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Ursula Isbel-Dotzler

Unheimlich

SAGA Egmont

Unheimlich

Copyright © 1994, 2018 Ursula Isbel-Dotzler und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711804612

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Warte, bis es dunkel ist
1

„Du mußt mitkommen, Frankie“, sagte Kristin. „Ich fahre einfach nicht ohne dich!“

„Sag das lieber meiner Mutter“, erwiderte ich düster. „Du weißt doch, wie ängstlich sie ist. Jedesmal, wenn ich ohne sie nur ein paar Kilometer von zu Hause wegfahre, steht sie Todesängste aus. Sie denkt immer gleich, ich würde entführt oder in den Orient verschleppt oder so.“

Kristin lachte. „Aber von Schweden aus wird niemand in den Orient verschleppt! Wir werden ganz friedlich auf dem Land versauern, wo sich die Elche gute Nacht sagen.“

„Elche?“ wiederholte ich. „Das sind doch diese riesigen Tiere mit den Geweihschaufeln auf dem Kopf? Laufen die dort frei herum?“

Kristin nickte, daß ihr das lange blonde Haar wie ein Schleier vors Gesicht fiel. „Klar. In Schweden soll’s sogar noch Bären geben – oben im Norden, weißt du.“

„Wenn du noch lange weitererzählst, komme ich bestimmt nicht mit“, sagte ich.

„Ach was, das gilt doch nicht für Lilletorp. Da gibt’s nur blonde Bauern und rote Holzhäuser und Birkenwälder, Landluft und rosarote Schweinchen.“ Kristins blaue Augen sahen mich beschwörend an. „Wenn du nicht mitkommst, sterbe ich in den Ferien vor Langeweile, ich schwör’s dir! Dieses Lilletorp ist nicht mal auf der Landkarte eingezeichnet.“

Ich seufzte. „Ich möchte ja mitkommen; und mein Vater würde mich sicher auch fahren lassen. Aber ich weiß nicht, wie ich meine Mutter überreden soll. Vier Wochen von zu Hause fort… Noch dazu eine so weite Reise! Sie wird sicher ein furchtbares Theater machen.“

„Herrje, Frankie, in eineinhalb Jahren wirst du achtzehn. Deine Mutter muß sich daran gewöhnen, daß du bald erwachsen bist und deine eigenen Wege gehst“, sagte Kristin. „Verlaß dich nur auf mich, ich mach das schon. Sie weiß doch, daß mein Vater ein ernsthafter, achtbarer Mann ist, der den ganzen Tag über seinen Büchern sitzt. Zu einem Wissenschaftler hat sie bestimmt Vertrauen! Außerdem wohnt er jetzt in einem alten Pfarrhaus. Das ist doch ehrbar und anständig, dagegen kann sie nichts einzuwenden haben! Eine Haushälterin gibt’s da auch, und schließlich bin ich auch noch da. Komm jetzt, wir gehen gleich zu ihr und erledigen das.“

Und Kristin nahm mich an der Hand, energisch wie immer. Dann gingen wir ins Haus meiner Eltern, um die Schlacht gemeinsam zu schlagen.

2

Die Ferien hatten angefangen, und gewisse Unerfreulichkeiten wegen der Zeugnisse waren überstanden. Ich kniete vor der Kommode in meinem Zimmer und schichtete Unterwäsche in den Koffer.

„Nimm warme Sachen mit“, sagte meine Mutter von der Tür her. „In Schweden soll es schon früher als bei uns Herbst werden, die Leute machen dort ja auch eher Urlaub als wir. Ach Gott, wenn ich daran denke… Du vergißt doch nicht, mir jede Woche zu schreiben, Frankhild?“

Ich nickte automatisch. „Wenn nur Kristins Mutter mitfahren würde, dann wäre ich beruhigt!“ sagte meine Mutter zum wiederholten Mal.

„Aber das geht eben nicht“, erwiderte ich erschöpft. „Du weißt doch, daß Kristins Eltern schon seit ewigen Zeiten geschieden sind. Ihre Mutter lebt hier mit einem anderen Mann zusammen. Da kann sie doch nicht einfach Urlaub bei ihrem geschiedenen Mann machen! Außerdem fährt Kristin schon seit acht Jahren jedesmal allein in den Ferien zu ihrem Vater, und sie ist immer heil und gesund zurückgekommen.“

„Ja, aber bisher hat Professor Zetterlund in Stockholm gelebt! So eine Großstadt ist schließlich etwas anderes als ein einsames Dorf auf dem Land!“

Ich schob die Kommodenschublade zu und richtete mich auf. „Allerdings, das ist wirklich etwas anderes. In Großstädten gibt’s Mord und Totschlag, und auf dem Land passiert höchst selten etwas, das ist der Unterschied.“

Das wirkte. Meine Mutter sagte nichts mehr. Sie ging in die Küche, um Reiseproviant für mich vorzubereiten. Ich packte meinen Koffer und die Reisetasche in Ruhe fertig.

Dann rief Kristin an. „Du, wir sollten am besten morgen schon eine Stunde vor der Abfahrt am Bus sein“, sagte sie. „Dann können wir uns die Plätze noch aussuchen. Und geh früh ins Bett, damit du ausgeschlafen bist. Wir sind immerhin ungefähr zweiunddreißig Stunden unterwegs; schlafen kann man im Bus sowieso kaum.“

Wider Erwarten schliefen wir nach zehnstündiger Fahrt im Europa-Bus doch, wenn auch unruhig und unbequem. Es gab viel zuwenig Platz für unsere Knie und unsere Füße; ab und zu wachte ich davon auf, daß Kristin meine Schulter als Kopfkissen benutzte. Ich träumte von einem düsteren Haus inmitten eines riesigen Waldes, in dem Kristins Vater wie die Hexe im Märchen von Hänsel und Gretel hauste.

Gerade als der Traum richtig ungemütlich wurde, wachte ich auf und stellte erleichtert fest, daß wir in Hamburg waren. Hinter den Busfenstern war es schon dunkel. Kristin packte ihren Proviant aus.

Nachts auf der Fähre nach Malmö wurde ich seekrank, obwohl eigentlich kein besonders hoher Seegang war. Ich kauerte auf einem Stuhl im Gang und fühlte mich sterbenselend.

Kristin versuchte mich zu trösten. „In ein paar Stunden hast du’s überstanden“, sagte sie.

Ich murmelte, daß ein paar Stunden eine verdammt lange Zeit sein können, und schloß die Augen wieder. Gerade jetzt wünschte ich mir, ich wäre zu Hause geblieben, doch das sagte ich ihr natürlich nicht.

Als wir früh am nächsten Morgen endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatten und in den Bus zurückkehren konnten, war ich heilfroh und dankbar.

„Du siehst aus wie Entengrütze“, sagte Kristin aufmunternd.

Da mir nun schon einmal so elend war, vertrug ich auch das Busfahren nicht mehr. Den ganzen Tag kauerte ich wie ein Häufchen Elend auf dem Sitz, aß keinen Bissen und warf nur ab und zu einen gequälten Blick aus dem Busfenster. Kristins Begeisterung über die Wälder und Seen, das Meer und die schwedischen Dörfer konnte ich nicht teilen. Ich wäre am liebsten ausgestiegen und hätte mich in den Straßengraben gelegt.

Keiner konnte erleichterter sein als ich, als wir gegen Abend endlich Stockholm erreichten.

„Jetzt lege ich mich auf eine Bank im Bahnhof und rühre mich bis morgen früh nicht mehr von der Stelle!“ sagte ich zu Kristin.

„Du weißt genau, daß der nächste Zug nach Uppsala in zehn Minuten fährt“, sagte sie streng. „Den müssen wir erwischen, damit wir den letzten Bus nach Lilletorp noch kriegen. Vater hat mir alles genau geschrieben. Er erwartet uns doch und macht sich Sorgen, wenn wir nicht im Bus sind. Reiß dich zusammen, Frankie!“

Bus – ich hörte immer nur Bus! Ich stöhnte. Da ich mich jedoch zu schwach fühlte, um zu widersprechen, folgte ich Kristin gottergeben durch die Bahnhofshalle zum Schalter und dann zum Zug nach Uppsala.

Er stand schon bereit und war zum Glück ziemlich leer. Ich legte mich auf eine Sitzbank und war überglücklich, daß sich für eine Weile nichts mehr unter mir bewegte.

Doch dann fuhren wir wieder. Eine Stunde später waren wir in Uppsala und erreichten den Bus nach Lilletorp noch rechtzeitig. Mir kam es vor, als sollte mein armer Magen nie mehr zur Ruhe komme. Ich schwor mir, während der nächsten Wochen nie wieder einen Bus oder ein Schiff zu besteigen; an die Rückreise mochte ich gar nicht erst denken.

Als wir Lilletorp endlich erreichten, brach die Abenddämmerung schon herein, und Professor Zetterlund war nicht gekommen.

3

Wir standen allein im Zwielicht. „Er hat vergessen, daß wir heute kommen“, sagte Kristin. „Typisch!“

Ich sah mich um. Der Bus war wieder losgefahren. Wir standen mit unserem Gepäck an der Landstraße. Am Ende der Straße zeichneten sich Häuser gegen den dunkler werdenden Himmel ab. Irgenwo in der Nähe mußte ein Bauernhof sein, denn wir hörten eine Kuh muhen. Sonst war alles still und wie ausgestorben.

„Und was machen wir jetzt?“ fragte ich. „Weißt du, wo das Haus ist, in dem dein Vater wohnt?“

„Keine Ahnung. Er ist ja erst vor ein paar Monaten hierhergezogen. – Ich bin noch nie in Lilletorp gewesen. Pfarrhäuser sind aber meistens in der Nähe der Kirche, glaube ich. Wir können ja mal fragen.“

„Ja“, sagte ich. „Das könnten wir, wenn jemand da wäre.“

„Dazu müssen wir erst mal in den Ort gehen.“ Kristin nahm ihren Koffer und begann die Straße entlang zu wandern. Ich folgte ihr und dachte verbittert, daß diese Ankunft wirklich zu allem anderen paßte.

Der erste Mensch, der uns begegnete, war ein alter Mann mit einem Hund. Glücklicherweise kann Kristin ziemlich gut Schwedisch; sie ist ja Halbschwedin. Ich hörte, wie sie etwas von „Professor Zetterlund“ und „Prästgården“ sagte. Der Alte nickte freundlich, gab eine Antwort, die ich natürlich nicht verstand, und deutete in die Ferne.

Als ich seiner ausgestreckten Hand mit den Augen folgte, merkte ich, daß er durchaus nicht auf die rote Backsteinkirche zeigte, die die Häuser von Lilletorp überragte. Er deutete auf den Wald hinter dem Dorf. Mein Herz sank.

„Tack så mycket“, sagte Kristin höflich, aber mit niedergeschlagener Stimme. Daß das vielen Dank hieß, wußte ich wenigstens.

„Es ist nicht im Dorf, wie?“ murmelte ich, als der alte Mann mit seinem Hund weiterging.

„Nein“, erwiderte Kristin. „Du hast es erfaßt, Frankie. Wir müssen… hm, na ja, wir müssen mehr oder weniger durch Lilletorp durch und dann ein Stück in den Wald.“

Hänsel und Gretel! Ich hatte es ja geahnt. „Können wir nicht im Pfarrhaus anrufen, damit dein Vater uns hier abholt?“ fragte ich.

„Versuchen können wir’s ja.“ Kristin machte ein zweifelndes Gesicht. „Aber er hängt den Hörer oft aus, wenn er arbeitet, um nicht gestört zu werden.“

Lilletorp kam mir wie eine Geisterstadt in einem Wildwestfilm vor. Immerhin waren einige Fenster erleuchtet. Ich sah voller Sehnsucht auf die Lichtvierecke, denn ich war hungrig und todmüde und wollte nichts als essen und schlafen.

Auf dem Weg zur Telefonzelle begegneten uns nur zwei Leute, eine Frau und ein kleiner Junge, die uns freundlich grüßten. Mein Koffer schien von Schritt zu Schritt schwerer zu werden.

Zum Glück hatte Kristin ein paar Kronenstücke eingesteckt. Allerdings schien ihr Vater das Telefon tatsächlich ausgehängt zu haben, denn es erklang immer nur das Besetztzeichen, so oft wir es auch versuchten.

„Dann nehmen wir eben ein Taxi!“ sagte ich.

Kristin lachte. „Ein Taxi? So was gibt es hier nicht!“ erwiderte sie. „Aber dort drüben ist ein kleines Gasthaus. Da frage ich mal, ob wir unser Gepäck einstellen dürfen. Dann brauchen wir uns wenigstens nicht so abzuschleppen.“

Mir war schon alles egal. Ich nickte nur, setzte mich auf meinen Koffer und wartete vor der Telefonzelle, während Kristin im Gasthaus Krogen verschwand.

Nach einer Weile kam sie zurück. „Die Leute sind nett“, sagte sie. „Wir können unser Gepäck hierlassen. Sie haben mir sogar eine Taschenlampe geliehen und den Weg zum Pfarrhaus ganz genau beschrieben. So besonders weit ist es nicht.“

Das sollte tröstlich klingen, aber mich konnte nichts mehr trösten. Wir trugen unsere Koffer in die Wirtsstube, in der nur drei ältere Männer saßen und uns mit einer Art mitleidiger Neugier musterten. Die Wirtin stellte unser Gepäck in einer Ecke hinter der Theke ab. Auch auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, der mir mitleidig vorkam. Sie sagte etwas auf schwedisch, Kristin nickte und gab Antwort. Dann gingen wir wieder in den Abend hinaus.

„Was hat sie gesagt?“ fragte ich. „Sie hat uns so mitleidig angesehen.“

„Sie hat gesagt, wir sollten auf uns aufpassen“, erwiderte Kristin. „Wahrscheinlich fürchtet sie, wir könnten uns im Wald verlaufen. Ich denke, du hast ihr leid getan, weil du so blaß und elend aussiehst.“ Sie warf mir einen Seitenblick zu. „Du bist ganz fertig, wie? Hör mal, du könntest doch eigentlich in der Gastwirtschaft bleiben. Dann gehe ich allein zum Pfarrhaus, und mein Vater soll dich dann mit dem Auto holen.“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein“, erwiderte ich standhaft. „Ich lasse dich nicht allein gehen, kommt nicht in Frage. Ich weiß doch genau, daß du dich allein im Wald fürchtest.“

„Ein bißchen schon“, gab sie zu. „Ehrlich gesagt ist’s mir bedeutend lieber, wenn du mitkommst.“

Als wir den Wald erreichten, war es noch dunkler geworden. Die Bäume ragten wie eine schwarze Mauer vor uns auf. Kein Stern war am Himmel, und der Mond hatte sich hinter Wolken versteckt, denn wir sahen ihn nicht. Kristin beleuchtete den steinigen Weg mit dem Strahl der Taschenlampe.

„Wir müßten jetzt bald an die Wegkreuzung kommen, von der die Wirtin gesprochen hat“, sagte sie. „Dann müssen wir nach links. Weit kann’s nicht mehr sein.“

Ziemlich ängstlich stolperten wir vorwärts. Ich dachte, wie gut es doch war, daß meine Mutter nichts von all dem wußte; sie hätte vor Schreck wahrscheinlich einen Herzanfall bekommen. Es genügte schon, daß Kristin und ich Angst hatten. Argwöhnisch lauschten wir auf die fremden Geräusche um uns her. Es knackte und knisterte, es säuselte und rauschte im Unterholz. Ich vergaß vor Anspannung ganz, wie müde ich war.

„Halt – was war das?“ flüsterte Kristin plötzlich.

Wir blieben stehen und horchten. Ein seltsames Surren erklang; dann knackte es laut. Und dann… Stille.

Kristin ließ den Strahl der Taschenlampe umherwandern. Er schwankte auf und nieder, weil ihre Hand so zitterte.

„Meine armen Nerven!“ sagte ich. „Gibt’s hier wirklich keine Bären mehr?“

„Unsinn, natürlich nicht.“ Es klang nicht besonders mutig. „Wahrscheinlich schleicht irgendwo eine Wildkatze herum.“

„Die sollen ziemlich angriffslustig sein, wenn sie Junge haben“, sagte ich.

„Hör jetzt auf damit, du machst mich ganz krank. Da vorn ist die Wegkreuzung!“

Der Strahl der Taschenlampe erhellte den Weg vor uns; er sah aus wie ein Tunnel. Und am Ende dieses Tunnels aus Licht und Dunkelheit stand etwas, was ein Wegweiser sein konnte.

Es war wirklich ein Wegweiser, doch er war so verwittert, daß die Schrift nicht mehr zu entziffern war. Wir wandten uns nach links, fielen um ein Haar über eine Wurzel, die wie eine Fußangel aus der Erde ragte, und sahen endlich zu unserer großen Erleichterung ein Licht zwischen den Bäumen schimmern.

„Wirklich genau wie in Hänsel und Gretel“, sagte ich. „Hoffentlich bleibt uns wenigstens die Hexe erspart.“

Kristin kicherte unsicher. Wieder raschelte es irgendwo in unserer Nähe, als würde sich ein Grizzlybär im Laub wälzen. Ich war richtig glücklich, als wir endlich ein schmiedeeisernes Tor erreichten und im Hintergrund das Pfarrhaus mit der überdachten Vortreppe sahen. Eine Lampe brannte über der Eingangstür, und im Erdgeschoß war ein Fenster erleuchtet.

Der schmiedeeiserne Torflügel quietschte jämmerlich in den Angeln, als wir ihn aufstießen. Etwas huschte vor uns über den Gartenpfad, ein schwarzes Tier mit glühenden Augen. Ich rettete mich mit einem Satz auf die Vortreppe.

„Eine Katze“, sagte Kristin. „Zieh mal an der Klingelschnur links von der Tür.“

Ich zog daran. Schrilles Gebimmel erklang, aber im Haus rührte sich nichts.

Ich setzte mich auf die oberste Treppenstufe. Kristin zerrte ihrerseits an der Klingelschnur. Die Glocke schepperte bösartig.

Dann hörten wir Schritte im Haus. Die Tür öffnete sich. Ein Mann mit gelockten grauen Haaren, einem Bart und runder Brille stand auf der Schwelle. Er sah uns fassungslos an.

„Hallo, Vater“, sagte Kristin. „Du hast natürlich vergessen, daß wir heute kommen wollten. Da sind wir jedenfalls.“

4

Trotz meiner Müdigkeit wachte ich mitten in der Nacht auf und konnte lange nicht wieder einschlafen. Doch vielleicht war es gerade die Übermüdung, die mich wachhielt. Jeder Muskel meines Körpers war angespannt. In meinen Armen und Beinen kribbelte es so, daß ich nicht stilliegen konnte.

Ich wälzte mich von einer Seite auf die andere. Im Bett nebenan schlief Kristin selig. Ich hörte ihre ruhigen, gleichmäßigen Atemzüge. Im Haus war es sehr still; fast zu still für ein Großstadtmädchen wie mich. Ich war an die vielfältigen Geräusche gewöhnt, die in der Stadt selbst nachts nie ganz verstummen – fernes Verkehrsrauschen, Geräusche aus Nachbarwohnungen, Funkstreifensirenen. Diese Laute waren mir von Kindheit an vertraut, und die ungewohnte Stille beunruhigte mich.

Ich lag im Bett und begann Schafe zu zählen. Als ich bei zweihundertsiebenundzwanzig angekommen war, gab ich es auf. Meine Beine waren so heiß; ich drehte die Bettdecke um, knüllte das Kopfkissen zusammen, legte mich auf die andere Seite. In meinem Kopf kreisten die Gedanken wie ein Mühlrad, das sich nicht anhalten läßt.

Ich konnte einfach nicht zur Ruhe kommen. Im Geist ging ich noch einmal den Weg durch den Wald zum Pfarrhaus, glaubte das Schlingern der Fähre zu spüren und das stundenlange, schier endlose Schaukeln des Busses. Dann dachte ich an Kristins Vater. Er war sehr freundlich zu mir gewesen. Vermutlich erleichterte es ihn, daß ich mitgekommen war und Kristin Gesellschaft leistete.

Ich fragte mich, wie er hier so einsam leben mochte. Freilich hatte er seine Arbeit als Archäologe, die ihm sehr wichtig war, wie ich von Kristin wußte. Doch warum hatte er sich entschlossen, aus Stockholm fort und hierher zu übersiedeln, in ein einsames altes Pfarrhaus im Wald?

Doch irgenwie paßte dieses Haus auch wieder zu Professor Zetterlunds weltfremder Art. Ich konnte mir gut vorstellen, wie er Abend für Abend über seinen Büchern im Studierzimmer saß und arbeitete. Kristin hatte mir erzählt, daß er auch oft unterwegs war, in Griechenland und Ägypten. Zuletzt hatte er Ausgrabungen in Gotland geleitet, bei denen man auf Wikingersiedlungen gestoßen war.

Professor Zetterlund war sicher ein interessanter Mann, aber irgendwie wirkte er auf mich auch fremd und unnahbar. Das Verhältnis zwischen ihm und Kristin war nicht besonders herzlich. Allerdings sahen sich die beiden ja nur selten, und vielleicht konnte Professor Zetterlund seine Gefühle für seine Tochter einfach nicht zeigen. Er und Kristins Mutter hatten sich scheiden lassen, als Kristin noch ein Baby war; damals war Zetterlund in seine Heimat Schweden zurückgekehrt, und er und Kristin hatten sich nie länger als ein paar Wochen im Jahr gesehen.

Ich wollte mich wieder auf die andere Seite wälzen, hielt jedoch mitten in der Bewegung inne und lauschte.

Die Stille im Haus hatte mich beunruhigt. Jetzt wurde sie von einem Geräusch unterbrochen, und das beunruhigte mich noch mehr. Es war sehr leise oder sehr fern, ein Huschen und Tappen wie von bloßen Füßen.

Das Geräusch verstummte, noch ehe ich Zeit hatte, genauer hinzuhören. Eine Weile herrschte völlige Stille. Dann erklang ein sachtes Schleifen, als würde irgendwo tief im Haus ein Gegenstand über die Dielen gezerrt.

Ich hielt den Atem an. Das schleifende Geräusch wurde schwächer und verklang schließlich ganz. Es hörte nicht plötzlich auf; vielmehr war es so, als würde sich derjenige, der das Geräusch verursachte, immer weiter entfernen.

Mit klopfendem Herzen lag ich da und starrte zum Fenster. Hinter den dunklen Scheiben zeichneten sich die noch dunkleren Umrisse eines Baumes ab. Nun war alles wieder totenstill wie zuvor.

Nur langsam wich meine Erregung. Ich dachte, daß es wohl eine natürliche Erklärung für die Geräusche gab. Möglicherweise war Kristins Vater aufgestanden und hatte irgend etwas ganz Harmloses getan.

