Читать книгу: «Bergmütter, Quellfrauen, Spinnerinnen»

BERGMÜTTER, QUELLFRAUEN, SPINNERINNEN
Sagen und Geschichten aus dem Wallis
Ursula Walser-Biffiger

Von wilden und weisen Frauen – eine Einführung
Ahnfrauen der Berge und Täler, Urmütter aus den Tiefen der Zeit
Die drei Schicksalsfrauen an der Rhonequelle (Gletsch)
Vouivra, die Fluss- und Drachenschlange (verschiedene Orte)
Die strickende Holzmiättärra (Lötschental)
Die Gämsmutter beim Langgletscher (Lötschental)
Die weisse Gämse (Walsersage)
Die Bergmutter und ihr Hornkind (Zermatt)
Die Hohbachspinnerin (Goms)
Die singende Tanne (Goms)
Das Tal der Gräfin Anna (Binntal)
Die Quellfrau Blanka (Leukerbad, Leuk)
Die Kornähren-Madonna (Leuk)
Die weisse Krönleinschlange (Vispertal)
Die Kronschlange z Giblin (Lötschental)
Die Vertreibung der Holzmiättärra (Lötschental)
Geheimnisvolle Wildfrauen, verschwundene Schätze
Marie und die Feen (Val d’Hérens)
Der Schalenstein der Wildfrauen (Val d’Anniviers)
Wirkmächtige Feen (Val d’Anniviers)
Türliwirli – die Zwergenfrau und ihre Bedingungen (Turtmanntal)
Die Schatzhüterin und ihre Tiere (Goms)
Die Gräfin zen Tischen (Belalp)
Die Hure Kathrin und ihre Blüemlisalp (Turtmanntal, Lötschental)
Der Gesang der Suone (Riederalp)
Starke Frauen, schwere Lasten, wilde Tänze
Die Käseträgerinnen vom Binntal und andere starke Weiber (verschiedene Orte)
Vom alten Brauch des Kinderholens (Lötschental)
Das Geheimnis der Kindbetterfluh (Ausserberg)
Die Hebamme und ihr Lohn (Lötschental)
Die Gnadenmutter zu den Hohen Flühen (Mörel)
Die Burdigret vom Bruchigraben (Naters)
Die listige Sennerin (Binntal)
Die Armensünderglocke von Mühlebach (Ernen)
Temperkinder (verschiedene Orte)
Die verteufelte Spinnerin (Lötschental)
Die drei Spinnerinnen (Ernen)
Die büssende Frau auf dem Gletscher (Val de Bagnes)
Der Tanz im Sengboden (Saastal)
Die Jauchzerinnen am Feerberg (Simplon)
Kreszentia und der Geistertanz (Simplon)
Die Kräutertänzerinnen auf der Alp (Goms)
Fliegende Weiber, brennende Hexen, verbotene Orte
Die Hexe im Vispertal (Vispertal)
Die Mattmarkhexe (Saastal)
Als Hexe verbrannt (Ernen, Binntal)
Die Hexe vom Natischerberg (Naters, Blatten)
Der Hexenstein (Simplon)
Wirkmächtige Alte, weise Ahninnen, verborgene Welten
Die alte Schmidtja, Seelenhüterin am Aletschgletscher (Belalp)
Im Kessel der Holzmüotterlini (Oberems)
Die Alpmuetter (Walsersage)
Serafina und ihr Rosenkranz (verschiedene Orte)
Die alten Spinnerinnen und die Steinsuppe (verschiedene Orte)
Die Tödin und die Geisshirtin (verschiedene Orte)
Philomena und ihr Lichtsegen (verschiedene Orte)
Das verlorene Lied – ein Nachklang
Anhang
Von wilden und weisen Frauen eine Einführung
«Die Sage vermag die Klugheit des Herzens zu wecken,
bringt im Menschen das Innere zum Schwingen, erlaubt ihm, anzuknüpfen bei urzeitlichen Ahnungen, die tief unter jedem Wissen vergraben sind.»1
Wieder sitze ich auf meinem Tschuggu, einem runden, vom Gletscher geschliffenen Felsblock. Er war der Lieblingsplatz in meiner Kindheit und zugleich ein gefährlicher Ort: Schlangen krochen oft durchs nahe Geröll, und ein Abhang lockte in die Tiefe. Doch nichts hielt uns Kinder davon ab, auf diesem Felsen herumzukraxeln, Ängste zu überwinden und die eigenen, wachsenden Kräfte zu spüren. Hier konnte ich träumen und Pläne schmieden, mich auf den warmen Stein legen und den Wolkendrachen bei ihrem Spiel zuschauen. Oder eintauchen in das Reich der Flechten, Moose, Blumen und Käfer, die den Felsen bewohnten, und sehen, wie sich in dieser kleinen Welt die grosse widerspiegelt.
Die Liebe zu den mächtigen Steinen hat mich nicht wieder losgelassen. Ich habe besondere Felsformationen an vielen Stätten der Welt besucht, ihrer Melodie gelauscht, ihre Geschichte erforscht und Geschichten gesammelt, die sich um sie ranken. Sagen und Mythen erzählen von ihnen und von den Menschen, denen sie mehr bedeuteten als totes Gestein. Es enthüllte sich mir eine Mensch-Natur-Beziehung, in der alles als belebt und verbunden erfahren wird – durchdrungen von einer mächtigen Urkraft, einem schöpferischen Prinzip, das sich den Menschen in frühen Zeiten oft in weiblicher Gestalt zeigte.
Spuren dieses ursprünglichen Weltverständnisses, in der die Natur als beseelt erkannt und in ihren weiblichen Qualitäten respektiert und verehrt wird, wollte ich nachgehen. Ich entdeckte sie weltweit in Mythen, in archäologischen Funden und Forschungen, im Brauchtum und im sogenannten Aberglauben, in der Volksfrömmigkeit und in der Kunst, in Namensbezeichnungen und auf Kultplätzen – und nicht zuletzt in den Sagen des Alpenraums und den geheimnisvollen Gestalten, die diese Geschichten bevölkern: listige Alte, mächtige Feen, weise Spinnerinnen, wilde Tänzerinnen, Kräuterfrauen, Schatzhüterinnen, Seelenbegleiterinnen, Heilige, Huren, Hexen und Holzmuetterli, die in ihrer Tschifra (Rückentragkorb) grosse Steinblöcke versetzen und dazu noch stricken.
Allen diesen Wildfrauen ist eine tiefe Verbundenheit und ein wirkmächtiger Umgang mit den Kräften des Naturreichs gemein, das sich in den Sagen bis in die unsichtbare Anderswelt hinein ausdehnt. In diesen Gefilden befindet sich auch der Aufenthaltsort der verstorbenen Ahnen, die von hier aus die Menschen unterweisen, unterstützen, ihren Segen übers Land senden und zur gegebenen Zeit wieder zurückkehren in den Kreis der Irdischen.
In der gelebten Tradition des Wallis haben die Verstorbenen noch immer einen grossen Stellenwert – auch wenn sie bisweilen als sogenannte Arme Seelen daherkommen, die im Gletscher für ihre Sünden büssen müssen. Hier hat sich offensichtlich über das alte Wissen um die Verbundenheit verschiedener Weltensphären eine christliche Korrektur gestülpt, und der Gletscher musste die Funktion des Fegefeuers übernehmen. Die erste Sammlung von Walliser Sagen – von zwei Pfarrherren um 1872 erfasst – zementierte dann gleichsam schriftlich, dass aus dem ursprünglichen andersweltlichen Aufenthaltsort der Toten im Gletscher ein qualvolles Leiden im kalten Sündenreinigungsfeuer wurde.
Sollen die alten Erzählungen nicht einfach zu Gruselgeschichten verkommen, die man touristisch aufbereitet und inszeniert, oder in einem Kontext erstarren, den niemand mehr versteht, tun wir gut daran, sie aufmerksam zu lesen und neu zu gestalten. Das Sich-Sagen-Erzählen war immer schon ein lebendiger Prozess, zu vergleichen mit einem alten, wertvollen Tuch, das von Menschen verschiedener Generationen gesponnen, gefärbt, gewebt, geflickt, aufgetrennt und neu vernäht wird. In der oralen Tradition werden die Sagen immer wieder frisch kundgetan – einer neuen Zeit, Umwelt und Zuhörerschaft angepasst. Sie beweisen sich damit als wandelbares, mündlich weitergetragenes Kulturgut.
So gilt es, viele dieser Geschichten von christlichen, patriarchalen, rationalen und moralischen «Zurechtbiegungen» zu befreien. Tatsächlich lassen sich Überformungen, Dämonisierungen oder Verniedlichungen wie Schichten einer Zwiebel lösen. Freigelegt und entdeckt wird ein Kern, der Kraft und Sinn vermittelt – bis in unsere Gegenwart hinein. Seltsam farblos wirkende Sagen können auf diese Weise wieder lebendig werden, und mit ihnen ändert sich auch der Blick auf die Natur, die spätestens mit der rational-technischen Weltsicht der Aufklärung zum leblosen Objekt erklärt wurde, das es zu vermessen, zu analysieren und auszubeuten galt.
