Sohn aus dem Haus, setzten sich ein einen Sportwagen und einen Augenblick später sah er, wie das Fahrzeug durch das Tor rollte. Mutter und Sohn schienen guter Laune, denn er sah, wie sie lachend den Kopf zurückwarf.
Janosch spürte einen Stich im Herzen. Es war Eifersucht - auf das Glück der beiden Menschen, auf ihre Fröhlichkeit, ihre Unbeschwertheit, aber besonders auf ihr LEBEN, das sicher noch lange dauern würde.
Irgendwann, lange vor seiner Krankheit hatte er auch mal daran gedacht, eine Familie zu gründen. Heiraten, Kinder kriegen, reisen und leben, das waren seine Träume. Jetzt ging es nicht mehr. Selbst wenn er eine Frau kennenlernen würde, die ihn wollen würde, er könnte es nicht. Niemals würde er einer Frau zumuten, mit seiner Krankheit zu leben. Er wollte kein Mitleid, weil er in der letzten Zeit gelernt hatte, dass es oft nur geheuchelt war. Niemand wollte Geschichten über Schmerzen und Leiden hören. Und er, Janosch, wollte niemandem zur Last fallen. Irgendwann würde er in einem Bett liegen, sabbern, stinken und sterben. Wer, zum Teufel, würde so etwas aushalten?
Kopfschüttelnd startete Janosch den Wagen und fuhr heim. Er war erschöpft, hatte Durst, trank ein großes Glas kaltes Wasser in einem Zug leer und bereute es direkt, denn er musste ins Bad rennen und sich übergeben.
„Scheiße“, stöhnte er und seine Stimme klang merkwürdig dumpf in der Kloschüssel. „Wenn ich nicht am Krebs verrecke, werde ich verhungern.“
Janosch schloss die Augen, legte den Arm auf die Klobrille und den Kopf auf den Unterarm. So saß er fünf Minuten, dann konnte er endlich wieder aufstehen und ins Wohnzimmer gehen. Er legte sich auf die Couch und wartete auf Konrad.
8
Bianca wurde ihr merkwürdiges Gefühl nicht los, dass an Ronald Mickers Verdacht etwas dran sein könnte. Mit Ungeduld hatte sie den Bericht aus der Gerichtsmedizin erwartet. Endlich rief Dr. Jonn an und sie eilte zu ihm. Hannes hatte sich gemeldet, dass er noch in Frankfurt vorbeischauen würde, denn der Pflegedienst hatte dort viele Klienten. Er wollte die Kollegen fragen, ob es dort in der letzten Zeit Beschwerden gegeben hatte.
„Guten Morgen!“, schmetterte Bianca dem Gerichtsmediziner entgegen.
„Du hast ja gute Laune. Sei nur nicht sauer, wenn ich sie dir jetzt verderbe.“
„Warum das? Hast du nichts gefunden? Ist die alte Dame wirklich einfach nur gestorben?“
„So leid es mir tut, es macht den Anschein, als irre sich der Sohn. Sie starb an einem plötzlichen Herzversagen. Jedoch in einem stimme ich ihm zu: Sie war kerngesund, bis auf ihre Knochen, aber das gibt es im Alter öfter. Ihr Herz war in Ordnung, es hat nur aufgehört zu schlagen.“
„Das hört sich an, als wäre es ein schöner Tod, aber es macht mir auch Angst. Ich gehe einkaufen oder ins Kino und dann hört mein Herz auf zu schlagen? Ich kann niemanden auf meinen Tod vorbereiten? Alle trifft es völlig überraschend? Ich kann nicht einmal den Film zu Ende schauen? Und im Supermarkt zwischen der Käsetheke und dem Waschmittel zu sterben, stelle ich mir nicht schön vor.“
„Liebe Bianca, du stirbst nicht. Dass du den Schuss überlebt hast, beweist, dass du noch nicht dran bist. Dennoch kann es jedem passieren. Ohne Vorwarnung. Ohne Ansage vom Meister mit der Sense: Bitte halten Sie sich bereit, Sie sterben in sieben Minuten.“
Ein Schauer lief über Biancas Rücken, denn das Gespräch war für sie alles andere als lustig. Sofort waren die Bilder des einstürzenden Hauses in ihrem Kopf und ihr Gesicht verdüsterte sich. Dr. Jonn wusste, woran sie dachte.