Ich stützte mich auf den Ellbogen und sah zu Kristin hinüber. Ihr Gesicht war im Dunkeln verborgen, doch ihre Atemzüge klangen unverändert gleichmäßig. Sie schlief friedlich und hatte nichts von allem gehört.

Ich sagte am nächsten Morgen kein Wort von den nächtlichen Geräuschen – weder zu Kristin noch zu Professor Zetterlund. Erstens fürchtete ich, mich lächerlich zu machen, und zweitens war ich bei hellem Tageslicht selbst überzeugt, daß alles eine ganz natürliche Ursache haben mußte. Vielleicht waren einfach Mäuse im Haus oder Siebenschläfer auf dem Dachboden. Schließlich stand das Pfarrhaus mitten im Wald, da gab es wohl allerhand heimliche Bewohner.

Kristins Vater hatte schon gefrühstückt und unsere Koffer aus dem Dorf geholt, als wir auftauchten. Er saß noch mit der Morgenzeitung am Tisch, begrüßte uns und fragte, wie wir geschlafen hätten.

Professor Zetterlund sprach ein überraschend akzentfreies Deutsch, was ich darauf zurückführte, daß er fast zehn Jahre in Deutschland gelebt hatte. Später stellte ich fest, daß es viele Schweden gibt, die sehr gut deutsch sprechen.

Die Haushälterin des Professors konnte jedoch kein Wort Deutsch. Sie war eine kräftige Frau mit dünnen blonden Haaren und wasserblauen Augen, sie hieß Märta. Zum Frühstück brachte sie uns Kaffee; sie hatte auch frisches Brot aus dem Dorf mitgebracht. Ihre Miene verriet nicht, ob sie sich über unseren Besuch freute oder ob sie uns für eine lästige Mehrbelastung hielt.

„Was hat sie eben gesagt?“ fragte ich Kristin, als Frau Märta und Professor Zetterlund das Zimmer verlassen hatten.

„Ach, das übliche. Daß sie hofft, daß wir uns hier wohl fühlen“, sagte Kristin mit vollem Mund.

„Wohnt sie auch im Pfarrhaus?“ fragte ich.

„Ich glaube nicht. Vermutlich lebt sie in Lilletorp. Als du im Bad warst, habe ich sie mit dem Fahrrad hier ankommen sehen.“

Frau Märta war also jedenfalls vergangene Nacht nicht durch die Gänge getappt. Ich dachte, daß Professor Zetterlund vielleicht eine in einen Teppich gewickelte Mumie durchs Haus geschleppt und in ein geheimes Untersuchungslabor gebracht hatte, und konnte mir nur mit Mühe das Lachen verbeißen.

„Was grinst du so?“ fragte Kristin mißtrauisch.

Ich sagte: „Ach, mir ist nur gerade etwas eingefallen.“ Und ehe Kristin weitere Fragen stellen konnte, fügte ich hinzu: „Was machen wir heute?“

Sie seufzte. „Du, das hab ich mir auch schon überlegt. Gibt’s hier überhaupt etwas zu tun?“

„Wir könnten einen Waldspaziergang machen und Pilze suchen“, schlug ich ohne große Begeisterung vor.

Kristin stieß ein Schnauben aus. Ich fuhr fort: „Oder wir könnten uns im Dorf noch ein bißchen umsehen.“

„Das können wir, aber es dauert bestimmt keine Stunde, dann kennen wir jedes Haus. Und was machen wir dann?“

„Keine Ahnung“, sagte ich. „Was macht man so in Schweden?“

„Oh, in den Städten gibt’s vieles, was interessant ist. In Stockholm zum Beispiel gibt’s einen Vergnügungspark, der Gröna Lund heißt, und…«

Ich unterbrach sie. „Wir sind aber nicht in Stockholm.“

„Dann fahren wir eben mal hin!“

„Nein, danke“, sagte ich. „Fürs erste hab ich genug von der Fahrerei. Mir wird jetzt noch ganz schlecht, wenn ich nur an einen Bus denke.“

„In ein paar Tagen“, prophezeite Kristin, „hast du schon alles wieder vergessen. Und Uppsala mußt du unbedingt auch kennenlernen. Das ist hübsch, sage ich dir! Ein schwedisches Heidelberg, sozusagen. Komm, sehen wir uns erst mal das Haus an.“

Ich war einverstanden. Alte Häuser hatten schon immer eine besondere Anziehung auf mich ausgeübt, und dieser Pfarrhof war bestimmt mehr als zweihundert Jahre alt. Wir brachten unser Kaffeegeschirr in die Küche, wo Frau Märta gerade die Fenster putzte.

Es war eine ziemlich kahle Küche, blitzsauber zwar, aber nicht besonders anheimelnd. Eine Wand war von oben bis unten weiß gekachelt, und über dem Holztisch hing eine Lampe, die wie ein Nachttopf ohne Henkel aussah.

Dafür gab es ein hübsches Wohnzimmer mit abgewetzten Ledermöbeln und einer Terrassentür, hinter der man ein Stück des verwilderten Gartens sah. Eine Steinfigur stand zwischen den Bäumen. Auf den Stufen, die zum Rasen führten, wuchs Moos.

Kristin schaltete den Fernseher ein, aber er ging nicht. „Typisch!“ murmelte sie.

Ich warf einen Blick auf die Schallplattensammlung im Schrank. Kristin beugte sich über meine Schulter.

„Nichts als klassische Musik“, sagte sie düster, ließ sich dann in den Ohrenbackensessel fallen, der am Fenster stand, und streckte die Beine aus. Der Wind trug den Duft von Tannen und Harz durch die offene Terrassentür. Die Bäume rauschten. Vielleicht, dachte ich, hatte Professor Zetterlund doch gewußt, was er tat, als er von Stockholm hierher übersiedelt war.

„Komisch, diese holzgetäfelten Wände!“ sagte Kristin in meine Gedanken hinein. „Hast du bemerkt, daß die Seitenwände im Eßzimmer und im Wohnzimmer ganz mit Holz verkleidet sind? Ob’s hier so was wie ein Priesterversteck gibt?“

Sie stand auf, ging zur Wand und klopfte mit dem Fingerknöchel gegen das dunkle Holz.

„Ein Priesterversteck?“ wiederholte ich und starrte sie an. „Was soll denn das sein?“

„Ach, ich weiß nicht, ob’s hier in Schweden Priesterverstecke gegeben hat. In England war das jedenfalls früher üblich. Zumindest hab ich’s gelesen. Ich glaube, es hat was mit Glaubensverfolgung zu tun. Irgendwann wurden bestimmte Religionen von der Regierung oder vom König nicht geduldet, und die Priester wurden verfolgt. Also mußten sie sich verstecken. Dazu gab’s Wandschränke mit Geheimtüren, Geheimgänge und kleine Räume hinter Wandvertäfelungen, in die sich die Priester verkrümeln konnten, wenn es brenzlig wurde. Interessant, wie?“

„Ja, sehr“, sagte ich. „Davon hab ich noch nie etwas gehört. Und du meinst, daß es hier im Haus so was geben könnte?“

„Warum nicht?“ Kristin klopfte gegen eine andere Stelle der Vertäfelung. „Immerhin sind die Wände paneeliert, oder wie man da sagt. Hinter einer dieser viereckigen Füllungen könnte vielleicht ein Hohlraum sein.“

Das leuchtete mir ein. Ich fing auch an zu klopfen, denn wie Kristin war ich der Meinung, daß man es am Klang hören mußte, falls es hinter der Vertäfelung irgendwo hohl war. Da wir im Augenblick sowieso nichts Besonderes vorhatten, war das eine angenehme Abwechslung.

Als wir eine Weile geklopft hatten, tat sich die Tür auf, und Märta erschien. Sie sagte etwas, und Kristin hörte auf zu klopfen und gab Antwort. Daraufhin machte die Haushälterin ein seltsames Gesicht, äußerte noch etwas und verschwand aus dem Wohnzimmer.

„Was hat sie gesagt?“ fragte ich.

„Daß wir mit dem Klopfen aufhören sollen, weil es meinen Vater bei der Arbeit stören könnte“, erwiderte Kristin. „Außerdem hat sie gefragt, warum wir das machen, und ich habe ihr erklärt, daß wir nach einem Priesterversteck suchen.“

„Deshalb hat sie so ein merkwürdiges Gesicht gemacht. Sie hält uns wahrscheinlich für verrückt.“

„Hm, ich weiß nicht. Jedenfalls hat sie dann noch gesagt, von einem Priesterversteck wüßte sie nichts, aber in diesem Haus wäre alles möglich.“

Das war eine ungewöhnliche Bemerkung. Wir zerbrachen uns eine Weile den Kopf, wie Märta das gemeint haben konnte.

„Klingt fast, als würde es hier spuken“, sagte ich nach einigem Hin und Her.

Kristins Gesicht hellte sich auf. „Spitze!“ sagte sie entzückt. „Dann wäre wenigstens etwas los. Ich dachte schon, wir verkümmern hier vor Langeweile.“

Nach so einer Art von Abwechslung sehnte ich mich keineswegs. „So darfst du nicht reden, Kristin!“ sagte ich streng. „Ich hab nichts gegen Horrorfilme, aber ich bin durchaus nicht wild darauf, meine Ferien in einem Spukhaus zu verbringen. Da hört für mich der Spaß auf, das kann ich dir sagen!“

Kristin lachte. „Unsinn, Frankie. Du weißt doch genau, daß es keine richtigen Gespenster gibt. Aber es könnte doch sein, daß hier irgend jemand aus der ländlichen Bevölkerung meinen Vater vergraulen will und im Pfarrhaus herumgeistert. Dann könnten wir die Sache aufklären und hätten ein Abenteuer.“

„Ich verzichte auf solche Abenteuer“, sagte ich. „Außerdem, wer sollte deinen Vater von hier vergraulen wollen? Er lebt doch ganz friedlich vor sich hin und tut keinem etwas zuleide.“

„Es gibt Bauern, die mögen keine Fremden in ihrer Gegend“, behauptete Kristin. „Also hör mal, Frankie, ich sage dir folgendes: Ich werde mich in den nächsten Tagen mal ganz harmlos an Märta heranmachen und sie ein bißchen aushorchen. Vielleicht kriege ich sie dazu, daß sie etwas ausplaudert.“

Ich hatte ganz das Gefühl, daß Kristins Phantasie wieder einmal mit ihr durchging. Doch die Sache hatte sie aufgemuntert, das sah ich an ihren rosigen Backen und ihren glänzenden Augen.

„Na gut. Aber wenn hier wirklich jemand herumgeistert, will ich nichts davon wissen!“ sagte ich.

Kristin erwiderte: „Wenn’s um Spuk geht, kann man sich nicht heraushalten.“

Ich sollte bald begreifen, daß sie recht hatte.

5

Zum Glück hatte Professor Zetterlund zwei Fahrräder für uns ausgeliehen, so daß wir etwas ungebundener waren und den Weg ins Dorf nicht jedesmal zu Fuß zurücklegen mußten. Ich hatte Kristins Vater gar nicht so viel Sinn fürs Praktische zugetraut; doch abgesehen von den Fahrrädern benahm er sich genau wie ein zerstreuter Professor in Romanen, vergrub sich in seine Arbeit, starrte während der Mahlzeiten geistesabwesend vor sich hin und wußte offenbar mit zwei so unwissenschaftlichen jungen Mädchen wie Kristin und mir nicht viel anzufangen.

Und doch hatte ich das Gefühl, daß Kristin ihm wichtig war. Die Art, wie er sie ansah, verriet, daß sie ihm viel bedeutete. Wahrscheinlich war sie sogar der einzige Mensch auf der Welt, der ihm wirklich nahestand. Kristin hatte Schwierigkeiten, ihn zu verstehen; auch das merkte ich. Nicht das, was er sagte, meine ich, sondern seine Lebensweise, seine Arbeitswut und seine weltfremde Art.

Sie selbst war so ganz anders als er. Wenn ich die beiden nebeneinander am Tisch im Pfarrhaus sitzen sah, wunderte ich mich immer wieder, wie zwei Menschen sich äußerlich so ähneln und doch so grundverschieden sein können. Sie hatten die gleichen hohen Backenknochen und etwas schräg gestellten blauen Augen, die gleiche feine, kurze Nase, die sich auf eine ganz besondere Weise zu kräuseln schien, wenn sie lachten. Nur kam es kaum jemals vor, daß Professor Zetterlund lachte, während Kristin keine Gelgenheit dazu versäumte. Ich kenne nur wenige Menschen, die so gern lachen wie Kristin – und nur wenige, die so ernst und verschlossen wirken wie Professor Zetterlund. Und doch waren sie Vater und Tochter, und ich glaube, sie gaben sich beide redliche Mühe, einander zu verstehen.

Was Kristin vor allem nicht begreifen konnte, war, warum ihr Vater seine Wohnung in Stockholm aufgegeben hatte und in dieses einsame Haus auf dem Land übersiedelt war. Auf meine Bemerkung hin, viele Leute würden doch jetzt aufs Land ziehen, sagte sie immer wieder, er wäre nicht einer von denen.

„Ein Land-Freak ist er nicht, Frankie“, sagte sie ernsthaft, und das Wort „Freak“ erschien mir in Verbindung mit dem Professor so komisch, daß ich lachen mußte.

„Vielleicht wollte er ganz einfach seine Ruhe haben, um ungestört arbeiten zu können“, meinte ich.

„Wenn du seine Wohnung in Stockholm gekannt hättest, würdest du das nicht sagen. Das Haus stand direkt neben einem Park; ruhiger geht’s nicht, ich schwör’s dir.“

Ich überlegte eine Weile. „Und wenn er aufs Land gezogen ist, weil hier das Leben billiger ist als in der Stadt?“

„Ha!“ sagte Kristin. „Geld hat er genug. Er weiß sowieso nicht, wie er alles ausgeben soll, was er verdient! Meine Mutter sagt immer, sie hätte nie einen Menschen gekannt, der so wenig mit seinem Geld anfangen kann wie er.“

Ich gab es auf. „Frag ihn doch einfach mal, weshalb er nach Lilletorp gezogen ist“, riet ich ihr.

Kristin warf mir einen überraschten Blick zu. „Ja, das ist eine Möglichkeit, Frankie. Aber ich weiß nicht, ob er’s mir sagen wird. Er ist so verschlossen. Ich weiß ja kaum etwas über ihn. Dabei ist er mein Vater!“ Sie seufzte. „Wie findest du ihn eigentlich?“

„Oh, ich glaube, er ist ein interessanter Mensch“, sagte ich vorsichtig. „Ungewöhnlich, meine ich…“

Sie unterbrach mich. „Mit einem Wort, du findest ihn ziemlich seltsam“, erwiderte sie und lachte. „Das ist er auch, aber ich mag ihn trotzdem.“

„Klar“, erwiderte ich. „Außerdem ist es kein Wunder, daß er seinen Beruf liebt. Es muß ja auch aufregend sein, alte Sachen auszugraben und Bücher darüber zu schreiben. Fast, als wäre man ein Schatzgräber oder so…“

Ich hatte es mir wirklich schon immer großartig vorgestellt, an „verdächtigen“ Stellen zu graben, auf Bauwerke oder Gräber zu stoßen, die seit Jahrhunderten verschüttet waren, oder ungeheuer alten, wertvollen Schmuck und Gebrauchsgegenstände zu finden.

Wir unterhielten uns auch später noch über dieses Thema, als wir mit den Fahrrädern nach Lilletorp fuhren. „Stell dir vor, jemand leitet eine Ausgrabung bei einem alten Pharaonengrab, und auf der Mumie liegt ein Fluch!“ schrie mir Kristin über die Schulter zu. „Das soll’s schon gegeben haben, du. Irgendwann ist mal ein ganzer Schwarm Wissenschaftler gestorben, die so eine Mumie ausgegraben hatten.“

„Blödsinn!“ schrie ich zurück. „Das war sicher alles nur Zufall. Die wären bestimmt auch ohne die Mumie gestorben.“

„Wer weiß? Sie sind nämlich alle eines gewaltsamen Todes gestorben – innerhalb von ein paar Jahren nach der Ausgrabung, glaube ich“, behauptete Kristin und fuhr eine wilde Linkskurve. Ein Vogel schreckte aus dem Gebüsch auf und flüchtete krächzend.

„Frag mal deinen Vater, was er von der Sache hält!“ rief ich.

„Hab ich schon, vor einem Jahr. Er findet’s natürlich Unsinn.“

Ich nickte zufrieden. Vor uns tauchte Lilletorp auf, eine kleine Ansiedlung im Sonnenschein, umgeben von ein paar roten Bauernhöfen. Ein Hahn krähte, die Kirchenglocke läutete, und ein Bauer fuhr mit dem Traktor übers Feld.

Wie erwartet, war in Lilletorp nichts los. Zwei Hausfrauen kamen mit vollen Einkaufstaschen aus dem Laden, ein Hund streunte über die Straße, vor dem Postamt unterhielten sich drei Männer. Wäsche hing in einem Vorgarten zum Trocknen, jemand mähte Gras, und eine alte Frau goß Blumen.

Kristin schnitt eine Grimasse. „Stinklangweilig!“ sagte sie und schleuderte ihre langen Haare mit einer Kopfbewegung zurück.

Auf dem Bürgersteig vor dem Krogen waren Tische und Stühle aufgestellt. Wir setzten uns in die Sonne, gaben die Taschenlampe zurück und bestellten Eis, was auf schwedisch „glass“ heißt, wie Kristin mir erklärte. Ich konnte auch schon „Goddag“ und „tack“ sagen und wußte, daß es in Schweden als wohlerzogen und höflich gilt, nach dem Essen „tack för maten“ zu sagen, was „Danke fürs Essen“ bedeutet.

Wir löffelten unser Eis und bestellten hinterher noch zwei Portionen, weil uns nichts Besseres einfiel. Ein paar Autos und ein Fuhrwerk tuckerten an uns vorbei die Hauptstraße entlang. Ein kleiner Junge starrte uns mit offenem Mund an.

Jemand bog auf einem Moped um die nächste Ecke, kam die Straße entlanggefahren und hielt vor dem Gasthaus. Es war ein großer Junge mit weißblonden, ziemlich langen Haaren und einem Sonnenbrand auf der Nase.

Kristin und ich beobachteten ihn aus den Augenwinkeln. Er stellte sein Moped ab, setzte sich an einen der Tische nicht weit von uns, streckte die langen Beine aus und starrte in die Luft.

Kristin und ich wechselten einen Blick. Nicht schlecht, sagte der ihre, und ich war sicher, daß sie sich bald etwas einfallen lassen würde, um mit dem blonden Schweden ins Gespräch zu kommen. Ich sah förmlich, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete.

„Ich wollte dir doch von dem Fest in Stockholm erzählen, bei dem ich letztes Jahr mit meiner Cousine war“, sagte sie plötzlich sehr laut und vernehmlich auf deutsch. „Das hättest du erleben sollen, Frankie! Die schwedischen Jungen sind ganz nett, aber furchtbar schüchtern, das kannst du mir glauben. Meinst du, die fordern einen zum Tanzen auf? Nie im Leben! Das müssen die Mädchen tun. Es geht einem wirklich auf den Geist.“

Sie machte ein harmloses Gesicht. Ich spähte zu dem blonden Jungen hinüber. Man merkte genau, daß er zuhörte. Er war rot im Gesicht, aber nicht nur von der Sonne.

„Aber vielleicht“, fuhr Kristin nachdenklich und mit erhobener Stimme fort, „sind sie auch nur einfach faul und denken, die gebratenen Gänse müßten ihnen in den Mund fliegen.“

Ich wußte nicht, ob ich lachen oder verlegen werden sollte. Wieder schielte ich zu dem jungen Schweden hinüber. Er stand auf, reckte sich und ging zu seinem Moped, ohne noch etwas bestellt zu haben.

„Und manche“, fügte Kristin besonders laut hinzu, „sind so unheimlich feige, daß sie gleich die Flucht ergreifen, wenn sie irgendwo ein Mädchen sehen!“

Und sie machte ein triumphierendes Gesicht. „Kristin!“ zischte ich vorwurfsvoll. Da drehte sich der blonde Junge zu uns um und sagte in ziemlich gutem Deutsch: „Bei manchen Mädchen ist das auch kein Wunder, wenn man die Flucht ergreift!“

Das saß. Diesmal wurde Kristin rot. Ich hätte mich am liebsten verkrochen, aber Kristin faßte sich schnell wieder und brach in ihr ansteckendes Gelächter aus.

Da mußte der große Blonde auch lachen, und ich fing ebenfalls zu kichern an. Dann setzte er sich zu uns und sagte, daß sein Name Sten wäre, und wieso es uns ausgerechnet nach Lilletorp verschlagen hätte.

„Mein Vater wohnt hier“, erklärte Kristin. „Er ist Schwede, aber ich besuche ihn nur während der Ferien. Sonst lebe ich bei meiner Mutter. Ich heiße Kristin, und das ist meine beste Freundin Frankie.“

„Ja so“, sagte Sten überrascht. „Dein Vater wohnt hier! Wie heißt ihm? Ich kenne allen Leuten in Lilletorp.“

„Er wohnt nicht direkt in Lilletorp, sondern im Wald, im alten Pfarrhaus.“

„Ach, Professor Zetterlund ist dein Vater!“ Sten schien beeindruckt. „Ich wußte gar nicht, daß er ein deutschen Tochter hat. Ihr kommt doch aus Deutschland, nicht?“

Kristin nickte. „Ja, aus München. Meine Eltern sind geschieden, und ich verbringe meine Ferien immer in Schweden. Diesmal ist Frankie mitgekommen – zum Glück, denn es ist teuflisch langweilig hier, findest du nicht?“

„Ziemlich“, erwiderte er. „Aber man kann mindestens an die See fahren, zum Schwimmen.“ Die Wirtin kam, und er bestellte eine Cola.

„Oh, prima!“ sagte ich. „Das wär doch was, Kristin. Ist es weit von hier?“

„Das kommt darauf an“, sagte Sten und musterte mich. „Mit dem Moped braucht es ungefähr eine Stunde.“

Kristin stöhnte. „Dann ist man mit dem Fahrrad wahrscheinlich zwei Stunden unterwegs. Das gäbe hin und zurück vier Stunden Strampelei – nein, danke!“

„Vielleicht könnten wir euch mal am Moped mitnehmen, meine Freund und ich“, sagte Sten zögernd. „Natürlich nur, wenn ihr wollt.“

Kristin strahlte. Sie sah so zufrieden aus wie eine Katze, die Sahne geleckt hat. Sie hatte ihr Ziel erreicht.

„Klar fahren wir mit“, sagte sie. „Wann? Morgen?“

Sten nickte etwas verwirrt. Kristins direkte Art überwältigte ihn offenbar.