Doch heute entdecken viele die Schönheit und Kraft des Naturreichs neu: Wir können sie als uralte Form von Bewusstsein erleben und in ihr und in uns selbst etwas Ewiges erahnen, das sich kaum benennen lässt. Solchen Erfahrungen versuchen auch viele Sagen Ausdruck zu geben. Sie erzählen vom grossen Geheimnis des Werdens und Vergehens. Und davon, dass wir draussen in der wilden Natur mit ihren starken Wandlungs- und Schöpfungskräften in Berührung kommen. Dies stärkt unsere Fähigkeit, das Leben aus einer nicht alltäglichen Perspektive zu betrachten und unseren eigenen Weg immer wieder neu zu gestalten.
So sass ich denn in den letzten Jahren oft auf meinem Tschuggu und habe die alten Sagen gegen den Strich gelesen. Widersprüche zeigten sich, Risse taten sich auf, und manchmal hat sich in die Leerstellen hinein die Geschichte neu ergossen. Dann gibt es starke Orte, die mir eine Sage frisch enthüllt haben oder gar eine neue entstehen liessen. Bisweilen vereinten sich auch Bruchstücke von Walliser Sagen mit Weisheitsgeschichten aus aller Welt.
Ein Stück verdrängte Frauengeschichte ist bei dieser Arbeit sichtbar geworden. Eigenartig entleerte oder erschreckend böse Frauengestalten haben sich zu kraftvollen Figuren gewandelt. Und das Schönste: Ihre Geschichten brachten im Nu neue Geschichten hervor. So haben sich mir neue Denkweisen eröffnet und meine Vorstellungen davon erweitert, woher wir kommen, wer wir sind und wohin wir gehen.
Die Geschichte hinter den Geschichten entdecken, der magisch-mythischen Betrachtungsweise trauen, einengende Denkstrukturen lösen, dem Fluss der Lebensenergie durch die Generationen folgen. Altes Wissen aus einer Tiefe holen, die nicht den Zeitströmungen unterworfen ist, und sie mit den Erfahrungen des Heute wieder aufnehmen – dies scheint mir ein stärkender Weg zu sein. Er bringt viel Wurzelkraft für die Herausforderungen, vor denen wir heute stehen, und für die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft. Marie Métrailler, die weise Weberin und Bergbäuerin aus dem Val d’Hérens, hat dies so formuliert:
«Es ist eine Wiederentdeckung wahren Reichtums, grundlegender Werte, und jedes Mal, wenn man ihrer habhaft wird, kann man das Leben neu erschaffen.»2

Aletschgletscher, Riederalp
Ahnfrauen der Berge und Täler, Urmütter aus den Tiefen der Zeit
Wild und ungezähmt erscheinen die Sagenfrauen bisweilen, rau, aufrührerisch und unverschämt. Und dann gibt es auch feine und zarte, listige und lustige Gestalten. Leidenschaftlich durchtanzen sie die Nächte, arbeiten als Spinnerinnen und Sennerinnen, versetzen Felsen, brauen das Wetter zusammen, sausen mit dem Sturm durch die Lüfte und rollen Lawinen zu Tale. Küsse und andere magische Künste wenden sie an, treten als Heilige auf und als Huren, als Feen, Prinzessinnen oder Hexen. Und unerbittlich sind sie, wenn gegen ihre Ordnung verstossen wird.
Dass hinter ihnen mehr steckt als Fantasiefiguren, zeigen Erfahrungen heutiger Menschen, die sie wieder in ihr Leben gelassen haben. Und die bedeutende Stellung, die ihnen zukommt, belegt eine Fülle von neuen Entdeckungen und Einsichten aus den Bereichen Frühgeschichte, Archäologie, Mythologie, Kulturanthropologie, Etymologie, Religionswissenschaft, Matriarchats- und Sagenforschung.3 Es erschliesst sich uns über Kontinente und Zeiten hinweg ein Weltbild und eine Zivilisation, die auf der Würdigung des Kreislaufs von Werden, Vergehen und Wiederkehren beruht – repräsentiert in einer weiblichen Gestalt, die ihren Widerhall auch in den Walliser Sagen findet.
Wir alle wurden aus einer Mutter geboren. Als Sinnbild dieser Lebenswirklichkeit stand für sehr lange Zeit in der Menschheitsgeschichte eine Grosse Ahnfrau am Anfang der Schöpfung. Sie war Gebärerin, Ernährerin, Bewahrerin alles Lebendigen: eine Urmutter oder Urgöttin. Nicht in einem entfernten Jenseits war sie zu finden, sie war die Erde selbst – worauf der Ausdruck «Mutter Erde» noch heute verweist. Sie war das Land und das Wasser, die Luft und das Feuer, die Jahreszeiten und das Sternenzelt. Auch die Mondgöttin war sie, die Wandelbare, und sie schuf alle Kreisläufe von Schöpfung, Wachstum, Verfall, Zerstörung und Neuwerdung.
Von ihr erzählen älteste Mythen aus der ganzen Welt, auch Höhlenmalereien und Ritzzeichnungen, deren Entstehung auf Zehntausende von Jahren zurückdatiert werden. Von ihr zeugt ebenso die weltweit aufgefundene, überwältigende Anzahl von nackten Frauenfigurinen aus der Alt- und Jungsteinzeit. Die uns bekannteren sind die Ahnfrau von der Schwäbischen Alp (40 000 v. Chr.), die Ahnfrau von Willendorf und die Ahnfrau von Laussel (beide datiert auf vor 20 000 v. Chr.). Auch spätere Relikte aus dem Alten Europa, Keramik, Architektur, Begräbnissitten, zeigen in einer Art symbolsprachlichen Gemeinsamkeit auf, dass die Menschheit während der längsten Zeit ihres Bestehens in starker Verbundenheit stand zur Grossen Ahnfrau – Quelle und Beschützerin allen Lebens.
Der Platz und die Bedeutung dieser Urmutter wurden im Laufe der Zeit zuerst von verschiedenen Göttinnen eingenommen, sie alle waren Teilaspekte oder eine Emanation der Einen. Dann traten Götter an ihre Stelle, und schliesslich übernahm der alleinige Gott, der niemanden mehr neben sich duldete. Im Volke aber hat sich die Vorstellung einer schützenden, wohlwollenden mütterlichen Kraft und Macht im Untergrund und in wandelbarer Gestalt bis heute erhalten – trotz Durchsetzung des Christentums, trotz Inquisition, in der ihre letzten Spuren ausgerottet werden sollten, und der Aufklärung, die ihr als Aberglauben den Garaus machen wollte. Es scheint fast, als ob die Grosse Ahnfrau sich für einige Zeit verstecken wollte. Doch wer bereit ist, die Grenzen des üblichen Denkraums zu öffnen, findet ihre Zeichen überall – auch in den Sagen des Alpenlands.
Bevor wir ihre Fährte aufnehmen, versuchen wir nachzuvollziehen, wie die alten Völker die Ahnfrau erlebt haben mögen. Kann sein, dass die Menschen der Urzeit anfänglich ihre Mutter, Grossmutter und vielleicht noch Urgrossmutter namentlich erinnerten und würdigten. Dann aber entrückte die Ahnfrau ins Mythische und begann, göttliche Züge anzunehmen: Sie ist Schöpferin, die Nährende und zugleich selbst die Nahrung. Sie ist die Luft, die wir atmen, die Quelle, aus der wir schöpfen, das Brot, das wir essen. Sie ist der Inbegriff aller lebendigen Kräfte, die schöpferische Urkraft. Sie bringt nicht nur ihre Geschöpfe hervor, sondern auch die Weisheit und eine ordnende Kraft, die ihr innewohnt.
Die Menschen lebten im Leib und in der natürlichen Ordnung dieser Mutter; sie verehrten sie in der Landschaft, nahmen sie in ihrer magisch-mythischen Sehweise wahr an Orten, wo sich ihre weibliche Kraft in der Natur manifestierte: in einem Berg, der ihrer Gestalt oder ihrem Busen gleich in den Himmel ragt, in einer vulvaförmigen Gletscherspalte oder Höhle, in der sanften Rundung eines Hügels, im lebensbringenden Wasser der Quellen und Bäche. Oder sie zeigte sich den Menschen als Schlange, Drache oder Kröte, in Gestalt eines Baumes, als Wildfrau oder als Weisse Frau – Göttin des Lichts, der Firne, Gletscher und Bergbäche.
Sie war die Ahnfrau, die für alles sorgte, was zum Leben nötig war. Das war vor allem Wasser. Ihr Name ist oft mit diesem Element verbunden und lautet Ana/Dana/Danu, zurückzuführen auf ein vorindoeuropäisches Wort, das Wasser bedeutet.4 Überall im Alten Europa und im Vorderen Orient wurden Göttinnen unter diesem Namen verehrt, und er findet sich teilweise noch in Landschaftsbezeichnungen und Sagengestalten, auch im Wallis.
Die Grosse Ahnfrau wurde lokal erlebt. Sie ist verbunden mit der Landschaft und mit ihrem Volk. Sie ist die grosse Spinnerin des Lebens, die Weberin des Schicksals und schliesslich die Todesgöttin, die alle Geschöpfe zurück in ihren Schoss nimmt. Sie ist die Präsenz, aus der alles entsteht und zu der letztlich alles zurückkehrt.
Die Sagen erzählen nicht nur von der umfassenden Macht und Kraft und vom Wirken der Grossen Ahnfrau, sondern auch von deren Vertreibung aus dem Denken und Fühlen der Menschen. Doch wir wissen: Sie ist auch Heilerin und Wiedergebärerin, trägt viele Namen und zeigt sich den Menschen zu den unterschiedlichsten Zeiten und in vielfältigen Erscheinungsformen. Wir haben die Chance, sie neu für uns zu entdecken.