„Das kam auch unerwartet, aber es ist ähnlich einem plötzlichen Herzversagen. Wir können nie wissen, wann er uns holt.“
Jetzt musste die Kommissarin an den Mann vom Rheinufer denken und erzählte dem Gerichtsmediziner davon.
„Das finde ich noch schlimmer.“
„Man weiß nicht, ob man den nächsten Tag überlebt.“
Bianca nickte.
„Du gehst abends ins Bett und bist nie sicher, ob du an nächsten Morgen wieder aufstehst. Und dann ist der Mann allein. Nicht, weil er ein Einsiedler ist, im Gegenteil, er hätte schon gerne Menschen um sich, doch er will sie nicht belasten. Die Familie weiß nicht, wie sie mit der Krankheit umgehen soll. Darum meldet sich seine Schwester auch so wenig wie möglich. Ihre Kinder könnten ja Fragen stellen und sie selbst müsste sich mit dem nahenden Tod ihres Bruders auseinandersetzen. Ich möchte solche Gedanken auch gerne verdrängen.“
„Das kann ich gut verstehen. In meinem Job wäre das nur ungünstig.“
Sein Lächeln vertrieb die bösen Gedanken, es war voller Wärme, und das war in Anbetracht der kühlen, sachlichen Umgebung schon eine Leistung. Bianca fand den Weg zurück zu Rotraude Micker.
„Dann bleibt es beim natürlichen Tod, obwohl ich ein ungutes Bauchgefühl habe.“
„Ja, aber du kannst trotzdem ein bisschen nachforschen, vielleicht wurde doch nachgeholfen. Die Unterlagen sind schon in der Staatsanwaltschaft. Euer Exemplar liegt auf deinem Schreibtisch, wenn du wieder im Büro bist.“
Bianca nickte erneut und verließ die Gerichtsmedizin. Sie machte sich entschlossen auf den Weg zur Staatsanwaltschaft, um zu schauen, wer für den Fall zuständig war. Eric war nicht erreichbar, aber sie hatten am Abend zuvor schon geklärt, dass es nicht sein Fall war.
Am Empfang erfuhr sie, dass sich eine neue Staatsanwältin damit beschäftigte. Die Kommissarin lief durch die Flure, bis sie vor einer offenen Tür stand. Am Schreibtisch saß eine umwerfend schöne Frau Anfang vierzig und wollte gerade einen Stapel Akten zum Regal bringen.
Auf einem Schild neben der Tür stand: Violetta Cherney-Ströckwitz. Das Blut fror in Biancas Adern und sie hörte auf zu atmen. Die Frau mit den wallenden blonden Locken hatte sie noch nicht gesehen, also ging die Kommissarin einen Schritt zurück. Sie zitterte.
Konnte das möglich sein? War das tatsächlich Erics Frau? Hatte sie sich nur verlesen oder eine Fata Morgana war ihr erschienen? Wusste Eric davon?
Bianca schüttelte sich, holte tief Luft und schaute noch einmal auf das Schild. Es war keine Fata Morgana. Der Name stand dort in schwarze Buchstaben gemeißelt und es zerriss ihr das Herz. Wie konnte sie gegen eine solche Frau gewinnen? Dass hier gar kein Spiel gespielt wurde, fiel ihr in dem Moment nicht ein. Unerbittlich klopfte ihr Herz und sie fühlte sich klein und hässlich.
Sie trat erneut einen Schritt zurück und rief sich zur Ordnung. Es würde eine ganz einfache Erklärung dafür geben, dass sie ausgerechnet jetzt vor ihrem lebendig gewordenen Alptraum stand. Mit erhobenem Kopf klopfte sie und die Frau am Schreibtisch sah sie freundlich an.