Ich schwankte zwischen Verlegenheit und Freude. „Gut“, sagte Kristin. „Dann treffen wir uns also morgen hier vor dem Gasthaus. Um welche Zeit?“

„Zehn Uhr, wenn ihr wollt“, meinte Sten nach kurzem Überlegen.

„Hoffentlich ist dein Freund einverstanden“, murmelte ich. „Wie heißt er?“

Sten trank seine Cola aus. „Magnus“, sagte er.

6

Natürlich radelten wir am nächsten Tag pünktlich nach Lilletorp; ich voller Aufregung, Kristin siegessicher und ausgelassen. Ich hatte so meine Zweifel, ob Sten und sein Freund wirklich auftauchen würden; vielleicht waren sie inzwischen gemeinsam zu dem Ergebnis gekommen, daß sie mit zwei so aufdringlichen Mädchen wie uns nichts zu tun haben wollten; oder sie standen hinter irgendeinem Fenster, wenn wir kamen und vor dem Krogen auf sie warteten, und machten sich über uns lustig.

„Ach was, du alte Unke“, meinte Kristin, als ich ihr meine Bedenken anvertraute. „Sten ist nicht so!“ Dabei kannte sie ihn doch noch gar nicht.

Doch als wir zur Dorfstraße kamen, sahen wir die beiden schon mit ihren Mopeds vor dem Krogen stehen und warten. Man hätte sie von weitem für Brüder halten können, denn sie waren beide gleich groß und gleich blond.

Ich hielt mich hinter Kristin. Am liebsten hätte ich mich irgendwo versteckt. Sie aber kannte wie immer keine Scheu. Sie sprang vom Fahrrad, schleuderte ihr Haar aus der Stirn und sagte: „Hallo, Sten. Und du bist Magnus, wie?“

Stens Freund nickte stumm. Ich glaube, er war genauso verlegen wie ich.

„Hallo“, sagte Sten und versuchte so zu tun, als würden wir uns schon lange kennen. „Gutes Badewetter, ja? Ihr könnt euren Fahrräder im Hof hinter dem Krogen einparken.“

Ich warf Magnus einen verstohlenen Seitenblick zu und merkte, daß er umgekehrt das gleiche tat. Rasch sahen wir beide wieder weg. Immerhin hatte ich bemerkt, daß er schöne graue Augen hatte, in denen ein leichtes Lächeln stand; oder bildete ich mir das nur ein?

„Na, wie gefallen sie dir?“ fragte Kristin, kaum daß wir richtig außer Hörweite waren.

„Pssst!“ zischte ich. Wir schoben unsere Fahrräder durch einen kleinen Torbogen in den Hof des Gasthauses. „Sie sehen gut aus, aber wir müssen erst mal abwarten, ob sie auch sympathisch sind.“

Nachdem wir die Räder an die Mauer eines Nebengebäudes gelehnt und abgesperrt hatten, gingen wir zu Sten und Magnus zurück. Kristin schwang sich sofort wie selbstverständlich hinter Sten aufs Moped, als hätte sie das schon hundertmal getan. So blieb mir nichts anderes übrig, als mit Magnus zu fahren.

Es war ein merkwürdiges Gefühl, die Arme um einen völlig fremden Jungen zu legen. Doch ich mußte mich ja irgendwo festhalten, wenn ich nicht vom Moped fallen wollte.

Sten und Magnus setzten ihre Motorradbrillen auf, und wir fuhren ratternd und knatternd aus Lilletorp hinaus über eine staubige Straße, die zwischen Feldern und einem Birkenwäldchen dahinführte.

Anfangs fühlte ich mich ziemlich verkrampft und angespannt. Meine Nase war dicht an Magnus’ Hemd; er roch angenehm nach Seife und frischer Luft. Seine blonden Haare flatterten im Fahrtwind und kitzelten mich im Gesicht. Staubkörnchen wehten mir in die Augen, da ich vergessen hatte, eine Sonnenbrille aufzusetzen. Ich schloß die Augen und entspannte mich ein wenig.

Die Fahrt kam mir lang vor. Ich dachte daran, daß ich mir geschworen hatte, eine Zeitlang kein Fahrzeug mehr zu besteigen – und jetzt schaukelte ich wieder durch die Gegend! Meine Arme waren schon ganz steif und mein Gesicht brannte, als wir endlich in der Ferne das Meer sahen. Das Wasser glitzerte grünlich hinter kahlen Klippen, Schwärme von Seevögeln kreisten am Himmel.

Wir fuhren an einer Reihe kleiner roter Holzhäuser vorbei. In das Knattern der Mopeds mischte sich das Geschrei badender Kinder und das Kreischen der Möwen. Zwischen den Klippen wuchs hohes Gras, es wehte im Seewind.

Wir bogen in eine kleine Parkbucht ein, in der etwa ein Dutzend Autos standen, und machten halt. Ich war heilfroh, endlich absteigen zu können. Mein Rücken schmerzte, und in den Armen hatte ich fast einen Krampf.

Magnus setzte seine Brille ab. Ich sah, daß er im linken Ohrläppchen einen kleinen goldenen Ring trug. Das gefiel mir. Irgendwie paßte es zu ihm.

Kristin sagte: „Herrje, ich komme mir ganz verstaubt vor. Nichts wie ins Wasser!“

Wir folgten Sten und Magnus zu einer windgeschützten Stelle zwischen Felsen und stellten unsere Umhängekörbe ab. Das Ufer war steinig, das Wasser so klar, daß man bis auf den Grund sehen konnte. In der Ferne fuhr ein Boot mit rosarotem Segel.

„Puh, eine Qualle!“ sagte Kristin und deutete aufs Wasser. „Gibt’s viele hier?“

„Ziemlich viele, aber sie sind nicht gefahrvoll. Sie stechen nicht, meine ich“, erwiderte Magnus. Es war das erstemal, daß er etwas sagte. Seine Stimme war dunkel, und sein Deutsch klang recht holprig, aber gerade das hatte einen besonderen Reiz.

„Sie geben keine ätzende Flüssigkeit ab, meinst du“, sagte Kristin und lachte. „Trotzdem sind sie irgendwie unheimlich. Ich mag nicht mit ihnen in Berührung kommen.“

„Sie sind hübsch“, sagte ich. „So zart, fast wie aus Glas. Wenn sie so im Wasser treiben, sehen sie wie seltsame Blüten aus.“

„Oder wie Raumschiffe“, meinte Magnus. „Wenn sie groß wären, könnte ich mich denken, wie sie als Raumschiffe durch den Universum schweben.“

„Ja, zu den Klängen von Walzermusik – wie im Film 2001!“ rief Kristin.

Wir lachten. Dann verschwanden Kristin und ich hinter einer Klippe, um uns umzuziehen.

„Vielleicht baden sie hier nackt?“ sagte Kristin, während wir in unsere Bikinis schlüpften. „Die Schweden baden gern nackt, weißt du.“

Ich starrte sie an. „Und das sagst du jetzt erst? Du, das wäre mir peinlich. Meinst du, daß die beiden auch…?“

„Hm“, sagte Kristin mit bedenklicher Miene. „Nein, das glaube ich eigentlich nicht. Die sind aus einem Dorf, da geht’s wohl nicht so frei zu.“

Ich war sehr beruhigt, als wir wieder hinter der Klippe hervorkamen und feststellten, daß Sten und Magnus Badehosen trugen und daß auch sonst niemand nackt herumhüpfte. Die beiden waren braungebrannt und ziemlich knochig. Wir wateten ins seichte Wasser. Es war verteufelt kalt, und die Steine bohrten sich in meine Fußsohlen.

Kristin und Sten gingen voraus. Ich hörte, wie sie sich auf schwedisch unterhielten. Ich stakste in einigem Abstand hinter Magnus her und verbiß mir einen Aufschrei, als ich auf einen besonders spitzen Stein trat. Da wandte er sich zu mir um, sah mich ernst an und sagte: „Die Steiner machen weh, nicht?“

„Ja“, sagte ich. „Furchtbar.“ Und dann begannen wir beide zu lachen, ohne recht zu wissen, warum.

Kristin ließ sich platschend ins Wasser fallen. Sie schwamm mit ein paar Stößen weiter hinaus, ich sah ihre langen, schlanken Beine im klaren Wasser. Auch Sten stürzte sich in die Fluten. Er prustete wie ein Walroß.

„Verdammt mutig sind die!“ sagte Magnus.

Wir blieben nebeneinander stehen und zitterten. „Man muß sich hineinstürzen“, erklärte Magnus. „Sonst kehrt man um. Oder man verfriert.“

Er sagte das so komisch, daß ich wieder lachen mußte. Wie auf Kommando ließen wir uns vornüber ins Wasser fallen und begannen zu schwimmen.

„Saukalt!“ schrie ich, und Magnus sah mich an und fragte erstaunt: „Sagt man das? Saukalt?“

Kristin rief über die Schulter: „Ist das nicht phantastisch? Einsame Spitze – so ein klares Wasser! Igitt, eine Qualle!“

Sie warf sich herum und schwamm in wilder Flucht nach rechts. Sten kraulte hinterdrein. „Vorsicht! Die Quallen greifen an!“ brüllte er. „Ein ganzer Armee nähert sich von Dänemark!“

Kristin kreischte laut. Sie begann ihn mit Wasser zu bespritzen, und die beiden veranstalteten eine Wasserschlacht. Magnus und ich hielten uns in sicherer Entfernung von den beiden. Wir blinzelten in die Sonne, sahen den Segelschiffen zu, wechselten ab und zu einen Blick oder ein Lächeln. Es war, als würden wir uns schon seit Jahren kennen und nicht erst seit weniger als zwei Stunden.

Später lagen wir zu viert auf der Klippe und sonnten uns. Eine Weile schwiegen wir, doch es war kein unbehagliches Schweigen. Manchmal öffnete ich die Augen und sah träge aufs Meer hinaus oder verfolgte mit den Blicken die Möwen, die in wunderbarer Anmut über dem Wasser schwebten und sich vom Wind tragen ließen.

Plötzlich sagte Magnus: „Ihr wohnt in das alte Pfarrhaus, wie?“

Kristin nickte. „Ja, bei meinem Vater. Ich weiß wirklich nicht, warum er sich das Haus gekauft hat. Es ist so einsam da. Brrr!“ Und sie schüttelte sich.

Magnus machte ein nachdenkliches Gesicht. „In Lilletorp sagen die Menschen, daß es in das Pfarrhaus…“ Er stockte. „Wie heißt das doch, Sten? Spöker?“

„Spuken“, sagte Sten. „Sie sagen, daß es ins Pfarrhaus spukt. Die alte Frauen erzählen sich das, ja. Und die alte Männer. Das Haus hat deshalb auch viele Jahre leer gestanden, bis dein Vater es gekäuft hat.“

„Gekauft“, verbesserte Kristin. „So ist das also! Da siehst du’s mal, Frankie!“ Und sie warf mir einen triumphierenden Blick zu.

Ich hob den Kopf. Die friedliche Stimmung war zerstört. Spuk! Die Geräusche fielen mir ein, die ich in der ersten Nacht im Pfarrhaus gehört hatte. Dieses Schleifen…

Obwohl die Sonne so warm schien, lief mir ein Schauder über den Rücken.

„Du hast ja eine Gänsehaut!“ sagte Magnus. „Bist du ängstlich vor Spukerei?“

Ich erwiderte: „Nein.“ Aber es klang nicht sehr überzeugend.

„Was soll denn das für ein Spuk sein?“ fragte Kristin begierig. „Geht ein Gespenst um? Eine ruhelose Seele oder so?“

„Ich weiß selber nicht so genau“, sagte Magnus. „Du sollst meine Großmutter fragen. Die hat mich oft davon erzählt, als ich klein war. Da ist mal etwas geschehen, vor hundert oder zweihundert Jahr. Ein böser Pastor hat seine Frau geplagt, glaube ich.“

„Ja“, bestätigte Sten. „Jetzt weiß ich es auch wieder. Ein alte Tante von mir hat früher manchmal davon gesprochen. Da soll ein Pastor gewesen sein, wo war sehr grausam zu sein Ehefrau. Er hat sie so gequält, daß sie… Wie sagt man doch gleich? Sie hat Selbstmord gemacht. Ein kleines Kind hatte sie auch. Das soll sie vorher noch getötet haben, aber sein Leiche hat nie jemand gefunden.“

Ich starrte ihn an. Mir war jetzt richtig kalt. Ich griff nach meinem T-Shirt und deckte mich zu.

„Pfui Teufel!“ sagte Kristin. „Und so was soll ein Pastor gewesen sein. Aber die Kirche hat früher schließlich auch Frauen foltern und verbrennen lassen, die sie für Hexen hielt. Das müssen doch grausame, engstirnige Leute gewesen sein!“ Sie schüttelte voller Abscheu den Kopf. „Diese Frau soll also im Pfarrhaus herumspuken? Oder etwa der Pastor? Vielleicht läßt ihm sein Gewissen keine Ruhe!“

Ich stöhnte. „Hör bloß auf, Kristin! Wenn das so weitergeht, packe ich meine Sachen und laufe zu Fuß nach Hause.“

Magnus sagte: „Oh, das ist mir sehr unangenehm. Ich meine, ich wollte dir nicht ängstlich machen. Es gibt doch kein Spukerei, Frankie. Das ist nur, was die alten Menschen glauben.“

„Wer weiß“, warf Kristin ein. „Es könnte doch sein, daß solche armen Seelen, die im Leben furchtbar gelitten haben oder viel Böses getan haben, keine Ruhe finden und an dem Ort umgehen müssen, wo alles passiert ist.“

„Das glaube ich nicht“, sagte Sten. „Man hat doch kein Beweis dafür, daß irgendwo wirklich ein Gespenst war. Die Menschen wissen nur, wenn in ein Haus etwas Schlimmes passiert ist. Dann denken sie, daß es dort ungeheuerlich sein muß.“

„Nicht geheuer“, verbesserte Kristin. „Aber ich sage euch, ich habe mal in einer Zeitschrift einen Bericht gelesen…“

Und sie erzählte weitschweifig eine Geschichte von einem Spukhaus im Bayrischen Wald, doch ich hörte nicht richtig hin. Wieder dachte ich an die Geräusche. Ich war sicher, daß ich während der kommenden Wochen jede Nacht stundenlang wach liegen und horchen würde, ob sich die seltsamen Laute wiederholten; und das war keine angenehme Vorstellung.

„Ihr sollt mal mit mein Großmutter sprechen“, sagte Magnus. „Sie weiß viel über das alles Bescheid. Ihr eigenen Großmutter hat nämlich mal in das Pfarrhaus gearbeitet. Als Piga… Wie sagt man auf deutsch, Sten?“

„Als Hausmädchen“, erklärte Sten. Er machte ein interessiertes Gesicht. „Hat sie bei dem bösen Pastor und sein Frau gearbeitet?“

Magnus schüttelte den Kopf. „Nein, später erst. Das war wohl der nächste Pastor oder so. Jedenfalls sagt meine Großmutter, daß seine… nein, ihre Großmutter aus das Pfarrhaus entlaufen ist. Wegen der Spukerei.“

Ich stöhnte wieder, diesmal aber nur innerlich. Magnus fuhr fort: „Aber mein Großmutter kann nicht Deutsch.“

Ich dachte erleichtert, daß ich ja kein Schwedisch konnte und mir die Schauergeschichten deshalb auch nicht anzuhören brauchte. Doch Kristin erwiderte eifrig: „Ach, das macht nichts. Wir gehen zu ihr, und sie soll uns alles genau erzählen. Dann mache ich den Dolmetscher und übersetze für Frankie, was sie sagt.“

„Vielen Dank!“ murmelte ich schwach.

Glücklicherweise redeten wir an diesem Tag nicht weiter vom Pfarrhaus. Sten begann eine andere Spukgeschichte zu erzählen, die er in einem Buch gelesen hatte. Nicht, daß ich im Augenblick besonders wild auf Spukgeschichten gewesen wäre. Seine Erzählung klang jedoch eher komisch als schaurig, weil er gelegentlich ein falsches Wort benutzte und grammatikalische Fehler machte, die einfach keine gruselige Stimmung aufkommen ließen.

Dann gingen wir zu einer Würstchenbude hinter der Parkbucht, aßen „korv med senap“, was soviel wie Würstchen mit Senf bedeutet, badeten noch einmal, legten uns wieder in die Sonne und fuhren anschließend nach Lilletorp zurück.

„Das war prima!“ sagte Kristin, als wir vor dem Krogen abstiegen. „Nehmt ihr uns morgen wieder mit?“

„Sicher“, sagte Magnus. „Morgen fahren wir noch mal. Dann fängt der Schule bei uns wieder an, leider.“

„Oh!“ Kristin war enttäuscht.

„Aber am Wochenende können wir fahren und schwimmen“, sagte Sten. „Und ein bißchen Zeit gibt es schon noch.“

Wir verabredeten uns für den nächsten Tag um die gleiche Zeit. Dann holten Kristin und ich unsere Fahrräder aus dem Hof der Gastwirtschaft. Magnus und Sten warteten noch am Straßenrand.

„Und seid vorsichtig mit dem Spukerei!“ rief uns Sten nach, als wir losradelten. „Wenn der alte Schweinepastor um Mitternacht vor eure Tür steht und sein Kopf unter sein Arm trägt, müßt ihr ihm fotografieren. Dann haben wir ein Sensation in Lilletorp!“

Kristin wandte sich lachend um und winkte. Ich aber lachte nicht. Ich konnte es einfach nicht komisch finden.

7

Natürlich schlief ich in der folgenden Nacht ausgesprochen schlecht. Ich wälzte mich unruhig im Bett herum, wurde von ekelhaften Träumen geplagt und fuhr immer wieder erschrocken hoch, weil ich mir einbildete, ein Geräusch gehört zu haben. Dabei war es während der ersten Nachtstunden völlig still im Haus.

Kristin, die Glückliche, schlief selig wie immer. Nur einmal kicherte sie im Schlaf. Nicht zum erstenmal beneidete ich sie um ihre Unbekümmertheit.

Kurz nach Mitternacht begann es draußen leise und fern zu donnern. Der Wind seufzte in den Bäumen, nahm langsam an Stärke zu und ließ den Wald bald wie ein Meer rauschen. Blitze zuckten hinter den Fenstern auf und tauchten das Zimmer für Bruchteile von Sekunden in grelles Licht.

Ich war jetzt hellwach. Die ersten Regentropfen schlugen schwer gegen die Scheiben. Irgendwo klapperte ein Fensterladen. Das schmiedeeiserne Gartentor ächzte und quietschte in den Angeln wie eine arme Seele in höchster Pein.

Der Donner grollte und krachte immer lauter. Ich zog mir die Bettdecke über den Kopf und dachte: Wenn jetzt ein Blitz ins Pfarrhaus einschlägt, ist alles aus! Dann gab es einen ohrenbetäubenden Knall. Ich kniff die Augen fest zu und steckte mir die Finger in die Ohren.

Plötzlich spürte ich eine Bewegung über mir. Jemand zog mir die Bettdecke weg. Eine Hand berührte mein Gesicht.

Ich erschrak so, daß ich keinen Laut hervorbrachte. Immerhin schaffte ich es, die Finger aus den Ohren zu nehmen und die Hand in wilder Panik wegzustoßen.

„Frankie!“ flüsterte eine Stimme. Es war Kristin. „Hast du das Krachen gehört?“

Ich setzte mich im Bett auf. Mir war ganz schwach vor Erleichterung. „Und ob ich’s gehört habe!“ krächzte ich. „Steht das Haus noch?“

Kristin kicherte. „Ich denke schon“, sagte sie. Dann krachte es wieder.

„Hast du gesehen, ob ein Blitzableiter auf dem Haus ist?“ fragte ich nach einer Weile.

„Nein“, sagte Kristin. „Aber ich denke schon. So was hat doch heutzutage jeder.“

Ich legte mich zurück, und Kristin kroch wieder in ihr Bett. Eine Weile lagen wir still da. Es brauste und rauschte, krachte und johlte ums Haus wie in einem Hexenkessel. Das ist fast so schlimm wie Spuk! ging es mir durch den Sinn.

„In so einer Nacht haben sie früher bestimmt geglaubt, daß die Hexen los sind“, sagte Kristin wie ein Echo auf meine Gedanken. Ihre Stimme klang plötzlich nicht mehr so mutig und ausgelassen wie sonst.

„Sieh mal aus dem Fenster, vielleicht fliegt eine auf ihrem Besen vorbei!“ sagte ich mit einem schwachen Versuch, Galgenhumor zu zeigen.

Kristin lachte zitternd. Dann aber verstummte sie unvermittelt und zischte: „Pssst!“

Ich hob den Kopf und lauschte. Mitten in all dem Getöse vernahm ich ein Tappen und Schlurfen draußen auf dem Flur vor unserem Zimmer – und das Geräusch kam näher…

Ich dachte: Wenn das so weitergeht, überlebe ich diese Nacht nicht!

Dann klopfte jemand an unsere Tür. Ich hatte so ein Gefühl, als würde das Blut in meinen Adern stocken, so wie es immer in Romanen heißt. Kristin fuhr im Bett hoch. Im Licht eines aufzukkenden Blitzes sah ich sekundenlang ihr Gesicht und ihr wirres Haar. Ihre Augen waren weit aufgerissen.

„Hast du das gehört?“ wisperte sie.

„Ja“, zischte ich zurück. „Mach nicht auf!“

„Vielleicht ist’s der Schweinepastor“, flüsterte Kristin hysterisch. „Der Pastor mit dem Kopf unter dem Arm!“

Obwohl ich genau wußte, daß das Unsinn war, mußte ich mich doch zwingen, nicht aufzuschreien. Ich starrte in die Dunkelheit, die dem Blitz folgte, und dachte: Der Teufel soll mich holen, wenn ich noch mal freiwillig in so einem alten Haus Ferien mache. Der Teufel soll mich holen, wenn…

Wieder klopfte es, diesmal lauter. Dann rief eine Stimme: „Hallo, Mädchen! Ist alles in Ordnung mit euch?“

Es war Professor Zetterlund. Zum zweitenmal in dieser Nacht wurde mir ganz schwach vor Erleichterung. Kristin sprang aus dem Bett, machte Licht und öffnete die Tür.

Ihr Vater stand im Morgenmantel auf der Schwelle, mit zerzausten Haaren und Filzpantoffeln. Ohne seine Brille sah er seltsam jung und hilflos aus, gar nicht wie ein würdevoller Professor. Er blinzelte wie ein verirrter Vogel ins Licht und sagte: „Ihr habt doch sicher auch nicht schlafen können, wie?“

„Nein“, sagte Kristin. „Der Krach könnte Tote aufwecken.“

Manchmal wäre es mir wirklich lieber gewesen, sie hätte sich nicht so deutlich ausgedrückt.