Rittplatte oder Ahnenstein, Guggistafel, Lötschental

Matterhorn, Zermatt

Kultstein, Ochsenfeld, Binntal

Guggisee, mit Anen- und Langgletscher, Lötschental

Schneewehe
Die drei Schicksalsfrauen an der Rhonequelle
Gletsch
Vor vielen tausend Jahren, als der Rhonegletscher seine gewaltige Zunge aus der Gegend der heutigen Stadt Lyon bis in den Talkessel der damals noch nicht existierenden Siedlung Gletsch zurückgezogen hatte, wanderten die drei Schicksalsfrauen über die Berge. Sie wollten nach dem Rechten sehen in dem Land, das durch Eis und Wasser in den Untergrund gegraben, gehobelt und geschliffen worden war. Es war das Urmuster eines Tales, das die Römer viel später Wallis nannten.5
Noch hatte sich hier niemand niedergelassen. So waren die Schicksalsfrauen unterwegs, um diese karge Gegend für Pflanzen, Tiere und Menschen vorzubereiten, die sich hier ansiedeln wollten. Sie wanderten entlang der gewaltigen Gletscherzunge mit ihren Rissen und Schründen. Wasser rauschte, und ein kalter Luftzug kam aus tiefen, bläulich schimmernden Spalten. Mit Leichtigkeit sprangen die drei Frauen über Bäche, die sich aus den vielen Rinnsalen des Gletschers an seinem Ende bildeten.
Jede Frau trug einen Stab in der Hand, der eine war mit einem Bergkristall, der zweite mit einer Muschel, der dritte mit einem Knöchelknochen verziert. Mit ihnen suchten die Schicksalsfrauen im Talgrund nach einem geeigneten Platz für ihr Wirken. Hinter einem gewaltigen Tschuggu, einem abgeschliffenen Felsen, den der Gletscher hier zurückgelassen hatte, schlugen sie die Stäbe in den Boden. Zischend trat heisser Dampf aus den Öffnungen, Erddünste breiteten sich aus und eine Mulde füllte sich mit warmem Wasser.
Alsbald lagen die drei Frauen in dieser wohligen Wärme, und in bester Schöpferinnenlaune begannen sie, das Netz des Lebens in diesem Tal zu erwecken. Die Kristallfrau hob ihren Stab und rief die Kraft und Schönheit der Blumen und Pflanzen, die Seelen der Tiere und Menschen. Die Muschelfrau beschwor ihre Verbindung zum Meer, wo alles Leben einst begonnen hatte und wohin das Quellwasser fliessen sollte. Sie versprach Nahrung, Schutz und Hilfe für alle Wesen. Die Knochenfrau wusste um Wandlungen und Verwandlungen, um Grenzen und Übergänge, um den Tod und die Zuversicht, dass das Leben weitergeht. Leise und sanft sangen die Schicksalsfrauen ihre Melodien. Und mit dem Wasser, das mittlerweile aus drei Quellen floss, ergoss sich ihr Segen in den Gletscherbach und durchs ganze Tal.
Die Menschen folgten dem Ruf der Schicksalsfrauen, sie kamen von weit her und schufen ihre Siedlungen. In ihrer hellhörigen Art konnten sie noch jahrhundertelang wahrnehmen, wie die Wünsche und das Lachen der drei Frauen in der Landschaft nachklangen. Hirtinnen, Jagdvolk, Säumer und Reisende rasteten bei dem warmen Wasser und wussten dessen Heilkraft zu nutzen.
Diese Quellen galten den einheimischen Menschen bis im 18. Jahrhundert als Ursprung der Rhone. Besonders verehrt hat man die Quelle, die einen rötlichen Niederschlag absonderte und deshalb die Rothe hiess.6 Sie gab ihren Namen wohl auch dem Gletscherbach Rhone, der bis in unsere Zeit hinein im oberen Wallis Rotten oder Rottu genannt wird.
Doch längst ist die rote Quelle gefasst; das Hotel Glacier du Rhône nutzt sie zu Heizzwecken. Der Gletscher, der heute vom Talgrund aus nicht mehr sichtbar ist, gilt nun offiziell als Quelle der Rhone. An schönen Sommertagen wälzt sich der Verkehr der Passstrassen von Grimsel und Furka durch die Siedlung Gletsch. Doch noch immer soll es vorkommen, dass Menschen, die sich auf den Moränenhügel bei der kleinen Kapelle und zu den Quelltümpeln zurückziehen, ganz unvermittelt die ursprüngliche Heiligkeit des Ortes erfahren.
Frei erzählt
Die Ahnfrau des Landes zeigt sich oft in dreifacher Gestalt. Auch der Walliser Sagenforscher Josef Guntern hat in seiner Sammlung drei Frauen beschrieben (Guntern 1979, Nr. 1159). Es sind wehmütige Geistwesen, die mit ihren Stöcken im Aletschgebiet gesichtet, in ihrer mythologischen Bedeutung nicht mehr erkannt und so zu Armen Seelen degradiert worden sind. Doch im Kessel des Gletschervorfelds der Rhone können sie sich in ihrer wahren Gestalt zeigen: Sie sind die Begründerinnen der ganzen Talschaft, die drei Schicksalsfrauen, wie man sie überall auf der Welt gekannt und verehrt hat.
Der Dreifrauenkult ist eine Mythologie, die auf allen Kontinenten anzutreffen ist und aus vorgeschichtlicher, mutterorientierter Zeit stammt. In Nordeuropa nannte man die drei Schicksalsfrauen Nornen, in Rom Parzen, in Griechenland Moiren und bei den Kelten Bethen. In den Sagen und Märchen erscheinen sie als drei Weisse Frauen, drei Schwestern oder drei Spinnerinnen, die den Lebensfaden führen, ihn aber auch trennen. Sie spinnen das Glück und weben das Schicksal. Man nannte sie auch Matronen oder Matres. Sie waren die Urmütter, die man anrief, um Heilung, Segen und Schutz zu erlangen. Sie erschienen in dreifacher Gestalt, wohl weil man versuchte, sie in ihrer umfassenden Ganzheit zu verstehen: als Schöpferin, als Lebenserhalterin und als Todesmutter.
Während der Christianisierung bot die Kirche Gegenbilder wie die Drei Marien, die dreigestaltige Anna oder die drei Nothelferinnen Margaretha, Barbara und Katharina. Diese heiligen Frauen sind im Wallis auf vielen Altären zu finden, so zum Beispiel auf dem linken Seitenaltar in der Marienkirche in Münster. Von den Nothelferinnen hiess es im Alpenraum: «Margaretha mit dem Wurm, Barbara mit dem Turm, Katharina mit dem Radl, das sind die drei heiligen Madl.»7
Auch die Rhone trägt noch den Namen einer Erd- und Wassergöttin. Flussnamen sind oft sehr alt, und das Wallis, die Westalpen und das Rhonetal sind frühe Besiedlungsregionen. Bei den Griechen heisst der Fluss, der das Wallis durchfliesst, Rodanos, und bei den Römern Rhodanus. Doch dieser Name ist höchstwahrscheinlich weder griechisch noch römisch, keltisch oder indogermanisch, sondern wohl vorindoeuropäisch oder alteuropäisch. Die Silbe *dan im Namen Ro-dan-os ist eine sehr alte Bezeichnung für Wasser. Gleichzeitig finden wir diese Wortwurzel auch bei der Erdgöttin Ena/Ana/Anu/Dana/Danu. Sie war die altorientalische und alteuropäische Muttergöttin. Da *dan und *an Wasser oder Quelle bedeuten, tragen es viele Flüsse in ihren Namen: so etwa die Donau (Danuvius), der Inn (Ainos), der Rhein (Rhenus) oder eben die Rhone (Rhodanos).8
Vouivra, die Fluss- und Drachenschlange
verschiedene Orte
Von den Anhöhen aus konnten unsere Vorfahrinnen und Vorfahren die Rhone von oben betrachten. In ihrer mythischmagischen Sichtweise erlebten sie den Strom mit seinen Nebenflüssen wohl als Drachen, dessen Glieder sich auf beiden Seiten des Haupttals bis hinauf zu den Gletschern, Graten und Gipfeln ausbreiten.9
Die Menschen erfuhren die Wasserdrachin als Lebenskraft, die durch die Täler fliesst, und als Erdschlange, die unter den Flüssen oder in den Bergen wohnt. Sie ist die Eine, die Kraft des gesamten Landes und zugleich mächtiges Schöpferwesen aus aller Anfangszeit. Sie hat die Landschaft gestaltet – lange bevor die Menschen sie aufsuchten. Und sie tut es immer noch.
Die Menschen fürchten sich vor ihrer wilden, unbändigen Art: wenn sie sich in ihrem grenzenlosen Überfluss zeigt und die Rhone und ihre Zuflüsse nach Regenfällen bedrohlich anschwellen lässt. Auch dann, wenn die Drachenschlange in den Bergen rumort und Kräfte ordnet – was oft einen Felsabsturz, einen Murgang oder eine Gerölllawine zur Folge hat.