„Guten Morgen, man sagte mir, dass sie die zuständige Staatsanwältin im Fall Rotraude Micker sind.“
„Ja, das bin ich. Kommen Sie bitte näher“, sagte eine sanfte Stimme, die vor Gericht sicher jeden aus dem Konzept brachte. „Wer sind Sie denn?“
„Ich bin Bianca Verskoff von der Kripo Eltville.“
Die Augen der Frau wurden für einen winzigen Moment schmaler, aber dann lächelte sie wieder. Bianca spürte, wie starr und angespannt sie sein musste und sah sich im Büro um. Alles war ordentlich und sauber, die Einrichtung neutral, ohne Schnörkel. Eine einzige große Grünpflanze schaukelte neben dem gekippten Fenster im Luftzug. Violetta trug ein dunkelblaues Kostüm, eine weiße Bluse und Schuhe mit halbhohen Absätzen.
„Ich bin Violetta Cherney-Ströckwitz. Bitten nehmen Sie doch Platz.“
Hatte sie den Namen Ströckwitz extra betont? Bianca setzte sich an die andere Seite des Schreibtisches. Sie konnte sich nicht wehren: Sie mochte diese Frau. Eine unglaubliche Welle von Sympathie durchflutete ihren Körper.
„Sie sind Erics Freundin, nicht wahr?“, sprach die sanfte Stimme und zeigte eine Reihe wunderbarer weißer Zähne. „Ich bin mit ihm verheiratet.“
Das war alles so unwirklich, dass es Bianca schwindelig wurde.
Ohne Ankündigung wechselte die Staatsanwältin das Thema: „Sie kommen wegen der Anzeige, die Ronald Micker gemacht hat, in der er behauptet, dass seine Mutter eines nicht natürlichen Todes gestorben ist und dafür soll der Pflegedienst verantwortlich sein.“
„Ja“, antwortete Bianca mit kratziger Stimme. „Ich habe mir seine Beweggründe angehört und fand seinen Verdacht durchaus glaubwürdig.“
„Das finde ich ganz und gar nicht.“
„Ach …“
Bianca wusste nicht, was sie sagen sollte. Wenn Dr. Rosenschuh gegen sie gearbeitet hatte, war in ihr stets der Kampfgeist erwacht, aber hier, vor Erics Ehefrau, war sie kleinlaut und hasste sich dafür.
„Frau Verskoff, es gibt ein gerichtsmedizinisches Gutachten, dass die natürliche Todesursache bestätigt. Also gibt es keinen Fall. Ich habe ihn bereits zu den Akten gelegt. Sie müssen sich nicht weiter bemühen.“
Biancas Sympathie begann zu bröckeln und machte Platz für Widerstand.
„Es könnte doch sein, dass jemand der alten Dame, die vollkommen gesund war, ein falsches Medikament verabreicht hat, was man nicht mehr nachweisen kann.“
Violetta setzte ein strahlendes Gönnerlächeln auf.
„Frau Verskoff, man kann nie sicher sein. Aber hier ist die Beweislage klar. Sie haben bestimmt noch andere Fälle, die auf Sie warten. Der Fall Micker ist keiner mehr. Ich danke Ihnen, dass Sie hergekommen sind und finde es schön, dass wir uns mal persönlich treffen konnten. Vielleicht können wir mal zusammen essen gehen. Eric und ich müssen viel besprechen, bitte grüßen Sie ihn ganz lieb von mir.“
Die Welle der Sympathie war in sich zusammengefallen und am Strand ins Nichts gelaufen. Bianca lächelte so gut wie möglich und verließ das Büro. Am liebsten hätte sie jetzt die Laufschuhe angezogen und wäre bis zum Mond gerannt, aber mit dem Ende der Welle war ihr Kampfgeist wieder aufgetaucht.
„Du bekommst ihn nicht“, flüsterte sie vor der Tür, doch der Schmerz brannte in ihrer Seele.