Ihr Vater erwiderte: „Hoffentlich habt ihr euch nicht gefürchtet? Ich wollte mal nachsehen, ob ihr auch in Ordnung seid.“

„Natürlich haben wir uns nicht gefürchtet“, schwindelte Kristin. „Wir haben’s lustig gefunden, was, Frankie?“

„Sehr lustig“, sagte ich. „Haha!“

Professor Zetterlund warf mir einen verwirrten Blick zu. „Ein derartiges Unwetter habe ich hier noch nie erlebt“, sagte er. „Hoffentlich ist der Blitzableiter noch in Ordnung. Ich habe mich leider nie darum gekümmert. Mit solchen Sachen kenne ich mich nicht aus.“ Er fuhr sich mit den Fingerspitzen durch die Haare, daß sie noch wilder nach allen Seiten abstanden. „Wenn ihr wollt, könnt ihr mit mir in mein Arbeitszimmer kommen, dann trinken wir etwas auf den Schrecken. Einen Sherry vielleicht, das beruhigt.“

„Gute Idee“, sagte Kristin.

Auch ich war froh über Professor Zetterlunds Vorschlag. Wahrscheinlich mochte er ganz einfach in dieser schrecklichen Nacht nicht allein sein. Auch Erwachsene sind nicht immer so stark und mutig, wie man sie sich vorstellt oder wünscht.

Wir zogen unsere Bademäntel an und folgten Kristins Vater den Flur entlang und die Treppe hinunter. Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben. Die Zweige eines Baumes scharrten wie Finger über das Glas. Der Wind blies durch sämtliche Fugen, so daß die Flurlampe leicht im Luftzug schwankte.

Als wir an dem großen Spiegel in der Halle vorüberkamen, erhaschte ich einen Blick auf mein bleiches Gesicht. Meine braunen Augen starrten mich verängstigt aus dem fleckigen Glas an, und die dunklen Haare fielen mir ins Gesicht. Ich sah aus wie eine Zigeunerin.

„Ich glaube, das Schlimmste ist vorüber“, sagte Professor Zetterlund über die Schulter. „Wenn der Regen richtig einsetzt, gehen kaum noch Blitze nieder.“

Ich hoffte, daß er recht hatte; doch als wir ins Arbeitszimmer kamen, sahen wir hinter den Fenstern noch immer ferne Blitze zucken. Im Garten war ein junger Baum umgestürzt.

„Was für eine Nacht!“ sagte Kristins Vater. Wir setzten uns in die großen Ledersessel. Der milde Schein der Arbeitslampe auf dem Schreibtisch wirkte anheimelnd und beruhigend.

Professor Zetterlund brachte Decken, in die wir uns einwickelten, und ging dann in den Keller, um eine Flasche Sherry zu holen. Ich sah mich in seinem Arbeitszimmer um. Es war das erstemal, daß ich es betreten hatte. An den Wänden hingen große Fotos von Ausgrabungsstücken – alten Ringen und Spangen, Vasen und Münzen. Der Schreibtisch war unter einem Wust von Papier kaum noch zu sehen. Ich fragte mich, wie sich der Professor in dem Berg von Papieren, Büchern, Schriftstücken und Briefen zurechtfand.

„Immer noch die gleiche alte Schreibmaschine!“ sagte Kristin und deutete kopfschüttelnd auf ein Tischchen am Fenster. „Auf der hab ich schon herumgehackt, als ich noch ein Knirps war.“

Ihr Vater kam mit dem Sherry und drei Gläsern auf einem Tablett zurück, und sie fügte hinzu: „Daß du dir keine elektrische Schreibmaschine kaufst, Vater!“

Er suchte zwischen den Büchern und Papieren nach einem Platz, um das Tablett abzustellen. „Wieso? Das alte Ding da hilft mir beim Denken“, sagte er fast liebevoll.

„Was schreibst du denn gerade?“ fragte Kristin.

„Ein Buch über die Wikingerfunde in Gotland.“ Er ließ sich im Sessel hinter seinem Schreibtisch nieder, und wir tranken vom Sherry. „Das waren Ausgrabungen an einer uralten Siedlungsstätte. Wir haben bedeutende Funde gemacht.“ Er stockte. „Leider hatten wir Pech. Die kostbarsten Stücke sind gestohlen worden.“

„Gestohlen?“ wiederholte ich.

„Ja“, sagte der Professor. „Während der Ausgrabungsarbeiten hatten wir die wichtigsten Fundstücke im Raum einer Baubaracke verwahrt, der verschlossen und bewacht war. Eines Tages fanden wir den Wächter bewußtlos vor. Man hatte ihn niedergeschlagen, die Tür aufgebrochen und die Fundstücke gestohlen.“

„Toll! Was waren denn das für Sachen?“ fragte Kristin interessiert und goß sich ein zweites Glas Sherry ein.

„Oh, Spangen, Reife und Broschen aus Gold und Silber, mit farbigen Steinen und Perlen verziert, kleine Figuren, Amulette mit Runenzeichen, die man früher für zauberkräftig hielt – lauter wunderbare Dinge von unschätzbarem Wert.“ Professor Zetterlund seufzte. „Immerhin waren die Fundstücke schon fotografiert und registriert. Wir haben also wenigstens Bildmaterial davon. Der Raub ist damals durch alle skandinavischen Zeitungen gegangen.“

„Hat man den Dieb je gefunden?“ fragte Kristin.

Ihr Vater schüttelte den Kopf. „Nein, bis jetzt nicht. Vielleicht hat er im Auftrag eines leidenschaftlichen Sammlers gehandelt, wer weiß. Es wurde sogar vermutet, daß einer von uns – ich meine, ein Mitglied des Ausgrabungsteams – die Fundstücke an sich genommen hätte. Aber das ist natürlich barer Unsinn.“

„Hm“, sagte Kristin. „Archäologen sind auch bloß Menschen; was weiß man? Du hast das Zeug doch wohl nicht im Keller versteckt, wie?“

Sie grinste ihren Vater wie ein Kobold an. Der Professor fand wohl, daß seine Tochter manchmal einen etwas seltsamen Humor hatte, denn er lachte nicht.

„Was redest du da für dummes Zeug!“ sagte er ungewöhnlich scharf. „Laß mich das nie wieder hören, verstehst du! Natürlich weiß ich, daß du es nur im Spaß meinst, aber mit solchen Dingen scherzt man nicht, Kristin. Wenn jemand dich so reden hört! Du könntest mich in ernste Schwierigkeiten bringen!“

Kristin kicherte unbeeindruckt. „Ach, natürlich würde ich so was nie vor anderen Leuten sagen“, beteuerte sie. „Aber wer dich kennt, würde das von dir sowieso nie glauben, Vater. Trotzdem – ich finde, das Pfarrhaus wäre genau der richtige Ort, um einen Schatz zu verstecken. Mit dem Schweinepastor als Schatzwächter, das würde doch gut passen…“

„Was für ein Schweinepastor?“ fragte ihr armer Vater verdutzt.

„Der, der hier herumspukt“, sagte Kristin, als wäre das eine vollendete Tatsache.

Professor Zetterlund sah noch immer verständnislos drein. Dann hellte sich sein Gesicht auf. Er sagte mit leichtem Lächeln: „Ach, ihr habt den Dorfklatsch vom Spuk im Pfarrhaus gehört? Wer hat euch davon erzählt? Übrigens sind sich die Leute hier nicht einig, ob nun der Pastor, seine arme Frau oder das kleine Kind hier umgeht.“ Und er lachte zum erstenmal herzlich, seit ich ihn kannte.

Es tat mir gut, ihn lachen zu hören. Es war so offenkundig, daß er das Gerede vom Spuk für baren Unsinn hielt. Das beruhigte mich ein wenig.

Kristin erwiderte: „Zwei Jungen aus Lilletorp haben uns davon erzählt. Der eine sagt, seine Ur-Urgroßmutter – oder vielleicht war’s auch die Ur-Ur-Urgroßmutter – hätte im Pfarrhaus als Hausmädchen gearbeitet und wäre wegen des Spuks weggelaufen. Hier sollen schlimme Dinge passiert sein. Ein Pastor soll seine Frau so gequält haben, daß sie ihr Kind und sich selbst getötet hat.“

Wieder lief mir ein Schauder über den Rücken. „So“, sagte Kristins Vater, „ihr habt schon junge Leute aus dem Dorf kennengelernt? Das freut mich. Was die Sache mit Pastor Sigurdsson betrifft, so stimmt es wirklich, daß er ein grausamer Mann war. Ich habe Aufzeichnungen darüber gelesen. Seine Frau lag eines Tages tot in ihrem Bett; man konnte nicht feststellen, ob sie eines natürlichen Todes gestorben war oder sich das Leben genommen hatte. Ihr einjähriges Kind war spurlos verschwunden.“ Er schwieg und trank von seinem Sherry.

„Wirklich eine traurige und rätselhafte Geschichte“, fuhr er dann fort. „Kein Wunder, daß die Leute in dieser Gegend davon aufgewühlt waren und noch lange Zeit danach darüber gesprochen haben. Auf dem Land werden solche Ereignisse ja von Generation zu Generation überliefert. Auch der Glaube an Spuk und Zauberkraft ist noch nicht ganz verlorengegangen – zum Glück, würde ich sagen.“

„Du glaubst also nicht, daß es hier wirklich spukt?“ fragte Kristin. Es klang enttäuscht.

Ihr Vater lächelte. „Ich habe nie etwas bemerkt. Allerdings schlafe ich nachts auch sehr fest, weil ich meistens ein Schlafmittel nehme“, fügte er hinzu. „Falls der Geist des Pastors oder seiner unglücklichen Frau also hier zu mitternächtlicher Stunde umgeht, würde ich es wahrscheinlich gar nicht merken.“ Er zwinkerte mit den Augen.

Wir schweigen eine Weile und lauschten auf die Geräusche des Sturmes. Der Wind hatte etwas nachgelassen, doch der Regen peitschte mit unverminderter Heftigkeit gegen die Scheiben. Es blitzte nicht mehr. Man hörte nur noch ab und zu ein schwaches Donnergrollen aus der Ferne.

„Allerdings“, sagte der Professor unvermittelt, „gibt es Wissenschaftler, die daran glauben, daß alte Häuser, in denen einmal etwas Furchtbares geschehen ist, diese Amosphäre der Angst und des Schreckens nie wieder ganz verlieren, sondern sie gewissermaßen speichern. Menschen, die empfänglich für solche Schwingungen sind, sollen diese Angst und den Schrecken noch Jahrzehnte, ja sogar Jahrhunderte später spüren. Angeblich hat es Leute gegeben, die in ein fremdes Haus kamen und von unerklärlichem Grauen ergriffen wurden. Bei näheren Nachforschungen stellte sich dann manchmal heraus, daß in diesem Haus ein Verbrechen begangen worden war – meist schon vor langer Zeit.“

Er verstummte, zündete seine Pfeife an und begann nachdenklich zu rauchen. Wieder stieg Angst in mir auf. Kristin sagte etwas, doch ich hörte nicht zu. War nicht auch das Pfarrhaus solch ein Haus, in dem Schreckliches geschehen war und das die Atmosphäre des Grauens „gespeichert“ hatte? Ich war sicher, daß ich dieses Grauen spüren konnte, daß ich es von Anfang an gespürt hatte.

Plötzlich drang Kristins Stimme wieder in mein Bewußtsein vor. „Frankie hat Angst“, sagte sie laut.

Ich sah verwirrt auf und begegnete Professor Zetterlunds Blick. Er sah mich an, und ich merkte, daß er gütige Augen hatte.

„In einer Nacht wie dieser sollte man nicht von Spuk und Verbrechen reden“, sagte er sanft. „Der Sturm ist vorüber, und in ein paar Stunden dämmert der Morgen. Dann sieht alles anders aus.“

8

Der Sturm hatte sich wirklich ausgetobt, als wir am nächsten Morgen beim Frühstück saßen, doch er hatte schlechtes Wetter mitgebracht. Der Himmel hing schwer und bleiern über dem Land, ein kühler Wind wehte, und die Sonne versteckte sich hartnäckig hinter den Wolken.

„Kein Badewetter“, sagte Kristin seufzend. „Und dabei ist heute Stens und Magnus’ letzter Ferientag. Ob sie überhaupt kommen werden?“

Wir sahen uns zweifelnd an. Im Garten rumorten Frau Märta und ein alter Mann. Sei räumten die herabgefallenen Äste und Zweige weg, harkten das Laub zusammen und zerhackten die umgestürzte Birke. Aus dem Arbeitszimmer kam Schreibmaschinengeklapper; Professor Zetterlund saß schon an der Arbeit.

„Seltsam, die Geschichte mit den gestohlenen Ausgrabungsstükken“, sagte Kristin nach einer Weile. „Ob die Sachen wohl jemals wieder auftauchen werden?“

„Keine Ahnung“, erwiderte ich. „Wem gehören solche Funde eigentlich?“

„Dem Staat“, sagte Kristin. „In diesem Fall dem schwedischen Staat. Wenn wir beispielsweise hier im Garten des Pfarrhofs zu graben anfangen und einen Sack voll alter Goldmünzen finden, gehört der Schatz nicht uns, sondern dem schwedischen Staat.“ Sie lachte. „Natürlich setzt das voraus, daß man dumm genug ist, so einen sagenhaften Fund zu melden.“

Ich war froh, als wir uns auf den Weg nach Lilletorp machten. Seit der vergangenen Nacht war mir das Pfarrhaus richtig unheimlich. Wir radelten ein Stück durch den Wald, mußten aber bald absteigen und schieben, da der Weg voll abgebrochener Äste war. Ein paar Bäume waren umgestürzt, und in eine alte Esche, die am Waldrand stand, hatte der Blitz eingeschlagen.

In Lilletorp waren gerade ein paar Arbeiter damit beschäftigt, ein Dach zu reparieren, das der Sturm abgedeckt hatte. Vor dem Krogen standen Magnus und Sten und warteten schon auf uns. Ihre Mopeds hatten sie diesmal nicht mitgebracht.

„Kein Badewetter“, sagte Sten genau wie Kristin beim Frühstück und grinste. „Wir hatten schon verdacht, ihr kommt nicht.“

„Gedacht oder vermutet“, verbesserte Kristin. „War das ein Sturm heute nacht! Frankie war ganz von den Socken vor Schreck.“

„Von den Socken?“ wiederholte Magnus verständnislos.

„Außer sich“, erklärte Kristin vergnügt.

„Du hast dich auch nicht gerade pudelwohl gefühlt“, sagte ich gereizt. Wir setzten uns an den Tisch vor die Gastwirtschaft, doch besonders gemütlich war es nicht. Der Wind pfiff um die Ecken, als wäre der Sommer längst vorbei.

„Beim Bauern von Ekeby hat der Blitz eingeschlagen“, berichtete Sten und streckte seine langen Beine aus. „Sie haben den ganzen Nacht gelöscht. Gut, daß nur der Scheune gebrannt ist und nicht der Stall oder das Wohnhaus.“

„Heutzutage hat doch jeder einen Blitzableiter“, sagte ich und sah Kristin vielsagend an.

Sie gab keine Antwort. Ich merkte an ihrer Miene, daß sie an etwas anderes dachte. „Mein Vater weiß, daß sich die Leute hier in der Gegend erzählen, im Pfarrhaus würde es spuken“, erklärte sie unvermittelt. „Aber er sagt, er selbst hätte noch nichts davon bemerkt. Der Schweinepastor soll Sigurdsson geheißen haben. Angeblich weiß man nicht, ob sich seine Frau das Leben genommen hat oder ob sie eines natürlichen Todes gestorben ist. Und ihr kleines Kind soll damals wirklich spurlos verschwunden sein. Vater hat Aufzeichnungen darüber gelesen.“

Jetzt waren wir also wieder bei dem Thema, das ich am liebsten vergessen hätte. Magnus sah mich von der Seite an. Ich glaube, er ahnte, wie mir zumute war.

„Paß auf“, sagte Sten, „wir gehen jetzt zu Magnus’ Großmutter, dann soll sie uns von dem Spukerei erzählen. Das tut sie bestimmt gern. Sie ist eine sehr gesprächliche Frau.“

Kristin war so angetan von dem Vorschlag, daß sie ganz vergaß, ihn zu verbessern. Nur Magnus sah zweifelnd drein.

„Wir können sie doch nicht einfach so überfallen“, sagte ich rasch. „Da müßte Magnus sie schon wenigstens vorher fragen, ob sie einverstanden ist und wann wir kommen können. Außerdem…“ Ich verstummte.

„Ach, mein Großmutter ist nicht so“, versicherte Magnus. „Sie hat gern junger Leute bei ihr, und sie erzählt gern, das stimmt schon. Aber ich denke, das ist alles viel Blödsinn. Ich meine, wir sollen es nicht für wahr nehmen und kein Nachforschung darüber machen. Vielleicht ist das besser so, nicht?“ Und er sah mich dabei an.

„Ach was!“ sagte Kristin, ehe ich etwas erwidern konnte. „Wir nehmen es doch gar nicht richtig ernst. Aber es ist interessant. Ich habe noch nie in einem Spukhaus gewohnt. Das ist doch eine Gelegenheit, die man sich nicht entgehen lassen darf, nicht wahr, Frankie?“ Und sie stieß mich mit dem Ellbogen an.

Ich murmelte: „Kann sein, aber ich bin nicht wild darauf. Ihr könnt ja zur Großmutter gehen. Ich bleibe inzwischen hier und warte auf euch.“

Kristin protestierte entrüstet. „Kommt nicht in Frage, Frankie! Du kommst mit, du kannst dich doch nicht einfach so ausschließen! Außerdem ist jetzt die beste Gelegenheit für dich, deine Angst überwinden zu lernen. Du mußt dich damit auseinandersetzen, verstehst du? Und wenn du die Erfahrung machst, daß hinter dem ganzen Gerede nichts steckt, wirst du dich auch nie mehr fürchten. So einfach ist das.“

So einfach war das, ja. Kristin zog mich hoch, und Magnus und Sten standen ebenfalls auf. Unsere Fahrräder ließen wir an einer Hausmauer zurück.

Magnus’ Großmutter lebte in einem roten Holzhaus mit weißen Fensterrahmen und einem mit Schnitzwerk verzierten Vorhäuschen am Rand von Lilletorp. Im Hof gackerten Hühner. Ein grünes Gatter quietschte in den Angeln, als wir auf die Zufahrt traten, Wäsche hing zwischen den Obstbäumen zum Trocknen. Es sah alles sehr friedlich und alltäglich aus. Mein Unbehagen wich.

Wenn Magnus’ Großmutter sich über unseren Besuch wunderte, so zeigte sie es jedenfalls nicht. Sie war klein und hager und hatte breite Backenknochen. Ihre Gesichtshaut sah aus, als wäre sie sehr straff über die Knochen gespannt. Sie hatte ihr graublondes Haar zu Zöpfen geflochten und in einer Krone um den Kopf gewunden.

„Goddag“, sagte sie und dann noch etwas, was ich nicht verstand. Dabei musterte sie Kristin und mich aufmerksam.

Von Magnus’ Antwort verstand ich nur einen Namen: Professor Zetterlund. Offenbar erklärte er seiner Großmutter, daß Kristin Professor Zetterlunds Tochter war.

Ihr Blick wurde noch aufmerksamer. Sie führte uns in eine blitzsaubere, altmodisch eingerichtete Wohnstube mit Schondeckchen auf dem Sofa und den Polstersesseln, Familienfotos an den Wänden und blühenden Pflanzen auf den Fenstersimsen.

Dann begannen sie zu reden – erst Sten, dann Magnus, schließlich Kristin und die alte Dame. Ich saß stumm dabei und sah mich im Zimmer um. Draußen krähte ein Hahn. Eine Fliege summte gereizt an einer Fensterscheibe.

Schließlich wandte sich Magnus an mich und sagte: „Ich habe Großmutter alles erklärt. Sie sagt, daß sie ist niemals selbst in das Pfarrhaus gewesen. Sie würde überhaupt nicht in ihm hineingehen wollen, sagt sie, denn all die Leute wissen, daß es ist ein Spukhaus.“

Seine Großmutter nickte, als hätte sie alles verstanden, und warf mir einen Blick zu. Ihre Augen waren denen von Magnus ähnlich; sie verrieten nicht, was sie dachte.

Wieder sagte sie etwas. Sten wandte sich an Kristin und mich. „Sie will wissen, ob ihr ins Pfarrhaus schon etwas von dem Spukerei gemerkt habt.“

„Ich hab’s verstanden“, erwiderte Kristin, ehe ich etwas sagen konnte. „Nein, wir haben nichts gemerkt – nicht, Frankie?“

Ich zögerte für den Bruchteil einer Sekunde. Dann nickte ich und bestätigte: „Nichts.“

„Ingenting“, sagte Magnus zu seiner Großmutter.

Ihr Blick lag noch immer auf mir. Vielleicht hatte sie mein Zögern bemerkt und richtig gedeutet; wer weiß.

Eine Weile herrschte Schweigen. Mir war ziemlich unbehaglich, und ich wünschte, wir hätten gehen können. Plötzlich begann Magnus’ Großmutter wieder zu reden. Sie sprach ziemlich lange und sah mich dabei mehrmals an, so daß ich das Gefühl bekam, als würde sie das alles hauptsächlich mir erzählen, ausgerechnet mir, die ich doch kein Wort verstand.

Nachdem sie einige Zeit gesprochen hatte, machte sie eine Pause, die Kristin sofort nutzte, um mir alles zu übersetzen.

„Sie sagt, daß ihre Urgroßmutter Küchenmädchen im Pfarrhaus war. Lina hieß sie“, erklärte sie. „Und zwar bei einem Pastor Bergström und seiner Frau. Die beiden müssen eine freundliche Dienstherrschaft gewesen sein, aber im Pfarrhaus ging es um. Lina, die Urgroßmutter, hörte nachts oft seltsame Geräusche im Haus – das Weinen einer Frau und Kindergeschrei. Damals war diese Lina selbst natürlich noch ein junges Mädchen. Pastor Bergström versuchte die Geister auszutreiben, aber es nützte nichts. Lina konnte schließlich vor Angst nicht mehr schlafen, und als die Umtriebe eines Nachts besonders schlimm waren, packte sie am nächsten Morgen ihre Sachen und ging fort. Jahre später erzählte sie dann ihrer Tochter alles, was sie im Pfarrhaus erlebt hatte, und die erzählte es wieder ihren Kindern. So hat Magnus’ Großmutter die ganze Geschichte schließlich von ihrer eigenen Mutter erfahren.“

Als Kristin schwieg, sah Magnus’ Großmutter mich an und nickte mit ernster Miene.