So soll im Baltschiedertal in alten Zeiten ein Drache gehaust haben, der Menschen, Tiere und Wasserleitungen verschlang. Auch in Naters ist eine Natter bekannt, die mit ihrem giftigen Atem alles verwüstete, im Hochwasser des Rottens sich ausdehnte und mitriss, was die Menschen erbaut und gepflanzt hatten. Auf den Alpen hausten Riesenschlangen, Lindwürmer, die so gross waren, dass sie sich dreimal um einen Stadel winden konnten.
Solche Ungeheuer sind mit allen Elementen vertraut. Sie schwimmen, kriechen und können Feuer speien. Sie fliegen funkensprühend von einem Berg zum anderen, nisten sich in Felsen ein, saugen das Gold aus den Bergen, unterwühlen und zernagen sie, sodass ganze Hänge zu Tale stürzen. So wird es in vielen Sagen beschrieben.
Im Unterwallis ist der Name der Unbändigen noch bekannt: Vouivra wird sie genannt. In ihrer zerstörerischen Kraft zeigt sie sich als furchterregende geflügelte Schlange, die in allen Gestalten und Farben vorkommen soll. Ihre Länge betrage mehrere Klafter, und in ihrem Katzen- oder Vogelkopf sollen sich kostbare Edelsteine befinden. Manchmal trägt sie einen Karfunkelstein als Auge, und auch mit einer Krone wurde sie schon gesichtet. Doch dann kann es vorkommen, dass sie plötzlich als wunderschöne, strahlende Frau erscheint.
Im Laufe der Zeit lernte die Bevölkerung, die Vouivra nicht nur zu fürchten, sondern mit ihr zusammenzuarbeiten – das war wichtig in einem Land, in dem das Wasser ein besonders kostbares Gut ist. Man scheute keine Mühe, es von den Gletschern auf die Wiesen und Äcker zu leiten, um Lebensraum für Pflanzen, Tiere und Menschen zu schaffen. Wo man die Vouivra sorgsam miteinbezog, wirkte sie segensreich. Wo man ihr jedoch keinen Respekt zollte, zerstörte sie alles, womit man sie einzudämmen suchte. Und manchmal, damit mussten die Menschen leben, lockte sie einen Mann in die Tiefe ihrer Schlucht, junge Bauern mochte sie am liebsten.
Es scheint, als ob auch die Vouivra im Verlauf der Erdgeschichte einen persönlichen Umgang mit den Menschen erlernt hat. Sie fand Gefallen an ihrer Aufgabe als Lebensspenderin und Beschützerin. Manchmal zeigte sie sich auch in menschlicher Gestalt, als Weisse Frau, die ein Kind vor dem Ertrinkungstod rettet, oder als eine, die mit ihrem Stab einen Murgang am Dorf vorbeilenkt.
Am Genfersee konnte man die wilde Vouivra des Rhonetals besonders lieblich erleben. In gewissen Nächten sah man früher ein Schiff, das weiss leuchtete, wie die Sichel des silbernen Mondes. Von acht Schwänen wurde es gezogen. Sanft glitt es durch die Wellen. Im Schiff stand eine anmutige Frau, die weiss gekleidet war. Geflügelte Kindergestalten umgaukelten sie während der Fahrt. Das sonderbare Schiff stiess nie an die Ufer. Doch an den Orten, denen es sich deutlich näherte, waren die Fluren im darauffolgenden Sommer fruchtbar wie nirgends sonst. Alles blühte in wundervoller Pracht. Und den Menschen, die es sahen, war der im Herzen gehegte Wunsch schon kurz darauf erfüllt.
Doch nichts bleibt, wie es ist. Im ewigen Zyklus des Werdens und Vergehens verschlingt und gebiert die Vouivra Landschaften und Geschöpfe. Auch heute sind ihre Drachenkräfte wach, die Erde wandelt sich. Vielleicht müssen wir uns neue Bilder von den Drachenenergien, von den Wandlungskräften unseres Planeten machen. Und vieles hängt für uns Menschen davon ab, ob es gelingt, uns wieder mit der alten Drachenschlange einzulassen, mit ihr in einen Dialog zu kommen und zu erspüren, was das für unser Leben bedeutet – für unser Tun und für unser Lassen.
Nach Anderegg 1979, S. 159; Giersberg 2015, Nr. 11; Guntern 1979, Nr. 111, 117, 352, 858, 1743–1755, 1766; Guntern 1965, Nr. 245 und Jegerlehner 1909, S. 100, 161
Erzählungen von Schöpferwesen wie der keltischen geflügelten Erd-Wasser-Göttin Vouivre10 sind aus vielen Kulturen und Epochen bekannt. Einer der ältesten Mythen ist jener von Tiamat, der sumerisch-babylonischen Ur- und Schöpfungsgöttin, Göttin des Chaos und des Unerschaffenen. Sie ist der Urzustand, das Allumfassende, das Wüste und Leere – unter diesem Namen kommt sie auch in der Bibel vor (Genesis 1,2). Sie gilt als Muttergöttin von allem, als Grosse Drachin des Chaos, die aus sich heraus die Welt erschaffen hat. Und ihre Schöpfung hat kein Ende. Immer wieder nimmt sie ihre Geschöpfe in die Tiefe ihres Universums, um sie dann erneut zu gebären.11
Die Kirche hat ein eher gestörtes Verhältnis zu den Drachenenergien von Mutter Erde. Der Drache wurde zum Bösen an sich und mit dem Teufel gleichgesetzt. Erzengel Michael und Ritter Georg erschienen, um den Drachen zu besiegen, was auch eine Analogie zum Sturz der Muttergöttin durch eine männliche Gottesvorstellung ist.
Natürlich verschwinden solche elementaren Kräfte nicht einfach, auch in der bildlichen Darstellung nicht. So liess sich die Drachin zu Füssen der Gottesmutter nieder oder wurde zum Wurm der heiligen Margaretha. Diese beiden Frauengestalten wussten auf ihre Art, die alte Dämonin zu zähmen, und so ist sie heute im Wallis noch in vielen Kirchen und Kapellen zu bestaunen.
Die strickende Holzmiättärra
Lötschental
Zuhinterst im Lötschental soll einst die Holzmiättärra gelebt haben. Sie war im hohen Alter und mancherorts wurde berichtet, sie sei unsterblich. Man war sich nicht einig, ob das Holzmütterlein zur Gattung der Zwerge oder der Riesinnen zu zählen sei. Auf jeden Fall galt sie als bärenstark, und vor allem Frauen wussten ihren verständnisvollen Rat und ihren Schutz zu schätzen. Wer sich ihr gegenüber respektvoll verhielt, konnte auf ihre Unterstützung zählen. Wer jedoch ihre Gesetze nicht einhielt, lebte gefährlich.
Die Menschen waren davon überzeugt, dass sich das Holzmütterlein in einen Baum verwandeln konnte oder in den ganzen Wald – vor allem dann, wenn es darum ging, den Lawinen zu trotzen und die Dörfer zu beschützen. Und sie konnte noch mehr. Ihre hohle Lärche im Riedholz beherbergte die Seelen der Ungeborenen. Dorthin gingen die Lötschentalerinnen, wenn sie ein Büblein empfangen wollten. Mädchen waren im Wasserhuis zu finden, einem bedachten Wassertrog oberhalb von Blatten. Auch in den Felsrücken der Fafler- oder der Guggialp warteten Kinderseelen darauf, wieder ins irdische Leben geholt zu werden. Die Zeit dazu war besonders günstig, wenn beim Kinderrufen die Holzmiättärra mit ihrer Lismeta, ihrer Strickarbeit, dabeisass und zur Feier des Tages den gewaltigen Tschuggen abgelegt hatte, den sie sonst wie einen Hut auf dem Kopf trug.
Im Verlauf der Jahrhunderte jedoch ging das Wissen um die Kraft und Macht der Holzmiättärra zunehmend verloren. Nur noch Kinder konnten sie wahrnehmen. So erschien sie eines Tages mit einem viele Zentner schweren Stein in der Tschifra im Geryndorf. Und trotz der enormen Last, die sie in ihrem Rückenkorb trug, strickte sie dabei. Darüber machten sich die Buben im Dorf lustig. Sie spotteten über die Holzmiättärra und lachten sie aus. Das war nun doch zu viel. Zornig schleuderte diese den Felsblock auf den Boden, mitten im Dorf, und zwar so, dass die schmalste Kante nach unten zu liegen kam. An dieser Stelle ist der Felsblock noch immer zu finden – mit dem Kreuz, das man ihm zu seiner Verchristlichung einverleibt hat.
Wer beim Gerynstein rastet und nachsinnt, kann heute noch erleben, dass dies ein Ort ist, an dem es leichter fällt als anderswo, die Verbindung mit der unsichtbaren Welt und den Segen zu spüren, der sich von hier aus über das ganze Tal ausbreitet.
Nach Guntern 1979, Nr. 412 und 1942
Mutter Erde, Schöpferin und Erhalterin des Lebens, wurde von den Menschen seit jeher lokal erlebt – dort, wo sie wohnten. Im Lötschental ist die Landschaftsahnin Holzmiättärra auch unter einem anderen Namen bekannt: Aanu. Es gibt zuhinterst im Tal einen Aanugletscher, einen Aanusee und einen Aanubach. Diese Bezeichnungen sind uralt, stammen aus einer vorindoeuropäischen Sprache und sind zurückzuführen auf die bereits erwähnte Ana/Anu/Dana – eine Erd- und Wassergöttin, die überall im Alten Europa und im Vorderen Orient verehrt worden ist (siehe S. 32 und 59).