9
Hannes runzelte die Stirn, als er Bianca im Büro vor dem Fenster stehen sah. Ihre Haltung machte den Eindruck, als hätte sie eine schwere Last zu tragen. Als sie sich umdrehte, war sie blass und ihre Augen waren vom Weinen gerötet.
„Was ist passiert?“
„Sie hat den Fall zu den Akten gelegt.“
„Wer?“
„Die neue Staatsanwältin.“
„Oh, wir haben eine neue Staatsanwältin?“
„Jetzt tu nicht so, als hättest du es nicht gewusst. Du bist Erics bester Freund.“
Hannes ging zu Bianca, sah sie direkt und offen an.
„Ich verstehe nur Bahnhof. Was hat das mit mir und Eric zu tun?“
„Die neue Staatsanwältin ist Erics Ehefrau.“
Das Schweigen hing über ihnen wie eine schwarze Wolke, aus der sich im nächsten Moment ein Gewitter stürzen würde.
„Ich verstehe nicht …“
„Sie ist hier. Und sie will Eric.“
Hannes setzte sich an den Schreibtisch und raufte sich die Haare.
„Das kann nicht sein. Sie ist doch an der Nordsee.“
„Nein, Hannes, sie ist hier. Ich bin eben ein klein wenig gestorben.“
Bianca fasste die Begegnung in der Staatsanwaltschaft kurz zusammen und setzte sich ihrem Kollegen gegenüber.
„Du wusstest nichts davon?“
„Nein, ich schwöre es dir. Vielleicht weiß Eric auch nichts.“
Bianca sprang auf und stemmt die kleinen Fäuste auf den Schreibtisch.
„Wie sollte er das nicht wissen? Sie arbeiten zusammen Tür an Tür. Er hat mir nichts erzählt. Warum auch immer!“
„Was willst du tun?“
Bianca setzte sich wieder.
„Erstens werde ich weiter ermitteln. Zweitens werde ich Eric heute Abend zur Rede stellen. Was dann kommt, entscheide ich aus dem Bauch heraus. Ende.“
„Ende? Willst du Schluss machen?“
„Das meine ich doch gar nicht. Aber er muss schon eine sehr gute Erklärung bringen. Diese Frau will ihn zurück und für so ein Theater bin ich mir zu schade.“
Jetzt traten abermals Tränen in Biancas Augen, aber sie wischte sie weg. Sie wusste noch nicht, wie sie mit ihren chaotischen Gefühlen umgehen sollte und beschloss, sich mit Arbeit abzulenken.
„Ich möchte nicht mehr darüber reden, also lass uns den Fall besprechen.“
„Den Fall, der keiner ist. In Ordnung. Ich habe mit Ferdinand telefoniert. Bienenfleiß heißt dieser häusliche Pflegedienst. Ferdinand hat mit seinem Arzt die Undercover-Aktion besprochen, aber der will nur zustimmen, wenn er ein Schreiben von der Staatsanwaltschaft mitbringt.“
„Scheiße. Entschuldige, aber dieses Schreiben können wir vergessen. Es muss anderes gehen. Ob wir sowas fälschen können?“
„Bianca, Bianca, ich staune. Nein, wir fälschen da nichts. Ferdinand wird schon was einfallen, vielleicht ist mit Geld ein Auftrag möglich.“
„Gut, aber wir fahren da jetzt trotzdem hin und fragen ein bisschen herum.“
Hannes nickte und folgte Bianca zum Auto. Ihn ließ die Neuigkeit, die Eric ihm verschwiegen hatte, auch nicht los und er würde seinen Freund ebenfalls zur Rede stellen. In seinem Inneren brodelte es, denn er hatte echte Angst um Bianca, weil er Violetta nur zu gut kannte. Sie würde alles daran setzen, um Eric zurückzugewinnen.
Eine Biene mit Schwesternhaube und Stethoskop lächelte sie vom riesigen Banner über dem Tor an. Die Leitstelle des Pflegedienstes war in Erbach im Industriegebiet am Ortsrand. Zahlreiche Parkplätze, die leer waren, zeugten davon, dass sie gut zu tun hatten. Nur drei Kleinwagen mit dem Bienen-Logo standen vor dem flachen Haus.