Ich zwang mich, ihren Blick zu erwidern. Es wäre mir viel lieber gewesen, wenn sie eine klatschsüchtige, abergläubische alte Frau gewesen wäre, über die ich mich heimlich lustig machen konnte und die niemand ernst nahm. Doch Magnus’ Großmutter war keine komische Alte. Sie hatte kluge, wachsame Augen und kam mir durchaus vernünftig und aufgeschlossen vor. Gerade das aber machte die Sache so schlimm – daß ich sie für glaubwürdig hielt.

Vielleicht, dachte ich verzweifelt, war ihre Urgroßmutter Lina eine von jenen überängstlichen Frauen gewesen, die überall Gespenster sehen… Doch da fielen mir die Geräusche wieder ein, die ich selbst in der ersten Nacht im Pfarrhaus gehört hatte. Immerhin war es kein Kindergeschrei gewesen, auch nicht das Weinen einer Frau. An diesen Gedanken klammerte ich mich wie an einen Rettungsring. Vielleicht war doch alles nur ein Märchen; vielleicht war der Pfarrhof nur ein ganz gewöhnliches altes Haus wie viele andere auch.

Die alte Frau sah mich noch immer an, als erwartete sie eine Antwort oder eine Bemerkung von mir. Doch da ich nicht wußte, was ich sagen sollte, schwieg ich.

Sten äußerte: „Eigentlich glaube ich nicht an Spukerei.“

Ich atmete auf. Magnus wandte sich an seine Großmutter. „Han tror inte på spökeri“, übersetzte er.

Sie lachte. Es klang nicht fröhlich, sondern wie das Lachen eines Menschen, der es besser weiß. Sie gab eine Antwort, die Sten offenbar ärgerte, denn er wurde rot und sagte nichts mehr.

„Was hat sie gesagt?“ fragte ich Kristin, die neben mir saß, halblaut.

„Wer Spuk leugnet, ist unwissend oder hat Angst, meint sie“, erklärte Kristin.

Bald darauf gingen wir. Magnus’ Großmutter begleitete uns zur Tür. Beim Abschied gab sie mir die Hand – weshalb gerade mir und nicht den anderen? Wieder sah sie mich eindringlich an, sagte etwas, warf Magnus einen fordernden Blick zu und wartete offenkundig darauf, daß er mir ihre Bemerkung übersetzte.

„Ihr sollt vorsichtig sein“, erklärte er. „Du sollst auf dir aufpassen, Frankie. Wenn du Probleme hast und kein Ahnung, wohin du dir wenden sollst, kannst du zu sie kommen. Das hat sie gesagt.“

Die alte Frau nickte. Ich lächelte sie an – wahrscheinlich war es mehr eine Grimasse als ein Lächeln – und dachte bei mir: Wieso sollte ich zu ihr gehen? Wir sprechen ja nicht einmal die gleiche Sprache. Ich habe doch Kristin, ich bin nicht allein. Was soll mir schon geschehen?

Ich ahnte nicht, wie recht sie hatte, und daß ich eines nicht allzu fernen Tages noch an ihr Angebot denken sollte.

9

Ein paar Tage lang geschah nichts. Das Wetter blieb trüb und regnerisch. Magnus und Sten mußten wieder zur Schule und hatten wenig Zeit. Am dritten Abend nach dem Besuch bei Magnus’ Großmutter holten die beiden uns im Pfarrhaus ab, und wir fuhren in einen Nachbarort, etwa eine Viertelstunde von Lilletorp entfernt, um ins Kino zu gehen.

Ein alter Film von Ingmar Bergman wurde gezeigt, Wilde Erdbeeren, auf schwedisch Smultronstället. Für mich war es kein rechtes Vergnügen, da der Film natürlich ohne Untertitel lief. Ich gab es bald auf, Kristin und Magnus zu fragen, was dieser oder jener Darsteller gerade gesagt hätte.

„Das war so: Der alte Mann hat auf seine Jugendzeit zurückgedacht“, erklärte mir Magnus später, als wir noch in einer kleinen Kneipe saßen und etwas tranken. „Er war ein harter Mensch geworden, ein erfolgreichen Mann, und hat sich durch den Gedächtnis an sein Jugendzeit verändert – du verstehst? Er wurde… wie sagt man gleich? Menschlicher.“

Wir redeten noch eine Weile über den Film, und ich verstand jetzt so manches, was mir vorher unbegreiflich gewesen war. Dann schlug Sten vor, wir sollten noch in eine Disco gehen, und wir stimmten sofort zu; Kristin, weil sie so gern tanzt, und ich, weil ich noch nie in einer schwedischen Diskothek gewesen war – doch nicht nur deswegen. Ich fürchtete mich mittlerweile vor jeder neuen Nacht im Pfarrhaus und war froh über jede Stunde, die ich anderswo verbringen konnte.

In der Disco herrschte ein Höllenlärm. Die Lautsprecher waren voll aufgedreht. Natürlich wurden vor allem Abba-Schlager gespielt; aus „Patriotismus“, wie Magnus meinte. Er sagte allerdings, er persönlich könne die Gruppe nicht leiden, weil sie „Plastik-Musik“ mache. Wir konnten uns nur schreiend unterhalten und gaben bald jedes Gespräch auf. Statt dessen tanzten wir viel; und es war irgendwie selbstverständlich, daß Kristin mit Sten tanzte und Magnus mit mir.

Das Tanzen tat mir gut. Ich hatte das Gefühl, daß sich dabei die Anspannung löste, von der ich schon seit Tagen erfüllt war. Es freute mich auch, als ich merkte, daß Magnus kein anderes Mädchen ansah als mich, obwohl ich noch selten so viele hübsche Mädchen auf einmal gesehen hatte.

„Die Schwedinnen sehen wirklich gut aus“, sagte ich, als ich einmal mit Kristin zusammen in die Toilette ging. Sie lachte und erwiderte: „Klar. Sieh mich an!“

Magnus und Sten brachten uns mit den Mopeds zum Pfarrhaus zurück. Bestimmt wachte Professor Zetterlund vom wütenden Motorengeknatter auf, falls er überhaupt schon geschlafen hatte; vielleicht machte er sich Sorgen wegen unseres späten Nachhausekommens. Es war immerhin schon nach Mitternacht.

Er zeigte sich jedenfalls nicht, als wir ins Haus traten und auf Zehenspitzen durch den Flur schlichen, während das Geräusch von Magnus’ und Stens Mopeds in der Ferne verklang.

Kristin war furchtbar redselig. Wir lagen im Bett, und mir schwirrte noch der Kopf von der lauten Musik. Sie aber schwärmte von Sten. „Ist er nicht einsame Klasse?“ fragte sie. „Hast du gesehen, daß er ein Grübchen im Kinn hat?“

Ich sagte, nein, das hätte ich nicht, und sie erkundigte sich, wie ich Magnus fände.

„Nicht schlecht“, sagte ich vorsichtig.

„Na ja, er sieht vielleicht nicht ganz so toll aus wie Sten, aber nett ist er, das muß man ihm lassen.“

Ich dachte, daß Magnus mir auch äußerlich besser gefiel als Sten, äußerte es aber nicht. „Und ich sag dir, er ist verliebt in dich!“ fügte Kristin triumphierend hinzu, als wäre das ihr persönliches Verdienst.

Ich merkte, daß ich rot wurde. Zum Glück war es dunkel im Zimmer. „Quatsch!“ sagte ich.

„Doch, ich schwör’s dir. Er hat dich den ganzen Abend nicht aus den Augen gelassen. Schwer verliebt und all so was, Frankie!“

Ich mußte kichern. „Was du dir immer alles einbildest“, sagte ich, konnte aber nicht verhindern, daß mich ein angenehmer Schauer durchrieselte.

Kristin redete schon weiter. Sie setzte ihr Loblied auf Sten fort, aber ich hörte nicht mehr richtig zu. Ich dachte an Magnus. Dann wurde es plötzlich still im Zimmer. Kristin war über ihrem eigenen Redestrom eingeschlafen.

Auch ich war müde; doch zugleich erfüllte mich eine seltsame Rastlosigkeit, die mich am Einschlafen hinderte. Wie schon seit Tagen hatte ich Angst, in Schlaf zu fallen; es war das Gefühl, im Schlaf machtlos zu sein, allem hilflos ausgeliefert, was im Pfarrhaus geschehen mochte.

Ich drehte mich von einer Seite auf die andere. Der Mond stand hinter dem Ostfenster, eine schmale, verschwommene Sichel, über die Wolkenfetzen hinwegzogen. Die Baumwipfel bewegten sich leicht im Wind. So vieles ging mir durch den Sinn. Ich konnte die Gedanken einfach nicht vertreiben.

Ich versuchte es mit einer Atemübung, die eine Gymnastiklehrerin uns verraten hatte und zu der man das Wort „Ruhe“ benutzt. Man denkt sich „Ru“ beim Einatmen, „he“ beim Ausatmen und versucht dabei, sich innerlich gewissermaßen fallenzulassen.

Ich merkte, daß es gar nicht einfach war, tief und regelmäßig zu atmen, doch mit der Zeit entspannte ich mich, und die Gedanken zerrannen. Ich spürte fast körperlich, wie ich fiel – ich fiel in eine Art Dämmerzustand zwischen Wachsein und Schlaf.

Alles war still… Ruhe…

Gerade als ich im Begriff war, die Schwelle zum Schlaf zu überschreiten, hörte ich das Geräusch.

Ich schreckte hoch. Es war fast, als hätte ich im Unterbewußtsein bereits darauf gewartet. Das Rascheln meines Kopfkissens übertönte für einen Augenblick alles andere. Doch dann hörte ich es wieder.

Es war jenes Gleiten und Scharren, das ich schon einmal vernommen hatte – die gleichen gedämpften Geräusche aus der Tiefe des Hauses.

Das Blut pochte in meinen Schläfen. Ich konnte es förmlich hören, so angespannt lauschte ich. Dieses Gleiten – es klang, als würde ein Gegenstand über den Boden gezerrt.

Dann trat wieder Stille ein. Doch ich wußte, daß es noch nicht vorüber war. Ich war ganz sicher, daß noch etwas folgen würde – etwas Schlimmeres.

Mein rechtes Bein war eingeschlafen. Es prickelte darin wie von tausend Ameisen, als ich es bewegte. Eine Wolke verdunkelte den Mond. Alles war still. Dann begann jemand zu weinen.

Ich hörte es deutlich; es gab keinen Zweifel: das dünne, jämmerliche Weinen eines Kindes. Dann war da noch ein anderer Laut, der das Quäken übertönte. Ein Schluchzen – das Schluchzen einer Frau.

Mein Herz schlug so heftig, daß ich es kaum ertragen konnte. Ich wollte mir die Ohren zuhalten, konnte mich aber nicht bewegen. Ich wollte Kristin wecken, doch ich war wie gelähmt, stumm vor Entsetzen, festgebannt in meinem Bett.

Das Schluchzen schwoll an und verebbte. Wieder erklang das dünne Kinderweinen. Ich spürte Blutgeschmack auf meinen Lippen. Vor Schreck hatte ich mir so fest auf die Unterlippe gebissen, daß die Haut geplatzt war.

Unvermittelt herrschte wieder Stille. Ich erwachte aus meiner Erstarrung, begann unkontrolliert am ganzen Körper zu zittern. Mit einem Satz sprang ich aus dem Bett, lief zu Kristin, beugte mich über sie und schüttelte sie.

Mein einziger Gedanke war, daß ich nicht allein sein durfte, wenn es wieder begann – die Geräusche, das schreckliche, jammervolle Weinen.

Es dauerte eine Weile, bis Kristin wach wurde. Sie war völlig verwirrt. Endlich fuhr sie hoch. Ihr Gesicht war ein schwarzer Umriß im dunklen Zimmer.

„Wer… was ist los? Frankie, du? Ist was passiert?“

Ich ging zur Tür und machte Licht. Meine Knie zitterten auf lächerliche Weise. Kristin saß aufrecht im Bett, mit aufgerissenen Augen und wirrem Haar.

„Frankie, was hast du?“ fragte sie erschrocken. „Du bist ja kreidebleich. Ist dir schlecht?“

Auch meine Stimme zitterte, als ich sagte: „Da waren Geräusche, Kristin. Ich… ich hab’s gehört. Es war furchtbar!“

„Was?“ fragte sie. „Was war furchtbar? Du hast geträumt, Frankie!“

Ich ging zu meinem Bett zurück und wickelte mich bis zum Kinn in die Decken ein. Mir war kalt. „Ich hab nicht geträumt“, sagte ich matt. „Ich habe alles gehört, klar und deutlich. Es war grausig.“

Sie schwang die Beine über die Bettkante und starrte mich an. „Was hast du gehört?“

„Weinen“, sagte ich. „Ein Kind hat geweint. Und das Schluchzen einer Frau, genau wie Magnus’ Großmutter es uns erzählt hat. Genauso!“

Kristin holte tief Atem. Ich merkte, wie sie gegen den Schlaf kämpfte, wie sie versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen und zu begreifen, wovon ich sprach.

„Du hast jemanden weinen gehört?“ fragte sie. „Hier, im Haus?“

„Ja, wo denn sonst?“ sagte ich, gereizt vor Erregung. „Es kam von unten. Es klang, als käme es aus dem Keller.“

„Aber das ist doch Unsinn! Das hast du dir nur eingebildet, weil Magnus’ Großmutter davon erzählt hat.“ Kristins Gesicht hellte sich auf. „Oder nein, du hast es natürlich geträumt. Das ist sonnenklar, die Sache hat dich so beschäftigt, dich bis in deine Träume verfolgt. Vor Schreck bist du aufgewacht und hast geglaubt, es wäre alles wirklich passiert. So was gibt’s.“

Meine Angst verwandelte sich in Zorn. „Zum Teufel, ich hab nicht geträumt! Ich hab nicht mal richtig geschlafen, verstehst du? Als du eingeschlafen warst, bin ich noch wachgelegen, ich konnte einfach nicht schlafen. Ich hab versucht, mich zu entspannen, und als ich endlich soweit war, daß ich fast eingeschlafen wäre, fingen die Geräusche an…“

„Das Weinen?“ fragte Kristin, noch immer ungläubig.

„Nein. Zuerst war’s nur ein Scharren und Gleiten, als würde jemand über den Boden geschleift.“

Ich stockte. Ich hatte „jemand“ gesagt. Plötzlich wurde mir klar, daß es genauso geklungen hatte, als würde ein menschlicher Körper über Dielen gezerrt. Ich starrte Kristin an, und sie starrte zurück.

Zitternd sagte ich: „Ich habe die Geräusche schon einmal gehört, Kristin – gleich in der ersten Nacht nach unserer Ankunft.“

„Waaas? Warum hast du mir nichts davon gesagt?“

„Weil ich dachte, daß es eine natürliche Erklärung dafür geben müßte. Aber dann…“ Ich verstummte. „Horch!“ zischte ich.

Mir war, als hätte ich wieder etwas gehört, ein Knarren wie von morschen Bodenbrettern. Wir lauschten, stumm und angespannt, doch nichts rührte sich mehr, alles war still.

„Da war doch nichts“, sagte Kristin. „Du bildest dir nur etwas ein.“

Sie glaubte mir also nicht. „Ich bilde mir nichts ein!“ stieß ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Es ist mir auch egal, was du denkst. Du wirst es schon noch selbst hören; das war ja nicht unsere letzte Nacht im Pfarrhaus!“

Und ich drehte mich auf die andere Seite. Eine Weile schwiegen wir. Dann sagte Kristin bittend: „Sei nicht böse, Frankie. Es ist nur – ich kann’s einfach nicht glauben, verstehst du? Von Spuk reden, ist eine Sache – aber wenn’s dann aussieht, als würde es ernst werden…“

Ich erwiderte: „Es sieht nicht nur so aus. Es ist ernst.“

Kristin seufzte. Plötzlich war sie gar nicht mehr so begierig auf Spuk. „Sollen wir hinuntergehen und nachsehen?“ fragte sie nach ein paar Minuten. Es klang nicht besonders überzeugend.

„Du kannst ja gehen, wenn du willst“, sagte ich. „Aber mich bringen heute nacht keine zehn Pferde aus diesem Zimmer! Außerdem – wonach willst du suchen?“

„Nach Spuren vielleicht“, murmelte sie. „Du hast doch gesagt, daß jemand über den Boden geschleift worden ist…“

„Ich habe gesagt, daß es geklungen hat, als wäre jemand über den Boden geschleift worden“, verbesserte ich schaudernd. „Aber du wirst keine Spuren finden, Kristin. Ich bin überzeugt, daß schon Magnus’ Ururgroßmutter die gleichen Geräusche gehört hat – Lina, oder wie sie hieß. Solche Erscheinungen hinterlassen keine Spur.“

Kristin schwieg. Ich spürte, daß sie erleichtert war, weil ich sie nicht beim Wort nahm und nicht von ihr erwartete, daß sie allein nach unten ging und nachsah.

Ich war plötzlich sehr müde. Die Angst hatte eine bleierne Schwere in meinem Körper hinterlassen. Ich konnte die Augen nicht mehr offenhalten.

Dann schlief ich und träumte von einer Frau, die auf einer Treppenstufe saß, ein Kind in den Armen. Ich sah nur den Umriß ihrer Gestalt, denn das Traumbild war dunkel und verschwommen. Sie kauerte da, ohne sich zu bewegen, und hielt das kleine Bündel fest umklammert.

Ich stand im Traum ein Stück von ihr entfernt und beobachtete sie, doch es gab keine Verbindung zwischen ihr und mir, und sie wußte nichts von meiner Gegenwart. Ich hörte sie leise weinen und seufzen. Das Kind in ihren Armen war ganz still, so still, daß ich dachte, es müsse tot sein.

Schließlich erhob sich die Frau, ging die Treppe hinunter und verschwand in der Dunkelheit. Ich wollte ihr folgen, wollte nachsehen, wohin sie ging. Doch als ich am Fuß der Treppe angelangt war, stand ich vor einer schweren, mit alten Eisenbeschlägen versehenen Tür. Auf die Mitte der Tür war ein rotes Kreuz gemalt. Ich rüttelte am Griff, aber ich konnte nicht öffnen.

Hinter der Tür hörte ich die Frau schluchzen. Ich hämmerte gegen das Holz, doch sie schien mich nicht zu hören, denn sie machte mir nicht auf. Ich rief: „Lassen Sie mich hinein! Sie müssen fort von hier! Ich werde Ihnen helfen, von hier wegzukommen!“

Dann erwachte ich mit einem Ruck. Im Zimmer brannte Licht und blendete mich, als ich die Augen öffnete. Doch auch hinter den Fenstern wurde es schon hell.

Kristin stand über mich gebeugt, sah mich forschend an und sagte: „Du hast im Traum geredet, Frankie – daß wir von hier fort müssen oder so ähnlich.“

Ich richtete mich auf und sah sie verwirrt an. Dann erwiderte ich langsam: „Nicht wir, Kristin – sie.“

„Sie?“ wiederholte Kristin verständnislos.

„Die Frau mit dem Kind“, sagte ich. „Ich habe sie gesehen.“

10

„Was meinst du?“ fragte Kristin, als wir zum Frühstück gingen. „Sollen wir meinem Vater davon erzählen?“

Ich sagte: „Er wird’s nicht glauben – es sei denn, er hat die Geräusche selbst gehört.“

Sie sah mich von der Seite an. „Du weißt doch, daß er meistens Schlaftabletten nimmt. Er würde sicher denken, du hättest dir alles nur eingebildet.“

„Genau wie du“, sagte ich.

Kristin blieb auf der Treppe stehen. „Aber Frankie! Ich… wir haben doch immer Vertrauen zueinander gehabt! Ich meine, ich würde nie denken, daß du versuchst, mir etwas vorzumachen. Aber – es könnte doch wirklich sein, daß du nur geträumt hast! Manchmal träumt man so lebhaft, daß man denkt, alles wäre wirklich passiert, und…“

Ich unterbrach sie. „Ja, ja. Das hast du alles schon mal gesagt. Aber ich habe nicht geträumt. Jedenfalls die Geräusche nicht. Das weiß ich genauso sicher, wie… wie ich weiß, daß ich hier neben dir stehe!“

Ich ging weiter und sah mich nicht nach ihr um. Stumm folgte sie mir. In der Halle begegnete uns Märta mit einem Tablett in den Händen. Sie sagte etwas zu Kristin, die mir dann beim Frühstück erklärte, ihr Vater sei schon frühmorgens nach Uppsala gefahren, um Fachbücher zu kaufen. Er hatte Märta aufgetragen, uns Bescheid zu sagen.

„So ein Mist! Warum hat er nicht gestern mit uns darüber geredet?“ fragte Kristin ärgerlich. „Wir hätten mitfahren können!“

Voller Sehnsucht dachte ich, wie schön es gewesen wäre, wenigstens für einen Tag von hier fortzukommen und das Pfarrhaus zu vergessen. Doch zugleich wußte ich auch, daß es mir unmöglich gewesen wäre, die vergangene Nacht zu vergessen, und wenn ich tausend Meilen weit gefahren wäre.

Das Frühstück schmeckte mir nicht. Ich trank zwei Tassen von dem starken schwarzen Kaffee, bis ich Herzklopfen bekam, und versuchte meine eiskalten Hände an der Kaffeetasse zu wärmen.

„Wir fahren auch nach Uppsala!“ sagte Kristin entschlossen.

„Wann? Heute?“ fragte ich.

„Nein, laß uns mal bis zum Samstag warten. Vielleicht haben Sten und Magnus dann Zeit, und wir können miteinander fahren. Das macht mehr Spaß.“

Ich nickte. Unvermittelt sagte Kristin: „Du, Frankie, wir sehen uns jetzt im Haus um. Hier im Erdgeschoß stehen zwei Zimmer leer, das hat mir mein Vater mal geschrieben. Die durchsuchen wir. Und dann gehen wir in den Keller. Vielleicht finden wir etwas – irgendeine Erklärung für die Geräusche.“

Ich sah sie an. Meine Hände, die ich um die Kaffeetasse geschlossen hatte, zitterten. „Ich hab dir doch schon gesagt, du wirst nichts finden! Nur Menschen aus Fleisch und Blut hinterlassen Spuren.“

„Aber Frankie, vielleicht ist irgendein Trick bei der Sache! Vielleicht erlaubt sich jemand einen dummen Scherz mit uns und hat irgendwo ein kleines Tonband versteckt, eine Wanze oder so.“

„Eine Wanze ist ein Abhörgerät“, sagte ich. „Und wer sollte so was tun? Geräusche auf Tonband aufnehmen, es in ein fremdes Haus schmuggeln und nachts ablaufen lassen?“

„Ein Verrückter vielleicht“, schlug Kristin eifrig vor. „Oder jemand, der meinen Vater aus dem Pfarrhaus vertreiben will. Vielleicht meint irgend so ein Irrer, hier wäre ein Schatz versteckt.“

Ich faßte mir an den Kopf. „Herrje!“ sagte ich. „Wir haben doch von Sten gehört, daß das Pfarrhaus jahrelang leergestanden hat, ehe dein Vater es gekauft hat. Da wäre genug Zeit und Gelegenheit gewesen, es von oben bis unten zu durchsuchen. Nein, daran glaube ich nicht. Deine Phantasie geht mal wieder mit dir durch!“

„Und was ist mit deiner Phantasie?“ fragte Kristin anklagend. „Ist es vielleicht weniger phantastisch, gleich an Spuk zu glauben?“

Ich tat den Mund auf, um etwas zu erwidern, schwieg dann aber und dachte, daß sie recht hatte. Ich hielt dieses Haus wirklich für ein Spukhaus, fühlte mich darin wie ein Mensch, der an einen Ort des Schreckens verbannt ist.