Diese Grosse Ahnfrau zeigte sich allerorts in rautenförmigen Bergen, Felsbrocken oder Menhiren in ihrer Steingestalt. Die Raute war offenbar von alters her ein Bild für den weiblichen Körper, und schon in der Altsteinzeit stellten die Menschen die ersten Figurinen der Urmutter in dieser Form dar. Im Bündnerland werden bestimmte rautenförmige Felsformationen noch immer Muma Veglia (alte Mutter) genannt, und es sind Bräuche zu ihrer Verehrung noch bis weit in die christliche Zeit hinein bekannt. Knaben, die erstmals auf der Alp waren, mussten sie zum Beispiel küssen.12
Auch der Gerynstein, von dem die Sage berichtet, hat die Form einer Raute. Interessanterweise wird er heute von den Einheimischen noch Chees-Chessin genannt, also Käse- oder Alpkessel. Dabei ist anzumerken, dass der Kessel Alltagsgegenstand, zugleich aber auch ein Gefäss mit grosser symbolischer Bedeutung ist. Diese zeigt sich in seiner empfangenden, runden Form, die von jeher mit dem mütterlichen Schoss, der das neue Leben trägt und gebiert, in Beziehung gebracht und kultisch verehrt wurde.13
Zurück in den Schoss der Erdenmutter kehren auch die Seelen der Verstorbenen. Und nach einer Zeit der Regeneration können diese an bestimmten Orten in der Natur wieder ins irdische Leben drängen und dort von den Frauen empfangen werden. So glaubten und erfuhren es die Menschen der vorchristlichen Zeit. Relikte dieses Weltbilds sind im Lötschental noch immer zu finden.
Bis in die 1970er-Jahre existierte im Riedholz bei Kippel eine hohle Lärche, die als Kinderherkunftsbaum bekannt war. Felsrücken auf der Fafler- und der Guggialp galten ebenfalls als Orte, wo die Kinderseelen geholt werden konnten (siehe S. 136).
Der Holzmiättärra-Stein ist von Blatten, dem hintersten Dorf im Lötschental aus, am rechtsseitigen Berghang zu sehen. Vom Geryndorf, einer ehemaligen Siedlung, sind nur noch Ruinen zu finden.
Weitere Sagen zur Kinderherkunft bzw. zur kultischen Bedeutung des Kessels:
Vom alten Brauch des Kinderholens, Seite 136
Das Geheimnis der Kindbetterfluh, Seite 139
Im Kessel der Holzmüotterlini, Seite 223
Die Gämsmutter beim Langgletscher
Lötschental
Hinten beim Langgletscher im Lötschental lebte eine alte Frau, die man Gämsmutter nannte, weil sie die Gemsen pflegte und hütete.
Da war im Tal ein Jäger, der ihr manches Tier wegschoss. Einmal, als er wieder auf die Jagd zog, stellte sie ihn und sagte: «Ach, warum raubst du mir meine schönen Tierchen, tue es nicht mehr und lass mir meine Herde in Ruh, ich will dich dafür entschädigen!»
«Was willst du mir tun, du Alte?», entgegnete der Jäger in spöttischem Ton. «Ich schenke dir ein Käslein, und wenn du achtgibst, dass am Abend noch ein Restchen davon übrig bleibt, so wirst du es am andern Morgen wieder frisch und ganz vorfinden!»
Der Jäger war damit zufrieden, nahm das Gämskäslein, das ihm die Alte schenkte, und steckte es in die Tasche. Jeden Tag ass er es bis auf ein Restchen auf, und jeden Morgen lag es wieder frisch und ganz auf seinem Tisch.
Einst legte er das Käslein in einer Sennhütte auf die Bank. Er vergass es, als plötzlich Gämsen um die Hütte herumstrichen und er die Flinte ergriff und ein Tier erlegte. Als er wieder in die Hütte zurückkam, hatten die Mäuse den Käse samt der Rinde aufgefressen. Das schöne Geschenk der Gämsmutter konnte er nun nicht mehr geniessen.
Nach Jegerlehner 1913, Nr. 59
Hier zeigt sich die Ahnfrau des Tales als Herrin und Behüterin des Wildes – so, wie wir aus der römischen Mythologie Diana kennen oder aus der griechischen Artemis. Diese Göttinnen sind zutiefst mit den wilden, natürlichen Kräften verbunden, sie streifen auch mit Pfeil und Bogen durch die Wälder und bringen ausgewählten Tieren den Tod. In ihrer Doppelfunktion als Jägerin und Behüterin der Tiere zeigt sich, dass die Ahnfrau für alle sorgt: für die Population der Tiere und die Menschen mit ihrem Bedürfnis nach Nahrung.
Eine weitere Sage zur Ahnfrau als Herrin der Tiere:
Die weisse Gämse, Seite 43
Die weisse Gämse
Walsersage
Noch bis ins letzte Jahrhundert hinein war man sich im Wallis einig darüber, dass weisse Gämsen nicht geschossen werden dürfen. Man wusste, dass sie keine gewöhnlichen Tiere waren, und sah in ihnen Arme Seelen, die in Tiergestalt für ihre Vergehen büssen mussten. Natürlich gab es immer Jäger, die das besondere Tier holen wollten, koste es, was es wolle. Doch kaum einer, der es wagte, kam gesund von seinem Abenteuer zurück. Die weisse Gämse verführte viele, ihr auf den gefährlichsten Felspfaden zu folgen, und von dort aus stürzte mancher in den Abgrund, wo er zerschmettert liegen blieb.
In Ager, einer heute nicht mehr existierenden Walsersiedlung im Ossolatal, kannte man noch eine andere Geschichte: An einem Abend im Spätherbst stiegen zwei Jäger auf die Alp, wo sie sich in einer Höhle zum Übernachten einrichteten. Schon früh wollten sie am nächsten Morgen aufbrechen, um in die Schussweite der Gämsen zu gelangen, die sich in der aufgehenden Sonne die taufrischen Gräser schmecken liessen. Doch als sie am Morgen aufstanden, stand vor der Hütte ein Meter Schnee, und es hörte nicht auf zu schneien. Es war unmöglich, hinunter ins Tal zu gelangen, und so beschlossen die beiden Jäger, zu warten, während weiterhin grosse Flocken vom Himmel fielen. Als die wenigen Lebensmittel aufgebraucht waren und der sichere Tod sie erwartete, beschlossen sie, das Los bestimmen zu lassen, welcher von beiden überleben solle, damit er sich vom Fleisch des anderen ernähren könne. Doch völlig unerwartet – sie waren gerade dabei, auszulosen – sprang eine weisse Gämse in die Höhle. Ein Wunder! Sie hatten jetzt genügend Nahrung, und als das Wetter wieder besser wurde, kehrten sie nach Hause zurück.
Nach Waibel 2010, S. 94 und Guntern 1979, Nr. 462, 1738, 1739
Die Ahnfrau zeigte sich ihrem Volk in verschiedener Gestalt. Mal tritt sie als junge Frau auf, mal als füllige Matrone, dann auch als dunkle Alte. Sie spielt gern mit ihrer Form, und kaum glaubt man, ihre Gestalt erkannt zu haben, hat sie sich erneut verwandelt. Als Nebelfetzen zeigt sie sich, als Felsbrocken, als Busch, Baum oder auch als Tier: Schlange, Kuh oder weisse Gämse. Letztere weist auf ihre Doppelfunktion als Herrin der Tiere hin: Sie mahnt die Menschen, die Tiere zu schützen, doch wenn Not herrscht, gibt sie sich selbst in ihrer Tiergestalt als Nahrung hin, damit das Leben weitergehen kann.
In den Walliser Sagensammlungen wird die weisse Gämse nur noch als büssende Arme Seele verstanden. In den Walsersagen hingegen ist die wohl ältere Bedeutung der Gämse als nährenden Ahnfrau noch erhalten.
Als Walser gelten die Nachfahren jener deutschsprachigen Menschen, die im 12. und 13. Jahrhundert aus dem Wallis zunächst in benachbarte Gebiete und dann in den ganzen Alpenbogen von Tirol bis Savoyen ausgewandert sind. Ihnen wird die Besiedlung von 150 Ortschaften zugeschrieben.14 In die neue Heimat nahmen die Ausgewanderten nicht nur ihr Wissen um die Techniken der Alp- und Viehwirtschaft mit, sondern ebenfalls ihr Brauchtum, ihre Sprache und auch Sagen und Geschichten wie die der weissen Gämse oder der Alpmuetter (siehe S. 226).
Eine weitere Sage zur Ahnfrau als Herrin der Tiere:
Die Gämsmutter beim Langgletscher, Seite 41
Die Bergmutter und ihr Hornkind
Zermatt
Wohl schon vor Tausenden von Jahren, als die ersten Wildbeuter und Hirtinnen vom Süden her in die alpine Gegend des heutigen Zermatt kamen, wird das markante, freistehende Matterhorn auf sie einen ganz besonderen Eindruck gemacht haben. In ihrer magisch-mythischen Sehweise nahmen sie wahr, was wir heute kaum noch auf diese Weise verstehen können: die heilige Landschaft und mittendrin die Bergmutter – sichtbar geworden in ihrer wundersamen Fels- und Eisgestalt voller Schönheit und Magie.