Bianca und Hannes traten ein und wurden von einer freundlichen Dame im Hosenanzug per Handschlag begrüßt. Sie führte die Kommissare in ein klimatisiertes Besprechungszimmer, bot ihnen etwas zu trinken an und setzte sich. Ihr Lächeln hing wie festgetackert auf ihrem makellosen Gesicht. Ihre gepflegten Hände lagen locker auf der Tischplatte, ihre Haltung war gerade und stolz.
„Ich möchte mich zuerst einmal vorstellen. Mein Name ist Cornelia Plienick, ich leite diese Einrichtung seit fünf Jahren. Wir haben einen großen Betreuungsradius, er reicht vom Rhein-Main-Gebiet bis zum Mittelrheintal. Ich kann mich über einhundert Mitarbeiter freuen. Meine Mitarbeiter sind kompetent und sehr gefragt. Besonders in der Kurzzeitpflege sind wir auf Platz eins.“
Bianca dachte: Platz eins … von was? Ist das hier ein Wettbewerb? Geht es nicht hauptsächlich um Menschlichkeit und Soziales?
Cornelia Plienick hatte die Gedanken der Kommissarin erraten und fuhr fort.
„Natürlich stehen wir in Konkurrenz zu anderen Pflegediensten, denn wir finanzieren uns nicht über den Staat, sondern ausschließlich über Spenden und natürlich zahlen die Klienten einen geringen Eigenanteil. Den gibt es auch bei staatlichen Einrichtungen. Es ist kein Spiel, aber wir geben jeden Tag unser Bestes, um auch morgen noch den Bedürftigen zur Verfügung zu stehen. Das heißt: Nur, wer Bestleistungen bringt, kann in diesem Bereich überleben. Helfen ist alles andere als eine romantische Vorstellung.“
Bianca war nachdenklich geworden. Diese Frau hier war eloquent und verkaufte sich und ihre Firma in einer Perfektion, die schon unheimlich war. In ihrem Bauch grummelte es, denn irgendetwas war faul an der schönen Saubermann-Fassade. Dieses Gefühl hatte sie schon einmal gehabt: Ludger von Etzelsbach und dessen Machenschaften, die ebenfalls durch eine soziale Ader getarnt und schöngeredet worden waren. Sie beschloss: Nun erst recht! Sie würde ein wenig herumstochern.
Höflich erklärte sie: „Uns liegt eine Anzeige vor, in der Herr Micker den Pflegedienst für den Tod seiner Mutter verantwortlich macht. Ich würde mich gerne mit Ihnen über den Sachverhalt unterhalten.“
„Aber ja, gern. Ich kann Ihnen versichern, dass die Mutter des Mannes eines natürlichen Todes gestorben ist. Es nimmt uns immer sehr mit, wenn uns ein Klient oder eine Klientin auf diesem Wege verlässt. Wir haben dem Mann unsere Unterstützung zugesichert. Ich kann gern in der Akte nachschauen, wie alles geplant war.“
„Tun Sie das, Frau Plienick“, sagte Hannes, der Biancas Anspannung beinahe körperlich spürte.
Er wusste, dass etwas dran war, wenn Bianca sich so verhielt. Sie hatte nun mal ein Gespür dafür, wenn jemand log oder auch nur unsicher war. Die Pflegedienstleiterin machte einen durchaus kompetenten Eindruck, doch das konnte auch nur der schöne Schein sein.
„Ach, das habe ich Ihnen ja noch gar nicht erzählt und ich hoffe, das bleibt unter uns. In der Polizei scheint man auch nicht sehr sorgsam mit den Mitarbeitern umzugehen. Da muss sich ein angeschossener Polizist tatsächlich selbst um eine Betreuung kümmern und es aus eigener Tasche bezahlen. Das tut mir sehr leid.“
Bianca und Hannes war sofort klar, dass sie Ferdinand meinte. Hatte er es doch wirklich geschafft, einen Pfleger zu beauftragen. Innerlich grinsten sie, äußerlich waren sie ganz cool.