Und ich dachte: Ich möchte nach Hause. Wenn ich nur nach Hause fahren könnte! Doch natürlich war das unmöglich. Ich war mit Kristin nach Schweden gekommen und konnte erst wieder am Ende unserer Ferien mit ihr zusammen von hier fort. Sie war meine Freundin, und ich durfte sie nicht einfach im Stich lassen, nur weil ich Angst hatte. Das wäre mir wie Verrat vorgekommen.

Zum Glück wußte Kristin nichts von meinen Gedanken. Sie stand auf, ging ans Fenster und sah eine Weile hinaus. Dann sagte sie: „Du, Märta ist gerade auf ihr Fahrrad gestiegen. Wahrscheinlich will sie zum Einkaufen nach Lilletorp radeln. Das ist die beste Gelegenheit. Jetzt können wir uns ungestört umsehen!“

Ich wollte mich schon weigern, mitzumachen; doch dann dachte ich, daß alles besser war, als in dieser Angst zu verharren, und daß es vielleicht doch eine winzige Chance gab, eine natürliche Erklärung für die nächtlichen Geräusche zu finden.

Also stand ich ziemlich widerstrebend auf und folgte Kristin in die Halle. Wir gingen am Arbeitszimmer des Professors vorbei und kamen in einen Seitenflur mit einer Hintertür, die in den Garten führte. Sie hatte in der oberen Hälfte ein Fenster aus buntem, undurchsichtigem Glas. Das Sonnenlicht brach sich darin und ließ die Scheiben wie Edelsteine funkeln.

Kristin drückte die Klinke nieder. „Abgesperrt“, sagte sie. „Die wird sicher selten benutzt.“

Wir drehten uns um und gingen zum anderen Ende des schmalen Seitenflurs, an einem Fenster vorbei, unter dem eine bemalte Truhe stand. Ein Ölbild von einem würdigen älteren Herrn mit weißem Kragen hing an der Wand. Der Boden war hier mit alten Steinfliesen ausgelegt. Unsere Schritte hallten hohl von den Wänden wider.

Kristin öffnete eine Tür zur Linken, und wir traten über die Schwelle. Ein leichter Modergeruch, wie er unbewohnten Räumen oft anhaftet, schlug uns entgegen.

Wir sahen uns um. Das Zimmer war spärlich möbliert – ein altmodischer Schrank stand in der Ecke, groß genug, um zwei ausgewachsenen Männern als Versteck zu dienen; dazu gab es noch eine Kommode, ein Messingbett ohne Bettzeug, eine Lampe mit Stoffüberzug und Fransen und einen sechseckigen Spiegel mit Goldrahmen. Ein ziemlich abgetretener Teppich vervollständigte die Einrichtung.

„Sehen wir mal im Schrank nach!“ sagte Kristin.

Ich blieb stehen und beobachtete, wie sie durchs Zimmer ging, den Schlüssel im Schloß drehte und die riesige Schranktür öffnete. Ein schauerliches Knarren erklang, das jeden Tontechniker eines Gruselfilms in Entzücken versetzt hätte.

„Hast du das gehört?“ fragte Kristin überflüssigerweise.

„Ja“, sagte ich. „Ich bin schließlich nicht taub.“

„Ich meine, es könnte doch sein, daß jemand heute nacht diesen Schrank geöffnet hat. Dann hast du das Knarren gehört und gemeint, es wäre ein Schluchzen.“

„Es hat ganz anders geklungen!“ sagte ich aufgebracht. „Seit wann klingt das Knarren einer Schranktür ähnlich wie das Schluchzen einer Frau?“

„Oder vielleicht war es das, was du für Kindergeschrei gehalten hast“, meinte Kristin hartnäckig. „Du, dieses Zimmer müßte doch so ungefähr unter dem unseren liegen, oder?“

Sie erwärmte sich richtig für den Gedanken. „Also paß mal auf, Frankie, du gehst jetzt schnell mal nach oben, und wenn du in unserem Zimmer bist, stampfst du mit dem Fuß auf den Boden. Dann mache ich die Schranktür auf und zu. Du mußt genau aufpassen, ob du ähnliche Geräusche hörst wie in der vergangenen Nacht.“

Ich hielt den Versuch für sinnlos, aber Kristin war so begeistert von ihrer Idee, daß ich ihr den Gefallen tun wollte. Also ging ich aus dem unbewohnten Zimmer hinaus, den Flur entlang, an der Tür des Arbeitszimmers vorbei in die Halle, die Treppe hinauf und in unser Zimmer. Dort gab ich das verabredete Zeichen und lauschte.

Sofort erklang ein schwaches, fernes Knarren; nein, eigentlich klang es mehr wie das Ächzen eines morschen Baumes im Wind. Ich dachte, daß ich das Geräusch vielleicht schon einmal gehört hatte; doch bestimmt nicht in der vergangenen Nacht.

Kristin wartete im Seitenflur auf mich. „Was ist?“ fragte sie gespannt.

„Nichts“, sagte ich. „Es klang wie ein Ächzen. Vielleicht hab ich’s schon mal gehört, aber vergangene Nacht nicht.“

„Bist du sicher?“

„Ganz sicher. Was war im Schrank?“

„Nur ein paar alte Kleider, die nach Mottenpulver riechen. Wahrscheinlich hängen sie schon seit zwanzig Jahren da. Meinem Vater gehören sie jedenfalls nicht.“

Auch der Raum neben dem Zimmer mit dem ächzenden Schrank war unbewohnt. Er stand leer bis auf zwei alte Stühle und einen schiefen Tisch.

„Nichts“, sagte Kristin enttäuscht. „Aber vielleicht sollten wir mal die Wände abklopfen, was meinst du? Womöglich gibt’s hier ein Priesterversteck.“

Tatsächlich war das ganze Zimmer mit Holz getäfelt, während im anderen Raum, den wir uns vorher angesehen haten, nur alte Tapeten an den Wänden waren. Trotzdem hatte ich keine Hoffnung, daß wir hier des Rätsels Lösung finden würden.

Kristin gab ihre Klopfversuche auch bald auf. Sie sagte: „Ohne einen richtigen Anhaltspunkt geht das nicht. Wenn nur irgendwo wenigstens eine mickrige Verzierung wäre! In Verzierungen sind immer irgendwelche Knöpfe versteckt, auf die man bloß zu drükken braucht, damit sich die Geheimtüren automatisch öffnen. Das kann man in jedem Abenteuerroman lesen.“

Da die Wandvertäfelung im Pfarrhaus völlig glatt und ohne jeden Zierat war, konnten wir nicht nachprüfen, ob solche Romane mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Falls es hier tatsächlich eine Geheimtür zu einem Wandversteck gab, mußte sie schon höchst geschickt getarnt sein, denn mit bloßem Auge bemerkten wir nirgends auch nur die geringste Besonderheit oder Abweichung.

„Das bringt nichts“, entschied Kristin. „Komm, Frankie, jetzt gehen wir in den Keller!“

Ich hatte überhaupt keine Lust, mir auch noch den Keller anzusehen. Viel lieber wäre ich aus dem Haus gegangen, in den Wald oder nach Lilletorp, irgendwohin. Doch Kristin war wild entschlossen, weiterzusuchen; ich kannte diesen Gesichtsausdruck nur zu gut an ihr.

„Und hinterher sehen wir uns auch noch den Dachboden an“, sagte sie.

Diesmal widersprach ich energisch. „Unsinn!“ erwiderte ich. „Was willst du denn da oben? Die Geräusche, die ich gehört habe, kamen eindeutig von unten.“

„Man kann nicht immer beurteilen, ob Geräusche von oben oder von unten kommen“, sagte Kristin. „Bei uns zu Hause weiß man auch nie, ob die Leute über uns oder unter uns sich streiten, oder ob der Nachbar rechts oder links sein Badewasser einläßt – vor allem nachts nicht.“

Ich gab keine Antwort, obwohl ich keinen Augenblick daran zweifelte, daß die Geräusche wirklich von unten gekommen waren. Gemeinsam gingen wir den Flur zurück; und als wir vor der Hintertür standen, kamen wir plötzlich darauf, daß wir keine Ahnung hatten, wo der Zugang zum Keller war.

„Vielleicht hat das Haus gar keinen Keller“, sagte Kristin. „Nicht alle alten Häuser sind unterkellert.“

Spontan sagte ich: „Es muß einen Keller geben!“ Und ich wunderte mich selbst, mit welcher Sicherheit ich das behauptete.

Kristin sah mich erstaunt an. „Woher weißt du das? Hat mein Vater den Keller mal erwähnt?“

„Nein“, sagte ich. „Ich weiß es auch gar nicht. Es… Es war nur so ein Gefühl.“

Wir suchten fast zehn Minuten lang, bis wir den Zugang zum Keller fanden. Es war eine schmale, unauffällige Tür im Abstellraum, nicht weit von der Küche. Sie war nur mit einem einfachen hölzernen Schnappriegel verschlossen.

Kristin hob den Riegel und öffnete die Tür. Dahinter führte eine Treppe in die Dunkelheit.

„Wo ist der Lichtschalter?“ fragte sie und tastete über die Mauer. „Scheint keiner da zu sein. So was – ein Keller ohne elektrisches Licht!“

Wir sahen uns an. „Wir müssen eine Kerze holen“, sagte Kristin schließlich.

Ich starrte auf die dunklen Stufen. Ein Gefühl tiefen Unbehagens erfüllte mich, so, als sei ich diese Treppe schon einmal hinuntergegangen und als wäre mir hier etwas Schlimmes widerfahren.

Unwillkürlich wich ich einen Schritt zurück. Ich hörte Kristin sagen: „Warte hier auf mich, Frankie. Ich gehe in die Küche. Da habe ich Kerzen auf einem Regal gesehen.“

„Ich komme mit“, erwiderte ich rasch, denn alles in mir sträubte sich, allein bei der Kellertreppe zurückzubleiben. Der Gang in die Küche erschien mir wie ein Aufschub, eine Gnadenfrist.

Doch schon wenige Minuten später waren wir wieder an der Treppe, mit einer Kerze in einem altmodischen Leuchter und einem Päckchen Streichhölzer. Ich hätte Kristin am liebsten gebeten, diese sinnlose Suche aufzugeben oder wenigstens allein in den Keller zu gehen und mich mit all dem zu verschonen, doch ich sagte kein Wort. Wenn sie mich schon für abergläubisch und überängstlich hielt, für feige sollte sie mich nicht auch noch halten.

Mit zusammengebissenen Zähnen stieg ich hinter ihr die Stufen hinunter. Der Kerzenschein huschte flackernd über die rohen Ziegelwände. Ein dumpfer Geruch lag in der Luft, der mich an eine Gruft erinnerte.

„Hier stinkt’s!“ sagte Kristin.

Meine Füße waren wie Blei. Ich spürte ganz deutlich, daß sie sich weigern wollten, weiterzugehen – mein ganzer Körper widersetzte sich, wollte umkehren, weglaufen…

Kristin blieb stehen und hob die Kerze. Ich sah, daß sie vor einer zweiten Tür haltgemacht hatte. Es war eine schwere Holztür mit alten, eisernen Beschlägen. Ein Kreuz war mit roter Farbe auf die Mitte der Tür gemalt.

Mein Blick blieb auf dem Kreuz haften; mein Herz tat ein paar wilde Schläge. Ich konnte es nicht glauben, was ich da im flackernden Schein der Kerze sah: Es war jene Tür, durch die die Frau mit dem Kind verschwunden war – die Tür aus meinem Traum.

11

„Aber Frankie!“ sagte Kristin. „Das kann doch nicht sein! Du hast die Kellertür nie zuvor gesehen und konntest deshalb auch nicht wissen, wie sie aussieht. Wir sind ja vorher noch nie dort unten gewesen; wir wußten nicht einmal genau, ob es hier einen Keller gibt!“

Sie stockte und sah mich an. „Du hast es gewußt“, sagte sie dann.

Wir saßen im Garten des Pfarrhauses im Gras unter einem Baum, die Vögel sangen, die Blätter rauschten sacht im Wind, doch mir war schrecklich elend. Ich zitterte am ganzen Körper.

„Gewußt nicht“, sagte ich schwach. „Es war… es war mehr eine Ahnung, Kristin.“

Sie stöhnte. „Aber das gibt es doch alles gar nicht! Erst glaubst du, daß es im Pfarrhaus echte Gespenster gibt, und dann hast du auch noch Vorahnungen oder Traumgesichte oder wie man das nennt!“

„Ich weiß, es klingt verrückt“, erwiderte ich mit verzweifelter Stimme. „Aber ich kann’s nicht ändern. Ich wollte, es wäre nicht so! Ich habe diese Tür ganz deutlich im Traum gesehen, mit den gleichen Eisenbeschlägen und dem Kreuz darauf. Es war die Tür, durch die die Frau verschwunden ist – die Frau mit dem Kind.“

„Und vorher hast du sie im Traum auf den Stufen sitzen sehen? War das die Kellertreppe? Hast du die Treppe auch wiedererkannt?“

Kristins Stimme war voller Zweifel; natürlich glaubte sie mir nicht. Wie hätte sie mir auch glauben sollen!

„Sie saß auf einer Treppenstufe, ja. Aber es war so finster da – auch im Traum. Genauso finster wie in Wirklichkeit. Nur… wir hatten vorher eine Kerze dabei. Im Traum war kein Licht. Ich habe nur ihren Schatten gesehen – einen dunklen Umriß.“

Kristin sagte: „Herrje, Frankie, das macht mich ganz verrückt! Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich glauben soll. Ich bin richtig durchgedreht.“ Sie fuhr sich mit gespreizten Fingern durchs Haar.

„Was meinst du, wie mir zumute ist?“ erwiderte ich bitter. „Ich möchte am liebsten weglaufen und mich irgendwo verstecken!“

Ich verbarg mein Gesicht in beiden Händen und schloß die Augen. Ja, ich wollte weglaufen, am liebsten vor mir selbst, wenn das nur möglich gewesen wäre. Ich wollte weinen, aber ich konnte nicht. Mein Kopf war ein einziges Knäuel von Gedanken, Befürchtungen, Bildern; ich konnte die Erinnerung an die Tür mit dem Kreuz einfach nicht daraus vertreiben. Was dahinter war, wußte ich nicht und wollte es auch nicht wissen – wir waren nach meiner Entdeckung nicht in den Keller gegangen, waren umgekehrt, hatten die Tür nicht geöffnet.

„Frankie!“ sagte Kristin. Ich spürte, wie sie sich neben mich kauerte, mich in die Arme nahm. „Komm, nimm’s nicht so tragisch. Es ist doch eigentlich gar nichts passiert. Vielleicht gibt es ja doch noch eine ganz natürliche Erklärung für alles. Wer weiß, in ein paar Tagen lachen wir über die ganze Geschichte. Du darfst dich nicht so damit herumquälen!“

„Es gibt keine natürliche Erklärung“, murmelte ich hinter vorgehaltenen Händen. „Nicht für den Traum – für die Tür nicht. Und auch nicht für die Geräusche. Es gibt keine!“

Eine Weile herrschte Schweigen zwischen uns. Dann sagte Kristin: „Du, wir reden mit meinem Vater über alles. Vielleicht hat er schon mal von einem ähnlichen Fall gehört oder gelesen und weiß eine Erklärung.“

Ich richtete mich auf und ließ die Hände sinken. „Nein!“ sagte ich. „Nein, wir sagen ihm nichts. Er würde bestimmt denken, daß ich verrückt und hysterisch bin und Zwangsvorstellungen habe! Vielleicht würde er sogar an meine Eltern schreiben, daß sie mich zu einem Nervenarzt schicken sollen, und…“

Kristin fiel mir ins Wort. „Nein, so was würde er nicht tun! Da kennst du meinen Vater schlecht. Aber gut, wenn du nicht willst, daß wir es ihm sagen, lassen wir es eben. Und Sten und Magnus? Willst du es vor ihnen auch verheimlichen?“

„Sie würden auch denken, daß ich durchgedreht bin“, sagte ich müde.

„Aber Magnus’ Großmutter hat doch selbst gesagt…“, begann Kristin. Dann stockte sie und sah mich an. „Frankie, sollen wir zu ihr gehen und ihr alles erzählen? Aber nein, das gäbe bloß eine fürchterliche Tratscherei im Dorf. Mein Vater würde das sicher nicht wollen. Wir müssen versuchen, an etwas anderes zu denken. Wir müssen uns ablenken!“

Sie sprang auf. „Paß auf, wir machen eine Radtour, das wird dir guttun. Und nachmittags rufen wir dann Sten oder Magnus an. Vielleicht haben sie Zeit, sich mit uns zu treffen.“

Ich war richtig dankbar für den Vorschlag. Rasch holten wir die Fahrräder aus dem Schuppen hinter dem Haus. Als wir das Gittertor öffneten, kam uns Märta über den Waldweg entgegen. Sie hatte einen vollbeladenen Einkaufskorb auf dem Gepäckträger. Wir hielten den Torflügel für sie auf.

Während Kristin ein paar Worte mit ihr wechselte, sah ich zum Haus zurück. Trotz des hellen Sommertags wirkte es dunkel und düster zwischen den hohen Bäumen. Kaum ein Sonnenstrahl drang durch das dichte Laubdach. Ein Haus, das ewig im Schatten lag, ein finsteres Haus mit dunkler Vergangenheit – ein Haus, das nichts vergessen hatte…

Ich schauderte. Das Gittertor fiel quietschend ins Schloß. Kristin sagte: „Ich habe Märta gesagt, daß wir irgendwo unterwegs essen. Dann brauchen wir mittags nicht schon wieder zurück zu sein.“

Im Wald war es still und friedlich, doch es dauerte lange Zeit, bis ich ruhiger wurde. Wir fuhren langsam zwischen den Bäumen dahin. Es roch nach Harz und Nadelbäumen. Zwischen dem Moos leuchtete ein Meer von Blaubeeren. Große, flechtenüberzogene Felsbrocken säumten den Wegrand, die Kristin „Trollsteine“ nannte. Über uns bildeten die Baumwipfel ein lichtes, hohes Dach aus Zweigen und Blättern, und auf dem Weg tanzten Sonnenkringel über Steine, Gras und Wurzeln. Die Birkenstämme glänzten silbrig zwischen Kiefern und Tannen. Irgendwo plätscherte ein Bach.

Wir radelten über eine alte Steinbrücke und kamen an einen Wegweiser, auf dem Rävbo stand. „Dahin fahren wir!“ sagte Kristin. „Vielleicht gibt’s in Rävbo ein kleines Gasthaus, wo wir etwas zu trinken kriegen. Ich hab teuflischen Durst.“

Ich merkte plötzlich, daß ich hungrig war. Ich hatte ja kaum etwas gefrühstückt, mein Magen war wie zugeschnürt gewesen. Jetzt, fern vom Pfarrhaus, erwachten meine Lebensgeister wieder. Mir war zumute, als hätte ich einen Bannkreis durchbrochen. Ich konnte wieder frei atmen. Den Gedanken an die nächtlichen Geräusche und die Tür zum Keller versuchte ich zu verdrängen; und je weiter wir fuhren, desto besser gelang es mir.

Rävbo war ein winziges Dorf, eigentlich mehr ein Weiler, mit vier Höfen und einer Imbißstube, in der es außer Saft und Limonade nur Würstchen mit Kartoffelbrei gab, also „korv med potatismos“. Ich konnte sogar ein bißchen über den komischen Ausdruck lachen, als wir unter einer Birke im Freien saßen, die Würstchen aßen, Limonade dazu tranken und unsere erhitzten Gesichter vom Wind kühlen ließen.

„Jetzt geht’s dir wieder besser, wie?“ sagte Kristin.

Ich nickte. „Ja. Wenn wir nur nicht wieder ins Pfarrhaus zurück müßten!“

Kristin tröstete mich. „Ich bin doch bei dir.“

Das stimmte; doch es war auch so, daß ihre Anwesenheit mich daran hinderte, einfach von hier fortzugehen. Aber das sprach ich nicht aus. Die Bedienung kam aus der Imbißstube und sagte etwas, worauf Kristin ganz begeistert war und rief: „Du, Frankie, sie backt jetzt Waffeln, und wir können welche haben! Schwedische Waffeln sind einfach ein Gedicht, sage ich dir!“

Das „Gedicht“ wurde uns eine Viertelstunde später im Freien serviert. Jede von uns bekam eine große, halbmondförmige Waffel, noch heiß, mit Sahne und Blaubeermarmelade darauf.

Es schmeckte wirklich göttlich. Hinterher hatten wir Sahneschnurrbärte und blaue Zähne, saßen wie aufgeblähte Frösche da und rührten uns nicht von der Stelle.

Kristin stöhnte. „Teufel, bin ich satt! So voll war mein Bauch schon lange nicht mehr.“

Eine Weile sahen wir friedlich durch das Laubdach der Birke zum Himmel auf, und ich dachte: Jetzt rühre ich mich nicht mehr vom Fleck! Das Pfarrhaus und alles, was damit verbunden war, schien sehr fern, wie zurückgelassen in einem anderen Land, einem Land, das ich am liebsten aus meinem Gedächtnis gestrichen hätte.

Da sagte Kristin: „Jetzt suchen wir uns eine Telefonzelle und rufen Sten und Magnus an!“

Ich sagte gar nichts. Nicht einmal an Magnus mochte ich denken. Er war zu eng mit all dem verknüpft, was ich vergessen wollte.

Doch ich widersprach nicht. Ich wußte ja, daß wir nicht hierbleiben und einfach alles aus unserem Leben streichen konnten, was geschehen war.

Wir zahlten, stiegen auf unsere Fahrräder und stellten fest, daß es in Rävbo keine Telefonzelle gab. Dafür fanden wir einen Wegweiser an der Landstraße, der anzeigte, daß es links nach Lilletorp und rechts zu einem Ort namens Ekeby ging.