Ihr Anblick ist atemberaubend. Fest steht sie da, die Berggöttin, verankert im Talkessel, und ihr Wirkungsbereich erstreckt sich weit in den Himmel hinein. Am Morgen empfängt ihr Haupt die Strahlen der Sonne und glüht rot auf. Und es scheint, als ob sie ihre Bergzacken wie Arme verlangend ausstreckt, um das Licht zu begrüssen, es in orangen, goldenen, gelben und weissen Tönen an ihrem hohen Leib hinunter und ins ganze Tal fliessen zu lassen. Abends, wenn die Sonne untergeht, lässt sie sich noch einmal von ihr küssen, um dann in einem Meer von Farben zu baden, bis die ersten Sterne ihr Haupt umkränzen und sie nun auch die gesammelte Kraft der Gestirne ins Land gleiten lässt. Und wenn der volle Mond im Osten aufkommt, streckt sie ihre Arme ebenso dem silbernen Licht entgegen.
Und mit ihr tut dasselbe das Hörnli, das kleine Horn – ein Bergkind, das neben ihr auf dem waagrechten Felspodest sitzt. Es zeigt in kindlicher, kurzer Form eine ähnliche Gestalt wie seine Mutter, und ebenso wie diese streckt es sich dem aufgehenden Licht zu.
Die frühen Menschen erkannten die Bergmutter noch in einer weiteren Erscheinung. Wenn sommers der Schnee auf ihrer Ostseite dünn ist, kann man in der Mitte ihres Oberkörpers, zwischen den ausgebreiteten Armen, kleine Brüste sehen. Es sind drei an der Zahl, für eine Göttin nicht ungewöhnlich – umso grösser ist ihre Macht und Kraft, im Tal einen Paradiesgarten zu schaffen. Und die Menschen wussten denn auch während eines langen, goldenen Zeitalters die Gaben der Bergmutter zu schätzen und ihre Gesetze zu befolgen. Noch immer sind Kultplätze bekannt, wo man sie verehrt und ihre umsorgende Kraft gewürdigt hat.
Die Mütterlichkeit der Berggöttin umfasste nicht nur die Welt der Lebenden. Auch die Seelen der Verstorbenen waren bei ihr gut aufgehoben. Sie gingen ein in ihren Schoss unter dem Eismantel, der von ihren ausladenden Hüften herabfliesst. Dort wohnten die Seelen, bis die Bergmutter sie mit der Gletschermilch wieder ins irdische Leben entliess. So erfuhren es die Menschen der frühen Zeit, und das Hörnli war Garant für dieses Geschehen. Die künftigen Menschenmütter konnten die Seelen ihrer Kinder am Schwarzsee abholen. Auch heute gehen Frauen mit Kinderwunsch dorthin, zur «Maria zum Schnee», zur Bergmutter, die nun in einer Kapelle verehrt wird.
Immer noch ist der Anblick des Matterhorns atemberaubend, obwohl der Berg heute kaum als Göttin wahrgenommen wird. Aus aller Welt pilgern Menschen millionenfach hierher, vielleicht auch, um dieser Landschaftsahnin unwissentlich und unbewusst zu huldigen – so stark ist ihre Anziehungskraft.
Nach Göttner-Abendroth 2016, S. 323
Die Menschen der frühen, vorgeschichtlichen Zeit erfuhren gewisse Erhebungen und Berge als Orte der Urmutter, gar als eine Landschaftsahnin: eine irdische und himmlische Macht und zugleich Gebieterin der Unterwelt. So gilt wie viele andere Berge auch der Mount Everest als Berggöttin. Die Himalaya-Völker nennen sie Chomolungma, was «Mutter des Universums» bedeutet; sie verehren sie als «Weisse Himmelsgöttin», als «Weisse Gletscherherrin».15 In ihrem Buch «Berggöttinnen der Alpen» erschliesst uns Heide Göttner-Abendroth diese Sicht für das Matterhorn.16 Die manifestierte Gestalt der Bergmutter Matterhorn kann man am besten vom Gornergrat aus wahrnehmen. Sie ähnelt den stilisierten Göttinnenfiguren aus der Steinzeit, wie sie zu Tausenden in Alteuropa gefunden wurden: dreieckiger Kopf, verkürzte Arme, breite Hüften, mit oder ohne Beine.
Archäologische Funde belegen, dass sich in dieser Bergregion seit Jahrtausenden Menschen aufgehalten haben: als Wildbeutergruppen, als Hirten, als Reisende.17 Sie kamen von Norditalien her, wo in der Jungsteinzeit sesshafte matriarchale Kulturen blühten. Nach und nach wurde die Route in die Zermatter Bergregion zu einem festen Weg weiterentwickelt. Dieser ging von der Poebene über das Aostatal durchs Valtournenche zum Theodulpass hinauf und führte am Fusse des Matterhorns vorbei über den Col d’Hérens ins Val d’Hérens und dann ins Rhonetal. Hier gab es schon im 6. Jahrtausend v. Chr. bäuerliche Siedlungen. In der Mittelsteinzeit, also etwa 3000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, entwickelte sich bei der heutigen Stadt Sitten eine der bedeutendsten Grab- und Sakralstätte Alteuropas.18
Sagen berichten von einem goldenen Zeitalter: Wiesen, Fruchtbäume und Wälder wuchsen bis weit oberhalb der heutigen Waldgrenze, und ganze Herden von Gämsen, Steinböcken, Hirschen bevölkerten die hochalpinen Gebiete. Die Passübergänge waren eisfrei, und die Route vom Aostatal über Zermatt bis ins Rhonetal soll an saftigen Weiden, an Dörfern und Städten vorbeigeführt haben.19 Das goldene Zeitalter, das zeitlich nicht genau verortet werden kann, ging jäh zu Ende, als sich erneut eine Kältephase einstellte, Alpen vereisten, die Gletscher zu wachsen anfingen und Dörfer bedrohten. Belegt ist eine solche Periode relativ kühlen Klimas, die sogenannte Kleine Eiszeit, von Anfang des 15. Jahrhunderts bis in das 19. Jahrhundert hinein. Sie führte zu schlechten Ernten, Hungersnöten, Seuchen und sozialen Spannungen. Es gibt im ganzen Alpenraum eine Fülle von Sagen, die sich auf diese Klimaveränderungen beziehen.
Bei Zermatt, oberhalb des Weilers Zmutt, sind noch heute zwei grosse Steinplatten mit vielen Schalen und Ritzungen zu sehen, die zum Teil aus uralter Zeit stammen und wohl auch auf eine kultische Verwendung schliessen lassen.20 An den vermutlich vorgeschichtlichen Kultstätten von Blatten, Furi, Findeln und Schwarzsee stehen heute Marienkapellen, die durch ihre Atmosphäre und besondere Mariendarstellung immer noch auf die Berggöttin hinweisen.21
Die Hohbachspinnerin
Goms
Noch im letzten Jahrhundert berichteten die alten Leute im Goms oft von der Hohbachspinnerin. Sie soll auf der Hohbachalp südlich von Reckingen gewohnt haben und war ein gar seltsames Wesen, selbst die Alpknechte fürchteten sich vor ihr; niemand wollte mehr mit den Tieren dort hinaufgehen.
Wie man erzählte, soll die Hohbachspinnerin ein furchtbarer Anblick gewesen sein: ein grimmiges, altes Weib, nur noch Haut über Knochen, mit langen Zähnen, und auf ihrer Schulter sass eine schwarze Katze mit feurigen Augen. Ganz unerwartet sei die Frau plötzlich vor einem aus dem Boden gewachsen – vor allem dann, wenn man lieber versteckt hielt, was man gerade vorhatte.
Immer, wenn man die Alte traf, war sie an der Arbeit mit einer Handspindel. In ihrem Zuhause soll sie ein weiteres, ganz besonderes Spinnrad besessen haben. Die Fäden, die sie damit spann, schienen einen erheblichen Einfluss auf das Schicksal der Menschen im Tal zu haben. So jedenfalls erzählten es die Alten. Doch wie sehr man die Spinnerin auch fürchtete, die Hohbacherin tat eigentlich niemandem etwas zuleide. Sie strafte auch die ungehorsamen Kinder nicht, denen man oft mit ihr drohte. Gern erschreckte sie jedoch faule Spinnerinnen oder solche, die über dem Dorfklatsch das Arbeiten vergassen. Oder sie tadelte mitunter Frauen, welche die Spinnzeiten nicht einhielten und noch nachts und während der Festzeiten nicht aufhören konnten, die Wirtel zu drehen oder das Rad zu treten. Manchmal kam es vor, dass ein Mädchen für einige Zeit aus dem Dorf verschwand und es sich später herausstellte, dass es bei der Hohbacherin gewesen war und dort spinnen und andere wichtige Dinge gelernt hatte.
Die Katze der Hohbachspinnerin aber war ein teuflisches Tier. Kaum trat eine Kuh in ihre Nähe, sprang sie diese an und biss sie in den Hals. Und meist war das betreffende Tier nach zwei Tagen tot. Es gab Sommer, da mussten einige Kühe auf diese Weise dran glauben. Kein Wunder also, dass niemand mehr mit den Tieren auf die Hohbachalp hochsteigen wollte.