„Ja, es ist oft schwer“, sagte Hannes sachlich, „aber das ist ein Thema, über das wir in der Öffentlichkeit nicht reden sollen. Das bleibt bitte auch unter uns.“
„Natürlich, ich bin verschwiegen“, flüsterte Cornelia und zwinkerte. „So, hier ist die Akte. Ich hoffe nochmals auf Ihre Verschwiegenheit, denn das sind Daten, die Sie eigentlich nicht sehen dürften.“
Bianca nickte, nahm die Akte und begann zu lesen. Hannes sah ihr über die Schulter.
„Rotraude Micker bekam nur ein leichtes Schmerzmittel?“
„Ja, denn sie war noch sehr fit.“
„Sie hatte Hilfe beim Aufstehen, bei der Morgen- und Abendtoilette und ab und zu bei Gängen außerhalb des Hauses?“
„Wenn es dort eingetragen ist, war das auch so.“
„Wie erklären Sie sich dann den plötzlichen Herzstillstand?“
„Es ist Schicksal. Ich weiß, es klingt herzlos, aber alte Menschen sterben. Vielleicht hat sie sich über irgendetwas aufgeregt oder geärgert, aber das hat mit hundertprozentiger Sicherheit nichts mit den Dienstleistungen meiner Bienen zu tun.“
„Passiert das öfter?“
„Was bitte?“
„Dass ein Mitarbeiter morgens kommt und dann der Klient ist tot?“
„Selten, aber es kommt vor. Die meisten gehen leise.“
Das war ein schönes Bild, aber Bianca ließ sich nicht davon täuschen.
„Wie oft?“
„Einmal bis dreimal im Monat. Es gibt aber auch Monate, wo niemand stirbt.“
„Gut, kommen nur Ihre Mitarbeiter in Kontakt zu den Menschen?“
„Viele haben ja gerade deshalb einen Pflegedienst, weil sie allein sind. Sie haben wenig Kontakte nach außen. Manchmal haben die Familien keine Zeit, aber oft ist es auch so, dass sie mit den Krankheiten ihrer Familienmitglieder nichts zu tun haben wollen. Da erleichtern die Kosten für den Pflegedienst das Gewissen.“
„Danke für Ihre Offenheit. Wenn Ihnen noch etwas zu Ohren kommt, melden Sie sich bitte.“
Cornelia nickte und setzte wieder ihr Lächeln auf. Mit großen Gesten komplimentierte sie die Kommissare aus der Tür. Bianca schnaufte, als sie im Auto saß.
„Die ist aalglatt. Hinter ihre Fassade kann niemand schauen. Wir müssen irgendwie an ein paar Klienten rankommen und sie befragen.“
Hannes wusste, dass Bianca weiter ermitteln würde, doch er fürchtete sich vor den Konsequenzen. Er kannte Violettas Ruf und die Staatsanwältin würde einer uneinsichtigen Kommissarin wie Bianca das Leben zur Hölle machen. Er seufzte.
Bianca, die wusste, was er dachte, sagte: „Ich mache das allein, dann bekommst du keinen Ärger. Tu einfach so, als wüsstest du von nichts. Außerdem haben wir ja einen super Undercover-Klienten, der die Leute aushorchen kann, im Einsatz.“
Sie grinsten und freuten sich auf Ferdinands Nachrichten. Nach Feierabend begann Bianca sich vor der Aussprache mit Eric zu fürchten. Als sie zuhause die Mailbox abhörte, hatte der Staatsanwalt ihr eine Nachricht hinterlassen: „Habe noch einen Termin in Frankfurt und bleibe im Hotel, weil ich morgen direkt ins Gericht muss. Wir sehen uns dann abends. Gehen wir schön essen?“
Bianca verdrängte den Gedanken aus ihrem Kopf, dass er womöglich bei IHR sein konnte.
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