Wir machten halt. „Wer weiß, ob Ekeby nicht genauso ein Nest ist wie Rävbo“, sagte Kristin. „Da finden wir vielleicht auch kein Telefon. Am besten radeln wir jetzt gemütlich nach Lilletorp zurück und sehen dort gleich selbst nach, ob Sten und Magnus zu Hause sind.“

Sie sah mich von der Seite an. „Mach doch nicht so ein Gesicht, als würde ich dich in die Verbannung schicken, Frankie! Wir müssen schließlich irgendwann wieder nach Hause zurück.“

Ich sagte bitter: „Du hast gut reden. Du schläfst nachts wie ein Stein und hörst keinen Ton, hast auch keine seltsamen Träume und denkst, daß ich mir im Grund alles nur einbilde…“

Dabei starrte ich Kristin an und merkte, daß meine verzweifelte Lage richtig feindselige Gefühle gegen sie, meine beste Freundin, in mir auslösten, wie ich sie nie vorher gekannt hatte.

„Aber Frankie!“ sagte sie erschrocken. „Sieh mich nicht so an, als wäre ich dein Feind! Und jetzt versprich mir eines: Wenn du nachts wieder Geräusche hörst oder etwas Gruseliges träumst, weckst du mich sofort auf, einverstanden? Dann fühlst du dich nicht so allein gelassen, und wir sind beisammen und können gemeinsam überlegen, was wir tun sollen… Versprichst du mir das?“

„Ja“, erwiderte ich. „Ich hab mir das schon vorgenommen. Allein könnte ich es nicht durchhalten. Ich würde sowieso am liebsten auf und davonlaufen.“

Schweigend fuhren wir nach Lilletorp zurück. Ich glaube, Kristin ahnte noch immer nicht, wie ernst mir damit war, und daß ich nur ihretwegen blieb – daß ich nur aus Freundschaft zu ihr ausharrte.

12

Sten und Magnus waren nicht zu Hause. Stens Mutter sagte etwas von einer Werksbesichtigung, zu der die beiden mit ihrer Klasse gefahren waren, und versprach, Sten bei seiner Rückkehr auszurichten, daß er uns im Pfarrhaus anrufen solle.

Als wir auf die Hauptstraße von Lilletorp kamen, hupte es plötzlich hinter uns. Es war Kristins Vater in seinem blauen Volvo.

„Ich lade euch zu einem Eis ein“, sagte er. „Wenn euch das mit mir altem Kerl nicht zu langweilig ist, natürlich.“

Wir sagten, daß wir uns sehr gern zu einem Eis einladen ließen, obwohl unsere Bäuche noch voll von den Waffeln waren. Dann setzten wir uns auf die Korbstühle vor dem Krogen und bekamen zwei große Eisbecher mit Sahne und Fruchtsalat.

Professor Zetterlund war in ungewöhnlich redseliger Stimmung. „Ich habe eine ganze Kiste voller Bücher mitgebracht“, sagte er. „Ausländische Fachbücher sind hier in der Provinz nicht leicht zu bekommen. In Stockholm war das etwas anderes; da hatte ich einen Buchhändler, der konnte alles für mich auftreiben. Aber ich kann nicht jedesmal eigens nach Stockholm fahren, um…“

Kristin unterbrach ihn. „Weshalb bist du eigentlich von Stockholm weggezogen, Vater?“ fragte sie. „Ich verstehe das nicht. Du hattest da doch eine prima Wohnung, und hier ist wirklich nichts los. Ich würde nie in so ein einsames altes Haus im Wald ziehen, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.“

Er erwiderte: „Für mich ist die Einsamkeit ein Vorzug – ich kann hier ungestört arbeiten und fühle mich sehr wohl.“ Doch ich fand, daß die Antwort ausweichend klang.

Er rückte an seiner Brille. Kristin sah ihn an und widersprach: „Aber deine Wohnung in Stockholm war doch auch sehr ruhig!“

„Ruhig?“ sagte er. „Dauernd ging das Telefon. Vor allem nach dem Diebstahl der Ausgrabungsstücke hatte ich keine Ruhe mehr vor den Reportern. Sie belagerten mich wochenlang. Jetzt weiß kaum jemand meine neue Adresse. Hier bin ich sicher vor all den Leuten, die mich von der Arbeit abhalten und belästigen.“ Er stockte. „Außerdem ist zuletzt mehrmals bei mir eingebrochen worden.“

„In deiner Stockholmer Wohnung?“ fragte Kristin erstaunt.

Ihr Vater nickte. „Ja. Irgend jemand bildete sich wohl ein, ich hätte eine Menge Geld in der Matratze versteckt oder so.“

Er lachte, aber ich merkte, daß er die Sache gar nicht lustig fand. „Nicht sehr angenehm, wenn man immer befürchten muß, seine Wohnung durchwühlt vorzufinden, sobald man für ein paar Tage verreist. Hier kann ich in Ruhe leben und arbeiten.“

Ich fragte: „Ist denn etwas aus Ihrer Stockholmer Wohnung gestohlen worden?“

Er musterte mich nachdenklich. „Nein, eigentlich nicht. Ich habe ja keine Kostbarkeiten um mich angehäuft, weder größere Geldsummen noch Schmuck oder Antiquitäten. Es lohnt sich wirklich nicht, bei mir einzubrechen. Trotzdem hat man es viermal versucht.“

„Viermal!“ rief Kristin. „Davon hast du mir ja gar nichts geschrieben! Meinst du, daß es immer die gleichen Leute waren – daß sie etwas Bestimmtes bei dir gesucht haben?“

„Keine Ahnung“, sagte Professor Zetterlund zögernd. „Ein Kollege meinte einmal, die Einbrecher könnten es auf Dokumente über bestimmte Ausgrabungsstätten abgesehen haben, aber das glaube ich nicht. Damals gab es in Stockholm eine regelrechte Einbruchswelle, und es waren mehrere Banden am Werk, wie man mir bei der Polizei sagte.“

„Du hättest dir eben eine Alarmanlage einbauen lassen müssen“, meinte Kristin.

„Unsinn! Bei mir gibt es nichts zu holen, da brauche ich auch keine Alarmanlage. Solche Geräte lohnen sich nur für reiche Leute. Ich bin schießlich nur ein Archäologe mit mittelmäßigem Einkommen.“ Und er lachte leise.

„Immerhin hast du dich von den Einbrechern aus deiner Wohnung vertreiben lassen“, beharrte Kristin.

Ihr Vater schüttelte den Kopf. „O nein, ich habe doch eben gesagt, daß es mir vor allem darum ging, meine Ruhe zu haben. Und die habe ich hier wirklich.“

Ich sah auf die Straße, wo ein lustiger kleiner Hund einer Fliege nachjagte, und dachte, daß der Professor schon einen sehr festen Schlaf oder besonders wirksame Schlaftabletten haben mußte, um das Pfarrhaus für einen ruhigen und friedlichen Ort zu halten.

„Gefällt dir denn mein Haus nicht?“ fragte Professor Zetterlund, zu Kristin gewandt.

Sie machte ein unbehagliches Gesicht. „Ich kann einfach nicht verstehen, wie man freiwillig in so ein verlassenes Haus ziehen mag“, erwiderte sie nach einer Weile ausweichend.

Ihr Vater seufzte. „Na ja, du bist eben ein Stadtmensch, genau wie deine Mutter. Ich wollte schon als Kind immer gern auf dem Land leben.“

Ein Herr in dunklem Anzug kam vorbei. Er zog den Hut und grüßte den Professor höflich, und dieser grüßte zurück.

„Hier kennt dich doch auch jeder“, sagte Kristin. „Wie kannst du da glauben, daß kaum jemand deine neue Adresse weiß?“

„So berühmt bin ich nun auch wieder nicht. Die Leute hier wissen nur, daß ich mich mit Ausgrabungen beschäftige, mehr nicht. Von meinen Büchern hat kaum jemand eine Ahnung. Sie halten mich wohl für ein bißchen verschroben, sind aber trotzdem sehr freundlich.“

„Sicher halten sie dich für verschroben – schon allein deswegen, weil du das Pfarrhaus gekauft hast“, murmelte Kristin unerwartet. „Vor dir wollte es ja keiner haben. Schließlich hält es hier jeder für ein Spukhaus.“

Ich hob den Kopf und verschluckte mich fast an einer Kirsche. Professor Zetterlund aber lächelte nur gelassen und nickte. „Ja, zum Glück. Deshalb habe ich das Haus auch spottbillig von der Gemeinde bekommen. Ein wahrer Glückskauf – dieses wunderschöne alte Haus mit dem herrlichen Garten hätte ich mir unter normalen Umständen nie leisten können!“

Ich stöhnte innerlich. „Wenn die Leute aber recht haben, Vater?“ fragte Kristin. „Wenn’s im Pfarrhaus wirklich spukt?“

Was hatte sie vor? Wollte sie ihrem Vater nun doch erzählen, was vorgefallen war – entgegen unserer Abmachung?

Ich starrte den Professor an. Er rückte seine Brille gerade und sagte in belehrendem Tonfall: „Es gibt einen Wissenschaftszweig, der sich mit Erscheinungen befaßt, die man im Volksmund als Spuk bezeichnet. Ein interessantes Gebiet, vor allem, weil es so eng mit alten Ritualen, Tabus und archaischem Geisterglauben zusammenhängt. Allerdings muß ich sagen, daß ich selbst nicht viel von Parapsychologie halte. Das hängt wohl mit meinem Beruf zusammen. Ich spüre zwar auch verborgenen Dingen nach, deren Vorhandensein zum Teil nur noch in Sagen und Legenden belegt ist – versunkene Schiffe, längst vergessene Städte und Siedlungen, Gräber und Kultstätten. Doch bei mir lassen sich meist recht handfeste Beweise für diese Dinge finden, wenn man nur lange und sorgfältig genug sucht. Bei der Parapsychologie ist das etwas anderes. Man ist da immer auf Vermutungen angewiesen. Greifbare, unwiderlegbare Beweise gibt es nicht.“

Er machte ein zufriedenes Gesicht. Im Klartext hieß das also, daß Professor Zetterlund nicht an Spuk glaubte, und daß es deshalb seiner Meinung nach im Pfarrhaus auch nicht spuken konnte. So einfach war das. Ich war jetzt ganz sicher, daß es keinen Sinn gehabt hätte, ihm von meinen Wahrnehmungen zu erzählen. Es wäre mir wohl nie gelungen, ihn zu überzeugen. Vermutlich hätte er es höchstens recht interessant gefunden, bei einem jungen Menschen wie mir auf einen „archaischen Geisterglauben“ zu stoßen, der so tief verwurzelt war, daß ich mir sogar einbildete, Geräusche zu hören und Traumgesichte zu haben.

Magnus’ Großmutter fiel mir ein. Sie hätte mir geglaubt – sie wäre sicher nur zu bereit gewesen, mir zu glauben. Doch auch das widerstrebte mir. Was ich brauchte, war weder jemand, der alles von vornherein nur für Einbildung hielt, noch jemand, der ungefragt alles hinnahm, was ich sagte. Was brauchte ich überhaupt? Einen Menschen vielleicht, der mit derartigen Erscheinungen Erfahrung hatte, der mir half, meine Verwirrung zu lösen, und mir begreiflich machen konnte, was im Pfarrhaus wirklich vor sich ging? Aber gab es überhaupt jemanden, der solche Vorgänge erklären und begreifen konnte?

Ich aß meinen Eisbecher nur zur Hälfte leer. Mir war von innen heraus kalt, obwohl die Sonne schien. Ein Straßenmusikant mit einer Ziehharmonika tauchte auf, kam näher, blieb vor dem Krogen stehen und begann uns etwas vorzuspielen.

Es war eine schöne, schwermütige Melodie. In den umliegenden Häusern wurden Fenster und Türen geöffnet. Männer, Frauen und Kinder kamen in ihre Vorgärten und auf die Straße und hörten zu.

Der Musikant war ein alter Mann mit weißen Locken und einem dichten Bart. Er sah wie eine Sagengestalt aus, ein alter Wikinger oder ein Krieger aus einer Heldensage. Während er spielte, sah er mich plötzlich an, und mir war, als hätte ich diese klaren, eisblauen Augen schon einmal gesehen – irgendwo, vor langer Zeit.

Dann begann er zu singen. Seine Stimme war dunkel und volltönend, manchmal schon ein wenig zittrig. Ack Värmeland, du sköna, du härliga land, sang er. Ich verstand die Worte nicht, doch der Gesang und die Melodie klangen so schön und wehmütig, daß ich am liebsten geweint hätte.

Als der alte Mann verstummte, klatschten die Leute. Ein kleiner Junge sammelte Münzen ein und brachte sie dem Sänger. Der bedankte sich würdevoll. Als Professor Zetterlund aufstand und ihm einen Geldschein in die Hand drückte, verbeugte er sich.

„Was hat er gesungen?“ fragte ich Kristin, ohne den Blick von dem alten Mann zu wenden.

„Ein altes Lied“, sagte sie. „Ein Lied über Värmland, einen mittelschwedischen Regierungsbezirk. Es fängt so an: Ach Värmland, du schönes, du herrliches Land, du Krone unter Schwedens Ländern.“

Ich nickte nur. Noch immer wandte ich den Blick nicht von dem weißhaarigen Sänger. „Er sieht wie eine Sagengestalt aus“, sagte ich.

Jetzt begann er wieder zu spielen – eine Tanzmelodie diesmal. Ein paar Kinder faßten sich an den Händen und hopsten auf der Straße herum, ein junges Paar drehte sich im Kreis, alte Leute klatschten im Takt.

Das Gesicht des Professors strahlte, als er sich wieder zu uns setzte. „Einer der letzten Barden“, sagte er. „Sie sind fast schon ausgestorben.“ Dann war der Tanz vorüber, und er bat den Musikanten zu uns an den Tisch und bestellte Kaffee und Gebäck für ihn.

Der weißhaarige Alte war ein gebildeter Mann. Er sprach sehr gepflegtes Deutsch, das fast akzentfrei war, und erzählte, daß er früher als Lehrer auf Island gelebt hatte. Jetzt zog er durch ganz Skandinavien und machte Musik.

„Meine Frau und mein Sohn sind vor ein paar Jahren ums Leben gekommen“, sagte er. „Da hat es mich zu Hause nicht mehr gehalten.“

„Waren Sie auch in Deutschland?“ fragte ich. „Ich… mir ist so, als hätte ich Sie schon einmal gesehen.“

„In Deutschland war ich auch, ja“, erwiderte er. „Das ist lange her, sehr lange. Aber vielleicht kennen wir uns auch von anderswoher – es gibt nicht nur dieses eine Leben…“ Er verstummte, lächelte und sah mich nachdenklich an.

Ich verstand nicht recht, was er meinte. Professor Zetterlund sagte: „Dann glauben Sie also, daß es so etwas wie Wiedergeburt gibt?“

„O ja, sicher!“ sagte der alte Mann wie selbstverständlich. „Wir kommen nicht aus dem Nichts, wir sind nur Glieder in einer langen Kette. Eine Kette, die sich ewig erneuert, die das Wissen und das Schicksal von vielen Menschenaltern speichert. Das Vergangene ist in uns, wir haben nur nicht mehr den Blick, um es zu sehen – die meisten jedenfalls nicht, bis auf einige wenige.“

Er verstummte, und wieder sah er mich an. Ich spürte plötzlich, wie ich zu zittern begann. Es war, als hätte er etwas in mir erkannt, was ich selbst nicht wahrhaben wollte, eine Gabe vielleicht, eine Art Wesensverwandtschaft zwischen ihm und mir. Ich fühlte mich zugleich abgestoßen und angezogen, wollte gehen und doch bleiben.

Weder Professor Zetterlund noch Kristin schien etwas von meiner Verwirrung zu merken. Der Professor fand alles, was der alte Musikant sagte, „sehr interesssant“; und während die Leute sich zerstreuten, bekam der Fremde seinen Kaffee mit bullar, einer Art schwedischem Schmalzgebäck, nickte mir noch ein paarmal zu und lächelte schweigend.

Ich war froh, als er schließlich ging – froh und traurig zugleich. Wir sahen ihm nach, wie er zur Straßenecke ging. Dort nahm er seinen Rucksack auf und wanderte in Richtung Landstraße, und sein weißes Haar leuchtete in der Sonne.

13

Die folgenden Tage und Nächte verliefen ohne Zwischenfall. Nichts Ungewöhnliches geschah; alles war friedlich. Nachts hörte man kein Geräusch als das Rauschen und Raunen der Bäume ums Haus oder das Sausen des Windes im Kamin, der vom Meer kam. Manchmal schrie auch ein Käuzchen aus dem Wald.

Trotzdem schlief ich kaum, war ständig auf der Hut, immer in Angst vor etwas, das nicht kam. Keine Frau weinte, kein Kind wimmerte.

„Da siehst du, daß es nichts zu fürchten gibt!“ sagte Kristin, und ich hätte ihr so gern geglaubt. Sie sagte auch: „Du zuckst bei jedem Geräusch zusammen und siehst aus, als wärst du reif fürs Sanatorium, Frankie. Was du brauchst, ist Abwechslung.“

So fuhren wir am Samstag wirklich mit Magnus und Sten nach Uppsala. Es wurde ein schöner, unbeschwerter Tag. Wir kauften auf dem kleinen Bauernmarkt Obst ein, gingen in Ofvandahls Konditorei, in der es berühmtes Gebäck gibt, sahen uns den alten Stadtkern und das moderne Einkaufszentrum an und bummelten an den ehrwürdigen Universitätsgebäuden vorbei. Auch das rote Schloß hoch oben auf der Anhöhe besichtigten wir, sahen uns die berühmte Domkirche an, wie es sich gehört, und legten uns dann im alten Linnégarten ins Gras unter die Bäume.

Abends gingen wir noch in eine Studentenkneipe in der Nähe des Domes. Obwohl wir nur „Leichtbier“ tranken – richtiges Bier bekommt man als Jugendlicher in Schweden nicht ausgeschenkt –, waren wir ausgesprochen lustig, als wir uns auf den Weg zum Bahnhof machten, wo der Bus nach Lilletorp abfahren sollte.

Sten zog sein Hemd und seine Schuhe aus, und wir konnten ihn nur mit Mühe davon abhalten, noch im Fluß Fyris zu baden.

„Das ist ein sauberes Flüßlein!“ sagte er immer wieder. „Ich brauche eine Auffrischung!“

„Du kannst dir zu Hause duschen“, erwiderte Magnus geduldig. „Hier ist das Baden verboten, Sten. Wenn du so was machst, setzen sie dir ins Gefängnis.“

„Bei Wasser und Brot!“ sagte Kristin und kicherte so, daß sie sich auf den Randstein setzen mußte. „Außerdem versäumen wir den letzten Bus, wenn wir uns nicht beeilen. Willst du vielleicht nach Lilletorp zurückwandern?“

„Ich brauche nicht wandern, wenn ich aufs Gefängnis sitze“, sagte Sten sehr logisch und nickte mehrmals mit dem Kopf.

Wir zogen und schubsten ihn weiter und kamen gerade noch rechtzeitig zum Bahnhof, als der Busfahrer den Motor anließ. Eilig stiegen wir ein. Kaum hatten wir Uppsala hinter uns gelassen, da schlief Sten schon wie ein Stein – „wie sich’s für seinen Namen gehört“, sagte Kristin.

Ich saß neben Magnus am Fenster. Diesmal wurde ich vom Fahren nicht reisekrank, sondern nur schläfrig. Ich legte den Kopf an seine Schulter und schloß die Augen. Nach einer Weile spürte ich, wie er den Arm um mich legte und sacht meine Haare streichelte.

Mir war so friedlich zumute wie schon seit langem nicht mehr. Ich hätte ewig so fahren mögen, durch ganz Schweden, nach Norwegen hinauf und zurück nach Dänemark – überallhin, nur nicht nach Lilletorp. Schließlich schlief ich ein und träumte, daß jemand mich küßte. Es war ein schöner Traum.

Ich erwachte erst wieder, als der Bus hielt. Magnus schüttelte mich sanft und flüsterte: „Wir müssen hinaussteigen, Frankie!“

Kristin ging weniger behutsam vor. Sie versuchte Sten hochzuzerren und schrie ihm ins Ohr, er solle endlich aufwachen. Als er nicht sofort gehorchte, zwickte sie ihn fest in die Nase, worauf er erschrocken auffuhr, sich wild umsah und etwas auf schwedisch sagte.

„Nein“, erwiderte Kristin, „du bist nicht in der Schule, aber schlafen darfst du trotzdem nicht!“

Draußen wurden wir alle schnell wieder munter. Die Luft war kühl; man merkte, daß der kurze schwedische Sommer schon vorüber war. Irgendwo schrie klagend ein Käuzchen.

Kristin sagte: „Ihr müßt uns aber noch nach Hause begleiten. Allein gehen wir jetzt nicht mehr durch den Wald.“

„Wir fahren euch mit den Mopeds hin“, versprach Sten.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, das macht zuviel Krach. Wir würden ganz Lilletorp aus dem Schlaf reißen. Außerdem bist du ein bißchen angesäuselt.“

Er wollte wissen, was das wäre, angesäuselt. „Beschwipst“, sagte ich, doch auch das verstand er nicht.

„Lätt berusad“, übersetzte Kristin.

Sten wies diese Anschuldigung empört zurück. Er erklärte, von ein paar Flaschen Leichtbier könne nicht mal ein Baby beschwipst sein, das wäre einfach unmöglich.

„Du wolltest aber unbedingt im Fluß baden“, hielt ihm Kristin vor.

Sie kabbelten sich noch eine Weile herum, während wir Lilletorp hinter uns ließen. Magnus und ich ging schweigend, Hand in Hand. Der Mond stand rund und leuchtend über dem Wald und ließ die Wiesen und Felder wie Teiche glitzern.

„Vackert“, murmelte Magnus andächtig; und ich brauchte ihn nicht erst zu fragen, um zu wissen, daß das schön bedeutete.

Als wir in den Wald kamen, lag das Mondlicht in breiten Bahnen über dem Pfad, den Wurzeln, dem Moos und dem Blaubeergestrüpp. Im Licht und Dunkel huschten und flatterten allerlei Tiere; doch jetzt hatte ich keine Angst mehr vor diesem nächtlichen Leben – nichts Unheimliches war daran. Das waren Käuzchen, Fledermäuse und Eulen auf der Jagd, Mäuse auf Futtersuche, Nachtfalter, die durch die Zweige taumelten, Wiesel auf Beutejagd.

„Hast du Furcht?“ fragte Magnus wie ein Echo auf meine Gedanken.

„Nein“, sagte ich, „davor nicht – nicht mehr.“

Sein Daumen streichelte meinen Handrücken. Hinter uns kicherten Kristin und Sten wie Kobolde, und Magnus fragte mich, ob ich Tolkiens Buch Der kleine Hobbit gelesen hätte.