Die feindliche Katze war auch im Tal unten gefürchtet, und die Leute wussten sich nicht mehr zu helfen. In ihrer Not baten sie einen frommen Kapuzinerpater um Hilfe. Dieser riet ihnen, vier Holzkreuze zu zimmern, sie vom Pfarrer segnen zu lassen und schliesslich auf der Alp einzugraben, an jeder Ecke eines. Zudem sollten in der Stalenkapelle vier Messen gelesen werden.
Natürlich vollzogen die Gommer, was ihnen vom Kapuziner aufgetragen worden war. Und siehe da – die bösartige Katze verschwand. Doch mit ihr auch die Hohbachspinnerin. Niemand hat sie seither je wieder gesehen.
Nach Guntern 1979, Nr. 1598
1885 wurde diese Sage im Jahrbuch des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) erwähnt. Sie schien eine der bekanntesten Erzählungen der Gegend zu sein, und die Walliserinnen sahen in der Hohbachspinnerin eine Arme Seele, die für ihre Sünden büssen musste. Der Autor des SAC-Beitrags entdeckte jedoch in der emsig spinnenden Frau mit ihrer Katze einen Anklang an den uralten Berchta-Hulda-Mythos.22
Tatsächlich spricht vieles dafür, dass die Hohbachspinnerin verwandt ist mit der Berchta-Hulda (auch Bertha/Percht/ Holda/Hollermutter) oder eben mit Frau Holle, die wir aus dem gleichnamigen Märchen kennen. Um diese Gestalt mit den vielen Namen ranken sich zahlreiche weitere Mythen und viel Brauchtum in den Bergen Mitteleuropas. Dabei zeigt Holle neben ihren langen Zähnen mal ihren lieblichen, mal ihren garstigen Charakter.
Nach Ansicht der Sagenforschung geht die Gestalt der Holla bis in die Steinzeit zurück und bezeichnet niemand anderen als die Grosse Ahnfrau. Spätere, historisch überlieferte Indizien sprechen für die Annahme, dass Frau Holle die regionale Verkörperung einer uralten weiblichen Erd- und Himmelsgöttin ist, wie man sie überall auf der Welt unter den verschiedensten Namen verehrt hat. Holle/Hold/Hel, ihr Name im deutschen Sprachraum, beinhaltet das Verhüllte, Verhohlene, aber auch das Helle. Ihr weiterer Name Bercht/Berta/Percht bedeutet glänzend, leuchtend – wie die Gletscher und Schneefelder. Sie ist wild wie die Berge selbst und regiert über die Elemente, das Wetter und die Jahreszeiten.
In Bayern, Schwaben und Franken sowie im Tirol und Elsass wurde sie als Hausgöttin verehrt, die den Pflanzen, Tieren und Menschen Schutz und Heilung gibt. Die Holle hat den Menschen ausserdem zahlreiche Kulturtechniken wie das Spinnen und Weben gebracht – so glaubten es unsere Vorfahrinnen bis tief ins Mittelalter hinein.
Frau Holle lebt nach altem Volksglauben sowohl auf ihrem Berg als auch im unterirdischen Lichtreich. Die Menschen verehrten in ihr die Güte von Mutter Erde und das strahlende Himmelslicht zugleich. Sonnenschein fliesst von ihrem Haar, wenn sie es kämmt, die Welt ist von Nebel umhüllt, wenn sie Feuer macht und kocht, Wolken sind ihre Schafe, Regen fällt, wenn sie ihr Waschwasser auskippt, Schnee, wenn sie ihre Federbetten ausschüttelt. Frau Holles Himmelswagen wird von Katzen und Kühen gezogen. Mit diesem rast sie im Sturm durch die Lüfte und zerstört, was keine Kraft mehr hat.
Wie alle Muttergöttinnen ist die Holle zuständig für Leben und Tod. So kann sie verschiedene Gestalten annehmen. Mal ist sie jung und schön, ein andermal alt und hässlich. Sie beschenkt die Menschen, stellt sie auch auf die Probe, warnt oder droht. Sie ist nicht unversöhnlich und zeigt denjenigen ihre Huld, die ihren natürlichen Gesetzen folgen.
Die Kirche versuchte, die Holle/Percht zu verbieten. Noch in den Hexenprozessen des 17. Jahrhunderts wurden die Angeschuldigten danach gefragt, ob sie Kontakt zu ihr hätten. Da die Ausrottung der alten Göttin nicht vollständig gelang, wurde sie zur heiligen Bertha umgetauft oder dämonisiert: Sie galt als Schreckgespenst, das die Unfolgsamen verfolgt; die Katze, ihr Begleittier, verwandelte sich in ein teuflisches Monster.
Bald wurde die Geschichte der Frau Holle, eines der ältesten Märchen überhaupt, nicht mehr im eigentlichen Sinn verstanden. Sie entwickelte sich zur erzieherischen Droherzählung und sollte wilde Mädchen zu braven und tüchtigen Hausfrauen machen. Erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entdeckten Frauen die Holle wieder als Grosse Ahnfrau.
Die singende Tanne
Goms
In der Zeit, als es in der Schweiz noch besonders kunstreiche Holzschnitzer gab, lebte auch im Walliser Dorf Reckingen ein solcher, der sehr filigrane Sachen fertigen konnte.
Eines Tages, als er wieder in seiner Werkstätte sass und die Glocke von Reckingen das Ave durchs Tal läutete, hob er lauschend den Kopf, denn er glaubte, hoch oben, im Hohbachwald, ein wundersames Singen zu hören. Als das Läuten vorbei war, vernahm er jedoch nichts mehr. Er erzählte den Leuten im Dorf vom seltsamen Erlebnis. Als am nächsten Tag die Glocken wieder erklangen, lauschte er mit noch vielen anderen zum Bergwalde empor. Alle hörten nun das wundervolle Singen. Von da an vernahmen die Reckinger die geheimnisvollen Melodien jeden Tag beim Ave-Läuten.
Der Holzschnitzer aber wollte wissen, woher das Singen komme, und so stieg er immer wieder zum Hohbachwald hinauf, so lange, bis er endlich eine Riesentanne gefunden hatte, aus der die wunderbaren Klänge kamen. Er teilte es den Talgenossen mit, die ebenfalls die singende Tanne aufsuchten und bestaunten.
Doch der Holzschnitzer war damit nicht zufrieden. Die singende Tanne liess ihm keine Ruhe. Und eines Tages wurde sie auf sein Verlangen hin gefällt und zu Tal befördert.
Da wählte er das schönste astlose Stück des gewaltigen Baumes aus und wollte aus diesem Holz das Bild der Jungfrau Maria schnitzen. Nun arbeitete er Tag und Nacht an diesem Werk. Seine Aufmerksamkeit galt nur noch der immer deutlicher und schöner aus dem Holzstück herauswachsenden Gestalt. Und nach Jahr und Tag war ihm das Werk meisterlich gelungen. Wer immer das Bild in seiner Werkstatt sah, der sagte, dass seiner Jungfrau an himmlischer Anmut und seelischer Hoheit weit und breit kein Marienbildnis gleichkomme.
Jetzt war der Holzschnitzer zufrieden. Er schenkte das Bildnis der Kirche zu Reckingen. In feierlicher Prozession trug man die herrliche Holzstatue in die Kirche. Wie sie aber auf den Altar gestellt wurde, siehe, da öffnete mit einem Male das anmutsvolle Marienbild den Mund, und noch einmal hörten die Leute die wundersamen, lang vermissten Gesänge, die früher aus der Riesentanne vom Bergwald herabgekommen waren. Sie fielen auf die Knie nieder und priesen die Güte und Milde der Jungfrau Maria unter Freudentränen.
Nach Lienert 1915
In alten Zeiten liess sich die Ahnfrau einer Gegend bisweilen in einem mächtigen Baum nieder oder sie zeigte sich den Menschen in ihrer Baumgestalt.
Das Wissen um die Macht der Bäume ist fest in unserem Kulturgut verankert. In der germanischen Mythologie verkörpert die Esche Yggdrasil gar den gesamten Kosmos. Die alten Völker verehrten die Bäume, weil sie Nahrung, Wärme, Schutz und Material für Werkzeuge lieferten. Besondere, meist einzeln stehende Bäume waren so heilig, dass sie weder gefällt noch ihrer Zweige beraubt werden durften. Sie waren Wohnstätte von göttlichen Wesen oder von den Ahnen, die von hier aus Segen und Fruchtbarkeit übers Land brachten und den Menschen mit Rat zur Seite standen.
Bäume spendeten nicht nur Schatten, sondern auch Leben: Junge Frauen umarmten die Bäume und verhalfen so einer Ahnenseele, die sich im Baum niedergelassen hatte, wieder ins irdische Dasein. Ein Beispiel ist der auf Seite 39 erwähnte Kindlibaum (Kinderherkunftsbaum) bei Kippel im Lötschental. Rabiate Missionare des frühen Mittelalters liessen viele solcher heiligen Bäume fällen. Doch im Verborgenen wurde der uralte Baumkult noch lange weiter gepflegt, auch wenn in der Vorstellung der bekehrten Heiden die Grosse Ahnfrau oder die Ahnen, die im Baum wohnten, zu Armen Seelen wurden, die hier gefangen waren und für ihre Sünden büssen mussten.
Und manchmal wurde ein Ahnbaum mit einem Marienbild geschmückt. Maria sollte die Grosse Ahnfrau, die sich hier in ihrer Baumgestalt zeigte, ersetzen, und der Baum konnte weiter bestehen. Die singende Tanne von Reckingen jedoch wurde gefällt und aus ihrem Holz eine Marienstatue geschnitzt. Bildhafter kann man die Christianisierung des Ahninnenkults wohl nicht darstellen.