„Eine schöner Geschichte“, sagte er. „Ich erinnere sie immer, wenn ich im Wald bin.“

Ich dachte daran, wie mutig der eigentlich so ängstliche kleine Hobbit gegen Spinnen, Ungeheuer und dunkle Fabelwesen gekämpft hatte. Auch an die Moral dieser Geschichte dachte ich – daß man tapferer werden kann, je mehr Mut die Umstände von einem fordern. War ich während dieser Ferien tapferer geworden? Bis jetzt sicher nicht; bis jetzt hatte ich nur immer wie ein Kaninchen reagiert, das von einer Schlange hypnotisiert wird, das weglaufen will und sich doch nicht von der Stelle rühren kann.

„Glaubst du, daß es etwas nützt, gegen die eigene Angst anzukämpfen?“ fragte ich.

Magnus sah mich an. Von der Seite wirkte sein Gesicht im Mondlicht sehr jung und sanft. Sein blondes Haar glänzte wie ein Strahlenkranz.

„Ja“, sagte er, „das glaube ich schon. Aber nicht auf einmal, weißt du. Man muß es anders probieren – Schritt für Schritt. Auf ein Berg kommst du ja auch nicht mit ein einziges Hops – wie sagt man da? – hinauf.“

„Mit einem einzigen Sprung“, erklärte ich nachdenklich. „Nein, da hast du recht; das geht nicht.“

Hinter uns sang Kristin sehr laut und falsch: „Es geht ein Bi-Ba-Butzemann um unser Haus herum…“

Die friedliche, märchenhafte Stimmung war zerstört. In der Ferne tauchte das Pfarrhaus zwischen den Bäumen auf; die Laterne brannte über der Vortreppe, und ein Torflügel stand offen.

Mir war, als wartete es auf uns, doch es war kein gutes Gefühl. Unwillkürlich faßte ich Magnus’ Hand fester. Er sagte: „Wir hätten dir nicht das alles erzählen dürfen – daß es ein Spukhaus ist und so.“

„Vielleicht hätte ich es auch von allein gemerkt“, erwiderte ich.

Er blieb einen Augenblick stehen und sah mich im Mondlicht an. „Hast du etwas gemerkt?“

Neben uns kreischte es. Kristin lief wie ein Irrwisch durchs Gebüsch, und Sten folgte ihr, schnaufend und brummend wie ein Troll. Ich erwiderte Magnus’ Blick. Er war so offen, so aufrichtig, daß ich nicht lügen mochte.

„Ja“, sagte ich. „Ich hab etwas gemerkt, aber frage mich jetzt bitte nicht weiter. Ich werde es dir noch erzählen – sicher schon bald. Es ist alles so verworren… Ich finde mich selbst nicht zurecht.“

Er schwieg eine Weile und nickte. „Wir sollten uns einmal einsam treffen“, sagte er dann. „Da können wir besser reden.“

Das wollte ich auch – sehr gern sogar. Kristin war meine Freundin, und ich mochte Sten; doch jetzt wurde mir bewußt, wie gern ich einmal mit Magnus allein gewesen wäre. Allerdings hatte ich so meine Zweifel, wie ich das bewerkstelligen sollte. Wir hatten bisher alles gemeinsam getan, seit wir in Schweden waren, Kristin und ich. Vielleicht hätte sie mich nicht verstanden, wenn ich plötzlich versucht hätte, sie auszuschließen.

„Das würde ich gern tun“, sagte ich zögernd. „Aber Kristin…“

Sten und Kristin kamen angelaufen und rannten uns fast um. Wir kamen nicht mehr dazu, die Sache zu besprechen oder gar etwas auszumachen. Fast ein wenig verlegen verabschiedeten wir uns voneinander. Dann traten Kristin und ich durchs Tor in den Garten des Pfarrhauses, und Magnus und Sten gingen über den Waldpfad nach Lilletorp zurück.

Ich sah mich sehnsüchtig nach ihnen um. Wie gern wäre ich mit ihnen gegangen! Auch Magnus wandte noch einmal den Kopf und hob die Hand.

Ich winkte zurück. Es ging mir durch den Sinn, daß ich glücklich war, ihn kennengelernt zu haben. Alles könnte so schön sein, dachte ich, es könnten wunderbare, einmalige Ferien sein, wenn nicht dieses Haus wäre…

Und ich sah auf das Pfarrhaus und empfand für einen Augenblick etwas wie Haß, so, als wäre es ein lebendes Wesen, ein Feind.

14

In dieser Nacht schlief ich endlich wieder besser. Vielleicht war es das ungewohnte Leichtbier, das mir festeren Schlaf und angenehmere Träume bescherte. Trotzdem erschrak ich, als Kristins Vater uns am nächsten Morgen beim Frühstück eröffnete, er müsse für vier Tage verreisen.

„Eine Tagung in Kopenhagen“, sagte er. „Ich hoffe, es macht euch nichts aus, so lange hier allein zu sein.“ Und er fügte mit einem Augenzwinkern hinzu: „Aber wie ich merke, habt ihr ja schon Freunde gefunden und amüsiert euch gut.“

Vier Tage allein im Pfarrhaus – nur Kristin und ich! Mir war plötzlich richtig elend. Ich ließ meine Kaffeetasse sinken und steckte die Hände in die Hosentaschen, um ihr Zittern zu verbergen.

Ich merkte, wie Kristin mir einen Seitenblick zuwarf. Sie sagte: „Ja, schon; aber kann Märta nicht im Haus schlafen, während du weg bist?“

„Ich habe sie bereits gefragt“, erwiderte ihr Vater. „Leider hat sie abgelehnt. Offenbar ist sie ein bißchen abergläubisch und nimmt die Spukgeschichten ernst, die man sich in der Gegend über das Pfarrhaus erzählt. Mir persönlich wäre es natürlich auch lieber gewesen, wenn ich wüßte, daß ihr nachts nicht allein seid. Aber tagsüber ist Märta ja hier. Nachts verriegelt ihr die Türen und Fenster gut, dann kann nichts passieren. In dieser Gegend ist noch nie etwas vorgekommen; eingebrochen wird hier nicht.“

Die Türen und Fenster verriegeln! dachte ich bitter. Wenn es nur das wäre! Doch ich sagte nichts. Was hätte ich schon sagen können? Professor Zetterlund hätte mir ja doch nicht geglaubt. Doch was hatte seine Anwesenheit im Grunde genommen bisher geändert? Er schien nie etwas zu hören, und ich wäre wohl auch kaum auf den Gedanken gekommen, nachts an seine Tür zu klopfen und mich um Hilfe an ihn zu wenden.

Wieder beobachtete mich Kristin von der Seite. Ihr Vater sagte: „Ich hatte eigentlich gar nicht vor, zu dieser Tagung zu fahren, aber ein Kollege ist krank geworden. Ich habe versprochen, an seiner Stelle einen Vortrag zu halten. Es widerstrebt mir wirklich, euch allein zu lassen; aber ihr seid schließlich fast erwachsen und könnt gut auf euch selbst achten.“

Für gewöhnlich war ich sehr erfreut, wenn ich für erwachsen galt, doch in diesem Augenblick behagte es mir nicht. Professor Zetterlund stand auf und ging aus dem Eßzimmer, um seinen Vortrag vorzubereiten. Ich saß neben Kristin am Tisch, mit einem Gefühl, als hätte mir jemand mit einem Sandsack auf den Kopf geschlagen.

Am nächsten Tag fuhr Kristins Vater mit dem Wagen nach Stockholm. Von dort aus wollte er nach Kopenhagen fliegen. Ich hatte mich inzwischen wieder etwas beruhigt, da auch diese Nacht friedlich und ohne Zwischenfall vergangen war.

Wir standen am Tor und sahen dem Professor nach, wie er in seinem blauen Volvo losfuhr. Neben ihm saß Märta mit Hut und Sonntagskostüm. Sie wollte Einkäufe in Stockholm machen und erst nachmittags mit Zug und Bus zurückkommen.

„Wenn du möchtest, können wir ja Sten oder Magnus fragen, ob sie bei uns im Haus übernachten wollen“, meinte Kristin tröstend, als der Wagen zwischen den Bäumen verschwand.

Ich schüttelte den Kopf. „Das würde in Lilletorp nur ein wildes Getratsche geben. Schließlich kann keiner von den beiden hier übernachten, ohne seinen Eltern Bescheid zu sagen – und dann hieße es bald im ganzen Dorf, daß wir Angst vor dem Spuk haben.“

Kristin stöhnte. „Mach doch nicht immer aus allem ein Problem!“ sagte sie.

Wir gingen ins Haus zurück. Es war ein schöner, warmer Tag; Märta hatte das Frühstück für uns auf der Terrasse gedeckt – nur für Kristin und mich, denn der Professor wollte erst auf dem Flughafen einen Imbiß zu sich nehmen. Ein Schmetterling flatterte über den Rasen, die Vögel sangen in den Bäumen, und Kristin meinte, daß sie nicht überrascht wäre, wenn plötzlich ein Elch seinen Kopf über den Zaun strecken würde.

Natürlich wollte sie mich aufmuntern. Ich versuchte zu lächeln. „Meinetwegen schauen ein Dutzend Elche und zehn Bären über den Zaun“, erwiderte ich. „So was kann mich nicht mehr schrecken.“

Kristin sah mich halb ungläubig, halb erstaunt an. „Was? Du bist ja richtig tollkühn geworden, Frankie!“

„Nicht tollkühn“, sagte ich und schnitt eine Grimasse. „Aber vielleicht habe ich andere… andere Maßstäbe bekommen.“

Ich merkte, daß sie mich nicht verstand. Eine Weile sahen wir schweigend auf den Garten, in dem es wegen des dichten Blätterdachs nur wenige sonnige Stellen gab. Plötzlich sagte Kristin: „Du, da ist eine alte Schaukel – dort, im Gestrüpp zwischen den Bäumen!“

Ich folgte ihrem ausgestreckten Zeigefinger mit den Blicken. Zuerst sah ich nichts als ein Gewirr von Zweigen und Blattwerk. Dann aber entdeckte ich etwa einen Meter über dem Gras, in dem Margeriten blühten, ein Brett an zwei Seilen.

Kristin setzte ihre Kaffeetasse klirrend ab und sprang auf.

„Das muß ich mir ansehen!“ sagte sie.

Ich folgte ihr über den gepflasterten Pfad, ein paar verwitterte Steinstufen hinunter und dann durchs hohe Gras zum Gebüsch. Da hing wirklich eine Schaukel – der Himmel mochte wissen, wie lange schon. Das Brett war bemoost und hing an rostigen Drahtseilen von einem Ast, der hoch über unseren Köpfen wie der Rüssel eines Elefanten quer durchs Laubwerk ragte.

„Ich dachte, hier hat vor meinem Vater ewig kein Mensch mehr gewohnt“, sagte Kristin und stieß das Brett vorsichtig mit den Fingerspitzen an, daß es leicht zu schwanken begann.

„Sicher“, erwiderte ich. „Die Schaukel hängt ja auch bestimmt schon seit einem halben Jahrhundert hier.“

„Komisch“, sagte Kristin. „Wer mag wohl zuletzt auf dem Brett gesessen haben? Ein kleines Mädchen im langen Kleid und mit Spitzenunterröcken?“

Und ehe ich recht wußte, was geschah, drehte sie sich um und setzte sich auf das bemooste, morsche Brett.

„Du willst doch wohl nicht auf dem Ding schaukeln?“ protestierte ich. „Das Brett hält sicher nichts mehr aus, und wer weiß, in welchem Zustand die Drähte sind. Sie sehen aus, als wären sie schon vom Rost zerfressen – ein Wunder, daß sie überhaupt bis jetzt gehalten haben. Von dem Ast dort oben ganz zu schweigen…“

„Ach, du mit deinen ewigen Befürchtungen!“ sagte Kristin. „Du bist eine alte Unke. Sieh doch nicht immer so schwarz! Die Schaukel hängt schon so lange hier, warum soll sie mich nicht aushalten? Schließlich bin ich kein Schwergewicht!“

Und sie begann zu schaukeln – langsam zuerst, mit herausfordernder Miene und sichtlichem Vergnügen. Ich mochte gar nicht hinsehen. Sie gab sich immer mehr Schwung, indem sie sich mit den Füßen vom Boden abstieß; dabei zertrat sie die anmutigen Margeriten und das hohe, schlanke Gras.

„Sei doch nicht so leichtsinnig!“ bat ich. „Los, komm jetzt wieder herunter!“

Kristin lachte nur. Sie sah richtig übermütig aus, wie sie da zwischen Licht und Schatten im Laubwerk schaukelte, mit fliegenden Haaren und glänzenden Augen. Sie erinnerte mich an ein Foto von Hamilton, nur daß ein langer, rüschenbesetzter Rock passender gewesen wäre als ihre abgewetzten Jeans.

„Juhu!“ schrie sie und schwang sich noch höher hinauf, daß die Blätter und Zweige rauschten und raschelten. „Das macht Spaß!“ In ihren Jubelschrei mischte sich plötzlich ein grauenhaftes Knacken und Krachen. Es war ein Laut, der mir fast das Blut in den Adern erstarren ließ.

Unwillkürlich wich ich zurück. Kristin kam mir entgegengeflogen; für einen Moment sah ich ihren offenen Mund und ihre schreckgeweiteten Augen.

Die Schaukel schwang zurück, weg von mir – ein furchtbares Ächzen, dann geschah es: splitternd und krachend brach der Ast nieder, der die Schaukel hielt. Er wurde vom Gestrüpp aufgefangen, doch die Schaukel senkte sich ganz plötzlich. Es sah verrückt aus, fast wie eine Trickszene in einem alten Film.

Ich stand da, hilflos, wie versteinert, konnte nichts tun als zusehen, während Kristin wie eine Puppe vom Brett geschleudert wurde, ein Stück durch die Luft schnellte – vorwärts, wie von einer unsichtbaren Hand gestoßen – und mit einem dumpfen Aufprall auf dem Boden landete.

Einen Moment lang schien die Zeit stillzustehen. Nichts geschah; das Knacken und Rauschen verklang, die leere Schaukel schleifte übers Gras. Kristin lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden, in seltsam verrenkter Stellung, leblos wie eine Marionette.

Plötzlich erwachte ich aus meiner Betäubung. Ich stürzte zu ihr hin, kniete neben ihr nieder, rief ihren Namen. Doch Kristin rührte sich nicht.

15

Ich dachte: Sie ist tot! Kristin ist tot!

Ich kann nicht beschreiben, wie sehr mich dieser Gedanke entsetzte. Er verursachte mir körperliche Schmerzen – es war, als würde sich mein Herz zusammenkrampfen, nein, mein ganzer Brustkorb bis hinauf zur Kehle, so daß ich kaum noch Luft bekam.

Wie versteinert starrte ich auf sie nieder. Die eine Hälfte ihres Gesichts lag gegen das Gras gepreßt. Die andere war hinter ihren langen blonden Haaren verborgen. Ich wagte es nicht, das Haar zurückzustreichen und ihr Gesicht anzusehen. Ich wagte es überhaupt nicht, sie zu berühren.

Regungslos kauerte ich neben ihr. Ein Sonnenstrahl fiel auf ihren Hinterkopf, ließ ihr Haar glänzen. Da sah ich es – ungläubig zuerst, voller Angst, einer Täuschung zu erliegen. Doch dann bemerkte ich es wieder: Die blonden Haarsträhnen, die wie ein Fächer über Kristins rechte Gesichtshälfte gebreitet waren, bewegten sich sacht. Sie atmete!

Vor Erleichterung kamen mir die Tränen. Mit zitternden Fingern strich ich ihr Haar zurück. Ihre Augen waren geschlossen, doch ich sah ihr Lid zucken. Ihre Lippen waren leicht geöffnet, so daß ich einen Teil ihrer Zähne sah.

Sie war sehr blaß. Ich hörte sie leise stöhnen, beugte mich zu ihr, legte meine Lippen an ihr Ohr und flüsterte: „Kristin – hörst du mich? Komm zu dir, Kristin, bitte!“

Das Stöhnen wurde lauter. Ihre Lippen bewegten sich. Ich merkte, daß sie versuchte, die Augen zu öffnen.

Ich zitterte vor Ungeduld. Ich konnte es kaum erwarten, bis sie mich wieder ansah, wieder mit mir sprach, sich bewegte. Am liebsten hätte ich sie geschüttelt; doch ich wußte, daß ich das nicht durfte.

„Kristin!“ sagte ich laut und flehend. „Sieh mich an! Du mußt mich ansehen! Ich bin’s, Frankie. Komm endlich zu dir, Kristin, bitte!“

Jetzt endlich erwachte sie ganz aus ihrer Betäubung. Mühsam drehte sie den Kopf, versuchte ihn zu heben, ließ ihn aber mit einem Stöhnen wieder ins Gras sinken.

Endlich, endlich öffnete sie auch die Augen und sah mich an. Ihr Blick war so fern, so verwundert. Sie schien nicht zu wissen, wo sie sich befand und was geschehen war.

Hastig sagte ich: „Bleib ruhig liegen! Du bist von der Schaukel gefallen.“ „Von der Schaukel?“ flüsterte sie. „Von welcher Schaukel? Was ist los, Frankie?“

„Aber weißt du es denn nicht mehr? Wir sind im Pfarrhaus, in Schweden, und du wolltest auf dem alten Ding da schaukeln. Ich hab dich gewarnt, aber du hast nicht auf mich gehört, und da ist es passiert – der Ast ist abgebrochen…“

Sie starrte mich an; verständnislos zuerst, doch dann schien die Erinnerung zurückzukehren. Wieder stöhnte sie. „Verdammt! Jetzt weiß ich es wieder! Herrje, mein Kopf tut so weh, und mein Fuß… Was ist mit meinem Fuß los?“

Ich wandte den Blick von ihrem blassen Gesicht ab. Ihr rechter Fuß lag in unnatürlich abgewinkelter Stellung da, und das Fußgelenk wirkte verdreht.

Ich setzte mich ins Gras, weil meine Knie schmerzten, und streifte unendlich vorsichtig ihr Hosenbein zurück.

„Der Knöchel schwillt schon an“, sagte ich. „Ich glaube, du hast dir was gebrochen, Kristin.“

Sie fluchte leise. „Und mein Kopf!“ jammerte sie. „Irgendwas ist mit meinem Kopf!“

„Wahrscheinlich eine Gehirnerschütterung“, sagte ich.

„Geh ins Haus und hol meinen Vater“, bat Kristin.

Schon richtete ich mich auf, erleichtert, die Verantwortung abgeben zu können. Da fiel mir ein, daß Professor Zetterlund ja weggefahren war. Auf die Möglichkeit, beim Stockholmer Flughafen anzurufen und Kristins Vater ausrufen zu lassen, kam ich in diesem Augenblick nicht. Wieder erschrak ich. Nicht einmal Märta war im Haus – außer uns war niemand hier, kein Mensch weit und breit, an den ich mich um Hilfe wenden konnte. Ich war allein mit der verletzten Kristin.

Fast tonlos sagte ich: „Dein Vater ist weggefahren.“

Unsere Blicke kreuzten sich. Kristin wurde noch eine Spur blasser. Sie schloß die Augen. Ich sah es an ihrem Gesicht, daß sie Schmerzen hatte.

„Du mußt die Ambulanz anrufen“, sagte sie.

„Aber ich kann doch kein Schwedisch!“

Kristin faßte sich an die Stirn und öffnete die Augen wieder. „Ich sehe lauter Blitze und Funken, wenn ich die Augen zumache!“ klagte sie. „Und es ist, als würden Panzer in meinem Kopf herumfahren. Du mußt mir Kopfschmerztabletten bringen, Frankie, ich halte das nicht lange aus!“

„Gleich“, sagte ich. „Zuerst rufe ich die Ambulanz an. Du mußt ins Krankenhaus, Kristin. Wenn ich nur Schwedisch könnte!“

„Versuche erst mal mit Deutsch“, erwiderte sie matt. „Vielleicht verstehen sie dich. Wenn nicht, mußt du englisch reden. Mit Englisch geht es bestimmt. Versuch, ihnen den Weg zu erklären. Und mach schnell!“

Wieder schloß sie die Augen. Ich warf noch einen Blick auf sie, rannte dann quer über den Rasen, zur Terrasse und durch die offene Glastür vom Wohnzimmer ins Arbeitszimmer des Professors.

Es war nicht leicht, inmitten des Durcheinanders von Büchern, Zeitschriften und Papierkram das Telefonbuch zu finden. Als ich es endlich hatte, schlug ich es mit zitternden Fingern auf und hoffte, daß die wichtigsten Telefonnummern auf den ersten Seiten standen.

Da war es – Ambulansen! Ich suchte das Telefon, fand es auf dem Boden zwischen einem Stapel ungeöffneter Briefe und einem Tablett mit schmutzigem Kaffeegeschirr, hob den Hörer und wählte hastig.

Eine quäkende Stimme meldete sich und sagte etwas, was ich nicht verstand. Ängstlich rief ich: „Hallo! Hallo! Sprechen Sie Deutsch, bitte?“ Dann lauschte ich mit angehaltenem Atem.

Die Stimme erwiderte etwas, doch ich verstand noch immer kein Wort. Mein Englisch ist nicht gut, aber jetzt mußte ich es versuchen: „Do you speak English?“

Endlich kam eine verständliche Antwort. „Yes, please, what can I do for you?“

„My friend!“ rief ich in die Sprechmuschel. „My friend had an accident. She fell from…“ Ich stockte, weil ich nicht wußte, was Schaukel auf Englisch heißt, und vervollständigte verzweifelt: „She fell from a tree. She ist hurt… something with her right leg and her head… She has a bad headache, you understand?“

Atemlos verstummte ich. Einen Augenblick lang herrschte Stille. Dann fragte mich die Frau am Telefon, von wo aus ich anrufen würde. „Lilletorp!“ erwiderte ich. „We live nearby Lilletorp, in the…“ Diesmal fiel mir nicht ein, was Pfarrhaus auf englisch heißt, doch dann erinnerte ich mich, wie die Leute das Haus hier nannten. „Prästgården! We live in the Prästgården, at Professor Zetterlund’s. It is about ten minutes walk from Lilletorp, in the woods!“

„Your name?“ fragte die Stimme.

„Frankie Höfer“, erwiderte ich, „and my friend’s name is Kristin Zetterlund. Please hurry!“

„Okay“, kam die Antwort aus dem Hörer. „We’ll find you.“ Dann erhielt ich noch die Anweisung, Kristin nicht zu bewegen, und das Versprechen, daß der Sanitätswagen so bald wie möglich hier sein würde.

Zitternd legte ich den Hörer auf. Der Schweiß stand mir auf der Stirn. Ich ging ins Badezimmer und suchte in der Hausapotheke nach Kopfschmerztableten. Dann holte ich ein Glas Wasser aus der Küche und lief wieder in den Garten hinaus, zurück zu Kristin, die im Gras unter den Bäumen lag.

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9788711804612
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