Das Tal der Gräfin Anna
Binntal
Vor vielen hundert Jahren wurde auch im oberen Rhonetal die Grosse Ahnfrau verehrt. Aus ihr kam alles Lebendige, sie nährte und beschützte es, und zu ihr kehrte es zurück. Das Volk erlebte sie an den Quellen, Bächen und Gletschern, in den Höhlen und Schluchten, in Felsbrocken, Hügeln und Bergen.
Im Goms wurde die Ahnfrau Gräfin Anna genannt. Ihr gehörten die schönsten Alpen von Ernen, Grengiols, dem Binn- und dem Lengtal. Diese sollen so fruchtbar gewesen sein, dass man die Kühe dreimal am Tag melken musste, und das Gras stand so hoch, dass ganze Büschel an den Spitzen zusammengeknüpft werden konnten, um auf den Wiesen Fussschlingen zu binden und einander zu necken. Ein tanzfreudiges Volk soll auf diesen Alpen gelebt haben – und keine Verordnung und keine Predigt konnte es von seinem lustvollen Tun abbringen. Auch Gräfin Anna liebte es, als Sennerin auf ihren Alpen zu verweilen, und wer ihr begegnete, kam verwandelt zurück.
So erging es auch Christine, einer Frau aus Schmidigehischere. Sie war eine der stärksten Käseträgerinnen im Binntal und fürchtete sich nicht davor, auch in den entlegensten Hütten Vergessenes zu holen oder schweren Ballast an den Ort zu schleppen, wo er benötigt wurde.
So war sie eines Tages spät im Herbst noch unterwegs im hinteren Binntal. An dem Ort, der Wyssbach heisst, dort, wo die junge Binna mit dem Turbewasser zusammenfliesst, setzte sich Christine auf eine Steinplatte, um ein wenig zu rasten. Sie beobachtete die Erdgeistlein in den weissen Sandhügeln und die lustigen Wasserwesen im milchig-weissen Bach, wie sie sich vor Freude über die Steine kugelten.
Da kam plötzlich eine Frau in alter Tracht daher und wies Christine an, ihr zu folgen. Sie stand auf und die beiden stiegen, ohne ein Wort zu wechseln, eilig die Kehren durch den weissen Sand hinauf, Richtung Albrunpass.
Auf einem Moränenhügel machte die geheimnisvolle Frau halt. Christine kannte den gewaltigen Felsbrocken, der hier vor langer Zeit zum Stillstand gekommen war. Eine Reihe von Bohrlöchern ziert seine Nordflanke, und auch der Stein, welcher den Felsbrocken stützt, weist kleine Schalen auf. Christine erinnerte sich an die Warnung des Pfarrers, sich von diesem Stein fernzuhalten.
Doch genau hierhin sollte sie sich setzen, so wies die seltsame Frau sie an und verschwand. Kaum hatte Christine sich in einer Ausbuchtung des Felsens niedergelassen, versank sie in einen wohligen Zustand völliger Leere. Die Nacht brach ein – Christine spürte weder die Kälte, noch machte sie sich Gedanken über ihr Fortbleiben von zu Hause. Sie fühlte sich behütet, und der mächtige Felsbrocken war wie ein Schiff, das sie sicher durch das Sternenmeer steuerte. Ein sanfter Sichelmond wachte über ihr.
Noch vor Sonnenaufgang stand Christine auf und blickte gegen Osten zum Ofenhorn. Es ragt wie mit zwei gewaltigen Brüsten zum Himmel. Weiss stürzen die Milchbäche von der Höhe herunter, sammeln sich in einem feuchten, sumpfigen Bauchkessel und schäumen dann zwischen gewaltigen Felsschenkeln hinunter ins Tal. Da lag sie: Gräfin Anna – die Bergmutter des Tals.
Eine wundersame Melodie schwoll an. Sie schien von weiter oben zu kommen, vom Ochsenfeld, einer baumlosen, verwilderten Trümmerwüste. Christine folgte dem Klang, und plötzlich waren da noch andere Frauen, alle in wunderschönen, alten Trachten. Sie tanzten zwischen den Felsblöcken und Steinen umher. Mit einem Bergkristall, den jede bei sich trug, klopften sie an das Gestein, weckten Töne und Melodien, die hier verborgen lagen. Und die Steine sangen ihre Lieder: von Sonne, Mond und Sternen, von Erde, Feuer, Wasser und Luft, von Entstehen und Vergehen, von Erstarrung und Verwandlung.
Inmitten dieses Klangteppichs erstrahlte der mächtige Felsbrocken auf dem Moränenhügel in einem ganz besonderen Glanz. In Farbkaskaden sichtbar, schien er die Kraft der Töne zu sammeln und sie gebündelt weit über Berge und Täler zu schicken. Die Alpen des Binntals erglühten, die Sonne ging auf. Und Christine war, als ob sie die Sprache der Steine, Kristalle und auch der Kräuter und Blumen verstünde.
Viel später, als die Sonne wieder am selben Ort unterging wie bei ihrer Ankunft, wusste Christine, dass ihre Zeit beim grossen Stein abgelaufen war. Am Morgen nahm sie freudig den Rückweg nach Schmidigehischere unter die Füsse. Doch als sie im Dorf ankam, sahen die Menschen sie erschrocken an. Ein ganzes Jahr war vergangen, seit Christine aufgebrochen war, und man hatte nicht mehr damit gerechnet, sie nochmals zu sehen. Christine versuchte zu erzählen, was sie erlebt hatte. Doch niemand wollte ihrer Geschichte Glauben schenken. Man fürchtete sich vor ihr, und die meisten Leute mieden sie. Sie war eine andere geworden und als Lastenträgerin nicht mehr zu gebrauchen.
Noch ein Jahr ging ins Tal und die Dorfbewohner konnten sich nicht länger der Tatsache verschliessen, dass die seltsame Christine den Menschen und Tieren mit Kräutern helfen konnte, auch mit Kristallen oder mit Tönen. Wer Rat bei ihr suchte, dem weitete sich der Blick, und das Vertrauen in die Hilfe unsichtbarer Kräfte wuchs.
Auch heute noch, wenn die Zeit günstig ist und wir bereit dazu sind, soll man im Binntal Wesen treffen, die uns teilhaben lassen am Schatz des alten Wissens um die Geheimnisse der Natur und des Lebens.
Nach Guntern 1979, Nr. 65, 66, 67, 2119
Der Dolomitmarmor ist das auffälligste Gestein des Binntals. Weiss und hellgrau leuchten seine Felsen. Und milchig-weiss rauschen die Bäche zu Tal. Für die Menschen der frühen Zeiten hatten solche Erscheinungsformen der Natur ihre Bedeutung. Weisses Land galt als heiliges Land, Beispiele sind die Kreidefelsen bei Dover in Südengland und auf der Insel Rügen oder die Kalkhänge des Juras.
Es war die Erd- und Mondgöttin selbst, die sich hier in den Formen und Farben der Landschaft zeigte, die sie mit ihrem Licht zum Strahlen brachte. Sie war die Grosse Ahnfrau, die für die Lebensgrundlagen sorgt – vor allem für Wasser. Anna, der Name der Ahnfrau, ist denn auch mit diesem Element in Verbindung zu bringen (siehe S. 32 und 39).
In christlicher Zeit sind die lebensfördernden und beschützenden Eigenschaften der Urahnin oft auf Heilige oder auf eine historische Person übertragen worden. Das wird auch mit Anna, der Ahnin im Goms, geschehen sein – sie wurde im Laufe der Zeit zur Gräfin. Doch auch diese ist historisch kaum fassbar, und die Geschichten um sie wurden immer wieder ein wenig anders erzählt. Einmal zeigt sich Anna als die wohltätige Tochter eines Junkers aus dem 14. Jahrhundert. Dann wieder erscheint sie als die untröstliche Verlobte eines Ritters, die sich aus lauter Gram über seinen Tod in die Berge zurückzieht. In einer anderen Variante ist sie eine der drei Töchter, die im Goms Land erben und es unter sich mittels Losentscheid aufteilen: Eine bekommt das Erner Feld, die andere den Feldboden und die dritte das Ochsenfeld, hoch oben am Albrunpass.
Das Motiv der Schwestern, die Land besitzen, kommt auch in anderen Sagen im Alpenraum vor. Es verweist womöglich auf mutterrechtliche Zeiten. Interessanterweise sind auf alten Landkarten im Binntal Flurnamen verzeichnet wie Damenschloss und solche, die direkt mit Anna in Verbindung gebracht werden. Auf der Alp Furgge trägt ein Hügel den Namen Annabiel, und die Bergkante am Nordrand des Hochplateaus, die sich vom Übergang der Furgge bis zum Breithorn hinzieht, heisst Annagrat.23
Eines erzählen alle diese Geschichten und Verortungen: Gräfin Anna ist gänzlich mit der Landschaft verbunden und mit ihrem Volk, das es gut hat mit ihr. Der Teufel selbst macht dem glücklichen Leben ein Ende, indem er das Vieh wegtreibt. So erzählt es eine weitere Sage. Selbst Gräfin Anna soll bei diesem Aufstand zu Tode gekommen sein – ein eindrückliches Bild des Untergangs einer alten Religion.
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